Gustav Schwab - Bellerophontes
admin am Mrz 29th 2008
war sein Vorgeben, die schönen Güter, die sein Vater auf dem Eilande besessen
hatte, mit einem Blick überschauen lassen. Theseus, oben angekommen, ließ seine
Augen freudig über die herrlichen Gefilde streifen: da gab ihm der treulose
Fürst einen Stoß von hinten, daß er über die Felsen hinabstürzte und nur sein
zerschmetterter Leichnam in der Tiefe ankam.
Zu Athen war Theseus von dem undankbaren Volke bald vergessen, und Menestheus
regierte, als wenn er den Thron von vielen Ahnen ererbt hätte. Die Söhne des
Theseus zogen mit dem Helden Elephenor als gemeine Krieger vor Troja. Erst als
dort Menestheus gefallen war, kehrten sie nach Athen zurück und brachten das
Zepter des Königtums wieder in ihre eigne Hand.
Viele Jahrhunderte später sollte es kommen, daß die Athener Theseus als ihren
Heros verehrten; als sie nämlich bei Marathon die schwere Schlacht gegen die
Perser schlugen, da stieg der alte Recke aus dem Grabe, um gerüstet mit seinen
alten Waffen, an der Spitze seines Volkes, gegen die Barbaren zu kämpfen. Darum
befahl das Orakel von Delphi den Athenern, des Theseus Gebeine zu holen und
ehrenvoll zu bestatten. Aber wo sollten sie dieselben suchen? Und wenn sie auch
auf der Insel Skyros das Grab gefunden hätten, wie sollten sie seine Überreste
aus den Händen roher und den Fremden unzugänglicher Barbaren erlosen? Da geschah
es, daß der berühmte Athener Kimon, der Sohn des Miltiades, auf einem neuen
Feldzuge die Insel Skyros eroberte. Während er nun mit großem Eifer das Grab
des Nationalheros aufsuchte, bemerkte er über einem Hügel einen Adler schwebend.
Er machte halt an dieser Stelle und sah bald, wie der Vogel herabschoß und die
Erde des Grabhügels mit seinen Krallen aufscharrte. Kimon erblickte in diesem
Zeichen eine göttliche Fügung, ließ nachgraben und fand tief in der Erde den
Sarg eines großen Leichnams, daneben eine eherne Lanze und ein Schwert. Er und
seine Begleiter zweifelten nicht daran, des Theseus Gebeine gefunden zu haben.
Die heiligen Überreste wurden von Kimon auf ein schönes Kriegsschiff mit drei
Ruderbänken gebracht und in Athen mit Jubel, unter glänzenden Aufzügen und Opfern
empfangen. Es war, als ob Theseus selbst in die Stadt zurückkehrte. So bezahlten
nach Jahrhunderten die Nachkommen dem Begründer der Freiheit und Bürgerverfassung
Athens den Dank, den ihm eine schnöde Mitwelt schuldig geblieben war.
Die Sage von Ödipus
Des Ödipus Geburt, Jugend, Flucht, Vatermord
Laïos, Sohn des Labdakos, aus dem Stamme des Kadmos, war König von Theben und
lebte mit Iokaste, der Tochter eines vornehmen Thebaners, Menökeus, lange in
kinderloser Ehe. Da ihn nun sehnlich nach einem Erben verlangte und er darüber
den delphischen Apoll um Aufschluß befragte, wurde ihm ein Orakelspruch des
folgenden Inhalts zuteil: »Laïos, Sohn des Labdakos! Du begehrest Kindersegen.
Wohl, dir soll ein Sohn gewährt werden. Aber wisse, daß dir vom Geschicke verhängt
ist, durch die Hand deines eigenen Kindes das Leben zu verlieren. Dies ist das
Gebot von Zeus, dem Kroniden, der den Fluch des Pelops, dem du einst den Sohn
geraubt, erhört hat.« Laïos war nämlich in seiner Jugend landesflüchtig und
im Peloponnese am Hofe des Königs als Gast aufgenommen worden. Er hatte aber
seinem Wohltäter mit Undank gelohnt und Chrysippos, den schönen Sohn des Pelops,
auf den nemäischen Spielen entführt. Dieser Schuld sich bewußt, glaubte Laïos
dem Orakel und lebte lange von seiner Gattin getrennt. Doch führte die herzliche
Liebe, mit welcher sie einander zugetan waren, trotz der Warnung des Schicksals
beide wieder zusammen, und Iokaste gebar endlich ihrem Gemahl einen Sohn. Als
das Kind zur Welt gekommen war, fiel den Eltern der Orakelspruch wieder ein,
und um dem Spruche des Gottes auszuweichen, ließen sie den neugebornen Knaben
nach drei Tagen mit durchstochenen und zusammengebundenen Füßen in das wilde
Gebirge Kithairon werfen. Aber der Hirte, welcher den grausamen Auftrag erhalten
hatte, empfand Mitleid mit dem unschuldigen Kinde und übergab es einem andern
Hirten, der in demselben Gebirge die Herden des Königs Polybos von Korinth weidete.
Dann kehrte er wieder heim und stellte sich vor dem Könige und seiner Gemahlin
Iokaste, als hätte er den Auftrag erfüllt. Diese glaubten das Kind verschmachtet
oder von wilden Tieren zerrissen und die Erfüllung des Orakelspruchs dadurch
unmöglich gemacht. Sie beruhigten ihr Gewissen mit dem Gedanken, daß sie durch
die Aufopferung des Kindes dasselbe vor Vatermord behütet hätten, und lebten
jetzt erst recht mit erleichtertem Herzen.
Der Hirte des Polybos löste indessen dem Kinde, das ihm, ohne daß er wußte,
woher es kam, übergeben worden war, die ganz durchbohrten Fersen der Füße und
nannte ihn von seinen Wunden Ödipus, das heißt Schwellfuß. So brachte er ihn
nach Korinth zu seinem Herrn, dem Könige Polybos. Dieser erbarmte sich des Findlings,
übergab ihn seiner Gemahlin Merope und zog ihn als seinen eigenen Sohn auf,
für den er auch am Hofe und im ganzen Lande galt. Zum Jünglinge herangereift,
wurde er dort stets für den höchsten Bürger gehalten und lebte selbst in der
glücklichen Überzeugung, Sohn und Erbe des Königs Polybos zu sein, der keine
anderen Kinder hatte. Da ereignete sich ein Zufall, der ihn aus dieser Zuversicht
plötzlich in den Abgrund der Zweifel stürzte. Ein Korinther, der ihm schon längere
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