Gustav Schwab - Bellerophontes
admin am Mrz 29th 2008
als ein rechter Vater bezeigt und meine Bitte erhört! Aber sprich, Bote, wie
hat mein Sohn geendet, wie hat meinen Ehrenschänder die Keule der Vergeltung
getroffen?« Der Bote fing an zu erzählen: »Wir Diener striegelten am Meeresufer
die Rosse unseres Herrn Hippolytos, als die Botschaft von seiner Verbannung
und bald er selbst kam, von einer Schar wehklagender Jugendfreunde begleitet,
und uns Rosse und Wagen zur Abfahrt zu rüsten befahl. Als alles bereit war,
hub er die Hände gen Himmel und betete: ›Zeus, mögest du mich vertilgen, wenn
ich ein schlechter Mann war! Und möge, sei ich nun tot oder lebendig, mein Vater
erfahren, daß er mich ohne Fug entehrt!‹ Dann nahm er den Rossestachel zur Hand,
schwang sich auf den Wagen, ergriff die Zügel und fuhr, von uns Dienern begleitet,
auf dem Wege nach Argos und Epidaurien davon. Wir waren so ans öde Meergestade
gekommen, zu unserer Rechten die Flut, zur Linken von den Hügeln vorspringende
Felsblöcke, als wir plötzlich ein tiefes Geräusch vernahmen, unterirdischem
Donner ähnlich. Die Rosse wurden aufmerksam und spitzten ihr Ohr; wir alle sahen
uns ängstlich um, woher der Schall käme. Als unser Blick auf das Meer fiel,
zeigte sich uns hier eine Welle, die turmhoch gen Himmel ragte und alle Aussicht
auf das weitere Ufer und den Isthmos uns benahm; der Wasserschwall ergoß sich
bald mit Schaum und Tosen über das Ufer, gerade auf den Pfad zu, den die Rosse
gingen. Mit der tobenden Welle zugleich aber spie die See ein Ungeheuer aus,
einen riesenhaften Stier, von dessen Brüllen das Ufer und die Felsen widerhallten.
Dieser Anblick jagte den Pferden eine plötzliche Angst ein. Unser Herr jedoch,
ans Lenken der Rosse gewöhnt, zog den Zügel mit beiden Händen straff an und
gebrauchte desselben, wie ein geschickter Steuermann sein Ruder regiert. Aber
die Rosse waren läufig geworden, bissen in den Zaum und rannten dem Lenker ungehorsam
davon. Aber wie sie nun auf ebener Straße fortjagen wollten, vertrat ihnen das
Seeungeheuer den Weg; bogen sie seitwärts zu den Felsen um, so drängte es sie
ganz hinüber, indem es den Rädern dicht zur Seite trabte. So geschah es endlich,
daß auf der andern Seite die Radfelgen auf die Felsen aufzusitzen kamen und
dein unglücklicher Sohn kopfüber herabgestürzt und mitsamt dem umgeworfenen
Wagen von den Rossen, die ohne Führer dahinstürmten, über Sand und Felsgestein
geschleift wurde. Alles ging viel zu schnell, als daß wir begleitenden Diener
dem Herrn hätten zu Hilfe kommen können. Halbzerschmettert hauchte er den Zuruf
an seine sonst so gehorsamen Rosse und die Wehklage über den Fluch seines Vaters
in die Lüfte. Eine Felsecke entzog uns den Anblick. Das Meerungeheuer war verschwunden,
wie vom Boden eingeschlungen. Während nun die übrigen Diener atemlos die Spur
des Wagens verfolgten, bin ich hierhergeeilt, o König, das jammervolle Schicksal
deines Sohnes dir zu verkünden!«
Theseus starrte auf diesen Bericht lange sprachlos zu Boden. »Ich freue mich
nicht über sein Unglück; ich beklage es nicht«, sprach er endlich nachsinnend
und in Zweifel vertieft. »Könnte ich ihn doch lebend noch sehen, ihn befragen,
mit ihm handeln über seine Schuld.« Diese Rede wurde durch das Wehgeschrei einer
alten Frau unterbrochen, die mit grauem, fliegendem Haar und zerrissenem Gewande
herbeieilend die Reihen der Dienerschaft trennte und dem Könige Theseus sich
zu Füßen warf. Es war die greise Amme der Königin Phädra, die auf das Gerücht
von Hippolytos’ jämmerlichem Untergange, von ihrem Gewissen gefoltert, nicht
länger schweigen konnte und unter Tränen und Geschrei die Unschuld des Jünglings
und die Schuld ihrer Gebieterin dem König offenbarte. Ehe der unglückliche Vater
recht zur Besinnung kommen konnte, wurde auf einer Tragbahre von wehklagenden
Dienern sein Sohn Hippolytos, zerschmettert, aber noch atmend, in den Palast
und vor seine Augen getragen. Theseus warf sich reumütig und verzweifelnd über
den Sterbenden, der seine letzten Lebensgeister zusammenraffte und an die Umstehenden
die Frage richtete: »Ist meine Unschuld erkannt?« Ein Wink der Nächststehenden
gab ihm diesen Trost. »Unglückseliger getäuschter Vater«, sprach der sterbende
Jüngling, »ich vergebe dir!« und verschied.
Er wurde von Theseus unter denselben Myrtenbaum begraben, unter welchem einst
Phädra mit ihrer Liebe gekämpft und dessen Blätter sie oft, in der Verzweiflung
an den Ästen zerrend, zerrissen hatte und wo nun, als an ihrem Lieblingsplatz,
auch ihre Leiche beigesetzt war; denn der König wollte seine Gemahlin im Tode
nicht entehren.
Theseus auf Frauenraub
Durch die Verbindung mit dem jungen Helden Peirithoos erwachte in dem verlassenen
und alternden Theseus die Lust zu kühnen und selbst mutwilligen Abenteuern wieder.
Dem Peirithoos war seine Gattin Hippodameia nach kurzem Besitze gestorben, und
da auch Theseus jetzt ehelos war, so gingen beide auf Frauenraub aus. Damals
war die nachher so berühmt gewordene Helena, die Tochter des Zeus und der Leda,
die in dem Palaste ihres Stiefvaters Tyndareos zu Sparta aufwuchs, noch sehr
jung. Aber sie war schon die schönste Jungfrau ihrer Zeit, und ihre Anmut fing
an, in ganz Griechenland bekanntzuwerden. Diese sahen Theseus und Peirithoos,
als sie auf dem genannten Raubzuge nach Sparta kamen, in einem Tempel der Artemis
tanzen. Beide wurden von Liebe zu ihr entzündet. Sie raubten die Fürstin in
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