Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet

admin am Mrz 29th 2008

sich wieder vom Sitz, eilte hinaus und schlachtete ein Schaf. Seine Freunde
zogen die Haut ab, schnitten das Fleisch in Stücke und brieten es sorgfältig
am Spieße. Dann setzten sie sich zu Tische: Automedon verteilte in zierlichen
Körben das Brot, Achill das Fleisch, und alle sättigten sich nun mit Speise
und Tranke. Staunend betrachtete Priamos Wuchs und Gestalt seines edlen Wirtes,
denn er glich den Unsterblichen. Aber auch Achill staunte vor Priamos, wenn
er ihm in das Angesicht voll Würde schaute und die weise Rede des Greisen vernahm.
Als nun das Mahl vorüber war, sprach Priamos: »Bette mich jetzt, edler Held,
daß wir uns am erquickenden Schlaf sättigen; denn seit mein Sohn gestorben ist,
haben sich meine Augenlider nicht mehr geschlossen, und das erste Mal habe ich
Fleisch und Wein gekostet.«

Sofort befahl Achill seinen Genossen und den Mägden, ein Bett unter die Halle
zu stellen, mit Purpurpolstern zu belegen, Teppiche darüber zu breiten und zottige
Mäntel als Decken darauf. So wurde jedem der Fremdlinge ein gesondertes Lager
bereitet; und nun sprach Achill freundlich: »Lagere dich jetzt draußen, lieber
Greis, es möchte dich einer der Danaerfürsten, die sich beständig in meinem
Zelte zum Rat versammeln, durchs Dunkel hinschleichen sehen und es dem Völkerhirten
Agamemnon melden. Der aber könnte dir den Leichnam streitig machen. Jetzt sage
mir aber auch noch: wieviel Tage gedenkst du auf die Bestattung deines edlen
Sohnes zu verwenden? Damit ich so lange ruhe und auch das Volk von jedem Angriff
abhalte.« »Wenn du mir es vergönnst«, antwortete Priamos, »meinem Sohne eine
Leichenfeier zu halten, so gestatte mir deine Güte elf Tage. Du weißt, wir sind
in die Stadt eingeschlossen und müssen das Holz fern im Gebirge holen. So brauchen
wir neun Tage zur Vorbereitung, am zehnten möchten wir ihn bestatten und das
Totenmahl feiern, am eilften ihm einen Ehrenhügel auftürmen; am zwölften Tage,
wenn es so sein muß, wollen wir wieder kämpfen.« »Auch dieses geschehe, wie
du begehrst«, erwiderte Achill; »ich werde das Heer so lange zurückhalten, als
du gefordert.« So sprechend, faßte er die Rechte des Greises am Knöchel, um
seinem Herzen alle Furcht zu benehmen. Dann entließ er ihn zum Schlafe und legte
sich selbst im innersten Raume seines Zeltes nieder.

Während so alles schlief, blieb Hermes der Gott schlummerlos und erwog im Geiste,
wie er den König Trojas, von den Wächtern ungesehen, aus den Schiffen zurückführen
möchte. Deswegen trat er zu dem Haupte des schlummernden Greises und sprach
zu ihm: »Alter, du schläfst fürwahr sehr unbesorgt bei feindlichen Männern,
nachdem dich alles verschont hat. Es ist wahr, du hast den Sohn teuer gelöst;
aber wenn Agamemnon und die Griechen es wüßten, so müßten deine Söhne daheim
dich, den Lebenden, mit dreimal größerem Lösegeld auskaufen!« Der Greis erschrak
und weckte den Herold; Hermes selbst spannte ihnen Rosse und Mäuler ein und
schwang sich zu dem König in den Wagen; Idaios lenkte die Maultiere mit dem
Leichnam. So fuhren sie unbemerkt durch das Heer und hatten bald das griechische
Lager hinter sich.
Hektors Leichnam in Troja

Hermes begleitete den König bis an die Furt des Skamander. Dort schied er aus
dem Wagen und entflog zum hohen Olymp. Priamos und der Herold aber trieben seufzend
und wehklagend die Rosse mit dem Wagen des Königes und die Maultiere mit dem
Leichnam in die Stadt. Es war früher Morgen, alles lag noch im Schlummer, und
niemand sah sie herankommen; nur Kassandra hatte die Burg von Pergamos erstiegen
und erschaute von ferne ihren Vater im Wagensitze stehend, den Herold mit dem
Maultierwagen und in diesem auf Gewanden ausgestreckt den Leichnam. Da begann
sie laut zu wehklagen und rief, daß es in der stillen Stadt widerhallte: »Schaut
doch hin, ihr Troer und ihr Troerinnen, dort kommt ja Hektor, ach nur der tote
Hektor! Habt ihr euch jemals des Lebenden erfreut, wenn er siegreich aus der
Feldschlacht zurückkehrte, so begrüßt jetzt auch den Gestorbenen!« Auf ihren
Ruf blieb kein Mann und kein Weib in der Feste; denn aller Herzen durchdrang
eine grenzenlose Trauer. Am Tore begegneten Männer und Frauen, voran die Mutter
und die Gattin Hektors, dem Führer des Leichenwagens; jene beiden rauften ihr
Haar aus, stürzten sich auf den Wagen und legten ihre Hände auf das Haupt des
Erschlagenen; die Menge umringte sie in Tränen, und sie hätten den Wagen mit
ihrem Wehklagen bis zum Abend aufgehalten, wenn nicht Priamos von seinem Wagensitz
zu dem Volke geredet hätte: »Macht Platz und laßt die Maultiere hindurchgehen;
wenn ich ihn ins Haus geführt, möget ihr euch satt weinen!« Auf seinen Ruf wichen
die Volkshaufen ehrfurchtsvoll dem Wagen.

Sobald die Leiche am Palaste des Königes angekommen war, wurde sie auf ein
schönes Gestell gelegt und Sänger zugeordnet, welche mit kläglichen Lauten den
Trauergesang unter dem Nachseufzen der Weiber anstimmten. Vor allen klagte die
Fürstin Andromache, die noch in der Blüte ihres Lebens, vor dem Leichname stand
und sein Haupt in ihren Händen hielt. »Herrlicher Gatte«, rief sie, »so verlorst
du dein Leben und lässest mich als Witwe hier im Palaste und mit mir unser unmündiges
Kind. Ach, schwerlich blüht dieses wohl zum Jünglinge heran! Denn vorher noch
wird Troja zerstört, da du, der Stadt Verteidiger, starbest, du Schutz der züchtigen

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