Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet
admin am Mrz 29th 2008
Damit faßte er seinen riesigen Speer mit beiden Händen, und dasselbe tat Memnon.
So stürzten sie aufeinander los. Zeus selbst machte sie in diesem Augenblicke
größer, stärker und unermüdlicher, als Menschen sind, so daß kein Stoß des einen
den andern fällte und sie so nah aneinanderkamen, daß Helmbusch an Helmbusch
streifte. Vergebens suchten sie einander bald über dem Schienbein, bald unter
dem Panzer zu verwunden; ihre Rüstungen klirrten; das Kampfgeschrei der Äthiopier,
Trojaner und Argiver stieg empor zum Himmel, der Staub wirbelte unter ihren
Füßen auf, und während die Führer kämpften, feierte unter ihren Kriegern das
Gemetzel nicht. Die Olympier, die von der Höhe herab zuschauten, hatten ihre
Freude an dem unentschiedenen Kampfe, die einen an der Kraft des Peliden, die
andern an Memnons unbesiegtem Widerstande, je nachdem sie dem einen oder dem
andern verwandt oder befreundet waren. Und bald wären die Götter untereinander
darüber in Zwietracht geraten, wenn nicht Zeus zwei der Parzen aufgerufen und
befohlen, daß die finstre sich zu Memnon, die lichte zu Achill gesellen sollte.
Laut schrien die Bewohner des Olymps auf bei diesem Befehle, die einen vor Freude,
die andern vor Leid.
Die beiden Helden aber stritten fort, ohne die Schicksalsgöttinnen zu erblicken.
Sie kämpften gegeneinander bald mit der Lanze, bald mit Schwertern, bald mit
Steinen; keiner erzitterte; fest standen sie wie die Felsen. Und ebenso unentschieden
zog sich rechts und links von ihnen der Kampf ihrer Genossen hin, Blut und Schweiß
floß auf den Boden, und die Erde deckte sich mit Leichen. Endlich aber siegte
das Geschick. Achill stieß seinem Gegner die Lanze so tief in die Brust, daß
sie zum Rücken herausfuhr und er mit dumpfem Dröhnen in sein Blut auf dem Kampfplatz
niedersank.
Jetzt flohen die Trojaner, von dem verfolgenden Achill wie von einem Orkane
gejagt, während er Memnons Leichnam seinen Freunden zum Berauben überließ. Eos
stieß am Himmel einen Seufzer aus und hüllte sich in Gewölk ein, daß die Erde
Finsternis bedeckte; ihre Kinder, die Winde, flogen auf ihr Geheiß herunter
auf die Ebene, ergriffen den Leib des Erschlagenen und entführten ihn durch
die Lüfte aus den Händen seiner Feinde. Nichts blieb von ihm auf der Erde übrig
als die Blutstropfen, die herabträufelten, während er von den Winden emporgetragen
ward. Daraus wurde ein blutiger, unversieglicher Strom, der in späten Tagen
noch am Fuße des Ida jedesmal am Todestage des Memnon flüssig wurde und mit
Modergeruch dahinfloß. Die Winde hielten sich mit dem Leichnam nicht allzuhoch
über der Erde und flogen mit ihm in der Quere dahin; die Äthiopier aber, die
sich von dem erschlagenen Beherrscher nicht trennen wollten, folgten unten mit
einem tiefen Stöhnen, bis jene den staunenden Troern und Argivern mit der Leiche
aus den Augen schwanden. Die Winde setzten den Leichnam am Ufer des Flusses
Aisepos nieder, dessen Töchter, anmutige Jungfrauen, ihm in einem lieblichen
Haine ein Grabmal errichteten, wo ihn seine vom Himmel herabgestiegene Mutter
Eos mit vielen andern Nymphen unter heißen Tränen bestatten half. Auch die Troer,
in ihre Stadt zurückgekehrt, beklagten den hohen Memnon herzlich. Die Argiver
selbst empfanden keine ungetrübte Freude: sie priesen zwar den Sieger Achill,
den Stolz des Heeres, aber sie weinten auch mit Nestor um seinen lieben Sohn
Antilochos; und so durchwachsen sie unter Schmerz und Lust die Nacht auf dem
Schlachtfelde.
Der Tod des Achill
Am andern Morgen trugen seine Volksgenossen, die Pylier, den Leichnam ihres
Königssohnes Antilochos unter Wehklagen hinweg zu den Schiffen und bestatteten
ihn dort an den Ufern des Hellesponts. Der greise Nestor aber blieb fest in
seinem Gemüt und bewältigte den Schmerz durch Besonnenheit. Achill jedoch rastete
nicht. Sein Grimm über den Tod des Freundes jagte ihn mit Tagesanbruche unter
die Trojaner, die auch schon kampflustig ihre Mauern verlassen hatten, obgleich
sie vor dem Speere des göttergleichen Achill bebten. Bald wurde der Kampf wieder
allgemein; der Held erschlug eine Unzahl von Feinden und verfolgte die Trojaner
bis vor die Stadt. Hier, seiner übermenschlichen Kraft sich bewußt, schickte
er sich an, die Torflügel aus den Angeln zu heben, die Riegel zu öffnen und
den Griechen die Stadt des Priamos aufzutun.
Aber Phöbos Apollo, der vom Olymp herab den unermeßlichen Haufen Erschlagener
überschaute, fing an, ihm unerbittlich zu zürnen. Wie ein reißendes Tier stieg
er vom Göttersitze hernieder, den Köcher mit den unheilbar tötenden Pfeilen
auf dem Rücken. So trat er dem Peliden entgegen; Köcher und Pfeile klirrten,
sein Auge flammte, unter dem Wandelnden erbebte der Boden. Und nun, dem Helden
im Rücken, ließ er seine furchtbare Stimme erschallen: »Laß von den Dardanern
ab, o Pelide, wüte nicht so rasend! Hüte dich, daß nicht einer der Unsterblichen
dich verderbe!« Achill kannte die Stimme des Gottes wohl; aber er ließ sich
nicht einschüchtern, und ohne die Warnung zu beachten, rief er ihm laut entgegen:
»Was willst du mich reizen, mit Göttern zu kämpfen, indem du immerdar die Frevler,
die Trojaner, begünstigst? Schon einmal hast du mich in Zorn gebracht, als du
mir zum erstenmal Hektorn entrissest. Nun rate ich dir, entweiche fern zu den
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