Sagen

Zweiundzwanzigster Gesang

Zweiundzwanzigster Gesang

Den zurückkehrenden Achilleus erwartet Hektor vor der Stadt, obgleich die Eltern von der Mauer ihn jammernd hereinrufen; beim Annahn des Schrecklichen flieht er, dreimal um Ilios verfolgt. Zeus wägt Hektors Verderben, und sein Beschützer Apollon weicht. Athene in Deïphobos Gestalt verleitet den Hektor zu widerstehn. Achilleus fehlt, Hektors Lanze prallt ab; drauf mit dem Schwert anrennend wird er am Halse durchstochen, dann entwaffnet, und rückwärts am Wagen zu den Schiffen geschleift. Wehklage der Eltern von der Mauer, und der zukommenden Andromache.

So flohn jene zur Stadt angstvoll, wie die Jungen der Hindin,
Kühleten atmend den Schweiß, und tranken, den Durst sich zu löschen,
Längs der Mauer gestreckt an der Brustwehr. Doch die Achaier
Wandelten dicht zur Mauer, die Schilde gelehnt an die Schultern.
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Hektorn zwang zu beharren das schreckenvolle Verhängnis,
Außerhalb vor Ilios Stadt und dem skäischen Tore.
Aber zum Peleionen begann itzt Phöbos Apollon:
Warum doch, o Peleide, verfolgst du mich eilendes Laufes,
Selbst ein Sterblicher nur den Unsterblichen? Schwerlich indes wohl
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Kennst du den himmlischen Gott, daß sonder Rast du dich abmühst.
Traun nichts gilt der Troer Gefecht dir, welche du scheuchtest:
Diese flohn in die Feste gedrängt; und du wandtest dich hieher.
Nie ja tötest du mich, der keinem Verhängnisse frönet.
Unmutsvoll antwortete drauf der schnelle Achilleus:
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O des Betrugs, Ferntreffer, du grausamster unter den Göttern,
Daß du so weit von der Mauer mich wendetest! Wahrlich noch viele
Knirschten die Zähn‘ in den Staub, eh‘ Ilios Stadt sie erreichet!
Doch mir nimmst du den herrlichen Ruhm, und rettetest jene,
Sonder Müh; denn du darfst nicht Rache scheun in der Zukunft!
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Traun ich rächte mich gern, wenn genug der Stärke mir wäre!
Dieses gesagt, hineilt‘ er voll trotzendes Muts zu der Mauer,
Ungestüm, wie ein Roß, zum Siege gewöhnt, mit dem Wagen,
Welches behend‘ und gestreckt einhersprengt durch das Gefilde:
So der Peleid‘, eilfertig die Knie‘ und die Schenkel bewegt‘ er.
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Priamos aber der Greis ersah ihn zuerst mit den Augen,
Strahlenvoll wie der Stern, da er herflog durch das Gefilde,
Welcher im Herbst aufgeht, und mit überstrahlender Klarheit
Scheint vor vielen Gestirnen in dämmernder Stunde des Melkens;
Welcher Orions Hund genannt wird unter den Menschen;
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Hell zwar glänzt er hervor, doch zum schädlichen Zeichen geordnet,
Denn er bringt ausdörrende Glut den elenden Menschen:
So dort strahlte das Erz um die Brust des laufenden Herrschers.
Laut wehklagte der Greis, und schlug sein Haupt mit den Händen,
Hoch empor sie erhebend, und rief wehklagend hinunter,
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Flehend dem lieben Sohn, der außerhalb vor dem Tore
Stand, voll heißer Begier, mit dem Peleionen zu kämpfen;
Diesem rief lautjammernd der Greis, und streckte die Händ‘ aus:
Hektor, erwarte mir nicht, mein trautester Sohn, den Verderber,
Einsam, getrennt von den andern, daß nicht dich ereile das Schicksal
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Unter Achilleus‘ Hand, der weit an Stärke dir vorgeht!
Möchte der Grausame doch den Unsterblichen also geliebt sein,
Wie mir selbst! bald läg er, ein Raub den Hunden und Geiern
Dargestreckt; dann schwände der Gram, der das Herz mir belastet!
Ach, der Söhne so viel‘ und so tapfere raubte mir jener,
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Mordend teils, und verkaufend in fernentlegene Inseln!
Jetzt auch zween der geliebten, Lykaon samt Polydoros,
Schau‘ ich nirgend im Heere der eingeschlossenen Troer,
Die mir Laothoe beide gebar, die Fürstin der Weiber.
Wenn sie nur noch leben im Kriegsheer, wieder hinfort dann
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Könnt‘ ich mit Erz und Gold sie befrein; denn ich habe daheim ja:
Vieles ja gab der Tochter der graue gepriesene Altes.
Sind sie jedoch schon tot, und in Aïdes Schattenbehausung;
Gram dann füllt mir das Herz, und der Mutter, die wir sie zeugten.
Aber das übrige Volk wird weniger jene betrauern,
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Wenn nur du nicht stirbst, von Achilleus Stärke gebändigt.
Komm denn herein in die Stadt, mein Trautester, daß du errettest
Trojas Männer und Fraun, daß nicht mit Ruhm du verherrlichst
Peleus‘ Sohn, und selber dem süßes Leben verlierest!
Auch erbarme dich mein, des Elenden, weil ich noch atme,
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Ach des jammervollen, den Zeus an der Schwelle des Alters
Straft zu schwinden in Gram, und unendliches Weh zu erblicken:
Meine Söhn‘ erwürgt, und hinweggerissen die Töchter,
Ausgeplündert die Kammern der Burg, und die stammelnden Kinder
Hin auf den Boden geschmettert, in schreckenvoller Entscheidung,
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Auch die Schnüre geschleppt von der grausamen Hand der Achaier!
Selber zuletzt wohl lieg‘ ich zerfleischt am Tor des Palastes
Von blutgierigen Hunden, nachdem ein mordendes Erz mir,
Zuckend oder geschnellt, den Geist aus den Gliedern hinwegnahm,
Die ich im Hause genährt am Tisch, zu Hütern des Tores;
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Sie dann lecken mein Blut, und wild von rasendem Wahnsinn
Liegen sie vorn am Tor! Dem Jünglinge stehet es wohl an,
Wenn er im Streit erschlagen, zerfleischt von der Schärfe des Erzes,
Daliegt; schön ist alles im Tode noch, was auch erscheinet.
Aber wird das grauende Haupt, und der grauende Bart nun,
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Auch die Scham von Hunden entstellt dem ermordeten Greise;
Das ist traun das kläglichste Leid dem elenden Menschen!
Also der Greis, und raufte sich graues Haar mit den Händen
Rings von dem Haupt; doch nicht war Hektors Geist zu bewegen.
Auch die Mutter zunächst wehklagete, Tränen vergießend,
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Trennte des Busens Gewand, und erhob die Brust mit der Linken;
So von Tränen benetzt die geflügelten Worte begann sie:
Hektor! scheue, mein Sohn, den Anblick, ach und erbarm dich
Meiner selbst! Wo ich je die stillende Brust dir geboten,
Denke mir des, mein Kind, und wehre dem schrecklichen Manne
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Hier, in die Mauer gerettet; nur dort nicht stelle dich jenem!
Rasender! wenn er sogar dich ermordete; nimmer beweint‘ ich
Dich auf Leichengewanden, du trautester Sprößling des Schoßes,
Noch die reiche Gemahlin; vielmehr so entfernt von uns beiden,
Dort an der Danaer Schiffen, zerfleischten dich hurtige Hunde!
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Also weineten beide, den lieben Sohn anflehend,
Laut mit Geschrei; doch nicht war Hektors Geist zu bewegen;
Nein er erharrt‘ Achilleus, des Ungeheuren, Herannahn.
So wie ein Drach‘ im Gebirge den Mann erharrt an der Felskluft,
Satt des giftigen Krauts, und erfüllt von heftigem Zorne;
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Gräßlich schaut er umher, in Ringel gedreht um die Felskluft:
So unbändiges Mutes verweilt‘ auch Hektor, und wich nicht,
Lehnend den hellen Schild an des Turms vorragende Mauer;
Tief aufseufzt‘ er und sprach zu seiner erhabenen Seele:
Wehe mir! wollt‘ ich anjetzt in Tor und Mauer hineingehn;
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Würde Polydamas gleich mit kränkendem Hohn mich belasten,
Welcher mir riet in die Feste das Heer der Troer zu führen,
Vor der verderblichen Nacht, da erstand der edle Achilleus.
Aber ich hörete nicht; wie heilsam, hätt‘ ich gehöret!
Jetzo nachdem ich verderbte das Volk durch meine Betörung,
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Scheu ich Trojas Männer und saumnachschleppende Weiber,
Daß nicht einst mir sage der Schlechteren einer umher wo:
Hektor verderbte das Volk, auf eigene Stärke vertrauend!
Also spricht man hinfort; doch mir weit heilsamer wär es:
Mutig entweder mit Sieg von Achilleus Morde zu kehren,
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Oder ihm selbst zu fallen im rühmlichen Kampf vor der Mauer.
Aber legt‘ ich zur Erde den Schild von gerundeter Wölbung,
Samt dem gewichtigen Helm, und den Speer an die Mauer gelehnet,
Eilt‘ ich entgegen zu gehn dem tadellosen Achilleus,
Und verhieß ihm Helena selbst, und ihre Besitzung
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Alle, so viel Alexandros daher in geräumigen Schiffen
Einst gen Troja geführt, was unseres Streites Beginn war,
Daß er zu Atreus‘ Söhnen es führt‘; auch umher den Achaiern
Anderes auszuteilen, wie viel die Stadt auch verschließet;
Und ich nähme darauf von Trojas Fürsten den Eidschwur,
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Nichts ingeheim zu entziehn, nein zwiefach alles zu teilen,
Was an Gut die liebliche Stadt inwendig verschließet: –
Aber warum bewegte das Herz mir solche Gedanken?
Laß mich ja nicht flehend ihm nahn! Nein sonder Erbarmung
Würd‘ er, und sonder Scheu, mich niederhaun, den Entblößten,
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Grad‘ hinweg, wie ein Weib, sobald ich der Wehr mich enthüllet.
Nicht fürwahr nun gilt es, vom Eichbaum oder vom Felsen
Lange mit ihm zu schwatzen, wie Jungfrau traulich und Jüngling,
Jungfrau traulich und Jüngling zu holdem Geschwätz sich gesellen.
Besser zu feindlichem Kampfe hinangerannt! daß wir eilig
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Sehn, wem etwa von uns der Olympier Ehre verleihe!
Also dacht‘ er, und blieb. Doch näher kam ihm Achilleus,
Ares gleich an Gestalt, dem helmerschütternden Streiter,
Pelions ragende Esch‘ auf der rechten Schulter bewegend,
Fürchterlich; aber das Erz umleuchtet‘ ihn, ähnlich dem Schimmer
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Lodernder Feuersbrunst, und der hellaufgehenden Sonne.
Hektor, sobald er ihn sah, erzitterte; nicht auch vermocht‘ er
Dort zu bestehn, und er wandte vorn Tore sich, ängstlich entziehend.
Hinter ihm flog der Peleide, den hurtigen Füßen vertrauend.
So wie ein Falk des Gebirgs, der geschwindeste aller Gevögel,
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Leicht mit gewaltigem Schwung nachstürmt der schüchternen Taube;
Seitwärts schlüpfet sie oft; doch nah mit hellem Getön ihr
Schießet er häufig daher, voll heißer Begier zu erhaschen:
So drang jener im Flug gradan; doch es flüchtete Hektor
Längs der troischen Mauer, die hurtigen Kniee bewegend.
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Beid‘ an der Warte vorbei und dem wehenden Feigenbaume,
Immer hinweg von der Mauer, entflogen sie über den Fahrweg.
Und sie erreichten die zwo schönsprudelnden Quellen, woher sich
Beide Bäch‘ ergießen des wirbelvollen Skamandros.
Eine rinnt beständig mit warmer Flut, und umher ihr
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Wallt aufsteigender Dampf, wie der Rauch des brennenden Feuers;
Aber die andere fließt im Sommer auch kalt wie der Hagel,
Oder des Winters Schnee, und gefrorene Schollen des Eises.
Dort sind nahe den Quellen geräumige Gruben der Wäsche,
Steinerne, schöngehaun, wo die stattlichen Feiergewande
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Trojas Weiber vordem und liebliche Töchter sich wuschen,
Als noch blühte der Fried‘, eh‘ die Macht der Achaier daherkam.
Hier nun rannten vorbei der Fliehende und der Verfolger.
Vornan floh ein Starker, jedoch ein Stärkerer folgte
Stürmendes Laufs: denn nicht um ein Weihvieh, oder ein Stierfell,
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Strebten sie, welches man stellt zum Kampfpreis laufender Männer;
Sondern es galt das Leben des gaulbezähmenden Hektors.
So wie zum Siege gewöhnt um das Ziel starkhufiger Rosse
Hurtiger wenden den Lauf, denn es lohnt ein köstlicher Dreifuß,
Oder ein blühendes Weib, am Fest des gestorbenen Herrschers:
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Also kreiseten sie dreimal um Priamos Feste
Rings mit geflügeltem Fuß; und die Ewigen schaueten alle.
Jetzo begann der Vater des Menschengeschlechts und der Götter:
Wehe doch! einen Geliebten umhergejagt um die Mauer
Seh‘ ich dort mit den Augen; und herzlich jammert mich seiner,
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Hektors, welcher so oft mir Schenkel der Stier‘ auf dem Altar
Zündete, bald auf den Höhen des vielgewundenen Ida,
Bald in der oberen Burg! Nun drängt ihn der edle Achilleus,
Rings um Priamos‘ Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend.
Aber wohlan, ihr Götter, erwägt im Herzen den Ratschluß:
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Ob er der Todesgefahr noch entfliehn soll, oder anitzo
Fallen, wie tapfer er ist, dem Peleionen Achilleus.
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugige Tochter Athene:
Vater mit blendendem Strahl, Schwarzwolkiger, welcherlei Rede!
Einen sterblichen Mann, längst ausersehn dem Verhängnis,
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Denkst du anitzt von des Todes graunvoller Gewalt zu erlösen?
Tu’s; doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Fasse dich, Tritogeneia, mein Töchterchen! Nicht mit des Herzens
Meinung sprach ich das Wort: ich will dir freundlich gesinnt sein.
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Tue, wie dir nun selbst es genehm ist; nicht so gezaudert.
Also Zeus, und erregte die schon verlangende Göttin;
Stürmendes Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos.
Hektorn drängt‘ unablässig im Lauf der Verfolger Achilleus.
Wie wenn den Sohn des Hirsches der Hund im Gebirge verfolget,
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Aufgejagt aus dem Lager, durch windende Tal‘ und Gebüsche;
Ob auch jener sich berg‘ und niederduck‘ in dem Dickicht,
Stets doch läuft er umher, der Spürende, bis er gefunden:
So barg Hektor sich nicht dem mutigen Renner Achilleus.
Wenn er auch oft ansetzte, zum hohen dardanischen Tore
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Hinzuwenden den Lauf, und den festgebaueten Türmen,
Ob vielleicht von oben der Freunde Geschoß ihn beschützte;
Eilete stets der Verfolger zuvor, und wendet‘ ihn abwärts
Nach dem Gefild‘, er selbst an der Seite der Stadt hinfliegend.
Wie man im Traum umsonst den Fliehenden strebt zu verfolgen;
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Nicht kann dieser hinweg ihm entfliehn, noch jener verfolgen:
Also ergriff nicht dieser im Lauf, noch enteilete jener.
Doch wie wär‘ itzt Hektor entflohn den Keren des Todes,
Wenn nicht ihm noch einmal zuletzt Apollon der Herrscher
Nahete, welcher ihm Kraft aufregt‘ und hurtige Schenkel?
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Aber dem Volke verbot mit winkendem Haupt der Peleide,
Nicht ihm daherzuschnellen auf Hektor herbe Geschosse;
Daß kein Treffender raubte den Ruhm, er der zweite dann käme.
Als sie nunmehr zum vierten die sprudelnden Quellen erreichet;
Jetzo streckte der Vater empor die goldene Waage,
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Legt‘ in die Schalen hinein zwei finstere Todeslose,
Dieses dem Peleionen, und das dem reisigen Hektor,
Faßte die Mitt‘, und wog: da lastete Hektors Schicksal
Schwer zum Aïdes hin; es verließ ihn Phöbos Apollon.
Doch zu Achilleus kann die Herrscherin Pallas Athene;
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Nahe trat sie hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Jetzt doch, hoff‘ ich gewiß, Zeus‘ Liebling, edler Achilleus,
Bringen wir großen Ruhm hinab zu dem Schiffen Achaias,
Hektor dort austilgend, den unersättlichen Krieger.
Nun nicht mehr vermag er aus unserer Hand zu entrinnen,
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Nein wie viel auch erdulde der treffende Phöbos Apollon,
Hingewälzt vor die Kniee des ägiserschütternden Vaters.
Aber wohlan nun steh und erhole dich; während ich selber
Jenem genaht zurede, dir kühn entgegen zu kämpfen.
Also sprach Athen‘; er gehorcht‘ ihr, freudiges Herzens,
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Stand, und ruhte gelehnt auf die erzgerüstete Esche.
Jene verließ ihn selbst, und erreichte den göttlichen Hektor,
Ganz dem Deïphobos gleich an Wuchs und gewaltiger Stimme;
Nahe trat sie hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Ach mein älterer Bruder, wie drängt dich der schnelle Achilleus,
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Rings um Priamos‘ Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend!
Aber wohlan, wir bleiben, und widerstehn unerschüttert!
Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Stets, Deïphobos, warst du auch sonst mein trautester Bruder,
Aller, die Priamos zeugt‘ und Hekabe, unsere Mutter;
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Aber noch mehr gedenk‘ ich hinfort dich im Herzen zu ehren,
Daß du um meinetwillen, sobald du mich sahst mit den Augen,
Dich aus der Mauer gewagt, da andere drinnen beharren.
Ihm antwortete Zeus‘ blauäugige Tochter Athene:
Bruder, mich bat der Vater mit Flehn und die würdige Mutter,
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Die umeinander die Kniee mir rühreten, auch die Genossen
Fleheten, dort zu bleiben: so sehr sind alle voll Schreckens.
Doch mein Herz im Busen durchdrang der schmerzende Kummer.
Nun gradan mit Begierde zum Kampf! nun unserer Lanzen
Nicht geschonet annoch! damit wir sehn, ob Achilleus
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Uns vielleicht ermordet, und blutige Waffen hinabträgt
Zu den gebogenen Schiffen; ob deiner Lanz‘ er dahinsinkt!
Dieses gesagt, ging jene voran, die täuschende Göttin.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Jetzo begann anredend der helmumflatterte Hektor:
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Nicht hinfort, o Peleid‘, entflieh‘ ich dir, so wie bis jetzo!
Dreimal umlief ich die Feste des Priamos, nimmer es wagend,
Deiner Gewalt zu beharren; allein nun treibt mich das Herz an,
Fest dir entgegen zu stehn, ich töte dich, oder ich falle!
Laß uns jetzt zu den Göttern emporschaun, welche die stärksten
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Zeugen des Eidschwurs sind, und jegliches Bundes Bewahrer.
Denn ich werde dich nimmer mit Schmach mißhandeln, verleiht mir
Zeus, als Sieger zu stehn, und dir die Seele zu rauben;
Sondern nachdem ich gewonnen dein schönes Geschmeid‘, o Achilleus;
Geb‘ ich die Leiche zurück den Danaern. Tue mir Gleiches.
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Finster schaut‘ und begann der mutige Renner Achilleus:
Hektor, mir nicht, unvergeßlicher Feind, von Verträgen geplaudert!
Wie kein Bund die Löwen und Menschenkinder befreundet,
Auch nicht Wölf‘ und Lämmer in Eintracht je sich gesellen;
Sondern bitterer Haß sie ewig trennt voneinander:
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So ist nimmer für uns Vereinigung, oder ein Bündnis,
Mich zu befreunden und dich, bis einer, gestürzt auf den Boden,
Ares mit Blute getränkt, den unaufhaltsamen Krieger!
Jeglicher Kampfeskund‘ erinnre dich! Jetzo gebührt dir’s,
Lanzenschwinger zu sein, und unerschrockener Krieger!
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Nicht entrinnst du annoch; durch meine Lanze bezähmt dich
Pallas Athene sofort! Nun büßest du alles auf einmal,
Meiner Genossen Weh, die du Rasender schlugst mit der Lanze!
Sprach’s, und im Schwung‘ entsandt‘ er die weithinschattende Lanze.
Diese jedoch vorschauend vermied der strahlende Hektor;
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Denn er sank in die Knie‘; und es flog der eherne Wurfspieß
Über ihn weg in die Erd‘: ihn ergriff und reichte die Göttin
Schnell dem Peleiden zurück, unbemerkt von dem streitbaren Hektor.
Aber Hektor begann zu dem tadellosen Achilleus:
Weit gefehlt! Wohl schwerlich, o göttergleicher Achilleus,
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Offenbarete Zeus mein Geschick dir, wie du geredet;
Sendern du warst ein gewandter und hinterlistiger Schwätzer,
Daß ich vor dir hinbebend des Muts und der Stärke vergäße.
Nicht mir Fliehenden soll dein Speer den Rücken durchbohren;
Sondern gerad‘ anstürm‘ ich: wohlauf! in die Brust ihn gestoßen,
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Wenn dir ein Gott es verlieh! Doch jetzt vermeide die Schärfe
Dieses Speers! O möchte dein Leib doch ganz ihn empfangen!
Leichter wäre sodann der Kampf für die Männer von Troja,
Wenn du sänkst in den Staub; du bist ihr größestes Unheil!
Sprach’s, und im Schwung‘ entsandt‘ er die weithinschattende Lanze,
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Traf, und verfehlete nicht, gerad‘ auf den Schild des Peleiden;
Doch weit prallte vom Schilde der Speer. Da zürnete Hektor,
Daß sein schnelles Geschoß umsonst aus der Hand ihm entflohn war;
Stand, und schaute bestürzt; denn ihm fehlt‘ ein anderer Wurfspieß.
Laut zu Deïphobos drauf, dem Weißgeschildeten, ruft‘ er,
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Fordernd den ragenden Speer; allein nicht nahe war jener.
Hektor erkannt‘ es anjetzt in seinem Geist und begann so:
Wehe mir doch! nun rufen zum Tode mich wahrlich die Götter!
Denn ich dachte, der Held Deïphobos wolle mir beistehn;
Aber er ist in der Stadt, und es täuschte mich Pallas Athene.
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Nun ist nahe der Tod, der schreckliche! nicht mir entfernt noch;
Auch kein Entfliehn! Denn ehmals beschloß noch solches im Herzen
Zeus, und des Donnerers Sohn, der Treffende, welche zuvor mich
Stets willfährig geschirmt; doch jetzo erhascht mich das Schicksal!
Daß nicht arbeitlos in den Staub ich sinke, noch ruhmlos,
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Nein erst Großes vollendend, wovon auch Künftige hören!
Also redete jener, und zog das geschliffene Schwert aus,
Welches ihm längs der Hüfte herabhing, groß und gewaltig;
An nun stürmt‘ er gefaßt, wie ein hochherfliegender Adler,
Welcher herab auf die Ebne gesenkt aus nächtlichen Wolken
310
Raubt den Hasen im Busch, wo der hinduckt, oder ein Lämmlein:
Also stürmete Hektor, das hauende Schwert in der Rechten.
Gegen ihn drang der Peleid‘, und Wut erfüllte das Herz ihm
Ungestüm: er streckte der Brust den gerundeten Schild vor,
Schön und prangend an Kunst; und der Helm, viergipflig und strahlend,
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Nickt‘ auf dem Haupt; und die stattliche Mähn‘ aus gesponnenem Golde
Flatterte, welche der Gott auf dem Kegel ihm häufig geordnet.
Hell wie der Stern vorstrahlet in dämmernder Stunde des Melkens,
Hesperos, der am schönsten erscheint vor den Sternen des Himmels:
So von der Schärfe des Speers auch strahlet‘ es, welchen Achilleus
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Schwenkt‘ in der rechten Hand, wutvoll dem göttlichen Hektor,
Spähend den schönen Leib, wo die Wund‘ am leichtesten hafte.
Rings zwar sonst umhüllt‘ ihm den Leib die eherne Rüstung,
Blank und schön, die er raubte, die Kraft des Patroklos ermordend;
Nur wo das Schlüsselbein den Hals begrenzt und die Achsel,
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Schien die Kehl‘ ihm entblößt, die gefährlichste Stelle des Lebens:
Dort mit dem Speer anstürmend durchstach ihn der edle Achilleus,
Daß ihm hindurch aus dem zarten Genick die Spitze hervordrang.
Doch nicht gänzlich den Schlund durchschnitt der eherne Speer ihm,
Daß er noch zu reden vermocht‘ im Wechselgespräche;
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Und er entsank in den Staub; da rief frohlockend Achilleus:
Hektor, du glaubtest gewiß, da Patrokleus‘ Wehr du geraubet,
Sicher zu sein, und achtetest nicht des entfernten Achilleus.
Törichter! Jenem entfernt war ein weit machtvollerer Rächer
Bei den gebogenen Schiffen, ich selbst, zurück ihm geblieben,
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Der dir die Kniee gelöst! Dich zerren nun Hund‘ und Gevögel,
Schmählich entstellt; ihn aber bestatten mit Ruhm die Achaier.
Wieder begann schwachatmend der helmumflatterte Hektor:
Dich beschwör‘ ich beim Leben, bei deinen Knien, und den Eltern,
Laß mich nicht an den Schiffen der Danaer Hunde zerreißen;
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Sondern nimm des Erzes genug und des köstlichen Goldes
Zum Geschenk, das der Vater dir beut, und die würdige Mutter.
Aber den Leib entsende gen Ilios, daß in der Heimat
Trojas Männer und Fraun des Feuers Ehre mir geben.
Finster schaut‘ und begann der mutige Renner Achilleus:
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Nicht beschwöre mich, Hund, bei meinen Knien, und den Eltern!
Daß doch Zorn und Wut mich erbitterte, roh zu verschlingen
Dein zerschnittenes Fleisch, für das Unheil, das du mir brachtest!
So sei fern, der die Hunde von deinem Haupt dir verscheuche!
Wenn sie auch zehnmal so viel, und zwanzigfältige Sühnung,
350
Hergebracht darwögen, und mehreres noch mir verhießen!
Ja wenn dich selber mit Gold auch aufzuwägen geböte
Priamos, Dardanos‘ Sohn; auch so nicht bettet die Mutter
Dich auf Leichengewand‘, und wehklagt, den sie geboren;
Sondern Hund‘ und Gevögel umher zerreißen den Leichnam!
355
Wieder begann schon sterbend der helmumflatterte Hektor:
Ach ich kenne dich wohl, und ahndete, nicht zu erweichen
Wärest du mir; denn eisern ist traun dem Herz in dem Busen.
Denke nunmehr, daß nicht dir Götterzorn ich erwecke,
Jenes Tags, wann Paris dich dort und Phöbos Apollon
360
Töten, wie tapfer du bist, am hohen skäischen Tore!
Als er dieses geredet, umschloß ihn das Ende des Todes;
Aber die Seel‘ aus den Gliedern entflog in die Tiefe des Aïs,
Klagend ihr Jammergeschick, getrennt von Jugend und Mannkraft.
Auch dem Toten erwiderte noch der edle Achilleus:
365
Stirb! mein eigenes Los, das empfang‘ ich, wann es auch immer
Zeus zu vollenden beschließt, und die andern unsterblichen Götter!
Also sprach er und zog die eherne Lanz‘ aus dem Leichnam;
Sie dann legt‘ er zur Seit‘, und raubte die Wehr von den Schultern,
Blutbefleckt. Da umliefen ihn andere Männer Achaias,
370
Die ringsher anstaunten den Wuchs und die herrliche Bildung
Hektors; und auch keiner umstand ihn ohne Verwundung.
Also redete mancher, gewandt zum anderen Nachbar:
Wunder doch! viel sanfter fürwahr ist nun zu betasten
Hektor, als da die Schiff‘ in lodernder Glut er verbrannte!
375
Also redete mancher, und nahte sich, ihn zu verwunden.
Aber nachdem ihn entwaffnet der mutige Renner Achilleus,
Stand er in Argos Volk, und sprach die geflügelten Worte:
Freund‘, ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares,
Jetzo da diesen Mann mir die Götter verliehn zu bezähmen,
380
Der viel Böses getan, weit mehr denn die anderen alle;
Auf, nun laßt uns die Stadt in Rüstungen rings versuchen,
Bis wir ein wenig erkannt den Sinn, den die Troer bewahren:
Ob sie vielleicht uns räumen die Burg, weil dieser dahinsank;
Oder zu stehn sich erkühnen, wiewohl nicht Hektor begleitet.
385
Aber warum bewegte das Herz mir solche Gedanken?
Liegt doch tot bei den Schiffen, und ohne Klag‘ und Bestattung,
Unser Freund Patroklos, den nie ich werde vergessen,
Weil ich mit Lebenden geh‘, und Kraft in den Knieen sich reget!
Wenn man auch der Toten vergißt in Aïdes Wohnung,
390
Dennoch werd‘ ich auch dort des trautesten Freundes gedenken!
Auf nun, mit Siegesgesang des Päeon, Männer Achaias,
Kehren wir, Hektor führend, hinab zu den räumigen Schiffen!
Groß ist der Ruhm des Sieges; uns sank der göttliche Hektor,
Welchem die Troer der Stadt, wie einem Gott, sich vertrauten!
395
Sprach’s, und schändlichen Frevel ersann er dem göttlichen Hektor.
Beiden Füßen nunmehr durchbohret‘ er hinten die Sehnen,
Zwischen Knöchel und Fers‘, und durchzog sie mit Riemen von Stierhaut
Band am Sessel sie fest, und ließ nachschleppen die Scheitel;
Trat dann selber hinein, und erhob die prangende Rüstung;
400
Treibend schwang er die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse.
Staubgewölk umwallte den Schleppenden; rings auch zerrüttet
Rollte sein finsteres Haar, da ganz sein Haupt in dem Staube
Lag, so lieblich zuvor! allein nun hatt‘ es den Feinden
Zeus zu entstellen verliehn in seiner Väter Gefilde.
405
Also bestaubt ward jenem das Haupt ganz. Aber die Mutter
Rauft‘ ihr Haar, und warf den glänzenden Schleier des Hauptes
Weit hinweg, und blickte mit Jammergeschrei nach dem Sohne.
Kläglich weint‘ auch der Vater und jammerte; doch von den Völkern
Tönte Geheul ringsher und Angstgeschrei durch die Feste.
410
Weniger nicht scholl jetzo die Wehklag‘, als wenn die ganze
Ilios hochgetürmt in Glut hinsänke vom Gipfel.
Kaum noch hielten die Völker den Greis, der in zürnender Wehmut
Strebte hinauszugehn ans dem hohen dardanischen Tore.
Allen fleht‘ er umher, auf schmutzigem Boden sich wälzend,
415
Nannte jeglichen Mann mit seinem Namen, und sagte:
Haltet, o Freund‘, und laßt mich allein, wie sehr ihr besorgt seid,
Gehn vor die Feste hinaus, und nahn den Schiffen Achaias!
Anflehn will ich den Mann, den entsetzlichen Täter des Frevels:
Ob er vielleicht mein Alter mit Ehrfurcht und mit Erbarmung
420
Anschaut; denn auch jenem ist schon grauhaarig der Vater,
Peleus, der ihn erzeugt‘ und nährete, ach zum Verderben
Trojas; doch vor allen mir selbst bereitet‘ er Jammer!
Denn so viele Söhn‘ erschlug er mir, blühender Jugend!
Alle jedoch betraur‘ ich nicht so sehr, herzlich betrübt zwar,
425
Als ihn allein, des wütender Schmerz mich zum Aïs hinabführt,
Hektor! Wär‘ er doch mir in meinen Armen gestorben!
Satt darin hätten wir uns das Herz geweint und gejammert,
Ich, und die ihn gebar, die unglückselige Mutter!
Also sprach er weinend; und ringsum seufzten die Bürger.
430
Hekabe aber erhub die Wehklag‘ unter den Weibern:
Sohn, was soll ich Arme hinfort noch leben in Jammer,
Da du Trauter mir starbst? der mir bei Nacht und bei Tage
Ruhm und Trost in Ilios war, und allen Errettung,
Trojas Männern und Fraun, die dich, wie einen der Götter,
435
Achteten! Traun du würdest mit großer Ehre sie krönen,
Lebtest du noch! Nun aber hat Tod und Geschick dich ereilet!
Also sprach sie weinend. Doch nichts noch hörte die Gattin
Hektors; denn nicht kam ihr ein Kundiger, welcher die Botschaft
Meldete, daß der Gemahl ihr auswärts blieb vor dem Tore;
440
Sendern sie webt‘ ein Gewand, im innern Gemach des Palastes,
Doppelt und blendend weiß, und durchwirkt mit mancherlei Bildwerk.
Jetzo rief sie umher den lockigen Mägden des Hauses,
Eilend ein groß dreifüßig Geschirr auf Feuer zu stellen,
Zum erwärmenden Bade, wann Hektor kehrt‘ aus der Feldschlacht:
445
Törin! sie wußte nicht, daß weit entfernt von den Bädern
Ihn durch Achilleus‘ Hände besiegt Zeus‘ Tochter Athene.
Aber Geheul vernahm sie und Jammergeschrei von dem Turme;
Und ihr erbebten die Glieder, es sank zur Erde das Webschiff,
Ängstlich nunmehr in dem Kreis schönlockiger Mägde begann sie:
450
Auf, ihr zwo mir gefolgt; ich eile zu schaun, was geschehn ist!
Eben vernahm ich die Stimme der Schwäherin; ich, und mir selber
Schlägt das Herz im Busen zum Hals‘ empor, und die Kniee
Starren mir! Sicherlich naht ein Unheil Priamos‘ Söhnen!
Fern sei meinem Ohr die Verkündigung! aber mit Unruh
455
Sorg‘ ich, den mutigen Hektor hab‘ itzt der edle Achilleus
Abgeschnitten allein von der Stadt, ins Gefilde verfolgend,
Und wohl schon ihn gehemmt in seiner entsetzlichen Kühnheit,
Welche stets ihn beseelt! Denn niemals weilt‘ er im Haufen;
Sondern voran flog mutig der Held, und zagte vor niemand!
460
Sprach’s, und hinweg aus der Kammer enteilte sie, gleich der Mänade,
Wild ihr pochendes Herz; und es folgten ihr dienende Weiber.
Aber nachdem sie den Turm und die Schar der Männer erreichet;
Stand sie und blickt‘ auf die Mauer umher, und schauete jenen
Hingeschleift vor Ilios Stadt; und die hurtigen Rosse
465
Schleiften ihn sorglos hin zu den räumigen Schiffen Achaias.
Schnell umhüllt‘ ihr die Augen ein mitternächtliches Dunkel;
Und sie entsank rückwärts, und lag entatmet in Ohnmacht.
Weithin flog vom Haupte der köstlich prangende Haarschmuck,
Vorn das Band, und die Haub‘, und die schöngeflochtene Binde,
470
Auch der Schleier, geschenkt von der goldenen Aphrodite,
Jenes Tags, da sie führte der helmumflatterte Hektor
Aus Eëtions Burg, nach unendlicher Bräutigamsgabe.
Rings auch stunden ihr Schwestern des Manns und Frauen der Schwäger,
Haltend die Atemlose, vom Kummer betäubt wie zum Tode.
475
Als sie zu atmen begann, und der Geist dem Herzen zurückkam;
Jetzt mit gebrochener Klage vor Trojas Frauen begann sie:
Hektor, o weh mir Armen! zu gleichem Geschick ja geboren
Wurden wir einst: du selber in Priamos‘ Hause zu Troja;
Aber ich zu Thebe, am waldigen Hange des Plakos,
480
In Eëtions Burg; der mich erzog, da ich klein war,
Elend ein elendes Kind! Ach hätt‘ er mich nimmer erzeuget!
Du nun gehst zu Aïdes Burg in die Tiefen der Erde,
Scheidend von mir; ich bleib‘, in Schmerz und Jammer verlassen,
Eine Witw‘ im Haus‘, und das ganz unmündige Söhnlein,
485
Welches wir beide gezeugt, wir Elenden! Nimmer, o Hektor,
Wirst du jenem ein Trost, da du tot bist, oder dir jener!
Überlebt er auch etwa den traurigen Krieg der Achaier,
Dennoch wird ja beständig ihm Sorg‘ und Gram in der Zukunft
Drohn; denn andere werden ihm rings abschmälern sein Erbgut.
490
Siehe der Tag der Verwaisung beraubt ein Kind der Gespielen;
Immer senkt es die Augen beschämt, mit Tränen im Antlitz.
Darbend gehet das Kind umher zu den Freunden des Vaters,
Fleht und faßt den einen am Rock, und den andern am Mantel;
Aber erbarmt sich einer, der reicht ihm das Schälchen ein wenig,
495
Daß er die Lippen ihm netz‘, und nicht den Gaumen ihm netze.
Oft verstößt es vom Schmaus‘ ein Kind noch blühender Eltern,
Das mit Fäusten es schlägt, und mit kränkenden Worten es anfährt:
Hebe dich weg! dein Vater ist nicht bei unserem Gastmahl!
Weinend geht von dannen das Kind zur verwitweten Mutter,
500
Unser Astyanax, der sonst auf den Knieen des Vaters
Nur mit Mark sich genährt, und fettem Fleische der Lämmer;
Und wann, müde des Spiels, er auszuruhen sich sehnte,
Schlummert‘ er süß im schönen Gestell, in den Armen der Amme,
Auf sanftschwellendem Lager, das Herz mit Freude gesättigt.
505
Doch viel duldet er künftig, beraubt des liebenden Vaters,
Unser Astyanax, wie Trojas Männer ihn nennen:
Denn du allein beschirmtest die Tor‘ und die türmenden Mauern.
Nun wird dort an den Schiffen der Danaer, fern von den Eltern,
Reges Gewürm dich verzehren, nachdem du die Hunde gesättigt,
510
Nackt! Doch liegen genug der Gewand‘ in deinem Palaste,
Fein und zierlich gewebt von künstlichen Händen der Weiber!
Aber ich werde sie all‘ in lodernder Flamme verbrennen!
Nichts ja frommen sie dir; denn niemals ruhst du auf ihnen!
Brennen sie denn vor Troern und Troerinnen zum Ruhm dir!
515
Also sprach sie weinend; und ringsum seufzten die Weiber.

Einundzwanzigster Gesang

Einundzwanzigster Gesang

Achilleus stürzt einer Schar Troer in den Skamandros mit dem Schwerte
nach. Zwölf Lebende fesselt er zum Sühnopfer für Patroklos. Den getöteten
Lykaon hineinwerfend, höhnt er, daß der Stromgott nicht rette. Auch den Asteropäos,
eines Stromgottes Sohn, welchen Skamandros erregte, streckt er ans Ufer, und höhnt der
Stromgötter. Skamandros gebeut ihm, außer dem Strome zu verfolgen. Er verspricht’s; doch
in der Wut springt er wieder hinein. Der zürnende Strom verfolgt ihn ins Feld. Jener, von
Göttern gestärkt, durchdringt die Flut. Als Skamandros noch wütender den Simois zu
Hilfe ruft, sendet ihm Here den Hephästos entgegen, der das Feld trocknet, dann ihn selber
entflammt. Des Jammernden gebeut Here zu schonen. Ares und Aphrodite von Athene besiegt,
Phöbos dem Poseidon ausweichend, Artemis von Here geschlagen, Hermes die Leto scheuend.
Rückkehr der Götter. Priamos öffnet den Flüchtigen das Tor. Den verfolgenden
Achilleus hemmt Agenor; dann in Agenors Gestalt fliehend, lockt Apollon ihn feldwärts, indes
die Troer einflüchten.
Als sie nunmehr an die Furt des schönhinwallenden Xanthos
Kamen, des wirbelnden Stroms, den Zeus der Unsterbliche zeugte;
Dort auseinander sie trennend, verfolgt‘ er jen‘ ins Gefilde
Stadtwärts, wo die Achaier dahergescheucht sich ergossen
5
Erst den vorigen Tag, vor der Wut des strahlenden Hektors:
Hier flohn jene nunmehr angstvoll: doch es hemmte sie Here,
Dickes Gewölk vorbreitend den Flüchtlingen. Aber die andern,
Hingedrängt an des Stroms tiefstrudelnde Silbergewässer,
Stürzten hinab mit lautem Getös‘: und es rauschten die Fluten,
10
Daß die Gestad‘ umher laut halleten; rings mit Geschrei nun
Schwammen sie hiehin und dorthin, umhergedreht in den Wirbeln.
Wie vor des Feuers Gewalt sich ein Schwarm Heuschrecken emporhebt,
Hinzufliehn in den Strom; denn es flammt unermüdetes Feuer,
Plötzlich entbrannt im Gefild‘, und sie fallen gescheucht in das Wasser:
15
So vor Achilleus ward dem tiefhinstrudelnden Xanthos
Voll sein rauschender Strom von der Rosse Gewirr und der Männer.
Aber der göttliche Held ließ dort die Lanz‘ an dem Ufer,
Auf Tamarisken gelehnt, und stürzte sich, stark wie ein Dämon,
Nach, sein Schwert in der Hand, und entsetzliche Taten ersann er.
20
Rings nun schlug er umher; und schreckliches Röcheln erhub sich
Unter dem mordenden Schwert, und gerötet von Blut war das Wasser.
Wie vor dem ungeheuren Delphin die anderen Fische
Fliehend die Buchten erfüllen des wohlanlandbaren Hafens,
Bange gedrängt; denn gräßlich verschlinget er, wen er erhaschet:
25
So die Troer voll Angst in des furchtbaren Stromes Gewässern
Flohen sie unter die Bord‘. Als drauf vom Ermorden die Händ‘ ihm
Starreten, wählt‘ er annoch zwölf lebende Jüngling‘ im Strome;
Abzubüßen den Tod des Menötiaden Patroklos.
Diese zog er heraus, betäubt, wie die Jungen der Hindin;
30
Band dann zurück die Hände mit wohlgeschnittenen Riemen,
Welche sie selbst getragen um ihre geflochtenen Panzer;
Gab sie darauf den Genossen, hinab zu den Schiffen zu führen.
Wieder hinein dann stürzt‘ er, nach Mord und Gewürge sich sehnend.
Jetzt begegnet‘ ihm Priamos‘ Sohn, des Dardanionen,
35
Der aus dem Strom aufstrebte, Lykaon: den er vordem selbst
Weggeführt mit Gewalt von des Vaters fruchtbarem Obsthain,
Einst in der Nacht ausgehend. Es schnitt mit dem Erze der Jüngling
Wildernder Feigen Gesproß, zum Sesselrande des Wagens.
Doch unverhofft ihm nahte zum Weh der edle Achilleus.
40
Damals sandt‘ er in Lemnos‘ bevölkerte Stadt zum Verkauf ihn,
Führend im Schiff, und den Wert bezahlte der Sohn des Jason.
Dorther löste sein Gast Eëtion, Herrscher in Imbros,
Ihn sehr teuer erkauft, und sandt‘ ihn zur edlen Arisbe.
Heimlich schlich er von dannen, und kam zum Palaste des Vaters
45
Elf der Tage nunmehr erfreut‘ er das Herz mit den Seinen,
Wiedergekehrt aus Lemnos; doch jetzt am zwölften von neuem
Gab in Achilleus‘ Hand ihn ein Himmlischer, welcher bestimmt war,
Ihn zum Aïs zu senden, wie sehr ungern er dahinging.
Als ihn jetzo erblickte der mutige Renner Achilleus,
50
Ihn der entblößt von Helme, von Schild und Lanze daherkam:
Alles hatt‘ er zur Erde gelegt; denn ermattet von Angstschweiß
Strebt‘ er empor aus dem Strom, und kraftlos wankten die Kniee:
Unmutsvoll nun sprach er zu seiner erhabenen Seele:
Weh wir, ein großes Wunder erblick‘ ich dort mit den Augen!
55
Ganz gewiß nun werden die edelmütigen Troer,
Die ich erschlug, von neuem aus nächtlichem Dunkel hervorgehn:
Sowie jener auch kommt, entflohn dem grausamen Tage,
Der in die heilige Lemnos verkauft ward; aber ihn hielt nicht
Wogend das graue Meer, das viele mit Zwang zurückhemmt.
60
Aber wohlan, nun soll er die Spitz‘ auch unserer Lanze
Kosten, damit ich erkenn‘ in meinem Geist, und vernehme,
Ob er so gut auch von dannen zurückkehrt, oder ihn endlich
Hält die ernährende Erde, die selbst den Tapferen festhält.
Also dacht‘ er, und stand; ihm nahete jener voll Schreckens,
65
Seine Kniee zu rühren bereit: denn er wünschte so herzlich,
Noch zu entfliehn dem grausamen Tod‘ und dem schwarzen Verhängnis.
Siehe den ragenden Speer erhob der edle Achilleus,
Ihn zu durchbohren bereit; doch er eilt‘ und umfaßt‘ ihm die Kniee,
Hergebückt; und der Speer, der ihm hinsaust‘ über die Schultern,
70
Stand in der Erd‘, und lechzt‘ im Menschenblute zu schwelgen.
Aber mit einer Hand umschlang er ihm flehend die Kniee,
Und mit der anderen hielt er die spitzige Lanz‘ unverrückt‘ ihm;
Laut nun fleht‘ er empor, und sprach die geflügelten Worte:
Flehend umfass‘ ich dem Knie; erbarme dich meiner, Achilleus!
75
Deinem Schutz ja ward ich vertraut; drum scheue mich, Edler!
Denn bei dir zuerst genoß ich die Frucht der Demeter,
Jenes Tags, da dein Arm mich ergriff in dem fruchtbaren Obsthain,
Und du fern mich verkauftest, getrennt von Vater und Freunden,
Nach der heiligen Lemnos, und hundert Stiere gewannest.
80
Jetzo löst‘ ich mich dreimal so hoch! Der zwölfte der Morgen
Leuchtet mir erst, seitdem ich in Ilios‘ Mauern zurückkam,
Viel gequält; und wieder hat dir in die Hand mich gesendet
Böses Geschick! Wohl muß ich dem Vater Zeus ja verhaßt sein,
Der dir wieder mich gab; und für wenige Tage gebar mich
85
Meine liebende Mutter Laothoe, Tochter des Greises
Altes, welcher im Volk der streitbaren Leleger herrschet,
Pedasos‘ luftige Burg an Satniois‘ Ufer bewohnend.
Dessen Tochter war Priamos‘ Weib, nebst vielen der andern;
Und zween Söhne gebar sie; doch du willst beid‘ uns erwürgen!
90
Jenen im Vordergefecht fußwandelnder Kämpfer bezwangst du,
Ihn den Held Polydoros, mit spitziger Lanze getroffen;
Und mein harrt das Verderben allhier nun! Nimmer ja hoff‘ ich
Deiner Hand zu entfliehn, nachdem mich genähert ein Dämon!
Eines verkünd‘ ich dir noch, und du bewahr‘ es im Herzen.
95
Töte mich nicht; denn ich bin kein leiblicher Bruder des Hektor,
Welcher den Freund dir erschlug, so sanftgesinnt und so tapfer!
So dort flehte zu jenem des Priamos‘ edler Erzeugter
Jammernd empor; da erscholl die unbarmherzige Stimme:
Törichter, nicht von Lösung erzähl‘ und schwatze mir länger!
100
Denn bevor Patroklos den Tag des Geschickes erreichte,
War ich annoch im Herzen geneigt, zu schonen der Troer;
Viel‘ auch führt‘ ich gefangen hinweg, und verkaufte sie lebend.
Doch nun fliehe den Tod nicht einer auch, welchen ein Dämon
Hier vor Ilios‘ Mauern in meine Hand mir gesendet,
105
Aller Troer gesamt, und am wenigsten Priamos‘ Söhne!
Stirb denn, Lieber, auch du! Warum wehklagst du vergebens?
Starb doch auch Patroklos, der weit an Kraft dir voranging!
Siehest du nicht, wie ich selber so schön und groß an Gestalt bin?
Denn dem edelsten Vater gebar mich die göttliche Mutter!
110
Doch wird mir nicht minder der Tod und das harte Verhängnis
Nahn, entweder am Morgen, am Mittag, oder am Abend;
Wann ein Mann auch mir in der Schlacht das Leben entreißet,
Ob er die Lanze mir schnellt, ob auch ein Geschoß von der Senne.
Also der Held; doch jenem erzitterten Herz und Kniee.
115
Fahren ließ er den Speer, und saß ausbreitend die Hände
Beide. Doch Peleus‘ Sohn, das geschliffene Schwert sich entreißend,
Stieß es hinein am Gelenke des Halses ihm: tief in die Gurgel
Drang zweischneidig das Schwert; und vorwärts nun auf der Erde
Lag er gestreckt; schwarz strömte das Blut und netzte den Boden.
120
Ihn dann schwang der Peleid‘, am Fuße gefaßt in den Strom hin;
Und mit jauchzendem Ruf die geflügelten Worte begann er:
Dort nun streck‘ im Gewimmel der Fische dich, die von der Wunde
Sorglos dir ablecken das Blut! Nie bettet die Mutter
Dich auf Leichengewand‘ und wehklagt; sondern Skamandros
125
Trägt dich strudelnd hinab in des Meers weitoffenen Abgrund.
Hüpfend sodann naht unter der Flut schwarzschauernder Fläche
Mancher Fisch, um zu schmausen am weißen Fette Lykaons.
Treff‘ euch Weh, bis wir kommen zu Ilios‘ heiliger Feste,
Ihr in stürzender Flucht, ich aber mit Mord euch verfolgend.
130
Nicht ja einmal der Strom mit mächtigem Silbergestrudel
Rettet euch, welchem ihr oft so viel darbringet der Stiere,
Und starkhufige Ross‘ in die Flut lebendig versenket:
Aber auch so vertilgt euch das Jammergeschick, bis ihr alle
Für Patroklos‘ Mord mir gebüßt, und das Weh der Achaier,
135
Die an den hurtigen Schiffen ihr tötetet, als ich entfernt war!
Jener sprach’s; doch der Strom ereiferte wilderes Herzens;
Und er erwog im Geist, wie er hemmen möcht‘ in der Arbeit
Peleus‘ göttlichen Sohn, und die Plag‘ abwenden den Troern.
Aber Achilleus indes mit weithinschattender Lanze
140
Sprang auf Asteropäos, ihn auszutilgen verlangend,
Pelegons Sohn: den zeugte des Axios strömender Herrscher,
Axios, und Deriböa, des Akessamenos Tochter,
Schön, an Geburt die erste, geliebt vom wirbelnden Stromgott.
Gegen ihn drang der Peleid‘: er dort, aus dem Strome begegnend,
145
Stand, zween Speer‘ in den Händen; und Mut ihm haucht‘ in die Seele
Xanthos, dieweil er mit Zorn die ermordeten Jünglinge schaute,
Die der Peleid‘ in den Fluten ermordete, sonder Erbarmen.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Rief zuerst an redend der mutige Renner Achilleus:
150
Wer, und woher der Männer, der mir zu nahn sich erkühnet?
Meiner Kraft begegnen nur Söhn‘ unglücklicher Eltern!
Ihm antwortete drauf des Pelegons edler Erzeugter:
Peleus‘ mutiger Sohn, was fragst du nach meinem Geschlechte?
Fern aus dem scholligen Lande Päonia führ‘ ich die Scharen
155
Speerumragter Päonen zur Schlacht; und der elfte der Morgen
Leuchtet mir nun, seitdem ich in Ilios‘ Mauern hineinging.
Doch mein Geschlecht entstammt von des Axios strömendem Herrscher,
Axios, der mit lieblichster Flut die Erde befruchtet:
Dieser zeugte den Pelegon einst, und der lanzenberühmte
160
Pelegon mich, wie man sagt. Doch kämpfe nun, edler Achilleus!
Also droht‘ er daher; da erhob der edle Achilleus
Pelions ragende Esch‘; allein zwo Lanzen zugleich warf
Asteropäos der Held, der rechts mit jeglicher Hand war.
Eine traf des Schildes Gewölb‘ ihm; aber hindurch nicht
165
Brach sie den Schild; denn es hemmte das Gold, die Gabe des Gottes.
Aber die andere streift‘ ihm den rechten Arm an der Beugung,
Daß ihm dunkeles Blut vorrieselte; über ihm selbst dann
Stand sie gebohrt in die Erde, voll Gier im Fleische zu schwelgen.
Jetzo schwang auch Achilleus die gradanstürmende Esche
170
Hin auf Asteropäos, ihn auszutilgen verlangend.
Doch ihn selbst verfehlt‘ er, und traf das erhabene Ufer,
Daß bis zur Hälft‘ in das Ufer die eschene Lanze hineindrang.
Peleus‘ Sohn, das geschliffene Schwert von der Hüfte sich reißend,
Stürmte hinan mit Begier: da strebte den Speer des Achilleus,
175
Aber umsonst, dem Bord zu entziehn mit nervichter Rechte.
Dreimal erschüttert‘ er jenen, und mühte sich auszuziehen;
Dreimal versagt‘ ihm die Kraft; doch das vierte Mal dacht‘ er im Herzen,
Biegend ihn abzubrechen, den eschenen Speer des Achilleus.
Aber es nahte der Held mit dem Schwert, und raubt‘ ihm das Leben.
180
Denn er hieb in dem Bauch am Nabel ihm; und es entstürzten
Alle Gedärme zur Erd‘; und dem Röchelnden starrten die Augen
Trüb in Nacht. Doch Achilleus, daher auf den Busen sich werfend,
Nahm ihm das Waffengeschmeid‘, und rief frohlockend die Worte:
Lieg‘ also! Schwer magst du des hocherhabnen Kronions
185
Söhne mit Streit angehen, obgleich von dem Strome du abstammst!
Denn du rühmst dich entstammt von des Stroms breitwallendem Herrscher;
Doch ich preise mich selbst vom gewaltigen Zeus zu entstammen.
Mich ja erzeugte der Herrscher des myrmidonischen Volkes,
Peleus, Äakos‘ Sohn; und dem Äakos zeugte Kronion.
190
Drum wie mächtig Zeus vor den meerabrauschenden Strömen,
So ist mächtig auch Zeus‘ Geschlecht vor den Söhnen des Stromes.
Auch ein gewaltiger Strom rauscht neben dir, möcht‘ er dir etwa
Helfen; doch keiner vermag mit Zeus Kronion zu kämpfen.
Gleich ihm wähnt sich auch nicht der mächtige Gott Acheloos,
195
Noch des Okeanos Kraft, des tiefhinströmenden Herrschers:
Welchem doch alle Ström‘, und alle Fluten des Meeres,
Alle Quellen der Erd‘, und sprudelnde Brunnen entfließen:
Dennoch scheut auch jener den Wetterstrahl des Kronion,
Und den entsetzlichen Donner, der hoch vom Himmel herabkracht.
200
Sprach’s, und hervor aus dem Bord‘ entzog er die eherne Lanze.
Ihn dann ließ er daselbst, nachdem er den Geist ihm genommen,
Hingestreckt auf dem Sande, bespült vom dunklen Gewässer.
Ringsher schlängelten Aal‘ und wimmelnde Fisch‘ um den Leichnam;
Gierig das weiße Fett, das die Nieren umwuchs, ihm benagend.
205
Selbst dann eilt er dahin zur reisigen Schar der Päonen,
Welche noch voll Angst am wirbelnden Strom umherflohn,
Als sie den Tapfersten sahn in schreckenvoller Entscheidung
Unter Achilleus‘ Hand und gewaltigem Schwerte gebändigt.
Dort den Thersilochos nun, und Astypylos schlug er, und Mydon,
210
Thrasios dann, auch Mnesos, und Änios, auch Ophelestes.
Und noch mehr der Päonen erschlug der schnelle Achilleus,
Wenn nicht zürnend geredet des Stroms tiefstrudelnder Herrscher,
Der in Menschengestalt aufruft‘ aus tiefem Gestrudel:
Peleus‘ Sohn, du wütest, an Kraft und entsetzlichen Taten
215
Mehr als Mensch; denn immer begleiten dich waltende Götter.
Wenn dir Zeus die Troer verlieh, daß du alle verderbtest;
Außer mir selbst sie verfolgend, erfülle mit Graun die Gefilde.
Voll sind mir von Toten bereits die schönen Gewässer;
Kaum auch kann ich annoch ins heilige Meer mich ergießen,
220
Eingeengt von Toten: so übest du Mord und Vertilgung!
Aber wohlan, laß ab; ich staune dir, Völkergebieter!
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Solches gescheh‘, o Skamandros, du Göttlicher, wie du gebietest.
Doch nicht raste mein Arm, die frevelen Troer zu morden,
225
Bis ich zur Stadt sie gescheucht, und Hektors Stärke geprüfet,
Ob er im Kampfe vielleicht mich bändiget, oder ich selbst ihn.
Also der Held, und stürzt‘ in die Troer sich, stark wie ein Dämon.
Jetzo begann zu Apollon des Stroms tiefstrudelnder Herrscher:
Wehe, du achtest ja nicht, Zeus‘ Sohn mit silbernem Bogen,
230
Was Kronion beschloß, der dir voll Ernstes geboten,
Trojas Söhne mit Macht zu verteidigen, bis sich des Abends
Dämmernde Späte genaht, die scholligen Äcker beschattend.
Jener sprach’s; und Achilleus der Herrliche sprang in den Strudel
Hoch vom hängenden Bord. Da wütete schwellend der Strom her.
235
All‘ erregt‘ er die Fluten getrübt, und drängte die Toten,
Häufige, die ringsher ihn erfüllt, die getötet Achilleus:
Diese warf er hinaus, mit lautem Gebrüll, wie ein Pflugstier,
An das Gestad‘; und die Lebenden rings in den schönen Gewässern
Rettet‘ er, eingehüllt in hochaufstrudelnde Wogen.
240
Schrecklich umstand den Peleiden die trübe geschwollene Brandung,
Schlug an den Schild dann schmetternd herab; und nicht auf den Füßen
Konnt‘ er fest noch bestehn. Da faßt‘ er die Ulm‘ in den Händen,
Frisch von Wuchs, hochragend; doch jene, gestürzt aus den Wurzeln,
Riß das Gestad‘ auseinander, und sank, die schönen Gewässer
245
Hemmend mit dichtem Gezweig‘, und überbrückte die Fluten,
Ganz hinein gestürzt; und der Held aus der Tiefe sich schwingend,
Eilte dahin durch die Ebne mit hurtigen Füßen zu fliegen,
Angstvoll. Noch nicht ruhte der Schreckliche, sondern er stürzt‘ ihm
Nach mit dunkelnder Flut; daß er hemmen möcht‘ in der Arbeit
250
Peleus‘ göttlichen Sohn, und die Plag‘ abwenden den Troern.
Aber Achilleus entsprang, so weit die Lanze dahinfliegt,
Ungestüm wie der Adler, der schwarzgeflügelte Jäger,
Welcher der mächtigste ist und geschwindeste aller Gevögel:
Diesem gleich hinstürmt‘ er; das Erzgeschmeid‘ um den Busen
255
Rasselte grauses Getöns; und seitwärts jenem entschlüpfend
Floh er; allein nachrauschte der Strom mit lautem Getös‘ ihm.
Wie wenn ein wässernder Mann von des Bergquells dunklem Gesprudel
Über Saat und Gärten den Lauf der Gewässer daherführt,
Und, in der Hand die Schaufel, den Schutt wegräumt aus der Rinne;
260
Jetzo strömt es hervor, und die Kieselchen alle des Baches
Werden gewälzt; denn geschwinde mit rauschenden Wellen entstürzt es
Vom abschüssigen Hang‘, und eilet zuvor auch dem Führer:
Also erreichte der Strom mit wogender Flut den Achilleus
Stets, wie rasch er auch war; denn stark vor Menschen sind Götter.
265
Aber so oft ansetzte der mutige Renner Achilleus,
Fest ihm entgegen zu stehn, daß er schauete, ob ihn die Götter
Alle zur Flucht hinscheuchten, die weit den Himmel bewohnen;
Naht‘ ihm sofort das Gewoge des himmelentsprossenen Stromes
Hoch die Schultern umspülend. Dann sprang er empor mit den Füßen,
270
Unmutsvoll in der Seel‘; und der Strom bezwang ihm die Kniee,
Schräg anrollend mit Macht, und den Staub den Füßen entreißend.
Laut wehklagt‘ Achilleus, den Blick gen Himmel gewendet:
Vater Zeus, daß auch keiner der Himmlischen nun sich erbarmet,
Mich aus dem Strom zu retten! Wie gern dann duldet‘ ich alles!
275
Keiner indes ist mir der Uranionen so schuldig,
Als die liebende Mutter, die mich durch Lüge getäuschet;
Denn sie sprach, an der Mauer der erzumpanzerten Troer
Sei mir zu sterben bestimmt durch Apollons schnelle Geschosse.
Hätte mich Hektor getötet, der hier der Tapferste aufwuchs!
280
Dann wär‘ ein Starker erlegt, und es raubt ein Starker die Rüstung!
Doch nun ward zu sterben den schmählichen Tod mir geordnet,
Eingehemmt von dem mächtigen Strom, wie ein jüngerer Sauhirt,
Welcher im Regenbache versinkt, durchwatend im Winter!
Als er es sprach, da traten Poseidon schnell und Athene
285
Ihm zur Seite genaht, an Gestalt gleich sterblichen Männern,
Fügten ihm Hand in Hand, und redeten tröstende Worte;
Also begann vor ihnen der Erderschüttrer Poseidon:
Nicht so bang, o Peleid‘, erzittere, noch so verzagend;
Denn wir sind dir beid‘ als helfende Götter genahet,
290
Mit Einwilligung Zeus‘, ich selbst und Pallas Athene!
So nicht ward zu sterben im Strom dir geordnet vom Schicksal;
Sondern bald kehrt jener zur Ruh, und du selber erkennst es.
Doch ermahnen wir dich aufs Fleißigste, wenn du gehorchest.
Laß nicht ruhn die Hände vom allverheerenden Kriege,
295
Eh‘ in Ilios‘ türmende Stadt du die Scharen der Troer
Eingehemmt, wer entrann. Doch wann Hektors Geist du geraubt hast,
Dann zu den Schiffen gekehrt; wir geben dir Ruhm zu gewinnen.
Also redeten beid‘, und eilten hinweg zu den Göttern.
Jener nun drang, vom Gebot der Unsterblichen mächtig ermuntert,
300
In das Gefild‘; und es wogte von weitergossenen Wassern.
Viel schönprangende Waffen der kampferschlagenen Männer
Schwammen mit Leichen umher. Doch sprang er empor mit dem Knieen
Gegen die Flut gradaus, der Stürmende, welchen umsonst nun
Hemmte der breite Strom; denn mit Kraft erfüllt‘ ihn Athene.
305
Noch nicht ließ Skamandros vom Zorn ab; nein noch ergrimmter
Eifert‘ er Peleus‘ Sohn, und erhub hochwogige Brandung,
Mächtig empor sich bäumend, und laut zum Simois rief er:
Bruder, wohlan! Die Gewalt des Mannes da müssen wir beid‘ itzt
Bändigen, oder sofort des herrschenden Priamos‘ Feste
310
Wirft er in Staub; denn die Troer bestehn ihn nicht im Getümmel!
Auf denn, und hilf in Eil‘, und erfülle den Strom mit Gewässern
Rings aus den Quellen der Berg‘, und ermuntere jeglichen Gießbach!
Hoch nun erhebe die Flut, und rolle mit donnernder Woge
Blöck‘ und Steine daher; daß den schrecklichen Mann wir bezähmen,
315
Welcher die Schlacht durchherrscht, und gleich dem Unsterblichen schaltet!
Nicht soll, mein‘ ich, die Kraft ihn verteidigen, oder die Bildung,
Noch die prangenden Waffen: die sollen mir tief in dem Sumpfe
Liegen von häufigem Schlamme bedeckt; und ihn selber umwälz‘ ich
Rings mit Sand, in den Schwall von Muscheln und Kies ihn verschüttend,
320
Hoch, daß selbst sein Gebein nicht aufzusammeln vermögen
Argos‘ Söhn‘; im unendlichen Wust, den ich über ihn ausgoß!
Dort soll das Denkmal sein des Gestorbenen; und er bedarf nicht,
Daß ihm ein Rasengrab die bestattenden Danaer häufen!
Sprach’s, und drang auf Achilleus in trüb‘ aufstürmender Brandung,
325
Laut mit Schaum anrauschend und Blut und gewirbelten Leichen.
Purpurbraunes Gewoge des himmelentsprossenen Stromes
Wallete hochgetürmt, und schlug auf den Peleionen.
Here nunmehr schrie auf, voll großer Angst um Achilleus,
Daß ihn mit Macht wegraffte des Stroms tiefstrudelnder Herrscher.
330
Schnell zu Hephästos gewandt, dem lieben Sohne, begann sie:
Hebe dich, Sohn Hephästos, du Hinkender! Deiner Gewalt ist,
Achten wir, gleich im Kampfe der mächtig strudelnde Xanthos;
Auf denn, und hilf in Eile, mit lodernden Flammen erscheinend!
Aber ich selbst will gehen, den West und den schauernden Südwind
335
Schnell von dem Meergestade zum heftigen Sturm zu erregen,
Welcher das Heer der Troer mit Mann und Waffen verbrenne,
Schreckliche Glut forttragend. Doch du ans Gestade des Xanthos
Zünde die Bäum‘, auch ihn selber durchlodere; aber durchaus nicht
Werde durch freundliche Worte zurückgewandt noch Bedrohung!
340
Eher nicht laß deine Gewalt ruhn, als wann ich selber
Rufe das laute Gebot; dann zähme die Glut der Vertilgung!
Jene sprach’s; doch Hephästos ergoß den entsetzlichen Glutstrahl.
Erst durchflog das Gefilde die Glut, und verbrannte die Toten,
Häufige, die ringsher es erfüllt, die getötet Achilleus.
345
Ganz ward trocken das Feld, und gehemmt das blinkende Wasser.
Wie wenn in herbstlicher Schwüle der Nord den gewasserten Garten
Alsobald austrocknet, und fröhlich es schaut der Besteller:
So ward trocken das ganze Gefild, und die Leichname ringsum
Brannten. Da stürmte der Gott in den Strom helleuchtende Flamme.
350
Brennend standen die Ulmen, die Weidichte, und Tamarisken,
Brennend der Lotos umher, Riedgras und duftender Galgant,
Welche die schönen Gewässer des Stroms weitwuchernd umsproßten;
Angstvoll schnappten die Aal‘ und die Fisch‘ umher in den Strudeln,
Welche die schönen Gewässer durchtaumelten hiehin und dorthin,
355
Matt von dem Flammenhauch des erfindungsreichen Hephästos.
Brennend auch wogte der Strom, und redete, also beginnend:
Keiner, Hephästos, hält dir Obstand unter den Göttern;
Auch nicht ich verlange mit dir, Glutsprüher, zu kämpfen!
Ruhe vom Streit! Die Troer sofort auch mag sie Achilleus
360
Treiben aus Ilios‘ Stadt! Was acht‘ ich des Streits und der Hilfe?
Sprach’s, und brannt‘ in der Glut, und es sprudelten seine Gewässer.
So wie braust ein Kessel, gedrängt vom gewaltigen Feuer,
Wann er das Fett ausschmelzet des wohlgenähreten Mastschweins,
Ringsumher aufbrodelnd, umflammt von trockenen Scheitern:
365
So durchglühte das Feuer den Strom, und es brauste das Wasser.
Nicht mehr floß er im Lauf; er stockt‘, in der Lohe geängstet
Durch Hephästos Gewalt, des Erfindenden. Aber zur Here
Wandt‘ er sich laut wehklagend, und sprach die geflügelten Worte:
Here, warum doch quälet dein Sohn so heftig vor andern
370
Meinen Strom? Ich habe mich dir ja minder verschuldet,
Als die anderen alle, so viel beistehen dem Troern.
Doch nun will ich ja gern mich beruhigen, wenn du gebietest;
Nur sei ruhig auch jener! Zugleich auch dieses beschwör‘ ich,
Niemals einem der Troer den grausamen Tag zu entfernen,
375
Nicht wenn Troja sogar in verheerender Flamme des Feuers
Loderte, rings entflammt von den kriegrischen Söhnen Achaias!
Als sie solches vernommen, die lilienarmige Here;
Schnell zu Hephästos gewandt, dem lieben Sohne, begann sie:
Halt, mein Sohn Hephästos, Gepriesener! nicht ja geziemt dir’s,
380
So den unsterblichen Gott der Sterblichen wegen zu martern!
Jene sprach’s; da löschte der Gott sein entsetzliches Feuer;
Schnell nun rollten zurück in den Strom die schönen Gewässer.
Aber da Xanthos‘ Mut so gedämpft war, beide von nun an
Ruheten sie; denn Here bezähmte sie, heftig erzürnt zwar.
385
Doch die anderen Götter durchwütete Zank schwerlastend,
Ungestüm; denn getrennt tobt‘ allen das Herz in den Busen.
Laut nun erscholl der Begegnenden Sturm; weit krachte der Erdkreis,
Und hochrollende Donner drommeteten. Ferne vernahm es
Zeus auf Olympos‘ Höhn, wo er saß; und es lachte das Herz ihm
390
Wonnevoll, da er sahe die Götter zum Kampf sich begegnen.
Jetzt nicht länger annoch verweilten sie. Siehe voran drang
Ares der Schilddurchbrecher, und stürmt‘ auf Pallas Athene,
Haltend den ehernen Speer; und er rief die schmähenden Worte:
Warum treibst du die Götter zum Kampf, schamloseste Fliege,
395
Stürmischer Dreistigkeit voll. Du tobst unbändiges Mutes!
Weißt du noch, wie du Tydeus‘ Sohn Diomedes gereizet,
Mir zu nahn, und du selber den strahlenden Speer mit den Händen
Grade daher gedrängt, den blühenden Leib mir verwundend?
Jetzo sollst du mir alles berichtigen, was du verschuldet!
400
Also der Gott, und stieß auf die quastumbordete Ägis,
Schrecklich und hehr, die auch Zeus niemals mit dem Donner bezähmte;
Hierauf stieß mit gewaltigem Speer der blutige Ares.
Doch sie wich, und erhub mit nervichter Rechte den Feldstein,
Der dort lag im Gefilde, den dunkelen, rauhen und großen,
405
Aufgestellt zur Grenze der Flur von Männern der Vorzeit:
Hiermit traf sie des Wüterichs Hals, und löst‘ ihm die Glieder.
Sieben Hufen bedeckt‘ er im Fall, und bestäubte das Haupthaar;
Und ihn umklirrte das Erz. Da lächelte Pallas Athene;
Und mit jauchzendem Ruf die geflügelten Worte begann sie:
410
Törichter, nie wohl hast du bedacht, wie weit ich an Kraft dir
Vorzugehn mich rühme, da mir voll Trotz du begegnest.
Also magst du der Mutter Verwünschungen ganz nun büßen,
Welche von Zorn und Haß dir entbrannt ist, weil du verließest
Argos‘ Söhn‘, und verteidigst die übermütigen Troer.
415
Also redete jen‘, und wandte die strahlenden Augen.
Ihn dann führt‘ an der Hand die Tochter Zeus‘ Aphrodite,
Ares, der schnell aufstöhnt‘; und kaum ihm kehrte der Atem.
Aber da jen‘ erblickte die lilienarmige Here;
Schnell zur Athene gewandt die geflügelten Worte begann sie:
420
Weh mir! des ägiserschütternden Zeus unbezwungene Tochter!
Schau, wie dreist die Fliege den mordenden Ares hinwegführt
Aus dem entscheidenden Kampf durch den Aufruhr! Hurtig verfolge!
Jene sprach’s; und Athene verfolgte sie, freudiges Herzens.
Stürmend drang sie hinan, und schlug mit mächtiger Hand ihr
425
Gegen die Brust; und sofort erschlafften ihr Herz und Kniee.
Also lagen sie beid‘ auf der nahrungsprossenden Erde.
Jene mit jauchzendem Rufe begann die geflügelten Worte:
Also müssen sie alle, so viel beistehen den Troern,
Künftig sein, wann sie Argos‘ gepanzerte Söhne bekämpfen,
430
Eben so kühn und daurendes Muts, wie nun Aphrodite
Herkam, Ares zu helfen, und meiner Stärke sich darbot!
O dann hätten wir längst schon ausgeruht von dem Kriege,
Weil wir Troja verheert, die Stadt voll prangender Häuser!
Sprach’s; da lächelte sanft die lilienarmige Here.
435
Doch zu Apollon begann der Erderschüttrer Poseidon:
Phöbos, warum so entfernt uns stehen wir? Nicht ja geziemt es,
Da schon andre begannen! O Schande doch, wollten wir kampflos
Beid‘ hingehn zum Olympos, zum ehernen Hause Kronions!
Hebe denn an; du bist ja der Jüngere; aber mir selbst nicht
440
Ziemet es, weil an Geburt ich vorangeh‘, und an Erfahrung.
Tor, wie erinnerungslos dir das Herz ist! Selber ja des nicht
Denkst du, wie viel wir bereits um Ilios Böses erduldet,
Wir von den Göttern allein, als, hergesandt von Kronion,
Wir ein ganzes Jahr dem stolzen Laomedon dienten,
445
Für bedungenen Lohn, und jener Befehl‘ uns erteilte,
Ich nun selbst erbaute der Troer Stadt, und die Mauer,
Breit und schön, der Feste zur undurchdringlichen Schutzwehr;
Doch du weidetest, Phöbos, das schwerhinwandelnde Hornvieh
Durch die waldigen Krümmen des vielgewundenen Ida.
450
Aber nachdem des Lohnes Ziel die erfreuenden Horen
Endlich gebracht, da entzog mit Gewalt der grausame König
Uns den sämtlichen Lohn, und entließ uns mit schrecklicher Drohung.
Denn dir drohete jener die Füß‘ und die Hände zu fesseln,
Und zum Verkauf dich zu senden in fernentlegene Inseln;
455
Ja er verhieß, uns beiden mit Erz die Ohren zu rauben.
Also kehreten wir mit erbitterter Seele von jenem,
Zornvoll wegen des Lohns, um den der Versprecher getäuschet.
Dessen Volke nunmehr willfahrest du, nicht mit uns andern
Trachtend, wie ganz hinstürzen die frevelen Troer von Grund‘ aus,
460
Schrecklich vertilgt, mit Kindern zugleich und züchtigen Weibern!
Ihm antwortete drauf der treffende Phöbos Apollon:
Herrscher des Meers, dir selbst nicht wohlbehaltenes Geistes
Schien‘ ich, wofern mit dir, der Sterblichen wegen, ich kämpfte,
Elender, die hinfällig, wie grünes Laub in den Wäldern,
465
Jetzo in Kraft aufstreben, die Frucht der Erde genießend,
Jetzo wieder entseelt dahinfliehn. Auf denn, in Eile
Ruhen wir beide vorn Kampf, und jen‘ entscheiden ihn selber!
Also sprach Apollon, und wandte sich, scheuend in Ehrfurcht,
Wider des Vaters Bruder den Arm der Gewalt zu erheben.
470
Doch ihn strafte die Schwester, die Herrscherin streifendes Wildes,
Artemis, fröhlich der Jagd, und rief die höhnenden Worte:
Fliehest du schon, Ferntreffer? und hast den Sieg dem Poseidon
Ganz nun eingeräumt, und umsonst den Ruhm ihm gegeben?
Tor, was trägst du den Bogen, den nichtigen Tand, an der Schulter?
475
Daß ich nimmer hinfort dich hör‘ im Palaste des Vaters
Prahlend drohn, wie vordem im Kreis der unsterblichen Götter,
Kühn entgegen zu kämpfen dem Meerbeherrscher Poseidon!
Jene sprach’s; doch nichts antwortete Phöbos Apollon.
Aber es zürnete Zeus‘ ehrwürdige Lagergenossin:
480
Wie doch wagst du anitzt, schamloseste Hündin, mir selber
Obzustehn? Schwer magst du mit mir dich messen an Stärke,
Trotz dem Geschoß, das du trägst. Denn sterblichen Frauen zur Löwin,
Setzte dich Zeus, und gab, daß du mordetest, die dir gelüstet.
Wahrlich besser dir wär‘ es, die Bergscheusale zu fällen,
485
Oder flüchtige Hirsch‘, als höherer Macht zu bekämpfen.
Aber gefällt auch des Kampfes Versuch dir; auf, so erkenne,
Wie viel stärker ich sei, da du mir voll Trotzes dich darstellst!
Sprach’s, und ergriff mit der Linken ihr beide Händ‘ an dem Knöchel,
Nahm mit der Rechten sodann von der Schulter ihr Bogen und Köcher,
490
Schlug damit dann lächelnd das Angesicht um die Ohren
Ihr die zurück sich gewandt; und die Pfeil‘ entsanken dem Köcher.
Weinend floh die Göttin nunmehr, wie die schüchterne Taube,
Welche, vorn Habicht verfolgt, in den höhligen Felsen hineinfliegt,
Tief in die Kluft; noch nicht war erhascht zu werden ihr Schicksal:
495
Also floh sie weinend hinweg, und ließ ihr Geschoß dort.
Aber zu Leto sprach der bestellende Argoswürger:
Leto, mit dir zu streiten, sei ferne mir; denn zu gefahrvoll
Ist der Kampf mit den Weibern des schwarzumwölkten Kronion.
Darum getrost nur immer im Kreis der unsterblichen Götter
500
Rühme dich, daß du mir obgesiegt durch gewaltige Kräfte!
Sprach’s; da sammelte Leto das krumme Geschoß und die Pfeile,
Andere anderswoher, wie im wirbelnden Staub sie gefallen.
Als sie nunmehr sie genommen, enteilte sie, hin zu der Tochter.
Jene kam zum Olympos, zum ehernen Hause Kronions;
505
Weinend setzte sich dort auf des Vaters Kniee die Jungfrau;
Und es erbebt‘ ihr feines Gewand, von Ambrosia duftend.
Herzlich umarmte sie Zeus, und begann mit freundlichem Lächeln:
Wer mißhandelte dich, mein Töchterchen, unter den Göttern,
Sonder scheu, als hättest du öffentlich Frevel verübet?
510
Ihm antwortete drauf die Jägerin, lieblich im Kranze:
Vater, dein Weib hat mir leides getan, die erhabene Here,
Welche die himmlischen Götter zu Zank und Hader empöret.
Also redeten jen‘ im Wechselgespräch miteinander.
Aber Apollon ging in Ilios heilige Feste;
515
Denn ihm sorgte das Herz um die wohlgegründete Mauer,
Daß nicht trotz dem Verhängnis die Danaer heut sie verheerten.
Doch zum Olympos eilten die anderen ewigen Götter,
Die voll zürnendes Grams, und jen‘ hochprangendes Ruhmes;
Saßen sodann um den Vater, den Donnerer. Aber Achilleus
520
Mordete Trojas Söhne zugleich und stampfende Rosse.
Wie wenn wallender Rauch zum weiten Himmel emporsteigt
Aus der brennenden Stadt, erregt vom Zorne der Götter;
Allen schafft er Arbeit, und vielen auch Jammer erzeugt er:
Also schuf den Troern Achilleus Arbeit und Jammer.
525
Dort stand Priamos jetzo der Greis auf dem heiligen Turme,
Schauend auf Peleus‘ Sohn, den Gewaltigen; und wie vor jenem
Fliehender Troer Gewühl hertummelte, nirgend auch Abwehr
Noch erschien. Wehklagend vom Turm nun stieg er zur Erde,
Und gebot an der Mauer den rühmlichen Hütern des Tores:
530
Öffnet die Flügel des Tors, und haltet sie, bis sich die Völker
All‘ in die Stadt eindrängen, die Fliehenden; denn der Peleide
Tobt dort nahe dem Schwarm! Nun, sorg‘ ich, droht uns ein Unheil!
Aber sobald in die Mauer sie eingehemmt sich erholen,
Schließt dann wieder das Tor mit dicht einfugenden Flügeln;
535
Denn ich besorg‘, uns stürmt der verderbliche Mann in die Mauer!
Jener sprach’s; und sie öffneten schnell, wegdrängend die Riegel;
Und die gebreiteten Flügel erretteten. Aber Apollon
Eilte hinaus, um begegnend die Not der Troer zu wenden.
Jene, gerad‘ auf die Stadt und die hochgetürmete Mauer,
540
Ausgedörrt vom Durste, mit Staube bedeckt, ans dem Blachfeld
Flohn sie; doch rasch mit der Lanze verfolget‘ er; wild ihm von Wahnsinn
Tobte beständig das Herz, und er wütete Ruhm zu gewinnen.
Jetzt hätt‘ Argos Volk die türmende Troja erobert,
Wenn nicht Phöbos Apollon den Held Agenor erweckte,
545
Ihn des Antenors Sohn, den untadligen tapferen Streiter.
Kühneren Mut ihm haucht‘ er ins Herz, und selber zur Seit‘ ihm
Stand er, um abzuwehren die schrecklichen Hände des Todes,
Dicht an die Buche gedrängt, ringsher in Nebel sich hüllend.
Jener, sobald er gesehn den Städteverwüster Achilleus,
550
Stand, und vieles bewegt‘ unruhig sein Geist, wie er harrte.
Tief aufseufzt‘ er und sprach zu seiner erhabenen Seele:
Wehe mir doch! wofern ich hinweg vor dem starken Achilleus
Fliehe des Wegs, wo die andern in scheuem Gewirr sich ergossen;
Dennoch wird er mich fahn, und gleich dem Feigsten erwürgen.
555
Aber lass‘ ich jene gescheucht die Gefilde durchtummeln
Vor dem Peleiden Achilleus, und fliehe, gewandt von der Mauer,
Nach dem idäischen Felde mit Schnelligkeit, bis ich erreichet
Idas gewundene Tal‘, und im dichten Gesträuch mich verborgen;
Dann am Abende könnt‘ ich, nachdem ich im Strome gebadet,
560
Abgekühlt vom Schweiße, gen Ilios heimlich zurückgehn.
Aber warum bewegte das Herz mir solche Gedanken?
Wenn er nur nicht von der Stadt mich feldwärts Fliehenden wahrnimmt,
Und nachstürmendes Laufs einholt mit hurtigen Füßen!
Nimmer annoch entrönn‘ ich dem Tod‘ und dem grausen Verhängnis;
565
Denn zu sehr an Gewalt vor allen Geborenen ragt er!
Aber wofern vor Ilios Stadt ihm entgegen ich wandle;
Ist ja auch jenem der Leib dem spitzigen Erze verwundbar,
Auch ein Geist beseelet ihn nur, und sterblich wie andre
Nennen sie ihn; doch Zeus der Donnerer schenket ihm Ehre!
570
Sprach’s; und gefaßt den Achilleus erwartet‘ er; und in dem Busen
Strebt‘ ihm das mutige Herz zu kämpfen den Kampf der Entscheidung.
Wie wenn kühn ein Pardel aus tiefverwachsenem Dickicht
Anrennt gegen den jagenden Mann, und weder im Herzen
Zagt, noch erschrocken entflieht, nachdem das Gebell ihn umtönte;
575
Denn ob jener ihn stechend verwundete, oder auch werfend,
Dennoch, selbst von der Lanze durchbohrt schon, rastet er niemals
Stürmend, bevor er jenen erreicht hat, oder dahinsinkt:
Also Antenors Sohn, der tapfere Streiter Agenor,
Nicht begehrt‘ er zu fliehn, bevor er versucht den Achilleus;
580
Sondern sich selbst vorstreckend den Schild von gerundeter Wölbung,
Zuckt‘ er die Lanz‘ auf jenen daher, und rief mit Getön aus:
Wohl schon hast du im Herzen gehofft, ruhmvoller Achilleus,
Diesen Tag zu verheeren die Stadt der mutigen Troer!
Törichter! traun noch viel soll des Elends werden um jene;
585
Weil wir annoch so viel‘ und so tapfere Männer darin sind,
Die für Eltern zugleich, und blühende Weiber und Kinder,
Ilios Feste beschirmen! Doch deiner harrt das Geschick hier,
Du entsetzlicher Mann, und unerschrockener Krieger!
Sprach’s, und den blinkenden Speer aus gewaltiger Rechte versandt‘ er,
590
Traf, und verfehlete nicht, das Schienbein unter dem Kniee,
Daß ringsher ihm die Schiene des neugegossenen Zinnes
Tönte mit schrecklichem Klang; doch es prallte das Erz vom Getroffnen
Ab, und durchbohrete nicht, gehemmt von der Gabe des Gottes.
Auch der Peleid‘ itzt drang auf den göttergleichen Agenor
595
Wütend; doch nicht verstattet‘ Apollon Ruhm zu gewinnen,
Sondern hinweg ihn rafft‘ er, und rings mit Nebel umhüllend,
Ließ er ihn ruhig nunmehr aus Schlacht und Getümmel hinweggehn.
Aber den Peleionen mit List entfernt‘ er vom Volke.
Denn der treffende Gott, in Agenors Bildung erscheinend,
600
Trat ihm nah vor die Füß‘, und eilendes Laufes verfolgt‘ er.
Während er jenem anitzt nachlief durch Weizengefilde,
Welcher, gewandt zum wirbelnden Strom des tiefen Skamandros,
Wenig zuvor ihm entrann; denn mit List verlockt‘ ihn Apollon,
Daß er beständig ihn hofft‘ im fliegenden Lauf zu erhaschen:
605
Kamen indes einflüchtend die anderen Troer mit Haufen
Herzlich erwünscht in die Stadt, die umher von Gedrängten erfüllt ward.
Keiner vermocht‘ anjetzt vor der Stadt und der türmenden Mauer
Andere noch zu erwarten, und umzuschaun, wer entflohn sei,
Und wer gefallen im Streit; nein herzlich erwünscht in die Feste
610
Strömten sie, wen die Schenkel und hurtigen Kniee gerettet.

Zwanzigster Gesang

Zwanzigster Gesang

Zeus verstattet den Göttern Anteil an der Schlacht, daß nicht Achilleus, dem Schicksal entgegen, sogleich Troja erobere. Donner und Erdbeben. Die Götter zum Kampfe gestellt. Den Äneias reizt Apollon gegen Achilleus. Beiderlei Schutzgötter setzen sich gesondert. Den besiegten Äneias entrückt Poseidon, damit seine Nachkommen die Troer beherrschen. Hektor, den Achilleus angehend, wird von Apollon zurückgehalten. Durch des
Bruders Polydoros Ermordung gerührt, naht er ihm gleichwohl. Hektors Speer haucht Athene zurück, ihn selbst entführt Apollon. Achilleus mordet die Fliehenden.

So an den räumigen Schiffen bewaffneten sich die Achaier,
Um dich, Peleus‘ Sohn, unersättlicher Krieger, geordnet.
Jenseits hielten die Troer geschart auf dem Hügel des Feldes.
Zeus nun gebot der Themis, die Götter zum Rat zu berufen,
5
Von des Olympos Haupt, des vielgebognen; und ringsum
Wandelte jen‘ und gebot, sich in Zeus‘ Palast zu versammeln.
Auch kein Gott der Ströme war fern, nur Okeanos einzig,
Keine der Nymphen umher, die liebliche Haine bewohnen,
Oder Quellen der Ström‘, und grünbekräuterte Täler.
10
Als sie im Haus‘ ankamen des Donnerers Zeus Kronion,
Rings in gehauenen Hallen nun saßen sie, welche dem Vater
Selbst Hephästos gebaut mit erfindungsreichem Verstande.
So dort saßen um Zeus die Versammelten. Nicht auch Poseidon
War unfolgsam dem Ruf, er kam aus dem Meer zu den andern.
15
Sitzend nunmehr im Kreis‘, erforscht‘ er den Rat des Kronion:
Warum doch, Strahlschwinger, beriefst du der Götter Versammlung?
Denkst du über die Troer und Danaer etwas zu ordnen,
Welchen anjetzt ganz nahe der Krieg und das Treffen entbrannt ist?
Ihm antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
20
Erderschüttrer, du kennst den Ratschluß meiner Gedanken,
Und weshalb ich berief. Sie kümmern mich, auch im Verderben.
Selber indes nun bleib‘ ich auf ragendem Hang des Olympos
Sitzend, mein Herz zu erfreuen des Anschauns. Aber ihr anderer
Geht hinab in die Heere der Troer und der Achaier:
25
Beiden mögt ihr helfen, wie jedem das Herz es gebietet.
Denn wo Achilleus allein den Troern naht in der Feldschlacht,
Nicht auch kleines bestehn sie den rüstigen Peleionen.
Stets vor ihm ja zuvor auch entbebten sie, schon ihn erblickend;
Doch nunmehr, da so heftig um seinen Freund er ergrimmt ist,
30
Sorg‘ ich, daß er die Mauer auch trotz dem Schicksal verwüste.
Also redete Zeus, und erregt‘ unermeßliche Kriegswut.
Schnell nun eilten zum Kampf die Unsterblichen, zwiefaches Sinnes.
Here ging zum Kreise der Schiff‘, und Pallas Athene;
Auch Poseidon zugleich, der Umuferer; auch Hermeias
35
Folgte, der Bringer des Heils, mit frommendem Rate geschmücket;
Auch Hephästos begleitete sie, wutfunkelndes Blickes,
Hinkend, und mühsam strebten daher die schwächlichen Beine.
Doch zu den Troern Ares mit wehendem Helm; und zugleich ihm
Phöbos, das Haupt ungeschoren, und Artemis, froh des Geschosses,
40
Leto, und Xanthos zugleich, und die holdanlächelnde Kypris.
Weil noch fern die Götter dem Kampf der Sterblichen waren,
Prangeten stets die Achaier in Herrlichkeit, weil Achilleus
Wieder erschien, der lange vom schrecklichen Kampfe gerastet;
Doch den Troern umher erzitterten unten die Glieder
45
Heftig vor Angst, da sie schauten den rüstigen Peleionen,
Leuchtend im Waffenschmuck, dem mordenden Ares vergleichbar.
Aber nachdem ins Gemeng‘ Olympier kamen zu Männern:
Wütete Eris mit Macht, die Zerstreuerin; schrie auch Athene,
Stehend bald an der Tiefe des Grabens, außer der Mauer,
50
Bald an des Meers weithallendem Strand scholl mächtig ihr Ausruf.
Dort brüllt‘ Ares entgegen, dem düsteren Sturme vergleichbar,
Laut von der obersten Höhe der Stadt die Troer ermunternd,
Bald am Simois laufend umher auf Kallikolone.
So dort gegeneinander empöreten selige Götter
55
Beide Heer‘, und entflammten zerschmetternden Streit der Vertilgung.
Graunvoll donnerte nun der wartende Herrscher der Welt Zeus
Obenher; und von unten erschütterte Poseidaon
Weit die unendliche Erd‘, und der Berg‘ aufstarrende Häupter.
Alle sie wankten bewegt die Füße des quelligen Ida,
60
Bis zu den Höhn, auch Ilios Stadt, und der Danaer Schiffe.
Bang‘ erschrak dort unten der Schattenfürst Aïdoneus:
Bebend sprang er vom Thron mit Geschrei auf, daß ihm von oben
Nicht die Erd‘ aufrisse der Landerschüttrer Poseidon,
Daß nicht Menschen erschien‘ und Unsterblichen seine Behausung,
65
Fürchterlich dumpf, wustvoll, und selbst den Göttern ein Abscheu.
Solch ein Getös‘ erscholl, da die Götter zum Kampf sich erhuben!
Siehe nunmehr entgegen dem Meerbeherrscher Poseidon
Stellte sich Phöbos Apollon, und trug die gefiederten Pfeile;
Gegen den Ares stand die Kriegerin Pallas Athene;
70
Gegen Here die Göttin der Jagd, mit goldener Spindel,
Artemis, froh des Geschosses, des Fernetreffenden Schwester;
Gegen Leto Hermeias, der segnende Bringer des Heiles;
Doch dem Hephästos entgegen des Stroms tiefstrudelnder Herrscher,
Xanthos im Kreis der Götter genannt, von Menschen Skamandros.
75
So dort stürzten auf Götter die Götter sich. Aber Achilleus
Gegen den Hektor zumeist ins Gewühl zu tauchen begehrt‘ er,
Priamos‘ Sohn; denn vor allen mit seinem Blute verlangt‘ ihn
Sehnlich den Ares zu tränken, den unaufhaltsamen Krieger.
Doch den Äneias stürmte der Volkzerstreuer Apollon
80
Grad‘ auf den Peleionen, und haucht‘ ihm edelen Mut ein,
Ähnlich an Wuchs und Stimme des Priamos‘ Sohn Lykaon;
Dessen Gestalt nachahmend, begann der Herrscher Apollon:
Wo ist, Fürst der Troer, Äneias, alle die Drohung,
Welche du Trojas Helden bei festlichem Weine verhießest,
85
Kühn entgegen zu kämpfen dem Peleionen Achilleus?
Aber Äneias darauf antwortete, solches erwidernd:
Priamos‘ Sohn, warum ermahnst du mich, ohne mein Wollen,
Gegen Achilleus‘ Macht, des Hochbeherzten, zu kämpfen?
Schwerlich heute zuerst vor dem mutigen Renner Achilleus
90
Würd‘ ich bestehn, der mich eher bereits mit der Lanze vom Ida
Weggescheucht, da er kam die weidenden Rinder zu rauben,
Und Lyrnessos verheert‘ und Pedasos. Aber Kronion
Rettete mich, der Kraft mir erregt‘ und hurtige Schenkel.
Traun ich wäre vertilgt von Achilleus‘ Hand und Athenens,
95
Welche Licht ihm zu schaffen voranging, und ihn ermahnte,
Leleger rings und Troer mit ehernem Speer zu ermorden.
Drum nicht mag dem Achilleus ein Mann zum Kampfe begegnen;
Stets ist ihm ein Unsterblicher nah, der Böses ihm abwehrt.
Auch zugleich sein Geschoß fliegt gradan, nicht ihm ermüdend,
100
Eh‘ es in Menschenblut sich gesättiget. Wenn nur ein Gott uns
Gleich ausmäße des Kampfs Entscheidungen; nimmer so leicht dann
Würd‘ ihm der Sieg, und trotzt‘ er, aus starrendem Erze gebildet!
Ihm antwortete drauf Zeus‘ Sohn, der Herrscher Apollon:
Edler, wohlan du selber die ewigwährenden Götter
105
Angefleht! Dich hat ja die Tochter Zeus Aphrodite,
Sagt man, erzeugt; und jenen gebar die geringere Göttin:
Eine von Zeus abstammend, die andere nur vom Meergreis.
Grade denn trag‘ ihm entgegen dein mächtiges Erz, und durchaus nicht
Werde durch pochende Worte zurückgewandt noch Bedrohung!
110
Also der Gott, und beseelte mit Mut den Hirten der Völker.
Schnell durch die vordersten ging er, mit strahlendem Erze gewappnet.
Doch nicht eilt‘ unbemerkt von der lilienarmigen Here
Gegen den Peleionen der Held durch das Männergetümmel.
Jene berief die Götter umher, und redete also:
115
Überlegt nun beide, Poseidon du, und Athene,
Jeder in seinem Herzen, wohin sich wende die Sache.
Dorther kommt Äneias, mit strahlendem Erze gewappnet,
Gegen den Peleionen; es reizt‘ ihn Phöbos Apollon.
Aber wohlan, wir wollen zurück ihn drängen von dannen
120
Alle nun; oder auch einer verteidige neben ihm stehend,
Peleus‘ Sohn, und erfüll‘ ihn mit Kraft, und lasse sein Herz nicht
Mangeln des Muts: daß er sehe, die mächtigsten unter den Göttern
Sei’n ihm hold; doch nichtig sei jener Schutz, die von jeher
Trojas Volk abwehren den Krieg und das Waffengetümmel.
125
All‘ entstiegen wir ja dem Olympos, um zu begegnen
Diesem Gefecht; daß nichts im Troervolk er erdulde,
Heute nur; künftig indes erduld‘ er, was ihm das Schicksal,
Als ihn die Mutter gebar, in den werdenden Faden gesponnen.
Aber entdeckt nicht solches ein Götterspruch dem Achilleus;
130
Schrecken ergreift ihn gewiß, wann ein Gott entgegen ihm wandelt
Durch die Schlacht; denn furchtbar sind himmlische Götter von Anblick.
Ihr antwortete drauf der Erderschüttrer Poseidon:
Here, nicht so gewütet mit Heftigkeit; wenig geziemt dir’s.
Ungern möcht‘ ich solches, daß wir die anderen Götter
135
Feindlich im Kampf anfielen; denn weit gewaltigen sind wir.
Laßt uns jetzo vielmehr hingehn und nieder uns setzen
Außer dem Weg‘ auf die Wart‘, und den Krieg die Männer besorgen.
Aber wo Ares zuerst Kampf anhebt, oder Apollon,
Auch wo Achilleus sie hemmen, und nicht ihn lassen im Kampfe;
140
Schleunig sodann uns selber wird stracks sich erheben der Aufruhr
Wildes Gefechts; und geschwinde hinweg dann scheidend, vermut‘ ich,
Kehren sie heim zum Olympos, zur Schar der anderen Götter,
Unter unseren Händen mit Kraft und Stärke gebändigt.
Dieses gesagt, ging jener voran, der Finstergelockte,
145
Zu dem geschütteten Walle des göttergleichen Herakles,
Den ihm hoch die Troer vordem und Pallas Athene
Ründeten, daß sich bergend dem Meerscheusal er entrönne,
Wann es einmal vom Gestade daher ihn scheucht‘ in das Blachfeld.
Dorthin ging Poseidon, und saß mit den anderen Göttern,
150
Ringsumher undurchdringlich Gewölk um die Schultern gehüllet.
Drüben setzten sich jen‘ auf der Stirn der Kallikolone,
Schnellender Phöbos, um dich, und den stadtverwüstenden Ares.
Also saßen dort die Unsterblichen gegeneinander,
Sinnend auf Rat: vom Beginne des harthinstreckenden Kampfes
155
Säumten sie beiderseits; doch Zeus hochthronend gebot ihn.
Voll ward nun das ganze Gefild‘, und strahlte vom Erze
Wandelnder Männer und Ross‘; und es dröhnte der Grund von dem Fußtritt,
Als sie sich nahten in Wut. Doch zween vorstrebende Männer
Kamen hervor aus den Heeren gerannt in Begierde des Kampfes,
160
Held Äneias der Anchisiad‘, und der edle Achilleus.
Sieh‘ Äneias zuerst kam wildandrohend; und hochher
Nickte der Busch vom gewaltigen Helm; doch den stürmenden Stierschild
Trug er der Brust vorhaltend, und schwenkte den ehernen Wurfspieß.
Gegen ihn drang der Peleide mit Ungestüm, wie ein Löwe,
165
Grimmvoll, den die Männer hinwegzutilgen verlangend
Kommen, ein ganzes Volk; im Anfang stolz und verachtend
Wandelt er; aber sobald mit dem Speer ein mutiger Jüngling
Traf, dann gähnet er eingeschmiegt, und der Schaum von den Zähnen
Rinnt ihm herab, und es stöhnt sein edeles Herz in dem Busen;
170
Dann mit dem Schweif die Hüften und mächtigen Seiten des Bauches
Geißelt er rechts und links, sich selbst anspornend zum Kampfe,
Graß nun die Augen verdreht anwütet er, ob er ermorde
Einen Mann, ob er selbst hinstürz‘ im Vordergetümmel:
So den Achilleus drängte der Mut des erhabenen Herzens,
175
Kühn entgegen zu gehn dem tapferen Held Äneias.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Rief zuerst anredend der mutige Renner Achilleus:
Wie so weit, Äneias, hervor aus der Menge dich wagend
Nahest du? Ob dir das Herz mit mir zu kämpfen gebietet,
180
Weil du hoffst zu beherrschen die gaulbezähmenden Troer,
Künftig in Priamos Macht? O wenn du schon mich erregtest,
Nie wird Priamos drum in die Hand dir geben die Ehre.
Denn selbst hat er ja Söhn‘; und fest, nicht wankend beharrt er.
Maßen vielleicht die Troer dir auserlesene Güter,
185
Schön an Ackergefild‘ und Pflanzungen, daß du sie bautest,
Wenn mich einst du erschlügst! Das möchtest du schwerlich vollenden!
Einmal schon, wie ich meine, dich selbst mit der Lanze verfolgt‘ ich.
Denkst du nicht mehr, wie ich dort dich Einsamen weg von den Rindern
Scheuchte die Höhn des Ida hinab mit hurtigen Schenkeln,
190
Fliegendes Laufs? Nicht wagtest du umzuschaun im Entfliehen!
Dorther bis in Lyrnessos entflohest du; aber in Trümmer
Warf ich sie, eingestürmt mit Pallas Athen‘ und Kronion.
Viele gefangene Weiber, beraubt der heiligen Freiheit
Führt‘ ich; allein dich rettete Zeus und die anderen Götter.
195
Schwerlich indes erretten sie heute dich, wie du im Herzen
Etwa wähnst! Wohlan denn, ich rate dir, weiche mir eilig
Unter die Menge zurück, und scheue dich, mir zu begegnen,
Eh‘ dich ein Übel ereilt! Geschehenes kennet der Tor auch!
Aber Äneias darauf antwortete, solches erwidernd:
200
Peleus‘ Sohn, mit Worten fürwahr nicht, gleich wie ein Knäblein,
Hoffe mich abzuschrecken; denn wohl vermocht‘ ich ja selber,
So herzschneidende Wort‘ als frevele auszurufen.
Kennen wir doch des andern Geschlecht, und kennen die Eltern,
Hörend die längstberühmten Erzählungen sterblicher Menschen;
205
Nie sahn wir, die meinigen du, noch ich selber die deinen.
Doch man sagt, dich zeugte der unvergleichbare Peleus,
Dem dich Thetys gebar, des Meers schönlockige Göttin.
Aber ich selbst, ein Sohn des hochgesinnten Anchises
Rühm‘ ich entsprossen zu sein, von der Tochter Zeus‘ Aphrodite.
210
Jenen ist oder auch diesen, den trauten Sohn zu beweinen,
Heute bestimmt; nicht werden ja wir, durch kindische Worte
So auseinander getrennt, das Schlachtfeld wieder verlassen.
Soll ich dir aber auch dieses verkündigen, daß du erkennest
Unserer Väter Geschlecht, wiewohl es vielen bekannt ist:
215
Dardanos zeugte zuerst der Herrscher im Donnergewölk Zeus,
Ihn Dardanias Stifter; denn Ilios heilige Feste
Stand noch nicht im Gefilde, bewohnt von redenden Menschen;
Sondern am Abhang wohnten sie noch des quelligen Ida.
Dardanos drauf erzeugt‘ Erichthonios sich, den Beherrscher,
220
Welcher der reichste war der sterblichen Erdebewohner.
Stuten weideten ihm drei Tausende rings in den Auen,
Säugende, üppiges Mutes, von hüpfenden Füllen begleitet.
Boreas selbst, von den Reizen entbrannt der weidenden Stuten,
Gattete sich, in ein Roß mit dunkeler Mähne gehüllet;
225
Und zwölf mutige Füllen gebaren sie seiner Befruchtung.
Diese, so oft sie sprangen auf nahrungsprossender Erde,
Über die Spitzen des Halms hinflogen sie, ohn‘ ihn zu knicken;
Aber so oft sie sprangen auf weitem Rücken des Meeres,
Liefen sie über die Wogen, nur kaum die Hufe benetzend.
230
Dann Erichthonios zeugte den Tros zum Gebieter den Troern;
Aber von Tros entsprangen die drei untadligen Söhne,
Ilos, Assarakos auch, und der göttliche Held Ganymedes,
Welcher der schönste war der sterblichen Erdebewohner:
Ihn auch rafften die Götter empor, Zeus‘ Becher zu füllen,
235
Wegen der schönen Gestalt, den Unsterblichen zugesellet.
Ilos zeugte den Sohn Laomedon, tapfer und edel;
Aber Laomedon zeugte den Priamos, und den Tithonos,
Lampos und Klytios auch, und den streitbaren Held Hyketaon.
Kapys, Assakaros‘ Sohn, erzeugete drauf den Anchises;
240
Aber Anchises mich selbst; und Priamos zeugte den Hektor.
Sieh aus solchem Geschlecht und Blute dir rühm‘ ich mich jetzo.
Doch der Menschen Gedeihn vermehrt und mindert Kronion,
Wie sein Herz es gebietet; denn er ist mächtig vor allen.
Aber laß nicht länger uns hier, gleich albernen Kindern,
245
Schwatzend stehn in der Mitte des feindlichen Waffengetümmels.
Denn leicht ist es beiden, uns kränkende Worte zu sagen,
Viele, daß kaum sie trüg‘ auch ein hundertrudriges Lastschiff.
Flüchtig ja ist die Zunge der Sterblichen, vielfach die Reden
Aller Art, und weit das Gefild‘ hinstreifender Worte.
250
Wie du selbst geredet das Wort, so magst du es hören.
Doch was nötiget uns, in Erbitterung gegeneinander
Lästerworte zu lästern und Schmähungen, gleich den Weibern,
Die zum Zorne gereizt von herzdurchdringender Feindschaft
Lästern gegeneinander, in offener Straße sich treffend,
255
Manches wahr, und auch nicht; denn der Zorn gebietet auch solches.
Worte ja werden mir nimmer den Mut abwenden vom Angriff,
Ehe mit Erz du entgegen gekämpft hast! Auf denn, geschwinde
Kosten wir untereinander die ehernen Kriegeslanzen!
Sprach’s, und den ehernen Speer auf den furchtbaren Schild des Entsetzens
260
Schwang er; und ringsum hallte der große Schild von dem Speerwurf.
Doch der Peleid‘ hielt ferne den Schild mit nervichtem Arme,
Schreckenvoll; denn er wähnte, die weitherschattende Lanze
Würde leicht durchdringen dem mutigen Held Äneias:
Tor! er bedachte nicht in des Herzens Geist und Empfindung,
265
Daß so leicht nicht sein der Unsterblichen herrliche Gaben
Sterblicher Menschen Gewalt zu bändigen, noch zu durchbohren.
Auch nicht jetzt Äneias des Feurigen stürmende Lanze
Brach den Schild; denn es hemmte das Gold, die Gabe des Gottes.
Zwo der Schichten allein durchstürmte sie; aber annoch drei
270
Waren; denn fünf der Schichten vereinigte hämmernd der Künstler,
Jene zwo von Erz, und die inneren beide von Zinne,
Aber die eine von Gold, wo die eherne Lanze gehemmt ward.
Auch der Peleid‘ itzt schwang die weithinschattende Lanze;
Und er traf dem Äneias den Schild von geründeter Wölbung,
275
Nahe dem äußersten Rand, wo das Erz am dünnsten umherlief,
Auch am dünnsten ihn deckte die Stierhaut; aber hindurch drang
Pelions ragende Esche mit Sturm, und es krachte die Wölbung.
Nieder duckt‘ Äneias in Eil‘, und streckte den Schild auf,
Angstvoll; aber der Speer, der ihm hinsaust‘, über die Schultern,
280
Stand in die Erde gebohrt, und zerschlug ihm beide die Ränder
Am ringsdeckenden Schild; doch entflohn der gewaltigen Lanze,
Stand er nunmehr, und Entsetzen umgoß ihm die Augen mit Dunkel,
Starrend, wie nah das Geschoß ihm haftete. Aber Achilleus
Stürzte begierig hinan, das geschliffene Schwert sich entreißend,
285
Mit graunvollem Geschrei. Da ergriff Äneias den Feldstein,
Groß und ungeheuer, daß nicht zween Männer ihn trügen,
Wie nun Sterbliche sind; doch er schwang ihn allein und behende.
Jetzo hätt‘ Äneias des Stürmenden Helm mit dem Steine,
Oder den Schild ihm getroffen, der doch dem Verderben gewehret;
290
Ihn dann hätt‘ Achilleus gehaun mit dem Schwert und getötet:
Wenn nicht schnell sie bemerkte der Erderschüttrer Poseidon.
Eilend begann er das Wort zur unsterblichen Götterversammlung:
Wehe doch! traun mich jammert der mutige Held Äneias,
Welcher bald, vom Peleiden besiegt, zum Aïs hinabfährt,
295
Weil er gehorcht dem Worte des treffenden Phöbos Apollon:
Tor! denn nichts ihm frommt er, dem traurigen Tode zu wehren.
Aber warum soll jener nun schuldlos Jammer erdulden,
Also verkehrt, um anderer Weh; da gefällige Opfer
Stets er den Göttern gebracht, die weit den Himmel bewohnen
300
Auf, wir selbst nun wollen der Todesgefahr ihn entreißen;
Daß nicht auch der Kronid‘ ereifere, wenn ihn Achilleus
Tötete jenen Mann; denn das Schicksal gönnt ihm Errettung:
Daß nicht samenlos das Geschlecht hinschwind‘ und der Name
Dardanos, den der Kronid‘ aus allen Söhnen sich auskor,
305
Welche von ihm aufwuchsen und sterblichen Menschentöchtern.
Denn des Priamos‘ Stamm ist schon verhaßt dem Kronion;
Jetzo soll Äneias‘ Gewalt obherrschen den Troern,
Und die Söhne der Söhn‘, in künftigen Tagen erzeuget.
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
310
Selber im Geist erwäg‘ es, o erderschütternder König,
Ob du erretten ihn willst, den Äneias, oder verstatten,
Daß hinsinke der Held dem Peleionen Achilleus.
Denn fürwahr wir beide beteuerten oft mit Eidschwur,
Vor den Unsterblichen allen, ich selbst und Pallas Athene,
315
Niemals einem der Troer den grausamen Tag zu entfernen,
Nicht wenn Troja sogar in verheerenden Flamme des Feuers
Loderte, rings entflammt von den kriegrischen Söhnen Achaias.
Als er solches vernommen, der Erderschüttrer Poseidon;
Flugs durcheilt‘ er den Kampf und den klirrenden Sturm der Geschosse,
320
Hin wo Äneias war, und der hochberühmte Achilleus.
Jenem sogleich nun goß er umschattende Nacht vor die Augen,
Peleus‘ Sohn Achilleus, und selbst die mordende Esche
Zog er zurück aus dem Schilde dem mutigen Held Äneias,
Legte sie dann vor die Füße des Peleionen Achilleus.
325
Doch den Äneias schwang er, empor von der Erd‘ ihn erhebend;
Und weit über die Reihen des Volks, und die Reihen der Rosse,
Flog Äneias hinweg, von der Hand des Gottes geschleudert;
Bis er kam an die Grenze des tobenden Schlachtengetümmels,
Wo der Kaukonen Volk zum Kampf gerüstet einherzog,
330
Jetzo naht‘ ihm wieder der Erderschüttrer Poseidon;
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Welch ein Gott, Äneias, gebietet dir, also verblendet
Gegen des Peleus‘ Sohn zu kämpfen dem Kampf der Entscheidung,
Der weit mächtiger ist, und mehr geliebt von den Göttern?
335
Künftig weiche zurück, so oft du jenem begegnest;
Daß nicht trotz dem Verhängnis in Aïdes Haus du hinabsteigst.
Aber nachdem Achilleus den Tod und das Schicksal erreicht hat;
Dann getrost fortan in den vordersten Reihen gekämpfet!
Denn kein anderer sonst der Danaer raubt dir die Rüstung.
340
Sprach’s, und verließ ihn daselbst, nachdem er ihm alles verkündigt.
Schnell dem Achilleus anjetzt von den Augen scheucht‘ er des Nebels
Hehre Nacht; und sofort weit schauet‘ er rings mit den Augen.
Tief aufseufzt‘ er und sprach zu seiner erhabenen Seele:
Weh mir! ein großes Wunder erblick‘ ich dort mit den Augen!
345
Siehe, die Lanze liegt an der Erd‘ hier; aber der Mann ist
Nirgends, dem ich sie warf, ihn auszutilgen verlangend!
Ei daß auch Äneias geliebt von unsterblichen Göttern
War! doch meint‘ ich gewiß, er rühme sich nur so vergebens.
Wandr‘ er dahin! Nie wahrlich mit mir sich annoch zu versuchen
350
Waget er, der auch nun zu entfliehn sich freut aus dem Tode!
Auf denn, nunmehr anmahnend der Danaer Kriegesgeschwader,
Will ich die anderen Troer im feindlichen Kampfe versuchen!
Rief’s, und sprang in die Reihn, und ermunterte jeglichen Streiter:
Nicht so fern von den Troern enthaltet euch, edle Achaier;
355
Alle nun, Mann auf Mann, dringt ein, und gedenket des Kampfes!
Denn zu schwer wird mir’s, wie groß auch meine Gewalt sei,
Solch ein Männergewühl zu umgehn, und mit allen zu kämpfen!
Selbst nicht Ares vermöcht‘ ein Unsterblicher zwar, noch Athene,
Solchen Schlund des Gewürgs mit Kriegsarbeit zu umwandeln!
360
Aber so viel ich selber vermag an Händen und Schenkeln
Und an Gewalt; nicht mein‘ ich das mindeste des zu versäumen;
Sondern rings durchwandl‘ ich die Ordnungen; nimmer auch, hoff‘ ich
Wird ein Troer sich freun, wer meinem Speere begegnet!
Also ermahnte der Held; auch dort der strahlende Hektor
365
Rief den Troern Befehl, und verhieß dem Kampf mit Achilleus:
Trojas mutige Söhne, verzagt nicht vor dem Peleiden!
Wohl auch ich mit Worten Unsterbliche selber bekämpft‘ ich,
Doch mit dem Speer unmöglich; denn weit gewaltiger sind sie.
Nimmer vermag auch Achilleus ein jegliches Wort zu vollenden;
370
Sondern eins vollbringt er, das andere läßt er verstümmelt.
Ihm nun eil‘ ich entgegen, und wäre sein Arm wie die Flamme,
Wäre sein Arm wie die Flamme, sein Mut wie blinkendes Eisen!
Also ermahnte der Held; da erhuben sie drohende Lanzen,
Trojas Söhn‘, und es stürmte der Streiter Gewühl, und Geschrei scholl.
375
Jetzo trat zu Hektor und redete Phöbos Apollon:
Hektor, durchaus nicht mehr mit Achilleus wage den Vorkampf,
Sondern umher in der Meng‘ und dem Schlachtgetümmel erhasch‘ ihn:
Daß nicht etwa sein Speer dich bändige, oder sein Schwerthieb!
Jener sprach’s; und Hektor entwich in den Haufen der Männer,
380
Angstvoll, als er die Stimme vernahm des redenden Gottes.
Aber Achilleus sprang voll stürmender Kraft in die Troer,
Mit graunvollem Geschrei; und zuerst den Iphition rafft‘ er,
Ihn des Otrynteus Sohn, den tapferen Völkergebieter,
Welchen gebar die Najade denn Städteverwüster Otrynteus,
385
Unten am schneeigen Tmolos, in Hydas fettem Gefilde.
Diesem, der anlief, schoß mit dem Speer der edle Achilleus
Grad‘ auf die Mitte des Haupts, und ganz voneinander zerbarst es.
Dumpf hinkracht‘ er im Fall; da rief frohlockend Achilleus:
Liege nun, Otrynteide, du Schrecklichster unter den Männern!
390
Hier ist also dein Tod; die Geburt war fern an Gygäas
Schönem See, wo dir dein väterlich Erbe gebaut wird,
Am fischwimmelnden Hyllos, und Hermos strudelnden Wassern!
So frohlockte der Held; doch jenen umschattete Dunkel;
Und von der Danaer Rossen zermalmt mit rollenden Rädern
395
Lag er im Vordergewühl. Nach ihm dem Demoleon jetzo,
Jenem tapferen Wehrer der Schlacht, Antenors Erzeugtem,
Stieß er den Speer in den Schlaf, durch des Helms erzwangige Kuppel:
Wenig hemmte das Erz den Stürmenden; sondern hindurch drang
Schmetternd die eherne Spitz‘ in den Schädel ihm; und sein Gehirn ward
400
Ganz mit Blute vermischt: so bändigt‘ er jenen im Angriff.
Drauf dem Hippodamas stürmt‘ er, der rasch vom Wagen herabsprang,
Als er vor ihm hinbebte, den ehernen Speer in den Rücken;
Und er verhauchte den Geist, und stöhnete dumpf, wie ein Stier oft
Stöhnete, umgeschleppt um den helikonischen Herrscher,
405
Wann ihn Jünglinge schleppen; es freut sich ihrer Poseidon:
Also stöhnt‘ auch jener, den mutigen Geist aushauchend.
Er dann flog mit dem Speer auf den göttlichen Held Polydoros,
Priamos‘ Sohn. Ihm wehrete noch sein Vater die Feldschlacht,
Weil er der jüngste Sohn, gezeugt in späterem Alter,
410
Und der geliebteste war, ein rüstiger Läufer vor allen.
Jetzt vor kindischer Lust, mit hurtigen Füßen zu prangen,
Tobt‘ er im Vorderkampf, bis sein blühendes Leben dahin war.
Den nun traf mit der Lanze der mutige Renner Achilleus,
Als er vorüberflog, an den Rückgrat, wo sich des Gurtes
415
Goldene Spang‘ ihm schloß, und zwiefach hemmte der Harnisch.
Aber hindurch an den Nabel durchstürmt‘ ihn die eherne Spitze;
Heulend sank er aufs Knie; und Gewölk des Todes umhüllt‘ ihn
Schwarz; und er rafft‘ empor das Gedärm mit den Händen sich krümmend.
Hektor, sobald er gesehn, wie dort Polydoros der Bruder
420
Hielt das Gedärm in den Händen, umhergekrümmt auf der Erde;
Schnell vor die Augen herab floß Dunkel ihm, und er ertrug nicht
Länger entfernt sich zu wenden; hinangestürmt zu Achilleus,
Schwenkt‘ er den blinkenden Speer, wie ein Glutstrahl. Aber Achilleus,
So wie er sah, aufsprang er, und rief frohlockend die Worte:
425
Siehe der Mann, der so schmerzlich mein innerstes Herz mir verwundet,
Der den Genossen mir schlug, den trautesten! Länger fürwahr nicht
Wollen wir scheu voreinander entfliehn durch die Pfade des Treffens!
Sprach’s, und mit finsterem Blicke begann er zum göttlichen Hektor:
Näher heran, daß du eilig das Ziel des Todes erreichest!
430
Wieder begann unerschrocken der helmumflatterte Hektor:
Peleus‘ Sohn, mit Worten fürwahr nicht, gleich wie ein Knäblein,
Hoffe mich abzuschrecken; denn wohl vermöcht‘ ich ja selber,
So herzschneidende Wort‘ als frevele auszurufen.
Weiß ich doch, wie tapfer du bist, und wie weit ich dir nachsteh.
435
Aber solches ruht ja im Schoß der seligen Götter:
Ob ich, wiewohl geringer an Kraft, dein Leben dir raube,
Treffend mit meinem Geschoß, das auch an der Spitze geschärft ist.
Sprach’s, und die Lanz‘ aufschwingend, entsandt‘ er sie. Aber Athene
Trieb mit dem Hauch sie zurück vom Peleionen Achilleus,
440
Sanft entgegen ihr atmend; und hin zum göttlichen Hektor
Flog sie, und sank kraftlos zu den Füßen ihm. Aber Achilleus
Stürzte begierig hinan, ihn auszutilgen verlangend,
Mit graunvollem Geschrei; doch schnell entrückt ihn Apollon,
Sonder Müh‘, als Gott, und hüllt, in Nebel ihn ringsher.
445
Dreimal stürzt‘ er hinan, der mutige Renner Achilleus,
Zuckend mit ehernem Speer, und dreimal stach er den Nebel.
Als er das vierte Mal drauf anstürmete, stark wie ein Dämon;
Jetzo mit drohendem Laut die geflügelten Worte begann er:
Wieder entrannst du dem Tode, du Hund! Schon nahte Verderben
450
Über dem Haupt; allein dich errettete Phöbos Apollon,
Den du gewiß anflehst, ins Geklirr der Geschosse dich wagend!
Doch bald mein‘ ich mit dir zu endigen, künftig begegnend;
Würdiget anders auch mich ein unsterblicher Gott zu begleiten!
Jetzo eil‘ ich umher zu den übrigen, wen ich erhasche!
455
Sprach’s, und Dryops stach er gerad‘ in den Hals mit der Lanze,
Daß er hinab vor die Füß‘ ihm taumelte. Den nun verließ er;
Drauf den Philetoriden Demuchos, groß und gewaltig,
Hemmt‘ er im Lauf, sein Knie mit gesendeter Lanze verwundend,
Schwang dann genaht sein mächtiges Schwert, und raubt‘ ihm die Seele.
460
Drauf den Laogonos auch und Dardanos, Söhne des Bias,
Stürzet‘ er beid‘ anrennend vom Wagengeschirr auf die Erde:
Den mit der Lanze Wurf, und den mit dem Hiebe des Schwertes.
Tros dann, Alastors Sohn: der naht‘ ihm, fassend die Kniee,
Ob er sein des Gefangenen schont‘, und ihn lebend entließe,
465
Und ihn nicht zu erschlagen, an Alter ihm gleich, sich erbarmte:
Törichter, nicht ja erkannt‘ er, wie all sein Flehen umsonst war;
Denn nicht sanft war jener gesinnt, noch freundliches Herzens,
Sondern ein heftiger Mann! Zwar faßt‘ ihm jener die Kniee,
Strebend ihn anzuflehn; doch er haut‘ ihm das Schwert in die Leber,
470
Daß ihm die Leber entsank, und das schwarze Blut aus der Wunde
Ganz den Busen erfüllt‘; und Nacht umzog ihm die Augen,
Weil ohnmächtig er sank. Auch dem Mulios stieß er die Lanze
Nahend ins Ohr, und sogleich aus dem anderen Ohre hervor drang
Jenem das spitzige Erz. Auch Agenors Sohn dem Echeklos
475
Schwang er tief in den Schädel das Schwert mit gewaltigem Hefte:
Ganz ward warm die Klinge vom spritzenden Blut; und die Augen
Übernahm der finstere Tod und das grause Verhängnis.
Auch den Deukalion jetzt: wo der Sehnen Geflecht sich vereinigt
Unter dem Buge des Arms, dort traf, die Rechte durchbohrend,
480
Ihn das spitzige Erz; und er harrt‘, am Arme gelähmet,
Vor sich schauend den Tod; doch das Schwert in den Nacken ihm haut‘ er
Daß mit dem Helme das Haupt ihm enttaumelte; und aus den Wirbeln
Spritzte das Mark ihm empor, und er lag auf der Erde sich streckend.
Weiter darauf enteilt‘ er zu Peireos trefflichem Sohne,
485
Rigmos, der aus Thrake der scholligen hergekommen:
Diesem schoß er die Lanze gerad‘ in die Weiche des Bauches;
Und er entsank dem Geschirr. Areïthoos drauf dem Genossen,
Als er die Ross‘ umlenkte, den ehernen Speer in den Rücken
Stieß er, und warf ihn vom Wagen; es tummelten bäumend die Rosse.
490
Wie ein entsetzlicher Brand die gewundenen Tale durchwütet,
Hoch im dürren Gebirg‘; es entbrennt unermeßlich die Waldung,
Und rings wehet der Wind mit sausenden Flammenwirbeln:
So rings flog mit der Lanze der Wütende, stark wie ein Dämon,
Folgend zu Mord und Gewürg‘; und Blut umströmte die Erde.
495
Wie wenn ein Mann ins Joch breitstirnige Stiere gespannet,
Weiße Gerste zu dreschen auf rundgeebneter Tenne;
Leicht wird zermalmt das Getreide vom Tritt der brüllenden Rinder:
So vor Achilleus dort dem Erhabenen trabten die Rosse
Stampfend auf bäuchige Schild‘ und Leichname; unten besudelt
500
Troff die Achse von Blut, und die zierlichen Ränder des Sessels,
Welchen jetzt von der Hufe Gestampf anspritzten die Tropfen,
Jetzt von der Räder Beschlag. So wütet‘ er, Ruhm zu gewinnen,
Peleus‘ Sohn, mit Blut die unnahbaren Hände besudelt.

Neunzehnter Gesang

Neunzehnter Gesang

Am Morgen bringt Thetys die Waffen, und sichert den Leichnam vor Verwesung. Achilleus beruft die Achaier, entsagt dem Zorn, und verlangt sogleich Schlacht. Agamemnon erkennt sein Vergehn, und erbietet sich die Geschenke holen zu lasse . Auf Odysseus‘ Rat nehmen die Achaier das Frühmahl, die Geschenke nebst der Briseïs werden gebracht, und Agamemnon schwört, sie niemals berührt zu haben. Achilleus ohne Nahrung wird von Athene gestärkt, und zieht mit dem Heere gerüstet zum Kampf. Sein Roß weissagt ihm nach dem heutigen Siege den nahen Tod, den er verachtet.

Eos im Safrangewand‘ Okeanos‘ Fluten entsteigend,
Hub sich, Göttern das Licht und sterblichen Menschen zu bringen.
Jene nun kam zu den Schiffen, vom Gott herbringend die Gaben.
Jetzo fand sie den Sohn gestreckt um den lieben Patroklos,
5
Weinend mit lauter Stimm‘; und viel‘ umher der Genossen
Jammerten. Unter sie trat die silberfüßige Göttin;
Und sie faßt‘ ihm die Hand, und redete, also beginnend:
Lieber Sohn, ihn, denk‘ ich, nun lassen wir, herzlich betrübt zwar,
Ruhen, nachdem ihn der Rat der ewigen Götter bezwungen.
10
Du nimm hier von Hephästos die hochgepriesene Rüstung,
Wunderschön, wie sie nimmer ein Mann um die Schulter getragen.
Also sprach die Göttin, und legete nieder die Waffen,
Vor dem Sohn; da rasselte laut das Wundergeschmeide.
Alle die Myrmidonen durchdrang Furcht; keiner auch wagt es,
15
Grade sie anzuschaun; sie entzitterten. Aber Achilleus,
So wie er sah, so ergriff ihn noch stärkerer Zorn; und die Augen
Strahlten ihm unter den Wimpern, wie schreckliche Flamme des Feuers.
Freudig umfaßt‘ und hielt er die herrliche Gabe des Gottes.
Aber nachdem er sein Herz gesättiget, schauend das Wunder;
20
Schnell zur Mutter gewandt, die geflügelten Worte begann er:
Mutter, die Waffen verlieh ein Gott mir, so wie sie wahrlich
Schafft der Unsterblichen Hand, kein sterblicher Mann sie bereitet.
Gleich denn jetzt erschein‘ ich in Rüstungen. Aber bekümmert
Sorg‘ ich, daß mir indes Menötios‘ tapferem Sprößling
25
Fliegen, hineingeschmiegt in die erzgeschlagenen Wunden,
Drinnen Gewürm erzeugen, und ganz entstellen den Leichnam;
(Denn sein Geist ist entflohn!) und der Leib hinsink‘ in Verwesung.
Ihm antwortete drauf die silberfüßige Thetys:
Mutig, o Sohn, und laß nicht dieses dein Herz dir bekümmern.
30
Jenem versuch‘ ich selber hinwegzuscheuchen die Fliegen,
Deren Geschlecht raubgierig erschlagene Männer verzehret.
Wenn er sogar daläge bis ganz zur Vollendung des Jahres,
Dennoch soll ihm der Leib unversehrt sein, oder noch schöner.
Rufe demnach zur Versammlung die edelsten Helden Achaias
35
Ausgesöhnt von dem Zorne mit Atreus‘ Sohn Agamemnon;
Schnell dann eile gewappnet zum Kampf, und gürte mit Kraft dich.
Also redete jen‘, und gab ihm entschlossene Kühnheit.
Drauf dem Patroklos goß sie Ambrosiasaft in die Nase,
Und rotfunkelnden Nektar, den Leib unversehrt zu erhalten.
40
Er nun ging am Gestade des Meers, der edle Achilleus,
Schreiend mit grausem Getön, und erregte der Danaer Helden.
Jene sogar, die zuvor im Kreis der Schiffe beharret,
Auch die Steuerer selbst, die am Ruder saßen der Schiffe,
Auch die Schaffner der Schiffe, das Brot zu verteilen geordnet;
45
Sie auch eilten nunmehr zur Versammlung: weil Achilleus
Wieder erschien, der lange vom schrecklichen Kampfe gerastet.
Jene beid‘ auch hinkten daher, die Genossen des Ares,
Tydeus‘ Sohn, der streitbare Held, und der edle Odysseus,
Matt auf die Lanze gestützt; denn sie trugen noch schmerzende Wunden;
50
Und sie setzten sich beid‘ in den vordersten Reihn der Versammlung.
Doch am spätesten kam der Herrscher des Volks Agamemnon,
Krank an der Wund‘; ihm hatt‘ in schreckenvoller Entscheidung
Koon, Antenors Sohn, mit ehernem Speer sie gebohret.
Aber nachdem sich alle zusammengedrängt die Achaier;
55
Jetzo erstand vor ihnen und sprach der schnelle Achilleus:
Atreus‘ Sohn, traun dieses war jüngst schon beiden erwünschter,
Dir und mir selber zugleich; als wir, unmutiger Seele,
Mit herzkränkendem Zank uns ereiferten, wegen des Mägdleins!
Hätte doch an den Schiffen der Artemis Pfeil sie getötet,
60
Jenes Tags, da ich selbst sie erkor aus der Beute Lyrnessos;
Ehe so viel Achaier den Staub mit den Zähnen gebissen,
Unter der Feinde Gewalt, weil ich im Zorne beharrte!
Hektorn war’s und den Troern erfreulicher; doch die Achaier
Werden noch lang‘, ich meine, sich unseres Zwistes erinnern.
65
Aber vergangen sei das Vergangene, wie es auch kränkte;
Dennoch das Herz im Busen bezähmen wir auch mit Gewalt uns.
Meinen Zorn nun hab‘ ich besänftiget; denn mir gebührt nicht,
Rastlos stets zu eifern voll Unmuts. Auf denn, sogleich nun
Angereizt zum Gefechte die hauptumlockten Achaier:
70
Daß ich noch die Troer einmal versuche begegnend,
Ob an den Schiffen zu ruhn sie geneigt sind. Mancher indes wohl
Möchte sich herzlich froh die ermüdeten Kniee beugen,
Wenn er entrinnt dem blutigen Kampf und unserer Lanze!
Jener sprach’s; froh wurden die hellumschienten Achaier,
75
Als dem Zorn entsagte der mutige Peleione.
Jetzo begann vor ihnen der Völkerfürst Agamemnon,
Dort von dem Sitz aufstehend, und nicht vortretend im Kreise:
Freund‘, ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares!
Ihn, der steht, anhören geziemet sich, nicht in die Red‘ ihm
80
Fallen; denn solches beschwert, wie viel auch wisse der Störer.
Bei so großem Getümmel des Volks wer vermag da zu hören,
Wer zu reden? Betäubt wird sogar ein tönender Redner.
Peleus‘ Sohne nunmehr erklär‘ ich mich; aber ihr andern
Merkt, Argeier, es wohl, und beherziget jeder die Worte.
85
Oft schon haben mir dieses Achaias Söhne gerüget,
Und mich bitter geschmäht; doch trag‘ ich dessen die Schuld nicht,
Sondern Zeus, das Geschick, und das nächtliche Schrecken Erinnys:
Die in der Volksversammlung zum heftigen Fehl mich verblendet,
Jenes Tags, da ich selber Achilleus‘ Gab‘ ihm entwandte.
90
Aber was konnt‘ ich tun? Die Göttin wirkt ja zu allem,
Zeus‘ erhabene Tochter, die Schuld, die alle betöret,
Schreckenvoll: leicht schweben die Füß‘ ihr; nimmer dem Grund‘ auch
Nahet sie, nein hoch wandelt sie her auf den Häuptern der Männer,
Reizen die Menschen zum Fehl; und wenigstens einen verstrickt sie.
95
Ihn ja selber einmal, Zeus irrte sie, der an Gewalt doch
Weit vor Menschen und Göttern emporragt; aber auch ihn hat
Here, wiewohl ein Weib, durch listige Ränke verleitet,
Jenes Tags, wie Alkmene die hohe Kraft Herakles‘
Jetzo gebären sollt‘ in der starkummauerten Thebe.
100
Rühmend redete Zeus in der Schar der seligen Götter:
Hört mein Wort, ihr Götter umher, und ihr Göttinnen alle,
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
Heute schafft an das Licht die ringende Eileithya
Einen Mann, der hinfort die Umwohnenden alle beherrschet,
105
Jenes Heldengeschlechts, die aus meinem Blute gezeugt sind.
Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
Wahrlich du trügst, und nimmer zum Ausgang führst du die Rede.
Oder wohlan, gleich schwör‘, Olympier, heiligen Eid mir,
Daß gewiß er hinfort die Umwohnenden alle beherrsche,
110
Welcher an diesem Tage dem Schoß des Weibes entsinket,
Jenes Heldengeschlechts, die aus deinem Blute gezeugt sind.
Jene sprach’s; doch Zeus argwöhnete nichts des Betruges;
Sondern schwur ihr den Eid, und büßte drauf die Verblendung.
Here voll Ungestüms entschwang sich den Höhn des Olympos;
115
Und zur achaiischen Argos gelangte sie, wo ihr bekannt war
Sthenelos‘ edles Weib, des perseiadischen Königs.
Jene trug ein Knäblein, und jetzt war der siebente Monat.
Dies nun zog sie ans Licht, unzeitig annoch, und hemmte
Dort der Alkmene Geburt, die Eileithyen entfernend.
120
Selber nunmehr es verkündend, zu Zeus Kronion begann sie:
Vater Zeus, Strahlschwinger, ein Wort nun leg‘ ich ans Herz dir.
Schon ist geboren der Held, der einst die Argeier beherrschet,
Sthenelos‘ Sohn Eurystheus, des perseiadischen Königs,
Dein Geschlecht, und kein unwürdiger Herrscher für Argos.
125
Jene sprach’s; und heftiger Gram durchwühlte das Herz ihm.
Eilend faßt‘ er die Schuld an den glänzenden Locken des Hauptes,
Tief im Herzen ergrimmt, und schwur den heiligen Eidschwur,
Nie zum Olympos hinfort und dem sternumleuchteten Himmel
Solle sie wiederkehren, die Schuld, die alle betöret.
130
Also Zeus, und warf sie vom sternumleuchteten Himmel
Aus umschwingender Hand; und sie stürzt‘ auf die Werke der Menschen.
Diese fortan beseufzt‘ er, wann seinen Sohn er erblickte,
Wie mühselig er rang im harten Dienst des Eurystheus.
Also auch ich, so lange der helmumflatterte Hektor
135
Argos‘ Scharen vertilgt‘ um die ragenden Steuer der Schiffe,
Konnt‘ ich nicht vergessen der Schuld, die zuerst mich verblendet.
Aber nachdem ich gefehlt, und Zeus die Besinnung mir wegnahm;
Will ich gern es vergelten, und hier‘ unendliche Sühnung.
Auf denn, zeuch in den Kampf, und treib‘ auch die anderen Völker.
140
Auch die Geschenke zu reichen erbiet‘ ich mich, alle die gestern
Dir im Gezelt ankommend verhieß der edle Odysseus.
Oder willst du, so bleib, wie sehr dich verlangt nach der Feldschlacht;
Und dir sollen Genossen aus meinem Schiff die Geschenke
Bringen, damit du sehest, was dir zur Versöhnung ich gebe.
145
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Atreus‘ Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Ob die Geschenke zu reichen dir gut deucht, wie es geziemet,
Ob zu behalten; du magst! Jetzt laß uns gedenken der Kampflust,
Ohne Verzug; nichts frommt es, allhier im Gespräche zu zaudern,
150
Und mit dem Werke zu säumen: denn viel ist annoch unvollendet!
Daß man Achilleus wieder im Vordertreffen erblicke,
Wie sein eherner Speer hinstreckt die Geschwader der Troer!
Also auch ihr seid jeder bedacht mit dem Feinde zu kämpfen!
Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
155
Nicht also, wie tapfer du seist, gottgleicher Achilleus,
Treibe sie ungegessen vor Ilios hin die Achaier,
Trojas Volk zu bekämpfen! Denn nicht für wenige Zeit nur
Währt das Gefecht, wenn sich einmal begegnet sind die Geschwader
Kämpfender, aber ein Gott Mut einhaucht jeglicher Heerschar.
160
Laß sich erquicken zuvor an den rüstigen Schiffen die Männer
Alle mit Speis‘ und Wein; denn Kraft gibt solches und Stärke.
Denn kein Mann vermöchte, den Tag bis zur sinkenden Sonne,
Ungestärkt von Speise, dem Feind‘ entgegen zu kämpfen.
Wenn ihn auch sein mutiges Herz antreibt zum Gefechte;
165
Dennoch werden gemach die Glieder ihm schwer, und es quälet
Hunger zugleich und Durst, und dem Gehenden wanken die Kniee.
Aber ein Mann, der mit Weine sich erst und Speise gesättigt,
Ob feindselige Männer den ganzen Tag er bekämpfe,
Bleibt ihm getrost sein Herz in der Brust, und nimmer erstarren
170
Eher die Knie‘, eh‘ alle zurückziehn aus dem Gefechte.
Aber wohlan, zerstreue das Volk, und heiß‘ sie das Frühmahl
Rüsten. Es mag die Geschenke der Völkerfürst Agamemnon
Bringen in unseren Kreis, damit ein jeder Achaier
Hier mit den Augen sie schau‘ und du im Herzen dich freuest.
175
Dann auch schwör‘ er den Eid, vor Argos‘ Volk sich erhebend,
Daß er nie ihr Lager verunehrt, noch ihr genahet,
Wie in der Menschen Geschlecht der Mann dem Weibe sich nahet.
Und nun sei dir selber das Herz im Busen besänftigt.
Drauf bewirt‘ er dich endlich mit köstlichem Mahl im Gezelte
180
Feierlich, daß du nichts der schuldigen Ehren vermissest.
Atreus‘ Sohn, du wirst auch billiger gegen die andern
Künftig sein; denn es ist nicht unanständig dem König,
Einen Mann zu versöhnen, nachdem er zuerst ihn beleidigt.
Wieder begann dagegen der Völkerfürst Agamemnon:
185
Freudig vernahm ich dein Wort, du edler Sohn des Laertes;
Weil du mit Fug das alles hinausgeführt und geordnet.
Gern auch will ich schwören den Eid; denn die Seele gebeut mir’s:
Und, beim schirmenden Gott, nicht Meineid! Aber Achilleus
Weile noch hier so lange, wie sehr ihn verlangt nach der Feldschlacht;
190
Auch verweilt miteinander ihr übrigen: bis die Geschenke
Aus dem Gezelt herkommen, und treuen Bund wir beschwören.
Dieses sei dir selber noch anvertraut und befohlen.
Wähle der Jünglinge dir, die edelsten aller Achaier;
Bringe dann die Geschenk‘ aus meinem Schiff, die wir gestern
195
Peleus‘ Sohn zu geben bestimmt, auch führe die Weiber.
Aber Talthybios schaff‘ aus dem weiten Heer der Achaier
Einen Eber, für Zeus‘ und Helios‘ Macht ihn zu opfern.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Atreus‘ Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
200
Mehr zu anderer Zeit geziemet euch das zu besorgen,
Wann einmal uns Erholungsfrist vom Gefechte sich darbeut,
Und mir der Zorn nicht also das Herz im Busen durchwütet.
Doch nun liegen ja dort Erschlagene, welche zerfleischt hat
Hektor, Priamos‘ Sohn, als ihm Zeus Ehre gewährte!
205
Ihn nun treibt erst beide zum Mahle sie! Wahrlich ich selber,
Gleich ermahnt‘ ich vielmehr in die Schlacht zu gehn die Achaier,
Nüchtern und ungespeist, und dann mit der sinkenden Sonne
Allen ein Mahl zu bereiten, nachdem wir gerächt die Beschimpfung.
Mir soll wenigstens nichts zuvor die Kehle durchgleiten,
210
Weder Trank noch Speise, da tot mein Freund mir hinsank,
Welcher mir im Gezelte zerfleischt von der Schärfe des Erzes
Daliegt, gegen die Türe gewandt; und Genossen umstehn ihn
Wehmutsvoll! Nein wahrlich, mir liegt nicht solches am Herzen,
Sondern Mord nur, und Blut, und schreckliches Männergeröchel!
215
Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Peleus‘ Sohn, Achilleus, erhabenster Held der Achaier,
Stärker bist du denn ich, und tapferer, nicht um ein kleines,
Mit dem Speer; doch möcht‘ ich’s an Rat dir etwa zuvortun,
Weit, da ich länger gelebt, und mehr gesehn und erfahren.
220
Drum gehorche dein Herz besänftiget meiner Ermahnung.
Bald ja des Menschengewürgs ersättigen sich die Menschen,
Wo in Menge die Halme das Erz zur Erde dahinstreckt;
Kurz auch dauert das Mähn, nachdem herneigte die Waagschal
Zeus, der dem Menschengeschlecht des Kriegs Obwalter erscheinet.
225
Nicht mit dem Bauch ja müssen die Danaer Tote betrauern;
Denn zu viel aufeinander und scharweis jegliches Tages,
Fallen sie: wer vermochte dann aufzuatmen vom Kummer?
Billig demnach jedweden beerdiget, wie er gestorben,
Mit verhärteter Seel‘, und einen Tag ihn beweinend.
230
Doch wie viel‘ entrannen des Kriegs graunvoller Vertilgung,
Müssen mit Trank und Speise sich kräftigen; daß noch entflammter
Wir ausdaurendes Muts feindselige Männer bekämpfen,
Unter der ehernen Last der Rüstungen. Aber daß niemand,
Harrend des zweiten Befehls in Argos‘ Volke verweile!
235
Dieser Befehl bringt wahrlich Verderben ihm, welcher zurückbleibt
Unter den Schiffen des Heers! Nein, alle zugleich ausstürmend
Gegen die reisigen Troer erheben wir grause Vertilgung!
Sprach’s, und Nestors Söhne gesellt‘ er sich, jenes Erhabnen,
Meges zugleich den Phyleiden, Meriones auch, und Thoas,
240
Kreions tapferen Sohn Lykomedes, und Melanippos.
Eilend gingen sie nun zum Kriegsgezelt Agamemnons.
Schnell dann war, wie geredet das Wort, so die Sache vollendet.
Sieben nahmen sie dort dreifüßiger Kessel im Zelte,
Die er versprach, zwölf Ross‘, und zwanzig schimmernde Becken;
245
Führten dann schnell die Weiber, untadlige, kundig der Arbeit,
Sieben, zugleich die achte, des Brises rosige Tochter.
Aber Odysseus wog die zehn Talente des Goldes,
Ging dann voran; ihm folgten die Jünglinge alle mit Gaben.
Die nun stellten sie dort in den Volkskreis. Doch Agamemnon
250
Hub sich; Talthybios dann, Unsterblichen ähnlich an Stimme,
Trat zum Hirten des Volks, und hielt in den Händen den Eber.
Doch der Atreid‘ ausziehend mit hurtigen Händen das Messer,
Das an der großen Scheide des Schwerts ihm immer herabhing,
Schor von des Ebers Haupte das Erstlingshaar, und erhob dann
255
Betend die Hände zu Zeus; rings saßen indes die Argeier
Still umher, nach der Sitte, des Königes Wort zu vernehmen.
Flehend nunmehr begann er, den Blick gen Himmel gewendet:
Höre nun Zeus zuerst, der Seligen Höchster und Bester,
Erd‘ und Helios auch, und Erinnyen, unter der Erde
260
Einst die Toten bestrafend, wer hier Meineide geschworen!
Niemals hab‘ ich die Hand an Brises‘ Tochter geleget,
Weder des Lagers Genuß abnötigend, weder ein andres;
Sondern sie blieb unberührt in den Wohnungen meines Gezeltes!
Schwör‘ ich einiges falsch, dann senden mir Elend die Götter,
265
Ohne Maß, wie sie senden dem frevelnden Schwörer des Meineids!
Sprach’s, und des Ebers Kehle zerschnitt er mit grausamem Erze;
Welchen Talthybios drauf in des Meers grauwogende Fluten
Wirbelnd den Fischen zum Fraß hinschleuderte. Aber Achilleus
Stand empor und begann vor Argos‘ kriegrischen Söhnen:
270
Vater Zeus, traun große Verblendungen gibst du den Menschen!
Nimmermehr wohl hätte den Mut in der Tiefe des Herzens
Atreus‘ Sohn mir empört so fürchterlich, oder das Mägdlein
Weg mir geführt mit Gewalt, der Unbiegsame; sondern fürwahr Zeus
Wollte nur vielen den Tod in Argos‘ Volke bereiten!
275
Doch nun geht zum Mahle, damit wir rüsten den Angriff!
Jener sprach’s, und trennte sofort die rege Versammlung.
Alle zerstreuten sich rings, zum eigenen Schiff ein jeder.
Doch die Geschenk‘ umeilten die Myrmidonen geschäftig,
Brachten sie dann zum Schiffe des göttergleichen Achilleus.
280
Dies nun legten sie dort im Gezelt und setzten die Weiber;
Aber die Ross‘ entführten zur Herd‘ hochherzige Diener.
Brises‘ Tochter nunmehr, wie die goldene Aphrodite,
Als sie gesehn Patroklos zerfleischt von der Schärfe des Erzes;
Goß sie um jenen sich hin, und weinete laut, und zerriß sich
285
Beide Brüst‘, und den blühenden Hals, und ihr rosiges Antlitz.
Also sprach mit Tränen das Weib, den Göttinnen ähnlich:
Ach mein teurer Patroklos, gefälligster Freund mir im Elend!
Lebend noch verließ ich im Zelte dich, als ich hinwegging;
Und ich Kehrende finde dich tot nun, Völkergebieter,
290
Hingestreckt! So verfolgt mich Unheil immer auf Unheil!
Meinen Mann, dem der Vater mich gab, und die würdige Mutter,
Sah ich dort vor der Stadt zerfleischt von der Schärfe des Erzes;
Auch drei leibliche Brüder, von einer Mutter geboren,
Herzlich geliebt, die mir alle der Tag des Verderbens hinwegriß;
295
Dennoch wolltest du nicht, da den Mann der schnelle Achilleus
Mir erschlug, und verheerte die Stadt des göttlichen Mynes,
Weinen mich sehn; du versprachst mir, des göttergleichen Achilleus
Jugendlich Weib zu werden, der einst in Schiffen gen Phtia
Heim mich brächt‘, und feirte den Myrmidonen das Brautmahl.
300
Ach du starbst, und ohn‘ Ende bewein‘ ich dich, freundlicher Jüngling!
Also sprach sie weinend; und ringsum seufzten die Weiber,
Um Patroklos zum Schein, doch jed‘ um ihr eigenes Elend.
Jenen indes umringten die edleren Helden Achaias,
Flehend des Mahls zu genießen; allein er versagt‘ es mit Seufzen.
305
Trauteste Freund‘, ich fleh euch, wofern ihr Liebe mir heget,
Eher nicht ermahnt mich mit Trank und nährender Speise
Meinen Geist zu erfrischen; denn heftiger Kummer durchdringt mich!
Nein bis die Sonne sich senkt, ich harr‘, und gedulde mich standhaft!
Dieses gesagt, entließ er die anderen Fürsten des Heeres.
310
Atreus‘ Söhne nur blieben zurück, und der edle Odysseus,
Nestor, Idomeneus auch, und der graue reisige Phönix,
Sorgsam all‘ aufheiternd den Traurenden; aber sein Herz floh
Heiterkeit, eh‘ in den Schlund des blutigen Kriegs er hineindrang.
Stets gedacht‘ er des Freundes, und redete schnell aufatmend:
315
Ach du hast mir vordem, Unglücklicher, liebster der Freunde,
Selber so oft im Gezelte gebracht ein labendes Frühmahl,
Schnell in geschäftiger Hast, wenn das Heer der Achaier hinausdrang,
Gegen die reisigen Troer das Graun des Krieges zu tragen!
Und nun liegest du ein Erschlagener; aber das Herz mir
320
Will nicht Trank genießen noch Kost, von dem reichlichen Vorrat,
Schmachtend nach dir! Nie könnt‘ auch ein herberes Wehe mich treffen.
Nicht und wenn ich sogar des Vaters Ende vernähme,
Der wohl nun in Phtia die bittersten Tränen vergießet,
Solches Sohns zu entbehren, der hier im Lande des Fremdlings
325
Um die entsetzliche Helena kämpft mit den Reisigen Trojas;
Oder den Tod des Sohnes, der mir in Skyros ernährt wird,
Wenn er etwa noch lebt, Neoptolemos, göttlich von Bildung!
Ehmals hegte mir immer das Herz im Busen die Hoffnung,
Sterben würd‘ ich allein von der rossenährenden Argos
330
Fern, im troischen Land‘; und du heimkehren gen Phtia,
Daß du mir den Sohn im dunklen gebogenen Schiffe
Brächtest aus Skyros‘ Flur, und dort jedwedes ihm zeigtest,
Meine Hab‘, und die Knecht‘, und die hohe gewölbete Wohnung.
Denn schon ahnd‘ ich im Geist, daß Peleus tot in der Erde
335
Schlummere, oder vielleicht noch kümmerlich leb‘ in Schwermut,
Niedergebeugt von Alter und Traurigkeit, weil er beständig
Harrt des schrecklichen Boten, der meinen Tod ihm verkündigt!
Also sprach er weinend; und ringsum seufzten die Fürsten,
Eingedenk, was jeder in seinem Hause zurückließ.
340
Mitleidsvoll erblickte die Traurenden Zeus Kronion;
Schnell zur Athene gewandt, die geflügelten Worte begann er:
Trautes Kind, so gänzlich verlässest du jetzo den Helden!
Gar nicht kümmert sich mehr dein Herz um den edlen Achilleus?
Schau, wie jener dort vor des Meers hochhauptigen Schiffen
345
Sitzt, um den Freund wehklagend, den teuersten! Alle die andern
Gingen zum Frühmahl hin; er rührt nicht Speise noch Trank an.
Eile denn, jenem Ambrosia jetzt und lieblichen Nektar
Sanft in die Brust zu flößen, daß nicht ihn quäle der Hunger.
Also Zeus, und erregte die schon verlangende Göttin.
350
Schnell wie ein schreiender Adler mit weitverbreiteten Flügeln
Schwang sie vom Himmel herab durch den Äther sich. Dort die Achaier
Rüsteten emsig im Heere die Feldschlacht. Doch dem Achilleus
Flößt‘ Athen‘ Ambrosia jetzt und lieblichen Nektar
Sanft in die Brust, daß nicht vor Hunger ihm starrten die Kniee.
355
Selbst dann heim zum Palaste des allgewaltigen Vaters
Kehrte sie. Jen‘ entströmten den hurtigen Schiffen des Meeres.
Wie wenn häufige Flocken des Schnees von Zeus sich ergießen,
Kalt heruntergestürmt vom heiterfrierenden Nordwind:
So dort häufige Helm‘, umstrahlt von freudiges Schimmer,
360
Drangen hervor aus den Schiffen, und hochgenabelte Schilde,
Auch Brustharnische, mächtig gewölbt, und eschene Lanzen.
Glanz erreichte den Himmel, und ringsum lachte die Erde,
Hell von dem Erze bestrahlt; und Getön scholl unter dem Fußtritt
Wandelnder. Mitten auch wappnete sich der edle Achilleus.
365
Ihm von den Zähnen ertönt‘ ein Geknirsch her: aber die Augen
Funkelten, gleich wie lodernde Glut; und das Herz ihm erfüllte
Unausduldsamer Schmerz. So heftig ergrimmt auf die Troer,
Nahm er das Göttergeschenk, das Hephästos‘ Kunst ihm geschmiedet.
Eilend fügt‘ er zuerst um die Beine sich bergende Schienen,
370
Blank und schön, anschließend mit silberner Knöchelbedeckung;
Weiter umschirmt‘ er die Brust ringsher mit dem ehernen Harnisch;
Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll silberner Buckeln,
Eherner Kling‘; und darauf den Schild auch, groß und gediegen,
Nahm er, der ferne den Glanz hinsendete, ähnlich dem Vollmond.
375
Wie wenn draußen im Meere der Glanz herleuchtet den Schiffern,
Vom auflodernden Feuer, das hoch auf Bergen entflammet
Brennt in einsames Hürd‘; indes mit Gewalt sie der Sturmwind
Fern in des Meers fischwimmelnde Flut von den Freunden hinwegträgt:
So von Achilleus‘ Schild‘ entleuchtete Glanz in den Äther,
380
Schön wie er prangt‘ an Kunst. Den schweren Helm nun erhebend,
Deckt‘ er das Haupt ringsher; und es strahlete, gleich dem Gestirne,
Sein hochbuschiger Helm; und die Mähn‘ aus gesponnenem Golde
Flatterte, welche der Gott auf dem Kegel ihm häufig geordnet.
Jetzo versucht‘ in der Rüstung sich selbst der edle Achilleus,
385
Ob sie genau anschlöss‘, und leicht sich bewegten die Glieder;
Und wie Flügel ihm war sie, und hob den Hirten der Völker.
Auch dem schönen Gehäus‘ entzog er den Speer des Erzeugers,
Schwer und groß und gediegen; es konnt‘ ihn der Danaer keiner
Schwingen, allein vermocht‘ ihn umherzuschwingen Achilleus:
390
Pelions ragende Esche, die Cheiron schenkte dem Vater,
Pelions Gipfel enthaun, zum Mord den Heldengeschlechtern.
Aber Automedon jetzt und Alkimos fügten die Rosse
Schnell in die Seile des Jochs, die zierlichen; drauf in die Mäuler
Legten sie jedem Gezäum, und spanneten rückwärts die Zügel
395
Zum gebildeten Sessel. Automedon faßte die Geißel,
Blank und bequem, mit der Hand, und sprang in den Sessel des Wagens.
Hinter ihn drauf, gerüstet zur Feldschlacht, schwang sich Achilleus,
Leuchtend im Waffenschmuck, wie die strahlende Sonne des Himmels.
Schreckliches Rufs nun ermahnt‘ er die mutigen Rosse des Vaters:
400
Xanthos und Balios ihr, ruhmvolles Geschlecht der Podarge,
Anders jetzo gedenkt den Wagenlenker zu bringen
Wieder ins Heer der Achaier, nachdem wir des Kampfs uns gesättigt;
Aber nicht, wie Patroklos, verlaßt ihn tot im Gefilde!
Unter dem Joch antwortete drauf das geflügelte Streitroß
405
Xanthos, und neigte das Haupt; ihm sank die blühende Mähne
Wallend hervor aus dem Ringe des Jochs, und erreichte den Boden;
Aber die Stimme gewährt‘ ihm die lilienarmige Here:
Ja, wohl bringen wir jetzt dich Lebenden, starker Achilleus;
Doch des Verderbens Tag ist nahe dir! Dessen sind wir nicht
410
Schuldig, sondern der mächtige Gott und das harte Verhängnis.
Nicht fürwahr durch Säumnis und Langsamkeit unserer Schenkel
Raubte der Troer Volk von Patroklos‘ Schulter die Rüstung;
Nein der gewaltigste Gott, der Sohn der lockigen Leto,
Schlug ihn im Vordergefecht, dem Hektor Ehre gewährend.
415
Wir zwar wollten im Lauf auch Zephyros Atem ereilen,
Welcher doch schnell vor allen daherstürmt: aber dir selber
Wird bestimmt, dem Gott und dem sterblichen Manne zu fallen.
Jener sprach’s; da verschloß der Erinnyen Hand ihm die Stimme.
Unmutsvoll antwortete drauf der schnelle Achilleus:
420
Xanthos, warum mir den Tod weissagest du? Solches bedarf’s nicht!
Selber weiß ich es wohl, daß fern von Vater und Mutter
Hier des Todes Verhängnis mich hinrafft. Aber auch so nicht
Rast‘ ich, bevor ich die Troer genug im Kampfe getummelt!
Sprach’s, und lenkte voran mit Geschrei die stampfenden Rosse.

Achtzehnter Gesang

Achtzehnter Gesang

Achilleus jammert um Patroklos‘ Tod. Thetys hört seinen Entschluß Hektor zu töten, obgleich ihm bald nach jenem zu sterben bestimmt sei, und verheißt ihm andere Waffen von Hephästos. Den Achaiern entreißt Hektor beinahe den Leichnam; aber Achilleus, der sich waffenlos an den Graben stellt, schreckt durch sein Geschrei die Troer. Nacht. Den Troern rät Polydamas, in die Feste zu ziehn, ehe Achilleus hervorbreche: welches Hektor verwirft. Die Achaier wehklagen um Patroklos und legen ihn auf Leichengewande. Der Thetys schmiedet
Hephästos die erbetenen Waffen.

Also kämpften sie dort, wie lodernde Flammen des Feuers.
Doch zu Achilleus bracht‘ Antilochos eilend die Botschaft.
Ihn nun fand er vorn in des Meers hochhauptigen Schiffen,
Dem nachsinnend im Geist, was schon zur Vollendung genahet.
5
Tief aufseufzt‘ er und sprach zu seiner erhabenen Seele:
Wehe mir doch! was fliehen die hauptumlockten Achaier
Wieder mit Angst zu den Schiffen, dahergescheucht im Gefilde?
Wenn nur nicht die Götter das Jammergeschick mir vollendet,
So wie vordem mir die Mutter verkündiget, und mir gesaget,
10
Daß noch, weil ich lebte, der tapferste Myrmidone
Unter der Troer Hand das Licht der Sonne verließe!
Wahrlich gewiß schon starb Menötios‘ tapferer Sprößling!
Böser! traun ich befahl, wann die feindliche Glut er gewendet,
Heim zu den Schiffen zu gehn, nicht Hektor mit Macht zu bekämpfen!
15
Als er solches erwog in des Herzens Geist und Empfindung;
Siehe da kam ihm nahe der Sohn des erhabenen Nestor,
Heiße Tränen vergießend, und sprach die schreckliche Botschaft:
Wehe mir, Peleus‘ Sohn, des Feurigen, ach ein entsetzlich
Jammergeschick vernimmst du, was nie doch möchte geschehn sein!
20
Unser Patroklos sank; sie kämpfen bereits um den Leichnam,
Nackt wie er ist; denn die Waffen entzog der gewaltige Hektor!
Sprach’s; und jenen umhüllte der Schwermut finstere Wolke.
Siehe mit beiden Händen des schwärzlichen Staubes ergreifend,
Überstreut‘ er sein Haupt, und entstellte sein liebliches Antlitz;
25
Auch das ambrosische Kleid umhaftete dunkele Asche.
Aber er selber groß weithingestreckt in dem Staube
Lag, und entstellete raufend mit eigenen Händen das Haupthaar.
Mägde zugleich, die Achilleus erbeutete, und Patroklos,
Laut mit bekümmerter Seel‘ aufschrieen sie; all‘ aus der Türe
30
Liefen sie her um Achilleus den Feurigen, und mit den Händen
Schlugen sie alle die Brust, und jeglicher wankten die Kniee.
Drüben Antilochos auch wehklagete, Tränen vergießend,
Haltend Achilleus‘ Händ‘, als beklemmt sein mutiges Herz rang:
Daß er nicht die Kehle sich selbst mit dein Eisen durchschnitte.
35
Fürchterlich weint‘ er empor. Da hört‘ ihn die treffliche Mutter,
Sitzend dort in den Tiefen des Meers beim grauen Erzeuger.
Laut aufschluchzte sie nun; und die Göttinnen kamen versammelt,
Alle, so viel Nereiden des Meers Abgründe bewohnten.
Dort war Glauke nunmehr, Kymodoke auch, und Thaleia,
40
Speio, Nesäa, und Thoe, und Halia, herrschendes Blickes,
Auch Aktäa, Kymothoe auch, und Limnoreia,
Melite dann, und Jära, Amphithoe auch, und Agaue,
Doto zugleich, und Protho, Dynamene, Kallianeira,
Auch Dexamene dort, Aphionome auch, und Pherusa,
45
Doris, und Panope auch, und edles Ruhms Galateia,
Dann Nemertes, Apseudes zugleich, und Kallinassa;
Dort war auch Ianeira, und Klymene, auch Ianassa,
Mära, und Oreithya, und schönumlockt Amatheia;
Und wo sonst Nereïden des Meers Abgründe bewohnten.
50
Jene, die silberne Grotte der Herrscherin weit erfüllend,
Schlugen sich alle die Brust; und zuerst wehklagete Thetys:
Hört mich all‘, ihr Schwestern, unsterbliche Töchter des Nereus,
Daß ihr vernehmt den Jammer, wieviel mir die Seele belastet!
Weh mir Armen, o mir unglücklichen Heldenmutter,
55
Die ich den Sohn mir gebar, so edeles Sinns, und so tapfer,
Hoch vor den Helden geschmückt Er schwang sich empor, wie ein Sprößling;
Und ich erzog ihn mit Fleiß, wie die Pflanz‘ im fruchtbaren Acker;
Drauf in geschnäbelten Schiffen gen Ilios sandt‘ ich daher ihn,
Trojas Volk zu bekämpfen; doch nie empfang‘ ich ihn wieder,
60
Wann er zur Heimat kehrt, in Peleus‘ ragende Wohnung!
Aber so lang‘ er mir lebt, und das Licht der Sonne noch schauet,
Duldet er Qual; und nichts vermag ich ihm nahend zu helfen!
Dennoch geh ich, zu schaun mein trautes Kind, und zu hören,
Welch ein Jammer ihn traf, der entfernt vom Kriege beharret!
65
Dieses gesagt, verließ sie die Wölbungen; jene zugleich ihr
Gingen mit Tränen benetzt, und umher die Woge des Meeres
Trennte sich. Als sie nunmehr zur scholligen Troja gelangten,
Stiegen sie auf zum Gestade der Reihe nach, wo das Geschwader
Myrmidonischer Schiff‘ herstand um den schnellen Achilleus.
70
Nahe jetzt dem Schluchzenden trat die göttliche Mutter,
Und lautweinend umschlang sie das Haupt des teuersten Sohnes;
Und sie begann wehklagend, und sprach die geflügelten Worte:
Liebes Kind, was weinst du? und was betrübt dir die Seele?
Sprich, verhehle mir nichts! Dir ward doch alles vollendet
75
Jenes von Zeus, wie vordem mit erhobenen Händen du flehtest:
Daß um die Steuer zusammengedrängt die Männer Achaias,
Schmachtend nach deiner Hilf‘, unwürdige Taten erlitten!
Doch schwerseufzend begann der mutige Renner Achilleus:
Mutter, es hat mir zwar der Olympier jenes vollendet.
80
Aber was frommt mir solches, nachdem mein teurer Patroklos
Mir hinsank, den ich wert vor allen Freunden geachtet,
Wert wie mein eigenes Haupt! Er sank; und die Waffen entzog ihm
Hektor, der ihn erschlug, so gewaltige, Wunder dem Anblick,
Köstliche: welche dem Peleus die ehrenden Götter geschenket,
85
Jenes Tags, da sie dich dem Sterblichen führten zum Lager.
Daß du vielmehr doch dort zu Meergöttinnen gesellet
Wohntest, und Peleus hätt‘ ein sterbliches Weib sich erkoren!
Nun muß dir auch die Seel‘ unendlicher Jammer belasten,
Um den gestorbenen Sohn; denn nie empfängst du ihn wieder,
90
Wann er zur Heimat kehrt! Ja selbst gebeut mir das Herz nicht,
Lebend umherzugehn mit Sterblichen, wo mir nicht Hektor
Erst von meiner Lanze durchbohrt das Leben verlieret,
Und für Patroklos‘ Raub, des Menötiaden, mir büßet!
Aber Thetys darauf antwortete, Tränen vergießend:
95
Bald, mein Sohn, verblühet das Leben dir, sowie du redest!
Denn alsbald nach Hektor ist dir dein Ende geordnet!
Unmutsvoll antwortete drauf der schnelle Achilleus:
Möcht‘ ich sogleich hinsterben, da nicht mir gönnte das Schicksal,
Meinen erschlagenen Freund zu verteidigen! Fern von der Heimat
100
Sank er, und mangelte meiner, des Fluchs Abwehrer zu werden!
Nun da ich nicht heimkehre zum lieben Lande der Väter,
Hab‘ ich weder Patroklos mit Heil erfreut, noch die andern
Freund‘ im Volk, die so viele dem göttlichen Hektor erlagen;
Sondern ich sitz‘ an den Schiffen, umsonst die Erde belastend,
105
Solch ein Mann, wie keiner der erzumschirmten Achaier,
In der Schlacht; denn im Rate besiegen mich andere Männer!
Möchte der Zank aus Göttern und sterblichen Menschen vertilgt sein,
Und der Zorn, der selbst auch den Weiseren pflegt zu erbittern:
Der, weit süßer zuerst denn sanfteingleitender Honig,
110
Bald in der Männer Brust aufwächst, wie dampfendes Feuer!
So nun erzürnete mich der Herrscher des Volks Agamemnon.
Aber vergangen sei das Vergangene, wie es auch kränkte;
Dennoch das Herz im Busen bezähmen wir auch mit Gewalt uns!
Hin nun geh ich, den Mörder des wertesten Haupts zu erreichen,
115
Hektor! Doch mein Los, das empfang‘ ich, wann es auch immer
Zeus zu vollendet beschleußt, und die andern unsterblichen Götter!
Nicht ja Herakles einmal, der Gewaltige, mied das Verhängnis,
Welcher der Liebste doch war dem herrschenden Zeus Kronion;
Sondern ihn zwang das Geschick und der heftige Zorn der Here.
120
Also auch ich, wofern ein gleiches Geschick mir bevorsteht,
Lieg‘ ich, vom Tode gestreckt: jetzt tracht‘ ich noch Ruhm zu gewinnen!
Manche Troerin noch und Dardanerin, schwellendes Busens,
Soll mir mit beiden Händen von jugendlich blühenden Wangen
Tränen des Grams abtrocknen, mit schwer aufzitternden Seufzern!
125
Fühlen sie’s nun, daß ich lange genug von dem Kriege gerastet!
Nicht mir wehre den Kampf, du Liebende; nimmer gehorch‘ ich!
Ihm antwortete drauf die silberfüßige Thetys:
Wahrheit hast du geredet, mein Kind; nicht übel ist solches,
Seine geängsteten Freunde, vor Tod und Verderben zu schützen.
130
Doch in der Troer Gewalt ist dir die stattliche Rüstung.
Strahlend von Erz, mit welcher der helmumflatterte Hektor
Selbst die Schultern geschmückt einherprangt. Zwar wird er schwerlich
Lange darin frohlocken, denn nah‘ ihm schwebet der Tod schon.
Aber du sollst mir noch nicht eingehn ins Getümmel des Ares,
135
Bis du zurück mich kehrend mit deinen Augen erblickest.
Denn ich komm‘ in der Frühe, sobald die Sonne hervorgeht,
Stattliche Wehr dir bringend vom mächtigen Herrscher Hephästos.
Also sprach die Göttin, und kehrte hinweg von dem Sohne;
Drauf gewandt zu den Schwestern, den Meergöttinnen, begann sie:
140
Taucht ihr jetzo hinab in den Schoß des unendlichen Meeres,
Daß ihr den alternden Meergott schaut, und die Wohnung des Vaters;
Ihm dann verkündiget alles. Indes auf den hohen Olympos
Geh‘ ich zum kunstberühmten Hephästos, ob er mir willfahrt,
Rüstungen, schön und strahlend, für meinen Sohn zu bereiten.
145
Jene sprach’s; da tauchten die Göttinnen unter die Meerflut.
Selbst dann ging zum Olympos die silberfüßige Thetys
Schnell, dem geliebten Sohne gepriesene Waffen zu bringen.
So zum Olympos enttrugen die Schenkel sie. Doch die Achaier
Mit graunvollem Geschrei vor dem männermordenden Hektor
150
Flohn sie gescheucht, die Schiff‘ und den Hellespontos erreichend.
Nicht Patroklos auch hätten die hellumschienten Achaier
Aus den Geschossen entführt, den erschlagenen Freund des Achilleus;
Denn es ereilt‘ ihn wieder der Männer Getös‘ und der Rosse,
Hektor zumal, des Priamos‘ Sohn, gleich stürmendem Feuer.
155
Dreimal faßt‘ ihn von hinten am Fuß der strahlende Hektor,
Strebend ihn wegzuziehn, und laut die Troer ermahnt‘ er;
Dreimal stießen die Ajas, mit stürmender Stärke gewappnet,
Ihn von dem Toten hinweg. Er fest, der Stärke vertrauend,
Wütete jetzo hinan das Gewühl durch, jetzo von neuem
160
Stand er mit lautem Geschrei; doch rückwärts wandt‘ er sich niemals.
Wie vom ermordeten Tiere durchaus den funkelnden Leun nicht
Nächtliche Hirten der Flur, den hungrigen Würger, verscheuchen:
So vermochten auch nicht die beiden gerüsteten Ajas
Hektor, Priamos‘ Sohn, von dem Leichnam abzuschrecken.
165
Und er hätt‘ ihn geraubt, und unendlichen Ruhm sich erworben;
Wenn nicht Peleus‘ Sohne die windschnell eilende Iris
Kam als Botin genaht vom Olympos, mitzustreiten,
Zeus und den anderen Göttern geheim; denn es sandte sie Here.
Nahe trat sie hinan, und sprach die geflügelten Worte:
170
Hebe dich, Peleus‘ Sohn, du schrecklichster unter den Männern!
Eile Patroklos zu Hilf‘, um den die entsetzliche Feldschlacht
Draußen tobt vor den Schiffen. Sie morden sich untereinander:
Diese mit Macht beschirmend den hingesunkenen Leichnam;
Dort hinweg ihn zu reißen nach Ilios luftiger Höhe,
175
Wüten die Troer daher; vor allen der strahlende Hektor
Ist ihn zu rauben entbrannt: denn das Haupt ihm wünschet er herzlich,
Hauend vom zarten Hals‘, auf spitzige Pfähle zu heften.
Auf, nicht länger gesäumt; und Graun durchschaudre das Herz dir,
Daß Patroklos liege den troischen Hunden ein Labsal!
180
Dein ist Schmach, wenn irgend entstellt die Leiche daherkommt!
Ihr antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Welcher Gott hat, o Iris, dich mir als Botin gesendet?
Wieder begann dagegen die windschnell eilende Iris:
Here sandte mich her, Zeus‘ rühmliche Lagergenossin.
185
Auch nicht Zeus erfuhr’s, der Erhabene, oder ein Gott sonst,
Aller, die rings des Olympos beschneiete Höhen umwohnen.
Ihr antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Wie doch geh‘ ich zur Schlacht, da jene die Rüstungen haben?
Auch die liebende Mutter verwehrte mir mitzustreiten,
190
Bis ich zurück sie kehrend mit meinen Augen erblickte;
Denn sie verhieß, von Hephästos mir herrliche Waffen zu bringen.
Niemand weiß ich ja sonst, des prangende Wehr mir gerecht sei;
Wo nicht Ajas Schild, des gewaltigen Telamoniden.
Aber er selbst ist, hoff‘ ich, im Vorderkampfe beschäftigt,
195
Mordend mit schrecklichem Speer um den hingesunknen Patroklos.
Wieder begann dagegen die windschnell eilende Iris:
Wohl ja wissen auch wir’s, wie die herrlichen Waffen geraubt sind.
Doch nur so an den Graben genaht, erscheine den Troern;
Ob vor dir erschrocken vielleicht vom Kampfe die Troer
200
Abstehn, und sich erholen die kriegrischen Männer Achaias
Ihrer Angst, wie klein sie auch sei, die Erholung des Krieges.
Dieses gesagt, entflog sie, die windschnell eilende Iris.
Aber Achilleus erhob sich, der Göttliche. Selber Athene
Hängt‘ um die mächtigen Schultern die quastumbordete Ägis;
205
Auch sein Haupt mit Gewölk umkränzte die Heilige Göttin,
Goldenem, und ihm entstrahlt‘ ein ringsumleuchtendes Feuer.
Wie hochwallender Rauch aus der Stadt aufsteiget zum Äther,
Fern aus dem Meereiland, das feindliche Männer bestürmen;
Jene den ganzen Tag, im Kriegsgraun sich versuchend,
210
Kämpfen aus ihrer Stadt; doch sobald die Sonne sich senket,
Brennen sie Reisgebund auf Warten umher, und es leuchtet
Hoch der steigende Glanz, daß Ringsumwohnende schauen;
Ob vielleicht in Schiffen des Streits Abwehrer herannahn:
So von Achilleus‘ Haupt erhub sich der Glanz in den Äther.
215
Schnell nun trat er zum Graben, die Mauer hindurch; doch vermied er
Argos‘ Volk, denn er scheute der Mutter sorgsame Warnung:
Dort gestellt aufschrie er; auch seitwärts Pallas Athene
Schrie lautauf; und die Troer durchtobt‘ unermeßlicher Aufruhr.
Wie wenn hell auftönet der Kriegsausruf der Drommete,
220
Wann um die Stadt herwühlt wehdrohender Feinde Getümmel:
So nun hell auftönte der Kriegsausruf des Peleiden.
Aber sobald sie vernommen den ehernen Ruf des Peleiden;
Regte sich allen das Herz, und die schöngemähneten Rosse
Wandten zurück ihr Geschirr; denn sie ahndeten Jammer im Herzen.
225
Starrend sahn auch die Lenker die lodernde Flamme des Feuers
Graunvoll über dem Haupt des erhabenen Peleionen
Brennen, entflammt von Zeus‘ blauäugiger Tochter Athene.
Dreimal schrie vom Graben mit Macht der edle Achilleus;
Dreimal zerstob der Troer Gewirr und der Bundesgenossen.
230
Dort nun starben vertilgt durch eigene Wagen und Lanzen
Zwölf der tapfersten Helden im Volk. Doch die Männer Achaias,
Freudig nunmehr Patroklos den Mordgeschossen entreißend,
Legeten ihn auf Betten; und ringsum standen die Freunde
Wehmutsvoll; auch folgte der mutige Renner Achilleus,
235
Heiße Tränen vergießend, da dort den treuen Genossen
Liegen er sah auf der Bahre, zerfleischt von der Schärfe des Erzes.
Ihn ach jüngst nur entsandt‘ er mit Rossen zugleich und Geschirre
Hin zur Schlacht; nicht aber den Kehrenden sollt‘ er empfangen.
Helios, rastlos im Lauf, gesandt von der Herrscherin Here,
240
Kehrete jetzt unwillig hinab zu Okeanos‘ Fluten.
Nieder sank die Sonn‘; und das Heer der edlen Achaier
Ruhte vom schrecklichen Kampf und allverderbenden Kriege.
Trojas Söhn‘ auch drüben, vom Ungestüme der Feldschlacht
Wiedergekehrt, entlösten die hurtigen Rosse den Wagen;
245
Eilten darauf zur Versammlung, bevor sie des Mahles gedachten.
Aufrecht standen im Kreis die Versammelten; keiner auch wagt‘ es,
Sich zu setzen; denn all‘ erbebten sie, weil Achilleus
Wieder erschien, der lange vom schrecklichen Kampfe gerastet.
Und der verständige Held Polydamas sprach zur Versammlung,
250
Panthoos‘ Sohn, der allein Zukunft und Vergangenes wahrnahm,
Hektors Freund, mit jenem in einer Nacht auch geboren;
Er durch Worte berühmt, er dort durch Kunde des Speeres;
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Wohl erwägt, ihr Lieben, den Rat; ich denke, sogleich nun
255
Kehren wir heim in die Stadt, nicht harrend der heiligen Frühe
Hier im Feld‘ an den Schiffen; da weit die Mauer entfernt ist.
Weil noch jener Mann dem Held Agamemnon erzürnt war,
Damals ward uns leichter der Kampf mit den Söhnen Achaias.
Ja ich freute mich selbst vor den rüstigen Schiffen zu schlafen,
260
Hoffend bald zu gewinnen die zwiefachrudernden Schiffe.
Doch nun fürcht‘ ich mit Angst den mutigen Renner Achilleus.
So wie das Herz ihm strebt voll Heftigkeit, wird er fürwahr nicht
Säumen allhier im Gefilde, wo Trojas Söhn‘ und Achaias
Gleich bisher miteinander die Wut des Ares geteilet;
265
Nein um die blühende Stadt nun kämpfet er, und um die Weiber.
Kehren wir denn in die Feste; gehorchet mir: also geschieht es!
Jetzo hemmte vom Kampf den mutigen Renner Achilleus
Nur die ambrosische Nacht. Doch findet er morgen allhier uns,
Wann er hervor sich stürzt, der Gewappnete; traun dann erkennt wohl
270
Mancher den Held, und gerne zur heiligen Ilios flüchtet,
Wer ihm entrann; viel sättigen Hund‘ und zerfleischende Geier,
Trojas Söhn‘! O möge vom Ohre mir solches entfernt sein!
Aber wofern mein Wort ihr genehmiget, traurendes Herzens;
Haltet die Nacht auf dem Markte die Kriegsmacht: türmende Mauern
275
Schützen die Stadt ringsum, und hohe befestigte Tore,
Wohlverwahrt mit großen und dicht einfugenden Flügeln.
Frühe sodann vor Morgen, mit ehernen Waffen gerüstet,
Stehen wir rings auf der Mauer; und weh ihm, wo er begehret,
Angestürmt von den Schiffen mit uns um die Mauer zu kämpfen!
280
Heim zu den Schiffen entweicht er, wann sein hochwiehernd Gespann ihm
Satt von mancherlei Lauf um Ilios hergetummelt.
Aber hinein wird nimmer sein Mut ihm zu dringen verstatten;
Nie erobert er auch: eh‘ fressen ihn hurtige Hunde!
Finster schaut‘ und begann der helmumflatterte Hektor:
285
Keineswegs gefällt mir, Polydamas, was du geredet,
Der du ermahnst in die Feste die Kehrenden einzuschließen.
Noch nicht wurdet ihr müd‘, umhegt zu sein von der Mauer?
Sonst war Priamos‘ Stadt bei vielfachredenden Menschen
Weit auf der Erde berühmt, als reich an Gold‘, und an Erze;
290
Doch nunmehr ist geschwunden die köstliche Hab‘ aus den Häusern;
Viel nach Phrygien nun und Mäoniens schönem Gefilde
Gehn zum Verkauf Kleinode, da Zeus‘ Allmacht uns ergrimmt ist.
Aber anjetzt, da mir ja der Sohn des verborgenen Kronos
Ruhm verliehn bei den Schiffen, ans Meer die Achaier zu drängen;
295
Törichter, nicht mehr äußre mir solcherlei Rat in dem Volke!
Denn kein einziger Troer gehorchet dir; nimmer gestatt‘ ich’s!
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
Jetzo nehmet das Mahl durch das Kriegsheer, Haufen bei Haufen;
Und gedenkt der nächtlichen Hut, und jeder sei wachsam.
300
Wer der Troer mit Angst um sein Vermögen sich härmet,
Solcher nehm‘ und geb‘ es dem Volk zu gemeinsamen Gastmahl:
Besser daß jene damit sich belustigen, als die Achaier!
Frühe sodann vor Morgen, mit ehernen Waffen gerüstet,
Gegen die räumigen Schiff‘ erheben wir stürmenden Angriff.
305
Wenn denn gewiß bei den Schiffen erstand der edle Achilleus;
Wohl, so erkor er sich selbst das Schlimmere! Nie ja vor jenem
Werd‘ ich fliehn aus dem Sturme der Feldschlacht; nein ihm entgegen
Steh‘ ich, ob ihn Siegsehre verherrliche, oder mich selber!
Gleich ist Ares gesinnt, und oft auch den Würgenden würgt er!
310
Also redete Hektor; und laut herriefen die Troer:
Törichte! welchen den Geist verblendete Pallas Athene.
Siehe dem Hektor stimmten sie bei, der Böses beschlossen;
Doch dem Polydamas nicht, der heilsame Worte geredet.
Rings nun nahm man das Mahl durch das Kriegsheer. Doch die Achaier
315
Ganz die Nacht um Patroklos erhuben sie Klagen und Seufzer.
Peleus‘ Sohn vor ihnen begann die jammernde Klage;
Hingelegt die mordenden Händ‘ auf den Busen des Freundes,
Ächzet‘ er häufig empor: wie ein bärtiger Löwe des Bergwalds,
Welchem die Jungen geraubt ein hirschverfolgender Jäger
320
Tief aus verwachsnem Gehölz; er drauf ankommend betrübt sich,
Eilt dann von Tale zu Tale der Spur nachrennend des Mannes,
Ob er ihn wo ausforsche; denn bitterer Zorn durchdrang ihn:
Also schweraufseufzend vor Myrmidonen begann er:
Götter, wie eitele Worte sind jenes Tags mir entfallen,
325
Als ich Trost im Palaste dem Held Menötios zusprach!
Heim verhieß ich gen Opus den rühmlichen Sohn ihm zu bringen,
Wann er Troja verheert, und reichliche Beute geloset.
Aber der Mensch entwirft, und Zeus vollendet es anders!
Uns war beiden bestimmt, die selbige Erde zu röten,
330
Hier im troischen Land‘! Auch mich wird nimmer empfangen,
Heimgekehrt zum Palaste, der graue reisige Peleus,
Noch auch Thetys die Mutter; entfernt hier deckt mich die Erde.
Doch nun ich, Patroklos, nach dir in die Erde versinke;
Feier‘ ich dir nicht eher das Grabfest, bis ich dir Hektors
335
Waffen gebracht und das Haupt, des Trotzigen, deines Mörders!
Auch zwölf Jünglinge werd‘ ich am Totenfeuer dir schlachten,
Trojas edlere Söhn‘, im Zorn ob deiner Ermordung!
Ruh‘ indessen allhier bei meinen geschnäbelten Schiffen!
Manche Troerin auch und Dardanerin, schwellendes Busens,
340
Soll wehklagen um dich, bei Tag‘ und Nacht dich beweinend,
Welche wir selbst erbeutet mit Kraft und gewaltigen Lanze,
Blühende Städte verheerend der vielfachredenden Menschen.
Also sprach der edle Peleid‘, und den Freunden gebot er,
Eilend ein groß dreifüßig Geschirr auf Feuer zu stellen,
345
Um von dem blutigen Staube Patroklos‘ Leiche zu säubern.
Sie nun stellten das Badegeschirr auf loderndes Feuer,
Gossen dann Wasser hinein, und legeten Holz an die Flamme;
Rings umschlug sie den Bauch des Geschirrs, und es kochte das Wasser,
Aber nachdem das Wasser gekocht im blinkenden Erze,
350
Wuschen sie jetzt, und salbten mit fettem Öle den Leichnam;
Mit neunjähriger Salb‘ erfüllten sie jetzo die Wunden;
Legten ihn dann auf Betten und breiteten köstliche Leinwand
Ihm vom Haupt zu den Füßen, und drauf den schimmernden Teppich.
Aber die ganze Nacht um den mutigen Renner Achilleus
355
Klagten die Myrmidonen Patroklos weinend und seufzend.
Zeus nun sprach zu Here, der göttlichen Schwester und Gattin:
Endlich gelang dir’s doch, du hoheitblickende Here,
Peleus‘ Sohn zu erregen, den Mutigen. Sicher aus deinem
Eigenen Schoß entstammten die hauptumlockten Achaier.
360
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher, hast du geredet?
Kann ja doch wohl etwas ein Mensch dem Manne vollenden,
Er der sterblich nur ist, und nicht so kundig des Rates.
Aber ich, die stolz der Göttinnen erste sich rühmet,
365
Zwiefach erhöht, durch Geburt, und weil ich deine Genossin
Ward ernannt, der du mächtig im Kreis der Unsterblichen waltest,
Sollt‘ ich nicht den Troern im Zorn ein Übel bereiten?
Also redeten jen‘ im Wechselgespräch miteinander.
Aber Hephästos‘ Palast erreichte die Herrscherin Thetys,
370
Sternenhell, unvergänglich, in strahlender Pracht vor den Göttern,
Welchen aus Erz er selbst sich gebaut, der hinkende Künstler.
Ihn dort fand sie voll Schweiß um die Blasebälge beschäftigt,
Eiferig: denn Dreifüße bereitet‘ er, zwanzig in allem,
Rings zu stehn an der Wand der wohlgeründeten Wohnung.
375
Goldene Räder befestigt‘ er jeglichem unter den Boden;
Daß sie von selbst annahten zur Schar der unsterblichen Götter,
Dann zu ihrem Gemach heimkehreten, Wunder dem Anblick.
Sie nun waren so weit gefertiget; nur noch der Henkel
Zierat fehlte daran; jetzt fügt er sie, hämmernd die Nägel.
380
Während er solches erschuf mit erfindungsreichem Verstande,
Siehe da kam ihm nahe die silberfüßige Thetys.
Diese sah vorwandelnd die feinumschleierte Charis,
Schön und hold, die Gattin des hinkenden Feuerbeherrschers;
Und sie faßt‘ ihr die Hand, und redete, also beginnend:
385
Thetys in langem Gewande, wie nahest du unserer Wohnung,
Ehrenwert und geliebt? Denn sonst besuchst du mich wenig.
Aber komm doch herein, damit ich als Gast dich bewirte,
Also sprach, und führte sie ein, die herrliche Göttin.
Jene setzte sie dann auf den silbergebuckelten Sessel,
390
Schön und prangend an Kunst; und ein Schemel stützt‘ ihr die Füße.
Drauf dem kunstberühmten Hephästos rief sie, und sagte:
Tritt hervor, Hephästos; die Herrscherin Thetys bedarf dein.
Ihr antwortete drauf der hinkende Feuerbeherrscher:
Traun ja, so ist die erhabne, die edelste Göttin daheim mir,
395
Welche vordem mich gerettet im Schmerz des unendlichen Falles,
Als mich die Mutter verwarf, die entsetzliche! welche mich Lahmen
Auszutilgen beschloß. Da duldet‘ ich Wehe des Herzens,
Hätt‘ Eurynome nicht und Thetys im Schoß mich empfangen,
Jene, des kreisenden Stroms Okeanos blühende Tochter.
400
Dort neun Jahre verweilt‘ ich, und schmiedete mancherlei Kunstwerk,
Spangen und Ring‘, und Ohrengehenk‘, Haarnadeln und Kettlein,
Dort in gewölbeter Grott‘; und der Strom des Okeanos ringsher
Schäumte mit brausendem Hall, der unendliche: keiner der andern
Kannte sie, nicht der Götter, und nicht der sterblichen Menschen;
405
Sondern Thetys allein und Eurynome, die mich gerettet.
Diese besucht uns jetzo im Haus‘; und darum gebührt mir,
Froh der lockigen Thetys den Rettungsdank zu bezahlen.
Auf, nun reiche du ihr des Gastrechts schöne Bewirtung,
Während ich selbst die Bälge hinwegräum‘, und die Gerätschaft.
410
Sprach’s, und erhub sich vom Amboß, das rußige Ungeheuer,
Hinkend, und mühsam strebten daher die schwächlichen Beine.
Abwärts legt‘ er vom Feuer die Bälg‘, und nahm die Gerätschaft,
Alle Vollender der Kunst, und verschloß sie im silbernen Kasten;
Wusch sich dann mit dem Schwamme die Hände beid‘, und das Antlitz,
415
Auch den nervichten Hals, und den haarumwachsenen Busen;
Hüllte den Leibrock um, und nahm den stemmigen Scepter,
Hinkte sodann aus der Tür‘; und Jungfraun stützten den Herrscher,
Goldene, Lebenden gleich, mit jugendlich reizender Bildung:
Diese haben Verstand in der Brust, und redende Stimme,
420
Haben Kraft, und lernten auch Kunstarbeit von den Göttern.
Schräge vor ihrem Herrn hineilten sie; er nachwankend,
Nahte, wo Thetys saß, und ruht‘ auf schimmerndem Sessel;
Ihr nun faßt‘ er die Hand, und redete, also beginnend:
Thetys in langem Gewande, wie nahtest du unserer Wohnung,
425
Ehrenwert und geliebt? Denn sonst besuchst du mich wenig.
Rede, wie du verlangst; mein Herz gebeut mir Gewährung,
Kann ich es nur gewähren, und ist es selber gewährbar.
Aber Thetys darauf antwortete, Tränen vergießend:
Ach Hephästos, war eine der Göttinnen auf dem Olympos
430
Je so viel im Herzen des traurigen Wehes erduldend,
Als auf mich vor allen Kronion Jammer gehäuft hat?
Mich aus den Meergöttinnen dem sterblichen Manne gesellt‘ er,
Peleus Äakos‘ Sohn‘, und ich trug des Mannes Umarmung,
Sehr unwillig aus Zwang; doch jetzt vor traurigem Alter
435
Lieget er dort im Palast, ein Entkräfteter. Aber noch mehr nun!
Einen Sohn zu gebären verlieh er mir, und zu erziehen,
Hoch vor Helden geschmückt! Er schwang sich empor, wie ein Sprößling;
Und ich erzog ihn mit Fleiß, wie die Pflanz‘ im fruchtbaren Acker;
Drauf in geschnäbelten Schiffen gen Ilios sandt‘ ich daher ihn,
440
Trojas Volk zu bekämpfen. Doch nie empfang‘ ich ihn wieder,
Wann er zur Heimat kehrt, in Peleus‘ ragende Wohnung!
Aber so lang‘ er mir lebt, und das Licht der Sonne noch schauet,
Duldet er Qual; und nichts vermag ich ihm nahend zu helfen!
Die zum Ehrengeschenk ihm die Danaer wählten, die Jungfrau
445
Nahm aus der Hand ihm wieder der Völkerfürst Agamemnon.
Traurend das Herz um diese zerquält‘ er sich. Aber die Troer
Schlossen die Danaer ein um die ragenden Steuer, und ließen
Nicht aus dem Lager sie gehn. Ihm fleheten drauf die Achaier
Älteste, welche viel und herrliche Gaben ihm boten.
450
Selbst nunmehr verweigert‘ er zwar dem Verderben zu wehren;
Aber den Freund Patroklos, mit eigenen Waffen ihn rüstend,
Sandt‘ er daher in die Schlacht, und viel des Volks ihm gesellt‘ er.
Ganz den Tag durchkämpften sie nun am skäischen Tore;
Ja und verheert des Tages wär‘ Ilios, wenn nicht Apollon
455
Jenen Vertilger des Volks, Menötios‘ tapferen Sprößling,
Schlug in dem Vordergefecht, und Hektorn Ehre gewährte.
Drum nun flehend die Knie‘ umfass‘ ich dir, ob du geneigt seist,
Schild und Helm zu verleihen dem bald hinwelkenden Sohne,
Prangende Schienen zugleich mit schließender Knöchelbedeckung,
460
Harnisch auch: was er hatte, verlor sein Genoß, den ermordet
Trojas Söhn‘; und er liegt auf der Erd‘, unmutiges Herzens.
Ihr antwortete drauf der hinkende Feuerbeherrscher:
Sei getrost, und laß nicht dieses dein Herz dir bekümmern.
Daß ich doch dem greulichen Tod‘ ihn also vermöchte
465
Weit hinweg zu entziehn, wann einst sein Jammergeschick naht:
Als nun prangende Wehr ihn erfreun wird, solche wie mancher
Wohl anstaunt im Geschlechte der Sterblichen, wer sie erblicket!
Dieses gesagt, verließ er sie dort, und ging in die Esse,
Wandt‘ in das Feuer die Bälg‘ und hieß sie mit Macht arbeiten.
470
Zwanzig bliesen zugleich der Blasebälg‘ in die Ösen,
Allerlei Hauch aussendend des glutanfachenden Windes,
Bald des Eilenden Werk zu beschleunigen, bald sich erholend,
Je nachdem es Hephästos befahl zur Vollendung der Arbeit.
Jener stellt‘ auf die Glut unbändiges Erz in den Tiegeln,
475
Auch gepriesenes Gold, und Zinn, und leuchtendes Silber;
Richtete dann auf dem Block den Amboß, nahm mit der Rechten
Drauf den gewaltigen Hammer, und nahm mit der Linken die Zange.
Erst nun formt‘ er den Schild, den ungeheuren und starken,
Ganz ausschmückend mit Kunst. Ihn umzog er mit schimmerndem Rande,
480
Dreifach und blank, und fügte das silberne schöne Gehenk an.
Aus fünf Schichten gedrängt war der Schild selbst; oben darauf nun
Bildet‘ er mancherlei Kunst mit erfindungsreichem Verstande.
Drauf nun schuf er die Erd‘, und das wogende Meer, und den Himmel,
Auch den vollen Mond, und die rastlos laufende Sonne;
485
Drauf auch alle Gestirne, die rings den Himmel umleuchten,
Drauf Plejad‘ und Hyad‘, und die große Kraft des Orion,
Auch die Bärin, die sonst der Himmelwagen genannt wird,
Welche sich dort umdreht, und stets den Orion bemerket,
Und allein niemals in Okeanos‘ Bad sich hinabtaucht.
490
Drauf zwo Städt‘ auch schuf er der vielfach redenden Menschen,
Blühende: voll war die ein‘ hochzeitlicher Fest‘ und Gelage.
Junge Bräut‘ aus den Kammern, geführt beim Scheine der Fackeln,
Gingen einher durch die Stadt; und hell erhub sich das Brautlied:
Tanzende Jünglinge drehten behende sich unter dem Klange,
495
Der von Flöten und Harfen ertönete; aber die Weiber
Stauden bewunderungsvoll, vor den Wohnungen jede betrachtend.
Auch war dort auf dem Markte gedrängt des Volkes Versammlung:
Denn zween Männer zankten, und haderten wegen der Sühnung
Um den erschlagenen Mann. Es beteuerte dieser dem Volke,
500
Alles hab‘ er bezahlt; ihm leugnete jener die Zahlung.
Jeder drang, den Streit durch des Kundigen Zeugnis zu enden.
Diesem schrien und jenem begünstigend eifrige Helfer;
Doch Herolde bezähmten die Schreienden. Aber die Greise
Saßen umher im heiligen Kreis‘ auf gehauenen Steinen;
505
Und in die Hände den Stab dumpfrufender Herolde nehmend,
Stauden sie auf nacheinander, und redeten wechselnd ihr Urteil.
Mitten lagen im Kreis‘ auch zwei Talente des Goldes,
Dem bestimmt, der vor ihnen das Recht am gradesten spräche.
Jene Stadt umsaßen mit Krieg zwei Heere der Völker,
510
Leuchtend im Waffenglanz. Die Belagerer droheten zwiefach:
Auszutilgen die Stadt der Verteidiger, oder zu teilen
Alles Gut, das die liebliche Stadt in den Mauern verschlösse.
Jene verwarfen es stolz, zum Hinterhalte sich rüstend.
Ihre Mauer indes bewahreten liebende Weiber,
515
Und unmündige Kinder, gesellt zu wankenden Greisen.
Jen‘ enteilten, von Ares geführt und Pallas Athene:
Beide sie waren von Gold, und in goldene Kleider gehüllet,
Beide schön in den Waffen und groß, wie unsterbliche Götter,
Weit umher vorstrahlend; denn kleiner an Wuchs war die Heerschar.
520
Als sie den Ort nun erreicht, den zum Hinterhalt sie gewählet,
Nahe dem Bach, wo zur Tränke das Vieh von der Weide geführt ward;
Dort nun setzten sich jene, geschirmt mit blendendem Erze.
Abwärts saßen indes zween spähende Wächter des Volkes,
Harrend, wann sie erblickten die Schaf‘ und gehörneten Rinder.
525
Bald erschienen die Herden, von zween Feldhirten begleitet,
Welche, den Trug nicht ahndend, mit Flötenklang sich ergötzten.
Schnell auf die Kommenden stürzt‘ aus dem Hinterhalte die Heerschar,
Raubt‘ und trieb die Herden hinweg, der gehörneten Rinder
Und weißwolligen Schaf‘, und erschlug die begleitenden Hirten.
530
Jene, sobald sie vernahmen das laute Getös‘ um die Rinder,
Welche die heiligen Tore belagerten; schnell auf die Wagen
Sprangen sie, stürmten in fliegendem Lauf, und erreichten sie plötzlich.
Alle gestellt nun schlugen sie Schlacht um die Ufer des Baches,
Und hin flogen und her die ehernen Kriegeslanzen.
535
Zwietracht tobt‘ und Tumult ringsum, und des Jammergeschicks Ker,
Die dort lebend erhielt den Verwundeten, jenen vor Wunden
Sicherte, jenen entseelt durch die Schlacht hinzog an den Füßen;
Und ihr Gewand um die Schulter war rot vom Blute der Männer.
Gleich wie lebende Menschen durchschalteten diese die Feldschlacht,
540
Und entzogen einander die Leichname toter Helden.
Weiter schuf er darauf ein Brachfeld, locker und fruchtbar,
Breit, zum Dritten gepflügt; und viel der ackernden Männer
Trieben die Joch‘ umher, und lenketen hiehin und dorthin.
Aber so oft sie kehrend des Ackers Ende gewannen,
545
Reicht‘ ein Mann den Becher des herzerfreuenden Weines
Jeglichem dar nach der Ordnung; sie wandten sich dann zu den Furchen,
Freudiges Muts, das Ende der tiefen Flur zu erreichen.
Aber es dunkelte hinten das Land, und geackertem ähnlich
Schien es, obgleich von Gold: so wunderbar hatt‘ er’s bereitet.
550
Drauf auch schuf er ein Feld tiefwallender Saat, wo die Schnitter
Mäheten, jeder die Hand mit schneidender Sichel bewaffnet.
Längs dem Schwad‘ hinsanken die häufigen Griffe zur Erde;
Andere banden die Binder mit strohernen Seilen in Garben;
Denn drei Garbenbinder verfolgeten. Hinter den Mähern
555
Sammelten Knaben die Griff‘; und trugen sie unter den Armen
Rastlos jener daher. Der Herr stillschweigend bei ihnen
Stand, den Stab in den Händen, am Schwad‘, und freute sich herzlich.
Abwärts unter der Eiche bereiteten Diener die Mahlzeit,
Rasch um den großen Stier, den sie schlachteten; Weiber indessen
560
Streueten weißes Mehl zum labenden Mus für die Ernter.
Drauf auch ein Rebengefilde, von schwellendem Weine belastet,
Bildet‘ er schön aus Gold; doch schwärzlich glänzten die Trauben;
Und es standen die Pfähle gereiht ans lauterem Silber.
Rings dann zog er den Graben von dunkeler Bläue des Stahles,
565
Samt dem Gehege von Zinn. Ein Pfand nur führte zum Rebhain,
Für die Träger zu gehn, in der Zeit der fröhlichen Lese.
Jünglinge nun, aufjauchzend vor Lust, und rosige Jungfrauen
Trugen die süße Frucht in schöngeflochtenen Körben.
Mitten auch ging ein Knab‘ in der Schar; aus klingender Leier
570
Lockt‘ er gefällige Tön‘, und sang den Reigen von Linos
Mit hellgellender Stimm‘; und ringsum tanzten die andern,
Froh mit Gesang und Jauchzen und hüpfendem Sprung ihn begleitend.
Eine Herd‘ auch schuf er darauf hochhauptiger Rinder;
Einige waren aus Golde geformt, ans Zinne die andern.
575
Laut mit Gebrüll vom Hof‘ enteilten sie dort auf die Weide,
Längs dem rauschenden Fluß, der hinabschoß, wankend von Schilfrohr.
Aber goldene Hirten begleiteten emsig die Rinder,
Vier an der Zahl, auch folgeten neun schnellfüßige Hunde.
Zween entsetzliche Löwen, gestürzt in die vordersten Rinder,
580
Faßten den dumpf aufbrummenden Stier; und mit lautem Gebrüll nun
Ward er geschleift; doch Hund‘ und Jünglinge folgten ihm schleunig.
Jene, nachdem sie zerrissen die Haut des gewaltigen Stieres,
Schlürften die Eingeweid‘ und das schwarze Blut; und vergebens
Scheuchten die Hirten daher, die hurtigen Hund‘ anhetzend.
585
Sie dort zuckten zurück, mit Gebiß zu fassen die Löwen,
Standen genaht, und bellten sie an, doch immer vermeidend.
Eine Trift auch erschuf der hinkende Feuerbeherrscher,
Im anmutigen Tal, durchschwärmt von silbernen Schafen,
Hirtengeheg‘ und Hütten zugleich, und schirmende Ställe.
590
Einen Reigen auch schlang der hinkende Feuerbeherrscher,
Jenem gleich, wie vordem in der weitbewohnten Knossos
Dädalos künstlich ersann der lockigen Ariadne.
Blühende Jünglinge dort und vielgefeierte Jungfraun
Tanzten den Ringeltanz, an der Hand einander sich haltend.
595
Schöne Gewand‘ umschlossen die Jünglinge, hell wie des Öles
Sanfter Glanz, und die Mädchen verhüllete zarte Leinwand.
Jegliche Tänzerin schmückt‘ ein lieblicher Kranz, und den Tänzern
Hingen goldene Dolche zur Seit‘ an silbernen Riemen.
Kreisend hüpften sie bald mit schöngemessenen Tritten
600
Leicht herum, so wie oft die befestigte Scheibe der Töpfer
Sitzend mit prüfenden Händen herumdreht, ob sie auch laufe;
Bald dann hüpften sie wieder in Ordnungen gegeneinander.
Zahlreich stand das Gedräng‘ um den lieblichen Reigen versammelt,
Innig erfreut; und zween nachahmende Tänzer im Kreise
605
Stimmten an den Gesang, und dreheten sich in der Mitte.
Auch die Gewalt des Stromes Okeanos bildet‘ er ringsum
Strömend am äußersten Rand des schönvollendeten Schildes.
Als er den Schild nun bereitet, den ungeheuren und starken;
Schuf er anjetzt ihm den Harnisch, den strahlenden, heller denn Feuer;
610
Schuf ihm sodann den gewaltigen Helm, der den Schläfen sich anschloß,
Schön und prangend an Kunst; und zog aus Golde den Haarbusch;
Schuf ihm zuletzt auch Schienen; aus feinem Zinne gegossen.
Als nun jedes Gerät vollbracht der hinkende Künstler;
Nahm er, und legt‘ es gehäuft vor Achilleus göttliche Mutter.
615
Schnell wie ein Habicht herab vom schneebedeckten Olympos
Sprang sie, und trug von Hephästos das schimmernde Waffengeschmeide.

Siebzehnter Gesang

Siebzehnter Gesang

Streit um Patroklos. Euphorbos von Menelaos erlegt. Hektor, von Automedon sich wendend, raubt dem Patroklos die Rüstung, ehe Ajas, Telamons Sohn, ihn verscheucht. Drauf in Achilleus‘ Rüstung verstärkt er den Angriff auf den Leichnam, dem mehrere Achaier zu Hilfe eilen. Hartnäckiger Kampf bei wechselndem Glück. Die traurenden Rosse des Achilleus, die Zeus gestärkt, lenkt Automedon in die Schlacht, wo Hektor und Äneias
umsonst ihn angreifen. Um Patroklos wankender Sieg. Menelaos sendet den Antilochos mit der Nachricht zu Achilleus. Er selbst und Meriones tragen den Leichnam, indes beide Ajas abwehren.

Nicht unbemerkt dem Atreiden, dem kriegrischen Held Menelaos,
War’s, wie Menötios‘ Sohn den Troern erlag in der Feldschlacht.
Rasch durch das Vordergewühl, mit strahlendem Erze gewappnet,
Kam und umwandelt‘ er ihn, wie ihr Kalb die blökende Starke,
5
Die ihr Erstes gebar, noch neu den Sorgen der Mutter:
Also umging Patroklos der bräunliche Held Menelaos.
Vor ihn streckt‘ er die Lanz‘, und den Schild von gerundeter Wölbung,
Ihn zu erschlagen bereit, wer nur annahte zu jenem.
Auch nicht Panthoos‘ Sohn vergaß, der Lanzenberühmte,
10
Sein des gefallnen Patroklos, des herrlichen; sondern genaht ihm
Stand er, und rief, anredend den streitbaren Held Menelaos:
Atreus‘ Sohn, Menelaos, du Göttlicher, Völkergebieter,
Weiche zurück vom Toten, und laß mir die blutige Rüstung!
Keiner zuvor der Troer und rühmlichen Bundesgenossen
15
Hat Patroklos verletzt im Ungestüme der Feldschlacht:
Drum laß mich Siegsehre verherrlichen unter den Troern,
Eh‘ ich dich treff‘, und hinweg dein süßes Leben dir raube!
Unmutsvoll nun begann der bräunliche Held Menelaos:
Vater Zeus, nicht ziemt es, so trotzige Worte zu rufen!
20
Nie doch trotzt‘ ein Pardel so fürchterlich, nie auch ein Löwe,
Noch der Eber des Waldes, der grimmige, welchem vor allen
Großer Zorn im Busen mit drohender Stärke daherschnaubt:
Als sich Panthoos‘ Söhne, die Lanzenschwinger, erheben!
Doch nicht hatte fürwahr die Heldenkraft Hyperenors
25
Seiner Jugend Genuß, da der Schmähende wider mich hertrat!
Dieser lästerte mich den verworfensten Krieger Achaias;
Aber ich mein‘, er kehrte mir nicht mit eigenen Füßen
Heim, der liebenden Gattin zur Freud‘, und den würdigen Eltern.
Also lös‘ ich auch dir die strebende Kraft, wo du näher
30
Gegen mich kommst! Wohlan denn, ich rate dir, weiche mir eilig
Unter die Menge zurück, und scheue dich, mir zu begegnen;
Eh‘ dich ein Übel ereilt! Geschehenes kennet der Tor auch!
Sprach’s, und nicht ihn bewegt‘ er; vielmehr antwortet‘ er also:
Traun nunmehr, Menelaos, du Göttlicher, sollst du mir büßen,
35
Daß du den Bruder erschlugst, und rühmend der Tat dich erhebest,
Daß du zur Witwe gemacht sein Weib in der bräutlichen Kammer,
Und unnennbaren Gram den jammernden Eltern bereitet!
Ach den Elenden würd‘ ich des Grams Erleichterung schaffen,
Wenn ich zurück dein Haupt und die blutigen Rüstungen tragend
40
Überreicht in Panthoos‘ Hand und der göttlichen Phrontis!
Doch nicht länger annoch sei unversucht uns die Arbeit,
Und nicht leer der Entscheidung, der Tapferkeit und des Entsetzens!
Jener sprach’s, und rannt‘ auf den Schild von gerundeter Wölbung;
Doch nicht brach er das Erz; denn rückwärts bog sich die Spitze
45
Auf dem gediegenen Schild. Nun erhob auch jener die Lanze,
Atreus‘ Sohn Menelaos, und betete laut zu Kronion:
Dann dem Zurückgezognen gerad‘ in die Wurzel des Schlundes
Stieß er, und drängete nach, der nervichten Rechte vertrauend;
Daß ihm hindurch aus dem zarten Genick die Spitze hervordrang:
50
Dumpf hinkracht‘ er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Blutig troff ihm das Haar, wie der Huldgöttinnen Gekräusel,
Schöngelockt, und zierlich mit Gold‘ und Silber durchflochten.
Gleich dem stattlichen Sprößling des Ölbaums, welchen ein Landmann
Nährt am einsamen Ort, wo genug vorquillt des Gewässers;
55
Lieblich sproßt er empor, und sanft bewegt ihn die Kühlung
Aller Wind‘ umher, und schimmernde Blüte bedeckt ihn;
Aber ein schnell andrängender Sturm mit gewaltigen Wirbeln
Reißt aus der Grube den Stamm, und streckt ihn lang auf die Erde:
Also erschlug den Euphorbos, den panthoidischen Streiter,
60
Atreus‘ Sohn Menelaos, und raubt‘ ihm die prangende Rüstung.
Jetzt wie ein Löw‘ im Gebirge genährt, der Stärke vertrauend,
Hascht aus der werdenden Herde die Kuh, die am schönsten hervorschien;
Ihr nun bricht er den Nacken, mit mächtigen Zähnen sie fassend,
Erst, dann schlürft er das Blut und die Eingeweide hinunter,
65
Und zerfleischt; doch ringsum die Hund‘ und die Männer des Hirten
Scheuchen ihn laut anschreiend von fernher, aber auch keiner
Wagt ihm entgegen zu gehn, denn es faßte sie bleiches Einsetzen;
Also wagt‘ auch keinem das mutige Herz in dem Busen,
Dort ihm entgegen zu gehn, dem rühmlichen Held Menelaos.
70
Leicht enttrüg‘ er nunmehr Euphorbos prangende Rüstung,
Atreus‘ Sohn, wenn nicht ihm neidete Phöbos Apollon,
Der ihm den Hektor erregte, dem stürmenden Ares vergleichbar:
Denn er naht‘ in Mentes Gestalt, des Kikonengebieters;
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
75
Hektor, du läufst nun also einher, Unerreichbares suchend,
Nach des Peleiden Gespann, des feurigen! Schwer sind die Rosse
Jedem sterblichen Manne zu bändigen, oder zu lenken,
Außer Achilleus selbst, den gebar die unsterbliche Mutter.
Aber indes hat Atreus‘ erhabener Sohn Menelaos,
80
Als er Patroklos umging, dir den tapfersten Troer ermordet,
Panthoos‘ Sohn Euphorbos, den stürmenden Mut ihm bezähmend.
Dieses gesagt, enteilte der Gott in der Männer Getümmel.
Hektorn umfing Wehmut das finstere Herz in dem Busen.
Ringsum schaut‘ er nunmehr durch die Ordnungen; plötzlich erkannt er
85
Ihn, der die prangende Wehr sich erbeutete, jenen zur Erde
Hingestreckt, dem das Blut aus offener Wund‘ hervorrann.
Rasch durch das Vordergewühl, mit strahlendem Erze gewappnet,
Eilt‘ er und schrie lautauf, wie die lodernde Glut des Hephästos
Ungestüm. Wohl hörte den schmetternden Ruf der Atreide;
90
Tief aufseufzt‘ er und sprach zu seiner erhabenen Seele:
Wehe mir! wenn ich anitzt die prangende Rüstung verlasse,
Samt Patroklos, der hier mein Ehrenretter dahinsank;
Eifern wird mir jeder der Danaer, welcher mich anschaut!
Aber wofern ich allein mit Hektor kämpf‘ und den Troern,
95
Scheuend die Schmach; dann, sorg‘ ich, umringen mich einzelnen viele,
Wenn mit dem ganzen Volk anstürmt der gewaltige Hektor.
Aber warum bewegte das Herz mir solche Gedanken?
Wagt es ein Mann, dem Dämon zum Trotz, mit dem Helden zu kämpfen,
Den ein Himmlischer ehrt, bald rollt auf das Haupt ihm ein Unheil.
100
Darum eifre mir keiner der Danaer, welcher mich siehet
Weichen vor Hektors Macht; denn er kämpft mit Hilfe der Götter.
Wenn ich indes nur Ajas den Rufer im Streit wo vernähme;
Beide dann kehrten wir um, des freudigen Kampfes gedenkend,
Selbst dem Dämon zum Trotz, ob entziehn wir möchten den Leichnam
105
Für den Peleiden Achilleus; denn Besserung wär‘ es dem Unglück.
Als er solches erwog in des Herzens Geist und Empfindung;
Nahten bereits die Troer in Schlachtreihn, folgend dem Hektor.
Jetzo wich Menelaos hinweg, und verließ den Erschlagnen,
Rückwärts häufig gewandt: wie ein bärtiger Löwe des Bergwalds,
110
Welchen Hund‘ und Männer hinweg vom Gehege verscheuchen
Rings mit Speer und Geschrei; sein mutiges Herz in dem Busen
Schaudert ihm, und unwillig vom ländlichen Hof‘ entweicht er:
Also ging von Patroklos der bräunliche Held Menelaos;
Stand dann zum Feinde gekehrt, da der Seinigen Schar er erreichte,
115
Rings nach Ajas schauend, dem mächtigen Telamoniden.
Diesen erkannt‘ er sofort linkshin im Gemenge der Feldschlacht,
Wo er mit Mut beseelte die Freund‘, und ermahnte zu kämpfen;
Denn unermeßliche Schrecken erregte Phöbos Apollon.
Eilend lief er dahin, und bald ihm genahet begann er:
120
Ajas, her, o Geliebter! zum Kampf um den toten Patroklos
Eilen wir; ob ja die Leiche zu Peleus‘ Sohne wir bringen,
Nackt wie er ist; denn die Waffen entzog der gewaltige Hektor.
Jener sprach’s; doch Ajas dem Feurigen regt‘ er das Herz auf.
Schnell durch die vordersten ging er mit Atreus‘ Sohn Menelaos.
125
Hektor, nachdem er Patroklos beraubt der prangenden Rüstung,
Zog ihn, das Haupt von der Schulter zu haun mit schneidendem Erze,
Und den geschleiften Rumpf vor die troischen Hunde zu werfen.
Ajas naht‘ ihm nunmehr, und trug den türmenden Schild vor.
Schnell dann wandte sich Hektor zurück in die Schar der Genossen,
130
Sprang in den Sessel empor, und gab die prangende Rüstung
Troern zur Stadt zu tragen, ihm selbst zum herrlichen Denkmal.
Ajas mit breitem Schild den Menötiaden bedeckend,
Stand vor ihm, wie ein Löwe vor seine Jungen sich darstellt;
Väterlich führt er die Schwachen einher, da begegnen ihm plötzlich
135
Jagende Männer im Forst; und er zürnt wutfunkelndes Blickes,
Zieht die gerunzelten Brauen herab, und deckt sich die Augen:
Also erschien dort Ajas, den Held Patroklos umwandelnd.
Atreus‘ Sohn auch drüben, der streitbare Held Menelaos,
Stellte sich dar, mit unendlichem Graus die Seele belastet.
140
Glaukos nun, des Hippolochos‘ Sohn, der Lykier Heerfürst,
Schauete finster auf Hektor, und straft‘ ihn mit heftiger Rede:
Hektor, an Schönheit ein Held, der Tapferkeit mangelt dir vieles!
Traun umsonst erhebt dich der Ruhm, dich zagenden Flüchtling!
Sinn‘ itzt nach, wie du selber die Burg und die Feste verteidigst,
145
Du allein mit dem Volk, in Ilios Grenze geboren!
Denn der Lykier keiner bekämpft die Danaer künftig,
Eure Stadt zu beschirmen; dieweil ja nimmer ein Dank war,
Stets unverdrossenen Kampf mit feindlichen Männern zu kämpfen!
Welchen geringeren Mann verteidigst du wohl in der Heerschar,
150
Grausamer, da du Sarpedon, der Gastfreund dir und Genoß war,
Unbeschützt den Achaiern zu Raub und Beute verließest?
Der so oft dir Nutzen geschafft, der Stadt und dir selber,
Weil er gelebt? Nun jenem die Hund‘ auch zu scheuchen verzagst du!
Drum anjetzt, wo mir einer der lykischen Männer gehorchet,
155
Kehren wir heim, und Troja versinkt in grauses Verderben!
Denn wenn jetzt die Troer entschlossene Kühnheit beseelte,
Unverzagt, wie Männer sie kräftiget, die für die Heimat
Gegen feindliche Männer des Kriegs Arbeiten erdulden;
Würden wir bald Patroklos hinein in Ilios ziehen.
160
Und wenn dieser nur erst in des herrschenden Priamos Feste
Käme, der tote Held, und wir dem Gefecht ihn entzögen;
Würden alsbald die Argeier Sarpedons prangende Rüstung
Lösen, zugleich ihn selber, in Ilios‘ Feste zu tragen.
Denn es sank der Genoß des Gewaltigen, welcher voranstrebt
165
Allen in Argos‘ Volk, dem stürmen zum Kampf die Genossen.
Und nicht Ajas einmal dem Mutigen hast du gewaget
Fest zu stehn mit geheftetem Blick in der Feinde Getümmel,
Noch gradan zu kämpfen; denn weit an Tapferkeit ragt er!
Finster schaut‘ und begann der helmumflatterte Hektor:
170
Glaukos, wie hast du, ein solcher, so übermütig geredet?
Wahrlich, mein Freund, ich glaubte, du seist verständig vor andern,
Welche durch Lykia rings hochschollige Äcker bewohnen.
Jetzo tadl‘ ich dich gänzlich den Einfall, welchen du vorbringst;
Der du sagst, nicht steh‘ ich dem übergewaltigen Ajas.
175
Niemals traun erschreckt mich die Schlacht und das Stampfen der Rosse!
Aber mächtiger stets ist Zeus‘ des Donnerers Ratschluß:
Der auch den tapferen Kämpfer verscheucht, und den Sieg ihm entwendet,
Sonder Müh; dann wieder ihn selbst antreibt zum Gefechte.
Aber wohlan, tritt näher, mein Freund, und schaue mein Tun an:
180
Ob ich verzagt erscheine den ganzen Tag, wie du redest;
Ob auch der Danaer manchen, wie heftiger Mut ihn entflammet,
Hemmen ich werde vom Kampf um den hingesunknen Patroklos!
Dieses gesagt, ermahnt‘ er mit lautem Rufe die Troer:
Troer, und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe,
185
Seid nun Männer, o Freund‘, und gedenkt des stürmenden Mutes;
Bis ich selbst in Achilleus‘ des Göttlichen Waffen mich hülle,
Köstliche, die von Patroklos‘ vertilgeter Kraft ich erbeutet.
Also rief und enteilte der helmumflatterte Hektor
Aus der erbitterten Schlacht, und erreicht‘ im Lauf die Genossen
190
Bald, nicht ferne davon, mit hurtigen Füßen verfolgend,
Welche zur Stadt hintrugen Achilleus‘ prangende Rüstung.
Jetzo gewandt vom Jammer der Feldschlacht, tauscht‘ er die Waffen;
Gab dann seine zu tragen in Ilios‘ heilige Feste
Trojas kriegrischen Söhnen, und zog die unsterbliche Wehr an,
195
Sein des Peleiden Achilleus, die göttliche Uranionen
Peleus dem Vater geschenkt; der reichte sie wieder dem Sohne,
Altend; doch nicht der Sohn ward alt in den Waffen des Vaters.
Als so entfernt ihn sahe der Herrscher im Donnergewölk Zeus,
Wie er Achilleus‘ Waffen, des Göttergleichen, sich anzog;
200
Ernst bewegt‘ er das Haupt, und sprach in der Tiefe des Herzens:
Armer, ach! kein Todesgedank‘ umschwebt dir die Seele;
Und schon nahet er dir! Du zeuchst die unsterbliche Wehr an,
Sein des erhabenen Mannes, vor dem auch andere zittern!
Ihm den Genossen erschlugst du, so sanftgesinnt, und so tapfer;
205
Auch die Wehr, nicht der Ordnung gemäß, vom Haupt ihm und Schultern
Raubtest du! Dennoch will ich dir jetzt Siegsehre verleihen,
Des zum Vergelt, weil nicht dir Kehrenden aus dem Gefechte
Grüßend Andromache löst die gepriesene Wehr des Achilleus!
Also sprach, und winkte mit schwärzlichen Brauen Kronion.
210
Hektors Leib umschlossen die Rüstungen; stürmend durchdrang ihn
Ares‘ kriegrischer Geist, und innerlich strotzten die Glieder
Ihm voll Kraft und Gewalt. Zu den rühmlichen Bundesgenossen
Ging er mit lautem Geschrei; und allen nun schien er vergleichbar,
Leuchtend im Waffenschmuck, dem erhabenen Peleionen.
215
Rings das Gedräng‘ umwandelnd, ermuntert‘ er jeden mit Worten:
Mesthles dort, und Glaukos, Thersilochos auch, und Medon,
Auch Deisenor, Hippothoos auch, und Asteropäos,
Chromios auch, und Phorkys, und Eunomos, kundig der Vögel;
Alle sie trieb er zum Kampf, und sprach die geflügelten Worte:
220
Hört, unzählbare Stämm‘ umwohnender Bundesgenossen!
Nicht weil Menge des Volks ich verlangete, oder entbehrte,
Hab‘ ich rings euch daher aus eueren Städten versammelt;
Nein, daß Trojas Weiber und noch unmündige Kinder
Freudiges Muts ihr schirmtet vor Argos‘ kriegrischen Völkern.
225
Also gesinnt, erschöpf‘ ich durch Kriegessteuer und Speise
Unser Volk, und streb‘ euch allen das Herz zu ermuntern.
Drum nun grade hinein euch gewandt, und entweder gestorben,
Oder Heil euch erkämpft! denn das ist der Wandel des Krieges!
Doch wer mir Patroklos, auch nur den Erschlagenen, jetzo
230
Her zu Trojas Reisigen zieht, und Ajas zurückdrängt;
Dem erteil‘ ich die Hälfte der Beut‘, und die Hälfte behalt‘ ich
Selbst mir: dann ist der Ruhm ihm verherrlichet, gleichwie der meine.
Jener sprach’s; und gerad‘ in die Danaer drangen sie machtvoll,
Alle die Lanzen erhöht, und getrost im Herzen von Hoffnung,
235
Herzuziehn den Toten vom Telamonier Ajas:
Törichte! Vielen umher auf dem Leichnam raubt‘ er das Leben.
Jetzo wandte sich Ajas zum Rufer im Streit Menelaos:
Trautester, o Menelaos, du Göttlicher! nimmer, erwart‘ ich,
Freuen wir noch uns selber der Heimkehr aus dem Gefechte!
240
Nicht so sehr noch sorg‘ ich um unseren toten Patroklos,
Der bald sättigen muß der Troer Hund‘ und Gevögel;
Als um mein eigenes Haupt ich besorgt bin, was es betreffe,
Und um deins! da des Krieges Gewölk rings alles umdunkelt,
Hektor; und uns mit Schrecken erscheint das nahe Verderben!
245
Auf denn, und rufe den Helden der Danaer, ob man es höre.
Sprach’s; und willig gehorchte der Rufer im Streit Menelaos;
Laut erscholl sein durchdringender Ruf in das Heer der Achaier:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Die ihr um Atreus‘ Söhn‘ Agamemnon und Menelaos
250
Trinkt vom Weine des Volks, und Gebot austeilet, ein jeder
Seiner Schar; da Zeus ihn mit Ruhm und Ehre verherrlicht!
Doch mir ist’s unmöglich herauszuspähen die Führer
Jeden im Volk; zu heftig entbrannt ist die Flamme des Krieges!
Komme denn jeder von selbst, und fühle die Schmach in der Seele,
255
Daß Patroklos liege, den troischen Hunden ein Labsal!
Jener sprach’s; wohl hört‘ ihn der schnelle Sohn des Oileus.
Dieser zuerst nun nahte, die Schlacht in Eile durchrennend;
Dann Idomeneus selbst, und Idomeneus‘ Kriegsgenoß auch,
Held Meriones, gleich dem männermordenden Ares.
260
Doch der anderen Namen wer könnt‘ im Geiste sie nennen,
Alle die jetzt nachfolgend die Schlacht der Achaier erweckten.
Vor nun drangen die Troer mit Heerskraft, folgend dem Hektor.
Wie wenn laut an der Mündung des himmelentsprossenen Stromes
Braust die gewaltige Flut, die heranwogt; rings dann die äußern
265
Felsengestad‘ auftosen, mit weithin spritzendem Salzschaum:
Solch ein Getön der Troer erscholl nun. Doch die Achaier
Standen fest um Menötios‘ Sohn, einmütiges Herzens;
Und erzstarrende Schild‘ umzäunten sie. Ihnen umher nun
Über die leuchtenden Helme verbreitete nächtliches Dunkel
270
Zeus: nie hatt‘ er zuvor Menötios‘ Sohn ja gehasset,
Weil er lebt‘, ein Genoß des äakidischen Renners;
Auch ein Greuel ihm war’s, daß troischen Hunden zum Raube
Läge der Held; drum ihm zur Verteidigung sandt‘ er die Freunde.
Trojas‘ Söhn‘ itzt drängten die freudigen Krieger Achaias,
275
Daß von der Leiche hinweg sie entzitterten; aber auch keinen
Mordet‘ ein Speer der Troer, wie heftiges Muts sie auch strebten.
Doch sie zogen den Toten, allein nur wenig entfernt ihm
Sollten die Danaer sein; denn sogleich hatt‘ alle gewendet
Ajas, der hoch an Gestalt, und hoch an Taten hervorschien
280
Rings im Danaervolk, nach dem tadellosen Achilleus.
Grad‘ andrang er durchs Vordergefecht, wie ein trotzender Eber
Einbricht, der im Gebirge die Hund‘ und die rüstigen Jäger
Leicht auseinander zerstreut, durch die waldigen Tale sich wendend:
So des herrlichen Telamons Sohn, der strahlende Ajas,
285
Leicht, hinein sich stürzend, zerstreut‘ er der Troer Geschwader,
Welche rings Patroklos umwandelten, gieriges Herzens,
Ihn zur eigenen Feste zu ziehn, und Ruhm zu gewinnen.
Siehe Hippothoos nun, der Sohn des pelasgischen Lethos,
Zog am Fuß ihn hinweg durch schreckliches Waffengetümmel;
290
Denn er umband mit dem Riemen die Sehnen ihm unten am Knöchel,
Hektorn und den Troern gefällig zu sein; doch sofort ihm
Nahte das Weh, dem ihn keiner entriß der strebenden Freunde.
Denn der Telamonide, dahergestürmt durch den Aufruhr,
Schlug ihm nahe den Speer durch des Helms erzwangige Kuppel;
295
Und es zerbarst der umflatterte Helm um die Schärfe des Speeres,
Durchgehaun von der mächtigen Lanz‘ und der nervichten Rechte;
Und das Gehirn entspritzt‘ an der Röhre des Speers aus der Wunde
Blutig hervor: schnell lösten die Kräfte sich; und aus den Händen
Ließ er Patroklos‘ Fuß des Hochgesinnten zur Erd‘ hin
300
Sinken; und nah ihm sank er auch selbst vorwärts auf den Leichnam,
Weit entfernt von Larissa, der scholligen; aber den Eltern
Lohnet‘ er nicht die Pflege; denn kurz nur blühte das Leben
Ihm, da vor Ajas Speer, des mutigen Helden, er hinsank.
Hektor zielt‘ auf Ajas, und warf die blinkende Lanze.
305
Zwar er selbst vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
Kaum; doch Schedios traf er, den Iphitos‘ Stärke gezeuget,
Ihn des phokäischen Volkes Gewaltigsten, der in der edlen
Panopeus‘ Häuser bewohnt‘, und viel der Männer beherrschte:
Mitten am Schlüsselbein erzielt‘ er ihn, daß ihn durchbohrend
310
Scharf die eherne Spitz‘ an der oberen Schulter hervordrang;
Dumpf hinkracht‘ er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Ajas genaht dem Phorkys, dem feurigen Sohne des Phänops,
Der um Hippothoos kämpfte, durchstieß ihm den wölbenden Panzer,
Mitten am Bauch, daß schmetternd ins Eingeweid‘ ihm die Spitze
315
Taucht‘; und er sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Rückwärts wichen die ersten des Kampfs, und der strahlende Hektor.
Doch laut schrien die Danaer auf, und entzogen die Toten,
Phorkys zugleich und den edlen Hippothoos, raubten die Wehr dann.
Bald nun wären die Troer vor Argos‘ kriegrischen Söhnen
320
Ilios zugeflohn, durch Ohnmacht alle gebändigt;
Und Ruhm hätten gewonnen die Danaer, gegen das Schicksal
Zeus, durch eigene Kraft und Gewalt. Doch selber Apollon
Trieb Äneias zum Kampf, dem Periphas ähnlich erscheinend,
Epytos‘ Sohn, dem Herold, der ihm bei dem grauenden Vater
325
Dienend dem Alter genaht, getreu und redliches Herzens:
Dessen Gestalt nachahmend, begann der Herrscher Apollon:
O wie rettetet ihr, Äneias, gegen die Götter
Ilios hohe Burg? wie ich andere Männer gesehen,
Ihrer Kraft und Gewalt und männlichem Mute vertrauend,
330
Und zahllosem Gefolge der furchtverachtenden Völker!
Uns gewähret ja Zeus weit günstiger, als den Achaiern,
Siegesruhm; doch ihr selber entbebt scheu, ohne zu kämpfen!
Sprach’s; und Äneias erkannte den treffenden Phöbos Apollon,
Schauend sein Angesicht, und sprach lautrufend zu Hektor:
335
Hektor, und ihr der Troer Gewaltige, und der Genossen,
Schande doch wäre das nun, vor Argos‘ kriegrischen Söhnen
Ilios zuzufliehn, durch Ohnmacht alle gebändigt!
Aber mir sagt auch zugleich ein Unsterblicher, neben mir stehend,
Zeus der Herrscher der Welt sei unser Schirm in der Feldschlacht!
340
Drum gradan in der Danaer Heer! nicht müssen sie ruhig
Dort den Schiffen sich nahn mit dem Leichnam ihres Patroklos!
Sprach’s; und weit vorspringend den vordersten, stand er zum Kampfe.
Jene nun wandten die Stirn‘, und begegneten kühn den Achaiern.
Doch Äneias durchstach den Leiokritos dort mit der Lanze,
345
Ihn des Arisbas‘ Sohn, Lykomedes‘ edlen Genossen.
Seinen Fall betraurte der streitbare Held Lykomedes;
Nah ihm trat er hinan, und schoß die blinkende Lanze;
Sieh und Hippasos‘ Sohne, dem Hirten des Volks Apisaon,
Fuhr in die Leber das Erz, und löst‘ ihm die strebenden Kniee:
350
Der aus Päonia kam, dem Land‘ hochscholliger Äcker,
Und nach Asteropäos der Tapferste kämpft‘ in der Heerschar.
Seinen Fall betraurte der kriegrische Asteropäos;
Gradan drang nun auch dieser zum Kampf mit den Söhnen Achaias;
Aber umsonst: denn rings mit geschlossenen Schilden umzäunet,
355
Standen sie all‘ um Patroklos, gestreckt die ragenden Lanzen.
Ajas stets geschäftig umeilte sie, vieles ermahnend:
Weder zurück von dem Toten verstattet‘ er einem zu weichen,
Weder hervorzudringen zum Kampf vor den andern Achaiern;
Sondern dicht zu umwandeln die Leich‘, und nahe zu kämpfen.
360
Also gebot dort Ajas, der Mächtige; ringsum gerötet
Floß die Erde von Blut, und es taumelten übereinander
Tote zugleich der Troer und mutigen Bundesgenossen,
Danaer auch; nicht gingen sie ohne Blut aus dem Kampfe;
Doch viel weniger sanken sie hin: denn sie dachten beständig,
365
Sich im Gedräng‘ einander den schrecklichen Mord zu entfernen.
So dort tobten wie Feuer die Kämpfenden. Keiner erkannt‘ itzt,
Ob am Himmel die Sonn‘ unversehrt sei, oder der Mond noch.
Denn von Dunkel umhüllt im Gefecht dort waren die Tapfern,
Welche Menötios‘ Sohn den Erschlagenen rings umstanden.
370
Doch die anderen Troer und erzumschienten Achaier
Stritten frei in der Helle des Tags; denn es strahlete ringsum
Brennender Sonnenschein, und Gewölk beschattete nirgends
Weder Feld noch Gebirg‘. Auch pflegten sie oft vom Gefechte
Auszuruhn, vermeidend die bitteren Todesgeschosse,
375
Weit voneinander gestellt. Doch die Mittleren duldeten Jammer
Dort im Dunkel und Kampf, und gequält vom grausamen Erze
Waren die Helden gesamt. Nur zween noch hörten den Ruf nicht,
Beide gepriesene Männer, Antilochos und Trasymedes,
Daß Patroklos sank, der Untadlige; sondern sie wähnten,
380
Daß noch lebend im Vordergewühl er die Troer bekämpfe.
Aufmerksam verhütend den Tod und die Flucht der Genossen,
Stritten sie fern in der Schlacht: denn so ermahnte sie Nestor,
Als er zum Kampf sie entließ von den dunkelen Schiffen Achaias.
Jene den ganzen Tag wetteiferten heftig in Mordlust,
385
Tobender stets; von Arbeit und triefendem Schweiße beständig
Wurden die Knie‘ und die Schenkel und unteren Füße der Streiter,
Wurden die Händ‘ und die Augen im wütenden Kampfe besudelt,
Um den edlen Genossen des äakidischen Renners.
Wie wenn ein Mann die Haut des gewaltigen Stiers von der Herde
390
Auszudehnen den Seinigen gab, mit Fette getränket;
Sie nun nehmen die Haut, und ziehn, auseinander sich stellend,
Rings, daß bald die Nässe verschwand, und die Fertigkeit eindringt,
Wann so viel‘ ausrecken, und ganz umher sie gedehnt wird:
Also zogen auch jene den Leichnam hiehin und dorthin,
395
Stehend auf wenigem Raum; denn fest vertrauten die Männer,
Trojas, weg ihn zu führen gen Ilios, aber Achaias,
Zu den gebogenen Schiffen; und ringsum tobte der Aufruhr
Fürchterlich: selbst nicht Ares der Wüterich, oder Athene,
Hätt‘ ihn schauend getadelt, wie sehr auch der Zorn sie entflammte.
400
So schuf Zeus um Patroklos den Männern dort und den Rossen
Jenes Tags Arbeiten und Schrecknisse. Aber noch gar nichts
Wußte vom Tod des Patroklos der göttergleiche Achilleus;
Denn weit kämpften die Heer‘ entfernt von den hurtigen Schiffen,
Unter der Mauer der Stadt. Drum hofft‘ er nimmer im Geiste,
405
Tot ihn, sondern lebend, sobald er den Toren genahet,
Wiederkehren zu sehn: denn das auch hofft‘ er mitnichten,
Daß er die Stadt einnähme, nicht sonder ihn, noch ihm gesellt auch.
Oft ja vernahm er dies ingeheim von der göttlichen Mutter,
Wann sie ihm enthüllte den Rat des großen Kronion;
410
Doch auch dann verschwieg sie das Schreckliche, was ihm bevorstand,
Mütterlich: daß ihm anjetzt der geliebteste sank der Genossen.
Jene stets um den Toten die spitzigen Lanzen bewegend,
Tobten zusammengedrängt, und würgten sich untereinander.
So nun redete mancher der erzumschirmten Achaier:
415
Freunde, fürwahr nicht folget der Ruhm uns, kehren wir jetzo
Zu den geräumigen Schiffen! O nein, eh‘ schlinge der Erde
Schwarzer Schlund uns hinab! Das wär‘ uns besser in Wahrheit;
Als den hier zu verlassen den gaulbezähmenden Troern,
Daß sie zur eigenen Stadt ihn ziehn, und Ruhm sich gewinnen!
420
Also sprach auch mancher der übermütigen Troer:
Freund‘, und wär‘ uns bestimmt, bei diesem Manne zu sterben,
Alle zugleich; doch nicht entziehe sich einer dem Kampfe!
So dort redete mancher, den Mut des Genossen entflammend.
Also bekämpften sich jen‘; und eisernes dumpfes Geprassel
425
Scholl zum ehernen Himmel, des Äthers Wüste durchdringend.
Aber Achilleus‘ Rosse, die abwärts standen dem Schlachtfeld,
Weineten, als sie gehört, ihr Wagenlenker Patroklos
Lieg‘ im Staube gestreckt von der Hand des mordenden Hektor.
Ach Automedon zwar, der tapfere Sohn des Diores,
430
Strebte sie oft mit der Geißel geschwungenem Schlag zu beflügeln,
Oft mit schmeichelnden Worten ermahnet‘ er, oft auch mit Drohung;
Doch nicht heim zu den Schiffen am breiten Hellespontos
Wollten sie gehn, und nicht in die Feldschlacht zu den Achaiern:
Sondern gleich der Säule, die unbewegt auf dem Hügel
435
Eines gestorbenen Mannes emporragt, oder des Weibes;
Also standen sie fest, vor dem prangenden Sessel des Wagens,
Beid‘ ihr Haupt fest auf den Boden gesenkt; und Tränen entflossen
Heiß herab von den Wimpern der Traurenden, welche des Lenkers
Dachten mit sehnendem Schmerz; auch sank die blühende Mähne
440
Wallend hervor aus dem Ringe des Jochs, mit Staube besudelt.
Mitleidsvoll nun sahe die Traurenden Zeus Kronion;
Ernst bewegt‘ er das Haupt, und sprach in der Tiefe des Herzens:
Arme, warum doch schenkten wir euch dem Könige Peleus,
Ihm dem Sterblichen euch, unalternd beid‘ und unsterblich?
445
Etwa daß Gram ihr ertrügt mit den unglückseligen Menschen?
Denn kein anderes Wesen ist jammervoller auf Erden,
Als der Mensch, von allem, was Leben haucht und sich reget.
Aber umsonst hofft euch vor dem kunstreich prangenden Wagen
Hektor, Priamos‘ Sohn, zu bändigen; nimmer gestatt‘ ich’s!
450
Nicht genug, daß die Waffen er hat, und eitel sich rühmet?
Beiden Kraft in die Kniee gewähr‘ ich euch, und in die Herzen,
Daß ihr Automedon auch erretten mögt aus der Feldschlacht,
Zu den geräumigen Schiffen. Denn Ruhm noch schenk‘ ich den Troern,
Niederzuhaun, bis sie nahn den schöngebordeten Schiffen,
455
Bis die Sonne sich senkt, und heiliges Dunkel heraufzieht.
Jener sprich’s, und die Rosse mit edeler Stärke beseelt‘ er.
Beide, nachdem von den Mähnen zur Erde den Staub sie geschüttelt,
Sprengten sie rasch mit dem Wagen in Troer hinein und Achaier.
Aber Automedon kämpfte, betrübt zwar um den Genossen,
460
Stürmend im Flug des Gespanns, wie ein Geier gestürzt in die Gänse:
Leicht anitzt entfloh er zurück vor der Troer Getümmel,
Leicht dann stürmt er hinein in die dichtesten Haufen verfolgend.
Doch nicht mordet‘ er Männer, wann ungestüm er hinandrang.
Denn ihm war’s unmöglich, allein in dem heiligen Sessel,
465
Herzuschwingen die Lanz‘, und die hurtigen Rosse zu lenken.
Endlich nunmehr erblickt‘ ihn Alkimedon dort mit den Augen,
Sein Genoß, ein Sohn des Ämoniden Laerkes;
Hinter den Wagen gestellt des Automedon, redet‘ er also:
Welch ein Gott, Automedon, war’s, der den nichtigen Vorsatz
470
Dir in die Seele gelegt, und entwand die gute Besinnung?
Daß du so die Troer bekämpfst im Vordergetümmel,
Einzeln, da tot der Genoß dir hinsank, und mit Achilleus‘
Rüstungen Hektor nun selbst die Schulter geschmückt einherprangt!
Aber Automedon sprach, Diores‘ Sohn, ihm erwidernd:
475
Wer doch, Alkimedon, weiß gleich dir von allen Achaiern,
Dieser unsterblichen Ross‘ unbändigen Mut zu bezähmen;
Außer Patroklos selbst, den Himmlischen ähnlich an Weisheit,
Weil er lebt‘? itzt aber ereilet‘ ihn Tod und Verhängnis.
Auf denn, die Geißel sofort und die purpurschimmernden Zügel
480
Nimm; ich selbst verlasse die Ross‘, und warte des Kampfes.
Sprach’s; und Alkimedon stracks in den rüstigen Wagen sich schwingend
Faßte die Geißel geschwind‘ und das schöne Gezäum in die Hände.
Aber dem Sessel entsprang Automedon. Diesen bemerkt‘ itzt
Hektor, und redete schnell zu Äneias, der ihm genaht war:
485
Edler Fürst, Äneias, der erzumpanzerten Troer,
Schau, dort seh‘ ich die Rosse des äakidischen Renners
Wild in die Schlacht versprengen mit sehr unkriegrischen Lenkern.
Darum hoff‘ ich beinah‘, wir nehmen sie, wenn du nur selber
Solches begehrst: denn nimmer, sobald wir beide bestürmen,
490
Wagen sie, uns entgegen gestellt, des Gefechtes Entscheidung.
Jener sprach’s; ihm gehorchte der tapfere Sohn des Anchises.
Gradan stürmten sie beid‘, und mächtige Schilde von Stierhaut
Hüllten sie, dürr und gedrängt, und umlegt mit starrendem Erze.
Chromios, ihnen gesellt, und Aretos, ähnlich den Göttern,
495
Folgten zugleich; denn sicher vertrauten sie, beide zu töten,
Aber hinweg das Gespann hochwiehernder Rosse zu treiben:
Törichte! traun nicht sollten sie ohne Blut aus dem Kampfe
Heim von Automedon kehren. Sobald er gefleht zu Kronion,
Ward mit Kraft und Gewalt sein finsteres Herz ihm erfüllet.
500
Schnell zum treuen Genossen Alkimedon redet‘ er also:
Ja nicht ferne von mir, Alkimedon, halte die Rosse,
Sondern dicht mir am Rücken die Schnaubenden! Nimmer vermut ich,
Hektor, Priamos‘ Sohn, werd‘ itzt der Gewalt sich enthalten,
Eh‘ er Achilleus‘ Rosse, die schöngemähnten, daherlenkt,
505
Uns in den Staub gestreckt, und umhergescheucht die Geschwader
Argos‘; oder auch selbst hinsank im Vordergetümmel!
Jener sprach’s, und berief die Ajas und Menelaos:
Ajas beid‘, Heerführer der Danaer, und Menelaos,
Ihn nunmehr, den Toten, vertraut den Tapfersten allen,
510
Daß sie rings umwandelnd die Reihn der Männer entfernen;
Doch von uns, die leben, entfernt den Tag des Verderbens!
Denn dort drängen heran durch Jammer und Graun des Gewürges
Hektor und Äneias, die tapfersten Helden von Troja!
Aber solches ruht ja im Schoß der seligen Götter!
515
Ich auch sende den Speer; für das übrige sorge Kronion!
Sprach’s, und im Schwung‘ entsandt‘ er die weithinschattende Lanze;
Und er traf dem Aretos den Schild von gerundeter Wölbung:
Und nicht hemmete jener den Speer; durch stürmte das Erz ihm
Unten hinein in den Bauch, den künstlichen Gurt ihm durchbohrend.
520
Wie wenn mit scharfer geschwungener Axt ein mutiger Jüngling,
Hauend den Nacken des Stiers, des geweideten, hinter den Hörnern,
Ganz ihm die Sehne durchschnitt, und der Stier aufspringend hinabsank:
Also sank aufspringend er rücklings in Staub; und der Wurfspieß,
Welcher ihm scharf die Gedärme durchwütete, löste die Glieder.
525
Hektor schwang auf Automedon jetzt die blinkende Lanze;
Jener indes vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
Vorwärts niedergebückt; da flog der gewaltige Speer ihm
Über das Haupt in die Erde, daß hinten der Schaft an dem Speere
Zitterte; doch bald ruhte die Kraft des mordenden Erzes.
530
Jetzt auch wären mit Schwertern in nahem Kampf sie begegnet,
Hätten die Ajas nicht auseinander getrennt die Entbrannten,
Die durch Gedräng‘ herkamen, da laut ihr Genoß sie anrief
Abgeschreckt von diesen enteileten wieder von dannen
Hektor und Äneias; und Chromios, göttlich von Bildung;
535
Und sie verließen Aretos daselbst, der zerrissenes Herzens
Lag; Automedon drauf, dem stürmenden Ares vergleichbar,
Raubte das Waffengeschmeid‘, und rief frohlockend die Worte:
Ha! ein weniges doch um den Tod des edlen Patroklos
Labt‘ ich vom Jammer das Herz, den Schlechteren zwar nur erlegend!
540
Sprach’s, und warf den blutigen Raub in den Sessel des Wagens,
Trat dann selber hinein, die Füß‘ und die Hände von oben
Blutbefleckt, wie ein Löwe, vom mächtigen Stiere gesättigt.
Wieder begann um Patroklos mit Ungestüm die Entscheidung,
Schrecklich und tränenwert: denn es weckte den Kampf Athenäa,
545
Welche dem Himmel einstieg, vom Zeus dem Vater gesendet,
Argos‘ Volk zu entflammen; denn jetzo wandte sein Herz sich.
Wie wenn den purpurnen Bogen den Sterblichen hoch am Himmel
Zeus ausspannt, ein Zeichen zu sein, entweder des Krieges,
Oder des Wintersturms, des schaudrigen, welcher die Arbeit
550
Hemmt der Menschen im Feld‘, und die blökende Herde betrübet;
Also trat, umhüllt mit purpurner Wolke, die Göttin
Unter Achaias Volk, und ermunterte jeglichen Streiter.
Siehe zuerst Menelaos dem Göttlichen rief sie ermahnend,
Atreus‘ tapferem Sohne, denn dieser stand ihr am nächsten,
555
Ähnlich ganz dem Phönix an Wuchs und gewaltiger Stimme:
Dir wird’s traun, Menelaos, zur Schmach und daurenden Schande
Ewig sein, wo Achilleus, des Herrlichen, treuen Genossen
Unter Ilios‘ Mauern die hurtigen Hund‘ umherziehn!
Auf denn, heran mit Gewalt, und ermuntere jeglichen Streiter!
560
Ihm antwortete drauf der Rufer im Streit Menelaos:
Phönix, Vater und Greis, Ehrwürdiger, wenn doch Athene
Kraft mir wollte verleihn, und wehren dem Sturm der Geschosse!
Gern dann wär‘ ich bereit, ihm beizustehn und zu helfen,
Unserem Freund; denn es drang mir Patroklos‘ Tod in die Seele!
565
Aber es tobt ja Hektor mit Feuergewalt, und ruht nicht
Niederzuhaun mit dem Erz; weil ihm Zeus Ehre gewähret!
Jener sprach’s; froh aber war Zeus‘ blauäugige Tochter,
Weil ihr selbst er zuerst vor den Himmlischen allen geflehet.
Diese stärkt‘ ihm die Schultern mit Kraft und die strebenden Kniee,
570
Und in das Herz ihm gab sie der Flieg‘ unerschrockene Kühnheit:
Welche, wie oft sie immer vom menschlichen Leibe gescheucht wird,
Doch anhaltend ihn sticht, nach Menschenblute sich sehnend:
So ausharrender Trotz erfüllt‘ ihm das finstere Herz nun.
Schnell zu Patroklos eilt‘ er, und schwang die blinkende Lanze.
575
Unter den Troern war ein Sohn des Eëtion Podes,
Reich an Hab‘ und edel; auch ehrt‘ am meisten im Volk ihn
Hektor; denn ihm war er ein lieber Gefährt‘ und Tischfreund:
Diesen am Gurt nun traf der bräunliche Held Menelaos,
Als er zur Flucht sich gewendet; und ganz durchbohrte das Erz ihn;
580
Dumpf hinkracht‘ er im Fall. Doch Atreus‘ Sohn Menelaos
Zog die Leich‘ aus den Troern hinweg in die Schar der Genossen.
Hektorn nahte sofort und ermunterte Phöbos Apollon,
Phänops, Asios‘ Sohn, an Gestalt gleich, welcher vor allen
Gästen geliebt ihm war, ein Haus in Abydos bewohnend;
585
Diesem gleich ermahnt‘ ihn der treffende Phöbos Apollon:
Hektor, wer doch hinfort der Danaer möchte dich scheuen,
Den nun so Menelaos zurückschreckt? er, der zuvor ja
Weichlich war in der Schlacht, jetzt aber allein aus den Troern
Kühn den Toten entführt! Auch schlug er den treuen Genossen,
590
Tapfer im Vordergefecht, den Sohn des Eëtion Podes!
Sprach’s; und jenen umhüllte der Schwermut finstere Wolke,
Schnell durch die vordersten ging er, mit strahlendem Erze gewappnet.
Siehe da nahm Kronion die quastumbordete Ägis,
Hellumglänzt; und den Ida in dunkeln Wolken verhüllt‘ er,
595
Blitzt‘ und donnerte laut, und erschütterte mächtig die Ägis.
Sieg nun den Troern gewährt‘ er, und schreckte das Volk der Achaier.
Erst Peneleos nun der Böotier kehrte zur Flucht um;
Denn ihm traf in die Schulter, da vorwärts immer er andrang,
Oben ein streifender Speer; doch ritzte das Fleisch bis zum Knochen
600
Ihm des Polydamas‘ Erz; denn dieser warf, ihm genahet.
Hektor sodann durchstach des Leïtos‘ Hand an dem Knöchel,
Ihm des erhabnen Alektryons Sohn, und hemmt‘ ihn im Kampfe:
Bang‘ umschauend entbebt‘ er; denn nie mehr hofft er im Geiste,
Einen Speer in der Hand, mit Trojas Volke zu kämpfen.
605
Hektorn schoß Idomeneus jetzt, da er Leïtos nachlief,
Seinen Speer auf den Harnisch, gerad‘ an der Warze des Busens;
Doch ihm brach an der Öse der Schaft; und es schrieen die Troer.
Jener schwang auf Idomeneus nun, den Deukalionen,
Welcher stand im Geschirr; und ihn zwar fehlt‘ er ein wenig:
610
Aber Meriones‘ Freund und mutigen Wagenlenker
Köranos, der aus Lyktos bevölkerter Stadt ihm gefolget:
(Denn zu Fuß erst kam er, die Ruderschiffe verlassend,
Kretas Fürst, und den Troern gewähret‘ er mächtigen Sieg nun,
Wenn nicht Köranos schnell die hurtigen Rosse genähert;
615
Ihm zum Heil erschien er, den grausamen Tag ihm entfernend,
Doch selbst sank er entseelt von der Hand des mordenden Hektor:)
Den an Backen und Ohr durchschmettert‘ er; siehe die Zähn‘ aus
Stieß ihm der eherne Speer, und mitten die Zung‘ ihm durchschnitt er.
Und er entsank dem Geschirr, und goß die Zügel zur Erde.
620
Diese nahm Meriones schnell mit eigenen Händen
Niedergebückt aus dem Staub‘, und drauf zu Idomeneus sprach er:
Geißele nun, daß hinab zu den hurtigen Schiffen du kommest!
Denn du erkennst ja selbst, nicht mehr sei der Sieg der Achaier!
Sprach’s; und Idomeneus trieb das Gespann schönmähniger Rosse
625
Zu den geräumigen Schiffen; denn Furcht nun füllt‘ ihm die Seele.
Nicht unbemerkt war Ajas dem herrlichen und Menelaos
Zeus, daß nun den Troern den wechselnden Sieg er gewähret.
Also begann das Gespräch der Telamonier Ajas:
Jammer doch! jetzo fürwahr kann selbst, wer blöd‘ an Verstand ist,
630
Schaun, daß Zeus der Vater den Troern Ehre verleihet!
Denn von ihnen ja trifft auch jedes Geschoß, ob ein Feiger,
Oder ein Tapferer schwingt, und Zeus selbst lenket sie alle:
Aber uns so umsonst entfallen sie all‘ auf die Erde!
Auf denn, wir selbst nun wollen den heilsamsten Rat uns ersinnen:
635
Daß nicht nur wir den Toten hinwegziehn, sondern auch selber
Unseren lieben Genossen zur Freud‘ heimkehren vom Kampfe;
Welche daher nun schauend sich ängstigen, keiner erwartend,
Daß wir des mordenden Hektors Gewalt und unnahbare Hände
Noch bestehn, und vielmehr an den dunkelen Schiffen erliegen.
640
Wäre doch irgend ein Freund, der schnell ansagte die Botschaft
Peleus‘ Sohn; denn nichts ja, vermut‘ ich, hörete jener
Noch von dem Jammergeschick, wie der traute Genoß ihm dahinsank.
Aber nirgend erscheint mir ein solcher im Heer der Achaier;
Denn rings Dunkel umhüllt sie selber zugleich und die Rosse!
645
Vater Zeus, o errett‘ aus der dunkelen Nacht die Achaier!
Schaff‘ uns Heitre des Tags, und gib mit den Augen zu schauen!
Nur im Licht verderb‘ uns, da dir’s nun also geliebet!
Jener sprach’s; da jammerte Zeus des weinenden Königs.
Bald zerstreut‘ er die dunkele Nacht, und verdrängte den Nebel;
650
Hell nun strahlte die Sonn‘, und die Schlacht ward ringsum erleuchtet.
Jetzo begann Held Ajas zum Rufer im Streit Menelaos:
Spähe nunmehr, Menelaos, du Göttlicher, ob du wo lebend
Noch Antilochos schaust, den Sohn des erhabenen Nestor.
Heiß ihn zu Peleus‘ Sohne, dem Feurigen, schleunig hinabgehn,
655
Meldend das Wort, wie jetzo der trauteste Freund ihm dahinsank.
Jener sprach’s; ihm gehorchte der Rufer im Streit Menelaos;
Eilt‘ und ging, wie ein Löwe voll Wut vorn ländlichen Hofe,
Wann er zuletzt ermüdet, die Hund‘ und die Männer zu reizen,
Welche nicht ihm gestatten, das Fett der Rinder zu rauben,
660
Ganz durchmachend die Nacht; er dort, des Fleisches begierig,
Rennt gradan; doch er wütet umsonst; denn häufige Speere
Fliegen ihm weit entgegen, von mutigen Händen geschleudert,
Auch hellodernde Bränd‘; und er zuckt im stürmenden Angriff,
Scheidet dann frühmorgens hinweg, mit bekümmertem Herzen:
665
Also ging von Patroklos der Rufer im Streit Menelaos
Sehr unwillig hinweg; denn er fürchtete, daß die Achaier
In der entsetzlichen Angst zum Raub‘ ihn ließen den Feinden.
Viel dem Meriones noch und den mutigen Ajas gebot er:
Ajas beid‘, und Meriones du, Heerführer von Argos,
670
Jetzo seid der Milde des jammervollen Patroklos
Eingedenk, der allen mit freundlicher Seele zuvorkam,
Weil er lebt‘; itzt aber ereilet‘ ihn Tod und Verhängnis!
Dieses gesagt, enteilte der bräunliche Held Menelaos,
Mit umschauendem Blick, wie ein Adeler, welcher am schärfsten,
675
Sagen sie, fern ausspäht vor den luftdurchschweifenden Vögeln;
Dem auch nicht in der Höhe der flüchtige Hase versteckt ist
Unter umlaubtem Gesträuch, wo er hinduckt; sondern auf jenen
Stürzt er herab, und erhascht ihn geschwind‘, und raubt ihm das Leben:
So auch dir hellstrahlend, o göttlicher Held Menelaos,
680
Rollten die Augen umher, durch die weite Schar der Genossen,
Ob du Nestors Sohn noch irgendwo lebend erblicktest.
Diesen erkannt‘ er sofort linkshin im Gemenge der Feldschlacht,
Wo er mit Mut beseelte die Freund‘, und ermahnte zu kämpfen.
Nahe trat und begann der bräunliche Held Menelaos:
685
Auf, Antilochos, komm, du Göttlicher, daß du vernehmest
Unser Jammergeschick, das nie doch möchte geschehn sein!
Zwar du selbst, vermut‘ ich, mit eigenen Augen erkennend,
Weißt es schon, daß ein Gott Unheil den Danaern zuwälzt,
Aber den Troern Sieg! Denn es sank Patroklos, Achaias
690
Tapferster Held, den schmerzlich die Danaer alle vermissen!
Auf denn, schnell dem Achilleus, hinab zu den Schiffen einteilend,
Melde das Wort, ob er eilig zum Schiff errette den Leichnam,
Nackt wie er ist; denn die Waffen entzog der gewaltige Hektor!
Sprach’s; und Schauer durchfuhr den Antilochos, als er es hörte.
695
Lange blieb er verstummt und sprachlos; aber die Augen
Waren mit Tränen erfüllt, und atmend stockt‘ ihm die Stimme.
Dennoch nicht versäumt‘ er, was ihm Menelaos geboten;
Sondern enteilt‘, und dem edlen Laodokos gab er die Rüstung,
Der, sein Genoß, ihm nahe die stampfenden Rosse dahertrieb.
700
Ihn den Weinenden trugen die Schenkel hinweg aus der Feldschlacht,
Peleus‘ Sohn dem Achilleus das schreckliche Wort zu verkünden.
Doch nicht dir, Menelaos, o Göttlicher, wollte das Herz nun
Dort die ermüdeten Freunde verteidigen, wo er hinwegging,
Nestors Sohn, den schmerzlich die Pylier alle vermißten;
705
Sondern jenen erregt‘ er den edelen Held Thrasymedes;
Selber dann zu Patroklos dem Göttergleichen enteilt‘ er.
Jetzt zu den Ajas trat er hinan, und redete schleunig:
Ihn zwar hab‘ ich hinab zu den rüstigen Schiffen gesendet,
Daß er dem schnellen Peleiden verkündige; schwerlich indes wohl
710
Kommt er anjetzt, wie sehr er auch zürnt dem göttlicher Hektor:
Denn nicht könnt‘ er ja doch wehrlos die Troer bekämpfen.
Aber wir selbst nun wollen den heilsamsten Rat uns ersinnen:
Daß nicht nur wir den Toten hinwegziehn, sondern auch selber
Fern aus der Troer Getöse den Tod und das Schicksal vermeiden.
715
Ihm antwortete drauf der Telamonier Ajas:
Wahrheit hast du geredet, gepriesener Held Menelaos.
Selbst denn eil‘ und Meriones her, und nieder euch bückend
Tragt die erhobene Leich‘ aus der Feldschlacht. Aber wir anderer
Halten im Kampf die Troer zurück und den göttlichen Hektor,
720
Wir, die gleich an Namen, und gleich an mutiger Seele,
Stets vereint miteinander die Wut des Gefechtes erduldet.
Jener sprach’s; da erhuben sie schnell von der Erde den Leichnam
Hoch empor mit Gewalt; und es schrien die Troer von hinten
Graunvoll, als sie die Leich‘ auf den Armen ersahn der Achaier.
725
Gradan rannten sie nun, wie die Hunde der Jagd auf ein Waldschwein
Stürzen, das blutet vom Speer, voran den blühenden Jägern;
Anfangs laufen sie zwar, es hinwegzutilgen verlangend;
Aber sobald es zu ihnen sich kehrt, der Stärke vertrauend,
Weichen sie alle zurück, und zerstreuen sich dorthin und dahin:
730
Also die Troer zuerst, in Schlachtreihn folgten sie immer,
Zuckend daher die Schwerter und zwiefach schneidenden Lanzen;
Aber sobald die Ajas herumgewendet zu ihnen
Standen, da wandelte jenen die Farbe sich; keiner auch wagt‘ es,
Vorwärts angestürmt um den Leichnam Kampf zu erheben.
735
Also trugen gestrengt den Leichnam beid‘ aus der Feldschlacht
Zu den geräumigen Schiffen; und stets nachtobte des Kriegs Wut,
Ungestüm, wie ein Feuer die Stadt der Männer durchstürmend,
Plötzlich entbrannt, in Flammen verschlingt; es verschwinden die Häuser
Rings im mächtigen Glanz; und es saust in die Lohe der Sturmwind:
740
So dort scholl von den Rossen und speergewappneten Männern
Rastlos tobender Lärm, die Wandelnden immer verfolgend.
Sie, wie der Mäuler Gespann, mit gewaltiger Stärke gerüstet,
Schwer hinschleppt vom Gebirg‘ auf steinigem Pfade den Balken,
Oder den ragenden Mast des Meerschiffs; aber ihr Herz wird
745
Müde zugleich von Arbeit und Schweiß den Angestrengten:
Also trugen gestrengt die Leiche sie. Aber von hinten
Wehrten die Ajas ab, wie die Flut abwehret ein Hügel,
Waldbekränzt, in die Ebne sich ganz hinunter erstreckend;
Welcher auch der gewaltigsten Ström‘ antobende Fluten
750
Hemmt, und sogleich sie alle zum Lauf in andere Täler
Abscheucht; denn nicht mag der Ströme Gewalt ihn durchbrechen:
So dort drängten die Ajas zurück anstürmende Streiter
Trojas; jene verfolgten, doch zween am meisten vor allen,
Held Äneias der Anchisiad‘, und der strahlende Hektor.
755
Dort wie der Stare Gewölk‘ einherzieht, oder der Dohlen,
Allzumal aufschreiend, sobald sie den kommenden Habicht
Sahn, der blutigen Mord herbringt dem kleinen Gevögel:
Also dort vor Äneias und Hektor flohn die Achaier
Allzumal aufschreiend dahin, und vergaßen der Kampflust.
760
Viel auch des Waffengeschmeides entsank ringsher um den Graben
Argos‘ fliehenden Söhnen; und nicht war Ruhe der Feldschlacht.

Sechzehnter Gesang

Sechzehnter Gesang

Dem Patroklos erlaubt Achilleus, in seiner Rüstung zur Verteidigung der Schiffe, aber nicht weiter, auszuziehn. Ajas wird überwältigt, und das Schiff brennt. Achilleus treibt den Patroklos sich zu bewaffnen, und ordnet die Scharen. Patroklos vertreibt die Troer, erst vom brennenden Schiffe, dann völlig. Verfolgung und Abschneidung der äußersten. Sarpedons Tod. Patroklos ersteigt die Mauer, wird aber von Apollon gehemmt.
Hektor fährt gegen Patroklos zurück, der seinem Wagenlenker Kebriones tötet. Den tapferen Patroklos macht Apollon betäubt und wehrlos; worauf ihm Euphorbos den Rücken, dann Hektor den Bauch durchbohrt. Seinen Genossen Automedon verfolgt Hektor.

Also kämpften sie dort um das schöngebordete Meerschiff.
Aber Patroklos trat zum Völkerhirten Achilleus,
Heiße Tränen vergießend, der finsteren Quelle vergleichbar,
Die aus jähem Geklipp‘ hergeußt ihr dunkles Gewässer.
5
Mitleidsvoll erblickt ihn der mutige Renner Achilleus;
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Warum also geweint, Patrokleus? gleich wie ein Mägdlein,
Klein und zart, das die Mutter verfolgt, und: nimm mich! sie anfleht,
An ihr Gewand sich schmiegend, den Lauf der Eilenden hemmet,
10
Und mit tränenden Augen emporblickt, bis sie es aufhebt:
So auch dir, Patroklos, entrinnt das tröpfelnde Tränchen.
Bringst du den Myrmidonen Verkündigung, oder mir selber?
Hast du etwa allein Botschaft aus Phtia vernommen?
Lebt doch annoch, wie sie sagen, Menötios, Aktors Erzeugter;
15
Peleus auch, des Äakos‘ Sohn, lebt herrschend im Volke:
Welche zween wir am meisten betrauerten, wenn sie gestorben.
Oder um Argos‘ Volk wehklagest du, wie es verderbt wird
An den geräumigen Schiffen, zum Lohn des eigenen Frevels?
Sprich, verhehle mir nichts, damit wir es beide wissen.
20
Schwer aufseufzend erwidertest du, Gaultummler Patroklos:
Peleus‘ Sohn, Achilleus, erhabenster Held der Achaier,
Zürne mir nicht; zu schwer ja belastet der Gram die Achaier!
Denn sie alle bereits, die vordem die tapfersten waren,
Liegen umher bei den Schiffen, mit Wurf und Stoße verwundet:
25
Wund von Geschoß ist Tydeus‘ Sohn, der Held Diomedes;
Wund von der Lanz‘ Odysseus der Herrliche, und Agamemnon;
Auch Eurypylos traf ein fliegender Pfeil in die Lende.
Dieser pflegen umher vielkundige Ärzte mit Heilung,
Lindernd die Qual. Du aber bist ganz unbiegsam, Achilleus!
30
Nie doch fülle der Zorn die Seele mir, welchen du hegest,
Starker zu Weh! Wer anders genießt dein, auch in der Zukunft,
Wenn du nicht die Argeier vorn schmählichen Jammer errettest?
Grausamer! Nicht dein Vater war traun der reisige Peleus,
Noch auch Thetys die Mutter; dich schuf die finstere Meerflut,
35
Dich hochstarrende Felsen: denn starr ist dein Herz und gefühllos!
Aber wofern im Herzen ein Götterspruch dich erschrecket,
Und dir Worte von Zeus die göttliche Mutter gemeldet;
Sende zum wenigsten mich, und der Myrmidonen Geschwader
Folge zugleich, ob ich etwa ein Licht der Danaer werde.
40
Gib mir auch um die Schultern die Rüstungen, welche du trägest;
Ob mich für dich ansehend vielleicht vom Kampfe die Troer
Abstehn, und sich erholen die kriegrischen Männer Achaias
Ihrer Angst, wie klein sie auch sei die Erholung des Krieges.
Leicht auch können wir Frische die schon ermüdeten Kämpfer
45
Rückwärts drängen zur Stadt, von den Schiffen hinweg und Gezelten.
Also sprach er flehend, der Törichte! Siehe, sich selber
Sollt‘ er jetzo den Tod und das schreckliche Schicksal erflehen!
Unmutsvoll antwortete drauf der Renner Achilleus:
Wehe mir, edeler Held Patrokleus, welcherlei Rede!
50
Weder ein Wink der Götter bekümmert mich, welchen ich wahrnahm;
Noch hat Worte von Zeus mir die göttliche Mutter gemeldet.
Aber der bittere Schmerz hat Seel‘ und Geist mir durchdrungen,
Wenn nunmehr den Gleichen ein Mann zu berauben gedenket,
Und sein Geschenk zu entziehn, da nur an Gewalt er vorangeht!
55
Das ist mir bitterer Schmerz; denn ich trug unendlichen Kummer!
Jene, die mir auskoren zum Ehrengeschenk die Achaier,
Und mit der Lanz‘ ich gewann, die türmende Feste zerstörend,
Sie nun rafft‘ aus den Händen der Völkerfürst Agamemnon,
Atreus‘ Sohn, als wär‘ ich ein ungeachteter Fremdling!
60
Aber vergangen sei das Vergangene! Nimmer ja war auch
Sonder Rast zu zürnen mein Vorsatz; denn ich beschloß zwar
Eher nicht den Groll zu besänftigen, aber sobald nun
Meinen Schiffen genaht das Feldgeschrei und Getümmel.
Du denn hülle die Schultern in meine gepriesene Rüstung,
65
Führ‘ auch das streitbare Volk der Myrmidonen zum Kampfe:
Weil ja mit düsterem Graun der Troer Gewölk sich umherzog,
Gegen die Schiff‘ anstürmend; und jen‘, am Gestade des Meeres
Eingezwängt, nur wenig des schmalen Raums noch behaupten,
Argos‘ Söhn‘, und der Troer gesamte Stadt auf sie eindringt,
70
Trotziglich: denn nicht schaun sie von meinem Helme die Stirne
Nah herstrahlen voll Glanz! Bald hätten sie fliehend die Graben
Angefüllt mit Toten, wenn mir Agamemnon der Herrscher
Billigkeit hätte gewährt; nun kämpfen sie rings um das Lager!
Denn nicht Tydeus‘ Sohn Diomedes schwingt in den Händen
75
Seinen wütenden Speer, der Danaer Schmach zu entfernen;
Noch den tönenden Ruf von Atreus‘ Sohne vernehm‘ ich
Aus dem verhaßten Mund: doch Hektors Ruf, des Erwürgers,
Trojas Söhn‘ anmahnend, umschmettert mich! Jene mit Kriegsschrei
Decken das ganze Gefild‘, und besiegen im Kampf die Achaier!
80
Dennoch jetzt, Patroklos, das Weh von den Schiffen entfernend,
Stürz‘ in die Troer mit Macht; daß nicht in flammendem Feuer
Jene die Schiff‘ anzünden, und rauben die fröhliche Heimkehr.
Aber vernimm, wie dir’s mit umfassendem Wort ich gebiete;
Daß du mir hochherrlichen Ruhm und Ehre gewinnest
85
Vor dem Volk der Achaier, und sie das rosige Mägdlein
Wieder zurück mir geben, und köstliche Gaben hinzutun:
Treib‘ aus den Schiffen sie weg, und wende dich! Ob dir vielleicht auch
Ruhm zu gewinnen verleiht der donnernde Gatte der Here;
Doch nicht ohne mich selbst verlange dein Herz zu bekämpfen
90
Trojas streitbare Söhne: denn weniger ehrte mich solches.
Auch nicht üppiges Mutes im Streit und Waffengetümmel
Führe du, mordend die Troer, das Volk vor Ilios Mauern;
Daß nicht her vom Olympos der ewig waltenden Götter
Einer dir nah‘; es liebt sie der treffende Phöbos Apollon:
95
Sondern zurück dich gewandt, nachdem du den Schiffen Errettung
Brachtest, und laß die andern im Feld‘ umher sich ermorden.
Wenn doch, o Vater Zeus, und Pallas Athen‘, und Apollon,
Auch kein einziger Troer sich rettete, aller die da sind,
Auch der Danaer keiner; und wir nur entflohn der Vertilgung;
100
Daß wir allein abrissen die heiligen Zinnen von Troja!
Also redeten jen‘ im Wechselgespräch miteinander.
Ajas bestand nicht fürder; ihn drängten zu sehr die Geschosse.
Denn ihn bezwang Zeus‘ heiliger Rat, und die mutigen Troer,
Werfend Geschoß; daß schrecklich der leuchtende Helm um die Schläfen
105
Ringsumprallt von Geschoß aufrasselte; denn es umprallt‘ ihm
Stets das gebuckelte Erz; und links erstarrt‘ ihm die Schulter,
Stets vom Schilde beschwert, dem beweglichen: dennoch vermocht‘ ihn
Keiner umher zu erschüttern, mit Todesgeschoß ihn umdrängend.
Häufig indes und schwer aufatmet‘ er, und es umfloß ihn
110
Rings von den Gliedern herab der Angstschweiß; nimmer Erholung
Ward ihm vergönnt; ringsher ward Graun an Graun ihm gereihet.
Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend,
Wie nun Feuer zuerst einfiel in der Danaer Schiffe.
Hektor heran sich stürzend auf Ajas‘ eschene Lanze
115
Schwang das gewaltige Schwert, und dicht an der Öse des Erzes
Schmettert‘ er grade sie durch; und der Telamonier Ajas
Zuckt‘ umsonst in der Hand den verstümmelten Schaft, da geschleudert
Fern die Spitze von Erz mit Getön hinsank auf den Boden.
Ajas erkannte nunmehr in erhabener Seel‘ aufschauernd,
120
Göttergewalt, daß gänzlich des Kampfs Anschläge vereitle
Der hochdonnernde Zeus, und den Troern gönne den Siegsruhm;
Und er entwich dem Geschoß. Da warfen sie brennendes Feuer
Schnell in das Schiff, und plötzlich durchflog unlöschbar umher Glut.
Also lodert‘ am Steuer die Flamm‘ auf. Aber Achilleus
125
Schlug sich die Hüften vor Schmerz, und sprach zum Freunde Patrokleus:
Hebe dich, edeler Held Patrokleus, reisiger Kämpfer!
Denn ich seh‘ in den Schiffen des feindlichen Feuers Gewalt nun!
Eh‘ sie die Schiff‘ einnehmen, und kein Entfliehn noch vergönnt wird!
Hüll‘ in die Waffen dich schnell; und ich selbst versammle die Völker!
130
Jener sprach’s; doch Patroklos umschloß sich mit blendendem Erze.
Eilend fügt‘ er zuerst um die Beine sich bergende Schienen,
Blank und schön, anschließend mit silberner Knöchelbedeckung.
Weiter umschirmt‘ er die Brust ringsher mit dem ehernen Harnisch,
Künstlich und sternenhell, des äakidischen Renners;
135
Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll silberner Buckeln,
Eherner Kling‘; und darauf den Schild auch, groß und gediegen;
Auch das gewaltige Haupt mit stattlichem Helme bedeckt‘ er,
Von Roßhaaren umwallt; und fürchterlich winkte der Helmbusch;
Auch zwo mächtige Lanzen, gerecht in den Händen, ergriff er.
140
Nur nicht nahm er den Speer des untadligen Peleionen,
Schwer und groß und gediegen; es konnt‘ ihn der Danaer keiner
Schwingen, allein vermocht‘ ihn umherzuschwingen Achilleus:
Pelions ragende Esche, die Cheiron schenkte dem Vater,
Pelions Gipfel enthaun, zum Mord den Heldengeschlechtern.
145
Aber Automedon hieß er in Eil‘ anschirren die Rosse,
Ihn den trautesten Freund nach dem Scharentrenner Achilleus,
Und ihm bewährt vor allen den stürmenden Kampf zu bestehen.
Und Automedon führt‘ in das Joch die hurtigen Rosse
Xanthos und Balios her, die rasch hinflogen wie Winde:
150
Diese gebar dem Zephyros einst die Harpye Podarge,
Weidend auf grüner Au an Okeanos strömenden Wassern,
Nebengespannt dann ließ er den mutigen Pedasos wandeln,
Den aus Eëtions Stadt siegreich einst führet‘ Achilleus,
Der, zwar sterblich gezeugt, mit unsterblichen Rossen einherlief.
155
Aber die Myrmidonen bewaffnete wandelnd Achilleus
Rings durch jedes Gezelt mit Rüstungen. Jene, wie Wölfe,
Gierig nach Fleisch, und ihr Herz voll unermeßlicher Stärke,
Welche den mächtigen Hirsch mit Geweih, den sie würgten im Bergwald,
Fressend umstehn, sie alle von Blut die Backen gerötet;
160
Jetzo geschart hinrennend zur finstersprudelnden Quelle,
Lecken sie, dünn die Zungen gestreckt, des dunklen Gewässers
Obenhin, ausspeiend den blutigen Mord; und es trotzet
Kühn im Busen ihr Herz, und gedehnt sind allen die Bäuche:
Also der Myrmidonen erhabene Fürsten und Pfleger,
165
Wild um den edlen Genossen des äakidischen Renners
Stürmten sie; unter der Schar stand kriegrisches Mutes Achilleus,
Laut ermahnend die Ross‘ und schildgewappneten Männer.
Fünfzig waren der Schiffe von raschem Lauf, die Achilleus
Her gen Troja geführt, der Göttliche; aber in jedem
170
Waren fünfzig Männer, die Ruderbänke bedeckend.
Diesen ordnet‘ er fünf Kriegsobersten, welchen er traute,
Zum Befehl; und er selber gebot obwaltend den Herrschern.
Eine der Ordnungen führte Menesthios, rasch in dem Panzer,
Er ein Sohn Spercheios, des himmelentsprossenen Stromes:
175
Ihn gebar Polydora, des Peleus‘ liebliche Tochter,
Durch Spercheios Kraft, das Weib zum Gotte gelagert;
Doch als Vater genannt ward Boros, der Sohn Perieres,
Welcher sie öffentlich nahm nach unendlicher Bräutigamsgabe.
Drauf die andere führt‘ Eudoros, jener beherzte
180
Jungfraunsohn, den die schönste zu Reigentanz Polymele,
Phylas Tochter, gebar: denn der mächtige Argoswürger
Liebte sie, als er im Chor der Sängerinnen sie wahrnahm
Tanzend an Artemis‘ Fest, der Göttin mit goldener Spindel;
Eilend stieg er zum Söller empor, und umarmte sie heimlich,
185
Hermes, der Retter aus Not; und den glänzenden Sohn Eudoros
Trug ihr Schoß, im Laufe so rasch, und so rasch in der Feldschlacht.
Aber nachdem ihn jetzo die ringende Eileithya
Zog an das Tageslicht, und der Sonne Glanz er gesehen;
Führete jen‘ Echeklos, der starke Sohn des Aktor,
190
Heim in seinen Palast, nach unendlicher Bräutigamsgabe;
Phylas indes der Greis erzog den Knaben, und pflegt‘ ihn
Mit treuherziger Lieb‘, als wär’s sein leibliches Söhnlein.
Drauf der Dritten gebot der streitbare Held Peisandros,
Mämalos‘ Sohn, der berühmt vor den myrmidonischen Kämpfern
195
Strebt an Kunde des Speers, nach Achilleus‘ Freunde Patroklos.
Dann der Vierten gebot der graue reisige Phönix.
Endlich der Sohn Laerkes Alkimedon führte die Fünfte.
Aber nachdem sie alle zusamt den Gebietern Achilleus‘
Wohl gereiht und gestellt, jetzt rief er mit Ernst die Befehle:
200
Keiner, o Myrmidonen, vergesse mir alle die Drohung,
Die bei den rüstigen Schiffen ihr angedroht den Troern,
Stets dieweil ich gezürnt; und wie sehr mich jeder beschuldigt:
Grausamer Peleussohn, ja mit Gall‘ erzog dich die Mutter!
Harter, mit Zwang an den Schiffen die traurenden Freunde zu halten!
205
Heimwärts laß uns vielmehr in rüstigen Schiffen des Meeres
Kehren, da dir doch also von bösem Zorne das Herz tobt!
Dies oft redetet ihr in Versammlungen. Nun ist erschienen,
Sehet, der Tag des Gefechts, nach welchem so lang‘ ihr geschmachtet!
Jetzt, wem das mutige Herz es gebeut, der bekämpfe die Troer!
210
Jener sprach’s, und erregte zu Mut und Stärke die Männer;
Enger noch schlossen die Reihn, nachdem sie den König vernommen.
Fest wie die Wand sich füget ein Mann aus gedrängeten Steinen,
Eines erhabenen Saals, die Gewalt der Winde vermeidend:
Also fügten sich Helm‘ und genabelte Schild‘ aneinander,
215
Tartsch‘ an Tartsche gelehnt, an Helm Helm, Krieger an Krieger;
Und die umflatterten Helme der Nickenden rührten geengt sich
Mit hellschimmernden Zacken: so dichtvereint war die Heerschar.
Vornan gingen dem Zug die zween gewappneten Krieger,
Beide, Patroklos der Held und Automedon, mutiges Herzens,
220
Einzuhaun vor der Schar der Ihrigen. Aber Achilleus
Eilte zurück ins Gezelt, und hob den Deckel des Kastens,
Welchen, schön und künstlich, die silberfüßige Thetys
Ihm mitgab in das Schiff, wohlangefüllt mit Gewanden,
Mit dickwolligen Decken, und windabwehrenden Mänteln.
225
Drin auch lag ihm ein Becher voll Kunstwerk; nimmer noch hatte
Weder ein andrer daraus des funkelnden Weines getrunken,
Noch er einem gesprengt der Unsterblichen, außer Kronion.
Den aus dem Kasten erhebend nun reinigte jener mit Schwefel
Erst, und wusch ihn darauf in lauteren Fluten des Wassers;
230
Wusch dann sich selber die Händ‘, und schöpfte des funkelnden Weines;
Trat in die Mitte des Hofs, und betete, sprengte den Wein dann,
Schauend gen Himmel empor, und nicht unbemerkt von Kronion:
Zeus, dodonischer König, pelasgischer, ferne gebietend,
Herrscher im frostigen Hain Dodonas, wo dir die Seller
235
Dienst gelobt, ungewaschen die Füß‘, auf Erde gelagert!
So wie schon du zuvor mich höretest, als ich dich anrief,
Wie du Ehre mir gabst, und furchtbar schlugst die Achaier:
Also auch nun von neuem gewähre mir dieses Verlangen.
Selbst zwar bleib‘ ich allhier im Kreis der Schiffe beharrend;
240
Aber den Freund entsend‘ ich mit häufigen Myrmidonen
Hin zur Schlacht. O gesell‘ ihm Siegsruhm, Herrscher der Welt Zeus!
Stärke sein Herz im Busen mit Tapferkeit, daß nun auch Hektor
Lernen mög‘, ob allein auch den Kampf zu tragen verstehe
Unser Waffengenoß, ob nur dann die unnahbaren Händ‘ ihm
245
Wüten, wann ich ihm zugleich eingeh‘ ins Getümmel des Ares!
Aber sobald von den Schiffen er Streit und Getöse verdränget;
Unverletzt mir alsdann in die rüstigen Schiffe gelang‘ er,
Samt dem Waffengeschmeid‘ und den nah‘ anstürmenden Freunden!
Also sprach er flehend; ihn hörete Zeus Kronion.
250
Doch ein anderes gab ihm der Gott, ein andres versagt‘ er:
Weg von den Schiffen zu drängen den Streit und das Kriegesgetöse,
Gab er; allein versagte, gesund aus dem Streite zu kehren.
Jetzo, nachdem er gesprengt, und Zeus dem Vater geflehet,
Eilt‘ er zurück ins Gezelt, und legt‘ in den Kasten den Becher,
255
Kam dann, und stand vor dem Zelte; denn noch verlangte das Herz ihm,
Anzuschaun der Troer und Danaer blutige Feldschlacht.
Jene nunmehr um Patroklos den Mutigen wohlgerüstet
Zogen einher, in die Troer mit trotziger Kraft sich zu stürzen.
Schnell wie ein Schwarm von Wespen am Heerweg, strömten sie vorwärts,
260
Die mutwillige Knaben erbitterten nach der Gewohnheit,
Immerdar sie kränkend, die hart am Wege genistet,
Törichtes Sinns, da sie vielen gemeinsames Übel bereiten;
Denn wofern ein wandernder Mann, der etwa vorbeigeht,
Absichtslos sie erregt, schnell tapferes Mutes zur Abwehr
265
Fliegen sie alle hervor, ihr junges Geschlecht zu beschirmen:
Also die Myrmidonen, von tapferem Mute beseelet,
Strömten sie vor aus den Schiffen; und graunvoll brüllte der Schlachtruf
Aber Patroklos gebot mit lautem Ruf den Genossen:
Myrmidonen, Erwählte des Peleiaden Achilleus,
270
Seid nun Männer, o Freund‘, und gedenkt des stürmenden Mutes:
Daß wir Peleus‘ Sohn verherrlichen, ihn der voranstrebt
Allen in Argos‘ Volk, dem stürmen zum Kampf die Genossen;
Auch er selbst der Atreide, der Völkerfürst Agamemnon,
Kenne die Schuld, da den besten der Danaer nichts er geehret!
275
Jener sprach’s, und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
Wild eindrang in die Troer die Heerschar; und in den Schiffen
Donnerte dumpf nachhallend das Feldgeschrei der Achaier.
Doch wie die Troer ersahn Menötios‘ tapferen Sprößling,
Ihn, und seinen Genossen, in strahlendem Waffengeschmeide;
280
Regte sich allen das Herz, und es schwankten verwirrt die Geschwader,
Wähnend, es hab‘ an den Schiffen der mutige Renner Achilleus
Abgelegt den zürnenden Groll, und Freundschaft erkoren;
Jeglicher schaut‘ umher, zu entfliehn dem grausen Verderben.
Aber Patroklos zuerst entschwang die blinkende Lanze,
285
Grad‘ in die Mitte hinein, wo am dichtesten schwoll das Getümmel,
Hinten am dunkelen Schiff des erhabenen Protesilaos;
Und er traf den Pyrächmes, der gaulgewandte Päonen
Führt‘ aus Amydon her, von des Axios breitem Gewässer:
Rechts ihm durchbohrt‘ er die Schulter; und rücklings hinab auf den Boden
290
Taumelt‘ er, laut wehklagend; und rings die päonischen Freunde
Flüchteten, alle von Schrecken betäubt vor dem edlen Patroklos,
Als den Gebieter er schlug, den Tapfersten einst in der Feldschlacht.
Weg von den Schiffen sie trieb er, und löschte die lodernde Flamm‘ aus.
Halbverbrannt blieb stehen das Schiff, und es flohen die Troer
295
Mit graunvollem Getümmel; es gossen sich nach die Achaier
Durch die geräumigen Schiff‘; und es tobt‘ unermeßlicher Aufruhr.
Wie wenn hoch vom ragenden Haupt des großen Gebirges
Dickes Gewölk fortdrängt der Donnerer Zeus Kronion;
Hell sind rings die Warten der Berg‘, und die zackigen Gipfel,
300
Täler auch; aber am Himmel eröffnet sich endlos der Äther:
So, da die feindliche Glut sie hinweggedrängt von den Schiffen,
Atmeten auf die Achaier; doch nicht war Ruhe der Feldschlacht.
Denn nicht flohn die Troer vor Argos‘ kriegrischen Söhnen,
Schon die Rücken gewandt, von den dunkelen Schiffen des Meeres;
305
Sondern sie boten noch Trotz, und wichen aus Zwang von den Schiffen.
Nun schlug Mann vor Mann, im zerstreueten Kampf der Entscheidung,
Jeglicher Fürst: doch zuerst Menötios‘ tapferer Sprößling,
Schnell wie jener sich kehrte, durchschoß Areïlykos‘ Schenkel
Mit scharfspitziger Lanze, daß vorn das Erz ihm hervordrang;
310
Krachend zerbrach das Gebein, und vorwärts hin auf den Boden
Taumelt‘ er. Drauf Menelaos der kriegrische bohrte dem Thoas
Neben dem Schild‘ in die offene Brust, und löst‘ ihm die Glieder.
Phyleus‘ Sohn den Amphiklos, der wild anstürmte, bemerkend,
Zuckt‘ ihm entgegen die Lanz‘ in das obere Bein, wo am dicksten
315
Strotzt die Wade des Menschen von Fleisch; es zerriß ihm die Sehnen
Rings das durchbohrende Erz, und die Augen ihm schattete Dunkel.
Nestors Söhn‘: er Antilochos fuhr mit der spitzigen Lanze
Gegen Atymnios an, und durchstieß ihm die Weiche des Bauches;
Und er entsank vorwärts; da schwang mit der Lanze sich Maris
320
Nah an Antilochos her, voll Zorns um den leiblichen Bruder,
Vor den Erschlagnen gestellt; doch der göttliche Held Thrasymedes
Streckte den Speer, eh‘ jener verwundete; nicht ihn verfehlend,
Drang in die Schulter das Erz; und hinweg vom Gelenke des Armes
Rissen die Muskeln zerfleischt, und es brach der zerschmetterte Knochen;
325
Dumpf hinkracht‘ er im Fall, und die Augen ihm schattete Dunkel.
Also dort, zween Brüdern gebändiget, gingen die Brüder
Beid‘ in des Erebos Nacht, Sarpedons tapfre Genossen,
Lanzenkundige Söhn‘ Amisodaros, der die Chimära
Nährte, das Ungeheuer, das viel hinraffte der Menschen.
330
Ajas, Oileus‘ Sohn, sprang vor, und ergriff Kleobulos
Lebend, indem das Gedräng‘ ihn hinderte; aber sofort ihm
Löst‘ er die Kraft, mit gewaltigem Schwert in den Nacken ihm hauend:
Ganz ward warm die Klinge vom spritzenden Blut; und die Augen
Übernahm der finstere Tod und das grause Verhängnis.
335
Siehe Peneleos rannt‘ und Lykon zugleich aneinander;
Denn mit Lanzen verfehlten sie beid‘, und warfen vergebens;
Jetzt mit erhobenem Schwert anrannten sie: Lykon zuerst nun
Traf den gekegelten Helm an dem Roßbusch, aber am Hefte
Sprang ihm die Klinge zerknickt; Peneleos unter dem Ohr ihm
340
Schwang in den Nacken das Schwert, ganz taucht‘ es hinein, und die Haut nur
Hing, und getrennt hinschwebte das Haupt, ihm erschlafften die Glieder.
Aber Meriones haschte den Akamas hurtiges Laufes,
Als er den Wagen bestieg, und stach ihm rechts in die Schulter;
Und er entsank dem Geschirr, und Nacht umzog ihm die Augen.
345
Aber Idomeneus traf in Erymas Mund mit des Erzes
Stoß; und es drang aus dem Nacken die eherne Lanze durchbohrend
Unter dem Hirn ihm hervor, und zerbrach die Gebeine des Hauptes;
Und ihm entstürzten die Zähn‘, und Blut erfüllte die Augen
Beid‘, auch atmet‘ er Blut aus dem offenen Mund‘ und der Nase
350
Röchelnd empor; und dunkles Gewölk des Todes umhüllt‘ ihn.
Diese Danaerfürsten ermordeten jeder den seinen.
Wie wenn Wölf‘ in Lämmer sich stürzeten, oder in Zicklein,
Grimmvoll, weg sie zu rauben aus weidender Herd‘ im Gebirge,
Welche vom Hirten versäumt sich zerstreuete; jen‘ es ersehend
355
Nahn in Eil‘, und durchwürgen die mutlos bebenden Tierlein:
So in die Troer nun stürzten die Danaer; nur des Entfliehens
Dachten sie und des Geschreis, und vergaßen des stürmenden Mutes.
Ajas der Größere strebte den erzumschimmerten Hektor
Stets mit dem Speer zu erreichen; doch er voll Kriegeserfahrung,
360
Mit stierledernem Schilde bedeckt um die mächtigen Schultern,
Nahm in acht der Pfeile Geschwirr und das Sausen der Lanzen.
Zwar bereits erkannt‘ er der Schlacht abwechselnden Siegsruhm;
Aber auch so verweilt‘ er, und rettete teure Genossen.
Wie vom Olympos daher ein Gewölk den Himmel umwandelt,
365
Aus hellstrahlendem Äther, wann Zeus Sturmwetter verbreitet:
So von den Schiffen zurück war Angst und Geschrei und Verfolgung.
Nicht in geordnetem Zuge durchdrangen sie. Hektorn entführte
Hurtiges Laufs sein Gespann mit den Rüstungen; aber zurück blieb
Trojas Volk, das in Angst die gegrabene Tiefe noch hemmte.
370
Viel‘ in dem Graben umher der wagenbeflügelnden Rosse
Ließen zerschellt an der Deichsel zurück die Geschirre der Eigner.
Aber Patroklos verfolgte, mit Macht die Achaier ermunternd,
Unglück drohend dem Feind‘; und rings mit Geschrei und Getümmel
Füllten sie jeglichen Weg, die Zerstreueten; hoch zu den Wolken
375
Wirbelte finsterer Staub; und es sprengten die stampfenden Rosse
Langgestreckt nach der Stadt, von den Schiffen hinweg und Gezelten.
Er, wo das dickste Gedräng‘ hintummelte, sprengte Patroklos
Nach mit tönendem Ruf, und vorwärts unter die Räder
Stürzten die Männer in Staub, und zerrüttete Sessel erkrachten.
380
Über den Graben hinweg nun sprang der Unsterblichen Rosse
Schnelles Gespann, die dem Peleus die ehrenden Götter geschenket,
Vorwärts eilend im Sturm; denn auf Hektor reizte der Mut ihn,
Daß sein Speer ihn ereilte, der schnell mit den Rossen dahinfloh.
Wie wenn stürmischer Regen die schwarze Erd‘ umher deckt,
385
Spät in Tagen des Herbstes, wann reißende Wasser ergießet
Zeus, heimsuchend im Zorn die Freveltaten der Männer,
Welche gewaltsam richtend im Volk die Gesetze verdrehen,
Und ausstoßen das Recht, sorglos um die Rache der Götter;
Alle nunmehr sind ihnen gedrängt die flutenden Ströme,
390
Viel Abhäng‘ auch verschwemmen die schroff aushöhlenden Wasser;
Und in das finstere Meer mit lautem Geräusch sich ergießend,
Taumeln sie hoch vom Gebirg‘; und verheert sind die Werke der Menschen:
Also die troischen Rosse, da laut mit Geräusch sie dahinflohn.
Doch wie Patroklos nunmehr abschnitt die nächsten Geschwader,
395
Scheucht‘ er gewandt zu den Schiffen die Flüchtlinge, und zu der Stadt nicht
Ließ er die Sehnenden weiter hinaufziehn; sondern im Mittel
Dort der Schiff‘ und des Stromes, und dort der türmenden Mauer,
Mordet‘ er stürmend umher, und schaffte sich viele Vergeltung.
Siehe den Pronoos warf er zuerst mit blinkender Lanze
400
Neben dem Schild in die offene Brust, und löst‘ ihm die Glieder;
Dumpf hinkracht‘ er im Fall. Dann auf Thestor, Enops Erzeugten,
Wieder dahergestürzt: der saß in dem zierlichen Sessel,
Eingeschmiegt; denn die Angst betäubte sein Herz, und den Händen
War das Gezäum entsunken: da stieß ihm jener genahet
405
Rechts in den Backen den Speer, und ganz ihm die Zähne durchbohrt‘ er;
Über den Rand dann zog er am Schaft ihn: gleich wie ein Fischer,
Auf vorragender Klippe gesetzt, den gewaltigen Meerfisch
Aufwärts zieht aus den Fluten an Schnur und eherner Angel:
So an blinkender Lanze den Schnappenden zog er vom Sessel,
410
Schüttelt‘ ihn dann aufs Gesicht; und der Fallende hauchte den Geist aus.
Jener nun warf Eryalos, der gegen ihn lief, mit dem Steine
Grad‘ auf die Mitte des Haupts; und ganz voneinander zerbarst es
Unter dem lastenden Helm, und vorwärts hin auf den Boden
Taumelt‘ er; aber des Todes entseelender Schauer umfloß ihn.
415
Weiter den Erymas dann, und Amphoteros, und den Epaltes,
Pyres, und Echios dann, und Tlepolemos, Sohn des Damastor,
Ipheus dann, und Euippos, und Argeas‘ Sohn Polymelos,
Streckt‘ er gehäuft miteinander zur nahrungsprossenden Erde.
Jetzt wie Sarpedon ersah die gurtlos trotzenden Freunde
420
Unter Patroklos‘ Hand des Menötiaden bezwungen;
Laut ermahnt‘ er und schalt der Lykier göttliche Heerschar:
Schande doch, Lykias Volk! wo entflieht ihr? Rüstig gewandt nun!
Denn ich will begegnen dem Manne da; daß ich erkenne,
Wer da umher so schaltet, und schon viel Böses den Troern
425
Stiftete; weil er Vieler und Tapferer Kniee gelöset!
Sprach’s, und vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
Auch Patroklos, sobald er ihn schauete, sprang aus dem Sessel.
Beide den Habichten gleich, scharfklauigen, krummgeschnabelt,
Die auf luftigem Fels mit wildem Getön sich bekämpfen:
430
Also mit lautem Geschrei nun stürzten sie gegeneinander.
Diese schaut‘ erbarmend der Sohn des verborgenen Kronos;
Und zur Here begann er, der leiblichen Schwester und Gattin:
Wehe mir, wann das Geschick Sarpedon, meinen Geliebten,
Unter Patroklos‘ Hand des Menötiaden mir bändigt!
435
Zwiefachen Rat nun bewegt mein sinnendes Herz im Busen:
Ob ich ihn lebend annoch aus der tränenbringenden Feldschlacht
Setze hinweggerafft in Lykiens fruchtbare Fluren;
Oder ihn unter der Hand des Menötiaden bezwinge.
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
440
Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher! hast du geredet?
Einen sterblichen Mann, längst ausersehn dem Verhängnis,
Denkst du anitzt von des Tods graunvoller Gewalt zu erlösen?
Tu’s! doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!
Eines verkünd‘ ich dir noch, und du bewahr‘ es im Herzen.
445
Wenn du ihn lebend entsendest in seinen Palast den Sarpedon;
Dann bedenk‘, ob nicht ein anderer Gott auch begehre,
Seinen geliebten Sohn der schrecklichen Schlacht zu entführen.
Denn noch viel‘ um die Feste des herrschenden Priamos kämpfen
Söhn‘ unsterblicher Götter; die trügen dir heftigen Groll nach.
450
Aber wofern du ihn liebst, und deine Seel‘ ihn betrauert;
Siehe so laß ihn zwar im Ungestüme der Feldschlacht
Sterben, besiegt von der Hand des Menötiaden Patroklos;
Doch sobald ihn verlassen der Geist und der Odem des Lebens,
Gib ihn hinwegzutragen dem Tod‘ und dem ruhigen Schlafe,
455
Bis sie gekommen zum Volk des weiten Lykierlandes:
Wo ihn rühmlich bestatten die Brüder zugleich und Verwandten
Mit Grabhügel und Säule; denn das ist die Ehre der Toten.
Jene sprach’s; ihr gehorchte der waltende Herrscher der Welt Zeus.
Siehe mit blutigen Tropfen beträufelt‘ er jetzo die Erde,
460
Ehrend den lieben Sohn, den bald ihm sollte Patroklos
Tilgen in Trojas Lande, dem scholligen, fern von der Heimat.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Jetzo traf Patroklos den herrlichen Held Thrasymelos,
Der ein tapfrer Genoß Sarpedons war des Gebieters;
465
Diesem durchbohrt‘ er unten den Bauch, und löst‘ ihm die Glieder.
Auch Sarpedon verfehlt‘ ihn selbst mit der blinkenden Lanze,
Werfend den anderen Wurf; doch Pedasos stürmt‘ er dem Rosse
Rechts in die Schulter den Speer; und es röchelte schwer aufatmend,
Stürzete dann in den Staub mit Geschrei, und das Leben entflog ihm.
470
Jene sprangen zerscheucht, und es knarrte das Joch, und die Zügel
Wirrten sich, als in dem Staube das Nebenroß sich herumwarf
Doch Automedon steurte, der Lanzenschwinger, dem Unheil:
Schnell das geschliffene Schwert von der nervichten Hüfte sich reißend,
Naht‘ und zerhieb er den Strang des getöteten, nicht unentscheidend;
475
Und nun stellten sich beid‘, und zogen gerad‘ in den Strängen.
Wieder bekämpften sich jen‘ im vertilgenden Kampfe des Todes.
Doch Sarpedon verfehlt‘ auch jetzt mit der blinkenden Lanze;
Denn links über die Schulter Patroklos‘ stürmt‘ ihm des Erzes
Schärf‘, und verwundete nicht. Nun schwang der edle Patroklos
480
Seinen Speer; und ihm flog nicht umsonst das Geschoß aus der Rechten;
Sondern traf, wo ums Herz des Zwerchfells Hülle sich windet;
Und er entsank, wie die Eiche dahinsinkt, oder die Pappel,
Oder die stattliche Tanne, die hoch auf Bergen die Künstler
Ab mit geschliffenen Äxten gehaun, zum Balken des Schiffes:
485
Also lag er gestreckt vor dem rossebespanneten Wagen,
Knirschend vor Angst, mit den Händen des blutigen Staubes ergreifend.
So wie den Stier ermordet ein Löw‘, in die Herde sich stürzend,
Ihn, der glänzend und stolz vorragt schwerwandelnden Rindern;
Doch er verhaucht aufstöhnend die Kraft in dem Rachen des Löwen:
490
So dem Patroklos erlag der geschildeten Lykier Heerfürst;
Zürnendes Muts hinsank er, und rief dem teuren Genossen:
Glaukos, o Freund, du des Kampfes Gewaltiger, jetzo gebührt dir’s,
Lanzenschwinger zu sein, und unerschrockener Krieger!
Jetzo sein dir erwünscht Kriegsschrecknisse, wenn du beherzt bist!
495
Erst ermuntere nun der Lykier edle Gebieter,
Wandelnd um jegliche Schar, zu verteidigen ihren Sarpedon;
Aber sodann auch selber für mich mit dem Erze gekämpfet!
Denn dir werd‘ ich hinfort zur Schmach und daurenden Schande
Sein durch alle Geschlechter in Ewigkeit, wo die Achaier
500
Mir die Waffen entziehn, der im Kreis der Schiffe dahinsank!
Auf denn, heran mit Gewalt, und ermuntere jeglichen Streiter!
Als er dieses geredet, umschloß ihm das Ende des Todes
Augen zugleich und Nase. Gestemmt nun die Fers‘ auf die Brust ihm,
Zog er die Lanz‘ aus dem Leib; es folgt‘ ihr die Hülle des Herzens;
505
Also die Seele zugleich, und die Schärfe des Speers ihm entriß er.
Myrmidonen hielten des Königes schnaubende Rosse,
Sehnsuchtsvoll zu entfliehn, da der Eigner Geschirr sie verlassen.
Glaukos‘ Seele durchdrang Wehmut bei der Rede des Freundes;
Und ihm stürmte das Herz, daß nicht er vermochte zu helfen.
510
Fassend drückt‘ er den Arm mit der Hand; denn es quälte die Wund‘ ihn
Heftig, die Teukros ihm dem Stürmenden schoß mit dem Pfeile,
Als er die ragende Mauer verteidigte seinen Genossen.
Laut nun fleht‘ er empor zum treffenden Phöbos Apollon:
Herrscher, vernimm; ob vielleicht du in Lykias fruchtbarem Lande
515
Bist, vielleicht auch in Troja: du kannst aus jeglichem Ort ja
Hören den leidenden Mann, wie anjetzt mich leiden umdränget!
Diese Wund‘ hier trug‘ ich, die schreckliche! Ganz wird der Arm mir
Von tiefbrennenden Schmerzen gepeiniget; nicht auch zu hemmen
Ist das quellende Blut, und beschwert mir starret die Schulter!
520
Nicht den Speer zu halten vermag ich noch, oder zu kämpfen,
Unter die Feinde gemengt: und der tapferste Mann, Sarpedon
Starb, Zeus‘ Sohn! der sogar des eigenen Kindes nicht achtet!
Hilf denn du, o Herrscher, die schreckliche Wunde mir heilend!
Schläfere ein die Schmerzen, und stärke mich: daß ich die Männer
525
Lykiens rufend umher aufmuntere, tapfer zu streiten;
Und auch selbst um die Leiche des Abgeschiedenen kämpfe!
Also sprach er flehend; ihn hörete Phöbos Apollon.
Plötzlich stillt‘ er die Schmerzen, und hemmt‘ aus der schrecklichen Wunde
Sein schwarzrinnendes Blut, und haucht‘ ihm Mut in die Seele.
530
Glaukos aber erkannt‘ es im Geist, und freute sich herzlich,
Daß so schnell sein Gebet der mächtige Gott ihm gewähret.
Erst ermuntert‘ er nun der Lykier edle Gebieter,
Wandelnd um jegliche Schar, zu verteidigen ihren Sarpedon.
Aber sodann auch die Troer durchwandelt‘ er, mächtiges Schrittes,
535
Hin zu Polydamas, Panthoos Sohn, und dem edlen Agenor,
Auch zu Äneias darauf, und dem erzumschimmerten Hektor;
Nahe trat er zu ihnen, und sprach die geflügelten Worte:
Hektor, so gänzlich nunmehr vergaßest du deiner Berufnen,
Welche für dich, von Freunden entfernt und Vatergefilde,
540
Hier aushauchen den Geist; du aber versagst sie zu retten!
Siehe Sarpedon sank, der geschildeten Lykier Heerfürst,
Welcher Lykiens Heil durch Gerechtigkeit und durch Gewalt hob;
Unter Patroklos‘ Speer bezwang ihn der eherne Ares.
Eilet hinzu, ihr Geliebten, und nehmt zu Herzen die Kränkung,
545
Wenn ihn die Myrmidonen entwaffneten, wenn sie den Leichnam
Schändeten, über den Tod der Danaer aller erbittert,
Die um die hurtigen Schiffe wir ausgetilgt mit den Lanzen!
Jener sprach’s; und die Troer umschlug schwerlastender Kummer,
Ungestüm, und unleidlich; denn eine Säule der Stadt war
550
Jener, wiewohl aus fremdem Geschlecht: viel tapferes Volkes
Führt‘ er daher, er selbst der tapferste Held in der Heerschar.
Gradan drangen sie wild in die Danaer; aber voran ging
Hektor, glühend vor Zorn um Sarpedon. Auch die Achaier
Trieb des Menötiaden Patrokleus männliches Herz an.
555
Erst zu den Ajas begann er, die selbst schon glühten von Kampflust:
Ajas ihr, nun müsse der Feind‘ Abwehr euch erwünscht sein,
So wie vordem mit Männern ihr schaltetet, oder noch tapfrer!
Seht, er liegt, der zuerst einbrach in der Danaer Mauer,
Er Sarpedon der Held! O daß wir entstellten den Leichnam,
560
Daß wir die Wehr von der Schulter ihm raubeten, auch der Genossen
Manchen im Streit um ihn selber mit grausamem Erze bezähmten!
Jener sprach’s; und auch selbst schon waren sie gierig des Kampfes.
Aber da beiderseits sie dichter verstärkt die Geschwader,
Troer und Lykier dort, hier Myrmidon‘ und Achaier;
565
Rannten sie wild um die Leiche des Abgeschiednen zu kämpfen,
Mit graunvollem Geschrei; und es rasselten Waffen der Männer.
Zeus mit entsetzlicher Nacht umzog das Getümmel des Mordes,
Daß um den trauten Sohn noch entsetzlicher tobte die Kriegswut.
Trojas Söhn‘ itzt drängten die freudigen Krieger Achaias:
570
Denn es sank nicht der feigste der myrmidonischen Männer,
Er vom Held Agakles erzeugt, der edle Epeigeus:
Welcher mit Macht geboten im wohlbewohnten Budeion
Ehmals; aber nachdem er den trefflichen Vetter getötet,
Kam er um Peleus Schutz und der silberfüßigen Thetys;
575
Welche zugleich mit Achilleus dem Scharentrenner ihn sandten
Gegen Ilios her, zum Kampf mit den reisigen Troern.
Der nun faßte den Toten; da warf der strahlende Hektor
Ihm mit dem Steine das Haupt; und ganz voneinander zerbarst es
Unter dem lastenden Helm, und vorwärts hin auf den Leichnam
580
Taumelt‘ er; aber des Todes entseelender Schauer umfloß ihn.
Schmerz ergriff den Patroklos, da tot sein Freund ihm dahinsank.
Gradan stürmt‘ er durchs Vordergewühl, mit der Schnelle des Habichts,
Welcher den flüchtigen Schwarm der Star‘ und Dohlen verfolget:
So in der Lykier Schar, Patrokleus, reisiger Kämpfer,
585
Stürmtest du ein und der Troer, ergrimmt um den Tod des Genossen.
Sieh, er traf Sthenelaos, Ithämenes Sohn, an den Nacken
Mit dem gewaltigen Stein, und zerschmetterte ganz ihm die Sehnen.
Rückwärts wichen die ersten des Kampfs, und der strahlende Hektor.
Weit wie die Lanz‘ im Schwunge, die langgeschaftete, hinfliegt,
590
Wenn sie ein Mann aussendet mit Kraft, entweder im Kampfspiel,
Oder im Schlachtgefild‘, umdroht von mordenden Feinden:
So weit wichen die Troer, gedrängt von den Söhnen Achaias.
Glaukos aber zuerst, der geschildeten Lykier Heerfürst,
Wandte sich um, und erschlug den großgesinnten Bathykles,
595
Chalkons trefflichen Sohn, der, ein Haus in Hellas bewohnend,
Reich an Gut und Habe vor Myrmidonen hervorschien:
Diesem nunmehr stieß Glaukos die Lanz‘ in die Mitte des Busens,
Gegen ihn plötzlich gewandt, als schon ihn ereilt der Verfolger;
Dumpf hinkracht‘ er im Fall. Da ergriff Wehmut die Achaier,
600
Als der Tapfere sank; doch die Troer freuten sich herzlich;
Und sie umstanden gedrängt den Liegenden: auch die Achaier,
Nicht vergessend der Kraft, kühn drangen sie grad‘ in die Heerschar.
Aber Meriones traf den Laogonos unter den Troern,
Tapfer und kühn, den Sohn des Onetor, welcher ein Priester
605
War des idäischen Zeus, wie ein Gott im Volke geehret:
Den an Backen und Ohr durchschmettert‘ er, daß aus den Gliedern
Schnell der Geist ihm entfloh; und grauliches Dunkel umfing ihn.
Gegen Meriones schwang den ehernen Speer Äneias;
Denn er hofft‘ ihn zu treffen, wie unter dem Schild‘ er dahertrat.
610
Jener indes vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
Vorwärts niedergebückt; da flog der gewaltige Speer ihm
Über das Haupt in die Erde, daß hinten der Schaft an dem Speere
Zitterte; doch bald ruhte die Kraft des mordenden Erzes,
Des ergrimmt‘ Äneias im mutigen Geist, und begann so:
615
Bald, o Meriones, hätte dich leichtgewendeten Tänzer
Meine Lanz‘ auf immer beruhiget, hätt‘ ich getroffen.
Aber der speerberühmte Meriones sagte dagegen:
Schwer wird dir’s, Äneias, wiewohl du ein mächtiger Held bist,
Aller Menschen Gewalt zu bändigen, wer dir entgegen
620
Kommt zum Streite gefaßt; auch du bist sterblich geboren.
Wenn ich selber dich träf, erzielt mit der Schärfe des Erzes:
Bald, wie tapfer du bist, und mächtigen Händen vertrauend,
Gäbst du mir Ruhm, und die Seele dem Sporner der Gaul‘ Aïdoneus!
Jener sprach’s; da straft‘ ihn Menötios‘ tapferer Sprößling:
625
Warum, Edler im Streit, Meriones, schwatzest du also?
Trautester, nie ja werden vor schmähenden Worten die Troer
Weichen vom Toten zurück, eh‘ manchen noch decket die Erde.
Denn im Arm ist Entscheidung des Kriegs, und des Wortes im Rate.
Drum nicht Rede zu häufen gebührt uns, sondern zu kämpfen!
630
Sprach’s, und eilte voran; ihm folgte der göttliche Streiter.
Jetzo wie laut das Getös‘ holzhauender Männer emporsteigt
Aus des Gebirgs Waldtal, und weit umher es gehört wird:
So dort stieg ein Getön von der weitumwanderten Erde,
Erzes zugleich und Leders und wohlbereiteter Stierhaut,
635
Unter dem Stoß der Schwerter und zwiefach schneidenden Lanzen.
Nicht wär‘ itzt, auch ein achtsamer Mann, der den edlen Sarpedon
Kennete; so mit Geschossen, mit Blut ringsher, und mit Staube
War er vom Haupte bedeckt bis hinab zu den äußersten Sohlen.
Immer noch den Toten umschwärmten sie: gleich wie die Fliegen
640
Sumsen im Meierhof‘ um die milcherfülleten Eimer,
Im anmutigen Lenz, wann Milch von den Butten herabtrieft:
Also dort den Toten umschwärmten sie. Aber Kronion
Wandte nie vom Getümmel der Schlacht die strahlenden Augen;
Sondern schaut‘ auf die Streiter hinab, und vieles im Herzen
645
Dacht‘ er über den Tod des Patrokleus, tiefnachsinnend:
Ob bereits auch jenen, in schreckenvoller Entscheidung,
Dort um den hohen Sarpedon die Kraft des strahlenden Hektors
Tilgte mit mordendem Erz, und die Wehr von der Schulter ihm raubte;
Oder ob mehrere noch er überhäufte mit Arbeit.
650
Dieser Gedank‘ erschien dem Zweifelnden endlich der beste:
Daß der tapfre Genoß des Peleiaden Achilleus
Wieder der Troer Volk und den erzumschimmerten Hektor
Rückwärts drängte zur Stadt, und vielen noch raubte das Leben.
Hektorn sandt‘ er zuerst unmutige Furcht in die Seele;
655
Und er sprang in den Sessel, und wandte sich, rufend den andern
Troern zu fliehn; denn er kannte Kronions heilige Waage.
Auch nicht Lykias Helden verweileten, sondern gescheucht flohn
Alle, nachdem sie den König gesehn, der im Herzen verwundet
Lag, im Gemisch der Toten gestreckt; denn viel‘ um ihn selber
660
Sanken in Blut, da den heftigen Streit anstrengte Kronion.
Jen‘ entzogen nunmehr von Sarpedons Schulter die Rüstung,
Schimmernd von Erz, und hinab zu den räumigen Schiffen zu tragen
Gab sie den Kampfgenossen Menötios‘ tapferer Sprößling.
Jetzo begann zu Apollon der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
665
Phöbos, geh‘, o Geliebter, vom dunkelen Blut ihn zu säubern;
Aus dem Geschoß enthebe Sarpedon, trage darauf ihn
Fern hinweg an den Strom, und spül‘ ihn rein im Gewässer;
Auch mit Ambrosia salb‘ ihn, und hüll‘ ihm ambrosisch Gewand um.
Dann ihn wegzutragen vertrau den schnellen Geleitern,
670
Beiden dem Schlaf und dem Tode, den Zwillingen, welche sofort ihn
Setzen ins weite Gebiet des fruchtbaren Lykierlandes:
Wo ihn rühmlich bestatten die Brüder zugleich und Verwandten
Mit Grabhügel und Säule; denn das ist die Ehre der Toten.
Jener sprach’s; und dem Vater war nicht unfolgsam Apollon.
675
Eilend schwebt‘ er vom Idagebirg‘ in die schreckliche Feldschlacht;
Aus dem Geschoß enthub er den Held Sarpedon, und trug ihn
Fern hinweg an den Strom, und spült‘ ihn rein im Gewässer;
Auch mit Ambrosia salbt‘ er, und hüllt‘ ihm ambrosisch Gewand um.
Dann ihn wegzutragen vertraut‘ er den schnellen Geleitern,
680
Beiden dem Schlaf und dem Tode, den Zwillingen, welche sofort ihn
Setzten ins weite Gebiet des fruchtbaren Lykierlandes.
Aber Patroklos, die Ross‘ und Automedon laut ermahnend,
Jagte den Troern nach und Lykiern, rennend ins Unheil:
Törichter! Hätt‘ er das Wort des Peleiaden bewahret,
685
Traun er entrann dem bösen Geschick des dunkelen Todes.
Aber Zeus‘ Ratschluß ist mächtiger stets, denn der Menschen:
Der auch den tapferen Kämpfer verscheucht, und den Sieg ihm entwendet,
Sonder Müh; dann wieder ihn selbst antreibt zum Gefechte:
Er der jenem auch nun das Herz im Busen entflammte.
690
Welchem entzogst du zuerst, und welchem zuletzt das Geschmeide,
Als, o Menötios‘ Sohn, dich zum Tod‘ itzt riefen die Götter?
Ihn den Adrastos zuerst, Antonoos dann, und Echeklos,
Perimos, Megas‘ Sohn, und Epistor, samt Melanippos,
Weiter den Elasos drauf, und Mulios, auch den Pylartes,
695
Rafft‘ er dahin; doch die andern entzitterten alle voll Schreckens.
Jetzt hätt‘ Argos Volk die türmende Troja erobert,
Unter Patroklos‘ Hand; so tobt‘ er voran mit der Lanze:
Wenn nicht Phöbos Apollon auf festgegründetem Turme
Dastand, ihm Verderben ersann, und die Troer beschirmte.
700
Dreimal stieg zur Ecke der hohen Mauer Patroklos
Kühn hinan, und dreimal verdrängte mit Macht ihn Apollon,
Gegen den leuchtenden Schild mit unsterblichen Händen ihm stoßend.
Als er das vierte Mal drauf anstürmete, stark wie ein Dämon;
Rief mit schrecklichem Drohn der treffende Phöbos Apollon:
705
Weiche mir, edeler Held Patrokleus! Nicht dir gewährt ist,
Daß dein Speer verwüste die Stadt hochherziger Troer;
Nicht dem Achilleus einmal, der weit an Kraft dir vorangeht!
Jener sprach’s; da entwich mit eilendem Schritt Patroklos,
Scheuend den furchtbaren Zorn des treffenden Phöbos Apollon.
710
Hektor am skäischen Tor nun hielt die stampfenden Rosse;
Denn er sann, ob er kämpfte, zurück ins Getümmel sie treibend,
Oder dem Volk in die Mauer sich einzuschließen geböte.
Als er solches erwog, da nahete Phöbos Apollon,
Gleich an Gestalt dem Mann in blühender Stärke der Jugend,
715
Asios, welcher ein Ohm des rossetummelnden Hektors
War, der Hekabe Bruder, und Sohn des trefflichen Dymas,
Welcher in Phrygia wohnt‘ an Sangarios‘ grünenden Ufern;
Dessen Gestalt nachahmend begann itzt Phöbos Apollon:
Hektor, warum entziehst du dem Kampfe dich? Wenig geziemt dir’s!
720
Möcht‘ ich, so weit ich dir folge, so weit an Stärke dir vorgehn;
Bald dann wärst du zum Graun hinweg aus dem Kampfe gewichen!
Aber wohlan, auf Patroklos gelenkt die stampfenden Rosse;
Ob du vielleicht ihn erlegst, und Ruhm dir gewähret Apollon!
Dieses gesagt, enteilte der Gott in der Männer Getümmel.
725
Doch dem Kebriones rief der helmumflatterte Hektor,
Daß er die Ross‘ in die Schlacht angeißelte. Aber Apollon
Drang in die Scharen hinein, und empört‘ in grauser Verwirrung
Argos‘ Volk; doch die Troer und Hektor schmückt‘ er mit Ehre.
Hektor vermied sonst alle die Danaer, keinen ermordend;
730
Nur auf Patroklos lenkt‘ er die mächtig stampfenden Rosse.
Auch Patroklos dagegen entsprang vom Geschirr auf die Erde,
Trug in der Linken den Speer, und faßt‘ in die Rechte den Marmor,
Glänzendweiß, rauhzackig, den eben die Faust ihm umspannte.
Angestrengt nun warf er; und nicht flog säumend zum Manne,
735
Noch verirrt das Geschoß; den Wagenlenker des Hektor
Traf er, Kebriones, ihn des Priamos‘ mutigen Bastard,
Wie er die Zügel gefaßt, an der Stirn mit dem zackigen Steine.
Beide Brauen zerknirscht‘ ihm der Fels; nicht wehrte des Hauptes
Knochen ihm; sondern die Augen entflossen zur Erd‘ in den Staub ihm.
740
Dort vor die Füße hinab; und schnell, wie ein Taucher von Ansehn,
Schoß er vom prangenden Sitz, und der Geist verließ die Gebeine.
Kränkenden Spott nun riefst du daher, Gaultummler Patroklos:
Wunder doch, wie behende der Mann! wie leicht er hinabtaucht!
Übt‘ er die Kunst einmal in des Meers fischreichen Gewässern;
745
Viele sättigte wahrlich der Mann mit gefangenen Austern,
Hurtig vom Bord abspringend, und stürmt‘ es noch so gewaltig:
So wie jetzt im Gefild‘ er behend‘ aus dem Wagen hinabtaucht!
Traun, auch im troischen Volk sind unvergleichliche Taucher!
Also sprach er, und stürzt‘ auf Kebriones Leiche des Helden,
750
Ungestüm, wie ein Löwe, der ländliche Hürden verödend,
Jetzt an der Brust verwundet, durch eigene Kühnheit vertilgt wird:
So auf Kebriones dort, Patrokleus, sprängest du wütend.
Hektor auch dagegen entsprang vom Geschirr auf die Erde.
Beid‘ um Kebriones kämpften, wie zween blutgierige Löwen,
755
Die auf den Höhn des Gebirgs um eine getötete Hindin,
Beide von Hunger gequält, hochtrotzendes Muts sich bekämpfen:
So um Kebriones dort die zween schlachtkundigen Männer,
Er Patroklos, Menötios‘ Sohn, und der strahlende Hektor,
Strebend einander den Leib mit grausamem Erz zu verwunden.
760
Hektor, nachdem er das Haupt anrührete, ließ es durchaus nicht;
Drüben hielt Patroklos am Fuß ihn; und sie umdrängten
Troer zugleich und Achaier, gemischt zu grauser Entscheidung.
Wie wenn der Ost und der Süd mit Gewalt wetteifernd daherstürmt
In des Gebirgs Waldtalen, den tiefen Forst zu erschüttern,
765
Buche zugleich und Esch‘ und zähumwachsne Kornelle;
Daß sie wild aneinander die ragenden Äste zerschlagen
Mit graunvollem Getös‘, und der Sturz der Zerbrochnen umherkracht:
Also stürzten die Troer und Danaer gegeneinander,
Mordend, nicht hier noch dort der verderblichen Flucht sich erinnernd,
770
Viel‘ um Kebriones starrten der spitzigen Lanzen geheftet,
Auch der gefiederten Pfeile, die schnellenden Bogen entsprangen;
Viel‘ auch der mächtigen Steine zerschmetterten krachende Schilde
Kämpfender Männer umher; er lag im Gewirbel des Staubes,
Groß, weithingestreckt, der Wagenkunde vergessend.
775
Weil annoch die Sonne am Mittagshimmel einherging;
Hafteten jegliches Heeres Geschoß‘, und es sanken die Völker.
Aber sobald die Sonne zum Stierabspannen sich neigte;
Jetzt ward gegen das Schicksal die Übermacht den Achaiern:
Denn sie entrissen den Held Kebriones aus den Geschossen,
780
Und aus der Troer Geschrei, und raubten die Wehr von den Schultern.
Aber Patroklos stürzte mit feindlicher Wut in die Troer.
Dreimal stürzt‘ er hinein, dem stürmenden Ares vergleichbar,
Schreiend mit grausen Getön; dreimal neun Männer erschlug er.
Als er das vierte Mal drauf anstürmete, stark wie ein Dämon;
785
Jetzt war dir, Patroklos, genaht das Ende des Lebens.
Denn dir begegnete Phöbos im Ungestüme der Feldschlacht
Fürchterlich. Doch nicht merkt‘ er den Wandelnden durch das Getümmel,
Weil in finstere Nacht der begegnende Gott sich gehüllet.
Hinten stand und schlug er den Rücken ihm zwischen den Schultern,
790
Mit gebreiteter Hand; da schwindelten jenem die Augen.
Auch ihm hinweg vom Haupte den Helm schlug Phöbos Apollon;
Dieser rollte dahin, und erklang von den Hufen der Rosse
Hell, der gekegelte Helm; und besudelt ward ihm der Haarbusch
Ganz in Blut und Staube. Zuvor nicht war es nur denkbar,
795
Daß der umflatterte Helm besudelt würd‘ in dem Staube;
Sondern dem göttlichen Manne das Haupt und die liebliche Stirne
Deckt‘ er, dem Peleionen: allein Zeus gab ihn dem Hektor
Jetzt auf dem Haupte zu tragen; doch nah‘ ihm war das Verderben.
Auch in den Händen zerbrach ihm die weithinschattende Lanze,
800
Schwer und groß und gediegen, die eherne; und von den Schultern
Sank ihm der Schild mit dem Riemen, der langausreichende nieder.
Auch den Harnisch löst‘ ihm der herrschende Phöbos Apollon.
Graun nun betäubte sein Herz, und starr die blühenden Glieder,
Stand er erstaunt. Doch von hinten die spitzige Lanz‘ in den Rücken
805
Bohrt‘ ihm zwischen die Schultern genaht ein dardanischer Krieger,
Panthoos‘ Sohn Euphorbos, der vor den Genossen der Jugend
Prangt‘ an Lanz‘, an reisiger Kunst, und an hurtigen Schenkeln:
Denn schon zwanzig vordem der Kämpfenden stürzt‘ er vom Wagen,
Als er zuerst im Geschirre daherflog, lernend die Feldschlacht.
810
Dieser warf dir zuerst ein Geschoß, Gaultummler Patroklos;
Doch bezwang er dich nicht: dann eilt‘ er zurück in die Heerschar,
Schnell aus der Wund‘ entraffend den eschenen Speer, und bestand nicht
Vor Patroklos, entblößt wie er war, im Kampf der Entscheidung.
Jener, vom Schlag des Gottes gebändiget, und von der Lanze,
815
Rasch in der Freunde Gedräng‘ entzog er sich, meidend das Schicksal.
Hektor, sobald er sahe den hochgesinnten Patroklos
Wieder dem Kampf sich entziehn, vom spitzigen Erze verwundet,
Stürmt‘ er ihm nahe daher durch die Ordnungen, stieß dann die Lanze
Ihm in die Weiche des Bauchs, daß hinten das Erz ihm hervordrang:
820
Dumpf hinkracht‘ er im Fall, und erfüllte mit Gram die Achaier.
Wie den gewaltigen Eber der Löw‘ im Kampfe bezwinget,
Die auf den Höhn des Gebirgs hochtrotzendes Muts sich bekämpfen,
Nahe dem mäßigen Quell; denn sie sehnen sich beide zu trinken;
Aber der Schnaubende stürzt, der Gewalt des Löwen gebändigt:
825
Also bezwang den Würger, Menötios‘ tapferen Sprößling,
Hektor, Priamos‘ Sohn, und entriß mit dem Speer ihm das Leben.
Laut nunmehr frohlockt‘ er, und sprach die geflügelten Worte:
Ha! Patroklos, du dachtest die Stadt uns bald zu verwüsten,
Und die troischen Weiber, beraubt der heiligen Freiheit,
830
Weg in Schiffen zu führen zum lieben Lande der Väter!
Törichter! Jenen zum Schutz sind Hektors hurtige Rosse
Kühn im Sturm zu durchsprengen die Feldschlacht; auch mit der Lanze
Rag‘ ich selbst vor den Helden des Troervolks, und entferne
Ihnen der Knechtschaft Tag! Hier fressen dich jetzo die Geier!
835
Elender! Nichts hat, stark wie er ist, dir geholfen Achilleus,
Welcher gewiß dort bleibend dir Gehenden mancherlei auftrug:
Kehre nur ja nicht eher, Patrokleus, reisiger Kämpfer,
Zu den gebogenen Schiffen, bevor des mordenden Hektors
Blutigen Panzerrock ringsher um die Brust du zerrissen!
840
Also sprach er vielleicht, und bewog das törichte Herz dir!
Schwaches Lauts antwortetest du, Gaultummler Patroklos:
Immerhin, o Hektor, erhebe dich! Dir ja gewährte
Siegsruhm Zeus der Kronid‘ und Apollon, die mich bezwungen,
Sonder Müh; denn sie selber entzogen die Wehr von den Schultern.
845
Solche wie du, wenn mir auch zwanzige wären begegnet,
Alle sie lagen gestreckt, von meiner Lanze gebändigt!
Mich hat böses Geschick, und Letos Sohn nur getötet,
Und von Menschen Euphorbos; du dritter nur raubst mir die Waffen.
Eines verkünd‘ ich dir noch, und du bewahr‘ es im Herzen.
850
Selbst fürwahr nicht lange noch wandelst du, sondern bereits dir
Nahe steht zur Seite der Tod und das grause Verhängnis,
Daß du erliegst vor Achilleus, dem göttlichen Äakiden.
Als er dieses geredet, umschloß ihn das Ende des Todes;
Aber die Seel‘ aus den Gliedern entflog in die Tiefe des Aïs,
855
Klagend ihr Jammergeschick, getrennt von Jugend und Mannkraft.
Auch dem Toten erwiderte noch der strahlende Hektor:
Was weissagest du mir, Patrokleus, grauses Verderben?
Wer doch weiß, ob Achilleus, der Sohn der lockigen Thetys,
Nicht von meiner Lanze durchbohrt sein Leben verliere?
860
Also sprach der Held, und den ehernen Speer aus der Wund‘ ihm
Zog er, die Fers‘ anstemmend, und warf ihn zurück von dem Speere.
Schnell alsdann mit dem Speer zu Automedon kam er gewandelt,
Ihm dem edlen Genossen des äakidischen Renners,
Sehnsuchtsvoll ihn zu treffen; allein die unsterblichen Rosse
865
Retteten ihn, die dem Peleus die ehrenden Götter geschenket.

Fünfzehnter Gesang

Fünfzehnter Gesang

Der erwachte Zeus bedroht Here, und gebeut, ihm Iris und Apollon vom Olympos
zu rufen; daß jene den Poseidon aus der Schlacht gehen heiße, dieser den Hektor
herstelle, und die Achaier scheuche, bis Achilleus den Patroklos sende. Es geschieht. Hektor mit
Apollon schreckt die Achaier, deren Helden nur widerstehn, in das Lager zurück, und folgt mit
den Streitwagen über Graben und Mauer, wo Apollon ihm bahnt. Den Kampf hört Patroklos in
Eurypylos Zelt, und eilt den Achilleus zu erweichen. Die Achaier ziehn sich von den vorderen
Schiffen. Ajas, Telamons Sohn, kämpft von den Verdecken mit einem Schiffspeere, und verteidigt
des Protesilaos Schiff, das Hektor anzünden will.
Aber nachdem sie die Pfähle hindurch und den Graben geeilet,
Fliehend, und mancher erlag dem mordenden Arm der Achaier;
Jetzo hemmeten jene sich dort bei den Wagen beharrend,
Blaß ihr Gesicht vor Angst, die Erschrockenen. Doch es erwachte
5
Zeus auf Idas Höhn bei der goldenthronenden Here.
Schnell nun stand er empor, und umsah die Achaier und Troer:
Diese dahergescheucht, und jen‘ im Tumult sie verfolgend,
Argos‘ Söhn‘, und mit ihnen den Meerbeherrscher Poseidon.
Hektor auch sah er im Felde, den liegenden; und die Genossen
10
Saßen umher; noch beklemmt, aufatmet‘ er, schwindelnd in Ohnmacht,
Und spie Blut; denn ihn traf kein schwächerer Mann der Achaier.
Mitleidsvoll erblickt‘ ihn der waltende Herrscher der Welt Zeus;
Drohend mit finsterem Blick zur Here wandt‘ er die Worte:
Traun, dein böser Betrug, arglistige, tückische Here,
15
Hemmte den göttlichen Hektor vom Streit, und erschreckte die Völker!
Doch wer weiß, ob nicht wieder des schlauersonnenen Frevels
Erste Frucht du genießest, von meiner Geißel gezüchtigt!
Denkst du nicht mehr, wie du hoch herschwebtest, und an die Füß‘ ich
Zween Ambosse dir hängt‘, und ein Band um die Hände dir schürzte,
20
Golden und unzerbrechlich? Aus Ätherglanz und Gewölk her
Schwebtest du; ringsum traurten die Himmlischen durch den Olympos;
Doch nicht wagte zu lösen ein Nahender: wen ich erhaschte,
Schleudert‘ ich mächtig gefaßt von der Schwell‘ ihn, bis er zur Erde
Niedergestürzt ohnmächtig; auch so nicht ruhte der Zorn mir,
25
Heftig entbrannt um die Qual des göttergleichen Herakles,
Welchen du, mit Boreas Hilf‘ aufregend die Stürme,
Sendetest durch das verödete Meer, trugsinnendes Herzens,
Und ihn endlich in Kos‘ bevölkerte Insel verschlugest;
Doch ihn führt‘ ich von dannen zurück, und bracht‘ ihn in Argos‘
30
Rossenährendes Land, nach mancherlei Kämpfen des Elends.
Dessen erinnr‘ ich dich, daß hinfort du entsagest dem Truge,
Bis du erkannt, ob frommen dir mög‘ Umarmung und Lager,
Dem du entfernt von den Göttern dich nahetest, und mich betörtest!
Jener sprach’s; da erschrak die hoheitblickende Here;
35
Und sie begann dagegen, und sprach die geflügelten Worte:
Zeuge mir jetzo die Erd‘, und der wölbende Himmel von oben,
Auch die stygische Flut, die hinabrollt: welches der größte
Eidschwur ja und furchtbarste ist den seligen Göttern:
Auch dein heiliges Haupt, und unserer blühenden Jugend
40
Hochzeitbett, bei welchem ich nie falsch wagte zu schwören!
Daß nicht meines Geheißes der Erderschüttrer Poseidon
Trojas Söhn‘ und Hektor verletzt, doch jene beschirmt;
Sondern vielleicht sein Herz aus eigener Regung ihn antreibt,
Weil er gedrängt bei den Schiffen die Danaer sah mit Erbarmung!
45
Eher ja möcht‘ ich auch ihm ein ratsames Wort zureden,
Hinzugehn, wo du, Schwarzwolkiger, selbst es gebietest!
Lächelnd vernahm’s der Vater des Menschengeschlechts und der Götter;
Und er erwiderte drauf, und sprach die geflügelten Worte:
Wenn nur du hinführo, du hoheitblickende Here,
50
Gleich mir selbst an Gesinnung im Rat der Unsterblichen säßest;
Wahrlich Poseidon würde, wie sehr er auch anderswohin strebt,
Bald umlenken den Sinn, nach deinem Herzen und meinem.
Aber wofern ja im Ernst und ohne Falsch du geredet;
Wandele nun zu der Götter Geschlecht, und rufe mir eilig
55
Iris hieherzugehn, und den bogenberühmten Apollon:
Daß sie schnell in das Heer der erzumschirmten Achaier
Niedersteig‘, und verkünde dem Meerbeherrscher Poseidon,
Abzulassen vom Kampf, und heim zum Palaste zu kehren;
Aber den Hektor zur Schlacht aufmuntere Phöbos Apollon,
60
Wiederum ihn beseele mit Kraft, und zähme die Schmerzen,
Die nun schwer sein Herz ihm ängstigen; doch die Achaier
Wieder zur Flucht umwend‘, unmutiges Schrecken erregend;
Daß die Fliehenden bang in des Peleiaden Achilleus
Ruderschiffe sich stürzen. Er heißt dann seinen Patroklos
65
Aufstehn; doch ihn erlegt mit dem Speer der strahlende Hektor,
Nahe vor Ilios‘ Mauren, nachdem er der Jünglinge viele
Ausgetilgt, auch meinen erhobenen Sohn Sarpedon.
Ihn dann rächend erschlägt den göttlichen Hektor Achilleus.
Doch alsdann von neuem verhäng‘ ich Flucht und Verfolgung
70
Stets von den Schiffen hinfort gen Ilios, bis die Achaier
Nehmen die hohe Stadt, durch weisen Rat der Athene.
Eher werd‘ ich den Zorn nicht mäßigen, oder der andern
Himmlischen einem gestatten, die Danaer dort zu beschirmen;
Ehe dem Peleionen erfüllt ist, was er verlanget:
75
Wie ich zuerst ihm verhieß, mit gewährendem Winke des Hauptes,
Jenes Tags, als Thetys die Kniee mir flehend umfaßte,
Ihren Sohn zu ehren, den Städteverwüster Achilleus.
Sprach’s; und willig gehorchte die lilienarmige Here,
Eilte von Idas Höhn, und ging zum hohen Olympos.
80
Wie der Gedanke des Mannes umherfliegt, der, da er viele
Länder bereits durchging, im sinnenden Herzen erwäget:
Dorthin möcht‘ ich, und dort; und mancherlei Pfade beschließet:
Also durchflog hineilend den Weg die Herrscherin Here;
Kam nun zum hohen Olympos, und fand die unsterblichen Götter
85
Dort in des Donnerers Saale vereiniget. Jene sie schauend,
Sprangen empor von den Sitzen, und grüßten sie alle mit Bechern.
Aber sie ließ die andern, und nahm der rosigen Themis‘
Becher allein; denn zuerst entgegen ihr kam sie gewandelt,
Redete freundlich sie an, und sprach die geflügelten Worte:
90
Warum kommst du, o Here? Du scheinst erschrocken im Antlitz.
Sicherlich hat dein Gemahl, des Kronos‘ Sohn, dich geängstet.
Ihr antwortete drauf die lilienarmige Here:
Frage mich nicht, o Themis, du Göttliche; selber ja weißt du,
Wie unfreundlich er ist, und übermütiges Herzens.
95
Aber beginn mit den Göttern im Saal das gemeinsame Gastmahl;
Dann zugleich samt allen Unsterblichen sollst du vernehmen,
Welcherlei Greuel uns Zeus ankündiget. Nimmer, vermutlich,
Freut sich allen das Herz, den Sterblichen, oder den Göttern;
Hat auch mancher bisher in behaglicher Ruhe geschmauset.
100
Jene sprach’s, und setzte sich hin, die Herrscherin Here.
Rings nun traurten im Saal die Unsterblichen. Sie mit den Lippen
Lächelte, doch nicht wurde die Stirn‘ um die dunkelen Brauen
Aufgeklärt; und zu allen mit zürnender Seele begann sie:
Törichte, die wir mit Zeus so gedankenlos uns ereifern,
105
Oder sein Tun zu stören uns abmühn, nahend mit Worten,
Oder mit Macht! Er sitzet von fern, und achtet nicht unser,
Unbesorgt; denn er dünkt sich vor allen unsterblichen Göttern
Weit an Kraft und Gewalt den Erhabensten sonder Vergleichung.
Duldet denn, was auch immer des Unheils jedem er sendet.
110
Eben nur ward, ich meine, dem Ares Jammer bereitet;
Denn Askalaphos sank, sein Trautester unter den Menschen,
Dort in der Schlacht, sein Sohn, wie der stürmende Ares bekennet.
Jene sprach’s; doch Ares, die nervichten Hüften sich schlagend
Mit gebreiteten Händen, erhub die jammernde Stimme:
115
Jetzo verargt mir’s nicht, olympischer Höhen Bewohner,
Daß ich ein Rächer des Sohns hingeh zu den Schiffen Achaias;
Wäre sogar mein Los, von des Donnerers Strahle zerschmettert,
Unter den Toten zugleich in Blut und Staube zu liegen!
Jener sprach’s; und die Rosse gebot er dem Graun und Entsetzen
120
Anzuschirren, und zog hellstrahlendes Waffengeschmeid‘ an.
Jetzo fürwahr noch größer und schreckenvoller denn jemals
Wäre den Göttern entbrannt der Zorn und die Rache Kronions;
Wenn nicht Athene, besorgt um alle unsterblichen Götter,
Eilt‘ aus der Pforte des Saals, den Thron, wo sie ruhte, verlassend.
125
Ihm vom Haupt entriß sie den Helm, und den Schild von den Schultern;
Auch die eherne Lanz‘, aus starker Hand ihm entreißend,
Stellte sie hin, und schalt den ungebändigten Ares:
Rasender du, Sinnloser, du rennst in Verderben! Umsonst denn
Hast du Ohren zu hören, und hegst nicht Scham noch Besinnung?
130
Hörtest du nicht die Rede der lilienarmigen Here,
Die nun eben von Zeus dem Olympier wieder zurückkam?
Willst du vielleicht, selbst füllend das Maß des unendlichen Jammers,
Heim zum Olympos kehren, ein Traurender zwar, doch genötigt;
Und uns übrigen allen des Jammers Fülle bereiten?
135
Denn alsbald der Troer und Danaer mutige Völker
Läßt er, und wandelt uns mit Getümmel daher zum Olympos,
Und ergreift nacheinander, wer schuldig ist, oder nicht also!
Drum nun, rat‘ ich, entsage dem Zorn ob des Sohnes Ermordung.
Mancher bereits, und besser an Kraft und Armen denn jener,
140
Sank, und sinkt noch hinfort ein Erschlagener. Ist’s doch unmöglich,
Aller sterblichen Menschen Geschlecht vom Tode zu retten.
Jene sprach’s, und setzt‘ auf den Thron den stürmenden Ares.
Here nunmehr berief den Apollon aus dem Gemache,
Iris zugleich, die Verkündigerin unsterblicher Götter;
145
Und sie begann zu ihnen, und sprach die geflügelten Worte:
Zeus befiehlt, daß ihr beid‘ aufs schleunigste kommet zum Ida.
Aber sobald ihr genaht, und des Donnerers Antlitz gesehen;
Tut alsdann, was immer sein Herz verlangt und gebietet.
Dieses gesagt, nun kehrte zurück die Herrscherin Here,
150
Setzte sich dann auf den Thron. Doch jen‘ entflogen in Eile,
Bis sie den Ida erreicht, den quelligen Nährer des Wildes.
Und sie fanden den wartenden Zeus auf Gargaros Gipfel
Hingesetzt; ihn barg die duftende Wolkenumhüllung.
Als sich beide genaht dem Wolkensammler Kronion,
155
Standen sie; und nicht war des Schauenden Seele voll Zornes,
Weil sie schleunig gehorcht dem Befehl der trauten Gemahlin.
Drauf zur Iris zuerst die geflügelten Worte begann er:
Eile mir, hurtige Iris, zum Meerbeherrscher Poseidon,
Alles verkünd‘ ihm genau, und sei nicht täuschende Botin.
160
Auszuruhn gebeut ihm von Kampf und Waffengetümmel,
Und zu gehn in die Schar der Unsterblichen, oder zur Meerflut.
Wenn er nicht das Gebot mir beschleuniget, sondern verachtet;
Dann erwäg‘ er hinfort in des Herzens Geist und Empfindung,
Ob er nicht, wie mächtig er sei, mich Nahenden schwerlich
165
Möchte bestehn; denn ich dünke mich weit erhabner an Stärke,
Älter auch an Geburt; und nichts doch achtet sein Herz es,
Gleich sich mir zu wähnen, vor dem auch andere zittern.
Jener sprach’s; ihm gehorchte die windschnell eilende Iris;
Schnell vom Ida entflog sie zur heiligen Ilios nieder.
170
Wie wenn daher aus Wolken der Schnee fliegt, oder des Hagels
Kalter Schauer gejagt vom heiter frierenden Nordwind;
Also durchflog hineilend den Weg die geflügelte Iris;
Nahe gestellt nun sprach sie zum Erderschüttrer Poseidon:
Eine Verkündigung dir, schwarzlockiger Erdumstürmer,
175
Bring‘ ich dahergesendet von Zeus dem Ägiserschüttrer.
Auszuruhn gebeut er von Kampf und Waffengetümmel,
Und zu gehn in die Schar der Unsterblichen, oder zur Meerflut.
Wenn du nicht das Gebot ihm beschleunigest, sondern verachtest;
Siehe dann droht er selber zu schrecklichem Kampfe gerüstet
180
Wider dich herzukommen: doch warnet er dich, zu vermeiden
Seinen Arm; denn er dünke sich weit erhabner an Stärke,
Älter auch an Geburt; und nichts doch achtet dein Herz es,
Gleich dich ihm zu wähnen, vor dem auch andere zittern.
Unmutsvoll nun begann der erderschütternde Herrscher:
185
Traun das heißt, wie mächtig er sei, hochmütig geredet,
Mir, der an Würd‘ ihm gleicht, mit Gewalt den Willen zu hemmen!
Denn wir sind drei Brüder, die Kronos zeugte mit Rheia:
Zeus, ich selbst, und Aïs, der Unterirdischen König.
Dreifach geteilt ward alles, und jeder gewann von der Herrschaft:
190
Mich nun trafs, beständig das graue Meer zu bewohnen,
Als wir gelost; den Aïdes traf das nächtliche Dunkel;
Zeus dann traf der Himmel umher in Äther und Wolken;
Aber die Erd‘ ist allen gemein, und der hohe Olympos.
Nimmer folg‘ ich demnach Zeus‘ Ordnungen; sondern geruhig
195
Bleib‘ er, wie stark er auch ist, in seinem beschiedenen Dritteil.
Nicht mit den Armen fürwahr, wie den Zagenden, schrecke mich jener!
Seine Töchter vielleicht und Söhn‘ auch möcht‘ er mit Anstand
Durch hochfahrende Worte bedräun, die er selber gezeuget;
Denn sie werden aus Zwang auf jedes Gebot ihm gehorchen!
200
Ihm antwortete drauf die windschnell eilende Iris:
Völlig so, wie du sagst, schwarzlockiger Erdumstürmer,
Bring‘ ich Zeus die Rede, so ungestüm, und so trotzig?
Oder wendest du noch? Gern wenden sich Herzen der Edeln.
Weißt du doch, daß Älteren stets die Erinnyen beistehn.
205
Wieder begann dagegen der Erderschüttrer Poseidon:
Iris, du hast, o Göttin, verständige Worte geredet.
Wahrlich ein gutes Ding, wenn ein Bote weiß, was geziemet.
Aber der bittere Schmerz hat Seel‘ und Geist mir durchdrungen,
Wenn er, wer gleich an Würd‘, und ähnlichem Schicksal bestimmt ist,
210
Den zu schelten gedenkt mit wild anfahrenden Worten.
Dennoch möcht‘ ich für jetzt, obgleich unwillig, ihm weichen.
Aber ich sage dir an, und beschließ‘ im Herzen die Drohung:
Wo er zum Trotz mir selbst, und der Siegerin Pallas Athene,
Hermes, und der Here zum Trotz, und dem Herrscher Hephästos,
215
Ilios Feste verschont, die erhabene, und die Vertilgung
Nicht beschleußt, noch schenkt des Sieges Gewalt den Achaiern;
Wiss‘ er dann, daß ewig unheilbarer Zorn uns entflammt!
Also sprach, und verließ die Danaer Poseidaon,
Ging und taucht‘ in die Fluten, vermißt von den Helden Achaias.
220
Jetzo begann zu Apollon der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Phöbos, geh, o Geliebter, zum erzgepanzerten Hektor;
Denn bereits ja entwich der Erderschüttrer Poseidon
Wieder ins heilige Meer, den verderblichen Grimm zu vermeiden
Unseres Zorns. Wohl hätten den Kampf auch andre gehöret,
225
Selbst die Unsterblichen unter der Erd‘, um Kronos versammelt!
Aber sowohl für mich weit heilsamer, als für ihn selber,
War’s, daß jener zuvor, obgleich unwillig, enteilte
Meinem Arm; nicht hätten wir ohne Schweiß uns gesondert!
Auf du nimm in die Hände die quastumbordete Ägis;
230
Diese mit Macht herschütternd, erschrecke das Herz der Achaier.
Aber du selbst, Ferntreffender, sorg‘ um den strahlenden Hektor:
Denn so lang‘ erhebe den Mut ihm, bis die Achaier
Fliehend daher die Schiff‘ und den Hellespontos erreichet.
Dann beschließ‘ ich selber mit Wort und Tat es zu ordnen,
235
Daß sich wieder erholen des schweren Kampfs die Achaier.
Jener sprach’s; und dem Vater war nicht unfolgsam Apollon.
Schnell von des Idas Höhn entschwang er sich, gleich wie der Habicht
Stürmend zum Taubenmord, der geschwindeste aller Gevögel.
Priamos‘ Sohn nun fand er, den heldenmütigen Hektor,
240
Sitzend; er lag nicht mehr, und erfrischt vom kehrenden Leben
Kannt‘ er die Seinigen rings; des Atems Schwer‘ und der Angstschweiß
Ruhete, weil ihn erweckt des Ägiserschütterers Ratschluß.
Nahe nun trat und begann der treffende Phöbos Apollon:
Hektor, Priamos‘ Sohn, warum so entfernt von den andern
245
Sitzest du kraftlos hier? Hat etwa ein Leid dich getroffen?
Wieder begann schwachatmend der helmumflatterte Hektor:
Wer bist du, o bester der Himmlischen, welcher mich fraget?
Hörtest du nicht, daß dort um die ragenden Steuer von Argos,
Wo ich die Freund‘ ihm vertilgte, mich warf der gewaltige Ajas
250
Mit dem Gestein an die Brust, und im stürmischen Kampfe mich hemmte?
Glaubt‘ ich doch die Geister der Tief‘ und Aïdes Wohnung
Diesen Tag noch zu sehn; denn schon verhaucht‘ ich die Seele.
Ihm antwortete drauf der treffende Herrscher Apollon:
Sei getrost; solch einen gewaltigen Rettet entsendet
255
Zeus dir vom Ida herab, dir beizustehn und zu helfen,
Mich den Phöbos Apollon mit goldenem Schwert, der zuvor auch
Schirmte dich selber zugleich, und Ilios türmende Feste.
Jetzo wohlan, ermahne die reisigen Scharen der Krieger,
Auf die gebogenen Schiffe die hurtigen Rosse zu lenken.
260
Sieh ich wandle voran, und ebne die Bahn vor den Rossen
Weit hinab, und wende zur Flucht die Helden Achaias.
Also der Gott, und beseelte mit Mut den Hirten der Völker.
Wie wenn im Stall ein Roß, mit Gerste genährt an der Krippe,
Mutig die Halfter zerreißt, und stampfendes Laufs in die Felder
265
Eilt, zum Bade gewöhnt des lieblichwallenden Stromes,
Trotzender Kraft; hoch trägt es das Haupt, und rings an den Schultern
Fliegen die Mähnen umher; doch stolz auf den Adel der Jugend,
Tragen die Schenkel es leicht zur bekannteren Weide der Stuten:
So auch Hektor, in Eile die Knie‘ und die Schenkel bewegend,
270
Trieb er der Reisigen Schar, da des Gottes Stimm‘ er vernommen.
Dort, wie wenn ein Gewild, den Kronhirsch, oder den Geißbock,
Jagende Hund‘ hinscheuchten und landbewohnende Männer;
Ihn dann des steilen Gebirgs Felshaupt und ein schattiges Dickicht
Rettete; denn ihn versagte das Schicksal noch den Verfolgern;
275
Doch auf das laute Getümmel erschien ein bärtiger Löwe
Drohend am Weg‘, und verscheuchte die Strebenden alle mit einmal:
So die Achaier zuerst, in Schlachtreihn folgten sie immer,
Zuckend daher die Schwerter und zwiefach schneidenden Lanzen;
Doch wie sie Hektor gesehn die Männerscharen umwandeln,
280
Standen sie starr, und allen entsank vor die Füße der Mut hin.
Drauf ermahnte sie Thoas, der tapfere Sohn Andrämons,
Edel im Volk der Ätoler, ein kundiger Held mit dem Wurfspieß,
Auch im stehenden Kampf; den Redenden aber besiegten
Wenige, wann um ihr Wort Achaias Jünglinge stritten;
285
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Weh mir! ein großes Wunder erblick‘ ich dort mit den Augen!
Wie doch von neuem erstand, den greulichen Keren entronnen,
Hektor! Eben nur hofft‘ in sicherem Herzen ein jeder,
Daß er von Ajas‘ Händen gestürzt, des Telamoniden.
290
Aber ein Gott hat wieder emporgestellt und errettet
Hektor, der schon vielen der Danaer löste die Kniee:
Welches auch jetzt, vermut‘ ich, geschehn wird! Schwerlich ja steht er
Ohne den Donnerer Zeus so freudiges Muts in dem Vorkampf
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
295
Heißt die Menge des Volks zu unseren Schiffen zurückziehn;
Selbst nur, so viele wir uns die Tapfersten rühmen des Heeres,
Laßt uns stehn, um zuerst dem Ungestüm zu begegnen,
Alle die Lanzen erhöht. Ich meine ja, wie er auch wütet,
Wird er im Herzen sich scheun, der Danaer Schar zu durchbrechen.
300
Jener sprach’s; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
Schnell um die Ajas‘ her, und Idomeneus, Kretas Beherrscher,
Teukros auch, und Meriones auch, und den kriegrischen Meges,
Ordneten jene die Schlacht, die edelsten Helden berufend,
Gegen der Troer Gewalt und Hektors; aber von hinten
305
Zog die Menge des Volks zurück zu den Schiffen Achaias.
Vor nun drangen die Troer mit Heerskraft; Hektor voran ging
Mächtiges Schritts; vor ihm selbst dann wandelte Phöbos Apollon,
Eingehüllt in Gewölk, und trug die stürmische Ägis,
Graunvoll, rauhumsäumt, hochfeierlich: welche Hephästos
310
Schmiedet‘, und Zeus dem Donnerer gab zum Einsetzen der Männer:
Diese trug in den Händen der Gott, und führte die Völker.
Argos‘ Söhn‘ auch harrten gedrängt dort; und ein Geschrei stieg
Laut aus beiderlei Heer, die Pfeile geschnellt von den Sennen
Sprangen; und häufige Speere, von mutigen Händen geschleudert,
315
Hafteten teils anprallend im Leib der blühenden Kämpfer;
Viel‘ auch im Zwischenraume, den schönen Leib nicht erreichend,
Standen empor aus der Erde, voll Gier im Fleische zu schwelgen.
Weil noch still die Ägis einhertrug Phöbos Apollon,
Hafteten jegliches Heeres Geschoss‘, und es sanken die Völker.
320
Aber sobald er sie gegen der reisigen Danaer Antlitz
Schüttelte, laut aufschreiend und fürchterlich; jetzo verzagte
Ihnen im Busen das Herz, und vergaß des stürmenden Mutes.
Jetzt wie die Herd‘, entweder des Hornviehs, oder der Schafe,
Zwei Raubtiere zerstreut, in dämmernder Stunde des Melkens,
325
Kommend in schleuniger Wut, wann nicht der Hüter dabei ist:
Also entflohn kraftlos die Danaer, ganz von Apollons
Schrecken betäubt; denn die Troer und Hektor ehrt‘ er mit Siegsruhm.
Nun schlug Mann vor Mann, im zerstreueten Kampf der Entscheidung.
Hektor raffte den Stichios hin und Arkesilaos:
330
Diesen der erzumschirmten Böotier ordnenden Führer,
Jenen des hochgesinnten Menestheus treuen Genossen.
Auch Äneias entriß des Jasos Waffen und Medons:
Dieser war ein Bastard des göttergleichen Oileus,
Medon, des Ajas Bruder, des kleineren; aber er wohnte
335
Ferne vom Vaterland‘ in Phylake, weil er den Vetter
Einst erschlug, Eriopis der späteren Gattin Oileus:
Jasos war zum Führer der Athenäer geordnet,
Sphelos‘ Sohn im Volke genannt, und Bukolos Enkel.
Auch den Mekistheus schlug Polydamas, auch den Polites
340
Echios vorn im Gefecht, und den Klonios mordet‘ Agenor.
Paris durchschoß rückwärts dem Deïochos oben die Schulter,
Als er im Vorkampf floh, daß vorn das Erz ihm hervordrang.
Während sie jen‘ entblößtem der Rüstungen; jetzt die Achaier,
Schnell auf Graben und Pfähle dahergestürzt in Verwirrung,
345
Bebten sie dorthin und dort, und tauchten aus Zwang in die Mauer.
Hektor anjetzt ermahnte mit lautem Rufe die Troer:
Auf die Schiffe gesprengt, und verlaßt die blutige Rüstung!
Wen ich vielleicht wo anders entfernt von den Schiffen erblicke,
Gleich den Tod auf der Stelle bereit‘ ich ihm! Keine Verwandtschaft
350
Folgt dann, Männer und Fraun, zum Totenfeuer dem Leichnam;
Sondern er liegt, von Hunden zerfleischt, vor Ilios Mauern!
Sprach’s, und schwang die Geißel dem raschen Gespann auf die Schultern,
Lautes Rufs anmahnend die Ordnungen. Alle zugleich nun
Lenkten sie, laut aufschreiend, die wagenbeflügelnden Rosse,
355
Mit graunvollem Getös‘; und der fahrende Phöbos Apollon
Stürzete leicht mit den Füßen des Grabens ragende Ufer
Stampfend hinab in die Mitt‘, und brückte den Pfad hinüber,
Lang zugleich und breit, so fern der geschwungene Wurfspieß
Hinfliegt, welchen ein Mann, die Kraft zu versuchen, entsendet.
360
Dort nun strömten sie vor in geschlossener Schar, und Apollon
Vorn, von der Ägis umstrahlt; hinstürzt‘ er der Danaer Mauer
Leicht, wie etwa den Sand ein Knab‘ am Ufer des Meeres,
Der, nachdem er ein Spiel aufbaut‘ in kindischer Freude,
Wieder mit Hand und Fuße die Häuflein spielend verschüttet:
365
So, ferntreffender Phöbos, verschüttetest du der Achaier
Müh und daurenden Fleiß, und scheuchtest sie selbst mit Entsetzen.
Jetzo hemmeten jene sich dort bei den Schiffen beharrend,
Und ermahnten einander; und rings mit erhobenen Händen
Betete laut ein jeder zu allen unsterblichen Göttern.
370
Nestor vor allen der Greis, der gerenische Herr der Achaier,
Flehte, die Händ‘ ausstreckend zum sternumleuchteten Himmel:
Vater Zeus, so dir einer in Argos‘ Weizengefilden
Fette Schenkel des Stiers anzündete, oder des Widders,
Flehend um Wiederkehr, und du ihm gewinkt und gelobet;
375
Denk‘ uns des, und steur‘, Olympier, solchem Verderben!
Laß nicht so hinsinken vor Trojas Macht die Achaier!
Also fleht‘ er empor; da donnerte Zeus Kronion
Laut, das Gebet erhörend des neleiadischen Greises.
Trojas Söhn‘, als sie hörten des Ägiserschütterers Ratschluß,
380
Drangen gestärkt in der Danaer Volk, und entbrannten vor Streitlust.
Wie die gewaltige Woge des weitdurchwanderten Meeres
Über den Bord des Schiffes hinabstürzt, wann sie verfolget
Wut des Orkans, wie am höchsten die brandende Flut sie emportürmt:
So dort stürzten die Troer mit lautem Geschrei von der Mauer,
385
Lenkten die Rosse hinein, und mit zwiefach schneidenden Lanzen
Kämpften vermischt um die Steuer die Nahenden: jene vom Wagen,
Diese hoch vom Verdeck, die dunkelen Schiffe besteigend,
Mit langragenden Stangen, die dort auf den Schiffen zum Meerkampf
Lagen, zusammengefügt, und vorn mit Erze gerüstet.
390
Aber der Held Patroklos, indes die Achaier und Troer
Noch die Mauer umkämpften, getrennt von den rüstigen Schiffen,
Saß noch stets in des edlen Eurypylos schönem Gezelte,
Ihn mit Worten erfreuend, und fügt‘ auf die schmerzende Wund‘ ihm
Lindernde Heilungssäfte, die dunkele Qual zu bezähmen.
395
Aber sobald zur Mauer mit Macht anrennen er hörte
Trojas Söhn‘, und erscholl der Danaer Angst und Getümmel;
Laut wehklagt‘ er nunmehr, und beide Hüften sich schlagend
Mit gebreiteten Händen, erhub er die jammernde Stimme:
Nein, ich kann nicht länger, Eurypylos, darfst du auch meiner,
400
Hier verweilen bei dir; zu laut schon erhebt sich der Aufruhr!
Drum dein Waffengenoß vergnüge dich; aber ich selber
Eile zu Peleus‘ Sohn, ihn aufzuregen zur Feldschlacht.
Denn wer weiß, ob vielleicht durch göttliche Hilf‘ ihn beweget
Mein Zuspruch! Gut immer ist redliche Warnung des Freundes.
405
Dieses gesagt, enttrugen die Schenkel ihn. Dort die Achaier,
Fest vor der Troer Gewalt bestanden sie; doch sie vermochten
Nicht, die wenigern zwar, hinweg von den Schiffen zu drängen.
Nicht auch vermochten die Troer, der Danaer dichte Geschwader
Trennend hindurchzubrechen in Ruderschiff‘ und Gezelte.
410
Sondern gleich, wie die Schnur abmißt den Balken des Schiffes
Unter des Zimmerers Hand, des erfahrenen, welcher die Weisheit
Aller Kunst durchdachte, gelehrt von Pallas Athene:
Also stand gleichschwebend die Schlacht der kämpfenden Völker;
Ringsher kämpften sie Kampf um die Meerschiff, andre bei andern.
415
Hektor erschien nun Ajas, dem Ruhmverklärten, begegnend.
Beid‘ um eines der Schiff‘ arbeiteten; aber nicht konnte,
Weder er ihn austreiben, und Glut in den Schiffen entflammen,
Noch ihn jener verdrängen, nachdem ihn genähert ein Dämon.
Ajas der Held schoß jetzo des Klytios‘ Sohne Kaletor
420
Seinen Speer in die Brust, da er Glut zum Schiffe dahertrug.
Dumpf hinkracht‘ er im Fall, und der Brand entstürzte der Rechten.
Aber wie Hektor ersah, daß ihm sein tapferer Vetter
Hingestürzt in den Staub, am dunkelen Schiffe des Meeres;
Rief er den Troern zugleich und Lykiern, laut ermahnend:
425
Troer, und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe!
Nimmermehr doch entweichet des Kampfs graunvollem Gedräng‘ hier;
Sondern errettet den Sohn des Klytios, daß die Achaier
Nicht ihm die Wehr abziehn, der im Kreis der Schiffe dahinsank.
Jener sprach’s, und dem Ajas entsandt‘ er die blinkende Lanze.
430
Zwar ihn selbst verfehlt‘ er; doch Mastors Sohne Lykophron,
Ajas‘ Genossen im Streit, dem Kytherier, welcher bei jenem
Wohnete, seit er um Mord wegfloh aus der edlen Kythera:
Diesem traf er ins Haupt mit dem Wurfspieß über dem Ohre,
Dicht wie an Ajas er stand; und rücklings herab auf die Erde
435
Sank er vom Hinterverdeck in den Staub; ihm erschlafften die Glieder.
Starrend schaut‘ ihn Ajas, und sprach, zum Bruder gewendet:
Teukros, o Trautester, sieh, uns sank ein treuer Gefährte,
Mastors Sohn, den wir beide, seitdem von Kythera er ankam,
Wert wie Vater und Mutter in unserem Hause geachtet!
440
Ihn schlug Hektor anitzt, der Gewaltige! Wo die geschwinden
Todesgeschoss‘ und der Bogen, den dir geschenket Apollon?
Jener sprach’s; doch der Bruder vernahm’s, und naht‘ ihm in Eile,
Haltend zugleich in der Hand das schnellende Horn, und den Köcher,
Pfeilevoll; und schleunig entsandt‘ er Geschosse den Troern.
445
Kleitos zuerst nun traf er, den blühenden Sohn Peisenors,
Und des Polydamas‘ Freund, des gefeierten Panthoiden,
Welchem die Zügel er lenkt‘: itzt tummelt‘ er mühsam die Rosse,
Lenkend dahin, wo vor allen am dichtesten tobten die Schlachtreihn,
Hektorn und den Troern gefällig zu sein: doch sofort ihm
450
Nahte das Weh, dem ihn keiner entriß der strebenden Freunde.
Denn ihm traf von hinten der schmerzende Pfeil in den Nacken;
Und er entsank dem Geschirr, und zurück ihm zuckten die Rosse,
Leer das Geschirr hinrasselnd. Polydamas aber erkannt‘ es
Schnell, und eilte zuerst den flüchtigen Rossen entgegen.
455
Diese gab er Astynoos drauf, dem Sohn Protiaons,
Welchen er sehr anmahnte, die Ross‘ ihm nahe zu halten,
Schauend auf ihn; dann eilt‘ er, und drang in das Vordergetümmel.
Teukros, ein andres Geschoß auf den schimmernden Hektor ergreifend,
Zielt‘; und er hätte gehemmt den Kampf bei den Schiffen Achaias,
460
Hätt‘ er den tapfersten Held mit treffendem Pfeile getötet.
Doch nicht seiner vergaß der waltende Zeus; er beschirmte
Hektor, und raubte den Ruhm dem Telamonier Teukros.
Siehe, die schöngeflochtene Schnur des untadligen Bogens
Brach er im Anziehn schnell; und seitwärts flog ihm verirrend
465
Sein erzschweres Geschoß, und der Bogen entsank aus der Linken.
Starrend schaut‘ es Teukros, und sprach, zum Bruder gewendet:
Wehe mir! traun es vereitelt ein Gott uns jeglichen Vorsatz
Unseres Kampfs, der den Bogen aus meiner Hand mir hinwegschlug,
Und mir die Senne zerriß, die neugeflochten ich umband
470
Heute früh, zu erdulden auch viel‘ abspringende Pfeile.
Ihm antwortete drauf der Telamonier Ajas:
Trautester, laß den Bogen doch nur und die häufigen Pfeile
Ruhn, nachdem ihn zernichtet ein Gott, der die Danaer neidet.
Jetzt in der Hand den ragenden Speer und den Schild auf der Schulter
475
Kämpfe mit Trojas Volk, und ermahn‘ auch andere Scharen:
Daß nicht arbeitlos, und siegten sie gleich, sie erobern
Unsre gebordeten Schiffe! Wohlauf, und gedenke der Streitlust!
Jener sprach’s; und den Bogen verwahrete Teukros im Zelte;
Warf alsdann um die Schulter die Last des vierfachen Schildes;
480
Auch das gewaltige Haupt mit stattlichem Helme bedeckt‘ er,
Von Roßhaaren umwallt; und fürchterlich winkte der Helmbusch;
Nahm auch die mächtige Lanze, gespitzt mit der Schärfe des Erzes;
Lief dann zurück, und stellt‘ in Eile sich neben den Bruder.
Hektor, sobald er gesehn, daß Teukros‘ Bogen zerstört war,
485
Rief er den Troern zugleich und Lykiern, laut ermahnend:
Troer, und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe!
Seid nun Männer, o Freund‘, und gedenkt des stürmenden Mutes
Um die gebogenen Schiffe! Denn schon mit den Augen ersah ich
Einem tapferen Manne zerstört das Geschoß von Kronion.
490
Leicht ja erkannt wird Zeus‘ obwaltender Schutz von den Menschen,
Jenen sowohl, die er hoch mit glänzendem Ruhme verherrlicht,
Als die er niederbeugt, und nicht zu verteidigen achtet:
Wie nun Argos‘ Völker er schwächt, uns aber beschirmt.
Auf, zum Kampf um die Schiffe mit Heerskraft! Welcher von euch nun
495
Tod und Schicksal erreicht, mit Wurf und Stoße verwundet,
Sterbe! Nicht ruhmlos ist’s, für des Vaterlandes Errettung
Sterben: in Wohlfahrt läßt er die Gattin zurück und die Kinder,
Und sein Haus und Erb‘ unbeschädiget, wann die Achaier
Heimgekehrt in den Schiffen zum lieben Lande der Väter!
500
Jener sprach’s, und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
Ajas indes auch drüben ermunterte seine Genossen:
Schande doch, Argos‘ Volk! Nun gilt’s, entweder zu sterben,
Oder uns Heil zu schaffen, und unseren Schiffen Errettung!
Hofft ihr vielleicht, wenn die Schiffe gewinnt der gewaltige Hektor,
505
Daß dann jeder zu Fuß heimkehr‘ in der Väter Gefilde?
Höret ihr nicht, wie laut er die feindlichen Scharen ermuntert,
Hektor, der schon die Schiffe mit Glut zu verbrennen daherstürmt?
Nicht zum Tanze fürwahr ermahnt er sie, sondern zum Kampfe!
Uns erscheint nun nirgend ein besserer Rat und Entschluß mehr,
510
Als hinein in den Feind mit gewaffneter Hand uns zu stürzen!
Besser, die Wahl des Todes beschleunigen, oder des Lebens,
Als so lang‘ hinschmachten in schreckenvoller Entscheidung,
So umsonst bei den Schiffen, vertilgt von schlechteren Männern!
Jener sprach’s, und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
515
Hektor erschlug den Schedios nun, den Sohn Perimedes‘,
Der den Phokäern gebot; doch Ajas streckte des Fußvolks
Führer Laodamas hin, den glänzenden Sohn Antenors.
Auch Polydamas nahm dem Kyllenier Otos die Rüstung,
Welcher, des Meges Genoß, vorging den stolzen Epeiern.
520
Rächend flog der Phyleide daher; doch Polydamas wich ihm
Seitwärts aus; ihn selbst nun verfehlet‘ er, weil ihm Apollon
Weigerte, Panthoos‘ Sohn im Vorderkampf zu bezwingen;
Aber dem Krösmos rannt‘ er gerad‘ in den Busen die Lanze;
Dumpf hinkracht‘ er im Fall, und jener entzog ihm die Rüstung.
525
Gegen ihn flog nun Dolops daher, wohlkundig der Lanze,
Lampos‘ Sohn, den Lampos, der tapferste Kämpfer, gezeuget,
Er Laomedons Sohn, den kundigen Stürmer der Feldschlacht:
Dieser durchstach dem Phyleiden die Mitte des Schilds mit der Lanze,
Nahe daher sich stürzend; allein ihn schirmte der Panzer,
530
Dicht und stark mit Gelenken befestiget: welchen noch Phyleus
Mit aus Ephyra brachte, vom heiligen Strom Selleïs;
Denn sein Gastfreund schenkt‘ ihm, der Völkerfürst Euphetes,
Solchen im Streit zu tragen, zur Abwehr feindlicher Männer:
Der ihm auch jetzt vom Leibe des Sohns abhielt das Verderben.
535
Ihm nun traf der Phyleide des schweifumflatterten Helmes
Oberste Wölbung von Erz mit dem Stoß der spitzigen Lanze;
Daß der gemähnete Busch ihm abbrach, ganz dann zur Erde
Niedersank in den Staub, noch neu gerötet von Purpur.
Während er ihn noch kämpfend bestand, und hoffte den Siegsruhm;
540
Kam ihm ein Helfer daher, der streitbare Held Menelaos.
Seitwärts trat er geheim mit dem Speer, und die Schulter von hinten
Warf er, daß vorne die Brust das stürmende Erz ihm durchbohrte,
Ungestüm vorstrebend; da taumelt‘ er nieder aufs Antlitz.
Beide nun sprangen hinzu, die eherne Wehr von den Schultern
545
Abzuziehn. Doch Hektor gebot den Verwandten und Brüdern
Allen umher; vor allen den edlen Sohn Hiketaons
Straft‘ er, den Held Melanippos: der einst schwerwandelnde Rinder
In Perkote geweidet, da fern noch waren die Feinde;
Aber nachdem die Achaier in Ruderschiffen gelandet,
550
Kam er gen Ilios wieder, und ragete hoch vor den Troern;
Auch bei Priamos wohnt‘ er, der gleich ihn ehrte den Söhnen.
Diesen straft‘ itzt Hektor, und laut ausrufend begann er:
Also jetzt, Melanippos, versäumen wir? Wendet auch dir nicht
Mildes Erbarmen das Herz, da tot dein Retter dahinsank?
555
Siehst du nicht, wie sehr sie um Dolops Rüstung sich abmühn?
Folge mir! Jetzo gilt’s, nicht fern von den Söhnen Achaias
Kämpfend zu stehn! Entweder wir morden sie, oder vom Gipfel
Stürzen sie Ilios Feste herab, und ermorden die Bürger!
Sprach’s, und eilte voran; ihm folgte der göttliche Streiter.
560
Argos‘ Söhn auch ermahnte der Telamonier Ajas:
Seid nun Männer, o Freund‘, und Scham erfüll‘ euch die Herzen!
Ehret euch selbst einander im Ungestüme der Feldschlacht!
Denn wo sich ehrt ein Volk, stehn mehrere Männer, denn fallen;
Doch den Fliehenden wird nicht Ruhm gewährt, noch Errettung!
565
Jener sprach’s; und sie selber dem Feind zu wehren begierig,
Faßten all‘ in die Herzen das Wort; sie umzäunten die Schiffe
Rings mit ehrnem Geheg‘; und Zeus trieb stürmend die Troer.
Doch den Antilochos reizte der Rufer im Streit Menelaos:
Keiner ist jünger denn du, Antilochos, vor den Achaiern,
570
Weder geschwinder im Lauf, noch tapfer wie du in der Feldschlacht;
Wenn du anjetzt vorspringend doch tötest einen der Troer!
Dieses gesagt, nun eilt‘ er zurück, und reizete jenen;
Und er entsprang dem Gewühl, und warf die blinkende Lanze,
Mit umschauendem Blick; und es flohn auseinander die Troer,
575
Als hinzielte der Mann: doch umsonst nicht sandt‘ er die Lanze,
Sondern dem Held Melanippos, dem mutigen Sohn Hiketaons,
Welcher zum Kampf herschritt, durchschoß er die Brust an der Warze:
Dumpf hinkracht‘ er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Aber Antilochos sprang, wie der rasche Hund auf des Rehes
580
Blutendes Kalb anstürzt, das, weil aus dem Lager es auffuhr,
Schnell der laurende Jäger durchschoß, und die Glieder ihm löste:
So, Melanippos, auf dich sprang Nestors kriegrischer Sohn itzt,
Dir die Wehr zu entreißen. Ihn sah der göttliche Hektor,
Welcher entgegen ihm lief, durch Kampf und Waffengetümmel.
585
Nicht, wie tapfer er war, bestand Antilochos jenen;
Sondern entflüchtete, gleich dem Gewild, das Böses getan hat,
Das, da den Hund um die Rinder es mordete, oder den Hirten,
Wegflieht, ehe die Schar versammelter Männer herandringt:
Also der Nestorid‘; ihm nach die Troer und Hektor
590
Rannten mit lautem Getös‘, und schütteten herbe Geschosse;
Doch nun stand er gewandt, da der Seinigen Schar er erreichet.
Trojas Volk, blutgierig wie raubverschlingende Löwen,
Stürzte nunmehr in die Schiffe, des Donnerers Rat vollendend:
Der sie mit höherem Mut stets kräftigte, doch den Argeiern
595
Schwächte das Herz, und des Ruhms sie beraubete, stärkend die Troer.
Denn dem Hektor beschloß sein Ratschluß Ruhm zu gewähren,
Priamos‘ Sohn, damit er die schreckliche Flamme des Feuers
Würf‘ in die prangenden Schiff‘, und ganz erfüllte der Thetys
Unbarmherzigen Wunsch: drum harrete Zeus Kronion,
600
Leuchten zu sehn den Glanz von einem brennenden Schiffe;
Doch alsdann verhängt‘ er den Troern Flucht und Verfolgung
Immerdar von den Schiffen, und Siegesruhm den Achaiern.
Also gesinnt, erregt er, der Danaer Schiffe zu stürmen,
Hektor, Priamos‘ Sohn, der selber des Kampfs auch begehrte.
605
Tobt‘ er doch wild, wie Ares mit raffendem Speer, und wie Feuer
Schrecklich die Berge durchtobt, in verwachsener Tiefe des Waldes!
Siehe der Schaum umstand die Lippen ihm, während die Augen
Unter den düsteren Brauen ihm funkelten; und um die Schläfen
Wehte der Mähnenbusch von dem Helm des kämpfenden Hektors
610
Fürchterlich! Selbst war ihm aus des Äthers Höhn ein Beschirmer
Zeus, der jenem allein in mächtigen Scharen der Männer
Preis und Herrlichkeit gab: denn wenige Tage nur waren
Ihm gewährt; schon lenkt‘ ihm das finstere Todesverhängnis
Pallas Athene daher durch siegende Macht des Achilleus.
615
Jener nun ging zu durchbrechen die Ordnungen, rings versuchend,
Wo den dichtesten Haufen er sah, und die trefflichsten Waffen:
Dennoch versucht‘ er umsonst Einbruch, wie gewaltig er andrang;
Denn stets hemmt‘ ihn die Schar der Geschlossenen: gleich wie ein Felsen,
Hochgetürmt und groß, an des bläulichen Meeres Gestade,
620
Welcher besteht der sausenden Wind‘ herzuckende Wirbel,
Und die geschwollene Flut, die gegen ihn brandend emporrauscht:
So vor den Troern bestand der Danaer Volk, und entfloh nicht.
Er, den strahlendes Feuer umleuchtete, sprang auf die Heerschar,
Hergestürzt, wie die Wog‘ in das rüstige Schiff sich hineinstürzt,
625
Ungestüm aus den Wolken vom Sturme genährt; es bedeckt sich
Ganz mit Schaume das Schiff, und fürchterlich saust in dem Segel
Oben die Wut des Orkans; und es bebt den erschrockenen Schiffern
Bange das Herz; weil wenig vom Tode getrennt sie entfliegen;
Also empört Unruhe das Herz der edlen Achaier.
630
Aber der Held, wie ein Löwe voll Wut eindringt in die Rinder,
Die in gewässerter Aue des großen Sumpfes umhergehn,
Tausende; nur ein Hirt begleitet sie, wenig geübt noch,
Ein krummhorniges Rind zu verteidigen wider ein Raubtier;
Zwar bei den vordersten bald, und bald bei den äußersten Rindern,
635
Wandelt er ängstlich umher; doch er, in die Mitte sich stürzend,
Würgt den Stier, und es entfliehn die Erschrockenen: so die Achaier,
Graunbetäubt entflohn sie vor Hektors Macht und Kronions,
Alle; doch einen erschlug er, Mykenens Held Periphetes,
Kopreus‘ Sohn des Berühmten, der einst des Königs Eurystheus
640
Botschaft pflag zu bringen der hohen Kraft Herakles:
Ihm ein besserer Sohn, dem schlechteren Vater, gezeuget,
War er in jeglicher Tugend, im rüstigen Lauf, und im Kampfe,
Auch an Verstand mit den ersten im Rat der Mykener gepriesen;
Der nun sank vor Hektor, noch höheren Ruhm ihm gewährend.
645
Denn wie zurück er wandte, da stieß er sich unten am Borde
Seines Schilds, den er trug, die fers’erreichende Schutzwehr:
Er, verwickelt daran, sank rückwärts, und um die Schläfen
Tönte mit furchtbarem Klange der Helm des fallenden Kriegers.
Hektor sofort bemerkt‘ es, und eilendes Laufs ihm genahet,
650
Bohrt‘ er die Lanz‘ in die Brust, ihn dicht bei den lieben Genossen
Mordend: sie suchten umsonst, betraurend zwar den Genossen,
Rettung; sie selbst erbebten zu sehr dem göttlichen Hektor.
Vorwärts hatten sie jetzt, und umher die äußersten Schiffe,
Die man zuerst aufzog; allein nachstürzten sich jene.
655
Zwar die Danaer wichen genötiget auch von den vordern
Schiffen zurück; doch dort beharrten sie bei den Gezelten
Scharweis, nicht sich zerstreuend durchs Lager umher; denn es hielt sie
Scham und Furcht; sie ermahnten sich unablässig einander.
Nestor vor allen der Greis, der gerenische Hort der Achaier,
660
Flehete jeglichem Manne, bei Stamm und Geschlecht ihm beschwörend:
Seid nun Männer, o Freund‘, und Scham erfüll‘ euch die Herzen
Scham vor anderen Menschen! Noch mehr erinnre sich jeder
Seines Weibs, und der Kinder, des Eigentums, und der Eltern,
Welchen sie leben sowohl, als welchem bereits sie gestorben!
665
Ihrenthalb, der Entfernten, beschwör‘ ich jetzo euch flehend,
Tapfer den Feind zu bestehn, und nicht zur Flucht euch zu wenden!
Jener sprach’s, und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
Allen nunmehr von den Augen entnahm Athene des Dunkels
Hehres Gewölk; und Licht umstrahlte sie hiehin und dorthin,
670
Nach der Seite der Schiff, und des allverheerenden Krieges.
Hektor sahn sie, den Rufer im Streit, und sahn die Genossen,
Jene, die hinterwärts sich entferneten, müde des Kampfes,
Und die mutig den Kampf um die rüstigen Schiffe noch kämpften.
Nicht mehr jetzt gefiel es dem heldenmütigen Ajas,
675
Dort in der Ferne zu stehn mit den anderen Söhnen Achaias;
Sondern der Schiffe Verdeck‘ umwandelt‘ er, mächtiges Schrittes,
Und bewegt‘ in dein Händen die mächtige Stange des Meerkampfs,
Wohlgefügt mit Ringen, von zweiundzwanzig Ellen.
So wie ein Mann, mit Rossen daherzusprengen verständig,
680
Der, nachdem er aus vielen sich vier Reitrosse vereinigt,
Rasch aus dem flachen Gefilde zur großen Stadt sie beflügelt,
Auf dem gemeinsamen Weg‘; und viel anstaunend ihm zuschaun,
Männer umher und Weiber; denn sicher stets und unfehlbar
Springt er vom anderen Roß aufs andere; und sie entfliegen:
685
So dort Ajas, auf vieler gerüsteten Schiffe Verdecke
Wandelt‘ er mächtiges Schritts; und es tönte sein Ruf bis zum Äther.
Immerdar mit schrecklichem Laut den Achaiern gebot er,
Daß sie Schiff‘ und Gezelte verteidigten. Aber auch Hektor
Weilete nicht im Haufen der dichtumpanzerten Troer;
690
Nein, wie ein glänzender Adler auf weitgeflügelter Vögel
Scharen daher sich stürzt, die weidend am Strom sich gelagert,
Kraniche, oder Gäns‘, und das Volk langhalsiger Schwäne:
So drang Hektor dort auf ein schwarzgeschnäbeltes Meerschiff
Grad‘ im stürmenden Lauf; ihn schwang von hinten Kronion
695
Mit allmächtiger Hand, und erregte die folgende Heerschar.
Wiederum ein bitterer Streit bei den Schiffen erhub sich;
Gleich als flög‘ unermüdet und nie bezwungenes Mutes
Jeder zum Kampfe daher: so tobten sie wild aneinander.
Dieser Gedank‘ entflammte die Streitenden: sie, die Achaier
700
Dachten nicht zu entfliehn vor den Schrecknissen, sondern zu sterben;
Aber den Troern hofft‘ ein jeglicher mutiges Herzens,
Anzuzünden die Schiff‘, und Achaias Helden zu morden.
Also gefaßt im Herzen bekämpften sie wütend einander.
Hektor erhub nun die Hand zum Steuerende des Meerschiffs,
705
Das, leichtsegelnd und schön, den Protesilaos gen Troja
Hergeführt, allein nicht wiederbrachte zur Heimat.
Hierum kämpfeten jetzt die Troer und die Achaier,
Wild durcheinander gemengt, und mordeten: siehe fürwahr nicht
Ferne des Bogenschusses erharrten sie, oder des Speeres;
710
Sondern nahe zusammen gedrängt, einmütiges Herzens,
Schwangen sie scharfe Beil‘ und hauende Äxt‘ aufeinander,
Auch gewaltige Schwerter, und zwiefach schneidende Lanzen.
Manches stattliche Schwert mit schwarzumwundenem Hefte
Stürzete dort aus der Hand in den Staub, und dort von den Schultern
715
Streitender Männer herab; und in Blut floß ringsum die Erde.
Hektor, nachdem er das Schiff anrührete, ließ es durchaus nicht,
Fest den Knauf in den Händen gefaßt, und ermahnte die Troer:
Feuer her, und erhebt in stürmendem Drange den Schlachtruf!
Uns nun sendete Zeus den Tag, der alle vergütet:
720
Daß wir die Schiff‘ einnehmen, die trotz den Unsterblichen landend
Uns so viel Unheiles gebracht, durch die Zagheit der Greise,
Welche, so oft zu kämpfen ich strebt‘ um die ragenden Steuer,
Immer mich selbst abhielten, und Kriegsvolk mir versagten.
Aber hat auch dann uns betört Zeus‘ waltende Vorsicht
725
Unseren Sinn; doch jetzo ermahnt er selbst und gebietet!
Jener sprach’s; und sie stürmten noch heftiger auf die Achaier,
Ajas bestand nicht fürder, ihn drängten zu sehr die Geschosse;
Sondern entwich ein wenig, da Todesgraun er zuvorsah,
Hoch auf des Steuerers Bank, vom Verdeck des schwebenden Schiffes.
730
Dort gestellt nun späht‘ er umher, mit der Lanze die Troer
Stets von den Schiffen entfernend, wer loderndes Feuer herantrug;
Stets auch ruft‘ er mit schrecklichem Laut, und gebot den Achaiern:
Freund‘, ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares!
Seid nun Männer, o Freund‘, und gedenkt des stürmenden Mutes!
735
Wähnen wir denn, uns stehn noch tapfere Helfer dahinten?
Oder ein stärkerer Wall, der das Weh abwehre den Männern?
Keine Stadt ist nahe, mit türmender Mauer befestigt,
Die uns verteidigen könnt‘, abwechselndes Volk uns gewährend;
Sondern ja hier im Felde der dichtumpanzerten Troer
740
Liegen wir nahe dem Meer, entfernt vorn Lande der Väter!
Nur in den Armen ist Heil, und nicht in der Laue des Kampfes!
Sprach’s, und schaltete wütend daher mit der spitzigen Lanze.
Wer auch alljetzt der Troer den räumigen Schiffen sich nahte,
Flammende Glut in der Hand, dem ermahnenden Hektor gehorsam;
745
Schnell verwundet‘ ihn Ajas, mit langem Speer ihn empfangend.
Zwölf mit stürmender Hand vor Achaias Schiffen erlegt‘ er.

Vierzehnter Gesang

Vierzehnter Gesang

Nestor, der den verwundeten Machaon bewirtet, eilt auf das Getöse hinaus, und spähet. Ihm begegnen Agamemnon, Diomedes und Odysseus, die, matt von den Wunden, das Treffen zu schaun kommen. Agamemnons Gedanken an Rückzug tadelt Odysseus. Nach Diomedes‘ Vorschlag gehn sie die Achaier zu ermuntern; und Poseidon tröstet den Agamemnon. Here, mit Aphroditens Gürtel geschmückt, schläfert den Zeus auf Ida ein, daß Poseidon noch mächtiger helfe. Hektor, den Ajas mit dem Steine traf, wird ohnmächtig aus der
Schlacht getragen. Die Troer fliehn, indem Ajas, Oileus‘ Sohn, sich auszeichnet.

Nestor vernahm das Geschrei, auch sitzend am Trunk nicht achtlos;
Schnell zu Asklepios‘ Sohn die geflügelten Worte begann er:
Denke doch, edler Machaon, wohin sich wende die Sache!
Lauter hallt um die Schiffe der Ruf von blühenden Streitern!
5
Aber bleib du sitzen, und trink des funkelnden Weines,
Bis dir ein warmes Bad die lockige Hekamede
Wärmt, und rein die Glieder vom blutigen Staube dir badet.
Ich will indes hineilen, und schnell umschaun von der Höhe.
Sprach’s, und nahm den gediegenen Schild des trefflichen Sohnes
10
Der im Gezelt dalag dem reisigen Held Thrasymedes,
Überstrahlt von Erz: der ging mit dem Schilde des Vaters:
Nahm dann die mächtige Lanze, gespitzt mit der Schärfe des Erzes,
Stellte sich außer dem Zelt, und schaut‘ unerfreuliche Taten:
Diese dahergescheucht, und jen‘ im Tumult sie verfolgend,
15
Trojas mutige Söhn‘; auch gestürzt war die Mauer Achaias.
Wie wenn dunkel sich hebt das Meer mit stummem Gewoge,
Ahndend nur der sausenden Wind‘ herzuckende Wirbel,
Kaum, doch nirgendwohin die schlagende Woge gewälzt wird,
Bis ein entscheidender Sturm sich herunterstürzt von Kronion:
20
Also erwog unruhig der Greis in der Tiefe des Herzens,
Zwiefach: ob er zur Schar gaultummelnder Danaer ginge,
Oder zu Atreus‘ Sohn, dem Hirten des Volks Agamemnon.
Dieser Gedank‘ erschien dem Zweifelnden endlich der beste,
Hin zum Atreiden zu gehn. Dort würgten sie einer den andern,
25
Wütend im Kampf; und es krachte das starrende Erz um die Leiber
Unter dem Stoß der Schwerter und zwiefachschneidenden Lanzen.
Nestorn begegneten nun die gottbeseligten Herrscher
Wiedergekehrt von den Schiffen, so viel das feindliche Erz traf,
Tydeus‘ Sohn, und Odysseus, und Atreus‘ Sohn Agamemnon:
30
Welchen weit vom Treffen entfernt sich reihten die Schiffe
Tief am Gestade des Meers. Denn die erstgelandeten zog man
Feldwärts auf, und erhub an den Steuerenden die Mauer.
Nimmermehr ja konnte, wie breit es war, das Gestade
Alle Schiff‘ einschließen des Heers; und es engte die Völker:
35
Darum zog man gestuft sie empor, und erfüllte des Ufers
Weite Bucht, die begrenzt von den Vorgebirgen umherlief.
Drum nun kamen zu schaun das Feldgeschrei und Getümmel,
Matt auf die Lanze gestützt, die Verwundeten; und von Betrübnis
Schwoll in den Busen ihr Herz. Es begegnete jetzo der graue
40
Nestor, und macht‘ hinstarren das Herz der edlen Achaier.
Ihn anredend begann der herrschende Held Agamemnon:
Nestor, Neleus‘ Sohn, du erhabener Ruhm der Achaier,
Warum kommst du daher, das würgende Treffen verlassend?
Ach ich sorg‘, es vollende sein Wort der stürmende Hektor,
45
Wie er vordem mir gedroht im Rat der versammelten Troer:
Eher nicht von den Schiffen gen Ilios wiederzukehren,
Eh‘ er in Glut die Schiffe verbrannt, und getötet sie selber.
Also redete jener; und nun wird alles vollendet.
Götter, gewiß sie alle, die hellumschienten Achaier,
50
Hegen mir Groll im Herzen, und hassen mich, gleich wie Achilleus;
Daß sie dem Kampf sich entziehn um die ragenden Steuer der Schiffe!
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Dies ward alles vollbracht und gefertiget; nimmer vermocht‘ auch
Selbst der Donnerer Zeus es anders wieder zu schaffen!
55
Denn schon sank die Mauer in Schutt, die ganz unzerbrechlich,
Traueten wir, sich erhub uns selbst und den Schiffen zur Abwehr.
Jen‘ um die rüstigen Schiff‘, unermeßliche Kämpfe bestehn sie,
Rastlos; nicht erkanntest du mehr, wie scharf du umhersähst,
Welcherseits die Achaier im tobenden Schwarme sich tummeln:
60
So ist vermischt das Gemord‘, und es schallt zum Himmel der Aufruhr.
Uns nun laßt erwägen, wohin sich wende die Sache,
Wenn ja Verstand noch hilft. Nur rat‘ ich nicht, in die Feldschlacht
Einzugehn; denn es taugt der Verwundete nimmer zu streiten.
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
65
Nestor, dieweil schon wütet der Kampf um die ragenden Steuer,
Und nichts frommte der Mauer gewaltiger Bau, noch der Graben,
Was mit Müh‘ uns Achaiern gelang, und ganz unzerbrechlich,
Traueten wir, sich erhub uns selbst und den Schiffen zur Abwehr;
So gefällt es nun wohl dem hocherhabnen Kronion,
70
Daß hier ruhmlos sterben von Argos fern die Achaier.
Wußt‘ ich es doch, als Zeus huldvoll die Achaier beschirmte;
Und weiß nun, daß er jene zur Herrlichkeit seliger Götter
Auserwählt, uns aber den Mut und die Hände gefesselt.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
75
Welche Schiffe zunächst am Rande des Meers wir gestellet,
Nehmen wir all‘, und ziehn sie hinab in die heilige Meerflut,
Hoch auf der Flut mit Ankern befestigend, bis uns herannaht
Öde Nacht, wo alsdann auch zurück sich hält vom Gefechte
Trojas Volk; drauf ziehn wir die sämtlichen Schiff‘ in die Wogen.
80
Denn nicht Tadel verdient’s, der Gefahr auch bei Nacht zu entrinnen!
Besser, wer fliehend entrann der Gefahr, als wen sie ereilet!
Finster schaut‘ und begann der erfindungsreiche Odysseus:
Welch ein Wort, o Atreid‘, ist dir aus den Lippen entflohen?
Schrecklicher! daß du vielmehr doch ein anderes feigeres Kriegsvolk
85
Führetest, doch nicht uns obwaltetest, welchen fürwahr Zeus
Früh von Jugend gewährte bis spät zum Alter zu dauern
Unter des Kriegs Drangsalen, bis tot auch der letzte dahinsinkt!
Also gedenkst du im Ernst, von der weitdurchwanderten Troja
Heimzufliehn, um welche des Grams so viel wir erduldet?
90
Schweig, damit kein andrer in Argos‘ Volk es vernehme,
Dieses Wort, das schwerlich ein Mann mit den Lippen nur ausspricht,
Dessen Seele gelernt, anständige Dinge zu reden,
Wenn er, geschmückt mit dem Scepter, so mächtige Völker beherrschet,
Als dir, König, daher aus Argos‘ Städten gefolgt sind!
95
Jetzo tadl‘ ich dir gänzlich den Einfall, welchen du vorbringst!
Mitten in Schlacht und Getümmel die schöngebordeten Schiffe
Nieder ins Meer zu ziehen, ermahnest du: daß noch erwünschter
Ende der Troer Geschick, die so schon siegen an Stärke,
Und uns Tod und Verderben zerschmettere! Denn die Achaier
100
Halten nicht aus das Gefecht, wann ins Meer wir die Schiffe hinabziehn
Sondern voll Angst umschauend, vergessen sie alle der Streitlust!
Traun dann wäre dein Rat uns fürchterlich, Völkergebieter!
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Tief in die Seele fürwahr, Odysseus, drang dein Verweis mir,
105
Schreckenvoll! Doch ich heiße ja nicht, daß wider ihr Wollen
Argos‘ Söhn‘ in das Meer die gebogenen Schiffe hinabziehn.
Komme nunmehr, wer besseren Rat zu sagen vermeinet,
Jüngling oder auch Greis; mir sei er herzlich willkommen!
Jetzo begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
110
Hier ist der Mann! Was suchen wir länger ihn? höret ihr anders
Guten Rat, und verschmähet ihn nicht, unwilliges Herzens,
Weil ich zwar an Geburt der jüngere bin von euch allen.
Aber ich rühme mich stolz nicht weniger edles Geschlechtes,
Tydeus‘ Sohn, den in Thebe gehügelte Erde bedecket!
115
Portheus wurden ja drei untadlige Söhne geboren,
Welche Pleuron bewohnt, und Kalydons bergichte Felder:
Agrios erst, dann Melas, und dann der reisige Öneus,
Tydeus‘ Vater, mein Ahn‘, berühmt vor jenen an Tugend.
Dieser weilte daselbst; doch es zog mein Vater gen Argos,
120
Lange verirrt: so ordnet‘ es Zeus und die anderen Götter.
Einer Tochter vermählt des Adrastos, wohnt‘ er im Hause,
Reich an Lebensgut; auch genug der Weizengefilde
Hatt‘ er, und viel der Gärten, von Baum und Rebe beschattet,
Viel auch der weidenden Schaf‘; und an Lanzenkunde besiegt‘ er
125
Alles Volk. Doch sicher vernahmt ihr schon, wie es wahr ist.
Darum wähnet mich nicht unkriegrisches feiges Geschlechtes,
Noch verachtet den Rat, den ich frei und gut euch eröffne.
Kommt, wir gehn in die Schlacht, verwundet zwar, doch genötigt!
Dort dann wollen wir zwar uns selbst enthalten des Kampfes,
130
Aus dem Geschoß, daß nicht uns Wund‘ auf Wunde verletze;
Doch ermahnen wir andre zur Tapferkeit, welche zuvor schon,
Ihrem Mut willfahrend, zurückflohn, müde des Kampfes.
Jener sprach’s; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
Eilend folgten sie jetzt dem Herrscher des Volks Agamemnon.
135
Aber nicht achtlos lauschte der Erderschüttrer Poseidon;
Sondern er trat zu ihnen, ein alternder Krieger von Ansehn,
Faßte die rechte Hand dem Herrscher des Volks Agamemnon,
Redete drauf zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Atreus‘ Sohn, nun schlägt des Achilleus grausames Herz wohl
140
Hoch vor Freud‘ in der Brust, das Gewürg‘ und die Flucht der Achaier
Anzuschaun; denn ihm fehlt auch die mindeste gute Besinnung.
Laß ihn seinem Verderben; ein Himmlischer zeichne mit Schand‘ ihn!
Noch sind dir nicht ganz die seligen Götter gehässig;
Sondern gewiß der Troer erhabene Fürsten und Pfleger
145
Füllen noch weit das Gefilde mit Staub, und du siehest noch einmal
Heim sie entfliehn in die Stadt, von den Schiffen hinweg und Gezelten.
Sprach’s, und mit lautem Geschrei durchwandelt‘ er schnell das Gefilde.
Wie wenn zugleich neuntausend daherschrein, ja zehntausend
Rüstige Männer im Streit, zu schrecklichem Kampf sich begegnend:
150
Solche Stimm‘ enthallte des erderschütternden Königs
Starker Brust in das Heer, und rüstete jegliches Mannes
Busen mit Kraft, rastlos im Streite zu stehn und zu kämpfen.
Here stand nun schauend, die goldenthronende Göttin,
Hoch vom Gipfel herab des Olympos; und sie erkannte
155
Schnell den Schaltenden dort in der männerehrenden Feldschlacht,
Ihren leiblichen Bruder und Schwager, freudiges Herzens.
Ihn alsdann auf der Höhe des quellenströmenden Ida
Sahe sie sitzen, den Zeus, und zürnt‘ ihm tief in der Seele.
Jetzo sann sie umher, die hoheitblickende Here,
160
Wie sie täuschte den Sinn des ägiserschütternden Gottes.
Dieser Gedank‘ erschien der Zweifelnden endlich der beste:
Hinzugehn auf Ida, geschmückt mit lieblichem Schmucke;
Ob er vielleicht begehrte, von Lieb‘ entbrannt zu umarmen
Ihren Reiz, und sie ihm einschläfernde sanfte Betäubung
165
Gießen möcht‘ auf die Augen, und seine waltende Seele.
Und sie enteilt‘ ins Gemach, das ihr Sohn, der kluge Hephästos,
Ihr gebaut, und die künstliche Pfort‘ an die Pfosten gefüget
Mit verborgenem Schloß, das kein anderer Gott noch geöffnet.
Dort ging jene hinein, und verschloß die glänzenden Flügel.
170
Jetzt entwusch sie zuerst mit Ambrosia jede Befleckung
Ihrem reizenden Wuchs, und salbt‘ ihn mit lauterem Öle,
Fein und ambrosischer Kraft, von würzigem Dufte durchbalsamt;
Welches auch, kaum nur bewegt im ehernen Hause Kronions,
Erde sogleich und Himmel mit Wohlgerüchen umhauchte:
175
Hiermit salbte sie rings die schöne Gestalt; auch das Haupthaar
Kämmt‘ und ordnete sie, und ringelte glänzende Locken,
Schön und ambrosiaduftend, herab von der göttlichen Scheitel;
Hüllte sich drauf ins Gewand, das ambrosische, so ihr Athene
Zart und künstlich gewirkt, und reich an Wundergebilde;
180
Dann mit goldenen Spangen verband sie es über dem Busen;
Schlang dann umher den Gürtel, mit hundert Quästen umbordet.
Jetzo fügte sie auch die schönen Gehäng‘ in die Ohren,
Dreigestirnt, hellspielend; und Anmut leuchtete ringsum.
Auch ein Schleier umhüllte das Haupt der erhobenen Göttin,
185
Lieblich und neu vollendet; er schimmerte, hell wie die Sonne;
Unter die glänzenden Füß‘ auch band sie sich stattliche Sohlen.
Als sie nunmehr vollkommen den Schmuck der Glieder geordnet,
Eilte sie aus dem Gemach, und rief hervor Aphrodite,
Von den anderen Göttern entfernt, dann freundlich begann sie:
190
Möchtest du jetzt mir gehorchen, mein Töchterchen, was ich begehre;
Oder vielleicht es versagen, mir darum zürnend im Herzen,
Weil ich selbst die Achaier, und du die Troer beschützest?
Ihr antwortete drauf die Tochter Zeus‘ Aphrodite:
Here, gefeierte Göttin, erzeugt vom gewaltigen Kronos,
195
Rede, was du verlangst; mein Herz gebeut mir Gewährung,
Kann ich es nur gewähren, und ist es selber gewährbar.
Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
Gib mir den Zauber der Lieb‘ und Sehnsucht, welcher dir alle
Herzen der Götter bezähmt, und sterblicher Erdebewohner.
200
Denn ich geh‘ an die Grenzen der nahrungsprossenden Erde,
Daß ich den Vater Okeanos schau‘, und Thetys die Mutter:
Welche beid‘ im Palaste mich wohl gepflegt und erzogen,
Ihnen von Rheia gebracht, da der waltende Zeus den Kronos
Unter die Erde verstieß und die Flut des verödeten Meeres.
205
Diese geh‘ ich zu schaun, und den heftigen Zwist zu vergleichen.
Denn schon lange Zeit vermeiden sie einer des andern
Hochzeitbett und Umarmung, getrennt durch bittere Feindschaft.
Könnt‘ ich jenen das Herz durch freundliche Worte bewegen,
Wieder zu nahn dem Lager, gesellt zu Lieb‘ und Umarmung;
210
Stets dann würd‘ ich die teure geehrteste Freundin genennet.
Ihr antwortete drauf die hold anlächelnde Kypris:
Nie wär’s recht, noch geziemt es, dir jenes Wort zu verweigern;
Denn du ruhst in den Armen des hocherhabnen Kronion.
Sprach’s, und löste vom Busen den wunderköstlichen Gürtel,
215
Buntgestickt: dort waren des Zaubers Reize versammelt;
Dort war schmachtende Lieb‘ und Sehnsucht, dort das Getändel,
Und die schmeichelnde Bitte, die selbst den Weisen betöret.
Den nun reichte sie jener, und redete, also beginnend:
Da, verbirg‘ in dem Busen den bunt durchschimmerten Gürtel,
220
Wo ich des Zaubers Reize versammelte. Wahrlich du kehrst nicht
Sonder Erfolg von dannen, was dir dein Herz auch begehret.
Sprach’s; da lächelte sanft die hoheitblickende Here;
Lächelnd drauf verbarg sie den Zaubergürtel im Busen.
Jene nun ging in den Saal, die Tochter Zeus‘ Aphrodite.
225
Here voll Ungestüms entschwang sich den Höhn des Olympos,
Trat auf Pieria dann, und Emathiens liebliche Felder,
Stürmete dann zu den schneeigen Höhn gaultummelnder Thraker,
Über die äußersten Gipfel, und nie die Erde berührend;
Schwebete dann vom Athos herab auf die Wogen des Meeres;
230
Lemnos erreichte sie dann, die Stadt des göttlichen Thoas.
Dort nun fand sie den Schlaf, den leiblichen Bruder des Todes,
Faßt‘ ihm freundlich die Hand, und redete, also beginnend:
Mächtiger Schlaf, der Menschen und ewigen Götter Beherrscher,
Wenn du je mir ein Wort vollendetest, o so gehorch‘ auch
235
Jetzo mir; ich werde dir Dank es wissen auf immer.
Schnell die leuchtenden Augen Kronions unter den Wimpern
Schläfre mir ein, nachdem uns gesellt hat Lieb‘ und Umarmung.
Deiner harrt ein Geschenk, ein schöner unalternder Sessel,
Strahlend von Gold: ihn soll mein hinkender Sohn Hephästos
240
Dir bereiten mit Kunst, und ein Schemel sei unter den Füßen;
Daß du behaglich am Mahl die glänzenden Füße dir ausruhst.
Und der erquickende Schlaf antwortete, solches erwidernd:
Here, gefeierte Göttin, erzeugt vorn gewaltigen Kronos,
Jeden anderen leicht der ewigwährenden Götter
245
Schläfert‘ ich ein, ja selbst des Okeanos wallende Fluten,
Jenes Stroms, der allen Geburt verliehn und Erzeugung.
Nur nicht Zeus Kronion, dem Donnerer, wag‘ ich zu nahen,
Oder ihn einzuschläfern, wo nicht er selbst es gebietet.
Einst schon witzigten mich, o Königin, deine Befehle,
250
Jenes Tags, da Zeus‘ hochherziger Sohn Herakles
Heim von Ilios fuhr, die Stadt in Trümmern verlassend.
Denn ich betäubte den Sinn des ägiserschütternden Gottes,
Sanft umhergeschmiegt; du aber ersannst ihm ein Unheil,
Über das Meer aufstürmend die Wut lautbrausender Winde,
255
Und verschlugst ihn darauf in Kos‘ bevölkertes Eiland,
Weit von den Freunden entfernt. Allein der Erwachende zürnte,
Schleudernd umher die Götter im Saal; mich aber vor allen
Sucht‘ er, und hätt‘ austilgend vom Äther ins Meer mich gestürzet;
Nur die Nacht, die Bändigerin der Götter und Menschen
260
Nahm mich Fliehenden auf: da ruhete, wie er auch tobte,
Zeus, und scheute sich, die schnelle Nacht zu betrüben.
Und nun treibst du mich wieder, ein heillos Werk zu beginnen!
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
Schlaf, warum doch solches in deiner Seele gedenkst du?
265
Meinst du vielleicht, die Troer verteidige so der Kronide,
Wie um Herakles vor Zorn, um seinen Sohn, er entbrannt war?
Aber komm; ich will auch der jüngeren Grazien eine
Dir zu umarmen verleihn, daß dir sie Ehegenossin
Heiße, Pasithea selbst, nach welcher du stets dich gesehnet.
270
Jene sprach’s; und der Schlaf antwortete freudiges Herzens:
Nun wohlan, beschwör‘ es bei Styx‘ wehdrohenden Wassern,
Rührend mit einer Hand die nahrungsprossende Erde,
Und mit der andern das schimmernde Meer; daß alle sie uns nun
Zeugen sein, die um Kronos versammelten unteren Götter:
275
Ganz gewiß mir verleihn der jüngeren Grazien eine
Willst du, Pasithea selbst, nach welcher ich stets mich gesehnet.
Sprach’s; und willig gehorchte die lilienarmige Here,
Schwur, wie jener begehrt, und rief mit Namen die Götter
All‘ im Tartaros unten, die man Titanen benennet.
280
Aber nachdem sie gelobt, und ausgesprochen den Eidschwur;
Eilten sie, Lemnos Stadt und Imbros beide verlassend,
Eingehüllt in Nebel, mit leicht hinschwebenden Füßen.
Ida erreichten sie nun, den quelligen Nährer des Wildes,
Lekton, wo erst dem Meer sie entschwebeten; dann auf der Feste
285
Wandelten beid‘; es erbebten vom Gang die Wipfel des Waldes.
Dort nun weilte der Schlaf, bevor Zeus‘ Augen ihn sahen,
Hoch auf die Tanne gesetzt, die erhabene, welche des Idas
Höchste nunmehr durch trübes Gedüft zum Äther emporstieg:
Dort saß jener umhüllt von stachelvollem Gezweige,
290
Gleich dem tönenden Vogel, der nachts die Gebirge durchflattert,
Chalkis genannt von Göttern, und Nachtrab‘ unter den Menschen.
Here mit hurtigem Schritt erstieg des Gargaros Gipfel,
Idas Höh‘; und sie sahe der Herrscher im Donnergewölk Zeus.
So wie er sah, so umhüllt‘ Inbrunst sein waltendes Herz ihm,
295
Jener gleich, da zuerst sich beide gesellt zur Umarmung,
Nahend dem bräutlichen Lager, geheim von den liebenden Eltern.
Und er trat ihr entgegen, und redete, also beginnend:
Here, wohin verlangst du, da hier vom Olympos du herkommst?
Auch nicht hast du die Ross‘ und ein schnelles Geschirr zu besteigen.
300
Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
Zeus, ich geh‘ an die Grenzen der nahrungsprossenden Erde,
Daß ich den Vater Okeanos schau‘, und Thetys die Mutter,
Welche beid‘ im Palaste mich wohl gepflegt und erzogen;
Diese geh‘ ich zu schaun, und den heftigen Zwist zu vergleichen.
305
Denn schon lange Zeit vermeiden sie einer des andern
Hochzeitbett und Umarmung, getrennt durch bittere Feindschaft.
Aber die Ross‘, am untersten Fuß des quelligen Ida
Stehen sie, mich zu tragen durch festes Land und Gewässer.
Deinethalb nun bin ich hieher vom Olympos gekommen,
310
Daß nicht etwa dein Herz mir eiferte, wandert‘ ich heimlich
Zu des Okeanos Burg, des tiefhinströmenden Herrschers.
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Here, dorthin magst du nachher auch enden die Reise.
Komm, wir wollen in Lieb‘ uns vereinigen, sanft gelagert.
315
Denn so sehr hat keine der Göttinnen oder der Weiber
Je mein Herz im Busen mit mächtiger Glut mir bewältigt:
Weder, als ich entflammt von Ixions Ehegenossin
Einst den Peirithoos zeugt‘, an Rat den Unsterblichen ähnlich;
Noch da ich Danae liebt‘, Akrisios‘ reizende Tochter,
320
Welche den Perseus gebar, den herrlichsten Kämpfer der Vorzeit;
Noch auch Phönix‘ Tochter, des ferngepriesenen Königs,
Welche mir Minos gebar, und den göttlichen Held Rhadamanthys;
Noch da ich Semele liebt‘, auch nicht Alkmene von Thebe,
Welche mir Mutter ward des hochgesinnten Herakles;
325
Jene gebar die Freude des Menschengeschlechts Dionysos;
Noch da ich einst die erhabne, die schöngelockte Demeter,
Oder die herrliche Leto umarmete, oder dich selber:
Als ich anjetzt dir glühe, durchbebt von süßem Verlangen!
Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
330
Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher, hast du geredet!
Wenn du jetzt in Liebe gesellt zu ruhen begehrest
Oben auf Idas Höhn, wo umher frei alles erscheinet;
O wie wär’s, wenn uns einer der ewigwährenden Götter
Beid‘ im Schlummer erblickt‘, und den Himmlischen allen es eilend
335
Meldete? Traun nie kehrt‘ ich hinfort zu deinem Palaste,
Aufgestanden vom Lager; denn unanständig ja wär‘ es!
Aber wofern du willst, und deiner Seel‘ es genehm ist;
Hast du ja ein Gemach, das dein Sohn, der kluge Hephästos,
Dir gebaut, und die künstliche Pfort‘ an die Pfosten gefüget:
340
Dorthin gehn wir zu ruhn, gefällt dir jetzo das Lager.
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Here, weder ein Gott, vertraue mir, weder ein Mensch auch
Wird uns schaun: denn ein solches Gewölk umhüll‘ ich dir ringsum,
Strahlend von Gold; nie würd‘ uns hindurchspähn Helios selber,
345
Der doch scharf vor allen mit strahlenden Augen umherblickt.
Also Zeus, und umarmte voll Inbrunst seine Gemahlin.
Unten nun sproß die heilige Erd‘ aufgrünende Kräuter,
Lotos mit tauiger Blum‘, und Krokos, samt Hyakinthos,
Dichtgedrängt und weich, die empor vom Boden sie trugen:
350
Hierauf ruheten beid‘, und hüllten sich rings ein Gewölk um,
Schön und strahlend von Gold; und es taueten glänzende Tropfen.
Also schlummerte dort auf Gargaros Höhe der Vater,
Sanft von Schlaf bezwungen und Lieb‘, und umarmte die Gattin.
Eilend lief der erquickende Schlaf zu den Schiffen Achaias,
355
Botschaft anzusagen dem Erderschüttrer Poseidon;
Nahe trat er hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Jetzo mit Ernst, Poseidon, den Danaern Hilfe gewähret!
Ihnen verleih‘ itzt Ruhm, zum wenigsten, weil noch Kronion
Schläft; ich selber umhüllt‘ ihn mit sanft betäubendem Schlummer,
360
Als ihn Here betört zu holder Lieb‘ und Umarmung.
Dieses gesagt, entflog er zu rühmlichen Menschengeschlechtern.
Doch ihn reizt‘ er noch mehr, dem Danaervolke zu helfen.
Schnell in das Vordergetümmel voraus sich stürzend ermahnt‘ er:
Argos‘ Söhn‘, auch jetzo vergönnen wir Sieg dem Hektor,
365
Priamos‘ Sohn, daß er nehme die Schiff, und Ruhm sich gewinne?
Aber er wähnt zwar also, und frohlockt, weil noch Achilleus
Bei den geräumigen Schiffen verweilt mit zürnendem Herzen.
Dennoch vermissen wir sein nicht sonderlich, wenn nur wir andern
Mutiger angestrengt uns verteidigen untereinander!
370
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
Jetzt die gewaltigsten Schild‘ und größesten unseres Heeres
Angelegt und die Häupter in weithinstrahlende Helme
Eingehüllt, in den Händen die mächtigsten Lanzen bewegend,
Wollen wir gehn, ich selber voran; und schwerlich besteht uns
375
Hektor, Priamos‘ Sohn, wie ungestüm er daherstrebt!
Ist wo ein streitbarer Mann, der mit kleinerem Schilde sich decket,
Reich‘ er dem schwächeren Krieger ihn dar, und nehme den größern!
Jener sprach’s; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
Ringsum ordneten diese die Könige selbst, auch verwundet,
380
Tydeus‘ Sohn, und Odysseus, und Atreus‘ Sohn Agamemnon;
Gingen umher, und vertauschten die kriegrischen Waffen der Männer:
Starke bekam der Starke, dem Schwächeren gaben sie schwache.
Aber nachdem sie den Leib mit blendendem Erz sich umhüllet,
Drangen sie vor; sie führte der Erderschüttrer Poseidon,
385
Tragend ein Schwert, entsetzlich und lang, in der nervichten Rechte,
Gleich dem flammenden Blitz, dem niemand wagt zu begegnen
In der vertilgenden Schlacht; auch die Furcht schon hemmet die Krieger.
Trojas Söhn‘ auch stellte der strahlende Hektor in Ordnung.
Siehe mit schrecklicher Wut nun strengten den Kampf der Entscheidung
390
Der schwarzlockige Herrscher des Meers, und der strahlende Hektor,
Dieser dem Troervolk, und der den Danaern helfend.
Hoch aufwogte das Meer an der Danaer Schiff‘ und Gezelte
Brandend empor; und sie rannten mit lautem Geschrei aneinander.
Nicht so donnert die Woge mit Ungestüm an den Felsstrand,
395
Aufgestürmt aus dem Meer vom gewaltigen Hauche des Nordwinds;
Nicht so prasselt das Feuer heran mit sausenden Flammen
Durch ein gekrümmt Bergtal, wann den Forst zu verbrennen es auffuhr;
Nicht der Orkan durchbrauset die hochgewipfelten Eichen
So voll Wut, wann am meisten mit großem Getös‘ er dahertobt:
400
Als dort laut der Troer und Danaer Stimmen erschollen,
Da sie mit grausem Geschrei anwüteten gegeneinander.
Jetzo zielt‘ auf Ajas zuerst der strahlende Hektor,
Als er sich gegen ihn wandt‘, und nicht verfehlt‘ ihn die Lanze:
Dort wo ihm zween Riemen sich breiteten über den Busen,
405
Dieser vom Schild‘, und jener des silbergebuckelten Schwertes,
Traf er; doch beide beschirmten den Leib. Da zürnete Hektor,
Daß sein schnelles Geschoß umsonst aus der Hand ihm entflohn war;
Und in der Freunde Gedräng‘ entzog er sich, meidend das Schicksal.
Aber den Weichenden traf der Telamonier Ajas
410
Schnell mit dem Stein; denn viele, die räumigen Schiffe zu stützen,
Lagen gewälzt vor den Füßen der Kämpfenden: den nun erhebend,
Warf er über dem Schilde die Brust ihm, nahe dem Halse;
Jenen schwang, wie den Kräusel, der Wurf, und er taumelte ringsum;
So wie vor Zeus‘ hochschmetterndem Schlag hinstürzet die Eiche,
415
Wurzellos, und entsetzlich der Dampf des brennenden Schwefels
Ihr entsteigt; mutlos und betäubt steht, welcher es anschaut
Nahe dem Ort; denn furchtbar ist Zeus‘ des Allmächtigen Donner:
Also stürzt‘ in den Staub die Gewalt des göttlichen Hektor.
Schnell entsank die Lanze der Hand, es folgte der Schild nach,
420
Auch der Helm; ihn umklirrte das Erz der prangenden Rüstung.
Laut vor Freud‘ aufjauchzend bestürmten ihn Männer Achaias,
Hoffend ihn wegzuziehn, und schleuderten häufig Speere
Gegen ihn; dennoch traf den Völkerhirten nicht einer,
Weder mit Stoß noch Wurf, denn die Tapfersten nahten umwandelnd,
425
Held Äneias, Polydamas auch, und der edle Agenor,
Auch Sarpedon, der Lykier Fürst, und der treffliche Glaukos;
Auch der anderen keiner versäumt‘ ihn, sondern sie hielten
Wohlgeründete Schild‘ ihm zur Abwehr. Doch ihn erhebend
Trugen die Freund‘ auf den Armen aus Kriegsarbeit zu den Rossen,
430
Welche geflügeltes Hufs ihm hinter dem Kampf und Gefechte
Standen, gehemmt vom Lenker am kunstreich prangenden Wagen;
Diese trugen zur Stadt den schwer aufstöhnenden Krieger.
Als sie nunmehr an die Furt des schönhinwallenden Xanthos
Kamen, des wirbelnden Stroms, den Zeus der Unsterbliche zeugte;
435
Legten sie dort vom Geschirr zur Erd‘ ihn, sprengten dann Wasser
Über ihn her: bald atmet‘ er auf, und blickte gen Himmel;
Hingekniet dann saß er, und spie schwarzschäumendes Blut aus;
Aber zurück nun sank er zur Erd‘ hin, und es umhüllte
Finstere Nacht ihm die Augen; denn noch betäubte der Wurf ihn.
440
Argos‘ Söhn‘, als jetzo sie Hektor sahen hinweggehn,
Drangen gestärkt in der Troer Gewühl, und entbrannten vor Streitlust.
Siehe zuerst traf Ajas, der rasche Sohn des Oileus,
Satnios, ungestüm mit spitziger Lanz‘ ihn ereilend,
Enops Sohn; ihn gebar dem rinderweidenden Enops
445
Eine schöne Najad‘ an Satniois grünenden Ufern:
Diesen traf anrennend der streitbare Sohn des Oileus
Durch die Weiche des Bauchs, daß er taumelte; und ihn umdrängten
Troer zugleich und Achaier, gemischt zu grauser Entscheidung.
Aber der Lanzenschwinger Polydamas kam ihm ein Rächer,
450
Panthoos Sohn, und schoß Prothoënor rechts in die Schulter,
Areïlykos‘ Sohn, daß hindurch der stürmende Wurfspieß
Fuhr; und er sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Hoch frohlockte darob Polydamas, laut ausrufend:
Nicht ist jetzt, wie ich meine, dem mutigen Panthoiden
455
Aus der gewaltigen Hand umsonst entsprungen der Wurfspieß;
Sondern der Danaer einer empfing ihn im Leib‘; und vermutlich
Wird er, gestützt auf den Stab, in Aïdes Wohnung hinabgehn!
Jener sprach’s; und es schmerzte der jauchzende Ruf die Achaier;
Aber dem Ajas schwoll sein mutiges Herz vor Betrübnis,
460
Ihm des Telamons Sohn, dem zunächst hinsank Prothoënor.
Schnell dem Weichenden nach entsandt‘ er die blinkende Lanze.
Zwar Polydamas selber vermied das schwarze Verhängnis,
Schnell zur Seite gewandt; doch Archilochos, Sohn des Antenor,
Fing es auf; ihn weihte der Götter Rat dem Verderben.
465
Diesem flog das Geschoß, wo Haupt und Nacken sich füget,
Oben am Wirbel hinein, und durchschnitt ihm beide die Sehnen;
Daß ihm eher das Haupt und Mund und Nas‘ auf die Erd‘ hin
Taumelten, ehe hinab die Knie‘ und Schenkel ihm sanken.
Laut rief Ajas nunmehr zu Panthoos trefflichem Sohne:
470
Sinne, Polydamas, nach, und sage mir lautere Wahrheit!
War nicht dieser ein Mann, Prothoënors wegen zu fallen,
Würdig genug? Kein Niedrer erscheint er mir, oder von Niedern;
Sondern ein leiblicher Bruder des Rossezähmers Antenor,
Oder ein Sohn; ihm muß an Geschlecht er nahe verwandt sein.
475
Sprach’s, ihn wohl erkennend; doch Schmerz erfüllte die Troer.
Akamas stieß mit dem Speer itzt Promachos hin den Böoten,
Treu den Bruder umwandelnd, da er an den Füßen ihn wegzog.
Hoch frohlockte darob Held Akamas, laut ausrufend:
Argos‘ Volk, Pfeilkühne, der Drohungen ganz unersättlich!
480
Nicht wird wahrlich allein Mühseligkeit stets und Betrübnis
Uns zu teil; euch selber ist so zu fallen geordnet!
Schaut, wie Promachos euch, von meiner Lanze gebändigt,
Ruhig schläft; daß nicht des Bruders schuldige Rache
Lang‘ euch bleib‘ unbezahlt! So wünscht auch ein anderer Mann wohl
485
Einen Freund im Hause, des Streits Abwehrer, zu lassen!
Jener sprach’s; und es schmerzte der jauchzende Ruf die Achaier.
Aber Peneleos schwoll sein mutiges Herz vor Betrübnis.
Wild auf Akamas sprang er; doch nicht zu bestehen vermochte
Jener des Königes Sturm; und Ilioneus streckt‘ er danieder,
490
Phorbas‘ Sohn, des herdebegüterten, welchen Hermeias
Hoch im Volk der Troer geliebt, und mit Habe gesegnet;
Doch ihm hatte sein Weib den Ilioneus einzig geboren:
Unter der Brau‘ ihm stach er die unterste Wurzel des Auges,
Daß ihm der Stern ausfloß, und der Speer durchs Auge gebohret,
495
Hinten den Schädel zerbrach; und er saß ausbreitend die Hände
Beide. Peneleos drauf, das geschliffene Schwert sich entreißend,
Schwang es gerad‘ auf den Nacken, und schmetterte nieder zur Erde
Samt dem Helme das Haupt; noch war die gewaltige Lanze
Ihm durchs Auge gebohrt; dann hub er es, ähnlich dem Mohnhaupt,
500
Zeigt‘ es dem Troervolk, und sprach mit jauchzender Stimme:
Meldet mir dies, ihr Troer, Ilioneus‘ Vater und Mutter,
Daß sie den glänzenden Sohn daheim im Palaste betrauern!
Denn auch nicht des Promachos Weib, des Sohns Alegenors,
Heißt den trauten Gemahl willkommen hinfort, wann aus Troja
505
Heim wir kehren in Schiffen, wir blühenden Männer Achaias!
Jener sprach’s; und rings nun faßte sie bleiches Entsetzen;
Jeglicher schaut‘ umher, zu entfliehn dem grausen Verderben.
Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend,
Wer der Achaier zuerst des Erschlagenen blutige Rüstung
510
Raubte, nachdem gewendet die Schlacht der gewaltige Meergott.
Ajas, Telamons Sohn, stieß erst den Hyrtios nieder,
Gyrtias‘ Sohn, den Ordner der trotzigen Myserscharen;
Drauf Antilochos nahm des Mermeros Wehr, und des Phalkes;
Aber Meriones warf den Hippotion nieder und Morys;
515
Teukros darauf entraffte den Prothoon und Periphetes;
Atreus‘ Sohn auch stach dem Hirten des Volks Hyperenor
Tief in die Weiche des Bauchs, und die Eingeweide durchdrang ihm
Schneidend das Erz; daß die Seel‘ aus der gaffenden Todeswunde
Schleunig entfloh, und die Augen ihm nächtliches Dunkel umhüllte.
520
Doch schlug Ajas die meisten, der rasche Sohn des Oileus;
Denn ihm gleich war keiner, im fliegenden Lauf zu verfolgen
Zitternder Männer Gewühl, sobald Zeus Schrecken erregte.

Dreizehnter Gesang

Dreizehnter Gesang

Kampf um die Schiffe. Poseidon, von Zeus unbemerkt, kommt die Achaier zu ermuntern. Dem Hektor am erstürmte Tore des Menestheus widerstehn vorzüglich die Ajas. Zur Linken kämpfen am tapferste Idomeneus und Meriones wider Äneias, Paris und andere. Auf Polydamas Rat beruft Hektor die Fürsten, daß man vereint kämpfe, oder
zurückziehe. Verstärkter Angriff.

Zeus, nachdem er die Troer und Hektor bracht‘ an die Schiffe,
Ließ sie nunmehr bei jenen in Arbeit ringen und Elend,
Rastlos fort; dann wandt‘ er zurück die strahlenden Augen,
Seitwärts hinab auf das Land gaultummelnder Thrakier schauend,
5
Auch nahkämpfender Myser, und trefflicher Hippomolgen,
Dürftig, von Milch genährt, der gerechtesten Erdebewohner.
Doch auf Troja wandt‘ er nicht mehr die strahlenden Augen;
Denn nicht hofft‘ er im Geist, der Unsterblichen würde noch einer
Kommen, um Trojas Volk zu verteidigen, oder Achaias.
10
Aber nicht achtlos lauschte der Erderschüttrer Poseidon.
Denn er saß, anstaunend die Schlacht und das Waffengetümmel,
Hoch auf dem obersten Gipfel der grünumwaldeten Samos
Thrakiens: dort erschien mit allen Höhn ihm der Ida,
Auch erschien ihm Priamos Stadt, und der Danaer Schiffe.
15
Dorthin entstieg er dem Meer, und sahe mit Gram die Achaier
Fallen vor Trojas Macht, und ergrimmte vor Zorn dem Kronion.
Plötzlich stieg er herab von dem zackigen Felsengebirge,
Wandelnd mit hurtigem Gang; und es bebten die Höhn und die Wälder
Weit den unsterblichen Füßen des wandelnden Poseidaon.
20
Dreimal erhob er den Schritt; und das vierte Mal stand er am Ziele,
Ägä: dort wo ein stolzer Palast in den Tiefen des Sundes
Golden und schimmerreich ihm erbaut ward, stets unvergänglich.
Dorthin gelangt nun schirrt‘ er ins Joch erzhufige Rosse,
Stürmendes Flugs, umwallt von goldener Mähne die Schultern;
25
Selbst dann hüllt‘ er in Gold sich den Leib, und faßte die Geißel,
Schön aus Golde gewirkt, und trat in den Sessel des Wagens,
Lenkte dann über die Flut: die Ungeheuer des Abgrunds
Hüpften umher aus den Klüften, den mächtigen Herrscher erkennend,
Freudig ihm trennte des Meers Gewoge sich; und wie geflügelt
30
Eilten sie, ohne daß unten die eherne Achse genetzt ward;
Hin zu Achaias Schiffen enttrugen im Sprung ihn die Rosse.
Eine geräumige Grott‘ ist tief in den Schlünden des Sundes,
Zwischen Tenedos‘ Höhn und der rauhumstarreten Imbros:
Dorthin stellte die Rosse der Erderschüttrer Poseidon,
35
Abgespannt vom Geschirr, und reicht‘ ambrosische Nahrung
Ihnen zur Speis‘; und die Füß‘ umschlang er mit goldenen Fesseln,
Unzerbrechlich, unlösbar, daß fest auf der Stelle sie harrten,
Bis ihr Herrscher gekehrt; dann ging er ins Heer der Achaier.
Doch die Troer gedrängt, denn Orkan gleich, oder dem Feuer,
40
Folgeten Priamos‘ Sohn‘ unersättlicher Gier in den Kampf hin,
Brausendes, wüstes Geschreis; denn der Danaer Schiffe zu nehmen
Hofften sie, und um die Schiffe die Danaer alle zu morden.
Aber der Erderschüttrer, der Landumstürmer Poseidon,
Reizte den Mut der Argeier, des Meers Abgründen entstiegen,
45
Ähnlich ganz dem Kalchas an Wuchs und gewaltiger Stimme.
Erst zu den Ajas begann er, die selbst schon glühten vor Kampflust:
Ihr, o Ajas, vermögt der Danaer Volk zu erretten,
Wenn ihr der Stärke gedenkt, und nicht des starrenden Schreckens.
Denn sonst fürcht‘ ich sie nicht, die unnahbaren Hände der Troer,
50
Welche mit Heereskraft die türmende Mauer erstiegen;
Allen schon begegnen die hellumschienten Achaier.
Hier nur sorg‘ ich am meisten und fürchte mich, was uns betreffe,
Wo der Rasende dort, wie ein brennendes Feuer, voranherrscht,
Hektor, der sich entsprossen von Zeus dem Allmächtigen rühmet!
55
Gäbe doch euch in die Seel‘ ein Unsterblicher diesen Gedanken,
Selbst entgegen zu stehn mit Gewalt, und andre zu reizen!
Traun, wie eifrig er strebt, hinweg von den Schiffen Achaias
Drängtet ihr ihn, wenn gleich der Olympier selbst ihn erwecket!
Sprach’s, und rührte sofort, der umufernde Ländererschüttrer,
60
Beide mit mächtigem Stab‘, und erfüllte sie tapferes Mutes;
Leicht auch schuf er die Glieder, die Füß‘ und die Arme von oben.
Aber er selbst, wie ein Habicht in hurtigem Flug sich emporschwingt,
Der, von des Felsengebirgs hochschwindelnder Jähe gehoben,
Rasch hinfährt in die Tale, den anderen Vogel verfolgend:
65
Also schwang sich von jenen der Erderschüttrer Poseidon.
Erst von beiden erkannt‘ es der schnelle Sohn des Oïleus,
Und zu Ajas sogleich, dem Telamoniden, begann er:
Ajas, dieweil ein Unsterblicher uns, von den Höhn des Olympos,
Gleich an Gestalt dem Seher, gebeut bei den Schiffen zu kämpfen:
70
Denn nicht Kalchas war es, der deutende Vogelschauer;
Wohl ja bemerkt‘ ich von hinten der Füße Gang und der Schenkel,
Als er hinweg sich wandte; denn leicht zu erkennen sind Götter:
Jetzo verlangt mir selber der Mut im innersten Herzen,
Stürmischer aufgeregt, zu kämpfen den Kampf der Entscheidung;
75
Und mir streben von unten die Füß‘, und die Hände von oben.
Ihm antwortete drauf der Telamonier Ajas:
So nun streben auch mir um den Speer die unnahbaren Hände
Ungestüm, und es hebt sich die Seele mir; unten die Füß‘ auch
Fliegen mir beide von selbst, und Sehnsucht fühl‘ ich, auch einzeln,
80
Hektor, Priamos‘ Sohn, den Stürmer der Schlacht, zu bekämpfen!
Also redeten jen‘ im Wechselgespräch miteinander,
Freudig der Kampfbegier, die der Gott in den Herzen entflammet.
Hinten indes erregte die Danaer Poseidaon,
Die bei den rüstigen Schiffen das Herz sich ein wenig erlabten:
85
Welchen zugleich vom entsetzlichen Kampf hinsanken die Glieder,
Und auch Gram die Seele belastete, weil sie die Troer
Sahn, die mit Heereskraft die türmende Mauer erstiegen:
Diese dort anschauend, entstürzten sie Tränen den Wimpern,
Hoffnungslos zu entfliehn den Schrecknissen. Aber Poseidon
90
Kräftigte leicht durchwandelnd den Mut der starken Geschwader.
Siehe zu Teukros zuerst und Leïtos trat er ermahnend,
Auch zu Peneleos hin, zu Deïpyros auch, und zu Thoas,
Dann zu Meriones auch, und Antilochos, Helden des Kampfes;
Diese reizte der Gott, und sprach die geflügelten Worte:
95
Schande doch, Argos‘ Söhn‘, ihr Jünglinge! Euch ja vertraut‘ ich,
Daß ihr mit tapferem Arm errettetet unsere Schiffe!
Aber wo ihr der Gefahr euch entzieht des verderblichen Kampfes,
Dann ist erschienen der Tag, da der Troer Gewalt uns bezwinget!
Weh mir! ein großes Wunder erblick‘ ich dort mit den Augen,
100
Graunvoll, welches ich nimmer auch nur für möglich geachtet:
Troer an unseren Schiffen so nahe nun! welche vordem ja
Gleich den Hindinnen waren, den flüchtigen, die in den Wäldern
Beute sind für Schakal‘ und reißende Pardel und Wölfe,
So in die Irre gescheucht, wehrlos, nicht freudig zum Angriff:
105
Also wollten die Troer den Mut und die Kraft der Achaier
Nimmer vordem ausharren mit Abwehr, auch nur ein wenig.
Nun ist ferne der Stadt bei den räumigen Schiffen ihr Schlachtfeld,
Durch des Gebieters Vergehn, und Lässigkeiten der Völker,
Welche, von jenem gekränkt, nicht kühn zu verteidigen streben
110
Unsre gebogenen Schiffe, vielmehr hinbluten bei ihnen.
Aber wird er auch wahrlich mit völligem Rechte beschuldigt,
Atreus‘ Heldensohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Weil er schmählich entehrt den mutigen Renner Achilleus;
Doch nicht uns geziemt es, so abzustehn vom Gefechte!
115
Auf denn, und laßt euch heilen; der Edelen Herzen sind heilbar.
Nimmer euch selbst zur Ehre vergeßt ihr des stürmenden Mutes,
Ihr die Tapfersten alle der Danaer! Schwerlich ja würd‘ ich
Gegen den Mann mich ereifern, der wo dem Gefecht sich entzöge,
Feig‘ und schwach; euch aber verarg‘ ich es wahrlich von Herzen!
120
Trauteste Freund‘, ach bald noch größeres Wehe verschafft ihr
Durch nachlässigen Sinn! Wohlauf, und gedenket im Herzen
Alle der Scham und der Schand‘! Ein gewaltiger Kampf ja erhub sich!
Hektor stürmt um die Schiffe, der Rufer im Streit, uns bekämpfend,
Fürchterlich, und durchbrach sich das Tor und den mächtigen Riegel!
125
Also rief und erregte die Danaer Poseidaon.
Sich um die Ajas beide gestellt nun gingen Geschwader,
Tapfere, die selbst Ares untadelig hätte gefunden,
Auch Athenäa selbst, die Zerstreuerin. Denn der Achaier
Edelste harrten der Troer gefaßt, und des göttlichen Hektors:
130
Lanz‘ an Lanz‘ eindrängend, und Schild mit Schild aufeinander,
Tartsch‘ an Tartsche gelehnt, an Helm Helm, Krieger an Krieger;
Und die umflatterten Helme der Nickenden rührten geengt sich
Mit hellschimmernden Zacken: so dichtvereint war die Heerschar;
Aber die Speer‘, unruhig in mutigen Händen beweget,
135
Zitterten; grad‘ anstrebten sie all‘, und entbrannten von Kampfgier.
Vor auch drangen die Troer mit Heerskraft; aber voranging
Hektor in rascher Begier: wie ein schmetternder Stein von dem Felsen,
Welchen herab vom Geklipp fortreißt die ergossene Herbstflut,
Brechend mit stürmischem Regen das Band des entsetzlichen Felsens;
140
Hochher tobt er in hüpfendem Sprung, und zerschmetterte Waldung
Kracht; doch stets unaufhaltsam enttaumelt er, bis er erreichet
Ebenen Grund; dann rollt er nicht mehr, wie gewaltig er andrang:
Also droht‘ auch Hektor zuerst, bis zum Ufer des Meeres
Leicht hindurchzudringen der Danaer Schiff‘ und Gezelte,
145
Mordend; allein da nunmehr die geschlossenen Reihen er antraf,
Stand er, wie nah‘ er gestrebt. Die begegnenden Männer Achaias,
Zuckend daher die Schwerter und zwiefachschneidenden Lanzen,
Drängten ihn mutig zurück; und er wich voll jäher Bestürzung.
Laut nun scholl sein durchdringender Ruf in die Scharen der Troer:
150
Troer, und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe,
Haltet euch! Traun nicht lange bestehn vor mir die Achaier,
Nahen sie gleich miteinander in Heerschar wohlgeordnet;
Sondern bald vor dem Speer entweichen sie, wo mich in Wahrheit
Trieb der erhabenste Gott, der donnernde Gatte der Here!
155
Jener sprach’s, und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
Aber Deïphobos ging voll trotzendes Muts in der Heerschar,
Priamos‘ Sohn, und trug den gleichgeründeten Schild vor,
Leise bewegend den Schritt, und unter dem Schild anwandelnd.
Doch Meriones zielte mit blinkender Lanz‘ ihm entgegen,
160
Schoß, und verfehlete nicht des gewaltigen Schildes von Stierhaut
Runden Kreis: nicht jenen durchbohret‘ er, sondern zuvor ihm
Brach an der Öse der ragende Schaft; Deïphobos aber
Hielt den gewaltigen Schild vom Leibe sich, weil er im Herzen
Scheute Meriones‘ Speer, des feurigen Helden; doch jener,
165
Schnell in der Freunde Gedräng‘ entzog er sich, heftig erbittert,
Beides zugleich, um den Sieg, und den Wurfspieß, welcher ihm abbrach;
Und er enteilt‘ an den Zelten hinab und den Schiffen Achaias,
Holend den mächtigen Speer, der daheim ihm blieb im Gezelte.
Aber die anderen kämpften, und graunvoll brüllte der Schlachtruf.
170
Teukros der Telamonid‘ erschlug den tapferen Kämpfer
Imbrios, Mentors Sohn, des rossebegüterten Herrschers.
Jener wohnt‘ in Pedäos, bevor die Achaier gekommen,
Priamos‘ Nebentochter vermählt, die Medesikaste.
Aber nachdem die Achaier in Ruderschiffen gelandet,
175
Kam er gen Ilios wieder, und ragete hoch vor den Troern;
Auch bei Priamos wohnt‘ er, der gleich ihn ehrte den Söhnen.
Ihn traf Telamons Sohn jetzt unter dem Ohr mit der Lanze
Stoß, und entriß ihm den Schaft; da taumelt‘ er hin, wie die Esche,
Welche hoch auf dein Gipfel des weitgesehenen Berges
180
Abgehaun mit dem Erz ihr zartes Gezweig‘ hinabstreckt:
So sank jener, umklirrt von dem Erz der prangenden Rüstung.
Teukros lief nun hinan, in Begier das Geschmeid‘ ihm zu rauben;
Aber im Lauf warf Hektor die blinkende Lanz‘ ihm entgegen.
Zwar er selbst vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
185
Kaum; doch Amphimachos, Kteatos‘ Sohn, des Aktorionen,
Als er sich nahte zum Kampf, flog stürmend der Speer in den Busen;
Dumpf hinkracht‘ er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Hektor lief nun hinan, den Helm, der den Schläfen sich anschloß,
Abzuziehn von Amphimachos‘ Haupt, des erhabenen Kämpfers;
190
Aber im Lauf warf Ajas die blinkende Lanz‘ ihm entgegen.
Hektors Leib zwar rührte sie nicht; denn er starrete ringsher
Schrecklich in strahlendem Erz; doch den Schild auf den Nabel ihm traf er
Schmetternd, und stieß mit großer Gewalt, daß er eilend zurückwich
Von den erschlagenen Zween: die zogen hinweg die Achaier.
195
Ihn den Amphimachos trugen Athens streitkundige Fürsten,
Stichios samt Menestheus, hinab in das Heer der Achaier;
Imbrios aber die Ajas, entbrannt von stürmendem Mute.
Wie zween Löwen die Geiß, der Gewalt scharfzahniger Hunde
Weggerafft, forttragen durch dichtverwachsne Gesträuche,
200
Hoch empor von der Erd‘ im blutigen Rachen sie haltend:
So nun empor ihn haltend, die zween geharnischten Ajas,
Raubten sie dort das Geschmeid‘; und das Haupt vom zarten Genick ihm
Hieb des Oïleus‘ Sohn, um Amphimachos heftig erbittert,
Schwang es dann wie die Kugel umhergedreht ins Getümmel;
205
Und vor Hektors Füße dahin entrollt‘ es im Staube.
Siehe von Zorn entbrannte der Meerbeherrscher Poseidon,
Als sein Enkel ihm sank in schreckenvoller Entscheidung;
Und er enteilt‘ an den Zelten hinab und den Schiffen Achaias,
Trieb die Achaier zum Kampf, und bereitete Jammer den Troern.
210
Ihm begegnete jetzt Idomeneus, kundig der Lanze,
Wiedergekehrt vom Genossen, der jüngst ihm aus dem Gefechte
Kam, an der Beugung des Knies mit scharfem Erze verwundet.
Diesen brachten die Freund‘, und er befahl ihn den Ärzten,
Eilete dann zum Gezelte; denn noch in das Treffen verlangt‘ er
215
Einzugehn. Ihm nahend begann der starke Poseidon,
Gleich an tönender Stimm’Andrämons Sohne dem Thoas,
Der durch Pleuron umher und Kalydons bergige Felder
Allen Ätolern gebot, wie ein Gott im Volke geehret:
Wo ist, Kretas Beherrscher Idomeneus, alle die Drohung
220
Hingeflohn, die den Troern Achaias Söhne gedrohet?
Aber Idomeneus sprach, der Kreter Fürst, ihm erwidernd:
Thoas, keiner im Volk ist jetzo schuldig, so weit ich
Sehen kann; denn alle verstehn wir den Feind zu bekämpfen:
Keinen fesselt die Furcht, die entseelende; keiner, von Trägheit
225
Laß, entzieht des Kampfes Gefahren sich: sondern es wird wohl
Also beschlossen sein vom allmächtigen Sohne des Kronos,
Daß hier ruhmlos sterben von Argos fern die Achaier.
Thoas, wohlan! du warst ja vordem ausharrendes Mutes,
Und ermahnst auch andre, wo jemand säumen du sahest;
230
Drum laß jetzo nicht ab, und ermuntere jeglichen Streiter!
Ihm antwortete drauf der Erderschüttrer Poseidon:
Nimmer kehre der Mann, Idomeneus, nimmer von Troja
Wieder heim, hier werd‘ er zerfleischenden Hunden ein Labsal,
Welcher an diesem Tage den Kampf freiwillig vermeidet!
235
Aber wohlan zu den Waffen, und folge mir! Beiden gebührt nun
Tätig zu sein, ob wir Hilfe vielleicht noch schaffen, auch zween nur.
Wirkt doch vereinigte Kraft auch selbst von schwächeren Männern;
Und wir sind ja kundig mit Tapferen selber zu kämpfen.
Dieses gesagt, enteilte der Gott in der Männer Getümmel.
240
Aber der Held, nachdem sein schönes Gezelt er erreichet,
Hüllt in stattliche Waffen den Leib, und faßte zwo Lanzen,
Eilte dann, ähnlich dem Blitze des Donnerers, welchen Kronion
Hoch mit der Hand herschwang vom glanzerhellten Olympos,
Sterblichen Menschen zum Zeichen; er strahlt mit blendendem Glanze:
245
Also blitzte das Erz um die Brust des eilenden Königs.
Aber Meriones kam, sein edler Genoß, ihm entgegen,
Nah‘ annoch dem Gezelt; denn die eherne Lanze sich holend
Lief er hinab; ihm ruft‘ Idomeneus‘ heilige Stärke:
Molos‘ rüstiger Sohn Meriones, liebster der Freunde,
250
Warum kamst du verlassend Gefecht und Waffengetümmel?
Traf dich vielleicht ein Geschoß, und quält dich die Wunde des Erzes?
Oder suchest du mich mit Botschaft? Selber gewiß nicht
Auszuruhn im Gezelte verlangst mich, sondern zu kämpfen!
Und der verständige Held Meriones sagte dagegen:
255
Idomeneus, Fürst der erzgepanzerten Kreter,
Sieh ich komm‘, ob dir etwa ein Speer im Gezelte zurückblieb,
Ihn mir holend zum Kampf, denn, den ich hatte, zerbrach ich,
Treffend Deïphobos Schild, des übergewaltigen Kriegers.
Aber Idomeneus sprach, der Kreter Fürst, ihm erwidernd:
260
Suchst du Speere, mein Freund, so findest du einen, ja zwanzig,
Dort in meinem Gezelt an schimmernde Wände gelehnet,
Troische, die von Erschlagnen ich beutete. Denn ich bekenne,
Niemals ferne zu stehn im Kampf mit feindlichen Männern.
Darum hab‘ ich der Speere genug, und genabelter Schilde,
265
Auch der Helm‘, und der Panzer, umstrahlt von freudigem Schimmer.
Und der verständige Held Meriones sagte dagegen:
Mir auch fehlt’s bei meinem Gezelt und dunkelen Schiffe
Nicht an Raub der Troer; doch fern ist’s dessen zu holen.
Denn noch nie, wie ich meine, vergaß ich selber des Mutes;
270
Sondern vorn in den Reihen der männerehrenden Feldschlacht
Steh‘ ich, sobald anhebt der blutige Kampf der Entscheidung.
Manchem anderen wohl der erzumschirmten Achaier
Bleib‘ ich verborgen im Streit; allein du kennst mich vermutlich.
Aber Idomeneus sprach, der Kreter Fürst, ihm erwidernd:
275
Deine Tapferkeit kenn‘ ich; was brauchest du dieses zu sagen?
Würden anjetzt bei den Schiffen zum Hinterhalte wir Tapfern
Ausersehn, wo am meisten erkannt wird Tugend der Männer,
Wo der furchtsame Mann, wie der mutige, deutlich hervorscheint:
(Denn dem Zagenden wandelt die Farbe sich, immer verändert;
280
Auch nicht ruhig zu sitzen vergönnt sein wankender Geist ihm,
Sondern er hockt unstet, auf wechselnden Knieen sich stützend;
Und ihm schlägt das Herz voll Ungestüms in dem Busen,
Ahnend des Todes Graun, und dem Schaudernden klappen die Zähne:
Doch nie wandelt dem Tapfern die Farbe sich, nie auch erfüllt ihn
285
Große Furcht, wann er einmal zum Hinterhalt sich gelagert;
Sondern er wünscht, nur bald den schrecklichen Kampf zu bestehen:)
Keiner möchte sodann dein Herz und die Arme dir tadeln!
Wenn auch fliegendes Erz dich verwundete, oder gezucktes;
Doch nicht träf‘ in den Nacken Geschoß dir, noch in den Rücken,
290
Sondern der Brust entweder begegnet‘ es, oder dem Bauche,
Weil du gerad‘ anstürmtest im Vordergewühl der Entschloßnen.
Aber laß nicht länger uns hier, gleich albernen Kindern,
Schwatzend stehn, daß keiner in zürnendem Herzen ereifre,
Sondern du geh ins Gezelt, und nimm dir die mächtige Lanze.
295
Jener sprach’s; und Meriones, gleich dem stürmenden Ares,
Holete schnell aus dem Zelte hervor die eherne Lanze,
Folgt‘ Idomeneus dann, voll heftiger Gier des Gefechtes.
Wie wenn Ares zum Kampf hingeht, der Menschenvertilger,
Und ihm der Schrecken, sein Sohn, an Kraft und an Mut unerschüttert,
300
Nachfolgt, welcher verscheucht auch den kühnausharrenden Krieger;
Beid‘ aus Thrakia her zu den Ephyrern gehn sie gewappnet,
Oder zum mutigen Volke der Phlegyer; aber zugleich nicht
Hören sie beider Gebet, ein Volk nur krönet der Siegsruhm:
So Meriones dort und Idomeneus, Fürsten des Heeres,
305
Gingen sie beid‘ in die Schlacht, mit strahlendem Erze gewappnet.
Aber zum Könige sprach Meriones, also beginnend:
Deukalione, wo denkst du hineinzugehn ins Getümmel?
Dort zur rechten Seite der Heerschar, dort in die Mitte,
Oder auch dort zur Linken? Denn nirgends scheinen mir etwa
310
Dürftig des Kampfes zu sein die hauptumlockten Achaier.
Aber Idomeneus sprach, der Kreter Fürst, ihm erwidernd:
Mitten sind schon andre Verteidiger unseren Schiffen,
Ajas beid‘, und Teukros, der fertigste Bogenschütze
Unter dem Volk, auch tapfer im stehenden Kampf der Entscheidung:
315
Welche genug ihn hemmen, wie kühn zum Gefecht er dahertobt,
Hektor, Priamos‘ Sohn, und ob er der Tapferste wäre!
Schwer wird’s wahrlich ihm sein, dem rasenden Stürmer der Feldschlacht,
Jener Heldenmut und unnahbare Hände besiegend,
Anzuzünden die Schiffe; wofern nicht selber Kronion
320
Einen lodernden Brand in die rüstigen Schiffe hineinwirft.
Aber ein Mann scheucht nimmer den Telamonier Ajas,
Keiner, der sterblich ist, und Frucht der Demeter genießet,
Auch durchdringlich dem Erz, und gewaltigen Steinen des Feldes.
Selbst vor Achilleus nicht, dem Zerschmetterer, möcht‘ er weichen,
325
Im stillstehenden Kampf, denn im Lauf wetteifert ihm niemand.
Dort denn eil‘ uns zur Linken der Heerschar, daß wir in Eile
Sehn, ob wir anderer Ruhm verherrlichen, oder den unsern!
Jener sprach’s; und Meriones, gleich dem stürmenden Ares,
Eilte voran, bis sie kamen zur Heerschar, wo er ihn hintrieb.
330
Doch wie die Feind‘ Idomeneus sahn, dem Feuer an Kraft gleich,
Ihn und seinen Genossen in prangendem Waffengeschmeide;
Riefen sie laut einander, und wandelten gegen ihn alle.
Eins nun ward das Getümmel der Schlacht um die ragenden Steuer.
Wie mit dem Wehn lautbrausender Wind‘ Unwetter daherziehn,
335
Jenes Tags, wann häufig der Staub die Wege bedecket;
Und sich alsbald aufwölkt‘ ein finsterer Nebel des Staubes:
So nun stürmte zusammen die Schlacht; denn sie sehnten sich herzlich,
Durch das Gewühl einander mit spitzigem Erze zu morden.
Weithin starrte die würgende Schlacht von erhobenen Lanzen,
340
Lang emporgestreckten, zerfleischenden; blendend dem Auge
Schien der eherne Glanz von sonnenspiegelnden Helmen,
Neugeglättetem Panzergeschmeid‘, und leuchtenden Schilden,
Als sie sich nahten zum Kampf. Der müßt‘ ein entschlossener Mann sein,
Welcher sich freute zu schaun den Tumult dort, und nicht verzagte!
345
Jene, gesondertes Sinns, die mächtigen Söhne des Kronos,
Sannen dem Heldengeschlecht unnennbares Weh zu bereiten.
Zeus beschied den Troern den Sieg und dem göttlichen Hektor,
Peleus rüstigen Sohn zu verherrlichen; aber nicht gänzlich
Wollt‘ er Achaias Söhne vor Ilios lassen verderben,
350
Ruhm nur schafft‘ er der Thetis und ihrem erhabenen Sohne.
Doch die Argeier durchging und ermunterte Poseidaon,
Heimlich enttaucht dem greulichen Meer; denn er sahe mit Gram sie
Fallen vor Trojas Macht, und ergrimmte vor Zorn dem Kronion
Beide zwar entsprossen aus gleichem Stamm und Geschlechte;
355
Aber Zeus war eher gezeugt, und höherer Weisheit.
Drum auch scheute sich jener sie offenbar zu beschirmen;
Heimlich stets ermahnt‘ er die Ordnungen, menschlich gebildet.
Siehe, des schrecklichen Streits und allverheerenden Krieges
Fallstrick zogen sie beid‘, und warfen es über die Völker,
360
Unzerbrechlich, unlösbar, das viel‘ in Verderben hinabriß.
Jetzo, wiewohl halbgrauendes Haupts, die Achaier ermunternd,
Stürmt‘ Idomeneus ein, und trieb die erschrockenen Troer.
Denn er erschlug den edlen Othryoneus, der von Kabesos
Neulich dahergekommen zum großen Rufe des Krieges.
365
Dieser warb um Kassandra, die schönste von Priamos‘ Töchtern,
Ohne Geschenk, und verhieß ein großes Werk zu vollenden,
Weg aus Troja zu drängen die trotzenden Männer Achaias.
Priamos aber der Greis gelobete winkend die Tochter
Ihm zur Eh‘: und er kämpfte, des Königes Worte vertrauend.
370
Doch Idomeneus zielte mit blinkender Lanz‘ ihm entgegen,
Schoß, wie er hoch herwandelt‘, und traf, nichts half ihm der Panzer,
Schwer von Erz, den er trug; sie drang in die Mitte des Bauches;
Dumpf hinkracht‘ er im Fall; da rief frohlockend der Sieger:
Traun dich preis‘ ich, Othryoneus, hoch vor den Sterblichen allen,
375
Wenn du gewiß das alles hinausführst, was du verheißen
Priamos, Dardanos‘ Sohne, der dir die Tochter gelobet.
Wir auch hätten dir gern ein gleiches gelobt und vollendet:
Siehe, die schönste Tochter des Atreionen gewännst du,
Her aus Argos geführt, zum Weibe dir; wenn du uns hilfest,
380
Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser.
Folge mir, dort bei den Schiffen der Danaer reden wir weiter
Über die Eh‘; wir sind nicht karg ausstattende Schwäher.
Also sprach der Held Idomeneus, zog dann am Fuß ihn
Durch das Getümmel der Schlacht. Doch Asios kam ihm ein Rächer,
385
Vor dem Gespann herwandelnd, das nah‘ ihm stets an den Schultern
Schnob, vom Wagengenossen gelenkt; und er sehnte sich herzlich,
Wie er Idomeneus träfe: doch schnell warf jener den Speer ihm
Unter dem Kinn in die Gurgel, daß hinten das Erz ihm hervordrang;
Und er entsank, wie die Eiche dahinsinkt, oder die Pappel,
390
Oder die stattliche Tanne, die hoch auf Bergen die Künstler
Ab mit geschliffenen Äxten gehaun, zum Balken des Schiffes:
Also lag er gestreckt vor dem rossebespannten Wagen,
Knirschend vor Angst, mit den Händen des blutigen Staubes ergreifend.
Aber dem starrenden Lenker entsank jedwede Besinnung;
395
Nicht einmal vermocht‘ er, die feindlichen Hände vermeidend,
Umzudrehn das Gespann: doch Antilochos, freudig zur Feldschlacht,
Traf ihn scharf mit durchbohrendem Speer; nichts half ihm der Panzer,
Schwer von Erz, den er trug; er drang in die Mitte des Bauches;
Und er entsank aufröchelnd dem schöngebildeten Sessel.
400
Aber der Nestorid‘ Antilochos lenkte die Rosse
Schnell aus der Troer Gewühl zu den hellumschienten Achaiern.
Siehe, Deïphobos kam dem Idomeneus nahe gewandelt,
Traurend um Asios Fall, und warf die blinkende Lanze.
Zwar er selbst vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
405
Kretas Fürst, und barg sich mit gleichgeründetem Schilde,
Welchen er trug, aus Häuten der Stier‘ und blendendem Erze
Starkgewölbt, inwendig mit zwo Querstangen befestigt:
Unter ihn schmiegt‘ er sich ganz, daß der Wurfspieß über ihn hinflog,
Und mit heiserm Getöne der Schild von der streifenden Lanze
410
Scholl; doch nicht vergebens entflog sie der nervichten Rechte,
Sondern Hippasos‘ Sohne, dem Völkerhirten Hypsenor,
Fuhr in die Leber das Erz, und löst‘ ihm die strebenden Kniee.
Aber Deïphobos rief mit hoch frohlockender Stimme:
Nicht fürwahr ungerächt liegt Asios; sondern ich meine,
415
Wandelnd zu Aïs Burg mit starkverriegelten Toren,
Wird er sich freun im Geist; denn ich gab ihm einen Begleiter.
Jener sprach’s; und es schmerzte der jauchzende Ruf die Achaier;
Aber Antilochos schwoll sein mutiges Herz vor Betrübnis.
Doch nicht, wie er auch traurte, vergaß er seines Genossen,
420
Sondern umging ihn in Eile, mit großem Schild ihn bedeckend.
Schnell darin bückten sich her zween auserwählte Genossen,
Echios‘ Sohn Mekistheus zugleich, und der edle Alastor,
Die zu den räumigen Schiffen den schwer Aufstöhnenden trugen.
Rastlos tobte voll Mutes Idomeneus; immer noch strebt‘ er,
425
Ob er einen der Troer mit Nacht des Todes umhüllte,
Ob er auch selbst hinkrachte, das Weh der Achaier entfernend.
Siehe, den mutigen Held Alkathoos, welchen der Herrscher
Äsyetes erzeugt: ein Eidam war er Anchises,
Seiner ältesten Tochter vermählt, der Hippodameia,
430
Die von Herzen der Vater daheim und die zärtliche Mutter
Liebeten; weil sie vor allen zugleich aufblühenden Jungfraun
Glänzt‘ an Schönheit und Kunst und Tugenden; darum erkor sie
Auch der edelste Mann im weiten Lande der Troer:
Diesen bezwang durch Idomeneus jetzt der Herrscher Poseidon,
435
Täuschend den hellen Blick, und die stattlichen Glieder ihm hemmend.
Denn nicht rückwärts konnt‘ er hinwegfliehn, oder auch seitwärts;
Sondern gleich der Säul‘, und dem hochgewipfelten Baume,
Stand er ganz unbewegt; da stieß ihm Idomeneus kraftvoll
Seinen Speer in die Brust, und zerschmetterte rings ihm den Panzer,
440
Welcher von Erz geflochten ihn sonst vor dem Tode geschirmet;
Doch rauh tönt‘ er nunmehr; um die mächtige Lanze zerberstend.
Dumpf hinkracht‘ er im Fall‘, und es steckte die Lanz‘ in dem Herzen,
Daß von dem pochenden Schlage zugleich der Schaft an dem Speere
Zitterte; doch bald ruhte die Kraft des mordenden Erzes.
445
Aber Idomeneus rief mit hoch frohlockender Stimme:
Scheint sie dir billig zu sein, Deïphobos, unsere Rechnung,
Drei für einen erlegt? Denn umsonst nur hast du geprahlet,
Törichter! Aber wohlan, und stelle dich selber mir entgegen,
Daß du erkennst, welch einer von Zeus‘ Geschlecht ich hieherkam!
450
Dieser zeugete Minos zuerst, den Hüter von Kreta;
Minos darauf erzeugte Deukalions heilige Stärke;
Aber Deukalion mich, der unzähligen Menschen gebietet
Weit in Kretas Gefild‘; allein jetzt segelt‘ ich hieher,
Dir und dem Vater zum Weh‘ und anderen Söhnen von Troja!
455
Jener sprach’s; da erwog Deïphobos wankendes Sinnes:
Ob er sich einen gesellte der edelmütigen Troer,
Rückwärts wieder gewandt; ob allein er wagte den Zweikampf.
Dieser Gedank‘ erschien dem Zweifelnden endlich der beste,
Hinzugehn zu Äneias. Er fand ihn hinter der Heerschar
460
Stehend; denn immerdar dem göttlichen Priamos zürnt‘ er,
Weil er ihn nicht ehrte, den tapferen Streiter des Volkes.
Nahe nun trat er hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Edler Fürst der Troer, Äneias, traun dir geziemt nun
Deinen Schwager zu rächen, wofern dich rührt die Verwandtschaft.
465
Komm denn, und räche mit mir Alkathoos, welcher vordem ja,
Deiner Schwester Gemahl, als Kind dich erzog im Palaste;
Ihn hat Idomeneus nun der Speerberühmte getötet.
Jener sprach’s; ihm aber das Herz im Busen erregt‘ er.
Schnell zu Idomeneus eilt‘ er daher, in Begierde des Kampfes.
470
Doch nicht zagte vor Furcht Idomeneus, gleich wie ein Knäblein;
Sondern er stand, wie ein Eber des Bergs, der Stärke vertrauend,
Welcher fest das Gehetz anwandelnder Männer erwartet,
In unwirtbarer Haid‘, und den borstigen Rücken emporsträubt;
Sieh, es funkeln von Feuer die Augen ihm; aber die Hauer
475
Wetzet er, abzuwehren gefaßt, wie die Hund‘ auch die Jäger:
Also bestand der Streiter Idomeneus kühn den Äneias,
Der mit Geschrei anstürmte; doch ruft‘ er seinen Genossen,
Aphareus, samt Askalaphos dort, und Deïpyros schauend,
Auch Meriones dort, und Antilochos, kundig des Feldrufs;
480
Diese reizt‘ er zum Kampf, und sprach die geflügelten Worte:
Kommt, o Freund‘, und beschützt mich Einzelnen! Schrecken ergreift
Vor des raschen Äneias‘ Herannahn, der mich bestürmet;
Der ein Gewaltiger ist in der Feldschlacht Männer zu töten;
Auch noch blüht ihm Jugend in üppiger Stärke des Lebens.
485
Wären wir doch an Alter so gleich uns, wie an Gesinnung;
Bald würd‘ ihn Siegsehre verherrlichen, oder mich selber!
Jener sprach’s; und sie all‘, einmütiges Sinnes versammelt,
Stellten sich nah umher, die Schilde gelehnt an die Schultern.
Auch Äneias indes ermahnete seine Genossen,
490
Paris, samt Deïphobos dort, und den edlen Agenor,
Welche die Troer mit ihm anführeten; aber die Völker
Folgeten nach: so folgen die blökenden Schafe dem Widder
Von der Weide zur Tränk‘; es freuet sich herzlich der Schäfer:
Also war dem Äneias das Herz im Busen voll Freude,
495
Als er der Völker Schar nachwandeln sahe sich selber.
Jetzt um Alkathoos her begegneten jene sich stürmend
Mit langschaftigen Speeren; und rings um die Busen der Männer
Rasselte schrecklich das Erz, von den Zielenden gegeneinander
Durch das Gewühl. Zween Männer, voll Kriegesmuts vor den andern,
500
Beid‘, Äneias der Held und Idomeneus, ähnlich dem Ares,
Strebten einander den Leib mit grausamem Erz zu verwunden.
Erstlich schoß Äneias den Speer auf Idomeneus zielend;
Jener indes vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
Daß Äneias‘ Geschoß mit bebendem Schaft in den Boden
505
Stürmte, nachdem es umsonst aus nervichter Hand ihm entflogen.
Aber Idomeneus traf des Önomaos wölbenden Panzer
Mitten am Bauch, daß schmetternd ins Eingeweid‘ ihm die Spitze
Taucht‘; und er sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Zwar Idomeneus riß den langen Speer aus dem Toten
510
Eilend; doch nicht vermocht‘ er die andere prangende Rüstung
Ihm von der Schulter zu ziehn: so drängten umher die Geschosse.
Auch nicht frisch war der Füße Gelenk dem strebenden Kämpfer,
Weder hinanzuspringen nach seinem Geschoß, noch zu weichen.
Drum in stehendem Kampf zwar wehrt‘ er dem grausamen Tage;
515
Aber zur Flucht nicht trugen die Schenkel ihn rasch aus dem Treffen.
Als er nun langsam wich, da flog Deïphobos‘ Lanze
Blinkend ihm nach; denn er hegte den daurenden Groll ihm noch immer.
Doch verfehlt‘ er auch jetzt; und Askalaphos bohrte die Lanze,
Ihm Enyalios‘ Sohne, mit stürmendem Erz in die Schulter
520
Tief; und der sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Nicht annoch vernahm es der brüllende Wüterich Ares,
Daß sein Sohn gefallen im Ungestüme der Feldschlacht;
Fern auf den Höhn des Olympos, durch Zeus‘ des Allmächtigen Ratschluß,
Saß er, von goldenen Wolken umschränkt; dort saßen zugleich ihm
525
Andre unsterbliche Götter, zurückgehemmt von dem Kriege.
Jetzt um Askalaphos her begegneten jene sich stürmend.
Siehe Deïphobos riß von Askalaphos‘ Haupte den blanken
Flatternden Helm; doch Meriones, rasch wie der tobende Ares,
Rannte den Speer in den Arm des Raubenden, daß aus der Hand ihm
530
Schnell der längliche Helm mit Getön hinsank auf den Boden.
Doch Meriones sprang von neuem hinan, wie ein Habicht,
Und er entriß aus dem Ende des Arms den gewaltigen Wurfspieß,
Dann in der Freunde Gedräng‘ entzog er sich. Aber Polites,
Seinen verwundeten Bruder Deïphobos mitten umfassend,
535
Führt‘ ihn hinweg aus dem Sturme der brüllenden Schlacht zu den Rossen,
Welche geflügeltes Hufs ihm hinter dem Kampf und Gefechte
Standen, gehemmt vom Lenker am kunstreich prangenden Wagen.
Diese trugen zur Stadt den schwer aufstöhnenden Krieger,
Matt vor Schmerz; und das Blut entfloß dem verwundeten Arme.
540
Aber die anderen kämpften, und graunvoll brüllte der Schlachtruf.
Jetzo stürzt‘ Äneias auf Aphareus, Sohn des Kaletor,
Welcher sich gegen ihn wandt‘, und stieß ihm den Speer in die Gurgel.
Jenem sank zur Seite das Haupt, es folgte der Schild nach,
Auch der Helm; und des Todes entseelender Schauer umfloß ihn.
545
Als Antilochos jetzt den gewendeten Thoon bemerkte,
Stieß er dahergestürmt, und ganz die Ader zerschnitt er,
Welche längs dem Rücken emporläuft bis zu dem Nacken:
Diese zerschnitt er ihm ganz, daß er rücklings hinab auf den Boden
Taumelte, beide Händ‘ umher zu den Freunden verbreitend.
550
Aber Antilochos eilt‘, und entzog den Schultern die Rüstung,
Mit umschauendem Blick; denn rings anstürmende Troer
Trafen den breiten Schild, den prangenden; doch sie vermochten
Nicht ihm durchhin zu verwunden den Leib mit grausamen Erze,
Nestors Sohn; denn siehe, der Erderschüttrer Poseidon
555
Schirmt‘ Antilochos rings im mächtigen Sturm der Geschosse.
Denn nie war er der Feind‘ entlediget, sondern durchtobte
Stets ihr Gewühl; nie ruhte der Speer ihm, sondern beständig
Bebt‘ er geschwungen umher; denn er wählete, mutiges Herzens,
Jetzt dem Wurfe sein Ziel, und jetzt dem stürmenden Anlauf.
560
Wohl nahm Adamas nun des Zielenden wahr im Getümmel,
Asios‘ Sohn, und traf ihm den Schild mit spitzigem Erze,
Nahe daher sich stürzend; doch kraftlos machte die Schärfe
Der schwarzlockige Herrscher des Meers, sein Leben ihm weigernd:
Stecken blieb ein Teil, wie ein Pfahl in der Flamme gehärtet,
565
Dort in Antilochos‘ Schild‘, und der andere lag auf der Erde.
Schnell in der Freunde Gedräng‘ entzog er sich, meidend das Schicksal.
Aber Meriones folgt‘, und schoß die Lanze dem Flüchtling
Zwischen Scham und Nabel hinein: wo am meisten empfindlich
Naht der blutige Mord den unglückseligen Menschen:
570
Dort durchdrang ihn das Erz, daß er hingestürzt um die Lanze
Zappelte, gleich wie ein Stier, den im Bergwald weidende Männer,
Wie er sich sträubt, fortziehn durch Zwang des Rutengeflechtes:
Also zappelt‘ im Blut er ein weniges, aber nicht lange;
Denn ihm nahte der Held Meriones, welcher dem Leibe
575
Mächtig die Lanz‘ entriß; und Nacht umhüllt‘ ihm die Augen.
Helenos hieb nun genaht dem Deïpyros über die Schläfe
Mit dem gewaltigen thrakischen Schwert, und den Helm von dem Haupte
Schmettert‘ er, daß er getrennt hintaumelte; und ein Achaier,
Als vor der Streitenden Füß‘ er daherrollt‘, hob ihn vom Boden;
580
Doch ihm hüllte die Augen ein mitternächtliches Dunkel.
Schmerz ergriff den Atreiden, den Rufer im Streit Menelaos;
Schnell mit furchtbarem Drohn auf Helenos eilt‘ er den Herrscher,
Schwenkend den ehernen Speer; doch Helenos spannte den Bogen.
Also nahten sie beid‘, und trachteten, dieser den Wurfspieß
585
Gegen ihn herzuschnellen, und jener den Pfeil von der Senne.
Priamos‘ Sohn itzt traf mit dem Pfeil den wölbenden Panzer
Jenem über der Brust; doch es flog das herbe Geschoß ab.
Wie von der breiten Schaufel herab auf geräumiger Tenne
Hüpfet der Bohnen Frucht, der gesprenkelten, oder der Erbsen,
590
Unter des Windes Geräusch, und dem mächtigen Schwunge des Wurflers:
Also vom Panzer herab dem herrlichen Held Menelaos
Ferne zurückgeprallt, entflog das herbe Geschoß hin.
Nun traf jener die Hand, der Rufer im Streit Menelaos,
Welche den Bogen ihm hielt, den geglätteten; und in den Bogen
595
Stürmte, die Hand durchbohrend, hinein die eherne Lanze:
Schnell in der Freunde Gedräng‘ entzog er sich, meidend das Schicksal,
Mit hinhangender Hand, und schleppte den eschenen Speer nach.
Diesen zog aus der Hand der hochgesinnte Agenor;
Dann verband er sie selbst mit geflochtener Wolle des Schafes
600
Einer Schleuder, geführt von dem Kriegsgefährten des Herrschers.
Aber Peisandros rannt‘ auf den herrlichen Held Menelaos
Ungestüm; denn ihn führte zum Tod‘ ein böses Verhängnis,
Dir, Menelaos, zu fallen in schreckenvoller Entscheidung.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
605
Schoß er fehl, der Atreid‘, und seitwärts flog ihm die Lanze.
Aber Peisandros traf dem herrlichen Held Menelaos
Seinen Schild; doch konnt‘ er hindurch nicht treiben die Spitze;
Denn sie hemmte der Schild, daß ab der Schaft an der Öse
Brach: schon freute sich jener im Geist, und erwartete Siegsruhm;
610
Doch der Atreid‘, ausziehend das Schwert voll silberner Buckeln,
Sprang auf Peisandros hinan. Der hob die schimmernde Streitaxt
Unter dem Schild, die ehrne, geschmückt mit dem Stiele von Ölbaum,
Schöngeglättet und lang; und sie drangen zugleich aneinander.
Dieser haut‘ ihm den Kegel des schweifumflatterten Helmes
615
Oben dicht an dem Busch: doch er des Nahenden Stirne
Über der Nas‘; es zerkrachte der Knochen ihm, aber die Augen
Fielen ihm blutig hinab vor die Füß‘ auf den staubigen Boden;
Und er entsank sich windend. Gestemmt nun die Fers‘ auf die Brust ihm,
Raubt‘ er das Waffengeschmeid‘, und rief frohlockend die Worte:
620
So doch verlaßt ihr endlich der reisigen Danaer Schiffe,
Ihr unmenschlichen Troer, des schrecklichen Streits unersättlich!
Auch noch anderer Schmach und Beleidigung nimmer ermangelnd:
Wie ihr schändlichen Hunde mich schmähetet, und nicht geachtet
Zeus‘ schwertreffenden Zorn, des Donnerers, welcher das Gastrecht
625
Heiliget, und zerstören euch wird die erhabene Feste!
Die ihr mein jugendlich Weib und viel der reichen Besitzung
Frech mir von dannen geführt, nachdem sie euch freundlich bewirtet!
Und nun möchtet ihr gern die meerdurchwandelnden Schiffe
Tilgen mit schrecklicher Flamm‘, und Achaias Helden ermorden!
630
Aber ihr ruht wohl endlich, wie sehr ihr tobt, von dem Kriege!
Vater Zeus, man sagt ja, du seist erhaben an Weisheit
Über Menschen und Götter; doch warst du Stifter des alles:
Wie du anjetzt willfahrest den übermütigen Männern
Trojas, welchen, vor Trotz und Üppigkeit, nimmer das Herz sich
635
Sättigen kann am Streite des allverderbenden Krieges!
Alles wird man ja satt, des Schlummers selbst, und der Liebe,
Auch des süßen Gesangs, und bewunderten Reigentanzes:
Welche doch mehr anreizen die sehnsuchtsvolle Begierde,
Als der Krieg; doch die Troer sind niemals satt des Gefechtes!
640
Jener sprach’s, und dem Leibe die blutigen Waffen entreißend
Gab er den Freunden sie hin, der untadlige Held Menelaos;
Selbst dann wandt‘ er sich wieder, und drang in das Vordergetümmel.
Siehe, Pylämenes‘ Sohn Harpalion wütete jetzo
Gegen ihn her, der, gesellt dem herrschenden Vater, gen Troja
645
Kam in den Krieg, allein nicht wiederkehrte zur Heimat;
Dieser traf dem Atreiden gerade den Schild mit der Lanze,
Nahe gestellt; doch konnt‘ er hindurch nicht treiben die Spitze:
Schnell in der Freunde Gedräng‘ entzog er sich, meidend das Schicksal,
Mit umschauendem Blick, ob den Leib ein Erz ihm erreichte.
650
Aber Meriones schoß den ehernen Pfeil nach dem Flüchtling,
Welcher rechts am Gesäß ihn verwundete, daß ihm die Spitze
Vorn, die Blase durchbohrend, am Schambein wieder hervordrang.
Hingesetzt auf der Stelle, den liebenden Freunden im Arme,
Matt den Geist ausatmend, dem Wurme gleich, auf der Erde
655
Lag er gestreckt; schwarz strömte sein Blut, und netzte den Boden.
Ihn umeilten geschäftig die paphlagonischen Streiter,
Die in den Wagen gelegt ihn zur heiligen Ilios brachten,
Wehmutsvoll; auch folgte der Vater ihm, Tränen vergießend;
Doch nicht konnt‘ er rächen den Tod des lieben Sohnes.
660
Jetzt ward Paris im Geist um den Fallenden heftig erbittert,
Welcher sein Gastfreund war im paphlagonischen Volke;
Zürnend um ihn entsandt‘ er den ehernen Pfeil von der Senne.
Einer hieß Euchenor, ein Sohn Polyidos des Sehers,
Reich an Hab‘ und edel, ein Haus in Korinthos bewohnend,
665
Der, wohlkundig des Trauergeschicks, im Schiffe daherkam.
Denn oft sagt‘ ihm solches der gute Greis Polyidos,
Sterben würd‘ er zu Haus an peinlich schmachtender Krankheit,
Oder auch unter den Schiffen des Heers von den Troern getötet;
Darum mied er sowohl der Danaer schmähliche Strafe,
670
Als der Krankheit Schmerz, daß nicht in Gram er versänke.
Paris nun traf am Ohr und Backen ihn, daß aus den Gliedern
Schnell der Geist ihm entfloh; und Graun des Todes umhüllt‘ ihn.
Also kämpften sie dort, wie lodernde Flammen des Feuers.
Doch nicht Hektor vernahm, der Göttliche, oder erkannt‘ es,
675
Daß zur Linken der Schiff‘ ihm die Seinigen würden getötet
Unter der Danaer Hand, und bald sich des Siegs die Achaier
Freueten: also trieb der Gestadumstürmer Poseidon
Argos‘ Söhne zum Kampf, auch selbst mit Stärke beschirmt‘ er:
Sondern er hielt, wo zuerst durch Mauer und Tor er hereinsprang,
680
Dichte Reihn durchbrechend geschildeter Männer von Argos;
Dort wo Ajas die Schiff‘ an den Strand und Protesilaos
Längs dem grauen Gewässer emporzog; aber die Mauer
Baueten dort die Achaier am niedrigsten, wo vor den andern
Ungestüm anstrebten zum Kampf sie selbst und die Rosse.
685
Dort Böoten zugleich, und in langem Gewand‘ Iaonen,
Lokrer, und Phtias Söhn‘, auch hochberühmte Epeier,
Hemmten mit Müh von den Schiffen den Stürmenden; doch sie vermochten
Nicht hinweg zu drängen die flammende Stärke des Hektor.
Vornan kämpften Athens Erlesene; und ihr Gebieter
690
Wandelte Peteos‘ Sohn Menestheus; aber zugleich ihm
Pheidas, und Bias der Held, und Stichios. Drauf den Epeiern
Ging der Phyleid‘ Held Meges, und Drakios vor, und Amphion.
Medon drauf vor den Phtiern, zugleich der tapfre Podarkes.
Jener war ein Bastard des göttergleichen Oileus,
695
Medon, des Ajas Bruder, des kleineren; aber er wohnte
Ferne vom Vaterland in Phylake, weil er den Vetter
Einst erschlug, Eriopis der späteren Gattin Oileus:
Doch Podarkes ein Sohn des Phylakiden Iphiklos.
Diese voran gewappnet vor Phtias mutiger Jugend
700
Kämpften, der Danaer Schiffe verteidigend, nächst den Böoten.
Ajas wollte sich nie, der rasche Sohn des Oileus,
Fernen, auch nicht ein wenig, vom Telamonier Ajas;
Sondern wie zween Pflugstiere den starken Pflug durch ein Brachfeld,
Schwärzlich und gleich an Mute, daherziehn, und an den Stirnen
705
Ringsum häufiger Schweiß vorquillt um die ragenden Hörner;
Beide von einem Joch, dem geglätteten, wenig gesondert,
Gehn sie die Furche hinab, den Grund durchschneidend des Feldes:
So dort halfen sich beid‘, und wandelten dicht aneinander.
Aber Telamons Sohn begleiteten viel‘ und entschloßne
710
Männer zum Streite gesellt, die seinen Schild ihm enthoben,
Wann ihm die Kriegsarbeit und der Schweiß die Kniee beschwerte.
Doch nicht folgten die Lokrer dem mutigen Sohn des Oileus:
Denn nicht duldet‘ ihr Herz im stehenden Kampfe zu kämpfen;
Denn nicht hatten sie Helme von Erz mit wallendem Roßschweif,
715
Hatten auch nicht gewölbete Schild‘ und eschene Lanzen;
Sondern mit Bogen allein und geflochtener Wolle des Schafes
Zogen sie voll Vertrauen gen Ilios, warfen mit diesen
Dichte Geschoss‘, und brachen die troischen Kriegsgeschwader.
Jene nunmehr vornan, in prangendem Waffengeschmeide,
720
Kämpften mit Trojas Volk und dem erzumschimmerten Hektor:
Diese, von fern herwerfend, verbargen sich. Aber die Troer
Dachten nicht mehr des Gefechtes, verwirrt von dem Sturm der Geschosse.
Schmachvoll wären anjetzt von den Schiffen daher und Gezelten
Heimgekehrt die Troer zu Ilios luftiger Höhe;
725
Aber Polydamas sprach, dem trotzigen Hektor sich nahend:
Hektor, du bist nicht leicht durch anderer Rat zu bewegen.
Weil dir ein Gott vorzüglich des Kriegs Arbeiten verliehn hat,
Darum willst du an Rat auch kundiger sein vor den andern?
Aber du kannst unmöglich doch alles zugleich dir erwerben.
730
Anderem ja gewährte der Gott Arbeiten des Krieges,
Anderem Reigentanz, und anderem Harf‘ und Gesänge;
Anderem legt‘ in den Busen Verstand Zeus‘ waltende Vorsicht,
Heilsamen, dessen viel‘ im Menschengeschlecht sich erfreuen,
Der auch Städte beschirmt; doch zumeist er selber genießt sein.
735
Drum will ich dir sagen, wie mir’s am besten erscheinet.
Rings ja droht dir umher die umzingelnde Flamme des Krieges.
Doch die mutigen Troer, nachdem sie die Mauer erstiegen,
Wenden sich teils vom Gefecht mit den Rüstungen; andere kämpfen,
Weniger sie mit mehreren noch, durch die Schiffe zerstreuet.
740
Weiche demnach, und berufe die Edelsten alle des Volkes;
Daß wir vereint für alles entscheidenden Rat ausdenken:
Ob wir hinein uns stürzen ins Heer vielrudriger Schiffe,
So uns ein Gott willfährig den Sieg schenkt; ob wir anitzo
Heim von den Schiffen ziehn, unbeschädiget! Denn ich besorge
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Traun, uns wägen zurück die gestrige Schuld die Achaier
Reichlich, dieweil bei den Schiffen der unersättliche Krieger
Harrt, der schwerlich hinfort sich ganz enthält des Gefechtes.
So des Polydamas Rat; den unschädlichen billigte Hektor.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde;
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Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Sammle, Polydamas, hier die Edelsten alle des Volkes.
Dorthin geh ich selber, der wütenden Schlacht zu begegnen;
Aber ich kehre sofort, nachdem ich alles geordnet.
Sprach’s, und stürmte hinweg, dem Schneegebirge vergleichbar,
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Lautes Rufs, und durchflog die Troer und die Genossen.
Doch zu Polydamas her, des Panthoos streitbarem Sohne,
Eilten die Edelsten alle, da Hektors Ruf sie vernahmen.
Nur den Deïphobos noch, und des herrschenden Helenos Stärke,
Adamas, Asios‘ Sohn, samt Asios, Hyrtakos‘ Sohne,
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Sucht‘ im Vordergetümmel der Wandelnde, ob er sie fände.
Doch nicht fand er sie mehr unbeschädiget, noch ungetötet:
Einige lagen bereits um die ragenden Steuer von Argos,
Unter der Danaer Hand der mutigen Seelen beraubet;
Andere waren daheim, von Geschoß und Lanze verwundet.
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Ihn nun fand er zur Linken der jammerbringenden Feldschlacht,
Alexandros den Held, der lockigen Helena Gatten,
Welcher mit Mut beseelte die Freund‘, und ermahnte zu kämpfen.
Nahe trat er hinan, und rief die beschämenden Worte:
Weichling, an Schönheit ein Held, weibsüchtiger, schlauer Verführer!
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Sprich, wo Deïphobos ist, und des herrschenden Helenos Stärke,
Adamas, Asios‘ Sohn, samt Asios, Hyrtakos‘ Sohne?
Auch Othryoneus wo? Nun sank herab von dem Gipfel
Ilios tarnende Stadt; nun naht dein grauses Verhängnis!
Ihm antwortete drauf der göttliche Held Alexandros:
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Hektor, dieweil dein Herz Unschuldige selber beschuldigt;
Eher ein andermal wohl zur Unzeit rasten vom Kampfe
Mocht‘ ich; denn mich auch gebar nicht ganz unkriegrisch die Mutter!
Denn seitdem bei den Schiffen zur Schlacht du erregtest die Freunde,
Streben wir hier beständig im Scharengewühl der Achaier
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Sonder Verzug! Doch die Freund‘ entschlummerten, welche du forschest;
Zween, Deïphobos nur, und des herrschenden Helenos Stärke,
Eilten hinweg, verwundet mit langgeschafteten Lanzen,
Beid‘ an der Hand; doch den Tod entfernete Zeus Kronion.
Führe nunmehr, wohin dein Herz und Mut es gebietet:
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Wir mit freudiger Seele begleiten dich; nimmer auch sollst du
Unseres Muts vermissen, so viel die Kraft nur gewähret!
Über die Kraft kann keiner, auch nicht der Tapferste, kämpfen!
Also sprach, und wandte des Bruders Herz Alexandros.
Beide nun eilten sie hin, wo am heftigsten Streit und Gefecht war,
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Um Kebriones her, und Polydamas‘ heilige Stärke,
Phalkes, und Orthäos, den göttlichen Held Polypötes,
Palmys, Askanios auch, und Morys, Hippotions Söhne:
Die aus dem scholligen Land‘ Askania wechselnd gekommen
Früh am vorigen Tag‘; itzt trieb in die Schlacht sie Kronion.
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Diese rauschten einher, wie der Sturm unbändiger Winde,
Der vor dem rollenden Wetter des Donnerers über das Feld braust,
Und graunvolles Getöse die Flut aufregt, daß sich ringsum
Türmen die brandenden Wogen des weitaufrauschenden Meeres,
Krummgewölbt und beschäumt, vorn andr‘, und andere hinten:
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So dort drängten sich Troer in Ordnungen, andre nach andern,
Schimmernd im ehernen Glanz, und folgeten ihren Gebietern.
Hektor strahlte voran, dem mordenden Ares vergleichbar,
Priamos‘ Sohn, und trug den gleichgeründeten Schild vor,
Dicht aus Häuten gedrängt, und umlegt mit starrendem Erze;
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Und um des Wandelnden Schläfen bewegte sich strahlend der Helmschmuck.
Ringsumher versucht‘ er mit kühnem Gang die Geschwader,
Ob sie vielleicht ihm wichen, wie unter dem Schild‘ er dahertrat;
Doch nicht schreckt‘ er den Mut in der männlichen Brust der Achaier.
Ajas nahte zuerst und foderte, mächtiges Schrittes:
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Komm, Unglücklicher, komm! Warum doch schreckest du also
Argos‘ Volk? Wir sind nicht unerfahrene Krieger;
Sondern Zeus mit der Geißel des Wehs bezwang die Achaier.
Sicherlich wohl im Herzen erwartest du auszutilgen
Unsere Schiffe; doch rasch sind auch uns die Hände zur Abwehr!
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Traun weit eher vielleicht wird eure bevölkerte Feste
Unter unseren Händen besiegt und zu Boden getrümmert!
Auch dir selbst verkünd‘ ich den nahen Tag, da du fliehend
Jammern wirst zu Zeus und allen unsterblichen Göttern,
Daß mit der Schnelle der Falken die schöngemähneten Rosse
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Heim zu der Stadt dich tragen, in staubender Flucht durch die Felder.
Als er es sprach, da schwebt‘ ihm rechtsher nahend ein Vogel,
Ein hochfliegender Adler; und lautauf schrien die Achaier,
Durch das Zeichen gestärkt. Doch es rief der strahlende Hektor:
Ajas, was plauderst du da, großprahlender, eiteler Schwätzer?
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Wär‘ ich doch so sicher ein Sohn des Ägiserschüttrers
Zeus, zum unsterblichen Gott von der Herrscherin Here geboren,
Ewig geehrt, wie geehrt Athenäa wird von Apollon:
Als der heutige Tag ein Unheil bringt den Argeiern
Allen; du selbst auch liegst ein Erschlagener, wenn du es wagest,
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Meinen gewaltigen Speer zu bestehn! Er zerreißt dir den zarten
Leib; dann sättigest du der Troer Hund‘ und Gevögel
Deines Fettes und Fleisches, gestreckt bei den Schiffen Achaias!
Also rief der Herrscher, und führete; jene nun folgten
Mit graunvollem Geschrei, und laut nachjauchzten die Völker.
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Laut auch schrien die Argeier daher, des stürmenden Mutes
Eingedenk, und bestanden die nahenden Helden der Troer.
Beider Geschrei ertönte zu Zeus‘ hochstrahlendem Äther.