Gustav Schwab - Ausbruch des Kampfes. Protesilaos. Kyknos

admin am Mrz 29th 2008

Zweites Buch

Ausbruch des Kampfes. Protesilaos. Kyknos

Die Griechen waren noch mit dem Geleite des Königes Telephos beschäftigst,
als die Tore Trojas sich auftaten und die völlig gerüstete Heeresmacht der Trojaner
unter Hektors Anführung sich über die Skamandrische Ebene ergoß und ohne Widerstand
gegen die Schiffe der sorglosen Achiver anrückte. Die Äußersten im Schiffslager,
die zuerst zerstreut zu den Waffen griffen und den heranziehenden Feinden entgegeneilten,
wurden von der Übermacht erdrückt. Doch hielt das Gefecht mit ihnen die Heerschar
der Trojaner so lange auf, daß die Griechen im Lager sich sammeln und auch ihrerseits
in einem geordneten Heerhaufen den Feinden entgegentreten konnten. Da gestaltete
sich nun die Schlacht ganz ungleich. Denn wo Hektor selbst zugegen war, gewannen
die Trojaner die Oberhand, in die Schlachtreihen aber, die ferne von ihm fochten,
drangen die Griechen siegreich ein. Der erste namhafte Held unter den Griechen,
der von der Hand des trojanischen Fürsten Äneas in dieser Schlacht fiel, war
Protesilaos, des Iphiklos Sohn. Als verlobter Jüngling war er gen Troja gezogen
und der erste Grieche, der bei der Landung ans Ufer sprang: so sollte er auch
als das erste Heldenopfer fallen, und seine Braut Laodameia, die holdselige
Tochter des Argonauten Akastos, sollte den Bräutigam, den sie mit banger Sorge
in den Krieg hatte ziehen lassen, nicht wieder erblicken.

Noch war Achill vom Kampfplatz entfernt. Er hatte dem Mysier, den er einst
mit dem Speere verwundet und jetzt mit dem Speere geheilt hatte, das Geleite
ans Meer gegeben und sah nachdenklich dem Schiffe nach, das sich in die ferne
Flut vertiefte. Da kam sein Freund und Kampfgeselle Patroklos auf ihn zugeeilt,
faßte ihn bei der Schulter und rief. »Wo weilst du, Freund? Die Griechen bedürfen
deiner. Der erste Kampf ist entbrannt: des Königes Priamos ältester Sohn Hektor
rast an der Spitze der feindlichen Scharen wie ein Löwe, dessen Höhle Jäger
umstellt haben. Äneas, der Eidam des Königes, hat aus der Mitte unserer Fürsten
den edlen Protesilaos, der an Jugend und Mut dir glich, doch an Kraft dir nicht
gleich war, erschlagen. Wenn du nicht kommst, so wird der Mord unter unsern
Helden einreißen!« Aus seinen Träumen erwacht, blickte Achill hinter sich, sah
den mahnenden Freund, und in diesem Augenblicke drang auch der Hall des Kampfgetümmels
in sein Ohr. Da sprang er, ohne ein Wort zu erwidern, durch die Gassen des Schiffslagers
seinem Zelte zu. Hier erst fand er die Sprache wieder, rief mit lauter Stimme
seine Myrmidonen unter die Waffen und erschien mit ihnen wie ein donnerndes
Wetter in der Schlacht. Seinem stürmischen Angriffe hielt selbst Hektor nicht
stand. Zwei Söhne des Priamos erschlug er, und der Vater sah wehklagend von
den Mauern herab den Tod seiner Kinder von des fürchterlichen Heldenjünglings
Hand. Dicht an der Seite des Peliden kämpfte der Telamonier Ajax, dessen Riesenleib
alle andern Danaer überragte; vor den Streichen der beiden Helden flohen die
Trojaner wie eine Herde von Hirschen vor einer Hundekoppel daher; zuletzt wurde
die Flucht der Feinde allgemein, und die Trojaner schlossen die Tore wieder
hinter sich zu. Die Griechen aber begaben sich in Ruhe wieder zu ihren Schiffen
und fuhren in Vollendung ihres Lagerbaues gemächlich fort. Achill und Ajax wurden
von Agamemnon zu Wächtern der Schiffe bestimmt, und diese setzten wieder andere
Helden zu Wächtern über einzelne Abteilungen der Flotte.

Alsdann wandten sie sich zum Begräbnisse des Protesilaos, legten den Leichnam
auf einen schön geschmückten und aufgetürmten Scheiterhaufen und begruben seine
Gebeine auf einer Halbinsel des Strandes unter schönen hohen Ulmbäumen. Noch
waren sie mit der Bestattung nicht ganz fertig, als ein zweiter Überfall die
sorglos Feiernden erschreckte.

In Kolonai bei Troja herrschte der König Kyknos, der, von einer Nymphe dem
Meeresgotte Poseidon geboren, auf der Insel Tenedos wunderbarerweise von einem
Schwan großgezogen worden war, daher er auch seinen Namen Kyknos, das heißt
Schwan, bekommen hatte. Dieser war den Trojanern verbündet, und ohne besonders
dazu von Priamos aufgefordert zu sein, hielt er sich verpflichtet, als er die
Landung der fremden Kriegsvölker vor Troja gewahr wurde, seinen alten Freunden
zu Hilfe zu kommen. Daher sammelte er in seinem Königreiche einen ansehnlichen
Heerhaufen, legte sich in der Nähe des griechischen Schiffslagers in einen Hinterhalt
und war mit seiner Schar eben erst in diesem Versteck angekommen, als die Griechen,
aus dem ersten Treffen mit den Trojanern als Sieger zurückgekehrt, ihrem gefallenen
Helden die letzte Ehre erwiesen. Während sie sorglos und nicht in der vollen
Waffenrüstung um den Scheiterhaufen geschart standen, sahen sie sich plötzlich
von Streitwagen und Bewaffneten umringt, und ehe sie sich nur besinnen konnten,
ob der Boden die Streiter ausgespien habe oder woher sie sonst erschienen seien,
hatte Kyknos mit seiner Heeresmacht ein furchtbares Blutbad unter den Griechen
angerichtet.

Doch war nur ein Teil der Argiver bei der Leichenfeier des Protesilaos beschäftigt
und zugegen. Die andern bei den Schiffen und in den Lagerhütten waren ihren
Waffen näher und eilten, den Peliden Achill an der Spitze, den Ihrigen bald
in voller Rüstung und in geschlossenen Kriegsreihen zu Hilfe. Ihr Anführer selbst
stand auf dem Streitwagen, schrecklich anzuschauen, und seine todbringende Lanze
traf mit ihrem Stoße bald diesen, bald jenen Kolonaier, bis er, in den Reihen
der Schlacht nur den Feldherrn der Fremdlinge suchend, diesen im fernen Kampfgewühle
an den gewaltigen Stößen erkannte, die er, auch auf einem hohen Streitwagen
stehend, rechts und links an die Griechen austeilte. Dorthin lenkte der Held
Achill seine schneeweißen Rosse, und als er nun dem Kyknos gegenüber auf dem
Wagen stand, rief er, die bebende Lanze mit nervigem Arme schwingend: »Wer du
auch seiest Jüngling! nimm diesen Trost mit in den Tod, daß du von dem Sohne

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