Gustav Schwab - Ausbruch des Kampfes. Protesilaos. Kyknos
admin am Mrz 29th 2008
die ihr um Troja kriegen werdet: im zehnten aber sollet ihr die prachtvolle
Stadt erobern.‹ So weissagte damals Kalchas. Nun aber wird ja alles vollendet!
Die neun Jahre des Kampfes sind vorüber, das zehnte Jahr ist erschienen, und
der Sieg muß mit ihm kommen. So harret denn die kleine Weile miteinander noch
aus, ihr Griechen! Bleibet, bis wir die Feste des Königes Priamos zerstört haben!«
Ein Jubel der versammelten Argiver beantwortete die Rede des Odysseus; der
weise Nestor benützte die umgewandelte Stimmung der Völker und riet dem Könige
Agamemnon, sofort, wenn sich etwa noch einer unbändig nach der Heimkehr sehnte,
einem solchen nicht zu verweigern, zu Schiffe zu gehen und von dannen zu fahren.
Dann aber sollte er die Männer nach Stamm und Geschlecht absondern und kämpfen
lassen: so würde er am sichersten erfahren, wer von Kriegern und Führern der
Mutigere oder der Feigere sei und ob Göttergewalt oder Furcht oder mangelnde
Kriegserfahrung die Eroberung Trojas verhindere. Erfreut antwortete auf diesen
Vorschlag der Völkerfürst:
»Fürwahr, Nestor, du, der Greis, übertriffst unsere Männer alle durch Einsicht.
Hätte ich im Rate der Griechen noch zehn deinesgleichen, so sollte mir Trojas
hochragende Burg bald zertrümmert in den Staub sinken! Ich selbst muß gestehen,
daß ich unbesonnen gehandelt habe, mich mit Achill wegen des Mädchens zu entzweien.
Zeus hatte mich damals mit Blindheit geschlagen. Versöhnen wir beide uns je
wieder, so wird der Untergang Trojas nicht länger säumen! Doch nun wollen wir
uns zum Angriffe rüsten; stärke sich jeder mit einem Mahl, bereite Schild und
Lanze, füttre und tränke seine Rosse, besichtige den Streitwagen und gedenke
der Schlacht, die bis zum Abend dauern wird. Bleibt mir einer absichtlich bei
den Schiffen zurück, dessen Leib soll den Hunden und Vögeln nicht entgehen!«
Als Agamemnon ausgeredet, schrien die Danaer laut auf, daß es tönte wie die
Meerflut, wenn sie sich beim Südwind am hohen Felsenstrande bricht. Das Volk
sprang auf, jeder eilte zu seinen Schiffen, und bald sah man den Rauch des Frühstücks
aus den Lagerhütten dampfen. Agamemnon selbst opferte dem Zeus einen Stier und
lud die edelsten Achiver zum Mahle ein. Als dies vorüber war, gebot er den Herolden,
die Griechen zur Schlacht zu rufen; und bald stürzten die Haufen, Scharen von
Kranichen oder Schwänen gleich, die am Flußufer hinflattern, auf die Skamandrische
Wiese. Die Führer, an ihrer Spitze der Atride, ordneten die Reihen. Herrlich
war der Fürst der Fürsten Agamemnon anzuschauen, an Augen und Haupt dem Göttervater
gleich, an breiter Brust dem Poseidon und gerüstet wie der streitbare Kriegsgott
selbst.
Paris und Menelaos
Das Heer, auf Nestors Rat nach Volksstämmen geordnet, stand in Schlachtordnung,
als man endlich den Staub der aus ihren Mauern heranziehenden Trojaner gewahr
wurde. Nun setzten sich auch die Griechen in Bewegung. Als beide Heere einander
nahe genug waren, daß der Kampf beginnen konnte, schritt aus der Reihe der Trojaner
der Königssohn Paris vor, in ein buntes Pantherfell gekleidet, den Bogen um
die Schultern gehängt, sein Schwert an der Seite, und indem er zwo spitze Lanzen
schwenkte, forderte er den tapfersten aller Griechen heraus, mit ihm den Zweikampf
zu wagen. Als diesen Menelaos aus den sich heranwälzenden Scharen hervorspringen
sah, freute er sich wie ein hungriger Löwe, dem eine ansehnliche Beute, ein
Gemsbock oder ein Hirsch in den Weg kommt, und schnell sprang er in voller Rüstung
von seinem Wagen zur Erde herab, den frevelhaften Dieb seines Hauses zu bestrafen.
Dem Paris graute beim Anblick eines solchen Gegners, und er entzog sich dem
Kampfe erblassend und ins Gedränge seiner Landsleute zurückfahrend, als hätte
er eine Natter gesehen. Als ihn Hektor so in die Menge der Trojaner zurücktauchen
sah, rief er ihm voll Unmut zu: »Bruder, du bist doch nur von Gestalt ein Held,
in Wahrheit aber nichts als ein weibischer, schlauer Verführer. Wärest du lieber
gestorben, ehe du um Helena gebuhlt! Siehst du nicht, wie die Griechen ein Gelächter
erheben, daß du es nicht wagest, dem Manne standzuhalten, dem du die Gattin
gestohlen hast? Du wärest wert zu erfahren, an welchem Manne du dich versündigt,
und ich würde dich nicht bemitleiden, wenn du dich verwundet auf dem Boden wälzest
und der Staub dein zierliches Lockenhaar besudelte.« Paris antwortete ihm: »Hektor,
dein Herz ist hart und dein Mut unwiderstehlich wie eine Axt aus Erz, mit der
der Schiffszimmermann Balken behaut, und du tadelst mich nicht mit Unrecht;
aber schilt mir nicht meine Schönheit, denn sie ist auch eine Gabe der Unsterblichen.
Wenn du mich aber jetzt kämpfen sehen willst, so heiß Trojaner und Griechen
ruhen; dann will ich um Helena und alle ihre Schätze mit dem Helden Menelaos
vor allem Volke den Zweikampf wagen. Wer von uns beiden siegt, mag sie heimführen;
ein Bund soll es bekräftigen; ihr bauet alsdann das trojanische Land in Frieden,
und jene schiffen heim gen Argos.«
Eine freudige Überraschung hatte sich Hektors bei diesen Worten seines Bruders
bemächtigt; er trat vor die Schlachtordnung heraus in die Mitte und hemmte,
den Speer hochhaltend, den Anlauf der trojanischen Haufen. Als die Griechen
seiner ansichtig wurden, zielten sie in die Wette mit Wurfspießen, Pfeilen und
Steinen nach ihm. Agamemnon aber rief laut nach den griechischen Reihen zurück:
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