Sagen

Bestrafung der Mägde



Bestrafung der Mägde

Odysseus blickte umher und sah keinen lebenden Feind mehr. Sie lagen hingestreckt in Menge wie Fische, die der Fischer aus dem Netz geschüttet. Da ließ Odysseus durch seinen Sohn die Pflegerin berufen. Sie fand ihren Herrn unter den Leichen wie einen Löwen stehen, der Stiere zerrissen hat, dem der Rachen und die Brust von schwarzem Blute triefen und dessen Auge funkelt. So stand Odysseus, an Händen und Füßen mit Blut befleckt. Frohlockend jauchzte die Schaffnerin, denn der Anblick war groß und fürchterlich. »Freue dich, Mutter«, rief ihr der Held ernsthaft entgegen, »aber jauchze nicht: kein Sterblicher soll über Erschlagene jubeln! Diese hier hat das Gericht der Götter gefället, nicht ich. Jetzt aber nenne mir die Weiber des Palasts: welche mich verachtet haben, welche treu geblieben sind.« »Es sind fünfzig Dienerinnen im Hause«, antwortete Eurykleia, »die wir Kleider wirken, Wolle kämmen, das Hauswesen bestellen gelehrt haben. Von diesen haben sich zwölfe von euch abgewendet und weder mir noch Penelope gehorcht, denn dem Sohn überließ die Mutter das Regiment über die Mägde nicht. – Nun aber laß mich meine schlummernde Herrin erwecken, o König, und ihr die Freudenbotschaft verkünden.« »Wecke jene noch nicht«, antwortete Odysseus, »sondern schicke mir die zwölf treulosen Mägde herunter.« Eurykleia gehorchte, und zitternd erschienen die Dienerinnen. Da rief Odysseus seinen Sohn und die treuen Hirten zu sich heran und sprach: »Traget nun die Leichname hinaus und heißet die Weiber Hand anlegen. Dann lasset sie die Sessel und Tische mit Schwämmen säubern und den ganzen Saal reinigen. Wenn dies geschehen ist, führt mir die Mägde hinaus zwischen Küche und Hofmauer und machet sie alle mit dem Schwerte nieder, daß ihnen der Mutwill ausgetrieben wird, dem sie sich mit den Freiern überlassen haben!« Wehklagend und weinend sammelten sich die Weiber auf einen Haufen, aber Odysseus trieb sie zum Werke und herrschte sie an, bis sie die Toten hinausgetragen, Sessel und Tische gesäubert, den Estrich reingeschaufelt und den Unrat vor die Türe geschleppt hatten. Dann wurden sie von den Hirten zum Palaste hinaus, zwischen Küche und Hofmauer gedrängt, wo kein Ausweg war. Und nun sprach Telemach: »Diese schändlichen Weiber, die mein und meiner Mutter Haupt verunehrt haben, sollen keines ehrlichen Todes sterben!« Mit diesen Worten knüpfte er von Pfeiler zu Pfeiler, das Küchengewölbe entlang, ein ausgespanntes Seil, und bald hingen die Mägde, mit der Schlinge um den Hals, alle zwölf nebeneinander, wie ein Zug Drosseln im Netze und zuckten nur noch eine kurze Weile mit den Füßen in der Luft.

Jetzt wurde auch der boshafte Ziegenhirt Melanthios über den Vorhof herbeigeschleppt und in Stücke gehauen. Als Telemach und die Hirten dies vollbracht hatten, war das Werk der Rache beendigt, und sie kehrten zu Odysseus in den Saal zurück.

Hierauf befahl Odysseus der Schaffnerin Eurykleia, Glut und Schwefel auf einer Pfanne zu bringen und Saal, Haus und Vorhof zu durchräuchern. Noch ehe sie aber dieses Geschäft vornahm, brachte sie ihrem königlichen Herrn Mantel und Leibrock. »Du sollst mir«, sprach sie, »lieber Sohn und unser aller Herr, nicht mehr so mit Lumpen bedeckt im Saale dastehen, du, die herrliche Heldengestalt! Das wäre ja ganz unziemlich.« Odysseus aber ließ die Kleider noch liegen und hieß die Alte an ihr Geschäft gehen. Während diese nun den Saal und das ganze Haus durchräucherte, rief sie auch die treu gebliebenen Dienerinnen herbei. Diese drängten sich bald um ihren geliebten Herrn, hießen ihn mit Freudentränen willkommen, drückten ihr Angesicht auf seine Hände und konnten sich mit Küssen nicht ersättigen. Odysseus aber weinte und schluchzte vor Freuden; denn jetzt erkannte er, wer ihm treu geblieben war.

Botschaft der Griechen an Achill



Botschaft der Griechen an Achill

Im griechischen Lager hatte sich der Schrecken von der Flucht noch nicht gelegt, als Agamemnon die Fürsten Mann für Mann, doch nicht laut, zu einer Ratsversammlung rufen ließ. Tiefbekümmert saßen sie bald beisammen, und unter schweren Seufzern sprach der Völkerfürst: »Freunde und Pfleger des Volkes, in schwere Schuld hat mich Zeus verstrickt. Er, dessen gnädiger Wink mir verheißen hatte, daß ich als Sieger nach Vertilgung Trojas heimgehen sollte, hat mich betrogen und befiehlt mir jetzt, so viele tapfere Männer auf der Walstatt zurücklassend, ruhmlos nach Argos heimzukehren. Vergebens widersetzen wir uns dem Willen dessen, der schon so vielen Städten das Haupt zerschmettert hat und noch zerschmettern wird. Aber Troja sollen wir nicht erobern. So gehorchet mir denn, und laßt uns auf den schnellen Schiffen zum Lande der Väter fliehen!«

Lang blieben die bekümmerten Helden Griechenlands stumm, als sie das traurige Wort vernommen hatten, bis endlich Diomedes zu reden begann: »Zwar schmähtest du jüngst«, sprach er, »meinen Mut und meine Tapferkeit vor den Griechen, o König, jetzt aber will mir bedünken, daß dir selbst Zeus mit dem Zepter der Macht die Tapferkeit nicht verliehen hat. Glaubst du denn im Ernste, die Männer Griechenlands seien so unkriegerisch, wie du geredet? Wohl, wenn dich das Herz so sehr nach der Heimat drängt, so wandre! der Weg ist frei, und dein Schiff steht bereit! Wir andern Achiver wollen bleiben, bis wir die Burg des Priamos zerstört haben. Ja, wenn sie alle davongingen, so blieben doch wir, ich und mein Freund Sthenelos, und kämpften fort, im Glauben, daß eine Gottheit uns hierhergeführt!« Die Helden jubelten bei diesem Worte, und Nestor sprach: »Du könntest mein jüngster Sohn sein, o Jüngling, und doch hast du lauter Verständiges gesprochen. Auf daher, Agamemnon, gibt den Führern ein Mahl, du hast ja Weins genug in den Zelten; die Scharenhüter sollen sich am Graben draußen vor der Mauer lagern, du aber horche beim Becher auf den Rat der Besten unter dem Volke.«

So geschah es. Die Fürsten schmausten bei Agamemnon getrösteteren Muts, und nach dem Mahle sprach Nestor wieder in der Versammlung: »Agamemnon, du weißt, was seit dem Tage geschehen ist, an welchem du dem zürnenden Peliden die schöne Tochter des Brises aus den Zelten raubtest, wider unsern Sinn; denn ich habe dich mit großem Ernst abgemahnt. Jetzt ist es Zeit, darauf zu sinnen, wie wir das Herz des Gekränkten zur Versöhnung bewegen mögen.« »Du hast recht, o Greis«, antwortete Agamemnon, »ich habe gefehlt und leugne es nicht. Auch will ich es gerne gutmachen und dem Beleidigten unendliche Sühnung bieten: zehn Talente Goldes, sieben Dreifüße, zwanzig Becken, zwölf Rosse, sieben blühende lesbische Weiber, die ich selbst erobert, endlich die liebliche Jungfrau Brisëis selbst, die ich, obgleich ich sie dem Achill entrissen, doch immer in Ehren gehalten habe, wie ich mit heiligem Eide beschwören kann. Erobern wir dann Troja und teilen den Siegesraub, so will ich ihm selbst sein Schiff mit Erz und Gold vollfüllen, und er mag sich zwanzig Trojanerinnen, die schönsten nach Helena, zur Beute heraussuchen. Kommen wir nach Argos heim, so soll er sich eine von meinen Töchtern zur Gattin erwählen; er wird mir ein lieber Eidam sein, und meinen eigenen einzigen Sohn Orestes will ich nicht höher halten. Sieben Städte werde ich ihm zum Brautschatz geben. Solches alles will ich tun, sobald er von seinem Zorn abläßt.«

»Fürwahr«, antwortete ihm Nestor, »du bietest dem Fürsten Achill keine verächtlichen Gaben. Senden wir denn auf der Stelle auserlesene Männer, Phönix als Führer, dann den großen Ajax und den edlen Odysseus und mit ihnen die Herolde Hodios und Eurybates, zu den Zelten des zürnenden Helden.«

Nach einem feierlichen Trankopfer verließen wirklich die von Nestor ausgewählten Fürsten die Versammlung und gelangten in kurzem zu den Schiffen der Myrmidonen. Hier fanden sie den Achill, wie er auf der schönen gewölbten Leier mit silbernem Stege, einer Beute aus Eëtions Stadt, sein Herz erlabend spielte und Siegestaten der Helden dazu sang. Ihm gegenüber saß sein Freund Patroklos und harrte schweigend, bis jener den Gesang beendigt hätte. Als der Pelide die Abgesandten, Odysseus an der Spitze, kommen sah, erhub er sich staunend von seinem Sitze, die Leier in der Hand behaltend. Auch Patroklos stand auf, sobald er ihrer ansichtig wurde; beide gingen ihnen entgegen, und Achill faßte den Phönix und den Odysseus bei den Händen und rief »Freude sei mit euch, ihr Teuren! Zwar führt euch gewiß irgendeine Not zu mir her; doch ich liebe euch so sehr vor allen Griechen, daß ihr auch dem Zürnenden willkommen seid.« Schnell brachte jetzt Patroklos einen großen Krug Weines herbei. Achill selbst steckte den Rücken einer Ziege und eines Schafes und das Schulterblatt eines Mastschweins an den Spieß und briet alles mit Hilfe seines Gefährten Automedon. Nachdem sie sich nun, um das Mahl gelagert, an Speise und Trank gelabt hatten, winkte Ajax dem Phönix; Odysseus aber kam diesem zuvor, füllte den Becher mit Wein und trank dem Peliden mit einem Handschlage zu; dann begann er: »Heil dir, Pelide, deinem Schmaus gebricht es nicht an Fülle; aber nicht das liebliche Mahl ist’s, wonach uns verlangt, sondern unser großes Unglück führt uns zu dir. Denn jetzt gilt es unsere Rettung oder unsern Untergang, je nachdem du mit uns gehest oder nicht. Die Trojaner bedrohen den Steinwall und unsere Schiffe; Hektor, die Augen voll Mordlust, wütet, auf Zeus vertrauend. Erhebe dich denn, die Griechen wenn auch spät, zu befreien; bändige den Stolz deines Herzens; glaube mir, freundlicher Sinn ist besser als verderblicher Zank. Hat dir doch dein Vater Peleus selbst solche Ermahnungen mit auf den Zug gegeben!« Dann zählte ihm Odysseus alle die herrlichen Gaben auf, die Agamemnon ihm zur Sühne anbieten ließ und noch weiter versprach.

Aber Achill erwiderte: »Edler Sohn des Laërtes, ich muß deine schöne Rede von der Brust weg mit Nein beantworten. Agamemnon ist mir verhaßt wie die Pforte des Hades, und weder er noch die Griechen werden mich bereden, wieder in ihren Reihen zu kämpfen; denn wann habe ich einen Dank für meine Heldenarbeit davongetragen? Wie eine Mutter den nackten Vögelchen den gefundenen Bissen darbringt, auch wenn sie selbst hungert, so habe ich unruhige Nächte und blutige Tage genug zugebracht, um jenen Undankbaren ein Weib zu erobern, und was ich erbeutet hatte, brachte ich dem Atriden zur Gabe dar; er aber nahm die Schätze, behielt das meiste und verteilte davon nur weniges; mir selbst hat er auch die lieblichste Beute entrissen. Darum will ich morgen schon Zeus und den Göttern opfern; noch im Morgenrote sollen meine Schiffe im Hellespont schwimmen, und in dreien Tagen hoffe ich in Phthia zu Hause zu sein. Einmal hat er mich betrogen, zum zweiten Male wird er mich nicht täuschen; er begnüge sich! Gehet und meldet den Fürsten diese Botschaft, Phönix aber bleibe, wenn es ihm gefällt, und schiffe heim mit mir ins Land der Väter!«

Vergebens suchte Phönix, sein alter Freund und Führer, den jungen Helden auf andere Gedanken zu bringen. Dieser winkte dem Patroklos, dem alten Helden ein warmes Bette zurechtzumachen. Da stand Ajax auf und sprach: »Odysseus, laß uns gehen, in der Brust des Grausamen wohnt keine Milde; den Unbarmherzigen bewegt nicht die Freundschaft der Genossen, er trägt ein unversöhnliches Herz im Busen!« Auch Odysseus erhob sich nun vom Mahle, und nachdem sie den Göttern das Trankopfer dargebracht, verließen sie mit den Herolden das Zelt des Achill, bei dem nur Phönix zurückblieb.

Botschaft der Griechen an Priamos



Botschaft der Griechen an Priamos

Unterdessen, solange die Ausrüstung der Griechen sich vorbereitete, ward von Agamemnon im Rate seiner Vertrauten und der Häupter des Volkes, um auch gütliche Mittel nicht unversucht zu lassen, beschlossen, daß eine Gesandtschaft nach Troja an den König Priamos abgehen sollte, um sich über die Verletzung des Völkerrechts und den Raub der griechischen Fürstin zu beschweren und die entrissene Gattin des Fürsten Menelaos samt ihren Schätzen zurückzufordern. Es wurden hierzu in der Versammlung der Kriegshäupter Palamedes, Odysseus und Menelaos auserwählt; und obgleich Odysseus im Herzen der Todfeind des Palamedes war, so unterwarf er sich doch zum gemeinen Besten der Einsicht dieses Fürsten, der in dem griechischen Heere um seines Verstandes und seiner Erfahrung willen hoch gefeiert war, und überließ ihm willig die Ehre, am Hofe des Königs Priamos als Sprecher aufzutreten.

Die Trojaner und ihr König waren über die Ankunft einer Gesandtschaft, die mit einer ansehnlichen Schiffsrüstung erschien, in kein geringes Staunen versetzt. Sie wußten von der unmittelbaren Ursache der Sendung noch nichts; denn Paris verweilte noch immer mit seiner geraubten Gattin auf der Insel Kranaë und war in Troja verschollen. Priamos und sein Volk glaubten deswegen nicht anders, als der trojanische Kriegszug, der die Gesandtschaft des Paris und die Zurückforderung der Hesione unterstützen sollte, habe Widerstand in Griechenland gefunden, und jetzt nach seiner Vernichtung würden die Griechen, übermütig geworden, über die See herbeikommen, die Trojaner in ihrem eigenen Lande anzufallen. Die Nachricht, daß sich griechische Gesandte der Stadt näherten, versetzte sie daher in nicht geringe Spannung. Indessen öffneten sich jenen die Tore willig, und die drei Fürsten wurden sofort in den Palast des Priamos und vor den König selbst geführt, der seine zahlreichen Söhne und die Häupter der Stadt zu einem Rate zusammenberufen hatte. Palamedes ergriff vor dem Könige das Wort und beklagte sich bitter im Namen aller Griechen über die schändliche Verletzung des Gastrechts, die sich sein Sohn Paris durch den Raub der Königin Helena zuschulden kommen lassen. Dann entwickelte er die Gefahren eines Krieges, die dem Reiche des Priamos aus dieser Untat erwüchsen, zählte die Namen der mächtigsten Fürsten Griechenlands auf, die mit allen ihren Völkern auf mehr als tausend Schiffen vor Troja erscheinen würden, und verlangte die gütliche Auslieferung der geraubten Fürstin. »Du weißt nicht, o König«, so schloß er seine Rede, »was für Sterbliche durch deinen Sohn beschimpft worden sind: es sind die Griechen, die alle lieber sterben, als daß einem einzigen von ihnen durch einen Fremdling ungerechte Kränkung widerfahre. Sie hoffen aber, indem sie dieses Unrecht zu rächen kommen, nicht zu sterben, sondern zu siegen, denn ihre Zahl ist wie der Sand am Meere, und alle sind von Heldenmut erfüllt, und alle brennen vor Begierde, die Schmach, die ihrem Volke widerfahren ist, in dem Urheber zu tilgen. Darum verkündigt euch unser oberster Feldherr, Agamemnon, König der mächtigen Landschaft Argos und der erste Fürst Griechenlands, und mit ihm lassen euch alle anderen Fürsten der Danaer sagen: Gebet die Griechin, die ihr uns gestohlen habt, heraus, oder seid alle des Untergangs gewärtig!«

Bei diesen trotzigen Worten ergrimmten die Söhne des Königes und die Ältesten von Troja, zogen ihre Schwerter und schlugen streitlustig an ihre Schilde. Aber König Priamos gebot ihnen Ruhe, erhob sich von seinem Königssitze und sprach: »Ihr Fremdlinge, die ihr im Namen eures Volkes so strafende Worte an uns richtet, gönnet mir erst, daß ich von meinem Staunen mich erhole. Denn wessen ihr mich beschuldiget, davon ist uns allen nichts bewußt; vielmehr sind wir es, die wir bei euch uns über das Unrecht zu beklagen haben, das ihr uns andichtet. Unsre Stadt hat euer Landsmann Herakles mitten im Frieden angefallen, aus unsrer Stadt hat er meine unschuldige Schwester Hesione als Gefangene mit sich geführt und sie seinem Freunde, dem Fürsten Telamon auf Salamis, als Sklavin geschenkt; und es ist der gute Wille dieses Mannes, daß sie von ihm zu seiner ehelichen Gemahlin erhoben worden ist und nicht als Magd und Kebsweib dient. Doch konnte dies den unehrlichen Raub nicht wiedergutmachen; und es ist schon die zweite Gesandtschaft, die diesmal unter meinem Sohne Paris nach eurem Lande abgegangen ist, meine freventlich geraubte Schwester zurückzuverlangen, damit ich wenigstens noch in meinem Greisenalter mich ihrer erfreuen könne. Wie mein Sohn Paris diesen meinen königlichen Auftrag ausgerichtet, was er getan hat und wo er weilt, weiß ich nicht. In meinem Palaste und in unserer Stadt befindet sich kein griechisches Weib, dies weiß ich gewiß. Ich kann euch also die verlangte Genugtuung nicht geben, auch wenn ich wollte. Kommt mein Sohn Paris, wie mein väterlicher Wunsch ist, glücklich nach Troja zurück und bringt er eine entführte Griechin mit sich, so soll euch diese ausgeliefert werden, wenn sie anders nicht als Flüchtling unsern Schutz anfleht. Aber auch dann werdet ihr sie unter keiner andern Bedingung und nicht eher zurückerhalten, als bis ihr meine Schwester Hesione aus Salamis wieder in meine Arme zurückgeführt habt!«

Der Rat der Trojaner stimmte zu diesen Worten des Königs; aber Palamedes sprach trotzig: »Die Erfüllung unserer Forderung, o König, läßt sich von keiner Bedingung abhängig machen. Wir glauben deinem ehrwürdigen Antlitz und der Rede deines Mundes, die uns versichert, daß die Gemahlin des Menelaos noch nicht in deinen Mauern angekommen ist. Sie wird aber kommen, zweifle nicht; ihre Entführung durch deinen unwürdigen Sohn ist nur allzu gewiß. Was zu unserer Väter Zeiten von Herakles geschehen ist, dafür sind wir nicht mehr verantwortlich. Aber was einer deiner Söhne uns jetzt eben von empörender Kränkung zugefügt hat, dafür verlangen wir Rechenschaft von dir. Hesione ist willig mit Telamon davongezogen, und sie selbst sendet einen Sohn in diesen Krieg, der euch bevorsteht, wenn ihr uns nicht Genugtuung gebet: den gewaltigen Fürsten Ajax. Helena aber ist wider Willen und freventlich geraubt worden. Danket dem Himmel, der euch durch eures Räubers Zögerung Bedenkzeit gegeben hat, und fasset einen Beschluß, der das Verderben von euch abwendet.«

Priamos und die Trojaner empfanden die übermütige Rede des Gesandten Palamedes übel, doch ehrten sie an den Fremdlingen das Recht der Gesandtschaft; die Versammlung wurde aufgehoben und ein Ältester von Troja, der Sohn des Aisyetes und der Kleomestra, der verständige Antenor, schirmte die fremden Fürsten vor allen Beschimpfungen des Pöbels, führte sie in sein Haus und beherbergte sie dort mit edler Gastlichkeit bis zum andern Morgen. Dann gab er ihnen das Geleite an den Strand, wo sie die glänzenden Schiffe wieder bestiegen, die sie herbeigeführt hatten.

Chryses, Apollo und der Zorn des Achill



Chryses, Apollo und der Zorn des Achill

Unter diesen Begebnissen war das zehnte Jahr des Krieges angebrochen und der griechische Held Ajax von vielen glücklichen Streifzügen zurückgekehrt. Mit der Ermordung des Polydoros flammte der Haß zwischen den beiden Nationen feuriger auf als zuvor, und die Götter des Himmels selbst, die einen durch die Grausamkeit der Griechen den Trojanern zugeneigt, die andern zum Schutze der Danaer aufgeregt, nahmen tätigen Anteil an dem Kampfe: Hera, Athene, Hermes, Poseidon, Hephaistos auf Seite der Griechen, auf der Gegenseite Ares und Aphrodite, so daß von diesem zehnten und letzten Jahre der Belagerung Trojas zehnmal mehr erzählt und gesungen wird als von den neun andern. Denn jetzt hebt das Lied des Fürsten der Dichter, des Homer, vom Zorne des Achill an und von allen Übeln, die der Groll ihres größten Helden über die Achiver brachte.

Die Veranlassung zum Zorne des Peliden war folgende: Die Griechen hatten nach der Rückkehr ihrer Gesandten die Drohung der Trojaner nicht vergessen und bereiteten sich in ihrem Lager zu entscheidenden Kämpfen vor, als der Priester Apollos, Chryses, dem seine Tochter von Achill geraubt und dem König Agamemnon überlassen worden war, den Lorbeer seines Gottes um den goldenen Friedensstab geschlungen, mit reichen Lösegeldern im Schiffslager der Griechen ankam, seine Tochter freizukaufen. Mit dieser Bitte stellte er sich vor die Atriden und das gesamte Heer und sprach: »Ihr Söhne des Atreus und andre Argiver, mögen euch die Olympischen Vertilgung Trojas und glückliche Heimkehr verleihen, wenn ihr, den fernhintreffenden Gott Apollo, dessen Priester ich bin, ehrend, mir gegen die Lösung, die ich bringe, die geliebte Tochter zurückgebet!«

Das ganze Heer gab seinen Worten Beifall und gebot, den ehrwürdigen Priester zu scheuen und die köstliche Lösung anzunehmen. Nur der König Agamemnon, der die liebliche Sklavin nicht verlieren wollte, wurde zornig und sprach: »Laß dich nicht mehr bei den Schiffen treffen, Greis, weder jetzt noch in Zukunft; deine Tochter ist und bleibt meine Dienerin und wird in meinem Königshause zu Argos bis ins Alter hinter dem Webstuhl sitzen! Geh, reize mich nicht, mache, daß du gesund in deine Heimat kommst!«

Chryses erschrak und gehorchte. Schweigend eilte er an den Meeresstrand; dort aber erhob er seine Hände zu dem Gotte, dem er diente, und flehte ihn an: »Höre mich, Smintheus, der du zu Chryse, Killa und Tenedos herrschest! Wenn ich je dir deinen Tempel zum Wohlgefallen geschmückt und dir auserlesene Opfer dargebracht habe, so vergilt jetzt den Achivern mit dem Geschosse!«

So betete er laut: und Apollo erhörte seine Bitte. Zorn im Herzen, verließ er den Olymp, Bogen und Köcher mit den hallenden Pfeilen auf der Schulter, so wandelte er einher wie die düstere Nacht; dann setzte er sich in einiger Entfernung von den griechischen Schiffen nieder und schnellte Pfeil um Pfeil ab, daß sein silberner Bogen grauenvoll erklang. Wen aber sein unsichtbarer Pfeil traf, der starb den plötzlichen Tod der Pest. Anfangs nun erlegte er im Lager nur Maultiere und Hunde, bald aber wandte er sein Geschoß auch gegen die Menschen, daß einer um den andern dahinsank und bald die Totenfeuer unaufhörlich aus den Scheiterhaufen loderten. Neun Tage lang wütete die Pest im griechischen Heere. Am zehnten Tage berief Achill, dem die Beschirmerin der Griechen, Hera, es ins Herz gelegt, eine Volksversammlung, nahm das Wort und riet, einen der Opferpriester, Seher oder Traumdeuter im Heere zu befragen, durch welche Opfer der Eifer Phöbos Apollos besänftigt und das Unheil abgewendet werden könne.

Hierauf stand der weiseste Vogelschauer im Heere, der Seher Kalchas, auf und erklärte, den Zorn des fernhintreffenden Gottes deuten zu wollen, wenn ihm der Held Achill Schutz zuspräche. Der Sohn des Peleus hieß ihn getrost sein, und Kalchas sprach: »Keine versäumte Gelübde oder Hekatomben haben den Gott erzürnt. Er ist ergrimmt über die Mißhandlung seines Priesters durch Agamemnon und wird seine Hand zu unserm Verderben nicht zurückziehen, bis das Mägdlein dem erfreuten Vater zurückgegeben und ohne Entgelt mit einem hundertfachen Sühnopfer nach Chryse heimgeführt wird. Nur auf diese Weise möchten wir die Gnade des Gottes wiedergewinnen.«

Im Blute des Königes Agamemnon kochte es bei diesen Worten des Sehers; sein Auge funkelte, und er begann mit drohendem Blicke: »Unglücksseher, der noch nie ein Wort gesprochen, das mir Gedeihen gebracht hätte, auch jetzt beredest du das Volk, der Fernhintreffer habe uns die Pest gesandt, weil ich das Lösegeschenk für die Tochter des Chryses verworfen habe. Wahr ist’s, ich behielte sie gern in meinem Hause; denn sie ist mir lieber als selbst Klytämnestra, das Weib meiner Jugend, und stehet ihr an Wuchs, Schönheit, Geist und Kunst nicht nach! Dennoch will ich sie eher zurückgeben, als daß ich das Volk verderben sehe. Aber ich verlange ein anderes Ehrengeschenk zum Ersatze für sie!«

Nach dem Könige nahm Achill das Wort. »Ich weiß nicht, ruhmvoller Atride«, sprach er, »welches Ehrengeschenk deine Habsucht von den Achivern verlangt. Wo ist denn noch viel Gemeinschaftliches aufgespeichert? Alle Beute aus den eroberten Städten ist längst verteilt, und den einzelnen kann man doch das Ausgeteilte nicht wieder nehmen! Darum entlaß die Tochter des Priesters! Wenn uns dereinst Zeus die Eroberung Trojas gönnt, so wollen wir dir den Verlust drei- und vierfach ersetzen!« »Tapferer Held«, rief ihm der König zu, »sinne nicht auf Trug! Meinst du, ich werde deinem Befehle folgen und mein Geschenk hergeben, während du das deinige behältst? Nein. Geben mir die Griechen keinen Ersatz, so gehe ich hin, mir einen aus eurer Beute zu holen, sei es ein Ehrengeschenk des Ajax oder des Odysseus oder auch das deinige, Pelide; möget ihr dann noch so sehr zürnen. Doch davon reden wir ein andermal. Jetzt aber immerhin ein Schiff und die Hekatombe gerüstet; sie selbst, die rosige Tochter des Chryses, möget ihr einschiffen, und einer der Fürsten, meinethalb du, Achill, mag das Schiff befehligen!«

Finster entgegnete Achill: »Schamloser, selbstsüchtiger Fürst, wie mag dir nur ein Grieche noch gehorchen! Ich selbst, dem die Trojaner nichts zuleide getan haben, bin dir nur gefolgt, um deinen Bruder Menelaos dir rächen zu helfen. Und das achtest du nun nicht, sondern willst mir mein Ehrengeschenk entreißen, das ich mir mit meinem Schweiße errungen und die Griechen mir geschenkt haben! Bekam ich doch nach keiner Städteeroberung je ein so herrliches Geschenk wie du; die schwerste Last des Kampfes hatte mein Arm stets zu tragen, aber wenn es zur Teilung kommt, trägst du das Beste davon, und ich kehre streitmüde und mit wenigem vergnügt zu den Schiffen zurück! Jetzt aber gehe ich heim nach Phthia; versuch es und häufe dir Güter und Schätze ohne mich!«

»Fliehe nur, wenn dir’s dein Herz gebeut«, rief ihm Agamemnon zu, »ich habe genug Helden ohne dich, du bist doch einer der zanksüchtigsten! Aber wisse, die Tochter des Chryses erhält zwar ihr Vater wieder, ich dagegen hole mir selbst die liebliche Brisëis aus deinem Zelte, damit du lernest, wieviel ich höher als du sei, und keiner mehr es wage, mir ins Antlitz zu trotzen, wie du tust!« Achill entbrannte, sein Herz ratschlagte unter seiner Männerbrust, ob er das Schwert ziehen und den Atriden auf der Stelle niederhauen oder seinen Zorn beherrschen solle. Da stand plötzlich unsichtbar hinter ihm die Göttin Athene, enthüllte sich ihm allein, indem sie ihn am braunen Lockenhaar faßte und sprach flüsternd: »Fasse dich, zücke das Schwert nicht, schelten magst du immerhin. Wenn du mir gehorchst, verspreche ich dir dreifache Gabe!«

Auf diese Mahnung hemmte Achill seine Rechte am silbernen Hefte seines Schwertes und stieß es in die Scheide zurück; aber seinen Worten ließ er freien Lauf. »Unwürdiger«, sprach er, »wann hat dein Herz dir eingegeben, mit den Edelsten Griechenlands in einen Hinterhalt zu ziehen oder in offener Schlacht zuvorderst zu kämpfen? Viel bequemer dünkt es dir, hier im Heereslager sein Geschenk dem zu entwenden, der es wagt, dir zu widersprechen! Aber ich schwöre dir bei diesem Fürstenzepter, so gewiß er nie wieder als Baumast grünen wird: hinfort siehest du den Sohn des Peleus nicht mehr in der Schlacht; umsonst wirst du Rettung suchen, wenn der männermordende Hektor die Griechen scharenweise niederwirft; umsonst wird alsdann an deiner Seele der Gram fressen, daß du den edelsten der Danaer keiner Ehre wert geachtet hast!« So sprach Achill, warf seinen Zepter auf die Erde und setzte sich nieder. Vergebens suchte der ehrwürdige Nestor die Streitenden mit milder Rede zu versöhnen. Endlich rief Achill, sich aus der Versammlung erhebend, dem Könige zu: »Tue, was du willst, nur mute mir keinen Gehorsam zu. Nie werde ich des Mägdleins wegen gegen dich oder andere die Arme zum Streit erheben. Ihr gabet sie mir, ihr könnt sie mir auch wieder nehmen. Aber laß dir nicht einfallen, das mindeste sonst bei meinen Schiffen anzutasten, wenn du nicht willst, daß dein Blut von meiner Lanze triefe!«

Die Versammlung trennte sich. Agamemnon ließ die Tochter des Chryses und die Hekatombe zu Schiffe bringen, und Odysseus führte beide ihrer Bestimmung zu. Dann aber berief der Atride die Herolde Talthybios und Eurybates und befahl ihnen, die Tochter des Brises aus dem Zelte des Peliden zu holen. Die Herolde gingen ungerne, jedoch dem drohenden Wort ihres Herrschers gehorchend zum Schiffslager. Sie fanden den Achill vor seinem Zelte sitzend, und er wurde ihres Anblickes nicht fröhlich; sie selbst aber wagten vor Scheu und Ehrfurcht nicht, zu verkündigen, weswegen sie kämen. Aber Achill hatte es ihnen im Geiste schon abgelauscht. »Freude sei mit euch«, rief er ihnen zu, »ihr Herolde des Zeus und der Menschen! Nahet euch immerhin; nicht ihr traget die Schuld eurer Forderung, sondern Agamemnon. Wohlan denn, Freund Patroklos, führe die Jungfrau heraus und übergib sie ihnen. Aber sie selbst sollen mir Zeugen sein vor den Göttern, den Menschen und jenem Wüterich: wenn man je wieder meiner Hilfe bedarf, so ist es nicht meine Schuld, sondern die Schuld des Atriden, wenn ich nicht erscheine.«

Patroklos brachte das Mädchen, die den Herolden widerstrebend folgte; denn sie hatte ihren milden Herrn liebgewonnen. Achill aber setzte sich weinend an den Strand, schaute hinunter in die dunkle Meeresflut und flehte seine Mutter Thetis um Hilfe an. Da ertönte ihre Stimme aus der Tiefe: »Wehe mir, mein Kind, daß ich dich gebar; so kurz währet dein Leben, und nun sollst du auch noch soviel Tränen und Kränkung erfahren! Aber ich selbst gehe hinauf zum Donnerer und flehe für dich um Hilfe. Zwar ist er gestern zum Mahle der frommen Äthiopier an den Strand des Okeanos gegangen, und erst nach zwölf Tagen wird er wiederkehren; dann aber eile ich hinauf zu ihm und umfasse ihm die Knie. So lange setze du dich zu deinen Schiffen, zürne den Danaern und enthalte dich des Krieges.« Achill verließ mit der Antwort seiner Mutter im Herzen den Strand und setzte sich grollend, mit verschlungenen Armen, in seinem Zelte nieder.

Inzwischen war Odysseus mit dem Schiffe zu Chryse angekommen und übergab dem freudig überraschten Vater sein holdseliges Kind. Dankbar hob Chryses seine Hände gen Himmel und flehte zu Phöbos um Abwendung der Plage, die er den Griechen zugesandt, und in diesem Augenblicke hörte die Pest unter dem griechischen Heere auf, und als Odysseus mit dem Schiffe ins Lager der Griechen zurückkam, fand er diese des Übels ledig.

Der zwölfte Tag, seit Achill sich in seine Lagerstätte zurückgezogen hatte, war angebrochen, und Thetis hatte ihr Versprechen nicht vergessen. Im frühesten Morgennebel tauchte sie aus dem Meere und stieg empor zum Olymp. Hier fand sie auf der höchsten Kuppe des gezackten Berges, abseits von den andern Göttern, den wartenden Zeus gelagert, setzte sich zu ihm, und mit der Linken seine Knie umschlingend, mit der Rechten nach der Sitte Flehender sein Kinn berührend, sprach sie zu ihm: »Vater Zeus, wenn ich dir je mit Worten oder Taten gedient habe, so gewähre mir mein Verlangen: Ehre meinen Sohn, dem vom Geschicke so früh zu welken bestimmt ist; Agamemnon hat ihn jetzt eben aufs tiefste gekränkt und ihm das Ehrengeschenk entzogen, das er selbst erbeutet hatte. Deswegen bitte ich dich, Göttervater, gib den Trojanern so lange den Sieg, bis die Griechen meinem Sohne wieder die verdiente Ehre erweisen!« Lange blieb Zeus unbeweglich und schweigend. Aber Thetis schmiegte sich ihm immer fester ans Knie und flüsterte: »So gewähre mir doch meine Bitte, Vater, oder verweigere sie mir rundweg, damit ich es wisse, ob ich mehr als alle andere Götter einer Ehre von dir gewürdigt werde!« So nötigte sie endlich den Vater der Götter zu der unmutigen Antwort: »Es ist nicht zum Heile, daß du mich zwingst, mit der Göttermutter Hera zu hadern, die ohnehin mir immer zuwider ist. Eile nur hinweg, daß sie dich nicht bemerke, und es genüge dir der Wink meines Hauptes, welcher der untrüglichsten Verheißung gleich ist.« So sprechend, nickte Zeus mit den Augenbrauen, und die Höhen des Olymps erbebten von dem Nicken seines Hauptes. Zufrieden fuhr Thetis hinab zur Meerestiefe. Hera aber, welche die Ratschlagung ihres Gemahles mit der Göttin wohl beachtet hatte, trat heran zu Zeus und reizte ihn mit Vorwürfen. Doch dieser antwortete der Göttin ruhig: »Getraue dir nicht, einzusehen, was ich beschließe; schweig und gehorche meinem Gebote!« Da erschrak Hera vor dem Wort ihres Gemahls, des Götter- und Menschenvaters, und wagte nicht weiter, Einsprache gegen seinen Entschluß zu tun.

Dädalos und Ikaros



Dädalos und Ikaros

Auch Dädalos aus Athen war ein Erechthide, ein Sohn des Metion, ein Urenkel des Erechtheus. Er war der kunstreichste Mann seiner Zeit, Baumeister, Bildhauer und Arbeiter in Stein. In den verschiedensten Gegenden der Welt wurden Werke seiner Kunst bewundert, und von seinen Bildsäulen sagte man, sie leben, gehen und sehen und seien für kein Bild, sondern für ein beseeltes Geschöpf zu halten. Denn während an den Bildsäulen der früheren Meister die Augen geschlossen waren und die Hände, von den Seiten des Körpers nicht getrennt, schlaff herunterhingen, war er der erste, der seinen Bildern offene Augen gab, sie die Hände ausstrecken und auf schreitenden Füßen stehen ließ. Aber so kunstreich Dädalos war, so eitel und eifersüchtig war er auch auf seine Kunst, und diese Untugend verführte ihn zum Verbrechen und trieb ihn ins Elend. Er hatte einen Schwestersohn namens Talos, den er in seinen eigenen Künsten unterrichtete und der noch herrlichere Anlagen zeigte als sein Oheim und Meister. Noch als Knabe hatte Talos die Töpferscheibe erfunden; den Kinnbacken einer Schlange, auf den er irgendwo gestoßen, gebrauchte er als Säge und durchschnitt mit den gezackten Zähnen ein kleines Brettchen; dann ahmte er dieses Werkzeug in Eisen nach, in dessen Schärfe er eine Reihe fortlaufender Zähne einschnitt, und wurde so der gepriesene Erfinder der Säge. Ebenso erfand er das Drechseleisen, indem er zuerst zwei eiserne Arme verband, von welchen der eine stillestand, während der andere sich drehte. Auch andere künstliche Werkzeuge ersann er, alles ohne die Hilfe seines Lehrers, und erwarb sich damit hohen Ruhm. Dädalos fing an zu befürchten, der Name des Schülers möchte größer werden als der des Meisters; der Neid übermannte ihn, und er brachte den Knaben hinterlistig um, indem er ihn von Athenes Burg herabstürzte. Während Dädalos mit seinem Begräbnisse beschäftigt war, wurde er überrascht; er gab vor, eine Schlange zu verscharren. Dennoch wurde er vor dem Gerichte des Areopagos wegen eines Mordes angeklagt und schuldig befunden. Er entwich nun und irrte anfangs flüchtig in Attika umher, bis er weiter nach der Insel Kreta floh. Hier fand er bei dem Könige Minos eine Freistätte, ward dessen Freund und als berühmter Künstler hoch angesehen. Er wurde von ihm auserwählt, um dem Minotauros, einem Ungeheuer von abscheulicher Abkunft, der ein Doppelwesen war, das vom Kopfe bis an die Schultern die Gestalt eines Stieres hatte, im übrigen aber einem Menschen glich, einen Aufenthalt zu schaffen, wo das Ungetüm den Augen der Menschen ganz entrückt würde. Der erfindsame Geist des Dädalos erbaute zu dem Ende das Labyrinth, ein Gebäude voll gewundener Krümmungen, welche Augen und Füße des Betretenden verwirrten. Die unzähligen Gänge schlangen sich ineinander wie der verworrene Lauf des geschlängelten phrygischen Flusses Mäander, der in verzweifelndem Gange bald vorwärts-, bald zurückfließt und oft seinen eigenen Wellen entgegenkommt. Als der Bau vollendet war und Dädalos ihn durchmusterte, fand sich der Erfinder selbst mit Mühe zur Schwelle zurück, ein so trügerisches Irrsal hatte er gegründet. Im innersten dieses Labyrinthes wurde der Minotauros gehegt, und seine Speisen waren sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen, die, vermöge alter Zinsbarkeit, alle neun Jahre von Athen dem Könige Kretas zugesandt werden mußten.

Indessen wurde dem Dädalos die lange Verbannung aus der geliebten Heimat doch allmählich zur Last, und es quälte ihn, bei dem tyrannischen und selbst gegen seinen Freund mißtrauischen Könige sein ganzes Leben auf einem vom Meere rings umschlossenen Eilande zubringen zu sollen. Sein erfinderischer Geist sann auf Rettung. Nachdem er lange gebrütet, rief er endlich ganz freudig aus: »Die Rettung ist gefunden; mag mich Minos immerhin von Land und Wasser aussperren, die Luft bleibt mir doch offen; soviel Minos besitzt, über sie hat er keine Herrschergewalt. Durch die Luft will ich davongehen!« Gesagt, getan. Dädalos überwältigte mit seinem Erfindungsgeiste die Natur. Er fing an, Vogelfedern von verschiedener Größe so in Ordnung zu legen, daß er mit der kleinsten begann und zu der kürzeren Feder stets eine längere fügte, so daß man glauben konnte, sie seien von selbst ansteigend gewachsen. Diese Federn verknüpfte er in der Mitte mit Leinfäden, unten mit Wachs. Die so vereinigten beugte er mit kaum merklicher Krümmung, so daß sie ganz das Ansehen von Flügeln bekamen. Dädalos hatte einen Knaben namens Ikaros. Dieser stand neben ihm und mischte seine kindischen Hände neugierig unter die künstliche Arbeit des Vaters; bald griff er nach dem Gefieder, dessen Flaum von dem Luftzuge bewegt wurde, bald knetete er das gelbe Wachs, dessen der Künstler sich bediente, mit Daumen und Zeigefinger. Der Vater ließ es sorglos geschehen und lächelte zu den unbeholfenen Bemühungen seines Kindes. Nachdem er die letzte Hand an seine Arbeit gelegt hatte, paßte sich Dädalos selbst die Flügel an den Leib, setzte sich mit ihnen ins Gleichgewicht und schwebte leicht wie ein Vogel empor in die Lüfte. Dann, nachdem er sich wieder zu Boden gesenkt, belehrte er auch seinen jungen Sohn Ikaros, für den ein kleineres Flügelpaar gefertigt und bereit lag. »Flieg immer, lieber Sohn«, sprach er, »auf der Mittelstraße, damit nicht, wenn du den Flug zu sehr nach unten senktest, die Fittiche ans Meerwasser streifen und von Feuchtigkeit beschwert dich in die Tiefe der Wogen hinabziehen, oder wenn du dich zu hoch in die Luftregion verstiegest, dein Gefieder den Sonnenstrahlen zu nahe komme und plötzlich Feuer fange. Zwischen Wasser und Sonne fliege dahin, immer nur meinem Pfade durch die Luft folgend.« Unter solchen Ermahnungen knüpfte Dädalos auch dem Sohne das Flügelpaar an die Schultern, doch zitterte die Hand des Greisen, während er es tat, und eine bange Träne tropfte ihm auf die Hand. Dann umarmte er den Knaben und gab ihm einen Kuß, der auch sein letzter sein sollte.

Jetzt erhoben sich beide mit ihren Flügeln. Der Vater flog voraus, sorgenvoll wie ein Vogel, der eine zarte Brut zum erstenmal aus dem Neste in die Luft fährt. Doch schwang er besonnen und kunstvoll das Gefieder, damit der Sohn es ihm nachtun lernte, und blickte von Zeit zu Zeit rückwärts, um zu sehen, wie es diesem gelänge. Anfangs ging es ganz gut. Bald war ihnen die Insel Samos zur Linken, bald Delos und Paros, die Eilande, vorüberflogen. Noch mehrere Küsten sahen sie schwinden, als der Knabe Ikaros, durch den glücklichen Flug zuversichtlich gemacht, seinen väterlichen Führer verließ und in verwegenem Übermute mit seinem Flügelpaar einer höheren Zone zusteuerte. Aber die gedrohte Strafe blieb nicht aus. Die Nachbarschaft der Sonne erweichte mit allzukräftigen Strahlen das Wachs, das die Fittiche zusammenhielt, und ehe es Ikaros nur bemerkte, waren die Flügel aufgelöst und zu beiden Seiten den Schultern entsunken. Noch ruderte der unglückliche Jüngling und schwang seine nackten Arme; aber er bekam keine Luft zu fassen, und plötzlich stürzte er in die Tiefe. Er hatte den Namen seines Vaters als Hilferuf auf den Lippen; doch ehe er ihn aussprechen konnte, hatte ihn die blaue Meeresflut verschlungen. Das alles war so schnell geschehen, daß Dädalos, hinter sich nach seinem Sohne, wie er von Zeit zu Zeit zu tun gewohnt war, blickend, nichts mehr von ihm gewahr wurde. »Ikaros, Ikaros!« rief er trostlos durch den leeren Luftraum: »Wo, in welchem Bezirke der Luft soll ich dich suchen?« Endlich sandte er die ängstlich forschenden Blicke nach der Tiefe. Da sah er im Wasser die Federn schwimmen. Nun senkte er seinen Flug und ging, die Flügel abgelegt, ohne Trost am Ufer hin und her, wo bald die Meereswellen den Leichnam seines unglücklichen Kindes ans Gestade spülten. Jetzt war der ermordete Talos gerächt. Der verzweifelnde Vater sorgte für das Begräbnis des Sohnes. Es war eine Insel, wo er sich niedergelassen und wo der Leichnam ans Ufer geschwemmt worden war. Zum ewigen Gedächtnis an das jammervolle Ereignis erhielt das Eiland den Namen Ikaria.

Als Dädalos seinen Sohn begraben hatte, fuhr er von dieser Insel weiter nach der großen Insel Sizilien. Hier herrschte der König Kokalos. Wie einst bei Minos auf Kreta fand er bei ihm gastliche Aufnahme, und seine Kunst setzte die Einwohner in Erstaunen. Noch lange zeigte man da einen künstlichen See, den er gegraben und aus dem ein breiter Fluß sich in das benachbarte Meer ergoß; auf den steilsten Felsen, der nicht zu erstürmen war und wo kaum ein paar Bäume Platz zu haben schienen, setzte er eine feste Stadt und führte zu ihr einen so engen und künstlich gewundenen Weg empor, daß drei oder vier Männer hinreichten, die Feste zu verteidigen. Diese unbezwingliche Burg wählte dann der König Kokalos zur Aufbewahrung seiner Schätze. Das dritte Werk des Dädalos auf der Insel Sizilien war eine tiefe Höhle. Hier fing der den Dampf unterirdischen Feuers so geschickt auf, daß der Aufenthalt in einer Grotte, die sonst feucht zu sein pflegte, so angenehm war wie in einem gelinde geheizten Zimmer und der Körper allmählich in einen wohltätigen Schweiß kam, ohne dabei von der Hitze belästigt zu werden. Auch den Aphroditentempel auf dem Vorgebirge Eryx erweiterte er und weihte der Göttin eine goldene Honigzelle, die mit der größten Kunst ausgearbeitet war und einer wirklichen Honigwabe täuschend ähnlich sah.

Nun erfuhr aber König Minos, dessen Insel der Baumeister heimlich verlassen hatte, daß Dädalos sich nach Sizilien geflüchtet habe, und faßte den Entschluß, ihn mit einem gewaltigen Kriegsheere zu verfolgen. Er rüstete eine ansehnliche Flotte aus und fuhr damit von Kreta nach Agrigent. Hier schiffte er seine Landtruppen aus und schickte Botschaften an den König Kokalos, welche die Auslieferung des Flüchtlings verlangen sollten. Aber Kokalos war über den Einfall des fremden Tyrannen entrüstet und sann auf Mittel und Wege, ihn zu verderben. Er stellte sich an, als ginge er auf die Absichten des Kreters ganz ein, versprach ihm in allem zu willfahren, und lud ihn zu dem Ende zu einer Zusammenkunft ein. Minos kam und wurde mit großer Gastfreundschaft von Kokalos aufgenommen. Ein warmes Bad sollte ihn von der Ermüdung des Weges heilen. Als er aber in der Wanne saß, ließ Kokalos diese so lange heizen, bis Minos in dem siedenden Wasser erstickte. Die Leiche überließ der König von Sizilien den Kretern, die mit ihm gekommen waren, unter dem Vorgeben, der König sei im Bade ausgeglitten und in das heiße Wasser gefallen. Hierauf wurde Minos von seinen Kriegern mit großer Pracht bei Agrigent bestattet und über seinem Grabmal ein offener Aphroditentempel erbaut. Dädalos blieb bei dem Könige Kokalos in ununterbrochener Gunst; er zog viele und berühmte Künstler und wurde der Gründer seiner Kunst auf Sizilien. Glücklich aber war er seit dem Sturze seines Sohnes Ikaros nicht mehr, und während er dem Lande, das ihm Zuflucht gewährt hatte, ein heiteres und lachendes Ansehen durch die Werke seiner Hand verlieh, durchlebte er selbst ein kummervolles und trübsinniges Alter. Er starb auf der Insel Sizilien und wurde dort begraben.

Arachne



Arachne

In Hypäpa, einer kleinen Stadt Lydiens, wohnte eine Jungfrau von niederer Herkunft, Arachne geheißen. Ihr Vater Idmon war Purpurfärber zu Kolophon, auch ihre Mutter, die der Tod frühe hingerafft hatte, war von armen Eltern entsprossen. Dennoch pries man den Namen Arachnes in den lydischen Städten, da sie als Weberin durch Kunst und Fleiß alle sterblichen Weiber übertraf; selbst die Nymphen des rebenbewachsenen Tmolosgebirges und des Flusses Paktolos kamen in die ärmliche Hütte der Jungfrau, um ihrer Arbeit staunend zuzuschauen. Niemals war so die Kunst mit der Anmut gepaart; ob sie die grobe Wolle zuerst aufwickelte, ob sie die Fäden feiner und feiner zog, ob sie mit dem flinken Daumen die Spindel umschwang oder mit der Nadel stickte: es schien stets, als ob Pallas Athene selbst sie unterwiesen hätte. Davon aber wollte Arachne nichts wissen, sondern sie rief oft beleidigt: »Nicht von der Göttin lernte ich die Kunst! Sie komme und messe sich mit mir. Besiegt sie mich, so will ich jede Strafe erdulden!« Athene hörte ihr Prahlen mit Unwillen, nahm die Gestalt eines alten Mütterchens an, umgab sich die Stirn mit grauem Haar und nahm einen stützenden Stab in die welken Hände. So verwandelt, trat sie in die Hütte Arachnes und begann: »Nicht nur Widriges hat das Greisenalter; mit den Jahren reift die Erfahrung. Darum verachte nicht meinen Rat! Suche du dir den Ruhm, daß du künstlicher als alle Sterblichen die Wolle zu weben verstehst; aber der Göttin weiche in Demut. Flehe sie um Verzeihung für dein überkühnes Wort; dann wird sie gern der Bittenden vergeben.« Finsteren Blickes ließ Arachne den Faden fahren und sprach, vor Zorn bebend: »Töricht bist du, Alte; die Last der Jahre hat dir den Sinn geschwächt. Zu lange leben ist nicht gut! Solches Geschwätz predige deiner Tochter vor, ich bedarf deines Rates nicht und verschmähe deine Ermahnung. Warum kommt Pallas nicht selbst? Warum vermeidet sie den Wettstreit mit mir?« Jetzt war die Langmut der Göttin zu Ende. »Sie ist schon da!« rief sie und stand plötzlich in ihrer wahren himmlischen Gestalt da. Die Nymphen und die lydischen Frauen, die zugegen waren, fielen der Göttin huldigend zu Füßen; nur Arachne bebte nicht, ein flüchtiges Erröten überzog ihr trotziges Antlitz, und verwegen beharrte sie bei ihrem Entschluß; von törichter Ruhmbegierde getrieben, rannte sie selbst in ihr drohendes Geschick. Und die Zeustochter warnte nicht mehr, sondern nahm den Kampf an.

Alsbald stellten beide an gesonderten Orten den Webstuhl auf und begannen mit Lust die kundigen Hände zu regen. Purpur und tausend andre Farben, die das ungewohnte Auge verwirren, webten sie kunstvoll durcheinander; auch goldene Fäden liefen hindurch; und so erhoben sich bald wundersame Gebilde vor den staunenden Blicken der Schauenden. Athene bildete den Felsen der athenischen Burg und ihren vielbesungenen Streit mit dem Meeresgott um des Landes Besitz. Zwölf Götter, Zeus mitten unter ihnen, saßen dabei, ehrwürdigen und heiligen Ernstes. Hier stand Poseidon, wie er den riesigen Dreizack in den Felsen stößt, daß die salzige Meeresflut herausspringt. Dort aber erschien sie selbst, die göttliche Künstlerin, mit Schild und Lanze gewappnet, den Helm auf dem Haupte, auf der Brust die schreckliche Ägis, wie sie mit der Spitze des Speeres den Ölbaum aus dem unfruchtbaren Boden hervortreibt, zum Staunen der Götter und zum Heile des Landes. So webte Athene ihren eignen Sieg in das Gespinst. In die vier Ecken aber wirkte sie vier Beispiele menschlichen Hochmuts, der durch die Rache der Götter ein trauriges Ende nahm: Hier erblickte man den thrakischen König Hämos mit seinem Weibe Rhodope, die in ihrem Übermut sich Zeus und Hera nannten und deshalb in ragende Berge verwandelt wurden; hier die unselige Mutter der Pygmäen, die, von Hera besiegt, zum Kranich wurde und so mit ihren eignen Kindern kämpfen mußte; in der dritten Ecke war Antigone, die reizende Tochter Laomedons, zu schauen; diese war auf ihre Schönheit und besonders auf ihr herrliches Lockenhaar so stolz, daß sie sich der Hera verglich. Aber die Götterkönigin verwandelte die Haare in Schlangen, die sie bissen und quälten, bis Zeus die Unglückliche aus Mitleid zum Storche umschuf; noch jetzt frohlockt sie klappernd über ihre Schönheit. Endlich bildete Pallas den Kinyras, wie er das Schicksal seiner Töchter beweinte. Sie hatten durch ihren Stolz den Zorn der Hera gereizt und wurden von ihr in steinerne Stufen vor ihrem Tempel verwandelt. Der Vater warf sich jammernd auf sie nieder und bedeckte den fühllosen Marmor mit heißen Tränen. Alle diese Gemälde hatte Athene in den Teppich gewebt und mit einem Kranze von Ölbaumblättern umgeben.

Arachne dagegen wirkte in ihr Gewebe mancherlei Bilder, in denen sie die Götter zu verhöhnen trachtete, so namentlich den Zeus, wie er bald als Stier, bald als Adler oder Schwan, bald als lüsterner Satyr oder in flammendes Feuer oder goldenen Regen verwandelt, die Töchter der Menschen betörte. Dies alles umrankte ein Kranz von Efeu, mit Blumen durchflochten. Und als sie ihr Werk vollendet hatte, vermochte selbst Pallas Athene nicht, die Kunst der Jungfrau zu tadeln, aber mit Entrüstung ersah sie aus den Gebilden den gottlosen Sinn der Bildnerin. Darum zerriß sie zürnend die frevelhaften Gemälde und schlug mit dem Weberschifflein, das sie noch in der Hand hielt, die hoffärtige Jungfrau dreimal vor die Stirne. Dies ertrug die Unglückliche nicht, Wahnsinn erfaßte sie, und mit dem Seil umschlang sie verzweifelnd ihre Kehle. Schon hing sie zuckend in der Luft; da hob sie die Göttin, von Mitleid ergriffen, aus der würgenden Schlinge und sprach: »Lebe, aber hange, du Verwegene, und so sei dein ganzes Geschlecht bis zu den spätesten Enkeln bestraft!« Mit diesen Worten sprengte sie Arachnen einige Tropfen von zauberischem Kraute ins Antlitz und ging hinweg. Alsbald verschwanden Haar, Nase und Ohren der Jungfrau, und sie schrumpfte zu einem winzigen, häßlichen Tier zusammen. Als Spinne übt sie noch heute, Faden auf Faden entsendend, die alte Kunst.

Atalante



Atalante

Die heldenmütige Jungfrau, die an der Jagd des Kalydonischen Ebers so rühmlichen Anteil nahm, ward von ihrem Vater, welcher sich männliche Nachkommenschaft gewünscht hatte, gleich nach ihrer Geburt ausgesetzt. In den Bergen fand eine Bärin, der man die Jungen getötet, das schreiende Kindlein, nahm es sorglich in den Rachen und trug es in ihre Höhle, wo sie es mit ihrer Milch säugte. Als einst Jäger die Gegend durchstreiften, fanden sie das Kind, nahmen es mit sich und zogen es zu einer blühenden Jungfrau auf. In den kühlen Bergwäldern Arkadiens erwachsen, war Atalante kräftig und stark und so schnellfüßig wie das schnellste Reh; Luft und Sonne hatten Antlitz und Glieder ihr gebräunt, aber ihre Schönheit strahlte gleich der einer Waldnymphe oder der jungfräulichen Göttin Artemis. So lebte sie rein und stolz in der Einsamkeit des Gebirges, die Hand eines Gatten verschmähend; zu Fuß mit dem Speere den edlen Hirsch zu erjagen war ihre höchste Lust. Einst sahen zwei Zentauren, Rhökos und Hyläos, die schöne Jägerin dahineilen und verabredeten sich, sie zu entführen. Als sie ihr aber zu nahen wagten, schoß sie beide mit ihren Pfeilen nieder. Außer an der Erlegung des Kalydonischen Ebers beteiligte sie sich noch an gar manchen kühnen Heldenunternehmungen, bei denen sie nicht selten die Männer durch ihre beispiellose Tapferkeit beschämte. So wohnte sie auch den berühmten Kampfspielen bei, welche der Sohn des Pelias zu Ehren seines gestorbenen Vaters in Iolkos anstellte; sie rang daselbst mit dem gewaltigen Peleus, dem Sohn des Äakos, und soll wirklich den Sieg über ihn davongetragen haben.

Als sie später ihre Eltern wiedergefunden hatte, drang ihr Vater, den einige Iasos oder Iasion, andre Schöneus, auch Mänalos nennen, mit Bitten in die Tochter, sie möchte sich doch mit einem tüchtigen Helden vermählen. Atalante aber wollte davon nichts wissen, sondern scheute das Joch der Ehe, zumal da ihr einst eine dunkle Weissagung geworden war, die da lautete: »Fliehe den Gatten, Atalante, du entfliehst ihm dennoch nicht!« Um nun den lästigen Schwarm zudringlicher Freier zu verscheuchen, schlug sie am Ende eines zum Wettlauf tauglichen Planes einen drei Ellen langen Pfahl in die Erde; diesen bestimmte sie als Auslaufspunkt für die Freier, und nur dem, der sie im Laufe besiegte, wollte sie als Gattin folgen; wer aber später zum Ziele gelangte als sie, dem sollte der Tod zum Lohne werden. Trotz dieser harten Bedingung war doch die Macht ihrer Schönheit so groß, daß zahlreiche Werber sich einstellten. Unter den Zuschauern des seltsamen Schauspiels saß auch ein schöner Jüngling, Hippomenes [Fußnote], welcher laut die Torheit der Freier tadelte. Sobald aber Atalante, strahlend von Anmut, die Rennbahn betrat und er ihrer ansichtig ward, verstummte er plötzlich und sprach bei sich selbst: ›Verzeiht mir, die ich eben gescholten habe! Der Lohn, um den ihr Leben und Ehre wagen wollt, war mir unbekannt. Wahrlich, den seligen Göttern schätz ich den gleich, der diese herrliche Jungfrau erwirbt.‹ Jetzt begann der Wettlauf. Die kühne Atalante gönnte den Freiern, des Sieges im voraus sicher, einen Vorsprung; dann aber flog sie dahin wie ein Pfeil von der Sehne des Bogens. Die Bewegung erhöhte noch den Reiz ihrer Schönheit; und siehe, schon stand sie jauchzend am Ziel; weit hinter ihr folgten die Besiegten, die nun seufzend die gedrohte Strafe erlitten.

Da trat Hippomenes an den Pfahl und rief. »Warum, o Atalante, wirbst du um so wohlfeilen Ruhm, indem du mit Untüchtigen dich missest? Komm und wag es mit mir! Und wenn das Schicksal den Sieg mir verleiht, so wisse, keinem Geringen reichst du die Hand: Ich bin Hippomenes, des Megareus Sohn, ein Urenkel des Meeresfürsten Poseidon! Falle ich aber, so ist dein Ruhm um so größer, da du den Hippomenes besiegt hast.« Atalante blickte dem Redenden sanft in das schöne Antlitz. »O Jüngling«, begann sie, »laß ab von deinem Vorsatz! Sieh, mich jammert deine Jugend; du scheinst mir edel und hochherzig, und jedes Mädchen wird sich glücklich preisen, dich ihren Gatten zu nennen. Ich aber kann dich nicht schonen, wenn du einmal den Wettlauf mit mir wagest; denn die Schande, besiegt zu werden, ist mir unerträglich.« So sprach sie, den herrlichen Jüngling gerührt betrachtend, und merkte nicht, daß die Liebe ihr eigenes Herz verwundet hatte. Hippomenes aber betete heimlich zur Göttin der Liebe: »Heilige Aphrodite, sei meinem Beginnen günstig und steh mir gnädig bei!« Und die Göttin vernahm sein Flehen; auf die Insel Zypern schwebte sie hernieder und pflückte von einem Wunderbaum, der ihr geheiligt war, drei goldene Äpfel. Dann trat sie, allen andern unsichtbar, zu Hippomenes, gab ihm die köstlichen Früchte und unterwies ihn schnell, wie er sie gebrauchen solle. Jetzt begann zum zweiten Male der Wettlauf, die Trompete ertönte, und Hippomenes enteilte zuerst. Vom Beifallsruf der Menge ermuntert, bot er alle Kräfte auf, aber noch war er fern vom Ziele, und schon war Atalante dicht hinter seinen Fersen. Da ließ er einen von den goldenen Äpfeln der Aphrodite fallen, und siehe, die Jungfrau stutzte: von der schimmernden Frucht gelockt, bückte sie sich, den Lauf hemmend, und hob sie staunend auf. Unterdessen hatte der Jüngling einen beträchtlichen Vorsprung gewonnen, und als Atalante ihn wiederum einholte, warf er den zweiten Apfel auf die Rennbahn. Und abermals konnte sie der Lockung nicht widerstehen, während Hippomenes dem Ziele immer näher flog. »Nun stehe mir bei, hilfreiche Göttin!« betete er laut und entsandte den letzten der Wunderäpfel. Die Jungfrau zauderte zum drittenmal, und während sie die goldene Frucht vom Boden hob, hatte Hippomenes das Ende der Bahn erreicht, von der jauchzenden Menge als Sieger begrüßt. Nicht ungern, so sagt man, folgte die Besiegte dem herrlichen Jüngling als Gattin, und niemals gab es ein zärtlicheres Paar als Hippomenes und Atalante. Ihrem Bunde entsproßte ein Sohn, so schön und anmutsvoll wie seine Eltern: Parthenopaios hieß der Held, der später vor Theben einen rühmlichen Tod fand.

Äneas verläßt auf Jupiters Befehl Karthago



Äneas verläßt auf Jupiters Befehl Karthago

Das Ungewitter war vorüber, die Jagdgesellschaft hatte sich wieder zusammengefunden, und Äneas kehrte an Didos Seite nach der Stadt und in den Palast zurück. Ein Freudenfest folgte auf das andere, keiner Abfahrt ward gedacht, und der Winter kam heran.

Jetzt machte sich Fama, die Göttin des Gerüchtes, auf und durchflog die Städte Libyens. Diese, ein Wesen von seltsam beweglicher Gestalt, ist die Tochter der Mutter Erde und die jüngste Schwester der Giganten. Sooft sie aus ihrer Verborgenheit hervorgeht, ist sie anfangs ganz klein und schüchtern, aber im Fortschreiten wächst sie an Kräften und Größe, erhebt sich bald in die Lüfte; und während ihre Füße über den Boden gleiten, verbirgt sich ihr Scheitel in den Wolken. Ihre Gestalt ist gräßlich, ihr Haupt ganz mit Flaumfedern bedeckt; soviel Federn, soviel funkelnde Augen darunter; soviel Zungen und Mäuler, die nie schweigen, soviel immer gespitzte Ohren. Nachts fliegt sie zwischen Erd und Himmel einher, rauscht durch die Schatten, und nie schließen sich ihre Augenlider zum Schlummer. Den Tag über aber lauscht sie hingekauert, bald am Giebel der Häuser, bald auf den Zinnen der Türme, und schreckt Stadt und Land mit ihrem krächzenden Rufe; und es ist ihr einerlei, ob sie Wahrheit verkündet oder Lug und Betrug meldet.

Dieses häßliche Wesen füllte auch jetzt mit mancherlei Gerüchten die Länder Afrikas an und erzählte schadenfroh alles durcheinander, was geschah und nicht geschah: Ein Fremdling sei gekommen, ein Mann aus trojanischem Geschlecht, Äneas mit Namen, diesen habe sich die reizende Königin Dido zum Gemahl erkoren; sie vergesse der Sorge für ihre Herrschaft, die Zügel der Regierung entglitten ihren Händen und das Paar durchschwelge in Pracht und Üppigkeit den Winter. Solche Sagen ließ die häßliche Göttin durch den Mund des Volkes gehen. Dann richtete sie ihren Lauf plötzlich nach Numidien zu dem Könige Jarbas, dessen Hand kürzlich von Dido verschmäht worden war. Diesem entflammte sie das gekränkte Herz durch ihre Zuflüsterungen zum wildesten Grimme. Er war ein Sohn Jupiters und einer libyschen Nymphe und hatte seinem Vater hundert prächtige Tempel in Numidien erbaut, wo stets geschäftige Priester opferten und die Pforten immer mit Blumen bekränzt waren. Dieser, von dem bitteren Gerüchte in Wut versetzt, warf sich jetzt vor die Altäre und flehte mit rückwärtsgehobenen Händen zum Himmel empor: »Allmächtiger Jupiter, dem die maurischen Völker alle dienen, siehest du das und sendest deinen Blitz nicht? Ein landflüchtiges Weib, das für Geld sich ein Städtchen gegründet hat, der ich in meinem Gebiete das Ufer zum Pflügen, das Land zum Beherrschen verliehen habe, ein solches Weib hat trotzig meine Hand verschmäht, ergibt sich dem glatten Trojaner und läßt den Weichling seines Raubes genießen? Und wir sind solche Toren und hören nicht auf, in deinen Tempeln dir Geschenke darzubringen, und glauben an deine Weltregierung!« So betete er und faßte seines Vaters Altar. Jupiter hörte ihn und richtete seinen Blick vom Olymp auf Karthago. Dann berief er seinen Sohn Merkur. »Was hat Äneas«, sprach er zornig, »im feindlichen Lande zu schaffen? Nicht dazu habe ich ihn zweimal den Waffen der Griechen und so oft den Stürmen entrissen. Rom soll er mir gründen! Auf der Stelle soll er davonschiffen. Ich will’s! Und das sollst du ihm von mir verkünden.« Wie ein Vogel durcheilte der Gott mit seinen fliegenden Sohlen die Luft; bald war er in Karthago und fand hier den Helden Äneas, wie er eben den Bau neuer Paläste überwachte. Sein Schwert funkelte von Edelsteinen; sein Mantel, den Dido selbst gefertigt, glühte von Purpur; er glich vom Kopf bis zur Sohle einem tyrischen Fürsten und nicht mehr einem Trojaner. Da stellte sich Merkur, allen andern unsichtbar, neben ihn und schalt ihm ins Ohr: »Weibersklave, hier stehest du, deiner Bestimmung und deines Reiches vergessend, und bauest einer Fremden die Stadt! Weißt du nichts mehr von deinem Sohn Askanius und von der Römerherrschaft, die du gründen sollst? Wisse, Jupiter sendet mich vom Olymp, dich zu strafen, dich fortzutreiben!«

Der Gott war entflogen, ehe sich Äneas von seiner Betäubung erholen konnte; aber das Göttergebot hallte in seiner Seele nach und gestattete ihm nicht mehr, an anderes zu denken als an schleunige Flucht. Nachdem er seinen Vorsatz von allen Seiten geprüft und erwogen, berief er seine vertrauten Genossen zu sich an einen einsamen Ort und befahl ihnen, in aller Stille die Flotte zu rüsten, die Genossen am Strande zu versammeln, die Waffen in Bereitschaft zu halten, aber die Ursache dieses neuen Beginnens aufs vorsichtigste zu verheimlichen. Er selbst wolle, noch bevor Dido den vom Himmel erzwungenen Treubruch ahne, die günstigste Stunde ausspähen, um ihr so mild als möglich den Beschluß des Schicksals beizubringen.

Aber wer kann sich vor einem liebenden Herzen verbergen? Die Königin merkte den Betrug; war sie doch schon bange, als alles noch sicher war. Jetzt hatte ihr die tückische Fama gemeldet, daß die Trojaner ihre Flotte rüsteten und die Abfahrt betrieben. Wie wahnsinnig irrte sie in den Straßen ihrer Stadt umher, und endlich trat sie vor ihren Geliebten selbst und sprach zu ihm: »Treuloser, du hofftest dein Verbrechen mir zu verhehlen und dich schweigend aus meinem Lande zu schleichen; meine Liebe, meine Hand, mein Tod kann dich nicht zurückhalten? Mitten im Winter betreibst du die Fahrt, Grausamer, und willst dich lieber den Nordwinden in den Arm werfen als in meinen Armen ruhen? Warum fliehest du mich, Äneas? Bei diesen Tränen, bei deinem Handschlag, bei unserer begonnenen Ehe beschwöre ich dich, wenn ich Gutes um dich verdient habe, wenn etwas an Dido dir süß war, so ändere deine Gesinnung, so erbarme dich meines sinkenden Hauses; um deinetwillen hassen mich die Völker Libyens, ja die Tyrier selbst, um deinetwillen habe ich der Zucht entsagt, die mich unsterblich machte. Gastfreund, denn Gatte bist du nicht mehr, wem lässest du die Sterbende zurück? Soll ich warten, bis mein Bruder Pygmalion meine Mauern stürmt, bis der Numidier Jarbas mich in die Gefangenschaft führt?«

So sprach die verzweifelnde Dido. Äneas aber, von Jupiter gewarnt, zeigte keine Regung in seinem Blicke und preßte den Kummer ins Herz zurück. Endlich erwiderte er kurz: »Solange ich mich selbst kenne, Königin, solange mein Geist in diesen Gliedern sich regt, werde ich Didos Wohltaten nicht vergessen. Glaube nicht, daß ich mich wie ein Dieb davonstehlen wollte; wir sind nicht vermählt, ich habe nie die Brautfackel angesprochen, nicht zu solchem Bunde bin ich zu dir gekommen. Erlaubte mir das Geschick, nach freier Wahl mein Leben einzurichten, so würde ich zuerst die geliebte Heimat Troja und des Priamus Haus wieder aufrichten; aber nach Italien heißt mich Apollo steuern, dort ist mein Herz und mein Schatz, dort ist mein Vaterland. Darf ich meinen Sohn um das verheißene Reich betrügen? Jupiter selbst verbietet es mir; Merkur, sein Bote, ist mir leibhaftig erschienen. Deswegen quäle dich und mich nicht länger mit Klagen; nicht freiwillig suche ich Italien auf!«

Seitwärts gewendet, blickte schon lange die Königin den Redenden an, ließ die Augen rollen, maß ihn schweigend von der Sohle bis zum Scheitel und brach endlich in die Worte der Entrüstung aus: »Keine Göttin hat dich geboren, nicht Dardanus ist dein Ahn, aus den Felsen des Kaukasus bist du entsprossen, hyrkanische Tiger haben dich gesäugt! Hat er bei meinen Tränen auch geseufzt? Hat er nur das Auge gewendet, die Lebende beweint, bedauert? Als Bettler an den Strand geworfen, habe ich ihn aufgenommen, die Flotte, die Genossen aus dem Rachen des Todes ihm zurückgegeben, ihn zu meines Thrones Gemeinschaft erhoben: und nun schützt er ein Orakel des Apollo, nun gar die Ankunft eines Götterboten vor und einen Befehl der Himmlischen, als ob diesen der Treubruch am Herzen läge! Nun wohl, ich streite nicht; ich halte dich nicht; suche dein Italien im Sturm! Wenn es noch Götter gibt, wird meine Rache dich in den Klippen finden! Mein Schatten zieht dir nach, und wenn du büßest, werd ich es in der Tiefe des Hades vernehmen!« Atem und Stimme versagten der Unglücklichen, und sie wurde von den Armen ihrer Dienerinnen aufgefangen.

Wohl fühlte sich Äneas versucht, den Kummer Didos durch liebreichen Trost zu lindern, und seine eigene große Liebe zu der Königin bewegte ihm den Geist, doch vermochte sie nicht, ihn wankend zu machen; er blieb dem Gebote der Götter treu und ging nach seiner Flotte. Diese war bald segelfertig, und Dido mußte es von der Zinne ihrer Burg mit ansehen, wie das Ufer von den Abziehenden wimmelte. »Anna«, sprach sie zur herbeigerufenen Schwester, »siehest du das Getümmel längs des ganzen Gestades? Hörst du die Segel in den Lüften schwirren, siehst du, wie die Schiffer die Verdecke bekränzen? Ach, hätte ich das geahnt, ich würde es auch zu ertragen vermögen! Jetzt aber bitte ich dich, Schwester, tu es mir Armen zulieb; dich hat ja der Verräter immer geehrt, hat dir seine geheimsten Gefühle anvertraut: geh zu ihm, Schwester, rede den stolzen Feind mit untertänigen Worten an. Frag ihn, ob ich denn eine Griechin sei, die zu Aulis Trojas Untergang mitbeschworen habe; ob ich die Asche seines Vaters Anchises frevelnd in die Lüfte gestreut, daß er solche Rache an mir zu nehmen beschlossen? Heiß ihn wenigstens bessere Zeit zur Flucht, günstigere Winde erwarten; ich verlange ja nicht, daß er auf Italien verzichte; ich will nur eine Frist für meine wahnsinnige Liebe, will nur Muße, bis ich mein Schicksal begreifen und trauern gelernt habe!«

Also flehete sie, und die geängstigte Schwester ging und trug dem Helden die Tränen Didos noch einmal vor. Ihn aber vermochte kein Menschenwort ferner zu erweichen; ein Gott verschloß dem gefühlvollen Manne das sonst jedem Schmerz offene Ohr. Wie wenn die Nordwinde den uralten Stamm einer Eiche, von beiden Seiten her ihn fassend, auszuwühlen sich abmühen: die Wipfel rauschen, der Stamm bebt, fallende Blätter decken den Boden, sie aber haftet fest im Felsenboden, und so hoch ihr Scheitel in die Luft ragt, so tief streckt sie ihre Wurzeln hinunter in die Tiefe – geradeso wurde der Held von den beiden Schwestern mit Bitten bedrängt, und er fühlte auch in seinem edlen Herzen alle die Qualen; aber er blieb unbeweglich wie die Eiche.

Jetzt erst erkannte Dido den Willen des Schicksals und wünschte sich den Tod, ja sie mochte den Himmel über sich nicht mehr sehen. Noch mehr bestärkte sie in ihrem Entschlusse zu sterben, das schreckliche Zeichen, das ihr der Himmel beim neuesten Opfer vor Augen stellte, wo der aus der Schale gegossene helle Wein sich in schwarzes Blut verwandelte. Dieses Vorzeichen erzählte sie niemand, selbst der Schwester nicht. Seitdem dachte sie nur darauf, wie sie alle die Ihrigen täuschen und sich auf die sicherste Weise den Untergang bereiten könnte. Deswegen trat sie mit heiterer Miene, Hoffnung in den Augen und das gräßliche Vorhaben sorgfältig verbergend, vor die Schwester und sprach: »Preise mich glücklich, liebe Anna! Ich habe ein Mittel gefunden, das mir den Treulosen entweder zurückgeben oder mich von meiner Liebe befreien muß. Eine Äthiopierin, die in den Hesperidengärten des Tempels dieser Göttinnen pflegt, ist hier und verspricht mir durch ihren Zaubergesang entweder das Herz des Geliebten zu gewinnen oder mein eigenes der Liebe los und ledig zu machen. Sie hat aber dazu gewisse Gebräuche vorgeschrieben. Nun nehme ich selbst in einer Sache, die mich so nahe betrifft, nicht gerne meine Zuflucht zu magischen Künsten; deswegen beschwöre ich dich, liebste Schwester, errichte mir, wie die Zauberin vorgeschrieben, im innern Schloßhofe heimlich einen Scheiterhaufen, lege darauf die Waffen des ungetreuen Mannes, die er in seinem Gemache zurückgelassen hat, seine Gewande, die Betten seines Lagers. Alle Überbleibsel des Schändlichen möchte ich vertilgen, und überdem ordnet es die Priesterin so an.«

Dido sprach und verstummte, indem Totenblässe sich über ihr Antlitz verbreitete. Ihre Schwester Anna mutmaßte indessen nicht, daß sich hinter diesem seltsamen und neuen Opfergebrauch ein Gedanke des Selbstmords verstecke; sie ahnte nicht, von welcher Raserei das Gemüt ihrer Schwester ergriffen sei; auch befürchtete sie nichts Schlimmeres als beim Tode des ersten Gemahls ihrer Schwester, des Tyriers Sychäus, und ging, sich ihres Auftrags zu entledigen.

Sobald aber der Holzstoß sich in die Luft erhob, aus Kien und Eichenholz aufgeschichtet, erschien die Königin selbst, bekränzte ihn mit Zypressenzweigen und zog Blumenketten rings um ihn her. Dann legte sie Schwert, Gewande und Bildnis des Äneas darauf; und ringsum standen Altäre aufgerichtet. Die fremde Seherin mit fliegendem Haare rief alle Götter der Unterwelt an und goß einen eigenen Höllentrank auf den brennenden Scheiterhaufen aus; Kräuter, die mit Sicheln im Mondenschein abgemäht worden waren, wurden daraufgeworfen und noch allerlei Beschwörungen vorgenommen. Dann kehrte die trauernde Königin zur letzten Nachtruhe auf Erden in ihren Palast zurück.

Äneas lag indessen, nachdem die Abfahrt beschlossen war, auf dem Hinterverdecke des Schiffes, dem Schlummer hingegeben. Da erschien ihm noch einmal der Gott Merkur im Traume und schien ihn zu ermahnen: »Sohn der Göttin, wie kannst du in so gefährlicher Lage schlummern? Siehest du nicht, wie viele Gefahren dich umringen? Hörst du die günstigen Westwinde nicht sausen? Betrug, gräßliche Frevel der Rachgier wälzt die verlassene Königin in ihrem Herzen! Wirst du nicht fliehen, solange du noch kannst?« Erschrocken sprang der Held vom Lager auf und trieb die Genossen zur schleunigen Flucht an.

Die Morgenröte war inzwischen angebrochen, die Königin hatte den Söller bestiegen, sah den Strand leer und die Flotte mit schwellenden Segeln auf der hohen See. Schmerzvoll schlug sie mit der Hand an ihre Brust, raufte sich die blonden Locken aus, und nach langem Wehklagen rief sie ihre Amme Barce und befahl, ihre treue Schwester Anna herbeizurufen. Sobald sie sich allein sah, stürmte sie in den innern Hof der Burg und bestieg, vom Taumel des Wahnsinns getrieben, das hohe Gerüst, auf welchem das Schwert ihres treulosen Geliebten lag; dieses zog sie aus der Scheide, warf sich auf das Bett und die Kleider des Helden, die zuoberst ausgebreitet lagen, und sprach von dem hohen Holzstoße herab in die einsamen Lüfte die Abschiedsworte: »Ihr süßen Überbleibsel glücklicherer Tage, nehmet dies Leben von mir, erlöset mich von aller Betrübnis! Dido hat ausgelebt, hat den vorgeschriebenen Lauf des Schicksals geendigt. Nicht als ein kleiner Schatten wird sie zur Unterwelt hinabsteigen! Ich habe eine herrliche Stadt gegründet, habe Mauern erblickt, von mir aufgebaute, habe meinen Gemahl Sychäus gerächt, meinen feindseligen Bruder bestraft! In allem wäre ich glücklich gewesen, wäre der Trojaner mit seiner Flotte nicht an Libyens Küste gelandet!« – Sie konnte vor Schmerz nicht weitersprechen, drückte ihr Gesicht in den Pfühl und stieß sich das Schwert in die Brust.

Auf ihr Stöhnen eilten ihre Dienerinnen aus dem Palast und sahen sie zusammengesunken, den Stahl von Blut gerötet, die Hände bespritzt. Lautes Jammergeschrei tönte durch die Gemächer und tobte durch die erschütterte Stadt. Mitten im Laufe – denn sie war auf den Ruf der Alten mit dem letzen Opfergeräte herbeigeeilt – vernahm Anna die entsetzliche Tat. Sie schlug sich die Brust mit den Fäusten, zerfleischte mit den Nägeln ihr Antlitz und stürzte durch das Gedränge des sich sammelnden Volkes in den Hof der Königsburg hinab. »Schwester, Schwester!« rief sie der Sterbenden schon von weitem zu, »was hast du getan, wie hast du mich betrogen? Warum hast du mich nicht zur Gefährtin deines Todes erkoren? Du hast mich doch getötet; das Volk, deine Väter, die ganze Stadt hast du gemordet!« Unter solchen Wehklagen erstieg sie die Stufen des Holzstoßes und umarmte die kaum noch Atem holende Schwester, die mit Mühe den Blick erhob und deren schwarze Wunde aufs neue zu bluten anfing. Dreimal strebte sie vergebens, sich aufzurichten, und hauchte zusammengesunken den Geist in den Armen der Schwester aus.

Äneas verläßt die trojanische Küste



Viertes Buch

Äneas – Erster Teil

Äneas verläßt die trojanische Küste

Seinen Vater Anchises auf den Schultern, seinen Sohn Askanius an der Hand, geschützt von seiner Mutter Venus, war der trojanische Held Äneas dem Brande seiner eroberten Vaterstadt entronnen und am Fuße des Idagebirges, wo dieses in das Meer ausläuft, in der kleinen Hafenstadt Antandrus angekommen. Hier sammelten sich um ihn befreundete Flüchtlinge in großer Anzahl, Männer, Frauen und Kinder, lauter unglückliche, des Vaterlands verlustige Menschen, und alle bereit, unter seiner Anführung eine neue Heimat aufzusuchen. Noch ungewiß, wohin sie das Geschick führen, wo es ihnen Ruhe vergönnen würde, fingen sie mit Hilfe der geretteten und zusammengeschossenen Habe sich eine Flotte zu zimmern an, die mit dem ersten Beginne des Frühlings fertig war, unter Segel zu gehen. Der älteste Trojaner, der sich in ihrer Mitte befand, der greise Held Anchises selbst, gab das Zeichen zum Aufbruch und sagte zuerst dem unterjochten Geburtsland ein ewiges Lebewohl. Weinen und Wehklagen ertönte von den Schiffen, als sie sich von der Heimatküste losrissen, und bald war diese aus den Blicken der Flüchtlinge verschwunden.

Nach einer ununterbrochenen Fahrt von mehreren Tagen landete die Flotte an dem Gestade Thrakiens, das vorzeiten der wilde Verächter des Bacchus, der König Lykurgus, beherrscht hatte, dessen jetzige Bewohner aber, solange der Staat der Trojaner noch bestand, durch gleichen Götterdienst und Gastfreundschaft mit diesen aufs genaueste verbunden waren. Doch hatte dies Verhältnis eine grausame Störung erlitten; denn als das Glück von Troja zu wanken begann und Ajax der Telamonier vom Schiffslager der Griechen aus einen Streifzug zur See gegen die mit Priamus verbündeten Thrakier unternommen hatte, lieferte Polymnestor, der treulose König des Landes, den jungen Sohn des trojanischen Königs, Polydorus, den Griechen aus und erkaufte sich mit dieser Gabe den Frieden. Der Jüngling aber wurde von den Belagerern unter den Mauern Trojas und vor den Augen des Vaters gesteinigt.

Doch Äneas wußte nicht, an welchem Ufer er mit seinen Schiffen vor Anker gegangen war. Voll Freude, eine wirtliche Küste erreicht zu haben, betrat er mit seinen Freunden das Land, und ohne von den Eingeborenen gehindert zu werden, schritten sie zu einer Niederlassung und legten den Grund zu einer neuen Stadt, in deren ruhigem Besitze sie sich von den Schlägen des Schicksals zu erholen gedachten und welcher Äneas, als das Haupt der Auswanderer, seinem eigenen Namen nach den Namen Änus beilegte. Der Bau war schon im Werden, und der fromme Held wollte für sein Werk den Schutz der Unsterblichen erflehen; er brachte Jupiter dem Göttervater und seiner eigenen Mutter Venus einen untadligen Stier am Gestade zum Opfer. In der Nähe befand sich ein heiterer Hügel, auf welchem Kornellen und Myrten in üppigem Wuchse wucherten. Nach diesem Wäldchen hatte sich Äneas begeben, um die frisch errichteten Rasenaltäre mit Laub und Zweigen zu bedecken. Da erfuhr er ein Grausen erregendes Wunder. Sobald er einen Strauch aus den Wurzeln reißen wollte, quollen aus diesen schwarze Blutstropfen und flossen auf den grünen Waldboden, daß dem Helden selbst in den Adern das Blut erstarrte. Angstvoll warf sich Äneas auf die Erde und flehte zu den Nymphen des Waldes und zu Bacchus, dem Schutzgotte der thrakischen Fluren, die Schrecken abzuwenden, mit welchen dieses Wunderzeichen ihm drohte. Dann ergriff er mit erneuter Kraft ein drittes Bäumchen, und mit dem Knie auf den Boden gestemmt, versuchte er, es zu entwurzeln. Da ließ sich ein klägliches Stöhnen aus dem Boden vernehmen, und endlich kam ihm eine Stimme zu Ohren, welche in verlorenen Tönen sprach: »Was quälest du mich, unglücklicher Äneas? Meine Seele wohnt in diesem Boden, in den Wurzeln und Ästen dieses Waldes, in welchem ich als Kind einst ahnungslos spielte. Ich bin dein Stammesgenosse, dein Verwandter, Äneas, bin Polydorus, der Sohn des Priamus, der einst von seinem Pflegevater an die Griechen verraten und vor deinen Augen unter Trojas Mauern zerschmettert ward. Mein Gebein ist von mitleidigen Thrakiern gesammelt und hier im Vaterlande bestattet worden. Verletze meine Freistätte nicht, du selbst aber fliehe dieses Ufer, das dir und allen Trojanern mit Unheil droht; denn noch herrscht das Geschlecht des Verräters in diesem Lande.«

Als Äneas sich vom ersten Schrecken erholt hatte, kehrte er zu den Seinigen zurück und meldete das Gesicht zuerst seinem Vater und dann den andern Häuptlingen des ausgezogenen Volkes. Alle vereinigten sich, mit ihm die verruchte Stätte des entweihten Gastrechts zu verlassen. Die begonnenen Arbeiten wurden eingestellt, und nachdem sie dem unglücklichen Polydorus ein Totenfest gefeiert, schoben die Trojaner ihre Schiffe wieder vom Strande, bestiegen sie und verließen mit ihnen den Hafen. Günstiger Wind führte sie bald weit in die offene See hinaus, und nach glücklicher Fahrt erschien ihnen mitten im Meer, unter vielen andern Inseln, ein wunderliebliches kleines Eiland, das sich lachend aus den Fluten emporhob. Sein Name war Delos, es war einst eine schwimmende Insel gewesen; Apollo war hier geboren und hatte sich ihrer, als sie wie unentschlossen um andere Inseln und Küstenländer herumirrte, mitleidig angenommen und sie in der Mitte der Zykladeninseln in dem Meeresgrunde befestigt, daß sie hinfort den Stürmen trotzen und glückliche Bewohner nähren konnte. Die Menschen, die sich dort ansiedelten, hatten dankbar ihre Stadt dem Apollo geweiht und waren gastliche, gute Leute. Dorthin steuerte Äneas mit seiner Flotte, und ein sicherer Hafen nahm die müden Seefahrer auf. Sie landeten und betraten die Stadt, die dem Fernhintreffer Phöbus Apollo gewidmet war, mit tiefer Ehrfurcht. Ihr König Anius, der zugleich Priester des Phöbus war, wandelte, mit der heiligen Binde um die Schläfe und dem Lorbeer in der Hand, den Ankömmlingen entgegen und erkannte in dem greisen Anchises einen alten Gastfreund. Unter Gruß und Handschlag wurden Äneas und seine Genossen in die Mauern aufgenommen und wallfahrteten vor allem andern in den altertümlichen Tempel des Schutzgottes der Insel. Äneas warf sich in tiefer Ehrfurcht vor dem Haus Apollos nieder und betete mit aufgehobenen Händen: »Gib uns, du großer Beschützer des trojanischen Volkes, ein eigenes Haus, gönn uns eine bleibende Statt; laß das Geschlecht deiner Schützlinge nicht aussterben, hilf ihnen, ein zweites Troja zu gründen! Sprich, wer soll unser Führer sein? Wohin schickst du uns? Gib uns ein Zeichen, großer Gott, offenbare dich unsern Seelen!«

Kaum hatte der Held solches gesprochen, als die Schwelle des Gottes, der Lorbeerhain, der den Tempel umgab, und das ganze Gebirge ringsumher sichtlich und fühlbar erbebte, und aus den offenen Hallen des Tempels ertönte vom Dreifuße das Orakel heraus: »Ausdauerndes Volk der Dardaner, ihr kehret in den Schoß eines Landes zurück, das schon den Stamm eurer Ahnherren getragen hat. Eure alte Mutter suchet ihr auf: von dort wird das Haus des Äneas in seinen spätesten Enkeln alle Länder der Erde beherrschen.«

Bei der Stimme des Gottes hatten sich alle demütig zur Erde niedergeworfen. Als sie den günstigen Ausspruch vernommen hatten, sprangen sie freudig wieder auf; ein jubelndes Getümmel entstand, und sie befragten sich untereinander, von welchem Lande wohl Apollo spreche und wo den Irrenden eine neue Heimat winke.

Als sie so untereinander beratschlagten, erhob der ehrwürdige Held Anchises, der Vater des Äneas, der in die Kunde der Vorwelt eingeweiht war, seine Stimme: »Laßt mich euch, ihr Häupter des Volkes«, sprach er, »eure Hoffnungen deuten. Mitten im inselreichsten Meere liegt eine Insel, aus welcher Jupiter der Göttervater selbst abstammt. Sie heißt Kreta und ist auch die Wiege unseres Volksstammes. Und wie Trojas Hauptgebirg heißt auch die waldige Bergkette, die sich durch dieses Inselland zieht, das Idagebirg. Zu seinen Füßen dehnen sich die fruchtbarsten Fluren, und mit hundert Städten ist das Land geschmückt. Dorther soll unser Stammvater Teucer ins troische Land gekommen sein, dorther all unser Götterdienst stammen, und gewiß, dorthin führt uns auch jetzt Apollos Befehl: lasset uns ihm folgen! Die Reise dorthin ist nicht allzuweit; schickt uns Jupiter Fahrwind, so befindet sich unsere Flotte am dritten Morgen im Angesichte der Insel Kreta.«

Agamemnon gerächt



Agamemnon gerächt

Elektra führte inzwischen im Königspalaste ihres ermordeten Vaters das traurigste Leben, und nur die Hoffnung, ihren Bruder einst, zum Manne herangewachsen, als Rächer in den väterlichen Hallen erscheinen zu sehen, fristete ihr kummervolles Dasein. Von der Mutter wurde ihr die bitterste Feindschaft zuteil; im eigenen Stammhause mußte sie mit den Mördern ihres Vaters wohnen und ihnen in allem unterwürfig sein; auf sie kam es an, ob sie darben oder den notdürftigen Unterhalt empfangen sollte. Auf dem Thron Agamemnons sah sie den Ägisth in königlicher Herrlichkeit sitzen, sah ihn in dessen schönste Gewande, welche die Vorratskammern des Palastes füllten, gekleidet einhergehen und den Schutzgöttern des Hauses an derselben Stelle Trankopfer spenden, wo er seinen Blutsverwandten ermordet hatte. Sie war Zeuge der zärtlichen Vertrautheit, mit welcher die freche Mutter den Besudelten behandelte; denn diese, mit Lächeln über das hinschlupfend, was sie Greuliches begangen hatte, ordnete alljährlich Festreigen an dem Tage an, an welchem sie den Gatten trügerisch dahingewürgt, und brachte noch dazu den Rettungsgöttern jeden Monat reichliche Schlachtopfer dar. Die Jungfrau verzehrte sich bei diesem empörenden Anblicke in geheimem Gram; denn es war ihr nicht einmal frei zu weinen vergönnt, sosehr ihr Herz darnach begehrte. »Was weinst du, Gottverhaßte«, rief ihr die Mutter zornig zu, sooft sie dieselbe in Tränen fand, »starb denn dir allein der Vater? Hat denn kein Sterblicher zu trauern als du? Möchtest du doch in deinem törichten Jammer schmählich vergehen!« Zuweilen ward ihr böses Gewissen durch ein eitles Gerücht aufgeschreckt, als sei Orestes aus der Fremde im Anzug; dann wütete sie am rückhaltlosesten gegen die unglückliche Tochter. »Nun, wäre es nicht deine Schuld«, rief sie ihr zu, »wenn er käme? Bist nicht du es, die ihn aus meiner Hand hinweggestohlen und heimlich davongeschickt hat? Doch wirst du dich deiner Anschläge nicht freuen; der verdiente Lohn ereilt dich, ehe du es denkst!« In solchen Scheltworten stand ihr dann der verworfene Gatte Ägisth bei, und vor beider Flüchen verbarg sich Elektra in die dunkelste Kammer des Hauses.

Jahre waren so hingeschwunden, während welcher sie unaufhörlich auf die Erscheinung ihres Bruders Orestes harrte; denn dieser hatte bei seiner Flucht, so jung er war, doch der Schwester das Versprechen hinterlassen, zur rechten Zeit, wenn er Manneskraft in seinem Arme mitbringen könnte, da zu sein. Jetzt aber zögerte der herangereifte Jüngling so lange, und die nahen wie die fernen Hoffnungen erloschen allmählich in dem trostlosen Herzen der trauernden Jungfrau.

Bei ihrer jüngeren Schwester Chrysothemis, die nun auch längst herangewachsen war, aber nicht das männliche Gemüt Elektras besaß, fand die treue Tochter Agamemnons keine Unterstützung ihrer Pläne und wenig Trost in ihrem Schmerz. Doch geschah dies nicht aus Gefühllosigkeit, sondern nur aus Schwäche des weiblichen Herzens. Chrysothemis gehorchte der Mutter und widersetzte sich nicht halsstarrig ihren Befehlen wie Elektra. So kam sie denn auch eines Tages mit Opfergeräte und Grabesspende für Verstorbene im Auftrage der Mutter vor das Tor des Palastes gegangen und trat der Schwester hier in den Weg. Elektra schalt sie über diesen Gehorsam und fand es schnöde, daß ein Kind solchen Mannes des Vaters vergessen und der ruchlosen Mutter stets gedenken könne. »Willst du denn«, erwiderte ihr Chrysothemis, »so lange Zeit hindurch niemals lernen, leerem Grame dich nicht fruchtlos hinzugeben? Glaube nur, daß mich auch kränkt, was ich sehe, und nur aus Not ziehe ich mein Segel ein. Dich aber, dies vernahm ich von den Grausamen, wollen sie, wenn du nicht aufhörst zu klagen, ferne von dem Elternhause in einen tiefen Kerker werfen, wo du den Strahl der Sonne niemals wieder schauen sollst. Bedenke dies und gib nicht mir die Schuld, wenn jene Not einbricht!« »Mögen sie es tun«, antwortete Elektra stolz und kalt, »mir ist am wohlsten, wenn ich recht ferne von euch allen bin! Aber wem bringst du dieses Opfer da, Schwester?« »Es ist von der Mutter unserm verstorbenen Vater bestimmt.« »Wie, für den Ermordeten?« rief Elektra staunend. »Sprich, was bringt sie auf solche Gedanken?« »Ein nächtliches Schreckbild«, erwiderte die jüngere Schwester. »Sie hat, so geht die Sage, unsern Vater im Traume geschaut, wie er den Herrscherstab, den er einst trug und jetzt Ägisth trägt, in unserm Hause ergriff und in die Erde pflanzte. Diesem entsproßte alsobald ein Baum mit Ästen und üppigen Zweigen, der über ganz Mykene seinen Schatten verbreitete. Durch dieses Traumbild geschreckt und zu banger Furcht aufgeregt, schickt sie mich heute, wo Ägisth nicht zu Hause ist, des Vaters Geist mit diesem Grabesopfer zu versöhnen.« »Teure Schwester«, sprach Elektra auf einmal in bittendem Tone, »ferne sei, daß die Spende des feindseligen Weibes das Grab unseres Vaters berühre! Gib das Opfer den Winden, vergrab es tief in den Sand, wo auch kein Teilchen davon die Ruhestätte unsers Vaters erreichen könne. Meinst du, der Tote im Grabe werde das Weihgeschenk seiner Mörderin frohen Mutes empfangen? Wirf du vielmehr alles hin, schneide dir und mir ein paar Locken des Haupthaares ab und bring ihm dieses unser demütiges Haar und meinen Gürtel da, das einzige, was ich habe, als wohlgefälliges Opfer dar. Wirf dich dazu nieder und flehe zu ihm, daß er aus dem Erdenschoß als Beistand gegen unsere Feinde heraufsteigen daß der stolze Fußtritt seines Sohnes Orestes bald erschalle und seine Mörder niedertrete. Dann wollen wir sein Grab mit reicheren Opfern schmücken!« Chrysothemis, zum ersten Male von der Rede der Schwester ergriffen, versprach zu gehorchen und eilte mit dem Opfer der Mutter hinaus ins Freie.

Sie hatte sich noch nicht lange entfernt, so kam Klytämnestra aus den innern Hallen des Palastes und fing in gewohnter Weise auf ihre ältere Tochter zu schmähen an: »Du bist heute wieder ganz ausgelassen, scheint es, Elektra, weil Ägisthos, der dich doch sonst in Schranken hielt, fort ist. Schämst du dich nicht, anders als es einer sittsamen Jungfrau geziemt, den Deinen zur Schande vor das Tor zu gehen und mich da wohl bei den aus- und eingehenden Mägden zu verklagen? Nimmst du noch immer den Vater zum Vorwande deiner Anklage, daß er durch mich gestorben sei? Nun wohl, ich leugne diese Tat nicht, aber nicht ich allein bin es, die sie verrichtete, die Göttin der Gerechtigkeit stand mir zur Seite; und auf ihre Seite solltest du auch treten, wenn du vernünftig wärest. Erfrechte sich nicht dieser dein Vater, den du unaufhörlich beweinst, allein im ganzen Volke, deine Schwester sich und Menelaos zum Vorteil hinzuopfern? Ist ein solcher Vater nicht schändlich und sinnlos? Würde der Toten gewährt zu sprechen, gewiß, sie würde mir recht geben! Ob aber du, Törin, mich schiltst, das gilt mir gleich!«

»Höre mich an«, erwiderte Elektra. »Du gestehst meines Vaters Mord. Das ist Schande genug, mag dieser Mord nun gerecht gewesen sein oder nicht. Aber nicht um der Gerechtigkeit willen hast du ihn erschlagen! Die Schmeichelei des schnöden Mannes trieb dich dazu, der dich jetzt besitzt. Mein Vater opferte fürs Heer und nicht für sich, nicht für Menelaos. Widerstrebend, gezwungen tat er es, dem Volke zulieb. Und wenn er es für sich, wenn er es für seinen Bruder getan hätte, mußte er deswegen von deiner Hand sterben? Mußtest du deinen Mordgenossen zum Gemahl nehmen und die allerschimpflichste Tat auf die allerverruchteste folgen lassen? Oder heißest du das vielleicht auch Vergeltung für den Opfertod deines Kindes?« »Schnöde Brut!« rief Klytämnestra zornglühend ihr entgegen. »Bei der Königin Artemis! du büßest mir diesen Trotz, ist nur erst Ägisth zurückgekommen. Wirst du dein Geschrei einstellen und mich ruhig opfern lassen?«

Klytämnestra wandte sich von der Tochter ab und trat an den Altar des Apollon, der vor dem Palaste wie vor allen Häusern der Griechen aufgestellt war, Haus und Straße zu behüten. Das Opfer, das sie darbrachte, war bestimmt, den Gott der Weissagungen wegen des Traumgesichtes zu versöhnen, das ihr in der letzten Schreckensnacht im Schlafe vorgekommen war.

Und es schien, als wolle der Gott sie erhören. Noch hatte sie nicht ausgeopfert, als ein fremder Mann auf die sie begleitenden Dienerinnen zuschritt und nach der Königswohnung des Ägisth sich erkundigte. Von diesen an die Fürstin des Hauses gewiesen, beugte er die Knie vor ihr und sprach: »Heil dir, o Königin, ich bin gekommen, dir ein willkommenes Wort von deinem und deines Gemahles Freunde zu verkünden. Mich sendet der König Strophios aus Phanote: es starb Orestes; damit ist mein Auftrag zu Ende.« »Dies Wort ist mein Tod«, seufzte Elektra und sank an den Stufen des Palastes nieder. »Was sagst du, Freund?« sprach hastig Klytämnestra, den Altar mit einem Sprunge verlassend. »Kümmre dich nicht um jene Närrin dort! Erzähle mir, erzähle!«

»Dein Sohn Orestes«, hub jener an, »von Ruhmbegier getrieben, war nach Delphi zu den heiligen Spielen gekommen. Als der Herold den Anfang des Wettlaufs verkündigte, so trat er herein in den Kreis, eine glänzende Gestalt, von allen angestaunt. Ehe man ihn recht seinen Anlauf nehmen sah, dem Wind oder dem Blitze gleich, war er am Ziele und trug den Siegespreis davon. Ja, soviel der Kampfrichter Heroldsrufe ergehen ließ, in dem ganzen fünffachen Kampfe der doppelten Rennbahn erschallte jedesmal als Name des Siegers Orestes, der Sohn Agamemnons, des Völkerfürsten vor Troja. Dies war der Anfang der Wettkämpfe. Aber wenn ihn die höhere Gewalt der Götter irremacht, so entgeht auch der Stärkste seinem Lose nicht. Denn als nun am andern Tage wiederum bei Sonnenaufgang das Wettrennen der geflügelten Rosse seinen Anfang nahm, war auch er unter vielen andern Wagenlenkern zur Stelle. Vor ihm waren auf dem Kampfplatz ein Achaier, ein Spartaner und zwei wohlerfahrene Rosselenker aus Libyen erschienen. Auf sie folgte Orestes als der fünfte, mit thessalischen Pferden; dann, mit einem Viergespann von Braunen, kam ein Ätolier; als siebenter ein Wettrenner aus Magnesia, der achte ein Kämpfer aus Ainia mit schönen Schimmeln, beide Thrakier; aus Athen ein neunter und zuletzt auf dem zehnten Wagen saß ein Böotier. Nun schüttelten die Kampfrichter die Lose, die Wagen wurden in der Ordnung aufgestellt, die Trompete gab das Zeichen, und dahin jagten sie alle, die Zügel schwingend und den Rossen Mut einrufend. Das Erz der Wagen dröhnte, der Staub flog empor, keiner sparte die Geißel. Hinter jedem Wagen schnaubten schon die Rosse eines andern. Man war bereits beim siebenten Umlauf. Orest hat es jedesmal, wenn er die Zielsäule umfahren mußte, verstanden, nur leise mit der Nabe anstreifend den Bogen zu nehmen, das Handpferd links straff im Zügel, rechts das äußere locker lassend. Noch flogen die Wagen alle mit gutem Glück dahin, da wurden die hartmäuligen Pferde des Ainianer scheu und rannten gegen den Wagen des Libyers an. Durch diesen einen Fehler geriet alles in Verwirrung, Wagen stürzten an Wagen; und bald war das Feld mit Trümmern bedeckt. Nur der kluge Athener wich seitwärts, hemmte seine Rosse und ließ im innern Kreise den Strudel der Wagen sich ineinanderwühlen. Hinter ihm drein kommend, trieb als der letzte Orestes seine Rosse an. Wie dieser nun alles gestürzt und in Unordnung und den Athener allein noch übrig sieht, klatscht er mit der Peitsche seinem Viergespann ins Ohr, und so fährt bald, beide Führer im Sitz aufrecht und vorgelehnt, das kühne Paar miteinander in die Wette. Jetzt nahte die letzte Säule. Orestes war auf der langen Bahn glücklich vorwärts gekommen und ließ, auf dies sein Glück vertrauend, allmählich auch mit dem innern Zügel nach. So wandte sich sein linkes Roß zu früh, bog um und streifte kaum merklich die Säule der Bahn. Und doch war der Stoß so groß, daß die Nabe mitten durchbrach, der Arme vom Wagensitze glitt und an seinem Zaume dahingeschleift wurde. Als er auf den Boden sank, flogen seine Rosse in wilder Flucht über den Sand; das Volk jammerte laut auf, denn der schöne Jüngling wurde bald am Boden hingeschleift, bald streckte er seine Glieder gen Himmel. Endlich hemmten die Wagenlenker selbst mit Mühe sein Gespann und lösten den Geschleiften ab, der so mit Blut befleckt, so entstellt war, daß selbst seine Freunde den Leib nicht mehr erkannten. Der Leichnam wurde sofort schleunig auf dem Scheiterhaufen verbrannt, und wir Abgeordneten aus Phokis bringen in einer kleinen Urne von Erz den jämmerlichen Überrest seines sittlichen Leibes, damit sein Vaterland ihm ein Grab gönne.«

Der Bote endete: Klytämnestra aber fühlte sich von widersprechenden Gefühlen bewegt; sie sollte sich eigentlich über den Tod des gefürchteten Sohnes freuen; aber doch regte sich das Mutterblut mächtig in ihr, und ein unwiderstehlicher Schmerz verkümmerte ihr das Gefühl der Sorglosigkeit, dem sie sich mit dieser Nachricht endlich hingeben zu dürfen glaubte. Elektra dagegen war nur von einem Gefühle, dem grenzenlosesten Jammer, besessen und machte diesem in lauten Wehklagen Luft. »Wohin soll ich fliehen?« rief sie, als Klytämnestra mit dem Fremdling aus Phokis in den Palast gegangen war; »jetzt erst bin ich einsam, jetzt erst des Vaters beraubt; nun muß ich wieder die Dienstmagd der abscheulichsten Menschen, der Mörder meines Vaters, sein! Aber nein, unter demselben Dache mit ihnen will ich künftig nicht mehr wohnen, lieber werfe ich mich selbst hinaus vor das Tor dieses Palastes und komme draußen im Elend um. Zürnet einer der Hausbewohner darob? Wohl, er gehe heraus und töte mich! Das Leben kann mich nur kränken, und der Tod muß mich erfreuen!«

Allmählich verstummte ihre Klage, und sie versank in ein dumpfes Brüten. Wohl mochte sie stundenlang so in sich vertieft auf der Marmortreppe am Eingange des Palastes, den Kopf auf den Schoß gelegt, gesessen haben, als auf einmal ihre junge Schwester Chrysothemis voll Freude dahergeflogen kam und mit einem Jubelruf die Schwester aus ihrem brütenden Kummer weckte. »Orestes ist gekommen«, rief sie; »er ist leibhaftig da, wie du mich selbst hier vor dir siehest!« Elektra richtete ihr Haupt auf, blickte die Schwester mit weit aufgerissenen Augen an und sprach endlich: »Redest du im Wahnsinn, Schwester, und willst meiner und deiner Leiden spotten?« »Ich melde, was ich gefunden«, stieß Chrysothemis heraus, lachend und weinend zugleich. »Höre, wie ich auf die Spur der Wahrheit kam. Als ich an das überwachsene Grab unsers Vaters kam, da sah ich auf der Höhe Spuren einer frischen Opferspende von Milch und zugleich seine Ruhestätte mit mancherlei Blumen bekränzt. Staunend und ängstlich durchspähete ich den Ort, und als ich niemand gewahr wurde, wagte ich es, weiterzuforschen. Da entdeckte ich am Rande des Grabmals eine frisch abgeschnittene Locke. Auf einmal steigt in meiner Seele, ich weiß nicht wie, das Bild unseres fernen Bruders Orestes auf, und mich ergreift eine Ahnung, daß er, nur er es sei, von welchem diese Spur herrühre. Unter heimlichen Freudentränen greife ich nach der Locke, und hier bringe ich sie. Sie muß von des Bruders Haupte geschnitten sein!«

Elektra blieb bei dieser unsicheren Kunde ungläubig sitzen und schüttelte das Haupt. »Ich bedaure dich deiner törichten Leichtgläubigkeit wegen«, sprach sie; »du weißt nicht, was ich weiß.« Und nun erzählte sie der Schwester die ganze Botschaft des Phokiers, so daß der armen Chrysothemis, die sich von Wort zu Wort mehr um ihre Hoffnung betrogen fand, nichts übrigblieb, als in den Weheruf mit einzustimmen. »Ohne Zweifel«, sagte Elektra, »rührt die Locke von irgendeinem teilnehmenden Freunde her, der dem jämmerlich umgekommenen Bruder am Grabe des ermordeten Vaters ein Andenken stiften wollte.« Und doch hatte sich die Heldenjungfrau unter diesen Gesprächen wieder ermannt und machte der Schwester den Vorschlag: da die letzte Hoffnung, den Vater durch die Hand des Sohnes zu rächen, mit Orestes erloschen sei, die große Tat gemeinschaftlich mit ihr selbst zu vollführen und den Missetäter Ägisth zu töten. »Besinne dich«, sprach sie; »du hast das Leben und sein Glück lieb, Chrysothemis! Nun hoffe nur nicht, daß Ägisth je gestatten werde, daß wir uns vermählen und des Agamemnons Geschlecht, ihm und den Seinigen zur Rache, aus uns erneut hervorsprosse. Willst du aber meinem Ratschlage gehorchen, so verdienst du dir den Ruhm der Treue um Vater und Bruder, wirst in Zukunft frei herangewachsen leben, wirst durch einen würdigen Ehebund beglückt werden. Denn wer sähe sich nicht gerne nach einer so edlen Tochter um? Dazu wird alle Welt uns zwei Geschwister preisen, am Festmahl und in der Volksversammlung werden wir für unsere Mannestat nichts als Ehre ernten! Darum folge mir, du Liebe! hilf dem Vater, dem Bruder, rette mich, rette dich selbst aus der Not! Bedenke doch, wie ein schimpfliches Leben Edelgeborene schändet!«

Aber Chrysothemis fand den Vorschlag der plötzlich begeisterten Schwester unvorsichtig, unklug, unausführbar. »Auf was vertrauest du denn?« fragte sie. »Hast du Männerfaust und bist nicht ein Weib? Stehest du nicht den mächtigsten Feinden, deren Glück von Tage zu Tage sich fester begründet, gegenüber? Wahr ist’s, wir leiden Hartes; aber siehe zu, daß wir uns nicht noch Unerträglicheres zuziehen. Einen schönen Ruf können wir freilich gewinnen; aber nur durch einen schmählichen Tod! Und vielleicht ist Sterben nicht das Schlimmste, und es würde uns noch Schnöderes zuteil als der Tod. Drum, ehe wir so rettungslos verderben, laß dich erflehen, Schwester, bezwing deinen Unmut! Was du mir anvertraut hast, will ich als das tiefste Geheimnis bewahren!«

»Deine Rede überrascht mich nicht«, erwiderte mit einem tiefen Seufzer Elektra. »Ich wußte wohl, daß du meinen Vorschlag weit von dir werfen würdest. So muß ich denn ganz allein, mit eigenen Händen, an das Werk gehen. Wohl, es ist auch so recht!« Weinend umschlang sie Chrysothemis. Aber die hohe Jungfrau blieb unerbittlich. »Geh«, sprach sie kalt, »zeige nur alles deiner Mutter an.« Und als die Schwester weinend den Kopf schüttelte und davonging, so rief sie ihr nach: »Geh, geh! nie werde ich deinem Tritte folgen!«

Sie saß noch immer unbeweglich auf der Schwelle des Palastes, als zwei junge Männer in der Begleitung anderer mit einer Totenurne dahergeschritten kamen. Der schönste und blühendste von ihnen wandte sich an Elektra, fragte nach der Wohnung des Königes Ägisth und gab sich als einen der Abgesandten aus Phokis kund. Da sprang Elektra auf und streckte die Hände nach der Urne aus. »Bei den Göttern, Fremdling!« rief sie, »wenn ihn dies Gefäß verhüllet, so gib es mir, auf daß ich mit seiner Asche den ganzen unglückseligen Stamm bejammere!«

»Wer sie auch sein mag«, sprach der Jüngling, die Jungfrau aufmerksamer betrachtend, »gebet ihr die Urne! Sicherlich hegt sie keine Feindschaft gegen den Toten, ist vielmehr eine Freundin oder gar ein ihm anverwandtes Blut.« Elektra faßte die Urne mit beiden Händen, drückte sie wieder und immer wieder ans Herz und rief dazu in unverhaltenem Jammerton: »O du Überrest des geliebtesten Menschen! Wie mit ganz anderer Hoffnung habe ich dich ausgesandt und begrüße dich jetzt, da du so zurückkehrtest! Wär ich doch lieber gestorben, anstatt dich in die Ferne hinauszusenden; dann wärest du an demselben Tage am Grabe des Vaters als Schlachtopfer gesunken, wärest nicht in der Verbannung umgekommen und von Fremdlingshänden bestattet worden! So war denn all meine Pflege, all meine süße Mühe umsonst! Das alles ist mit dir gestorben; der Vater ist tot, ich selbst bin tot, seitdem du nicht mehr lebst: die Feinde lachen, unsere Mutter genießt in wilder Lust, denn jetzt fürchtet sie keine heimlichen Rachebotschaften, an mich von dir gerichtet, mehr. Ach, nähmest du mich doch auch mit auf in deine Urne; ich bin vernichtet, laß mich dein Nichts mit dir teilen!«

Als die Jungfrau so jammerte, konnte sich der Jüngling, der an der Spitze der Gesandten stand, nicht länger halten und seine Zunge nicht mehr zwingen. »Ist’s möglich«, rief er, »diese Jammergestalt soll Elektras edles Bild sein? O gottlos, o frevelhaft entstellter Leib! Wer hat dich so zugerichtet?« Elektra blickte ihn verwundert an und sprach: »Das macht, ich muß den Mördern meines Vaters dienen, gezwungen von der verruchten Mutter, und mit der Asche in dieser Urne ist alle meine Hoffnung dahin!« »Stell diesen Aschenkrug weg!« rief der Jüngling mit tränenerstickter Stimme, und als Elektra sich weigerte und die Urne fester ans Herz drückte, sprach er weiter: »Weg mit der leeren Urne, es ist alles nur Schein!« Da schleuderte die Jungfrau das Gefäß von sich und rief in Verzweiflung: »Wehe mir! wo ist sein Grab denn?« »Nirgends« war die Antwort des Jünglings; »den Lebendigen wird kein Grab gemacht!« »So lebt er, lebt er?« »Er lebt, wenn anders ich selbst vom Lebenshauch beseelt bin; ich bin Orestes, bin dein Bruder, erkenne mich an diesem Malzeichen, mit dem der Vater mich am Arme gezeichnet! Glaubst du nun, daß ich lebe?« »O Lichtstrahl in der Nacht!« rief Elektra und lag in seinen Armen.

In diesem Augenblicke kam der Mann aus dem Palast, welcher der Königin die falsche Todesbotschaft aus Phokis überbracht hatte; es war der Pfleger des jungen Orestes, dem einst Elektra selbst den Knaben übergeben und der ihn auf ihren Befehl ins Land des Phokier geleitet hatte. Als er mit kurzen Worten der Jungfrau dieses kundtat, reichte sie ihm erfreut die Hand und sprach: »O du einziger Retter dieses Hauses! Welchen Dienst haben mir diese teuren Hände, diese treu bemühten Füße geleistet! Wie verbargst du dich so lange unentdeckt? Wie habt ihr doch alles angelegt und verabredet?« Aber der Pfleger stand ihren ungestümen Fragen nicht Rede. »Es wird die Zeit kommen, da ich dir alles mit Gemächlichkeit erzählen kann, edle Königstochter! Jetzt aber drängt die Stunde zum Angriff, zur Rache! Noch ist Klytämnestra allein im Hause, noch bewacht sie kein Mann drinnen; denn Ägisth verweilt noch in der Ferne! Wenn ihr aber noch einen Augenblick zögert, so habt ihr mit vielen und Überlegenen den Kampf zu wagen!«Orestes stimmte ein und eilte mit seinem treuen Freunde Pylades, dem Sohne des Königes Strophios aus Phokis, der an seiner Seite gekommen war, und mit allen andern Begleitern in den Palast, und Elektra, nachdem sie flehend den Altar Apollos umfaßt hatte, folgte ihnen.

Wenige Minuten waren verflossen, als Ägisth zurückkehrend in den Palast trat und hastig nach den Phokiern fragte, die, wie er unterwegs vernommen, die Freudenbotschaft von Orestes‘ Tode gebracht hätten. Die erste, die ihm im Innern des Königshauses begegnete, war Elektra, und er richtete mit höhnendem Übermut auch an sie die Frage: »Sprich, du Hochfahrende, wo sind die Fremdlinge, die deine Hoffnung vernichtet haben?« Elektra unterdrückte ihr Gefühl und antwortete ruhig: »Nun, sie sind drinnen, ihrer lieben Wirtin zugeführt!« »Und melden sie«, fuhr er fort, »auch wahrhaftig seinen Untergang?« »O ja,« erwiderte Elektra, »nicht nur dies, sondern sie haben ihn selbst bei sich.« »Das ist das erste erfreuliche Wort, das ich von deinen Lippen höre!« sprach hohnlachend Ägisth, »doch siehe, da bringen sie ja den Toten schon!«

Frohlockend ging er dem Orestes und seinen Begleitern entgegen, die einen verhüllten Leichnam aus dem Innern des Palastes in die Vorhalle trugen. »O froher Anblick«, rief der König und heftete seine gierigen Augen darauf, »hebet schnell die Decke auf, laßt mich ihn des Anstands halber beklagen; es ist ja doch verwandtes Blut!« So sprach er spottend. Orestes aber entgegnete: »Erhebe du selbst die Decke, Herrscher! dir allein gebührt es, liebevoll zu sehen und zu begrüßen, was unter dieser Hülle liegt!« »Wohl«, antwortete Ägisth, »aber ruf auch Klytämnestra herbei, daß sie schaue, was sie gerne sehen wird.« »Klytämnestra ist nicht ferne«, rief Orestes. Indem lüftete der König die Decke und fuhr mit einem Schrei des Entsetzens zurück: nicht die Leiche des Orestes, wie er gehofft hatte – der blutige Leichnam Klytämnestras zeigte sich seinen Blicken. »Weh mir«, schrie er, »in welcher Männer Netze bin ich Unglückseliger geraten?« Orestes aber donnerte ihn mit tiefer Stimme an: »Weißt du denn nicht schon lange, daß du zu Lebendigen als zu Toten sprächest? Siehest du nicht, daß Orestes, der Rächer seines Vaters, vor dir steht?« »Laß mich reden!« sprach zusammengesunken Ägisth. Aber Elektra beschwor den Bruder, ihn nicht anzuhören. Verstummend stießen ihn die Ankömmlinge hinein in den Palast und an demselben Orte, wo er einst den König Agamemnon im Bade gemordet, fiel Ägisth wie ein Opfertier unter den Streichen des Rächers.