Gustav Schwab - Ausbruch des Kampfes. Protesilaos. Kyknos
admin am Mrz 29th 2008
In dieser wurde zuletzt auf Hektors Vorschlag beschlossen, zwar die Fürstin
Helena nicht auszuliefern, wohl aber Genugtuung und Ersatz für alles zu leisten,
was mit ihr geraubt worden sei. An ihrer Statt sollte dem Menelaos eine der
Töchter des Königes Priamos selbst, die weise Kassandra oder die in ihrer Jugendblüte
heranreifende Polyxena mit königlicher Mitgift zur Gemahlin angeboten werden.
Als die griechischen Gesandten, vor den König und seine Söhne geführt, diesen
Vorschlag vernahmen, ergrimmte Menelaos und sprach: »Wahrhaftig, es ist mit
mir weit gekommen, wenn ich, so viele Jahre des Ehegemahls meiner Wahl beraubt,
am Ende von den Feinden mir eine Gattin auslesen lassen muß! Behaltet eure Barbarentöchter
und gebt mir das Weib meiner Jugend zurück!« Dagegen erhob sich der Eidam des
Königes, der Gemahl Krëusas, der Held Äneas, und rief dem Fürsten Menelaos,
der die letzten Worte mit verächtlichem Hohnlachen gesprochen hatte, mit rauher
Stimme zu: »Du sollst weder das eine noch das andere erhalten, Elender, wenn
es nach meiner Abstimmung geht und nach der Meinung aller derjenigen, die den
Paris lieben und es mit der Ehre dieses alten Königshauses halten! Noch hat
das Reich des Priamos seine Beschützer! Und würde auch der Knabe Polydoros,
der Sohn des Kebsweibes, ihm verlorengehen, so ist Priamos dadurch nicht kinderlos
geworden! Sollen die Griechen einen Freibrief von uns erhalten, Frauen zu rauben?
Genug der Worte! Wenn ihr euch nicht auf der Stelle mit eurer Flotte davonmacht,
so sollet ihr den Arm der Trojaner fühlen! Noch haben wir streitlustiger Jugend
genug, und aus der Ferne kommen uns von Tag zu Tag mächtigere Verbündete, wenn
auch die Schwachen in der Nähe erlegen sind!«
Diese Rede des Äneas wurde von lautem Beifallsruf in der trojanischen Fürstenversammlung
begleitet und die Gesandten nur durch Hektor vor rohen Mißhandlungen geschützt.
Voll heimlicher Wut entfernten sie sich mit ihrem Gefangenen Polydoros, den
der König Priamos nur aus der Ferne erblickt hatte, und kehrten zu den Schiffen
der Griechen zurück. Als sich hier die Nachricht von dem verbreitete, was ihnen
in Troja widerfahren war, von den Umtrieben des Antimachos, von dem Übermute
des Äneas und aller Priamossöhne außer Hektor, entstand ein Auflauf unter dem
Heere, und alles Volk schrie mit wilden Gebärden um Rache. Ohne lange die Fürsten
zu fragen, wurde in einer unordentlichen Kriegerversammlung der Beschluß gefaßt,
den unglücklichen Knaben Polydoros büßen zu lassen, was seine Brüder und sein
Vater verschuldet. Und auf der Stelle schritten sie zur Ausführung des Beschlossenen.
Das arme Kind wurde auf Schußweite unter die Mauern Trojas geführt, und als,
durch den großen Heeresauflauf herbeigelockt, König Priamos selbst mit seinen
Söhnen auf den Mauern erschien, tönte bald ein kläglicher Weheruf von den Zinnen
herab; denn mit eigenen Augen mußten die Troer sehen, wie die Drohung des Odysseus
an dem Knaben vollzogen ward. Steine flogen von allen Seiten gegen sein bloßes
Haupt und seinen aller Beschirmung baren Leib, und unter unzähligen Würfen starb
er eines kläglichen und grausamen Todes. Den entfleischten Leichnam gestatteten
die Griechenfürsten dem flehenden Vater zum ehrlichen Begräbnis auszuliefern;
die Diener des Königes erschienen, von dem Trojanerhelden Idaios begleitet,
und luden die Leiche des Kindes unter Tränen und Wehklagen auf den Trauerwagen,
der sie dem trostlosen Vater zuführen sollte.
Chryses, Apollo und der Zorn des Achill
Unter diesen Begebnissen war das zehnte Jahr des Krieges angebrochen und der
griechische Held Ajax von vielen glücklichen Streifzügen zurückgekehrt. Mit
der Ermordung des Polydoros flammte der Haß zwischen den beiden Nationen feuriger
auf als zuvor, und die Götter des Himmels selbst, die einen durch die Grausamkeit
der Griechen den Trojanern zugeneigt, die andern zum Schutze der Danaer aufgeregt,
nahmen tätigen Anteil an dem Kampfe: Hera, Athene, Hermes, Poseidon, Hephaistos
auf Seite der Griechen, auf der Gegenseite Ares und Aphrodite, so daß von diesem
zehnten und letzten Jahre der Belagerung Trojas zehnmal mehr erzählt und gesungen
wird als von den neun andern. Denn jetzt hebt das Lied des Fürsten der Dichter,
des Homer, vom Zorne des Achill an und von allen Übeln, die der Groll ihres
größten Helden über die Achiver brachte.
Die Veranlassung zum Zorne des Peliden war folgende: Die Griechen hatten nach
der Rückkehr ihrer Gesandten die Drohung der Trojaner nicht vergessen und bereiteten
sich in ihrem Lager zu entscheidenden Kämpfen vor, als der Priester Apollos,
Chryses, dem seine Tochter von Achill geraubt und dem König Agamemnon überlassen
worden war, den Lorbeer seines Gottes um den goldenen Friedensstab geschlungen,
mit reichen Lösegeldern im Schiffslager der Griechen ankam, seine Tochter freizukaufen.
Mit dieser Bitte stellte er sich vor die Atriden und das gesamte Heer und sprach:
»Ihr Söhne des Atreus und andre Argiver, mögen euch die Olympischen Vertilgung
Trojas und glückliche Heimkehr verleihen, wenn ihr, den fernhintreffenden Gott
Apollo, dessen Priester ich bin, ehrend, mir gegen die Lösung, die ich bringe,
die geliebte Tochter zurückgebet!«
Das ganze Heer gab seinen Worten Beifall und gebot, den ehrwürdigen Priester
zu scheuen und die köstliche Lösung anzunehmen. Nur der König Agamemnon, der
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