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999. Nacht

Nunmehr trat der Schuhflicker hervor: “O Greis, es
ist heute ein Mann zu mir gekommen, der hat mir einen Schuh zum Ausbessern
gegeben. “Was gibst Du mir dafür?”, fragte ich ihn. “Was Dir
Freude machen wird,” war die Antwort. Ich verlange aber nicht weniger, als
sein ganzes Vermögen.” Da sagte zu ihm der Greis: “Wenn er wollte von
Dir nehmen, anstatt dir zu geben, so könnte er es tun.” – “Und wie
denn?” – “Wenn er Dir nun sagte,” fuhr der Greis fort, “der
Sultan hat seine Feinde besiegt, seine Gegner in die Flucht geschlagen, und
seine Bundesgenossen vermehrt. Macht Dir diese Nachricht Freude?” Wenn Du
sagst: Ja, so nimmt er seinen Schuh, und geht fort, ohne Dir weiter etwas zu
geben. Sagst Du aber: Nein, so wird Dir der Hals abgeschlagen.” Hier
erkannte er, dass er überlistet werden könne, und trat zurück.

Nun sprach derjenige, der mit dem Kaufmann das
Richterspiel gespielt hatte, zum Greis: “Ich spielte heute mit einem Mann,
und habe gewonnen. Da trug ich ihm auf, entweder das Meer auszutrinken, oder
wenn er das nicht könnte, mir einen Teil seines Vermögens zu geben.” – Da
sprach der Greis zu ihm: “Wenn er wollte, so könnte er Dich
überlisten.” – “Und wie das?”, fragte jener. – “Er darf Dir
nur sagen,” erwiderte der Greis, “Du solltest die Ausflüsse der
Ströme verstopfen, denn nur das Meer habe er sich verpflichtet zu trinken,
nicht aber die Ströme, die sich hinein ergießen. Das wirst Du aber nicht
können, und dann würde der Urteilsspruch der Richter gegen Dich
ausfallen.” Hieraus ersah er, dass er verlieren könne.

Sodann nahten sich noch mehrere andere dieses Gelichters
dem Greis, und erzählten ihm, was sie den Tag über getan hatten. Der Kaufmann
aber merkte sich wohl, was der Greis gesagt hatte, dankte ihm in seinem Herzen,
und ging froh von dem Ort, wo er sich verborgen hatte, ohne bemerkt zu werden,
nach Hause, und erwartete ruhig den andern Morgen. Der Tag war noch nicht lange
angebrochen, als sich auch schon einer von den Betrügern bei ihm meldete, und
zwar derjenige, mit dem er das Richterspiel gespielt hatte. Der Kaufmann sagte
ihm, dass er sein Versprechen nicht zurücknähme. “Du musst aber
vorher,” sagte er, “die Mündungen der Flüsse und Bäche verstopfen,
damit ich das Meer, wie Du gewollt hast, austrinken kann.” Der Betrüger
fand hier kein Mittel, auszuweichen. Er sah, dass er sich selbst eine Grube
gegraben hatte, und der Kaufmann ließ ihn nicht eher los, bis er ihm hundert
Goldstücke ausgezahlt hatte. Er ging darauf davon, und der Kaufmann schöpfte
nun Mut, ging zum Schuhflicker, und sagte zu ihm: “Der Sultan hat seien
Feinde überwunden, seine Gegner unterdrückt, seien Hilfsvölker haben sich
vermehrt, und seien Familie ist zahlreicher geworden. Bist Du damit
zufrieden?” – “Sehr wohl,” erwiderte jener, und der Kaufmann nahm
nun seinen Schuh, ohne irgend einen Lohn zu geben, und ging davon. Kaum war er
zwei Schritte gegangen, als der Einäugige ihm begegnete, und ihm zurief: “Gib
mir mein Auge.” – “Sehr gern,” antwortete der Kaufmann,
“reiß aber vorher das Deinige aus. Ich werde zugleich eines von meinen
ausreißen, dann wollen wir sie wiegen, wenn dann eins so viel wiegt, als das
andere, so werde ich sehen, dass Dein Vorgeben, dass ich Dir nämlich Dein Auge
gestohlen habe, wahr ist, und Du kannst mir dann Dein Auge wieder abnehmen. Sind
sie aber von verschiedenem Gewicht, so erkenne ich, dass Du ein Lügner bist,
und werde Dich vor dem Richter anklagen, um Ersatz für mein Auge zu
erhalten.” Bei diesen Worten wurde der Betrüger kleinmütig, bat erst um
Erlass, dann um Aufschub. “Ich bin ein Fremder,” antwortete der
Kaufmann, “und kann niemandem Aufschub gestatten, und ich lasse Dich daher
nicht los, bis Du mir Genugtuung verschafft hast.” Da sah sich der
Betrüger genötigt, ihm hundert Goldstücke auszuzahlen. Hierauf begab sich der
Kaufmann zu demjenigen, der ihm sein Sandelholz abgekauft hatte, und verlangte
Bezahlung. “Was willst Du für Dein Sandelholz haben?”, fragte ihn
dieser. – “Ganz, wie wir den Akkord miteinander gemacht haben. Einen Sack
voll dessen, was mir belieben wird.” – “Was verlangst Du denn?”,
fragte jener. “Ich will nicht geizig gegen Dich sein, und wenn Du den Sack
voll Gold verlangst, ich würde Dir ihn geben.” – “Ich verlange kein
Gold,” erwiderte der Kaufmann. – “Was willst Du denn?” -
“Ich will einen Sack voll Flöhe, halb Männchen und halb Weibchen.” -
“Das ist ja ganz unmöglich,” sagte jener. “Das kann Dir niemand
geben.” – “Gestehe also,” sagte der Kaufmann, “dass ich Dich
überlistet habe, und ich verlasse Dich nicht eher, als bis Du mir
Entschädigung gibst.” Da kaufte sich der Betrüger mit hundert
Goldstücken los, und gab ihm das Sandelholz zurück. Er verkaufte dies nun in
kurzer Zeit, machte großen Gewinn dabei, und kehrte in sein Land zurück, – ein
Glück, welches er kaum zu erreichen gehofft hatte!

Doch,” fügte der Sohn des Königs hinzu, “ist
das noch nicht so sonderbar, als die andere Geschichte.”

Geschichte des Knaben von fünf Jahren

Vier Kaufleute vereinigten sich zu einem Geschäft, wozu
sie insgesamt tausend Goldstücke beitrugen, welche sie in einen Beutel taten.
Darauf gingen sie fort, um dafür Waren einzukaufen. Auf ihrem Weg mussten sie
an einem großen Garten vorbei, dessen Schönheit sie einlud, einzutreten.