Gustav Schwab - Ausbruch des Kampfes. Protesilaos. Kyknos
admin am Mrz 29th 2008
ihr Trojaner! Gebet uns heraus, was ihr uns geraubt habt, und auf der Stelle
brechen wir unsre Lagerhütten ab, steigen zu Schiffe, lichten die Anker und
verlassen mit der furchtbaren Flotte, die euch so vielen Schaden getan hat,
euren Strand für immer. Auch kommen wir nicht mit leeren Händen. Wir bringen
eurem Könige einen Schatz, der ihm lieber sein sollte als die Fremde, die eure
Stadt zu seinem und eurem eigenen Fluche beherbergen muß. Wir bringen ihm den
Knaben Polydoros, sein jüngstes und geliebtestes Kind, den unser Held Ajax in
Thrakien dem Könige Polymnestor entrissen hat und der hier gebunden vor euch
steht und von eurem und eures Königes, seines Vaters, Entschlusse, seine Freiheit
und sein Leben erwartet. Gebt ihr uns Helena heraus und liefert ihr sie heute
noch in unsere Hände, so wird der Knabe seiner Fesseln ledig und bleibt im Hause
seines Vaters. Wird uns Helena verweigert, so gehe eure Stadt zugrunde, und
vorher noch wird euer König sehen müssen, was er für sein Leben nicht sehen
möchte!«
Ein tiefes Stillschweigen herrschte in der ihn umringenden Versammlung des
trojanischen Volkes, als Odysseus aufgehört hatte zu sprechen. Endlich ergriff
der weise und bejahrte Antenor das Wort und sprach: »Liebe Griechen und einst
meine Gäste! Alles, was ihr uns saget, wissen wir selbst und müssen in unserm
Herzen euch recht geben; auch fehlt uns der Wille, die Sache zu bessern, nicht,
wohl aber die Gewalt. Wir leben in einem Staate, in welchem der Befehl des Königes
alles gilt; ihm sich zu widersetzen, erlaubt die Verfassung unsers Reiches,
der Glaube, den wir von den Vätern ererbt, und das Gewissen des Volkes keinem
von uns. Wir dürfen in allen öffentlichen Angelegenheiten nur alsdann sprechen,
wenn der König uns zu Rate zieht; und wenn wir gesprochen haben, so behält er
noch immer freie Hand, zu tun, was er will; damit du aber erfahrest, was die
Meinung der Besten im Volke über eure Angelegenheit ist, so werden sich die
Ältesten unseres Volkes versammeln und vor euch ihre Meinung abgeben. Dies ist,
was uns zu tun übrigbleibt und unser König selbst uns nicht verweigern kann.«
Und so geschah es. Antenor veranstaltete einen Rat der Ältesten und führte
die Gesandten in denselben ein. Hier nahm er den Vorsitz und befragte die Häupter
des Volkes der Reihe nach über die Gewalttat des Paris. Die vornehmsten Männer
Trojas erklärten einer nach dem andern, daß sie die Tat für einen fluchwürdigen
Frevel hielten; nur Antimachos, ein kriegslustiger, aber tückischer Mann, verteidigte
den Raub der griechischen Fürstin. Er war von Paris mit reichlichen Gaben bestochen
worden, wo es immer Gelegenheit gäbe, sich seiner anzunehmen und die Auslieferung
Helenas zu verhindern. Auch diesmal arbeitete er für diesen Zweck, und hinter
dem Rücken der Helden erteilte er den ruchlosen Rat, die Gesandten der Griechen,
drei ihrer tapfersten und klügsten Helden, umzubringen. Als aber die Trojaner
diesen Vorschlag mit Abscheu von sich wiesen, riet er, sie wenigstens so lange
zu behalten, bis sie den gefangenen Polydoros ohne Lösegeld und Tausch dem Priamos
ausgeliefert hätten. Auch dieser Rat wurde als treulos verworfen, und da Antimachos
nicht aufhörte, selbst öffentlich in der Versammlung die Helden zu schmähen,
so wurde er von seinen Mitbürgern, welche den Griechen ihre Mißbilligung seines
Betragens und seiner Grundsätze beweisen wollten, mit Schimpf aus der Versammlung
gestoßen.
Erbittert begab sich Antimachos auf die Burg und unterrichtete den König von
der Ankunft der griechischen Gesandtschaft. Nun erhub sich im Rate des Königes
und seiner Söhne selbst eine lange, zwiespältige Beratung, zu welcher auch ein
Ältester, der edle Panthoos, der das volle Vertrauen des alten Königes genoß,
gezogen wurde. Dieser wandte sich an den tapfersten, billigsten und tugendhaftesten
aller Söhne des Königes, an Hektor, mit der flehentlichen Bitte, dem Rat aller
besseren Trojaner nachzugeben und die unheilvolle Urheberin des Krieges auszuliefern.
»Hat doch«, sprach er, »Paris so viele Jahre lang Zeit gehabt, sich seines ungerechten
Raubes zu erfreuen und seine Lust zu büßen! Jetzt sind alle unsre verbündeten
Städte zerstört, und ihr Untergang weissagt uns unser eigenes Schicksal; dazu
haben die Griechen deinen kleinen Bruder in ihrer Gewalt, und wir wissen nicht,
was aus ihm werden wird, wenn wir den Griechen Helena nicht ausliefern!«
Hektor wurde schamrot und bis zu Tränen betrübt, als er der Untat seines Bruders
Paris gedachte. Dennoch sprach er sich im Rate des Königes nicht für die Auslieferung
der Fürstin aus. »Sie ist«, antwortete er dem Panthoos, »einmal die Schutzflehende
unsres Hauses. Als solche haben wir sie aufgenommen, sonst hätten wir sie von
der Schwelle des Königspalastes zurückweisen müssen. Statt dies zu tun, haben
wir ihr und dem Paris ein prächtiges Haus gebaut, und sie haben darin in Herrlichkeit
und Freuden lange Jahre verlebt, und ihr alle habt dazu geschwiegen und habt
doch diesen Krieg kommen sehen! Warum sollen wir sie jetzt vertreiben?« »Ich
habe nicht geschwiegen«, erwiderte Panthoos, »mein Gewissen ist ruhig: ich habe
euch die Prophezeiung meines Vaters mitgeteilt und euch gewarnt; ich warne euch
zum zweitenmal. Komme, was da will, ich werde die Stadt und den König mit euch
getreulich verteidigen helfen, auch wenn ihr meinen heilsamen Rat nicht befolget!«
Mit solchen Worten verließ er die Versammlung der Königssöhne.
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