Sagen

Sturm des Turnus abgeschlagen



Sturm des Turnus abgeschlagen

Schmetternd ertönten die Trompeten der Rutuler. Ein Schrei erhub sich in dem ganzen Lager, und der Widerhall von den Bergen antwortete. Von allen Seiten stürmten die Feinde heran, rückten unter den Schilddächern vor, mühten sich, die Gräben auszufüllen und die Schanzen einzureißen, und schon legten sie an den Stellen, wo die Vorfechter des Lagers dünner auf den Zinnen standen, die Sturmleitern an die Mauern. Die Trojaner dagegen, durch die lange Verteidigung ihrer Vaterstadt im Belagerungskampfe wohlgeübt, verstreuten Geschosse aller Art, wälzten Steine und Felsblöcke auf die Schilddächer und stießen die Emporkletternden mit Spießen darnieder. Schon setzten die angerückten Rutuler das blinde Gefecht nicht mehr fort, sondern lenkten ihre Schritte rückwärts von den Mauern und versuchten es nur mit Lanzenwürfen, die Teukrer vom Walle hinwegzutreiben. Endlich richteten sie alle ihre Streitkräfte auf einen hoch emporragenden Turm, der durch schwebende Brücken mit der Lagermauer verbunden war. Diesen zu erobern, strengten sich die Rutuler in die Wette an: die Trojaner aber verteidigten ihn, indem sie jetzt von der Zinne herab Steine wälzten, jetzt durch hohle Schießscharten Pfeile hinunterschnellten. Endlich schleuderte Turnus eine Brandfackel, die, an die Seite des Turmes sich anhängend, das Getäfel ergriff. Ehe die Verteidiger sich flüchten konnten, stürzte das unterhöhlte Gebälk zusammen, und krachend setzte sich der Turm zu Boden. Die einen fielen mit ihm, von den eigenen Waffen durchbohrt, die andern spießten sich in die Trümmer des Holzes; und viele von denen, die noch unversehrt waren, sahen sich bald von den Scharen des Turnus umringt und wurden niedergehauen. Endlich erwehrten sich die Trojaner der Zudrängenden. Der Knabe Askanius, der bisher nur fliehendes Wild mit seinen Pfeilen zu erlegen gewohnt war, durchbohrte dem Remulus, der kürzlich des Turnus jüngere Schwester gefreit hatte und auf diese Auszeichnung stolz prahlend auf die Teukrer eindrang und sie feige Phrygier schalt, das Haupt mit einem sicheren Pfeilschuß. Die Trojaner jubelten, und die erschreckten Feinde machten einen Schritt rückwärts. Julus wollte sie verfolgen. Da stellte sich ihm Apollo selbst, dem alten Waffenträger seines Großvaters, der ihm vom Vater beigegeben war, an Gestalt und Stimme gleich, in den Weg und sprach: »Sohn des Äneas, dir genüge, daß du einen Helden ungestraft erlegt hast; diesen Beginn deines Ruhmes hat Apollo dir vergönnt, für jetzt aber meide den Krieg!« Die Fürsten Iliums erkannten die Gegenwart des Gottes und hielten den Julus vom weitern Kampfe ab. Sie selbst aber erneuerten das Gefecht; und der Schlachtruf tönte um die äußersten Bollwerke der Mauer fort. Als die innerhalb der Tore aufgestellten trojanischen Wächter hörten und sahen, wie ihre Freunde draußen so mutig und kraftvoll kämpften, faßten Pandarus und Bitias, die Söhne Alcanors vom Berg Ida, stark und schlank wie ihre heimischen Tannen, den trotzigen Entschluß, das ihnen vom Feldherrn anvertraute Tor zu öffnen und im Übermute den Feind in die Mauern einzuladen. Sie selbst aber standen inwendig mit blinkenden Schwertern rechts und links am Eingang, und von ihren hohen Helmen nickten die Federbüsche. Als die Rutuler die Torflügel offen sahen, stürmten sie, ohne sich zu besinnen, hinein. Aber vier oder fünf ihrer Helden, mit einem ganzen Gefolge von Kriegern, fielen unter den Stößen und Streichen der beiden Jünglinge oder wurden in schmählicher Flucht zum offenen Tore hinausgetrieben.

Jetzt wagten die Trojaner sich schon in dichtern Scharen zusammenzurotten; ein regelmäßigeres Handgemenge entspann sich; und die Rutuler wurden rückwärtsgedrängt. Als Turnus, der auf einer andern Seite stritt, die Nachricht von dieser neuen Wendung des Kampfes erhielt, stürzte er, von gräßlichem Zorne gespornt, mit einer auserlesenen Schar von Kriegern herbei und warf sich über eine Bahn von trojanischen Leichen auf das geöffnete Lagertor. Seine mächtige Lanze, aus der Ferne geschleudert, durchbohrte den Bitias, daß der Boden von seinen fallenden Riesengliedern bebte und der Schild auf den Liegenden herniederrasselte. Die Trojaner flohen zurück in das Tor, und nach drängten sich die siegenden Rutuler. Da faßte Pandarus mit einem Blick auf die ausgestreckte Leiche seines Bruders die Torflügel in ihren Angeln und warf sie, mit den Schultern angestemmt, in die Wölbung zurück, daß das Tor verschlossen war und viele Trojaner im Gefechte draußen, viele Rutuler in die Mauern eingezwängt, zurückblieben. Aber der Unbesonnene hatte nicht bedacht, daß mitten unter den Eingeschlossenen Turnus selbst sich befand wie ein Tiger, der in den Stall eingelassen ist. Voll Entsetzens erkannten die Trojaner das schreckliche Gesicht und die riesigen Glieder. Nur Pandarus, ein Riese wie er, erschrak nicht. Voll Erbitterung über die Ermordung seines Bruders stellte er sich ihm entgegen und rief. »Hier bist du nicht im Palaste der Latinerkönigin, schmachtender Bräutigam; im Feindeslager stehest du und wirst nicht wieder hinauskommen!« Turnus lächelte nur und erwiderte ganz ruhig: »Bind an, wenn du es wagst, und beginne nur den Zweikampf; und wenn du ein Hektor wärest, so sollst du deinen Achilles finden!« Pandarus schleuderte darauf seinen Wurfspieß, in dem die Rinde noch mit allen Knoten saß; aber Juno lenkte das Geschoß ab, und die Lanze flog in den Torflügel. Jetzt bäumte sich Turnus und schwang sein Schwert: »Diesem Streiche wirst du nicht entfliehen!« schrie er und spaltete ihm die Schläfe mitten durch die Stirne, daß das Haupt, in gleiche Teile zerhauen, dem Zusammensinkenden von den Schultern herunterhing.

Zitternd stäubten die Trojaner auseinander; und wäre dem Sieger jetzt der Gedanke gekommen, das Tor wieder zu öffnen und seine Freunde hereinzulassen, so wäre es um die neue Ansiedlung Trojas geschehen gewesen. So aber ließ er sich von der Mordlust betören und drang von Sieg zu Siege mit den Seinen immer tiefer in das Innere des Lagers ein. Schon war die Verwirrung bis zu Serestus und Mnestheus gedrungen, die in der Mitte der Mauern befehligten. Da brachte zuerst Mnestheus die fliehenden Freunde mit den Worten zur Besinnung: »Wohin wendet ihr euch, Unsinnige, was für andere Mauern, was für andere Burgen besitzet ihr? Soll ein einziger Mann, rings umschlossen von euren Wällen, ungestraft ein solches Gemetzel unter euch anrichten? Habt ihr euer Vaterland, euren Führer Äneas, die Götter eurer Heimat so schamlos vergessen?« Mit solchen Reden beschämte und kräftigte er die Fliehenden, daß sie, in eine dichte Rotte zusammengedrängt, wieder standhielten. Den Turnus hatte der siegreiche Kampf selbst allmählich ermüdet. Zum Tore zurückzudringen konnte er nicht mehr hoffen; so kämpfte er sich mühsam vorwärts, wo das Lager ohne Mauern an den Fluß grenzte. An den Sandbänken des Stromes angelangt, zog er sich mit schnelleren Schritten, doch noch ohne Flucht, zurück, und wenn ihm der Feind zu nahe auf den Leib kam, trieb er ihn immer noch siegreich mit dem Schwerte zurück. Nun flogen aus der Ferne von allen Seiten Geschosse nach ihm; von den anprallenden Steinen erklang sein Helm, der Busch war zerfetzt; der Schild steckte voll Speere und ward so schwer, daß seine Linke ihn kaum mehr zu halten vermochte. In diesem Augenblicke stürmte auch Mnestheus in blitzenden Waffen auf ihn zu, und wie flüssiges Pech rann ihm der Schweiß über den Leib. So war er fechtend am Rande des Flusses angekommen. Da zum ersten Male kehrte Turnus dem Feinde den Rücken und warf sich in voller Rüstung in die Wogen des Tiberstroms. Dieser nahm den Kommenden willig auf und trug ihn mit sanften Wellen aus dem Bereiche des Lagers ans Gestade, wo er bald, von Blut und Staube rein gewaschen, bei den Seinigen eintraf.

Sturm und Irrfahrten. Die Harpyien



Sturm und Irrfahrten. Die Harpyien

Als kein Land mehr sichtbar und ringsherum nur Himmel und Gewässer war, sammelte sich über den Häuptern der Schiffenden ein graues Gewölk, das Nacht und Sturm herbeiführte, und die Woge fing in schwarzer Finsternis zu schauern an. Sofort brachten Orkane das Meer in Aufruhr; Berge von Fluten stiegen auf; die Flotte ward auseinandergeworfen, und die Schiffe trieben zerstreut über den strudelnden Abgrund hin. Die schwarzen Wetterwolken raubten das Tageslicht und hüllten alles in eine dichte Regennacht, welche nur Blitz auf Blitz aus den zerrissenen Wolken erhellte. Dieses fürchterliche Ungewitter dauerte drei Tage und drei sternlose Nächte, und während dieser Zeit wußte selbst der erfahrene Steuermann der Flotte, Palinurus, nicht mehr, wo sich in dem blinden Dunkel die Schiffenden befanden und welcher Himmelsgegend die umhergeworfenen Fahrzeuge zugetrieben wurden. Endlich am vierten Tage legte sich der Sturm allmählich, ein fernes Gebirg zeigte sich am Horizont. Dieser Anblick gab den Verzweifelnden den geschwundenen Mut wieder. Als sie dem Lande näher gekommen waren, zogen sie die Segel ein, warfen sich über die Ruder und wühlten mit aller Anstrengung in dem noch immer empörten Meeresschaum.

Das Land, welches die Verirrten aufnahm, gehörte einer der beiden Strophadeninseln an, die sich im großen Ionischen Meere befinden, der Pelopsinsel gegenüber. Es war ein unwirtliches, durch schauerliche Bewohner verrufenes Land. Die Harpyien, die gefräßigen Ungeheuer, seitdem sie die Wohnung des Königes Phineus verlassen hatten und von seinem unglücklichen Tische verscheucht worden waren, hatten an diesem Gestade den häßlichen Sitz aufgeschlagen. Diese grausenhaften Scheusale waren, wie bekannt, ein Vogelgezücht mit Jungfrauengesichtern, die aber, beständig vom Hunger gebleicht, entsetzlich anzuschauen waren. An den Händen hatten sie Krallen, mit welchen sie alle Speise ergriffen, deren sie sich bemächtigen konnten; und mit dem ekelhaften Abfluß ihres Leibes besudelten sie jeden Ort, an dem sie erschienen.

Von diesen Bewohnerinnen des ihnen gänzlich unbekannten Ufers hatten Äneas und seine Fluchtgenossen keine Ahnung. Sie liefen in den Hafen ein, der vor ihnen lag, und waren ganz fröhlich, als sie sich wieder auf festem Lande befanden. Der erste Anblick des Gestades zeigte ihnen auch nichts Unheimliches: Herden von Rindern und Ziegen gingen lustig auf der Weide, ohne alle Hüter. Der ausgestandene Hunger hieß die Gelandeten nicht lange zögern, sie fuhren mit dem Schwert unter das Vieh, brachten Jupiter und den Göttern ein Schlachtopfer dar und setzten sich selbst zum leckeren Schmaus am Ufer in die Runde. Sie erfreuten sich aber des Mahles noch nicht lange, als sie von den nahen Hügeln her einen lauten Flügelschlag wie von vielen Vögeln vernahmen. Als wären sie vom Sturmwinde herbeigeführt, erschienen plötzlich die Harpyien, fielen über die Speisen her, zerrten daran herum und besudelten alles mit ihrer abscheulichen Berührung. Allenthalben ertönte ihre gräßliche Stimme und verbreitete sich ihr scheußlicher Pesthauch. Die Tafelnden flüchteten sich mit ihrer Opfermahlzeit an eine abgelegene Stelle, unter einen hohlen Felsen, der rings von schattigen Bäumen eingeschlossen war. Hier zündeten sie Feuer auf neuen Rasenaltären an und stellten auch ihr Mahl wieder auf. Aber aus den heimlichsten Winkeln und von ganz anderer Himmelsgegend her kam wieder derselbe sausende Schwarm, machte sich mit seinen Krallenfüßen an die Beute und befleckte das Mahl auf alle Weise. Äneas und die Seinigen griffen endlich zu dem letzten Mittel: sie verbargen ihre Schwerter und Schilde ringsumher im Gras, und als die häßlichen Vögel sich wieder im Schwarme herniedersenkten und die krummen Ufer umflatterten, brachen seine Genossen auf das Zeichen eines ihrer Freunde, der vom Felsen herab seine Beobachtungen anstellte, los und versuchten es, die Untiere mit ihren Schwertern zu erlegen. Aber keine Gewalt vermochte das Gefieder zu durchdringen, keine Wunde saß auf ihrem Rücken fest; eilige Flucht entzog sie den Streichen, sie ließen ihre Beute angefressen zurück und überall Spuren voll Unflats. Nur eine von den Harpyien, Celäno mit Namen, setzte sich auf den höchsten Felsen und brach in die prophetischen Fluchworte aus: »Ist es nicht genug, uns Rinder und Ziegen gemordet zu haben, ihr trojanischen Fremdlinge? Müßt ihr uns unschuldige Harpyien auch noch aus dem Heimatlande vertreiben? Nun, so höret die Prophezeiung, die mir Phöbus anvertraut hat und die ich euch als Rachegöttin verkündige: Ihr fahret nach Italien, ihr werdet es auch erreichen, sein Hafen wird euch aufnehmen; aber nicht eher umgebet ihr die euch verheißene Stadt mit Mauern, als bis euch ein gräßlicher Hunger, die Strafe für das Unrecht, das ihr an uns beginget, zwingen wird, von euren eigenen Tischen zu nagen und dieselben aufzuzehren.« So sprach sie, schwang die Fittiche und floh in die Waldung zurück. Den Trojanern erstarrte das Blut in den Adern vor Schrecken; sie wußten nicht, hatten sie es mit fluchwürdigen Vögeln oder mit mächtigen Göttinnen zu tun. Endlich hub der Vater Anchises seine Hände flehend gen Himmel und betete zu den Göttern um Abwendung alles Unheils. Dann riet er seinem Sohn und den Genossen der Flucht, sich in aller Eile wieder einzuschiffen.

Pollux und der Bebrykenkönig



Pollux und der Bebrykenkönig

Am andere Morgen legten sie mit Sonnenaufgang an einer weit ins Meer hinausgestreckten Landzunge vor Anker. Dort befanden sich die Ställe und das ländliche Wohnhaus des wilden Bebrykenköniges Amykos. Dieser hatte allen Fremdlingen das lästige Gesetz aufgelegt, daß keiner sein Gebiet verlassen sollte, ehe er sich mit ihm im Faustkampf gemessen. Auf diese Weise hatte er schon viele Nachbarn umgebracht. Auch jetzt näherte er sich mit verächtlichen Worten dem gelandeten Schiffe: »Höret, ihr Meervagabunden«, rief er, »was euch zu wissen not ist! Kein Fremdling darf mein Land verlassen, ohne mit mir gerungen zu haben. So suchet denn euren besten Helden aus und stellet ihn mir; sonst soll es euch übel ergehen!« Nun war unter den Argoschiffern der beste Faustkämpfer Griechenlands, Pollux, der Leda Sohn. Diesen reizte die Ausforderung, und er rief dem Könige zu: »Poltere nicht; wir wollen deinen Gesetzen gehorchen, und in mir hast du deinen Mann gefunden!« Der Bebryke blickte den kühnen Helden mit rollenden Augen an, wie ein verwundeter Berglöwe den, der ihn zuerst getroffen hat. Pollux aber, der jugendliche Held, sah heiter aus wie ein Stern am Himmel; er schwang seine Hände in der Luft, um sie zu versuchen, ob sie von der langen Ruderarbeit erstarrt seien. Als die Helden das Schiff verlassen, stellten die beiden Kämpfer sich einander gegenüber. Ein Sklave des Königes warf ein gedoppeltes Paar von Fechterhandschuhen zwischen sie auf den Boden. »Wähle, welches Paar du willst«, sagte Amykos, »ich will dich nicht lange losen lassen! Du wirst aus Erfahrung sagen können, daß ich ein guter Gerber bin und blutige Backenstreiche zu erteilen verstehe!« Pollux lächelte schweigend, nahm das Handschuhpaar, das ihm zunächst lag, und ließ es sich von seinen Freunden an die Hände festbinden. Dasselbe tat der Bebrykenkönig. Jetzt begann der Faustkampf. Wie eine Meerwelle, die sich dem Schiff entgegenwälzt und welche die Kunst des Steuermanns mit Mühe abweist, stürmte der fremde Ringer auf den Griechen ein und ließ ihm keine Ruhe. Dieser aber wich seinem Angriffe immer kunstvoll und unverletzt aus. Er hatte die schwache Seite seines Gegners bald ausgekundschaftet und versetzte ihm manchen unabgewehrten Streich. Doch nahm auch der König seines Vorteils wahr, und nun krachten die Kinnbacken und knirschten die Zähne von gegenseitigem Schlägen, und sie ruhten nicht eher aus, als bis beide atemlos waren. Dann traten sie beiseite, frischen Atem zu schöpfen und sich den strömenden Schweiß abzutrocknen. Im erneuten Kampfe verfehlte Amykos seines Widerpartes Haupt, und sein Arm traf nur die Schulter; Pollux aber traf den Gegner über das Ohr, daß ihm die Knochen im Kopfe zerbrachen und er vor Schmerz in die Knie sank.

Da jauchzten die Argonauten laut auf; aber auch die Bebryken sprangen ihrem Könige bei, kehrten ihre Keulen und Jagdspieße gegen Pollux und stürmten gegen ihn heran. Vor ihm stellten sich schirmend die Genossen mit blanken Schwertern auf. Ein blutiges Treffen entspann sich; die Bebryken wurden in die Flucht geschlagen und mußten in das Innere des Landes weichen. Die Helden warfen sich auf ihre Ställe und Viehherden und machten reichliche Beute. Die Nacht über blieben sie am Lande, verbanden die Wunden, opferten den Göttern und blieben beim Becher wach. Sie bekränzten ihre Stirnen mit dem Uferlorbeer, an den auch das Schiff mit seinen Tauen angebunden war, und sangen zur Zither des Orpheus eine tönende Hymne. Das schweigende Ufer schien ihnen mit Lust zuzuhorchen, ihr Lied aber besang Pollux, den siegreichen Sohn des Zeus.

Polydoros



Polydoros

Endlich berieten sich die Helden über den allerkostbarsten Teil der Beute, über den Knaben Polydoros, den Sohn des Königes Priamos, und nach kurzer Ratschlagung wurde einstimmig beschlossen, daß Odysseus und Diomedes als Gesandte zu König Priamos abgeordnet werden und ihm die Übergabe seines jungen Sohnes anbieten sollten, sobald Helena den Gesandten Griechenlands ausgeliefert sein würde. Den beiden Helden wurde der Gemahl der geraubten Fürstin, Menelaos, als dritter Gesandter beigegeben, und so machten sich alle drei mit dem jungen Polydoros auf den Weg und wurden unter dem Schutze des Völkerrechts als heilige Gesandte von den Trojanern ohne Widerspruch in ihre Mauern aufgenommen.

Priamos und seine Söhne in ihrem Königspalaste, der fern auf der Burg der Stadt gelegen war, wußten noch nicht, was zu ihren Füßen vorging, als schon die Gesandtschaft auf dem Marktplatze Trojas stillehielt und, vom trojanischen Volk umgeben, Menelaos das Wort ergriff und sich mit herzzerschneidenden Worten über die frevelhafte Verletzung des Völkerrechts beklagte, die sich Paris an seinem heiligsten und teuersten Besitztum durch den frechen Raub seiner Gemahlin hätte zuschulden kommen lassen. Er sprach so beredt und eindringlich, daß die umstehenden Trojaner alle, und darunter die ältesten Häupter des Volkes, von seinen Worten ergriffen wurden und unter Tränen des Mitleids ihm recht geben mußten. Als Odysseus ihre Rührung bemerkte, nahm auch er das Wort und sprach: »Mir deucht, ihr sollet wissen, Häupter und andre Bewohner von Troja, daß die Griechen ein Volk sind, die nichts unüberlegterweise unternehmen und daß sie schon von ihren Vorfahren her bei allen ihren Taten darauf bedacht sind, Lob und nicht Schmach davonzutragen. So wisset ihr denn auch, daß nach der unerhörten Beleidigung, die uns allen eures Königes Sohn Paris durch die Entführung der Fürstin Helena angetan hat, wir, bevor wir die Waffen gegen euch erhoben, zur gütlichen Beilegung dieses Handels eine friedliche Gesandtschaft an euch geschickt haben. Erst als dies vergebens war, ist der Krieg, und zwar noch dazu durch einen Überfall von eurer Seite, begonnen worden. Auch jetzt, nachdem ihr unsern Arm gefühlt habt und alle euch unterworfene oder mit euch verbündete Städte ringsumher in Trümmern liegen, ihr selbst aber nach vieljähriger Belagerung in mannigfaltige Not geraten seid, liegt ein glücklicher Ausgang unseres Streites immer noch in eurer Hand, ihr Trojaner! Gebet uns heraus, was ihr uns geraubt habt, und auf der Stelle brechen wir unsre Lagerhütten ab, steigen zu Schiffe, lichten die Anker und verlassen mit der furchtbaren Flotte, die euch so vielen Schaden getan hat, euren Strand für immer. Auch kommen wir nicht mit leeren Händen. Wir bringen eurem Könige einen Schatz, der ihm lieber sein sollte als die Fremde, die eure Stadt zu seinem und eurem eigenen Fluche beherbergen muß. Wir bringen ihm den Knaben Polydoros, sein jüngstes und geliebtestes Kind, den unser Held Ajax in Thrakien dem Könige Polymnestor entrissen hat und der hier gebunden vor euch steht und von eurem und eures Königes, seines Vaters, Entschlusse, seine Freiheit und sein Leben erwartet. Gebt ihr uns Helena heraus und liefert ihr sie heute noch in unsere Hände, so wird der Knabe seiner Fesseln ledig und bleibt im Hause seines Vaters. Wird uns Helena verweigert, so gehe eure Stadt zugrunde, und vorher noch wird euer König sehen müssen, was er für sein Leben nicht sehen möchte!«

Ein tiefes Stillschweigen herrschte in der ihn umringenden Versammlung des trojanischen Volkes, als Odysseus aufgehört hatte zu sprechen. Endlich ergriff der weise und bejahrte Antenor das Wort und sprach: »Liebe Griechen und einst meine Gäste! Alles, was ihr uns saget, wissen wir selbst und müssen in unserm Herzen euch recht geben; auch fehlt uns der Wille, die Sache zu bessern, nicht, wohl aber die Gewalt. Wir leben in einem Staate, in welchem der Befehl des Königes alles gilt; ihm sich zu widersetzen, erlaubt die Verfassung unsers Reiches, der Glaube, den wir von den Vätern ererbt, und das Gewissen des Volkes keinem von uns. Wir dürfen in allen öffentlichen Angelegenheiten nur alsdann sprechen, wenn der König uns zu Rate zieht; und wenn wir gesprochen haben, so behält er noch immer freie Hand, zu tun, was er will; damit du aber erfahrest, was die Meinung der Besten im Volke über eure Angelegenheit ist, so werden sich die Ältesten unseres Volkes versammeln und vor euch ihre Meinung abgeben. Dies ist, was uns zu tun übrigbleibt und unser König selbst uns nicht verweigern kann.«

Und so geschah es. Antenor veranstaltete einen Rat der Ältesten und führte die Gesandten in denselben ein. Hier nahm er den Vorsitz und befragte die Häupter des Volkes der Reihe nach über die Gewalttat des Paris. Die vornehmsten Männer Trojas erklärten einer nach dem andern, daß sie die Tat für einen fluchwürdigen Frevel hielten; nur Antimachos, ein kriegslustiger, aber tückischer Mann, verteidigte den Raub der griechischen Fürstin. Er war von Paris mit reichlichen Gaben bestochen worden, wo es immer Gelegenheit gäbe, sich seiner anzunehmen und die Auslieferung Helenas zu verhindern. Auch diesmal arbeitete er für diesen Zweck, und hinter dem Rücken der Helden erteilte er den ruchlosen Rat, die Gesandten der Griechen, drei ihrer tapfersten und klügsten Helden, umzubringen. Als aber die Trojaner diesen Vorschlag mit Abscheu von sich wiesen, riet er, sie wenigstens so lange zu behalten, bis sie den gefangenen Polydoros ohne Lösegeld und Tausch dem Priamos ausgeliefert hätten. Auch dieser Rat wurde als treulos verworfen, und da Antimachos nicht aufhörte, selbst öffentlich in der Versammlung die Helden zu schmähen, so wurde er von seinen Mitbürgern, welche den Griechen ihre Mißbilligung seines Betragens und seiner Grundsätze beweisen wollten, mit Schimpf aus der Versammlung gestoßen.

Erbittert begab sich Antimachos auf die Burg und unterrichtete den König von der Ankunft der griechischen Gesandtschaft. Nun erhub sich im Rate des Königes und seiner Söhne selbst eine lange, zwiespältige Beratung, zu welcher auch ein Ältester, der edle Panthoos, der das volle Vertrauen des alten Königes genoß, gezogen wurde. Dieser wandte sich an den tapfersten, billigsten und tugendhaftesten aller Söhne des Königes, an Hektor, mit der flehentlichen Bitte, dem Rat aller besseren Trojaner nachzugeben und die unheilvolle Urheberin des Krieges auszuliefern. »Hat doch«, sprach er, »Paris so viele Jahre lang Zeit gehabt, sich seines ungerechten Raubes zu erfreuen und seine Lust zu büßen! Jetzt sind alle unsre verbündeten Städte zerstört, und ihr Untergang weissagt uns unser eigenes Schicksal; dazu haben die Griechen deinen kleinen Bruder in ihrer Gewalt, und wir wissen nicht, was aus ihm werden wird, wenn wir den Griechen Helena nicht ausliefern!«

Hektor wurde schamrot und bis zu Tränen betrübt, als er der Untat seines Bruders Paris gedachte. Dennoch sprach er sich im Rate des Königes nicht für die Auslieferung der Fürstin aus. »Sie ist«, antwortete er dem Panthoos, »einmal die Schutzflehende unsres Hauses. Als solche haben wir sie aufgenommen, sonst hätten wir sie von der Schwelle des Königspalastes zurückweisen müssen. Statt dies zu tun, haben wir ihr und dem Paris ein prächtiges Haus gebaut, und sie haben darin in Herrlichkeit und Freuden lange Jahre verlebt, und ihr alle habt dazu geschwiegen und habt doch diesen Krieg kommen sehen! Warum sollen wir sie jetzt vertreiben?« »Ich habe nicht geschwiegen«, erwiderte Panthoos, »mein Gewissen ist ruhig: ich habe euch die Prophezeiung meines Vaters mitgeteilt und euch gewarnt; ich warne euch zum zweitenmal. Komme, was da will, ich werde die Stadt und den König mit euch getreulich verteidigen helfen, auch wenn ihr meinen heilsamen Rat nicht befolget!« Mit solchen Worten verließ er die Versammlung der Königssöhne.

In dieser wurde zuletzt auf Hektors Vorschlag beschlossen, zwar die Fürstin Helena nicht auszuliefern, wohl aber Genugtuung und Ersatz für alles zu leisten, was mit ihr geraubt worden sei. An ihrer Statt sollte dem Menelaos eine der Töchter des Königes Priamos selbst, die weise Kassandra oder die in ihrer Jugendblüte heranreifende Polyxena mit königlicher Mitgift zur Gemahlin angeboten werden. Als die griechischen Gesandten, vor den König und seine Söhne geführt, diesen Vorschlag vernahmen, ergrimmte Menelaos und sprach: »Wahrhaftig, es ist mit mir weit gekommen, wenn ich, so viele Jahre des Ehegemahls meiner Wahl beraubt, am Ende von den Feinden mir eine Gattin auslesen lassen muß! Behaltet eure Barbarentöchter und gebt mir das Weib meiner Jugend zurück!« Dagegen erhob sich der Eidam des Königes, der Gemahl Krëusas, der Held Äneas, und rief dem Fürsten Menelaos, der die letzten Worte mit verächtlichem Hohnlachen gesprochen hatte, mit rauher Stimme zu: »Du sollst weder das eine noch das andere erhalten, Elender, wenn es nach meiner Abstimmung geht und nach der Meinung aller derjenigen, die den Paris lieben und es mit der Ehre dieses alten Königshauses halten! Noch hat das Reich des Priamos seine Beschützer! Und würde auch der Knabe Polydoros, der Sohn des Kebsweibes, ihm verlorengehen, so ist Priamos dadurch nicht kinderlos geworden! Sollen die Griechen einen Freibrief von uns erhalten, Frauen zu rauben? Genug der Worte! Wenn ihr euch nicht auf der Stelle mit eurer Flotte davonmacht, so sollet ihr den Arm der Trojaner fühlen! Noch haben wir streitlustiger Jugend genug, und aus der Ferne kommen uns von Tag zu Tag mächtigere Verbündete, wenn auch die Schwachen in der Nähe erlegen sind!«

Diese Rede des Äneas wurde von lautem Beifallsruf in der trojanischen Fürstenversammlung begleitet und die Gesandten nur durch Hektor vor rohen Mißhandlungen geschützt. Voll heimlicher Wut entfernten sie sich mit ihrem Gefangenen Polydoros, den der König Priamos nur aus der Ferne erblickt hatte, und kehrten zu den Schiffen der Griechen zurück. Als sich hier die Nachricht von dem verbreitete, was ihnen in Troja widerfahren war, von den Umtrieben des Antimachos, von dem Übermute des Äneas und aller Priamossöhne außer Hektor, entstand ein Auflauf unter dem Heere, und alles Volk schrie mit wilden Gebärden um Rache. Ohne lange die Fürsten zu fragen, wurde in einer unordentlichen Kriegerversammlung der Beschluß gefaßt, den unglücklichen Knaben Polydoros büßen zu lassen, was seine Brüder und sein Vater verschuldet. Und auf der Stelle schritten sie zur Ausführung des Beschlossenen. Das arme Kind wurde auf Schußweite unter die Mauern Trojas geführt, und als, durch den großen Heeresauflauf herbeigelockt, König Priamos selbst mit seinen Söhnen auf den Mauern erschien, tönte bald ein kläglicher Weheruf von den Zinnen herab; denn mit eigenen Augen mußten die Troer sehen, wie die Drohung des Odysseus an dem Knaben vollzogen ward. Steine flogen von allen Seiten gegen sein bloßes Haupt und seinen aller Beschirmung baren Leib, und unter unzähligen Würfen starb er eines kläglichen und grausamen Todes. Den entfleischten Leichnam gestatteten die Griechenfürsten dem flehenden Vater zum ehrlichen Begräbnis auszuliefern; die Diener des Königes erschienen, von dem Trojanerhelden Idaios begleitet, und luden die Leiche des Kindes unter Tränen und Wehklagen auf den Trauerwagen, der sie dem trostlosen Vater zuführen sollte.

Polyneikes und Tydeus bei Adrast



Sechstes Buch

Die Sieben gegen Theben

Polyneikes und Tydeus bei Adrast

Adrastos, der Sohn des Talaos, König von Argos, hatte fünf Kinder, darunter zwei schöne Töchter, Argia und Deïpyle. Über diese war ihm ein seltsamer Orakelspruch geworden: er werde dieselben dereinst einem Löwen und einem Eber zu Gemahlinnen geben. Vergebens besann sich der König, welchen Sinn dieses dunkle Wort haben könnte, und als die Mägdlein herangewachsen waren, gedachte er sie so zu vermählen, daß die ängstliche Wahrsagung auf keine Weise erfüllt werden könnte. Aber das Götterwort sollte nicht zuschanden werden. Von zweierlei Seiten kamen zwei Flüchtlinge durch Argos‘ Tore. Aus Theben war Polyneikes von seinem Bruder Eteokles verjagt worden; Tydeus, des Öneus Sohn, war aus Kalydon geflohen, wo er auf der Jagd einen Verwandtenmord, nicht absichtlich, verübt hatte. Beide Flüchtlinge trafen sich vor dem Königspalaste von Argos. In der Dunkelheit der Nacht hielten sie sich für Feinde und gerieten miteinander ins Handgemenge. Adrastos hörte das Waffengetümmel unter seiner Burg, stieg bei Fackelschein von ihr herab und trennte die Streitenden. Als ihm nun zur Rechten und zur Linken je einer der Helden stand, die noch eben miteinander gekämpft hatten, so erstaunte der König wie vor einem plötzlichen Gesichte, denn von dem Schilde des Polyneikes blickte ihm ein Löwenhaupt, von dem des Tydeus starrte ihm ein Eberkopf entgegen. Der erstere trug solches Abzeichen auf dem Schilde zu Ehren des Herakles, der andere hatte sich das Wappen zum Andenken an die Jagd des Kalydonischen Ebers und Meleagers gewählt. Adrastos sah jetzt die Deutung jenes dunkeln Orakelwortes vor sich, und aus den Flüchtlingen wurden ihm Schwiegersöhne.

Polyneikes erhielt die Hand der älteren Tochter, Argia; die jüngere Tochter, Deïpyle, wurde dem Tydeus zuteil. Beiden gab er zugleich das Versprechen, sie in ihre väterlichen Reiche, aus denen sie vertrieben waren, wieder einzuführen.

Zuerst wurde der Feldzug gegen Theben beschlossen, und Adrastos sammelte seine Helden, sieben Fürsten, ihn selbst einbegriffen, mit sieben Scharen um sich. Ihre Namen waren Adratos, Polyneikes, Tydeus; Amphiaraos und Kapaneus, der erste der Schwestergemahl Adrasts, der andere ein Schwestersohn; endlich seine zwei Brüder, Hippomedon und Parthenopaios. Aber Amphiaraos, der Schwager des Königs, der früher lange sein Feind gewesen, war ein Prophet, und als solcher sah er den unglückseligen Ausgang des ganzen Feldzuges voraus. Nachdem er nun sich vergebens bemüht hatte, den Adrastos und die übrigen Helden von ihrem Vorhaben abwendig zu machen, suchte er einen Schlupfwinkel auf, den nur seine Gemahlin, Eriphyle, die Schwester des Königes, kannte, und verbarg sich dort aufs sorgfältigste. Lange suchten ihn die Helden vergebens, und ohne ihn, den er das Auge seines Heeres zu nennen pflegte, wagte Adrast den Feldzug nicht zu unternehmen. Nun hatte Polyneikes, als er aus Theben flüchtig werden mußte, das Halsband und den Schleier mitgenommen, die unglückbringenden Geschenke, die einst Aphrodite der Harmonia zu ihrem Beilager mit Kadmos, dem Gründer Thebens, verehrt hatte und die jedem, der sie trug, das Verderben brachten. Diese Gaben hatten auch wirklich schon der Harmonia selbst, der Semele, der Mutter des Bakchos, und der Iokaste den Untergang gebracht. Zuletzt hatte sie Argia, die Gemahlin des Polyneikes, die auch unglücklich werden sollte, besessen, und jetzt beschloß ihr Gemahl, mit einem derselben, dem Halsbande, die Eriphyle zu bestechen, daß sie ihm und seinen Kampfgenossen den Aufenthalt ihres Gatten verriete. Als das Weib, das längst die Nichte um den herrlichen Schmuck, den ihr der Fremdling zugebracht, beneidet hatte, die funkelnden Edelsteine und Goldspangen an dem Halsbande sah, konnte sie der Lockung nicht widerstehen, hieß den Polyneikes folgen und zog den Amphiaraos aus seiner Zufluchtsstätte hervor. Jetzt konnte dieser der Anschließung an den Feldzug um so weniger entgehen, als er schon früher, da er sich mit dem Adrastos ausgesöhnt und von ihm die Schwester zur Ehe erhalten hatte, das Versprechen gegeben, bei jeder künftigen Streitigkeit mit dem Schwager die Entscheidung seiner Gattin zu überlassen. Er tat seine Rüstung an und sammelte seine Krieger. Bevor er jedoch auszog, rief er seinen Sohn Alkmaion zu sich und verpflichtete diesen mit einem heiligen Schwure, ihn nach seinem Tode, sobald derselbe kundbar würde, an der treulosen Mutter zu rächen.

Priamos bei Achill



Priamos bei Achill

Als sich die versammelten Völker getrennt hatten, sättigte sich jeder mit Speise und Schlaf. Nur Achill brachte eine Nacht ohne Schlummer im Andenken an seinen bestatteten Freund hin; er legte sich bald auf die Seite, bald auf den Rücken, bald aufs Angesicht; dann stand er plötzlich auf und schweifte am Meeresufer umher. Am frühen Morgen spannte er seine Rosse ins Joch, befestigte den Leichnam Hektors am Wagensitz und schleifte ihn dreimal um das Denkmal des Patroklos; aber Apollo deckte diesen mit dem goldenen Schirm seiner Ägide und sicherte den Leib vor allen Entstellungen. Achill verließ den Leichnam, in den Staub auf das Antlitz gestreckt. Das erbarmte die seligen Götter im Olymp, mit Ausnahme Heras, und Zeus beschickte die Mutter des Peliden, Thetis; er befahl ihr, schleunig zum Heere zu gehen und dem Sohne zu verkündigen, daß den Göttern insgesamt und Zeus selbst das Herz vor Zorn glühe, weil er Hektors Leib ohne Lösung bei den Schiffen zurückhalte. Thetis gehorchte, ging in das Zelt des Sohnes, setzte sich nahe zu ihm, und sanft mit der Hand ihn streichelnd, sprach sie: »Lieber Sohn, wie lange willst du mit Gram und Seufzern dir das Herz abzehren, des Schlafs und der Nahrung vergessen? Es wäre gut, wenn du dich der Freude des Lebens wieder zuwendetest, denn du wirst mir ja doch nicht lange mehr auf Erden einhergehen, und das grausame Verhängnis lauert schon an deiner Seite. Höre denn die Worte des Zeus, die ich dir melde: Er und alle Götter zürnen dir, daß du Hektors Leiche mißhandelst und bei den Schiffen zurückhältst. Wohlan, entlaß ihn, mein Sohn, gegen reiche Lösung.« Achill schaute auf, sah der Mutter ins Gesicht und sprach: »So sei es; was Zeus und der Rat der Himmlischen gebieten, muß geschehen. Wer mir die Lösung bringt, soll den Leichnam empfangen.« Zur selben Zeit schickte Zeus die schnelle Götterbotin Iris in die Stadt des Priamos mit seinen Aufträgen. Diese fand, dort angekommen, nichts als Geheul und Wehklage. Im Vorhofe saßen um den Vater im Kreise die Söhne, sich die Gewande feucht weinend; in der Mitte der Greis, straff in den Mantel gehüllt, Staub auf Nacken und Haupt gestreut. In den Wohnungen lagen Töchter und Schwiegertöchter auf den Knien und jammerten um die gemordeten Helden. Da trat plötzlich die Botin von Zeus vor den König und begann mit leiser Stimme, daß ihm ein Schauer durch die Glieder fuhr: »Fasse dich, Sohn des Dardanos, verzage nicht; ich habe dir kein übles Wort zu verkündigen. Zeus erbarmt sich deiner: er gebietet dir, zu Achill zu gehen und ihm Geschenke darzubringen, womit du den Leichnam deines Sohnes lösen sollst. Du allein sollst gehen, von keinem andern Trojaner begleitet als von einem der älteren Herolde, der dir den Wagen mit den Maultieren lenken und dich mit dem Toten wieder zur Stadt zurückführen kann. Fürchte weder Tod noch einen andern Schrecken; Zeus gesellt dir den mächtigen Argoswürger Hermes zum Schutze zu, daß er dich geleite, zum Peliden führe und auch dort beschirme. Doch ist Achill selbst ja nicht vernunftlos und kein blinder Frevler; er wird von selbst des Flehenden schonen und alles Leid von dir abwehren.«

Priamos vertraute den Worten der Göttin, befahl seinen Söhnen, den Wagen mit dem Maultiergespanne zu rüsten, und stieg dann in die duftige, mit Zedernholz getäfelte Kammer hinab, in welcher viel Kostbarkeiten aufbewahrt lagen. Dorthin berief er seine Gemahlin Hekabe und sprach zu ihr: »Armes Weib, wisse, daß mir Botschaft von Zeus kam: ich soll zu Achill nach den Schiffen wandeln, sein Gemüt mit Geschenken versöhnen und den Leichnam unseres lieben Sohnes Hektor einlösen. Wie deucht dir solches in deinem Herzen? Mich selbst, ich berge dir es nicht, drängt ein heftiger Trieb, nach den Schiffen zu gehen.« So sprach der Greis; aber seine Gemahlin erwiderte ihm schluchzend: »Wehe mir, Priamos, wohin ist dir dein einst so gepriesener Verstand entflohen? Welch ein Gedanke: du, der Greis, allein zu den Schiffen der Danaer zu wandeln und dem Manne vor Augen zu treten, der dir so viel tapfere Söhne erschlagen hat! Meinst du, der Falsche, Blutgierige werde Mitleid mit dir haben, wenn er dich erblickt? Viel besser, wir beweinen ihn fern, zu Hause, ihn, dem das Geschick schon bei der Geburt bestimmt hat, von den Hunden verzehrt zu werden!« »Halte mich nicht«, antwortete Priamos entschlossen, »werde mir nicht selbst im Hause zum drohenden Unglücksvogel; und erwartete mich auch der Tod bei den Schiffen: der Wüterich mag mich ermorden, wenn ich nur, mein Herz mit Tränen sättigend, den geliebten Sohn in den Armen halten darf.« Unter diesen Worten schlug er den Deckel von den Kisten und wählte zwölf köstliche Feiergewande, zwölf Teppiche, ebensoviel Leibröcke und prächtige Mäntel aus. Dann wog er zehn Talente Goldes dar, erlas weiter vier schimmernde Becken, zwei Dreifüße; ja selbst einen köstlichen Becher, den ihm die Thrakier geschenkt hatten, als er zu ihnen auf Gesandtschaft kam, sparte der Greis nicht. So begierig war er, seinen trautesten Sohn zu lösen! Dann scheuchte er sämtliche Trojaner, die ihn aufhalten wollten, aus der Halle und bedrohte sie: »Ihr Nichtswürdigen, habt ihr nicht Gram im Hause genug, daß ihr herkommt, um auch mich zu bekümmern? Achtet ihr es für etwas Kleines, daß Zeus den Jammer über mich verhängte, meinen tapfersten Sohn zu verlieren? Doch ihr werdet’s schon erfahren. Möchte nur ich in den Hades hinuntergehen, eh ich die Trümmerhaufen eurer Stadt schaue!« So scheuchte er sie mit dem Stabe hinaus; dann rief er scheltend seine Söhne: »Ihr Schändlichen, Untüchtigen, lägt ihr mir doch alle an Hektors Statt getötet bei den Schiffen! Alle Guten sind tot, nur die Schandflecke sind übrig, Lügner, Gaukler, Reigentänzer, die im Fette des Volkes schwelgen! Werdet ihr mir nicht sogleich den Wagen ausrüsten und alles dieses in den Korb hineinlegen, damit ich meinen Weg vollenden kann?« Erschrocken gehorchten die Söhne dem murrenden Vater, führten die Maultiere vor den Lastwagen und luden die Lösegeschenke auf. Alsdann spannten sie auch die sorglich gepflegten Rosse an den Wagen des Priamos, und der greise Herold, der ihn begleiten sollte, war auf der Stelle. Mit bekümmertem Herzen reichte Hekabe dem König den goldenen Becher zum Opfertrank; die Schaffnerin nahte ihm mit Waschgefäß und Kanne, und als Priamos sich die Hände mit lauterem Wasser besprengt, empfing er den Becher, stellte sich in die Mitte des Hofes, spendete vom Weine und betete mit erhobener Stimme zu Zeus: »Vater Zeus, Herrscher vom Ida, laß mich Barmherzigkeit und Gnade vor Peleus‘ Sohn finden! Gib mir auch ein Zeichen, daß ich getrost zu den Schiffen der Danaer gehen kann!« Kaum hatte er ausgesprochen, so stürmte mit ausgebreiteten Fittichen ein schwarzgeflügelter Adler rechts her über die Stadt. Alle Trojaner sahen es mit Wonne, und der Greis schwang sich voll Zuversicht in den Wagensitz. Vor ihm her zogen die Maultiere den schwerbepackten vierrädrigen Wagen, den der Herold Idaios lenkte. Hinter diesem trieb der Greis mit der Geißel sein Rossegespann an; die Seinigen aber folgten ihm alle wehklagend, als ob es zum Tode ginge. Als die Wagen draußen vor der Stadt waren und Priamos und der Herold am Denkmale des alten Königs Ilos vorbeieilten, hielten sie mit beiden Wagen ein wenig, um die Rosse und Maultiere unten am Strome zu tränken. Der Abend war eingebrochen, und das Gefilde lag rings in Dämmerung. Da bemerkte Idaios ganz in der Nähe die Gestalt eines Mannes, und erschrocken sprach er zu Priamos: »Merk auf, Herr, hier gilt’s Besonnenheit! Sieh den Mann dort; ich fürchte, er steht auf der Lauer und sinnt auf unsern Tod. Wir sind unbewaffnet, dazu Greise; laß uns entweder umkehren und schnell in die Stadt zurückfliehen oder seine Knie umfassen und ihn um Erbarmung flehen.« Den Greis durchfuhr ein banger Schauer, und seine Haare sträubten sich. Jetzt näherte sich die Gestalt; es war aber kein Feind, sondern der Abgesandte des Zeus, Hermes, der Bringer des Heiles, welcher auserwählte Sterbliche auf ihren Wegen zu begleiten hat. Dieser faßte die Hand des Königes, ohne daß er ihn erkannte, und sprach: »Vater, wohin lenkst du in tiefer Nacht, wo andere Sterbliche schlafen, deine Rosse und Maultiere? Fürchtest du dich denn gar nicht vor den erbitterten Argivern? Wenn dich einer von ihnen so viel köstliche Habe durchs Dunkel führen sähe, wie würde dir wohl zumute werden? Sorge jedoch nicht, daß ich dir etwas zuleide tue; vielmehr möchte ich dich auch vor andern beschirmen, gleichst du doch meinem lieben Vater an Gestalt! Aber sage mir, führst du soviel auserlesene Güter flüchtend nach einem fremden Lande? Oder verlasset ihr alle bereits Troja, nachdem ihr den tapfersten Mann verloren habt, der keinem Griechen an Mute wich?« Priamos schöpfte leichter Atem und antwortete: »Wahrlich, jetzt sehe ich, daß die Hand eines Gottes mich beschirmt, da mir ein so liebreicher und verständiger Gefährte auf meinem Weg begegnet, der so schön vom Tode meines Sohnes redet. Aber wer bist du, mein Guter, und welcher Eltern Kind?« »Mein Vater heißt Polyktor«, antwortete Hermes, »ich bin von sieben Söhnen der letzte, ein Myrmidone und Genosse des Achill; daher ich denn oft mit meinen Augen deinen Sohn kämpfen und die Argiver zu den Schiffen treiben sah, während wir bei unserm zürnenden Herrn standen und jenen aus der Ferne bewunderten.« »Wenn du ein Genosse des schrecklichen Peliden bist«, fragte Priamos jetzt voll Ungeduld, »o so verkündige mir, ob mein Sohn noch bei den Schiffen ist oder ob Achill ihn schon, in Stücke zerhauen, den Hunden vorgeworfen hat!« »Nein«, antwortete Hermes, »er liegt noch im Zelte des Achill, von Moder unberührt, obgleich schon der zwölfte Morgen verflossen ist und der Held ihn mit jedem Sonnenaufgang ohne Mitleid um das Grab seines Freundes schleift. Du würdest dich selbst verwundern, wenn du sähest, wie frisch und tauig er daliegt, vom Blute gereinigt, alle Wunden geschlossen. Selbst im Tode pflegen die Götter noch seiner.« Voll Freude langte Priamos den herrlichen Becher hervor, den er bei sich im Wagen liegen hatte. »Nimm ihn«, sprach er, »verleih mir deinen Schutz dafür und geleite mich zum Zelte deines Herrn.« Hermes, als scheute er sich, ohne Achills Wissen Geschenke zu nehmen, wies die Gabe ab, schwang sich jedoch zu dem Helden in den Wagen, ergriff Zaum und Geißel, und bald hatten sie Graben und Mauer erreicht. Hier fanden sie die Hüter eben mit dem Nachtmahle beschäftigt. Doch ein Wink des Gottes versenkte sie in tiefen Schlaf, und ein Druck seiner Hand schob den Riegel vom Tore. So gelangte Priamos mit seinem Lastwagen glücklich vor die Lagerhütte des Peliden, die hoch aus Balken gebaut und mit Schilf bedeckt, auch mit einem geräumigen Hofe umgeben war, den eine dichte Reihe von Pfählen umschloß. Nur ein einziger tannener Riegel verschloß die Pforte, aber so schwer, daß nur drei starke Griechen ihn vor- oder zurückschieben konnten; nur Achill selbst brauchte keine Beihilfe dazu. Jetzt aber öffnete Hermes das Tor ohne Mühe, stieg vom Wagen, gab sich als Gott zu erkennen und verschwand, nachdem er dem Greis geraten, des Helden Knie zu umfassen und ihn bei Vater und Mutter zu beschwören.

Priamos sprang jetzt auch vom Wagen und übergab dem Idaios Rosse und Maultiere. Er selbst ging geraden Weges auf die Wohnung zu, wo Achill saß. Er traf ihn zu Hause, getrennt von den Seinigen, nur von den Helden Atomedon und Alkimos bedient, eben von der Mahlzeit ruhend, und die Tafel stand noch vor ihm. Unbemerkt trat der erhabene Greis ein, eilte auf den Peliden zu, umschlang seine Knie, küßte ihm die Hände, die entsetzlichen, die ihm so viele Söhne gemordet hatten, und sah ihm ins Antlitz. Staunend betrachteten ihn Achill und seine Freunde, da fing der Greis an zu flehen: »Göttergleicher Achill, gedenke deines Vaters, der alt ist wie ich, vielleicht auch bedrängt von feindlichen Nachbarn, in Angst und ohne Hilfe wie ich. Doch bleibt ihm von Tag zu Tag die Hoffnung, seinen geliebten Sohn von Troja heimkehren zu sehen. Ich aber, der ich fünfzig Söhne hatte, als die Argiver herangezogen kamen, und davon neunzehn von einer Gattin, bin der meisten in diesem Kriege beraubt worden, und zuletzt durch dich des einzigen, der die Stadt und uns alle zu beschirmen vermochte. Darum komme ich nun zu den Schiffen, ihn, meinen Hektor, von dir zu erkaufen, und bringe unermeßliches Lösegeld. Scheue die Götter, Pelide, erbarme dich mein, gedenke deines eigenen Vaters! Ich bin des Mitleids noch werter: dulde ich doch, was noch kein Sterblicher geduldet hat, und drücke die Hand an die Lippe, die meine Kinder mir getötet.« So sprach er und erweckte dem Helden sehnsüchtigen Gram um seinen Vater, daß er den Alten sanft bei der Hand anfaßte und zurückdrängte. Da gedachte der Greis seines Sohnes Hektor, wand sich zu den Füßen des Peliden und fing laut an zu weinen; Achill aber weinte bald über seinen Vater, bald über seinen Freund, und das ganze Zelt erscholl von Jammertönen. Endlich sprang der edle Held vom Sessel empor, hub den Greis voll Mitleid mit seinem grauen Haupt und Bart, an der Hand auf und sprach: »Armer, fürwahr, viel Weh hast du erduldet, und jetzt, welch ein Mut so allein zu den Schiffen der Danaer zu wandeln und einem Manne vor die Augen zu treten, der dir so viele und so tapfere Söhne erschlagen hat! Du mußt ja ein eisernes Herz im Busen tragen! Aber wohlan, setz dich auf den Sessel, laß uns den Kummer ein wenig beruhigen, sosehr er uns von Herzen geht; wir schaffen ja doch nichts mit unserer Schwermut. Das ist nun einmal das Schicksal, das die Götter den elenden Sterblichen bestimmt haben, Gram zu erdulden, während sie selbst ohne Sorge sind. Denn zwei Fässer stehen an der Schwelle von Zeus‘ Behausung, das eine voll Gaben des Unglücks, das andere voll Gaben des Heils. Wem der Gott vermischt austeilt, den trifft abwechselnd bald ein böses, bald ein gutes Los; wem er nur Weh austeilt, den stößt er in Schande, der wird von herzzerfressender Not über die Erde hin verfolgt. So schenkten die Götter dem Peleus zwar herrliche Gaben: Habe, Macht, ja selbst eine Unsterbliche zur Gattin; doch hat ihm ein Himmlischer auch Böses gegeben, denn ihm ward ein einziger Sohn, der frühe hinwelken wird, der des Alternden so gar nicht pflegen kann; denn hier in weiter Ferne sitze ich vor Troja und betrübe dich und die Deinigen. Auch dich, o Greis, priesen die Völker vormals glückselig, jetzt aber haben die Olympischen dir dieses Leid gesandt, und seitdem tobt nur Schlacht und Mord um deine Mauern. So duld es denn und jammere nicht unablässig, du kannst deinen edlen Sohn doch nicht wieder aufwecken!«

Da antwortete Priamos: »Heiß mich nicht sitzen, Liebling des Zeus, solange Hektor noch unbeerdigt in deinem Zelte liegt. Erlaß ihn mir eilig, denn mich verlangt, ihn zu schauen. Freue dich der reichlichen Lösung, schone meiner und kehre heim in dein Vaterland!«

Achill runzelte die Stirn bei diesen Worten und sprach: »Reize mich nicht mehr, o Greis! Ich selbst ja beabsichtige, dir Hektor zu erlassen, denn meine Mutter brachte mir Zeus‘ Botschaft; auch erkenne ich wohl im Geiste, daß dich selbst, o Priamos, zu unsern Schiffen ein Gott geführt hat. Denn wie sollte dies ein Sterblicher, und wäre es der kühnste Jüngling, wagen, wie unsern Wächtern entschlüpfen, wie die Riegel der Tore zurückschieben? Darum errege mir mein trauriges Herz nicht noch mehr, ich möchte sonst Zeus‘ Befehl vergessen und deiner nicht schonen, o Greis, so demütig du flehst!«

Zagend gehorchte Priamos. Achill aber sprang wie ein Löwe aus der Pforte und ihm nach seine Genossen. Vor dem Zelte spannten sie die Tiere aus dem Joch und führten den Herold herein. Dann huben sie die Lösegeschenke vom Wagen und ließen nur zwei Mäntel und einen Leibrock zurück, um damit die Leiche Hektors anständig zu verhüllen. Dann ließ Achill, fern und ungesehen vom Vater, den Leichnam waschen, salben und bekleiden. Achill selbst legte ihn auf ein unterbreitetes Lager; rief, während die Freunde den Toten auf den mit Maultieren bespannten Wagen hoben, den Namen seines Freundes an und sprach: »Zürn‘ und eifre mir nicht, Patroklos, wenn du etwa in der Nacht der Unterwelt vernimmst, daß ich Hektors Leiche seinem Vater zurückgebe! Er hat kein unwürdiges Lösegeld gebracht, und auch dir soll dein Anteil davon werden!«

Nun kehrte er zurück ins Zelt, setzte sich dem Könige wieder gegenüber und sprach: »Sieh, dein Sohn ist jetzt gelöst, o Greis, wie du es gewünscht hast; er liegt in ehrbare Gewande eingehüllt. Sobald der Morgen sich rötet, magst du ihn schauen und davonführen. Jetzt aber laß uns der Nachtkost gedenken; du hast noch Zeit genug, deinen lieben Sohn zu beweinen, wenn du ihn zur Stadt gebracht hast, denn wohl verdient er viele Tränen.« So sprach der Held, erhub sich wieder vom Sitz, eilte hinaus und schlachtete ein Schaf. Seine Freunde zogen die Haut ab, schnitten das Fleisch in Stücke und brieten es sorgfältig am Spieße. Dann setzten sie sich zu Tische: Automedon verteilte in zierlichen Körben das Brot, Achill das Fleisch, und alle sättigten sich nun mit Speise und Tranke. Staunend betrachtete Priamos Wuchs und Gestalt seines edlen Wirtes, denn er glich den Unsterblichen. Aber auch Achill staunte vor Priamos, wenn er ihm in das Angesicht voll Würde schaute und die weise Rede des Greisen vernahm. Als nun das Mahl vorüber war, sprach Priamos: »Bette mich jetzt, edler Held, daß wir uns am erquickenden Schlaf sättigen; denn seit mein Sohn gestorben ist, haben sich meine Augenlider nicht mehr geschlossen, und das erste Mal habe ich Fleisch und Wein gekostet.«

Sofort befahl Achill seinen Genossen und den Mägden, ein Bett unter die Halle zu stellen, mit Purpurpolstern zu belegen, Teppiche darüber zu breiten und zottige Mäntel als Decken darauf. So wurde jedem der Fremdlinge ein gesondertes Lager bereitet; und nun sprach Achill freundlich: »Lagere dich jetzt draußen, lieber Greis, es möchte dich einer der Danaerfürsten, die sich beständig in meinem Zelte zum Rat versammeln, durchs Dunkel hinschleichen sehen und es dem Völkerhirten Agamemnon melden. Der aber könnte dir den Leichnam streitig machen. Jetzt sage mir aber auch noch: wieviel Tage gedenkst du auf die Bestattung deines edlen Sohnes zu verwenden? Damit ich so lange ruhe und auch das Volk von jedem Angriff abhalte.« »Wenn du mir es vergönnst«, antwortete Priamos, »meinem Sohne eine Leichenfeier zu halten, so gestatte mir deine Güte elf Tage. Du weißt, wir sind in die Stadt eingeschlossen und müssen das Holz fern im Gebirge holen. So brauchen wir neun Tage zur Vorbereitung, am zehnten möchten wir ihn bestatten und das Totenmahl feiern, am eilften ihm einen Ehrenhügel auftürmen; am zwölften Tage, wenn es so sein muß, wollen wir wieder kämpfen.« »Auch dieses geschehe, wie du begehrst«, erwiderte Achill; »ich werde das Heer so lange zurückhalten, als du gefordert.« So sprechend, faßte er die Rechte des Greises am Knöchel, um seinem Herzen alle Furcht zu benehmen. Dann entließ er ihn zum Schlafe und legte sich selbst im innersten Raume seines Zeltes nieder.

Während so alles schlief, blieb Hermes der Gott schlummerlos und erwog im Geiste, wie er den König Trojas, von den Wächtern ungesehen, aus den Schiffen zurückführen möchte. Deswegen trat er zu dem Haupte des schlummernden Greises und sprach zu ihm: »Alter, du schläfst fürwahr sehr unbesorgt bei feindlichen Männern, nachdem dich alles verschont hat. Es ist wahr, du hast den Sohn teuer gelöst; aber wenn Agamemnon und die Griechen es wüßten, so müßten deine Söhne daheim dich, den Lebenden, mit dreimal größerem Lösegeld auskaufen!« Der Greis erschrak und weckte den Herold; Hermes selbst spannte ihnen Rosse und Mäuler ein und schwang sich zu dem König in den Wagen; Idaios lenkte die Maultiere mit dem Leichnam. So fuhren sie unbemerkt durch das Heer und hatten bald das griechische Lager hinter sich.

Priamos, Hekabe und Paris



Priamos, Hekabe und Paris

Das weitere Los des Königes Laomedon und seiner Tochter Hesione ist schon von uns berichtet worden. Ihm folgte sein Sohn Priamos in der Regierung. Dieser vermählte sich in zweiter Ehe mit Hekabe oder Hekuba, der Tochter des phrygischen Königes Dymas. Ihr erster Sohn war Hektor. Als aber die Geburt ihres zweiten Kindes herannahete, da schaute Hekabe in einer dunkeln Nacht im Traume ein entsetzliches Gesicht. Ihr war, als gebäre sie einen Fackelbrand, der die ganze Stadt Troja in Flammen setze und zu Asche verbrenne. Erschrocken meldete sie diesen Traum ihrem Gemahle Priamos. Der ließ seinen Sohn aus erster Ehe, Aisakos mit Namen, kommen, welcher ein Wahrsager war und von seinem mütterlichen Großvater Merops die Kunst, Träume zu deuten, erlernt hatte. Aisakos erklärte, seine Stiefmutter Hekabe werde einen Sohn gebären, der seiner Vaterstadt zum Verderben gereichen müsse. Er riet daher, das Kind, das sie erwartete, auszusetzen. Wirklich gebar die Königin einen Sohn, und die Liebe zum Vaterland überwog bei ihr das Muttergefühl. Sie gestattete ihrem Gatten Priamos, das neugeborne Kind einem Sklaven zu geben, der es auf den Berg Ida tragen und daselbst aussetzen sollte. Der Knecht hieß Agelaos. Dieser tat, wie ihm befohlen war; aber eine Bärin reichte dem Säugling die Brust, und nach fünf Tagen fand der Sklave das Kind gesund und munter im Walde liegen. Jetzt hob er es auf, nahm es mit sich, erzog es auf seinem Äckerchen wie sein eigenes Kind und nannte den Knaben Paris.

Als der Königssohn unter den Hirten zum Jünglinge herangewachsen war, zeichnete er sich durch Körperkraft und Schönheit aus und wurde ein Schutz aller Hirten des Berges Ida gegen die Räuber; daher ihn jene auch nur Alexander, das heißt Männerhilfe, nannten.

Nun geschah es eines Tages, als er mitten im abwegsamsten und schattigsten Tale, das sich durch die Schluchten des Berges Ida hinzog, zwischen Tannen und Steineichen, ferne von seinen Herden, die den Zugang zu dieser Einsamkeit nicht fanden, an einen Baum gelehnt mit verschränkten Armen hinabschaute durch den Bergriß, der eine Durchsicht auf die Paläste Trojas und das ferne Meer gewährte, daß er einen Götterfußtritt vernahm, der die Erde um ihn her beben machte. Ehe er sich besinnen konnte, stand, halb von seinen Flügeln, halb von den Füßen getragen, Hermes der Götterbote, den goldnen Heroldsstab in den Händen, vor ihm; doch war auch er nur der Verkündiger einer neuen Göttererscheinung; denn drei himmlische Frauen, Göttinnen des Olymp, kamen mit leichten Füßen über das weiche, nie gemähete und nie gewendete Gras einhergeschritten, daß ein heiliger Schauer den Jüngling überlief und seine Stirnhaare sich aufrichteten. Doch der geflügelte Götterbote rief ihm entgegen: »Lege alle Furcht ab; die Göttinnen kommen zu dir als zu ihrem Schiedsrichter: dich haben sie gewählt, zu entscheiden, welche von ihnen dreien die schönste sei. Zeus befiehlt dir, dich diesem Richteramte zu unterziehen; er wird dir seinen Schirm und Beistand nicht versagen!« So sprach Hermes und erhob sich auf seinen Fittichen, den Augen des Königssohnes entschwebend, über das enge Tal empor. Seine Worte hatten dem blöden Hirten Mut eingeflößt; er wagte es, den schüchternen gesenkten Blick zu erheben und die göttlichen Gestalten, die in überirdischer Größe und Schönheit seines Spruches gewärtig vor ihm standen, zu mustern. Der erste Anblick schien ihm zu sagen, daß eine wie die andere wert sei, den Preis der Schönheit davonzutragen; doch gefiel ihm jetzt die eine Göttin mehr, jetzt die andere, so wie er länger auf einer der herrlichen Gestalten verweilt hatte. Nur schien ihm allmählich eine, die jüngste und zarteste, holder und liebenswürdiger als die andern, und ihm war, als ob, aus ihren Augen ausgehend, ein Netz von Liebesstrahlen sich ihm um Blick und Stirne spänne. Indessen hub die stolzeste der drei Frauen, die an Wuchs und Hoheit über die beiden andern hervorragte, dem Jünglinge gegenüber an: »Ich bin Hera, die Schwester und Gemahlin des Zeus. Wenn du diesen goldenen Apfel, welchen Eris, die Göttin der Zwietracht, beim Hochzeitmahle der Thetis und des Peleus unter die Gäste warf, mit der Aufschrift: ›Der Schönsten‹, mir zuerkennest, so soll dir die Herrschaft über das schönste Reich der Erde nicht fehlen, ob du gleich nur ein aus dem Königspalaste verstoßener Hirte bist.« »Ich bin Pallas, die Göttin der Weisheit«, sprach die andere mit der reinen, gewölbten Stirne, den tiefblauen Augen und dem jungfräulichen Ernst im schönen Antlitz; »wenn du mir den Sieg zuerkennst, sollst du den höchsten Ruhm der Weisheit und Männertugend unter den Menschen ernten!« Da schaute die dritte, die bisher immer nur mit den Augen gesprochen hatte, den Hirten mit einem süßen Lächeln noch durchdringender an und sagte: »Paris, du wirst dich doch nicht durch das Versprechen von Geschenken betören lassen, die beide voll Gefahr und ungewissen Erfolges sind! Ich will dir eine Gabe geben, die dir gar keine Unlust bereiten soll; ich will dir geben, was du nur zu lieben brauchst, um seiner froh zu werden: das schönste Weib der Erde will ich dir als Gemahlin in die Arme führen! Ich bin Aphrodite, die Göttin der Liebe!«

Als Venus dem Hirten Paris dies Versprechen tat, stand sie vor ihm, mit ihrem Gürtel geschmückt, der ihr den höchsten Zauber der Anmut verlieh. Da erblaßte vor dem Schimmer der Hoffnung und ihrer Schönheit der Reiz der andern Göttinnen vor seinen Augen, und mit trunkenem Mute erkannte er der Liebesgöttin das goldene Kleinod, das er aus Heras Hand empfangen hatte, zu. Hera und Athene wandten ihm zürnend den Rücken und schwuren diese Beleidigung ihrer Gestalt an ihm, an seinem Vater Priamos, am Volk und Reiche der Trojaner zu rächen und alle miteinander zu verderben; und Hera insbesondere wurde von diesem Augenblicke an die unversöhnlichste Feindin der Trojaner. Venus aber schied von dem entzückten Hirten mit holdseligem Gruße, nachdem sie ihm ihr Versprechen feierlich und mit dem Göttereide bekräftiget wiederholt hatte.

Paris lebte seiner Hoffnung geraume Zeit als unerkannter Hirte auf den Höhen des Ida; aber da die Wünsche, welche die Göttin in ihm rege gemacht hatte, so lange nicht in Erfüllung gingen, so vermählte er sich hier mit einer schönen Jungfrau, namens Önone, die für die Tochter eines Flußgottes und einer Nymphe galt und mit welcher er auf dem Berge Ida bei seinen Herden glückliche Tage in der Verborgenheit verlebte. Endlich lockten ihn Leichenspiele, die der König Priamos für einen verstorbenen Anverwandten hielt, zu der Stadt hinab, die er früher nie betreten hatte. Priamos setzte nämlich bei diesem Feste als Kampfpreis einen Stier aus, den er bei den Hirten des Ida von seinen Herden holen ließ. Nun traf es sich, daß gerade dieser Stier der Lieblingsstier des Paris war, und da er ihn seinem Herrn dem Könige nicht vorenthalten durfte, so beschloß er, wenigstens den Kampf um denselben zu versuchen. Hier siegte er in den Kampfspielen über alle seine Brüder, selbst über den hohen Hektor, der der Tapferste und Herrlichste von ihnen war. Ein anderer mutiger Sohn des Königs Priamos, Deïphobos, von Zorn und Scham über seine Niederlage überwältigt, wollte den Hirtenjüngling niederstoßen. Dieser aber flüchtete sich zum Altare des Zeus, und die Tochter des Priamos, Kassandra, welche die Wahrsagergabe von den Göttern zum Angebinde erhalten hatte, erkannte in ihm ihren ausgesetzten Bruder. Nun umarmten ihn die Eltern, vergaßen über der Freude des Wiedersehens die verhängnisvolle Weissagung bei seiner Geburt und nahmen ihn als ihren Sohn auf.

Vorerst kehrte nun Paris zu seiner Gattin und seinen Herden zurück, indem er auf dem Berge Ida eine stattliche Wohnung als Königssohn erhielt. Bald jedoch fand sich Gelegenheit für ihn zu einem königlicheren Geschäfte, und nun ging er, ohne es zu wissen, dem Preis entgegen, den ihm seine Freundin, die Göttin Aphrodite, versprochen hatte.

Prokne und Philomela



Prokne und Philomela

In Athen herrschte einst der König Pandion, der Sohn des erdgeborenen Erichthonios und der Nymphe Pasithea. Er vermählte sich mit der schönen Najade namens Zeuxippe, die ihm die Zwillinge Erechtheus und Butes und zwei Töchter, Prokne und Philomela, gebar. Da begab es sich, daß der König von Theben, Labdakos, mit Pandion in Streit geriet und verheerend in Attika einbrach. Trotz tapferen Widerstandes wurden die Athener in ihre Stadt zurückgedrängt, und Pandion wandte sich in der Not um Hilfe an den streitbaren thrakischen Fürsten Tereus, einen Sohn des Kriegsgottes Ares. Dieser kam schnell über das Meer gefahren und verjagte mit seinen trotzigen Kriegern die Thebaner bald aus dem attischen Lande. Dem ruhmgekrönten Befreier gab der dankbare Pandion seine Tochter Prokne zur Gattin. Aber nicht Hymenäos, der bräutliche Gott, nicht Hera, die Schutzgöttin der Ehe, nicht die holdseligen Grazien nahten dem Hochzeitsgemache; die schrecklichen Erinnyen schwenkten die düstern Fackeln, die sie von einem Leichenbegängnis geraubt hatten; der unheilkündende Uhu saß auf dem Giebel des Hauses, in welchem Tereus und Prokne Hochzeit hielten. Freilich zogen die jungen Gatten frohgemut über die Meereswogen, den Göttern dankend, und wurden von den Thrakiern jubelnd empfangen. Und als Prokne einem Sohne, dem Itys, das Leben schenkte, da ward der Tag in ganz Thrakien festlich gefeiert.

Fünf Jahre waren vergangen; da ergriff Proknen, die sich im Barbarenlande fern von der lieben Heimat oft gar einsam fühlte, eine unendliche Sehnsucht nach Philomela, ihrer einzigen Schwester. Sie ging zu ihrem Gemahle und sprach: »Wenn du mich noch ein wenig liebst, so sende mich nach Athen, daß ich die teure Schwester hieher hole, oder reise du selbst und bringe sie mir, wenn auch nur auf kurze Zeit, zum Besuch. Eine göttliche Gnade wird mir’s scheinen, wenn ich ihr trautes Antlitz wieder schauen darf. Versprich dem Vater, sie bald zurückzuführen; denn zärtlich liebt er die Tochter und wird sie nicht lange vermissen wollen.« Tereus ließ sich leicht erbitten und fuhr zu Schiffe gen Athen. Bald gelangte er in den Hafen Piräus, wo sein Schwäher ihn bewillkommnete. Schon als sie Hand in Hand nach der Stadt wandelten, begann Tereus die unheilvolle Bitte vorzubringen und gelobte dem Könige, daß er für Philomelas baldige Heimkehr sorgen werde. Siehe, da nahte sie selbst; im Schmuck strahlender Schönheit, einer lieblichen Nymphe nicht unähnlich, kam sie herbeigeeilt, den Schwager zu begrüßen und tausend Fragen nach der fernen Schwester zu tun. Kaum aber ward Tereus die reizende Jungfrau gewahr, da entbrannte sein Herz von stürmischer Liebe zu ihr, so wie die Flamme das geschichtete Heu und die dürren Dachsparren ergreift und verzehrt. Rasch war sein Entschluß gefaßt, um jeden Preis Philomela zu entführen, sei es im Guten oder mit Gewalt. Während so zügellose Leidenschaft im Busen des Barbaren wogte, hub er wieder an, von den Wünschen der Prokne zu sprechen, sie sterbe vor Sehnsucht nach der Schwester, um seiner Gattin willen flehe er. Der Schändliche! Während er ruchlose Pläne brütete, schien er ein zärtlicher Ehemann, so daß selbst Pandion seinen Eifer lobte. Ja, auch Philomela ward betört; kosend schlang sie die Arme um des Vaters Nacken und flehte ihn unermüdlich, ihr die Reise zu gestatten. So ward der Greis von den vereinten Bitten der beiden endlich besiegt und gab seine Einwilligung, obwohl mit schwerem Herzen. Philomela aber dankte ihm voll Entzücken, und nun gingen die drei in den Königspalast, sich an köstlichem Wein und trefflichen Speisen zu erquicken. Dann, als die Sonne längst hinter den Horizont gesunken war, trennten sie sich, um der Ruhe zu pflegen.

Der Morgen erschien. Beim Abschied drückte der ehrwürdige Pandion die Hand des Schwiegersohnes und sprach, während heiße Tränen über seine Wangen rollten: »Mein teurer Sohn, nur weil zärtliche Liebe mich zwingt und ihr alle es wünschet, vertraue ich dir mein Liebstes an, die traute Tochter. Nun beschwöre ich dich bei deiner Ehre und unsrer Verwandtschaft, bei den unsterblichen Göttern flehe ich dich an, beschütze sie wie ein liebevoller Vater und sende sie mir bald zurück. Ach, sie ist der süßeste Trost meines vielfach leidvollen Alters.« So sprach er und küßte das geliebte Kind mit Inbrunst. Darauf forderte er von beiden die Hand zum Zeichen der Treue, trug ihnen herzliche Grüße an Tochter und Enkel auf, rief noch einmal mit schluchzender Stimme Lebewohl und blieb allein am Ufer zurück. Vom Ruderschlag rauschten die Wogen, das Schiff fuhr mit vollen Segeln in die offene See hinaus. Kaum konnte Tereus sich enthalten, laut aufzujauchzen vor wilder Lust, daß sein Plan gelungen sei. ›Mein ist der Sieg! ‹ rief er im Herzen und betrachtete die Arglose mit funkelndem Blicke. So blitzt des gierigen Adlers Auge, wenn er den zappelnden Hasen aus den krummen Klauen in sein hohes Felsennest niederwirft, aus dem keine Flucht möglich ist.

Bald zeigten sich die Gestade Thrakiens, die Schiffer lenkten zum sichern Hafen und sprangen ans Land; ermüdet von der Fahrt, eilte jeder der Heimat zu. Tereus aber schleppte Philomelen in ein einsames, tief im Urwald verstecktes Hirtengehöft. Dort schloß er die Erblassende ein, und als sie weinend nach der Schwester fragte, log der Verräter mit erheuchelter Trauer, Prokne sei gestorben; um den alten Pandion zu schonen, habe er das Märchen von der Einladung ersonnen; in Wahrheit sei er gekommen, um sie, Philomelen, zu seiner Gattin zu machen. Kein Jammern und Flehen fruchtete, die rührendsten Worte prallten wirkungslos an dem steinernen Herzen des Barbaren ab. So fügte sie sich unter bittern Tränen der Gewalt und ward seine Gemahlin. Aber es währte nur kurze Zeit, bis sie zur Besinnung kam, und nun stiegen schreckliche Ahnungen und bange Zweifel in ihr auf. ›Warum‹, fragte sie sich, ›hält Tereus mich hier, fern von seinem Hofe, wie eine Gefangene? Warum läßt er mich so ängstlich bewachen? Warum fährt er mich nicht als Königin in seinen Königspalast?‹- Da erfuhr sie, als sie einst ungesehen das Gespräch ihrer Diener belauschte, das Furchtbare: Prokne lebt! Ihre eigne Vermählung mit Tereus ist Verbrechen; sie ist die Nebenbuhlerin der totgeglaubten Schwester! Da faßte sie namenloser Jammer und glühender Haß gegen den Verräter, mit fliegender Hast stürzte sie in sein Gemach, erzählte ihm, was sie erfahren, und schwur unter heißen Verwünschungen, das gräßliche Geheimnis, seine Schuld und ihre Schande, aller Welt zu verkünden. So erregte sie den Zorn und zugleich die Furcht des Verruchten. Da faßte er einen teuflischen Entschluß. Sicher wollte er sein, daß seine Schmach niemand erfahre; doch scheute er sich, die Wehrlose zu morden. Also riß er sein Schwert aus der Scheide, band der Unglücklichen die Arme auf den Rücken und zückte den Stahl, als ob er sie töten wollte. Sie erwartete freudig den Streich, der sie dem verhaßten Leben entreißen sollte; aber wie sie schmerzlich den Namen des lieben Vaters ausrief, schnitt der Unmensch ihr – schrecklich ist es zu sagen – die Zunge aus. Nun brauchte er keinen Verrat mehr zu fürchten. Kalt, als wäre nichts geschehen, verließ er die Ärmste, den Dienern strenge Bewachung einschärfend. Er selbst ging zurück an den Hof zu seinem Weibe Prokne. Diese fragte, wo die Schwester denn bleibe. Da seufzte der Nichtswürdige und erzählte mit erheuchelten Tränen, Philomela sei tot und begraben. Prokne riß voll unendlichen Schmerzes die goldgestickten Gewänder herab, hüllte sich in schwarze Trauergewande, baute ein leeres Grabmal und brachte, die geliebte Schwester beweinend, ihrer Seele Totenopfer.

So verging ein Jahr, und noch immer lebte die grausam verstümmelte Philomela. Wächter und Mauern versperrten ihr die Flucht; ach, und der Mund war stumm, unfähig, die Schandtat zu verkünden. Aber das Elend schärft den Verstand und lehrt Erfindungen. Am Webstuhl spannte sie das Linnen aus und wirkte purpurne Zeichen hinein, in denen sie das Gräßliche offenbarte. Und als sie es vollendet hatte, gab sie das Gewebe einem Diener, indem sie ihn durch stumme Gebärden anflehte, es der Königin Prokne zu überbringen. Jener gehorchte ihr, ohne zu wissen, was er tat. Prokne entrollte das Gewand und las das entsetzliche Geheimnis. Da entfuhr kein Seufzer ihrem Munde, keine Träne vergoß sie – ihr Jammer war zu groß dazu; nur eines konnte sie denken, nur eines fassen: Rache, fürchterliche Rache an dem Verbrecher!

Die Nacht nahte, in der die thrakischen Frauen das Fest des Bakchos in wilder Begeisterung zu feiern pflegten. Auch die Königin eilte, mit Reben bekränzt, den Thyrsosstab in den Händen schwingend, mit der Schar der Weiber hinaus in die waldigen Berge. Wütenden Schmerz im Innern, heuchelte sie bakchantische Wut. So kam sie an das einsame Gehöft, wo Philomela gefangen war. Mit Evoeruf brach sie hinein, riß die Schwester mit sich fort und führte sie, das Antlitz ihr mit Efeuranken verbergend, in den Palast des Königs Tereus. Da erst erkannte die arme Philomela ihre Schwester, die sie in ein abgelegenes Gemach brachte. »Nicht Tränen helfen uns«, rief Prokne, als die Unglückliche ihr bleiches Antlitz verhüllte, »nein, Blut, Stahl, gräßlichster Mord. Zu jedem Greuel bin ich bereit, o Schwester, um dem verruchten Manne seine Schandtat zu vergelten.« Während sie so redete, trat ihr kleiner Sohn Itys herein, der die Mutter begrüßen wollte. Sie aber starrte ihn düsteren Blickes an und murmelte: »Ha, wie gleicht er dem Vater!« Da plötzlich verstummte sie, traurige Tat im Busen bedenkend. Jetzt sprang der Kleine an ihr in die Höhe, hängte sich ihr schmeichelnd an den Hals und bedeckte ihr den Mund mit Küssen. Aber nur einen Augenblick bebte das Herz der Mutter, nur eine Träne fiel auf das Antlitz ihres Sohnes. Dann riß sie ihn mit sich fort in ein anderes Gemach. »Ach Mutter, liebe Mutter, was tust du?« rief das Kind, ängstlich sie umhalsend. Sie aber war taub, wahnsinnige Rachgier drängte sie zu rasender Wut, sie erfaßte ein Messer und stieß es in die Brust des eignen Kindes, das Philomela vollends umbrachte.

Auf dem Throne seiner Ahnen saß der König Tereus und schmauste von dem Mahle, das sein Weib selber ihm auftrug. »Wo ist mein Itys?« rief er, als er den Hunger gestillt hatte. »Er ist ja hier«, erwiderte mit Hohnlachen das Weib, »nicht näher könnt er dir sein.« Mit fragenden Blicken schaute Tereus sich um, da trat Philomela, noch triefend vom gräßlichen Mord, herein und warf das blutige Haupt des Kindes dem Vater vor die Füße. Nun ward’s dem König furchtbar klar; wahnsinnig schreiend stieß er den Tisch mit dem scheußlichen Mahle um, riß sein Schwert aus der Scheide und stürzte den fliehenden Schwestern nach. Sie schienen von Fittichen getragen zu werden. Ja, wirklich hoben Flügel sie empor: die eine floh in den Wald, die andere schwang sich unter das Dach. Prokne war zur Nachtigall, Philomela zur Schwalbe geworden; noch trägt sie am Brustgefieder blutige Flecken, die Spur des Mordes. Aber auch der ruchlose Tereus, der sie verfolgte, sollte nicht mehr unter Menschen wandeln, er ward zum Wiedehopf. Mit hoch emporragendem Helmbusch und langem, spitzigem Schnabel verfolgt er auf ewig die Nachtigall und die Schwalbe [Fußnote].

Prokris und Kephalos



Prokris und Kephalos

Die schönste unter den Töchtern des Erechtheus war Prokris. Mit ihr war Kephalos, ein Sohn des Hermes und der Kekropstochter Herse, durch innige Liebe verbunden, und als Erechtheus ihre Hände am Hochzeitstag aneinandergelegt hatte, priesen sie alle Athener als die glücklichsten Gatten. Doch dieses Glück sollte nicht von langer Dauer sein. Kaum war der zweite Monat vergangen, als Kephalos eines Morgens auf die Hirschjagd hinauszog in die Wälder des Hymettos. Da erblickte den göttergestalteten Jüngling die rosige Eos (Aurora), und von zärtlicher Leidenschaft ergriffen, entführte sie ihn durch die Luft in ihren strahlenden Palast. Aber so schön sie war, das Herz des Kephalos vermochte sie nicht zu umstricken; er dachte nur an seine traute Gattin, mit Tränen im Auge rief er ihren Namen und flehte die Göttin an, ihn seiner geliebten Prokris wiederzugeben. Traurig, doch nicht ungerührt, hörte ihn Eos und sprach: »Still, Liebloser! Genug der Klagen! Du sollst deine Prokris wieder besitzen. Doch ich ahn es, es kommt die Zeit, wo du sie nie gesehen zu haben wünschest.« So sprach sie grollend und entließ ihn. Während er nun nach der Heimat eilte, kamen ihm die Worte der Göttin nicht aus dem Sinne, und indem er über ihre Bedeutung nachgrübelte, stieg allmählich Furcht in ihm auf und Argwohn, ob auch Prokris ihm den Schwur der Treue unverbrüchlich gehalten. Endlich beschloß er, in verwandelter Gestalt das heimische Haus zu betreten, um die Gattin zu prüfen, und Eos selbst schien die Züge seines Angesichts zu verändern. So ging er nach Athen und trat in sein Haus. Dort fand er nichts Tadelnswürdiges; alles verkündete die sittsame Zucht der Herrin und ihre Sorge um den verschwundenen Gatten. Durch manche Listen gelang es ihm, sich Eingang bei der Tochter des Erechtheus zu verschaffen, aber alle seine Künste scheiterten an ihrer Treue. Da ward es ihm schwer, seine Verstellung nicht aufzugeben. Am liebsten hätte er sich dem edlen Weibe an die Brust geworfen, sie mit Küssen und Tränen bedeckt. Aber in unheilvoller Verblendung genügte ihm die bestandene Probe nicht, und als er nun immer reichere Geschenke versprach und sie überredete, Kephalos sei nicht mehr am Leben, da begann zuletzt Prokris‘ standhafter Sinn zu wanken. Alsbald übermannte ihn unbilliger Zorn, und er rief: »Treulose, du bist entlarvt! Wisse, ich bin dein Gatte, den du verraten wolltest.« Sie antwortete ihm nichts; gekränkt und von Scham und Trauer gebeugt, floh sie das Haus des arglistigen Mannes. Auf der fernen Insel Kreta irrte sie in den Bergen umher, im Gefolge der jagdliebenden Artemis, der jungfräulichen Göttin, denn alle Männer waren ihr verhaßt. Kephalos aber ward von bittrer Reue ergriffen; er sagte sich selbst, daß er schändlich und unwürdig gehandelt, und heiße Sehnsucht nach der Geliebten zehrte an seinem Herzen. Ach, auch sie konnte die alte Liebe nicht vergessen. Als Artemis einst die bevorzugte Genossin mit einem nie fehlenden Wurfspieß und dem berühmten, windschnellen Hunde Lälaps beschenkt hatte, kehrte Prokris samt den Wundergaben nach Athen zurück, verzieh dem reuigen Gatten von Herzen gern und lebte mit ihm selige Jahre der Eintracht und innigster Liebe. Hund und Wurfspieß, deren sie nun nicht mehr bedurfte, schenkte sie ihm gleichsam als Morgengabe zur zweiten Vermählung [Fußnote].

Das Glück der beiden zärtlichen Gatten dauerte einige Jahre, aber ein trauriges Ende war ihm beschieden. Wenn früh die Dämmerung am Himmel aufstieg, pflegte Kephalos als rüstiger Jäger sich vom Lager zu erheben und in den waldigen Bergen dem Weidwerk obzuliegen; ohne Diener, ohne Roß und Hunde zog er hinaus. Wenn er nun erwünschte Beute gemacht hatte, so suchte er erquickenden Schatten und rief, ermüdet und heiß von der Jagd, die kühle Luft an, daß sie mit labendem Hauch die glühenden Schläfen ihm umfächle. »Komm, liebliche Aura« – denn Aura nannte der Grieche den frischen Morgenwind –, »komm, du Freundliche«, rief er oftmals, »erquicke und stärke mich! Laß den Verschmachtenden deinen süßen Hauch einatmen, du Holde!« Dies vernahm einst ein Horcher; getäuscht vom doppelsinnigen Wort, glaubte er, Kephalos rufe die Nymphe des Ortes, mit der er heimlich im Walde sich zu treffen pflege. Eilends ging der Unbesonnene zu Prokris und vertraute ihr alles, was er gehört hatte. Leicht läßt die Liebe sich täuschen. Prokris sank ohnmächtig zu Boden, von Herzensjammer überwältigt, und als sie wieder zur Besinnung kam, schluchzte und weinte sie um ihres Gatten Verrat. ›Aura also heißt die Nebenbuhlerin, die das zärtlichste Herz betört hat! Aber‹, so dachte die Gute, ›nicht ungesehen will ich den Geliebten verdammen; vielleicht ist der Unglücksbote getäuscht, oder er täuscht mich selbst mit falschem Bericht.‹ So von Zweifeln, Schmerz und Hoffnung bestürmt, nahm sie sich vor, selber den Gemahl zu belauschen.

Am andern Morgen zog Kephalos wie immer hinaus, streckte sich nach vollendeter Jagd in den Rasen und sang: »Komm, du freundliche Aura, erquicke den Müden!« Aber plötzlich brach er ab, – es raschelte im nahen Gebüsch. Gewiß ist es ein Reh, das durch das Dickicht leise dahinhüpft; schnell springt er auf, schleudert den niemals fehlenden Speer und trifft – ach, die zärtliche Gattin. »Weh mir!« stöhnte die Arme und preßte die Hand auf die todwunde Brust. Kaum erkannte Kephalos die geliebte Stimme, so stürzte er wie wahnsinnig nach der Stelle hin, wo seine treue Prokris in ihrem Blute lag. Umsonst zerriß er jammernd sein Gewand, die schreckliche Wunde zu verbinden. Der Getroffenen schwanden die Kräfte, und mühsam mit flüsternder Stimme sprach sie: »Grausamer, höre mein Flehn! Bei den unsterblichen Göttern, bei dem heiligen Bund, den du treulos gebrochen, beschwör ich dich: Laß, wenn ich tot bin, nicht Aura unser stilles Gemach betreten!« Jetzt erst erkannte Kephalos den unseligen Irrtum, der die Ärmste befangen hielt. Schluchzend belehrte er sie und beteuerte mit heißen Tränen seine Treue und Unschuld. Ach, es war zu spät. Noch einmal blickte sie zärtlich zu ihm auf, ein schmerzliches Lächeln umspielte den bleichen Mund; beruhigt, fast heiter schien ihr sterbendes Antlitz, – so hauchte sie in den Armen des trostlosen Gatten ihre Seele aus.

Prometheus



Erster Teil

Erstes Buch

Prometheus

Himmel und Erde waren geschaffen: das Meer wogte in seinen Ufern, und die Fische spielten darin; in den Lüften sangen beflügelt die Vögel; der Erdboden wimmelte von Tieren. Aber noch fehlte es an dem Geschöpfe, dessen Leib so beschaffen war, daß der Geist in ihm Wohnung machen und von ihm aus die Erdenwelt beherrschen konnte. Da betrat Prometheus die Erde, ein Sprößling des alten Göttergeschlechtes, das Zeus entthront hatte, ein Sohn des erdgebornen Uranossohnes Iapetos, kluger Erfindung voll. Dieser wußte wohl, daß im Erdboden der Same des Himmels schlummre; darum nahm er vom Tone, befeuchtete denselben mit dem Wasser des Flusses, knetete ihn und formte daraus ein Gebilde nach dem Ebenbilde der Götter, der Herren der Welt. Diesen seinen Erdenkloß zu beleben, entlehnte er allenthalben von den Tierseelen gute und böse Eigenschaften und schloß sie in die Brust des Menschen ein. Unter den Himmlischen hatte er eine Freundin, Athene, die Göttin der Weisheit. Diese bewunderte die Schöpfung des Titanensohnes und blies dem halbbeseelten Bilde den Geist, den göttlichen Atem ein.

So entstanden die ersten Menschen und füllten bald vervielfältigt die Erde. Lange aber wußten diese nicht, wie sie sich ihrer edlen Glieder und des empfangenen Götterfunkens bedienen sollten. Sehend sahen sie umsonst, hörten hörend nicht; wie Traumgestalten liefen sie umher und wußten sich der Schöpfung nicht zu bedienen. Unbekannt war ihnen die Kunst, Steine auszugraben und zu behauen, aus Lehm Ziegel zu brennen, Balken aus dem gefällten Holze des Waldes zu zimmern und mit allem diesem sich Häuser zu erbauen. Unter der Erde, in sonnenlosen Höhlen, wimmelte es von ihnen, wie von beweglichen Ameisen; nicht den Winter, nicht den blütenvollen Frühling, nicht den früchtereichen Sommer kannten sie an sicheren Zeichen; planlos war alles, was sie verrichteten. Da nahm sich Prometheus seiner Geschöpfe an; er lehrte sie den Auf- und Niedergang der Gestirne beobachten, erfand ihnen die Kunst zu zählen, die Buchstabenschrift; lehrte sie Tiere ans Joch spannen und zu Genossen ihrer Arbeit brauchen, gewöhnte die Rosse an Zügel und Wagen; erfand Nachen und Segel für die Schiffahrt. Auch fürs übrige Leben sorgte er den Menschen. Früher, wenn einer krank wurde, wußte er kein Mittel, nicht was von Speise und Trank ihm zuträglich sei, kannte kein Salböl zur Linderung seiner Schäden; sondern aus Mangel an Arzneien starben sie elendiglich dahin. Darum zeigte ihnen Prometheus die Mischung milder Heilmittel, allerlei Krankheiten damit zu vertreiben. Dann lehrte er sie die Wahrsagerkunst, deutete ihnen Vorzeichen und Träume, Vogelflug und Opferschau. Ferner führte er ihren Blick unter die Erde und ließ sie hier das Erz, das Eisen, das Silber und das Gold entdecken; kurz, in alle Bequemlichkeiten und Künste des Lebens leitete er sie ein.

Im Himmel herrschte mit seinen Kindern seit kurzem Zeus, der seinen Vater Kronos entthront und das alte Göttergeschlecht, von welchem auch Prometheus abstammte gestürzt hatte.

Jetzt wurden die neuen Götter aufmerksam auf das eben entstandene Menschenvolk. Sie verlangten Verehrung von ihm für den Schutz, welchen sie demselben angedeihen zu lassen bereitwillig waren. Zu Mekone in Griechenland ward ein Tag gehalten zwischen Sterblichen und Unsterblichen, und Rechte und Pflichten der Menschen bestimmt. Bei dieser Versammlung erschien Prometheus als Anwalt seiner Menschen, dafür zu sorgen, daß die Götter für die übernommenen Schutzämter den Sterblichen nicht allzu lästige Gebühren auferlegen möchten. Da verführte den Titanensohn seine Klugheit, die Götter zu betrügen. Er schlachtete im Namen seiner Geschöpfe einen großen Stier, davon sollten die Himmlischen wählen, was sie für sich davon verlangten. Er hatte aber nach Zerstückelung des Opfertieres zwei Haufen gemacht; auf die eine Seite legte er das Fleisch, das Eingeweide und den Speck, in die Haut des Stieres zusammengefaßt, und den Magen oben darauf, auf die andere die kahlen Knochen, künstlich in das Unschlitt des Schlachtopfers eingehüllt. Und dieser Haufen war der größere. Zeus, der Göttervater, der allwissende, durchschaute seinen Betrug und sprach: »Sohn des Iapetos, erlauchter König, guter Freund, wie ungleich hast du die Teile geteilt!« Prometheus glaubte jetzt erst recht, daß er ihn betrogen, lächelte bei sich selbst und sprach: »Erlauchter Zeus, größter der ewigen Götter, wähle den Teil, den dir dein Herz im Busen anrät zu wählen.« Zeus ergrimmte im Herzen, aber geflissentlich faßte er mit beiden Händen das weiße Unschlitt. Als er es nun auseinandergedrückt und die bloßen Knochen gewahrte, stellte er sich an, als entdeckte er jetzt eben erst den Betrug, und zornig sprach er: »Ich sehe wohl, Freund Iapetionide, daß du die Kunst des Truges noch nicht verlernt hast!«

Zeus beschloß, sich an Prometheus für seinen Betrug zu rächen, und versagte den Sterblichen die letzte Gabe, die sie zur vollendeteren Gesittung bedurften, das Feuer. Doch auch dafür wußte der schlaue Sohn des Iapetos Rat. Er nahm den langen Stengel des markigen Riesenfenchels, näherte sich mit ihm dem vorüberfahrenden Sonnenwagen und setzte so den Stengel in glostenden Brand. Mit diesem Feuerzunder kam er hernieder auf die Erde, und bald loderte der erste Holzstoß gen Himmel. In innerster Seele schmerzte es den Donnerer, als er den fernhinleuchtenden Glanz des Feuers unter den Menschen emporsteigen sah. Sofort formte er, da des Feuers Gebrauch den Sterblichen nicht mehr zu nehmen war, ein neues Übel für sie. Der seiner Kunst wegen berühmte Feuergott Hephaistos mußte ihm das Scheinbild einer schönen Jungfrau fertigen; Athene selbst, die, auf Prometheus eifersüchtig, ihm abhold geworden war, warf dem Bild ein weißes, schimmerndes Gewand über, ließ ihr einen Schleier über das Gesicht wallen, den das Mädchen mit den Händen geteilt hielt, bekränzte ihr Haupt mit frischen Blumen und umschlang es mit einer goldenen Binde, die gleichfalls Hephaistos seinem Vater zulieb kunstreich verfertigt und mit bunten Tiergestalten herrlich verziert hatte. Hermes, der Götterbote, mußte dem holden Gebilde Sprache verleihen und Aphrodite allen Liebreiz. Also hatte Zeus unter der Gestalt eines Gutes ein blendendes Übel geschaffen; er nannte das Mägdlein Pandora, das heißt die Allbeschenkte, denn jeder der Unsterblichen hatte ihr irgendein unheilbringendes Geschenk für die Menschen mitgegeben. Darauf führte er die Jungfrau hernieder auf die Erde, wo Sterbliche vermischt mit den Göttern lustwandelten. Alle miteinander bewunderten die unvergleichliche Gestalt. Sie aber schritt zu Epimetheus, dem argloseren Bruder des Prometheus, ihm das Geschenk des Zeus zu bringen. Vergebens hatte diesen der Bruder gewarnt, niemals ein Geschenk vom olympischen Herrscher anzunehmen, damit dem Menschen kein Leid dadurch widerführe, sondern es sofort zurückzusenden. Epimetheus, dieses Wortes uneingedenk, nahm die schöne Jungfrau mit Freuden auf und empfand das Übel erst, als er es hatte. Denn bisher lebten die Geschlechter der Menschen, von seinem Bruder beraten, frei vom Übel, ohne beschwerliche Arbeit, ohne quälende Krankheit. Das Weib aber trug in den Händen ihr Geschenk, ein großes Gefäß mit einem Deckel versehen. Kaum bei Epimetheus angekommen, schlug sie den Deckel zurück, und alsbald entflog dem Gefäße eine Schar von Übeln und verbreitete sich mit Blitzesschnelle über die Erde. Ein einziges Gut war zuunterst in dem Fasse verborgen, die Hoffnung; aber auf den Rat des Göttervaters warf Pandora den Deckel wieder zu, ehe sie herausflattern konnte, und verschloß sie für immer in dem Gefäß. Das Elend füllte inzwischen in allen Gestalten Erde, Luft und Meer. Die Krankheiten irrten bei Tag und bei Nacht unter den Menschen umher, heimlich und schweigend, denn Zeus hatte ihnen keine Stimme gegeben; eine Schar von Fiebern hielt die Erde belagert, und der Tod, früher nur langsam die Sterblichen beschleichend, beflügelte seinen Schritt.

Darauf wandte sich Zeus mit seiner Rache gegen Prometheus. Er übergab den Verbrecher dem Hephaistos und seinen Dienern, dem Kratos und der Bia (dem Zwang und der Gewalt). Diese mußten ihn in die skythischen Einöden schleppen und hier, über einem schauderhaften Abgrund, an eine Felswand des Berges Kaukasus mit unauflöslichen Ketten schmieden. Ungerne vollzog Hephaistos den Auftrag seines Vaters, er liebte in dem Titanensohne den verwandten Abkömmling seines Urgroßvaters Uranos, den ebenbürtigen Göttersprößling. Unter mitleidsvollen Worten und von den roheren Knechten gescholten, ließ er diese das grausame Werk vollbringen. So mußte nun Prometheus an der freudlosen Klippe hängen, aufrecht, schlaflos, niemals imstande, das müde Knie zu beugen. »Viele vergebliche Klagen und Seufzer wirst du versenden«, sagte Hephaistos zu ihm, »denn des Zeus Sinn ist unerbittlich, und alle, die erst seit kurzem die Herrschergewalt an sich gerissen [Fußnote], sind hartherzig.« Wirklich sollte auch die Qual des Gefangenen ewig oder doch dreißigtausend Jahre dauern. Obwohl laut aufseufzend und Winde, Ströme, Quellen und Meereswellen, die Allmutter Erde und den allschauenden Sonnenkreis zu Zeugen seiner Pein aufrufend, blieb er doch ungebeugten Sinnes. »Was das Schicksal beschlossen hat«, sprach er, »muß derjenige tragen, der die unbezwingliche Gewalt der Notwendigkeit einsehen gelernt hat.« Auch ließ er sich durch keine Drohungen des Zeus bewegen, die dunkle Weissagung, daß dem Götterherrscher durch einen neuen Ehebund [Fußnote] Verderben und Untergang bevorstehe, näher auszudeuten. Zeus hielt Wort; er sandte dem Gefesselten einen Adler, der als täglicher Gast an seiner Leber zehren durfte, die sich, abgeweidet, immer wieder erneuerte. Diese Qual sollte nicht eher aufhören, bis ein Ersatzmann erscheinen würde, der durch freiwillige Übernahme des Todes gewissermaßen sein Stellvertreter zu werden sich erböte.

Jener Zeitpunkt erschien früher, als der Verurteilte nach dem Spruch des Göttervaters erwarten durfte. Als er viele Jahre an dem Felsen gehangen, kam Herakles des Weges, auf der Fahrt nach den Hesperiden und ihren Äpfeln begriffen. Wie er den Götterenkel am Kaukasus hängen sah und sich seines guten Rates zu erfreuen hoffte, erbarmte ihn sein Geschick, denn er sah zu, wie der Adler, auf den Knien des Prometheus sitzend, an der Leber des Unglücklichen fraß. Da legte er Keule und Löwenhaut hinter sich, spannte den Bogen, entsandte den Pfeil und schoß den grausamen Vogel von der Leber des Gequälten hinweg. Hierauf löste er seine Fesseln und führte den Befreiten mit sich davon. Damit aber Zeus‘ Bedingung erfüllt würde, stellte er ihm als Ersatzmann den Zentauren Chiron, der erbötig war, an jenes Statt zu sterben; denn vorher war er unsterblich. Auf daß jedoch des Kroniden Urteil, der den Prometheus auf weit längere Zeit an den Felsen gesprochen hatte, auch so nicht unvollzogen bliebe, so mußte Prometheus fortwährend einen eisernen Ring tragen, an welchem sich ein Steinchen von jenem Kaukasusfelsen befand. So konnte sich Zeus rühmen, daß sein Feind noch immer an den Kaukasus angeschmiedet lebe.