Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet

admin am Mrz 29th 2008

andern Göttern, daß dich mein Speer nicht treffe, obwohl du unsterblich bist!«

Mit solchen Worten wandte er sich von Apollo ab, den Feinden wieder zu. Der
zürnende Phöbos aber verhüllte sich in ein schwarzes Gewölk, legte einen Pfeil
auf seinen Bogen und schoß aus dem Nebel den Peliden in die verwundliche Ferse.
Ein stechender Schmerz durchfuhr auf der Stelle den Achill bis ans Herz hinan,
und wie ein unterhöhlter Turm stürzte er plötzlich zu Boden. Liegend spähte
er rings um sich her und schrie mit schneidendem, furchtbarem Tone: »Wer hat
mir aus der Ferne den tückischen Pfeil zugeschickt? O daß er mir im offenen
Kampf entgegenträte; wie wollte ich ihm sein Gedärm aus dem Leibe zerren und
all sein Blut vergießen, bis seine verfluchte Seele in den Hades führe! Aber
aus dem Verborgenen stellen die Feiglinge dem Tapfern immer nach! Wisse er dies,
und wenn es ein Gott wäre, der mir zürnt. Denn wehe, mir ahnet, daß es Apollo
sei. Auch hat mir Thetis, meine Mutter, einst geweissagt, daß ich am Skäischen
Tore dem verderblichen Pfeil des Phöbos erliegen werde, und wohl hat sie die
Wahrheit gesprochen!«

So stöhnte der Held und zog den Pfeil aus der unheilbaren Wunde. Zornig schleuderte
er ihn weg, als er das schwarze Blut nachquellen sah, und Apollo hub ihn auf
und kehrte mit ihm, verhüllt in die Wolke, zum Olympos zurück. Hier trat er
aus dem Nebel hervor und mischte sich wieder unter die andern Olympier. Ihn
bemerkte Hera, die Freundin der Griechen, und mit bitterem Unmute fing sie an
ihn zu schelten: »Du hast eine verderbliche Tat getan, Phöbos! Hast du doch
an der Hochzeit des Peleus mit geschmaust und mit gesungen, wie die andern Götter,
und, dem Peleus zutrinkend, ihm Nachkommen gewünscht. Und dennoch hast du die
Trojaner begünstigt und ihm endlich den einzigen Sohn getötet! Das hast du aus
Neid getan. Törichter, mit welchem Blicke willst du künftig die Tochter des
Nereus ansehen?«

Apollo schwieg und setzte sich seitwärts von den Göttern, den Blick zu Boden
gesenkt. Die einen von den Olympiern zürnten, die andern dankten ihm im Herzen.
Dem Achill aber kochte das dunkle Blut in den unbändigen Gliedern noch immer
von Kampflust, und kein Trojaner wagte es, dem Verwundeten zu nahen. Noch einmal
erhub er sich mit einem Sprunge vom Boden, stürzte, den Speer schwingend, unter
die Feinde, und traf damit den Freund seines alten Gegners Hektor, Orythaon,
an die Schläfe, daß die Spitze diesem ins Gehirn drang. Dann stieß er dem Hipponoos
den Speer ins Auge, durchbohrte dem Alkathoos die Wange und raubte noch vielen
Fliehenden das Leben. Jetzt aber wurden seine Glieder kalt; er mußte stillehalten
und sich auf die Lanze stützen. Die Trojaner flohen noch immer vor ihm und seiner
Stimme, denn er donnerte den Fliehenden nach: »Laufet nur davon; auch nach meinem
Tode werdet ihr meinem Speere nicht entgehen, sondern meine Rachegötter werden
Strafe an euch nehmen!« Sie flohen zitternd, denn sie glaubten, er sei noch
unverwundet. Ihm aber erstarrten die Glieder, und er sank hin unter die andern
Toten, daß die Erde dröhnte und seine Waffenrüstung einen dumpfen Klang von
sich gab.

Zuerst wurde seinen Fall Paris gewahr, sein Todfeind. Mit einem lauten Freudenschrei
ermahnte er die Trojaner, sich der Leiche zu bemächtigen, und nun versammelten
sich eine Menge Streiter um den Toten, die früher seine Lanze gemieden oder
erfahren hatten. Aber der Held Ajax umkreiste die Leiche und verscheuchte mit
hoch emporgehaltenem Speer alle Feinde, die sich nahten, und wenn sich einer
zum Kampfe mit ihm herbeiwagte, so empfing er den Todesstoß. Endlich beschränkte
sich Ajax nicht mehr auf den Verteidigungskampf, sondern brach los gegen die
Trojaner und richtete ein gräßliches Blutbad unter ihnen an. Hier fiel auch
der Lykier Glaukos, und der edle Trojanerheld Äneas ward verwundet. An des Ajax
Seite kämpften Odysseus und andere Danaer; doch leisteten die Trojaner immer
noch hartnäckigen Widerstand, ja Paris wagte es, mit dem Speere plötzlich auf
Ajax zu zielen. Dieser aber nahm den Augenblick wahr, ergriff einen Feldstein
und zerschmetterte ihm damit den Helm, daß er in den Staub sank und die Pfeile
aus seinem Köcher sich hier- und dorthin zerstreuten. Kaum hatten seine Freunde
Zeit, den schwach Atmenden auf den Wagen zu heben und mit Hektors Rossen nach
Troja zurückzuführen. Als nun Ajax die Trojaner alle in die Stadt zurückgescheucht
hatte, eilte er über Leichen, Blut und Rüstungen zurück. Haufen Erschlagener
deckten weithin das Feld, von Trojas Mauern bis zur Küste des rauschenden Hellesponts.

Derweil hatten die Könige den Leichnam des Achill vom Schlachtfelde zu den
Schiffe getragen und umringten ihn in grenzenlosem Schmerze. Und am lautesten
tönte jetzt die Klage des herzugekommenen Ajax, welcher in dem hinweggerafften
Helden den teuren Sohn eines Oheims bejammerte. Auch der greise Fürst Phönix
ergoß sich in die bittersten Klagen, indem er den riesigen Leib des gewaltigen
Peliden umschlungen hielt. Er gedachte des Tages, da Peleus, der Vater des gefallenen
Helden, ihm das Kind ans Herz legte und die Erziehung desselben ihm übertrug;
auch des Tages, da sein Zögling sich mit ihm aufmachte, gen Troja zu ziehen.
Und nun mußten Vater und Erzieher das Kind überleben!

Auch die Atriden beweinten ihn und alle Griechen; unaufhörlich stieg Klagegeschrei

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