Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet

admin am Mrz 29th 2008

ich meinen Weg vollenden kann?« Erschrocken gehorchten die Söhne dem murrenden
Vater, führten die Maultiere vor den Lastwagen und luden die Lösegeschenke auf.
Alsdann spannten sie auch die sorglich gepflegten Rosse an den Wagen des Priamos,
und der greise Herold, der ihn begleiten sollte, war auf der Stelle. Mit bekümmertem
Herzen reichte Hekabe dem König den goldenen Becher zum Opfertrank; die Schaffnerin
nahte ihm mit Waschgefäß und Kanne, und als Priamos sich die Hände mit lauterem
Wasser besprengt, empfing er den Becher, stellte sich in die Mitte des Hofes,
spendete vom Weine und betete mit erhobener Stimme zu Zeus: »Vater Zeus, Herrscher
vom Ida, laß mich Barmherzigkeit und Gnade vor Peleus’ Sohn finden! Gib mir
auch ein Zeichen, daß ich getrost zu den Schiffen der Danaer gehen kann!« Kaum
hatte er ausgesprochen, so stürmte mit ausgebreiteten Fittichen ein schwarzgeflügelter
Adler rechts her über die Stadt. Alle Trojaner sahen es mit Wonne, und der Greis
schwang sich voll Zuversicht in den Wagensitz. Vor ihm her zogen die Maultiere
den schwerbepackten vierrädrigen Wagen, den der Herold Idaios lenkte. Hinter
diesem trieb der Greis mit der Geißel sein Rossegespann an; die Seinigen aber
folgten ihm alle wehklagend, als ob es zum Tode ginge. Als die Wagen draußen
vor der Stadt waren und Priamos und der Herold am Denkmale des alten Königs
Ilos vorbeieilten, hielten sie mit beiden Wagen ein wenig, um die Rosse und
Maultiere unten am Strome zu tränken. Der Abend war eingebrochen, und das Gefilde
lag rings in Dämmerung. Da bemerkte Idaios ganz in der Nähe die Gestalt eines
Mannes, und erschrocken sprach er zu Priamos: »Merk auf, Herr, hier gilt’s Besonnenheit!
Sieh den Mann dort; ich fürchte, er steht auf der Lauer und sinnt auf unsern
Tod. Wir sind unbewaffnet, dazu Greise; laß uns entweder umkehren und schnell
in die Stadt zurückfliehen oder seine Knie umfassen und ihn um Erbarmung flehen.«
Den Greis durchfuhr ein banger Schauer, und seine Haare sträubten sich. Jetzt
näherte sich die Gestalt; es war aber kein Feind, sondern der Abgesandte des
Zeus, Hermes, der Bringer des Heiles, welcher auserwählte Sterbliche auf ihren
Wegen zu begleiten hat. Dieser faßte die Hand des Königes, ohne daß er ihn erkannte,
und sprach: »Vater, wohin lenkst du in tiefer Nacht, wo andere Sterbliche schlafen,
deine Rosse und Maultiere? Fürchtest du dich denn gar nicht vor den erbitterten
Argivern? Wenn dich einer von ihnen so viel köstliche Habe durchs Dunkel führen
sähe, wie würde dir wohl zumute werden? Sorge jedoch nicht, daß ich dir etwas
zuleide tue; vielmehr möchte ich dich auch vor andern beschirmen, gleichst du
doch meinem lieben Vater an Gestalt! Aber sage mir, führst du soviel auserlesene
Güter flüchtend nach einem fremden Lande? Oder verlasset ihr alle bereits Troja,
nachdem ihr den tapfersten Mann verloren habt, der keinem Griechen an Mute wich?«
Priamos schöpfte leichter Atem und antwortete: »Wahrlich, jetzt sehe ich, daß
die Hand eines Gottes mich beschirmt, da mir ein so liebreicher und verständiger
Gefährte auf meinem Weg begegnet, der so schön vom Tode meines Sohnes redet.
Aber wer bist du, mein Guter, und welcher Eltern Kind?« »Mein Vater heißt Polyktor«,
antwortete Hermes, »ich bin von sieben Söhnen der letzte, ein Myrmidone und
Genosse des Achill; daher ich denn oft mit meinen Augen deinen Sohn kämpfen
und die Argiver zu den Schiffen treiben sah, während wir bei unserm zürnenden
Herrn standen und jenen aus der Ferne bewunderten.« »Wenn du ein Genosse des
schrecklichen Peliden bist«, fragte Priamos jetzt voll Ungeduld, »o so verkündige
mir, ob mein Sohn noch bei den Schiffen ist oder ob Achill ihn schon, in Stücke
zerhauen, den Hunden vorgeworfen hat!« »Nein«, antwortete Hermes, »er liegt
noch im Zelte des Achill, von Moder unberührt, obgleich schon der zwölfte Morgen
verflossen ist und der Held ihn mit jedem Sonnenaufgang ohne Mitleid um das
Grab seines Freundes schleift. Du würdest dich selbst verwundern, wenn du sähest,
wie frisch und tauig er daliegt, vom Blute gereinigt, alle Wunden geschlossen.
Selbst im Tode pflegen die Götter noch seiner.« Voll Freude langte Priamos den
herrlichen Becher hervor, den er bei sich im Wagen liegen hatte. »Nimm ihn«,
sprach er, »verleih mir deinen Schutz dafür und geleite mich zum Zelte deines
Herrn.« Hermes, als scheute er sich, ohne Achills Wissen Geschenke zu nehmen,
wies die Gabe ab, schwang sich jedoch zu dem Helden in den Wagen, ergriff Zaum
und Geißel, und bald hatten sie Graben und Mauer erreicht. Hier fanden sie die
Hüter eben mit dem Nachtmahle beschäftigt. Doch ein Wink des Gottes versenkte
sie in tiefen Schlaf, und ein Druck seiner Hand schob den Riegel vom Tore. So
gelangte Priamos mit seinem Lastwagen glücklich vor die Lagerhütte des Peliden,
die hoch aus Balken gebaut und mit Schilf bedeckt, auch mit einem geräumigen
Hofe umgeben war, den eine dichte Reihe von Pfählen umschloß. Nur ein einziger
tannener Riegel verschloß die Pforte, aber so schwer, daß nur drei starke Griechen
ihn vor- oder zurückschieben konnten; nur Achill selbst brauchte keine Beihilfe
dazu. Jetzt aber öffnete Hermes das Tor ohne Mühe, stieg vom Wagen, gab sich
als Gott zu erkennen und verschwand, nachdem er dem Greis geraten, des Helden
Knie zu umfassen und ihn bei Vater und Mutter zu beschwören.

Priamos sprang jetzt auch vom Wagen und übergab dem Idaios Rosse und Maultiere.
Er selbst ging geraden Weges auf die Wohnung zu, wo Achill saß. Er traf ihn
zu Hause, getrennt von den Seinigen, nur von den Helden Atomedon und Alkimos

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