Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet
admin am Mrz 29th 2008
und doch gewaltige Königin in Panzer und Schienen von Erz gehüllt, einer Göttin
ähnlich, einherschreiten sahen, strömten sie von allen Seiten voll Bewunderung
herbei und konnten sich, als die Jungfrauenschar näher heranzog, an der Schönheit
ihrer Fürstin mit Blicken nicht genug ersättigen; denn in ihren Zügen war das
Schreckliche wunderbar mit dem Lieblichen verbunden: ein holdseliges Lächeln
schwebte auf ihren Lippen, und wie Sonnenstrahlen leuchteten unter langen Wimpern
ihre lebensvollen Augen; ihre Wangen bedeckte eine sittsame Röte, und über das
ganze Antlitz verbreitete sich mädchenhafte Anmut, beseelt von kriegerischem
Feuer. So betrübt das Volk Trojas vorher gewesen war, so fröhlich jauchzte es
jetzt bei diesem Anblicke. Selbst das trauernde Herz des Königes Priamos wurde
wieder etwas freudiger gestimmt, und als er die herrliche Penthesilea ansah,
da wurde ihm zumute wie einem Halbverblendeten, dem ein wohltätiger Lichtstrahl
ins kranke Auge dringt. Aber seine Freude war nur mäßig und gedämpft durch die
Erinnerung an den Verlust soviel trefflicher, nicht minder schöner Söhne. Doch
führte er die Königin in seine Wohnung ein, ehrte sie wie eine eigene Tochter
und bewirtete sie aufs köstlichste. Die auserlesensten Geschenke wurden für
sie auf sein Geheiß herbeigebracht, und noch mehrere versprach er ihr für die
Zukunft, wenn es ihr glücken sollte, die Trojaner der Gefahr zu entreißen. Die
Amazonenkönigin aber erhub sich von dem Ehrenstuhl, auf dem sie Platz genommen,
und vermaß sich eines Schwures, der noch keinem Sterblichen in den Sinn gekommen
war; sie verhieß dem Könige den Tod des göttergleichen Achill: ihn und alle
Scharen der Argiver wollte sie vertilgen, und ihr Feuer sollte alle feindlichen
Schiffen fressen! So schwor die Törin, welche den lanzenschwingenden Helden
und seinen furchtbaren Arm noch nicht kannte. Als Andromache, Hektors trauernde
Witwe, dieses Versprechen mit anhörte, da dachte sie bei sich selber: ›O du
Arme, du weißt nicht, was du gesprochen hast und wessen du dich im Stolze vermissest!
Wie sollte dir die Kraft zu Gebote stehen, die zum Kampfe mit dem männermordenden
Helden erforderlich ist? Bist du von Sinnen, Verlorene, und siehest das Ziel
des Todes nicht, vor dem du jetzt schon stehest? Schauten doch auf meinen Gatten
Hektor, wie auf einen Gott, alle Trojaner hin, und doch hat der Speer des Peliden
seinen Hals durchbohrt! O möchte mich die Erde verschlingen!‹
So dachte Andromache bei sich. Indessen war der Tag zu Ende gegangen, und nachdem
die Heldinnen sich vom Zuge erholt und mit Speise und Trank gelabt hatten, wurde
der Fürstin und ihren Begleiterinnen von den Dienstmägden des Palastes ein behagliches
Lager bereitet, auf welchem Penthesilea bald in einen tiefen Schlummer sank.
Da nahete ihr auf Athenes Befehl ein verderbliches Traumbild. Ihr eigener Vater
erschien ihr im Schlafe und drang in sie, den Kampf mit dem schnellen Achill
zu beginnen. Der Jungfrau, wie sie das täuschende Gesicht erblickte, schlug
das Herz im Busen, und sie hoffte noch am heutigen Tage das Ungeheure zu vollführen.
Erwacht, sprang sie vom Lager und legte sich die schimmernde Rüstung, die ihr
Ares selbst geschenkt hatte, um die Schultern, paßte sich die goldenen Schienen
an, umhüllte sich mit dem strahlenden Panzer und warf das Wehrgehäng, an welchem
in einer Scheide von Silber und Elfenbein das mächtige Schwert hing, sich über
die Achsel. Dann nahm sie ihren Schild, welcher schimmerte wie der Mond, wenn
er aus dem Spiegel des Meeres aufsteigt, und setzte den Helm aufs Haupt, von
dem eine goldgelbe Mähne herabfloß. In die Linke nahm sie zwei Speere, und in
die Rechte eine zweischneidige Axt, welche ihr einst die verderbliche Göttin
der Zwietracht als Kriegswaffe geschenkt hatte. Als sie so in der blinkenden
Rüstung zum Palaste hinausstürmte, glich sie einem Blitzstrahle, den die Hand
des Zeus vom Olymp auf die Erde herabschleudert.
Jauchzend vor Lust eilte sie zu den Mauern der Stadt hinaus und ermunterte
die Trojaner zum rühmlichen Kampfe. Auf ihren Ruf versammelten sich auch sogleich
die tapfersten Männer, die vorher dem Achill nicht mehr entgegenzusehen gewagt
hatten. Penthesilea selbst aber schwang sich im Drange der Kriegslust auf ein
schönes, schnellfüßiges Pferd, ein Geschenk der Gemahlin des thrakischen Königes
Boreas, das so rasch flog wie die Harpyien. Auf diesem Rosse jagte sie hinaus
aufs Schlachtfeld und alle ihre Jungfrauen, gleichfalls zu Rosse ihr nach. Ganze
Scharen troischen Volkes begleiteten sie. König Priamos, der im Palaste zurückblieb,
hob seine Hände gen Himmel und betete zu Zeus: »Höre, o Vater, und laß Achajas
Scharen am heutigen Tage vor der Tochter des Ares in den Staub sinken, sie selbst
aber glücklich in meinen Palast zurückkehren. Tue es deinem gewaltigen Sohne
Ares zu Ehren; tu es ihr selbst zu Liebe, die einem Gotte entstammt und euch
unsterblichen Göttern so ähnlich ist; tu es auch um meinetwillen, der ich so
vielfach gelitten, so viele schöne Söhne unter den Händen der Griechen habe
dahinsinken sehen! Tu es, solange noch vom edeln Blute des Dardanos etwas übrigbleibt
und die alte Stadt Troja noch unzerstört ist!« Kaum hatte er ausgebetet, so
stürmte ihm zur Linken ein kreischender Adler durch die Luft, der eine zerrissene
Taube in den Krallen hielt. Ein Schauer der Furcht durchbebte das Gebein des
Königes bei diesem Vorzeichen, und die Hoffnung entsank seiner Brust.
Inzwischen sahen die Griechen in ihrem Schiffslager die Trojaner, an deren
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