Gustav Schwab – Achill neu bewaffnet

admin am Okt 13th 2011


Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet als PDF downloaden


Geschick herannaht, als ich ihm jetzt eine herrliche Rüstung fertigen will,
die ihn erfreuen soll und die noch mancher Sterbliche, der sie erblickt, anstaunen
wird!« So sprach er, verließ die Göttin, und in seine Feueresse hinkend, kehrte
er die Blasebälge ins Feuer und ließ sie mit Macht arbeiten. Ihrer zwanzig schickten
den glühenden Wind zugleich in die Öfen hinein, während in mächtigen Tiegeln
Erz, Zinn, Silber und Gold auf der Glut stand. Alsdann richtete er den Amboß
auf dem Blocke zurecht, griff mit der Rechten nach seinem gewaltigen Hammer
und faßte mit der Linken die Zange. Und nun fing er an zu schmieden und formte
zuerst den riesenmäßigen starken Schild aus fünf Schichten, mit einem Silbergehenk
und dreifachem blanken Rande. Auf der Wölbung des Schilds bildete er die Erde,
das wogende Meer, den Himmel mit Sonne, Mond und allen Gestirnen ab; ferner
zwei blühende Städte, die eine voll von Hochzeitfesten und Gelagen, mit Volksversammlung,
Markt, hadernden Bürgern, Herolden und Obrigkeiten; die andere von zwei Heeren
zugleich belagert: in den Mauern Weiber, unmündige Kinder, wankende Greise;
die Männer der Stadt, vor dieser draußen in einen Hinterhalt gelagert und den
Hirten in die Herden fallend. Auf einer andern Seite Schlachtgetümmel; Verwundete,
Kampf um Leichname und Rüstungen. Weiter schuf er ein lockres Brachfeld, mit
Bauern und Ochsen am Pflug; ein wallendes Ährenfeld voll Schnitter, seitwärts
unter einer Eiche die Mahlzeit bereit; weiter einen Rebgarten voll schwarzer,
schwellender Trauben, an Pfählen von lauterem Silber, ringsum ein Graben von
blauem Stahl und ein Gehege von Zinn; eine einzige Furche führte durch den Weingarten,
und eben war Lese: Jünglinge jauchzten, und rosige Jungfrauen trugen die süße
Frucht in schönen Körben davon; mitten in der Schar ging ein Leierknabe, den
andere umtanzten. Weiter schuf er eine Rinderherde aus Gold und Zinn, längs
einem wallenden Fluß mit vier goldenen Hirten und neun Hunden; vorn in die Herde
waren zwei Löwen gefallen und hatten einen Farren gefaßt, die Hirten hetzten
ihre Hunde, die bellend auf Sprungweite von den Löwen standen. Wiederum schuf
er eine anmutige Taltrift, von silbernen Schafen durchschwärmt, mit Hirtengehegen,
Hütten und Ställen; endlich einen Reigen von blühenden Jünglingen und Jungfrauen
in glänzenden Gewanden; jede Tänzerin schmückte ein Kranz, die Tänzer hatten
goldene Dolche an silbernen Riemen hangen; zwei Gaukler drehten sich im Kreise
zur Harfe eines Sängers; Zuschauergedränge umgab den Reigen. Um den äußersten
Rand des Schildes schlang sich der Strom des Ozeans wie eine Schlange.

Als er den Schild vollendet, schmiedete er auch den Harnisch und gab ihm helleren
Glanz, als das Feuer hat; dann den schweren prangenden Helm, den Schläfen ganz
gerecht, mit goldnem Haarbusch; und zuletzt Beinschienen aus dem feinsten Zinn.
Dieses ganze Geräte legte er gehäuft vor die Mutter des Peliden hin. Sie aber
warf sich auf die Rüstung, wie ein Habicht auf die Beute, dankte und trug das
schimmernde Waffengeschmeide mit ihren Götterhänden von dannen.

Mit dem ersten Morgenlichte war sie wieder bei ihrem Sohne, der, noch immer
weinend und von jammernden Genossen umgeben, über seinen Freund Patroklos gestreckt
lag. Sie legte die Waffen vor Achill nieder, daß alle die Wunder zusammenrasselten.
Die Myrmidonen zitterten bei dem Anblicke, und keiner wagte der Göttin gerade
ins Gesicht zu schauen. Dem Peliden aber funkelten die Augen unter den Wimpern
wie Feuerflammen, von Zorn und Freude; er hielt die herrlichen Gaben des Gottes,
eine um die andere, in die Höhe, und weidete lange sein Herz an der Betrachtung.
Dann brach er auf, sich damit zu waffnen. »Sorget mir dafür«, sprach er im Weggehen
zu seinen Freunden, »daß nicht Fliegen in die Wunden meines erschlagenen Streitgenossen
schlüpfen und den schönen Leichnam entstellen!« »Laß dies meine Sorge sein«,
sprach Thetis; und nun flößte sie dem Patroklos Ambrosia und Nektar in die halbgeöffneten
Lippen, und dieser Götterbalsam durchdrang seinen Leib, daß er blieb wie ein
Lebender.

Achill aber ging an den Meerstrand, und seine Donnerstimme rief die Danaer
herbei. Da lief zusammen, was wandeln konnte; selbst die Steuermänner, die die
Schiffe noch nie verlassen hatten, kamen herbei; herbei hinkten, auf die Lanze
gestützt, Diomedes und Odysseus, die Verwundeten; alle Helden kamen, am spätesten
erschien der Völkerfürst Agamemnon, auch er noch krank an der Wunde, die ihm
Koon, der Sohn des Antenor, mit dem Speere gebohrt hatte.

Achill und Agamemnon versöhnt

Als die Versammlung vollzählig war, stand Achill auf und sprach: »Sohn des
Atreus, hätte lieber Artemis’ Pfeil an jenem Tage die Tochter des Brises bei
den Schiffen getötet, an dem ich sie mir aus dem zerstörten Lyrnessos zur Beute
erlesen, ehe so viele Argiver, dieweil ich zürnte, von den Feinden gebändigt,
den Staub mit den Zähnen knirschen mußten! Vergessen sei das Vergangene, wenn
es uns auch in der Seele kränkt: mein Zorn wenigstens ist besänftigt. Auf nun,
zum Gefecht! Ich will versuchen, ob die Trojaner noch Lust haben, bei den Schiffen
zu ruhen!«

Unermeßlicher Jubel der Griechen erfüllte bei diesen Worten die Luft. Und jetzt
erhub sich Agamemnon der Völkerfürst und sprach, aufgestanden von seinem Sitze,
doch ohne wie andere Redner in den Kreis vorzutreten: »Bändiget eure Zungen!


Tags: , ,

Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt