Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet

admin am Mrz 29th 2008

Wer vermag bei solchem Getümmel zu reden oder zu hören? Ich will mich dem Sohne
des Peleus erklären, ihr andern merkt’s und beherziget meine Worte. Oft schon
haben mich die Söhne Griechenlands über mein Betragen an jenem Unglückstage
gestraft. Doch war die Schuld nicht mein: Zeus, die Parze und die Erinnys schickten
mir damals in der Volksversammlung die verderbliche Verblendung zu. So mußte
ich fehlen. Aber solange Hektor um die Schiffe her die Scharen der Argiver vertilgte,
ward ich unaufhörlich an meine Schuld gemahnt, und ich wurde es inne, daß Zeus
mir die Besinnung hinweggenommen hatte. Nun will ich gerne büßen, was ich gefehlt,
und biete dir Sühnung, Achill, soviel du begehrst. Zieh in den Kampf, und ich
bin erbötig, dir alle die Geschenke reichen zu lassen, die dir Odysseus, von
mir in dein Zelt abgesandt, jüngst noch verheißen hat. Oder wenn du lieber willst,
so bleib noch so lange, bis meine Diener aus dem Schiffe sie hergebracht haben,
damit du mit eigenen Augen sehest, wie ich mein Versprechen erfülle.«

»Ruhmvoller Völkerfürst Agamemnon«, antwortete der Held, »mag es dir gut dünken,
mir die Geschenke, wie es ziemlich ist, zu reichen oder sie zu behalten: es
gilt mir gleich. Jetzt aber laß uns ohne Verzug der Schlacht gedenken, denn
noch ist vieles ungetan, und mich verlangt darnach, daß man den Achill wieder
im Vordertreffen gewahr werde!« Aber der kluge Odysseus tat Einrede und sprach:
»Göttergleicher Pelide, treibe doch die Achiver nicht so ungespeist vor Troja
hin! Laß sie sich vorher bei den Schiffen mit Speise und Wein erquicken, denn
nur das gibt Kraft und Stärke! Inzwischen mag Agamemnon das Geschenk in unsern
Kreis bringen, daß alle Danaer es mit Augen schauen und dein Herz sich dran
erfreue. Und darauf soll er selbst dich in seinem Gezelte feierlich mit einem
köstlichen Mahl bewirten.« »Freudig habe ich dein Wort vernommen, Odysseus«,
antwortete der Atride; »du aber, Achill, wähle dir selbst die edelsten Jünglinge
aus dem ganzen Heere, daß sie dir alle Geschenke aus meinem Schiffe herbeibringen;
und Talthybios, der Herold, schaffe uns einen Eber herbei, daß wir Zeus und
dem Sonnengott opfern und ohne Fährde den Bund der Eintracht beschwören.« »Tut
ihr, wie ihr wollt«, sprach Achill; »mir soll weder Trank noch Speise durch
die Kehle gleiten, solang mir der Freund zerfleischt im Zelte daliegt. Mich
verlangt nur nach Mord und Blut und Geröchel der Sterbenden!« Aber Odysseus
sprach besänftigend zu ihm: »Erhabenster Held aller Griechen, du bist viel stärker
als ich und viel tapferer im Speerkampf; am Rate jedoch möchte ich es dir vielleicht
zuvortun, denn ich habe länger gelebt und mehr erfahren. So füge sich denn diesmal
dein Herz meiner Ermahnung. Die Danaer müssen ja ihre Toten nicht mit dem Bauch
betrauern; wie einer gestorben, beerdigt man ihn und beweint ihn einen Tag:
wer aber entronnen ist, der stärke sich mit Trank und Speise, damit wir um so
rastloser kämpfen mögen!«

So sprach er und wandelte, Nestors Söhnen, dann auch dem Meges, Meriones, Thoas,
Melanippos und Lykomedes sich beigesellend, mit diesen der Lagerhütte Agamemnons
zu. Dort nahmen sie die versprochenen Geschenke: sieben Dreifüße, zwölf Rosse,
zwanzig Becken, sieben untadelige Weiber und die rosige Brisëis als achte. Odysseus
wog die zehn Talente Goldes dar und schritt mit ihnen voran, die Jünglinge mit
den andern Geschenken folgten. So stellten sie sich in den Volkskreis; Agamemnon
erhub sich von seinem Sitze, der Herold Talthybios aber faßte den Eber, richtete
ihn zum Opfer zu, betete und zerschnitt ihm die Kehle. Dann warf er den geschlachteten
wirbelnd in die Meerflut, den Fischen zum Fraß. Nun stand Achill auf und sprach
vor den Argivern: »Vater Zeus, wie große Verblendung sendest du doch oft den
Männern zu! Gewiß hätte mir der Sohn des Atreus nicht den Zorn so fürchterlich
im Herzen aufgeweckt oder nicht so unbeugsam mit Gewalt das Mädchen mir entführt,
wenn du nicht den Tod vielen Danaern hättest bereiten wollen! Doch nun laßt
uns zum Mahle gehen und uns dann zum Angriffe rüsten.«

Nachdem der Held so gesprochen, trennte sich die Versammlung. Als die Tochter
des Brises, holdselig wie Aphrodite, in das Zelt ihre früheren Gebieters trat,
und den Helden Patroklos mit seinen tiefen Speerwunden auf den Teppichen ausgestreckt
daliegen sah, zerschlug sie sich Brust und Wangen und warf sich weinend über
ihn. »Ach mein teurer Patroklos«, rief sie, »der du mein liebreichster Freund
im Elende warst, blühend verließ ich dich im Zelte, tot finde ich dich wieder!
So verfolgt mich immer Unheil auf Unheil. Meinen Bräutigam sah ich vor unserer
Stadt vom Speer getötet, drei leibliche, herzlich geliebte Brüder riß mir derselbe
Unglückstag von der Seite weg. Dennoch, als Achill meinen Freund erschlagen
und meine Heimat verheert hatte, wolltest du mich nie weinen sehen; du versprachst,
mich dem Peliden zu vermählen, sobald du mich auf den Schiffen nach Phthia gebracht
hättest, und dort unter den Myrmidonen meine Hochzeit zu feiern. Nie werd ich
aufhören, dich zu beweinen, du Freundlicher.« So sprach sie weinend, und ringsum
seufzten mit ihr die gefangenen Weiber, zum Schein um den Patroklos, im Herzensgrund
aber jede über ihr eigenes Elend.

Die edelsten Danaerfürsten umringten indessen den Peliden, indem sie ihn flehentlich
baten, sich doch des Mahles zu erfreuen. Doch er weigerte sich dessen unter
Seufzen. »Wenn ihr wirklich Liebe zu mir heget«, sprach er »so verlanget nicht,

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