Gustav Schwab - Ausbruch des Kampfes. Protesilaos. Kyknos
admin am Mrz 29th 2008
Chryses eine Hekatombe oder Hundertzahl heiliger Schafe geopfert. Die Ehre,
die dem Palamedes durch die Anordnung Apollos selbst widerfuhr, beschleunigte
seinen Untergang. Denn in Odysseus’ sonst nicht unedlem Gemüte gewann jetzt
ganz der Neid die Oberhand, und er sann auf eine fluchwürdige List, durch welche
er dem edlen Manne den Untergang bereitete. Er verbarg eigenhändig in tiefster
Heimlichkeit eine Summe Geldes in dem Zelt des Palamedes. Dann schrieb er im
Namen des Priamos einen Brief an den griechischen Helden, in welchem dieser
von überschicktem Gelde sprach und dem Palamedes seinen Dank ausdrückte, daß
derselbe ihm das Heer der Griechen verraten habe. Dieser Brief wurde einem phrygischen
Gefangenen in die Hände gespielt, bei demselben sodann von Odysseus entdeckt
und der unschuldige Träger auf seine Veranstaltung sofort auf der Stelle niedergemacht.
Den Brief zeigte Odysseus vor der Fürstenversammlung im griechischen Lager.
Palamedes wurde von den entrüsteten Häuptern der Danaer vor einen Kriegsrat
gestellt, welchen Agamemnon aus den vornehmsten Fürsten zusammensetzte und in
welchem Odysseus sich den Vorsitz zu verschaffen wußte; auf seine Veranlassung
ward im Zelte des Beschuldigten geforscht, endlich nachgegraben und so die Summe
Goldes, die der trügerische Odysseus dort versteckt hatte, unter seiner Lagerstätte
aufgefunden. Die Richter, nichts vom wahren Vorgang der Sache ahnend, sprachen
einstimmig das Todesurteil aus. Palamedes würdigte sie keiner Selbstverteidigung:
er durchschaute den Trug, aber er hatte keine Hoffnung, Beweise seiner Unschuld
sowie der Schuld seines Gegners vorzubringen. Als daher das Urteil gefällt war,
das auf Steinigung lautete, brach er nur in die Worte aus: »O ihr Griechen,
ihr tötet die gelehrteste, die unschuldigste, die gesangreichste Nachtigall!«
Die verblendeten Fürsten lachten über diese Verteidigung und führten den edelsten
Mann im griechischen Heere zum unbarmherzigsten Tode fort, den er mit heldenmütiger
Standhaftigkeit ertrug. Als ihn schon die ersten Steinwürfe niedergeschmettert
hatten, brach er in die Worte aus: »Freue dich, Wahrheit, du bist vor mir gestorben!«
Als er diese Worte gesprochen, fuhr ihm, von Odysseus’ rachsüchtiger Hand geschleudert,
ein Stein an die Schläfe, daß er umsank und starb. Aber Nemesis, die Göttin
der Gerechtigkeit, schaute vom Himmel herab und beschloß, den Griechen und ihrem
Verführer Odysseus noch am Ziel ihrer Taten den Frevel zu vergelten.
Taten des Achill und Ajax
Von den nächsten Kriegsjahren vor Troja erzählt die Sage nichts Ausführliches.
Die Griechen lagen nicht untätig vor Troja, da aber die Bewohner dieser Stadt
ihre Kräfte schonten und selten Ausfälle machten, so wandten die Danaer ihre
Macht gegen die Umgegend. Achill zerstörte und plünderte allmählich zwölf Städte
mit seiner Flotte, elf nahm er zu Lande ein. Dem Priester Chryses führte er
auf einem Streifzuge nach Mysien seine schöne Tochter Astynome oder Chrysëis
gefangen fort. Bei der Einnahme von Lyrnessos überfiel er den Palast des Königes
oder Priesters Brises, der in der Verzweiflung den Strick um den Hals schlang
und sich den Tod gab. Sein holdseliges Kind Brisëis oder Hippodameia wurde dem
Sieger zuteil, und er führte sie als eine Liebslingsbeute ins griechische Lager
mit sich davon. Auch die Insel Lesbos und die Stadt Theben in Kilikien, am Fuße
des Berges Plakos gegründet, unterlagen seinen Angriffen. In der letztern Stadt
herrschte der Eidam des Königes Priamos, der König Eëtion, dessen Tochter Andromache
mit dem tapfersten Helden Trojas, mit Hektor, vermählt war. Sieben blühende
Söhne wuchsen noch in seinem Königshause. Da kam Achill, stürmte die hochragenden
Tore der Stadt und erschlug den König mit den sieben Söhnen. Als der Leichnam
des hohen Fürsten, der von herrlicher, Ehrfurcht gebietender Gestalt war, vor
dem jungen Helden ausgestreckt lag, bemächtigte sich desselben ein Grauen und
eine Scheu, und er wagte es nicht, den Liegenden der Waffen zu berauben und
sich dieselben als rühmliche Siegesbeute anzueignen. Er verbrannte daher den
Leichnam zur ehrlichen Bestattung im vollen, kunstreich gearbeiteten Waffengeschmeide
und türmte ihm ein mächtiges Denkmal auf, das noch lange, von hohen Ulmen umschattet,
die Gegend schmückte. Die Gemahlin des Königes, die Mutter Andromaches, führte
er mit sich fort in die Sklaverei; doch gab er sie später gegen ein reiches
Lösegeld frei, und sie kehrte nach der Heimat zurück, wo ein Pfeil der Göttin
Artemis sie am Webstuhl traf und tötete. Aus dem Stalle des Königes führte Achill
sein treffliches Pferd, Pedasos genannt, mit sich fort, das, obwohl sterblich
gezeugt, es doch an Kraft und Schnelligkeit seinen eigenen unsterblichen Rossen
gleichtat und mit ihnen um die Wette am Wagen einherlief; aus der Rüstkammer
des Königes Eëtion aber nahm er viel andere Herrlichkeiten mit, unter andern
auch eine ungeheure eiserne Wurfscheibe, so groß, daß sie einem Bauer fünf Jahre
lang Eisen zu seinem Ackergeräte würde gegeben haben.
Nächst Achill war der tapferste und riesigste Held unter den Griechen der Telamonsohn
Ajax. Auch er feierte nicht. Er führte seinen Schiffszug nach der thrakischen
Halbinsel, wo die Königsburg Polymnestors prangte. Diesem hatte der König Priamos
von Troja seinen jüngsten Sohn Polydoros, den er mit der Laothoë, einem Kebsweibe,
gezeugt hatte, zur Pflege übersandt und dadurch seinen Liebling dem Waffendienst
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