Gustav Schwab - Ausbruch des Kampfes. Protesilaos. Kyknos

admin am Mrz 29th 2008

die liebliche Sklavin nicht verlieren wollte, wurde zornig und sprach: »Laß
dich nicht mehr bei den Schiffen treffen, Greis, weder jetzt noch in Zukunft;
deine Tochter ist und bleibt meine Dienerin und wird in meinem Königshause zu
Argos bis ins Alter hinter dem Webstuhl sitzen! Geh, reize mich nicht, mache,
daß du gesund in deine Heimat kommst!«

Chryses erschrak und gehorchte. Schweigend eilte er an den Meeresstrand; dort
aber erhob er seine Hände zu dem Gotte, dem er diente, und flehte ihn an: »Höre
mich, Smintheus, der du zu Chryse, Killa und Tenedos herrschest! Wenn ich je
dir deinen Tempel zum Wohlgefallen geschmückt und dir auserlesene Opfer dargebracht
habe, so vergilt jetzt den Achivern mit dem Geschosse!«

So betete er laut: und Apollo erhörte seine Bitte. Zorn im Herzen, verließ
er den Olymp, Bogen und Köcher mit den hallenden Pfeilen auf der Schulter, so
wandelte er einher wie die düstere Nacht; dann setzte er sich in einiger Entfernung
von den griechischen Schiffen nieder und schnellte Pfeil um Pfeil ab, daß sein
silberner Bogen grauenvoll erklang. Wen aber sein unsichtbarer Pfeil traf, der
starb den plötzlichen Tod der Pest. Anfangs nun erlegte er im Lager nur Maultiere
und Hunde, bald aber wandte er sein Geschoß auch gegen die Menschen, daß einer
um den andern dahinsank und bald die Totenfeuer unaufhörlich aus den Scheiterhaufen
loderten. Neun Tage lang wütete die Pest im griechischen Heere. Am zehnten Tage
berief Achill, dem die Beschirmerin der Griechen, Hera, es ins Herz gelegt,
eine Volksversammlung, nahm das Wort und riet, einen der Opferpriester, Seher
oder Traumdeuter im Heere zu befragen, durch welche Opfer der Eifer Phöbos Apollos
besänftigt und das Unheil abgewendet werden könne.

Hierauf stand der weiseste Vogelschauer im Heere, der Seher Kalchas, auf und
erklärte, den Zorn des fernhintreffenden Gottes deuten zu wollen, wenn ihm der
Held Achill Schutz zuspräche. Der Sohn des Peleus hieß ihn getrost sein, und
Kalchas sprach: »Keine versäumte Gelübde oder Hekatomben haben den Gott erzürnt.
Er ist ergrimmt über die Mißhandlung seines Priesters durch Agamemnon und wird
seine Hand zu unserm Verderben nicht zurückziehen, bis das Mägdlein dem erfreuten
Vater zurückgegeben und ohne Entgelt mit einem hundertfachen Sühnopfer nach
Chryse heimgeführt wird. Nur auf diese Weise möchten wir die Gnade des Gottes
wiedergewinnen.«

Im Blute des Königes Agamemnon kochte es bei diesen Worten des Sehers; sein
Auge funkelte, und er begann mit drohendem Blicke: »Unglücksseher, der noch
nie ein Wort gesprochen, das mir Gedeihen gebracht hätte, auch jetzt beredest
du das Volk, der Fernhintreffer habe uns die Pest gesandt, weil ich das Lösegeschenk
für die Tochter des Chryses verworfen habe. Wahr ist’s, ich behielte sie gern
in meinem Hause; denn sie ist mir lieber als selbst Klytämnestra, das Weib meiner
Jugend, und stehet ihr an Wuchs, Schönheit, Geist und Kunst nicht nach! Dennoch
will ich sie eher zurückgeben, als daß ich das Volk verderben sehe. Aber ich
verlange ein anderes Ehrengeschenk zum Ersatze für sie!«

Nach dem Könige nahm Achill das Wort. »Ich weiß nicht, ruhmvoller Atride«,
sprach er, »welches Ehrengeschenk deine Habsucht von den Achivern verlangt.
Wo ist denn noch viel Gemeinschaftliches aufgespeichert? Alle Beute aus den
eroberten Städten ist längst verteilt, und den einzelnen kann man doch das Ausgeteilte
nicht wieder nehmen! Darum entlaß die Tochter des Priesters! Wenn uns dereinst
Zeus die Eroberung Trojas gönnt, so wollen wir dir den Verlust drei- und vierfach
ersetzen!« »Tapferer Held«, rief ihm der König zu, »sinne nicht auf Trug! Meinst
du, ich werde deinem Befehle folgen und mein Geschenk hergeben, während du das
deinige behältst? Nein. Geben mir die Griechen keinen Ersatz, so gehe ich hin,
mir einen aus eurer Beute zu holen, sei es ein Ehrengeschenk des Ajax oder des
Odysseus oder auch das deinige, Pelide; möget ihr dann noch so sehr zürnen.
Doch davon reden wir ein andermal. Jetzt aber immerhin ein Schiff und die Hekatombe
gerüstet; sie selbst, die rosige Tochter des Chryses, möget ihr einschiffen,
und einer der Fürsten, meinethalb du, Achill, mag das Schiff befehligen!«

Finster entgegnete Achill: »Schamloser, selbstsüchtiger Fürst, wie mag dir
nur ein Grieche noch gehorchen! Ich selbst, dem die Trojaner nichts zuleide
getan haben, bin dir nur gefolgt, um deinen Bruder Menelaos dir rächen zu helfen.
Und das achtest du nun nicht, sondern willst mir mein Ehrengeschenk entreißen,
das ich mir mit meinem Schweiße errungen und die Griechen mir geschenkt haben!
Bekam ich doch nach keiner Städteeroberung je ein so herrliches Geschenk wie
du; die schwerste Last des Kampfes hatte mein Arm stets zu tragen, aber wenn
es zur Teilung kommt, trägst du das Beste davon, und ich kehre streitmüde und
mit wenigem vergnügt zu den Schiffen zurück! Jetzt aber gehe ich heim nach Phthia;
versuch es und häufe dir Güter und Schätze ohne mich!«

»Fliehe nur, wenn dir’s dein Herz gebeut«, rief ihm Agamemnon zu, »ich habe
genug Helden ohne dich, du bist doch einer der zanksüchtigsten! Aber wisse,
die Tochter des Chryses erhält zwar ihr Vater wieder, ich dagegen hole mir selbst
die liebliche Brisëis aus deinem Zelte, damit du lernest, wieviel ich höher
als du sei, und keiner mehr es wage, mir ins Antlitz zu trotzen, wie du tust!«

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