Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet
admin am Mrz 29th 2008
Verwandte trauerte? Und wenn unsere Männer unterliegen, was steht uns allen
Besseres bevor als die Knechtschaft? Darum lasset uns den Kampf nicht länger
aufschieben; lieber wollen wir sterben, denn als Beute von den Feinden hinweggeführt
werden mit unsern unmündigen Kindern, wenn die Gatten tot sind und die Stadt
hinter uns in Flammen steht!« So sprach Hippodameia und erregte die Begierde
nach Kampf in ihnen allen. Sie legten Wolle und Webekorb zur Seite, zerstreuten
sich wie ein Bienenschwarm in ihre Häuser und griffen nach den Waffen. Unfehlbar
wären alle ein Opfer ihres unsinnigen Eifers geworden, wenn nicht die Schwester
der Königin Hekabe, Theano, die Gemahlin Antenors, welche weiser war als alle
anderen, sich ihrem unsinnigen Beginnen widersetzt hätte. Diese suchte sie mit
verständigen Worten zu beschwichtigen. »Was wollt ihr anfangen, ihr Unvernünftigen«,
rief sie den schon Ausziehenden entgegen; »gegen die Danaer wollt ihr ziehen,
die in Waffen und im Kampfe geübten Männer? Wie möget ihr hoffen, euch mit ihnen
messen zu können? Habt ihr denn je Kriegswerk getrieben wie die Amazonen, habt
Rosse tummeln gelernt und anderes Tun der Männer? Dazu ist jenes Wunderweib
noch eine Tochter des Kriegsgottes, ihr aber seid alle Kinder von Sterblichen.
Deswegen sollt ihr Weiber bleiben, euch ferne vom Schlachtgetümmel halten und
im innern Hausraume der Spindel pflegen; den Krieg aber mögt ihr den Männern
lassen. Noch sind ja diese aufrecht und umringen schirmend eure Stadt; noch
ist es nicht so weit gekommen, daß sie der Hilfe ihrer Weiber bedürften und
diese zur Verteidigung der Stadt aufrufen müßten!«
Den klugen Worten der bejahrten Troerin schenkten die aufgeregten Frauen allmählich
Gehör, kehrten auf die Mauer zurück und sahen bald wieder, wie zuvor, von ferne
der Schlacht zu. Indessen mordete Penthesilea fort, und die Scharen der Argiver
erbebten vor ihr; die Helden begannen zu fliehen und zerstreuten sich da- und
dorthin, die einen, nachdem sie die Wehre von den Schultern auf den Boden geworfen,
die andern in voller Waffenrüstung: Rosse und Wagen flogen hier- und dorthin
ohne Führer; überall hörte man Gewinsel der Sterbenden, denn alles sank zusammen
vor dem Schlachtspeer der Amazone.
Immer vorwärts drangen die Trojaner; schon waren sie ganz nahe an den Schiffen
der Griechen angekommen und machten Anstalt, diese zu verbrennen. Da hörte endlich
Ajax, der gewaltige Sohn des Telamon, das Kriegsgeschrei, hob sein Haupt vom
Grabhügel des Patroklos empor und sprach zu Achill: »Kampfbruder, mir drang
ein unendliches Getöse zu den Ohren, gleich als hätte sich irgendwo ein gefährlicher
Kampf erhoben. Laß uns gehen, daß die Trojaner uns nicht zuvorkommen und doch
einmal die Schiffe verbrennen!« Diese Worte regten den Peliden auf, und jetzt
wurde auch sein Ohr von dem Jammergeschrei erreicht. Eilig warfen sich beide
in ihre schimmernde Rüstung und gingen, in Waffen leuchtend und von Streitlust
brennend, der Gegend zu, von welcher der Hall des Kampfes ihnen entgegenlärmte.
Durch die gebrochenen Reihen der Argiver zuckte eine Freude, als sie die beiden
tapfersten Männer heraneilen sahen. Diese aber stürzten sich sogleich mit brennendem
Eifer in den Kampf und fingen an, unter dem trojanischen Heere zu würgen. Ajax
warf sich auf die Männer, und seinen ersten Speerstößen erlagen vier Trojaner.
Achill aber kehrte sich gegen die Amazonen, und vier der Jungfrauen erlagen
seinen Streichen: dann stürzten sich beide miteinander auf die Masse des feindlichen
Heeres, und mit geringer Mühe waren die noch jüngst so dicht stehenden Reihen
der Feinde gelichtet.
Als Penthesilea dies inneward, stürzte sie unmutig ihren beiden Feinden entgegen,
wie ein Panthertier den Jägern entgegeneilt. Jene aber reckten sich, daß ihre
ehernen Panzer klirrten, und hielten ihre Lanzen empor. Die Amazone warf ihren
Speer zuerst auf Achill. Der Schild des Helden fing ihn auf, daß er zersplitternd
abprallte, als wäre er auf einen Felsen gestoßen. Mit der zweiten Lanze zielte
sie jetzt auf Ajax, und zugleich rief sie beiden Helden zu: »Wenn auch mein
erster Wurf mißlang, dieser zweite soll euch Prahlern Kraft und Leben rauben,
die ihr euch rühmet, die Stärksten im Heere der Danaer zu sein, aber jetzt nur
hergekommen seid, um zu erfahren, daß ein Weib mehr vermag als ihr beide zusammen!«
So rief sie und brachte durch ihre Rede die Helden zum Lachen. Ihre Lanze aber
erreicht die silberne Beinschiene des Ajax, und so gerne sie in seinem Blute
geschwelgt hätte, vermochte sie doch nicht einmal seine Haut zu ritzen, denn
die Waffe prallte von der ehernen Fußbekleidung ab. Ajax, ohne sich viel um
die Amazone zu bekümmern, stürzte sich auf die Schlachtreihen der Trojaner und
überließ dem Achill die Feindin, denn er zweifelte in seinem Geiste keinen Augenblick,
daß dieser allein mit ihr fertig werden würde, so bald wie ein Habicht mit einer
Taube.
Penthesilea, als sie sah, daß auch ihr zweiter Wurf ohne Erfolg geblieben,
stieß einen lauten Seufzer aus; Achill aber maß sie mit seinen Blicken und rief
ihr zu: »Sage mir, Weib, wie hast du dich erdreisten können, dich so übermütig
uns entgegenzuwerfen und uns, die gewaltigsten Helden der ganzen Erde, zu bekämpfen,
uns, die wir vom Blute des Donnerers selbst entsprossen sind und vor welchen
Hektor bebte und erlegen ist? Der Wahnsinn muß aus dir gesprochen haben, als
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