Gustav Schwab - Ausbruch des Kampfes. Protesilaos. Kyknos

admin am Mrz 29th 2008

»Haltet ein, Argiver, werfet nicht; der helmumflatterte Hektor begehrt zu reden!«
Die Griechen ließen ihre Hände sinken und verharrten in Schweigen ringsumher;
und nun verkündete Hektor mit lauter Stimme den Völkern den Entschluß seines
Bruders Paris. Seine Rede beantwortete ein tiefes Stillschweigen. Endlich nahm
Menelaos vor den Heeren das Wort: »Hört mich an«, rief er, »mich, auf dessen
Seele der allgemeine Kummer am schwersten lastet! Endlich, hoffe ich, werdet
ihr, Argiver und Trojaner, nachdem ihr um des Streites willen, den Paris angefacht,
so viel Schlimmes erduldet habt, versöhnt voneinander scheiden! Einer von uns
zweien, welchen auch das Schicksal auserkoren hat, soll sterben; ihr andern
aber sollt in Frieden scheiden. Laßt uns opfern und schwören, alsdann mag der
Zweikampf beginnen!«

Beide Heere wurden froh über diesen Worten; denn sie sehnten sich nach einem
Ende des unseligen Kriegs. Auf beiden Seiten zogen die Wagenlenker den Rossen
die Zügel an, die Helden sprangen von den Streitwagen, zogen die Rüstungen aus
und legten sie, Feinde ganz nahe an Feinden, auf die Erde nieder. Hektor sandte
eilig zween Herolde nach Troja, die Opferlämmer zu bringen und den König Priamos
herbeizurufen, auch der König Agamemnon schickte den Herold Talthybios zu den
Schiffen, ein Lamm zu holen. Die Götterbotin Iris aber, in Priamos’ Tochter
Laodike umgestaltet, eilte, die Botschaft der Fürstin Helena in die Stadt zu
bringen. Sie fand sie am Webestuhl, ein köstliches Gewand mit den Kämpfen der
Trojaner und Griechen durchwirkend, die Augen auf ihre Arbeit geheftet. »Komm
doch heraus, trautes Kind«, rief sie ihr zu, »du sollst etwas Seltsames schauen!
Die Trojaner und Griechen, die noch eben voll Ingrimms zur Feldschlacht gegeneinander
anrückten, ruhen stillschweigend, auf die Schilde hingelehnt, die Speere in
den Boden gesteckt, einander gegenüber; aber Krieg ist beendigt; nur deine Gatten
Alexander und Menelaos werden mit der Lanze um dich kämpfen: und wer seinen
Gegner besiegt, trägt dich als Gemahlin davon!«

So sprach die Göttin und erfüllte das Herz Helenas mit Sehnsucht nach ihrem
Jugendgemahl Menelaos, nach der Heimat und nach den Freunden. Sie hüllte sich
schnell in einen silberweißen Schleier, in welchen sie die Träne verbarg, die
ihr an den Wimpern hing, und eilte, von Aithra und Klymene, zweien ihrer Dienerinnen,
gefolgt, nach dem Skäischen Tore. Hier saß auf den Zinnen König Priamos mit
den ältesten und verständigsten Greisen des trojanischen Volkes, Panthoos, Thymötes,
Lampos, Klytios, Hiketaon, Antenor und Ukalegon; die beiden letztern waren die
verständigsten Männer von Troja; sie alle ruhten zwar in ihrem hohen Alter vom
Kriege aus, in der Ratsversammlung aber war ihr Wort das tüchtigste. Als diese
von der Höhe des Turmes Helena herankommen sahen, flüsterten die Greise, die
Gestalt der Fürstin bestaunend, einander leise zu: »Fürwahr, niemand soll Trojaner
und Griechen tadeln, daß sie für ein solches Weib so lange im Elend ausharren.
Gleicht sie doch einer unsterblichen Göttin an Herrlichkeit! Aber auch mit solcher
Gestalt mag sie immerhin auf den Schiffen der Danaer heimkehren, damit uns und
unsern Söhnen nicht der Schaden zurückbleibe!« Priamos aber rief Helena liebreich
herbei: »Komm näher heran«, sprach er, »mein Töchterchen, setze dich zu mir
her, ich will dir deinen ersten Gemahl, deine Freunde und deine Verwandten zu
schauen geben; du bist mir nicht schuld an diesem jammervollen Kriege; die Götter
sind es, die ihn mir zugesendet haben. Nenne mir denn jenes gewaltigen Mannes
Namen, der dort so groß und herrlich über alle Danaer hervorprangt; an Haupt
überragen ihn zwar hier und da noch größere Männer in dem Heere, aber von so
königlicher Gestalt habe ich doch noch keinen unter ihnen gesehen.«

Ehrfurchtsvoll entgegnete Helena dem Könige: »Teurer Schwiegervater, Scheu
und Furcht bewegen mich, indem ich dir nahe. Mir wäre der bitterste Tod besser
gewesen, als daß ich, Heimat, Tochter und Freunde verlassend, deinem Sohne hierher
gefolgt bin. In Tränen möchte ich zerfließen, daß es geschah! Nun aber höre:
der dort, nach dem du fragst, ist Agamemnon, der trefflichste König und ein
tapferer Krieger; er war, ach, er war dereinst mein Schwager!« »Glücklicher
Atride«, rief Priamos aus, den Helden sich betrachtend, »Gesegneter, dessen
Zepter zahllose Griechen gehorchen! Auch ich stand einst in männlicher Jugend
an der Spitze eines großen Heeres, als wir die Horde der Amazonen von Phrygien
abwehrten; doch war mein Heer nicht so groß wie das deinige!« Dann fragte der
Greis von neuem: »Nenne mir nun auch noch jenen, Töchterchen; er ragt nicht
so hoch empor wie der Atride, aber seine Brust ist breiter, seine Schultern
sind mächtiger; seine Wehr liegt zu Boden gestreckt; er selbst umwandelt die
Reihen der Männer wie ein Widder die Schafe.« »Das ist der Sohn des Laërtes«,
antwortete Helena, »der schlaue Odysseus; Ithaka, die felsige Insel, ist seine
Heimat.« Jetzt mischte sich auch der Greis Antenor ins Gespräch: »Du hast recht,
Fürstin«, sagte er, »ihn und Menelaos kenne ich gut; habe ich sie doch in meinem
Haus als Gesandte einst beherbergt. Im Stehen überragte Menelaos den Helden
Odysseus; wenn sie sich aber beide gesetzt, erschien Odysseus als der Herrlichere.
Auch redete Menelaos wenig, lauter hingeworfene inhaltsreiche Worte. Odysseus
aber, wenn er reden wollte, stand da, die Augen zur Erde geheftet, den Stab

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