Sagen

Odysseus erzählt weiter



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Das Schattenreich

»Die Sonne tauchte ins Meer«, fuhr Odysseus nach einer Pause fort, den horchenden Phäaken zu erzählen, »als wir, von einem wunderbaren Fahrwinde vorwärts getrieben, am Ende der Welt beim Gestade der Kimmerier, das in ewigem Nebel liegt und von den Sonnenstrahlen niemals beleuchtet wird, am Strome Okeanos, der die Welt umgürtet, anlangten. Wir kamen an den Fels und die Zusammenströmung der Totenflüsse, wie es uns Kirke bezeichnet hatte, und opferten ganz nach ihrer Vorschrift. Sowie das Blut aus den Gurgeln der Schafe in die Grube floß, tauchten tief aus der Unterwelt die Seelen der Abgeschiedenen nach der Felsenkluft empor, in welcher wir uns, den Strom zur Seite, befanden. Jünglinge und Greise, Jungfrauen und Kinder kamen, auch viele Helden mit klaffenden Wunden und in blutbesudelten Rüstungen; scharenweise, mit hohlem, grausenvollem Stöhnen umflatterten sie, nach Art der Schatten, die Opfergrube, so daß mich ein Entsetzen ankam. Schnell ermahnte ich die Genossen, nach Kirkes Rat die geopferten Schafe zu verbrennen und zu den Göttern zu flehen. Ich selbst riß das Schwert von der Hüfte und wehrte den Luftgebilden, vom Opferblute zu lecken, bevor ich den Tiresias befragt hätte.

Zuallererst nun nahte sich mir die Seele unsres Freundes Elpenor, dessen Leib noch unbegraben in Kirkes Wohnung lag. Mit Tränen im Auge klagte mir der Schatten sein Verhängnis und beschwor mich, nach der Insel Aiaia zurückzufahren und ihm ein ehrliches Begräbnis angedeihen zu lassen. Ich versprach es ihm, und das Schattenbild lagerte sich mir gegenüber. So saßen wir in wehmütigem Gespräch, dort die Schattengestalt, hier ich, das Schwert quer über dem Opferblut haltend. Bald gesellte sich zu uns auch der Schatten meiner Mutter, der herrlichen Antikleia, die ich noch lebend verlassen hatte, als ich gegen Ilios aufbrach. Sprachlos ließ sie sich nieder, auf das Blut starrend; ihren Sohn achtete und erkannte sie nicht.

Nun erschien die Seele des Thebaners Tiresias, einen goldenen Stab in der Rechten. Er erkannt mich sogleich und hub an: ›Edler Sohn des Laërtes, was trieb dich, das Sonnenlicht zu verlassen und diesen Ort des Entsetzens zu besuchen? Aber ziehe nur dein gezücktes Schwert von der Grube zurück, damit ich von dem Opferblut trinke und so in den Stand gesetzt werde, dir dein Schicksal zu weissagen.‹ Ich wich bei diesem Worte von der Grube und stieß mein Schwert in die Scheide. Nun trank der Schatten von dem schwarzen Blut und fing alsbald zu wahrsagen an: ›Du forschest bei mir, Odysseus, nach einer fröhlichen Heimkehr ins Vaterland; aber ein Gott wird sie dir schwer machen, und du kannst dich der Hand des Erderschütterers nicht entziehen. Du hast ihn schwer dadurch beleidigt, daß du seinem Sohne Polyphemos das Auge geblendet hast. Dennoch soll dir die Rückkehr nicht ganz abgeschnitten sein; halte nur dein und deiner Genossen Herz im Zaume. Zuerst landet ihr auf der Insel Thrinakia. Wenn ihr dort die heiligen Rinder und Schafe des Sonnengottes unberührt lasset, so dürfte euch die Heimfahrt wohl gelingen. Verletzet ihr sie aber, dann weissage ich deinem Schiffe und deinen Freunden Verderben. Wenn du selbst auch entrinnest, so kommst du spät, elend und einsam in die Heimat, auf einem fremden Schiff. Auch dort findest du nur Jammer: übermütige Männer, die dein Gut verprassen und um dein Weib Penelope freien. Wenn du diese, sei es mit List oder Gewalt, bezwungen oder getötet und ruhiges Glück dir lange gelächelt hat, so nimm, doch erst am Abend deines Lebens, dein Ruder auf die Schulter und wandre immer fort und fort, bis du zu Menschen kommst, die das Meer nicht kennen, keine Schiffe haben, ihre Speise mit keinem Salz würzen. Und wenn dir dort in der Fremde ein Wanderer begegnet und dir sagt, du tragest des Worflers Schaufel auf dem Rücken, dann stoße das Ruder in die Erde, bring dem Poseidon ein Opfer und wandre wieder heim. Endlich wird dich, während dein Reich blühet, ein friedlicher Greisentod fern vom Meere hinwegnehmen.‹

Dies war der Inhalt seiner Weissagung. Ich dankte dem Seher und fragte ihn weiter: ›Sage mir jetzt: dort sitzt der Schatten meiner Mutter! Wie mache ich es, ehrwürdiger Greis, daß sie mich erkenne?‹ ›Vergönne ihr nur‹, erwiderte der Seher, ›vom Opferblute zu trinken, so wird sie ihr Schweigen bald brechen.‹ Da wich ich von der Grube mit dem Schwerte zurück, und die Mutter trank. Urplötzlich erkannte sie mich, heftete ihr tränendes Auge auf mich und sprach: ›Lieber Sohn, wie kamst du lebendig in die Todesnacht herab? Haben dich der Ozean und die andern furchtbaren Ströme nicht gehindert? Irrest du immer seit Trojas Fall umher und kommst nicht zu deiner Heimat Ithaka?‹ Nachdem ich hierüber Aufschluß gegeben hatte, befragte ich die Mutter über ihren Tod, denn ich hatte sie lebend verlassen, als ich gen Troja zog. Auch wie es sonst bei uns zu Hause stehe, fragte ich sie mit pochendem Herzen. Und der Schatten erwiderte: ›Deine Gattin, nach der du so ängstlich fragst, weilt in deinem Hause mit unerschütterlicher Treue, und Tag und Nacht weint sie um dich. Deinen Zepter führt kein anderer, sondern dein Sohn Telemach verwaltet dein Gut. Dein Vater Laërtes hat sich aufs Land zurückgezogen und kommt nie mehr in die Stadt; dort schläft er nicht in einer Fürstenkammer, nicht in einem weichen Bette; neben dem Herdfeuer liegt er wie andere Knechte, auf dem Stroh, in ein schlechtes Kleid gehüllt, den ganzen Winter über; im Sommer bettet er sich unter freiem Himmel auf ein Bündel Reisig; und das alles tut er aus Jammer über dein Geschick. Ich selbst bin dem Gram über dich, mein lieber Sohn, erlegen, und keine Krankheit hat mich dahingerafft.‹

So sprach sie und machte mich vor Sehnsucht erbeben. Als ich sie aber in die Arme schließen wollte, zerstob sie wie ein Traumbild. Nun kamen andere Schatten daher, viele Gattinnen berühmter Helden. Sie tranken alle von dem Opferblute und erzählten mir ihre Geschicke. Als die Frauen nacheinander wieder verschwunden waren, ward mir ein Anblick zuteil, der mir das Herz im Busen bewegte. Es kam nämlich die Seele des Völkerfürsten Agamemnon heran. Schwermütig bewegte sich der große Schatten nach der Opfergrube und trank von dem Blute. Da blickte er auf, erkannte mich und fing an zu weinen. Vergebens streckte er die Hände aus, mich zu erreichen; in den Gliedern war keine Spannkraft; er sank zurück zur Ferne und antwortet von dort aus auf meine sehnlichen Fragen: ›Edler Odysseus‹, sprach er, ›mich hat nicht, wie du wähnst, der Zorn des Meeresgottes verderbt, nicht Feinde auf der Feste haben mich bezwungen. Wie man den Stier an der Krippe erschlägt, hat mich mein Weib Klytämnestra mit ihrem Buhlen Ägisth im Bade erschlagen, mich, der ich in die Heimat voll Sehnsucht nach Frau und Kindern gekommen war. Darum rate ich dir, Odysseus, zeige dich nicht allzu gefällig gegen die Gattin, vertrau ihr aus Zärtlichkeit nicht ein jegliches Geheimnis an. Doch du hast ein verständiges und tugendhaftes Weib, du Glücklicher! Und das Knäblein, das an ihrer Brust lag, als wir Griechenland verließen, dein Telemach wird als Jüngling, voll herzlicher, voll kindlicher Liebe seinen Vater empfangen. Mein ruchloses Weib hat mir nicht einmal gegönnt, die Augen an dem Anblicke meines Sohnes zu laben, bevor sie mich ermordete! Dennoch rate ich dir, heimlich und nicht öffentlich am Gestade Ithakas zu landen: denn keinem Weibe ist zu trauen!‹

Mit diesen finstern Worten wandte sich der Schatten um und verschwand. Nun kamen die Seelen des Achill und seines Freundes Patroklos, des Antilochos und des großen Ajax. Zuerst trank Achill, erkannte mich und staunte. Ich erzählte ihm, warum ich gekommen. Als ich aber den berühmtesten Griechen als Gebieter der Geister auch im Hades selig pries, erwiderte er mißmutig: ›Sprich mir nichts Tröstliches vom Tode, Odysseus! Lieber wollte ich als Taglöhner auf Erden das Feld bestellen, ohne Eigentum und Erbe, als über die sämtliche Schar der Toten herrschen!‹ Dann mußte ich ihm vom Heldenleben seines Sohnes Neoptolemos erzählen, und als er viel Gutes und Rühmliches über ihn vernommen, wandelte der erhabene Schatten zufriedenen und mächtigen Schrittes der Tiefe wieder zu und verlor sich in derselben.

Auch die andern Seelen der Abgeschiedenen, die inzwischen von dem Blute getrunken hatten, standen mir nun Rede. Nur der Schatten des Ajax, den ich einst im Streit um die Waffen des Achill besiegt und der sich deswegen entleibt hatte, stellte sich seitwärts und zürnte. Mit sanften Worten redete ich ihn an: ›Telamons Sohn, kannst du denn auch im Tode den Unmut nicht vergessen, in welchen dich die Rüstung des Achill versetzt hat, welche die Götter den Argivern doch nur zum Fluche bestimmt hatten? Denn durch sie bist du, der ein Turm war in der Feldschlacht, dahingesunken, daß wir dich nächst Achill bejammern mußten. Doch ist keiner von uns an deinem Tode schuldig; es war ein Verhängnis, das dir und uns Zeus zugesandt hat. Darum, edler Fürst, bezwinge dein Gemüt, nahe mir, rede mit mir!‹ Aber der Schatten antwortete nichts, sondern ging ins Dunkel zu andern abgeschiedenen Seelen.

Nun erblickte ich auch die Schatten längst verstorbener Helden: den Totenrichter Minos; den gewaltigen Jäger Orion, welcher, die Keule in der Hand, Schattenbilder von Luchsen und Löwen aufscheuchte; den Tityos, dem für seine Frevel zwei Geier, von jeder Seite einer, an der Leber fraßen; den Tantalos, der dürstend mitten im Wasser stand, daß es ihm das Kinn bespülte, aber sooft er trinken wollte, wich die Welle zurück und versiegte, daß der schwarze Boden zu seinen Füßen sichtbar wurde; auch ragten Bäume voll Früchten über sein Haupt herein, voll Birnen, Feigen, Granaten, Oliven, Äpfeln: – wenn er aber, der Hungernde, sie mit den Händen haschen wollte, da schwang der Sturm die Äste aufwärts den Wolken zu, und seine Hand griff in die leere Luft. Auch den Sisyphos sah ich, den vergebliche Pein abquälte: er war bemüht, ein großes Felsenstück einen Berg emporzuschieben; angestemmt, mit Händen und Füßen arbeitete er sich ab und wälzte den Stein die Berghöhe hinauf. Sooft er aber schon glaubte, ihn auf dem Gipfel droben zu haben, glitt ihm das Felsstück aus den Händen und rollte schändlicherweise den Berg hinunter. Da begann denn seine Anstrengung von neuem: der Angstschweiß floß ihm von den Gliedern, und das Haupt hüllte eine Wolke von Staub ein. Ihm zunächst stand der Schatten des Herakles, doch nur sein Schatten, denn er selbst lebt als Gemahl der Jugendgöttin ein seliges Leben unter den Olympischen. Sein Schatten aber stand finster wie die Nacht, hielt den Pfeil auf der Bogensehne und blickte schrecklich umher, als wollte er ihn eben gegen den Feind abschnellen. Ein prächtiges Wehrgehenk, mit allerlei Tiergestalten geschmückt, hing ihm über die Schultern.

Auch er verschwand, und nun kam noch ein ganzes Gedränge anderer Heldenseelen. Gerne hätte ich den Theseus und seinen Freund Peirithoos herauserkannt. Aber bei dem grausenvollen Getöse der unzähligen Scharen kam mich plötzlich eine solche Furcht an, als streckte mir die Meduse ihr Gorgonenhaupt entgegen. Eilig verließ ich mit meinen Genossen die Kluft und wandte mich wieder dem Gestade des Okeanos und unsrem Schiffe zu. Dann segelten wir, wie ich es dem Schatten Elpenors versprochen hatte, nach Kirkes Insel zurück.«

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Die Sirenen. Skylla und Charybdis. Thrinakia und die Herden des Sonnengottes. Schiffbruch. Odysseus bei Kalypso

»Nachdem wir die Gebeine unsres verunglückten Genossen«, fuhr Odysseus fort, »auf der Insel Aiaia verbrannt und zur Erde bestattet, auch dem Toten einen Grabhügel aufgehäuft hatten und eine Denksäule daraufgesetzt und von Kirke sehr freundlich empfangen und bewirtet worden waren, fuhren wir, von ihr vor allerlei Gefahren gewarnt und reichlich mit Lebensmitteln versorgt, weiter.

Das erste Abenteuer, das wir zu bestehen hatten und von welchem uns Kirke geweissagt, erwartete uns am Eilande der Sirenen. Dieses sind sangreiche Nymphen, die jedermann bezaubern, der auf ihr Lied horcht. Am grünen Gestade sitzen sie und singen ihre Zauberlieder dem Vorüberfahrenden zu. Wer sich zu ihnen hinüberlocken läßt, ist ein Kind des Todes, und man sieht deswegen an ihrem Ufer moderndes Gebein genug umherliegen. Bei der Insel dieser verführerischen Nymphen angekommen, hielt unser Schiff stille, denn der Fahrwind, der uns bisher gelinde vorwärts getrieben, hörte mit einemmal auf zu wehen, und das Gewässer schimmerte wie ein Spiegel. Meine Begleiter nahmen die Segel von den Stangen, falteten sie zusammen, legten sie im Schiffe nieder und setzten sich ans Ruder, um das Schiff so vorwärtszubringen. Ich aber gedachte an das Wort, das Kirke, die mir dieses alles voraussagte, gesprochen hatte. ›Wenn du an die Insel der Sirenen kommst und ihr Gesang euch droht, so verklebe die Ohren deiner Freunde mit Wachs, daß sie nichts hören; begehrst du aber selbst ihr Lied zu vernehmen, so befiehl, daß man dich, an Händen und Füßen gefesselt, an den Mast binde, und je sehnlicher du deine Freunde bittest, dich loszubinden, desto fester sollen sie die Seile schnüren!‹

Daran dachte ich jetzt, zerschnitt eine große Wachsscheibe und knetete sie mit meinen nervichten Fingern; das weiche Wachs strich ich sodann meinen Reisegenossen in die Ohren. Sie aber banden mich auf mein Geheiß aufrecht unten an den Mast; dann setzten sie sich wieder an die Ruder und trieben das Fahrzeug getrost vorwärts. Als die Sirenen dieses heranschwimmen sahen, standen sie in der Gestalt reizender Mägdlein am Ufer und stimmten mit wundersüßer Kehle ihren hellen Gesang an, der also lautete:

Komm, preisvoller Odysseus, erhabener Ruhm der Achajer,
Lenke das Schiff ans Land, um unsere Stimme zu hören.
Denn noch ruderte keiner vorbei im dunkelen Schiffe,
Eh er aus unserem Munde die Honigstimme gehöret:
Jener sodann kehrt fröhlich zurück und mehreres wissend.
Denn wir wissen dir alles, wieviel in den Ebenen Trojas
Argos‘ Söhne und die Troer vom Rat der Götter geduldet,
Alles, was irgend geschah auf der vielernährenden Erde.

So sangen sie. Mir aber schwoll das Herz im Busen vor Begierde, sie zu hören; ich winkte meinen Freunden mit dem Kopfe, mich loszubinden. Aber sie mit ihren tauben Ohren stürzten sich nur um so rascher aufs Ruder, und zwei von ihnen, Eurylochos und Perimedes, kamen herbei und legten mir, wie ich früher befohlen hatte, noch viel stärkere Stricke an und schnürten auch die alten fester zusammen. Erst als wir glücklich vorübergesteuert und ganz außer dem Bereiche der Sirenenstimmen waren, nahmen meine Freunde sich selbst das Wachs aus den Ohren, und mir lösten sie die Fesseln wieder. Ich aber dankte ihnen herzlich für ihre Beharrlichkeit.

Kaum waren wir etwas vorwärts gerudert, als ich von ferne Wasserstaub und eine mächtige Brandung gewahr wurde. Das war die Charybdis, ein täglich dreimal unter einem Fels hervorquellender und wieder zurückwallender Strudel, der jedes Schiff verschlingt, das in seinen Rachen gerät. Meinen Begleitern fuhren die Ruder vor Schrecken aus der Hand; sie flossen dem Strome nach, und das Fahrzeug stand stille. Ich selbst sprang von meinem Sitze auf, durcheilte das Schiff und sprach den Freunden, von Mann zu Manne gehend, Mut ein. ›Lieben Freunde‹, sagte ich, ›wir sind ja keine Neulinge in den Gefahren. Was auch kommen mag, ein größeres Leid als in der Höhle des Zyklopen kann uns nicht betreffen; und doch half euch dort meine Klugheit hinaus. Drum gehorchet mir nur alle. Bleibt fest auf euren Bänken sitzen und schlaget mutig mit den Rudern‹ – denn sie hatten sie wieder gefangen – ›auf die Brandung los. Ich denke, Zeus hilft uns durch schleunige Flucht aus dieser Not. Du aber, Steuermann, nimm alle deine Besinnung zusammen und lenke das Schiff durch Schaum und Brandung, so gut du kannst! Arbeite dich an den Fels hin, damit du nicht in den Strudel geratest!‹ So hatte ich die Freunde vor dem Strudel Charybdis gewarnt, von welchem mir Kirke erzählt hatte; aber von dem Ungeheuer Skylla, das gegenüber drohete, schwieg ich noch weislich; ich fürchtete, die Genossen möchten mir vor Schrecken wieder die Ruder fahrenlassen und sich im innern Schiffsraume zusammendrängen.

Eines andern Gebotes hatte ich jedoch vergessen, das Kirke mir auch gegeben. Sie hatte mir nämlich verboten, mich zum Kampfe mit diesem Ungeheuer zu rüsten; ich hüllte mich aber in meine volle Waffenrüstung, nahm zwei Speere in die Hand und stellte mich so aufs Verdeck, um dem herankommenden Ungeheuer zu begegnen. Aber obgleich mir die Augen vom Umherschauen schmerzten, konnte sie mein Blick doch nicht entdecken, und so fuhr ich denn voll Todesangst in den immer enger werdenden Meerschlund hinein. Diese Skylla hatte mir Kirke so geschildert: ›Sie ist kein sterblicher Gegner, vielmehr ein unsterbliches Unheil; Tapferkeit vermag nichts gegen sie, die einzige Rettung ist, ihr zu entfliehen. Sie wohnt gegenüber der Charybdis in einem sein spitzes Haupt in die Wolken steckenden Fels, ewig von dunkelem Gewölk umfangen, von keinem Sonnenstrahl erleuchtet und ganz aus glattem Gesteine aufgetürmt. Mitten in diesem Fels ist eine Höhle, schwarz wie die Nacht; in dieser haust die Skylla und gibt ihre Gegenwart nur durch ein fürchterliches Bellen kund, welches über die Flut herüberhallt wie das Geschrei eines neugeborenen Hundes. Dieses Ungeheuer hat zwölf unförmige Füße und sechs Schlangenhälse, auf jedem derselben grinst ein scheußlicher Kopf mit drei dichten Reihen von Zähnen, die sie fletscht, ihre Opfer zu zermalmen; halb ist sie einwärts in die Felskluft hinabgesenkt, ihre Häupter aber streckt sie schnappend aus dem Abgrunde hervor und fischt nach Seehunden, Delphinen und wohl auch größeren Tieren des Meeres. Noch nie hat sich ein Schiff gerühmt, ohne Verlust an ihr vorübergekommen zu sein; gewöhnlich hat sie, ehe sich’s der Schiffer versieht, in jedem Rachen einen Mann zwischen den Zähnen, den sie aus dem Schiffe geraubt hat.‹

Dieses Bild hatte ich vor meiner Seele und spähte vergebens umher. Indessen waren wir mit dem Schiffe ganz nahe an die Charybdis geraten, die die Meeresflut mit ihrem gierigen Rachen einschlürfte und wieder ausspie; die brauste wie ein Kessel über dem Feuer, und weißer Schaum flog empor, solange sie die Flut herausbrach; wenn sie dann die Wogen wieder hinunterschluckte, senkte sich das trübe Wassergemisch ganz in die Tiefe, der Fels donnerte, und man konnte in einen Abgrund von schwarzem Schlamm hinuntersehen. Während nun unsere Blicke mit starrem Entsetzen auf dieses Schauspiel gerichtet waren und wir unwillkürlich mit dem Schiffe zur Linken auswichen, waren wir plötzlich der bisher nicht entdeckten Skylla zu nahe gekommen, und ihre Rachen hatten auf einen Zug sechs meiner tapfersten Genossen vom Bord hinweggeschnappt; ich sah sie mit schwebenden Händen und Füßen zwischen den Zähnen des Ungeheuers hoch in die Lüfte gezückt; noch aus seinen Rachen heraus riefen sie mich hilfeflehend bei Namen: einen Augenblick darauf waren sie zermalmt. Soviel ich auf meiner Irrfahrt erduldet habe, ein jammervollerer Anblick ist mir nicht geworden!

Jetzt aber waren wir auch glücklich zwischen dem Strudel der Charybdis und dem Felsen der Skylla hindurch; die von der Sonne glänzende Insel Thrinakia lag vor uns, und noch auf dem Meere hörten wir das Gebrüll der heiligen Rinder es Sonnengottes und das Blöken seiner Schafe. Durch so viel Unglück gewitzigt, dachte ich auf der Stelle an die Warnung des blinden Tiresias in der Unterwelt und kündigte den Genossen an, daß er und Kirke mich gewarnt, die Insel des Helios zu fliehen, weil uns dort noch das allerjämmerlichste Schicksal bedrohe. Diese Erklärung betrübte meine Begleiter über die Maßen, und Eurylochos sagte ärgerlich: ›Du bist doch ein grausamer Mann, Odysseus, ganz von Stahl und hast kein Gelenk im Nacken! Wie, willst du im Ernst uns, den von Anstrengung und Ermüdung Entkräftigten, nicht gönnen, einen Fuß ans Land zu setzen und uns auf dieser Insel mit Speise und Trank zu erquicken, sondern blindlings sollen wir in der Stille der Nacht hinausfahren durch die schwarzen Meereinöden? Wenn nun plötzlich im Dunkel der unbändige Südwind oder der pfeifende West herangewirbelt käme? Laß uns wenigstens diese finstere Nacht am Ufer vor Anker gehen, das uns so gastlich zuwinkt!‹

Wie ich diesen Widerspruch hören mußte, da merkte ich wohl, daß ein feindseliger Gott Böses über uns beschlossen hatte. Ich sagte daher nur: ›Eurylochos, es ist keine Kunst, mich zu zwingen, den einzelnen Mann eurer so viele. So gebe ich euch denn nach. Aber einen heiligen Schwur müßt ihr mir tun, dem Sonnengotte kein Rind oder auch nur ein Schaf abzuschlachten, wenn ihr etwa seiner Herden ansichtig werden solltet. Begnüge sich vielmehr jeder mit der Kost, mit der uns die gute Kirke versorgt hat!‹ Diesen Eid leisteten mir alle willig; darauf ließen wir das Fahrzeug in eine Bucht einlaufen, aus der sich süßes Wasser in die gesalzene Flut ergoß. Alle stiegen aus dem Schiffe, und es währte nicht lange, so war das Nachtessen bereit. Nach dem Mahle beweinten wir die Freunde, welche von der Skylla verschlungen worden waren, aber mitten unter den Tränen überwältigte uns müde Seefahrer der Schlummer.

Es mochte noch ein Drittel der Nacht übrig sein, als Zeus einen entsetzlichen Sturm sandte, so daß wir mit der Morgenröte eilig unser Fahrzeug in eine Meergrotte in Sicherheit brachten. Noch einmal warnte ich die Genossen vor dem Rindermorde, denn bei der ungestümen Witterung sahen wir einem längeren Aufenthalte auf der Insel entgegen. Auch verweilten wir wirklich einen vollen Monat allda, weil beständiger Südwind blies, der nur auf kurze Zeit mit dem Ostwind abwechselte; es war uns aber einer entgegen wie der andere. Solange von Kirkes Vorrat noch Speise und Wein übrig war, hatte es keine Not. Als wir aber alle Nahrung aufgezehrt hatten und der Hunger bei uns sich einstellte, gingen meine Begleiter anfangs auf den Fisch- und Vogelfang aus, und ich selbst machte auch einen Ausflug längs dem Ufer, ob mir kein Gott oder kein Sterblicher begegnen möchte, der mir einen Ausweg aus dieser Not anzeigte. Als ich weit genug von den Freunden entfernt war und mich ganz in der Einsamkeit sah, wusch ich meine Hände, um sie rein emporstrecken zu können, in der Flut, warf mich demütig auf die Knie und flehte zu allen Göttern um Rettung. Sie aber schickten mir einen wohltätigen Schlummer.

Während ich nun so ferne war, erhob sich Eurylochos unter meinen Begleitern und gab ihnen einen verderblichen Rat: ›Höret mein Wort‹, sprach er, ›schwerbedrängte Freunde! Zwar ist jeder Tod den Menschen schreckhaft, aber das entsetzlichste Geschick ist doch der Hungertod. Wohlan, was bedenken wir uns, die schönsten von den Rindern des Helios den Göttern zu opfern und uns am übrigbleibenden Fleische zu sättigen? Sind wir nur glücklich nach Ithaka gekommen, so wollen wir den Gott schon versöhnen und ihm einen herrlichen Tempel bauen, auch köstliche Weihegeschenke darin aufstellen. Schickt er uns aber im augenblicklichen Zorn einen Sturm zu und bohrt unser Schiff in den Grund – nun, so will ich lieber in einem Augenblick meinen Atem in die Fluten verhauchen als so jämmerlich auf dieser einsamen Insel verschmachten!‹

Dies Wort gefiel meinen hungrigen Genossen. Sogleich machten sie sich auf, trieben die allerbesten Rinder von der Herde des Sonnengottes herbei, die in der Nähe grasten, und nachdem sie zu den Göttern gefleht, schlachteten sie dieselben, weideten sie aus und brachten die Eingeweide mit den in Fett eingewickelten Lenden den Unsterblichen dar. Wein zum Trankopfer hatten sie keinen, weil aller längst verzehrt war; die Eingeweide und Schenkel wurden daher nur mit Quellwasser besprengt. Die reichlichen Überreste steckten sie an Spieße, und eben setzten sie sich zum Mahle, als ich – dem die Götter den Schlaf wieder von den Augenlidern geschüttelt – herankam und mir der Opferduft schon von weitem entgegendampfte. Da jammerte ich zum Himmel empor: ›O Vater Zeus und ihr andern Himmlischen! Zum Fluche habt ihr mich in Schlummer gesenkt. Denn welcher Tat haben sich meine Freunde vermessen, während ich schlief!‹

Inzwischen war dem Sonnengotte durch eine dienende Göttin schon die Nachricht von dem großen Frevel zugekommen, der an seinem Heiligtume verübt worden war. Zornig trat er in den Kreis der Olympischen und klagte ihnen die Unbill. Zeus selbst fuhr zürnend von seinem Throne auf, als er solches hörte, zumal da Helios drohte, den Sonnenwagen zum Hades hinabzulenken und der Erde nicht mehr zu leuchten, wenn die Verbrecher nicht zur vollen Strafe gezogen würden. ›Leuchte du‹, sagte zu ihm Zeus, ›immerhin den Göttern und den Menschen, Helios; ich will den verfluchten Räubern ihr Schiff bald mit meinem Donnerkeil treffen, daß es in Trümmer gehe und zerschmettert in den Abgrund versinke!‹ Diese Worte des Zeus hat mir die edle Göttin Kalypso gemeldet, welche die Untat durch ihren Freund, den Götterboten Hermes, erfahren hat.

Als ich nun bei dem Schiffe und den Genossen angekommen, fuhr ich sie an und schalt sie im tiefsten Unmut. Leider aber war alles zu spät, und die Rinder lagen geschlachtet vor mir. Aber entsetzliche Wunderzeichen bezeugten den geschehenen Frevel; die Häute krochen umher, als wären sie lebendig; das rohe und gebratene Fleisch an den Spießen brüllte, wie Rinder zu brüllen pflegen. Doch meine hungrigen Begleiter kehrten sich daran nicht. Sechs Tage hintereinander schmausten sie. Erst am siebenten Tage, als alles Ungewitter vorüber schien, stiegen wir wieder zu Schiffe und fuhren in die offene See hinaus. Als wir dahinsteuerten und das Land schon längst aus den Augen verloren hatten, breitete Zeus ein schwarzblaues Gewölk gerade über unsere Häupter aus, und das Meer unter uns wurde immer dunkler. Plötzlich brach ein wütender Orkan aus Westen auf uns los, beide Taue des Mastbaumes zerrissen, daß derselbe krachend rückwärtssank und alles Geräte auf das Schiff schleuderte. Die ganze Last stürzte dem am Steuerende sitzenden Piloten auf den Kopf und zerkrachte ihm den Schädel, so daß er wie ein Taucher ins Meer hinabsank und die Wellen den Leichnam verschlangen. Jetzt fuhr ein Blitz mit knallendem Donner auf das Schiff hernieder und durchschmetterte es, daß es voll von Schwefeldampf wurde. Meine Freunde stürzten aus dem Fahrzeug und zappelten wie schwimmende Krähen um das Schiff her, wogten auf und nieder und versanken endlich alle. Bald war ich ganz allein auf dem Schiffe und irrte darauf umher, bis die Flanken sich vom Kiel ablösten; der liegende Mastbaum krachte vollends hernieder auf den entblößten Kiel, und so fuhr das offene Wrack dahin. Ich hatte indessen die Besinnung nicht verloren, ergriff ein ledernes Seil, das noch an dem Mast herunterhing, und band damit Mast und Kiel zusammen. Dann setzte ich mich darauf und ließ mich in der Götter Namen von dem tobenden Sturme dahinschleudern.

Endlich hörte der Orkan zu wüten auf, und der West legte sich; darüber erhub sich aber der Südwind und versetzte mich in neue Angst; denn nun war ich in Gefahr, der Skylla und Charybdis wieder zugetrieben zu werden. Und dies geschah auch: der Morgen dämmerte kaum, als ich Skyllas spitzen Säulenfels gewahr wurde und die gräßliche aus- und einsprudelnde Charybdis gegenüber erblickte. Diese verschlang, als ich bei ihr angekommen war, augenblicklich mit ihrem Strudel den Mast; ich selbst ergriff die Äste eines von ihrem Fels überhangenden Feigenbaums, schmiegte mich daran und hing da in der freien Luft wie eine Fledermaus. So schwebte ich über der Charybdis bodenlos, bis Mast und Kiel aus ihrem Schlunde wieder hervorsprudelten. Diesen Augenblick ersah ich, war mit einem Sprung wieder auf meinem alten Sitz und ruderte nun auf dem schmalen Kiele mit den Händen auf dem Wirbel fort. Dennoch wäre ich verloren gewesen, wenn Zeus‘ Gnade meine Balken nicht von dem Fels der Skylla abgelenkt und glücklich aus dem durchwogten Felsenschlunde hinausgeleitet hätte.

Neun Tage trieb ich nun noch auf der See umher; in der zehnten Nacht brachten mich gnädige Götter endlich auf Kalypsos Insel Ogygia. Diese hehre Göttin pflegte und erquickte mich… Doch warum will ich euch davon erzählen? Habe ich doch schon gestern dir, edler König, und deiner Gemahlin dies mein letztes Abenteuer berichtet!«

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Der Schlauch des Äolos. Die Lästrygonen. Kirke

»Hierauf«, fuhr Odysseus fort, »gelangten wir an eine Insel, welche Äolos, der Sohn des Hippotes, ein vertrauter Freund der Götter, bewohnte. Dieses Eiland war schwimmend in der Flut; eine eherne Mauer umgab dasselbe mit starrendem Erz, und ihre Grundlage war ein glatter Fels, der rings um das Inselland herumlief. Dieser Äolos hatte in seinem Palaste sechs Söhne und sechs Töchter und feierte mit ihnen und der Gattin alle Tage ein Fest. Der gute Fürst beherbergte uns einen ganzen Monat und befragte uns recht eifrig über Troja, die Macht der Griechen und ihre Heimkehr. Über alles dieses gab ich ihm genaue Auskunft, und als ich ihn endlich bat, unsere Heimfahrt zu befördern, bezeigte er sich in allem höchst willig und schenkte uns einen dick aufgeschwollenen Schlauch, aus der Haut eines neunjährigen Stiers bereitet. In diesem waren sämtliche Winde eingeschlossen, die über die Erde dahinzuwehen pflegen; denn Äolos war vom Vater Zeus zum Verwalter der Winde bestellt und hatte die Macht empfangen, welche Winde er wollte, loszulassen und ihnen wieder Ruhe zu gebieten. Er selbst nun band uns den Schlauch mit einem glänzenden Seile von Silberfaden in meinem Schiffe fest und schnürte ihn so zusammen, daß auch nicht die kleinste Luft herauskonnte. Doch hatte er sich darum der Winde nicht ganz entäußert, vielmehr von allen Gattungen noch genug zu Hause. Das zeigte er sogleich. Denn als wir uns eingeschifft hatten, ließ er unsern Schiffen den sanftesten Westwind nachwehen, der uns schnell und leicht in die Heimat bringen sollte. Aber es wurde uns nicht so gut, sondern unsere eigene Torheit brachte uns in großes Unglück.

Schon segelten wir neun Tage und Nächte lang auf dem Meere vorwärts, und in der zehnten Nacht waren wir so nahe an meiner Heimatinsel Ithaka, daß wir die Wachtfeuer des Ufers erblicken konnten. Da mußte mich müden Mann der Schlummer beschleichen, denn ich hatte mich unaufhörlich damit beschäftigt, das Segel meines Schiffes zu stellen, um desto schneller das Vaterland zu erreichen, und dieses Geschäft mochte ich keinem andern anvertrauen. Während ich nun schlief, spannen meine Schiffsgesellen ein Gespräch darüber an, was wohl in dem Schlauch sein möchte, welchen mir der König Äolos zum Gastgeschenke gegeben hätte. Da zeigte sich, daß sie alle in dem Wahn befangen waren, ich führe Silbers und Goldes genug in dem Sacke bei mir, und endlich fing einer der Lüsternsten also an: ›Odysseus ist doch auch überall hoch geachtet und geehrt! Wieviel Beute hat er nicht nur vor Troja mit hinweggebracht! Und wir, die wir alle die nämlichen Gefahren und Mühseligkeiten ausgestanden haben, wir kehren sämtlich mit leeren Händen in die Heimat zurück! Jetzt hat ihm Äolos auch vollends einen Sack voll Silbers und Goldes gegeben! Wie wär’s, wenn wir hineinguckten und auch erfahren, wieviel Schätze da drinnen verborgen sind?‹ Dieser böse Rat leuchtete den übrigen Gesellen sogleich ein. Der Schlauch wurde aufgelöst, und kaum war das Band los, so brausten alle Winde miteinander daraus hervor, und die Windsbraut riß unsre Schiffe wieder hinaus in die offene See.

Ich selbst fuhr über dem Brausen aus dem Schlafe empor. Als ich das Unglück sah, das angerückt war, überlegte ich einen Augenblick bei mir, ob ich nicht lieber über Bord springen und mich in dem Abgrund begraben sollte. Doch faßte ich mich wieder und beschloß zu bleiben und alles, was da kommen konnte, zu ertragen. Die Wut der Orkane warf uns an die Insel des Äolos zurück. Hier ließ ich die Meinigen auf den Schiffen und eilte mit einem einzigen Freund und dem Herolde in die Burg des Fürsten, den ich mit seiner Gemahlin und seinen Kindern gerade beim Mittagsmahle traf. Sie staunten alle nicht wenig über unsere Zurückkunft, als sie aber vollends die Ursache vernahmen, erhob sich der Verwalter der Winde zornig von seinem Sitze und rief mir entgegen: ›Verruchter Mensch, offenbar verfolgt dich die Rache der Götter! Einen solchen darf ich weder beherbergen noch geleiten! Geh mir aus dem Hause, Verworfener!‹ Mit diesem Fluche jagte er mich, den Seufzenden, von dannen, und schwermutsvoll schifften wir weiter.

Meinen Gesellen schwand aller Mut beim Ruder; es war schon wieder der siebente Tag vergangen, und nirgends wollte sich ein Land zeigen.

Endlich kamen wir an eine Küste und zu einer turmreichen Stadt. Die letztere hieß Telepylos und war der Sitz der Lästrygonen. Das alles wußten wir jedoch noch nicht, und von der Stadt erblickten wir auch nichts. Der Hafen, in welchen wir einfuhren, war vortrefflich, eng geschlossen und von allen Seiten durch schroffe Felsen geschirmt, so daß das Gewässer in der Bucht stets ruhig und wellenlos war. Ich knüpfte mein Schiff zuerst im Hafen an, erklomm das felsige Ufer und schaute mich auf den Steinzacken, nach der Landseite gewendet, um. Nirgends entdeckte ich gebautes Feld, keinen Ackersmann, keine Stiere. Nur Rauch, wie von einer großen Stadt, sah ich gen Himmel aufsteigen. Da schickte ich zur Erkundigung zwei auserlesene Freunde voraus mit einem Herold. Diese stiegen ans Land und fanden bald einen Weg, der über eine Waldung der Anhöhen jenem Rauche zuging und sie endlich in die Nähe der Stadt führte. Vor dieser begegneten sie einer wasserschöpfenden Jungfrau, der rüstigen Tochter des Lästrygonenköniges Antiphates. Sie stieg eben zu der Quelle Artakia hinab, wo die Einwohner ihr Wasser holten. Das Mädchen, über dessen Größe sie sich nicht genug wundern konnten, bezeichnete ihnen freundlich ihres Vaters Wohnung und gab ihnen die gewünschte Auskunft über Land, Stadt und Beherrscher. Als sie nun aber in die Stadt und an den Palast kamen, so erstarrten sie erst vor Entsetzen. Da stand die Gemahlin des Lästrygonenköniges vor ihnen, so riesengroß wie der Gipfel eines Berges. Denn die Lästrygonen waren Riesen und Menschenfresser. Auch rief die Königin sogleich ihrem Gemahl, und dieser griff zum Gruße nach dem einen der Gesandten und befahl sogleich, ihn für sich zum Abendessen zuzurüsten. Die zwei andern nahmen in der Todesangst die Flucht nach den Schiffen. Der König aber rief brüllend die ganze Stadt unter die Waffen, und über tausend Lästrygonen, lauter Riesen, den Giganten ähnlich, kamen heraus und schleuderten große Feldsteine nach uns, so daß man auf den Schiffen nichts als das Geschrei Sterbender und das Zusammenkrachen der getroffenen Schiffsbalken hörte. Nur mein eigenes Schiff war von mir hinter einem Felsen so angebunden worden, daß es die Steine nicht treffen konnten. Als nun die übrigen Schiffe am Versinken waren, nahm ich von ihrer Mannschaft in dasselbe auf, soviel meiner Freunde noch unverletzt waren, und entrann mit ihnen auf meinem Schiffe unversehrt aus dem Hafen. Die andern Fahrzeuge aber versanken mit einer Unzahl Toter und Sterbender in den Abgrund.

Nun fuhren wir auf dem einzigen Schiffe zusammengedrängt weiter und kamen wieder an eine Insel mit Namen Aiaia. Hier wohnte eine sehr schöne Halbgöttin, ein Kind des Sonnengottes und der Okeanostochter Perse und Schwester des Königes Aietes. Sie hieß Kirke und hatte einen herrlichen Palast auf der Insel. Wir aber wußten nichts von ihr. Wir fuhren in eine Bucht der Insel ein, legten unser Schiff vor Anker und lagerten uns, müde von der Anstrengung, voll Verdruß und Betrübnis, im Ufergrase. Am dritten Morgen machte ich mich, mit Schwert und Lanze bewehrt, auf, das Land auszukundschaften. Endlich ward ich einen Rauch gewahr, und dieser stieg aus Kirkes Palast auf. Doch ging ich nicht sogleich auf die Spur los, sondern durch frühere Gefahren gewitzigt, kehrte ich erst zu meinen Freunden zurück und sandte Späher aus. Wir hatten auch alle schon lange keine genügende Nahrung zu uns genommen. Da erbarmte sich auf meinem Rückwege der Götter einer über uns und schickte mir einen Hirsch mit hohem Geweih in den Weg, der durstig aus dem Walde zum Bache hinunter in raschen Sätzen stürzte. Ich schoß ihn im Laufe, indem ich ihn mit meiner Lanze mitten in das Rückgrat traf, daß sie unten am Bauche wieder hervordrang. Dann zog ich die Lanze, mit dem Fuße auf das Tier gestemmt, aus der Wunde, macht mir ein Seil von Weidenruten, band es dem Wild um die Füße und trug es so um den Nacken gehängt zu dem Schiffe, indem ich mich bei der ungewohnten Last unter dem Gehen auf meine Lanze stützen mußte.

Meine Begleiter fuhren freudig empor, als sie die schöne Waldbeute auf meinen Schultern erblickten. Geschwind wurde das Tier geschlachtet und ein Festschmaus angestellt, indem wir, was von Brot und Wein zu finden war, auf dem Schiffe zusammensuchten. Nun meldete ich ihnen von dem Rauche, den ich entdeckt hatte. Aber meine Freunde wurden ganz mutlos, denn alle mußten an die Höhle des Zyklopen und den Hafen des Lästrygonenköniges denken, wo uns die Hoffnung beidemal so grausam irregeführt hatte. Ich allein blieb mutig unter ihren Tränen. Ich teilte alle meine Genossen, soviel ihrer mir geblieben waren, in zwei Scharen und gab der einen mich selbst, der andern den Eurylochos zu Anführern. Dann schüttelten wir Lose in einem ehernen Helme. Das Los traf den Eurylochos, und er mußte sich sofort mit zweiundzwanzig Genossen, die ihm nur unter Seufzern folgten, auf den Weg machen, nach der Seite, von welcher ich den Rauch hatte aufsteigen sehen.

Diese Schar fand bald den herrlich aus behauenen Steinen aufgeführten Palast der Göttin Kirke in einem anmutigen Tale der Insel versteckt. Wie staunten aber meine Genossen, als sie in der Umzäunung des Hofes und vor der Pforte des Wohnhauses Wölfe mit spitzigem Gebiß und Löwen mit zottigen Mähnen umherwandeln sahen. Voll Angst erblickten sie die gräßlichen Ungeheuer und dachten schon darauf, wie sie sich aus dem unheimlichen Orte durch die schleunigste Flucht retten möchten. Aber bereits waren sie umringt von den wilden Tieren. Diese taten ihnen jedoch nichts zuleide, stürzten auch nicht, wie solche Bestien pflegen, mit einem Satze auf sie zu, sondern sie näherten sich ihnen langsam und schmeichelnd, und trugen ihre langen Schweife wedelnd aufgerichtet, wie Hunde, wenn sie dem Herrn entgegengehen, der ihnen gute Bissen von einem Schmause mitbringt. Es waren dies, wie wir nachher erfuhren, lauter durch die Zauberkünste Kirkes verwandelte Menschen.

Da die Tiere ihnen nichts anhatten, faßten meine Freunde wieder Mut und näherten sich der Pforte des Palastes. Aus diesem hörten sie die Stimme Kirkes, die eine vortreffliche Sängerin war, erschallen. Sie sang zu ihrer Arbeit; denn sie saß eben über dem Gewebe eines großen, wundervollen Gewandes, wie es nur Göttinnen zu wirken verstehen. Der erste, der einen Blick in den Palast geworfen hatte und sich dieses Anblicks erfreute, war der Held Polites, der mir besonders befreundet war. Auf seinen Rat riefen unsere Freunde die Bewohnerin heraus, und sie erschien auch wirklich freundlich an der Pforte und nötigte alle Angekommenen herein, mit Ausnahme ihres Führers Eurylochos, der ein besonnener Mann war und, durch die früheren Vorfälle gewarnt, irgendeinen Betrug witterte.

Die andern führte Kirke gar holdselig in ihren Palast ein und hieß sie auf hohen, schmucken Sesseln Platz nehmen. Alsdann brachte man Käse, Mehl, Honig und herben pramnischen Wein herbei, woraus ein Gericht köstlicher Kuchen von Kirke geknetet wurde; während dieser Arbeit aber mischte sie unvermerkt unheilbringende Säfte unter den Teig, welche die Armen von Sinnen bringen und sie ihres Vaterlandes vergessen machen sollten. Und wirklich wurden sie alle miteinander, sowie sie von der verführerischen Speise gekostet hatten, in borstige Schweine verwandelt, fingen an zu grunzen und wurden von der Zauberin samt und sonders in die Kofen getrieben. Hier ließ ihnen Kirke statt der köstlichen Bissen Steineicheln und Kornellen, wie andern Schweinen, zur Nahrung vorwerfen.

Eurylochos hatte von weitem das alles zum Teile mit angesehen, zum Teile geschlossen. Er eilte, was er nur konnte, zu unsrem Schiffe zurück, um das schreckliche Schicksal unsrer Freunde mir und den Zurückgebliebenen zu verkündigen. Als er aber bei uns ankam, konnte er anfangs kein einziges Wort hervorbringen, weil ihm die entsetzliche Angst noch immer die Sprache raubte; aus seinen Augen stürzten Tränen, und seine Seele war ganz in Jammer versenkt. Wie wir nun alle voll Verwunderung in ihn drangen, zu sprechen, fand er endlich Worte und erzählte das jämmerliche Schicksal der andern Freunde. Auf diese Schreckensbotschaft warf ich Augenblicks mir das Schwert um die Schultern und den Bogen darüber, dann befahl ich ihm, mich auf der Stelle den Weg nach dem Palaste zu führen. Er aber umschlang mir mit beiden Armen die Knie und flehte mich an, zurückbleiben zu dürfen und selbst zurückzubleiben. ›Glaube mir‹, schluchzte er, ›du kehrest weder selbst um, noch bringst du einen der verlorenen Freunde zurück. O laß uns von diesem verwünschten Strande fliehen!‹ Ihm nun erlaubte ich zu bleiben; ich selbst aber gehorchte der Notwendigkeit und ging. Auf dem Wege begegnete mir ein blühender Jüngling, mit dem holdesten Reiz der Jugend geschmückt, und streckte mir den goldenen Stab entgegen, an welchem ich Hermes, den Boten der Himmlischen, erkannte. Er faßte mich freundlich bei der Hand und sprach: ›Armer, was rennest du so, aller Gegend unkundig, durch das Waldgebirg? Deine Freunde sind bei der Zauberin Kirke in Schweineställe gesperrt. Willst du gehen, sie zu erlösen? Eher wirst du auch zu den andern gesteckt werden! Nun wohl, ich will dir ein Mittel an die Hand geben, dich zu bewahren. Wenn du dieses Heilkraut bei dir trägst› – und mit diesen Worten grub er eine schwarze Wurzel mit milchweißer Blüte aus dem Boden und nannte sie mir Moly –, ›so vermag ihr Betrug nicht, dir zu schaden. Sie wird dir nämlich ein süßes Weinmus bereiten und ihre Zaubersäfte dareinmengen. Dieses Kraut aber wird sie verhindern, dich in ein Vieh zu verwandeln. Wenn sie dich dann mit ihrem langen Zauberstabe berührt, so reiß du dir nur dein scharfes Schwert von der Hüfte und renn auf sie los, als wolltest du sie ermorden. Dann zwingst du ihr leicht einen heiligen Eid ab, daß sie keinerlei Tücke an dir üben wolle. Du magst alsdann ohne Gefahr bei ihr wohnen und ihr in allem zu Willen sein, und wenn ihr vertraut geworden seid, wird sie dir auch deine Bitte nicht abschlagen und dir deine Freunde zurückgeben.‹

So sprach Hermes und verließ mich, in den Olymp zurückkehrend. Ich selbst eilte unruhig und nachdenklich dem Palaste der Zauberin entgegen. Auf meinen Ruf öffnete sie die Pforte und hieß mich freundlich eintreten, was ich, obwohl mit einem Herzen voll Ingrimm, auch tat. Nun führte sie mich zu einem herrlichen Thronsessel, rückte mir einen Schemel unter die Füße und mengte sofort in goldener Schale wirklich ihr Weinmus. Sie konnte kaum erwarten, bis ich es ausgeleert, und ohne im mindesten an meiner Verwandlung, die auf der Stelle eintreten würde, zu zweifeln, berührte sie mich mit ihrem Stabe und sprach: ›Fort mit dir in den Schweinestall, zu deinen Freunden!‹ Ich aber riß das Schwert von der Seite und rannte wie mordbegierig auf die Zauberin ein. Nun schrie sie laut auf, warf sich zu Boden und umfaßte mein Knie, indem sie mir jammernd entgegenrief: ›Wehe mir! Wer bist du, Gewaltiger, den mein Trank nicht zu verwandeln vermag? Noch kein anderer Sterblicher hat der Stärke meines Zaubers widerstanden. Bist du vielleicht der erfindungsreiche Odysseus selbst, dessen Ankunft, wenn er von Troja zurückkehrte, mir Hermes schon lange geweissaget hat? Wenn du es bist, so stecke dein Schwert in die Scheide und laß uns Freunde werden!‹ Ich aber veränderte meine drohende Stellung nicht und antwortete: ›Wie kannst du verlangen, Kirke, daß ich mich freundlich gegen dich erweisen soll, da du meine Begleiter in deinem Hause zu Schweinen umgewandelt hast? Muß ich nicht vermuten, daß du nur darum dich so zuvorkommend gegen mich beträgst, um auch meinem Leibe irgendein Leid anzutun? Ich kann nur alsdann dein Freund werden, wenn du mir einen heiligen Eid schwörst, mir auf keinerlei Weise schaden zu wollen!‹ Die Göttin beschwur auf der Stelle, was ich verlangte, und nun war auch ich zufrieden und überließ mich sorglos der Nachtruhe.

Frühmorgens waren vier Dienerinnen, lauter schöne und edelgeborene Nymphen, damit beschäftigt, die Säle ihrer Herrin in Ordnung zu bringen. Die eine bedeckte die Thronsessel mit herrlichen purpurnen Polstern, eine zweite stellte silberne Tische vor die Sessel und setzte goldene Körbe darauf, die dritte mischte in einem silbernen Kruge den Wein und verteilte goldene Becher auf den Tischen umher; von der vierten endlich wurde frisches Quellwasser herbeigetragen, der Kessel auf den Dreifuß gesetzt und die Glut darunter geschürt, bis das Wasser kochte. Dieses mußte mir zu einem erquickenden Bade dienen, und als ich darauf gesalbt und angekleidet war, sollte ich in Kirkes Gesellschaft das Morgenmahl genießen. Aber obgleich reichliche Speisen vor mir auf meinem Tische standen, streckte ich doch nicht die Hände darnach aus, sondern saß schweigend und kummervoll meiner schönen Wirtin gegenüber. Als diese mich endlich nach der Ursache meines stummen Grames fragte, da sprach ich: ›Welcher Mann, der noch ein Gefühl für Recht und Billigkeit hat, könnte sich auch an Speise und Trank erfreuen, solange er seine Freunde im Elende weiß? Wenn du willst, daß ich mit Lust bei dir genießen soll, so laß mich meine lieben Genossen mit Augen sehen!‹

Kirke ließ sich nicht lange bitten, sie verließ das Gemach, ihren Zauberstab in der Hand. Draußen schloß sie die Türe des Kofens auf und trieb alle meine Freunde heraus, die mich, der ich inzwischen auch herbeigekommen war, in der Gestalt neunjähriger Schweine umwimmelten. Nun ging sie bei allen umher und bestrich jeden mit einem andern Safte. Auf einmal schälten sie sich aus der borstigen Hülle und wurden alle zu Männern, und zwar jünger und schöner, als sie vorher gewesen waren. Freudig eilten sie auf mich zu und reichten mir die Hände; als sie aber ihres elenden Schicksals gedachten, fingen sie alle zu weinen und zu jammern an. Die Göttin sprach darauf schmeichelnd zu mir: ›Jetzt, lieber Held, habe ich ja deinen Willen getan. Tu du nun mir auch den Gefallen und laß dein Schiff ans Ufer ziehen, birg seine Ladung in den Felsengrotten des Ufers und laß es dir dann mit deinen lieben Genossen wohl bei mir sein!‹

Ihre Schmeichelrede gewann mein Herz. Ich suchte das Schiff und die zurückgebliebenen Freunde auf, die mich schon lange für tot beklagt hatten und nun mit Freudentränen auf mich zustürzten. Als ich ihnen den Vorschlag machte, das Schiff ans Ufer zu ziehen und bei der Göttin einzukehren, zeigten sich auch sogleich alle willig, nur Eurylochos wehrte die Genossen ab und sprach zu ihnen: ›Habt ihr denn ein gar so großes Verlangen nach eurem Verderben, daß ihr in den Palast der Zauberin eingehen wollt, die uns alle in Löwen, Wölfe und Schweine verwandeln und zwingen wird, in dieser scheußlichen Gestalt ihr Haus zu hüten? Wie ist der Zyklop mit unsern Freunden umgegangen, als der Unverstand des Odysseus uns ihm in die Hände geliefert?‹ Als ich diese Schmähung hörte, empfand ich einige Lust in mir, das Schwert zu ziehen und ihm den Kopf vom Rumpfe zu schlagen, obgleich er nahe mit mir verwandt war. Die Freunde sahen die Bewegung, die ich machte, fielen mir in den Arm und brachten mich zur Besinnung.

Nun brachen wir alle auf, und Eurylochos selbst, durch meine Drohung erschreckt, weigerte sich nicht, zu folgen. Inzwischen hatte Kirke unsre Freunde gebadet, mit Öle gesalbt und herrlich bekleidet, und wir fanden sie alle ganz fröhlich beim Schmaus versammelt. Da war ein Weinen und Umarmen und Begrüßen! Die Göttin sprach allen Mut ein und tat uns so viel Liebes, daß wir von Tag zu Tag fröhlicher wurden und das ganze Jahr über bei ihr blieben. Wie aber nun das Jahr zu Ende ging, riefen mich meine Begleiter und ermahnten mich, endlich der Heimkehr eingedenk zu sein. Sie bewegten mir auch mit ihrer Rede das Herz, und noch an demselben Abend umfaßte ich Kirkes Knie und flehte sie an, Wort zu halten und mich, wie sie mir anfangs gelobt hatte, zur Heimat zu entsenden. Die Zauberin antwortete: ›Du hast recht, Odysseus; es geziemt mir nicht, dich länger mit Zwang bei mir zu halten; aber bevor du heimkommst, müßt ihr doch noch einen Umweg machen. Ihr müßt das Reich des Hades und der Persephone, das Schattenreich besuchen und die Seele des blinden Greisen, des thebanischen Propheten Tiresias, um die Zukunft befragen; denn diesem ist auch im Tode noch sein voller Geist und die Sehergabe durch Persephones Gunst verblieben; die Seelen der andern Toten sind alle nur wandelnden Schatten gleich.‹

Als ich diesen Beschluß vernahm, fing ich zu weinen und zu jammern an; mir graute vor der Behausung der Toten, und ich fragte, wer mich denn geleiten sollte, denn eine Schiffahrt in die Unterwelt hat noch kein Sterblicher bei Leibes Leben unternommen. ›Laß dich die Sorge um das Geleite deines Schiffes nicht bekümmern‹, antwortete die Göttin; ›richte nur getrost den Mast in die Höhe und spanne die Segel aus! Der Nordwind wird euch schon hintreiben; bist du einmal am Gestade des Okeanos, des Stromes, der die Erde umgürtet, landest du an einem niedrigen Ufer, wo du Erlen, Pappeln und Weidenbäume beisammen erblickst. Dies ist der Hain Persephones; dort ist auch der Eingang in die Unterwelt. Hier, in einem Tale bei einem Felsen, wo die schwarzen Ströme Pyriphlegethon und Kokytos, der letztere ein Arm des Styx, sich in den Acheron oder die Unterwelt stürzen, wirst du eine Kluft finden, durch welche der Weg in das Schattenreich geht. Da gräbst du eine Grube und bringst den abgeschiedenen Seelen ein Totenopfer von Honig, Milch, Wein, Wasser und Mehl dar, gelobst ihnen auch ein Schlachtopfer, wenn du nach Ithaka heimkommst, und außerdem dem Tiresias einen schwarzen Widder; dann opferst du noch zwei schwarze Schafe, ein männliches und ein weibliches, und blickst dem vereinigten Strome durch die Kluft in die Tiefe nach, während deine Genossen die Tiere den Göttern verbrennen und zu ihnen beten. Da werden dir die Seelen der Toten erscheinen, und die Luftgebilde werden herauf ans Licht zu dringen begehren und von dem Blute der Totenopfer kosten wollen. Du aber wehrest sie mit dem Schwerte ab und erlaubst ihnen nicht, näher zu gehen, bis du den Tiresias befragt hast. Denn dieser wird bald herannahen und dir auch über deine Heimfahrt Aufschluß geben.‹

Diese Rede tröstete mich einigermaßen. Am andern Morgen versammelte ich meine Freunde und wollte sie zum Aufbruch mahnen. Nun hatte sich einer von ihnen, mit Namen Elpenor, der jüngste von allen, aber weder besonders mutig noch sehr verständig, vom süßen Weine Kirkes trunken, von den Freunden entfernt und, um kühlere Luft zu atmen, auf dem platten Dache des Palastes gelagert. Dort war er am vorigen Abend eingeschlummert und hatte die Nacht über in ungestörtem Schlafe gelegen. Als er nun durch das Gewühl der sich erhebenden und zur Versammlung eilenden Freunde plötzlich aufgeweckt wurde, fuhr er empor und vergaß in der Betäubung, wo er war; anstatt sich zur Treppe zu wenden, taumelte er über das Dach hinaus und fiel den hohen Palast herunter, so daß ihm das Genick zerbrach und sein Geist auf der Stelle zum Hades fuhr.

Ich aber sammelte meine Begleiter um mich her und sprach: ›Ihr meinet nun wohl, teure Freunde, nun gehe es geraden Weges ins liebe Vaterland? Aber ach, dem ist leider nicht so; die Göttin Kirke hat uns eine ganz andere Fahrt vorgeschrieben. Wir sollen hinunter in das schreckliche Reich des Hades und dort die Seele des thebanischen Sehers Tiresias wegen unserer Heimfahrt befragen!‹ Als meine Genossen dieses hörten, da brach ihnen fast das Herz vor Kummer; sie jammerten laut und rauften sich die Haare aus. Aber ihre Klage half ihnen nichts. Ich befahl ihnen, aufzubrechen und mit mir zum Schiffe zu wandeln. Kirke war uns vorausgeeilt; sie hatte die zwei Opferschafe uns ins Schiff bringen und dort anbinden lassen, auch uns mit Honig, Wein und Mehl für das Opfer reichlich versorgt. Als wir ankamen, schlüpfte sie mit einem stummen Abschiedsgruße leicht an uns vorüber. Wir aber zogen das Schiff ins Meer, richteten den Mast und die Segel und setzten uns betrübt auf die Ruderbänke. Ein günstiger Fahrwind, den uns Kirke schickte, blies in die Segel, und bald waren wir wieder auf der hohen See.«

Neue Verfolgung der Kolcher



Neue Verfolgung der Kolcher

Hier waren sie aufs gastliche aufgenommen worden und wollten sich eben recht gütlich tun, als plötzlich an der Küste ein furchtbares Heer der Kolcher erschien, deren Flotte auf einem andern Wege bis hierher vorgedrungen war. Sie verlangten die Königstochter Medea, um sie in das väterliche Haus zurückzuführen, oder bedrohten die Griechen mit einer mörderischen Schlacht schon jetzt, und noch mehr, wenn Aietes selbst mit einem noch gewaltigeren Heere nachkommen würde. Ja, sie waren schon im Begriff, den Kampf zu beginnen, da gelang es dem weisen König Alkinoos noch, sie zurückzuhalten; er wünsche den Zwist ohne Blutvergießen zu lösen. Medea aber umfaßte die Knie seiner Gemahlin Arete: »Herrin, ich flehe dich an«, sprach sie, »laß mich nicht zu meinem Vater bringen; wenn du anders dem menschlichen Geschlechte angehörst, das allzumal durch leichten Irrtum in schnelles Unglück stürzt. So ist auch mir die Besonnenheit entschwunden. Doch nicht Leichtsinn, sondern nur entsetzliche Furcht hat mich zur Flucht mit diesem Manne bewogen. Als Jungfrau führt er mich in seine Heimat. Darum erbarme dich meiner, und die Götter mögen dir langes Leben und Kinder und deiner Stadt unsterbliche Zier gewähren.« Auch den einzelnen Helden warf sie sich flehend zu Füßen: ein jeder aber, den sie anrief, hieß sie guten Mutes sein, schüttelte die Lanze, zog sein Schwert und versprach, ihr beizustehen, wenn Alkinoos sie ausliefere wollte.

In der Nacht ratschlagte der König mit seiner Gemahlin über das kolchische Mädchen. Arete bat für sie und erzählte ihm, daß der große Held Iason sie zu seiner rechtmäßigen Gemahlin machen wolle. Alkinoos war ein sanfter Mann, und sein Gemüt wurde noch weicher, als er dieses hörte. »Gerne würde ich«, erwiderte er seiner Gemahlin, »die Kolcher den Helden und der Jungfrau zulieb auch mit den Waffen vertreiben, aber ich fürchte das Gastrecht des Zeus zu verletzen; auch ist es nicht klug, den mächtigen König Aietes zu reizen, denn so ferne er wohnt, wäre er doch imstande, Griechenland mit einem Kriege zu überziehen. Höre daher den Ratschlag, den ich gefaßt habe: Ist das Mädchen noch eine freie Jungfrau, so soll sie dem Vater zurückgegeben werden; ist sie aber des Helden Gemahlin, so werde ich sie dem Gatten nicht rauben, denn dann gehört sie diesem vor dem Vater.« Arete erschrak, als sie diesen Entschluß des Königes hörte. Noch in der Nacht sandte sie einen Herold zu Iason, der ihm alles hinterbrachte und ihm riet, sich noch vor Anbruch des Morgens mit Medea zu vermählen. Die Helden, welchen Iason den unerwarteten Vorschlag mitteilte, waren es alle zufrieden, und so wurde unter den Liedern des Orpheus, einer heiligen Grotte, die Jungfrau feierlich zur Gattin Iasons eingeweiht.

Am andern Morgen, als die Ufer der Insel und das tauige Feld von den ersten Sonnenstrahlen schimmerten, rührte sich alles Phäakenvolk auf den Straßen der Stadt; und am andern Ende der Ufer standen die Kolcher auch schon unter den Waffen. Alkinoos trat versprochenermaßen hervor aus seinem Palaste, das goldene Zepter in der Hand, zu richten über das Mädchen; hinter ihm gingen scharenweise die edelsten Phäaken einher; auch die Frauen waren zusammengekommen, um die herrlichen Helden der Griechen zu schauen, und viele Landleute hatten sich versammelt, denn Zeus hatte das Gerücht weit und breit ausgestreut. So war alles vor den Mauern der Stadt bereit, und die Opfer dampften zum Himmel empor. Schon lange harrten hier die Helden der Entscheidung. Als nun der König auf seinem Throne Platz genommen hatte, trat Iason hervor und erklärte mit eidlicher Bekräftigung die Königstochter Medea für seine rechtmäßige Gemahlin. Sobald Alkinoos dieses hörte und Zeugen der Vermählung aufgetreten waren, tat er mit einem feierlichen Schwure den Ausspruch, daß Medea nicht ausgeliefert werden sollte, und schirmte seine Gäste. Vergebens widersetzten sich die Kolcher; der König hieß sie entweder als friedliche Gäste in seinem Lande wohnen oder mit ihren Schiffen sich aus seinem Hafen entfernen. Sie aber, die den Zorn ihres Landesherrn fürchteten, wenn sie ohne seine Tochter zurückkehrten, wählten das erstere. Am siebenten Tage brachen die Argonauten, ungern von Alkinoos entlassen und herrlich beschenkt, zur Weiterfahrt auf.

Niobe



Niobe

Niobe, die Königin von Theben, war auf vieles stolz. Amphion, ihr Gemahl, hatte von den Musen die herrliche Leier erhalten, nach deren Spiel sich die Steine der thebischen Königsburg von selbst zusammengesetzt hatten; ihr Vater war Tantalos, der Gast der Götter; sie war die Gebieterin eines gewaltigen Reiches und selbst voll Hoheit des Geistes und von majestätischer Schönheit; nichts aber von allem diesem schmeichelte ihr so sehr als die stattliche Zahl ihrer vierzehn blühenden Kinder, die zur einen Hälfte Söhne und zur andern Töchter waren. Auch hieß Niobe unter allen Müttern die glücklichste, und sie wäre es gewesen, wenn sie nur sich selbst nicht dafür gehalten hätte; so aber wurde das Bewußtsein ihres Glückes ihr Verderben.

Einst rief die Seherin Manto, die Tochter des Wahrsagers Tiresias, von göttlicher Regung angetrieben, mitten in den Straßen die Frauen Thebens zur Verehrung Latonas und ihrer Zwillingskinder, Apollos und der Artemis, auf, hieß sie die Haare mit Lorbeeren bekränzen und frommes Gebet unter Weihrauchopfer darbringen. Als nun die Thebanerinnen zusammenströmten, kam auf einmal Niobe im Schwarm eines königlichen Gefolges, mit einem golddurchwirkten Gewande angetan, prunkend einhergerauscht. Sie strahlte von Schönheit, soweit es der Zorn zuließ, ihr schmuckes Haupt bewegte sich zugleich mit dem über beide Schultern herabwallenden Haar. So stand sie in der Mitte der unter freiem Himmel mit dem Opfer beschäftigten Frauen, ließ die Augen voll Hoheit auf dem Kreise der Versammelten ruhen und rief. »Seid ihr nicht wahnsinnig, Götter zu ehren, von denen man euch fabelt, während vom Himmel begünstigtere Wesen mitten unter euch weilen? Wenn ihr der Latona Altäre errichtet, warum bleibt mein göttlicher Name ohne Weihrauch? Ist doch mein Vater Tantalos der einzige Sterbliche, der am Tische der Himmlischen gesessen hat, meine Mutter Dione, die Schwester der Plejaden, die als leuchtendes Gestirn am Himmel glänzen; mein einer Ahn Atlas, der Gewaltige, der das Gewölbe des Himmels auf dem Nacken trägt; mein Vatersvater Zeus, der Vater der Götter; selbst Phrygiens Völker gehorchen mir, mir und meinem Gatten ist die Stadt des Kadmos, sind die Mauern untertan, die sich dem Saitenspiel Amphions gefügt haben; jeder Teil meines Palastes zeigt mir unermeßliche Schätze; dazu kommt ein Antlitz, wie es einer Göttin wert ist, dazu eine Kinderschar, wie keine Mutter sie aufweisen kann: sieben blühende Töchter, sieben starke Söhne, bald ebenso viele Eidame und Schwiegertöchter. Fraget nun, ob ich auch Grund habe, stolz zu sein! Waget es noch ferner, mir Latona, die unbekannte Titanentochter, vorzuziehen, welcher einst die breite Erde keinen Raum gegönnt hat, wo sie dem Zeus gebären konnte, bis die schwimmende Insel Delos der Umherschweifenden aus Mitleid ihren unbefestigten Sitz darbot. Dort wurde sie Mutter zweier Kinder, die Armselige. Das ist der siebente Teil meiner Mutterfreude! Wer leugnet, daß ich glücklich bin, wer zweifelt, daß ich glücklich bleibe? Die Schicksalsgöttin hätte viel zu tun, wenn sie gründlich meinem Besitze schaden wollte! Nähme sie mir dies oder jenes, selbst von der Schar meiner Gebornen, wann wird je ihr Haufe zu der armen Zwillingszahl Latonens heruntersinken? Darum fort mit den Opfern, heraus aus den Haaren mit dem Lorbeer! Zerstreuet euch in eure Häuser und laßt euch nicht wieder über so törichtem Beginnen treffen!«

Erschrocken nahmen die Frauen die Kränze vom Haupte, ließen die Opfer unvollendet und schlichen nach Hause, mit stillen Gebeten die gekränkte Gottheit verehrend.

Auf dem Gipfel des delischen Berges Kynthos stand mit ihren Zwillingen Latona und schaute mit ihrem Götterauge, was in dem fernen Theben vorging. »Seht, Kinder, ich, eure Mutter, die auf eure Geburt so stolz ist, die keiner Göttin außer Hera weicht, werde von einer frechen Sterblichen geschmäht; ich werde von den alten heiligen Altären hinweggestoßen, wenn ihr mir nicht beisteht, meine Kinder! Ja, auch ihr werdet von Niobe beschimpft, werdet ihrem Kinderhaufen von ihr nachgesetzt!« Latona wollte zu ihrer Erzählung noch Bitten hinzufügen, aber Phöbos unterbrach sie und sprach: »Laß die Klage, Mutter, sie hält die Strafe nur auf!« Ihm stimmte seine Schwester bei; beide hüllten sich in eine Wolkendecke, und mit einem raschen Schwung durch die Lüfte hatten sie die Stadt und Burg des Kadmos erreicht. Hier breitete sich vor den Mauern ein geräumiges Blachfeld aus, das nicht für die Saat bestimmt, sondern den Wettläufen und Übungen zu Roß und Wagen gewidmet war. Da belustigten sich eben die sieben Söhne Amphions: die einen bestiegen mutige Rosse, die andern erfreuten sich des Ringspieles. Der älteste, Ismenos, trieb eben sein Tier im Viertelstrabe sicher im Kreise um, das schäumende Maul ihm bändigend, als er plötzlich: »Wehe mir!« ausrief, den Zaum aus den erschlaffenden Händen fahren ließ und, einen Pfeil mitten ins Herz geheftet, langsam rechts am Buge des Rosses heruntersank. Sein Bruder Sipylos, der ihm zunächst sich tummelte, hatte das Gerassel des Köchers in den Lüften gehört und floh mit verhängtem Zügel, wie ein Steuermann vor dem Wetter jedes Lüftchen in den Segeln auffängt, um in den Hafen einzulaufen. Dennoch holte ihn ein durch die Luft schwirrender Pfeil ein, zitternd haftete ihm der Schaft hoch im Genick, und das nackte Eisen ragte zum Halse heraus. Über die Mähne des galoppierenden Pferdes herab glitt der tödlich Getroffene zu Boden und besprengte die Erde mit seinem rauchenden Blut. Zwei andere, der eine hieß wie sein Großvater, Tantalos, der andere Phaidimos, lagen miteinander ringend, in fester Umschlingung Brust an Brust verschränkt. Da tönte der Bogen aufs neue, und wie sie vereinigt waren, durchbohrte sie beide ein Pfeil. Beide seufzten zugleich auf, krümmten die schmerzdurchzuckten Glieder auf dem Boden, verdrehten die erlöschenden Augen und hauchten mit einem Atem die Seelen im Staub aus. Ein fünfter Sohn, Alphenor, sah diese fallen; die Brust sich schlagend, flog er herbei und wollte die erkälteten Glieder der Brüder durch seine Umarmungen wieder beleben, aber unter diesem frommen Geschäfte sank er auch dahin, denn Phöbos Apollo sandte ihm das tödliche Eisen tief in die Herzkammer hinein, und als er es wieder herauszog, drängte sich mit dem Atem das Blut und das Eingeweide des Sterbenden hervor. Damasichthon, den sechsten, einen zarten Jüngling mit langen Locken, traf ein Pfeil in das Kniegelenk; und während er sich rückwärts bog, das unerwartete Geschoß mit der Hand herauszuziehen, drang ihm ein anderer Pfeil bis ans Gefieder durch den offenen Mund hinab in den Hals, und ein Blutstrahl schoß wie ein Springbrunnen hoch aus dem Schlunde empor. Der letzte und jüngste Sohn, der Knabe Ilioneus, der dies alles mit angesehen hatte, warf sich auf die Knie nieder, breitete die Arme aus und fing an zu flehen: »O all ihr Götter miteinander, verschont mich!« Der furchtbare Bogenschütze selbst wurde gerührt, aber der Pfeil war nicht mehr zurückzurufen. Der Knabe sank zusammen. Doch fiel er an der leichtesten Wunde, die kaum bis zum Herzen hindurchgedrungen war.

Der Ruf des Unglückes verbreitete sich bald in die Stadt. Amphion, der Vater, als er die Schreckenskunde hörte, durchbohrte sich die Brust mit dem Stahl. Der laute Jammer seiner Diener und alles Volks drang bald auch in die Frauengemächer. Niobe vermochte lange das Schreckliche nicht zu fassen; sie wollte nicht glauben, daß die Himmlischen so viel Vorrechte hätten, daß sie es wagten, daß sie es vermochten. Aber bald konnte sie nicht mehr zweifeln. Ach, wie unähnlich war die jetzige Niobe der vorigen, die eben erst das Volk von den Ältären der mächtigen Göttin zurückscheuchte und mit hohem Nacken durch die Stadt einherschritt! Jene erschien auch ihren liebsten Freunden beneidenswert, diese des Mitleids würdig selbst dem Feinde! Sie kam herausgestürzt auf das Feld, sie warf sich auf die erkälteten Leichname, sie verteilte ihre letzten Küsse an die Söhne, bald an diesen, bald an jenen. Dann hub sie die zerschlagenen Arme gen Himmel und rief. »Weide dich nun an meinem Jammer, sättige dein grimmiges Herz, du grausame Latona, der Tod dieser sieben wirft mich in die Grube; triumphiere, siegende Feindin!«

Jetzt waren auch ihre sieben Töchter, schon in Trauergewande gekleidet, herbeigekommen und standen mit fliegenden Haaren um die gefallenen Brüder her. Ein Strahl der Schadenfreude zuckte bei ihrem Anblick um Niobes blasses Gesicht. Sie vergaß sich, warf einen spottenden Blick gen Himmel und sagte: »Siegerin! nein, auch in meinem Unglücke bleibt mir mehr als dir in deinem Glück. Auch nach so vielen Leichen bin ich noch Überwinderin!« Kaum hatte sie’s gesprochen, als man eine Sehne ertönen hörte, wie von einem straff angezogenen Bogen. Alles erschrak, nur Niobe bebte nicht; das Unglück hatte sie beherzt gemacht. Da fuhr plötzlich eine der Schwestern mit der Hand ans Herz; sie zog einen Pfeil heraus, der ihr im Innersten haftete. Ohnmächtig zu Boden gesunken, senkte sie ihr sterbendes Antlitz über den nächstgelegenen Bruder. Eine andere Schwester eilt auf die unglückselige Mutter zu, sie zu trösten; aber von einer verborgenen Wunde gebeugt, verstummte sie plötzlich. Eine dritte sinkt im Fliehen zu Boden, andere fallen, über die sterbenden Schwestern hingeneigt. Nur die letzte war noch übrig, die sich in den Schoß der Mutter geflüchtet und an diese, von ihrem faltigen Gewande zugedeckt, sich kindisch anschmiegte. »Nur die einzige laßt mir«, schrie Niobe wehklagend zum Himmel, »nur die jüngste von so vielen!« Aber während sie noch flehte, stürzte schon das Kind aus ihrem Schoße nieder, und einsam saß Niobe zwischen ihres Gatten, ihrer Söhne und ihrer Töchter Leichen. Da erstarrte sie vor Gram; kein Lüftchen bewegte das Haar ihres Hauptes; aus dem Gesichte wich das Blut; die Augen standen unbewegt in den traurigen Wangen; im ganzen Bilde war kein Leben mehr; die Adern stockten mitten im Pulsschlag, der Nacken drehte, der Arm regte, der Fuß bewegte sich nicht mehr; auch das Innere des Leibes war zum kalten Felsstein geworden. Nichts lebte mehr an ihr als die Tränen; diese rannen unaufhörlich aus den steinernen Augen hervor. Jetzt faßte den Stein eine gewaltige Windsbraut, führte ihn fort durch die Lüfte und über das Meer und setzte ihn erst in der alten Heimat Niobes, in Lydien, im öden Gebirge, unter den Steinklippen des Sipylos nieder. Hier haftete Niobe als ein Marmorfelsen am Gipfel des Berges, und noch jetzt zerfließt der Marmor in Tränen.

Meleager und die Eberjagd



Drittes Buch

Meleager und die Eberjagd

Öneus, der König von Kalydon, brachte die Erstlinge eines mit besonderer Fülle gesegneten Jahres den Göttern dar; der Demeter Feldfrüchte, dem Bakchos Wein, Öl der Athene und so jeder Gottheit die ihr willkommene Frucht, nur Artemis wurde von ihm vergessen, und ihr Altar blieb ohne Weihrauch. Dies erzürnte die Göttin, und sie beschloß, Rache an ihrem Verächter zu nehmen. Ein verheerender Eber wurde von ihr auf die Fluren des Königes losgelassen. Glut sprühten seine roten Augen, sein Nacken starrte; aus dem schäumenden Rachen schoß es ihm wie ein Blitzstrahl, und seine Hauer waren gleich riesigen Elefantenzähnen. So stampfte er durch Saaten und Kornfelder hin; Tenne und Scheuer warteten vergeblich auf die versprochene Ernte; die Trauben fraß er mitsamt den Ranken, die Olivenbeeren mitsamt den Zweigen ab; Schäfer und Schäferhunde vermochten ihre Herden, die trotzigsten Stiere ihre Rinder nicht gegen das Ungeheuer zu verteidigen. Endlich erhub sich der Sohn des Königes, der herrliche Held Meleager, und versammelte Jäger und Hunde, den grausamen Eber zu erlegen. Die berühmtesten Helden aus ganz Griechenland kamen, zu der großen Jagd eingeladen, unter ihnen auch die heldenmütige Jungfrau Atalante aus Arkadien, die Tochter des Iason. In einem Walde ausgesetzt, von einer Bärin gesäugt, von Jägern gefunden und erzogen, brachte die schöne Männerfeindin ihr Leben im Walde zu und lebte von der Jagd. Alle Männer wehrte sie von sich ab, und zwei Zentauren, die ihr in dieser Einsamkeit nachstellten, hatte sie mit ihren Pfeilen erlegt. Jetzt lockte sie die Liebe zur Jagd hervor in die Gemeinschaft der Helden. Sie kam, ihr einfaches Haar in einen Knoten gebunden, über den Schultern hing ihr der elfenbeinerne Köcher, die Linke hielt den Bogen; ihr Antlitz wäre an Knaben ein Jungferngesicht, an Jungfrauen ein Knabengesicht gewesen. Als Meleager sie in ihrer Schönheit erblickte, sprach er bei sich selbst: ›Glücklich der Mann, den diese würdiget, ihr Gatte zu sein!‹ Mehr zu denken erlaubte ihm die Zeit nicht, denn die gefährliche Jagd durfte nicht länger aufgeschoben werden.

Die Schar der Jäger ging einem Gehölze mit uralten Stämmen zu, das, in der Ebene anfangend, sich einen Bergesabhang hinanzog. Als die Männer hier angekommen waren, stellten die einen Netze, die andern ließen die Hunde von der Fessel los, wieder andere folgten schon der Fährte. Bald gelangte man in ein abschüssiges Tal, das die geschwollenen Waldbäche ausgehöhlt; Binsen, Sumpfgras, Weidengebüsch und Schilfrohr wucherten unten im Abgrunde. Hier hatte das Schwein im Versteck gelegen, und von den Hunden aufgejagt, durchbrach es das Gehölz wie ein Blitzstrahl die Wetterwolke und stürzte sich wütend mitten unter die Feinde. Jünglinge schrien laut auf und hielten ihm die eisernen Spitzen ihrer Speere vor; aber der Eber wich aus und durchbrach eine Koppel von Hunden. Geschoß um Geschoß flog ihm nach, aber die Wunden streiften ihn nur und vermehrten seinen Grimm. Mit funkelndem Auge und dampfender Brust kehrte er um, flog wie ein vom Wurfgeschosse geschleuderter Felsblock auf die rechte Flanke der Jäger und riß ihrer drei, tödlich verwundet, zu Boden. Ein vierter, es war Nestor, der nochmals so berühmte Held, rettete sich auf die Äste eines Eichbaumes, an dessen Stamm der Eber grimmig seine Hauer wetzte. Hier hätten ihn die Zwillingsbrüder Kastor und Pollux, die hoch auf schneeweißen Rossen saßen, mit ihren Speeren erreicht, wenn das borstige Tier sich nicht ins unzugängliche Dickicht geflüchtet hätte. Jetzt legte Atalante einen Pfeil auf ihren Bogen und sandte ihn dem Tier in das Gebüsch nach. Das Rohr traf den Eber unter dem Ohr, und zum erstenmal rötete Blut seine Borsten. Meleager sah die Wunde zuerst und zeigte sie jubelnd seinen Gefährten: »Fürwahr, o Jungfrau«, rief er, »der Preis der Tapferkeit gebühret dir!« Da schämten sich die Männer, daß ein Weib ihnen den Sieg streitig machen sollte, und alle zumal warfen ihre Speere; aber gerade dieser Schwarm von Geschossen verhinderte die Würfe, das Tier zu treffen. Mit stolzen Worten erhob jetzt der Arkadier Ankaios die doppelte Streitaxt mit seinen beiden Händen und stellte sich, zum Hieb ausholend, auf die Zehen. Aber der Eber stieß ihm die beiden Hauer in die Weichen, ehe er den Streich vollführen konnte, und er stürzte, von Blut gebadet, mit entblößtem Gedärmen auf den Boden. Dann warf Iason [Fußnote] seinen Speer; allein diesen lenkte der Zufall in den Leib des Keladon. Endlich schoß Meleager zwei Speere hintereinander ab. Der erste fuhr in den Boden, der zweite dem Eber mitten in den Rücken. Das Tier fing an zu toben und sich im Kreise zu drehen. Schaum und Blut quoll aus seinem Munde, Meleager versetzte ihm mit dem Jagdspieß eine neue Wunde in den Hals, und nun fuhren ihm von allen Seiten die Spieße in den Leib. Der Eber, weit auf der Erde ausgestreckt, wälzte sich sterbend in seinem Blute. Meleager stemmte seinen Fuß auf den Kopf des Getöteten, streifte mit Hilfe seines Schwertes die borstige Hülle seines Rückens vom Leibe des Tieres nieder und reichte sie mitsamt dem abgehauenen Haupte, aus dem die mächtigen Hauer hervorschimmerten, der tapferen Arkadierin Atalante. »Nimm die Beute hin«, sprach er, »die von Rechts wegen mir gehörte; ein Teil des Ruhmes soll auch auf dich kommen!« Diese Ehre mißgönnten die Jäger dem Weibe, und rings in der Schar erhob sich ein Gemurmel. Mit geballten Fäusten und lauter Stimme traten vor Atalante die Söhne des Thestios hin, Meleagers Muttersbrüder. »Auf der Stelle«, riefen sie, »lege die Beute nieder, Weib, und erschleiche nicht, was uns zugehört; deine Schönheit dürfte dir sonst wenig helfen, und dein verliebter Gabenspender auch nicht!« Mit diesen Worten nahmen sie ihr das Geschenk weg und sprachen dem Helden das Recht ab, darüber zu verfügen. Dies ertrug Meleager nicht. Vor Jähzorn knirschend, schrie er: »Ihr Räuber fremden Verdienstes! Lernet von mir, wieweit Drohungen von Taten verschieden sind!« Und damit stieß er dem einen, und eh der sich besinnen konnte, auch dem andern Oheim den Stahl in die Brust.

Althaia, die Mutter Meleagers, war auf dem Wege nach dem Göttertempel, um Dankopfer für den Sieg ihres Sohnes darzubringen, als sie die Leichen ihrer Brüder herbeibringen sah. Sie zerschlug sich wehklagend die Brust, eilte in ihren Palast zurück, legte statt der goldenen Freudengewänder schwarze Kleidung an und erfüllte die Stadt mit Jammergeschrei. Aber als sie erfuhr, daß der Urheber des Mordes ihr eigener Sohn Meleager sei, da versiegten ihre Tränen, ihre Trauer ward in Mordlust verwandelt, und sie schien sich plötzlich auf etwas zu besinnen, das ihrem Gedächtnis längst entschwunden war. Denn als Meleager nur erst wenige Tage zählte, da waren die Parzen bei dem Wochenbette seiner Mutter Althaia erschienen. »Aus deinem Sohne wird ein tapferer Held«, verkündigte ihr die erste; »dein Sohn wird ein großmütiger Mann sein«, sprach die zweite; »dein Sohn wird so lange leben«, schloß die dritte, »als der eben jetzt auf dem Herde glühende Brand vom Feuer nicht verzehrt wird.« Kaum hatten sich die Parzen entfernt, so nahm die Mutter das hell auflodernde Brandscheit aus dem Feuer, löschte es in Wasserflut, und liebevoll für das Leben ihres Sohnes besorgt, verwahrte sie es im geheimsten ihrer Gemächer. Entflammt von Rache, dachte sie jetzt wieder an dieses Holz und eilte in die Kammer, wo es in einem heimlichen Verschlusse sorgsam aufbewahrt lag. Sie hieß Kienholz auf Reisig legen und fachte einen lodernden Brand an. Dann ergriff sie das hervorgesuchte Holzscheit. Aber in ihrem Herzen bekämpfte sich Mutter und Schwester, blasse Angst und glühender Zorn wechselten auf ihrem Angesichte; viermal wollte sie den Ast auf die Flammen legen, viermal zog sie die Hand zurück. Endlich siegte die Schwesterliebe über das Muttergefühl. »Wendet eure Blicke hierher«, sprach sie, »ihr Strafgöttinnen, zu diesem Furienopfer! Und ihr, kürzlich geschiedene Geister meiner Brüder, fühlet, was ich für euch tue, sieget und nehmet als teuer erkauftes Totengeschenk die unselige Frucht meines eigenen Leibes an! Mir selbst bricht das Herz von Mutterliebe, und bald werde ich dem Troste, den ich euch sende, selbst nachfolgen.« So sprach sie, und mit abgewendetem Blick und zitternder Hand legte sie das Holz mitten in die Flammen hinein.

Meleager, der inzwischen auch in die Stadt zurückgekehrt war und über seinem Siege, seiner Liebe und seiner Mordtat in wechselnden Empfindungen brütete, fühlte plötzlich, ohne zu wissen, woher, seinen innersten Leib von einer heimlichen Fieberglut ergriffen, und verzehrende Schmerzen warfen ihn auf das Lager. Er besiegte sie mit Heldenkraft; aber es jammerte ihn tief, eines unrühmlichen und unblutigen Todes sterben zu müssen. Er beneidete die Genossen, die unter den Streichen des Ebers gefallen waren; er rief den Bruder, die Schwestern, den greisen Vater und mit stöhnendem Munde auch die Mutter herbei, die noch immer am Feuer stand und mit starren Augen dem sich verzehrenden Brande zusah. Der Schmerz ihres Sohnes wuchs mit dem Feuer, aber als allmählich die Kohle sich in der bleichenden Asche verbarg, erlosch auch seine Qual, und er verhauchte seinen Geist mit dem letzten Funken in die Luft. Über seiner Leiche wehklagten Vater und Schwestern, und ganz Kalydon trauerte; nur die Mutter war ferne. Den Strick um den Hals gewunden, fand man ihre Leiche vor dem Hause niedergestreckt, auf welchem die verglommene Asche des Feuerbrandes ruhte.

Memnon



Memnon

Die aufsteigende Sonne leuchtete in Troja über lauter Kümmernis. Auf den Mauern umher saßen spähend die Trojaner, denn sie fürchteten jeden Augenblick, der gewaltige Sieger möchte nun auf Leitern über die Stadtmauer setzen und ihren alten Wohnsitz einäschern. Da erhub sich im Rate der Bangenden ein Greis mit Namen Thymötes, der sprach: »Freunde! Vergebens sinnt mein Geist auf ein Mittel, das drohende Verderben von uns abzuwenden. Seit Hektor unter den Händen des unbezwinglichen Achill erlegen ist, müßte, glaube ich, selbst ein Gott, wenn er sich unser annehmen wollte, im Kampfe erliegen. Hat er doch auch die Amazone, vor der alle andern Danaer bebten, bezwungen! Und doch war sie so furchtbar, daß wir alle in ihr eine Göttin zu sehen glaubten und Freude unser Herz bei ihrem Anblick durchströmte. Aber ach, leider war sie nicht unsterblich! So fragt es sich denn nun, ob es nicht besser für uns wäre, wenn wir diese unglückselige Stadt, die doch zum Untergange bestimmt ist, verließen und anderswo sichere Wohnungen aufsuchten, zu welchen die verderblichen Griechen nicht dringen könnten!« So redete Thymötes. Da stand Priamos in der Versammlung auf, ihm zu entgegnen: »Lieber Freund«, sprach er, »und ihr alle, Trojaner und gute Bundsgenossen! Laßt uns doch die geliebte Heimat nicht feige aufgeben und uns größerer Gefahr preisgeben, wenn wir uns in offener Feldschlacht durch die umringenden Feinde durchschlagen sollten. Vielmehr wollen wir warten, bis Memnon da ist, der Äthiopier, aus dem Lande der schwarzen Männer, der wohl mit seinem unzähligen Volke schon unterwegs ist, uns Hilfe zu bringen. Es ist schon viel Zeit verflossen, seit meine Boten zu ihm gegangen sind. Deswegen haltet nur noch ein kleines aus; und müßtet ihr selbst im Kampfe alle umkommen, so ist es doch besser, als bei Fremdlingen, von Schande gebeugt, sein Leben fristen zu müssen!«

Zwischen diese entgegengesetzten Meinungen trat ein bedächtiger Mann unter den Trojanern, der Held Polydamas, und gab seinen Rat mit folgenden Worten: »Wenn Memnon wirklich kommt, so habe ich nichts dagegen, König und Herr! Aber ich befürchte, der Mann wird mitsamt seinen Gefährten den Tod bei uns finden und den Unsrigen nur noch mehr Unheil bereiten. Doch bin ich auch keineswegs der Meinung, daß wir das Land unsrer Väter verlassen sollten. Vielmehr wäre, wenn es auch jetzt spät ist, doch immer noch das beste, wenn wir die Ursache dieses ganzen Krieges, die Fürstin Helena mit allem dem, was sie uns aus Sparta zugebracht hat, den Griechen wieder auslieferten, ehe sich die Feinde in unsre Habe geteilt und die Stadt mit Feuer verzehrt haben.«

Dieser Rede gaben die Trojaner zwar im Herzen stillen Beifall, doch wagten sie nicht, ihrem Könige laut zu widersprechen. Auf der andern Seite erhub sich Paris, Helenas Gemahl, und beschuldigte den Schutzredner der Griechen, wie er Polydamas nannte, der äußersten Feigheit. »Ein Mann, der dazu raten kann, würde im Felde der erste sein, der die Flucht ergriffe«, sprach er. »Besinnet euch wohl, Trojaner, ob es klug gehandelt ist«, sprach er, »dem Rate eines solchen zu folgen!«

Polydamas wußte wohl, daß Paris von Helena nicht lassen würde und eher einen Aufruhr im Heere erregen, ja selber sterben, ehe er auf sie verzichtete; darum schwieg er, und die ganze Versammlung mit ihm. Als sie noch sinnend im Rate saßen, kam die frohe Botschaft, daß Memnon im Anzuge sei. Den Trojanern ward zumute wie Schiffern, die, dem Tode schon im Rachen, nach dem furchtbarsten Sturme die Sterne wieder am Himmel schimmern sehen; vor allen aber freute sich der König Priamos, denn er zweifelte nicht, daß es der Überzahl der Äthiopier gelingen müßte, die feindlichen Schiffe zu verbrennen.

Als daher Memnon, der hohe Sohn der Eos, angekommen war, ehrte der König ihn und die Seinen durch die herrlichsten Gaben und Festmahle. Das Gespräch wurde wieder heiter, und sie gedachten in Ehren der gefallenen Trojanerhelden. Memnon aber erzählte von seinem unsterblichen Elternpaare, Thitonos und Eos; ein andermal vom endlosen Weltmeere und wiederum von den Grenzen der Erde, vom Aufgang der Sonne und von dem ganzen weiten Wege, den er von den Ufern des Ozeans bis zu den Höhen des Berges Ida und der Stadt des Königes Priamos zurückgelegt, und was für Heldentaten er unterwegs verrichtet habe. Ihm lauschte der Trojanerkönig mit Wohlgefallen; voll Wärme ergriff er seine Hand und sprach: »Memnon, wie danke ich den Göttern, daß sie mir, dem Greise, gegönnet haben, dich und dein Heer noch zu erblicken und dich selbst in meinem Palaste zu bewirten! Fürwahr, du gleichest mehr als irgendein Sterblicher den Göttern, und deswegen hege ich die Zuversicht zu dir, daß du unter unsern Feinden mit furchtbarem Gemetzel wüten werdest!« Mit diesen Worten hob der König einen Pokal aus gediegenem Golde und trank ihn dem neuen Bundesgenossen zu. Memnon betrachtete staunend ringsum den herrlichen Becher, der ein Werk Hephaistos‘ und ein Erbstück der trojanischen Königsfamilie war; dann erwiderte er: »Nicht beim Schmause ziemt es sich zu prahlen und zuversichtliche Verheißungen zu tun; ich antworte dir daher nicht, o König, sondern freue mich jetzt in Ruhe des Mahles und will im Geiste das Nötige vorbereiten. In der Schlacht muß es sich zeigen, ob ein Mann ein Held sei. Nun aber laß uns bald zur Ruhe gehen; denn dem, der die Entscheidung des Kampfes erwartet, schadet ein übermäßiger Genuß des Weines und eine durchschwärmte Nacht.«

Damit erhob sich der besonnene Memnon vom Mahle, und Priamos hütete sich, seinen Gast zu längerem Bleiben zu nötigen. Auch die übrigen Gästen gingen zur Ruhe, und alles überließ sich dem wohltuenden Schlafe.

Während nun die Sterblichen auf der Erde schlummerten, saßen die Götter im olympischen Palaste des Zeus noch beim Schmause und besprachen sich über den Kampf um Troja. Zeus, der Sohn des Kronos, dem die Zukunft deutlich war wie die Gegenwart, nahm zuletzt das Wort und sprach: »Es ist vergebens, daß ihr sorget, der eine für die Griechen, der andre für die Troer. Noch unzählige Rosse und Männer werdet ihr auf beiden Seiten im Kampfe dahinsinken sehen. Sosehr euch nun mancher, der des einen oder des andern Freund ist, am Herzen liegen mag, so lasse sich doch keiner von euch einfallen, sich mir deshalb mit Bitten zu nahen und für einen Sohn oder einen Freund zu flehen: denn die Schicksalsgöttinnen sind unerbittlich für mich wie für euch!« Keiner der Unsterblichen wagte es, dem Göttervater zu widersprechen; schweigend verließen sie das Mahl, und jeder in seinem Hause warf sich traurig auf das Lager, bis auch der Götter sich der Schlaf erbarmte.

Am anderen Morgen stieg Eos nur widerstrebend am Himmel auf, denn auch sie hatte das Wort des Zeus vernommen, und ihr Herz sagte ihr voraus, welch ein Schicksal ihrem geliebten Sohne Memnon bevorstand. Dieser aber war schon in aller Frühe erwacht, als kaum die Gestirne bleichten; er schüttelte sich den Schlaf, den letzten auf Erden, von den Wimpern, und sprang vom Lager voll Sehnen, den entscheidenden Kampf für seine Freunde mit den Griechen zu beginnen. Auch die Trojaner warfen sich in ihre Rüstungen, und mit ihnen die zahllosen Gäste aus Äthiopien. Ohne sich lange zu verweilen, strömten die Scharen, Sturmgewölke gleich, das vom Winde getrieben wird, zu den Toren hinaus aufs Blachfeld; die ganze Straße wogte von dichtem Gedränge, und der Staub erhob sich unter ihren Füßen.

Als die Griechen sie aus der Ferne heranziehen sahen, staunten sie, waffneten sich in Eile und zogen aus: Achill, auf welchen sie vertrauten, in ihrer Mitte, stolz auf seinem Wagen stehend, wie ein Titane und gleich einem Donnergeschoß in Zeus‘ Hand. Aber in der Mitte des trojanischen Heeres zog nicht minder herrlich Memnon einher, dem Kriegsgotte selber zu vergleichen; und sein unendliches Volk, gehorsam und kampflustig, hatte sich rings um ihn her geschart. Nun begann der Kampf: wie zwei Meere wogten die Heere sich entgegen und schlugen aneinander Well an Welle. Schwerter zischten und Speere sausten, lautes Getöse hallte durch die Schlachtreihen, und bald erhob sich in beiden Heeren Klagelaut um die Fallenden. Bald stürzte ein Troer um den andern vor den Stößen des Achill nieder wie vor einem Sturm, der Bäume aus den Wurzeln reißt und Häuser umwirft. Anderseits warf auch Memnon die griechischen Scharen darnieder wie ein böses Verhängnis, das den Sterblichen viel Jammer und Unheil bringt. Zwei edle Genossen Nestors fielen von seiner Hand, und jetzt nahte er dem Greise von Pylos selber, und es fehlte wenig, daß Nestor von der Lanze des Äthiopiers gefallen wäre. Denn eines seiner Wagenpferde war eben von einem Pfeile des Paris verwundet worden und hemmte den Wagen seines Herrn, als Memnon mit seinem Speere auf den Greis herzugerannt kam. Erschrocken rief dieser seinen Sohn Antilochos zu Hilfe, und sein Wort verhallte nicht in den Lüften. Der fromme Jüngling eilte heran, stellte sich vor die Brust des Vaters und warf seinen Speer nach dem Äthiopier. Dieser wich dem Geschosse aus, aber es traf seinen Freund Äthops, den Sohn des Pyrrhasos. Darüber ergrimmte Memnon, und wie der Löwe auf den Eber losstürzt, warf er sich nun auf Antilochos. Dieser schleuderte einen Stein gegen den Tobenden, der jedoch an seinem dichten Helme abprallte. Nun stieß ihm Memnon die Lanze durchs Herz, und Antilochos erkaufte so die Rettung seines Vaters mit dem Tode. Als die Achajer ihn sinken sahen, bemächtigte sich ihrer aller der Schmerz; den bittersten aber empfand der Vater, weil um seinetwillen und ihm vor den Augen der Sohn erschlagen wurde. Doch behielt er Besinnung genug, einen andern seiner Söhne, Thrasymedes, herbeizurufen, damit er den Mörder von dem Leichname seines Bruders hinwegscheuche. Dieser vernahm den Ruf im Getümmel der Schlacht, und zugleich mit ihm machte sich Phereus auf, den tobenden Sohn der Eos zu bekämpfen. Memnon ließ sie voll Zuversicht nahen, und alle ihre Speere flogen an seiner Rüstung vorüber, die ihm die göttliche Mutter gefeiet hatte. Doch erreichten sie immer ein Ziel, nur ein anderes, als wofür sie bestimmt waren, und beide trafen mit ihren Geschossen feindliche Helden. Währenddessen fing Memnon an, den getöteten Antilochos seiner Rüstung zu berauben, und die griechischen Streiter umkreisten den Gefallenen vergebens, wie heulende Schakale einen Hirsch, den der Löwe zerreißt. Nestor, als er dies erblickte, jammerte laut auf, rief seinen übrigen Freunden, ja sprang selbst vom Wagen herab und wollte mit schwindenden Geisteskräften für den Leichnam des Sohnes kämpfen. Doch Memnon, als er ihn kommen sah, wandte sich freiwillig von ihm ab, ehrfurchtsvoll, als sähe er einen Vater nahen. »Greis«, sprach er, »mir ziemt nicht, den Kampf mit dir zu versuchen! Von ferne hielt ich dich für einen jungen kriegerischen Mann, darum zielte meine Lanze nach dir; nun aber sehe ich, daß du weit älter bist. Meide den Kampf, weiche, daß ich dich nicht mit widerstrebendem Herzen fälle und du zu deinem Sohne in den Staub sinkest! Würde man dich doch einen Toren schelten, wenn du in so ungleichen Kampf dich gewagt hättest!« Nestor aber antwortete: »Das sind nichtige Worte, die du da geredet, Memnon! Kein Mensch heißt den Mann töricht, der, über den Tod seines Sohnes ergrimmt, zu kämpfen kommt und den grausamen Mörder von seinem Leichnam vertreiben will! O hättest du mich als jung gekannt! Jetzt gleiche ich freilich nur einem alten Löwen, den jeder Hund von der Schafhürde abhalten kann! Doch nein, noch besiege ich viele Streiter, und nur wenigen weicht mein Alter!« So sprach Nestor und wich ein wenig rückwärts, indem er den Sohn im Staube liegen ließ. Zugleich zogen sich auch Thrasymedes und Phereus zurück; und nun wütete Memnon mit seinen Äthiopiern ungehindert in der Schlacht fort, und die Argiver vermieden seinen Speer mit Schrecken.

Nun wandte sich Nestor an Achill. »Du Beschirmer der Griechen«, sprach er, »siehe, dort liegt mein Sohn tot; Memnon hat ihm die Waffen geraubt; bald wird er eine Speise der Hunde sein! Eile zu Hilfe; denn nur der ist ein wahrer Freund, der des erschlagenen Freundes sich annimmt!« Achill horchte auf, und tiefer Kummer bemächtigte sich seiner, als er sah, wie der Äthiopier die Danaer scharenweise in den Staub streckte. Bisher hatte sich nämlich der Pelide unter den Trojanern herumgetummelt und hier viele getötet. Jetzt aber ließ er von ihnen ab und wandte sich plötzlich Memnon entgegen. Als dieser ihn kommen sah, raffte er einen Markstein vom Boden auf und schleuderte ihn nach dem Schilde des Feindes. Aber der Stein prallte ab, und Achill, der seinen Streitwagen hinter der Schlachtreihe gelassen hatte, drang zu Fuße auf Memnon ein und traf ihn mit dem Speere rechts an der Schulter. Der Äthiopier achtete auf diesen Stoß nicht, eilte vorwärts und stieß dem Achill seine mächtige Lanze in den Arm, daß das Blut des Helden zur Erde floß. Nun brüstete sich Memnon in eitler Freude und rief. »Elender, der du so mitleidlos die Trojaner erschlugest, jetzt steht dir ein Göttersohn entgegen, dem du nicht gewachsen bist, denn Eos, meine Mutter, die Olympierin, ist mehr denn deine Mutter Thetis, die sich allein unter den Scheusalen des Meeres gefällt!« Aber Achill lächelte nur und sprach: »Der Erfolg wird lehren, welcher von uns von edleren Eltern abstammt! Ich fordere von dir jetzt Rache für den jungen Helden Antilochos, wie ich einst an Hektor Rache genommen für meinen Freund Patroklos!«

Damit faßte er seinen riesigen Speer mit beiden Händen, und dasselbe tat Memnon. So stürzten sie aufeinander los. Zeus selbst machte sie in diesem Augenblicke größer, stärker und unermüdlicher, als Menschen sind, so daß kein Stoß des einen den andern fällte und sie so nah aneinanderkamen, daß Helmbusch an Helmbusch streifte. Vergebens suchten sie einander bald über dem Schienbein, bald unter dem Panzer zu verwunden; ihre Rüstungen klirrten; das Kampfgeschrei der Äthiopier, Trojaner und Argiver stieg empor zum Himmel, der Staub wirbelte unter ihren Füßen auf, und während die Führer kämpften, feierte unter ihren Kriegern das Gemetzel nicht. Die Olympier, die von der Höhe herab zuschauten, hatten ihre Freude an dem unentschiedenen Kampfe, die einen an der Kraft des Peliden, die andern an Memnons unbesiegtem Widerstande, je nachdem sie dem einen oder dem andern verwandt oder befreundet waren. Und bald wären die Götter untereinander darüber in Zwietracht geraten, wenn nicht Zeus zwei der Parzen aufgerufen und befohlen, daß die finstre sich zu Memnon, die lichte zu Achill gesellen sollte. Laut schrien die Bewohner des Olymps auf bei diesem Befehle, die einen vor Freude, die andern vor Leid.

Die beiden Helden aber stritten fort, ohne die Schicksalsgöttinnen zu erblicken. Sie kämpften gegeneinander bald mit der Lanze, bald mit Schwertern, bald mit Steinen; keiner erzitterte; fest standen sie wie die Felsen. Und ebenso unentschieden zog sich rechts und links von ihnen der Kampf ihrer Genossen hin, Blut und Schweiß floß auf den Boden, und die Erde deckte sich mit Leichen. Endlich aber siegte das Geschick. Achill stieß seinem Gegner die Lanze so tief in die Brust, daß sie zum Rücken herausfuhr und er mit dumpfem Dröhnen in sein Blut auf dem Kampfplatz niedersank.

Jetzt flohen die Trojaner, von dem verfolgenden Achill wie von einem Orkane gejagt, während er Memnons Leichnam seinen Freunden zum Berauben überließ. Eos stieß am Himmel einen Seufzer aus und hüllte sich in Gewölk ein, daß die Erde Finsternis bedeckte; ihre Kinder, die Winde, flogen auf ihr Geheiß herunter auf die Ebene, ergriffen den Leib des Erschlagenen und entführten ihn durch die Lüfte aus den Händen seiner Feinde. Nichts blieb von ihm auf der Erde übrig als die Blutstropfen, die herabträufelten, während er von den Winden emporgetragen ward. Daraus wurde ein blutiger, unversieglicher Strom, der in späten Tagen noch am Fuße des Ida jedesmal am Todestage des Memnon flüssig wurde und mit Modergeruch dahinfloß. Die Winde hielten sich mit dem Leichnam nicht allzuhoch über der Erde und flogen mit ihm in der Quere dahin; die Äthiopier aber, die sich von dem erschlagenen Beherrscher nicht trennen wollten, folgten unten mit einem tiefen Stöhnen, bis jene den staunenden Troern und Argivern mit der Leiche aus den Augen schwanden. Die Winde setzten den Leichnam am Ufer des Flusses Aisepos nieder, dessen Töchter, anmutige Jungfrauen, ihm in einem lieblichen Haine ein Grabmal errichteten, wo ihn seine vom Himmel herabgestiegene Mutter Eos mit vielen andern Nymphen unter heißen Tränen bestatten half. Auch die Troer, in ihre Stadt zurückgekehrt, beklagten den hohen Memnon herzlich. Die Argiver selbst empfanden keine ungetrübte Freude: sie priesen zwar den Sieger Achill, den Stolz des Heeres, aber sie weinten auch mit Nestor um seinen lieben Sohn Antilochos; und so durchwachsen sie unter Schmerz und Lust die Nacht auf dem Schlachtfelde.

Menelaos und Helena. Polyxena



Menelaos und Helena. Polyxena

Bis zum Morgen waren sämtliche Bewohner der Stadt niedergemacht oder gefangen. Die Danaer fanden nirgends mehr Widerstand, konnten sich der unermeßlichen Schätze der Stadt nach Behagen bemächtigen und brachten ihre Beute, aus Gold, Silber, Edelsteinen, mannigfaltigem Hausrat, gefangenen Weibern, Mädchen und Kindern bestehend, an den Strand zu den Schiffen. Mitten unter dieser Schar führte Menelaos seine Gemahlin Helena, nicht ohne Scham, und doch im Herzen zufrieden über ihren wiedererlangten Besitz, aus dem brennenden Troja hinweg. Ihm zur Seite ging Agamemnon, sein Bruder, mit der hohen Kassandra, die er den wilden Armen des Ajax entrissen hatte; Hektors Gattin, Andromache, wurde vom Sohne des Achill, Neoptolemos, fortgeführt; Hekabe, die Königin, die mühsam wandelte und unter lautem Jammer ihr graues, mit Asche bestreutes Haar ausraufte, schleppte Odysseus in die Gefangenschaft. Unzählige Frauen der Trojaner folgten, junge und alte, hinter ihnen Mädchen und Kinder, und vermischt gingen die Mägde mit den Fürstentöchtern: den ganzen Weg entlang hallte Jammer und Schluchzen. Nur Helena stimmte nicht mit ein in die Klage, denn tiefes Schamgefühl hielt sie ab; sie heftete die dunkeln Augen auf den Boden, und ihre Wangen färbte ein fliegendes Rot. Im Innersten ihres Busens aber bebte ihr das Herz, und eine entsetzliche Furcht ergriff sie, wenn sie an das Schicksal dachte, das ihrer bei den Schiffen wartete; Todesblässe überzog ihre eben noch purpurroten Wangen, schnell zog sie den dichten Schleier über das Haupt und wandelte zitternd an der Hand des Gatten.

Aber als sie bei den Schiffen angelangt waren, staunten alle Danaer über die liebliche Schönheit der untadelhaften Gestalt und sagten bei sich selbst, daß es wohl der Mühe wert gewesen sei, dem Völkerhirten Menelaos um eines solchen Kampfpreises willen vor Troja zu folgen und dort zehnjährige Mühseligkeiten und Gefahren auszuhalten. Und keinem kam in den Sinn, Hand an das schöne Weib zu legen: sie ließen ihrem Führer den friedlichen Besitz der Gattin, und das Herz des Fürsten Menelaos selbst hatte Aphrodite längst zur Verzeihung gestimmt.

Bei den Schiffen herrschte jauchzende Lust: alle Helden lagerten beim fröhlichen Mahle umher, in der Mitte saß ein des Zitherspiels kundiger Sänger und rief dem Heere die Taten seines größten Helden, des Achill, in das Gedächtnis zurück. So dauerte die Fröhlichkeit bis in die Nacht; dann brachen sie auf, ein jeglicher in sein Zelt.

Als nun Helena mit ihrem Gemahl Menelaos allein in seinem Feldherrnzelte war, warf sie sich ihm zu Füßen, umfaßte seine Knie und sprach: »Ich weiß wohl, daß du ein Recht hättest, deine treulose Gattin mit dem Tode zu bestrafen! Aber bedenke, edler Gemahl, daß ich deinen Palast zu Sparta nicht freiwillig verlassen habe; gewaltsam entführte mich der trügerische Paris, als du eben abwesend vom Hause warest und mir deinen männlichen Schutz nicht angedeihen lassen konntest. Und als ich selbst Hand an mich zu legen gedachte und den Strick um meinen Hals zu winden oder mir das Schwert in den Busen zu stoßen, da hielten mich die Dienerinnen des Hauses zurück und beschworen mich, deiner selbst und unseres blühenden kleinen Töchterleins eingedenk zu sein! Tue nun nach deinem Willen mit mir; ich liege als Reumütige und Schutzflehende zugleich zu deinen Füßen!«

Menelaos hob sie liebreich vom Boden auf und antwortete mit verständiger Mäßigung: »Denke nicht länger an das Vergangene, Helena, und ängstige dich nicht mit überflüssiger Furcht: was geschehen ist, sei in die Nacht der Vergangenheit versenkt und keines früheren Fehlers hinfort von mir gedacht.« Damit schloß er sie in seine Arme und drückte ihren Lippen den Kuß der Versöhnung auf. Aus beider Wimpern rollte die Träne süßer und wehmütiger Rührung.

Neoptolemos, der Sohn des Achill, lag um diese Stunde schon in tiefem Schlafe. Da trat zu ihm im Traume an sein Zeltlager der Geist seines hohen Vaters, ganz wie er einst im Leben war, der Schrecken der Trojaner und die Freude der Griechen, küßte dem Sohne Brust, Mund und Augen und sprach: »Gräme dich nicht im Gemüte, lieber Sohn, daß ich gestorben bin, denn ich lebe jetzt in der Gemeinschaft mit den seligen Göttern; sondern nimm dir fröhlich deinen Vater zum Beispiel im Kampfe wie im Rat: im Kampf sei immer der erste; in der Ratsversammlung aber schäme dich nicht, den weisen Worten älterer Männer dich nachgiebig zu zeigen. Im übrigen strebe dem Ruhme nach, wie dein Vater getan, freue dich des Glückes und betrübe dich nicht zu sehr im Unglück; an meinem frühen Fall aber erkenne, wie nahe die Pforten des Todes dem Sterblichen sind; denn das ganze Menschengeschlecht gleicht den Frühlingsblumen: die einen wachsen, die andern vergehen. Nun aber sage dem Völkerfürsten Agamemnon, sie sollen das Beste und Edelste von der ganzen Beute mir opfern, damit mein Herz sich auch am Untergange Trojas laben könne und zu meiner Zufriedenheit im Olymp nichts fehle.«

Nachdem er seinem Sohne diesen Befehl erteilt hatte, verschwand der selige Geist aus dem Traume des Neoptolemos wie ein flüchtiger Hauch des Windes. Dieser erwachte, und seinem freudig bewegten Gemüte war, als hätte er mit dem lebendigen Vater fröhlichen Umgang gepflogen. Am andern Morgen sprangen die Danaer ungeduldig von ihrem Lager auf, denn die Sehnsucht nach der Heimkehr bemächtigte sich ihres Sinnes, und gerne hätten sie Augenblicks die Schiffe ins Meer gezogen, wenn der Sohn des Peliden nicht unter das versammelte Volk getreten wäre und ihren Eifer durch seine Anrede gehemmt hätte.

»Höre, Volk der Danaer«, rief er mit seiner jugendlichen Kraftstimme, »was in dieser Nacht der Geist meines unsterblichen Vaters, der mich im Traume besucht hat, mir aufgetragen, euch zu verkündigen: Ihr sollt das Edelste und Beste der trojanischen Beute ihm opfern, damit sich sein Herz am Untergange der verhaßten Stadt auch sättigen könne und er des Siegerpreises nicht verlustig gehe. Eher sollt ihr diesen Strand nicht verlassen, bis ihr die heilige Pflicht gegen den Toten erfüllt habt, dem ihr doch eigentlich die Eroberung Trojas verdanket. Denn ohne daß Hektor besiegt worden, wäret ihr nimmermehr so weit gekommen.«

Ehrerbietig beschlossen die Danaer, den Willen ihres verstorbenen Helden zu befolgen, und Poseidon, aus Liebe zu dem Peliden, regte die Flut zu mächtigem Sturme auf, so daß das Meer in turmhohen Wellen aufbrauste und die Griechen, wenn sie auch gewollt hätten, nicht imstande gewesen wären, den Strand zu verlassen. Als die Völker aber die empörte See erblickten und stürmen hörten, da flüsterten sie sich gegenseitig zu: »Ja, wahrhaftig stammte Achill vom höchsten Zeus ab: denn sehet ihr, wie sich die Elemente mit seinen Befehlen verbünden!« Und so zeigten sie sich nur noch williger, dem Gebote des Hingeschiedenen zu gehorchen, und strömten zu Haufen dem Grabmale des Helden, das den Meeresstrand hoch überragte, zu.

Nun entstand aber die Frage: was soll geopfert werden, und was ist das Beste und Edelste der ganzen Beute Trojas? Jeder Grieche brachte unweigerlich seine Beute an Schätzen und Gefangenen herbei. Als man aber alles musterte, da erbleichte Gold, Silber, Edelstein samt allen Schätzen vor der himmlischen Schönheit des Jungfrau Polyxena, der gefangenen Tochter des Königes Priamos, und nur ein Ruf ging durch das ganze Heer der Griechen, daß sie das Beste und Edelste von der ganzen trojanischen Beute sei. Die Jungfrau, als aller Blicke sich auf sie richteten, erbleichte nicht, obgleich ihr der laute Jammerschrei ihrer Mutter Hekabe, der sich jetzt aus dem Haufen der Gefangenen erhob, durch das Tochterherz schnitt. Polyxena hatte den herrlichen Helden Achill manchesmal von den Mauern herab im Kampfe erblickt, und obgleich er ein Feind ihres Volkes war, so hatte seine göttliche Gestalt und seine herrliche Heldenkraft ihr doch das Innerste bewegt. Ja, auch Achill, so ging die Sage, habe, als er einst im Kampfe bis dicht vor die Tore der belagerten Stadt gedrungen, die holdselige Jungfrau auf den Zinnen der Mauer erblickt, und ihm sei das Herz in Neigung zu ihr entbrannt, daß er ausrief. »Priamos‘ Tochter, würdest du mir zuteil, wer weiß, ob ich deinem Vater nicht den Frieden mit den Danaern zuwege zu bringen mich anheischig machen wollte!« Zwar reute den Helden das Wort, sowie es der Zunge entflohen war; denn ihm fiel ein, was er Griechenland schuldig sei. Aber Polyxena, so erzählte das Gerücht, habe die Worte sich tief ins Herz gefaßt und seitdem in geheimer Liebe für den Feind ihres Volkes gebrannt.

Sei dem, wie ihm sei: die Jungfrau erblaßte nicht, als aller Blicke, auf sie gerichtet, nur sie als das Opfer bezeichneten, das als der edelste Teil der trojanischen Beute dem größten Helden dargebracht zu werden allein würdig wäre. Der Altar vor dem Denkmale des Peliden stand aufgerichtet, und es fehlte nicht an Opfergeräten aller Art. Da sprang die Königstochter aus der Schar der gefangenen Frauen hervor, ergriff einen scharfgeschliffenen Stahl, der unter den andern Gerätschaften bereitlag, und wie ein Opfer vor dem Altare stehend, stieß sie sich den Dolch, ohne ein Wort zu sprechen, ins Herz und sank ohne einen Seufzer aus der Brust zu Boden.

Ein Schrei der Wehklage ließ sich aus dem ganzen Argiverheere vernehmen. Hekabe, die greise Königin, warf sich laut weinend auf die Leiche der Tochter, und von neuem hallte das laute Schluchzen unter der Schar der gefangenen Trojanerinnen.

In dem Augenblicke, wo Polyxena zusammensank und der purpurne Blutstrahl ihr aus der durchbohrten Brust drang, wurde das Meer ruhig, und seine Wellen ebneten sich in spiegelglatte Fläche. Neoptolemos eilte voll Mitleid herbei, half die geopferte Jungfrau vom Altare wegbringen und sorgte dafür, daß sie mit königlichen Ehren bestattet wurde. In der Versammlung der Argiver aber erhub sich Nestor und sprach herzerfreuende Worte. »Endlich«, rief der Greis, »ihr lieben Landsleute, ist die erlaubte Stunde der Heimkehr genaht; der Beherrscher des Meeres hat die Wogen gebändigt, nirgendsher erhebt sich die Flut; Achill ist zufriedengestellt; er nimmt das Opfer Polyxenas an. Auf denn, lasset uns ernstlich an den Aufbruch denken und ziehet die Schiffe ins Meer!«

Menökeus



Menökeus

Inzwischen hielten Kreon und Eteokles Kriegsrat und besetzten infolge der gefaßten Beschlüsse jedes der sieben Tore Thebens mit einem Führer, indem sie der Feinde Zahl die gleiche Zahl gegenüberstellten. Doch wollten sie, bevor der Kampf um die Stadt ausbrach, auch vorher die Zeichen erforschen, welche die Vogelschau ihnen über den Ausgang des Kampfes gewähren könnte. Nun lebte unter den Thebanern, wie die Sage von Ödipus schon erzählt hat, der Seher Tiresias, der Sohn des Eueres und der Nymphe Chariklo; dieser hatte als Jüngling die Göttin Athene bei seiner Mutter überrascht und geschaut, was er nicht schauen sollte. Dafür war er von der Göttin mit Blindheit geschlagen worden. Seine Mutter Chariklo hatte ihre Freundin zwar flehentlich gebeten, ihm das Gesicht wiederzugeben, aber Athene vermochte dieses nicht mehr; doch erbarmte sie sich seiner und weihte ihm dafür sein Gehör, daß er alle Stimmen der Vögel verstand. Und so war er von Stund an der Vogelschauer der Stadt.

Zu diesem jetzt greisen Seher schickte Kreon seinen jungen Sohn Menökeus, daß er ihn in den Königspalast geleite. Mit wankendem Knie, von seiner Tochter Manto und dem Knaben geführt, erschien auch bald darauf der Alte vor Kreon. Dieser drang in ihn, zu melden, was der Vögel Flug ihm vom Schicksale der Stadt verkündige. Tiresias schwieg lange; endlich sprach er die traurigen Worte: »Die Söhne des Ödipus haben sich an ihrem Vater schwer versündigt; sie bringen ins Thebanerland bittere Trübsal. Argiver und Kadmeer werden sich morden, die Söhne einer von des andern Hand fallen. Nur eine Rettung weiß ich für die Stadt; aber sie ist für die Geretteten selbst zu bitter, als daß mein Mund sie offenbaren sollte. Lebet wohl!« Er wandte sich und wollte gehen, aber Kreon flehte so lange, bis er blieb. »Du willst es dennoch hören?« sprach der Seher in strengem Tone; »so vernimm es! Aber sage mir zuvor, wo weilt dein Sohn Menökeus, der mich hergeleitete?« »Er steht neben dir!« erwiderte Kreon. »Nun, so fliehe er, so weit er kann, hinweg von meinem Götterspruch!« sagte der Greis. »Warum das?« fragte Kreon; »Menökeus ist seines Vaters Kind; er kann schweigen, wenn er soll, und wird sich freuen, wenn er das Mittel erfährt, das uns retten soll!« »So vernehmet denn, was ich aus dem Fluge der Vögel gelesen habe«, sprach Tiresias. »Es kommt das Heil, aber über harte Schwelle. Der jüngste von der Drachenzähnesaat muß fallen; nur unter dieser Bedingung wird euch der Sieg!« »Weh mir!« rief Kreon; »was bedeutet dieses Wort, o Greis?« »Daß der jüngste Enkel des Kadmos sterben soll, wenn die Stadt gerettet sein will!« »Du verlangst den Tod meines geliebten Kindes, meines Sohnes Menökeus?« fuhr der Fürst entrüstet auf. »Packe dich fort in die Stadt! Ich bedarf deines Seherspruches nicht!« »Ist die Wahrheit ungültig, weil sie dir Leid bringt?« fragte Tiresias ernst. Jetzt warf sich Kreon ihm zu Füßen, umfaßte seine Knie, flehte den blinden Propheten bei seinem grauen Haare an, den Spruch zurückzunehmen. Aber der Seher blieb unerbittlich: »Die Forderung ist unabwendbar«, sprach er. »Am Dirkequell, wo einst der Lindwurm gelagert war, muß er sein Blut im Opfertode vergießen; dann werdet ihr die Erde zur Freundin haben, wenn sie für das Menschenblut, das sie einst dem Kadmos aus den Drachenzähnen emporsandte, wieder Menschenblut, und zwar verwandtes, empfangen hat. Wenn dieser Jüngling hier sich für seine Stadt aufopfert, so wird er im Tode ihr Erretter sein, und für Adrastos und sein Heer wird die Heimkehr grauenvoll werden! Wähle dir nun, Kreon, welches Los von zweien du willst.«

Also sprach der Wahrsager und entfernte sich an der Hand seiner Tochter. Kreon stand in Schweigen versunken. Endlich rief er angstvoll: »Wie gern wollte ich selbst für mein Vaterland sterben! Aber dich, Kind, soll ich opfern? Flieh, mein Sohn, fliehe, so weit dich deine Füße tragen, aus diesem verfluchten Lande, das zu schlimm ist für deine Unschuld. Geh über Delphi, Ätolien, Thesprotia zum Heiligtume Dodonas; dort birg dich in des Orakels Schutz!« »Gerne«, sprach Menökeus mit leuchtendem Blicke; »versieh mich mit den nötigen Reisebedürfnissen, Vater, und glaube mir, ich werde den rechten Weg gewiß nicht verfehlen.« Als sich Kreon bei der Willigkeit des Knaben beruhigte und auf seinen Posten geeilt war, warf sich dieser, sobald er allein war, auf die Erde nieder und betete mit Inbrunst zu den Göttern: »Verzeihet mir, ihr himmlisch Reinen, wenn ich gelogen habe, wenn ich meinem alten Vater durch falsche Worte die unwürdige Furcht benommen! Zwar daß er, der Greis, sich fürchtet, ist verzeihlich: aber welch ein Feiger wäre ich, wenn ich das Vaterland verriete, dem ich das Leben verdanke! Höret darum meinen Schwur, ihr Götter, und nehmt ihn gnädig auf! Ich gehe, mein Vaterland durch meinen Tod zu erretten. Flucht würde mich schänden. Auf den Mauerkranz will ich treten, mich selbst in die tiefe, dunkle Kluft des Drachen stürzen und so, wie der Seher angezeigt hat, das Land erlösen.«

Freudig sprang der Knabe auf, eilte nach der Zinne und tat, wie er gesagt hatte. Er stellte sich auf die höchste Höhe der Burgmauer, überschaute mit einem Blicke die Schlachtordnung der Feinde und verwünschte sie in kurzem, feierlichem Fluche; dann zog er einen Dolch hervor, den er unter dem Gewande verborgen gehalten, durchbohrte sich den Hals auf einen einzigen Stoß und stürzte von der Höhe herab zerschmettert am Ufer des Dirkequells zusammen.

Merope und Aipytos



Merope und Aipytos

Kein besseres Los als seinen Bruder Temenos traf den König von Messene, Kresphontes. Dieser hatte die Tochter des Königs Kypselos von Arkadien, Merope, geheiratet, die ihrem Gemahl viele Kinder gebar, unter welchen Aipytos das jüngste war. Für seine vielen Söhne und sich selbst erbaute er im Lande eine stattliche Königsburg. Er selbst war ein Freund des gemeinen Volkes und begünstigte dieses, wo er konnte, in seiner Verwaltung. Darüber empörten sich die Reichen und erschlugen ihn samt allen seinen Söhnen, bis auf den jüngsten, Aipytos. Diesen entzog die Mutter den Händen der Mörder und rettete ihn glücklich zu ihrem Vater Kypselos nach Arkadien, wo der Knabe heimlich erzogen wurde. In Messenien hatte sich indessen Polyphontes, ebenfalls ein Heraklide, des Thrones bemächtigt und die Witwe des ermordeten Königes gezwungen, ihm ihre Hand zu reichen. Da wurde es ruchbar, daß noch ein Thronerbe des Kresphontes am Leben sei, und Polyphontes, der neue Herrscher, setzte einen großen Preis auf seinen Kopf. Aber niemand war, der ihn verdienen wollte oder auch nur konnte; denn die Sage ging nur dunkel, und man wußte nicht, wo der Geächtete zu suchen wäre. Mittlerweile wuchs Aipytos zum Jünglinge heran, verließ heimlich den Palast seines Großvaters, und ohne daß jemand es ahnte, traf er zu Messene ein. Der Jüngling hatte von dem Preise gehört, der auf den Kopf des unglücklichen Aipytos gesetzt sei. Da faßte er sich ein Herz, kam als ein Fremdling, von niemand gekannt, selbst von der eigenen Mutter nicht, an den Hof des Königes Polyphontes, trat vor ihn und sprach in Gegenwart der Königin Merope: »Ich bin erbötig, o Herrscher, den Preis zu verdienen, den du auf das Haupt des Fürsten gesetzt hast, der als Sohn des Kresphontes deinem Throne so furchtbar ist. Ich kenne ihn so genau wie mich selber und will ihn dir in die Hände liefern.«

Die Mutter erblaßte, als sie dieses hörte; schnell sandte sie nach einem alten, vertrauten Diener, der schon bei der Rettung des kleinen Aipytos tätig gewesen war und jetzt, aus Furcht vor dem neuen Könige, fern vom Hof und der Königsburg lebte. Diesen schickte sie heimlich nach Arkadien, um ihren Sohn vor Nachstellung zu sichern, vielleicht auch, ihn herbeizurufen, damit er sich an die Spitze der Bürger stelle, denen sich Polyphontes durch seine Tyrannei verhaßt gemacht hatte, und den väterlichen Thron wieder erringe. Als der alte Diener nach Arkadien kam, fand er den König Kypselos und das ganze Königshaus in großer Bestürzung, denn sein Enkel Aipytos war verschwunden, und niemand wußte, was aus ihm geworden war. Trostlos eilte der alte Diener nach Messene zurück und erzählte der Königin, was geschehen. Beide hatten nun keinen andern Gedanken, als daß der Fremdling, der vor dem Könige erschienen sei, den Preis zu verdienen, gewiß den armen Aipytos in Arkadien ermordet und seinen Leichnam nach Messene gebracht habe. Sie besannen sich nicht lange, und da der Fremde, von Polyphontes in seine Königsburg aufgenommen, seine Wohnung in derselben hatte, betrat die Königin, von Rachedurst erfüllt, mit einer Axt bewaffnet und von ihrem Vertrauten, dem alten Diener, begleitet, nächtlicherweile die Kammer des Fremden, in der Absicht, den Schlummernden zu erschlagen. Der Jüngling aber schlief ruhig und sanft, und der Strahl des Mondes beleuchtete sein Antlitz. Schon hatten sich beide über sein Lager gebeugt und Merope die Mordaxt erhoben, als der Diener, der, dem Schlafenden näher stehend, sein Angesicht genauer betrachtete, plötzlich mit einem angstvollen Schrei der Überraschung den Arm der Königin erfaßte. »Halt ein«, rief er, »es ist dein Sohn Aipytos, den du erschlagen willst!« Merope ließ den Arm mit der Axt sinken und warf sich über das Bett ihres Sohnes, den sie mit ihrem lauten Schluchzen erweckte. Nachdem sie sich lange in den Armen gelegen, eröffnete ihr der Sohn, daß er gekommen sei, nicht sich den Mördern in die Hände zu liefern, sondern diese zu bestrafen, sie selbst von dem verhaßten Ehebund zu erlösen und mit Hilfe der Bürger, die er für sein gutes Recht zu gewinnen hoffte, den Thron des Vaters zu besteigen. Er verabredete hierauf gemeinschaftlich mit der Mutter und dem alten Diener des Hauses die Maßregeln, die zu ergreifen wären, um sich an dem verhaßten und verruchten Polyphontes zu rächen. Merope legte Trauerkleider an, trat vor ihren Gatten und erzählte ihm, wie sie soeben die Trauerbotschaft von dem Tode ihres einzigen noch übrigen Sohnes erhalten habe. Fortan sei sie bereit, im Frieden mit ihrem Gatten zu leben und des vorigen Leides nicht zu gedenken. Der Tyrann ging in die Schlinge, die ihm gelegt war. Er wurde vergnügt, weil ihm die schwerste Sorge vom Herzen genommen war, und erklärte, den Göttern ein Dankopfer bringen zu wollen, dafür, daß alle seine Feinde jetzt aus der Welt verschwunden seien. Als nun die ganze Bürgerschaft auf öffentlichem Markte, aber mit widerwilligem Herzen erschienen war – denn das gemeine Volk hatte es immer mit dem liebreichen Könige Kresphontes gehalten und betrauerte auch jetzt seinen Sohn Aipytos, in welchem es die letzte Hoffnung verloren glaubte –, da überfiel Aipytos den opfernden König und stieß ihm den Stahl ins Herz. Jetzt eilte Merope mit dem Diener herbei, und beide zeigten dem Volke in dem Fremdling Aipytos den totgeglaubten rechtmäßigen Erben des Thrones. Dieses begrüßte ihn jubelnd, und noch an demselben Tage nahm der Jüngling den erledigten Thron seines Vaters Kresphontes ein und bezog, eingeführt von der Mutter, die Königsburg. Er bestrafte jetzt die Mörder seines Vaters und seiner Brüder wie die Mitanstifter des Mordes. Im übrigen gewann er durch sein zuvorkommendes Wesen selbst die vornehmen Messenier und durch seine Freigebigkeit alle, die zum Volke gehörten, und erwarb sich ein solches Ansehen, daß seine Nachkommen sich Aipytiden statt Herakliden nennen durften.