Gustav Schwab - Achill neu bewaffnet

admin am Mrz 29th 2008

seinen Myrmidonen umringt, am Meergestade nieder, wo der kiesige Strand von
den Wellen reingespült war.

Lange seufzte er hier noch auf dem harten Lager um den erschlagenen Freund.
Als ihn aber endlich der Schlummer umfangen hatte, kam die Seele des jammervollen
Patroklos im Traumbilde zu ihm, an Größe, Gestalt, Stimme und Augen jenem ganz
ähnlich, den Leib eingehüllt in Gewande. So trat der Schatten zu seinen Häupten
und sprach: »Schläfst du, meiner so ganz vergessen, Achill? Des Lebenden zwar
hast du immerdar gedacht, aber nicht also des Toten! Gib mir ein Grab, denn
mich verlangt sehr, durch das Tor des Hades einzugehen! Bis jetzt hab ich es
nur irrend umwandelt, und es sitzen als Wächter Seelen da, die mich zurückscheuchen.
Ehe der Scheiterhaufen mir gewährt worden ist, kann ich nicht zur Ruhe kommen.
Du mußt aber wissen, Freund, daß auch dir vom Schicksal bestimmt ist, nicht
ferne von der Mauer Trojas zu fallen. Richte deswegen mein Grab so ein, daß
unser beider Gebein nebeneinander ruhen kann, wie wir zusammen in deines Vaters
Wohnung aufgewachsen sind.«

»Ich gelobe dir alles, Bruder!« rief Achill und streckte die Hände nach dem
Schattenbilde aus: da sank die Seele schwirrend zur Erde hinab wie ein Rauch.
Der Held sprang bestürzt vom Lager auf, schlug die Hände zusammen und sprach
jammernd: »So leben denn die Seelen wirklich noch in der Behausung des Hades,
aber ach! ein besinnungsloses Leben! Diese Nacht stand ja leibhaftig vor mir
des Patroklos Seele, traurig und klagend, aber ihm in allem gleich!« Dadurch
erregte Achill allen Helden die Sehnsucht nach dem Toten aufs neue.

Als aber die Morgenröte anbrach, da verließen auf Agamemnons Befehl Männer
und Maultiere die Lagerzelte, Meriones an ihrer Spitze: die Tiere voran, die
Männer mit Äxten und Seilen ihnen folgend. Da wurden von ihnen auf den Waldhöhen
des Ida die hochstämmigsten Bäume gefällt, das Holz zerschlagen und den Maultieren
aufgeladen. Diese trabten damit hinab nach den Schiffen; auch die Männer schleppten
Holzklötze auf den Schultern, und am Meeresstrande wurde alles in Reihen niedergelegt.
Nun befahl Achill seinen Myrmidonen, ihre Erzrüstung anzulegen, und den Reisigen,
die Wagen anzuspannen. Bald setzte sich der Leichenzug in Bewegung: die Fürsten,
Kämpfer und Wagenlenker, von den Rossen gezogen, voran; ein dichtes Gewölk von
Fußvolk zu Tausenden hintendrein. In der Mitte trugen den Patroklos seine Streitgenossen
und Freunde; der Leichnam war ganz mit geschorenen Locken bedeckt, sein Haupt
hielt Achill, der Leiche folgend, selbst in den Händen, in tiefe Trauer versenkt.

Als sie den von diesem für das Grab seines Freundes bezeichneten Ort erreicht
hatten, setzten sie die Totenbahre nieder, und ein ganzer Wald von Bäumen wurde
zum Scheiterhaufen herbeigebracht. Der Pelide stellte sich abgewandt vom Gerüste
und schor sein braungelocktes Haar, dann schaute er in die dunkle Meeresflut
und sprach: »O Spercheios, thessalischer Heimatfluß, vergebens gelobte mein
Vater Peleus, ich sollte heimgekehrt dir mein Haar scheren und an deinen Quellen,
wo du Hain und Altar hast, dir fünfzig Widder opfern! Du hast sein Flehen nicht
gehört, Stromgott! du lässest mich nicht heimkehren. So zürne mir auch nicht,
wenn ich mein Lockenhaar dem Freunde Patroklos mit in den Hades zu tragen gebe!«
Mit diesen Worten legte er sein Haupthaar in die Hände des Freundes, trat zu
Agamemnon und sprach: »Heiß die Völker sich einmal sättigen am Gram, o Fürst!
Gebeut ihnen, sich zu zerstreuen und das Mahl einzunehmen, uns laß das Werk
der Bestattung vollenden!«

Auf Agamemnons Befehl zerstreute sich das Kriegervolk zu den Schiffen, und
nur die bestattenden Fürsten blieben auf der Stelle. Da fingen sie an, ein ungeheures
Gerüst aus den gefällten und behauenen Baumstämmen aufzuführen, je hundert Fuß
ins Gevierte. Oben darauf legten sie mit betrübten Herzen den Leichnam. Dann
zogen sie eine Menge Schafe und Hornvieh vor dem Scheiterhaufen ab; die abgezogenen
Leiber wurden umhergehäuft, mit dem Fette der Leichnam bedeckt, gegen die Bahre
Honig und Ölkrüge gelehnt, auch vier lebendige Rosse ächzend auf das Gerüst
geworfen; sodann zwei der neun Haushunde geschlachtet; endlich mit dem Schwert
erwürgt zwölf tapfere trojanische Jünglinge, aus der Zahl der Gefangenen erlesen.
Denn entsetzlich rächte Achill den Tod seines Freundes.

Und nun hieß er die Flamme wüten und rief, während der Holzstoß angezündet
wurde, dem Toten zu: »Möge dich noch in der Unterwelt Freude begleiten, Patroklos!
Was ich gelobt habe, ist vollbracht. Zwölf Opfer verzehrt die Glut. Nur den
Hektor soll sie nicht verzehren; nicht der Flammen, der Hunde Raub soll er sein!«
So sprach er drohend; doch die Götter fügten dieses nicht so: Tag und Nacht
wehrte Aphrodite die heißhungrigen Hunde von Hektors Leichnam ab und salbte
ihn mit ambrosischem Balsam voll Rosenduft, daß auch keine Spur von der Schleifung
übrigblieb. Apollo zog eine dunkle Wolke über die Stelle, wo er lag, daß die
Sonne sein Fleisch nicht ausdörren konnte.

Der Scheiterhaufen der Patroklos war nun zwar angezündet, aber die Glut wollte
nicht lodern. Da wandte sich Achill abermals vom Gerüste, gelobte den Winden
Boreas und Zephyros Opfer, spendete ihnen Wein aus goldenem Becher und flehte
sie, das Holz mit raschem Hauche zum Brand anzufachen. Iris brachte den Winden

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