Romane

5 Das Wunder Des Weibes

Das Wunder des Weibes

»Na, weißt du, Kid«, bemerkte Kurz, um die Unterredung, die allmählich eingeschlafen war, wieder in Fluß zu bringen, »ich finde jedenfalls nicht, daß du besonders aufs Heiraten versessen warst.«

Kid saß auf einem Zipfel seines Schlafsacks und war eifrig damit beschäftigt, die Füße eines knurrenden Hundes zu untersuchen, den er im Schnee auf den Rücken gewälzt hatte.

 

Er gab deshalb keine Antwort. Kurz, der einen dampfenden Mokassin an einem Stock zum Trocknen ans Feuer hielt, sah seinem Kameraden aufmerksam ins Gesicht.

 

»Schau dir mal das Nordlicht an«, sagte er. »Ein bißchen leichtfertig sieht es aus! Fast genau wie so `n schillerndes, flatterndes Frauenzimmer! Von denen sind ja selbst die besten leichtfertig, wenn sie nicht komplett verrückt sind. Und Katzen sind sie alle, ohne Ausnahme, die kleinsten und die größten, die hübschesten und die häßlichsten. Sie sind ganz wie brüllende Löwen und keifende Hyänen, wenn sie erst mal einen Mann aufgespürt haben, den sie verzehren möchten.«

 

Wiederum blieb der Monolog Kurz‘ unbeantwortet. Kid gab dem Hund, der nach seiner Hand schnappte, einen leichten Klaps und setzte seine Untersuchung der wunden und blutenden Fußballen fort.

 

»Hm«, plauderte Kurz weiter. »Vielleicht denkst du, ich hätte nicht verheiratet sein können, wenn ich Lust gehabt hätte? Und vielleicht glaubst du auch nicht, daß ich verheiratet wäre, selbst wenn ich keine Lust gehabt hätte, wäre ich nicht aus so hartem Holz geschnitzt? Kid, willst du wissen, was mich gerettet hat? Ich will es dir sagen. Meine gute Lunge! Ich lief einfach fort, und die Schürze möchte ich sehen, die mich einholen könnte!«

 

Kid ließ den Hund laufen und krempelte seine eigenen dampfenden Mokassins um, die ebenfalls auf Stöcken zum Trocknen am Feuer hingen. »Wir werden bis morgen hierbleiben und Mokassins für die Hunde machen müssen«, ließ er sich herab mitzuteilen. »Die dünne Eiskruste verdirbt ihnen die Pfoten.«

 

»Wir wollen lieber weitermarschieren«, wandte Kurz ein. »Wir haben nicht Proviant genug, um umkehren zu können, und müssen also sehen, so bald wie möglich das Gebiet der Rentiere oder der weißen Indianer zu erreichen… sonst werden wir unsere eigenen Hunde essen müssen… mit Haut und Haaren und wunden Pfoten! Aber glaubst du denn, daß überhaupt einer diese weißen Indianer gesehen hat? Alles nur Unsinn. Wie zum Teufel sollte eine Rothaut weiß sein können? Ein weißer Schwarzer wäre genauso natürlich und wahrscheinlich! Du, Kid, wir müssen also jedenfalls sehen, daß wir morgen weiterkommen. Das Land hier ist ja von allen Göttern verlassen… jedenfalls von allem Wild. Die ganze Woche haben wir nicht eine einzige Hasenfährte gesehen… das weißt du ja. Und wir müssen aus dieser Einöde heraus und irgendwohin, wo das Futter lebendig herumläuft.«

 

»Die Hunde werden aber alle besser laufen, wenn sie einen Ruhetag gehabt haben und Mokassins bekommen«, riet Kid. »Wenn du von irgendeiner Wasserscheide aus Ausschau halten würdest, so daß wir sehen könnten, was auf der anderen Seite liegt, wäre es gar nicht so dumm. Wir müßten eigentlich jeden Augenblick offenes Hügelland antreffen. Das hat jedenfalls La Perle gesagt.«

 

»Pah! Nach seinem eigenen Bericht ist es zehn Jahre her, daß er durch diese Gegend kam, und er war damals so verrückt vor Hunger, daß er gar nicht ahnte, was er sah! Denk doch daran, daß er uns erzählt hat, er hätte große Flaggen auf den Bergen wehen sehen. Danach kannst du ausrechnen, wie verrückt er war! Und er gibt selber zu, daß er nie eine weiße Rothaut gesehen hat… es war Anton, der ihm diesen Bären aufgebunden hat. Und der gute Anton war ja auch, zwei Jahre, ehe wir beide nach Alaska kamen, durchgebrannt. Aber ich werde morgen einen kleinen Ausflug machen. Und vielleicht erwische ich auch einen Elch. Aber wollen wir jetzt nicht schlafen?«

 

 

Kid verbrachte den Morgen im Lager, wo er Mokassins für die Hunde nähte und das Geschirr reparierte. Gegen Mittag kochte er für sie beide, aß dann seine Ration und begann sich nach Kurz‘ Rückkehr zu sehnen. Eine Stunde später schnallte er sich die Schneeschuhe an und begann der Fährte seines Partners nachzugehen. Sie führte ihn das Flußbett hinauf und durch eine enge Schlucht, die sich ganz plötzlich zu einer Elchweide erweiterte. Aber offenbar waren seit dem ersten Schneefall keine Tiere dagewesen. Die Furchen von Kurz‘ Schneeschuhen überquerten die Weide und führten den sanften Hang einer niedrigen Wasserscheide hinauf. Auf der Kuppe blieb Kid stehen. Die Fährte Kurz‘ lief den anderen Hang wieder hinab. Die ersten Fichten standen unten im Flußbett, eine kleine Meile entfernt, und es leuchtete Kid ein, daß Kurz sie passiert haben mußte. Kid sah auf seine Uhr, gedachte der eintretenden Dunkelheit, der wartenden Hunde, des einsamen Lagers und entschloß sich widerstrebend zur Umkehr. Vorher aber warf er noch einen langen spähenden Blick über das weite Land. Der ganze östliche Horizont war von dem schneebedeckten Grat der Rocky Mountains begrenzt und glich der zackigen Schneide einer Säge. Das gewaltige Gebirge erstreckte sich, Kette neben Kette, nach Nordwesten und schien den Weg nach dem offenen Lande, von dem La Perle erzählt hatte, zu versperren. Es sah deshalb aus, als ob die Berge sich zusammengetan hätten, um den Wanderer nach dem Westen und dem Yukon zurückzudrängen.

 

Bis Mitternacht unterhielt Kid ein großes Feuer, das Kurz als Wegweiser dienen konnte. Und sobald er am nächsten Morgen das Lager abgebrochen und die Hunde vorgespannt hatte, nahm er die Verfolgung auf. In der engen Schlucht, durch die er ging, spitzte der Leithund plötzlich die Ohren und begann zu heulen. Bald danach stieß Kid auf sechs Indianer, die ihm entgegenkamen. Sie trugen nur leichtes Gepäck und hatten keine Hunde bei sich. Sie umringten ihn und gaben ihm sofort verschiedene Gründe, erstaunt zu sein. Es war nämlich ganz offenbar, daß sie unterwegs waren, um ihn zu suchen. Ebenso schnell stellte er fest, daß sie keinen der ihm bekannten Indianerdialekte sprachen. Es waren indessen keine weißen Rothäute, obgleich sie größer und kräftiger gebaut waren als die Indianer unten am Yukon. Fünf von ihnen trugen lange altmodische Gewehre, während der sechste einen Winchesterstutzen trug, den Kid sofort als Kurz‘ Eigentum erkannte.

 

Sie verschwendeten auch keine Zeit, um ihn feierlich gefangenzunehmen. Er selbst trug keine Waffen und war also gezwungen, sich zu ergeben. Den Inhalt des Schlittens übernahmen sie ohne weiteres und verteilten ihn unter sich. Er selbst mußte ein Bündel mit seinem und Kurz‘ Schlafsack auf den Rücken nehmen. Die Hunde liefen ohne Sielen herum, und als Kid dagegen Einspruch erhob, bedeutete ihm einer der Indianer durch Zeichen, daß der Weg zu schwierig zum Schlittenfahren sei. Kid mußte sich deshalb in das Unvermeidliche fügen, stellte den Schlitten auf den Hang oberhalb des Flusses aufrecht in den Schnee und trottete dann mit seinen Wärtern weiter. Sie zogen über die Wasserscheide nordwärts nach den Fichten, die Kid am vorigen Abend aus der Ferne gesehen hatte.

 

Die erste Nacht verbrachten sie in einem Lager, das seit mehreren Tagen benutzt sein mußte. Hier lagen reichliche Mengen von getrocknetem Lachs und einer Art Pemmikan, die die Indianer in ihren Bündeln verstauten. Von diesem Lagerplatz aus lief eine durch viele Schneeschuhe getretene Fährte… Kid war sich darüber klar, daß sie von den Leuten herrührte, die Kurz gefangengenommen hatten. Und schon ehe es dunkel wurde, hatte er unter den vielen Spuren die von Kurz‘ Schneeschuhen festgestellt, die schmaler als die der Indianer waren. Als er die Indianer durch Zeichen danach befragte, nickten sie zur Bestätigung und wiesen mit den Fingern nach Norden.

 

Die folgenden Tage zeigten sie immer nur nach dem Norden, und auch die Fährte, die sich durch ein wahres Chaos von hohen Felsblöcken schlängelte, führte in diese Richtung. Der Schnee war tiefer als in den niedriger gelegenen Tälern, und sie hätten überhaupt nicht ohne Schneeschuhe vorwärts kommen können. Kids Wärter, die alle jung waren, wanderten indessen leicht und sicher. Und er konnte einen gewissen Stolz nicht unterdrücken, daß er so mühelos mit ihnen Schritt zu halten vermochte.

 

Sie brauchten sechs Tage, um den mittleren Paß zu erreichen und zu überschreiten, denn wenn er auch im Verhältnis zu den Bergen, die ihn umgaben, niedrig erschien, war er an sich doch schreckenerregend und für schwerbeladene Schlitten überhaupt unbefahrbar. Nachdem sie weitere fünf Tage dem gewundenen Weg, der sich immer tiefer und tiefer den Berg hinabschlängelte, gefolgt waren, gelangten sie in das offene, wellenförmige, nur leicht hügelige Gelände, das La Perle zehn Jahre zuvor besucht hatte. Kid erkannte es auf den ersten Blick – es war ein eisiger Tag, das Thermometer stand vierzig Grad unter Null, und die Luft war so klar, daß er Hunderte von Meilen weit sehen konnte. So weit sein Blick reichte, erstreckte sich das wellenförmige Gelände. Fern im Osten erhoben die Gipfel der Rocky Mountains ihre schneebedeckten Bastionen gen Himmel. Nach Süd und Südwest liefen die zackigen Ketten, die dem soeben überschrittenen hoch aufragenden System von Ausläufern angehörten. Und in der großen Senkung inmitten dieser Gebirge lag das Gelände, das La Perle durchwandert hatte… im Augenblick freilich weiß von Schnee, aber sicher zu verschiedenen Jahreszeiten reich an Wild, und im Sommer von bunten Blumen bedeckt.

 

Sie wanderten weiter an einem breiten Strom entlang, an verschneiten Weiden und an entlaubten Eschen vorbei, durch Niederungen mit vielen Fichten und erreichten gegen Mittag ein großes Lager, das seit einigen Tagen verlassen schien. Im Vorbeigehen warf Kid einen prüfenden Blick hin und schätzte es auf vier- bis fünfhundert Feuer, so daß also die Bevölkerung in die Tausende gehen mußte. Die Schlittenfährte war so frisch und von den vielen Füßen so festgestampft, daß Kid und seine Wärter sich die Schneeschuhe abschnallten und nun in Mokassins schneller weitergehen konnten. Allmählich begannen die Spuren eines Wildbestandes sichtbar zu werden, der immer reicher zu werden schien… Sie sahen Fährten von Wölfen und Luchsen, die ohne Fleisch ja nicht leben konnten.

 

Einmal stieß einer der Indianer einen Ruf der Zufriedenheit aus und wies auf ein weites verschneites Feld, das mit Rentierschädeln bedeckt war, denen die wilden Tiere Haut und Fleisch abgenagt hatten. Und auf dem ganzen Gelände war die Schneedecke so zerstampft und aufgerissen, als ob ein ganzes Heer dort einen schweren Kampf ausgefochten hätte. Kid war sich gleich darüber klar, daß Jäger hier seit dem letzten Schneefall sehr viele Tiere erlegt hatten. Obgleich die lang andauernde Dämmerung schon angebrochen war, schien doch niemand die Absicht zu haben, ein Lager aufzuschlagen. Die Indianer gingen weiter durch die zunehmende Dunkelheit, die jedoch allmählich von dem leuchtenden Himmel erhellt wurde… große glitzernde Sterne funkelten durch den grünen Schimmer des zitternden Nordlichts. Die Hunde waren die ersten, die das ferne Getöse des Lagers hörten… Sie spitzten die Ohren und winselten leise aus Eifer und Verlangen. Dann hörten auch die Wanderer das Geräusch… zuerst ein Murmeln, das die Entfernung noch schwach und dumpf machte, das aber doch ohne die sanft rauschende Romantik war, welche alle sehr fernen Geräusche kennzeichnet. Es waren statt dessen wilde und laute Töne… ein Gewirr von schrillen Lauten, die von einem noch schrilleren durchbrochen wurden… dem langen, unheimlich eintönigen Wolfsgeheul vieler Hunde… einem Johlen und Schreien, wie aus Unfrieden und Schmerz, schwermütig und klagend, wie die Stimmen hoffnungsloser Empörung gegen ein unabwendbares Schicksal.

 

Kid öffnete sein Uhrglas, und mit bloßen Fingern Zeiger und Ziffern nachprüfend, konnte er feststellen, daß es bereits gegen elf Uhr war. Die Männer, die ihn begleiteten, beschleunigten ihren Gang. Die Beine, die sich bereits mehr als zwölf ermüdende Stunden bewegt hatten, mußten sich noch mehr beeilen, so daß sie fast liefen oder, die meiste Zeit jedenfalls, trabten. Aus einer düsteren Fichtenniederung traten sie auf einmal in den Lichtkreis vieler Feuer und in einen plötzlich gewaltig anwachsenden Lärm. Vor ihnen lag das große Lager.

 

Und als sie es erst betreten hatten und durch seine unregelmäßigen Wege gingen, gerieten sie in ein wildes Getümmel, das wie eine Woge gegen sie anbrach und brausend mit ihnen weiterrollte… Rufe, Grüße, Fragen und Antworten, Späße und Witze flogen hin und her; die Wolfshunde schnappten und knurrten wütend und stürzten sich wie zottige Kugeln auf Kids fremdartige Hunde; die Indianerfrauen schimpften und lachten; die Kinder wimmerten und weinten; die Kranken klagten und stöhnten, wenn sie aus ihrem Schlaf zu neuen Schmerzen geweckt wurden… hier herrschte der ganze Höllenlärm, der ein Lager von Völkern der Einöden, von Völkern ohne Nerven, kennzeichnet.

 

Mit ihren Keulen und Gewehrkolben scheuchten Kids Begleiter die angriffslustigen Hunde zurück, während seine eigenen Tiere, die sich vor so vielen Feinden fürchteten, sich erregt knurrend und schnappend zwischen den Beinen ihrer menschlichen Beschützer verkrochen.

 

Es wurde erst haltgemacht, als sie den festgestampften Schnee um ein großes Feuer erreichten, wo Kurz mit zwei jungen Indianern hockte und lange Streifen Elchfleisch briet.

 

Drei andere junge Indianer, die bereits in ihren Schlafsäcken auf einem Lager von Fichtenzweigen lagen, richteten sich auf.

 

Kurz sah seinen Partner über das Feuer hinweg an, aber seine Miene blieb unbewegt und gleichgültig, genau wie die der Indianer. Er gab auch keine Zeichen, daß er Kid erkannte, sondern briet seelenruhig sein Fleisch weiter.

 

»Was hast du denn?« fragte Kid verärgert. »Kannst du nicht mehr reden?«

 

Das alte, vertraute Lachen glitt über Kurz‘ Gesicht. »Nein«, antwortete er. »Ich bin Indianer geworden. Ich habe jetzt gelernt, daß man keine Überraschung zeigen darf. Wann haben sie dich erwischt?«

 

»Am Tage nach deinem Verschwinden.«

 

»Hm«, sagte Kurz, und ein halb spöttisches Lächeln blitzte in seinen Augen auf. »Ich befinde mich hier sauwohl, darauf kannst du schwören. Es ist das Lager der Junggesellen.« Er streckte mit einer großartigen Bewegung die Hand aus, als ob er all die Herrlichkeiten an seine Brust drücken wollte, obgleich sie nur aus einem Feuer, aus Schlafplätzen aus Fichtenzweigen, die auf dem Schnee ausgestreut waren, aus Elchhautzelten und aus Windschirmen, die aus Weidenzweigen geflochten waren, bestanden.

 

»Und hier siehst du die Junggesellen!«

 

Diesmal zeigte er auf die jungen Männer und spie dabei einige Gaumenlaute in ihrer Sprache aus, so daß sie dankbar und erfreut das Weiße ihrer Augen und Zähne blitzen ließen.

 

»Sie freuen sich, dich kennenzulernen, Kid. Setz dich und trockne deine Mokassins, dann werde ich etwas Futter für dich fertigmachen. Ich kann schon richtig mit ihrem Kauderwelsch umgehen. Das wirst du auch nötig haben, denn mir scheint, als ob wir ziemlich lange hierbleiben werden! Es ist noch ein Weißer hier. Der wurde vor sechs Jahren gefangengenommen. Es ist ein Ire, den sie am Großen Sklavensee aufgegabelt haben. Hier wird er Danny McCan genannt. Er hat sich schon mit einer Indianerfrau zur Ruhe gesetzt. Hat schon zwei Kinderlein, will sich aber trotzdem unsichtbar machen, wenn sich eine Möglichkeit bieten sollte. Siehst du das niedrige Feuer drüben rechts? Da ist sein Wigwam.«

 

Kid sollte offenbar auch hierbleiben, denn seine Wärter verließen ihn und seine Hunde und schritten tiefer ins Lager hinein. Während er für seine Fußbekleidung Sorge trug und gleichzeitig lange Streifen warmen Fleisches verschlang, kochte und schwätzte Kurz weiter.

 

»Es ist ja zweifellos eine herrliche Suppe, die wir uns hier eingebrockt haben… kannst mir ruhig glauben! Und wir müssen verdammt früh aufstehen, wenn wir lebendig aus diesem Hexenkessel entschlüpfen wollen. Sie sind richtige, waschechte wilde Indianer. Sie sind freilich nicht weiß, aber ihr Häuptling ist es. Er spricht, als ob er das Maul voll von heißem Brei hätte… Und wenn er nicht ein Vollblutschotte ist, dann gibt’s überhaupt gar nicht so was wie Schotten in dieser verworrenen Welt. Er ist der Hiju, Skookum, Oberhäuptling des ganzen Warenhauses. Was er sagt, ist einfach Gesetz… das mußt du dir gleich von Anfang an klarmachen. Danny McCan versucht jetzt seit sechs Jahren durchzubrennen. Danny ist ein ganz guter Kerl, aber viel Mumm steckt nicht mehr in seinen alten Knochen. Er weiß einen Weg, auf dem man entkommen kann – hat ihn auf den Jagden kennengelernt – westlich von dem Weg, den wir gekommen sind. Er hat nur nicht die richtigen Nerven, um so eine Sache allein zu deichseln. Aber wir drei werden den Laden schon schmeißen. Backenbart ist ja ganz nett und todanständig, aber trotzdem ist er ein bißchen reichlich verschroben.«

 

»Wer ist der Backenbart?« fragte Kid, der unterdessen die warmen Fleischstücke mit wahrem Wolfshunger verschlungen hatte, jetzt aber eine kleine Pause machte.

 

»Na, das ist ja der Obergeneral-Idiot… der alte Schotte… er ist wirklich etwas alt geworden, und deshalb schläft er wohl auch jetzt schon. Aber morgen wird er dich sehen wollen, und er wird dir mit aller gewünschten Deutlichkeit sagen, was du für ein jämmerlicher Wicht bist, wenn du auf seine Jagdgründe gerätst. Denn dieses ganze Gebiet gehört ihm, das mußt du deiner Kokosnuß gleich einbleuen. Hier ist noch nie ein Forscher oder Entdecker gewesen, und es gehört ihm alles. Er hat ungefähr zwanzigtausend Quadratmeilen als Jagdgebiet. Er ist auch der weiße Indianer… er und sein Frauenzimmer. Haha, du brauchst mich deshalb nicht so anzugucken… warte, bis du sie gesehen hast… Verflucht hübsches Ding und ganz weiß, wie der Papa… du weißt, der Backenbart! Und Rentiere! Donnerwetter noch mal! Ich hab sie schon gesehen… die Herden werden jetzt ostwärts getrieben, und wir sollen ihnen nachgehen… jeden Tag kann es losgehen… Was Backenbart von Rentieren und von Lachsen weiß, das weiß sonst keiner in der Welt… das kannst du mir ruhig glauben.«

 

 

»Da kommt Backenbart – er sieht aus, als ob er irgendwas vorhätte«, flüsterte Kurz.

 

Es war Morgen, und die Junggesellen hockten schon um das Feuer und verzehrten ein gutes Frühstück aus Elchfleisch, das sie geröstet hatten. Kid blickte auf und sah einen kleinen schlanken Mann. Er war wie ein Wilder in Pelze gekleidet, aber trotzdem sah man sofort, daß er ein Bleichgesicht war. Er ging an der Spitze eines Hundegespanns und wurde von einem halben Dutzend Indianer begleitet. Kid zerbrach eben einen heißen Knochen, und während er das dampfende Mark aussaugte, blickte er seinen Wirt, der sich ihnen näherte, prüfend an. Ein ergrauter, vom Rauch vieler Lagerfeuer geschwärzter, buschiger Bart verbarg den größten Teil des Gesichtes, konnte aber doch die mageren, fast unheimlich eingefallenen Wangen nicht verbergen. Kid stellte aber fest, daß diese Magerkeit nicht von Krankheit oder Schwäche herrührte, denn die weit geöffneten Nüstern und die gewölbte, breite Brust zeugten von außergewöhnlicher Gesundheit.

 

»Guten Tag«, sagte der Mann. Gleichzeitig zog er einen Handschuh ab und gab Kid die Hand. »Mein Name ist Snass«, fügte er hinzu, als sie sich die Hände schüttelten.

 

»Und ich heiße Alaska-Kid«, antwortete Kid mit einem eigentümlichen Gefühl der Unruhe, als er in die klaren, durchdringenden Augen blickte.

 

»Sie haben genug zu essen, scheint es.«

 

Kid nickte und begann wieder seinen Markknochen zu bearbeiten. Das Schnurren der schottischen Aussprache berührte ihn seltsam angenehm.

 

»Es sind natürlich nur derbe Gerichte, die wir Ihnen bieten können. Aber es geschieht dafür selten, daß wir hungern müssen. Und unser Essen ist jedenfalls natürlicher und gesünder als der gekünstelte Fraß, den man in den Städten bekommt.«

 

»Sie lieben offenbar die Städte nicht«, sagte Kid lachend, nur um etwas zu sagen. Er war aber ganz verblüfft, als er die Veränderung bemerkte, die seine Worte in Snass‘ Gesicht hervorriefen.

 

Wie eine empfindliche Pflanze schien die ganze Gestalt des Mannes plötzlich zu zittern und sich zu krümmen. Dann wich die Erregung, um sich in seinen Augen zu konzentrieren, die – in wildem Aufruhr – einen Haß sprühten, der seine unermeßliche Pein, seinen unsagbaren Schmerz fast in die Welt hinausschrie. Mit einem Ruck wandte er sich ab, nahm sich aber mit einer gewaltigen Anstrengung wieder zusammen und warf Kid einen Gruß zu: »Ich werde Sie später ja sehen, Herr Kid. Die Rentiere beginnen ostwärts zu wandern, und ich muß deshalb fort, um einen Lagerplatz zu finden. Morgen werden wir alle weiterwandern müssen.«

 

»Ein tüchtiger Backenbart, nicht?« flüsterte Kurz, als Snass an der Spitze seiner Schar verschwunden war.

 

Später am selben Morgen bummelte Kid im Lager herum.

 

Alle waren mit ihren einfachen Pflichten beschäftigt. Eine große Schar von Jägern war soeben zurückgekehrt, und die Männer zerstreuten sich an die verschiedenen Lagerfeuer.

 

Viele Frauen und Kinder waren im Begriff, mit den Hunden, die vor leere Tobogganschlitten gespannt waren, auszuziehen, während andere Frauen, Kinder und Hunde Schlitten mit frischgeschlachtetem, aber schon gefrorenem Fleisch herbeizogen. Ein kalter Frühlingswind wehte, und der ganze wilde Auftritt spielte sich bei einer Temperatur von dreißig Grad unter Null ab. Nirgends sah man gewebte Stoffe, alle waren in Pelzwerk und leichtgegerbte Felle gekleidet. Knaben liefen vorbei, sie hatten Bogen in den Händen, und ihre Köcher waren von Pfeilen mit knöchernen Widerhaken vollgestopft. Er sah auch viele Jagdmesser aus Knochen oder Stein, die am Gürtel oder in ledernen Riemen um den Hals getragen wurden.

 

Frauen beugten sich über die Feuer und kochten und brieten, während die kleinen Kinder, die sie auf dem Rücken trugen, mit großen runden Augen um sich blickten und an Klumpen von Talg saugten. Hunde, sehr nahe Verwandte von Wölfen, kamen mit gesträubten Haaren auf Kid zu, aber nur, um von ihm mit seinem kurzen Knüppel verjagt zu werden. Sie wollten alle diesen Fremden beschnüffeln, den sie des harten Knüppels wegen dulden mußten.

 

Mitten im Lager brannte ein Feuer ganz für sich. Kid war sich klar darüber, daß es der Lagerplatz Snass‘ sein mußte.

 

Obwohl offenbar nur zu vorübergehendem Gebrauch gedacht, schien er dennoch sorgfältig gebaut zu sein und war von bedeutendem Umfang. Eine ganze Menge Bündel Felle und Ausrüstungen aller Art lagen auf einem Gerüst, so daß die Hunde sie nicht erreichen konnten. Eine große Leinwandplane war wie ein Halbzelt so aufgestellt, daß man in seinem Schutz schlafen und sich aufhalten konnte. Daneben stand ein Zelt aus Seide, wie Forschungsreisende oder reiche Großwildjäger sie bevorzugen. Kid hatte noch nie ein solches Zelt gesehen und trat deshalb näher. In diesem Augenblick wurde der Vorhang beiseite geschlagen, und eine junge Frau trat heraus. Sie kam so plötzlich und schnell, daß ihr Erscheinen auf Kid wie eine Offenbarung wirkte. Er schien jedoch denselben Eindruck auf sie gemacht zu haben, und einen langen Augenblick blieben beide stehen und starrten sich an.

 

Sie war ganz in Pelzwerk gekleidet, aber in Pelzwerk von so wunderbarer Schönheit, wie Kid es nie auch nur im Traum gesehen hatte. Ihre Parka, deren Kapuze sie zurückgeschlagen hatte, bestand aus irgendeinem unbekannten Pelz von der Farbe fahlen Silbers. Die Mukluks, deren Sohlen aus Walroßhaut waren, bestanden aus den silberfarbenen Fußballen vieler Luchse. Die langen Stulpenhandschuhe, die Troddeln an den Knien, all der verschiedenartige Pelzbesatz ihrer Kleidung hatte denselben blassen Silberglanz, der in der eisigen Luft wie Mondlicht schimmerte… und aus diesem fahlfunkelnden Silber erhob sich auf einem schlanken, feingeformten Hals ein Kopf, dessen rosiges Gesicht ebenso hell war, wie ihre Augen blau waren. Die Ohren glichen rosigen Muscheln. Das hellbraune Haar war von Reif bedeckt, so daß es wie von glitzernden Eiskristallen funkelte. Kid sah das alles und noch mehr wie in einem märchenhaften Traum.

 

Dann nahm er sich zusammen und faßte nach seiner Mütze. Im selben Augenblick wich der benommene Blick aus den Augen des Mädchens, die ihn wie ein Wunder angestarrt hatte, einem natürlichen Lächeln. Mit einer schnellen, lebhaften Bewegung zog sie einen Handschuh aus und gab ihm die Hand. »Guten Tag«, flüsterte sie ernst, mit einem eigenartigen, aber reizenden Akzent. Ihre Stimme hatte einen silbernen Klang, der ihrem Pelzwerk in sonderbarer Weise entsprach, und berührte Kids Ohr als etwas Ungewohntes und Merkwürdiges, da er so lange nur die rauhen Stimmen der Squaws in den verschiedenen Lagern gehört hatte.

 

Er vermochte nur einige Gemeinplätze zu stammeln, ungeschickte Erinnerungen aus seinem einstigen Gesellschaftsleben.

 

»Ich freue mich, Sie kennenzulernen«, sagte sie langsam und unsicher, während ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht glitt. »Sie müssen mein Englisch entschuldigen. Es ist nicht sehr schön. Ich bin Engländerin«, versicherte sie ihm ernst. »Mein Vater ist Schotte. Meine Mutter ist tot. Sie war Französin und Engländerin und auch ein klein wenig Indianerin. Ihr Vater war irgend etwas Großes bei der Hudson-Bucht-Company. Hu, es ist so kalt heute.« Sie zog ihren Handschuh wieder an und rieb sich die Ohren, deren zartes Rosa schon anfing, weiß zu werden. »Wollen wir ans Feuer gehen und uns ein bißchen unterhalten? Ich heiße Labiskwee. Wie heißen Sie denn?«

 

Auf diese Weise machte Kid die Bekanntschaft Labiskwees, der Tochter des alten Snass, der sie selbst Margaret nannte.

 

»Mein Vater heißt gar nicht Snass«, teilte sie Kid mit. »Snass ist nur sein indianischer Name…«

 

Kid lernte vieles an diesem Tage und den folgenden, während das Jagdlager der Fährte der Rentiere folgte. Es waren wirklich wilde Indianer, dieselben, die Anton einst getroffen hatte und denen er vor so vielen Jahren entkommen war. Sie befanden sich jetzt nahe der westlichen Grenze ihres Territoriums. Im Sommer zogen sie nordwärts bis zu den arktischen Tundren und westwärts bis an den Luskwa. Was der Luskwa für ein Fluß war, konnte Kid freilich nicht feststellen, und weder Labiskwee noch McCan konnten ihm Auskunft darüber geben.

 

Hin und wieder zog Snass mit einer großen Schar tüchtiger Jäger ostwärts über die Rocky Mountains, an den Seen und am Mackenzie vorbei in die Einöde. Bei dem letzten Ausflug in dieser Richtung hatte man das Zelt Labiskwees gefunden.

 

»Es gehörte der Milicent-Abdury-Expedition«, erzählte Snass Kid.

 

»Ach wirklich? Ja, ich erinnere mich! Sie suchte nach Moschusochsen. Die Hilfsexpedition fand nie eine Spur von den beiden.«

 

»Ich fand sie«, sagte Snass. »Aber sie waren tot.«

 

»Die Welt weiß es noch nicht; sie hat nie etwas davon erfahren.«

 

»Die Welt wird auch nie etwas davon erfahren«, versicherte Snass ihm freundlich.

 

»Sie meinen, wenn sie am Leben gewesen wären, als Sie sie fanden…«

 

Snass nickte. »So hätten sie bei mir und meinem Volke bleiben müssen.«

 

»Anton entkam aber«, sagte Kid herausfordernd.

 

»Ich entsinne mich nicht mehr des Namens. Wie lange ist das her?«

 

»Vierzehn oder fünfzehn Jahre«, antwortete Kid.

 

»Er kam also durch… trotz allem. Wissen Sie, ich habe seinerzeit oft an ihn gedacht. Wir nannten ihn Langzahn. Er war ein kräftiger Mann.«

 

»La Perle kam vor zehn Jahren durch dieses Gebiet.« Snass schüttelte den Kopf.

 

»Er fand Spuren Ihrer Lagerplätze… es war im Sommer.«

 

»Das erklärt die Sache«, antwortete Snass. »Im Sommer sind wir im hohen Norden, Hunderte von Meilen von hier entfernt.«

 

Soviel Kid sich aber auch bemühte, konnte er doch nichts von der Geschichte Snass‘ aus der Zeit erfahren, ehe er in der Wildnis des Nordens zu leben begann. Er war nicht ohne Erziehung, aber in der ganzen dazwischenliegenden Zeit hatte er weder Bücher noch Zeitungen gelesen. Er hatte keine Ahnung, was in der Welt seither geschehen war – aber es interessierte ihn auch gar nicht, es zu erfahren. Er hatte etwas von den Goldsuchern am Yukon und von dem großen Goldfund in Klondike gehört. Aber die Goldsucher hatten nie sein Gebiet betreten, und er freute sich aufrichtig darüber. Die Welt außerhalb seines Territoriums existierte nicht für ihn.

 

Und er duldete nicht, daß sie erwähnt wurde.

 

In dieser Beziehung konnte Labiskwee auch keine Auskunft geben. Sie selbst war in den Jagdgründen geboren. Ihre Mutter hatte noch sechs Jahre gelebt… sie war die einzige weiße Frau, die Labiskwee je gesehen hatte. Sie erzählte ihm das mit einem wehmütigsehnsuchtsvollen Klang in der Stimme. Überhaupt zeigte sie bei tausend Gelegenheiten, daß sie ein wenig von der großen fremden Welt wußte, deren Tür ihr Vater so fest verriegelt hatte. Aber sie bewahrte dieses Wissen wie ein furchtbares Geheimnis, das sie ängstlich hüten mußte.

 

Labiskwee hatte schon längst aus Erfahrung gelernt, daß ihr Vater bei jeder Erwähnung der fremden Welt wahre Wutanfälle bekam.

 

Anton hatte einst einer Indianerin von ihrer Mutter erzählt, und er war es, der gesagt hatte, daß sie die Tochter eines hohen Beamten der Hudson-Bucht-Company gewesen war. Später hatte diese Squaw es dann Labiskwee selbst weitererzählt.

 

Aber den Namen ihrer Mutter hatte sie nie gekannt.

 

Als Quelle bedeutungsvoller Informationen war der gute McCan absolut untauglich. Er liebte überhaupt keine Abenteuer. Das Leben in der Einöde war ihm ein Greuel, und doch hatte er neun Jahre hier verbracht. In San Franzisko war er von einem Heuerbaas schanghait worden, aber später bei Point Barrow mit drei Kameraden von dem Walfängerschiff desertiert. Zwei von ihnen waren längst gestorben, und der dritte hatte ihn auf der furchtbaren Wanderung nach dem Süden verlassen. Zwei Jahre hatte er unter den Eskimos verbracht, bevor er den Mut fand, die Wanderung nach dem Süden fortzusetzen… und dann, nur noch wenige Tagesreisen von einer der Stationen der Hudson-Bucht-Company entfernt, wurde er von einer kleinen Schar von Snass‘ jungen Männern eingefangen. Er war ein schmächtiger, unintelligenter Mensch, der an einer Augenkrankheit litt. Und er konnte von nichts anderem sprechen und träumen als von der Möglichkeit, nach San Franzisko und zu seinem geliebten Maurerhandwerk zurückzukehren.

 

»Sie sind der erste intelligente Mensch, den wir hier gehabt haben«, erklärte Snass liebenswürdig, als er und Kid eines Abends am Feuer saßen. »Das heißt, mit Ausnahme von Vierauge, so wurde der Alte von meinen Indianern genannt, denn er trug eine Brille und war sehr kurzsichtig. Er war ursprünglich Professor der Zoologie…« Kid bemerkte, wie korrekt Snass dieses Fremdwort aussprach… »Er starb vor gut einem Jahr. Meine jungen Männer fanden ihn, als er sich von seiner Expedition am oberen Porcupine verirrt hatte. Er war sehr intelligent… o ja… aber dabei freilich auch ein Narr… das war seine Schwäche… er verirrte sich immer! Er war gründlich in Geologie beschlagen und wußte, wie man Metall bearbeitet. Drüben am Luskwa, wo Kohle ist, haben wir auch einige sehr anständige Handschmieden nach seiner Anleitung eingerichtet. Er reparierte unsere Gewehre und lehrte auch unsere jungen Männer, wie sie es machen sollten. Er starb leider voriges Jahr, und wir haben ihn ehrlich vermißt. Er verirrte sich… er tat es, wirklich… und erfror kaum eine Meile von unserem Lager.«

 

Am selben Abend sagte Snass zu Kid: »Es wäre klüger, wenn Sie sich eine Frau wählen würden, so daß Sie Ihr eigenes Feuer bekommen könnten. Dann würden Sie es viel bequemer haben als bei den jungen Leuten. Das Feuer der Jungfrauen wird erst angezündet, wenn Hochsommer und Lachs da sind… es ist so eine Art Fest der Jungfrauen, wissen Sie… aber ich kann es früher tun lassen, wenn Sie es wünschen.«

 

Kid lachte und schüttelte den Kopf.

 

»Vergessen Sie nicht«, beendete Snass ruhig die Unterredung. »Anton ist der einzige, der jemals von hier entkam. Er hatte Glück – ganz außergewöhnliches Glück.«

 

Labiskwee erzählte Kid, daß ihr Vater einen eisernen Willen hatte.

 

»Vierauge pflegte ihn den gefrorenen Seeräuber zu nennen – ich weiß nicht, was er damit meinte – oder den Tyrannen des Eises, den Höhlenbären, den primitiven Tiermenschen, den König der Rentiere, den bärtigen Panther und mit einer Menge ähnlicher Namen zu nennen. Vierauge liebte solche Ausdrücke sehr. Er lehrte mich auch mein erstes Englisch. Er machte immer Späße. Man wußte nie, wo er eigentlich hinwollte. Er nannte mich seinen Cheetah-Kameraden, wenn ich zornig gewesen war. Was bedeutet eigentlich Cheetah?«

 

Sie plauderte weiter mit einer eifrigen und offenen Kindlichkeit, die Kid nicht gleich mit der reifen Fraulichkeit ihrer Gestalt und ihres Gesichts in Einklang bringen konnte.

 

Ja, ihr Vater war eisern und herrisch. Alle fürchteten ihn.

 

Wenn er zornig wurde, war er schreckenerregend. Da war zum Beispiel die Geschichte mit den Leuten aus Porcupine. Durch sie und die Leute von Luskwa verkaufte er seine Felle an die Handelsstationen, und durch sie erhielt er auch seine Vorräte an Munition und Tabak. Er war stets korrekt in seinen Geschäften, aber der Häuptling der Porcupines versuchte ihn zu betrügen. Und nachdem Snass ihn zweimal gewarnt hatte, brannte er sein hölzernes Dorf ab, und mehr als ein Dutzend Porcupines fielen in dem Kampf. Aber mit dem Betrügen war es ein für allemal vorbei! Ein andermal war es – als sie noch ein kleines Kind war – geschehen, daß ein Weißer zu fliehen versuchte… aber Snass fing und tötete ihn, das heißt, er selbst tat es natürlich nicht, sondern er gab den jungen Männern des Stammes Befehl, es zu tun. Keiner der Indianer würde es wagen, ihrem Vater nicht zu gehorchen.

 

Aber je mehr Kid von ihr erfuhr, um so mehr vertiefte sich das Geheimnis, das die Persönlichkeit Snass‘ umgab.

 

»Und erzählen Sie mir doch, ob es wahr ist«, fragte das junge Mädchen, »ob es wahr ist, daß einst ein Mann und seine Frau gelebt haben, die Paolo und Francesca hießen und einander über alles in der Welt liebten?«

 

Kid nickte.

 

»Vierauge erzählte mir von ihnen«, berichtete sie und strahlte dabei vor Glück. »Er hat es also nicht selbst erfunden, wie es scheint. Sie sehen, ich war nicht ganz sicher… ich habe meinen Vater einmal gefragt, aber er wurde nur böse. Die Indianer haben mir verraten, daß er dem armen Vierauge deswegen furchtbare Vorwürfe machte. Dann gab es ja auch zwei, die Tristan und Isolde hießen… zwei Isolden sogar. Es war schrecklich traurig, aber ich möchte so furchtbar gern auf diese Weise lieben! Tun alle jungen Männer und Frauen in der Welt so wie die beiden? Hier tun sie es nicht! Sie heiraten einfach… sie scheinen gar keine Zeit zum Lieben zu haben. Aber ich bin Engländerin und würde nie einen Indianer heiraten – würden Sie? – Deshalb habe ich nie mein Jungfrauenfeuer angezündet. Einige von den jungen Männern quälen meinen Vater immer, daß er mich zwingen soll, es zu tun. Einer von ihnen ist Libash – ein großer Jäger. Und Mahkook kommt immer hierher und singt seine Lieder. Er ist verrückt! Wenn Sie heute abend nach Dunkelwerden in mein Zelt kommen wollen, werden Sie ihn in der Kälte stehen sehen und singen hören. Aber mein Vater sagt immer, ich soll tun, was ich will, und deshalb zünde ich mein Feuer nicht an. Sehen Sie… wenn ein Mädchen sich entschlossen hat zu heiraten, zündet sie ein Feuer an, um es den jungen Männern auf diese Weise bekanntzugeben. Vierauge sagte immer, daß es eine schöne Sitte sei. Aber er selbst nahm sich keine Frau. Vielleicht nur, weil er zu alt war. Er hatte fast keine Haare mehr, aber ich finde doch nicht, daß er so furchtbar alt war. Und wie können Sie es denn wissen, wenn Sie von der richtigen Liebe erfaßt werden – so wie Paolo und Francesca, meine ich?«

 

Der klare Blick ihrer blauen Augen verwirrte Kid.

 

»Ja, man sagt…«, stotterte er, »… sie sagen… also diejenigen, die selbst lieben… die sagen, daß Liebe mehr wert sei als das Leben. Wenn einer merkt, daß er – oder sie – einen andern lieber hat als sonst jemand in der ganzen Welt… ja, dann weiß er, daß er liebt. So geht es… aber es ist unendlich schwer zu erklären. Man weiß es einfach… das ist alles!«

 

Sie starrte durch den beißenden Rauch des Lagerfeuers in den blauen Abend hinaus. Dann seufzte sie tief und wandte sich wieder dem Handschuh zu, an dem sie gerade nähte.

 

»Nun ja«, sagte sie in einem Ton, als ob sie einen endgültigen Entschluß faßte, »ich werde jedenfalls nie heiraten… nie.«

 

 

»Wenn es uns je gelingt, aus dem Lager zu entkommen, werden wir die Beine ordentlich gebrauchen müssen«, sagte Kurz mißmutig.

 

»Ja… die Gegend hier ist eine einzige Riesenfalle«, stimmte Kid ihm bei.

 

Von der Kuppe eines nackten Felsens blickten sie über das schneebedeckte Reich Snass‘ hinaus. Im Osten, Westen und Süden war es von hohen Zinnen und zackigen Ketten eingeschlossen. Gegen Norden schien das wellenförmige Gelände schier unendlich… aber es war ihnen bekannt, daß auch in dieser Richtung ein Dutzend querlaufender Gebirgsketten alle Wege verriegelten.

 

»Zu dieser Jahreszeit könnte ich Ihnen drei Tage Vorsprung geben«, sagte Snass am selben Abend zu Kid. »Sie können Ihre Fährte gar nicht verstecken, wissen Sie? Anton flüchtete, als der Schnee geschmolzen war. Meine jungen Leute laufen ebenso schnell wie der schnellste Weiße… außerdem würden Sie ja den Weg für sie festtreten. Und wenn der Schnee geschmolzen ist, werde ich schon dafür sorgen, daß Sie nicht die Chancen bekommen, die Anton seinerzeit hatte. Das Leben hier ist schön! Und die Erinnerung an die Welt schwindet sehr schnell. Ich habe mich nie von meinem Staunen erholt, daß es so leicht war, ohne diese Welt zu leben, die ihr die eure nennt.«

 

 

»Was mir besondere Sorge macht, ist, daß wir Danny McCan mitnehmen müssen«, vertraute Kurz Kid an. »Er taugt nicht für große Fahrten. Aber er schwört alle möglichen heiligen Eide, daß er den Weg nach dem Westen kennt, und deshalb müssen wir ja einen Versuch mit ihm machen, Kid, sonst wird dein Schicksal bald entschieden sein.«

 

»Soo?…« sagte Kid. »Wir sitzen doch wohl im selben Boot.«

 

»O nein, durchaus nicht, mein Freund… für dich birgt das Schicksal etwas ganz anderes im Busen.«

 

»Wieso?«

 

»Hast du die letzte Neuigkeit noch nicht gehört?«

 

Kid schüttelte den Kopf.

 

»Die Junggesellen haben es mir erzählt. Sie hatten es gerade erfahren. Heute abend geht’s los… obgleich es für die Geschichte eigentlich mehrere Monate zu früh ist.«

 

Kid zuckte die Achseln.

 

»Interessiert es dich nicht, das Nähere zu hören?«

 

»Ich warte ja darauf.«

 

»Gut… Dannys Frau hat es den Junggesellen erzählt…« Kurz machte eine Pause, um den Eindruck zu erhöhen. »Und die Junggesellen haben es natürlich wieder mir erzählt… nämlich, daß heute abend das Jungfrauenfeuer angezündet werden soll. Das ist alles. Wie gefällt dir die Geschichte?«

 

»Ich verstehe nicht, was du meinst, Kurz.«

 

»Ach nee… wirklich? Mir scheint es wahrhaftig einfach und klar genug! Es ist ein Mädel nach dir aus, und dies Mädel will ein Feuer anstecken, und das Mädel heißt Labiskwee! O ja, ich habe schon bemerkt, wie sie dich anguckt, wenn du es nicht siehst! Sie hat ja auch noch nie ein Feuer anzünden wollen. Sie sagte immer, daß sie keinen Indianer nehmen wollte -. Und wenn sie jetzt ihr Feuer anzündet, so ist es todsicher, daß es meinem armen, unglücklichen Freund Alaska-Kid gilt.«

 

»Das klingt ja ganz logisch«, sagte Kid. Aber das Herz wurde ihm sehr schwer, denn er entsann sich, wie seltsam Labiskwee in den letzten Tagen gewesen war.

 

»Ja, siehst du«, meinte Kurz, »so geht es uns immer… sobald wir im Begriff sind, etwas Gutes auszuknobeln, kommt immer so ein verfluchtes Frauenzimmer und verdirbt uns die ganze Mahlzeit. Wir haben in dieser Beziehung ein verdammtes Pech… Holla… horch!«

 

Drei uralte Squaws waren gerade zwischen dem Lager der Junggesellen und dem McCans stehengeblieben, und die älteste von ihnen hielt in schrillem Falsett einen Vortrag.

 

Kid verstand nur die Namen, aber nicht alle Worte, die Kurz ihm indessen mit wehmütiger Ironie übersetzte.

 

»Labiskwee, die Tochter Snass‘, des Herrn des Regens, des großen Häuptlings, zündet heute abend zum ersten Male ihr Jungfrauenfeuer an. Maka, die Tochter Owits, des gewaltigen Jägers…«

 

Im ganzen wurden die Namen von fünf bis sechs jungen Mädchen genannt… dann watschelten die drei Heroldinnen weiter nach dem nächsten Feuer, um ihre Botschaft dort zu verkünden.

 

Die Junggesellen, die im jugendlichen Übermut geschworen hatten, kein Mädchen je anreden zu wollen, bezeigten kein Interesse für die angekündigte Zeremonie. Um ihre Geringschätzung so deutlich wie möglich zum Ausdruck zu bringen, begannen sie sofort eine Expedition vorzubereiten, die Snass ihnen befohlen hatte, die aber freilich eigentlich erst am nächsten Tag stattfinden sollte. Der Häuptling war nämlich unzufrieden mit den Erklärungen, die die alten Jäger über die Wanderung der Rentiere gaben, weil er selbst der Ansicht war, daß die Herde sich geteilt hatte. Den Junggesellen war deshalb die Aufgabe gestellt worden, nach Norden und Westen vorzustoßen, um die zweite Abteilung der großen Herde dort zu suchen. Kid, der sich durch Labiskwees Feuer sehr beunruhigt fühlte, erklärte, die Junggesellen begleiten zu wollen. Vorher aber hatte er eine Unterredung mit Kurz und McCan.

 

»Am dritten Tag mußt du also da sein, Kid«, sagte Kurz. »Wir bringen die Ausrüstung und die Hunde mit.«

 

»Aber vergiß nicht«, warnte ihn Kid, »wenn wir uns aus irgendeinem Grund nicht treffen sollten, dann geht ihr doch weiter, bis ihr den Yukon erreicht… das ist ja selbstverständlich, denn wenn euch das gelingt, könnt ihr nächsten Sommer wiederkommen und mich holen. Und wenn es mir gelingt, zu entkommen, werde ich natürlich dasselbe tun und euch nächstes Jahr holen.«

 

McCan, der an seinem Feuer stand, zeigte mit dem Blick auf einen zackigen Berg drüben, wo die westliche Gebirgskette in die Ebene verlief.

 

»Da drüben ist es«, sagte er. »Ein schmaler Fluß auf der Südseite. Wir gehen den Strom hinauf. Am dritten Tag treffen Sie uns dann! Denn am dritten Tag überschreiten wir den Fluß. Wo Sie ihn auch erreichen, werden Sie entweder uns oder unsere Fährte treffen.«

 

 

Aber am dritten Tag fand Kid überhaupt gar keine Möglichkeit zu entfliehen. Die Junggesellen hatten die Richtung, in der sie zogen, geändert. Während Kurz und McCan mit ihren Hunden den Strom hinaufzogen, befanden sich Kid und die jungen Männer sechzig Meilen entfernt an einem Ort, wo sie der Fährte der Herde nordwärts folgten. Erst mehrere Tage später kamen sie an einem dunklen Abend im Schneegestöber in das große Lager zurück. Eine Indianerin, die an einem Feuer saß und klagte, sprang auf, als sie Kid sah, und lief auf ihn zu.

 

Wild und böse blickend, verfluchte sie ihn, während sie mit den Armen auf eine stumme, pelzbekleidete Gestalt zeigte, die reglos auf einem Schlitten lag.

 

Kid konnte nur ahnen, was geschehen war, und als er das Feuer McCans erreichte, war er deshalb darauf vorbereitet, hier wiederum verflucht zu werden. Statt dessen sah er aber McCan gemütlich am Feuer sitzen und mit gutem Appetit einen großen Bissen Rentierfleisch verzehren.

 

»Ich bin keine Kampfnatur«, erklärte der Ire klagend. »Aber Kurz ist geflohen, wenn sie ihm auch noch auf den Fersen sind. Er wird sich schon kräftig schlagen… aber sie werden ihn doch kriegen. Er hat ja keine Möglichkeit zu entkommen. Er hat übrigens zwei junge Indianer verwundet, aber die werden sich schon erholen. Einen hat er freilich gerade durch die Brust geschossen.«

 

»Ja, ich weiß schon«, sagte Kid. »Ich habe soeben seine Witwe gesehen.«

 

»Der alte Snass wünscht mit Ihnen zu sprechen«, fügte McCan hinzu. »Er hat schon Befehl gegeben: Sobald Sie zurück sind, sollen Sie gleich an sein Feuer kommen. Ich habe kein Wort von Ihnen gesagt! Sie wissen also von gar nichts! Vergessen Sie das nicht… Kurz ist ganz von selbst mit mir davongelaufen.«

 

Am Feuer des Häuptlings traf Kid Labiskwee. Sie sah ihn mit Augen an, die von solcher Wärme und Liebe leuchteten, daß ihm angst und bange wurde. »Ich bin so glücklich, daß Sie nicht auch fortgelaufen sind«, sagte sie. »Sie sehen ja, daß ich…«, sie zögerte einen Augenblick, schlug aber die Augen nicht nieder… es funkelte in ihnen ein Licht, das nicht mißzuverstehen war… »Ich habe mein Feuer angezündet… und natürlich für Sie. Es ist geschehen… ich habe Sie mehr liebgewonnen als sonst jemand in der Welt… lieber als meinen Vater, lieber als tausend Männer wie Libash oder Mahkook. Ich liebe… es ist sehr seltsam… ich liebe, wie Francesca geliebt hat, wie Isolde es getan. Der alte Vierauge hat die Wahrheit gesprochen! Auf diese Weise können Indianer nicht lieben. Aber meine Augen sind blau, meine Haut ist weiß… Wir sind beide weiß, Sie und ich…«

 

Zum erstenmal in seinem Leben war Kid Gegenstand einer Werbung, und er wußte deshalb nicht, wie er sich benehmen sollte. Ja, schlimmer noch… es war keine Werbung im üblichen Sinne, denn die Werbung ging davon aus, daß er mit ihr einig war. So sicher fühlte Labiskwee sich seiner Gegenliebe, so warm und weich war das Licht in ihren Augen, daß er sich nur wunderte, daß sie nicht ihre Arme um seinen Hals schlang und ihren süßen Kopf an seine Brust lehnte. Da wurde ihm klar, daß sie – trotz der keuschen Freimütigkeit ihrer Gefühle – noch nichts von den zarten Mitteln der Liebe wußte. Unter den primitiven Indianern kennt man dergleichen ja nicht. Sie hatte keine Möglichkeit gehabt, sie kennenzulernen.

 

Sie plauderte weiter, und jedes Wort, das sie sagte, verriet, wie glücklich ihre Liebe sie machte, während Kid mit sich kämpfte, um einen Weg zu finden, sie durch die Wahrheit zu verwunden, in der Hoffnung, sie dadurch abzukühlen. Nur jetzt hatte er Gelegenheit, der unerquicklichen Lage ein für allemal ein Ende zu machen.

 

»Aber hören Sie doch, bitte, Labiskwee«, begann er. »Sind Sie denn auch sicher, daß Vierauge Ihnen die Geschichte von Paolo und Francesca zu Ende erzählt hat?«

 

Sie schlug begeistert die Hände zusammen und lachte in einem wahren Rausch unschuldiger Freude. »Oh!« rief sie. »Die Geschichte geht also weiter! Ich wußte ja, daß es mehr und immer mehr Liebe geben mußte! Ich habe so viel darüber nachgedacht, seit ich selbst zu lieben begann… Ich habe…«

 

Aber in diesem Augenblick trat Snass aus der Dunkelheit und den fallenden Schneeflocken in den hellen Lichtkreis des Feuers, und Kid wußte, daß er die einzige Gelegenheit verpaßt hatte.

 

»Guten Abend«, knurrte Snass barsch. »Ihr Kamerad hat eine nette Verwirrung hier angerichtet. Es freut mich, daß Sie wenigstens vernünftiger gewesen sind.«

 

»Erzählen Sie mir bitte zuerst, was geschehen ist«, bat Kid.

 

Das Blitzen der weißen Zähne in dem grauen Bart machte einen unheimlichen Eindruck auf Kid.

 

»Natürlich kann ich Ihnen die Sache gern erst erzählen. Ihr Freund hat einen meiner Leute getötet. Diese schleimige Memme, der McCan, floh beim ersten Schuß. Er wird nie wieder den Versuch machen, wegzulaufen. Aber meine Jäger haben Ihren Freund in den Bergen eingeschlossen und werden ihn schon kriegen. Er wird nie den Yukon erreichen! Und was Sie betrifft, so wird es am besten sein, wenn Sie künftig an meinem Feuer schlafen. Es gibt auch kein Herumstrolchen mit den jungen Männern mehr. Ich werde schon aufpassen.«

 

 

Kids Lage war sehr schwierig geworden, seit er sich immer am Feuer Snass‘ aufhalten mußte. Er sah Labiskwee jetzt öfter als je. Eben weil ihre Liebe so süß und keusch war, brachte ihr Freimut ihn in unbeschreiblich heikle Situationen. All ihre Blicke waren Blicke der Liebe; sooft sie ihn ansah, war es wie eine Liebkosung. Immer wieder entschloß er sich, ihr von Joy Gastell zu erzählen, und immer wieder mußte er feststellen, daß er ein moralischer Feigling war. Das Furchtbarste dabei war, daß Labiskwee so unendlich bezaubernd war. Es war eine Freude, sie anzusehen. Obgleich seine Selbstachtung sich krümmte, sobald er mit ihr zusammen war, freute er sich doch über jede Minute, die er mit ihr verbrachte. Zum erstenmal in seinem Leben lernte er eine Frau richtig kennen, und so klar und hell war Labiskwees Seele, so rührend und verführerisch in ihrer Unschuld und Unwissenheit, daß er in ihr wie in einem Buch lesen konnte. Die ganze Güte des Weibes, die seit uralten Zeiten in der Seele der Frau lebt, war auch in ihr unberührt geblieben von der Kenntnis der Anforderungen der Konvention und von dem Betrug der Notwehr, die so oft die Frauen zivilisierter Völker verdirbt und entartet. In seinem Gedächtnis ging er wieder den Gedanken Schopenhauers nach und erkannte hinter allen Sophismen, daß dieser schwermütige Philosoph sich in allen Punkten irrte. Die Frau kennenzulernen, wie er Labiskwee kennenlernte, war gleichbedeutend mit der Erkenntnis, daß alle Weiberfeinde nur kranke Menschen waren.

 

Labiskwee war einfach wundervoll, und doch brannte neben ihrem Gesicht, das er täglich in der Wirklichkeit sah, das traumhafte Bild Joy Gastells. Joy konnte sich beherrschen, sie konnte ihre Gefühle zurückhalten, sie besaß alle Hemmungen, die unsere Zivilisation von Frauen verlangt. Und doch war seine Phantasie und die lebendige Kraft der Frau, die neben ihm saß, so seltsam, daß Joy Gastell ihm von derselben Güte wie Labiskwee erschien. Die eine erhöhte nur den Wert der andern, und der Wert aller Frauen der Welt stieg in den Augen Kids durch alles, was er in der wunderbaren Seele Labiskwees abends am Feuer Snass‘ im Schneelande las.

 

Und Kid lernte auch vieles über sich selbst. Er gedachte aller Erlebnisse, die er mit Joy Gastell gehabt hatte, und erkannte, daß er sie liebte. Und dennoch war er von Labiskwee entzückt.

 

Und war dies Entzücken denn etwas anderes als Liebe? Er konnte seinen Zustand mit keinem geringeren Wort bezeichnen. Es war Liebe! Es mußte Liebe sein! Und er wurde bis in die Wurzel seines Wesens erschüttert, als er diesen polygamen Zug bei sich feststellte. In den Ateliers von San Franzisko hatte er öfters behaupten hören, daß ein Mann zwei Frauen gleichzeitig lieben könnte. Damals hatte er es nicht für möglich gehalten… und wie hätte er es auch glauben sollen, solange er selbst keine Erfahrung auf diesem Gebiet gemacht hatte? Jetzt lag die Sache natürlich ganz anders. Er wußte jetzt, daß er tatsächlich zwei Frauen gleichzeitig liebte, ehrlich und aufrichtig liebte. Und wenn er auch vielleicht meistens überzeugt war, daß seine Liebe zu Joy Gastell die tiefere war, gab es doch auch sehr viele Stunden, in denen er mit derselben unerschütterlichen Sicherheit wußte, daß seine Liebe zu Labiskwee doch noch größer war.

 

»Es muß sehr viele Frauen in der Welt geben«, sagte sie eines Tages in ihrer naiven Art. »Und Frauen haben die Männer gern. Viele Frauen müssen auch Sie geliebt haben. Erzählen Sie mir doch bitte von ihnen.«

 

Er gab keine Antwort.

 

»Erzählen Sie mir doch«, bat sie eindringlich. »Ist es denn nicht so?«

 

»Ich bin nie verheiratet gewesen«, sagte er mit einem Versuch, die Frage zu umgehen.

 

»Und sonst haben Sie nie geliebt? Gibt es keine andere Isolde in eurer Welt hinter unsern Bergen?«

 

In diesem Augenblick erkannte Kid mit Bitterkeit, daß er ein Feigling war. Denn er log. Er tat es widerstrebend, aber er tat es. Er schüttelte den Kopf und lächelte dabei langsam und nachsichtig. Und es war mehr Liebe in seinen Augen, als er selbst ahnte, auch in dem Augenblick, als er bemerkte, wie eine unbeschreibliche Freude das Gesicht Labiskwees verklärte. Er versuchte, sich vor sich selbst zu entschuldigen.

 

Er wußte aber selbst sehr gut, daß seine Gründe überaus spitzfindig waren. Anderseits war er doch nicht Spartaner genug, um ihr kindlich-frauliches Herz tödlich verwunden zu können.

 

Auch Snass tat das Seinige, um das Problem noch verwickelter zu machen.

 

»Kein Mann sieht seine Tochter gern verheiratet«, sagte er zu Kid. »Am allerwenigsten, wenn er ein wenig Phantasie besitzt. Es tut weh… selbst der Gedanke daran tut einem einfach weh! Und doch gehört es ja zur Ordnung der Natur. Und auch Margaret muß einmal heiraten. – Ich bin ein harter und grausamer Mann, das weiß ich«, erklärte er weiter. »Aber Gesetz ist Gesetz, und ich bin gerecht. Ja… für dieses Volk bin ich sogar das Gesetz und die Gerechtigkeit selbst…«

 

Kid erfuhr nie, wohin er eigentlich mit seinen Worten zielte, denn sie wurden von einem lauten Schimpfen unterbrochen, das durch das silberne Lachen Labiskwees abgelöst wurde. Ein schmerzlicher Zug ging über Snass‘ Gesicht.

 

»Ich werde es ertragen müssen«, murmelte er grimmig. »Margaret muß heiraten… und es ist mein Glück… und auch das Ihre, daß Sie bei uns sind.«

 

Dann kam Labiskwee aus dem Zelt und setzte sich mit einem Wolfsjungen in den Armen ans Feuer. Wie von einem Magnet angezogen, starrten ihre Augen den Mann an, den sie liebte.

 

Und ihre blauen Augen leuchteten von dieser Liebe, die keine Unnatur sie zu verbergen gelehrt hatte.

 

 

»Hören Sie, was ich Ihnen sage«, predigte McCan. »Der Frühling ist gekommen, und es beginnt schon zu tauen. Auf dem Schnee wird sich bald eine harte Kruste bilden. Jetzt würde die richtige Zeit zum Wandern sein, wären nicht die Frühlingsstürme im Gebirge… ich kenne sie. Ich würde mit einem schwächeren Mann als Sie eine solche Wanderung nicht unternehmen.«

 

»Aber Sie können ja selbst nicht laufen«, wiedersprach Kid. »Sie können überhaupt nie mit einem Schritt halten. Ihr Rückgrat ist schlapp wie gekochtes Mark. Wenn ich gehen will, gehe ich allein. Aber die Welt verdorrt allmählich, und es ist sehr wohl möglich, daß ich nie von hier wegkommen werde. Rentierfleisch schmeckt sehr gut… und bald kommt der Sommer und mit ihm der Lachs.«

 

Snass sagte: »Ihr Freund ist tot. Aber meine Jäger haben ihn nicht getötet… sie fanden seinen Leichnam steifgefroren in den ersten Frühlingsstürmen im Gebirge. Keiner kann von hier entkommen. Wann werden wir die Hochzeit feiern?«

 

Und Labiskwee sagte: »Ich beobachte dich. Es regt sich Sehnsucht in deinen Augen, in deinem Gesicht. Oh, ich kenne jede Bewegung, jeden Ausdruck deines Gesichtes. Du hast eine kleine Narbe am Hals, gerade unter dem rechten Ohr. Wenn du glücklich bist, ziehen sich deine Mundwinkel nach oben, wenn du an etwas Trauriges denkst, nach unten. Wenn du lächelst, hast du drei oder vier Runzeln in deinen Augenwinkeln. Wenn du aber lachst, sind es sechs! Zuweilen habe ich sogar sieben gezählt. Aber jetzt kann ich sie nicht mehr zählen! Ich habe nie Bücher lesen gelernt. Ich weiß nicht, wie man liest. Aber Vierauge hat mich vieles gelehrt. Ich kann sehr gut Grammatik, die hat er mich gelehrt. Und in seinen Augen lernte ich die Sehnsucht nach der Welt lesen. Ihn hungerte sehr oft nach der Welt! Und doch ist das Fleisch hier gut, und es gab Fisch in Hülle und Fülle, und Beeren und Wurzeln und oft genug Mehl, das wir für die Felle bekommen, die die Leute am Porcupine und am Luskwa für uns verkaufen… aber ihn hungerte nach der Welt selbst und nach ihrem Leben. Ist denn die Welt so wunderbar, daß auch du dich nach ihr sehnst? Vierauge besaß nichts. Aber du… du hast ja mich…«

 

Sie seufzte und schüttelte den Kopf.

 

»Als Vierauge starb, war er noch voller Hunger nach der Welt. Und wenn du immer hier leben müßtest, würde dich dann nicht auch nach der Welt hungern, bis du stürbest? Ich fürchte, daß ich die Welt nicht kenne. Möchtest du denn so gerne fliehen, um diese Welt, nach der du hungerst, wiederzusehen?«

 

Kid konnte nicht sprechen, aber aus seinen Mundwinkeln las sie, was er dachte und empfand. Und das überzeugte sie.

 

Minuten vergingen schweigend, in denen sie furchtbar mit sich kämpfte, während Kid der unerwarteten Schwäche fluchte, die es ihm unmöglich machte, seinen Hunger nach der früheren Welt zu verhehlen, ihn aber zwang, ihr die Wahrheit von der andern Frau zu verschweigen.

 

Wieder seufzte Labiskwee.

 

»Gut, mein Freund… ich liebe dich mehr, als ich den Zorn meines Vaters fürchte, und doch ist er gefährlicher in seinem Zorn als die Stürme in den Bergen. Du hast mir erzählt, was Liebe ist. Und dies ist eine Probe meiner Liebe. Ich werde dir helfen, in deine frühere Welt zurückzukehren.«

 

 

Leise und vorsichtig wurde Kid geweckt. Warme, kleine Finger strichen sanft über seine Wange und legten sich weich auf seine Lippen. Dann merkte er, wie Pelzwerk, das die Kälte draußen mit eisigem Reif bedeckt hatte, seine Haut kitzelte.

 

Und ein einziges Wort wurde in sein Ohr geflüstert: »Komm.«

 

Er erhob sich vorsichtig und lauschte. Die vielen hundert Wolfshunde des Lagers hatten ihren Nachtgesang angestimmt, aber trotz diesem gewaltigen Geheul konnte er ganz dicht neben sich Snass leicht und regelmäßig atmen hören.

 

Leise zupfte Labiskwee ihn am Ärmel, und er verstand, daß er ihr folgen sollte. Er nahm seine Mokassins und die wollenen Strümpfe in die Hand und kroch, noch in den Schlafmokassins, in den Schnee hinaus. Auf der andern Seite des Lagerfeuers, dessen Glut noch nicht ganz erloschen war, bedeutete sie ihm durch Zeichen, daß er seine Wandermokassins anziehen sollte.

 

Und während er ihrem Wunsche nachkam, schlüpfte sie noch einmal in das Zelt, in dem Snass schlief.

 

Als Kid mit der Hand auf seiner Uhr nach der Zeit fühlte, stellte er fest, daß es ein Uhr nachts war. Es war schon ganz warm, fand er, höchstens zehn Grad unter Null. Labiskwee kam wieder zu ihm und führte ihn durch die dunklen Wege des schlafenden Lagers. Obgleich sie vorsichtig und leise gingen, knisterte der Schnee doch klirrend unter ihren Mokassins, aber das Geräusch ertrank in dem stürmischen Geheul der Hunde.

 

»Jetzt können wir endlich reden«, sagte sie, als das letzte Feuer des Lagers eine halbe Meile hinter ihnen lag. Im hellen Sternenlicht standen sie Angesicht zu Angesicht da. Jetzt erst sah Kid, daß sie eine schwere Last in ihren Armen trug. Und als er nachfühlte, stellte er fest, daß sie seine Schneeschuhe, einen Stutzen, zwei Patronengürtel und seinen Schlafsack mitgenommen hatte.

 

»Es ist alles da«, sagte sie und lachte glücklich. »Ich habe zwei Tage gebraucht, um das Versteck einzurichten. Wir haben Fleisch, ein bißchen Mehl, Streichhölzer und Indianerschneeschuhe, die für die harte Kruste am besten sind; selbst wenn sie zerbrechen, hält das Netzwerk doch. Oh, ich kann schon Schneeschuh laufen, und wir werden schnell gehen können, mein Geliebter.«

 

Kid bezwang seine Zunge… Daß sie diese Flucht vorbereitet hatte, war ihm schon eine große Überraschung, daß sie ihn aber selbst begleiten wollte, war mehr, als er gedacht hatte.

 

Außerstande, sofort einen Entschluß zu fassen, nahm er ihr freundlich ein Bündel nach dem andern ab. Dann legte er seinen Arm um sie und preßte sie eng an sich, wußte aber immer noch nicht, was er tun sollte.

 

»Gott ist so gut«, flüsterte sie. »Er hat mir einen Mann geschickt, der mich liebt.«

 

Kid war doch anständig genug, ihr nicht vorzuschlagen, daß er allein gehen sollte. Und bevor er zu reden begann, fühlte er, wie all seine Erinnerungen an die glückliche Welt und die Länder der Sonne dahinschwanden und welkten.

 

»Wir werden umkehren, Labiskwee«, sagte er. »Du sollst meine Frau sein, und wir werden immer bei dem Volk der Rentiere leben.«

 

»Nein… nein« – sie schüttelte den Kopf. Und selbst ihr Körper, den er umfaßt hielt, sträubte sich gegen seinen Vorschlag. »Ich weiß zu gut Bescheid. Ich habe zuviel darüber nachgedacht. Dich würde ja doch der Hunger nach der Welt packen, und in den langen Nächten würde er dein Herz ganz verzehren. Vierauge starb vor Sehnsucht nach der Welt. So würdest auch du sterben! Und ich will nicht, daß du stirbst. Wir werden den Schnee der Berge durchwandern, bis wir nach dem Süden gelangt sind.«

 

»Höre, Geliebte«, bat er. »Laß uns umkehren.«

 

Sie legte ihren Handschuh leise gegen seine Lippen, um zu verhindern, daß er weitersprach.

 

»Du liebst mich… sag, daß du mich liebst.«

 

»Ich liebe dich, Labiskwee. Du bist meine wunderbare, süße Geliebte.«

 

Wieder hinderte der sanfte Druck des Handschuhs ihn am Weitersprechen. »Laß uns nach dem Versteck gehen«, sagte sie entschlossen. »Es liegt drei Meilen von hier.«

 

Er hielt sie zurück, und so stark sie auch an seinen Armen zerrte, konnte sie ihn doch nicht von der Stelle bringen. Er fühlte sich fast versucht, ihr von der andern Frau fern im Süden zu erzählen, die er liebte.

 

»Es würde ein furchtbares Unrecht gegen dich sein, wenn wir umkehren sollten«, sagte sie. »Ich bin… ich bin nur ein kleines wildes Mädchen, und ich habe Angst vor der Welt, aber noch mehr fürchte ich für dich. Du siehst, es ist alles ganz, wie du mir erzählt hast. Ich liebe dich mehr als sonst etwas in dieser Welt. Ich liebe dich viel mehr als mich selbst. Alle Gedanken in meinem Herzen leuchten nur für dich, so hell und so zahlreich wie die Sterne am Himmel… und es gibt keine Sprache, die reich genug für sie wäre. Wie sollte ich sie dir alle sagen können… Sie sind nur da, fühlst du?«

 

Und während sie sprach, zog sie ihm den Fäustling von der Hand und führte sie unter ihre warme Parka, bis sie auf ihrem Herzen ruhte. Fest preßte sie seine Hand an sich. Und während sie beide schwiegen, spürte er das Klopfen des Herzens, das Klopfen ihres heißen Herzens… und verstand, daß jeder Schlag, den es schlug, nur von Liebe, immer nur von Liebe sprach. Dann begann ihr Körper – erst ganz langsam, fast unmerkbar – sich von dem seinen zurückzuziehen, und während sie noch immer seine Hand an ihre Brust drückte, begann sie, nach dem Versteck zu gehen. Er vermochte ihr nicht mehr zu widerstehen. Ihm war, als zöge ihn ihr Herz… ihr klopfendes Herz, das so nahe an seiner Hand pochte.

 

Die Eiskruste, die sich nach dem Auftauen gebildet hatte, war so fest, daß sie auf ihren Schneeschuhen sehr schnell vorwärts kamen.

 

»Hier zwischen den Bäumen ist das Versteck«, erzählte Labiskwee Kid.

 

Im nächsten Augenblick faßte sie seinen Arm mit einem Ausruf des Erstaunens. Die Flammen eines kleinen Feuers tanzten lustig zwischen den Bäumen hin und her… und am Feuer hockte kein anderer als McCan. Labiskwee murmelte einige indianische Worte, und das plötzliche Aufblitzen ihrer Augen erinnerte unwillkürlich daran, daß Vierauge sie »Cheetah« genannt hatte.

 

»Ich habe mir ja schon gedacht, daß Sie ohne mich weglaufen würden«, erklärte McCan, als sie ihn erreichten, und seine kleinen stechenden Augen funkelten listig. »Deshalb behielt ich Ihr Mädel im Auge, und als ich sah, daß sie Schneeschuhe und Lebensmittel verbarg, wußte ich ja, woran ich war. Ich habe meine eigenen Schneeschuhe und Lebensmittel mitgebracht. Das Feuer? Ach wo, das ist ganz ungefährlich. Das ganze Lager schnarcht, und das Warten hier war so verdammt kalt. Wollen wir jetzt losgehen?«

 

Labiskwee sah Kid mit einem schnellen, erschrockenen Blick an, aber ebenso schnell hatte sie sich ein Urteil gebildet und sprach. Und als sie sprach, zeigte sie, daß sie in Sachen der Liebe freilich noch ein Kind war, aber in allen anderen Angelegenheiten des Lebens die Fähigkeit, schnelle Entschlüsse zu fassen, besaß, und die Kaltblütigkeit, die es ihr ermöglichte, auf eigenen Füßen zu stehen.

 

»McCan, du bist ein Köter«, fauchte sie, und ihre Augen sprühten wilde Wut. »Ich weiß, daß du die Absicht hast, das Lager zu alarmieren, wenn wir dich nicht mitnehmen. Gut, wir sind also gezwungen, dich mitzunehmen. Aber du kennst meinen Vater. Ich bin von derselben Art wie er. Du wirst deinen Anteil an der Arbeit leisten müssen. Und wenn du uns auch nur einen einzigen schmutzigen Streich zu spielen versuchst, dann würde es besser für dich sein, wenn du nie geflohen wärest.«

 

Als es Tag wurde, hatten sie den Gürtel von niedrigen Hügeln erreicht, der zwischen dem wellenförmigen Gelände und den großen Bergen lag. McCan schlug vor, daß sie frühstücken sollten, aber sie gingen weiter. Erst als die Nachmittagswärme die Schneekruste erweichte und dadurch das Wandern erschwerte, machten sie halt, um zu essen.

 

Labiskwee erklärte Kid, was sie von dem Gelände wußte, und sagte ihm auch, wie sie sich gedacht hatte, die Verfolger hinters Licht zu führen. Es gab nur zwei richtige Wege, einen westlichen und einen südlichen. Snass würde unverzüglich Abteilungen von jungen Kriegern aussenden, die beide Wege beobachten sollten. Aber außerdem gab es noch einen dritten Weg nach Süden. Freilich führte er nur halbwegs bis zu den Bergen, dann schwenkte er plötzlich nach Westen ab, überquerte drei Wasserscheiden und vereinigte sich schließlich mit dem gewöhnlich gebrauchten westlichen Wege. Wenn die Indianer keine Fährte auf dem normalen Wege nach Süden fanden, kehrten sie wahrscheinlich um, in der Annahme, daß die Flüchtlinge den westlichen Weg eingeschlagen hätten, auf keinen Fall aber würden sie darauf kommen, daß sie den weiten Umweg vorgezogen hatten.

 

Während sie noch sprachen, warf Labiskwee einen Blick auf McCan, der als letzter ging, und flüsterte Kid zu: »Er ißt. Das ist kein gutes Zeichen.«

 

Kid beobachtete ihn. Der Ire ging und kaute tatsächlich vorsichtig an einem Klumpen Rentiertalg, den er aus seiner Tasche gezogen hatte.

 

»Zwischen den Mahlzeiten wird nicht gegessen, McCan«, befahl er. »Es gibt kein Wild in dem Gebiet, das vor uns liegt, und wir müssen von Anfang an die Lebensmittel in gleich große Rationen einteilen.«

 

Um ein Uhr war die Kruste so aufgeweicht, daß die Schneeschuhe durchbrachen. Da schlugen sie ihr Lager auf, und die erste Mahlzeit wurde eingenommen. Dann nahm Kid eine Schätzung des Proviantbestandes vor. McCans Bündel war eine Enttäuschung. Er hatte so viele Silberfuchsfelle in seinen Proviantsack gestopft, daß nur wenig Platz für Lebensmittel geblieben war.

 

»Ja… aber ich habe wirklich keine Ahnung gehabt, daß so viele darin waren«, erklärte er. »Ich machte es zu recht, als es noch ganz dunkel war. Aber sie werden viele schöne Dollar geben. Und mit der Menge Munition, die wir mitführen, können wir ja Wild in Hülle und Fülle schießen.«

 

»Die Wölfe werden dich in Hülle und Fülle fressen«, war das einzige, was Kid in seiner Hilflosigkeit zu sagen wußte.

 

Labiskwees Augen blitzten vor Zorn.

 

Sie hatten für einen Monat Proviant – wie Kid und Labiskwee feststellten -, aber freilich nur, wenn sie sehr haushälterisch wirtschafteten und ihren Hunger nie völlig stillten. Kid bestimmte Größe und Gewicht der einzelnen Bündel, nachdem er schließlich Labiskwees dringendem Wunsch, auch einen Teil des Gepäcks zu tragen, hatte nachgeben müssen.

 

Am nächsten Tage erreichten sie eine Stelle, wo das Flußbett sich zu einem großen Gebirgstal erweiterte, und sie begannen schon durch die Eiskruste zu brechen, als sie zu ihrem Glück die härtere Oberfläche auf dem Hang der Wasserscheide erreichten.

 

»Zehn Minuten später – und wir wären nicht mehr herübergekommen«, sagte Kid, als sie auf halber Höhe eine Atempause machten.

 

»Wir müssen hier schon tausend Fuß höher sein.« Wortlos wies Labiskwee auf eine offene Niederung zwischen den Bäumen hinab. Mitten darin sahen sie in einer Reihe nebeneinander fünf kleine schwarze Punkte, die sich kaum vorwärts zu bewegen schienen. »Die jungen Männer«, sagte Labiskwee. »Sie stecken bis zu den Hüften im Schneewasser«, meinte Kid. »Heute werden sie kaum noch festen Boden unter die Füße bekommen. Wir sind ihnen also um mehrere Stunden voraus. Komm jetzt, McCan! Nimm dich zusammen, zum Teufel. Wir essen nicht, ehe wir so müde sind, daß wir nicht weiterkönnen.« McCan murrte, aber er hatte keinen Rentiertalg mehr in der Tasche, und verdrießlich schloß er sich deshalb als letzter den andern an.

 

In dem höher gelegenen Tal, in dem sie sich jetzt befanden, begann die Kruste erst nach drei Uhr nachmittags zu bersten, und um diese Zeit hatten sie den Schatten eines Berges erreicht, wo die harte Schneeschicht schon wieder zu gefrieren begann. Sie machten nur ein einziges Mal halt, um den Talg herauszuholen, den sie MacCan weggenommen hatten, und den sie im Weiterwandern verzehren konnten. Das Fleisch war ja ganz steifgefroren und nur genießbar, wenn man es am Feuer aufgetaut hatte. Aber der Talg zerging ihnen im Munde und stärkte immerhin etwas den Magen, der sonst von einem zitternden Schwächegefühl gequält wurde.

 

Nach einer langen Dämmerung trat gegen neun Uhr die Dunkelheit ein, die noch dadurch stärker wurde, daß der Himmel von Wolken überzogen war. Sie schlugen deshalb ihr Lager mitten in einem Hain von Zwergkiefern auf. MacCan war vollkommen hilflos und wimmerte fortwährend. Die Wanderung des Tages war sehr ermüdend gewesen, und er hatte seinen Zustand noch dadurch verschlimmert, daß er – trotz neunjähriger Erfahrung in den arktischen Gebieten – Schnee gegessen hatte, so daß sein versengter Mund ihm furchtbare Schmerzen bereitete.

 

Labiskwee war unermüdlich, und Kid wunderte sich unwillkürlich über die ungeheure Lebenskraft ihres Körpers und die Ausdauer ihrer Seele und ihrer Muskeln. Ihre gute Laune war auch keinesfalls gekünstelt oder gewollt. Sie hatte stets ein Lächeln für ihn bereit, und sooft ihre Hand die seine berührte, zögerte sie einen Augenblick in einer Liebkosung.

 

Im Laufe der Nacht begann es zu wehen und zu regnen, und den ganzen Tag lang bahnten sie sich blindlings den Weg, ohne zu merken, daß sie die Biegung des Weges, der an einem schmalen Fluß entlang westwärts führte und eine Wasserscheide überquerte, übersehen hatten. Dann wanderten sie noch zwei Tage weiter, überschritten andere Wasserscheiden, aber nicht die richtigen, und in diesen zwei Tagen ließen sie den Frühling hinter sich und stiegen wieder in das Gebiet des eisigen Winters empor.

 

»Die jungen Männer haben unsere Fährte verloren… wir können uns doch einen Tag ausruhen«, bettelte McCan.

 

Aber es wurde keine Ruhepause bewilligt. Kid und Labiskwee erkannten die Gefahren, die ihnen drohten. Sie hatten sich im Hochgebirge verirrt und sahen weder Wild noch irgendwelche Anzeichen davon. Tag für Tag kämpften sie sich durch das schwierigste Gelände vorwärts, das sie in verschlungene Schluchten und Täler hineinzwängte. Wenn sie einmal in einen solchen Canyon hineingerieten, waren sie gezwungen, ihm zu folgen, gleichgültig in welche Richtung er führte, denn die vereisten Hänge zu beiden Seiten ließen sich nicht übersteigen. Die furchtbare Ermüdung und die unaufhörliche Kälte zermürbten ihre Energie, und dennoch setzten sie die Rationen, die sie sich täglich bewilligten, noch weiter herab.

 

Eines Nachts wurde Kid durch das Geräusch eines Kampfes geweckt. Er vernahm deutlich Stöhnen und Ächzen von der Stelle, wo McCan lag und schlief. Er schürte das Feuer, bis es hell aufloderte, und sah bei seinem Schein Labiskwee, die über den Iren gebeugt stand und die eine Hand um seine Kehle preßte, während sie mit der andern einen Bissen zum Teil schon gekauten Fleisches aus seinem Munde riß. In dem Augenblick, als Kid hinsah, führte sie schnell die eine Hand nach der Hüfte und zog ihr Messer so schnell aus der Scheide, daß es blitzte.

 

»Labiskwee!« rief Kid, und seine Stimme klang herrisch.

 

Ihre Hand zauderte.

 

»Tue es nicht«, sagte er und trat zu ihr.

 

Sie zitterte vor Wut, steckte aber doch das Messer nach kurzem Zögern langsam wieder in die Scheide. Als ob sie fürchtete, sich nicht länger beherrschen zu können, ging sie schnell zum Feuer und schürte es. McCan erhob sich jammernd und schimpfend, und halb wütend, halb verängstigt begann er eine unverständliche Entschuldigung zu stottern.

 

»Wo hast du das da her…?« fragte Kid.

 

»Untersuche seine Kleider«, rief Labiskwee.

 

Es waren die ersten Worte, die sie sprach, und ihre Stimme bebte noch vor Zorn.

 

McCan versuchte Widerstand zu leisten, aber Kid hielt ihn mit harter Hand fest und untersuchte ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Er fand auch in der Armhöhle ein Stück Rentierfleisch, das die Körperwärme schon aufgetaut hatte. Ein kurzer Ausruf Labiskwees erregte Kids Aufmerksamkeit. Sie war zu McCans Bündel hingesprungen und öffnete es jetzt. Statt Lebensmittel fand sie nur Moos, Fichtennadeln, Späne… allerlei leichten Abfall, den er statt des Fleisches in das Bündel gepackt hatte, damit es wohl dieselbe Größe, aber nicht dasselbe Gewicht hatte.

 

Wieder fuhr die Hand Labiskwees an ihre Hüfte, und sie stürzte sich auf den Verbrecher, wurde jedoch von Kids Arm zurückgehalten. Erst da ergab sie sich seinem Willen, während sie noch vor zwecklosem Zorn schluchzte.

 

»Oh, Geliebter, glaub‘ mir, es ist nicht des Proviants wegen«, ächzte sie, »sondern weil es dein Leben gilt. Dieser Köter! Er verzehrt dein Leben, wenn er uns bestiehlt… er frißt dich auf.«

 

»Wir werden schon weiterleben«, beruhigte Kid sie. »Von jetzt an kann er das Mehl tragen. Das kann er jedenfalls nicht roh essen… und wenn er es doch tun sollte, würde das Selbstmord für ihn bedeuten, denn er fräße dann nicht nur mein Leben, sondern auch deines.« Er drückte sie fester an sich. »Geliebte, Töten ist Männerarbeit… Frauen dürfen es nicht.«

 

»Würdest du mich denn nicht mehr lieben, wenn ich den räudigen Köter töten würde?« fragte sie überrascht.

 

»Nicht mehr so wie jetzt«, antwortete Kid verlegen.

 

Sie seufzte.

 

»Nun gut«, sagte sie, »dann werde ich es nicht tun.«

 

 

Die jungen Männer setzten ihre Verfolgung unbarmherzig fort.

 

Teils durch merkwürdige Zufälle, teils durch Berechnung, welchen Weg die Flüchtlinge einschlagen mußten, gelang es den Verfolgern wirklich, die Fährte zu finden, die das Schneegestöber inzwischen verhüllt hatte, und sie folgten ihr unverdrossen.

 

Wenn Schneesturm herrschte, machten Kid und Labiskwee die unwahrscheinlichsten Umwege, um sie irrezuleiten -, bogen nach Osten ab, wenn der bessere Weg süd- oder westwärts ging, oder ließen eine niedrige Wasserscheide links liegen, um eine höhere zu erklimmen. Da sie sich nun doch einmal verirrt hatten, spielte ein Umweg keine Rolle mehr.

 

Und doch gelang es ihnen nicht, die Verfolger abzuschütteln.

 

Zuweilen gewannen sie einen Vorsprung von einigen Tagen, aber immer wieder tauchten die jungen Männer auf.

 

Kid konnte die Tage nicht mehr zählen. Er kannte sich nicht mehr aus mit Tagen und Nächten, mit Stürmen und Lagern.

 

Das Ganze war wie ein ungeheurer, wahnsinniger Fiebertraum von Leiden, Qualen und Anstrengungen, durch die Labiskwee und er sich vorwärtskämpften… während McCan irgendwie und irgendwo hinter ihnen herstolperte. Sie flohen schwarze Canons hinab, deren Wände so schroff waren, daß die Felsen trotz der Kälte schneefrei waren. Sie wateten durch vereiste Täler, wo gefrorene Seen tief unter der Schneekruste lagen, auf der sie wanderten. Hoch über der Baumgrenze lagerten sie ohne Feuer machen zu können, so daß sie das Fleisch nur durch die Wärme ihrer Körper auftauen und genießbar machen konnten. Und doch verlor Labiskwee keinen Augenblick ihre gute Laune -, höchstens, wenn sie McCan sah. Und ihre Liebe zu Kid blieb immer gleich beredt und unstillbar.

 

Wie eine Tigerin überwachte sie die Verteilung der mageren Rationen, und Kid konnte merken, daß sie seinetwegen McCan um jeden Bissen, den er in den Mund steckte, grollte. Einmal verteilte sie die Rationen. Das erste, was Kid hörte, waren wilde Widersprüche seitens McCans – sie hatte nicht nur ihm, sondern auch sich selbst kleine Rationen gegeben, damit Kid um so mehr erhielt. Von diesem Tage an nahm Kid selbst die Verteilung vor.

 

Eines Nachts hatte es geschneit, und am nächsten Morgen gerieten sie in eine Lawine, die sie viele hundert Meter weit den Berg hinabschleuderte. Halb erstickt, aber unverletzt tauchten sie wieder auf… nur McCan hatte sein Bündel mit dem gesamten Mehlvorrat verloren. Eine zweite, noch größere Lawine begrub es vollkommen, so daß sie keine Hoffnung mehr hatten, es wieder auszugraben. Aber von diesem Tag an war Labiskwee nicht mehr imstande, McCan anzusehen, obgleich er an dem Unfall völlig unschuldig war, und Kid wußte genau, daß sie einfach nicht den Mut hatte, ihn anzusehen… sie wußte, daß sie ihn sonst töten würde.

 

 

Dann kam ein Morgen, an dem es vollkommen windstill und der Himmel klar und blau war. Weiße Sonnenlichter flackerten auf dem weißen Schnee, und der Weg führte einen langen breiten Hang hinauf, der von einer dünnen Eiskruste bedeckt war. Wie müde Gespenster schlichen sie sich durch diese totenstille Welt vorwärts. In der eisigen, unwirklichen Stille regte sich kein Hauch. Weiße Gipfel, die Hunderte von Meilen entfernt hinter dem Grat der Rocky Mountains auftauchten, schienen so nahe, als seien sie nur fünf Meilen von ihnen entfernt.

 

»Es wird etwas geschehen«, flüsterte Labiskwee. »Kannst du es nicht merken… hier, dort, überall…? Alles ist heute so seltsam.«

 

»Ich empfinde auch einen merkwürdigen Schauer, der nicht von der Kälte herrührt«, antwortete Kid. »Und Hunger ist es auch nicht.«

 

»Er ist in deinem Herzen… in deinem Gehirn«, bestätigte sie erregt. »So empfinde ich es nämlich auch.«

 

»Aber es hat eigentlich nichts mit meiner Stimmung zu tun«, erklärte Kid. »Es kommt von außerhalb, merke ich, und durchschauert mich wie Eis. Es sind meine Nerven.«

 

Eine Viertelstunde mußten sie stehenbleiben, um Atem zu schöpfen.

 

»Ich kann die fernen Gipfel nicht mehr sehen«, sagte Kid.

 

»Die Luft wird so dick und schwer«, sagte Labiskwee. »Ich kann kaum atmen.«

 

»Es sind drei Sonnen da«, murmelte McCan heiser und wankte, obgleich er sich auf seinen Stock stützte. Sie sahen tatsächlich je eine falsche Sonne zu beiden Seiten der richtigen.

 

»Jetzt sind es fünf«, erklärte Labiskwee. Und noch während sie emporstarrten, bildeten sich neue Sonnen vor ihren Augen, Sonnen, die blaß funkelten.

 

»Mein Gott!« schrie McCan voller Furcht. »Der Himmel ist voller Sonnen, die man nicht zählen kann.«

 

Und es war wahr; denn wo sie auch hinsahen, flammten und funkelten neue Sonnen an der Himmelswölbung.

 

McCan schrie auf vor Überraschung und Schmerz. »Ich bin gestochen worden«, rief er.

 

Dann kam die Reihe zu schreien an Labiskwee, und Kid fühlte gleichzeitig einen Stoß und einen Stich an seiner Wange, so kalt, daß es wie Säure brannte. Es erinnerte ihn an vergangene Zeiten, wenn er im salzigen Meere schwamm und von Quallen verbrannt wurde. So ähnlich empfand er selbst den Schmerz, daß er ganz mechanisch die Hand hob, um die beißende Substanz, die gar nicht da war, von seiner Wange zu wischen.

 

Da knallte ein Schuß, seltsam dumpf, wie durch Watte. Am Fuße des Hanges standen die jungen Männer auf ihren Schneeschuhen, und einer nach dem andern feuerten sie ihre Gewehre ab.

 

»Wir müssen uns verstreuen«, kommandierte Kid, »und dann klettern, so schnell wir können! Wir sind ja gleich auf dem Gipfel. Sie sind eine Viertelmeile unter uns, und das bedeutet einen Vorsprung von etlichen Meilen, wenn wir erst die andere Seite des Hanges hinuntergefahren sind.«

 

Mit Gesichtern, die von den unsichtbaren Stacheln der Luft gestochen und verbrannt wurden, entfernten sich die drei voneinander und kletterten die Schneefläche hinauf. Der gedämpfte Knall der Stutzen klang wie verzaubert in ihren Ohren.

 

»Gott sei Dank«, sagte Kid zu Labiskwee, »daß drei von ihnen nur alte Musketen haben und nur der eine einen Winchesterstutzen. Außerdem machen die vielen Sonnen ihnen ein sorgfältiges Zielen unmöglich.«

 

»Es zeigt aber, wie wütend mein Vater ist«, erklärte sie. »Sie haben offenbar den Befehl, uns zu töten.«

 

»Wie merkwürdig du sprichst«, sagte Kid. »Deine Stimme klingt wie aus weiter Ferne.«

 

»Bedecke deinen Mund«, schrie Labiskwee plötzlich. »Und sprich nicht! Ich weiß, was es ist! Deck den Mund mit deinem Ärmel zu!«

 

McCan war der erste, der hinfiel. Er kämpfte kraftlos, um wieder auf die Beine zu kommen. Und dann fielen sie alle ein über das andere Mal, ehe sie den Gipfel erreichten. Ihr Wille war stärker als ihre Muskeln… sie wußten selbst nicht, was eigentlich geschah, sie fühlten nur, daß ihre Körper unter einer merkwürdigen Empfindungslosigkeit und einer Schwere litten, die ihnen jede Bewegung zur Qual machte. Als sie vom Gipfel den Abhang hinabblickten, den sie soeben hinaufgeklettert waren, sahen sie, daß auch die jungen Männer immer wieder stürzten und stolperten.

 

»Sie werden nie heraufgelangen«, sagte Labiskwee. »Es ist der weiße Tod. Ich kenne ihn, wenn ich ihn auch nie gesehen habe. Aber ich habe oft genug die alten Männer des Stammes davon sprechen hören. Bald wird der Nebel kommen… aber er ist ganz anders als jeder Nebel, Dunst oder Rauch, den du je gesehen hast. Nur sehr wenige haben ihn erlebt… und überlebt.«

 

McCan ächzte und keuchte.

 

»Halt den Mund geschlossen«, befahl ihm Kid.

 

Von allen Seiten flammte jetzt ein durchdringender Lichtschein auf. Kid blickte zu den vielen Sonnen empor und sah sie wie durch einen Schleier schimmern. Die Luft war von mikroskopischem Feuerstaub erfüllt. Die nahen Gipfel waren von dem zauberhaften Nebel schon wie ausgewischt. Und die jungen Männer, die tapfer und hartnäckig vorzudringen versuchten, wurden langsam von ihm verschlungen. McCan war zusammengesunken. Halb lag er, halb hockte er auf seinen Schneeschuhen, während er Mund und Augen mit den Armen bedeckte.

 

»Komm jetzt, wir müssen weiter«, befahl Kid.

 

»Ich kann mich nicht rühren«, ächzte McCan.

 

Sein gekrümmter Körper begann hin und her zu schwanken.

 

Langsam ging Kid zu ihm, kaum imstande, den Willen zur Bewegung gegen die Lethargie, die seinen Körper zentnerschwer machte, durchzusetzen. Er stellte fest, daß sein Gehirn vollkommen klar war. Nur der Körper schien angegriffen zu sein.

 

»Laß ihn doch hier«, murmelte Labiskwee.

 

Aber Kid hielt an seinem Entschluß fest, zog den Iren wieder auf die Beine und stellte ihn mit dem Gesicht in der Richtung des Hanges, den sie hinab sollten. Dann setzte er ihn durch einen kräftigen Stoß in Bewegung. Mit dem Stock bremsend und steuernd, schoß McCan in eine Wolke von diamantenem Staub hinein und verschwand.

 

Kid sah Labiskwee an, und sie lächelte, obgleich es ihr nur mit großer Mühe gelang, sich aufrecht zu halten. Er nickte ihr zu, daß sie aufbrechen sollte, aber sie kam zu ihm hin, stellte sich neben ihn, und Seite an Seite, nur wenige Fuß voneinander entfernt, sausten sie durch die schwere, brennende Luft, die wie eisiges Feuer war.

 

So stark Kid auch bremste, riß sein größeres Körpergewicht ihn doch an ihr vorbei, und er sauste mit furchtbarer Schnelligkeit ein großes Stück weiter. Es ging erst langsamer, als er ebenes, mit einer Eiskruste bedecktes Gelände erreichte.

 

Hier wartete er, bis Labiskwee ihn einholte, und dann liefen sie wieder Seite an Seite weiter, während ihre Schnelligkeit allmählich nachließ, bis sie schließlich ganz still standen. Ihre Benommenheit war indessen noch stärker geworden. Selbst mit der größten Anspannung aller Energie konnten sie sich doch nur so langsam wie eine Schnecke vorwärts bewegen. Sie kamen an McCan vorbei, der wieder über seinen Schneeschuhen kauerte, und Kid gab ihm mit seinem Stock einen Hieb, daß er sich wieder aufraffte.

 

»Jetzt müssen wir haltmachen«, flüsterte Labiskwee mit schmerzlicher Mühe. »Sonst sterben wir. Jetzt müssen wir uns ganz zudecken… so haben mir die Alten gesagt.«

 

Sie ließ sich nicht einmal Zeit, die Knoten zu lösen, sondern zerschnitt ihre Gepäckriemen mit dem Messer. Kid machte es ebenso, und nachdem sie einen letzten Blick auf die feurigen Todesnebel und die täuschenden Sonnen geworfen hatten, deckten sie sich mit den Schlafsäcken zu und krochen eng aneinander. Sie fühlten, daß ein Körper über sie stolperte und fiel. Dann hörten sie ein leises Wimmern und Fluchen, das durch einen Hustenanfall erstickt wurde, und wußten, daß es McCan war, der zu ihnen kroch und sich in seinen Schlafsack hüllte. Dann hatten sie selbst Erstickungsanfälle und wurden durch einen trockenen Husten, den sie nicht zu unterdrücken vermochten, wie in Krämpfen geschüttelt und gequält. Kid merkte, daß seine Temperatur stieg und zum Fieber wurde, und Labiskwee erlitt dieselben Qualen. Stunde auf Stunde nahmen die Hustenanfälle an Häufigkeit und Stärke zu, und erst am Nachmittag hatten sie den Höhepunkt erreicht. Dann trat eine langsame Besserung ein, und zwischen den Anfällen schlummerten sie jetzt erschöpft.

 

McCans Husten wurde dagegen immer schlimmer, und aus seinem Stöhnen und Jammern erkannten sie, daß er im Fieberdelirium lag. Einmal wollte Kid schon den Schlafsack beiseite schleudern, aber Labiskwee hielt ihn fest.

 

»Nein, tue es nicht«, bat sie. »Es ist der Tod, wenn du dich jetzt entblößt. Verbirg dein Gesicht hier in meiner Parka, atme ganz ruhig und still und sprich nicht.«

 

So lagen sie im Halbschlaf in der Dunkelheit, obgleich der immer schwächer werdende Husten des einen die andern immer weckte. Es schien Kid, als ob McCan nach Mitternacht zum letztenmal hustete.

 

Kid erwachte, als Lippen sich gegen die seinen preßten. Er lag in Labiskwees Armen, sein Kopf ruhte an ihrer Brust. Ihre Stimme war heiter wie sonst. Der verschleierte Klang war ganz verschwunden.

 

»Es ist schon Tag«, sagte sie und lüftete vorsichtig einen Zipfel des Schlafsacks. »Sieh, Geliebter, es ist Tag! Wir haben den weißen Tod überlebt, und wir husten nicht mehr! Laß uns die Welt anschauen, obgleich ich gern für immer hierbliebe. Die letzte Stunde war voll wunderbarer Süße. Ich war die ganze Zeit wach, und ich lag hier und hatte dich so lieb.«

 

»Ich höre McCan nicht mehr«, sagte Kid. »Und was ist aus den jungen Männern geworden, da sie uns nicht gefangen haben?«

 

Er schlug die Schlafsäcke zurück und sah eine normale und vernünftige Sonne allein am Himmel stehen. Ein leiser Wind wehte knisternd vor Frost und doch voll von Verheißungen warmer Tage, die bald kommen sollten. Die ganze Welt war wieder wie sonst. McCan lag auf dem Rücken, sein ungewaschenes, vom Rauch der Lagerfeuer geschwärztes Gesicht war hartgefroren, so daß es wie in Marmor gehauen zu sein schien. Der Anblick machte keinen Eindruck auf Labiskwee.

 

»Sieh«, rief sie. »Ein Schneehuhn! Das ist ein gutes Zeichen!«

 

Von den jungen Männern war keine Spur zu sehen. Sie hatten so wenig Proviant, daß sie es nicht wagten, auch nur ein Zehntel von dem, was sie nötig hatten, oder ein Hundertstel von dem, worauf sie Appetit hatten, zu essen. Und in den folgenden Tagen, an denen sie durch das einsame und öde Gebirge wanderten, wurde der scharfe Stachel ihrer Lebenskraft abgestumpft, und sie gingen weiter wie in einem Dämmerzustand. Hin und wieder kehrte bei Kid das Bewußtsein zurück, und er fand sich, wie er dastand und nach den fernen Schneekuppen starrte, die nie ein Ende nehmen wollten und die er längst hassen gelernt hatte, während sein eigenes sinnloses Plappern ihm noch in den Ohren hallte. Auch Labiskwee war meistens verstört. Überhaupt mühten sie sich rein automatisch ab, ohne darüber nachzudenken. Und immer wieder wurden sie durch schneebedeckte Gipfel enttäuscht und nach Norden oder Süden abgelenkt.

 

»Es gibt keinen Weg nach dem Süden«, sagte Labiskwee. »Die alten Männer wußten es. Westwärts, nur westwärts geht unser Weg.« Dann kam ein Tag, an dem es wieder kalt wurde und ein dichtes Schneegestöber sie überfiel, das nicht aus richtigen Schneeflocken, sondern aus Eiskristallen von der Größe von Sandkörnern bestand. Drei Tage lang fiel dieser Schnee, Tag und Nacht ununterbrochen. Es war unmöglich, weiterzuwandern, ehe sich unter dem Einfluß der Frühlingssonne eine Kruste gebildet hatte. Sie legten sich deshalb in ihren Schlafsäcken zur Ruhe, und da sie ruhten, brauchten sie nicht so viel zu essen. So klein waren die Rationen bereits geworden, daß sie den stechenden Hunger, der erst aus dem Magen, aber doch noch mehr aus dem Gehirn kam, nicht zu besänftigen vermochten. Und Labiskwee, die im Fiebertraum lag, wurde halb verrückt, wenn sie ihre kleine Ration kostete; sie schluchzte und murmelte und stieß kleine Schreie tierischer Freude aus. Dann stürzte sie sich über die Ration für den nächsten Tag und steckte sie in den Mund.

 

Aber da erlebte Kid etwas Wunderbares. Als sie das Essen zwischen den Zähnen spürte, kam sie zum Bewußtsein. Sie spie den Bissen aus, und in einem furchtbaren Zornesausbruch schlug sie sich mit der geballten Faust auf den eigenen Mund, der ihr solches Ärgernis bereitet hatte.

 

Überhaupt war es Kid vergönnt, in den kommenden Tagen viel Wunderbares zu erleben.

 

Nach dem lang anhaltenden Schneegestöber begann ein starker Wind zu wehen, der die feinen trockenen Eisstäubchen durch die Luft jagte, so wie der Wüstensturm die Sandkörner vor sich hertreibt. Die ganze Nacht hindurch wehte dieser Sturm des Eissandes, als es dann aber Tag – ein klarer, windiger Tag – geworden war, sah Kid mit schwimmenden Augen und schwindelndem Hirn etwas, das er für eine Vision oder einen Traum hielt. Zu allen Seiten erhoben sich mächtige Gipfel, kleinere, einsame Schildwachen und ganze Gruppen und Versammlungen von gewaltigen Titanen. Und von allen diesen Zinnen und Gipfeln flatterten mächtige, meilenlange Schneebanner, wehten, wogten und winkten weitausladend zum blauen Himmel empor, milchweiß und nebelig woben Licht und Schatten und funkelten silbern im Widerschein der Sonne.

 

»Meine Augen haben den Glanz deines Kommens geschaut, o Herr!« sang Kid, als er diese Schneewolken sah, die wie Schärpen aus schimmernder Seide im Winde flatterten.

 

Und er blieb stehen und starrte, und die Banner auf den Zinnen verschwanden nicht, und er glaubte noch zu träumen, als Labiskwee sich erhob.

 

»Ich träume, Labiskwee«, sagte er. »Sieh! Träumst du denselben Traum wie ich?«

 

»Es ist kein Traum«, antwortete sie. »Auch davon erzählten die alten Männer des Stammes. Und wenn dies vorbei ist, werden warme Winde wehen, und wir werden am Leben bleiben und Frieden finden.«

 

 

Kid erlegte ein Schneehuhn, und sie teilten es. In einem tiefen Tal, wo die Weiden schon Knospen trugen, schoß er einen Schneehasen. Und ein andermal war es ein mageres, weißes Wiesel, das er erlegte. Das war aber auch alles, was sie sich an Lebensmitteln verschaffen konnten. Mehr fanden sie nicht.

 

Labiskwees Gesicht war mager geworden, aber die großen, klaren Augen waren jetzt noch klarer und größer. Wenn sie ihn ansah, schien sie sich zu verwandeln und von einer seltsam wilden, unirdischen Schönheit zu werden.

 

Die Tage wurden immer länger, und die Schneedecke begann dünner zu werden. Jeden Tag taute die Eiskruste, und jede Nacht gefror sie wieder. Früh und spät waren sie unterwegs, denn in den Mittagsstunden zwang die Wärme sie zu rasten, weil die Eiskruste ihr Gewicht nicht mehr tragen konnte. Wenn Kid schneeblind wurde, band Labiskwee ihn mit einem Riemen an ihren Gürtel und führte ihn so. Und wenn sie schneeblind war, tat er dasselbe mit ihr. Elend vor Hunger, kämpften sie sich in einem sich immer mehr vertiefenden Dämmerzustand durch ein Land, das im Begriff war zu erwachen, wo sie aber die einzigen lebenden Wesen waren.

 

In seiner Erschöpfung fürchtete Kid fast einzuschlafen, so furchtbar und trostlos waren die Visionen aus dem Lande des Wahnsinns und des Zwielichts. Er träumte immer von Essen, das ihm immer wieder, sobald es sich seinen Lippen näherte, von dem bösen Schöpfer seiner Träume weggerissen wurde. Er gab große Gelage für seine Kameraden aus den guten alten San-Franziskoer Tagen. Er selbst leitete mit wachsamem Blick die Vorbereitungen und schmückte den Tisch mit Ranken des wilden Weins in den tiefen Farben des Herbstes. Die Gäste kamen spät, und während er sie begrüßte und sie ihre neuesten Witze glänzen ließen, war er wie von Sinnen vor Gier nach dem Essen. Ohne daß jemand es bemerkte, schlich er sich in das Eßzimmer, raubte eine Handvoll schwarzer, reifer Oliven und kehrte zurück, um einen neuen Gast zu empfangen. Und andere umringten ihn, und das Lachen und die Jonglierkünste des Witzes gingen weiter, während er immer noch diese blöden reifen Oliven in seiner Hand hielt.

 

Er gab viele Gesellschaften dieser Art, und alle endeten sie in derselben unbefriedigenden Weise. Er beteiligte sich an mächtigen, eines Gargantua würdigen Orgien, bei denen Scharen von Menschen sich an dem Fleisch zahlloser Ochsen, die ganz am Spieß gebraten wurden, sättigten. Sie zogen die Braten selbst aus dem Feuer heraus und schnitten mit scharfen Messern gewaltige Bissen von den dampfenden Körpern. Er selbst aber stand mit offenem Munde zwischen langen Reihen von Puten, die von Männern mit weißen Schürzen verkauft wurden. Und viele Käufer waren da, nur Kid bekam nichts; er blieb immer mit offenem Mund stehen, weil sein bleischwerer Körper ihn an das Pflaster fesselte. Oder er war wieder Knabe geworden und saß mit erhobenem Löffel vor großen Schüsseln voll Brei und Milch. Er verfolgte scheu gewordene Kühe über hochgelegene Weiden und erlebte Jahrhunderte von Qual infolge der vergeblichen Versuche, ihnen die Milch aus den Eutern zu stehlen… oder er kämpfte in stinkenden Gefängnissen mit den Ratten um Abfälle und Reste.

 

Nur einmal… ein einziges Mal… hatte er Erfolg in seinem Traum. Als verhungerter Schiffbrüchiger oder Ausgesetzter kämpfte er mit der gewaltigen Dünung des Stillen Ozeans um die Muscheln, die an den Felsen der Küsten hafteten. Und er schleppte seine Beute auf den Sand hinauf bis zu dem trockenen Strandgut, das von den Frühlingsstürmen herrührte.

 

Damit machte er ein Feuer, und in die schwelenden Holzkohlen legte er seinen köstlichen Fund. Er sah den Dampf aus den Muscheln strömen und die geschlossenen Schalen sich allmählich öffnen, so daß das lachsfarbene Fleisch sichtbar wurde. Gerade so gekocht, wie es sein mußte – das wußte er… und diesmal trat keine Störung ein, die ihm das Essen von den Lippen fortriß.

 

Endlich einmal… so träumte er mitten in seinem Traum… sollte sich ein Traum verwirklichen. Diesmal sollte er wirklich essen! Und doch fühlte er selbst in dieser Sicherheit Zweifel, und er hatte sich bereits gestählt, um die unvermeidliche Änderung der Vision ertragen zu können… aber schließlich fühlte er das lachsrote Fleisch heiß und wohlschmeckend in seinem Mund. Seine Zähne schlossen sich gierig, um es festzuhalten. Er aß! Das Wunder war erfüllt! Aber die Verwunderung weckte ihn. Es war dunkel, als er wach wurde, er lag auf dem Rücken und hörte sich selbst leise fröhliche Rufe ausstoßen und grunzen wie ein Ferkel. Seine Kiefer bewegten sich, und die Zähne zermalmten das Fleisch. Er regte sich nicht… da merkte er, wie kleine Finger seine Lippen berührten und einen winzigen Bissen Fleisch zwischen sie steckten. Und weil er nicht mehr essen wollte – weniger deshalb, weil er böse wurde -, weinte Labiskwee sich in seinen Armen in den Schlaf. Aber er blieb wach, voll Verwunderung über die Liebe und die Wunder der Frau.

 

Dann kam der Tag, an dem sie nichts mehr zu essen hatten.

 

Die hohen Gipfel zogen sich immer weiter zurück, die Wasserscheiden wurden immer niedriger, und der Weg nach dem Westen lag offen und verheißungsvoll vor ihnen. Aber die letzten Kraftreserven waren schon erschöpft, und weil sie nichts zu essen hatten, kam bald der Augenblick, da sie sich abends hinlegten und morgens nicht mehr aufstehen konnten.

 

Labiskwee lag bewußtlos, und ihr Atem ging so schwach, daß Kid oft glaubte, sie wäre tot. Am Nachmittag wurde er durch das Schnattern eines Eichhörnchens geweckt. Er schleppte den schweren Stutzen hinter sich her, als er durch die Kruste, die zu Schlamm geworden war, watete. Bald kroch er auf Händen und Knien, bald stand er aufrecht und fiel dann vornüber, während das schnatternde Eichhörnchen vor ihm herkletterte, langsam und spöttisch, daß es ihm wahre Tantalusqualen verursachte. Er hatte nicht Kraft genug, einen schnellen Schuß abzugeben, und das Tier verhielt sich nie still. Zuweilen wälzte sich Kid im nassen Schnee und heulte vor Schwäche. Zuweilen schienen seine Lebensgeister ganz zu entschwinden, und er versank in Bewußtlosigkeit. Wie lange er in der letzten Ohnmacht gelegen hatte, wußte er nicht, aber er kam wieder zum Bewußtsein, als er in der windigen Abendluft vor Kälte zitterte; da waren seine nassen Kleider bereits am Boden festgefroren. Das Eichhörnchen war verschwunden, und nach einem furchtbaren Kampf mit seiner Kraftlosigkeit kam er wieder zu Labiskwee zurück. So erschöpft war er, daß er die ganze Nacht wie tot dalag und nicht einmal träumte.

 

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, und dasselbe Eichhörnchen schnatterte lustig in den Wipfeln der Bäume, als Labiskwee ihre Hand sanft auf Kids Wange legte und ihn weckte.

 

»Lege deine Hand auf mein Herz, Geliebter«, sagte sie. Ihre Stimme war klar, aber schwach und schien aus weiter Ferne zu kommen. »Mein Herz ist meine Liebe, und du hältst es in deiner Hand.«

 

Es schien lange Zeit vergangen zu sein, als sie wieder sprach: »Vergiß nicht, daß es keinen Weg südwärts gibt. Das weiß das ganze Volk der Rentiere! Westwärts… dorthin geht der Weg… und du bist schon nahe am Ziel… und du wirst es erreichen.«

 

Aber Kid versank in eine Ohnmacht, die fast der Tod war, und erwachte erst, als sie ihn wieder weckte.

 

»Lege deine Lippen an die meinen«, bat sie. »So will ich sterben…«

 

»Wir wollen zusammen sterben, Geliebte«, gab er zur Antwort.

 

»Nein.« Eine leise zitternde Bewegung ihrer Hand ließ ihn verstummen… so schwach war jetzt ihre Stimme, daß er sie kaum hören konnte, und doch hörte er alles. Ihre Hand tastete unsicher nach irgend etwas in der Kapuze der Parka, dann zog sie ein Säckchen hervor, das sie in seine Hand legte.

 

»Und jetzt reichst du mir deine Lippen, Geliebter. Deine Lippen auf meinen Lippen… deine Hand auf meinem Herzen…«

 

Doch während des langes Kusses wurde er wieder bewußtlos, und als er aus der Ohnmacht erwachte, wußte er, daß er allein war und selbst sterben wollte. Aber er freute sich auf den Tod.

 

Er merkte, daß seine Hand auf dem Säckchen ruhte…

 

Innerlich mußte er über die Neugierde lachen, die ihn bewog, die Schnur zu lösen. Aber er öffnete es doch, und ein kleiner Strom von Lebensmitteln rann heraus. Kein Stückchen davon, das er nicht kannte, alles Labiskwee durch Labiskwee gestohlen… da waren kleine Brotstücke aus den Tagen, als McCan das Mehl verlor, da lagen Bissen und Streifen von Rentierfleisch, zum Teil schon gekaut… und Krümel von Talg.

 

Da war auch ein Hinterbein des Schneehasen, völlig unberührt, und ein Hinterbein und ein Teil vom Vorderbein des weißen Wiesels… ein Flügel vom Schneehuhn mit Merkmalen ihrer Zähne, die es nur zögernd freigegeben hatten, und auch ein Beinknochen, jämmerliche Reste, tragische Entsagungen, ein Kreuzweg der Lebensfreude und des Lebenswillens… kleine Bissen nur, aber durch ihre unendliche Liebe ihrem furchtbaren Hunger entrissen. Mit dem Lachen eines Wahnsinnigen schleuderte Kid den Inhalt des Säckchens in den Schnee und sank wieder in Ohnmacht.

 

Er träumte. Der Klondike war ausgetrocknet. Er wanderte durch sein Bett, zwischen schmutzigen Wasserpfützen und eisbedeckten Felsblöcken hindurch und hob große Goldklumpen auf. Allmählich wurde ihr Gewicht so groß, daß er die Last kaum noch tragen konnte, aber da entdeckte er, daß das Gold eßbar war und gut schmeckte. Und er verschlang es gierig. Welchen Wert hatte schließlich das Gold, das die Menschen so priesen, wenn es nicht einmal zu essen war?

 

Er erwachte zu einem neuen Tage. Sein Gehirn war sonderbar frei und klar, und er sah keine Nebelflecken mehr vor seinen Augen. Das bisherige gewohnte Zittern, das ihn so lange gequält, war auch verschwunden. Alle Säfte in seinem Körper schienen zu singen, als ob der Frühling selbst ihn erobert hätte. Er fühlte sich so unerhört wohl! Er wandte sich zu Labiskwee um, sah – und erinnerte sich, was geschehen war. Er spähte nach den weggeworfenen Lebensmitteln… sie waren verschwunden. Da verstand er, daß sie in seinen Fieberträumen die Rolle der Goldklumpen gespielt hatten. Im Fieber und im Traum hatte er neuen Lebensmut gewonnen durch das Todesopfer Labiskwees, die ihr Herz in seine Hand gelegt und seine Augen für die Wunder des Weibes geöffnet hatte.

 

Er war ganz überrascht, wie leicht er sich bewegte, und staunte, daß er mühelos ihren pelzgekleideten Leib nach dem Kieshang schleppen konnte, wo er ihn bestattete.

 

Drei Tage kämpfte er sich weiter nach Westen, ohne daß er etwas zu essen bekam. Gegen Mittag des dritten Tages sank er unter einer Fichte nieder, die an einem breiten offenen Wasser wuchs, von dem er wußte, daß es der Klondike sein mußte.

 

Bevor er in die Finsternis versank, öffnete er sein Bündel, sagte der hellen Welt Lebewohl und hüllte sich in seinen Schlafsack.

 

Ein schläfriges Zirpen weckte ihn. Die lange andauernde Dämmerung war schon angebrochen. Über ihm, in den Zweigen der Fichte, saßen mehrere Schneehühner. Der Hunger ließ ihn sofort handeln, wenn er seine Handlungen auch sehr langsam vollbrachte. Fünf Minuten vergingen, ehe er überhaupt imstande war, seinen Stutzen an die Schulter zu bringen, und fünf weitere Minuten, ehe er, auf dem Rücken liegend und gerade nach oben zielend, genügend Kraft gesammelt hatte, um zu schießen. Der Schuß ging indessen glatt vorbei. Kein Vogel fiel, aber es flog auch keiner fort. Sie putzten alle schläfrig und schlaff ihre Flügel und raschelten in den Zweigen. Ein zweiter Schuß ging ebenfalls vorbei, weil Kid beim Schießen zusammenfuhr.

 

Die Schneehühner blieben indessen weiter sitzen. Er legte seinen Schlafsack mehrmals zusammen und steckte ihn in den freien Raum zwischen seinem rechten Arm und seiner Seite.

 

Dann stützte er den Kolben seines Stutzens gegen das Pelzwerk und feuerte wieder… und diesmal fiel ein Huhn herab. Er ergriff es gierig, mußte aber feststellen, daß das meiste Fleisch fortgerissen war. Die schwere Kugel hatte kaum etwas mehr übriggelassen als einen Klumpen blutiger Federn.

 

Die Schneehühner flogen immer noch nicht fort, und er entschloß sich, nur nach den Köpfen zu schießen – sonst lieber gar nicht. Er zielte deshalb jetzt nur nach den Köpfen. Immer wieder füllte er das Magazin, er schoß vorbei, er traf… und die dummen Schneehühner, die nicht fortfliegen wollten, fielen wie ein Regen von frischem Fleisch auf ihn herab… So wurde wieder das Leben anderer Wesen vernichtet, damit er weiterleben konnte.

 

Das erste Huhn verschlang er roh. Dann ruhte er und schlief, während die Lebenskraft des kleinen Tieres zu einem Teil seines Wesens wurde. Als es dunkel geworden war, wachte er auf, hungrig, aber genügend gekräftigt, um ein Feuer zu machen. Und bis zum frühen Morgen briet und aß er abwechselnd und zermalmte die Knochen zu Brei zwischen seinen Zähnen, die so lange unbeschäftigt gewesen waren. Und dann schlief er ein, wachte, als es wieder Nacht geworden war, und schlief dann weiter bis zum nächsten Tage.

 

Da stellte er fest, daß das Feuer mit frischem Holz geschürt worden war und lichterloh brannte. Und über den Gluten am Rande des Feuers hing eine rauchgeschwärzte Kaffeekanne, die ihm bekannt vorkam. Daneben saß… kaum um Armeslänge von ihm entfernt… kein anderer als Kurz, der wohlgefällig eine Zigarette aus Packpapier rauchte, während er ihn aufmerksam beobachtete. Kids Lippen bewegten sich, aber seine Kehle war wie gelähmt, und er hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten, die hervorzustürzen drohten… Er streckte die Hand nach einer Zigarette aus und sog den Rauch mit tiefen Zügen ein.

 

»Es ist lange her, daß ich geraucht habe«, sagte er leise. »Sehr sehr lange her.«

 

»Und nach deinem Aussehen zu urteilen, ist es offenbar auch lange her, daß du gegessen hast«, fügte Kurz barsch hinzu.

 

Kid nickte und machte eine Handbewegung nach den Federn der Schneehühner, die ihn umgaben…

 

»Mit Ausnahme der letzten Tage«, antwortete er. »Weißt du, ich möchte gern eine Tasse Kaffee haben… er muß ganz merkwürdig schmecken… und dann Eierkuchen und Speck.«

 

»Und vielleicht auch mit Bohnen?« fragte Kurz lächelnd.

 

»Die müßten himmlisch schmecken. Ich habe den Eindruck, daß ich wieder einen mächtigen Hunger kriege…«

 

Während der eine kochte und der andere aß, erzählten sie einander kurz, was ihnen geschehen war, seit sie sich getrennt hatten.

 

»Das Eis auf dem Klondike wollte schmelzen«, schloß Kurz seinen Bericht, »und wir mußten also warten, bis das Wasser wieder befahrbar geworden. Wir haben zwei gute Wrickboote und noch sechs Leute… du kennst sie alle, tüchtige Kerle, kann ich dir sagen… und allerhand Ausrüstung mit, und wir sind langsam, aber sicher vorwärts gekommen, haben gewrickt und geschoben und gezogen. Aber die Stromschnellen mußten die Boote eine gute Woche zurückhalten. Da habe ich die andern zurückgelassen, als sie einen Weg über die Felsen am Ufer anlegten, um die Boote an den Schnellen vorbeizuziehen. Ich hatte so eine Ahnung, weißt du, daß ich weiterlaufen müßte. Deshalb schnürte ich mir ein tüchtiges Bündel mit Proviant und ging. Ich wußte, daß ich dich irgendwo unterwegs finden würde, wenn auch ein bißchen mitgenommen.«

 

Kid ergriff seine Hand und drückte sie stumm. »Wollen wir nicht sehen, daß wir weiterkommen?« sagte er.

 

»Aber du bist ja so schwach wie ein neugeborenes Zicklein. Du kannst vorläufig nicht ans Wandern denken. Warum denn so eilig?«

 

»Weißt du, Kurz, ich bin auf der Suche nach dem Größten und Besten, das es hier in Klondike gibt… und ich kann nicht länger warten… das ist es, Kurz! Fang nur an zu packen. Es ist das Größte in der ganzen Welt! Es ist größer als Seen voller Gold, als Berge aus Gold, größer als alle Abenteuer und als Fleisch essen und Bären töten.«

 

Kurz‘ Augen traten fast aus den Höhlen, so entgeistert war er über diesen Ausbruch.

 

»In drei Teufels Namen«, fragte er endlich, »was ist dir denn zugestoßen? Bist du vielleicht verrückt geworden?«

 

»Gar nicht, mein Freund… es geht mir sogar verdammt gut. Es kann ja sein, daß man eine Zeitlang ganz ohne Essen leben muß, um die Welt und die Menschen im richtigen Licht zu sehen. Jedenfalls habe ich für mein Teil Dinge gesehen, von deren Dasein ich mir nie hätte träumen lassen. Ich weiß jetzt, was eine Frau ist.«

 

Kurz öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und sowohl um seine Lippen wie um seine funkelnden Augen lag ein merkwürdiger Zug, der verriet, daß er schon eine spöttische Bemerkung auf der Zunge hatte.

 

»Bitte, laß das«, sagte Kid sanft. »Du weißt nichts davon… aber ich habe es kennengelernt.«

 

Kurz behielt also seine Bemerkung für sich und schlug ein anderes Thema an.

 

»Hm… ich brauche keine fremde Hilfe, um ihren Namen zu erraten! Alle andern sind schon nach dem Überraschungssee gezogen, um ihn trockenzulegen, nur Joy Gastell wollte nichts davon hören. Sie sagte, sie hätte keine Lust mitzugehen. Sie strolcht in Dawson herum und wartet, daß ich dich mit nach Hause bringe. Und sie hat geschworen, wenn ich es nicht tue, ihre Minenanteile zu verkaufen, ein ganzes Heer von guten Schützen zu heuern, nach dem Rentierland zu marschieren und dem alten Snass und seiner Rasselbande die letzte Puste aus dem Leibe zu schießen. Und wenn du dich noch ein bißchen beherrschen kannst, werde ich inzwischen den ganzen Mist einpacken und mich fertigmachen, so daß wir schnellstens von hier verduften können.«

 

Und Alaska-Kid lächelte…

ENDE

Einleitung

JACK LONDON


Kid & Co


Über das Buch

Längst ist aus Kid Bellew, dem Grünschnabel, ein erfahrener Jäger und Goldsucher, einer der kühnsten Männer des wilden Nordens geworden. Er und sein Freund Kurz durchstreifen die weißen Einöden von Alaska, und mit ihnen reist das Abenteuer. Sie gehen seltsamen Spuren im Schnee nach, die sie zu einem merkwürdigen Waldlager führen, über dessen Bewohnern ein Geheimnis zu liegen scheint… Sie steigen groß in das Geschäft mit Eiern ein, das sich allerdings sehr bald als Fehlspekulation erweist; doch Kid und Kurz nehmen Rache an denen, die sie hereingelegt und allgemeinem Spott ausgeliefert haben…

Von Frauen scheinen beide keine allzu hohe Meinung zu haben. Aber das soll sich – zumindest was Kid betrifft – eines Tages ändern: Anläßlich eines unfreiwilligen Aufenthalts in einem Indianerlager lernt er die Tochter des weißen Häuptlings kennen. Sie animiert ihn zur Flucht. Während er mit ihr in unwegsamem Gelände umherirrt, schreckliche Entbehrungen erdulden muß und dabei stets die aufopfernde Liebe dieses Mädchens spürt, kreisen Kids Gedanken immer häufiger um eine Person, die bereits in dem Roman Alaska-Kid eine Rolle spielte: Joy Gastell…

 


Über den Autor

Jack London (eig. John Griffith, später J. G. London nach seinem Stiefvater) wurde am 12.01.1876 in San Franzisko geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Er schlägt sich als Fabrikarbeiter, Austernpirat, Landstreicher und Seemann durch, holt das Abitur nach, beginnt zu studieren, geht dann als Goldsucher nach Alaska, lebt monatelang im Elendsviertel von London, gerät als Korrespondent im russisch-japanischen Krieg in Gefangenschaft und bereist die ganze Welt. Am 22.11.1916 setzt der berühmte Schriftsteller auf seiner Farm in Kalifornien seinem zuletzt von Alkohol, Erfolg und Extravaganz geprägten Leben ein Ende.


1 Ein Missgriff Der Schoepfung

Ein Mißgriff der Schöpfung

»Brrr!« brüllte Kid den Hunden zu und warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Lenkstange, um den Schlitten zum Stehen zu bringen. Kid, genannt Alaska-Kid, der ehemalige Journalist, der in Alaska zum Manne herangereift war, zu einem der kühnsten Männer des wilden Nordens.

»Was willst du denn?« klagte Kurz, sein ständiger Gefährte. »Hier ist doch kein Wasser unter dem Schnee.«

»Nein, aber sieh dir mal die Fährte an, die hier nach rechts abschwenkt«, antwortete Kid. »Ich hätte nicht geglaubt, daß jemand hier in der Gegend überwinterte.«

Im selben Augenblick, als sie anhielten, legten sich die Hunde in den Schnee und begannen die kleinen Eisstücke, die zwischen ihren Zehen saßen, abzuknabbern. Noch vor fünf Minuten war dieses Eis Wasser gewesen. Die Tiere waren durch eine dünne, von Schnee bedeckte Eisschicht eingebrochen, und unter dem Eis verbarg sich die Quelle, die am Hang entsprang und auf der drei Fuß dicken Winterkruste des Nordbeskaflusses kleine Pfützen bildete.

»Das ist das erstemal, daß ich von Menschen hier in Nordbeska höre«, sagte Kurz und starrte die fast gänzlich verwischte Fährte an, die, von zwei Fuß tiefem Schnee verdeckt, das Flußbett in einem rechten Winkel verließ und nach der Mündung eines Baches führte, der von links geflossen kam.

»Vielleicht sind es Jäger gewesen«, meinte er. »Jäger, die längst wieder abgezogen sind.«

Kid fegte den lockeren Neuschnee mit den in Fäustlingen steckenden Händen beiseite, blieb einen Augenblick stehen, um sich die Fährte anzusehen, fegte wieder, sah abermals nach.

»Nein«, entschied er dann. »Die Spuren laufen nach beiden Richtungen, aber die jüngere geht den Bach hinauf. Wer es auch sein mag, er muß jedenfalls noch da sein. Es ist mehrere Wochen her, daß jemand hier ging. Aber was hält ihn noch dort? Das möchte ich wissen.«

»Und was ich wissen möchte, ist, wo wir heute nacht lagern werden«, sagte Kurz und betrachtete den Horizont im Südwesten mit mißtrauischen Blicken. Die Dunkelheit der kommenden Nacht begann bereits das Zwielicht des Nachmittags zu verdrängen.

»Wir können ja der Fährte den Bach hinauf folgen«, schlug Kid vor. »Wir haben trockenes Holz genug hier. Wir können lagern, wann es uns beliebt.«

»Ja, natürlich können wir lagern, wann es uns beliebt. Aber wenn wir nicht hungern wollen, müssen wir marschieren, und es handelt sich auch darum, die rechte Richtung einzuschlagen.«

»Bachaufwärts werden wir schon etwas finden«, erklärte Kid.

»Aber schau dir doch den Proviant an! Schau dir die Hunde an!« rief Kurz. »Schau… na, meinetwegen los… du sollst deinen Willen haben.«

»Es wird die Reise nicht um einen Tag verlängern«, meinte Kid, »wahrscheinlich nicht einmal um eine Meile.«

»Es ist vorgekommen, daß Männer um weniger als eine Meile verreckt sind«, antwortete Kurz und schüttelte mit finsterer Miene den Kopf. »Aber nur los jetzt! Auf, ihr armen wundfüßigen Viecher. Auf jetzt… Los, Bright… Hüh!«

Der Leithund gehorchte, und das ganze Gespann schleppte sich müde weiter durch den lockeren Schnee.

»Brrr… halt!« schrie Kurz. »Hier müssen wir uns die Fährte selbst stampfen.«

Kid holte seine Schneeschuhe unter der Schlittenpersenning hervor, band sie an seine in Mokassins steckenden Füße und ging voraus, um die lockere Oberfläche für die Hunde festzutreten.

Es war eine mühselige Arbeit. Hunde und Männer hatten seit Tagen nur kleine Rationen erhalten, und die Kraft, die sie noch in Reserve hatten, war sehr begrenzt und armselig. Sie folgten dem Bachbett, welches aber so steil abfiel, daß der jähe, unzugängliche Hang ihnen viel Mühe machte. Die hohen Felswände zu beiden Seiten verengten sich schnell immer mehr zu einer Schlucht, in der es, da die hohen Berge die lang anhaltende Dämmerung nicht hereinließen, fast ganz dunkel war.

»Das ist ja die reine Falle«, sagte Kurz. »Verdammt eklig ist es überhaupt hier. Es ist ein Loch im Boden. Hier wird das Pech nur so herausquellen.«

Kid antwortete nicht. Und die nächste halbe Stunde zogen sie wortlos weiter. Dann brach Kurz wieder das Schweigen.

»Das Unheil marschiert schon«, murrte er. »Es ist schon an der Arbeit… und ich will es dir erzählen, wenn du es hören magst.«

»Nur los«, sagte Kid.

»Gut, meine Ahnung sagt mir ganz offen und einfach, daß wir nie und nimmer aus diesem verdammten Dreckloch herauskommen, jedenfalls erst nach vielen, vielen Tagen. Wir werden verflucht viel Pech haben und sehr lange Zeit und noch einige Tage dazu hierbleiben müssen…«

»Sagt deine Ahnung nichts von Proviant?« fragte Kid unfreundlich. »Denn wir haben ja nicht Proviant für Tage und Tage und noch einige Zeit dazu.«

»Nee… kein Wort von Proviant. Ich glaube ja noch, daß wir die Sache deichseln werden, aber ich will dir was sagen, Kid, offen und ehrlich, ich esse jeden Hund hier im Gespann, aber Bright nicht. Bei Bright mache ich halt.«

»Hör jetzt auf«, schalt Kid. »Meine Ahnung ist auch an der Arbeit, und zwar ganz gewaltig. Sie sagt mir, daß es kein Essen aus Hundefleisch geben wird und daß wir uns fett und dick fressen werden, mag es nun an Elch- oder Rentierfleisch oder Kaviar sein.«

Kurz gab seinen Widerwillen nur durch ein verächtliches Grunzen kund, und wieder verging eine Viertelstunde in tiefem Schweigen.

»Jetzt beginnt dein Unheil schon«, sagte Kid und machte halt.

Dann starrte er auf einen Gegenstand, der neben der alten Fährte lag.

Kurz verließ die Lenkstange und trat zu ihm. Gemeinsam starrten sie auf den Körper eines Mannes, der im Schnee lag.

»Er ist gut genährt«, sagte Kid.

»Sieh dir mal seine Lippen an«, sagte Kurz.

»Steif wie ein Besenstiel«, erklärte Kid, als er den einen Arm der Leiche hob. So steif war der Arm, daß der ganze Körper der Bewegung folgte.

»Wenn du ihn aufhebst und wieder fallen läßt, zerbricht er in Stücke«, sagte Kurz.

Der Mann lag auf der Seite und war völlig gefroren. Aus dem Umstand, daß er nicht mit Schnee bedeckt war, schlossen sie, daß er erst kurze Zeit hier lag.

»Vor drei Tagen hat es ja mächtig geschneit«, erinnerte sich Kurz.

Kid nickte, dann beugte er sich über die Leiche, drehte sie halb um, so daß sie das Gesicht sahen, und zeigte auf eine Schußwunde in der Schläfe. Er untersuchte den Boden zu beiden Seiten und zeigte nickend auf einen Revolver, der im Schnee lag.

Einige hundert Meter weiter fanden sie eine zweite Leiche, die mit dem Gesicht nach unten im Schnee lag.

»Zweierlei ist klar«, sagte Kid. »Sie sind gut genährt. Es handelt sich also nicht um Hungersnot. Aber sie haben auch nicht viel Gold gefunden, sonst hätten sie nicht Selbstmord begangen.«

»Wenn sie das getan haben«, wandte Kurz ein.

»Das haben sie ganz sicher. Es sind ja keine Spuren außer ihren eigenen vorhanden, und sie sind beide vom Pulver verbrannt.«

Kid zog die Leiche beiseite und grub mit der Spitze seines Mokassins einen Revolver aus dem Schnee, wo er unter der Leiche gelegen hatte. »Damit hat er es getan. Ich sagte dir ja, daß wir etwas finden würden.«

»Es sieht sogar aus, als ob wir kaum erst beim Anfang wären. Aber warum haben die beiden dicken Kerle sich wohl erschossen?«

»Wenn wir das erst entdecken, dann wissen wir auch, wie es mit dem Unheil zusammenhängt, das du uns prophezeit hast«, antwortete Kid. »Komm. Wir müssen weiter… es ist schon verflucht dunkel.«

Es war wirklich schon sehr dunkel, als Kid mit seinen Schneeschuhen über eine dritte Leiche stolperte. Dann fiel er quer über einen Schlitten, neben dem eine vierte lag. Und als er den Schnee, den er im Fallen in den Kragen bekommen, entfernt und ein Streichholz angezündet hatte, sahen er und Kurz noch eine Leiche, die, in Decken gehüllt, neben einem halbfertigen Grab lag. Ehe das Streichholz erlosch, hatten sie noch ein halbes Dutzend Gräber daneben entdeckt.

»Pfui Teufel«, erklärte Kurz schaudernd. »Ein Selbstmörderlager. Alle dick und gut genährt. Ich vermute, daß die ganze Gesellschaft tot ist.«

»Nein… sieh dort!« Kid starrte auf einen schwachen Lichtschimmer in der Ferne. »Und dort ist noch ein Licht… und dort ein drittes… Komm… schnell!«

Sie fanden keine weiteren Leichen, und wenige Minuten später hatten sie auf einem festgetretenen Weg das Lager erreicht.

»Das ist ja eine Stadt!« flüsterte Kurz. »Es müssen mindestens zwanzig Hütten sein. Und nicht ein einziger Hund. Ist das nicht seltsam?«

»Und damit ist auch die ganze Geschichte geklärt. Es ist die Expedition Laura Sibleys«, flüsterte Kid sehr erregt zurück. »Erinnerst du dich noch? Die Leute kamen letzten Herbst mit der Port Townsend Nummer sechs den Yukon herauf. Sie fuhren an Dawson vorbei, ohne anzuhalten. Der Dampfer muß sie an der Mündung des Baches an Land gesetzt haben.«

»Ich weiß schon… es waren Mormonen.«

»Nein, Vegetarier«, sagte Kid und grinste in der Dunkelheit.

»Sie wollten kein Fleisch essen und die Hunde nicht arbeiten lassen.«

»Ist ja alles Jacke wie Hose… der Allweise hatte ihnen selbst den Weg zum Gold gezeigt. Und Laura Sibley wollte sie spornstreichs dorthin führen, wo sie alle Millionäre werden sollten.«

»Ja, sie war ihre Seherin… hatte Visionen und ähnliches. Ich dachte, sie wären den Nordenskjöld hinaufgezogen.«

»Pst… hör mal…«

Kurz tippte Kid warnend gegen die Brust, und beide lauschten auf ein tiefes, langgezogenes Stöhnen, das aus einer der Hütten kam. Bevor es verstummte, kam ein neues aus einer anderen Hütte und dann wieder aus einer anderen… es war wie das furchtbare Stöhnen einer leidenden Menschheit… es wirkte unheimlich wie ein Alpdruck.

»Pfui Deibel!« Kurz erschauerte. »Mir wird ganz übel davon. Wir wollen hingehen und sehen, was los ist.«

Kid klopfte an die Tür einer Hütte, in der Licht brannte. Und als von drinnen »Herein!« gerufen wurde – offenbar von der Stimme, die vorher gestöhnt hatte -, traten beide ein.

Es war eine ganz einfache Hütte aus rohen Balken, die Wände mit Moos gedichtet, der lehmige Boden mit Hobelspänen und Sägemehl bestreut. Das Licht rührte von einer Öllampe her, und in seinem Schein konnten sie fünf Betten sehen. In dreien davon lagen Männer, die sofort zu stöhnen aufhörten, um die Neuankömmlinge anzustarren.

»Was ist los?« fragte Kid einen Mann, dessen breite Schultern und mächtige Muskeln die Bettdecke nicht zu verbergen vermochte. Seine Augen waren jedoch von Schmerz verdunkelt und seine Wangen ausgehöhlt. »Pocken? Oder was sonst?«

Statt zu antworten zeigte der Mann auf seinen Mund und öffnete mit großer Mühe die schwarzen und geschwollenen Lippen. Kid erschauerte, als er ihn ansah. »Skorbut«, flüsterte er Kurz zu. Und der Mann nickte, um die Richtigkeit der Feststellung zu bestätigen.

»Lebensmittel genug?« fragte Kurz.

»Jawohl«, antwortete der Mann. »Aber ihr müßt euch selber helfen. Es ist massenhaft da. Die nächste Hütte auf der andern Seite steht leer. Das Depot liegt daneben. Geht nur hin.«

In allen Hütten, die sie in dieser Nacht besuchten, fanden sie dasselbe Bild. Das ganze Lager war vom Skorbut ergriffen. Es waren auch ein Dutzend Frauen da, aber die bekamen sie nicht gleich zu sehen. Ursprünglich waren es im ganzen dreiundneunzig Männer und Frauen gewesen, aber zehn waren gestorben und zwei kürzlich verschwunden. Kid erzählte, wie sie die beiden gefunden hatten, und drückte sein Erstaunen darüber aus, daß es keinem eingefallen war, die Fährte eine so kurze Strecke zu verfolgen und selbst Untersuchungen anzustellen. Was aber ihm und Kurz besonders auffiel, war die völlige Hilflosigkeit dieser Leute. Ihre Hütten waren unordentlich und unsauber. Die Teller standen ungewaschen auf den roh gezimmerten Tischen. Sie halfen sich auch nicht gegenseitig. Die Sorgen einer Hütte waren nur ihre Sorgen allein, ja, die Leute hatten sogar schon aufgehört, ihre Toten zu begraben.

»Es ist wirklich ganz unheimlich«, sagte Kid zu Kurz. »Ich habe viele Gauner und Taugenichtse in meinem Leben getroffen, aber noch nie so viele auf einmal. Du hörst ja selbst, was sie sagen. Sie haben die ganze Zeit keine Hand zur Arbeit gerührt. Ich wette, sie haben sich nicht einmal die Gesichter gewaschen. Kein Wunder, daß sie Skorbut bekommen haben.«

»Aber Vegetarianer sollten doch eigentlich gar nicht Skorbut bekommen können«, wandte Kurz ein. »Man glaubt ja immer, daß nur Leute, die Salzfleisch essen, Skorbut bekommen. Und die Leute hier essen ja gar kein Fleisch, weder frisches noch gepökeltes, weder rohes noch gekochtes oder sonst irgendwie zubereitetes.«

Kid schüttelte den Kopf. »Ich weiß schon. Und mit vegetarischer Kost heilt man Skorbut, was keine Medizin vermag. Pflanzen, namentlich Kartoffeln, sind die einzigen Gegenmittel. Aber vergiß eines nicht, Kurz: Wir haben es hier nicht mit einer Theorie, sondern mit der Wirklichkeit zu tun. Es ist eine Tatsache, daß diese Grasfresser alle Skorbut bekommen haben.«

»Es ist vielleicht ansteckend.«

»Nein, soviel wissen die Ärzte jedenfalls. Skorbut ist keine ansteckende Krankheit. Man wird nicht angesteckt. Er entsteht im Organismus selbst. Soviel ich weiß, ist die Ursache das Fehlen irgendeines Stoffes im Blut. Es kommt nicht davon, daß sie etwas gekriegt haben, sondern daß ihnen etwas fehlt. Ein Mensch bekommt Skorbut, wenn ihm gewisse Chemikalien in seinem Blut fehlen, und diese Chemikalien zieht man nicht aus Pulvern und Flaschen, sondern nur aus Pflanzen.«

»Und diese Leute haben nichts als Gras gefressen«, stöhnte Kurz. »Und sie sind bis über die Ohren damit vollgestopft. Das beweist, daß du auf einem falschen Gleis bist, Kid. Du hast wieder mal so eine Theorie, aber die Tatsachen schlagen deiner Theorie den Boden aus. Skorbut steckt an, und deshalb sind sie alle angegriffen, und das sogar ganz niederträchtig! Und wir beide werden auch krank werden, wenn wir in dieser Gegend bleiben. Pfui Deibel, ich kann schon merken, wie der Dreck mir durch den ganzen Körper dringt.«

Kid lachte spöttisch und klopfte an die Tür einer Hütte.

»Ich denke, daß wir hier ganz dieselbe Lage vorfinden werden«, sagte er. »Komm, wir müssen sehen, wie die Geschichte zusammenhängt.«

»Was wünschen Sie?« rief eine scharfe Frauenstimme.

»Wir möchten sehen, wie es mit Ihnen steht«, antwortete Kid.

»Wer sind Sie?«

»Zwei Ärzte aus Dawson«, rief Kid ohne zu überlegen. Sein Leichtsinn bewog Kurz, ihm mit dem Ellbogen einen Rippenstoß zu geben.

»Ich will keinen Arzt sehen«, sagte die Frau. Ihre Stimme klang abgerissen und heiser vor Schmerz und Ärger. »Gehen Sie! Gute Nacht. Wir glauben nicht an Doktoren.«

Kid drückte die Türklinke nieder und öffnete die Tür.

Drinnen drehte er die kleingeschraubte Öllampe hoch, so daß sie sehen konnten. Die vier Frauen in den vier Betten hörten mit Stöhnen und Seufzen auf, um die Eindringlinge anzustarren. Zwei von ihnen waren junge Geschöpfe mit ausgemergelten Gesichtern, die dritte war eine ältere, sehr kräftige Frau, und die vierte, die Kid an der Stimme wiedererkannte, war das magerste und gebrechlichste Exemplar der menschlichen Rasse, das er je gesehen. Er erfuhr bald, daß es Laura Sibley selbst war… die Seherin und berufsmäßige Wahrsagerin, die die Expedition in Los Angeles auf die Beine gebracht und nach dem Todeslager in Nordbeska geführt hatte. Die Unterredung, die jetzt stattfand, war recht ungemütlich. Laura Sibley glaubte nicht an Ärzte. Zu ihrer Entschuldigung muß gesagt werden, daß sie auch schon fast aufgehört hatte, an sich selbst zu glauben.

»Warum haben Sie nicht nach Hilfe geschickt?« fragte Kid, als sie erschöpft und atemlos einen Augenblick schwieg. »Unten am Stewart ist doch ein Lager, und Dawson selbst können Sie im Laufe von achtzehn Tagen erreichen.«

»Warum ist Arnos Wentworth denn nicht hingegangen?« fragte sie in einem an Hysterie grenzenden Wutanfall.

»Ich habe nicht die Ehre, den Herrn zu kennen«, gab Kid zur Antwort. »Was macht er denn?«

»Nichts, gar nichts… aber er ist der einzige, der keinen Skorbut hat. Und warum hat er ihn nicht bekommen? Das will ich Ihnen erzählen… nein… ich will es lieber nicht…« Die dünnen Lippen, die so ausgezehrt waren, daß sie fast durchsichtig erschienen, preßten sich so fest zusammen, daß Kid sich einbildete, die Zähne nebst ihren Wurzeln sehen zu können. »Und was hätte es auch genützt? Was weiß ich? Ich bin nicht so blöd! Unsere Depots sind voll von Fruchtsäften und eingekochten Gemüsen. Wir sind besser gegen Skorbut geschützt als alle anderen Lager in ganz Alaska. Es gibt keine Sorte von Gemüsen, Obst und Nüssen, die wir nicht in Mengen hätten… und wie!«

»Da hat sie dir eins ausgewischt, Kid«, rief Kurz eifrig. »Hier geht es aber um eine Tatsache und nicht um Theorien. Du sagst, Gemüse heilt! Hier ist Gemüse genug… aber wo bleibt die Heilung?«

»Es gibt anscheinend keine Erklärung, das räume ich ja ein«, gestand Kid. »Aber dennoch gibt es kein Lager in ganz Alaska wie dieses. Ich habe früher schon Skorbut gesehen… vereinzelte Fälle hie und da. Aber ich habe nie ein ganzes Lager angegriffen gesehen und auch nie so furchtbare Fälle wie hier. Damit kommen wir jedoch nicht weiter, Kurz! Wir müssen jedenfalls für die Leute tun, was wir können, aber zuerst wollen wir uns selber einrichten und für unsere Hunde sorgen. Wir werden Sie morgen wieder besuchen… Frau Sibley.«

»Fräulein Sibley«, fauchte sie. »Und nun hören Sie, junger Mann, was ich Ihnen sage! Wenn Sie hier herumlungern, den Idioten spielen und uns so eine Doktormixtur geben wollen, dann werde ich Sie mit Kugeln durchlöchern, daß Sie wie ein Sieb aussehen.«

»Sie ist wirklich reizend, die göttliche Seherin«, lachte Kid, als er und Kurz durch die Dunkelheit nach der leeren Hütte tappten, die sie zuerst betreten hatten. Sie konnten hier feststellen, daß sie bis vor kurzem von zwei Männern bewohnt gewesen war. Vermutlich waren es die beiden Selbstmörder gewesen, deren Leichen sie gefunden hatten. Sie untersuchten das Depot und fanden, daß es mit ungeahnten Mengen von Lebensmitteln versehen war, die alle eingemacht, pulverisiert, gedämpft, kondensiert oder gedörrt waren.

»Wie in aller Teufel Namen haben die Leute sich den Skorbut geholt?« fragte Kurz und zeigte auf die kleinen Pakete mit pulverisierten Eiern und italienischen Champignons.

»Sieh dir das mal an… und das!« Er zog Büchsen mit Tomaten und Mais und Gläser mit gefüllten Oliven hervor.

»Und dabei hat selbst die göttliche Lenkerin Skorbut bekommen. Was sagst du dazu?«

»Lenkerin… wie kommst du darauf?« fragte Kid.

»Na, ganz einfach«, antwortete Kurz. »Hat sie nicht ihre Schafe nach diesem verdammten Loch gelenkt?«

 

Am nächsten Morgen, als es hell geworden war, sah Kid einen Mann, der ein mächtiges Bündel Brennholz trug. Es war ein kleiner Kerl, aber er war sauber gekleidet und sah recht keck aus. Trotz der schweren Bürde bewegte er sich rasch und leicht. Kid fühlte unwillkürlich einen gewissen Unwillen gegen ihn.

»Was ist mit Ihnen los?« fragte er.

»Gar nichts«, antwortete der Kleine.

»Das dachte ich mir schon«, erklärte Kid. »Eben deshalb habe ich gefragt. Dann sind Sie also Arnos Wentworth. Aber sagen Sie mir, warum in aller Welt haben Sie keinen Skorbut gekriegt, wie alle andern?«

»Weil ich mir tüchtig Bewegung gemacht habe«, lautete die rasche Antwort. »Die andern hätten ihn auch nicht zu kriegen brauchen, wenn sie sich nur ein bißchen Bewegung gemacht und gearbeitet hätten. Warum haben sie das nicht getan? Sie haben nur gemurrt, gemeckert und geschimpft, weil es kalt und die Nächte zu lang und das Leben zu schwer war, haben über ihre Schmerzen und Leiden und über alles mögliche geklagt. Sie haben tagsüber in ihren Betten gepennt, bis sie so aufgedunsen waren, daß sie sie überhaupt nicht mehr verlassen konnten. Das ist die ganze Geschichte. Sehen Sie mich an! Ich habe geschuftet. Kommen Sie nur mit in meine Hütte.«

Kid folgte ihm.

»Schauen Sie sich nur ruhig um! Alles blitzblank, nicht? Was sagen Sie nun? Alles piekfein und sauber! Ich würde auch die Späne und das Sägemehl nicht auf dem Boden liegen lassen, wenn es nicht warmhielte… aber es sind saubere Späne und sauberes Sägemehl, kann ich Ihnen sagen. Schauen Sie sich mal den Fußboden in den andern Hütten an, Verehrtester! Sauställe, sag ich Ihnen. Ich pflege auch nicht von ungewaschenen Tellern zu futtern. Nee, besten Dank, Verehrtester. Aber es heißt arbeiten, und gearbeitet hab‘ ich wie ein Vieh, und deshalb hab‘ ich auch keinen Skorbut gekriegt! Darauf können Sie sich verlassen, Verehrtester!«

»Da haben Sie offenbar den Nagel auf den Kopf getroffen«, gab Kid zu. »Aber ich sehe, daß Sie hier nur ein Bett haben… Warum sind Sie so ungesellig?«

»Weil es mir lieber so ist! Es ist leichter, nach einem sauberzumachen als nach zweien. Die stinkfaulen Pennbrüder! Kein Wunder, daß sie Skorbut gekriegt haben.«

Das klang ja alles sehr überzeugend, aber Kid konnte sich dennoch nicht von einem Gefühl des Unbehagens dem Mann gegenüber befreien.

»Was hat Laura Sibley eigentlich gegen Sie?« fragte er plötzlich.

Arnos Wentworth warf ihm einen raschen Blick zu.

»Die ist ja verrückt«, antwortete er. »Im übrigen sind ja alle verrückt… aber der Himmel bewahre mich vor Leuten, deren Verrücktheit darin besteht, daß sie die Teller, von denen sie gefressen haben, nicht abwaschen wollen, und von der Sorte sind all die Trottel hier.«

Wenige Minuten später sprach Kid mit Laura Sibley. Auf zwei Stöcke gestützt, humpelte sie im Lager herum und war vor Wentworth‘ Hütte stehengeblieben.

»Was haben Sie eigentlich gegen Wentworth?« fragte er ganz unvermittelt, als er sich mit ihr unterhielt. Die Frage kam so unerwartet, daß sie nicht darauf vorbereitet sein konnte.

Ihre grünen Augen blitzten erbost auf, ihr ausgemergeltes Gesicht verzerrte sich vor Wut, und ihre wunden Lippen konnten nur mit Mühe einen unbeherrschten, unbesonnenen Ausbruch zurückhalten. Aber sie gab nur ein hörbares Stöhnen und einige unverständliche Laute von sich. Dann gelang es ihr, sich durch eine furchtbare Willensanspannung zu beherrschen.

»Weil er gesund geblieben ist«, ächzte sie. »Nur weil er keinen Skorbut gekriegt hat! Weil er keinem von uns die geringste Hilfe leisten will! Weil er uns verrecken läßt, ohne einen Finger zu rühren, um uns Wasser oder Brennholz zu bringen! So ein Biest ist er. Das ist alles. Aber er soll sich in acht nehmen.«

Stöhnend und ächzend humpelte sie weiter. Als Kid aber fünf Minuten später aus seiner Hütte trat, um die Hunde zu füttern, sah er, wie sie sich in die Hütte von Arnos Wentworth schlich.

»Hier stimmt etwas nicht, Kurz, das ist todsicher«, sagte er und schüttelte düster den Kopf, als sein Kamerad zur Tür herauskam, um einen Eimer mit Abwaschwasser auszugießen.

»Zweifle gar nicht daran«, antwortete Kurz gut gelaunt. »Und wir beide werden den Dreck auch noch kriegen – du wirst schon sehen.«

»Ich meine gar nicht den Skorbut.«

»Ach so, du meinst die göttliche Lenkerin. Die würde selbst einen Toten ausziehen, wenn sie was davon hätte! Sie ist das gierigste Frauenzimmer, das ich je gesehen habe.«

»Es ist nur die Bewegung, Kurz, die uns beide gesund hält. Und dadurch ist auch Wentworth gesund geblieben. Du siehst ja, wie es den anderen ergangen ist, weil sie nicht für Bewegung gesorgt haben. Jetzt müssen wir also den Patienten hier Bewegung verordnen. Ich ernenne dich hiermit zur Oberschwester.«

»Was sagst du? Ausgerechnet mich?« rief Kurz entgeistert. »Ich lege das Amt nieder.«

»Nein, das tust du nicht. Ich werde dir schon behilflich sein, denn es wird ja wahrscheinlich keine Sinekure werden. Wir wollen sie schon springen lassen. Zuallererst müssen sie ihre Toten begraben. Die Kräftigsten stecken wir in die Begräbnisschicht. Die Zweitstärksten kommen in die Holzfällerschicht… Sie sind in ihren Betten geblieben, um Brennholz zu sparen… und so geht’s weiter. Dann kommt der Fichtentee. Den darfst du um Gottes willen nicht vergessen. Die Leute hier haben nie davon gehört.«

»Da werden wir ja genug zu tun haben«, grinste Kurz. »Aber ich glaube, daß wir selbst doch vorher ein paar Kugeln in den Bauch kriegen werden.«

»Du könntest recht haben… zuerst wollen wir uns also damit beschäftigen«, sagte Kid. »Nur los.«

Im Laufe der nächsten Stunde machten sie die Runde durch sämtliche zwanzig Häuser. Die gesamte Munition, alle Stutzen, Schrotbüchsen und Revolver wurden beschlagnahmt.

»Hört mal, ihr Invaliden«, rief Kurz den Kranken zu, »her mit den Schießprügeln! Wir brauchen sie.«

»Wer sagt denn das?« wurde gleich in der ersten Hütte gefragt.

»Zwei Ärzte aus Dawson«, gab Kurz zur Antwort. »Und was die sagen, wird getan. Nur her damit! Her mit eurer Munition!«

»Was wollt ihr denn damit?«

»Einen kleinen Feldzug gegen Büchsenfleisch unternehmen, das den Canyon heraufmarschiert… Und ich rate euch, gut aufzupassen, denn es steht eine Überschwemmung von Fichtentee bevor. Also los.« Und das war der Anfang des ersten Tages. Mit Hilfe von Überredungskunst und Kommandieren, und hin und wieder auch mit Gewalt, gelang es ihnen, die Männer aus den Betten zu jagen und sie so weit zu bringen, daß sie sich anzogen. Kid suchte sich die leichtesten Fälle für die Beerdigungsschicht heraus. Eine zweite Schicht erhielt den Befehl, Holzscheite herbeizuschaffen, mit denen die Gräber durch den Schnee bis zur gefrorenen Erde gebrannt wurden. Eine dritte Schicht mußte Brennholz schlagen und es unparteiisch in den Hütten verteilen. Wer zu schwach war, um ins Freie zu gehen, mußte die Hütten säubern, Fußböden schrubben und Kleider waschen.

Eine besondere Schicht mußte Fichtenzweige in Mengen sammeln; sämtliche Öfen wurden geheizt, damit man genügend Fichtentee zubereiten konnte.

Aber was Kurz und Kid auch taten, die Lage blieb doch äußerst ernst und unbehaglich. Mindestens dreißig schlimme und offenbar unheilbare Kranke mußten sie in den Betten liegen lassen, nachdem sie mit Grauen und Ekel ihren Zustand geprüft hatten. In Laura Sibleys Hütte starb eine der Frauen.

Aber strenge Maßnahmen waren ja unter den gegebenen Verhältnissen unvermeidlich.

»Es geht mir gegen den Strich, kranke Leute zu verhauen«, erklärte Kurz und ballte drohend die Fäuste. »Aber ich würde ihnen den Kopf abschlagen, wenn ich sie dadurch heilen könnte. Und was euch Taugenichtsen nottut, sind Dresche! Also los! Heraus aus den Decken und etwas willig, oder ich mache eure schönen Gesichter zu Apfelmus.«

Alle Arbeitsschichten stöhnten, seufzten und schluchzten.

Und die Tränen strömten ihnen aus den Augen und gefroren noch während der Arbeit auf den Wangen zu Eiszapfen.

Als die Arbeiter dann gegen Mittag in die Hütten zurückkehrten, fanden sie anständig zubereitetes Essen, das die schwächeren Leute inzwischen unter Kids und Kurz‘ Fuchtel und Anleitung gekocht hatten, auf den Tischen vor.

»Und jetzt genug für heute«, sagte Kid gegen drei Uhr nachmittags. »Jetzt ist Schluß! Geht zu Bett! Ihr fühlt euch natürlich sehr schlecht, aber morgen wird es schon besser gehen. Selbstverständlich ist es kein Spaß, wieder gesund zu werden, aber ich werde euch schon zurechtkriegen.«

»Zu spät«, erklärte Wentworth mit einem leisen Lächeln, als er Kids Bemühungen betrachtete. »Sie hätten schon letzten Herbst auf diese Weise anfangen müssen.«

»Kommen Sie mal mit«, antwortete Kid. »Nehmen Sie die beiden Eimer hier. Ihnen fehlt ja nichts.« Dann gingen die drei Männer von Hütte zu Hütte und flößten jedem einen ganzen Liter Fichtentee ein. So ganz leicht ging das freilich nicht.

»Ihr könnt sicher sein, daß wir nicht spaßen«, erklärte Kid dem ersten Widerspenstigen, der in seinem Bett auf dem Rücken liegenblieb und mit zusammengebissenen Zähnen ächzte. »Pack an, Kurz!« Kurz faßte den Patienten an der Nase und gab ihm mit der anderen Hand einen Stoß in das Zwerchfell, daß er den Mund öffnen mußte. »So, und jetzt hinunter damit.«

Und hinunter kam der Fichtentee, wenn der Patient auch die unvermeidlichen prustenden und röchelnden Laute von sich gab.

»Nächstes Mal wird es schon besser gehen«, tröstete Kurz das Opfer, während er den Mann im Nebenbett an der Nase packte.

»Ich für meinen Teil würde ja lieber Rizinus nehmen«, gestand Kurz vertraulich, bevor er die eigene Portion hinunterwürgte. »Lieber Gott!« war alles, was er laut sagen konnte, als er den bitteren Trank eingenommen hatte. »Klein wie ein Mäuschen, aber stark wie ein Elefant… das hat’s in sich.«

»Wir werden diese Fichtenteerunde viermal täglich machen, und jedesmal müssen achtzig Personen betreut werden«, teilte Kid Laura Sibley mit. »Wir haben also keine Zeit, Allotria zu treiben… Wollen Sie den Tee schlucken oder soll ich Sie an der Nase fassen?« Er hob Daumen und Zeigefinger in sehr beredter Weise. »Er ist ja aus Fichtennadeln hergestellt, der Tee, so daß Sie sich keine Gewissensbisse zu machen brauchen.«

»Gewissensbisse!« prustete Kurz. »Bei Gott im Himmel, nein… es ist eine himmlische Medizin.«

Laura Sibley zögerte immer noch. Sie verschluckte jedoch, was sie sagen wollte.

»Na? Wird’s?« fragte Kid barsch.

»Ich werde… werde es ja schon nehmen«, sagte sie zitternd.

»Aber machen Sie schnell.«

Als es Abend wurde, krochen Kid und Kurz ins Bett, müder, als sie selbst nach den längsten Schlittenfahrten und Wanderungen je gewesen.

»Es macht mich ganz krank«, gestand Kid. »Es ist furchtbar, wie sie dabei leiden. Aber Bewegung ist wirklich das einzige Mittel, das ich weiß, und wir müssen es natürlich gründlich versuchen. Ich möchte nur, wir hätten einen einzigen Sack Kartoffeln.«

»Sparkins kann nicht mehr Teller abwaschen«, sagte Kurz. »Er hat solche Schmerzen, daß er schwitzt. Ich mußte ihn wieder ins Bett bringen, so hilflos war der arme Kerl.«

»Wenn wir nur rohe Kartoffeln hätten«, spann Kid seinen Gedanken weiter. »Das Entscheidende, das Wesentliche fehlt in dem eingemachten Fraß. Das, was Leben schafft, ist einfach herausgekocht.«

»Und wenn der junge Bengel, der Jones aus der Hütte von Brownlow, nicht abkratzt, ehe es Morgen wird, kannst du mich einen Affen schimpfen.«

»Um Gottes willen, sei doch nicht solch Schwarzseher!« rügte Kid.

»Wir werden ihn wohl begraben dürfen, nicht wahr?« fauchte Kurz entrüstet. »Ich sage dir, dem jungen Burschen geht es verdammt dreckig.«

»Halt’s Maul«, rief Kid.

Nachdem Kurz noch ein paarmal entrüstet gegrunzt hatte, schlief er unter lautem Schnarchen ein.

 

Am nächsten Morgen zeigte es sich, daß nicht nur Jones tatsächlich im Laufe der Nacht gestorben war, sondern auch einer der Kräftigeren, der in der Brennholzschicht gearbeitet hatte. Er hatte sich aufgehängt. Und jetzt begann eine Reihe von Tagen, die ein wahrer Alpdruck waren. Eine ganze Woche gelang es Kid noch, seine Bestimmungen in bezug auf Fichtentee und Bewegung durchzuführen, obgleich er sich sehr hart machen mußte, um es erzwingen zu können. Er war aber doch genötigt, bald einen, bald mehrere der Kranken von der Arbeit zu befreien. Allmählich sah er ein, daß Bewegung ungefähr das schlimmste Mittel war, das man Skorbutkranken empfehlen konnte. Die Beerdigungsschicht, die täglich kleiner wurde, hatte unaufhörlich Arbeit genug und mußte jetzt immer ein halbes Dutzend Gräber in Bereitschaft halten, die auf ihre Opfer warteten.

»Sie hätten auch keinen schlechteren Platz für das Lager wählen können als diesen«, sagte Kid zu Laura Sibley. »Sehen Sie sich nur um… er liegt tief unten in einer engen Schlucht, die von Osten nach Westen geht. Die Mittagssonne steigt nie über den Rand der Schlucht empor. Es muß ja Monate her sein, daß Sie überhaupt die Sonne gesehen haben.«

»Aber wie konnte ich das wissen?«

Er zuckte die Achseln. »Ich weiß eigentlich nicht, warum Sie es nicht hätten wissen sollen, wenn Sie imstande waren, hundert Verrückte nach einer Goldmine zu führen.«

Sie warf ihm einen bösen Blick zu und humpelte weiter. Als er einige Minuten später von einem Spaziergang nach der Stelle zurückkehrte, wo eine Schicht ächzender Patienten Fichtenzweige sammelte, sah er die Seherin in die Hütte Arnos Wentworth‘ treten und folgte ihr. Noch vor der Tür hörte er ihre Stimme wimmern und betteln.

»Nur für mich«, bat sie, als Kid eintrat. »Ich werde es keiner Seele verraten.«

Beide starrten den Ankömmling eigentümlich schuldbewußt an, und Kid hatte den Eindruck, daß er dicht vor einer Entdeckung stand, wenn er auch nicht wußte, um was es ging, und er verfluchte sich, daß er nicht an der Tür gehorcht hatte.

»Heraus damit!« befahl er barsch. »Was ist los?«

»Was soll los sein?« fragte Arnos Wentworth mürrisch.

Kid konnte aus guten Gründen keine nähere Erklärung geben, was los sein sollte.

 

Die Lage wurde immer unheimlicher. In der Tiefe der dunklen Schlucht, wo nie die Sonne hereinschien, stieg die Sterbeliste von Tag zu Tag. Und täglich untersuchten Kid und Kurz gegenseitig ihren Mund, aus Furcht, daß der Gaumen und die Schleimhäute anfangen sollten, weiß zu werden… das erste sichere Zeichen, daß sie von der Krankheit befallen wären.

»Jetzt hab‘ ich genug«, erklärte Kurz eines Abends. »Ich hab‘ mir die Sache genau überlegt. Ich hab‘ genug davon. Ich mache gern mit, wenn es gilt, Sklaven an die Arbeit zu treiben, aber Krüppel anzutreiben, ist mehr, als mein Magen verträgt. Es wird immer schlimmer mit ihnen! Es sind im ganzen kaum noch zwanzig Mann, die ich an die Arbeit treiben kann. Ich sagte heute abend zu Jackson, daß er ruhig wieder ins Bett kriechen sollte. Er stand am Rande des Selbstmords. Ich konnte es ihm direkt ansehen. Bewegung tut nicht gut.«

»Das hab‘ ich auch eingesehen«, antwortete Kid.

»Wir werden sie alle von der Arbeit befreien mit Ausnahme von einem Dutzend, die uns helfen müssen. Sie können sich ja ablösen. Und dann wollen wir mit dem Fichtentee aufhören. Der hilft auch nichts.«

»Ich bin fast derselben Ansicht«, seufzte Kid. »Aber er schadet ihnen jedenfalls nicht.«

 

»Wieder ein Selbstmord«, berichtete Kurz am nächsten Morgen. »Philipps hat Schluß gemacht. Ich hab‘ es schon seit Tagen kommen sehen.«

»Ja, wir haben das Schicksal jetzt gegen uns«, klagte Kid. »Was würdest du vorschlagen, Kurz?«

»Wer? Ich? Ich gebe mich nicht mit Vorschlägen ab. Die Sache muß eben ihren schiefen Gang weitergehen.«

»Aber das würde bedeuten, daß alle sterben«, protestierte Kid.

»Mit Ausnahme von Wentworth«, knurrte Kurz ärgerlich, denn er teilte schon längst den Unwillen seines Partners gegen diesen Menschen.

Kid war ganz verblüfft über den immer noch guten Zustand Wentworth‘, der unter den gegebenen Verhältnissen das reine Wunder schien. Warum in aller Welt war er der einzige, der keinen Skorbut bekam? Und warum haßte Laura Sibley ihn… während sie doch gleichzeitig winselte und bettelte und ihn anflehte, um irgend etwas Geheimnisvolles von ihm zu bekommen? Was war dieses Geheimnisvolle, das sie von ihm erhalten und das er ihr nicht geben wollte?

Kid hatte sich daran gewöhnt, hin und wieder einen Besuch in der Hütte Wentworth‘ abzustatten, wenn der seine Mahlzeiten einnahm. Aber das einzig Verdächtige, das er feststellen konnte, war lediglich Wentworth‘ Mißtrauen gegen ihn. Bei der nächsten Gelegenheit versuchte er, Laura Sibley auszufragen.

»Rohe Kartoffeln würden ja die ganze Gesellschaft kurieren«, bemerkte er zu der Seherin. »Das weiß ich. Ich habe schon früher gesehen, wie gut sie tun.«

In ihren Augen blitzte Zustimmung auf, wurde aber sofort von Haß und Bitterkeit verdrängt. Er merkte, daß er auf die richtige Spur gekommen war.

»Warum haben Sie keine rohen Kartoffeln auf dem Dampfer mitgebracht?«

»Das taten wir ja auch. Als wir aber den Fluß heraufkamen, verkauften wir sie in Bausch und Bogen in Fort Yukon. Wir hatten ja reichlich Eingemachtes und wußten, daß es sich besser hielt.«

Kid stöhnte. »Und Sie haben wirklich alle verkauft?« fragte er.

»Ja. Wie konnten wir denn wissen…«

»Nein… aber blieben nicht vielleicht ein paar Säcke übrig?… So ganz zufällig, wissen Sie… irgendwo auf dem Dampfer versteckt?«

Es kam ihm vor, als zögerte sie ein bißchen, ehe sie den Kopf schüttelte.

»Aber wäre das nicht doch möglich?« beharrte er.

»Wie soll ich das wissen?« fauchte sie wütend. »Ich hatte nicht das Amt eines Proviantverwalters.«

»Das hatte wohl Arnos Wentworth…« Plötzlich fiel ihm die Möglichkeit ein. »… Gut, sehr gut… aber was meinen Sie denn rein persönlich über diese Sache? Ganz unter uns. Glauben Sie, daß Wentworth irgendwo rohe Kartoffeln versteckt hält?«

»Nein… sicher nicht… warum sollte er?«

»Warum sollte er nicht?«

Aber sie zuckte nur die Achseln.

 

»Wentworth ist ein Sauvieh«, gab Kurz seine Meinung von der Sache kund, als Kid ihm seinen Verdacht mitgeteilt hatte.

»Und das ist Laura Sibley auch«, fügte Kid hinzu. »Sie glaubt, daß er Kartoffeln hat, hält es aber geheim, weil sie hofft, daß er mit ihr teilen werde.«

»Und er will nicht?« Kurz fluchte der Schwäche des menschlichen Charakters mit ausgesuchten Verwünschungen, bis er kaum noch japsen konnte.

Als es Nacht geworden war und das ganze Lager schnarchte und ächzte oder stöhnte, ohne schlafen zu können, suchte Kid die bereits dunkle Hütte Wentworth‘ auf.

»Hören Sie mal, Wentworth«, sagte er. »Ich habe in diesem Beutel genau tausend Dollar in Goldstaub. Ich gelte als reicher Mann hier im Lande und kann es mir leisten. Ich fürchte, daß ich auch angesteckt worden bin… Geben Sie mir eine rohe Kartoffel, und der Staub gehört Ihnen. Hier… nehmen Sie.«

Es schauderte Kid, als Arnos Wentworth wirklich die Hand ausstreckte und das Gold nahm. Kid hörte ihn in seinem Bett herumwühlen und dann merkte er, wie ihm… nicht das Gold, sondern eine richtige Kartoffel in die Hand gedrückt wurde.

Kid wartete den nächsten Morgen nicht ab. Er und Kurz fürchteten, daß die zwei am meisten angegriffenen ihrer Patienten jeden Augenblick sterben würden, und sie suchten deshalb deren Hütten auf. Sie zerrieben die Kartoffel im Werte von tausend Dollar mit der Schale und dem Schmutz, der daran klebte, in einer Tasse und träufelten von dieser breiigen Masse jede Stunde ein wenig in die furchtbaren Löcher, die einst Münder gewesen waren. Die ganze Nacht hindurch lösten sie einander ab, so daß sie den Patienten in regelmäßigen Zwischenräumen den Kartoffelsaft einflößen konnten.

Als der nächste Tag zu Ende ging, schien ihnen die Besserung im Zustand der Patienten fast wunderbar. Sie waren schon nicht mehr die Kränksten. Und als die Kartoffel nach achtundvierzig Stunden verbraucht war, waren die beiden Patienten außer Gefahr, wenn auch noch längst nicht geheilt.

»Ich will Ihnen sagen, was ich jetzt tun möchte«, sagte Kid zu Wentworth. »Ich besitze viele Grundstücke hier im Lande, und mein Kredit ist so gut wie nur einer. Ich gebe Ihnen fünfhundert Dollar für jede Kartoffel bis zum Gesamtbetrag von fünfzigtausend Dollar. Also für insgesamt hundert Kartoffeln.«

»War das aller Staub, den Sie hatten?« fragte Wentworth.

»Kurz und ich haben alles zusammengescharrt, was wir bei uns hatten. Aber, offen gesagt, er und ich sind zusammen mehrere Millionen schwer.«

»Ich habe keine Kartoffeln mehr«, sagte Wentworth schließlich. »Es ist wirklich schade. Die Kartoffel, die ich Ihnen gab, war die einzige… Ich habe sie den ganzen Winter über aufbewahrt, aus Angst, daß ich Skorbut kriegen würde. Ich habe sie nur abgegeben, um mir eine Fahrkarte kaufen und das Land verlassen zu können.«

Obgleich die beiden Patienten keinen Kartoffelsaft mehr bekamen, hielt die Besserung noch am dritten Tage an. Die Fälle aber, die nicht behandelt worden waren, wurden unterdessen immer schlimmer. Am vierten Morgen wurden vier gräßlich aussehende Leichen begraben. Kurz machte alles geduldig mit, aber dann wandte er sich zu Kid und sagte: »Du hast jetzt deine Methode versucht. Jetzt bin ich an der Reihe.«

Er ging direkt in die Hütte Wentworth‘. Er hat aber später nie – nicht einmal Kid – berichtet, was dort vor sich ging. Er kam jedoch mit zerschlagenen, wunden Knöcheln wieder zum Vorschein, und das Gesicht Wentworth‘ wies nicht nur alle Anzeichen einer ziemlich unfreundlichen Behandlung auf, er trug auch längere Zeit den Kopf schief und hatte einen steifen Hals. Diese eigentümliche Haltung war zum Teil verständlich, wenn man die vier blauen und schwarzen Flecke auf der einen und einen blau-schwarzen Fleck auf der anderen Seite seiner Kehle bemerkte. Es waren ganz deutliche Spuren von Fingern.

Hierauf begaben Kid und Kurz sich nach der Hütte Wentworth‘. Ihn selbst warfen sie in den Schnee hinaus, während sie alles in seiner Hütte auf den Kopf stellten. Laura Sibley half ihnen mit dem Eifer einer Verrückten beim Suchen.

»Du kriegst nicht soviel, wie auf meiner Hand liegen kann, altes Mädchen, und wenn wir eine ganze Tonne finden«, versicherte Kurz ihr.

Aber sie sollte ebenso enttäuscht werden wie Kid und Kurz.

Sie fanden nicht das geringste, obgleich sie sogar den Boden aufbrachen.

»Ich bin dafür, ihn über einem langsamen Feuer zu rösten, bis er nachgibt«, schlug Kurz vor.

Kid schüttelte abweisend den Kopf.

»Er ist doch ein Mörder«, erklärte Kurz. »Er tötet ja all die armen Trottel ebenso, wie wenn er ihnen mit einer Keule den Kopf zerschlüge.«

Und wieder verging ein Tag, an dem sie alle Bewegungen Wentworth‘ überwachten. Mehrmals näherten sie sich wie zufällig seiner Hütte, wenn er mit seinem Eimer ausging, um Wasser aus dem Bach zu holen, und jedesmal eilte er zurück, ehe er Wasser geschöpft hatte.

»Die Kartoffeln sind offenbar in seiner Hütte versteckt«, sagte Kurz. »So sicher, wie Gott das Mistzeugs geschaffen hat. Aber wo, zum Teufel, hat er sie denn? Wir haben doch wirklich alles auf den Kopf gestellt.« Er stand auf und zog sich die Fäustlinge an. »Ich werde sie finden, und wenn ich die Hütte abreißen sollte.«

Er sah Kid an, der mit einem abwesenden, nach innen gewandten Ausdruck dasaß und gar nicht zugehört hatte.

»Was ist denn mit dir los?« fragte Kurz empört. »Du wirst mir doch nicht erzählen wollen, daß du Skorbut gekriegt hast?«

»Ich versuche mich an etwas zu erinnern.«

»An was denn?«

»Das weiß ich eben nicht. Das ist ja das Verfluchte. Es war etwas sehr Gutes, wenn ich mich nur entsinnen könnte.«

»Nun hör aber mal, Kid! Du vertrottelst doch wohl hier nicht allmählich?« sagte Kurz eindringlich. »Denk auch ein bißchen an mich! Laß deinen Gehirnapparat etwas schneller arbeiten. Komm und hilf mir die Hütte abreißen. Ich würde sie anzünden, wenn wir nicht riskierten, die Kartoffeln dabei mitzubraten.«

»Ich hab’s«, rief Kid und sprang auf. »Das war es eben, an das ich mich zu erinnern suchte. Wo steht die Petroleumkanne? Ich bin dabei, Kurz. Die Kartoffeln kriegen wir schon.«

»Was ist es denn?«

»Warte nur ab, mein Junge, dann wirst du schon sehen«, neckte ihn Kid.

Kurz darauf schlichen die beiden Männer – im blaßgrünen Schein des Nordlichts – nach der Hütte von Arnos Wentworth.

Lautlos und vorsichtig gossen sie Petroleum über die Balken und besonders sorgfältig über Tür und Fensterrahmen. Dann strichen sie ein Zündholz an, blieben stehen und sahen zu, wie das brennende Öl sich ausbreitete.

Sie sahen, wie Wentworth aus der Hütte stürzte, mit wildem Schrecken die Feuersbrunst anstarrte und dann wieder hineinstürmte. Kaum eine Minute war vergangen, als er wiederkam… diesmal aber ganz langsam und tief gebückt unter der Last, die er auf seinem Rücken trug. Es war ganz unverkennbar ein schwerer Sack. Kid und Kurz sprangen wie ein paar hungrige Wölfe auf ihn los. Sie trafen ihn gleichzeitig von links und rechts. Er brach zusammen unter dem Gewicht des Sacks, den Kid kräftig drückte, um den Inhalt mit Sicherheit festzustellen. Da merkte Kid, wie Wentworth‘ Arme seine Knie umfaßten, während der Mann ihm ein leichenfahles Gesicht zuwandte.

»Geben Sie mir ein Dutzend, nur ein Dutzend… ein halbes Dutzend nur, dann überlasse ich Ihnen den Rest«, heulte er. Er bleckte die Zähne und wollte, halb verrückt vor Wut, Kid in die Beine beißen. Aber dann änderte er seinen Entschluß und begann zu betteln: »Nur ein halbes Dutzend«, wimmerte er. »Ich wollte sie Ihnen ja sowieso morgen geben. Ja, ja, morgen früh… sie sind das Leben… sie sind das Leben! Nur ein halbes Dutzend!«

»Wo ist der andere Sack?« bluffte ihn Kid.

»Den habe ich aufgegessen«, lautete die zweifellos aufrichtige Antwort. »Nur dieser Sack ist übriggeblieben. Geben Sie mir doch ein paar… Sie können den ganzen Rest behalten.«

»Du hast sie aufgegessen?« brüllte Kurz. »Einen ganzen Sack voll! Und die armen Schlucker da drüben sterben, weil sie keine haben! Da hast du… und hier… und hier… und da… Du verfluchtes Dreckschwein… du Lausebengel!«

Der erste Hieb riß Wentworth von Kids Beinen fort, die er noch immer umklammert hielt. Der nächste schlug ihn in den Schnee. Aber Kurz hieb immer wieder auf ihn los.

»Nimm deine Zehen in acht«, war das einzige, was Kid sagte.

»Ich brauche ja auch nur die Absätze«, antwortete Kurz.

»Hol‘ mich der Teufel… Ich schlage ihm den Kopf in den Bauch hinein, daß er zwischen den eigenen Rippen herausguckt und glaubt, er sitze hinter schwedischen Gardinen. Ich schlage ihn zu Spinat… Da… und da… Nur schade, daß ich Mokassins und keine Stiefel anhabe. Du stinkiges Mistschwein!«

 

Diese Nacht wurde im Lager wenig geschlafen. Stunde um Stunde machten Kid und Kurz die Runde und gossen den lebenserneuernden Kartoffelsaft in die kranken Schlünde der Bevölkerung. Jedesmal wurde nur ein viertel Löffel voll gegeben. Und den ganzen folgenden Tag setzten sie diese Arbeit fort, doch wechselten sie jetzt miteinander ab, um auch selbst etwas Schlaf zu bekommen.

Todesfälle gab es nicht mehr. Selbst die am schwersten Angegriffenen begannen, sich zu erholen, und zwar kam die Besserung so plötzlich, daß man staunen mußte. Am dritten Tage waren Männer, die viele Wochen lang nicht das Bett verlassen hatten, imstande, aufzustehen und herumzugehen, wenn auch nur auf Krücken. Und an diesem Tag war die Sonne, die schon seit zwei Monaten auf dem Anmarsch war, so liebenswürdige zum ersten Male einen freundlichen Blick über den Rand der Schlucht zu werfen.

»Nicht so viel Kartoffeln wie auf meiner bloßen Hand«, sagte Kurz zu dem wimmernden und flehenden Wentworth. »Sie haben ja gar keinen Skorbut. Sie haben einen ganzen Sack voll aufgefressen und sind also gegen Skorbut für die ersten zwanzig Jahre gefeit. Jetzt, nachdem ich Sie kennengelernt habe, verstehe ich erst den lieben Gott. Ich konnte nie begreifen, warum er den Teufel am Leben ließ. Jetzt weiß ich aber, warum. Er ließ ihn am Leben, genau wie ich Sie am Leben lasse. Aber es ist eigentlich ein Mordsskandal.«

»Nur einen freundschaftlichen Rat«, flüsterte Kid Wentworth zu. »Die Leute werden jetzt schnell gesund sein. Und Kurz und ich können nur noch eine Woche hierbleiben – dann gibt es keinen mehr, der Sie beschützen kann, wenn die Leute sich für Sie interessieren sollten. Dort geht der Weg! Nach Dawson sind es nur achtzehn Tage…«

»Ja, machen Sie sich lieber dünne«, stimmte Kurz ihm bei, »sonst befürchte ich, daß das, was ich Ihnen so freundlich gegeben habe, nur ein bescheidener Vorgeschmack von dem sein wird, was Ihnen die andern Herren hier zuteilen werden.«

»Meine Herren, ich bitte Sie, schenken Sie mir doch Gehör«, heulte Wentworth. »Ich bin ja ganz fremd in diesem schrecklichen Land. Ich weiß nicht einmal den Weg! Ich kenne die Sitten hier nicht! Lassen Sie mich mit Ihnen gehen! Ich gebe Ihnen tausend Dollar, wenn Sie mich mit Ihnen reisen lassen.«

»Glaub‘ ich ja gern«, grinste Kid boshaft. »Aber meinetwegen, wenn Kurz nichts dagegen hat.«

»Wer? Ich?« Kurz erstarrte wie in einer ungeheuren Anspannung. »Ich? Ich bin ein Herr Garnichts. Ich bin nur ein Wurm, eine Made, ein bescheidener Bruder der kleinsten Kröte, das jüngste Kind von einem Brummer… ich fürchte freilich weder, was kreucht noch was fleucht… und bin auch sonst nicht sehr schüchtern. Aber mit einer solchen Mißgeburt reisen… geh weg, Mann… daß ich nicht kotze!«

Und Arnos Wentworth mußte allein abreisen. Und allein mußte er seinen Schlitten ziehen, der mit genügend Proviant für die Fahrt nach Dawson beladen war. Eine Meile von dem Lager entfernt wurde er von Kurz eingeholt.

»Du… komm mal her«, lautete Kurz‘ Gruß… »Komm mal her… ein bißchen fix! Her mit der Pinke!«

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen«, erklärte Wentworth zitternd, denn er hatte die beiden Portionen Prügel noch nicht vergessen, die Kurz ihm gegeben hatte.

»Ich meine die tausend Dollar, verstanden, mein Herr?… Die tausend Dollar, die Kid Ihnen als Bezahlung für die lausige kleine Kartoffel gegeben hat. Das war Wucher… heraus damit!«

Wentworth warf ihm den Sack mit dem Goldstaub zu.

»Hoffentlich wirst du von einem Stinktier gebissen, du Schwein… und kriegst echte Tollwut!« so lautete Kurz‘ letzter Abschiedsgruß an Arnos Wentworth.


2 Die Geschichte Eines Kleinen Mannes

Die Geschichte eines kleinen Mannes

»Wenn du nur nicht so verdammt eigensinnig wärst«, murrte Kurz. »Mir flößt der verdammte Gletscher da eine Hundeangst ein. Kein vernünftiger Mensch würde ganz allein mit so einem Biest anbinden.«

Kid lachte heiter und ließ den Blick über die blinkende Oberfläche des kleinen Gletschers schweifen, der den Eingang zu dem engen Tal versperrte. »Jetzt haben wir schon August, und in den zwei letzten Monaten sind die Tage immer kürzer geworden«, sagte er, um Kurz die Situation klarzumachen. »Du verstehst dich auf Quarz, und ich habe keine Ahnung davon. Aber ich kann den Proviant hierherschaffen, während du die Mutterader suchst. Also auf Wiedersehen solange. Morgen abend bin ich wieder da.«

Er drehte sich um und schickte sich zum Gehen an.

»Aber ich habe das Gefühl, daß etwas geschehen wird«, rief Kurz ihm nach.

Kid antwortete nur mit einem übermütigen Lachen und setzte seinen Weg durch das kleine Tal fort. Ab und zu wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Im Gehen zertraten seine Stiefel die reifen Berghimbeeren und die zarten Farnkräuter neben den kleinen eisbedeckten Pfützen, die die Sonnenstrahlen noch nicht erreicht hatten.

Zeitig im Frühjahr waren Kurz und er den Stewart hinaufgezogen und hatten sich in das seltsame Chaos begeben, das diese Gegend kennzeichnete, wo auch der Überraschungssee lag. Und sie hatten den ganzen Frühling und den halben Sommer mit vergeblichen Wanderungen vergeudet.

Bis sie endlich – als sie schon drauf und dran waren umzukehren – zum erstenmal die tückische Wasserfläche erblickten, die in ihrer Tiefe so viel Gold barg und die eine ganze Generation von Goldsuchern verlockt und ins Unglück geführt hatte. Sie ließen sich in der Hütte, die Kid bei seinem ersten Besuche gefunden hatte, häuslich nieder und entdeckten bald dreierlei.

Erstens, daß große Goldklumpen den Boden des Sees bedeckten, zweitens, daß man an den seichteren Stellen nach dem Golde tauchen konnte, daß aber die niedrige Temperatur des Wassers jeden Menschen töten mußte, und drittens, daß das Trockenlegen des Sees eine viel zu große Arbeit war, als daß zwei Männer sie im Laufe der kürzeren Hälfte eines an sich kurzen Sommers hätten ausführen können. Sie ließen sich dadurch aber nicht von ihrem Plan abschrecken. Und aus der Größe der Goldkörner zogen sie den Schluß, daß es nicht von weither kommen konnte. Sie begannen deshalb die Mutterader zu suchen. Sie überquerten den großen Gletscher, der düster und drohend am südlichen Rande des Sees lag, und widmeten ihre Kräfte zunächst einer genauen Untersuchung des verworrenen Labyrinths von kleinen Tälern und Canyons, die in einer sehr wenig gebirgsmäßigen Weise nach dem See führten oder einst geführt hatten.

Das Tal, in das Kid jetzt hinabstieg, erweiterte sich allmählich nach Art jedes normalen Tales. Aber sein unteres Ende wurde ganz unerwartet von hohen und schroffen Wänden eingeengt, um plötzlich von einer Querwand ganz versperrt zu werden. Am Fuße dieser Wand verschwand das Bächlein in einem Tohuwabohu von Felsen und fand offenbar seinen Ablauf irgendwo unter der Oberfläche. Als Kid die Felswand erklommen hatte, sah er vom Gipfel aus den See tief unter sich liegen. Im Gegensatz zu andern Bergseen, die er gesehen hatte, war dieser nicht blau, sondern von intensiver pfauengrüner Farbe, und er schloß daraus, daß er sehr seicht sein mußte; diese Seichtheit ermöglichte es eben, ihn trockenzulegen. An allen Seiten war der See von einem Gewirr von Bergen umgeben, deren eisglitzernde Zinnen und Gipfel groteske Gestalten und Gruppen bildeten. Es war alles chaotisch und planlos anzusehen… fast wie der böse Traum eines Dore. So phantastisch und unwirklich erschien ihm das ganze Bild, daß es auf Kid eher den Eindruck machte, ein landschaftlicher Witz des Schöpfers als ein vernünftiger Teil der Erdoberfläche zu sein. In den Canons sah er viele Gletscher… die meisten waren freilich ziemlich klein, aber während er noch dastand, kalbte vor seinen Augen ein größerer am nördlichen Ufer des Sees unter Getöse und Schaumspritzern. Am gegenüberliegenden Ufer des Sees – scheinbar nur eine halbe Meile, in Wirklichkeit aber, wie er wußte, mehr als fünf Meilen entfernt – konnte er den kleinen Fichtenhain und die Hütte sehen. Er spähte noch einmal, um seiner Sache sicher zu sein, hinüber und sah ganz deutlich Rauch aus dem Schornstein aufsteigen.

Er überlegte sich, daß irgend jemand offenbar ganz unerwartet den See gefunden haben mußte. Dann wandte er sich ab, um die südliche Wand zu erklettern.

Von deren Gipfel gelangte er in ein kleines Tal, das von bunten Blumen und dem schläfrigen Summen der Bienen erfüllt war. Dieses Tälchen benahm sich ganz wie andere Täler, jedenfalls insofern, als es in traditioneller Weise nach dem See führte. Aber doch stimmte seine Länge nicht, denn es war kaum hundert Schritt lang. Es begann an einer Felswand, die mindestens tausend Fuß hoch war und von der ein Bach sich wie ein Nebelschleier ins Tal stürzte.

Und wieder sah er hier Rauch. Diesmal stieg er jedoch irgendwo hinter einem vorspringenden Felsblock träge durch den warmen Sonnenschein. Als Kid um den Felsen bog, hörte er das metallische Geräusch von Hammerschlägen und ein heiteres Pfeifen, das den Takt markierte. Dann sah er einen kleinen Mann, der einen Schuh mit der Sohle nach oben zwischen den Knien hielt und große Bergsteigernägel hineinschlug.

»Donnerwetter«, lautete der Gruß des Fremden, und sofort schloß Kid den kleinen Mann in sein Herz. »Sie kommen gerade rechtzeitig, um einen Happen mitzuessen. Hier ist Kaffee genug im Topf, ein paar kalte Pfannkuchen und ein bißchen Pemmikan.«

»Ich wäre ein Esel, wenn ich ein so freundliches Angebot ablehnen würde«, erklärte Kid und nahm Platz. »Bei den letzten Mahlzeiten habe ich ein bißchen sparen müssen. Aber sonst haben wir Lebensmittel genug in der Hütte drüben.«

»Auf der andern Seite des Sees? Da wollte ich ja eben hin.«

»Es sieht so aus, als sei der Überraschungssee plötzlich volkstümlich geworden«, klagte Kid, während er die Kaffeekanne leerte.

»Der Überraschungssee?… Na hören Sie mal, Sie machen doch Spaß, nicht wahr?« sagte der Mann, und auf seinem Gesicht malte sich Erstaunen.

Kid lachte. »Ja, so wirkt der See auf alle. Sehen Sie die Felsterrasse drüben? Von dort habe ich den See zum erstenmal gesehen. Ganz unverhofft. Auf einmal sah ich den ganzen See vor mir liegen. Und ich hatte es damals schon aufgegeben, ihn überhaupt je zu finden.«

»So ging es mir auch«, stimmte der andere ihm bei. »Ich wollte gerade umkehren und hatte gedacht, heute abend den Stewart zu erreichen, als ich plötzlich den See entdeckte. Aber wenn das da der Überraschungssee ist, wo zum Teufel ist dann der Stewart? Und wo bin ich die ganze Zeit gewesen? Und wie sind Sie hierhergekommen? Und wie heißen Sie eigentlich?«

»Bellew… Kid Bellew.«

»Oh, dann kenne ich Sie ja.« Die Augen und das ganze Gesicht des kleinen Mannes leuchteten vor heller Freude, und er reichte Kid eifrig die Hand. »Ich habe schon allerlei von Ihnen gehört.«

»Sie lesen vermutlich die Polizeinachrichten?« fragte Kid bescheiden.

»Nee, doch nicht«, lachte der Mann und schüttelte den Kopf. »Nur die Tagesgeschichte von Klondike. Ich hätte Sie ja gleich erkannt, wenn Sie glattrasiert gewesen wären. Ich war mit dabei und habe Sie gesehen, als Sie das ganze Spielergesindel mit der Roulette im Elch zum besten hielten. Ich heiße Carson – Andy Carson. Und ich kann gar nicht sagen, wie ich mich freue, daß ich Sie getroffen habe.«

Er war ein kleiner schlanker Mann, hatte aber Muskeln wie Stahl, lebhafte blaue Augen und eine anziehende, kameradschaftliche Art.

»Und das hier ist also wirklich der Überraschungssee?« murmelte er ungläubig.

»Ganz gewiß.«

»Und sein Boden ist mit Gold gepflastert?«

»Vollkommen richtig. Hier sehen Sie ein paar von den Pflastersteinen.« Kid steckte die Hand in die Hosentasche und zog ein halbes Dutzend Goldklumpen heraus. »So sehen die Dinger aus. Sie brauchen also nur zu tauchen – einfach ins Blinde – und können eine ganze Handvoll sammeln. Dann müssen Sie freilich nachher eine halbe Meile laufen, um den Blutumlauf wieder in Ordnung zu bringen.«

»Hol‘ mich der Teufel, da sind Sie mir also zuvorgekommen«, fluchte Carson launig, aber er war ganz offensichtlich sehr enttäuscht. »Und ich bildete mir schon ein, daß ich die ganze Goldmühle für mich allein haben sollte. Na, ich habe ja jedenfalls das Vergnügen gehabt, den Weg hierher zu finden.«

»Das Vergnügen?« rief Kid. »Wenn es uns gelingt, alles Gold, das dort in der Tiefe liegt, in die Finger zu kriegen, wird Rockefeller ein Waisenknabe gegen uns sein.«

»Es gehört ja alles Ihnen«, wandte Carson ein.

»Quatsch, lieber Freund. Sie müssen sich mal klarmachen, daß noch nie, solange es Goldminen gibt, ein solches Goldlager gefunden wurde wie dieses. Wir brauchen Sie und mich und meinen Partner und alle Freunde, die wir finden können, um das Gold in die Finger zu kriegen. Bonanza und Eldorado zusammen sind nicht soviel wert wie ein halber Morgen da unten, selbst wenn man sie beide in einen Topf schmeißt. Die Frage ist nur, wie man den See trockenlegt. Das wird Millionen kosten. Und ich habe eine Befürchtung. Es ist nämlich so viel Gold darin, daß es, wenn wir es nicht zurückhalten, einfach im Wert fallen wird.«

»Und Sie sagen, daß ich…« Carson verstummte sprachlos.

»Und wir sind froh, daß Sie mitmachen. Wir werden ein oder zwei Jahre und alles Geld, das wir haben, brauchen, um den See trockenzulegen. Aber es ist zu machen! Ich habe den Boden genau untersucht. Aber wir werden jeden Mann im Lande brauchen, der für guten Lohn arbeiten will. Wir brauchen ein ganzes Heer, und jetzt im Anfang vor allem anständige Menschen, die mitmachen wollen. Wollen Sie mit dabei sein?«

»Ob ich will? Sehe ich nicht so aus? Ich fühle mich schon dermaßen als Millionär, daß ich Angst habe, den großen Gletscher dort zu überschreiten. Jetzt kann ich es mir nicht mehr leisten, das Genick zu brechen. Ich möchte gern noch einige von den großen Nägeln da haben. Ich schlug mir gerade die letzten ein, als Sie kamen. Wie sind Ihre denn? Lassen Sie mal sehen?«

Kid hob den einen Fuß.

»Glattgescheuert wie `ne Schlittschuhbahn!« rief Carson.

»Die müssen Sie gründlich gebraucht haben. Warten Sie einen Augenblick, dann ziehe ich einige von meinen heraus und gebe sie Ihnen.«

Aber Kid wollte nichts davon wissen. »Außerdem«, fügte er hinzu, »habe ich ungefähr zwölf Meter Seil da, wenn wir ans Eis kommen. Mein Partner und ich haben es gebraucht, als wir hinübergingen. Es ist ganz einfach.«

 

Es war ein mühseliges und warmes Klettern. Die Sonne blendete sie auf der flimmernden Eisfläche, der Schweiß strömte aus allen Poren, und sie stöhnten vor Anstrengung. Es waren Stellen da, die von unzähligen Rissen und Spalten durchquert wurden, wo sie nach einer gefährlichen und mühseligen Arbeit von einer Stunde kaum mehr als hundert Meter weitergekommen waren. Als sie um zwei Uhr nachmittags eine kleine Wasserpfütze, die sich im Eis gesammelt hatte, erreichten, machte Kid halt.

»Wollen wir nicht ein bißchen Pemmikan futtern?« sagte er. »Ich bin etwas knapp mit Proviant, und ich merke, daß mir die Knie zittern. Außerdem haben wir schon das Schlimmste hinter uns. Wir haben nur noch dreihundert Meter bis zu den Felsen drüben, und es ist kein schlimmer Weg, mit Ausnahme von einigen unangenehmen Spalten und einer besonders bösen, die uns zu dem Vorsprung führt… es kommt freilich eine etwas schwächliche Eisbrücke, aber Kurz und ich sind damals doch hinübergegangen.«

Während die beiden Männer aßen, lernten sie einander besser kennen, und Andy Carson machte keine Mördergrube aus seinem Herzen, sondern erzählte seine ganze Lebensgeschichte.

»Ich wußte ja, daß ich den Überraschungssee finden würde«, sagte er zwischen zwei Bissen. »Und ich mußte es auch. Denn ich kam zu spät bei den Franzosenbänken, beim großen Skookum und bei Monte Christo… und da hieß es eben Überraschungssee oder sich aufhängen. Und da bin ich also jetzt. Meine Frau wußte auch, daß ich es schaffen würde. Ich habe schon Vertrauen genug, aber es ist gar nichts gegen das ihrige. Sie ist überhaupt prima, primissima… Edelware… geht keiner Arbeit aus dem Wege, reines Gold vom Scheitel bis zur Sohle, ein Prachtstück, kennt weder das Wort niemals noch kann nicht oder so was. Eine Kampfnatur durch und durch. Die einzige Frau für mich, waschecht und alles, was dazu gehört. Sehen Sie nur mal…«

Er öffnete seine Uhr, und auf der Innenseite des Deckels sah Kid eine kleine dort eingeklebte Photographie. Sie zeigte eine blondhaarige Frau, und zu jeder Seite das lachende Gesicht eines Kindes.

»Jungens?« fragte er.

»Junge und Mädel«, antwortete Carson stolz. »Er ist anderthalb Jahre älter.« Er seufzte. »Sie hätten ja älter sein können, aber wir mußten eben so lange warten. Sehen Sie, meine Frau war krank. Die Lunge… aber sie hat den Kampf mit der Krankheit aufgenommen. Was zum Kuckuck verstanden wir davon? Ich war im Büro – bei der Eisenbahn, Chicago -, als wir heirateten. Ihre Verwandten waren alle tuberkulös. Damals hatten die Ärzte ja nicht viel Schimmer. Sie sagten, daß es erblich wäre! Die ganze Familie hatte Tuberkulose. Einer bekam es vom andern, nur dachten sie nie daran. Bildeten sich alle ein, damit geboren zu sein. Schicksal! Sie und ich lebten die ersten Jahre mit den andern zusammen. Ich hatte keine Angst. In meiner Familie gab es keine Tuberkulose. Aber ich kriegte sie. Das gab mir zu denken. Es war also ansteckend. Ich kriegte sie, weil ich die Ausdünstung der andern einatmete.

Wir besprachen die Sache. Sie und ich. Dann schickte ich den alten Hausarzt zum Teufel und fragte einen modernen Spezialisten um Rat. Der erzählte mir, was ich mir selbst ausgeknobelt hatte. Und sagte auch, daß Arizona die richtige Gegend für uns wäre. Da brachen wir unsere Zelte ab und reisten hin. Nicht einen Cent. Ich fand eine Stellung als Schafhirt und ließ die Frau in der Stadt, einer richtigen Lungenstadt, so voll von Lungenkranken, daß man kaum spucken konnte.

Na, ich lebte und schlief ja im Freien und begann mich bald zu erholen. Ich war immer monatelang draußen. Und jedesmal, wenn ich zurückkam, ging es ihr schlechter. Sie konnte einfach nicht gesund werden. Aber wir hatten was gelernt. Ich nahm sie weg aus der verfluchten Stadt. Sie ging einfach mit mir Schafe hüten. Vier Jahre, Sommer und Winter, in Hitze und Kälte, im Regen, Schnee und Frost und allem Dreckwetter schliefen wir im Freien. Nie unter Dach. Und wir wechselten immer wieder unsern Lagerplatz. Sie hätten nur den Unterschied sehen sollen… braun wie Kaffeebohnen, mager wie Indianer, zäh wie frischgegerbtes Leder. Als wir uns einbildeten, geheilt zu sein, gingen wir nach San Franzisko zurück. Aber wir waren zu voreilig gewesen. Schon im zweiten Monat hatten wir leichte Blutstürze. Sofort flüchteten wir wieder nach Arizona und zu unseren Schafherden. Blieben noch zwei Jahre dort. Dann waren wir in Ordnung. Vollkommen geheilt. Ihre ganze Familie ist ausgestorben. Wollten nicht hören, was wir ihnen sagten. Wir hielten uns aber von allen Städten fern. Zogen die Küste des Pazifiks hinunter. Das südliche Oregon gefiel uns besonders gut. Wir ließen uns im Rogue-River-Tal nieder. Äpfel! Hat eine große Zukunft. Ich bekam meinen Grund und Boden – natürlich in Pacht – für vierzig Dollar den Morgen. In zehn Jahren wird er fünfhundert wert sein.

Aber wir haben ja auch anständig geschuftet. Kostet auch viel Geld, so was. Und anfangs hatten wir keinen Cent, verstehn Sie, und mußten das Haus bauen, die Scheune, Pferde, Pflüge und alles andere anschaffen. Sie hielt zwei Jahre lang Schule. Dann kam der Junge! Sie sollten nur die Bäume sehen, die wir gepflanzt haben… hundert Morgen voll! Fast alle tragen jetzt. Aber damals machte es ja nur Kosten… und dazu waren auch immer noch die Hypothekenzinsen zu bezahlen. Deshalb bin ich ja hier. Sie macht die Sachen dort unten, und ich sitze hier, ein erstklassiger, verfluchter Millionär… wenn man nach den Aussichten gehen darf.«

Er war einen glücklichen Blick über das Eis, das im Sonnenschein flimmerte, nach dem grünen See in der Ferne.

Dann sah er auch die Photographie an und murmelte: »Sie ist ein Prachtstück von einer kleinen Frau, das ist sie. Donnerwetter, wie sie geschuftet hat! Sie wollte einfach nicht sterben, obgleich sie nur noch Haut und Knochen war, die um ein kleines Häufchen brennenden Feuers gewickelt waren, als wir mit den Schafen losgingen. Oh, sie ist immer noch dünn, sie wird auch nie dick werden. Aber es ist die süßeste Dünnheit, die ich je gesehen habe, und wenn ich zurückkomme, und die Bäume tragen, und die Kleinen gehen in die Schule, dann werden wir beide, meine Frau und ich, nach Paris fahren. Ich habe freilich nicht viel Vertrauen zu der verdammten Stadt, aber sie hat sich ihr ganzes Leben danach gesehnt.«

»Nun, und hier liegt ja das Gold, das Sie nach Paris bringen wird«, versicherte ihm Kid. »Wir brauchen nur die Hand danach auszustrecken.«

Carson nickte mit leuchtenden Augen. »Ich sage ja, unsere Farm ist der hübscheste Obstgarten Gottes an der ganzen Pazifikküste. Und ein herrliches Klima dazu! Unsere Lungen werden nicht mehr zum Teufel gehen. Leute, die Tuberkulose gehabt haben, müssen sonst vorsichtig sein, wissen Sie! Wenn Sie sich mal irgendwo ansässig machen wollen, dann werfen Sie zuerst einen Blick in unser Tal, ehe Sie sich entscheiden. Das müssen Sie tun! Unbedingt! Und fischen kann man dort. Donnerwetter! Haben Sie je einen Lachs von fünfunddreißig Pfund mit einer Angelrute von sechs Unzen gefangen?«

 

»Ich bin um vierzig Pfund leichter als Sie«, sagte Carson. »Lassen Sie mich vorangehen.«

Sie standen am Rande der großen Spalte. Sie war wirklich ungeheuer groß und alt, mindestens hundert Fuß breit und hatte schräge, vom Alter verwitterte Hänge statt scharfer Ränder. An der Stelle, wo Kid und Carson standen, wurde sie von einem riesigen Haufen festgeballten Schnees überbrückt, der halb zu Eis geworden war. Sie konnten nicht einmal sehen, wo dieser Schneehaufen aufhörte, oder wie tief er in den Spalt hinabreichte, und noch weniger, wie tief dieser Spalt selbst war. Die Brücke begann indessen schon zu schmelzen und drohte jeden Augenblick zusammenzubrechen. Man konnte sehen, daß Teile davon erst kürzlich abgebröckelt waren. Und selbst in dem Augenblick, als die beiden diese Brücke untersuchten, brach ein Stück im Gewicht von einer halben Tonne ab und stürzte in die Tiefe.

»Sieht scheußlich unsicher aus«, gab Carson zu, während er bedenklich den Kopf schüttelte. »Und sie sieht viel schlimmer aus als damals, als ich noch kein Millionär war.«

»Aber wir müssen losgehen«, sagte Kid. »Wir sind schon zu weit, um umkehren zu können. Und die ganze Nacht hier oben auf dem Eis lagern können wir auch nicht. Es gibt keinen andern Weg. Kurz und ich haben eine ganze Meile zu beiden Seiten geforscht. Aber die Brücke war damals, als wir sie überschritten, freilich in besserem Zustande.«

»Sie kann nur einen tragen. Lassen Sie mich zuerst hinübergehen.« Carson nahm Kid den Schlag des Seiles aus der Hand. »Sie müssen loslassen. Ich nehme das Seil und die Hacke. Geben Sie mir die Hand, so daß ich leichter hinuntersteigen kann.«

Langsam und vorsichtig kletterte er einige Fuß bis zur Brücke hinunter, auf der er dann einen Augenblick stehenblieb, um die letzten Vorbereitungen für den gefährlichen Übergang zu treffen. Auf dem Rücken trug er seine Ausrüstung. Das Seil legte er sich um den Hals, so daß es auf seinen Schultern ruhte.

Das eine Ende war indessen um seinen Körper festgebunden.

»Ich würde einen ansehnlichen Teil meiner künftigen Million für eine Bande tüchtiger Brückenarbeiter geben«, sagte er, aber sein heiteres, launiges Lächeln strafte seine Worte Lügen.

Dann fügte er hinzu: »Alles in Ordnung! Ich bin die reine Katze.«

Die Hacke und die lange Stange, die er als Alpenstock benutzte, hielt er des Gleichgewichts wegen waagerecht vor sich wie ein Seiltänzer. Er setzte erst den einen Fuß prüfend vor, zog ihn wieder zurück und nahm sich mit sichtlicher Anstrengung zusammen.

»Ich möchte lieber eine arme Laus sein«, sagte er lächelnd; »wenn ich diesmal kein Millionär werde, versuche ich es nie wieder. Es ist doch zu unbequem.«

»Wird schon gehen«, ermunterte ihn Kid. »Ich bin ja schon einmal hinübergekommen. Lassen Sie mich lieber zuerst versuchen.«

»Ausgerechnet Sie mit Ihren vierzig Pfund Mehrgewicht«, gab der kleine Mann eifrig zurück. »In einer Minute bin ich bereit. Ich bin es schon.«

Diesmal hatte er seine Nerven sofort in der Gewalt.

»Gut, hier geht es um den Rogue River und die Äpfel«, sagte er, als er den Fuß vorsetzte. Diesmal aber ließ er ihn leicht und vorsichtig stehen, während er den andern langsam und sachte hob und an ihm vorbeischob. Mit großer Umsicht und Sorgfalt setzte er dann den Weg über die zerbrechliche Brücke fort, bis er zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatte. Dann machte er halt, um eine Vertiefung zu untersuchen, die er überschreiten mußte. Er bemerkte aber darin einen ganz frischen Riß und blieb zögernd stehen. Kid, der ihn die ganze Zeit beobachtete, sah, daß er erst zur Seite und dann in die Tiefe hinunterblickte und darauf leise hin und her zu schwanken begann.

»Nicht nach unten blicken«, befahl Kid barsch. »Weitergehen… sofort!«

Der kleine Mann gehorchte und schwankte nicht mehr unterwegs. Der von der Sonne zernagte Abhang auf der andern Seite der Kluft war schlüpfrig, aber nicht steil, und es gelang ihm, ein schmales Felsstück zu erreichen, das aus der Wand vorsprang. Dort wandte er sich mit dem Gesicht gegen Kid und setzte sich.

»Jetzt ist die Reihe an Ihnen!« rief er ihm zu. »Aber bleiben Sie nicht stehen und sehen Sie auch nicht nach unten! Und jetzt los! Der ganze Mist hier taugt schon nichts mehr.«

Kid begann mit waagerecht gehaltenem Stock den Übergang.

Es war klar, daß die Brücke schon in ihren letzten Zügen lag.

Er vernahm ein Knistern unter seinen Füßen. Die ganze Schneemasse schien sich zu bewegen. Das Knistern wurde immer stärker. Dann hörte er einen einzelnen scharfen Knack.

Er erkannte, daß irgend etwas Schlimmes hinter ihm geschah.

Hätte er sonst nichts gespürt, so würde schon der gespannte und erregte Ausdruck in Carsons Gesicht es ihm enthüllt haben. Aus der Tiefe hörte er das leise und schwache Plätschern eines rieselnden Baches, und ganz unwillkürlich und unfreiwillig warf er einen schnellen Blick in den schimmernden Abgrund. Dann nahm er sich zusammen und starrte wieder geradeaus. Als er die zwei Drittel zurückgelegt hatte, war er bei der Vertiefung angelangt. Die scharfen Ränder des Risses, die von der Sonne noch kaum berührt waren, zeigten deutlich, wie frisch er war. Kid hob bereits den einen Fuß, um den Riß zu überqueren, als dieser langsam breiter zu werden begann, während Kid gleichzeitig eine Reihe von scharfen, schnappenden Geräuschen vernahm. Er wollte sich beeilen weiterzukommen und machte deshalb den Schritt länger als beabsichtigt. Aber dadurch glitt sein Schuh, dessen Nägel abgeschliffen waren, auf der andern Seite des Risses aus. Er fiel auf sein Gesicht und rutschte sofort in den Spalt der Brücke hinab. Seine Beine schwebten frei in der Luft, aber es war ihm gelungen, im Fallen den Stock quer über die Lücke zu legen, und er konnte jetzt seine Brust dagegen stemmen…

Zuerst wurde ihm ganz übel, weil sein Herz mit unheimlicher Schnelligkeit klopfte. Sein erster Gedanke war indessen nur Staunen, daß er nicht tiefer gefallen war. Hinter sich vernahm er Krachen und Knistern und ein Schütteln, das seinen Stock zittern ließ. Und tief, tief unter sich, aus dem Herzen des Gletschers, drang das leise und hohle Dröhnen der Schneemassen zu ihm herauf, die sich losgerissen hatten und auf den Boden des Abgrundes schlugen. Dennoch hielt die Brücke immer noch, obgleich sie an der andern Seite fast völlig vom Felsen losgerissen war und in der Mitte den großen Riß hatte, während der Teil, den er bereits zurückgelegt hatte, in einem Winkel von zwanzig Grad abwärts hing. Er konnte sehen, daß Carson, der auf seinem Vorsprung saß, die Füße fest gegen die allmählich schmelzende Oberfläche stemmte, schnell das Seil von der Schulter nahm und es abzuwickeln begann.

Mit einem schnellen Blick berechnete Carson den Abstand, löste das Tuch, das er um den Hals trug, und knüpfte es an das Seil, das er durch ein zweites Tuch, das er in seiner Tasche hatte, noch weiter verlängerte. Das Seil selbst war aus Schlittentauen und kurzen, zusammengeflochtenen Ledersträngen geknüpft und sowohl leicht wie stark. Carson warf es sehr gewandt und hatte gleich Erfolg, so daß es Kid gelang, es zu ergreifen. Er hatte offenbar die Absicht, mit dem Seil in der Hand aus dem Spalt zu kriechen. Aber Carson, der inzwischen das andere Ende des Seils um seinen Körper gebunden hatte, hinderte ihn daran.

»Binden Sie es sich auch um«, befahl er.

»Wenn ich dann hinunterstürze, ziehe ich Sie mit«, wandte Kid ein.

Der kleine Mann erlaubte keinen Widerspruch. »Halten Sie den Mund«, kommandierte er. »Der Klang Ihrer Stimme genügt vollkommen, um das Ding da zum Einsturz zu bringen.«

»Wenn ich aber wirklich zu gleiten beginne…«, begann Kid.

»Halten Sie jetzt gefälligst die Schnauze… Sie werden überhaupt nicht zu fallen beginnen, verstanden? Nun tun Sie, wie ich gesagt habe… so… so ist’s richtig… unter die Achsel. Binden Sie es gehörig fest… Jetzt… Los! Aber vorsichtig! Ich werde das Seil schon einholen! Kommen Sie jetzt…« Kid war vielleicht zehn Schritt weit gekommen, als die Brücke völlig zusammenzubrechen begann. Lautlos und stoßweise zerbröckelte sie und stellte sich dabei immer schräger.

»Schnell«, rief Carson und holte mit beiden Händen das Seil ein, das sich durch Kids Bewegung gelockert hatte.

Als es dann krachte, krampften sich Kids Finger in die harte Wand, während sein Körper von der zerbröckelnden Brücke nach unten gezogen wurde. Carson saß, die Beine gespreizt und gegen den Boden gestemmt, da und holte das Seil aus allen Kräften ein. Durch diese Bemühungen wurde Kid wohl an die Wand heran, gleichzeitig aber Carson aus der Höhlung, in der er saß, herausgezerrt. Er schnellte wie eine Katze herum, krallte sich mit wilder Energie am Eise fest, glitt aber doch hinab. Unter ihm – mit vierzig Fuß Seil zwischen ihnen – kämpfte Kid ebenso verzweifelt, um sich festzuhalten. Aber ehe das Dröhnen aus der Tiefe ihnen meldete, daß die Brücke den Boden des Abgrunds erreicht hatte, waren beide hängengeblieben. Carson fand zuerst eine Stelle, und das bißchen Gewicht, das er jetzt in seinen Zug am Seil noch legen konnte, genügte, um seinen eigenen Sturz aufzuhalten.

Beide blieben in kleinen Vertiefungen stecken, aber die von Kid war so schmal, daß er ohne Hilfe von oben doch tiefer gestürzt wäre, obgleich er sich aus allen Kräften an die Wand drückte und festkrallte. Er hing über einem Vorsprung an der Felswand und konnte deshalb nicht hinabsehen. Einige Minuten vergingen, während deren beide sich bemühten, sich Klarheit über ihre Lage zu verschaffen. Auch machten sie verblüffende Fortschritte in der Kunst, sich an dem nassen und glitschigen Eise festzukrallen. Der kleine Mann war der erste, der zu sprechen begann.

»Kreuzdonnerwetter«, sagte er. Und fügte dann eine Minute später hinzu: »Wenn Sie sich einen Augenblick festhalten und das Seil ein bißchen lockern, werde ich mich umdrehen können. Versuchen Sie es mal.«

Kid machte einen Versuch, stützte sich aber dann wieder auf das Seil.

»Es geht«, meinte er. »Sagen Sie mir, wann Sie bereit sind. Aber schnell.«

»Ungefähr drei Fuß unter mir ist eine Stelle, wo meine Hacken Halt finden können«, sagte Carson. »Ich brauche nur einen Augenblick dazu. Sind Sie bereit?«

»Nur los.«

Es war eine schwere Arbeit, die paar Meter hinabzukriechen und sich dann umzudrehen und hinzusetzen. Aber es war noch schwerer für Kid, sich eng an die Eiswand zu pressen und in einer Lage zu verharren, die von Minute zu Minute immer höhere Anforderungen an seine Muskeln stellte. Er merkte schon, wie er ganz leise, fast unmerklich, hinabzurutschen begann, als das Seil sich endlich wieder straffte. Da sah er auch schon das Gesicht Carsons über sich. Kid bemerkte, daß die sonnengebräunte Haut Carsons ganz fahl war, weil ihm das Blut aus dem Gesicht gewichen war, und er dachte, wie er wohl aussehen mochte. Als er dann aber sah, wie Carson mit zitternden Fingern nach seinem Messer tastete, sagte er sich, daß er Schluß machen müßte. Der Mann war offenbar außer sich vor Angst und wollte das Seil durchschneiden.

»Kü… kü… kümmern Sie si… si… sich nur nicht um mi… mi… mich…«, stotterte der kleine Mann. »Mir i… i… ist ga… gar nicht ba… bange. Es sind n… nur meine Ne… nerven… hol… hol sie der T… teufel… In einer Mi… mi… nu… nute geht es wie… wie… wieder.«

Und Kid beobachtete ihn, wie er dalag: ganz zusammengekauert, die Schultern zwischen den Knien, zitternd und linkisch. Mit der einen Hand straffte er das Seil ein bißchen, mit der andern, die das Messer hielt, schlug und hieb er Löcher für seine Absätze in das Eis.

Kid wurde es ganz warm ums Herz. »Hören Sie mal, Carson. Sie können mich nie da hinaufziehen, und es hat keinen Zweck, daß wir beide zum Teufel gehen. Machen Sie Schluß und schneiden Sie das Seil durch…«

»Halten Sie doch die Schnauze«, lautete die empörte Antwort. »Wem gehört der Laden hier?«

Und Kid merkte, daß der Zorn ein gutes Heilmittel für die Nerven des andern war. Für seine eigenen Nerven war es eine schlimme Belastung, eng an das Eis gedrückt dazuliegen, ohne etwas anderes tun zu können, als sich festzukrallen. Ein Stöhnen und ein schneller Ruf: »Halten Sie sich fest!« warnten ihn. Das Gesicht gegen die Eiswand gedrückt, machte er eine äußerste Anspannung, um sich festzuhalten, merkte, daß das Seil sich lockerte, und erkannte, daß Carson im Begriff war, zu ihm herunterzugleiten. Er wagte erst aufzublicken, als er merkte, daß das Seil sich wieder straffte, und wußte, daß der andere einen neuen Halt gefunden hatte.

»Pfui Deibel… Das war aber auf der Kippe«, stotterte Carson. »Ich bin mehr als einen Meter weit gerutscht. Nun müssen Sie ein bißchen warten. Ich muß mir einen neuen Halt hauen. Wenn dies verfluchte Eis nicht so verdammt brüchig wäre, würden wir besser dran sein.«

Und während der kleine Mann mit der einen Hand das Seil so straff hielt, wie es für Kid dringend notwendig war, zerhieb und zerriß er das Eis mit dem Messer, das er in der andern hielt. So vergingen zehn Minuten.

»Jetzt werde ich Ihnen sagen, was wir zu tun haben«, rief Carson zu Kid hinunter. »Ich habe Löcher für Ihre Hände und Füße neben mir gehauen. Jetzt werde ich das Seil ganz langsam und vorsichtig einholen, und dann kommen Sie herauf. Aber halten Sie sich gut fest, und machen Sie nicht zu schnell! Ich will Ihnen vorher noch was sagen. Ich halte Sie am Seil fest, und Sie werfen unterdessen das ganze Gepäck weg. Verstanden?«

Kid nickte und löste mit unendlicher Vorsicht seinen Rucksackriemen. Dann schüttelte er kräftig die Schultern, so daß der Rucksack abfiel. Carson sah, wie das Gepäck über den Vorsprung kollerte und in der Tiefe verschwand.

»Jetzt werfe ich meinen weg«, rief er hinab. »Inzwischen müssen Sie sich nur ruhig verhalten.«

Fünf Minuten darauf begann für Kid der Kampf, um nach oben zu gelangen. Erst wischte er sich die Hände an der Innenseite seiner Ärmel ab, dann begann er vorsichtig hinaufzuklettern… kroch auf dem Bauche, klammerte, krallte und krampfte sich an die Wand… unterstützt und festgehalten von dem Zug Carsons am Seil. Allein wäre er nicht einen Zoll vorwärts gekommen. Trotz seiner stärkeren Muskeln konnte er nicht wie Carson klettern, weil sein Mehrgewicht von vierzig Pfund ihn behinderte. Als er ein Drittel des Weges hinter sich hatte und die Wand steiler und das Eis weniger brüchig wurde, fühlte er, daß der Zug, am Seil nachließ. Immer langsamer ging es vorwärts. Hier war es aber ausgeschlossen, stehenzubleiben und zu warten. Und selbst mit der größten Anstrengung war es ihm nicht möglich, weiterzukommen. Er merkte auch schon, wie er wieder hinabzugleiten begann.

»Ich rutsche«, rief er nach oben.

»Ich auch«, lautete die Antwort, die Carson mit Mühe durch die Zähne hervorstieß.

»Dann lassen Sie das Seil fahren.«

Kid merkte, daß das Seil sich eine Sekunde in einer vergeblichen Anspannung straffte… dann rutschte er schneller nach unten, und während er zu seinem früheren Standpunkt, ja über den Vorsprung hinabglitt, sah er gerade noch, wie Carson dort auf den Rücken gefallen war und wie ein Wahnsinniger mit Armen und Beinen zappelte, um nicht weiter hinabgezogen zu werden. Zu Kids Staunen stürzte er selbst, als er den Vorsprung passiert hatte, nicht jäh in die Tiefe. Das Seil hielt ihn etwas zurück, als er einen noch schrofferen Abhang hinunterrutschte, der jedoch gleich wieder sanfter wurde, und schließlich blieb er in einer neuen Vertiefung am Rande eines neuen Vorsprungs liegen. Carson konnte er jetzt gar nicht mehr sehen, denn der lag ihm verborgen an der Stelle, die Kid vorher eingenommen hatte.

»Pfui Deibel«, hörte er Carson mit klappernden Zähnen stottern.

Einen Augenblick herrschte Stille. Dann merkte Kid, daß das Seil angezogen wurde.

»Was machen Sie denn?« rief er hinauf.

»Ich haue neue Löcher für Hände und Füße«, lautete die zitternde Antwort. »Sie müssen eben so lange warten. Ich werde Sie im Handumdrehen heraufziehen. Kehren Sie sich nicht daran, wie ich spreche! Ich bin eben ein bißchen aufgeregt! Sonst bin ich aber ganz auf der Höhe. Warten Sie nur, dann werden Sie sehen!«

»Sie halten mich ja nur durch Ihre Kraft«, wandte Kid ein. »Früher oder später, wenn das Eis schmilzt, rutschen Sie mir nach. Das einzige, was Sie zu tun haben, ist das Seil durchzuschneiden. Tun Sie, wie ich Ihnen sage! Es hat doch keinen Zweck, daß wir beide zum Teufel gehen. Sie sind der größte kleine Mann in der ganzen Welt, und Sie haben Ihr Bestes getan. Schneiden Sie mich jetzt los.«

»Nun halten Sie doch endlich einmal Ihre werte Schnauze. Ich haue jetzt hier Löcher, und diesmal so tief, daß ich ein ganzes Pferdegespann heraufziehen könnte.«

»Sie haben mich schon lange genug festgehalten«, erklärte Kid eindringlich. »Lassen Sie mich fahren.«

»Wie oft habe ich Sie gehalten?« fragte der Mann wütend.

»Mehrmals… und jedesmal war einmal zuviel… Sie rutschen ja selbst immer weiter herunter.«

»Und dabei lerne ich immer mehr, wie die Sache zu deichseln ist. Ich werde Sie festhalten, bis wir aus diesem Schlamassel heraus sind. Verstehen Sie? Als Gott mich zu einem Leichtgewichtler machte, wußte er schon, denke ich mir, was er tat. Also… Maul halten und still sein! Ich habe hier zu tun…«

Wieder vergingen einige Minuten in Schweigen. Kid konnte den metallischen Klang des Messers hören, mit dem der Kleine auf das Eis losschlug, und hin und wieder glitten kleine Eisstückchen über den Vorsprung zu ihm herab. Da er durstig war, fing er, sich mit Händen und Füßen festkrallend, einige dieser Stückchen mit den Lippen und ließ sie im Munde zergehen, um sich auf diese Weise zu erfrischen.

Er hörte Carson schwer atmen, vernahm ein klagendes Stöhnen der Verzweiflung und merkte, daß das Seil wieder nachließ, so daß er sich aus allen Kräften festhalten mußte. Das Seil straffte sich jedoch gleich wieder. Mit großer Anstrengung gelang es ihm, einen Blick den Steilhang hinaufzuwerfen. Er spähte einige Sekunden vergeblich empor… dann sah er, wie das Messer mit der Spitze nach unten über den Rand des Vorsprungs zu ihm herunterglitt. Er preßte seine Wange dagegen, zuckte zusammen, als er fühlte, wie die Schneide seine Haut zerschnitt, drückte wieder stärker und merkte dann, daß das Messer liegenblieb.

»Ich bin doch ein Esel«, klang es bedauernd von oben.

»Nur ruhig, ich habe es«, antwortete Kid.

»Schön, aber warten Sie ein bißchen. Ich habe eine Menge Bindfaden in der Tasche. Ich lasse ihn zu Ihnen hinab, und dann schicken Sie mir das Messer wieder herauf.«

Kid antwortete nicht. Ihm schoß plötzlich ein Einfall durch den Kopf.

»Hallo, Sie da… jetzt kommt der Bindfaden! Sagen Sie mir, ob Sie ihn bekommen haben.«

Ein kleines Taschenmesser, das am Ende des Bindfadens festgebunden war, glitt über das Eis herab. Kid fing es auf.

Durch eine rasche Bewegung mit den Zähnen und der einen Hand gelang es ihm, die große Klinge zu öffnen; er überzeugte sich, daß sie scharf war. Dann band er das Messer an den Bindfaden. »Hinaufziehen!« rief er.

Mit gespannten Blicken beobachtete er, wie das Messer nach oben gezogen wurde. Aber er sah noch mehr… er sah einen kleinen Mann, der voll tödlicher Angst und dennoch unerschrocken, zitternd und mit klappernden Zähnen, krank vor Schwindel, Übelkeit und Furcht heldenmütig überwand.

Seit Kid Kurz getroffen, hatte er noch keinem so schnell aufrichtige und warme Freundschaft entgegengebracht wie diesem Manne. »Glänzend«, erklang die Stimme von oben über den Vorsprung zu ihm hinab. »Jetzt werden wir im Handumdrehen aus diesem Eisloch heraus sein.«

Die erschütternde Anstrengung, Mut und Hoffnung aufrechtzuerhalten, die aus Carsons Stimme herausklang, war für Kid entscheidend.

»Hören Sie, Carson«, sagte er ruhig, während er sich vergeblich bemühte, das Bild Joy Gastells aus seinem Gehirn zu bannen. »Ich habe Ihnen das Messer hinaufgeschickt, damit Sie sich aus dieser Lage befreien. Ich werde jetzt mit dem Taschenmesser das Seil durchschneiden. Es genügt, wenn einer von uns beiden zum Teufel geht. Verstanden?«

»Beide oder keiner«, kam die barsche, aber zitternde Antwort zurück. »Wenn Sie noch eine Minute ausharren…«

»Ich habe schon zu lange ausgeharrt. Ich bin nicht verheiratet. Ich habe keine anbetungswürdig dünne Frau, keine Kinder und keine Apfelbäume, die auf mich warten. Jetzt müssen Sie sehen, daß Sie wenigstens aus dem Dreck herauskommen… und das bald…«

»Warten Sie doch… um Gottes Willen, warten Sie…«, schrie Carson zu ihm herab. »Das dürfen Sie nicht! Geben Sie mir doch eine Möglichkeit, Sie zu retten. Nur ruhig, alter Freund! Wir werden es schon kriegen! Sie werden sehen! Ich haue jetzt Löcher, die groß genug sind, um ein ganzes Haus mit Scheune heraufzuholen.«

Kid antwortete nicht. Ruhig und sicher, wie gebannt von dem, was er im Geiste sah, sägte er weiter mit dem Messer, bis der eine von den drei Strängen durchschnitten war.

»Was tun Sie«, rief Carson verzweifelt. »Wenn Sie es durchschneiden, verzeihe ich es Ihnen nie… Niemals… Ich sage Ihnen ja: entweder kommen wir beide aus dem Dreck hinaus oder keiner von uns… Wir werden die Sache schon deichseln… Nur warten! Um Gottes willen…«

Und Kid, der den durchschnittenen Strang, der kaum fünf Zoll vor seinen Augen baumelte, anstarrte, empfand eine so jämmerliche Furcht wie noch nie in seinem Leben. Er wollte nicht sterben… er prallte zurück, als er in den schimmernden Abgrund unter sich blickte, und die sinnlose Angst ließ sein Gehirn die törichtesten Vorwände hervorsuchen, um die Sache in die Länge zu ziehen…

»Gut«, rief er hinauf. »Ich werde noch warten. Tun Sie, was Sie können. Aber ich sage Ihnen, Carson, sobald wir wieder zu gleiten beginnen, schneide ich das Seil durch.«

»Pscht… Nicht daran denken… Wenn wir uns wieder bewegen, geht es nach oben! Ich klebe wie eine Klette… ich würde hier hängenbleiben, und wenn es doppelt so steil wäre… Ich habe schon ein reines Riesenloch für den einen Absatz fertig… und jetzt werden Sie still sein und mich arbeiten lassen.«

Nur langsam vergingen die Minuten. Kid konzentrierte all seine Gedanken auf einen dumpfen Schmerz, den ihm ein Niednagel an dem einen Finger verursachte. Er hatte ihn am selben Morgen abschneiden wollen – er schmerzte schon damals, überlegte er. Und er faßte den Entschluß, ihn abzuschneiden, wenn er nur erst aus dieser verdammten Klemme herausgekommen war. Als er aber den Finger und den Niednagel in solcher Nähe betrachtete, kam ihm ein ganz neuer Gedanke. Gleich – bestenfalls in wenigen Minuten – waren dieser Niednagel, dieser Finger, der mit so kunstfertigen und geschmeidigen Gelenken versehen war, vielleicht Teile einer zerschmetterten Leiche in der Tiefe der Schlucht. Als er sich seiner Angst bewußt wurde, fühlte er Haß gegen sich selbst.

Liebhaber von Bärenfleisch mußten aus anderem Holz geschnitzt sein! In der Wut über seine eigene Furcht begann er wieder mit dem Messer auf das Seil loszusägen… Da hörte er wieder Carson stöhnen und seufzen. Eine plötzliche Lockerung des Seils warnte ihn. Er begann zu gleiten. Die Bewegung war zuerst sehr langsam. Das Seil wurde treu und brav wieder angezogen – aber er glitt dennoch immer weiter. Carson konnte ihn nicht mehr halten, sondern wurde mit hinabgezogen! Er fühlte sich mit der Fußspitze vor und merkte den leeren Raum unter sich; jetzt, wußte er, mußte er senkrecht nach unten stürzen. Und er war sich gleichzeitig darüber klar, daß sein Körper im Fall sofort Carson mitreißen würde.

Dann wurde ihm auf einmal klar, was Recht und was Unrecht war. In blinder Verzweiflung setzte er wieder das Messer an das Seil, sah, wie die zerschnittenen Stränge auseinanderplatzten. Fühlte dann, wie er immer schneller glitt und schließlich in die Tiefe stürzte…

Was dann geschah, wußte er nicht. Er war nicht bewußtlos, aber alles geschah so schnell und kam so unerwartet. Statt im Todessturz zu zerschmettern, schlugen seine Füße fast augenblicklich gegen Wasser, und er setzte sich mitten in eine Pfütze, die ihn mit kalten Spritzern durchnäßte.

»Oh, warum haben Sie das getan?« hörte er eine klagende Stimme von oben rufen.

»Hören Sie«, rief er hinauf. »Ich bin vollkommen heil. Sitze hier bis zum Hals im Wasser. Und unsere beiden Rucksäcke sind auch da. Ich setze mich darauf. Es ist Platz für ein halbes Dutzend hier. Wenn Sie heruntergleiten, halten Sie sich nur dicht an die Wand, und Sie werden heil landen wie ich. Aber sonst machen Sie, daß Sie schnell hinaufklettern und wegkommen. Gehen Sie nach der Hütte. Es muß jemand drinnen sein. Ich habe den Rauch ja gesehen. Verlangen Sie dort ein Seil oder etwas, das ein Seil vorstellen kann… und kommen Sie wieder und holen mich hinauf.«

»Ist es wirklich wahr?« rief Carson zweifelnd.

»So wahr ich hier sitze und hoffe, daß ich einst sterben werde. Machen Sie jetzt, daß Sie wegkommen… sonst erkälte ich mich und hole mir den Tod.«

Kid hielt sich warm, indem er mit seinen Füßen einen Kanal durch die Eisdecke hämmerte. Er hatte eben das letzte Wasser durch die Rinne abgeleitet, als ein Ruf anzeigte, daß Carson den oberen Rand der Kluft erreicht hatte.

Darauf verwendete Kid die Zeit in aller Ruhe dazu, seine Kleider zu trocknen. Die späte Nachmittagssonne schien warm auf ihn herab, während er seine Kleider wrang und sie rings um sich ausbreitete. Seine Streichholzschachtel war wasserdicht, und es gelang ihm, genügend Tabak und Reispapier zu trocknen, um sich Zigaretten drehen zu können.

Als er zwei Stunden später auf den beiden Rucksäcken saß und rauchte, hörte er von oben eine Stimme, in der er sich nicht irren konnte.

»Aber Kid, Kid!«

»Tag Fräulein Gastell!« rief er zurück. »Wo in aller Welt kommen Sie denn her?«

»Haben Sie sich verletzt?«

»Keine Spur!«

»Papa wirft Ihnen jetzt das Seil hinunter… Können Sie es sehen?«

»Jawohl… und ich hab‘ es auch schon gefangen«, antwortete er. »Sie müssen nur so freundlich sein, ein paar Minuten zu warten!«

»Was ist denn los?« fragte sie ängstlich nach einigen Minuten. »Oh, ich weiß, Sie haben sich doch verletzt.«

»Nein, durchaus nicht… ich muß mich nur anziehen…«

»Anziehen?«

»Ja… ich hab‘ ein bißchen gebadet… So, sind Sie bereit? Also, ziehen Sie!«

Er ließ zuerst die beiden Rucksäcke hinaufziehen und mußte dafür eine kleine Rüge von Fräulein Gastell einstecken… dann erst folgte er selber.

Joy Gastell sah ihn mit leuchtenden Augen an, während ihr Vater und Carson sich bemühten, das Seil aufzuwickeln. »Es war prachtvoll, daß Sie das Seil durchschnitten«, erklärte sie. »Es war… es war einfach herrlich…«

Kid lehnte die Bewunderung mit einer Handbewegung ab.

»Ich habe schon die ganze Geschichte gehört…«, erklärte sie. »Carson erzählte sie mir. Sie haben sich geopfert, um ihn zu retten.«

»Keine Rede davon«, log Kid. »Ich hatte ja schon längst das kleine Schwimmbecken unter mir gesehen.«


3 Nam Bok Der Luegner

Nam-Bok, der Lügner

»Eine Bidarka, nicht wahr? Schau, eine Bidarka, und ein Mann, der sie ungeschickt mit einem Paddel rudert!«

Die alte Bask-Wah-Wan erhob sich, vor Kraftlosigkeit und Eifer zitternd, auf die Knie und starrte übers Meer hinaus. »Nam-Bok war immer ungeschickt mit dem Ruder«, murmelte sie, sich erinnernd, beschattete die Augen gegen die Sonne und spähte über das silberfunkelnde Wasser. »Nam-Bok war immer ungeschickt. Ich weiß noch…«

Aber Frauen und Kinder lachten laut, und in ihrem Lachen lag ein sanfter Spott. Bask-Wah-Wans Stimme wurde leiser, bis ihre Lippen sich nur noch lautlos bewegten.

Koogah hob das ergraute Haupt von seiner Beinschnitzerei und folgte ihrem Blick. Eine Bidarka näherte sich dem Strande, wurde nur hin und wieder von heftigen Böen abgetrieben. Ihr Besitzer ruderte mit mehr Kraft als Geschicklichkeit und kam in mühseligstem Zickzack näher. Koogah ließ sein Haupt wieder auf die Arbeit sinken und kratzte in den Elfenbeinhauer zwischen seinen Knien die Rückenflosse eines Fisches, desgleichen nie im Meere geschwommen war.

»Es ist zweifellos der Mann aus dem Nachbardorfe«, sagte er abschließend. »Er kommt, um mich über das Schnitzen in Bein zu Rate zu ziehen. Und der Mann ist ein ungeschickter Bursche. Er wird es nie lernen.«

»Es ist Nam-Bok«, wiederholte die alte Bask-Wah-Wan. »Sollte ich meinen eigenen Sohn nicht kennen?« fragte sie schrill. »Ich sage und ich sage es wieder: Es ist Nam-Bok.«

»Und das hast du viele Sommer gesagt«, spottete eine der Frauen sanft. »Immer, wenn das Eis auf dem Meere schmolz, saßest du hier und hieltest den lieben langen Tag Wache, und bei jedem Kanu sagtest du: ›Das ist Nam-Bok.‹ Nam-Bok ist tot, Bask-Wah-Wan, und die Toten kehren nicht wieder. Es ist unmöglich, daß die Toten wiederkehren.«

»Nam-Bok!« rief die alte Frau so laut und deutlich, daß das ganze Dorf sie verblüfft anblickte.

Sie kam mit Anstrengung auf die Beine und wankte über den Sand hinab. Sie stolperte über ein Kind, das in der Sonne lag, und die Mutter beschwichtigte sein Weinen und rief der alten Frau harte Worte nach, ohne daß diese sich jedoch darum kümmerte. Die Kinder liefen ihr zum Strande voraus, und während der Mann in der Bidarka immer näher kam und das Boot in seiner Ungeschicklichkeit fast zum Kentern gebracht hätte, kamen die Frauen ihr nach. Koogah ließ seinen Walroßzahn fallen und folgte, schwer auf seinen Stock gestützt, und die andern Männer schlenderten zu zweien oder dreien hinter ihm her.

Die Bidarka wandte dem Lande die Breitseite zu, und der Wellenschlag drohte sie zu füllen, aber ein nackter Knabe lief ins Wasser und zog den Bug hoch auf den Strand. Der Mann erhob sich und warf einen fragenden Blick über die Reihe der Dorfbewohner. Eine bunte Wolljacke hing, schmutzig und abgenutzt, über seiner breiten Schulter, und er hatte ein rotes Taschentuch nach Matrosenart um den Hals gebunden. Eine Fischermütze auf seinem kurzgeschorenen Kopfe, Wollhosen und schwere Schuhe vervollständigten seine Kleidung.

Aber nichtsdestoweniger war er eine merkwürdige Erscheinung für diese einfachen Fischer im großen Yukon-Delta, die ihr ganzes Leben lang übers Beringmeer gestarrt und in der ganzen Zeit nur zwei weiße Männer gesehen hatten – den Volkszählungsbeamten und einen Jesuitenpater, der sich verirrt hatte. Sie waren arm, ihr Erdboden enthielt kein Gold, ihre Jagd brachte kein wertvolles Pelzwerk, so daß die Weißen sie stets hatten links liegenlassen. Dazu hatte der Yukon in den Jahrtausenden das Meer in der Nähe mit Alaskakies gefüllt und seicht gemacht, so daß die Schiffe auf Grund stießen, ehe sie das Land in Sicht bekamen. Daher wurde die feuchte Küste mit ihren weiten Lagunen und den großen Barrieren schlammiger Inseln von den Schiffen der Weißen gemieden, und die Fischer wußten nicht einmal, daß solche Wesen existierten. Koogah, der Beinschnitzer, zog sich in plötzlicher Eile zurück, stolperte über seinen Stock und fiel hin. »Nam-Bok!« rief er, während er erschrocken wieder auf die Füße zu kommen suchte. »Nam-Bok, der aufs Meer hinausgeweht wurde, ist zurückgekehrt!«

Männer und Frauen schauderten zurück, und die Kinder liefen ihnen zwischen den Beinen fort. Nur Opee-Kwan war kühn, wie es sich für den Dorfhäuptling ziemte. Er trat vor und starrte den Ankömmling lange und ernst an.

»Es ist Nam-Bok«, sagte er schließlich, und bei dem überzeugten Klang seiner Stimme heulten die Weiber furchtsam und zogen sich weiter zurück.

Die Lippen des Fremden bewegten sich unentschlossen, und sein brauner Hals wand sich und kämpfte mit unausgesprochenen Worten.

»La, la, es ist Nam-Bok«, sang Bask-Wah-Wan, während sie ihm ins Gesicht blickte. »Ich habe immer gesagt, daß Nam-Bok zurückkehren würde.«

»Ja, es ist Nam-Bok, der zurückgekehrt ist.« Diesmal war es Nam-Bok selbst, der sprach, indem er ein Bein über den Rand der Bidarka streckte und mit dem einen Fuß im Boote, mit dem andern an Land stehenblieb. Wieder wand sich sein Hals und kämpfte, während er nach vergessenen Worten suchte. Und als die Worte kamen, war ihr Klang seltsam, und ein Sprudeln der Lippen begleitete die Kehllaute. »Seid gegrüßt, o Brüder«, sagte er, »Brüder aus alter Zeit, ehe der Festlandwind mich entführte.«

Er trat mit beiden Füßen auf den Strand, aber Opee-Kwan winkte ihn zurück.

»Du bist tot, Nam-Bok«, sagte er.

Nam-Bok lachte. »Ich bin dick.«

»Tote sind nicht dick«, räumte Opee-Kwan ein. »Es geht dir gut, aber es ist seltsam. Niemand kann sich mit dem Festlandwind paaren und nach Jahren zurückkehren.«

»Ich bin zurückgekehrt«, antwortete Nam-Bok einfach.

»Vielleicht bist du aber doch ein Schatten, ein Schatten, der kommt und geht, ein Schatten des Nam-Bok, der lebte. Schatten können wiederkehren.«

»Ich bin hungrig. Schatten essen nicht.«

Aber Opee-Kwan war unschlüssig und strich sich in trauriger Verwirrung mit der Hand über die Stirn. Nam-Bok war gleichfalls verwirrt. Er blickte auf und die Reihe entlang, fand aber kein Willkommen in den Augen der Fischer. Männer und Frauen flüsterten zusammen. Die Kinder zogen sich ängstlich zwischen die Erwachsenen zurück, und den Hunden sträubten sich die Haare, sie krochen zu ihm und beschnupperten ihn mißtrauisch.

»Ich gebar dich, Nam-Bok, und ich säugte dich, als du klein warst«, wimmerte Bask-Wah-Wan und kam näher, »und magst du nun ein Schatten sein oder nicht, so will ich dir doch zu essen geben.«

Nam-Bok machte eine Bewegung, als wollte er auf sie zutreten, aber ein furchtsames und drohendes Murren hielt ihn zurück. Er sagte etwas in einer fremden Sprache, das wie »den Teufel auch« klang, und fügte hinzu: »Kein Schatten bin ich, sondern ein Mensch.«

»Wer kann diese geheimnisvollen Dinge begreifen?« fragte Opee-Kwan halb bei sich, halb zu seinem Stamme gewandt. »Wir sind, und einen Atemzug später sind wir nicht mehr. Wenn ein Mensch zum Schatten werden kann, kann dann ein Schatten nicht auch zum Menschen werden? Nam-Bok war, aber er ist nicht. Das wissen wir, aber wir wissen nicht, ob dies Nam-Bok ist oder Nam-Boks Schatten.«

Nam-Bok räusperte sich und antwortete: »In alten, längst vergangenen Tagen zog deines Vaters Vater, Opee-Kwan, fort und kam erst nach Jahren wieder. Und ihm wurde nicht der Platz am Feuer verweigert. Man sagt…« Er machte eine bedeutungsvolle Pause, und sie lauschten. »Man sagt«, wiederholte er und betonte absichtlich das Folgende, »daß Sipsip, seine Klooch, ihm nach seiner Heimkehr zwei Söhne gebar.«

»Aber er hatte nichts mit dem Festlandwinde zu schaffen«, antwortete Opee-Kwan. »Er zog ins Herz des Landes, und es ist nur natürlich, daß der Mensch immer tiefer ins Land hineingehen kann.«

»Und ebenso auf dem Meere. Aber das hat nichts damit zu tun. Man sagt, daß deines Vater seltsame Geschichten von dem erzählte, was er gesehen hatte.«

»Ja, seltsame Geschichten erzählte er.«

»Ich habe auch seltsame Geschichten zu erzählen«, erklärte Nam-Bok einschmeichelnd. Und als sie wankten: »Und Geschenke habe ich auch.«

Aus der Bidarka nahm er einen Schal, wunderbar von Stoff und Farbe, und warf ihn seiner Mutter um die Schulter. Die Frauen stöhnten im Chor vor Bewunderung, und die alte Bask-Wah-Wan rollte den bunten Stoff zwischen den Fingern, streichelte ihn und sang leise in kindischer Freude.

»Er hat Geschichten zu erzählen«, murmelte Koogah.

»Und Geschenke«, half eine Frau ihm.

Und Opee-Kwan wußte, daß sein Volk eifrig war, und vor allem spürte er selbst eine kribbelnde Neugier nach diesen noch nicht erzählten Geschichten. »Der Fischfang ist gut gewesen«, sagte er einsichtsvoll. »Und wir haben Tran die Menge. Also komm, Nam-Bok, laß uns schmausen.«

Zwei Männer hoben die Bidarka auf ihre Schultern und trugen sie zum Feuer. Nam-Bok ging neben Opee-Kwan, und die Dorfbewohner folgten ihnen mit Ausnahme einiger Weiber, die einen Augenblick zögerten, um den Schal mit zärtlichen Fingern zu betasten.

Während des Schmauses wurde nicht viel gesprochen, obwohl viele neugierige Blicke auf Bask-Wah-Wans Sohn fielen. Das störte ihn zwar nicht aus Bescheidenheit, sondern weil der Gestank des Robbentrans ihm den Appetit geraubt hatte und er aufrichtig wünschte, seine Gefühle in dieser Beziehung zu verbergen.

»Iß, du bist hungrig«, gebot Opee-Kwan ihm, und Nam-Bok schloß beide Augen und griff mit der Hand in den großen Topf mit verfaultem Fisch.

»La, la, zier dich nicht. Es gab viele Robben heuer, und starke Männer sind immer hungrig.« Und Bask-Wah-Wan tunkte ein besonders widerliches Stück Lachs in den Tran und reichte den triefenden Bissen zärtlich ihrem Sohne.

Als warnende Anzeichen ihm bedeuteten, daß sein Magen nicht mehr so widerstandsfähig wie in alten Tagen war, stopfte er verzweifelt seine Pfeife und begann zu paffen. Die Leute fraßen lärmend weiter und sahen zu. Nur wenige von ihnen konnten sich näherer Bekanntschaft mit dem kostbaren Kraut Tabak rühmen, obwohl sie hin und wieder geringe Mengen, freilich von abscheulicher Qualität, von Eskimos aus dem Norden kaufen konnten. Koogah, der neben ihm saß, ließ verstehen, daß er nichts dagegen habe, auch einen Zug zu tun, und zwischen zwei Bissen sog er mit Lippen, die dick mit Tran beschmiert waren, an der Bernsteinspitze drauflos. Und hierauf hielt Nam-Bok sich mit zitternder Hand den Magen und lehnte es ab, die Pfeife zurückzunehmen, als sie ihm wieder angeboten wurde. Koogah könnte sie gern behalten, sagte er, denn er habe von Anfang an die Absicht gehabt, ihn damit zu beehren. Und die Leute leckten sich die Finger und freuten sich über seine Freigebigkeit.

Opee-Kwan erhob sich. »Und jetzt, o Nam-Bok, ist der Schmaus zu Ende, und wir wollen die Geschichten von den seltsamen Dingen hören, die du gesehen hast.«

Die Fischer klatschten Beifall, nahmen ihre Arbeit zur Hand und machten sich bereit, zu lauschen. Die Männer befestigten Speerspitzen an die Schäfte und schnitzten in Elfenbein, während die Frauen den Speck von den Robbenfellen schrapten und sie aufweichten oder mit Sehnenfaden Kamicker nähten. Nam-Bok ließ seine Blicke über die Szene schweifen, aber sie hatte nicht den Reiz, den seine Erinnerung ihn hatte erwarten lassen. In den Jahren seiner Wanderung hatte er stets diese Szene vor Augen gehabt, und jetzt, da sie gekommen, war er enttäuscht. Es schien ihm ein nacktes mageres Leben, nicht zu vergleichen mit dem, an das er sich gewöhnt hatte. Aber dennoch wollte er ihnen die Augen ein wenig öffnen, und bei dem Gedanken funkelten die seinen.

»Brüder«, begann er mit der behaglichen Selbstzufriedenheit eines Mannes, der im Begriffe ist, seine eigenen großen Taten zu erzählen. »Letzten Sommer waren es schon viele Sommer her, seit ich fortzog, gerade in solchem Wetter, wie dies zu werden scheint. Ihr erinnert euch alle des Tages: die Möwen flogen niedrig, der Wind wehte stark vom Lande her, und ich konnte meine Bidarka nicht gegen ihn halten. Ich band den Überzug der Bidarka dicht um mich zusammen, so daß kein Wasser eindringen konnte, und kämpfte die ganze Nacht mit dem Sturm. Und am Morgen war kein Land zu sehen – nur das Meer –, und der Festlandwind hielt mich fest in seinen Armen und trug mich fort. Drei solcher Nächte erhellten sich zum Tagesgrauen, und kein Land zeigte sich mir, und der Festlandwind wollte mich nicht loslassen. Und als der vierte Tag kam, war ich wie von Sinnen. Von Hunger geschwächt, konnte ich das Ruder nicht ins Wasser stecken, und der Kopf wirbelte mir von dem Durst, der über mir war. Aber das Meer war nicht mehr zornig, und der milde Südwind blies, und als ich mich umsah, hatte ich einen Anblick, der mich glauben ließ, daß ich den Verstand verloren hätte.«

Nam-Bok schwieg, um ein Stückchen Lachs zu entfernen, das sich zwischen seinen Zähnen festgesetzt hatte. Männer und Frauen warteten mit müßigen Händen und vorgebeugten Köpfen.

»Ich erblickte ein Kanu, ein großes Kanu. Wenn alle Kanus, die ihr je gesehen habt, zu einem einzigen vereinigt würden, so wäre es nicht so groß.«

Ausrufe von Zweifel wurden laut, und Koogah, der Uralte, schüttelte den Kopf.

»Wenn jede Bidarka ein Sandkorn wäre«, fuhr Nam-Bok trotzig fort, »und wenn es ebenso viele Bidarkas gäbe wie Sandkörner hier am Strande, so würden sie dennoch kein so großes Kanu ausmachen wie das, welches ich am Morgen des vierten Tages sah. Es war ein sehr großes Kanu und wurde Schoner genannt. Ich sah, wie dieses Wunderding, dieser große Schoner, hinter mir herkam, und auf ihm sah ich Männer…«

»Halt, o Nam-Bok!« unterbrach Opee-Kwan ihn. »Was für eine Art von Männern war das? – Große Männer?«

»Nein, gewöhnliche Männer wie du und ich.«

»Kam das große Kanu schnell?«

»Ja.«

»Seine Seiten waren hoch und die Männer klein.«

Opee-Kwan bekräftigte diese Voraussetzungen in überzeugtem Ton. »Und ruderten diese Männer mit langen Paddeln?«

Nam-Bok lächelte. »Es waren gar keine Paddel da«, sagte er.

Die Münder blieben offen, und ein langes Schweigen trat ein. Opee-Kwan lieh sich die Pfeife von Koogah und machte ein paar nachdenkliche Züge. Eine der jüngeren Frauen kicherte erregt und zog sich dafür zornige Blicke zu.

»Es waren keine Paddel da?« fragte Opee-Kwan sanft, indem er die Pfeife zurückgab.

»Der Südwind stand hinter ihnen«, erklärte ihm Nam-Bok.

»Aber der Wind treibt nur langsam.«

»Der Schoner hatte Flügel – so.« Er entwarf eine Zeichnung von Masten und Segeln im Sande, und die Männer scharten sich darum und studierten sie. »Der Wind frischte auf«, und zur Veranschaulichung ergriff er die Ecken vom Schal seiner Mutter und spannte ihn auf, bis er wie ein Segel schwoll. Bask-Wah-Wan schalt und wehrte sich, wurde jedoch ein ganzes Stück den Strand hinuntergeweht und landete hilflos auf einem Stapel Treibholz. Die Männer grunzten klug und verständnisvoll, Koogah aber warf plötzlich sein graues Haupt hintenüber.

»Ho! Ho!« lachte er. »Ein verrücktes Ding, dies große Kanu! Ein ganz verrücktes Ding! Ein Spielzeug für den Wind! Wohin der Wind geht, geht es auch. Kein Mann, der darin reist, kann im voraus den Strand nennen, wo er landen wird, denn er geht immer mit dem Wind, und der Wind geht irgendwie, aber keiner weiß wohin.«

»So ist es«, fügte Opee-Kwan ernst hinzu. »Mit dem Winde gehen ist leicht, aber gegen den Wind muß man schwer kämpfen, und diese Männer mit dem großen Kanu hatten ja keine Paddel und konnten daher nicht kämpfen.«

»Sie brauchten nicht zu kämpfen!« rief Nam-Bok ärgerlich. »Der Schoner ging auch gegen den Wind.«

»Und was, sagtest du, ließ den Sch-Sch-Schoner gehen?« fragte Koogah und trippelte vorsichtig über das fremde Wort.

»Der Wind«, lautete die ungeduldige Antwort.

»Der Wind ließ also den Sch-Sch-Schoner gegen den Wind gehen?« Der alte Koogah grinste ganz offensichtlich Opee-Kwan an, und während das Lachen ringsum wuchs, fuhr er fort: »Der Wind weht gleichzeitig sowohl von vorn wie von hinten. Das ist ganz einfach. Das verstehen wir, Nam-Bok. Das verstehen wir ganz deutlich.«

»Du bist ein Narr!«

»Wahrheit fällt von deinen Lippen«, antwortete Koogah demütig. »Ich habe zu lange gebraucht, um zu verstehen, und es war ja ganz einfach.«

Aber Nam-Boks Antlitz war düster, und er sprach einige schnelle Worte, die die andern nie zuvor gehört hatten. Beinschnitzerei und Fellschrapen begannen wieder, aber er schloß die Lippen dicht über der Zunge, der man nicht glauben konnte.

»Dieser Sch-Sch-Schoner«, fragte Koogah unerschütterlich, »er war wohl aus einem sehr großen Baum gemacht?«

»Er war aus vielen Bäumen gemacht«, knurrte Nam-Bok kurz. »Er war sehr groß.«

Er versank wieder in finsteres Schweigen, und Opee-Kwan stieß Koogah an, der mit schlaffem Erstaunen den Kopf schüttelte und murmelte: »Das ist sehr seltsam.«

Nam-Bok biß an. »Das ist noch gar nichts«, sagte er überlegen. »Da solltest du erst den Dampfer sehen. Was das Sandkorn gegen die Bidarka und die Bidarka gegen den Schoner, das ist der Schoner gegen den Dampfer. Dazu ist der Dampfer aus Eisen gemacht. Ganz und gar aus Eisen.«

»Nein, nein, Nam-Bok!« rief der Häuptling. »Wie kann das sein? Eisen geht doch immer unter. Ich habe einmal ein eisernes Messer von dem Häuptling des nächsten Dorfes erstanden, und gestern glitt mir das Messer aus der Hand und fiel tief, tief ins Meer. Alle Dinge haben ihr Gesetz. Nie geschieht etwas gegen das Gesetz. Das wissen wir. Und außerdem wissen wir, daß alle Dinge derselben Art dasselbe Gesetz haben und daß alles Eisen dies Gesetz hat. So nimm denn deine Worte zurück, Nam-Bok, damit wir dich in Ehren halten können.«

»Es ist so«, behauptete Nam-Bok. »Der Dampfer ist ganz aus Eisen und sinkt doch nicht.«

»Nein, nein, das kann nicht sein.«

»Ich hab‘ es mit meinen eigenen Augen gesehen.«

»Das ist gegen die Natur der Dinge.«

»Aber sage mir, Nam-Bok«, unterbrach Koogah aus Furcht, daß die Geschichte nicht weitergehen würde, »sage mir, wie diese Männer ihren Weg übers Meer finden, wenn es keine Küste gibt, nach der sie steuern können.«

»Die Sonne zeigt ihnen den Weg.«

»Aber wie?«

»Zur Mittagszeit nimmt der Häuptling des Schoners ein Ding, durch das seine Augen nach der Sonne sehen, und dann läßt er die Sonne vom Himmel bis zum Rand der Erde hinabsteigen.«

»Aber das ist doch böse Medizin!« rief Opee-Kwan entsetzt über den Frevel. Die Männer hoben voll Schreck die Hände, und die Frauen stöhnten. »Das ist böse Medizin. Es ist nicht recht, die große Sonne auf falschen Weg zu leiten, die Sonne, die die Nacht verjagt und uns Robben, Lachs und Wärme schenkt.«

»Und wenn es nun böse Medizin wäre?« fragte Nam-Bok hart. »Ich habe selbst durch das Ding nach der Sonne gesehen und die Sonne vom Himmel heruntersteigen lassen.«

Die Nächststehenden zogen sich eiligst von ihm zurück, und eine Frau verdeckte das Gesicht ihres Säuglings, damit seine Augen nicht darauffielen.

»Aber am Morgen des vierten Tages, o Nam-Bok«, meinte Koogah, »am Morgen des vierten Tages, als der Sch-Sch-Schoner hinter dir herkam?«

»Ich hatte nur noch wenig Kräfte und konnte nicht fliehen. So wurde ich an Bord geholt, und man flößte mir Wasser in den Mund und gab mir gutes Essen. Zweimal, meine Brüder, habt ihr einen weißen Mann gesehen. Diese Männer waren alle weiß, und es waren ihrer ebensoviele, wie ich Finger und Zehen habe. Und als ich sah, daß sie voller Freundlichkeit waren, faßte ich Mut und beschloß, auf alles zu achten, was ich sah. Und sie lehrten mich die Arbeit, die sie selbst taten, und gaben mir gutes Essen und eine Stelle, wo ich schlafen konnte. Und Tag auf Tag fuhren wir übers Meer, und jeden Tag zog der Häuptling die Sonne vom Himmel herunter und ließ sich von ihr erzählen, wo wir waren. Und wenn die Wellen freundlich waren, jagten wir die Pelzrobbe, und ich wunderte mich sehr, denn sie warfen immer Fleisch und Speck fort und behielten nur das Fell.«

Opee-Kwans Mund zitterte heftig, und er wollte gegen eine solche Verschwendung protestieren, als Koogah ihm mit einem Fußtritt bedeutete, daß er schweigen solle.

»Nach langer Zeit, als die Sonne fort war und die Schärfe des Frostes durch die Luft schnitt, wandte der Häuptling die Nase des Schoners nach Süden. Nach Süden und Osten reisten wir Tag auf Tag und bekamen nie Land in Sicht, bis wir in die Nähe des Dorfes kamen, aus dem die Männer stammten.«

»Wie konnten sie wissen, daß sie in der Nähe waren?« fragte Opee-Kwan, der nicht länger an sich halten konnte. »Es war ja kein Land in Sicht gekommen.«

Nam-Bok blickte ihn zornig an. »Sagte ich nicht, daß der Häuptling die Sonne vom Himmel herunterholte?«

Koogah legte sich dazwischen, und Nam-Bok fuhr fort: »Wie gesagt, als wir in der Nähe des Dorfes waren, kam ein starker Sturm, und nachts wußten wir nicht, wo wir waren.«

»Du sagtest doch eben, daß der Häuptling wußte…«

»Schweig, Opee-Kwan! Du bist ein Narr und kannst nicht verstehen. Wie gesagt, wir waren hilflos in der Nacht, als ich durch den Lärm des Sturmes das Geräusch der Brandung hörte. Und gleich darauf stießen wir mit einem mächtigen Krach auf, und ich fiel ins Wasser und schwamm. Es war eine felsige Küste, wo es auf viele Meilen nur ein einziges Fleckchen flachen Sand gab, und es war mir bestimmt, daß ich den Sand erreichte und mich mit den Händen aus der Brandung zog. Die andern Männer müssen auf die Klippen gespült sein, denn keiner von ihnen kam an Land, außer dem Häuptling, und ihn konnte ich nur an dem Ring an seinem Finger erkennen. Als der Tag kam, war nichts mehr vom Schoner übrig, und ich wandte mein Gesicht dem Lande zu und wanderte hinein, um Nahrung zu finden und Menschen zu treffen. Und als ich an ein Haus kam, wurde ich empfangen und bekam zu essen, denn ich hatte ihre Sprache gelernt, und weiße Männer sind immer freundlich. Und es war ein Haus, größer als alle Häuser, die wir und unsere Väter vor uns gebaut haben.«

»Es war ein mächtiges Haus«, sagte Koogah und verbarg seinen Unglauben hinter Verwunderung.

»Und es gehören viele Bäume dazu, um ein solches Haus zu bauen«, fügte Opee-Kwan hinzu, indem er es dem andern nachmachte.

»Das ist gar nichts.« Nam-Bok zuckte geringschätzig die Achseln. »Was unsere Häuser gegen das Haus, das war das Haus gegen die Häuser, die ich später sehen sollte.«

»Und es sind keine großen Männer?«

»Nein, gewöhnliche Männer wie du und ich«, antwortete Nam-Bok. »Ich hatte mir einen Stock geschnitten, um bequemer zu gehen, und da ich daran dachte, euch, meinen Brüdern, zu melden, was ich zu sehen bekam, so schnitt ich für jeden Menschen, der in dem Hause wohnte, eine Kerbe in den Stock. Und dort blieb ich viele Tage und arbeitete, und zum Lohn gaben sie mir Geld – etwas, das ihr nicht kennt, das aber sehr gut ist. Und eines Tages verließ ich den Ort und ging weiter ins Land hinein. Und während ich ging, traf ich viele Menschen, und ich schnitt kleinere Kerben in meinen Stock, damit für sie alle Platz wäre. Und da stieß ich auf ein seltsames Ding. Auf dem Boden vor mir lag eine Eisenstange, so dick wie ein Arm, und einen weiten Schritt davon lag eine andere Eisenstange…«

»Da warst du ein reicher Mann«, versicherte Opee-Kwan, »denn Eisen ist mehr wert als alles andere auf der Welt. Es muß für viele Messer gereicht haben.«

»Ja, aber es gehörte nicht mir.«

»Du hattest es gefunden, und was man findet, darf man behalten.«

»Nein, die weißen Männer hatten es dort hingelegt. Und außerdem waren diese Stangen so lang, daß kein Mensch sie forttragen konnte – so lang, daß sie kein Ende hatten, so weit man sehen konnte.«

»Nam-Bok, das ist sehr viel Eisen«, warnte Opee-Kwan.

»Ja, es war schwer zu glauben, selbst als ich es mit eigenen Augen sah; aber ich konnte meine eigenen Augen nicht widerlegen. Und als ich es betrachtete, hörte ich…«

Er wandte sich plötzlich zu dem Häuptling. »Opee-Kwan, du hast den Seelöwen im Zorn brüllen hören. Denke dir nur, so viele Seelöwen, wie Wellen im Meere sind, und denke dir, daß alle diese Seelöwen zu einem einzigen Seelöwen geworden sind, und wie dieser eine Seelöwe brüllen würde, so brüllte das Ding, das ich hörte.«

Die Fischer stießen laute Rufe des Erstaunens aus, und Opee-Kwans Mund öffnete sich und blieb offenstehen.

»Und in der Ferne sah ich ein Ungeheuer wie tausend Wale. Es war einäugig und spie Rauch aus, und es schnaufte entsetzlich laut. Ich fürchtete mich und lief auf zitternden Beinen den Weg zwischen den Stangen entlang. Aber es kam mit der Schnelligkeit des Windes, dieses Ungeheuer, und ich lief fort von den Eisenstangen, als es mir seinen heißen Atem ins Gesicht blies…«

Opee-Kwan gewann die Herrschaft über seinen Mund wieder. »Und – und was dann, o Nam-Bok?«

»Dann lief es weiter die Stangen entlang und tat mir nichts, und als ich wieder auf den Beinen stehen konnte, war es nicht mehr zu sehen. Und das war etwas ganz Gewöhnliches in diesem Land. Selbst Frauen und Kinder fürchten sich nicht davor. Die Männer lassen sie für sich arbeiten, diese Ungeheuer.«

»Wie wir unsere Hunde arbeiten lassen?« fragte Koogah mit skeptischem Augenzwinkern.

»Ja, wie wir unsere Hunde arbeiten lassen.«

»Und wie vermehren sie sich, diese – diese Dinge?« fragte Opee-Kwan.

»Sie vermehren sich gar nicht. Die Menschen machen sie sinnreich aus Eisen, füttern sie mit Steinen und geben ihnen Wasser zu trinken. Die Steine werden zu Feuer, und das Wasser wird zu Dampf, und der Wasserdampf ist der Atem in ihren Nüstern, und…«

»So so, o Nam-Bok«, unterbrach Opee-Kwan ihn. »Erzähl uns von andern Wundern. Dies ermüdet uns, da wir es nicht verstehen können.«

»Versteht ihr es nicht?« fragte Nam-Bok verzweifelt.

»Nein, wir verstehen es nicht«, antworteten die Männer und Frauen klagend. »Wir können es nicht verstehen.«

Nam-Bok dachte an eine komplizierte Mähmaschine und an die Maschinen, in denen man Bilder lebender Menschen sehen konnte, und an die Maschinen, aus denen Menschenstimmen kamen, und er wußte, daß sein Volk sie nie verstehen würde.

»Darf ich sagen, daß ich auf diesem eisernen Ungeheuer durch das Land ritt?« fragte er bitter.

Opee-Kwan hob die Hände mit nach außen gekehrten Flächen in offenbarem Unglauben. »Weiter. Sag, was du willst. Wir lauschen.«

»Ja, dann ritt ich auf diesem Ungeheuer und gab Geld dafür…«

»Du sagtest doch, es würde mit Steinen gefüttert.«

»Und ich sagte auch, du Narr, daß Geld etwas sei, wovon ihr nichts verständet. Wie gesagt, ich ritt auf dem Ungeheuer durch das Land und durch viele Dörfer, bis ich in ein großes Dorf an einem salzigen Meeresarm kam. Und die Häuser hoben ihre Dächer ganz bis zwischen die Sterne des Himmels, und die Wolken trieben an ihnen vorbei, und überall war viel Rauch. Und der Lärm in dem Dorfe war wie das Brüllen des Meeres im Sturm, und die Menschen waren so zahlreich, daß ich meinen Stock wegwarf und nicht mehr an die Kerben dachte.«

»Hättest du die Kerben ganz klein gemacht«, sagte Koogah vorwurfsvoll, »so hättest du uns Nachricht bringen können.«

Nam-Bok schnellte zornig zu ihm herum. »Wenn ich die Kerben ganz klein gemacht hätte! Hör zu, Koogah, du Knochenkratzer! Wenn ich die Kerben auch ganz klein gemacht hätte, so würde doch weder der Stock noch zwanzig Stöcke – ja, nicht einmal alles Treibholz am ganzen Strande zwischen diesem Dorf und dem nächsten für sie Platz gehabt haben. Und wenn ihr alle, Frauen und Kinder inbegriffen, zwanzigmal so viele wäret und jeder zwanzig Hände und einen Stock und ein Messer in jeder Hand hättet, so könntet ihr doch nicht Kerben schneiden für alle Menschen, die ich sah, so viele waren es und so schnell kamen und gingen sie.«

»So viele Menschen kann es in der ganzen Welt nicht geben«, wandte Opee-Kwan, halb betäubt, ein, denn sein Sinn konnte eine solche Zahl nicht fassen.

»Was weißt du von der ganzen Welt und davon, wie groß sie ist?« fragte Nam-Bok.

»Aber es können doch nicht so viele Menschen an einem Ort sein.«

»Wer bist du, daß du sagen kannst, was sein und was nicht sein kann?«

»Es kann sich doch jeder selbst sagen, daß nicht so viele Menschen an einem Ort sein können. Ihre Kanus würden ja das ganze Meer füllen, so daß kein Platz mehr wäre. Und sie könnten jeden Tag das Meer von Fischen leeren und würden doch nicht Nahrung genug haben.«

»So sollte es scheinen«, lautete Nam-Boks endgültige Antwort. »Aber dennoch war es so. Ich sah es mit eigenen Augen, und ich warf meinen Stock weg.«

Er gähnte tief und erhob sich.

»Ich bin weit gerudert. Der Tag ist lang gewesen, und ich bin müde. Jetzt will ich schlafen, und morgen werden wir mehr von den Dingen reden, die ich gesehen habe.«

Bask-Wah-Wan humpelte ängstlich vor, zwar stolz, aber dennoch ängstlich besorgt um ihren wunderbaren Sohn, und führte ihn in ihr Iglu, wo sie ihn in die fettigen, übelduftenden Felle stopfte. Die Männer aber blieben am Feuer sitzen und hielten Rat mit vielem Flüstern und leiser Rede und Widerrede.

Eine Stunde verging und noch eine, und Nam-Bok schlief, während die Beratung ihren Fortgang nahm. Die Abendsonne sank im Nordwesten, und um elf Uhr stand sie fast genau im Norden.

Da verließen der Häuptling und der Beinschnitzer den Rat, gingen zu Nam-Bok und weckten ihn. Er blinzelte sie an und drehte sich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen. Aber Opee-Kwan ergriff ihn am Arm und schüttelte ihn freundlich, aber bestimmt, bis er zu sich kam.

»Komm, Nam-Bok, steh auf!« befahl er. »Es ist Zeit.«

»Wieder ein Schmaus?« rief Nam-Bok. »Nein, ich bin nicht hungrig. Eßt ihr nur weiter und laßt mich schlafen.«

»Es ist Zeit, daß du gehst!« donnerte Koogah.

Aber Opee-Kwan sprach sanfter. »Du warst mein Bidarka-Kamerad, als wir Knaben waren«, sagte er. »Gemeinsam lernten wir die Robbe jagen und den Lachs fangen. Und du zogst mich ins Leben zurück, Nam-Bok, als das Meer sich über mir schloß und ich hinabgezogen wurde zu den schwarzen Felsen. Gemeinsam hungerten wir und fanden uns in die Qual des Frostes, und gemeinsam krochen wir unter ein Fell und lagen dicht aneinander. Und wegen all diesem und wegen der Freundschaft, die ich für dich hegte, tut es mir so sehr leid, daß du als ein so schrecklicher Lügner zurückgekommen bist. Wir können die Dinge, die du gesagt hast, nicht verstehen, und uns schwindeln die Köpfe davon. Und deshalb schicken wir dich fort, damit unsere Köpfe klar und stark bleiben und nicht von den unbegreiflichen Dingen verwirrt werden.«

»Diese Dinge, von denen du sprichst, sind Schatten«, ergriff Koogah das Wort. »Du hast sie aus der Schattenwelt gebracht, und zur Schattenwelt mußt du sie zurückbringen. Deine Bidarka ist bereit, und der Stamm wartet. Sie können nicht schlafen, ehe du fortgezogen bist.«

Nam-Bok war verblüfft, lauschte aber der Stimme des Häuptlings.

»Wenn du Nam-Bok bist«, sagte Opee-Kwan, »so bist du ein schrecklicher und höchst wunderbarer Lügner; bist du aber Nam-Boks Schatten, so sprichst du von Schatten, und es ist nicht gut, daß lebende Menschen etwas davon wissen. Das große Dorf, von dem du sprichst, muß ein Dorf der Schatten sein. Darin schweben die Seelen der Toten, denn der Toten sind viele und der Lebenden wenige. Die Toten kehren nicht wieder. Nie ist ein Toter wiedergekehrt – außer dir mit deinen wunderbaren Geschichten. Es ist nicht schicklich, daß die Toten wiederkehren, und würden wir es erlauben, so könnte großes Unglück über uns kommen.«

Nam-Bok kannte sein Volk gut und wußte, daß die Stimme des Rates unumstößlich war. Daher ließ er sich an den Strand führen, wo man ihn in seine Bidarka setzte und ihm ein Paddelruder in die Hand gab.

Eine einsame Wildgans schrie draußen auf dem Meere, und die Brandung schlug lässig und hohl gegen den Sand. Eine trübe Dämmerung brütete über Land und Meer, und gegen Norden glühte schwach und unfreundlich, in blutrote Nebel gehüllt, die Sonne. Die Möwen flogen niedrig. Der Festlandwind wehte scharf und kalt, und die schwarzen Wolkenmassen im Hintergrunde versprachen schlechtes Wetter.

»Vom Meere kamst du«, sang Opee-Kwan orakelhaft, »und zum Meere gehst du. So ist alles ausgeglichen und dem Gesetz Genüge getan.«

Bask-Wah-Wan humpelte an den Schaumrand und rief: »Ich segne dich, Nam-Bok, weil du an mich dachtest.«

Aber Koogah schob Nam-Bok vom Strande ab, riß ihr den Schal von der Schulter und warf ihn in die Bidarka.

»Es ist kalt in den langen Nächten«, jammerte sie, »und der Frost beißt in alte Knochen.«

»Das Ding ist ein Schatten«, antwortete der Beinschnitzer, »und Schatten können dich nicht erwärmen.«

Nam-Bok erhob sich, damit man seine Stimme an Land hören konnte.

»Oh, Bask-Wah-Wan, Mutter, die mich gebar!« rief er. »Lausche den Worten deines Sohnes Nam-Bok. Seine Bidarka hat Platz für zwei, und er will dich gern mitnehmen. Denn er reist dorthin, wo es voll ist von Fischen und Tran. Dorthin kommt der Frost nicht, dort ist das Leben bequem, und Eisendinge tun die Arbeit der Menschen. Willst du mitkommen, o Bask-Wah-Wan?«

Sie zögerte einen Augenblick, während die Bidarka schnell abtrieb, und erhob dann ihre Stimme in zitterndem Diskant: »Ich bin alt, Nam-Bok, und muß bald zu den Schatten gehen. Aber ich möchte nicht gehen, ehe meine Zeit gekommen ist. Ich bin alt, Nam-Bok, und ich fürchte mich.«

Ein Lichtstrahl schoß über das schwach beleuchtete Meer und warf auf das Boot und den Mann einen rotgoldenen Glanz.

Es ward still unter den Fischern, und man hörte nichts mehr als das Stöhnen des Festlandwindes und die Schreie der niedrig fliegenden Möwen.


4 Der Herr Des Geheimnisses

Der Herr des Geheimnisses

Es herrschte Jammer im Dorfe. Die Frauen riefen mit schrillen, hohen Stimmen durcheinander. Die Männer sahen finster und unschlüssig drein, und selbst die Hunde streiften unsicher umher, erschrocken über die Unruhe im Lager und bereit, sich beim ersten Ausbruch von Unruhen in die Wälder zurückzuziehen. Die Luft war schwül von Mißtrauen. Kein Mensch war seines Nachbarn sicher, und jeder war sich bewußt, daß seine Kameraden ihm gegenüber ebenso unsicher waren. Selbst die Kinder befanden sich in gedrückter und feierlicher Stimmung, und der kleine Di Ya, die Ursache von allem, hatte erst von seiner Mutter Hooniah, dann von seinem Vater Bawn eine tüchtige Tracht Prügel bekommen und wimmerte nun und betrachtete die Welt vorwurfsvoll im Schutze der großen umgestürzten Kanus am Strande.

Und um es gar noch schlimmer zu machen, war Scundoo, der Schamane, in Ungnade gefallen, und man konnte nun seinen Zauber nicht in Anspruch nehmen, um den Missetäter zu finden. Hatte doch Scundoo vor einem Monat guten Südwind versprochen, daß der Stamm nach dem Potlatch in Tonkin reisen konnte, wo Taku Jim auszugeben gedachte, was er sich seit zwanzig Jahren erspart hatte. Und als der Tag kam, wehte ein scharfer Nordwind, und von den drei ersten Kanus, die sich hinauswagten, wurde eins von der schweren See vollgeschlagen und die beiden andern auf den Klippen zerschmettert, wobei ein Kind ertrank. Er hätte versehentlich den falschen Sack geöffnet, erklärte er. Aber die Leute wollten ihm kein Gehör schenken; die Opfer von Fleisch, Fisch und Fellen fanden nicht mehr den Weg zu seiner Tür, und nun saß er drinnen und schmollte und tat bittere Buße beim Fasten, wie sie glaubten; in Wirklichkeit aß er gründlich von seinen reichen Vorräten und grübelte über den Wankelmut der Menge.

Hooniahs Decken waren verschwunden. Es waren gute Decken, wunderbar dick und warm, und Hooniahs Stolz auf sie wurde noch dadurch erhöht, daß sie so billig zu ihnen gekommen war. Ty-Kwan aus dem Nachbardorfe war ein Narr, daß er sie so preiswert abgelassen hatte. Aber sie wußte allerdings nicht, daß sie aus dem Besitz des ermordeten Engländers stammten, wegen dessen Verschwinden der Kutter der Vereinigten Staaten lange Zeit die Küste entlang geschnüffelt hatte, während Jollen die geheimen Einläufe durchschnauften und durchfauchten. Und da sie nicht wußte, daß Ty-Kwan Eile gehabt hatte, die Decken loszuwerden, damit sein eigenes Volk der Regierung keine Rechenschaft abzulegen brauchte, war Hooniahs Stolz unerschüttert. Und weil die andern Frauen sie beneideten, war ihr Stolz ohne Ende und schrankenlos, so daß er sich über die Grenzen des Dorfes hinaus über die ganze Küste Alaskas von Dutch Harbour bis St. Mary verbreitete. Ihr Totem war mit Recht berühmt, und ihr Name lebte auf den Lippen von Männern, wo immer Männer zusammenkamen, um zu fischen oder zu schmausen, eben wegen der Decken und deren wunderbarer Dicke und Wärme. Nun aber waren sie verschwunden – man stand vor einem Mysterium.

»Ich hatte sie gerade an die Hüttenwand in die Sonne zum Trocknen gehängt«, erklärte Hooniah zum tausendsten Male ihren Thlinket-Schwestern. »Ich hatte sie gerade aufgehängt und mich umgedreht; denn Di Ya, der Teigdieb und Mehlfresser, der er ist, stand kopfüber in dem großen eisernen Topf, so daß seine Beine wie die Zweige eines Baumes im Winde schwankten. Und ich hatte ihn eben herausgezogen und zweimal mit dem Kopf gegen die Tür gestoßen, um ihm Vernunft beizubringen – und denkt euch: da waren die Decken weg!«

»Weg waren die Decken!« wiederholten die Frauen in ehrfurchtsvollem Flüstern.

»Ein schwerer Verlust«, sagte eine, und eine zweite: »Nie hat es solche Decken gegeben.« Und eine dritte: »Dein Verlust tut uns leid, Hooniah.« Dennoch war jede der Frauen im Herzen froh, daß die abscheulichen Decken, die so viel Zwietracht veranlaßt hatten, weg waren.

»Ich hatte sie gerade in die Sonne gehängt«, begann Hooniah zum tausendundersten Male.

»Jaja«, sagt Bawn müde. »Aber es war keiner von den Spitzbuben aus andern Dörfern hier. Und daher ist es klar, daß es irgend jemand von unserm eigenen Stamme gewesen sein muß, der sich an den Decken vergriffen hat.«

»Wie ist das möglich, o Bawn?« ertönte es in ärgerlichem Chor von den Frauen. »Wer sollte das sein?«

»Dann ist es Hexerei gewesen«, fuhr Bawn stumpfsinnig fort, ließ jedoch einen schlauen Blick über ihre Gesichter schweifen.

»Hexerei!« Und bei dem furchtbaren Worte dämpften sie ihre Stimmen und blickten sich ängstlich an.

»Ja«, bestätigte Hooniah, und einen Augenblick flammte die versteckte Bosheit in ihr jubelnd auf.

»Und sie haben nach Klok-No-Ton geschickt und starke Ruder mitgegeben. Er kommt sicher mit der Nachmittagsflut.«

Die kleinen Gruppen brachen auf, und Furcht legte sich auf das Dorf. Von allem Unglück war Hexerei das entsetzlichste. Mit den ungreifbaren und unsichtbaren Mächten konnten nur die Schamanen es aufnehmen, und weder Mann noch Weib oder Kind konnte bis zum Augenblick der Probe wissen, ob ihre Seelen vom Teufel besessen waren oder nicht. Und von allen Schamanen war Klok-No-Ton, der im Nachbardorfe wohnte, der furchtbarste. Keiner fand mehr böse Geister als er, keiner suchte seine Opfer mit schrecklicheren Foltern heim. Einmal hatte er sogar einen Teufel gefunden, der im Leibe eines drei Monate alten Kindes wohnte – einen äußerst widerspenstigen Teufel, der sich erst austreiben ließ, nachdem das Kind eine ganze Woche auf Dornen gelegen hatte. Die Leiche war dann ins Meer geworfen worden, aber die Wellen schleuderten sie immer wieder an den Strand wie einen Fluch über das Dorf, und sie verschwand erst wirklich, als zwei kräftige Männer bei Ebbe an Pfähle gebunden und ertränkt waren.

Und nach diesem Klok-No-Ton hatte Hooniah jetzt geschickt. Besser wäre es gewesen, wenn Scundoo, ihr eigener Schamane, sich nicht mit Schande bedeckt hätte. Denn er war immer milder aufgetreten und hatte einmal zwei Teufel aus einem Manne gejagt, der später sieben gesunde Kinder zeugte. Aber Klok-No-Ton! Es schauderte sie vor trüben Ahnungen bei dem Gedanken an ihn, und jeder einzige fühlte sich als das Ziel anklagender Augen und sah anklagend die andern an – jeder einzige, mit Ausnahme von Sime, und Sime war ein Lästerer, dessen schlimmes Ende mit Sicherheit vorausbestimmt war, die durch seine Erfolge nicht erschüttert werden konnte. »Ho! Ho!« lachte er. »Teufel und Klok-No-Ton! Es gibt keinen größeren Teufel als ihn selber im ganzen Thlinket-Lande.«

»Du Narr! Jetzt kommt er gerade mit seinen Hexereien und Zauberkünsten; halte deine Zunge im Zaum, daß dir nichts Böses widerfährt und deine Tage nicht kurz werden im Lande!«

So sprach La-lah, auch der Sünder genannt, und Sime lachte höhnisch.

»Ich bin Sime, der keine Angst kennt und sich nicht fürchtet vor der Dunkelheit. Ich bin ein starker Mann, wie mein Vater vor mir, und mein Kopf ist klar. Weder du noch ich, keiner von uns beiden hat die unsichtbaren bösen Mächte mit Augen gesehen.«

»Aber Scundoo hat es«, antwortete La-lah. »Und Klok-No-Ton auch. Das wissen wir.«

»Woher weißt du das, du Sohn eines Toren?« donnerte Sime, und sein heißes Blut färbte seinen dicken Stierhals.

»Aus ihrem eigenen Munde, daß du es weißt.«

Sime schnaubte. »Ein Schamane ist auch nur ein Mensch. Können seine Worte nicht falsch sein wie deine und meine? Pah! Pah! Nicht so viel gebe ich für alle deine Schamanen und alle Teufel deiner Schamanen!«

Und nach rechts und links mit den Fingern schnippend, verließ Sime den Kreis der Zuschauer, die ihm ängstlich und beflissen Platz machten.

»Ein guter Fischer und ein starker Jäger, aber ein böser Mensch«, sagte einer.

»Aber er gedeiht doch«, grübelte ein anderer.

»Darum sei auch du böse und gedeihe«, gab Sime über die Schulter zurück. »Und wenn ihr alle böse wäret, so brauchtet ihr keinen Schamanen. Pah! Ihr seid Kinder, die sich vor der Dunkelheit fürchten!«

Und als Klok-No-Ton mit der Nachmittagsflut kam, klang Simes trotziges Lachen noch ebenso dreist, ja, er konnte sich nicht einmal einen Witz verbeißen, als der Schamane beim Landen auf dem Sande ausglitt. Klok-No-Ton blickte ihn mürrisch an und schritt grußlos mitten durch sie hindurch nach Scundoos Haus.

Über die Begegnung mit Scundoo erfuhr keiner vom Stamme etwas, denn sie standen ehrerbietig in einiger Entfernung zusammen und flüsterten miteinander, während die Herren des Geheimnisses sich trafen.

»Sei gegrüßt, o Scundoo!« brummte Klok-No-Ton, augenscheinlich im Zweifel, wie der andere ihn empfangen würde.

Er war ein wahrer Riese und ragte weit über den kleinen Scundoo empor, dessen dünne Stimme wie das schwache ferne Zirpen einer Grille tönte.

»Sei gegrüßt, Klok-No-Ton«, antwortete er. »Dein Kommen macht den Tag schön.«

»Aber es scheint…«, Klok-No-Ton zögerte.

»Jaja«, fiel der kleine Schamane ungeduldig ein, »daß böse Tage über mich gekommen sind, sonst brauchte ich dir nicht zu danken, daß du meine Arbeit tust.«

»Es tut mir leid, Freund Scundoo…«

»Nein, ich freue mich, Klok-No-Ton.«

»Aber ich will dir die Hälfte von dem geben, was man mir gibt.«

»Nein, nein, mein guter Klok-No-Ton«, murmelte Scundoo mit einer abwehrenden Handbewegung. »Ich bin dein Sklave, und meine Tage sind von dem Wunsch erfüllt, dir Freundschaft zu erweisen.«

»Wie auch ich…«

»Wie auch du mir jetzt Freundschaft erweisest.«

»Ist dem so, so sage mir, ob es eine schlimme Geschichte mit den Decken dieser Frau Hooniah ist?«

Der große Schamane fühlte sich vorsichtig vor, und Scundoo lächelte ein blasses fahles Lächeln, denn er war gewohnt, in den Herzen der Menschen zu lesen, und alle Menschen erschienen ihm sehr klein.

»Du hast immer starke Medizin gebraucht«, sagte er. »Zweifellos wirst du bald den Täter entdecken.«

»Ja, bald, sobald meine Augen ihn gesehen haben.« Wieder zögerte Klok-No-Ton. »Sind Spitzbuben von anderswo hier gewesen?« fragte er.

Scundoo schüttelte den Kopf. »Sieh! Ist das nicht ein prachtvoller Kamik?«

Er hielt den Schuh aus Robbenfell und Walroßhaut hoch, und sein Gast untersuchte ihn mit heimlichem Interesse.

»Ich bekam ihn billig.«

Klok-No-Ton nickte aufmerksam.

»Ich kaufte ihn von dem Manne La-lah. Er ist ein merkwürdiger Mann, und ich habe oft gedacht…«

»So?« sagte Klok-No-Ton ungeduldig auf gut Glück.

»Ich habe oft gedacht«, schloß Scundoo, indem er die Stimme senkte und eine Pause machte. »Es ist schönes Wetter heute, und deine Medizin ist stark, Klok-No-Ton.«

Klok-No-Tons Gesicht klärte sich auf. »Du bist ein großer Mann, Scundoo, ein Schamane unter den Schamanen. Jetzt gehe ich. Ich werde stets an dich denken. Und der Mann La-lah ist, wie du sagst, ein merkwürdiger Mann.«

Scundoo lächelte, noch fahler und blasser, schloß die Tür hinter seinem sich entfernenden Gaste und verriegelte sie sorgsam.

Sime setzte sein Kanu instand, als Klok-No-Ton an den Strand kam, und er unterbrach seine Arbeit gerade lange genug, um herausfordernd seine Büchse zu laden und neben sich zu legen.

Der Schamane bemerkte es und rief: »Laß alle Leute sich hier an dieser Stelle versammeln! So befiehlt Klok-No-Ton, der Teufelsucher und Teufelaustreiber!«

Er hatte sie eigentlich bei Hooniahs Hause versammeln wollen, es war aber notwendig, daß alle dabei waren, und er zweifelte an Simes Gehorsam und wollte sich ungern mit ihm einlassen. Sime war seiner Meinung nach ein Mann, den man am besten in Frieden ließ und mit dem in Streit zu geraten für einen Schamanen überhaupt nicht geraten war.

»Laßt das Weib Hooniah vortreten«, befahl Klok-No-Ton und blickte wütend im Kreise herum, so daß denen, die er ansah, ein kalter Schauder den Rücken hinabrann.

Hooniah watschelte vor mit gesenktem Haupt und abgewandtem Blick.

»Wo sind deine Decken?«

»Ich hatte sie eben in die Sonne gehängt, und dann waren sie weg!« jammerte sie.

»So?«

»Es war Di Yas Schuld.«

»So?«

»Er hat eine tüchtige Tracht Hiebe bekommen und soll noch mehr haben, weil er Unglück über uns arme Leute gebracht hat.«

»Die Decken!« brüllte Klok-No-Ton heiser, der voraussah, daß sie von dem Preis, den sie bezahlen sollte, abhandeln wollte. »Die Decken, Weib! Daß du reich bist, wissen wir.«

»Ich hatte sie eben in die Sonne gelegt«, greinte sie, »und wir sind arme Leute und haben nichts.«

Sein ganzer Körper wurde plötzlich starr, sein Gesicht verzog sich zu einer häßlichen Grimasse, und Hooniah schauderte zurück. Aber da sprang er plötzlich mit verdrehten Augen und herabhängendem Unterkiefer auf sie los, daß sie stolperte und vor ihm niederfiel, wo sie, sich krümmend, liegenblieb. Er machte wilde Armbewegungen und peitschte die Luft, während sein Körper sich wie in Qualen wand und drehte. Er sah aus, als habe er einen epileptischen Anfall erlitten. Weißer Schaum stand ihm auf den Lippen, und sein Körper erschauerte und zitterte in Krämpfen.

Die Frauen brachen in einen jammernden Gesang aus und wiegten sich in völliger Selbstaufgabe vor und zurück, und die Männer erlagen einer nach dem andern der Erregung, bis nur Sime noch übrig war. Er saß rittlings auf seinem Kanu und sah mit spöttischer Miene zu; aber dennoch lasteten die Vorfahren, deren Abkomme er war, schwer auf ihm, und er schwor seine stärksten Eide, um sich zu ermutigen. Klok-No-Ton war schrecklich anzusehen. Er hatte seine Decke abgeworfen und sich die Kleider vom Leibe gerissen, so daß er, bis auf einen Gürtel von Adlerklauen um die Lenden, ganz nackt war. Unter Schreien und Heulen sprang er mit flatterndem langem, schwarzem Haar wie ein nächtlicher Schatten im Kreise umher. Sein Wahn drückte sich in einem gewissen unkultivierten Rhythmus aus, der schließlich alle beherrschte, so daß ihre Leiber im Takt mit dem seinen schwangen und ihre Schreie mit den seinen zusammenklangen. Da blieb er plötzlich starr aufrecht sitzen und streckte einen langen krallenartigen Finger aus. Ein leises Stöhnen, wie vom Tode, erklang, und das Volk kroch mit zitternden Knien zusammen, während der entsetzliche Finger über sie hinglitt. Denn der Tod wanderte mit ihm, und das Leben blieb bei denen, die ihn vorübergehen sahen, und die, an denen er vorbeigegangen war, folgten ihm mit eifrigem Interesse. Zuletzt ertönte ein furchtbarer Schrei, und der unheilvolle Zeigefinger blieb auf La-lah haften. Der zitterte wie Espenlaub und sah sich im Geiste bereits tot, seinen Besitz in alle Winde zerstreut und seine Witwe mit seinem Bruder verheiratet. Er versuchte zu sprechen, zu leugnen, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen, und die Kehle war ihm wie vor unerträglichem Durst verdorrt. Klok-No-Ton schien jetzt, da sein Werk vollbracht, halb ohnmächtig zu sein, aber er wartete mit geschlossenen Augen und lauschte, ob das große Blutgeschrei sich erhob – das große Blutgeschrei, das seine Ohren so gut kannten aus tausend Beschwörungen, wenn der Stamm sich wie Wölfe über das zitternde Opfer gestürzt hatte. Aber hier herrschte nur Schweigen, dann ertönte ein leises Kichern und wuchs, bis sich eine mächtige Woge von Lachen bis zum Himmel erhob. »Was heißt das?« rief er.

»Na, na!« lachte das Volk. »Deine Medizin taugt nichts, o Klok-No-Ton!«

»Alle wissen«, stammelte La-lah, »daß ich acht lange Monate weit fort mit den Siwash-Robbenfängern jagte und erst heute morgen heimgekommen bin und gehört habe, daß Hooniahs Decken verschwunden waren, ehe ich kam!«

»Das ist wahr!« schrien sie einstimmig. »Hooniahs Decken waren verschwunden, ehe er kam!«

»Und du bekommst keine Bezahlung für deine Medizin, die nichts taugt«, erklärte Hooniah, die wieder auf die Beine gekommen war und unter dem Gefühl litt, sich lächerlich gemacht zu haben.

Aber Klok-No-Ton sah nur Scundoos Gesicht mit dem blassen, fahlen Lächeln vor sich und hörte nur das schwache ferne Grillenzirpen: »Ich kaufte ihn von dem Manne La-lah, und ich habe oft gedacht« und »Es ist schönes Wetter heute, und deine Medizin ist stark.«

Er schoß an Hooniah vorbei, und der Kreis machte ihm instinktiv Platz. Sime rief ihm von seinem Kanu aus eine Anzüglichkeit zu, die Frauen kicherten ihm ins Gesicht, höhnische Rufe ertönten hinter ihm her, aber ohne sich darum zu kümmern, eilte er nach Scundoos Haus. Er donnerte an die Tür, schlug mit geballten Fäusten auf sie los und heulte Verwünschungen. Aber es kam keine Antwort, nur in den Pausen erklang Scundoos Stimme in unheimlichen Zaubergesängen. Klok-No-Ton raste wie ein Verrückter, als er aber die Tür mit einem großen Stein einzuschlagen versuchte, ertönte Knurren von Männern und Frauen. Und er, Klok-No-Ton, wußte, daß er hier, seiner Stärke und Autorität beraubt, einem fremden Volke gegenüberstand. Er sah, wie ein Mann sich nach einem Stein bückte, sah, wie ein zweiter dasselbe tat, und er wurde von Furcht gepackt.

»Tu Scundoo nichts, er ist ein Meister!« rief eine Frau.

»Es ist am besten, wenn du in dein eigenes Dorf zurückkehrst!« rief ein Mann drohend.

Klok-No-Ton machte kehrt und schritt durch sie hindurch zum Strande hinunter, grimmige Wut im Herzen und in seinem Kopfe begründete Besorgnis um seinen wehrlosen Ruf. Aber kein Stein wurde ihm nachgeworfen. Die Kinder umschwärmten ihn mit Spottworten, und die Luft erscholl von Hohngelächter, aber das war auch alles. Immerhin atmete er erst auf, als sein Kanu auf offener See war. Da erhob er sich und schleuderte einen zwecklosen Bannstrahl auf das ganze Dorf und seine Bewohner und vergaß nicht, Scundoo, der ihn angeführt hatte, besonders zu erwähnen.

An Land rief man nach Scundoo, und die Bevölkerung scharte sich um seine Tür und bat und flehte in babylonischer Verwirrung, bis er mit erhobener Hand heraustrat.

»Da ihr meine Kinder seid, bin ich bereit, euch zu verzeihen«, sagte er. »Aber nur dieses eine Mal. Es ist das letztemal, daß ich euch eure Torheit ungestraft hingehen lasse. Was ihr wünscht, soll erfüllt werden und ich weiß schon, was es ist. Heute nacht, wenn der Mond hinter die Welt gegangen ist, um die mächtigen Toten anzuschauen, soll das Volk sich in der Dunkelheit um Hooniahs Haus versammeln. Dann soll der Missetäter vortreten und seinen verdienten Lohn empfangen. Ich habe gesprochen.«

»Und er soll den Tod erleiden«, brüllte Bawn, »denn er hat uns Kummer und Schande gebracht!«

»So sei es denn«, erwiderte Scundoo und schloß seine Tür.

»Jetzt wird alles an den Tag kommen, und Zufriedenheit wird unter uns herrschen«, erklärte La-lah orakelhaft.

»Durch Scundoo, des kleinen Mannes Hilfe«, höhnte Sime.

»Durch Scundoo, des kleinen Mannes Medizin«, berichtigte La-lah.

»Kinder der Torheit, dieses Thlinket-Volk!«

Sime schlug sich klatschend auf den Schenkel. »Es ist ganz unverständlich, daß erwachsene Frauen und starke Männer in den Dreck hinunter wollen, um Märchen zu träumen.«

»Ich bin ein weitgereister Mann«, antwortete La-lah. »Ich habe die tiefen Meere befahren und Zeichen und Wunder gesehen, und ich weiß, daß es so ist. Ich bin La-lah…«

»Der Betrüger…«

»So nennt man mich, aber mein rechter Name wäre ›der Weltbereiste‹.«

»Ich bin kein so großer Reisender«, begann Sime.

»Dann solltest du den Mund halten«, unterbrach ihn Bawn, und sie schieden in Unfrieden.

Als der letzte Silberstrahl des Mondes auf der andern Seite der Welt verschwunden war, trat Scundoo unter das Volk, das sich um Hooniahs Haus gesammelt hatte. Er ging mit schnellen, leichten Schritten, und wer ihn so im Scheine von Hooniahs Tranlampe sah, bemerkte, daß er mit leeren Händen ohne Rasseln, Masken oder die sonstige Ausstattung eines Schamanen kam, außer einem großen, schläfrigen Raben, den er unter dem einen Arme trug.

»Ist Holz für ein Feuer gesammelt, damit alle sehen können, wie das Werk vor sich geht?« fragte er.

»Ja«, antwortete Bawn. »Hier ist reichlich Holz.«

»So hört alle wohl zu, denn meiner Worte sind nur wenige. Ich habe Jelchs, den Raben, mitgebracht, der Geheimnisse errät und Verborgenes sieht. Ihn, den Schwarzen, will ich unter Hooniahs großen schwarzen Topf in den schwärzesten Winkel des Hauses setzen. Die Tranlampe soll ausgelöscht werden, daß alles dunkel ist. Das ist ganz einfach. Einer nach dem andern sollt ihr dann ins Haus gehen, so lange, wie man braucht, um Luft zu schöpfen, die Hand an den Topf legen und sie dann wieder zurückziehen. Zweifellos wird Jelchs schreien, wenn die Hand des Missetäters ihm nahe kommt. Wenn aber ein anderer es besser weiß, so laßt ihn seine Weisheit zeigen. Seid ihr bereit?«

»Wir sind bereit«, ertönte die vielstimmige Antwort.

»Dann will ich der Reihe nach den Namen jedes Mannes und jeder Frau aufrufen, bis ihr alle genannt seid.«

Nun wurde als erster La-lah gerufen, und er ging gleich hinein. Alle spitzten die Ohren, und in der Stille konnten sie seine Fußtritte auf dem Boden knirschen hören. Aber das war auch alles. Jelchs schrie nicht und gab kein Zeichen. Der nächste war Bawn, denn es war ja denkbar, daß ein Mann seine eigenen Decken stahl, um Schande über seine Nachbarn zu bringen. Dann folgten Hooniah und andere Frauen und Kinder, aber ohne Ergebnis.

»Sime!« rief Scundoo.

»Sime!« wiederholte er.

Aber Sime rührte sich nicht.

»Fürchtest du dich vor der Dunkelheit?« fragte La-lah, dessen eigene Unschuld bewiesen war, schroff.

Sime kicherte. »Ich lache darüber, denn es ist eine große Torheit. Dennoch will ich hineingehen, nicht, weil ich an Wunder glaube, sondern zum Zeichen, daß ich nicht bange bin.«

Und er ging dreist hinein und kam, immer noch spottend, wieder heraus.

»Eines Tages wirst du ganz plötzlich sterben«, flüsterte La-lah in gerechtem Zorn.

»Ich zweifle nicht daran«, antwortete der Spötter rasch. »Wenige Männer unseres Volkes sterben in ihren Betten. Das machen die Schamanen und das tiefe Meer.«

Als sicher die Hälfte der Leute die Probe bestanden hatte, wurde die Spannung in ihrer Heftigkeit qualvoll, eben weil sie zurückgedrängt werden mußte. Als zwei Drittel sie überstanden hatten, brach eine junge Frau, die bald zum ersten Mal gebären sollte, zusammen, und ihr Entsetzen machte sich in nervösem Schreien und Lachen Luft.

Endlich kam die Reihe an den letzten von allen, und noch war nichts geschehen. Und Di Ya war der letzte von allen. Sicher, er mußte es sein. Hooniah sandte ein Klagegeschrei zu den Sternen, während die übrigen sich von dem elenden Jungen zurückzogen. Er war halbtot vor Angst, und die Beine gaben unter ihm nach, so daß er auf der Schwelle wankte und fast gefallen wäre. Scundoo stieß ihn hinein und schloß die Tür hinter ihm. Es verging eine lange Zeit, in der man nur das Weinen des Knaben hören konnte. Dann ganz langsam seine knirschenden Schritte in dem entferntesten Winkel, eine Pause und dann wieder ein Knirschen: Er kam zurück. Die Tür öffnete sich, und er trat heraus. Nichts war geschehen, und er war der letzte.

»Zündet das Feuer an«, befahl Scundoo.

Die hellen Flammen schossen empor und zeigten Gesichter, die noch die Spuren der schwindenden Furcht trugen, aber auch von Zweifel verdüstert waren.

»Es ist sicher fehlgeschlagen«, flüstert Hooniah heiser.

»Ja«, antwortete Bawn selbstzufrieden. »Scundoo wird alt, und wir brauchen einen neuen Schamanen.«

»Wo ist nun Jelchs Weisheit?« lachte Sime La-lah ins Ohr. La-lah strich sich verblüfft über die Stirn und antwortete nicht.

Sime blies sich übermütig auf und brüstete sich vor dem kleinen Schamanen. »Ho! Ho! Wie ich sagte: Es ist nichts dabei herausgekommen!«

»So scheint es, so scheint es«, antwortete Scundoo demütig. »Und das muß denen, die in den Mysterien nicht erfahren sind, sonderbar vorkommen.«

»Wie dir selbst zum Beispiel?« fragte Sime frech.

»Ja, vielleicht gerade wie mir.« Scundoo sprach ganz sanft, aber seine Lider sanken leise immer tiefer, bis seine Augen fast verborgen waren. »Und deshalb denke ich jetzt an eine neue Probe. Laßt jeden Mann, jede Frau und jedes Kind die Hände über den Kopf empor strecken.«

So unerwartet kam das Gebot, und so gebieterisch wurde es ausgesprochen, daß alle ohne Zögern gehorchten. Alle Hände wurden hochgestreckt.

»Blicke nun jeder auf die Hände der andern und seht alle«, gebot Scundoo, »auf daß…«

Aber seine Stimme wurde übertönt von dem zornigen Gelächter. Alle Augen ruhten auf Sime. Jede Hand außer der seinen war schwarz von Ruß, die seine war die einzige, die sich nicht an Hooniahs Topf beschmutzt hatte.

Ein Stein sauste durch die Luft und traf ihn an der Backe.

»Es ist Lüge!« rief er. »Lüge! Ich weiß nichts von Hooniahs Decken!«

Ein zweiter Stein verwundete ihn an der Stirn, ein dritter flog an seinem Kopfe vorbei, das große Blutgeschrei ertönte, und überall suchten die Leute auf dem Boden nach Wurfgeschossen. Er wankte und sank halb zusammen.

»Es war nur ein Scherz! Nur ein Scherz!« schrie er. »Ich tat es nur zum Spaß!«

»Wo hast du sie versteckt?« Scundoos gellende scharfe Stimme durchschnitt den Lärm wie ein Messer.

»In dem großen Fellpacken, der unter dem Dachbalken in meinem Hause hängt«, lautete die Antwort. »Aber es war nur Scherz, sage ich, nur…«

Scundoo nickte, und es wurde dunkel von fliegenden Steinen. Simes Frau weinte schweigend, den Kopf auf den Knien, aber sein kleiner Knabe warf wie die andern unter Schreien und Lachen Steine. Hooniah kam mit den kostbaren Decken angewatschelt. Scundoo hielt sie an.

»Wir sind arme Leute und besitzen nur wenig«, jammerte sie. »Sei daher nicht zu hart gegen uns, o Scundoo.«

Das Volk trat von dem schwankenden Steinhaufen zurück, den es errichtet hatte, und sah zu.

»Nein, das ist nie meine Art gewesen, gute Hooniah«, antwortete Scundoo und streckte die Hand nach den Decken aus. »Zum Beweise, daß ich nicht hart bin, will ich mich mit einigen von diesen begnügen. – Bin ich nicht weise, meine Kinder?« fragte er.

»Wahrlich, du bist weise, o Scundoo!« riefen sie einstimmig.

Und er ging ins Dunkel, die Decken um sich geschlagen und den schläfrig nickenden Jelchs unter dem Arm.


5 Die Maenner Des Sonnenlandes

Die Männer des Sonnenlandes

Mandell ist ein unbekanntes Dorf am Gestade des Polarmeeres. Es ist nicht groß, und seine Bewohner sind friedlich, noch friedlicher als die umwohnenden Stämme. Es wohnen in Mandell wenige Männer und viele Frauen. Dies ist der Grund für die Ausübung einer gesunden und notwendigen Vielweiberei. Die Frauen setzen mit Eifer Kinder in die Welt, und die Geburt eines Knaben wird mit allgemeinem Jubel begrüßt. Und dann lebt Aab-Waak dort, dessen Kopf stets auf der einen Schulter ruht, als wäre sein Hals einmal müde geworden und hätte sich dann für immer geweigert, seine gewohnte Pflicht zu tun.

Die Ursache zu alledem – Friedlichkeit, Vielweiberei und Aab-Waaks müdem Hals – liegt Jahre zurück, in der Zeit, da der Schoner »Search« in der Mandelbucht vor Anker ging und Tyee, der Häuptling, einen Plan schmiedete, wie der Stamm plötzlich zu Reichtum gelangen solle. Noch heute erinnert sich das Volk in Mandell dessen, was geschah, und erzählt es mit gedämpfter Stimme, dieses Volk, das mit den westlich davon lebenden »Hungrigen« verwandt ist. Die Kinder rücken enger zusammen, wenn die Geschichte erzählt wird, und wundern sich, klug wie sie sind, über die Dummheit derer, die ihre Eltern hätten sein können, wenn sie nicht die Männer des Sonnenlandes herausgefordert und ein bitteres Ende gefunden hätten.

Es begann damit, daß sechs Mann von der »Search« mit schwerer Ausrüstung an Land kamen und sich in Negaahs Iglu einquartierten, als gedächten sie, sich hier häuslich niederzulassen. Sie bezahlten zwar recht gut für die Unterkunft mit Mehl und Zucker, aber Negaah grämte sich sehr, weil Mesahchie, seine Tochter, ihr Schicksal gewählt hatte und Nahrung und Decke mit Bill, dem Anführer der weißen Männer, teilte.

»Sie ist ihren Preis wert«, klagte Negaah der Versammlung um das Beratungsfeuer, als die sechs weißen Männer eingeschlafen waren. »Sie ist ihren Preis wert, denn wir haben mehr Männer als Frauen, und die Männer bieten hoch. Der Jäger Ounenk bot mir einen neuen Kajak und eine Büchse, die er bei den Hungrigen erstanden hatte. Das wurde mir geboten, und seht, nun ist sie fort, und ich habe nichts bekommen.«

»Ich bot auch auf Mesahchie«, brummte eine Stimme in nicht allzu mißmutigem Tone, und Peelos breites, freundliches Gesicht zeigte sich einen Augenblick im Lichtschein.

»Du auch«, bestätigte Negaah. »Und andere ebenfalls. Warum ist eine solche Unruhe über den Männern des Sonnenlandes?« fragte er recht verdrießlich. »Warum bleiben sie denn nicht zu Hause? Das Schneevolk wandert ja auch nicht ins Sonnenland.«

»Frag sie lieber, warum sie hergekommen sind«, erklang eine Stimme aus der Dunkelheit, und Aab-Waak drängte sich in die erste Reihe vor.

»Ja! Warum sind sie gekommen?« riefen viele Stimmen, und Aab-Waak gebot mit einer Handbewegung Schweigen.

»Männer graben nicht ohne Grund in der Erde«, begann er. »Ich weiß das noch von den Walleuten, die auch aus dem Sonnenland stammten und ihr Schiff im Eise verloren. Ihr erinnert euch alle der Walleute, die in ihren halb zerstörten Booten zu uns kamen und, als der Frost kam und der Schnee das Land bedeckte, mit Hunden und Schlitten südwärts zogen. Und ihr erinnert euch, wie sie auf den Frost warteten und wie einer von ihnen in der Erde zu graben begann. Dann gruben zwei und drei und schließlich alle, unter großer Spannung und Unruhe. Was sie aus der Erde gruben, wissen wir nicht, denn sie jagten uns fort, so daß wir es nicht sehen konnten. Später aber, als sie weg waren, sahen wir nach und fanden nichts. Aber es ist viel Erde da, und sie durchwühlten nicht alles.«

»Ja, Aab-Waak, ja!« rief das Volk bewundernd.

»Und daher denke ich«, schloß er, »daß einer der Männer des Sonnenlandes es dem andern erzählt und daß diese Männer des Sonnenlandes es so erfahren haben und nun hergekommen sind, um in der Erde zu graben.«

»Aber wie kann es sein, daß Bill unsere Sprache spricht?« fragte ein eingeschrumpfter alter kleiner Jäger. »Bill, den unsere Augen nie zuvor gesehen haben?«

»Bill ist zu andern Zeiten im Schneeland gewesen«, antwortete Aab-Waak, »sonst könnte er nicht die Sprache des Bärenvolkes reden, die die gleiche wie die der Hungrigen, also der der Mandeller sehr ähnlich ist. Denn es sind viele Männer aus dem Sonnenlande unter dem Bärenvolke, aber nur wenige unter den Hungrigen und kein einziger unter den Mandellern gewesen, ausgenommen die Walleute und die, die jetzt in Negaahs Iglu schlafen.«

»Ihr Zucker ist sehr gut«, bemerkte Negaah, »und ihr Mehl auch.«

»Sie haben große Reichtümer«, fügte Ounenk hinzu. »Gestern war ich auf ihrem Schiff und sah ungeheuer sinnreiche Geräte aus Eisen und Messer und Büchsen und Mehl und Zucker und seltsame Nahrungsmittel ohne Ende.«

»So ist es, Brüder!« Tyee erhob sich und jubelte innerlich über das ehrerbietige Schweigen, mit dem das Volk ihn ehrte. »Sie sind sehr reich, diese Männer des Sonnenlandes. Zudem sind sie Toren. Denn seht! Sie kommen hierher zu uns, kühn und blind und ohne an ihren großen Reichtum zu denken. Eben jetzt schnarchen sie, und wir sind zahlreich und unerschrocken.«

»Vielleicht sind sie auch unerschrocken und große Kämpfer«, wandte der eingeschrumpfte kleine alte Jäger ein.

Aber Tyee warf ihm einen Blick zu. »Nein, das scheint mir nicht so. Sie leben im Süden, unter der Bahn der Sonne, und sind weichlich wie ihre Hunde. Erinnert ihr euch der Hunde der Walleute? Unsere Hunde fraßen sie am zweiten Tage, weil sie weichlich waren und nicht zu kämpfen verstanden. Die Sonne ist warm und das Leben bequem in den Sonnenländern, und die Männer sind wie Weiber und die Weiber wie Kinder.«

Köpfe nickten Beifall, und die Frauen streckten den Hals aus, um zu lauschen.

»Es heißt, sie seien gut gegen ihre Frauen, die nicht viel Arbeit verrichten«, kicherte Likita, ein breithüftiges, gesundes junges Weib, die Tochter Tyees.

»Du möchtest wohl Mesahchies Spuren folgen, wie?« rief er zornig. Dann wandte er sich schnell zu den Männern des Stammes: »Seht ihr, Brüder, so sind die Männer des Sonnenlandes. Sie blicken auf unsere Frauen und nehmen sie eine nach der andern. Wie Mesahchie ihnen gefolgt ist und Negaah um seinen Preis gebracht hat, so will Likita ihnen folgen, und so wollen sie es alle, und wir sind die Betrogenen. Ich habe mit einem Jäger des Bärenvolkes gesprochen, und ich weiß es. Hier sind einige der Hungrigen unter uns; laßt sie sprechen und sagen, ob meine Worte wahr sind.«

Die sechs Jäger vom Stamme der Hungrigen bezeugten die Wahrheit seiner Worte, und jeder von ihnen erzählte dem neben ihm Sitzenden von den Männern des Sonnenlandes und ihren Sitten. Murren ertönte von den jüngeren Männern, die sich Frauen suchen sollten, und von den älteren, die Töchter zu guten Preisen abzugeben hatten, und ein leises Summen von Wut wurde lauter und deutlicher.

»Sie sind sehr reich und haben sinnreiche Geräte aus Eisen, Messer und zahllose Büchsen«, hetzte Tyee, und sein Traum von plötzlichem Reichwerden begann feste Gestalt anzunehmen.

»Ich werde mir Bills Büchse nehmen«, erklärte Aab-Waak plötzlich.

»Nein, die soll mein sein!« rief Negaah. »Denn der Preis für Mesahchie muß einberechnet werden.«

»Friede! O Brüder!« Tyee beschwichtigte die Versammlung mit einer Handbewegung. »Laßt Frauen und Kinder in ihre Iglus gehen. Dies ist Männerrede; laßt sie nur für Männerohren sein.«

»Es sind Büchsen genug für uns alle«, sagte er, als die Frauen sich widerwillig zurückgezogen hatten. »Ich zweifle nicht, daß es zwei Büchsen für jeden Mann sein werden, gar nicht zu reden vom Mehl, Zucker und von den andern Dingen. Und leicht wird alles auszuführen sein. Die sechs Männer des Sonnenlandes in Negaahs Iglu töten wir heute nacht, wenn sie schlafen. Morgen gehen wir friedlich zum Schiffe, um Handel zu treiben, und wenn die Gelegenheit günstig ist, töten wir dort alle ihre Brüder. Und morgen abend halten wir Schmaus, sind lustig und teilen uns ihre Reichtümer. Und der Geringste soll mehr haben, als selbst der Reichste zuvor besaß. Ist es weise, was ich gesprochen habe, Brüder?«

Ein leises, beifälliges Gemurmel antwortete ihm, und die Vorbereitungen für den Überfall begannen. Die sechs Hungrigen waren mit Büchsen bewaffnet und reichlich mit Munition versehen, wie es sich für Angehörige eines wohlhabenderen Stammes geziemte. Von den Mandell-Leuten besaßen jedoch nur wenige eine Büchse, und die waren fast alle entzwei. Außerdem herrschte allgemeiner Mangel an Pulver und Patronen. Diese Armut an Kampfwaffen wurde indessen reichlich aufgewogen durch eine Unzahl von Pfeilen und Wurfspeeren mit Knochenspitzen zum Fernkampf und stählernen Messern russischen und amerikanischen Fabrikats für den Nahkampf.

»Macht keinen Lärm«, lauteten die letzten Anweisungen Tyees, »aber es müssen auf jeder Seite des Iglus viele stehen, und zwar so nahe, daß die Männer des Sonnenlandes nicht durchbrechen können. Und dann wirst du, Negaah, mit sechs von den jungen Männern hinter dir, zu ihnen hineinkriechen. Nehmt keine Büchsen mit, denn die gehen meistens los, wenn man es gerade am wenigsten erwartet, sondern legt die Stärke eurer Arme in eure Messer.«

»Und denkt daran, daß Mesahchie nichts geschieht, denn sie ist ihren Preis wert«, flüsterte Negaah heiser.

Flach auf dem Boden liegend, konzentrierte sich das kleine Heer um den Iglu, und hinter den Kriegern kauerten, begeistert und erwartungsvoll, viele Frauen und Kinder, die dem Morde beiwohnen wollten. Die kurze Augustnacht war fast vorbei, und in der grauen Dämmerung konnte man undeutlich die kriechenden Gestalten Negaahs und der jungen Männer unterscheiden. Auf Händen und Knien krochen sie immer weiter, bis sie in dem langen Gange verschwanden, der in die Hütte führte. Tyee stand auf und rieb sich die Hände. Alles ging gut. In dem großen Kreise hob sich erwartungsvoll Kopf auf Kopf. Jeder malte sich die Szene seiner Phantasie entsprechend aus – die schlafenden Männer, die Messerstiche und den plötzlichen Tod in der Finsternis.

Der laute Ruf eines der Männer des Sonnenlandes durchbrach die Stille, und ein Schuß knallte. Und dann erhob sich ein furchtbares Getöse im Iglu. Ohne Überlegung stürzte der ganze Kreis vor und drängte sich um den Eingang. Drinnen begann ein halbes Dutzend Repetiergewehre zu knattern, und die auf einen engen Raum zusammengedrängten Mandeller waren machtlos. Die vordersten kämpften wild, um aus dem Bereich der feuerspeienden Büchsen vor ihnen zu kommen, und von hinten drängte man ebenso wild zum Angriff vorwärts. Die Kugeln der schweren Kaliber gingen durch ein halbes Dutzend Menschen auf einmal, und der Gang, der vollgestopft von kämpfenden, hilflosen Männern war, wurde zu einer Schlachtbank. Die ziellos in die Menge abgefeuerten Büchsen fegten sie hinweg wie ein Maschinengewehr, und gegen diesen ständigen Strom des Todes konnte niemand vorrücken.

»Nie hat es dergleichen gegeben!« stöhnte einer der Hungrigen. »Ich guckte nur hinein, und da lagen die Toten aufgestapelt wie die Robben nach dem Schlagen auf dem Eise!«

»Sagte ich nicht, daß es kampfgeübte Männer seien?« schwatzte der eingeschrumpfte Jäger.

»Das war zu erwarten«, antwortete Aab-Waak keck. »Wir kämpften in einer Falle, die wir uns selbst gestellt hatten.«

»O ihr Toren!« schalt Tyee. »Ihr Söhne von Toren! So war es nicht gemeint. Nur Negaah und die sechs jungen Leute sollten hineingehen. Meine Weisheit ist größer als die der Männer des Sonnenlandes, aber ihr macht sie zuschanden und raubt mir ihre Früchte.«

Keiner antwortete, aber alle Augen hefteten sich auf den Iglu, der sich undeutlich und riesig von dem klaren Nordosthimmel abhob. Durch ein Loch im Dache stieg der Pulverrauch in langsamen Spiralen in die unbewegliche Luft empor, und hin und wieder kam ein Verwundeter beschwerlich in das graue Licht herausgekrochen.

»Jeder soll seinen Nebenmann nach Negaah und den sechs jungen Leuten fragen«, befahl Tyee.

Nach einer Weile kam die Antwort: »Negaah und die sechs jungen Leute sind tot.«

»Und viele andere sind auch tot«, jammerte eine Frau im Hintergrunde.

»Um so größerer Reichtum bleibt für die Überlebenden«, tröstete Tyee grimmig. Dann wandte er sich an Aab-Waak und sagte: »Geh und hol viele mit Tran gefüllte Robbenfelle. Die Jäger sollen sie über die hölzerne Außenseite des Iglus und des Ganges ausgießen. Und dann zündet sie an, ehe die Männer des Sonnenlandes Löcher für ihre Büchsen in den Iglu schlagen können.«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als sich schon ein Loch im Lehm zwischen den Balken zeigte und eine Büchsenmündung herausgestreckt wurde. Einer der Hungrigen griff sich mit der Hand an die Seite und schnellte in die Luft. Noch ein Schuß durchbohrte seine Lunge und brachte ihn zu Fall. Tyee und die andern sprangen beiseite, um aus der Schußlinie zu kommen, und Aab-Waak schalt auf die Männer mit den Tranfellen. Unter Vermeidung der Schießscharten, die sich jetzt auf allen Seiten des Iglus bildeten, entleerten sie die Felle auf das trockene Treibholz, das der Mandellfluß aus den holzreichen Ländern im Süden herabgeführt hatte. Ounenk lief mit einem brennenden Scheit vor, und die Flammen schlugen hoch. Es vergingen viele Minuten, ohne daß etwas geschah, und sie hielten ihre Waffen bereit, während das Feuer um sich griff. Tyee rieb sich vergnügt die Hände, während der trockene Bau brannte und knisterte.

»Jetzt haben wir sie in der Falle, Brüder!«

»Und niemand kann mir Bills Büchse streitig machen«, erklärte Aab-Waak.

»Außer Bill selbst«, quiekte der alte Jäger. »Seht, da kommt er!«

In eine angesengte und geschwärzte Decke gehüllt, sprang der große weiße Mann zu dem flammenden Eingang heraus, und dicht hinter ihm kamen Mesahchie und die fünf anderen Männer des Sonnenlandes. Die Leute vom Stamme der Hungrigen versuchten, den Angriff mit einer schlecht gezielten Salve abzuwehren, während die Mandell-Leute einen Schauer von Speeren und Pfeilen schleuderten. Aber die Männer des Sonnenlandes warfen im Laufen ihre brennenden Decken ab, und man sah, daß jeder von ihnen auf der Schulter ein Päckchen Munition trug. Das war das einzige, was sie von ihren Besitztümern gerettet hatten. In schnellem, wohlüberlegtem Laufe durchbrachen sie den Kreis und stürzten gerade auf die große Klippe los, die sich eine halbe Meile hinter dem Dorfe schwarz in den klaren Tag erhob.

Aber Tyee ließ sich auf das Knie nieder und zielte mit seiner Büchse auf den letzten der Männer des Sonnenlandes.

Ein lauter Schrei ertönte, als er abdrückte. Der Mann fiel vornüber, kam wieder halb auf die Beine, fiel aber wieder. Ohne sich um den Pfeilregen zu kümmern, kehrte ein anderer Mann des Sonnenlandes um, beugte sich über ihn und hob ihn auf die Schulter. Aber die mit Speeren bewaffneten Mandeller näherten sich ihm, und ein kräftig geschleuderter Spieß durchbohrte den Verwundeten. Er schrie laut und erschlaffte schnell, während sein Kamerad ihn zu Boden sinken ließ. Unterdessen hatten Bill und die drei andern haltgemacht und schickten nun den vorrückenden Speerschleuderern einen Schauer von Blei entgegen. Der fünfte Mann des Sonnenlandes beugte sich über seinen getroffenen Kameraden, fühlte sein Herz, schnitt dann kaltblütig das Päckchen ab und erhob sich mit der Munition und den beiden Büchsen in der Hand.

»Nun, ist er nicht ein Narr?« rief Tyee und machte im Vorwärtsstürmen einen Luftsprung, um nicht auf den krampfhaft zitternden Körper eines Mannes vom Stamme der Hungrigen zu treten.

Seine eigene Büchse war in Unordnung geraten, so daß er sie nicht gebrauchen konnte, und er rief, daß irgend jemand mit dem Speer nach dem Manne des Sonnenlandes werfen solle, der kehrtgemacht hatte, um Deckung hinter dem schützenden Feuer zu suchen. Der alte kleine Jäger wiegte seinen Speer auf dem Wurfholz, schwang im Laufen den Arm zurück und schleuderte die Waffe.

»Beim Körper des Wolfs, sage ich, das war ein guter Wurf!« lobte Tyee, als der Fliehende vornüberstürzte, so daß der Speer, aufrecht zwischen seinen Schultern haftend, langsam hin und her schwankte. Der eingeschrumpfte kleine Mann hustete und setzte sich nieder. Ein roter Streifen zeigte sich auf seinen Lippen, dann wälzte sich ein dicker Strom hervor. Er hustete wieder, und ein seltsam pfeifender Ton begleitete seine Atemzüge.

»Sie fürchten sich auch nicht, sie sind große Kämpfer«, pfiff er und tastete unsicher mit den Händen in die Luft. »Und seht! Jetzt kommt Bill!« Tyee sah auf. Viele Mandeller und einer der Hungrigen hatten sich über den Gefallenen, der sich auf die Knie erhoben hatte, gestürzt und ihn mit ihren Speeren durchbohrt, so daß er wieder zurücksank. In einer Sekunde sah Tyee vier von ihnen unter den Kugeln der Männer des Sonnenlandes fallen. Der fünfte, der noch unverwundet war, ergriff die beiden Büchsen; als er sich aber erhob, um zu fliehen, wurde er durch den Schlag einer Kugel, die ihn am Arme traf, beinahe herumgewirbelt, von einem zweiten zum Stehen gebracht und von einem dritten zu Boden geworfen. Im nächsten Augenblick war Bill da, um die Päckchen abzuschneiden und die Büchsen zu holen.

Dies sah Tyee, und er sah seine eigenen Leute fallen, als sie in zerstreuter Ordnung vorrückten, und plötzlich spürte er Zweifel und beschloß liegenzubleiben, wo er war, um mehr zu sehen. Aus irgendeinem unbegreiflichen Grunde lief Mesahchie zu Bill zurück, aber ehe sie ihn erreicht hatte, sah Tyee, wie Peelo vorsprang und sie mit seinen Armen umschlang. Er versuchte, sie über seine Schulter zu werfen, aber sie klammerte sich an ihn und zerriß und zerkratzte ihm das Gesicht. Dann stellte sie ihm ein Bein, und beide fielen schwer zu Boden. Als sie wieder auf die Füße kamen, hatte Peelo den Griff gewechselt, so daß sein Arm unter ihrem Kinn lag und sein Handgelenk auf ihre Kehle drückte und sie würgte. Er begrub das Gesicht an ihrer Brust, fing die Schläge ihrer beiden Hände mit seinem dicken, verfilzten Haar auf und begann sie langsam vom Kampfplatz wegzuschleppen. Aber in diesem Augenblick prallten sie gegen Bill, der mit den Waffen seiner gefallenen Kameraden zurückkam. Als Mesahchie ihn sah, wirbelte sie ihr Opfer herum und hielt es fest. Bill schwang die Büchse in der Rechten und schlug zu, fast ohne stehenzubleiben. Tyee sah Peelo wie vom Blitz getroffen zu Boden sinken und den Mann des Sonnenlandes mit Negaahs Tochter fliehen.

Eine Gruppe Mandeller machte unter Führung eines vom Stamme der Hungrigen einen nutzlosen Sturmangriff, der unter dem prasselnden Feuer zusammenbrach.

Tyee schnappte nach Luft und murmelte: »Wie Reif in der Morgensonne.«

»Ich sagte es ja, sie sind große Kämpfer«, flüsterte der alte Jäger matt, vom Blutverlust sehr geschwächt. »Ich weiß es. Ich habe es gehört. Sie sind Seeräuber und Robbenjäger, sie schießen schnell und sicher, denn das ist ihr Leben und ihre Arbeit.«

»Wie Reif in der Morgensonne«, wiederholte Tyee, indem er sich zusammenkauerte und hinter dem sterbenden Manne Deckung suchte, um nur hin und wieder hervorzulugen.

Man konnte es nicht länger einen Kampf nennen, denn kein Mandeller wagte sich vor, und andererseits waren sie den Männern des Sonnenlandes zu nahe gekommen, um wieder zurück zu können. Drei versuchten es, indem sie verstreut wie Kaninchen liefen, aber der eine fiel mit gebrochenem Bein, der zweite erhielt eine Kugel durch den Leib, und der dritte, der sich drehte und schlängelte, fiel am Rande des Dorfes. Der Stamm kauerte sich daher in Löchern zusammen und wühlte sich auf freiem Felde in den Staub ein, während die Kugeln der Männer des Sonnenlandes über die Ebene dahinfuhren.

»Beweg dich nicht«, bat Tyee, als Aab-Waak am Boden zu ihm hinkroch. »Beweg dich nicht, guter Aab-Waak, oder du bringst den Tod über uns.«

»Der Tod hat viele von uns geholt«, lachte Aab-Waak, »daher wird es, wie du sagst, großen Reichtum zwischen uns zu teilen geben. Mein Vater liegt hinter dem großen Felsen dort und atmet kurz und schnell, und neben ihm liegt mein Bruder, als hätte man einen Knoten in ihn geschlagen. Aber ihr Teil soll mein Teil werden, und das ist gut.«

»Wie du sagst, guter Aab-Waak, und wie ich gesagt habe; aber ehe wir teilen können, müssen wir etwas zu teilen haben, und die Männer des Sonnenlandes sind noch nicht tot.«

Eine Kugel prallte von einem Felsblock vor ihnen ab und flog mit gellendem Pfeifen in ihrem zweiten Fluge tief über ihren Häuptern dahin. Tyee duckte sich und schauderte, aber Aab-Waak grinste und versuchte ihr vergebens mit den Augen zu folgen. »So schnell fliegen sie, daß man sie nicht einmal sehen kann«, bemerkte er.

»Aber viele von uns sind tot«, fuhr Tyee fort.

»Und viele sind noch übrig«, lautete die Antwort.

»Und sie pressen sich dicht an die Erde, denn sie haben gelernt, wie man kämpfen muß. Dazu sind sie zornig geworden. Und wenn wir die Männer des Sonnenlandes auf dem Schiffe getötet haben, so sind nur noch vier hier auf dem Lande übrig. Es dauert vielleicht lange, bis wir sie getötet haben, aber schließlich wird es doch geschehen.«

»Wie können wir zum Schiff gelangen, wenn wir nicht hier und nicht dort gehen können?« fragte Tyee.

»Es ist eine schlechte Stelle, wo Bill und seine Brüder liegen«, erklärte Aab-Waak. »Wir können von allen Seiten über sie herfallen, und das ist nicht gut. Daher suchen sie die Klippen in den Rücken zu bekommen, um dort zu warten, bis ihre Brüder vom Schiff ihnen zu Hilfe kommen.«

»Nie sollen sie vom Schiff kommen, ihre Brüder! Ich habe es gesagt.«

Tyee schöpfte wieder Mut, und als die Männer des Sonnenlandes die Prophezeiung erfüllten und sich nach der Klippe zurückzogen, war ihm so leicht ums Herz wie nur je.

»Es sind nur noch drei von uns übrig!« klagte einer vom Stamme der Hungrigen, als man sich zur Beratung versammelte.

»Dafür soll statt zwei Büchsen jeder vier haben«, lautete Tyees Erwiderung.

»Wir haben gut gekämpft.«

»Ja, und sollte es sein, daß nur zwei von euch übrigbleiben, so würdet ihr sechs Büchsen jeder bekommen. Darum kämpft gut.«

»Und wenn keiner von ihnen übrigbleibt?« flüsterte Aab-Waak schlau.

»Dann bekommen wir die Büchsen, du und ich«, antwortete Tyee ebenfalls flüsternd.

Um aber die Männer vom Hungrigen Volke günstig zu stimmen, machte er einen von ihnen zum Führer des Zuges gegen das Schiff. Diese Abteilung umfaßte volle zwei Drittel des Stammes und ging in einer Entfernung von einem Dutzend Meilen, mit Fellen und andern Handelswaren beladen, an die Küste. Die Zurückgebliebenen bildeten einen weiten Halbkreis um die Brustwehr, die Bill und seine Männer des Sonnenlandes aufzuwerfen begonnen hatten. Tyee war sich schnell über den Nutzen einer Sache klar, und er ließ sofort seine Leute kleine Schützengräben auswerfen.

»Die Zeit wird vergehen, ehe sie es gewahr werden«, sagte er zu Aab-Waak, »und wenn sie beschäftigt sind, werden sie nicht so sehr an die Gefallenen oder an ihre eigenen Beschwerden denken. Und im Dunkel der Nacht können wir uns weiter vorschieben, so daß die Männer des Sonnenlandes, wenn sie im Morgenrot Ausschau nach uns halten, uns ganz nahe finden werden.«

In der Mittagshitze machten die Männer eine Arbeitspause und nahmen eine Mahlzeit von Stockfisch und Robbentran ein, die ihnen von den Frauen gebracht wurde. Einige riefen nach den Nahrungsmitteln, die die Männer des Sonnenlandes in Negaahs Iglu hatten, aber Tyee weigerte sich, sie auszuteilen, ehe die, welche das Schiff angreifen sollten, zurückgekehrt waren. Es wurde hin und her über den Ausfall geredet, aber auf einmal ertönte ein dumpfes Dröhnen vom Meere her über das Land. Wer gute Augen hatte, sah eine dichte Rauchwolke, die sich schnell auflöste und die ihrer Behauptung nach gerade über dem Schiff der Männer des Sonnenlandes schwebte. Tyee meinte, es müsse ein Kanonenschuß sein. Aab-Waak wußte es nicht, dachte aber, daß es irgendein Signal sein müsse. Auf jeden Fall, sagte er, sei es Zeit, daß etwas geschehe.

Fünf bis sechs Stunden später erblickte man einen Mann, der allein über die breite Ebene vom Meere heraufkam, und Frauen und Kinder strömten ihm in einer großen Schar entgegen. Es war Ounenk, nackt, atemlos und verwundet. Das Blut rann ihm noch aus einer Schramme an der Stirn über das Gesicht herab. Sein linker Arm hing furchtbar verstümmelt und hilflos an seiner Seite. Aber am merkwürdigsten von allem war ein wildes Licht in seinen Augen, das die Frauen nicht verstanden.

»Wo ist Peshack?« fragte eine alte Squaw.

»Und Olitlie?« – »Und Polak?« – »Und Mah-Kuk?« stimmten andre ein.

Aber er sagte nichts, sondern drängte sich nur durch die lärmende Menge und wankte auf Tyee zu. Die alte Squaw erhob das Trauergeheul, und die Frauen stimmten eine nach der andern mit ein, während sie sich hinten anschlossen. Die Männer krochen aus ihren Schützengräben und liefen zurück, um sich um Tyee zu scharen, und man bemerkte, wie die Männer des Sonnenlandes auf ihre Barrikade kletterten, um sehen zu können.

Ounenk machte halt, wischte sich das Blut aus den Augen und blickte sich um. Er versuchte zu sprechen, aber seine trockenen Lippen klebten aufeinander. Likita brachte ihm Wasser, und er grunzte und trank wieder.

»War es ein Kampf?« fragte Tyee schließlich. »Ein guter Kampf?«

»Ho! ho! ho!« So plötzlich und wild lachte Ounenk, daß alle schwiegen. »Nie hat es einen solchen Kampf gegeben! Das sage ich, Ounenk, der ich so manchen Kampf mit Tieren und Menschen ausgefochten habe. Und ehe ich es vergesse, laßt mich große und weise Worte sprechen. Die Männer des Sonnenlandes kämpfen gut und lehren uns Mandeller kämpfen. Und wenn wir lange genug kämpfen, werden wir große Kämpfer wie die Männer des Sonnenlandes, oder – wir sind tot. Ho! ho! ho! Das war ein Kampf!«

»Wo sind deine Brüder?« Tyee schüttelte ihn, daß der Verwundete vor Schmerz schrie.

Ounenk wurde ruhiger. »Meine Brüder? Sie sind nicht mehr.«

»Und Pome-Lee?« rief einer der Hungrigen. »Pome-Lee, der Sohn meiner Mutter?«

»Pome-Lee ist nicht mehr«, sagte Ounenk eintönig.

»Und die Männer des Sonnenlandes?« fragte Aab-Waak.

»Die Männer des Sonnenlandes sind nicht mehr.«

»Aber das Schiff der Männer des Sonnenlandes und ihr Reichtum, ihre Büchsen und anderen Dinge?« fragte Tyee.

»Weder das Schiff der Männer des Sonnenlandes noch ihr Reichtum oder ihre anderen Dinge, nichts ist mehr. Nichts. Ich bin allein.«

»Und du bist ein Narr.«

»Das kann sein«, antwortete Ounenk unbewegt. »Ich habe gesehen, was mich wohl zu einem Narren machen konnte.«

Tyee schwieg, und alle warteten, bis es Ounenk gefiele, seine Geschichte zu erzählen.

»Wir nahmen keine Büchsen mit, o Tyee«, begann er endlich, »keine Büchsen, meine Brüder – nur Messer und Jagdbogen und Speere. Und zu je zweien und dreien kamen wir in unsern Kajaks zum Schiffe. Sie freuten sich, als sie uns sahen, die Männer des Sonnenlandes, wir breiteten unsere Felle aus, sie holten ihre Handelswaren, und alles ging gut. Und Pome-Lee wartete – wartete, bis die Sonne hoch am Himmel stand und sie sich zum Essen gesetzt hatten. Da stieß er den Schrei aus, und wir fielen über sie her. Nie hat es einen solchen Kampf gegeben und nie solche Kämpfer. Die Hälfte erschlugen wir im ersten Augenblick, aber die Hälfte, die übrigblieb, wurde zu Teufeln, und sie vervielfältigten sich und kämpften überall wie die Teufel. Sie stellten sich mit dem Rücken gegen den Mastbaum, und wir umgaben sie mit einem Kreis unserer Toten, ehe sie selbst starben. Und einige nahmen zwei Büchsen und schossen, indem sie beide Augen offenhielten, und sie schossen sehr schnell und sicher. Und einer nahm eine große Büchse, aus der er eine Menge kleiner Kugeln auf einmal schoß. Seht her!« Ounenk zeigte auf sein Ohr, das sauber von einem Rehposten durchbohrt war.

»Aber ich, Ounenk, durchstieß ihn von hinten mit meinem Speere. Und so töteten wir sie alle irgendwie – alle außer dem Häuptling. Und ihn umringten wir, viele von uns, und er war allein, aber da stieß er einen lauten Schrei aus, brach durch und lief in das Innere des Schiffes, während fünf oder sechs von uns sich an ihn hängten. Und da, als der Reichtum des Schiffes unser und nur der Häuptling, den wir auch bald töten mußten, noch unten war, ja, da ertönte ein Krachen wie von allen Büchsen der Welt – ein mächtiges Krachen! Und wie ein Vogel flog ich in die Luft, und das lebende Mandellervolk und die toten Männer des Sonnenlandes, die kleinen Kajaks, das große Schiff, die Büchsen, der Reichtum – alles flog in die Luft. Darum sage ich, Ounenk, der diese Geschichte erzählt, daß ich der einzige bin, der übrigblieb.«

Tiefes Schweigen senkte sich auf die Versammlung. Tyee blickte Aab-Waak mit entsetzten Augen an, sagte aber nichts. Selbst die Frauen waren zu erstaunt, um über die Toten zu jammern.

Ounenk sah sich stolz um. »Ich bin der einzige, der übrigblieb«, wiederholte er.

Aber in diesem Augenblick knallte eine Büchse von Bills Barrikade, und es klatschte scharf gegen Ounenks Brust. Er schwankte hintenüber und richtete sich mit einem Ausdruck von Verblüffung wieder auf. Er schnappte nach Luft, und seine Lippen verzogen sich zu einem grimmigen Lächeln. Seine Schultern fielen zusammen, und seine Knie knickten ein. Er schüttelte sich wie ein Mann, der im Begriff ist, einzuschlafen, und raffte sich wieder auf. Aber das Zusammenfallen und Einknicken begann wieder, und er sank langsam, ganz langsam zu Boden.

Es war eine ganze Meile bis zum Graben der Männer des Sonnenlandes, aber der Tod hatte den Abstand überbrückt. Ein mächtiges Wutgeschrei erhob sich, in dem viel Rachgier und gedankenlose tierische Wildheit lag. Tyee und Aab-Waak versuchten, das Mandellvolk zurückzuhalten, wurden aber beiseite gestoßen und konnten nichts als sich umdrehen und dem wahnsinnigen Ansturm zusehen. Aber es fiel kein Schuß von den Männern des Sonnenlandes, und ehe die Hälfte der Strecke zurückgelegt war, wurden viele durch die geheimnisvolle Stille erschreckt, machten halt und warteten. Die wilderen Geister stürmten weiter, sie hatten wieder die Hälfte des übriggebliebenen Abstandes zurückgelegt, und immer noch gab der Graben kein Lebenszeichen von sich. In einer Entfernung von zweihundert Ellen verlangsamten sie den Lauf und sammelten sich; bei hundert Ellen blieben sie, an zwanzig Mann, mißtrauisch stehen und berieten sich. Da wurde die Barrikade von einer Rauchwolke gekrönt, und sie zerstreuten sich wie eine Handvoll kleiner Steine, die aufs Geratewohl hingeworfen werden. Vier fielen und noch vier, und sie fielen weiter schnell, immer einer oder zwei zugleich, bis nur einer übrig war, und der jagte in voller Flucht zurück, während der Tod ihm um die Ohren pfiff. Es war Nok, ein junger Jäger, langbeinig und hochgewachsen, und er lief, wie er nie zuvor gelaufen war. Er fuhr über die nackte Ebene wie ein Vogel, schwang sich auf und segelte und sprang von einer Seite auf die andere. Die Büchsen im Graben donnerten in einer mächtigen Salve, sie knallten durcheinander, aber immer noch schwang Nok sich auf, tauchte nieder und schwang sich immer wieder unbeschädigt auf. Das Schießen ließ nach, als hätten die Männer des Sonnenlandes es aufgegeben, ihn zu treffen, und Nok zickzackte immer weniger in seinem Fluge, bis er bei jedem Sprunge geradeaus flog. Und wie er schnell und geradeaus so sprang, kläffte eine einzelne Büchse aus dem Graben, und Nok ballte sich mitten in der Luft zusammen und kam als ein Klumpen auf die Erde, flog durch den Aufprall wieder hoch und landete als ein zerschmettertes Häufchen.

»Wer ist so schnell wie das schnellbeschwingte Blei?« grübelte Aab-Waak.

Tyee brummte und wandte sich ab. Der Fall war erledigt, und es gab Wichtigeres zu denken. Ein Mann vom Stamme der Hungrigen und vierzig von seinen eigenen Kriegern, darunter einige Verwundete, waren noch übrig, und man hatte noch mit vier Männern des Sonnenlandes zu rechnen.

»Wir halten sie in ihrem Loch an der Klippe fest«, sagte er, »und wenn der Hunger sie gepackt hat, so töten wir sie, als ob es Kinder wären.«

»Aber warum kämpfen?« fragte Oloof, einer der jüngeren Männer. »Der Reichtum der Männer des Sonnenlandes ist nicht mehr; es ist nur übrig, was sich in Negaahs Iglu befindet, ein elender Rest…« Er brach hastig ab, denn eine Kugel pfiff scharf an seinem Ohr vorbei.

Tyee lachte höhnisch. »Nimm das als Antwort. Was könnten wir sonst tun mit diesen wahnsinnigen Menschen des Sonnenlandes, die nicht sterben wollen?«

»Welche Torheit!« protestierte Oloof, während er im stillen die Ohren spitzte, ob nicht eine neue Kugel käme. »Es ist nicht recht, daß sie so kämpfen, diese Männer des Sonnenlandes. Warum wollen sie nicht einen leichten Tod sterben? Sie sind Toren, daß sie nicht wissen, daß sie doch des Todes sind, und uns so viel Mühe machen.«

»Zuerst kämpften wir, um großen Reichtum zu gewinnen, jetzt tun wir es, um unser Leben zu retten«, faßte Aab-Waak in Kürze die Lage zusammen.

Nachts ertönte Lärm in den Gräben, und Schüsse wurden gewechselt. Und am Morgen fand man Negaahs Iglu von den Besitztümern der Männer des Sonnenlandes geräumt. Sie hatten sie selbst geholt, wie ihre Fährten zeigten, als die Sonne aufging. Oloof kroch auf den Rand der Klippe, um große Steine in den Graben hinabzuschleudern, aber die Klippe hing über, und so schleuderte er statt dessen Scheltworte und Beleidigungen hinunter und versprach ihnen bittere Foltern, wenn das Ende gekommen sei. Bill schickte ihm Hohnworte in der Sprache des Bärenvolkes zurück, und Tyee, der den Kopf aus dem Graben hervorsteckte, um zuzusehen, erhielt einen tiefen Streifschuß an der Schulter.

Und in den traurigen Tagen, die jetzt folgten, und den wilden Nächten, in denen sie die Gräben näher an den Feind heranführten, wurde viel davon gesprochen, ob es nicht klug sei, die Männer des Sonnenlandes entwischen zu lassen. Aber davor fürchteten sie sich, und die Frauen erhoben stets ein Geschrei bei dem Gedanken. Sie hatten viel von den Männern des Sonnenlandes gesehen und hatten keine Lust, noch mehr zu sehen. Die ganze Zeit hindurch war die Luft von dem Pfeifen und Klatschen der Kugeln erfüllt, und die ganze Zeit hindurch wuchs die Verlustliste. Im goldenen Morgengrauen ertönte der schwache, ferne Knall einer Büchse, und eine Frau streckte getroffen am fernen Rande des Dorfes die Hände hoch. In der Mittagshitze hörten die Männer in den Gräben das gellende Pfeifen und wußten, daß ihr Tod geflogen kam, und im grauen Abendschein spritzte der Staub in kleinen Wölkchen bei dem schwachen Feuer auf. Und durch die Nächte klang das langgezogene, jammernde »Wa-hoo-ha-a, wa-hoo-ha-a!« der trauernden Frauen.

Wie Tyee vorausgesagt hatte, kam es schließlich so weit, daß der Hunger die Männer des Sonnenlandes packte. Und während eines zeitigen Herbststurmes kroch einer von ihnen in der Dunkelheit in die Gräben und stahl eine Menge Stockfische. Aber er konnte nicht wieder zurückkommen, und die Sonne fand ihn, wie er sich vergebens im Dorfe zu verstecken suchte. So kämpfte er denn den großen Kampf ganz allein in einem engen Kreis des Mandellvolkes, erschoß vier mit seinem Revolver, und ehe sie ihn ergreifen und foltern konnten, kehrte er die Waffe gegen sich selber und starb.

Das warf Schwermut über das Volk. Oloof stellte die Frage: »Wenn nur ein Mann sich so kühn verteidigt, ehe er stirbt, was werden dann die drei tun, die noch übrig sind?«

Dann stellte Mesahchie sich auf die Barrikade und rief die Namen dreier Hunde, die in die Nähe gekommen waren. Das war Fleisch und Leben – und das schob den Tag der Abrechnung hinaus und goß Verzweiflung in die Herzen des Mandellvolkes. Und die Flüche eines ganzen Geschlechtes wurden über Mesahchies Haupt ausgeschüttet.

Die Tage schleppten sich hin. Die Sonne eilte gen Süden, die Nächte wurden immer länger, und es kam ein Hauch von Frost in die Luft. Und immer noch hielten die Männer des Sonnenlandes ihren Graben. Unter diesem endlosen Druck sank der Mut, und Tyee grübelte tief und ernsthaft. Dann erließ er die Botschaft, daß alle Felle und Häute im ganzen Stamme gesammelt werden sollten. Die ließ er zu großen Rollen wickeln und legte hinter jede Rolle einen Mann.

Als der Befehl gegeben wurde, war der kurze Tag beinahe verstrichen, und es war eine langwierige Arbeit, die großen Ballen Fuß für Fuß vorwärts zu rollen. Die Kugeln der Männer des Sonnenlandes klatschten und schlugen in sie, ohne sie zu durchdringen, und die Männer heulten vor Begeisterung. Aber die Dunkelheit brach herein, und Tyee, der jetzt seines Erfolges sicher war, ließ die Ballen in die Gräben zurückholen.

Am nächsten Morgen begann das Vorrücken im Ernst, während im Graben der Männer des Sonnenlandes ein unheimliches Schweigen herrschte. Anfangs rückten die Ballen sich langsam mit weiten Zwischenräumen näher, während der Kreis sich verengerte. In einer Entfernung von hundert Ellen waren sie einander ganz nahe gekommen, so daß Tyees Befehl, anzuhalten, flüsternd von einem Flügel zum andern lief. Der Graben gab kein Lebenszeichen von sich. Sie warteten lange und gespannt, aber nichts regte sich. Das Vorrücken begann wieder, und das Manöver wiederholte sich in einem Abstand von fünfzig Ellen. Immer noch kein Zeichen, kein Laut. Tyee schüttelte den Kopf, und selbst Aab-Waak hegte Zweifel. Aber wieder wurde Befehl zum Vorrücken gegeben, und sie rückten vor, bis Ballen neben Ballen lag und eine feste Schanze aus Fellen und Häuten sich von der Klippe rings um den Graben wieder bis zur Klippe erstreckte. Tyee blickte sich um und sah, wie Frauen und Kinder sich wie dunkle Schatten in den verlassenen Gräben scharten. Er sah vorwärts nach dem schweigenden Graben. Die Männer bewegten sich nervös, und er ließ einen um den andern Ballen vorrücken. Diese neue Linie bewegte sich vorwärts, bis wieder wie zuvor Ballen an Ballen stieß. Dann schob Aab-Waak aus eigenem Antriebe einen Ballen allein vor. Als er gegen die Barrikade stieß, wartete er lange. Dann warf er Steine in den Graben hinüber, bekam aber keine Antwort, und schließlich erhob er sich mit großer Vorsicht und guckte hinunter. Ein Teppich von leeren Patronenhülsen, einige reingenagte Hundeknochen und eine sumpfige Stelle, wo das Wasser aus einer Felsspalte herabträufelte, begegneten seinem Blick. Das war alles. Die Männer des Sonnenlandes waren weg.

Ein Murmeln von Hexerei und unbestimmte Klagen ertönten, und düstere Blicke wurden gewechselt, die Tyee unheimliche Dinge prophezeiten, die noch geschehen konnten, und er atmete erleichtert auf, als Aab-Waak den Spuren am Fuße der Klippe folgte.

»Die Höhle!« rief Tyee. »Sie sahen meine Weisheit mit den Fellballen voraus und flohen in die Höhle!« Die Klippe war von einem Labyrinth unterirdischer Gänge durchbohrt, die in der Mitte, wo der Graben gegen die Felswand stieß, zusammenliefen. Dorthin folgten die Männer des Stammes Aab-Waak unter vielen Ausrufen, und als sie die Stelle erreichten, konnten sie deutlich sehen, daß die Männer des Sonnenlandes in die einige zwanzig Fuß hohe Mündung geklettert waren.

»Jetzt ist es geschehen«, sagte Tyee und rieb sich die Hände. »Jetzt gebiete ich, daß alle sich freuen sollen, denn jetzt sind sie in der Falle, diese Männer des Sonnenlandes – in der Falle. Die jungen Leute sollen hinaufklettern und den Eingang der Höhle mit Steinen füllen, so daß Bill und seine Brüder und Mesahchie vom Hunger gequält werden, bis sie zu Schatten werden und unter Fluchen in Stille und Finsternis sterben.«

Rufe, die Jubel und Erleichterung ausdrückten, begrüßten diese Worte, und Howgah, der letzte vom Stamme der Hungrigen, kletterte den steinigen Hang hinauf und kauerte sich am Rande der Öffnung zusammen. Aber im selben Augenblick ertönte ein scharfer Knall, dann noch einer, während er sich verzweifelt an den glatten Felsrand klammerte. Mit widerstrebender Schwäche ließ er los und stürzte zu Tyees Füßen nieder, zitterte einen Augenblick wie ein riesiger Gallertklumpen und lag dann still da.

»Wie konnte ich wissen, daß sie so große Kämpfer seien und sich nicht fürchteten?« fragte Tyee unter dem Drange, sich zu verteidigen, bei der Erinnerung an die düsteren Blicke und die unbestimmten Klagen.

»Wir waren viele und glücklich«, erklärte einer der Männer geradezu. Ein anderer ließ die lüsternen Finger mit seinem Speere spielen.

Aber Oloof gebot ihnen Schweigen. »Hört, meine Brüder! Es gibt einen andern Weg! Als Knabe fand ich ihn zufällig eines Tages, als ich oben auf dem Hange spielte. Er ist von den Felsen verborgen, und niemand kommt dorthin. Daher ist er ein Geheimnis, und kein Mensch kennt ihn. Er ist sehr schmal, man kriecht ein weites Stück auf dem Bauche, und dann ist man in der Höhle. Heute nacht wollen wir geräuschlos hineinkriechen und die Männer des Sonnenlandes von hinten überraschen. Und morgen wird Friede sein, und nie wieder werden wir in den kommenden Jahren mit Männern des Sonnenlandes kämpfen.«

»Nie mehr!« tönte es im Chor von den müden Männern. »Nie mehr!« Und Tyee stimmte mit ein. Am Abend sammelte sich die Schar von Frauen und Kindern um den bekannten Eingang der Höhle, die Erinnerung an ihre Toten im Herzen und Steine, Speere und Messer in den Händen. Die mehr als zwanzig Fuß zur Erde konnte keiner der Männer des Sonnenlandes hoffen, lebend hinunterzugelangen. Im Dorfe blieben nur die Verwundeten zurück, während alle gesunden und beweglichen Männer – es waren noch dreißig – Oloof nach dem heimlichen Zugang folgten. Es waren hundert Fuß unwegsame Felsen und unsicher aufgehäufte Steine zwischen ihnen und der Erde, und aus Furcht, die Steine durch Hand oder Fuß in Unordnung zu bringen, kroch immer nur ein Mann auf einmal in den Gang. Oloof, der zuerst kam, rief leise den nächsten, daß er kommen solle, und verschwand drinnen. Ein Mann folgte, noch einer, ein dritter und so fort, bis nur Tyee übrig war. Er hörte das Rufen des letzten Mannes, wurde aber von einem plötzlichen Zweifel gepackt und blieb zurück, um nachzudenken. Eine halbe Stunde später schwang er sich zur Öffnung empor und guckte hinein. Er konnte fühlen, wie eng der Gang war, und die Dunkelheit vor ihm wirkte gleichsam massiv. Die Furcht vor dem Raum zwischen den Erdwänden ließ ihn erstarren, und er konnte sich nicht hineinwagen. Alle Toten, von Negaah, dem ersten der Mandeller, bis zu Wawgah, dem letzten der Hungrigen, setzten sich zu ihm. Aber er zog das Unheimliche ihrer Gesellschaft dem Entsetzen vor, das er in dem dichten Dunkel lauern spürte. Er hatte lange dort gesessen, als etwas Weiches und Kaltes leise gegen seine Wange flatterte, und er wußte, daß es der erste Winterschnee war, der fiel. Dann kam die schwache Morgendämmerung und hierauf der klare Tag, und dann hörte er einen leisen Kehllaut, ein Schluchzen, das näher kam und deutlicher wurde. Er ließ sich über den Rand gleiten, setzte die Füße auf den ersten Felsvorsprung und wartete.

Das Schluchzen kam langsam näher, aber endlich, nach manchem Stocken war es da, und er war sicher, daß es von keinem Manne des Sonnenlandes ausgehen konnte. Daher streckte er die Hand dem Laut entgegen, aber wo ein Kopf hätte sein sollen, fühlte er die Schulter eines Mannes, der sich auf die Ellenbogen stützte. Den Kopf fand er hinterher, nicht aufrecht, sondern herabhängend, so daß der Scheitel auf dem Boden des Ganges ruhte.

»Bist du es, Tyee?« fragte der Kopf. »Denn ich bin es, Aab-Waak, hilflos und geknickt wie ein schlecht geworfener Speer. Mein Kopf liegt im Schmutze, und ich kann nicht ohne Hilfe hinunterklettern.«

Tyee kroch hinein und lehnte ihn mit dem Rücken gegen die Wand, aber der Kopf hing auf die Brust herab und schluchzte und jammerte.

»Ai-oo-o, ai-oo-o!« kam es. »Oloof hatte vergessen, daß Mesahchie auch das Geheimnis kannte, und sie hat es den Männern des Sonnenlandes verraten, sonst hätten sie nicht am andern Ende des Ganges gewartet. Und darum bin ich ein geknickter Mann und hilflos – ai-oo-o, ai-oo-o!«

»Und starben sie, die verfluchten Männer des Sonnenlandes, am andern Ende des Ganges?« fragte Tyee.

»Wie konnte ich wissen, daß sie warteten?« gurgelte Aab-Waak. »Denn meine Brüder waren vorausgegangen, viele von ihnen, und es war nichts von einem Kampf zu hören. Wie konnte ich wissen, warum es keinen Kampflärm gab? Und ehe ich es wußte, legten sich zwei Hände um meinen Hals, so daß ich nicht rufen und meine Brüder warnen konnte, die hinter mir kamen. Und dann legten sich noch zwei Hände um meinen Kopf und zwei um meine Füße. Auf diese Weise hielten die Männer des Sonnenlandes mich. Und während die Hände meinen Kopf festhielten, drehten die Hände um meine Füße meinen Körper herum, und der Hals wurde mir umgedreht, wie wir einer Wildente den Hals umdrehen. Aber es war nicht bestimmt, daß ich sterben sollte«, fuhr er mit einem schwachem Funken von Stolz fort. »Ich bin der einzige, der übrigblieb. Oloof und die andern liegen in einer Reihe auf dem Rücken, und ihre Gesichter sind hierhin und dorthin gedreht, und manche Gesichter sind dort, wo ihre Nacken sein sollten. Es ist kein schöner Anblick; denn als das Leben in mich zurückkehrte, sah ich sie alle beim Schein einer Fackel, die die Männer des Sonnenlandes zurückgelassen hatten, und ich war in eine Reihe mit den andern gelegt worden.«

»So? So?« grübelte Tyee, zu verblüfft, um mehr sagen zu können.

Es gab einen Ruck in ihm, und ihn schauderte, denn Bills Stimme ertönte aus dem Gange.

»Es ist gut«, sagte sie, »ich suche den Mann, der mit gebrochenem Hals fortkriecht, und siehe, ich finde Tyee. Wirf deine Büchse von dir, Tyee, daß ich sie auf die Steine fallen hören kann.«

Tyee gehorchte ohne Einwand, und Bill kroch ins Licht heraus. Tyee betrachtete ihn neugierig. Er war mager, mitgenommen und schmutzig, und seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen in ihren tiefen Höhlen.

»Ich bin hungrig, Tyee«, sagte er. »Sehr hungrig sogar!«

»Und ich bin Schmutz zu deinen Füßen«, antwortete Tyee. »Dein Wort ist mir Gebot. Außerdem werde ich meinem Volke befehlen, dir keinen Widerstand zu leisten. Ich rate ihnen…«

Aber Bill hatte sich umgedreht und rief in den Gang hinein: »He! Charley! Jim! Kommt her und bringt das Mädchen mit!«

»Jetzt bekommen wir etwas zu essen«, sagte er, als seine Kameraden und Mesahchie sich ihm angeschlossen hatten. Tyee rieb sich entschuldigend die Hände. »Wir haben nur wenig, aber was wir haben, ist dein.«

»Und dann wollen wir südwärts über den Schnee wandern«, fuhr Bill fort.

»Möget ihr ohne Beschwer wandern, und möge der Weg euch leicht werden.« – »Es ist ein weiter Weg. Wir brauchen Hunde und Nahrung – viel!«

»Du kannst unter unsern Hunden wählen und so viel Nahrung nehmen, wie sie ziehen können.«

Bill ließ sich über den Felsrand gleiten und schickte sich an hinunterzusteigen. »Aber wir kommen wieder, Tyee. Wir kommen wieder, und unsere Tage werden lang sein hier im Lande.«

Und so reisten sie in den ungebahnten Süden, Bill, seine Brüder und Mesahchie. Und als das nächste Jahr kam, lag »Search II« in der Mandellbucht vor Anker. Die wenigen vom Mandellvolke, die noch lebten, weil ihre Wunden sie gehindert hatten, in die Höhlen zu kriechen, begannen auf Befehl der Männer des Sonnenlandes zu arbeiten und in der Erde zu graben. Sie jagen und fischen nicht mehr, sondern erhalten Tagelohn, für den sie sich Mehl, Zucker, Baumwollstoff und solche Waren kaufen, wie »Search II« sie alljährlich von den Männern des Sonnenlandes bringt.

Und diese Mine wird in aller Heimlichkeit ausgebeutet, wie so viele Nordlandminen ausgebeutet worden sind, und kein weißer Mann außerhalb der Aktiengesellschaft, die aus Bill, Jim und Charley besteht, weiß, wo an der Küste des Polarmeeres Mandell liegt. Aab-Waak trägt immer noch seinen Kopf schief auf der Schulter hängend, er ist zum Orakel geworden und predigt den jüngeren Generationen Frieden, wofür er eine Pension von der Aktiengesellschaft erhält. Tyee ist Vorarbeiter in der Mine und hat sich eine neue Theorie über die Männer des Sonnenlandes gebildet.

»Wer unter dem Pfade der Sonne lebt, ist nicht weichlich«, sagt er, während er seine Pfeife raucht und beobachtet, wie die Tagschicht nach Hause geht und die Nachtschicht sich zur Arbeit begibt. »Denn die Sonne dringt in ihr Blut ein und brennt sie mit einem starken Feuer, so daß sie von Lüsten und Leidenschaften erfüllt werden. Sie brennen immer, so daß sie es selbst nicht wissen, wenn sie besiegt sind. Dazu ist eine Unrast in ihnen, ein Teufel, der sie über die ganze Erde treibt, um unaufhörlich zu arbeiten, zu schleppen und zu kämpfen. Ich weiß es. Ich bin Tyee.«


6 Li Wan Die Schoene

Li Wan, die Schöne

»Die Sonne sinkt, Canim, und die Hitze des Tages ist vorbei!« So rief Li Wan ihrem Manne zu, dessen Kopf in dem Eichhörnchenfellgewand verborgen war, aber sie rief es so leise, als wankte sie zwischen der Pflicht, ihn zu wecken, und der Furcht vor ihm, wenn er erwachte. Denn sie fürchtete ihren großen Gatten, der keinem der Männer glich, die sie je gekannt hatte.

Das Elchfleisch prasselte unruhig über dem Feuer, und sie stellte die Bratpfanne neben die rote Glut. Dabei warf sie einen vorsichtigen Blick auf die beiden Hudsonbuchthunde, von deren scharlachroten Zungen gierig der Geifer troff und die jeder ihrer Bewegungen folgten. Es waren mächtige zottige Gesellen, die auf der vom Winde geschützten Seite des Feuers in dem dünnen Rauch zusammengekauert waren, um den schwärmenden Myriaden von Moskitos zu entgehen. Als Li Wan den Hang hinabblickte, dorthin, wo der Klondike seine angeschwollenen Fluten zwischen den steilen Ufern dahinwälzte, schlängelte sich einer der Hunde wie ein Wurm vorwärts und warf mit einem gewandten, katzenartigen Pfotenschlag ein Stück des heißen Fleisches auf den Boden. Aber Li Wan ergriff ihn auf frischer Tat und gab ihm mit einem Holzscheit einen Schlag über die Schnauze, daß er schnappend und knurrend zurücksprang.

»Nein, Olo«, lachte sie und hob das Fleisch auf, ohne ihn aus den Augen zu lassen. »Du bist immer hungrig, und dann bringt deine Nase dich in endlose Unannehmlichkeiten.«

Aber Olos Kamerad gesellte sich zu ihm, und gemeinsam boten sie der Frau Trotz. Die Haare sträubten sich ihnen auf Rücken und Schultern, sie verzerrten und fletschten die dünnen Lippen und entblößten die grausam drohenden Fleischfresser-Fangzähne. Selbst ihre Nasen zuckten und wanden sich wie die wilden Bestien, und sie knurrten wie Wölfe mit all dem Haß und der ganzen Bosheit ihrer Rasse, bereit, sich auf die Frau zu stürzen und sie zu Boden zu reißen.

»Und du auch, Bash? Du bist so wild wie dein Herr und beugst dich nie der Hand, die dich füttert! Dies ist nicht deine Sache, darum nimm dies! Und das!«

Dies rufend, schlug sie mit dem Scheit nach ihnen, aber sie wichen den Schlägen aus, ohne sich zurückzuziehen. Sie trennten sich und näherten sich je von einer Seite, kriechend und knurrend. Li Wan rang mit dem Wolfshund um die Herrschaft seit der Zeit, da sie zwischen den Fellballen der Teepee herumgezottelt war, und sie wußte, daß eine Krisis bevorstand. Bash hatte haltgemacht, seine Muskeln strafften sich zum Sprunge; Olo kroch noch in Reichweite ihres Schlages.

Sie ergriff zwei qualmende Scheite an den verkohlten Enden und trat den Bestien entgegen. Die eine hielt sich zurück, aber Bash sprang zu, und ihre brennende Waffe traf ihn in der Luft. Ein scharfes Schmerzgeheul ertönte, und der Geruch von verbranntem Haar und Fleisch machte sich bemerkbar, während das Tier in den Schmutz rollte und die Frau ihm die schwelende Asche in den Rachen stieß. Wild schnappend warf er sich beiseite und suchte in fast wahnsinniger Furcht das Weite. Olo hatte schon seinen Rückzug begonnen, als Li Wan ihn an ihre Übermacht gemahnte, indem sie ihm ein schweres Holzscheit in die Rippen jagte. Unter einem Regen von Brennholz zog sich das Paar zurück und begann sich am Rande des Lagerplatzes, abwechselnd wimmernd und knurrend, die Wunden zu lecken.

Li Wan blies die Asche vom Fleisch und setzte sich wieder. Ihr Herz hatte nicht schneller geschlagen, sie war die Zwischenfälle gewohnt, sie gehörten mit zu ihrem täglichen Leben. Canim hatte sich bei dem Lärm nicht gerührt, sondern nur kräftig geschnarcht.

»Komm, Canim!« rief sie. »Die Hitze des Tages ist entschwunden, und der Weg wartet auf uns.«

Das Eichhörnchenfell geriet in Bewegung und wurde durch einen braunen Arm beiseite geworfen. Das Augenlid des Mannes zuckte und senkte sich wieder. – Seine Last ist schwer, dachte sie, und er ist noch müde von der Morgenarbeit.

Ein Moskito stach sie in den Nacken, und sie betupfte sich die ungeschützte Stelle mit feuchtem Lehm aus einem Klumpen, den sie immer zur Hand hatte. Den ganzen Morgen hatten sich Mann und Frau, während sie sich, in eine Wolke dieser Pest eingehüllt, zur Wasserscheide hinaufgeschleppt hatten, mit dieser klebrigen Masse beschmiert, die in der Sonne trocknete und ihre Gesichter mit Lehmmasken bedeckte. Diese Masken sprangen an verschiedenen Stellen durch die Bewegung der Gesichtsmuskeln und mußten beständig erneuert werden, so daß der Niederschlag unregelmäßig stark und von seltsamem Aussehen war.

Li Wan schüttelte Canim sanft, aber anhaltend, bis er völlig erwachte und sich aufsetzte. Sein erster Blick galt der Sonne, und nachdem er die Himmelsuhr befragt hatte, beugte er sich über das Feuer und machte sich gierig über das Fleisch her.

Er war ein großer Indianer, volle sechs Fuß hoch, mit breiter Brust und schweren Muskeln, und seine Augen blickten kühner und zeugten von einer Geisteskraft, wie sie bei seiner Rasse selten ist. Linien, von Energie geprägt, hatten tiefe Furchen in sein Antlitz gegraben und ließen einen Mann erkennen, der gewohnt war, seinen Willen unerschütterlich durchzusetzen und Versuchen, ihn zu durchkreuzen, mit tückischer Grausamkeit zu begegnen.

»Morgen, Li Wan, werden wir ein Festessen haben.« Er saugte einen Markknochen aus und warf ihn den Hunden zu. »In Speck gebratene Pfannkuchen und, was noch besser schmeckt, Zucker…«

»Pfannkuchen?« fragte sie, das Wort neugierig genießend.

»Ja«, antwortete Canim überlegen, »und ich werde dir neue Kochkünste beibringen. Die Dinge, von denen ich spreche, kennst du nicht und vieles andere auch nicht. Du hast deine Tage in einem kleinen entlegenen Winkel verlebt und weißt nichts. Ich aber«, er richtete sich auf und blickte sie stolz an, »ich bin ein großer Wanderer und war überall, selbst unter den Weißen, und ich kenne ihre Gebräuche und die vieler anderer Völker. Ich bin kein Baum, der immer auf demselben Platze steht und nicht weiß, was hinter dem nächsten Hügel liegt; ich bin Canim, das Kanu, geschaffen, hierhin und dorthin zu wandern und die Welt der Länge und Breite nach zu durchreisen und zu durchforschen.«

Sie neigte demütig ihr Haupt. »Es ist wahr. Ich habe alle meine Tage Fisch, Fleisch und Beeren gegessen und in einem kleinen Winkel gelebt. Ich ließ mir nicht träumen, daß die Welt so groß war, bis du mich meinem Volke entführtest und ich auf endlosen Wegen für dich kochte und Lasten trug.« Sie sah plötzlich zu ihm auf. »Sag mir, Canim, hat dieser Weg nie ein Ende?«

»Nein«, antwortete er. »Mein Weg gleicht der Welt, er endet nie. Mein Weg ist die Welt, ich befahre ihn, seit meine Füße mich tragen konnten, und ich werde ihn wandern, bis ich sterbe. Mein Vater und meine Mutter sind vielleicht tot – es ist lange her, seit ich sie sah –, aber ich mache mir nichts daraus. Mein Stamm ist wie der deine. Er bleibt auf demselben Fleck, weit von hier, aber ich mache mir nichts aus meinem Stamm, denn ich bin Canim, das Kanu!«

»Und muß ich, Li Wan, so müde ich bin, immer deinen Weg wandern, bis ich sterbe?«

»Du, Li Wan, bist mein Weib, und das Weib wandert den Weg des Gatten, wohin er auch führt. So ist das Gesetz. Und wäre es nicht so, so würde es doch Canims Gesetz sein, der sich selbst und den Seinen die Gesetze gibt.«

Wieder neigte sie ihr Haupt, denn sie kannte kein anderes Gesetz, als daß der Mann der Herr des Weibes sei.

»Beeile dich nicht«, warnte er sie, als sie die spärlichen Ausrüstungsgegenstände in ein Bündel zusammenzuschnüren begann. »Die Sonne brennt noch heiß, der Weg führt bergab und ist gut.«

Sie ließ gehorsam von ihrer Arbeit und setzte sich wieder.

Canim betrachtete sie mit forschenden Blicken. »Du kauerst nicht nieder wie andere Frauen?« bemerkte er.

»Nein«, sagte sie. »Es ermüdet mich, und ich kann in der Stellung nicht ausruhen.«

»Und warum zeigen deine Füße nicht geradeaus?«

»Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß sie anders als die Füße unserer Frauen sind.«

Ein zufriedenes Leuchten blitzte in seinen Augen auf, sonst aber gab er kein Zeichen.

»Gleich dem anderer Frauen ist dein Haar schwarz; aber weißt du, daß es weich und fein ist, weicher und feiner als das anderer Frauen?«

»Ich habe es bemerkt«, erwiderte sie kurz, denn sie war verwirrt von einer solchen kalten Erwähnung ihrer weiblichen Mängel.

»Es ist jetzt ein Jahr her, seit ich dich deinem Volke entführte«, fuhr er fort, »und du bist noch beinahe ebenso scheu und furchtsam vor mir wie damals, als meine Augen zum ersten Male auf dir ruhten. Woher kommt das?«

Li Wan schüttelte den Kopf. »Ich fürchte mich vor dir, Canim, du bist so stark und fremd. Und dann: Bevor du deine Blicke auf mich warfst, fürchtete ich mich vor allen jungen Leuten. Ich weiß nicht – ich kann nicht sagen… Aber mir scheint, ich weiß nicht wieso, als wäre ich nicht für sie geschaffen, als wäre ich…«

»Nun?« ermutigte er sie, ungeduldig über ihr Stocken.

»Als wären sie nicht von meiner Art.«

»Nicht von deiner Art?« fragte er langsam.

»Ich weiß nicht, ich…« Sie schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich kann nicht in Worte kleiden, was ich empfand. Es war ein Gefühl von Fremdheit in mir. Ich war anders als andere Mädchen, die die jungen Männer im geheimen aufsuchten. Ich konnte mir nichts aus den jungen Männern auf diese Weise machen. Es schien mir, als wäre es ein großes Unrecht, eine schlechte Handlung.«

»Was ist deine früheste Erinnerung?« fragte Canim plötzlich ohne Übergang.

»Pow-Wah-Kaan, meine Mutter.«

»Und nichts vor Pow-Wah-Kaan?«

»Nichts.«

Aber Canim hielt ihren Blick mit dem seinen fest, suchte im Innersten ihrer Seele und sah sie schwanken.

»Denk nach, denk scharf nach, Li Wan!« drohte er. Sie stammelte, und ihre Augen flehten um Mitleid, aber sein Wille beherrschte sie und entrang die Worte ihrem widerstrebenden Munde.

»Aber es waren nur Träume, Canim, böse Träume meiner Kindheit, Schatten unwirklicher Dinge, Gesichte, ähnlich wie Hunde sie wimmernd sehen, wenn sie in der Sommerhitze schlafen.«

»Erzähle von diesen Dingen!« befahl er.

»Es sind vergessene Gedanken«, wandte sie ein. »Als Kind träumte ich wach, die offenen Augen dem Tage zugewandt, und wenn ich von den seltsamen Dingen sprach, die ich sah, lachte man mich aus, und die andern Kinder fürchteten sich und zogen sich vor mir zurück. Und wenn ich von dem, was ich sah, zu Pow-Wah-Kaan sprach, so schalt sie mich aus und sagte, es sei häßlich; sie schlug mich auch deswegen. Es war eine Krankheit, glaube ich, wie die Fallsucht, die alte Männer befällt, und allmählich ging es mir besser, und ich träumte nicht mehr. Und jetzt – kann ich mich nicht mehr darauf besinnen.« Sie hob verwirrt die Hand an die Stirn. »Hier irgendwo stecken sie, aber ich kann sie nicht finden, nur…«

»Nur«, wiederholte Canim und hielt sie fest.

»Nur eines. Aber du wirst über meine Torheit lachen, es ist so unwahrscheinlich.«

»Nein, Li Wan. Träume sind Träume. Sie mögen Erinnerungen an andere Leben sein, die wir lebten. Ich war einst ein Elch. Ich glaube ganz fest, daß ich einst ein Elch war, wenn ich daran denke, was ich in Träumen gesehen und gehört habe.«

Sosehr er sich auch bemühte, sie zu verbergen, offenbarte sich doch eine immer wachsende Ängstlichkeit, aber Li Wan, die nach Worten suchte, in die sie ihre Gedanken kleiden konnte, bemerkte sie nicht.

»Ich sehe einen Platz mit festgestampftem Schnee zwischen den Bäumen«, begann sie, »und im Schnee die Fährte eines Mannes, der sich schwer auf Händen und Füßen weiterschleppt. Und ich sehe auch den Mann im Schnee, und wenn ich ihn sehe, scheint es mir, als sei ich ihm ganz nahe. Er sieht nicht so aus wie andere Männer, denn er hat Haar im Gesicht, viel Haar, und das Haar auf seinem Gesicht und seinem Kopfe ist gelb wie das Sommerkleid eines Wiesels. Seine Augen sind geschlossen, aber sie öffnen sich und suchen umher. Sie sind blau wie der Himmel und schauen in die meinen und suchen nicht mehr. Und seine Hand bewegt sich langsam wie in großer Schwäche, und ich fühle…«

»Nun«, flüsterte Canim heiser. »Du fühlst…«

»Nein, nein!« schrie sie hastig. »Ich fühle nichts. Sagte ich ›fühle‹? Ich meinte es nicht. Es kann nicht sein, daß ich es fühlte. Ich sehe und sehe nur, und alles, was ich sehe, ist – ein Mann im Schnee, mit Augen wie der Himmel und Haaren wie das Wiesel. Ich sah es oft und immer dasselbe – einen Mann im Schnee…«

»Und siehst du dich selber?« fragte er, indem er sich vorbeugte und sie fest anblickte. »Siehst du je dich selber und den Mann im Schnee?«

»Warum sollte ich mich sehen? Bin ich nicht wirklich?«

Seine Muskeln erschlafften, und er ließ sich zurücksinken, mit großer Befriedigung in den Augen, die er von ihr wandte, damit sie sie nicht sähe.

»Ich will dir etwas sagen, Li Wan!« sprach er mit Entschiedenheit. »In einem früheren Leben, als du dies sahst, warst du ein Vögelchen, und die Erinnerung hieran lebt noch in dir. Das ist nicht seltsam. Ich war einst ein Elch, und meines Vaters Vater wurde ein Bär nach seinem Tode, so sagte der Schamane, und der Schamane lügt nicht. So gleiten wir von Leben zu Leben auf den Pfaden der Götter, und nur die Götter wissen und verstehen. Träume und Schatten von Träumen sind Erinnerungen, nichts weiter, und der Hund, der in der Sonnenhitze im Schlafe wimmert, erinnert sich zweifellos längst geschehener Dinge. Bash hier war einst ein Krieger. Ich glaube fest, daß er ein Krieger war.«

Canim warf dem Tiere einen Knochen zu und erhob sich. »Komm, laß uns aufbrechen. Es ist noch heiß, aber es wird nicht kühler werden.«

»Und diese Weißen, wie sind sie?« fragte Li Wan plötzlich.

»Sie sind wie du und ich«, erwiderte er, »nur ist ihre Haut heller. Ehe der Tag stirbt, wirst du bei ihnen sein.«

Canim band seinen Schlafsack an seinen anderthalb Zentner schweren Packen, bestrich das Gesicht mit nassem Lehm und setzte sich, um sich auszuruhen, bis Li Wan die Hunde beladen hatte. Olo kroch beim Anblick des Knüttels in ihrer Hand zusammen und machte keine Schwierigkeiten, als ihm das vierzig Pfund schwere Bündel auf den Rücken geschnallt wurde. Bash jedoch war gekränkt und schlechter Laune und wimmerte und knurrte, als die Last ihm aufgeladen wurde. Er krümmte den Rücken, fletschte die Zähne, als Li Wan die Riemen anzog, während die ganze Heimtücke seiner Natur aus seinen Blicken blitzte, die er ihr von der Seite zuwarf. Und Canim lachte. »Hab‘ ich nicht gesagt, daß du einst ein großer Krieger warst?«

»Diese Felle werden einen guten Preis bringen«, bemerkte er, indem er sich den Kopfriemen zurechtrückte und seinen Packen vom Boden aufhob. »Einen großen Preis. Die weißen Männer zahlen gut für solche Ware, denn sie haben keine Zeit zu jagen und sind zu empfindlich gegen die Kälte. Bald werden wir Festschmaus halten, Li Wan, wie noch nie in allen deinen früheren Leben.«

Sie murmelte ihre Anerkennung für die Leutseligkeit ihres Herrn, schlüpfte ins Geschirr und beugte sich unter der Last vorwärts.

»Das nächste Mal möchte ich als weißer Mann zur Welt kommen«, fügte er hinzu und schwang sich den Weg hinab, der in die Schlucht zu seinen Füßen mündete.

Die Hunde folgten ihm rasch auf den Fersen, und Li Wan schloß den Zug. Aber ihre Gedanken waren weit fort, jenseits der Gletscher im Osten, an dem kleinen Fleckchen Erde, wo sie ihre Kindheit verlebt hatte. Als Kind schon, dessen erinnerte sie sich wohl, hatte man sie stets als etwas Merkwürdiges angesehen, wie eine, die von einem Leid heimgesucht war. Tatsächlich hatte sie wachend geträumt und war gescholten und geschlagen worden wegen der seltsamen Gesichte, die sie hatte, bis sie ihnen mit der Zeit entwachsen war. Aber nicht ganz. Wenn sie sie auch nicht mehr im Wachen beunruhigten, so kamen sie doch, so erwachsen sie auch war, im Schlafe zu ihr, und manche Nacht wurde sie von diesem von flatternden Gestalten erfüllten, unbestimmten sinnlosen Alp bedrückt. Das Gespräch mit Canim hatte sie angeregt, und den ganzen Weg, den unebenen Hang der Wasserscheide hinab, lauschte sie den neckischen Phantasien ihrer Träume.

»Wir wollen verschnaufen«, sagte Canim, als sie die Hälfte des Weges zurückgelegt und das Bett des Hauptflusses erreicht hatten.

Er stützte seinen Packen auf einen Felsvorsprung, streifte den Kopfriemen ab und ließ sich nieder. Li Wan folgte seinem Beispiel, und die Hunde streckten sich keuchend aus. Zu ihren Füßen rauschte die eisige Flut der Berge, aber sie war schmutzig und mißfarben, als ob jemand die Erde aufgewühlt und das Wasser dadurch verunreinigt hätte.

»Woher kommt das?« fragte Li Wan.

»Weil die Weißen in der Erde arbeiten. Hörst du?«

Er hob die Hand und sie hörten den Klang von Hacke und Spaten und den Ton menschlicher Stimmen. »Sie sind verrückt nach Gold und arbeiten unablässig, um es zu finden. Gold? Das ist etwas Gelbes, wird in der Erde gefunden und gilt als sehr wertvoll. Es dient auch als Wertmesser.«

Aber Li Wans umherschweifende Blicke hatten ihre Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt. Einige Schritte weiter abwärts, halb verborgen hinter einer Gruppe junger Tannen, erhoben sich die Querbalken und das vorspringende Dach einer Hütte. Ein Schauer durchrieselte sie, und all ihre Traumgesichte erhoben sich und regten sich unruhig.

»Canim«, flüsterte sie in Angst und Qual, »Canim, was ist das?«

»Das Zelt des weißen Mannes, in dem er ißt und schläft.«

Sie betrachtete es schweigend, übersah seine Vorzüge mit einem Blick und zitterte wieder bei den unerklärlichen Gefühlen, die es in ihr wachrief.

»Es muß sehr warm bei Frostwetter sein«, sagte sie laut, obgleich ihr war, als ob ihre Lippen fremdartige Laute bilden müßten.

Sie fühlte den Drang, sie zu sprechen, tat es aber nicht, und im nächsten Augenblick sagte Canim: »Es wird Hütte genannt.«

Ihr Herz sprang heftig. Das waren die Laute! Eben das! In plötzlichem Erschrecken sah sie sich um. Wie konnte sie dieses seltsame Wort kennen, ehe sie es noch gehört hatte? Wie konnte das sein? Und dann wußte sie plötzlich, zwischen Furcht und Entsetzen schwankend, daß zum ersten Male in ihrem Leben Sinn und Bedeutung in dem gelegen hatte, was ihre Träume ihr zugeflüstert hatten.

»Hütte«, wiederholte sie bei sich. »Hütte – Hütte.« Ein Gewirr undeutlicher Traumbilder wirbelte um sie auf, bis ihr der Kopf schwirrte und das Herz zu springen drohte. Schatten, Ungewisse Gestalten und unverständliche Gedankenverbindungen flatterten und wirbelten durcheinander, und vergebens suchte sie sie in ihr Bewußtsein zu zwingen und festzuhalten. Denn sie fühlte, daß hier, in diesem Chaos von Erinnerungen, der Schlüssel des Geheimnisses lag; wenn sie ihn nur fassen und halten konnte, so mußte alles klar und verständlich werden.

O Canim! O Pow-Wah-Kaan! O Schatten und Phantome, was bedeutete das alles?

Sprachlos und zitternd wandte sie sich zu Canim. Sie war krank und halb ohnmächtig und konnte nur den berauschenden Tönen lauschen, die in wundersamem Rhythmus aus der Hütte drangen. In ihrer Ekstase schien es ihr, als ob alles sich endlich klären müßte. – Jetzt! Jetzt! dachte sie. Plötzlich wurden ihre Augen feuchte, und Tränen rannen über ihre Wangen herab. Das Geheimnis erschloß sich, aber ihre Schwäche übermannte sie. Wenn sie sich nur noch lange genug aufrecht halten konnte! Wenn nur… Aber die Landschaft senkte und hob sich, und die Hügel schwankten am Himmel auf und nieder, als sie aufsprang und rief: »Väterchen! Väterchen!« Dann schwankte die Sonne, Finsternis schlug sie, und sie fiel kraftlos zwischen den Felsblöcken vornüber.

Canim überzeugte sich, daß ihr Hals nicht durch das schwere Bündel gebrochen war, brummte zufrieden und bespritzte sie mit Wasser aus dem Flusse. Langsam kam sie unter erstickendem Schluchzen zu sich und setzte sich auf.

»Es ist nicht gut, wenn die Sonne einem so heiß auf den Kopf scheint«, meinte er.

Und sie antwortete: »Nein, es ist nicht gut, und die harte Last drückte mich schwer.«

»Wir werden unser Lager aufschlagen, so daß du lange schlafen kannst und wieder zu Kräften kommst«, sagte er freundlich. »Und wenn wir jetzt gehen, werden wir um so eher zur Ruhe kommen.«

Li Wan sagte nichts, gehorsam erhob sie sich, wenn auch schwankend, und jagte die Hunde auf. Mechanisch folgte sie seinen Schritten, und als sie an der Hütte vorbeikam, wagte sie kaum zu atmen. Aber kein Ton drang heraus, obgleich die Tür offenstand und Rauch dem Schornstein aus dünnem Eisenblech entstieg.

An der Wendung des Flusses stießen sie auf einen Mann. Seine Haut war weiß, und er hatte blaue Augen, und für einen Augenblick war es Li Wan, als sähe sie den andern Mann im Schnee. Aber sie sah ihn nur verschwommen, denn sie war schwach und müde von allem, was geschehen war. Dennoch blickte sie ihn neugierig an und blieb neben Canim stehen, um ihn arbeiten zu sehen. Mit einer regelmäßig wiederkehrenden wippenden Bewegung wusch er Sand in einer großen Pfanne, und wie sie sahen, gab er ihr einen gewandten Schwung, daß sich das gelbe Gold in einem breiten Streifen quer über den Boden der Pfanne legte.

»Dieser Fluß ist sehr reich«, erzählte ihr Canim im Weitergehen. »Eines schönen Tages werde ich schon einen ebensolchen Fluß finden, und dann werde ich ein mächtiger Mann.«

Hütten und Menschen wurden zahlreicher, bis sie an eine Stelle kamen, wo der Hauptarm des Flusses vor ihnen lag. Es war ein Schauplatz großer Verwüstung. Überall war die Erde umgepflügt und zerrissen, wie nach einer Titanenschlacht. Wo sich nicht aufgeworfene Kieshügel erhoben, gähnten tiefe Löcher; Risse und Spalten, wo die dicke Erdschicht bis zur Felsunterlage abgeschält war. Der Fluß strömte nicht in seinem Bette, das Wasser war abgedämmt und abgeleitet, sickerte in Senkgruben und tiefgelegene Stellen und wurde, durch riesige Wasserräder gehoben, tausend- und abertausendmal ausgenützt. Die Hügel waren ihrer Bäume beraubt, und ihre bloßgelegten Flanken waren von großen Holzgleitbahnen und Versuchsbohrungen angebohrt und durchlöchert. Und über allem breitete sich wie ein ungeheures Ameisenheer eine Schar von Männern aus – von Männern, die zu den selbstgegrabenen Löchern hinein- und herauskrabbelten und schwitzend an den großen Sandhaufen arbeiteten, die sie in beständiger Bewegung hielten. Männer, so weit das Auge reichte, bis zu den Hängen der Hügel, Männer, die das Antlitz der Natur zerfurchten und zerrissen. Li Wan war entsetzt über diese ungeheure Umwälzung. »Wahrhaftig, diese Männer sind verrückt«, sagte sie zu Canim.

»Was für ein Wunder! Das Gold, nach dem sie graben, ist etwas Großes«, erwiderte er. »Es ist das Größte in der Welt.«

Stundenlang wanderten sie durch dieses Chaos der Habgier, Canim eifrig und aufmerksam, Li Wan schwach und teilnahmslos. Sie wußte, daß sie am Rande der Enthüllung gewesen war, und fühlte, daß sie sich immer noch am Rande der Enthüllung befand, aber die Nervenerregung, die sie durchgemacht, hatte sie ermüdet, und sie wartete passiv auf das Ereignis, das eintreten mußte, ohne daß sie wußte, was es war. Überallher erfaßten ihre Sinne zahllose Eindrücke, und jeder einzelne wurde ihr zu einem wirren Anreiz ihrer erschöpften Einbildungskraft. Irgendwo aus ihrem Innern kam die Antwort auf die sie umgebenden Dinge, vergessene und ungeahnte Zusammenhänge wurden erneuert, und sie wurde dessen in einer schlaffen, gleichgültigen Weise gewahr, ihre Seele war verwirrt, aber sie war den geistigen Anforderungen nicht gewachsen, um die Dinge deuten und verstehen zu können. So trottete sie müde weiter hinter ihrem Herrn her und begnügte sich mit dem Bewußtsein, daß das, was sie erwartete, irgendwo und irgendwie einmal geschehen müsse.

Nachdem der Strom die wahnsinnige Sklaverei der Menschen erduldet hatte, kehrte er schließlich zu seiner alten Art zurück, jedoch völlig beschmutzt und getrübt von seiner Fron, und schlängelte sich träge zwischen den Niederungen und Wäldern dahin, zu denen sich das Tal in der Nähe der Mündung weitete. Hier führte der Boden kein Gold mehr, und die Männer hatten nicht Lust, sich weiterlocken zu lassen. Und hier war es, wo Li Wan, als sie stehenblieb, um Olo mit ihrem Stock anzutreiben, den weichen Silberklang eines Frauenlachens hörte.

Vor einer Hütte saß eine Frau mit schöner Haut und rosig wie ein Kind und lachte mit Grübchen in den Wangen über die Worte einer anderen Frau in der Tür. Aber die sitzende Frau schüttelte die schwere Masse ihres schwarzen, nassen Haares, das unter der warmen Liebkosung der Sonne seine Feuchtigkeit verströmte.

Einen Augenblick blieb Li Wan wie angewurzelt stehen. Da sah sie ein blendendes Aufblitzen und fühlte ein Schnappen, als ob etwas nachgab. Darauf verschwanden die Frau vor der Hütte und die Hütte selbst, die hohen Fichten und der gezackte Horizont, und Li Wan sah eine andere Frau im Scheine einer andern Sonne, die die schwere Masse ihres schwarzen Haares bürstete, und beim Bürsten sang. Und Li Wan hörte die Worte des Liedes und verstand sie und war wieder Kind. Sie hatte eine Erscheinung, in der all die verwirrenden Träume verschmolzen und eins wurden, und Gestalten und Schatten nahmen ihren gewohnten Platz ein, und alles wurde klar und deutlich und wirklich. Viele Bilder rollten vorbei, fremde Szenen und Bäume und Blumen und Menschen, und sie sah sie und kannte sie alle.

»Als du ein Vögelchen warst«, sagte Canim, und seine Augen bohrten sich in die ihren.

»Als ich ein Vögelchen war«, flüsterte sie so schwach und leise, daß er es kaum hörte. Und sie wußte, daß sie log, als sie den Kopf gegen den Riemen stemmte und weiterschritt. Und so seltsam war alles, daß die Wirklichkeit jetzt unwirklich wurde. Die meilenweite Wanderung und das Aufschlagen des Lagers am Flußufer erschienen ihr wie ein Erlebnis in einem Nachtspuk. Sie kochte das Fleisch, fütterte die Hunde und lud die Packen ab wie im Traum und kam erst wieder zu sich, als Canim von seinen nächsten Reisen zu sprechen begann.

»Der Klondike mündet in den Yukon«, sagte er. »Das ist ein mächtiger Strom, größer als der Mackenzie, den du kennst. Dann gehen wir beide, du und ich, nach Fort Yukon hinab. Mit den Hunden im Winter sind es zwanzig Tagemärsche. Dann folgen wir dem Yukon nach Westen – hundert bis zweihundert Tage. Ich habe nie genau gehört, wieviel es sind, aber es ist sehr weit. Und dann endlich kommen wir ans Meer. Du kennst das Meer nicht, so lasse mich denn davon erzählen: Wie ein See zu einer Insel, so verhält sich das Meer zum Festland. Alle Ströme fließen ihm zu, und es ist ohne Ende. Ich habe es in der Hudsonbucht gesehen, und ich werde es noch bei Alaska sehen. Und dann können wir in einem großen Kanu aufs Meer fahren, du und ich, Li Wan, oder wir können dem Lande viele Hundert Tage südlich folgen. Und weiter weiß ich nichts mehr, außer, daß ich Canim, das Kanu, bin, der weit über die Erde wandert und schweift.«

Sie saß lauschend da, und Furcht schlich sich ihr ins Herz, als sie an die grenzenlose Wildnis dachte, in die sie sich stürzen sollte. »Es ist ein schwerer Weg«, war alles, was sie sagte, während sie den Kopf ergeben auf die Knie sinken ließ.

Und dann hatte sie einen prachtvollen Einfall, einen so wunderbaren, daß sie ganz Feuer und Flamme wurde. Sie schritt zum Flusse hinab und wusch sich den getrockneten Lehm vom Gesicht. Und als das Wasser wieder still geworden war, blickte sie lange auf das Spiegelbild ihrer Züge. Jedoch Sonne und Wetter hatten ihre Arbeit getan, und die Rauheit und der Bronzeton ihrer Haut zeigte nicht die Weichheit und die Grübchen eines Kindes. Aber der Einfall war doch prachtvoll, und als sie wieder neben ihren Gatten unter das Schlaffell kroch, war sie immer noch gleich freudig erregt. Wach lag sie da, starrte in den blauen Himmel hinauf und wartete darauf, daß Canim fest eingeschlafen wäre. Als dies geschehen war, kroch sie langsam und vorsichtig fort, stopfte das Schlaffell fest um ihn und stand auf. Als sie den zweiten Schritt tat, knurrte Bash wild. Sie sprach ihm flüsternd zu und blickte auf den Mann. Canim schnarchte tief. Da wandte sie sich um und eilte mit schnellen, geräuschlosen Schritten den Weg, den sie gekommen, zurück.

 

Frau Evelyn van Wyck wollte sich gerade zu Bett begeben. Müde der Pflichten, die das Gesellschaftsleben, ihr Reichtum und ihr Witwentum ihr auferlegten, war sie nach dem Norden gereist und war darauf verfallen, sich in einer gemütlichen Hütte am Rande des Minenlagers häuslich niederzulassen. Mit Hilfe ihrer Freundin und Genossin Myrtle Giddings spielte sie ein erdnahes Leben und pflegte das Primitive mit einer Hingebung, die sie mit ihrer ganzen Verfeinerung würzte.

Sie war bestrebt, sich von den Generationen der überfeinsten Kultur loszureißen, und suchte die enge Verbindung mit der Erde, die ihre Vorfahren längst aufgegeben hatten. Auch geistig glaubte sie aufrichtig, sich der Art des Steinzeitmenschen zu nähern, und gerade jetzt, als sie ihr Haar für die Nacht aufsteckte, frönte sie ihrer Phantasie, indem sie sich eine paläologische Liebeswerbung vorstellte. Die Einzelheiten dieser Phantasie bestanden hauptsächlich aus Höhlenwohnungen und gespaltenen Markknochen, wilden Raubtieren, zottigen Mammuts und Kämpfen mit roh zugehauenen Feuersteinmessern. Aber die Erregung war bezaubernd. Und als Evelyn van Wyck gerade durch die finsteren Laubengänge des Waldes vor den allzu glühenden Angriffen ihres niedrigstirnigen, fellbekleideten Verehrers floh, öffnete sich die Tür der Hütte, ohne daß jemand die Höflichkeit besessen hätte anzuklopfen, und herein trat ein fellbekleidetes wildes Weib.

»Herrgott!«

Mit einem Sprunge, der einer Höhlenbewohnerin Ehre gemacht haben würde, landete Fräulein Giddings hinter dem Tisch. Aber Frau van Wyck wich nicht. Sie bemerkte, daß der Eindringling sich in großer Aufregung befand, und warf einen raschen Blick nach rückwärts, um sich zu vergewissern, daß der Weg zu ihrem Bette frei war, unter dessen Kissen der große Coltrevolver lag.

»Sei gegrüßt, o Frau mit dem wunderbaren Haar«, sagte Li Wan.

Aber sie sagte es in ihrer eigenen Sprache, die nur an einem ganz kleinen Fleckchen der Erde gesprochen wurde, und die beiden Frauen verstanden sie nicht.

»Soll ich Hilfe holen?« fragte Fräulein Giddings zitternd.

»Das arme Geschöpf ist harmlos, glaube ich«, antwortete Frau van Wyck. »Und sieh nur ihre Fellkleider, wie zerlumpt und zerschlissen sie sind. Sie sind sicher einzig in ihrer Art. Ich kaufe sie mir für meine Sammlung. Hol bitte meinen Beutel mit Goldstaub, Myrtle, und die Waagschale.«

Li Wan sah, wie die Lippen die Worte formten, aber die Worte waren unverständlich, und in diesem Augenblick banger Erwartung erkannte sie erst, daß es kein Verständigungsmittel für sie gab. Verzweifelt über ihre Stummheit, brach sie mit weit ausgebreiteten Armen aus: »O meine Schwester!« Die Tränen rannen ihr über die Wangen herab, als sie sich ihnen sehnsüchtig zuwandte, und ihre brechende Stimme verriet den Kummer, dem sie keine Worte zu leihen vermochte. Aber Fräulein Giddings zitterte, und selbst Frau van Wyck war verwirrt.

»Ich möchte leben, wie ihr lebt. Eure Wege sind meine Wege, und unsere Wege sollen eins sein. Mein Gatte ist Canim, das Kanu, und er ist groß und seltsam, und ich fürchte mich. Sein Weg ist die ganze Welt und endet nie, und ich bin müde. Meine Mutter war wie du, und ihr Haar war wie deines und ihre Augen wie deine. Und damals war das Leben freundlich für mich, und die Sonne war warm.«

Demütig kniete sie und beugte das Haupt zu Frau van Wycks Füßen. Aber Frau van Wyck zog, erschrocken über diese Leidenschaftlichkeit, ihre Füße an sich.

Li Wan erhob sich, nach Worten ringend. Ihre stummen Lippen vermochten nicht, das überwältigende verwandtschaftliche Gefühl auszusprechen.

»Handeln? Du handeln?« fragte Frau van Wyck, indem sie nach Art überlegener Menschen gebrochen zu sprechen begann.

Sie berührte Li Wans zerlumpte Felle, um ihren Wunsch anzudeuten, und schüttete für mehrere Hundert Dollar Goldstaub in die Waagschale. Sie rührte in dem Staub und ließ ihn verführerisch durch ihre Finger gleiten.

Aber Li Wan sah nur diese milchweißen, so wohlgeformten Finger, die sich zart zu den rosigen, juwelengleichen Nägeln rundeten. Sie legte ihre eigene Hand daneben, diese verarbeitete, schwielige Hand, und weinte.

Frau van Wyck mißverstand sie. »Gold«, ermunterte sie, »gutes Gold! Du handeln? Du tauschen?« Und sie legte wieder ihre Hand auf Li Wans Fellkleid. »Wieviel? Du verkaufen? Wieviel?« fuhr sie fort und ließ die Hand gegen den Strich der Felle gleiten, um sich zu vergewissern, daß die Säume mit Sehnenfaden genäht waren.

Aber Li Wan war ebenso taub wie stumm, und die Worte der Frau bedeuteten ihr nichts. Verzweiflung über ihren Mißerfolg ergriff sie. Wie sollte sie diesen Frauen verständlich machen, daß sie eine der Ihren war? Sie wußte, daß sie vom selben Stamme, daß sie Blutschwestern waren. Ihre Augen irrten durch das Innere der Hütte und blieben an den weichen Vorhängen, die rings an den Wänden hingen, an den weiblichen Kleidungsstücken, dem ovalen Spiegel und den eleganten Toilettegegenständen haften. Und diese Dinge beunruhigten sie, denn sie hatte ähnliche früher gesehen. Und als sie so darauf blickte, formten ihre Lippen unwillkürlich Laute, die auszusprechen sich ihre Kehle noch zitternd widersetzte. Dann überkam sie ein Gedanke, und sie versuchte sich zu fassen. Sie mußte ruhig sein. Sie mußte sich beherrschen, denn diesmal durfte sie sich keinem Mißverständnis aussetzen, sonst… Und sie rang mit einer Flut unterdrückter Tränen und beruhigte sich.

Sie legte die Hand auf den Tisch, »Tisch«, sagte sie klar und deutlich. »Tisch«, wiederholte sie.

Sie blickte Frau van Wyck an, die zustimmend nickte.

Li Wan frohlockte, beherrschte sich aber mit Anspannung aller Willenskraft und blieb ruhig. »Ofen«, fuhr sie fort. »Ofen.«

Und jedesmal, wenn Frau van Wyck nickte, stieg Li Wans Aufregung. Stammelnd und zögernd, dann wieder in fieberhafter Hast, je nachdem die vergessenen Ausdrücke schnell oder langsam wieder auftauchten, ging sie durch die Hütte und nannte ein Ding nach dem andern beim Namen. Und als sie endlich stehenblieb, tat sie es triumphierend, in aufrechter Haltung und mit zurückgezogenem Kopf, erwartungsvoll, fragend.

»Katze«, sagte Frau van Wyck lachend und buchstabierte nach Kinderart: »Ich – sehe – wie – die – Katze – eine – Maus – hascht.«

Li Wan nickte ernsthaft. Endlich begannen sie zu begreifen, diese Frauen. Ihr Blut färbte den Bronzeton ihrer Haut noch dunkler bei diesem Gedanken, und sie lächelte und nickte noch heftiger.

Frau van Wyck, wandte sich an ihre Freundin. »Ich vermute, sie hat irgendwo ein bißchen Missionserziehung genossen und will sich nun zeigen.«

»Natürlich«, kicherte Fräulein Giddings. »Die kleine Närrin. Ihre Eitelkeit bringt uns noch um unsern ganzen Schlaf.«

»Macht nichts, ich will nun mal die Jacke haben. Wenn sie auch alt ist, so ist es doch ausgezeichnete Arbeit – ein Prachtstück.« Sie wandte sich an ihre Besucherin: »Tauschen? Du? Tauschen? Wieviel? He! Wieviel, du?«

»Vielleicht will sie lieber ein Kleid oder etwas Derartiges haben«, meinte Fräulein Giddings.

Frau van Wyck ging zu Li Wan und machte ihr ein Zeichen, daß sie ihr ihren Morgenrock für die Jacke geben wolle. Um den Abschluß des Handels zu beschleunigen, ergriff sie Li Wans Hand, legte sie zwischen die Spitzen auf ihrem wogenden Busen und rieb die Finger hin und her, damit Li Wan die Feinheit des Stoffes fühlte. Der edelsteinbesetzte Schmetterling jedoch, der das Gewand an dieser Stelle zusammenhielt, war nicht sicher befestigt, und so glitt der Stoff beiseite und entblößte eine feste weiße Brust, die noch nie die Berührung von Kinderlippen gespürt hatte.

Frau van Wyck ordnete ruhig ihr Kleid, aber Li Wan stieß einen lauten Schrei aus und riß und zerrte an ihrem Fellhemd, bis ihre eigene Brust, fest und weiß wie die Evelyn van Wycks, sich enthüllte. Mit unartikuliertem Stammeln und lebhaften Zeichen versuchte sie, ihre Stammesverwandtschaft zu beweisen.

»Ein Mischling«, erklärte Frau van Wyck. »Ich dachte es mir gleich, als ich ihr Haar sah.«

Fräulein Giddings machte eine Bewegung des Abscheus. »Stolz auf die weiße Haut ihres Vaters. Das ist ekelhaft. Gib ihr etwas Evelyn, und laß sie gehen.«

Aber die andere seufzte. »Die Ärmste! Wenn ich nur etwas für sie tun könnte!«

Ein schwerer Fußtritt knirschte draußen im Sand. Dann öffnete sich die Tür der Hütte, und Canim trat ein.

Fräulein Giddings sah sich einem plötzlichen Tode ausgesetzt und schrie, aber Frau van Wyck trat ihm ruhig entgegen.

»Was willst du?« fragte sie.

»Guten Abend«, sagte Canim liebenswürdig und geradezu; dann zeigte er auf Li Wan: »Meine Frau.« Er streckte die Hand nach ihr. aus, aber sie wies ihn zurück.

»Sprich, Canim! Sag ihnen, daß ich…«

»Daß du die Tochter Pow-Wah-Kaans bist? Nein, was geht sie das an? Was sollten sie sich daraus machen? Ich erzähle ihnen lieber, daß du ein schlechtes Weib bist, das sich aus dem Bett des Gatten fortschleicht, wenn der Schlaf schwer auf seinen Augen liegt.«

Wieder streckte er die Hand nach ihr aus, aber sie floh zu Frau van Wyck, warf sich ihr zu Füßen und machte verzweifelte Anstrengungen, ihre Knie zu umklammern.

Die Dame wich zurück und erlaubte Canim mit einem Blick, sich ihrer zu bemächtigen. Er ergriff Li Wan unter den Armen und hob sie auf. Sie kämpfte in wahnsinniger Verzweiflung mit ihm, bis seine Brust vor Anstrengung wogte.

»Laß mich los, Canim«, schluchzte sie.

Aber er drehte ihr Handgelenk, bis sie den Kampf aufgab.

»Die Erinnerungen an die Zeit, da du ein kleines Vögelchen warst, sind allzu stark und verwirren dich«, sagte er.

»Ich weiß es! Ich weiß es!« brach sie aus. »Ich sehe den Mann auf Händen und Knien durch den Schnee kriechen. Und ich bin ein kleines Kind und sitze auf seinem Rücken. Und das war, ehe ich Pow-Wah-Kaan und die Zeit kannte, da ich in einem kleinen Winkel der Erde lebte.«

»Das weißt du«, antwortete er und drängte sie zur Tür, »aber du wirst mit mir den Yukon hinabwandern und wirst vergessen.«

»Nie werde ich es vergessen!« Wie rasend klammerte sie sich an den Türpfosten.

»Dann werde ich dich lehren, zu vergessen, ich, Canim, das Kanu!«

Und mit diesen Worten riß er ihre Finger los und schritt mit ihr den Weg hinab.


7 Der Bund Der Alten

Der Bund der Alten

Vor dem Kriegsgericht stand ein Mann, bei dem es um Leben und Tod ging. Es war ein alter Mann, ein Eingeborener vom Weißfischfluß, der unterhalb des Le-Barge-Sees in den Yukon mündet. Ganz Dawson befand sich in Aufregung, ja, die Bevölkerung längs des Yukons auf tausend Meilen flußauf und – ab. Es war von jeher Brauch bei den land- und seeräuberischen Angelsachsen gewesen, den besiegten Völkern Gesetze zu geben, und oft sind diese Gesetze hart. Aber in Imbers Fall schien das Gesetz einmal unzulänglich und milde zu sein. Wollte man sie mathematisch berechnen, so entsprach die Strafe, die ihn treffen mußte, nicht der Schwere des Verbrechens. Daß er gestraft würde, stand von vornherein fest und konnte nicht bezweifelt werden, aber obwohl das Urteil auf Todesstrafe lauten mußte, besaß Imber ja nur ein einziges Leben, während es sich bei der Anklage gegen ihn um ein Dutzend von Menschenleben handelte.

Tatsächlich klebte das Blut so vieler Menschen an seinen Händen, daß die Zahl seiner Opfer sich nicht genau feststellen ließ. Eine Pfeife am Wegrande rauchend oder am Ofen hockend, machte man lose Überschläge über die Zahl seiner Opfer. Sie waren alle weiß gewesen, die armen Ermordeten, und sie waren einzeln, paar- oder scharenweise erschlagen worden. Und so sinnlos und unüberlegt waren diese Morde gewesen, daß sie der berittenen Polizei lange ein Mysterium gewesen waren, sogar in den Tagen der Kapitäne und später, als die Goldwäsche sich zu rentieren begann und ein Gouverneur von der Regierung geschickt wurde, um das Land für seinen Reichtum bezahlen zu lassen.

Aber noch mysteriöser war, daß Imber nach Dawson kam und sich selbst stellte. Es war spät im Frühling, und der Yukon murrte und wand sich unter seiner Eisdecke, als der alte Indianer mühsam das Flußufer hinaufklomm und blinzelnd an der Hauptstraße stehenblieb. Leute, die ihn hatten kommen sehen, bemerkten, daß er schwach und unsicher auf den Beinen war und daß er zu einem Stapel Bauholz wankte, auf dem er sich niederließ. Hier saß er einen ganzen Tag und starrte geradeaus auf den ununterbrochenen Strom weißer Männer, der vorüberflutete. Mancher Kopf wandte sich neugierig zur Seite, um seinem stieren Blick zu begegnen, und mehr als eine Bemerkung fiel über den Alten. Unzählige Menschen erinnerten sich später, daß die ungewöhnliche Gestalt ihnen aufgefallen war, und brüsteten sich stets damit, daß sie sofort das Seltsame der Erscheinung erkannt hatten.

Aber es war Dickensen, Klein Dickensen, vorbehalten, der Held des Tages zu werden. Klein Dickensen war mit großen Träumen und einer Handvoll Geld ins Land gekommen. Mit dem Gelde waren aber auch die schönen Träume verschwunden, und um den Betrag für die Rückreise nach den Staaten zu verdienen, hatte er eine Stellung bei der Maklerfirma Holbrook & Mason angenommen.

Auf der andern Seite der Straße, gerade gegenüber dem Kontor von Holbrook & Mason, lag der Stapel Bauholz, auf den Imber sich gesetzt hatte. Dickensen sah ihn durch das Fenster, ehe er frühstücken ging, und als er vom Frühstück zurückkam und wieder zum Fenster hinaussah, saß der alte Siwash immer noch da.

Dickensen sah weiter zum Fenster hinaus, und auch er brüstete sich später stets mit seiner schnellen Auffassungsgabe. Er war ein romantisches Kerlchen, und so verglich er den unbeweglichen alten Heiden mit dem Schutzgeist der Siwashrasse, der ruhig auf die Heerscharen der angelsächsischen Eindringlinge starrte. Die Stunden gingen, aber Imber blieb unbeweglich sitzen und regte keinen Muskel, und Dickensen mußte an den Mann denken, der einmal aufrecht auf einem Schlitten in der Hauptstraße gesessen hatte, wo die Leute von allen Seiten vorübergekommen waren. Man hatte geglaubt, daß der Mann sich ausruhe. Als man ihn aber später berührte, fand man, daß er steif und kalt war. Er war mitten in der verkehrsreichen Straße erfroren. Um ihn zu strecken, damit man ihn in den Sarg legen konnte, mußte man ihn erst ans Feuer schleppen und ein bißchen auftauen. Es schauderte Dickensen bei der Erinnerung.

Später trat Dickensen auf die Straße, um eine Zigarre zu rauchen und ein wenig frische Luft zu schnappen, und gleich darauf kam Emily Travis zufällig vorbei. Emily Travis war fein, zart und reizend, und ob sie sich nun in London oder in Klondike befand, so kleidete sie sich stets, wie es sich für die Tochter eines millionenschweren Mineningenieurs geziemte. Klein Dickensen legte seine Zigarre auf den Rand des Fensterrahmens, wo er sie leicht wiederfinden konnte, und lüftete den Hut. Sie hatten sich zehn Minuten unterhalten, als Emily Travis über Dickensens Schulter blickte und erschrocken aufschrie. Dickensen drehte sich um und war auch betroffen. Imber war über die Straße geschritten und stand nun, ein magerer und hungrig aussehender Schatten, da, den Blick auf das junge Mädchen geheftet.

»Was willst du?« fragte Klein Dickensen zitternd, indem er seinen ganzen Mut zusammennahm.

Imber murmelte etwas und trat auf Emily Travis zu. Er betrachtete sie genau und eingehend, als wollte er sich jeden Quadratzentimeter ihrer Gestalt einprägen. Namentlich schienen ihn ihr seidenweiches braunes Haar und die Farbe ihrer Wangen zu interessieren, die, leicht sommersprossig und zart, an den daunigen Reif von Schmetterlingsschwingen erinnerten. Er ging um sie herum und betrachtete sie mit einem berechnenden Blick, als studiere er die Linien im Bau eines Pferdes oder Schiffes. Bei dem Rundgang kam ihre rosige Ohrmuschel zwischen sein Auge und die sinkende Sonne, und er machte halt, um ihre rosenrote Durchsichtigkeit zu betrachten. Dann kehrte er zu ihrem Antlitz zurück und blickte lange und fest in die blauen Augen. Er brummte und legte die eine Hand auf ihren Arm mitten zwischen Schulter und Ellenbogen. Mit der andern Hand hob er ihren Unterarm und bog ihn zurück. Widerwille und Verwunderung zeigten sich auf seinen Zügen, und er ließ den Arm mit verächtlichem Grunzen fallen. Dann murmelte er einige Kehllaute, drehte ihr den Rücken zu und wandte sich an Dickensen.

Dickensen verstand nicht, was er sagte, und Emily Travis lachte. Imber wandte sich von einem zum andern und runzelte die Stirn, aber beide schüttelten den Kopf. Er war im Begriff zu gehen, als sie rief: »He, Jimmy! Komm mal her!«

Jimmy kam von der andern Seite der Straße. Er war ein großer, dicker Indianer, wie ein Weißer gekleidet, mit einem Dorado-Sombrero auf dem Kopf. Er sprach mit Imber, mühselig und mit krampfhafter Heiserkeit. Jimmy war ein Sitkan und kannte die Mundarten des Innern nur oberflächlich. »Ihn Weißfischmann«, sagte er zu Emily Travis. »Mich kennen sein Sprach nicht viel. Ihn sprechen wollen Häuptling von weiße Männer.«

»Den Gouverneur«, ließ Dickensen einfallen.

Jimmy sprach noch etwas mit dem Weißfischmann, und sein Gesicht wurde ernst und bestürzt.

»Ich glauben, ihn fragen nach Käptn Alexander«, erklärte er. »Ihn sagen, ihn töten weiße Männer, weiße Frauen, weiße Knaben, ihn töten viele weiße Leute. Ihn wollen sterben.«

»Wahrscheinlich verrückt«, sagte Dickensen mit einer bezeichnenden Handbewegung.

»Vielleicht, vielleicht«, sagte Jimmy und wandte sich wieder an Imber, der immer noch nach dem Häuptling der weißen Männer fragte.

Ein Polizist trat zu der Gruppe und hörte, wie Imber seinen Wunsch wiederholte. Er war ein handfester junger Bursche, breitschultrig und breitbrüstig, mit festen, etwas gespreizten Beinen, und so groß Imber auch war, war er doch noch einen halben Kopf größer. Seine Augen waren kühl, grau und ruhig, und er trug das eigentümliche Selbstbewußtsein zur Schau, das von edlem Herkommen stammt. Seine prachtvolle Männlichkeit wurde noch betont durch eine ausgesprochene Jungenhaftigkeit – er war blutjung –, und seine glatten Wangen schienen so leicht zu erröten wie die einer Jungfrau.

Imber fühlte sich gleich zu ihm hingezogen. Seine Augen leuchteten beim Anblick einer Säbelhiebnarbe auf seiner Backe. Er ließ seine welke Hand über das Bein des jungen Mannes gleiten und streichelte seine schwellenden Muskeln. Er beklopfte mit den Knöcheln die breite Brust und drückte und betastete die dicke Muskelschicht, die seine Schultern wie ein Harnisch bedeckte. Die Gruppe hatte sich um einige neugierige Passanten vermehrt – rauhe Minenarbeiter, Gebirgs- und Grenzbewohner, Nachkommen langbeiniger und breitschultriger Generationen. Imber sah von einem zum andern und sagte dann laut etwas in der Weißfischsprache.

»Was sagt er?« fragte Dickensen.

»Ihn sagen, das sein ein Mann, das Polizeimann«, erklärte Jimmy.

Klein Dickensen war nur klein, und wegen Fräulein Travis‘ Anwesenheit bereute er seine Frage.

Dem Polizisten tat er leid, und er sprang in die Bresche. »Ich glaube fast, es ist etwas an seiner Geschichte. Ich will ihn mit zum Kapitän nehmen. Sag ihm, daß er mich begleiten soll, Jimmy.«

Jimmy willfahrte dem Wunsche in noch krampfhafteren Kehllauten, und Imber brummte zufrieden.

»Aber frag ihn, Jimmy, was er meinte, als er meinen Arm faßte.«

So sprach Emily Travis, und Jimmy gab die Frage weiter, und er nahm die Antwort entgegen.

»Ihn sagen, du nicht bange«, sagte Jimmy.

Emily Travis sah froh aus.

»Ihn sagen, du nicht skookum, nicht stark, du sehr zart wie ein kleines Kind. Ihn brechen dich mit seinen Händen in Stücke. Ihn finden es sehr komisch, sehr merkwürdig, daß du kannst werden Mutter von Männern so groß, so stark wie Polizeimann.«

Emily Travis blickte nicht fort, aber ihre Wangen färbten sich rot. Klein Dickensen errötete auch und wurde ganz verlegen. Dem Polizisten strömte sein Knabenblut ins Gesicht.

»Komm«, sagte er barsch und bahnte sich einen Weg durch die Menge.

So kam es, daß Imber den Weg nach den Militärbaracken nahm, wo er freiwillig ein umfassendes Geständnis ablegte und von wo er nie zurückkehren sollte.

Imber sah sehr abgespannt aus. Die Ermüdung der Hoffnungslosigkeit und des Alters stand auf seinen Zügen. Seine Schultern hingen, und seine Augen waren glanzlos. Sein wirres Haar hätte weiß sein müssen, aber Sonne, Wind und Wetter hatten es verbrannt und verwittert, so daß es strähnig, leb- und farblos herabhing. Er zeigte keinerlei Interesse für die Vorgänge um ihn her. Der Gerichtssaal war vollgepfropft mit Männern von den Flüssen und Wegen, und in dem leisen Murren und Knurren ihrer Stimmen lag ein unheilverkündender Klang, der in seinen Ohren klang wie das Rauschen des Meeres in tiefen Höhlen.

Er saß dicht an einem Fenster und ließ seine Augen hin und wieder teilnahmslos auf der trüben Szenerie draußen ruhen. Der Himmel war bedeckt, und ein grauer Staubregen fiel. Der Yukon war im Steigen begriffen. Der eisfreie Fluß überschwemmte die Stadt. In der Hauptstraße fuhren die immer rastlosen Menschen in Kanus und Booten hin und her. Meistens sah er, wie diese Boote sich von der Straße seitwärts wandten und auf das überschwemmte Viereck zuhielten, das den Exerzierplatz des Lagers bezeichnete. Zuweilen verschwanden die Fahrzeuge unter ihm, und er hörte, wie sie gegen die Balken des Hauses schrammten und ihre Besitzer durchs Fenster des tiefergelegenen Stockwerks hineinkletterten. Hierauf vernahm er das Plätschern, wenn die Männer im Zimmer darunter durch das Wasser wateten und die Treppe heraufkamen. Dann erschienen sie in der Tür mit gezogenen Hüten und triefenden Schifferstiefeln und schlossen sich der wartenden Menge an.

Und während sie ihre Blicke auf ihn hefteten und in grimmiger Erwartung schon die Strafe genossen, die er erleiden sollte, betrachtete Imber sie und dachte nach über ihre Gebräuche und Gesetze, die niemals schliefen, sondern ununterbrochen wirkten, in guten und schlechten Zeiten, bei Überschwemmung und Hungersnot, in Sorge und Schrecken und Tod, und die unaufhörlich weiterleben würden bis ans Ende aller Tage.

Ein Mann klopfte scharf auf einen Tisch, und die Unterhaltung erstarb. Imber sah den Mann an. Er schien Autorität zu besitzen, aber Imber erriet, daß der Mann mit der vierkantigen Stirn, der an einem Tische weiter hinten saß, der Häuptling über alle, auch über den, der geklopft hatte, war. Ein anderer Mann am selben Tische erhob sich und begann aus vielen Bogen Papier laut vorzulesen. Bei Beginn jedes Bogens räusperte er sich, und am Schlusse feuchtete er sich die Finger an. Imber verstand nicht, was er las, aber die anderen taten es, und Imber sah, daß sie zornig wurden. Zuweilen wurden sie sehr zornig, und einmal fluchte ihm ein Mann, langsam, mit scharf betonten Silben sprechend, brennend und scharf, bis der Mann am Tische ihn durch Klopfen zur Ruhe brachte.

Unendlich lange las der Mann. Seine eintönige, singende Aussprache verlockte Imber zu Träumen, und er träumte tief, als der Mann innehielt. Eine Stimme sprach ihn in seiner eigenen Weißfischsprache an, und er raffte sich auf und erkannte ohne Überraschung den Sohn seiner Schwester, einen jungen Mann, der vor Jahren ausgewandert war, um sich bei den Weißen niederzulassen.

»Du kennst mich nicht mehr?« sagte er statt eines Grußes.

»Doch«, antwortete Imber. »Du bist Howkan, der fortzog. Deine Mutter ist tot.«

»Sie war eine alte Frau«, sagte Howkan.

Aber Imber hörte nicht, und Howkan legte ihm die Hand auf die Schulter und weckte ihn wieder.

»Ich werde dir sagen, was der Mann gesprochen hat: Es ist die Geschichte der Untaten, die du verübt hast, und die du, o Tor, dem Kapitän erzählt hast. Und du wirst erklären, ob es wahr ist oder nicht. So ist es befohlen.«

Howkan war in die Mission geraten, und dort hatte man ihn lesen und schreiben gelehrt. In seinen Händen hielt er die vielen dünnen Bogen, aus denen der Mann vorgelesen hatte und die, als Imber, mit Jimmy als Dolmetscher, sein Geständnis vor Kapitän Alexander abgelegt hatte, von einem Schreiber beschrieben worden waren. Jetzt begann Howkan zu lesen. Imber lauschte eine Weile, dann zeigte sich Erstaunen in seinen Zügen, und er unterbrach ihn schroff.

»Das ist, was ich gesagt habe, Howkan. Aber jetzt kommt von deinen Lippen, was deine Ohren nicht gehört haben.«

Howkan schmunzelte selbstzufrieden. Sein Haar war mitten über der Stirn gescheitelt. »Nein, es kommt aus dem Papier, o Imber. Meine Ohren haben es nie gehört. Es kommt aus dem Papier durch meine Augen in meinen Kopf und aus meinem Munde zu dir. Das ist der Weg, den es geht.«

»Das ist der Weg, den es geht? Und es ist in dem Papier da?« Imbers Stimme senkte sich zu einem ehrerbietigen Flüstern, während er die Bogen zwischen Daumen und Zeigefinger knistern ließ und auf die Schriftzeichen starrte. »Das ist eine große Medizin, Howkan, und du bist ein Wundertäter.«

»Das ist gar nichts, das ist gar nichts«, antwortete der junge Mann nachlässig und stolz. Dann las er aufs Geratewohl einen Satz aus dem Dokument: »In diesem Jahre kam, ehe das Eis brach, ein alter Mann mit einem Knaben, der hinkte. Die tötete ich ebenfalls, und der alte Mann machte sehr viel Lärm…«

»Das ist wahr«, unterbrach Imber ihn atemlos. »Er machte sehr viel Lärm und brauchte lange, um zu sterben. Aber woher weißt du das, Howkan? Hat der Häuptling der weißen Männer es dir vielleicht erzählt? Niemand sah es, und er ist der einzige, dem ich es gesagt habe.«

Howkan schüttelte ungeduldig den Kopf. »Habe ich dir nicht gesagt, daß es auf dem Papier steht, du Narr?«

Imber starrte auf das beschriebene Blatt. »Wie der Jäger den Schnee betrachtet und sagt: Erst gestern ist hier ein Kaninchen vorbeigekommen; hier bei den Weiden machte es halt, lauschte und hörte etwas und wurde bange; hier machte es kehrt und lief zurück; hier machte es schnelle, weite Sprünge, und hier kam ein Luchs mit noch schnelleren und weiteren Sprüngen; hier, wo die Klauen sich tief in den Schnee gegraben haben, machte der Luchs einen sehr weiten Satz, und hier packte er das Kaninchen, und es rollte unter ihn, und hier ist die Spur des Luchses allein und kein Kaninchen mehr – wie der Jäger die Zeichen im Schnee sieht und so und so und hier und da sagt, so siehst du auf das Papier und erkennst die Dinge, die der alte Imber getan hat.«

»Geradeso«, sagte Howkan. »Und nun hör zu und halt deine Weiberzunge zwischen deinen Zähnen, bis man verlangt, daß du sprichst.«

Hierauf las Howkan ihm sein Geständnis vor. Es dauerte lange, und Imber saß nachdenklich und schweigend da. Zuletzt sagte er: »Das ist, was ich gesagt habe, und wahr ist es, aber ich bin alt geworden, Howkan, und mir fallen Dinge ein, die ich vergessen habe und die der Häuptling dort wissen sollte. Erstens war da der Mann, der mit klug erdachten Fallen aus Eisen über die Gletscher kam, der die Biber des Weißfischflusses jagte. Ihn erschlug ich. Und dann waren da drei Männer, die vor langer Zeit am Weißfischfluß Gold suchten. Die tötete ich auch und ließ sie dem Vielfraß. Und bei den Fünf Fingern war ein Mann mit einem Floß und viel Fleisch.«

In den Pausen, die Imber machte, um nachzudenken, übersetzte Howkan, was er gesagt hatte, und ein Schreiber schrieb es nieder. Das Gericht lauschte gespannt auf jede dieser ungeschminkten kleinen Tragödien, bis Imber von einem rothaarigen, schieläugigen Manne erzählte, den er durch einen Schuß auf ungewöhnliche Entfernung getötet hatte.

»Teufel auch«, sagte ein Mann in der vordersten Reihe der Zuhörer. Er sagte es in tiefempfundenem, traurigem Ton. Er war rothaarig. »Teufel auch«, wiederholte er. »Das war mein Bruder Bill.« Und mit regelmäßigen Zwischenräumen hörte man während der ganzen Sitzung sein feierliches »Teufel auch« im Gerichtssaal; er ließ sich weder von seinen Kameraden noch von einem Manne am Tische zum Schweigen bringen.

Imbers Kopf sank wieder herab, und seine Augen wurden trübe, wie von einem Schleier überzogen, der die Welt vor ihm verbarg.

Da weckte Howkan ihn wieder: »Steh auf, o Imber. Es wird befohlen, daß du erzählst, warum du dieses Unheil angerichtet und diese Menschen getötet hast und warum du zuletzt hierhergekommen bist, um das Gesetz zu suchen.«

Imber erhob sich schwerfällig und schwankend. Er begann leise murmelnd zu erzählen, aber Howkan unterbrach ihn.

»Dieser alte Mensch ist ganz verrückt«, sagte er auf englisch zu dem Manne mit der vierkantigen Stirn. »Seine Rede ist töricht und wie die eines Kindes.«

»Wir wollen seine Rede hören, die wie die eines Kindes ist«, sagte der Mann mit der vierkantigen Stirn. »Und wir wollen sie Wort für Wort hören, genau wie er sie spricht. Verstehst du?«

Howkan verstand, und Imbers Augen leuchteten, denn er hatte dies Spiel zwischen seinem Neffen und dem mächtigen Manne verstanden. Und dann begann die Erzählung, das Epos eines bronzefarbigen Patrioten, selbst wert, in Bronze gegossen und für ungeborene Geschlechter aufbewahrt zu werden. Eine seltsame Stille legte sich über die Menge, und der Richter mit der vierkantigen Stirn stützte den Kopf in die Hand und sann nach über seine Seele und die Seele seiner Rasse. Man hörte nichts als die tiefen Laute Imbers, regelmäßig unterbrochen von der schrillen Stimme des Dolmetschers, und hin und wieder wie den Schlag einer tiefen Kirchenglocke das erstaunte und nachdenkliche »Teufel auch« des rothaarigen Mannes.

»Ich bin der Imber vom Weißfischflusse.« So übersetzte Howkan, dessen angeborene Barbarei Macht über ihn gewann und der seine Missionserziehung und seinen Zivilisationsfirnis vergaß, als er von dem wilden Klange und dem Rhythmus der Erzählung des alten Imber gepackt wurde. »Mein Vater war Otsbaok, ein starker Mann. Das Land war warm von Sonnenschein und Frohsinn, als ich Knabe war. Das Volk hungerte weder nach fremden Dingen, noch lauschte es neuen Stimmen, und die Wege seiner Väter waren auch seine Wege. Die Frauen fanden Gnade vor den Augen der jungen Männer, und die jungen Männer blickten mit Zufriedenheit auf sie. Säuglinge hingen an den Brüsten der Frauen, und die Hüften der Frauen waren schwer vom Wachstum des Stammes. Männer waren Männer in jenen Tagen. In Frieden und Überfluß wie in Krieg und Hunger waren sie Männer.

Damals gab es mehr Fische im Wasser als jetzt und mehr Wild im Walde. Unsere Hunde waren Wölfe, warm in ihrem dicken Pelz und abgehärtet gegen Frost und Sturm. Und wie unsere Hunde, so waren auch wir, denn auch wir waren abgehärtet gegen Frost und Sturm. Und als die Pellys in unser Land kamen, töteten wir sie oder wurden getötet. Denn wir waren Männer, wir vom Weißfischvolke, und unsere Väter und die Väter unserer Väter hatten mit den Pellys gekämpft und die Grenzen des Landes festgesetzt.

Ja, wie unsere Hunde, so waren auch wir. Und eines Tages kam der erste weiße Mann. Auf Händen und Knien schleppte er sich über den Schnee. Und seine Haut war straff gespannt, und die Knochen stachen spitz heraus. – Nie hat es einen solchen Mann gegeben, dachten wir, und wir wunderten uns, aus welchem fremden Stamme er sein und wo sein Land liegen mochte. Und er war schwach, sehr schwach, wie ein kleines Kind, so daß wir ihm einen Platz am Feuer und warme Pelze gaben, und wir gaben ihm zu essen, wie man kleinen Kindern zu essen gibt. Und bei ihm war ein Hund, so groß wie drei von unseren Hunden, aber sehr schwach. Das Haar dieses Hundes war kurz und nicht warm, und sein Schwanz war erfroren, so daß die Spitze abfiel. Und diesen fremden Hund fütterten wir und jagten unsere Hunde vom Feuer fort, damit er daran liegen konnte, denn sonst hätten sie ihn getötet. Und das Elchfleisch und der in der Sonne gedörrte Lachs brachten Mann und Hund wieder zu Kräften, und wie die Kräfte kamen, wurden sie groß und unerschrocken. Und der Mann sprach laute Worte und lachte über die alten und jungen Männer und betrachtete die Jungfrauen mit dreisten Blicken. Und der Hund kämpfte mit unsern Hunden, und obwohl er kurzhaarig und weichlich war, biß er drei von ihnen an einem Tage tot.

Als wir den Mann nach seinem Volke fragten, sagte er: ›Ich habe viele Brüder‹, und lachte auf eine Weise, die nicht gut war. Und als er seine volle Kraft wieder hatte, zog er fort, und mit ihm zog Noda, die Tochter des Häuptlings. Dann warf eine unserer Hündinnen. Und nie hat man solche Welpen gesehen – dickköpfig, großmäulig und kurzhaarig und hilflos. Ich entsinne mich deutlich meines Vaters Otsbaok, eines starken Mannes. Sein Gesicht wurde schwarz vor Zorn über solche Hilflosigkeit, und er nahm einen Stein, und gleich darauf gab es keine Hilflosigkeit mehr. Und zwei Sommer darauf kam Noda wieder zu uns mit einem Knaben auf dem Arm. Und so begann es. Dann kam ein anderer weißer Mann mit kurzhaarigen Hunden, die er zurückließ, als er fortzog. Und mit ihm gingen sechs unserer stärksten Hunde, die er von Koo-So-Tee, dem Bruder meiner Mutter, für eine wunderbare Pistole gekauft hatte, die sehr schnell sechsmal hintereinander schießen konnte. Und Koo-So-Tee war sehr stolz auf seine Pistole und lachte über unsere Bogen und Pfeile. ›Weiberkram‹ nannte er sie und trat einem Grislybären mit der Pistole in der Hand entgegen. Nun ist es bekanntlich nicht gut, einen Bären mit einer Pistole zu jagen, aber wie sollten wir das wissen? Und wie konnte Koo-So-Tee das wissen? Also er trat dem Bären keck entgegen und schoß seine Pistole sehr schnell sechsmal ab, aber der Bär brummte nur und erdrückte ihn an seiner Brust, als ob er ein Ei wäre, und wie der Honig aus dem Nest der wilden Bienen, so tropfte Koo-So-Tees Hirn zu Boden.

Er war ein guter Jäger gewesen, und jetzt gab es niemand, der seiner Squaw und seinen Kindern Fleisch bringen konnte. Und wir wurden erbittert und sagten: ›Was gut für die weißen Männer ist, ist nicht gut für uns.‹ Und das ist wahr. Es gibt viele weiße Männer, und sie sind fett, aber ihre Sitten haben uns verzehrt. Es kam der dritte weiße Mann, mit großen Reichtümern an jeder Art, wundersamen Nahrungsmitteln und anderen Dingen. Er erstand zwanzig von unseren stärksten Hunden. Und mit Geschenken und großen Versprechungen lockte er zehn von unsern jungen Jägern mit auf die Reise, von der keiner wußte, wohin sie ging. Es heißt, daß sie im Schnee auf den Eisbergen umkamen, wo nie ein Mensch gewesen ist, oder auf den Hügeln des Schweigens, die hinter dem Ende der Welt liegen. Wie dem auch sein mochte, jedenfalls wurden Hunde und junge Männer nie mehr vom Weißfischvolke gesehen.

Und mit den Jahren kamen mehr weiße Männer, und immer, gegen Bezahlung und Geschenke, nahmen sie junge Männer mit. Und die jungen Männer kehrten zuweilen zurück mit so seltsamen Geschichten über Gefahren und Mühseligkeiten in Ländern, die hinter dem der Pellys lagen, und zuweilen kehrten sie nicht zurück. Und wir sagten: ›Wenn sie sich nicht fürchten, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, diese weißen Männer, so ist es, weil ihrer viele sind; aber wir hier am Weißfischflusse sind unser wenige, und unsere jungen Männer dürfen nicht mehr fortziehen.‹ Aber die jungen Männer zogen weiterhin fort und die jungen Weiber auch, und wir waren sehr zornig.

Wahr ist, wir aßen Mehl und gesalzenen Speck und tranken Tee, was uns großes Vergnügen bereitete; wenn wir aber keinen Tee bekommen konnten, war es sehr schlimm, und wir wurden mürrisch und gerieten schnell in Wut. So sehnten wir uns nach den Dingen, die die weißen Männer uns verhandelten. Handel! Handel! Immer wurde gehandelt. Einen Winter verkauften wir unser Fleisch für unbrauchbare Uhren und für abgenutzte Feilen und Pistolen, zu denen die Patronen fehlten. Und dann kam Hungersnot, und wir hatten kein Fleisch, und zweimal zwanzig von uns starben, ehe der Frühling kam. ›Jetzt sind wir schwach geworden‹, sagten wir, ›und jetzt werden die Pellys uns überfallen und unsere Grenzen auslöschen.‹ Aber wie uns, so war es auch den Pellys ergangen, und sie waren zu schwach, gegen uns zu ziehen. Mein Vater Otsbaok, ein starker Mann, war jetzt alt und sehr weise. Und er sprach zum Häuptling und sagte: ›Sieh, unsere Hunde sind wertlos. Nicht länger sind sie dickpelzig und stark, und sie sterben im Frost und im Geschirr. Laß uns ins Dorf gehen und sie töten und nur die verschonen, die von Wölfen abstammen. Die laß uns des Nachts draußen anbinden, damit sie sich mit den wilden Wölfen des Waldes paaren können. So werden wir wieder warme, kräftige Hunde erhalten.‹

Und seine Worte fanden Gehör, und das Weißfischvolk wurde bekannt wegen seiner Hunde, die die besten im Lande waren. Aber um unserer selbst willen wurden wir nicht bekannt. Die besten unserer jungen Männer und Frauen waren weggezogen mit den weißen Männern, um auf Wegen und Flüssen nach fernen Orten zu wandern. Und die jungen Frauen kamen zurück, alt und gebrochen wie Noda, oder sie kehrten gar nicht wieder. Und die jungen Männer kamen zurück, um eine Zeitlang an unserm Feuer zu sitzen, voll von übler Rede und roher Art, sie tranken und spielten lange Tage und Nächte hindurch, eine große Unrast lebte in ihren Herzen, bis der Ruf der weißen Männer zu ihnen drang und sie wieder weiterzogen nach unbekannten Orten. Und sie waren ohne Ehre und Achtung, sie spotteten der alten Gebräuche und lachten Häuptling und Schamanen ins Gesicht.

Ja, wir waren ein schwaches Häufchen geworden, wir Weißfische. Wir verkauften unsere warmen Pelze und Felle für Tabak und Whisky und dünnen Baumwollstoff, in dem wir vor Kälte schauerten. Und der Husten kam über uns, und Männer und Frauen husteten und schwitzten die langen Nächte hindurch, und die Jäger auf der Fährte des Wildes spuckten Blut in den Schnee. Bald blutete der eine, bald der andere und starb. Und die Frauen gebaren wenig Kinder, und die wenigen waren schwach und kränklich. Und andere Krankheiten kamen von den weißen Männern zu uns, Krankheiten, wie wir sie nie gekannt hatten und auf die wir uns nicht verstanden. Pocken und Masern habe ich diese Krankheiten nennen hören, und wir starben an ihnen, wie der Lachs im Herbst im stillen Bergstrom stirbt, wenn er gelaicht hat und nicht mehr zu leben braucht. Und immer noch, und das ist das Seltsame daran, kommen die weißen Männer wie der Atem des Todes. Alle ihre Wege führen zum Tode, ihre Nüstern sind voll von ihm, und doch sterben sie nicht. Ihrer ist der Whisky, der Tabak und die kurzhaarigen Hunde; ihrer sind die vielen Krankheiten, die Pocken und die Masern, der Husten und das Bluten aus dem Munde; ihrer die weiße Haut und die Empfindlichkeit gegen Frost und Sturm; ihrer die Pistolen, die sechsmal sehr schnell hintereinander schießen und die wertlos sind. Und dennoch werden sie dick und gedeihen mit ihren vielen Übeln und legen eine schwere Hand auf die ganze Welt und stampfen schwer über ihre Völker. Und ihre Frauen sind zart wie kleine Kinder, leicht zerbrechlich und doch nie zerbrochen, Mütter von Männern. Und aus all dieser Weichlichkeit und Krankheit und großen Schwäche erwachsen Stärke, Macht und Herrschertum. Sie sind Götter oder Teufel, wie dem nun sein mag. Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ich, der alte Imber von den Weißfischen? Nur das weiß ich, daß sie unerforschlich sind, diese weißen Männer, die über die ganze Erde wandern und überall kämpfen. Ja, das Wild im Walde wurde immer seltener. Es ist wahr, die Büchse des weißen Mannes ist eine vortreffliche Waffe und tötet auf weite Entfernung, aber was nützt die Büchse, wenn es kein Wild zu töten gibt? Als ich ein Knabe am Weißfischflusse war, gab es Elche auf jedem Hügel, und jedes Jahr kamen unzählige Rene. Aber jetzt kann der Jäger zehn Tage lang einer Fährte folgen, und nicht ein einziger Elch erfreut sein Auge, und die unzähligen Rene sind verschwunden. Wenig wert ist die Büchse, sage ich, die auf weite Entfernung tötet, wenn es nichts zu töten gibt. Und ich, Imber, sann über diese Dinge nach und sah unterdessen, wie die Weißfische und die Pellys und alle Stämme im Lande ausstarben wie das Wild im Walde. Lange sann ich nach. Ich sprach mit den Schamanen und mit den alten und weisen Männern. Ich hielt mich abseits, damit der Lärm des Dorfes mich nicht störte, und ich aß kein Fleisch, daß mein Magen mich nicht beschweren und Auge und Ohr erschlaffen sollten. Lange und schlaflos saß ich im Walde und wartete mit offenen Augen auf das Zeichen und mit geduldig lauschenden Ohren auf die Worte, die da kommen sollten. Und ich wanderte allein im Dunkel der Nacht das Flußufer hinab, wo der Wind klagte, das Wasser schluchzte und wo ich Weisheit bei den Geistern alter verstorbener Schamanen in den Bäumen suchte. Und zuletzt kamen, wie in einer Vision, die abscheulichen kurzhaarigen Hunde zu mir, und der Weg lag deutlich vor mir. Durch die Weisheit Otsboaks – er war mein Vater und ein starker Mann – war das Blut unsrer eigenen Wolfshunde rein geblieben, und daher hatten wir ihren warmen Pelz und ihre Stärke im Geschirr behalten. Und so kehrte ich in mein Dorf zurück und sprach zu den Männern. ›Dies ist ein Stamm, diese weißen Männer‹, sagte ich, ›ein sehr großer Stamm, und sicherlich gibt es kein Wild mehr in ihrem Lande, und nun kommen sie zu uns, um selbst neues Land zu erhalten. Aber sie machen uns schwach, und wir müssen sterben. Sie sind ein sehr hungriges Volk. Schon hat unser Wild uns verlassen, und wenn wir leben wollen, müssen wir mit ihnen verfahren, wie wir es mit ihren Hunden getan haben.‹

Und ich redete weiter und riet zum Kampf. Und die Männer der Weißfische lauschten, und einige sagten dies und andere das, und einige sprachen von andern, gleichgültigen Dingen, aber niemand sprach kühn von Taten und Kampf. Während aber die jungen Männer weich wie Wasser und furchtsam waren, bemerkte ich, wie die Alten schwiegen und in ihren Augen das Feuer kam und ging. Und später, als das Dorf schlief und niemand davon wußte, führte ich die alten Männer in den Wald und sprach noch mehr. Und jetzt waren wir einig, und wir erinnerten uns der guten Tage unserer Jugend und des freien Landes und des Reichtums und des Frohsinns und des Sonnenscheins, und wir nannten uns Brüder und schworen uns tiefstes Geheimnis und einen mächtigen Eid, das Land von der bösen Brut zu reinigen, die sich darin niedergelassen hatte. Es ist klar, daß wir Toren waren, aber wie konnten wir das wissen, wir Alten vom Weißfischvolke?

Und um die andern anzufeuern, beging ich die erste Tat. Ich lauerte am Yukon, bis das erste Kanu den Fluß hinabkam. In ihm saßen zwei weiße Männer, und als ich mich am Ufer erhob und die Hand hob, änderten sie den Kurs und ruderten auf mich zu. Und als der Mann im Steven den Kopf aufrichtete, um zu wissen, was ich von ihm wollte, sang mein Pfeil durch die Luft gerade in seine Kehle, und er wußte es. Der andere Mann, der achtern am Ruder saß, hatte die Büchse halb zur Schulter gehoben, als der erste meiner drei Wurfspieße ihn traf.

›Das waren die ersten‹, sagte ich, als die Alten sich um mich scharten. ›Später wollen wir die jungen Männer, die noch stark sind, sammeln, dann wird die Arbeit leicht sein.‹

Und dann warfen wir die beiden toten Männer in den Fluß. Und aus dem Kanu, das ein sehr gutes Kanu war, machten wir ein Feuer und ebenso aus den Dingen, die im Kanu waren. Aber erst sahen wir uns die Dinge an; es waren Ledersäcke, die wir mit unsern Messern aufschnitten. Und in diesen Säcken war eine Menge Papier, gerade wie das, aus dem du liest, Howkan, mit Zeichen darauf, über die wir uns wunderten und die wir nicht verstehen konnten. Jetzt bin ich weise geworden und weiß, daß es die Rede von Menschen ist, was du mir erzählt hast.«

Ein Flüstern und Summen ging durch den Gerichtssaal, als Howkan diese Geschichte vom Kanu fertig übersetzt hatte, und die Stimme eines Mannes sagte laut: »Das war die Post, die im Jahre 1891 verlorenging; Peter James und Delany brachten sie, und zuletzt hörte man von ihnen in Le Barge, wo sie Matthrews trafen.« Der Schreiber kritzelte ruhig weiter, und die Geschichte des Nordens wurde um ein neues Kapitel vermehrt.

»Es gibt nicht viel mehr«, fuhr Imber langsam fort. »Sie stehen in dem Papier, die Dinge, die wir taten. Wir waren alte Männer, und wir verstanden nicht. Selbst ich, Imber, verstehe es jetzt noch nicht. Im geheimen töteten und töteten wir, denn das Alter hatte uns listig gemacht, und wir hatten gelernt, wie schnell es geht, wenn man nicht eilt. Als weiße Männer mit bösen Blicken und harten Worten zu uns kamen und sechs der jungen Männer in eisernen Fesseln fortführten, wußten wir, daß wir weiter töten mußten. Und einer nach dem andern zogen wir Alten den Fluß hinauf nach unbekannten Ländern. Das war tapfer. Alt waren wir und unerschrocken, aber die Furcht vor der Ferne ist eine schreckliche Furcht für Männer, die alt sind. So töteten wir, listig und ohne Hast. Auf dem Chilcoot und im Delta töteten wir, von den Pässen bis ans Meer, überall, wo die weißen Männer sich ihren Weg bahnten und ihr Lager aufschlugen. Es ist wahr, sie starben, aber es half nichts. Immer wieder kamen sie über die Berge, immer mehr, während unter den Alten immer weniger waren. Ich erinnere mich des Lagers eines weißen Mannes beim Renkreuzweg. Er war ein sehr kleiner weißer Mann, und drei von den Alten überraschten ihn im Schlafe. Und am nächsten Tage stieß ich auf alle vier. Der weiße Mann war der einzige, der noch atmete, und es war Atem genug in ihm, um mich zu verfluchen, ehe er starb.

Und so ging es, bald ein alter Mann und bald ein anderer. Manchmal erfuhren wir lange hinterher, wie sie gestorben waren, und manchmal erfuhren wir gar nichts davon. Und die alten Männer der andern Stämme waren gebrechlich und ängstlich und wollten sich uns nicht anschließen. Wie ich sage: einer nach dem andern, bis ich allein übrig war. Ich bin Imber vom Weißfischvolke. Mein Vater war Otsbaok, ein starker Mann. Jetzt gibt es kein Weißfischvolk mehr. Von den Alten bin ich der letzte. Die jungen Männer und Frauen sind weggezogen, manche, um mit den Pellys, manche, um mit den Lachsen, und die meisten, um mit den weißen Männern zusammen zu leben. Ich bin sehr alt und sehr müde, und da es zu nichts führt, gegen das Gesetz zu kämpfen, bin ich, wie du sagst, Howkan, gekommen, um das Gesetz zu suchen.«

»O Imber, du bist wahrlich ein Tor«, sagte Howkan.

Doch Imber träumte.

Der Richter mit der vierkantigen Stirn träumte ebenfalls, und seine ganze Rasse erhob sich vor ihm in einem mächtigen Phantasiegebilde, seine eisenbeschlagene, gepanzerte Rasse, die Gesetzgeberin und Weltschöpferin unter den Geschlechtern der Menschen. Wie im Morgenrot sah er sie hinter finsteren Wäldern und düsteren Meeren tagen, in blutrot flammendem Triumph, und den dunkelbeschatteten Hang hinab sah er den blutroten Sand in die Nacht tropfen. Und in allem sah er das Gesetz, das mächtige, unbarmherzige, unabänderliche und stets gebieterische, größer als die Menschenstäubchen, die es erfüllten oder von ihm zermalmt wurden, wie es auch größer war als er, dessen Herz jetzt nach Frieden verlangte.


8 Wie Vor Alters Zog Die Argo

Wie vor alters zog die Argo…

Es war im Sommer 1897, als Unruhe in der Familie Tarwater entstand. Großvater Tarwater war nach einem Jahrzehnt der Unterjochung und Unterdrückung wieder einmal ausgebrochen. Diesmal war es das Klondikefieber. Das erste und einzige Symptom solcher Anfälle war Gesang. Er sang nur ein Lied, und auch von dem konnte er nicht mehr als vier Verse der ersten Strophe. Und die Familie wußte, daß ihn die Füße juckten und daß ihm die alte Tollheit im Hirn krabbelte, wenn er sein heiseres, brüchiges Falsett erhob und sang:

»Wie vor alters zog die Argo,

Kann uns keiner heut‘ verwehren

Auszuziehen, tum-tum-tum,

Um das Goldne Vlies zu scheren.«

Zehn Jahre zuvor hatte er das Lied nach der Melodie des kirchlichen Lobgesangs gesungen, als ihn das Fieber gepackt hatte, nach Patagonien zu ziehen und Gold zu graben. Die ganze zahlreiche Familie hatte sich ihm widersetzt, aber sie hatte eine schwere Zeit mit ihm gehabt. Als nichts seinen Entschluß erschüttern konnte, hatten sie ihm Rechtsanwälte geschickt mit der Drohung, ihn zu entmündigen und in der staatlichen Irrenanstalt einzusperren – eine vernünftige Maßregel einem Mann gegenüber, der vor einem Vierteljahrhundert alles bis auf zehn Morgen mageren Bodens eines Gutes in Kalifornien verspekuliert und seitdem auch nicht viel mehr Scharfsinn in Geschäften bewiesen hatte.

Die Anwendung der Rechtsanwälte bei John Tarwater glich der Anwendung eines Senfpflasters, denn seiner Meinung nach waren es von allen Menschen gerade diese, die ihm seinen ausgedehnten Besitz entrissen hatten. Zu der Zeit, als er das Patagonienfieber hatte, genügte der Gedanke an ein so drastisches Mittel allein, um ihn zu kurieren. Er bewies schnell, daß er nicht verrückt war, indem er das Fieber abschüttelte und darauf einging, nicht nach Patagonien zu ziehen.

Hierauf bewies er, wie verrückt er in Wirklichkeit war, indem er unaufgefordert seiner Familie die zehn Morgen zu Tarwater Flat, einschließlich Haus, Scheuer, Wirtschaftsgebäude und Wasserrechte, überschrieb. Ebenfalls übertrug er ihnen die achthundert Dollar, die er auf der Bank hatte, das lang gesparte Wrackgut seines vernichteten Vermögens. Hierin sah die Familie jedoch keinen Grund, ihn in die Irrenanstalt zu schicken, was ja unweigerlich seine löblichen Absichten durchkreuzt hätte. »Großvater ist sicher schlechter Laune«, sagte Mary, seine älteste Tochter, selbst schon Großmutter, als ihr Vater das Rauchen aufgab.

Alles, was er für sich behalten hatte, war ein Gespann alter Pferde und ein einziges Zimmer in dem überfüllten Hause. Da er versicherte, niemand Dank schulden zu wollen, übertrug man ihm ferner die Aufgabe, zweimal wöchentlich die Post der Vereinigten Staaten von Kelterville über die Tarwater-Berge nach Old Almaden zu bringen – einer sporadisch bearbeiteten Quecksilbermine im Viehland in den Bergen. Mit seinen beiden alten Pferden beanspruchten die beiden wöchentlichen Fahrten seine ganze Zeit. Und in den zehn Jahren hatte er, ob Regen oder Sonnenschein, nie eine Fahrt versäumt. Und ebensowenig hatte er es auch nur ein einziges Mal unterlassen, allwöchentlich die Bezahlung für seine Beköstigung in Marys Hand zu legen. Diese Beköstigung hatte er während der Erholung von seinem Patagonienfieber verlangt und genau bezahlt, obwohl er seinen Tabak hatte aufgeben müssen, um dazu imstande zu sein.

»Hu!« vertraute er dem zerbrochenen Wasserrad der alten Tarwater-Wassermühle an, die er selbst aus Stämmen aus dem Walde erbaut und die Weizen für die ersten Ansiedler gemahlen hatte. »Hu! Solange ich mich selbst erhalte, werden sie mich nicht ins Armenhaus schicken, und wenn ich nicht einen roten Heller habe, so ist es nicht wahrscheinlich, daß so ein Rechtsverdreher kommt und mich beschnüffelt.«

Und doch waren gerade diese in hohem Maße vernünftigen Handlungen der Grund, daß man John Tarwater für leicht verrückt hielt.

Das erste Mal hatte er das Lied »Wie vor alters zog die Argo« im Jahre 1849 gesungen, als er, zweiundzwanzig Jahre alt und heftig vom Kalifornienfieber ergriffen, in Michigan zweihundertvierzig Morgen, davon vierzig gerodet, für vier Ochsengespanne und einen Wagen verkauft hatte und quer über die Steppe gezogen war.

»Und bei Fort Hall, wo die Oregon-Auswanderer nach Norden gingen, bogen wir südwärts nach Kalifornien ab«, pflegte er seinen Bericht von dieser beschwerlichen Reise zu schließen. »Und Bill Ping und ich fingen Grislybären mit dem Lasso im Unterholz von Cache Slough im Sacramento-Tal.«

Dann waren Jahre mit Frachtfahren und Minenarbeit gefolgt. Mit einem in den Mercedes-Goldwäschereien gesammelten Gewinn befriedigte er schließlich den Landhunger seiner Rasse und seiner Zeit und ließ sich im Sonoma-Land nieder.

Die zehn Jahre, die er die Post in der Tarwater-Gemeinde, durch das Tarwater-Tal und über den Tarwater-Berg – das meiste davon hatte ihm einmal gehört – fuhr, verbrachte er damit, daß er davon träumte, das Land wiederzugewinnen, ehe er starb.

Und jetzt, da seine riesige, magere Gestalt aufrechter war, als sie seit Jahren gewesen, und blaue Flammen in seinen kleinen, engstehenden Augen glimmten, stimmte er wieder sein altes Lied an.

»Da geht er nun – hört nur!« sagte William Tarwater.

»Niemand zu Hause«, lachte Harris Topping, Tagelöhner, mit Annie Tarwater verheiratet und Vater ihrer neun Kinder.

Die Küchentür öffnete sich, um den alten Mann einzulassen, der soeben seine Pferde gefüttert hatte. Der Gesang war auf seinen Lippen verstummt, aber Mary war gereizt, weil sie sich die Hand verbrannt hatte und weil der Magen eines Enkelkindes sich weigerte, die gewässerte Kuhmilch ordentlich zu verdauen.

»Es hat keinen Zweck, so anzufangen«, wandte sie sich streitsüchtig an ihn. »Die Zeit ist vorbei, als du nach einer Gegend wie Klondike durchbrennen konntest, und dein Singen kann sie dir nicht wiederkaufen.«

»Einerlei«, antwortete er ruhig. »Ich wette, daß ich nach diesem Klondike gehen und Gold genug sammeln könnte, um den Tarwater-Besitz zurückzukaufen.«

»Alter Narr!« bemerkte Annie.

»Um ihn zurückzukaufen, brauchst du mindestens dreihunderttausend, wenn nicht mehr«, versuchte William ihn zum Schweigen zu bringen.

»Dann könnte ich dreihunderttausend und noch mehr sammeln, wenn ich nur dort wäre«, sagte der alte Mann ruhig.

»Danke Gott, daß du nicht hinspazieren kannst, sonst brächest du heute schon auf!« rief Mary. »Seereisen kosten Geld.«

»Ich hatte Geld«, sagte ihr Vater demütig.

»Aber jetzt hast du keines – daher denk nicht mehr dran«, riet William. »Die Zeiten sind vorbei, da du mit Bill Ping Bären fingst. Es gibt keine Bären mehr.«

»Einerlei…«

Aber Mary schnitt ihm das Wort ab. Sie nahm die Zeitung vom Küchentisch und schwang sie ihrem betagten Vater heftig vor der Nase hin und her.

»Was sagen diese Klondiker? Hier steht es schwarz auf weiß. Nur die Jungen und Starken können Klondike aushalten. Es ist schlimmer als der Nordpol. Und selbst die haben dort massenhaft Tote zurückgelassen. Sieh nur die Bilder. Du bist vierzig Jahre älter als die ältesten von ihnen.«

John Tarwater sah wirklich hin, aber seine Augen schweiften zu anderen Fotografien auf dem im höchsten Maße effektvollen Umschlag.

»Und sieh hier die Fotografien von den Goldklumpen, die sie mitgebracht haben«, sagte er. »Ich kenne Gold. Habe ich nicht zwanzigtausend aus der Mercedes-Grube geholt? Und wären es nicht hunderttausend geworden, wenn der Wolkenbruch nicht meinen Damm gesprengt hätte! Wenn ich jetzt nur in Klondike wäre…«

»Total verrückt!« knurrte William beiseite, aber hörbar für die andern.

»Eine hübsche Art, mit seinem alten Vater zu reden«, tadelte der alte Tarwater ihn mild. »Mein Vater würde mir das Fell mit einem Knüppel gegerbt haben, wenn ich so zu ihm gesprochen hätte.«

»Aber du bist wirklich verrückt, Vater«, begann William.

»Du wirst schon recht haben, mein Sohn. Aber in dem Punkt war mein Vater nicht verrückt. Er hätte es getan.«

»Der alte Mann hat ein paar Artikel von Männern gelesen, die noch nach den Vierzigern Glück gehabt haben«, höhnte Annie.

»Und warum nicht, mein Kind?« fragte er. »Warum kann ein Mann nicht Glück haben, wenn er siebzig ist? Ich bin dies Jahr erst siebzig geworden. Und vielleicht hätte ich Glück, wenn ich nur nach Klondike kommen könnte.«

»Was du eben nicht kannst«, wies Mary ihn ab.

»Na ja«, seufzte er, »wenn nicht, dann kann ich ja ebensogut gleich zu Bett gehen.«

Er stand auf, lang, mager knochig und knorrig, die prächtige Ruine eines Mannes. Sein zottiges Haar und sein Backenbart waren nicht grau, sondern schneeweiß, ebenso die Haarbüschel, die auf der Rückseite seiner ungeheuer knochigen Finger standen. Er bewegte sich zur Tür, öffnete sie, seufzte, blieb stehen und sandte einen Blick zurück.

»Und doch«, murmelte er klagend, »jucken mich die Fußsohlen ganz schrecklich.«

Lange, ehe die Familie am nächsten Morgen aufstand, hatte der alte Tarwater seine Pferde beim Laternenschein gefüttert und angespannt, sich das Frühstück bei Lampenlicht bereitet und gegessen und war durch das Tarwater-Tal nach Kelterville aufgebrochen. Zweierlei Ungewöhnliches war an dieser gewöhnlichen Fahrt, die er seit Abschluß des Postkontraktes tausendundvierzigmal gemacht hatte. Er fuhr nicht nach Kelterville, sondern bog südwärts auf die Landstraße nach Santa Rosa ab. Noch merkwürdiger als dies war das in Papier gewickelte Paket zwischen seinen Füßen. Es enthielt seinen einzigen schwarzen Anzug, den Mary ihn lange nicht mehr hatte tragen lassen wollen, nicht weil er abgetragen war, sondern weil er, wie sie seiner Vermutung nach im Innersten dachte, anständig genug war, um ihn darin zu begraben.

Und in Santa Rosa verkaufte er den Anzug sofort in einem Trödlerladen für zweieinhalb Dollar. Von demselben willfährigen Geschäftsmann empfing er vier Dollar für den Trauring seiner längst verstorbenen Frau. Sein Gespann und den Wagen verkaufte er für fünfundsiebzig Dollar, wenn er auch nur fünfundzwanzig in bar erhielt. Als er zufällig auf der Straße Alton Granger traf, demgegenüber er noch nie ein Wort von den zehn Dollar erwähnt hatte, die er ihm im Jahre vierundsiebzig geliehen, erinnerte er ihn an die kleine Angelegenheit und erhielt augenblicklich sein Geld. Und von all den Menschen, die vermutlich nicht bei Kasse waren, hatte er allein Glück bei dem Trunkenbold der Stadt, dem er in seinen alten guten Tagen manches Glas spendiert hatte: Er lieh sich von ihm einen Dollar. Schließlich fuhr er mit dem Nachmittagszug nach San Franzisko.

Zwölf Tage später landete er, einen Leinensack mit wollenen Decken und altem Zeug schleppend, an der Küste von Dyea, mitten in dem großen Klondikestrom. Der Strand war ein brüllendes Tollhaus. Zehntausend Tonnen Ausrüstung lagen angehäuft und verstreut da, zweimal zehntausend Mann ruderten darin herum und riefen durcheinander. Die Fracht auf Indianerrücken über den Chilcoot nach dem Linderman-See war von sechzehn auf dreißig Cent gesprungen, was einem Preis von sechshundert Dollar für eine Tonne entsprach. Und der subarktische Winter mit seiner Finsternis stand vor der Tür. Alle wußten es, und alle wußten auch, daß von den zwanzigtausend nur wenige über die Pässe kommen sollten, während die übrigen hier überwintern und auf das späte Frühlingstauwetter warten mußten.

So war der Strand, den der alte John Tarwater betrat, und er steuerte direkt über den Strand auf den Chilcoot los, sein altes Lied gackernd, selbst ein richtiger alter Argonaute, den keine Ausrüstung beschwerte. Denn er besaß keine Ausrüstung. Nachts schlief er auf der flachen Strecke fünf Meilen oberhalb Dyeas, an der Stelle, wo die Schiffahrt in Booten begann. Hier wurde der Dyea-Fluß ein stürmischer Gebirgsstrom, der in einer engen Schlucht aus den Gletschern stürzte, die ihm ihr Wasser von weit her sandten.

Und hier sah er früh am nächsten Morgen einen kleinen Mann, der nicht mehr als hundert Pfund wog, über einen Baumstamm wandern, mit gut hundert Pfund Mehl auf dem Rücken. Er sah ferner, wie der kleine Mann von dem Baumstamm stolperte, kopfüber in eine ruhige, zwei Fuß tiefe Pfütze fiel und sich ganz ruhig anschickte, zu ertrinken. Er wünschte sicher nicht, so leicht zu sterben, aber das Mehl auf seinem Rücken wog ebensoviel wie er selber und erlaubte ihm nicht aufzustehen.

»Schönen Dank, Alter«, sagte er zu Tarwater, als der ihn aufs Trockene gezogen hatte.

Während er sich die Schuhe aufschnürte und das Wasser ausgoß, setzten sie die Unterhaltung fort. Dann zog er ein Zehndollarstück aus der Tasche und bot es seinem Retter an.

Der alte Tarwater schüttelte den Kopf und zitterte vor Kälte, denn das Eiswasser hatte ihn bis zu den Knien durchnäßt.

»Aber ich denke, ich hätte nichts dagegen, mich zu einer freundschaftlichen Mahlzeit mit Ihnen zusammenzusetzen.«

»Haben Sie noch nicht gefrühstückt?« fragte der kleine Mann, der über Vierzig war und gesagt hatte, daß er Anson hieß, mit einem offenbar interessierten Blick.

»Nicht einen Bissen«, antwortete John Tarwater.

»Wo ist Ihre Ausrüstung? Voraus?«

»Hab‘ keine Ausrüstung.«

»Wollen Sie im Lande kaufen?«

»Hab‘ nicht einen Dollar, um was zu kaufen, Freundchen. Was im Augenblick nicht so wichtig ist wie ein bißchen warmes Frühstück.«

In Ansons Lager, eine Viertelmeile weiter, fand Tarwater einen schlanken jungen Mann von dreißig mit rotem Backenbart, der über einem Feuer aus nassem Weidenholz fluchte. Nachdem er als Charles vorgestellt war, übertrug er seine finsteren Blicke und seine Wut auf Tarwater, der tat, als ob er nichts merkte, und sich seinerseits mit dem Feuer zu schaffen machte. Er benutzte den kühlen Morgenwind, um Zug zu erhalten, den die andern dummerweise durch Steine ferngehalten hatten, und erzeugte bald weniger Rauch und mehr Feuer. Das dritte Mitglied der Gesellschaft, Bill Wilson, oder der Große Bill, wie sie ihn nannten, kam mit einem hundertvierzig Pfund schweren Packen; und Charles servierte etwas, das Tarwater für ein sehr schlechtes Frühstück ansah. Die Grütze war halbgar und zum größten Teil verbrannt, der Speck verkohlt und der Kaffee unaussprechlich.

Sobald das Essen verschlungen war, nahmen die drei Teilhaber ihre Packgurte und machten sich auf den Weg nach der Stelle, wo in ihrem letzten Lager, eine Meile zurück, der Rest ihrer Ausrüstung lag. Und der alte Tarwater bekam zu tun. Er wusch die Schüsseln, holte trockenes Holz, setzte einen zerrissenen Packgurt instand, schliff Schlachtermesser und Lageraxt und packte Hacken und Schaufeln um, so daß sie besser zu tragen waren.

Was während des kurzen Frühstücks Eindruck auf ihn gemacht hatte, war der Respekt, den Anson und der Große Bill vor Charles hatten. Als Anson am Morgen einmal, nachdem er einen neuen Hundertpfundpacken hereingebracht hatte, verschnaufte, machte Tarwater eine feine Anspielung hierauf.

»Sehen Sie, die Sache ist die«, sagte Anson. »Wir haben die Führerschaft geteilt. Jeder hat seine besondere Aufgabe. Ich bin Zimmermann. Wenn wir zum Linderman-See kommen und die Bäume gefällt und zu Planken zersägt sind, habe ich den Bootsbau zu leiten. Der Große Bill ist Flößer und Grubenarbeiter. Er hat für das Holz und für alle Minenunternehmen zu sorgen. Das meiste von unserer Ausrüstung ist vorausgeschickt. Wir mußten den Indianern so viel für den Transport nach dem Chilcoot bezahlen, daß wir ruiniert sind. Unser letzter Teilhaber ist oben bei den Sachen und schafft sie selbst nach der anderen Seite hinüber. Er heißt Liverpool und ist Seemann. Wenn die Boote gebaut sind, ist er es daher, der ihre Ausrüstung zu leiten hat, damit wir die Seen und Stromwirbel bis Klondike hinunterfahren können.«

»Und Charles – dieser Herr Crayton –, was ist seine Spezialität?« fragte Tarwater.

»Er ist Geschäftsmann. Er leitet die Organisation und etwaige Geschäfte.«

»Hm«, überlegte Tarwater. »Es ist ein Glück, eine solche Schar von Sonderkenntnissen für eine Expedition zu bekommen.«

»Mehr als Glück«, meinte Anson. »Es war auch alles Zufall. Jeder von uns zog allein. Wir trafen uns auf dem San-Franziskoer Dampfer und gründeten die Gesellschaft. – Na, ich muß fort. Sonst gibt Charles mir noch einen Tritt, weil ich nicht meinen Teil trage. Eigentlich kann man doch nicht verlangen, daß ein Mann von hundert Pfund ebensoviel trägt wie einer von hundertsechzig.«

»Los, mach uns was zu Essen«, sagte Charles zu Tarwater, als er das nächste Mal mit einer Last hereinkam und sah, wie geschickt der alte Mann war.

Und Tarwater bereitete ein Mittagessen, das wirklich ein Mittagessen war, wusch die Schüsseln, hatte wirkliches Schweinefleisch und Bohnen zum Abendessen und dazu in einer Bratpfanne gebackenes Brot, das so delikat war, daß die drei Teilhaber sich fast zuschanden daran aßen. Als das Aufwaschen nach dem Abendessen besorgt war, hieb er Späne, um am Morgen schnell und sicher Feuer anmachen zu können, zeigte Anson einen Kniff mit dem Schuhzeug, unentbehrlich für einen Mann, der etwas schleppen sollte, sang sein »Wie vor alters zog die Argo« und erzählte ihnen von der großen Auswanderung über die Steppe im Jahre neunundvierzig.

»Wahrhaftig, das erste anständige und angenehme Lager, seit wir von der See aufbrachen«, bemerkte der Große Bill, als er seine Pfeife ausklopfte und sich die Schuhe aufschnürte, um zu Bett zu gehen.

»Hab‘ ich’s euch ein bißchen erleichtert, Jungens, was?« forschte Tarwater freundlich.

Alle nickten.

»Na, dann will ich euch einen Vorschlag machen, Jungens. Ihr könnt ihn annehmen oder nicht, aber hört ihn bitte an. Ihr habt Eile, weiterzukommen, ehe alles zufriert. Die halbe Zeit, die ihr zum Tragen verwenden könntet, vergeudet einer von euch auf das Kochen. Wenn ich das für euch besorge, werdet ihr schneller weiterkommen. Das Essen wird auch besser sein und euch befähigen, besser zu tragen. Und ich selbst kann hin und wieder auch ein bißchen tragen, ein ganz klein bißchen, ja, ein ganz klein bißchen.«

Der große Bill und Anson wollten gerade zum Zeichen ihres Einverständnisses nicken, als Charles sich dazwischenlegte.

»Was wollen Sie von uns dafür?« fragte er den alten Mann.

»Ach, das überlasse ich Ihnen.«

»Das ist kein Geschäft«, verwies Charles ihn scharf. »Sie haben den Vorschlag gemacht. Nun machen Sie ihn auch ganz.«

»Nun, die Sache ist so…«

»Sie denken, daß wir Sie den ganzen Winter durchfüttern sollen, wie?« unterbrach ihn Charles.

»Nein, mein Herr, das tue ich nicht. Alles, womit ich rechne, ist, daß eine Reise nach Klondike in Ihrem Boot hochanständig von Ihnen wäre.«

»Sie haben nicht eine Unze Proviant, Alter, Sie würden verhungern, wenn Sie hinkämen.«

»Ich hab‘ lange Zeit hindurch ziemlich viel Glück mit meiner Ernährung gehabt«, antwortete der alte Tarwater mit einem lustigen Schimmer in den Augen: »Ich bin siebzig und bis jetzt noch nie verhungert.«

»Wollen Sie eine Erklärung unterschreiben, daß Sie selbst für sich sorgen werden, sobald Sie nach Dawson kommen?« fragte der Geschäftsmann.

»Gewiß«, lautete die Antwort.

Und wieder brachte Charles seine beiden Kompagnons zum Schweigen, die ihre Zufriedenheit mit dem Arrangement äußern wollten.

»Noch eines, Alter: Wir sind vier Teilhaber, die alle in einer solchen Frage Stimmrecht haben. Der junge Liverpool ist mit der Hauptausrüstung vorausgezogen, hat deshalb ein Wörtchen mitzureden und kann es nicht, weil er nicht hier ist.«

»Was für eine Art Teilhaber ist er denn?« fragte Tarwater.

»Er ist ein grobkörniger Seemann und hat ein rasches, bösartiges Temperament.«

»Ein bißchen ungestüm«, fügte Anson hinzu.

»Und fluchen kann er, einfach fürchterlich«, bezeugte der Große Bill. »Aber er ist ehrlich«, fügte er hinzu.

Anson nickte herzhaft zu dieser Einschätzung.

»Na, Jungens«, meinte Tarwater, »ich bin von Kalifornien hierhergekommen, und jetzt bin ich unterwegs nach Klondike. Nichts kann mich aufhalten. Ich muß dreihunderttausend aus der Erde holen. Nichts kann mich aufhalten, weil ich das Geld eben brauche. Daß der Junge bösartig ist, stört mich nicht, wenn er nur ehrlich ist. Ich will auf gut Glück mit euch gehen, bis wir ihn einholen. Wenn er dann nicht auf den Vorschlag eingehen will, gebe ich’s auf. Aber ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, daß er nein sagen wird, denn das hieße, daß wir der Zeit, wenn alles zufriert, zu nahe kommen würden und daß es zu spät für mich wäre, eine andere Möglichkeit zu finden. Und da ich sicher bin, nach Klondike zu kommen, ist es einfach unmöglich, daß er nein sagen wird.«

 

Der alte John Tarwater wurde eine auffallende Gestalt auf einem Wege, der von auffallenden Gestalten wimmelte. Tausende von Männern, die jeder für sich für jede halbe Tonne Ausrüstung zurücktrotteten und jede Meile Weges zwanzigmal zurücklegten, lernten ihn kennen und begrüßten ihn als »Vater Weihnacht«. Und immer, wenn er arbeitete, stimmte er mit der Fistelstimme des alten Mannes sein Lied an. Keiner der drei Männer, denen er sich angeschlossen hatte, konnte sich über seine Arbeit beklagen. Allerdings waren seine Glieder steif – und er litt ein wenig an Rheumatismus. Er bewegte sich langsam und schien zu knirschen und zu knacken, wenn er sich regte. Aber er hielt sich immer in Bewegung. Er war der letzte, der abends in die Wolldecken kroch, und der erste, der morgens herauskam, so daß die andern warmen Kaffee erhielten, ehe sie ihren einen Packen vor dem Frühstück holten. Und zwischen Frühstück und Mittag und zwischen Mittag und Abendbrot ging er stets selber zurück und holte verschiedene Packen. Mehr als sechzig Pfund konnte er indessen nicht tragen. Er konnte es zwar auf fünfundsiebzig bringen, aber nicht für die Dauer. Einmal versuchte er es mit neunzig, fiel aber unterwegs um und war einige Tage ganz schwach.

Arbeit! Auf einem Wege, wo schwer arbeitende Männer zum erstenmal lernten, was Arbeit war, arbeitete keiner im Verhältnis zu seiner Kraft schwerer als der alte Tarwater. Verzweifelt von der Nähe des Winters angetrieben und wahnsinnig von dem Traum vom Golde angelockt, arbeiteten sie bis aufs äußerste und sanken neben dem Wege nieder. Andere schossen sich eine Kugel vor den Kopf, wenn sie sich von der Hoffnungslosigkeit ihres Unternehmens überzeugt hatten. Einige verloren den Verstand, und unter der Qual dieser für Menschen so vernichtenden Anspannung brachen andere die Kameradschaft und beendeten lebenslängliche Freundschaften mit Burschen, die ebenso gut wie sie selbst und ebenso überanstrengt und wahnsinnig waren.

Arbeit! Der alte Tarwater beschämte sie alle trotz seinem Knirschen und Knacken und dem schlimmen trockenen Husten, den er sich angeschafft hatte. Früh und spät, unterwegs oder im Lager neben dem Wege, konnte man ihn stets irgendwie beschäftigt sehen, und immer antwortete er auf den Ruf »Vater Weihnacht«. Müde Menschen, die zurückgingen, pflegten ihre Packen auf einen Baumstamm oder einen Stein zu stützen, wenn sie zu ihm kamen, und zu sagen: »Sing uns dein Lied von neunundvierzig, Vater.« Und wenn er stöhnend ihren Wunsch erfüllt hatte, nahmen sie ihre Lasten wieder auf, bemerkten, daß es wirklich herzergreifend wäre, und gingen weiter.

»Wenn sich je ein Mann seine Reise erarbeitet und verdient hat«, vertraute der Große Bill seinen beiden Kompagnons an, »dann ist es unser alter Schelm.«

»Darauf kannst du wetten«, bestätigte Anson. »Er ist ein wertvoller Zuwachs unserer Gesellschaft, und ich meinerseits hätte nicht das geringste dagegen, ihn zum regelrechten Teilhaber zu machen.«

»Nichts davon!« fuhr Charles Clayton dazwischen. »Wenn wir nach Dawson kommen, sind wir fertig mit ihm – so lautet das Abkommen. Wenn wir ihn bei uns behielten, müßten wir ihn nur begraben. Außerdem gibt es Hungersnot, und da ist jede Unze Proviant von Bedeutung. Denkt daran, daß wir ihn den ganzen Weg von unserem eigenen Vorrat füttern, und wenn uns nächstes Jahr der Proviant ausgeht, dann wißt ihr den Grund. Dampfschiffe können erst Mitte Juni Proviant nach Dawson bringen, und bis dahin sind es noch neun Monate.«

»Nun ja, du hast ebensoviel an Geld und Ausrüstung eingeschossen wie wir andern«, gab der Große Bill zu, »und selbstverständlich hast du ein Wörtchen mitzureden.«

»Und das will ich auch haben«, betonte Charles mit wachsender Gereiztheit. »Und es ist ein Glück für euch, daß ihr mit eurer blöden Gefühlsduselei einen habt, der für euch an die Zukunft denkt, sonst würdet ihr alle verhungern. Ich sage euch, die Hungersnot steht vor der Tür. Ich bin mir über die Situation klar. Mehl wird zwei Dollar das Pfund kosten oder auch zehn, und niemand wird zu verkaufen haben. Denkt an meine Worte.«

Über die mit losem Geröll bedeckte Ebene, durch die dunkle Schlucht nach dem Scheidekamm, vorbei an überhängenden, stets drohenden Gletschern, nach den Scales und von den Scales die steilen, vom Eis polierten Hänge der Felsen hinauf, wo die Träger mit Händen und Füßen klettern mußten, sorgte der alte Tarwater für das Essen, schleppte und sang. Der erste Herbststurm wehte ihn über den Chilcoot-Paß, jenseits der Waldgrenze. Leute ohne Brennholz am schneidend kalten Rande des Kratersees unter ihm hörten aus dem dichten Schneegestöber oben eine gespensterhafte Stimme singen:

»Wie vor alters zog die Argo,

Kann uns keiner heut‘ verwehren

Auszuziehen, tum-tum-tum,

Um das Goldne Vlies zu scheren.«

Und aus dem Schneetreiben sahen sie eine hohe, magere Gestalt auftauchen, mit einem Backenbart aus fliegendem Weiß, das sich mit dem Schneesturm mischte, während die Gestalt sich unter einem sechzigpfündigen Packen mit Lagerutensilien beugte.

»Vater Weihnacht!« ertönte es, und dann: »Drei donnernde Hurras für Vater Weihnacht!«

 

Zwei Meilen hinter dem Kratersee lag das Glückslager – so genannt, weil hier die Waldgrenze war und die Menschen sich wieder am Feuer erwärmen konnten. Es war kaum Wald zu nennen, denn er bestand nur aus zwergenhaften Bergkiefern, deren Wipfel sich nie höher als einen Fuß über das Moos erhoben und die sich schlängelten und krochen wie die Pflanzen, die von Schweinen aufgewühlt werden. Hier auf dem Wege, der nach dem Glückslager führte, beim ersten Sonnenschein seit mehr als einer Woche, stützte der alte Tarwater seine Last auf einen großen Findlingsstein und schöpfte Luft. Um diesen großen Stein herum ging der Weg, auf dem beladene Männer sich langsam vorwärts arbeiteten und Männer mit leeren Tragriemen schnell nach neuen Lasten zurückhumpelten. Zweimal versuchte der alte Tarwater sich zu erheben und weiterzugehen, und jedesmal ließ er sich, von seinem Zittern gewarnt, wieder sinken, um mehr Kraft zu gewinnen. Vom Wege hinter dem Stein hörte er, wie zwei Männer sich begrüßten; er erkannte die Stimme Charles Claytons und war sich darüber klar, daß sie jetzt Jung Liverpool getroffen hatten. Sofort stürzte Charles sich in Geschäfte, und Tarwater hörte mit großer Deutlichkeit jedes Wort von der wenig schmeichelhaften Beschreibung, die Charles von ihm gab, sowie von dem Vorschlag, ihm freie Reise bis Dawson zu gewähren.

»Ein verflucht blöder Vorschlag«, lautete Liverpools Meinung, als Charles ausgesprochen hatte. »Ein alter Großvater von siebzig. Wenn er auf dem letzten Loch pfeift, warum, zum Donnerwetter, habt ihr euch dann so an ihm festgehakt? Wenn es Hungersnot gibt, und es sieht danach aus, brauchen wir jede Unze Proviant für uns selbst. Wir haben uns nur für vier versorgt und nicht für fünf.«

»Es ist alles in Ordnung«, hörte Tarwater den andern versichern. »Reg dich nicht auf. Das alte Wrack ist darauf eingegangen, die endgültige Entscheidung dir zu überlassen, sobald wir dich einholten. Du brauchst nichts zu tun, als deinen Willen geltend zu machen und nein zu sagen.«

»Du meinst, ich soll den Alten an die Luft setzen, nachdem ihr ihn ermutigt habt und seine Arbeit von Dyea bis hierher gebraucht habt?«

»Die Reise ist hart, Liverpool, und nur Männer, die hart sind, kommen durch«, bemühte Charles sich, die Sache zu beschönigen.

»Und da soll ich es sein, der die dreckige Arbeit tut?« beschwerte sich Liverpool, während Tarwater das Herz im Leibe sank.

»Da hast du nicht ganz unrecht«, sagte Charles, »die Entscheidung liegt bei dir.«

Dann stieg das Herz wieder im alten Tarwater, als die Luft von einem Orkan lästerlicher Rede durchschnitten wurde, aus der Sätze brachen wie: »Dreckiges Stinktier. – Erst will ich euch in der Hölle sehen! – Mein Entschluß ist gefaßt. – Brand und Verderbnis der Hölle. – Das alte Wrack zieht mit uns den Yukon hinauf, darauf kannst du dich verlassen, mein Junge! – Hart? Du weißt nicht, was hart ist, aber ich will es dir zeigen! – Ich lasse die ganze Ausrüstung zum Teufel gehen, wenn einer von euch versucht, ihn beiseite zu schieben! – Versucht es nur, und ihr werdet denken, der Jüngste Tag und alle Plagen Gottes hätten euch auf einmal getroffen!« So sehr stärkte Liverpools Redestrom den alten Mann, daß er sich, ganz ohne sich der Anstrengung bewußt zu sein, unter der Last erhob und nach dem Glückslager schritt.

Vom Glückslager nach dem Langen See, vom Langen See nach dem Tiefen See und über den ungeheuren Schweinerücken bis zum Linderman-See ging der menschentötende Wettlauf mit dem Winter. Männern brachen die Herzen und sprangen die Rücken, und sie weinten neben dem Wege vor Ermattung. Aber der Winter gab nicht nach. Die Herbststürme wehten, und unter bitterkalten, durchweichenden Regenschauern und immer zunehmenden Schneegestöbern schafften Tarwater und die Gesellschaft, an die er geknüpft war, das letzte von ihrer Ausrüstung an den Strand.

Es gab keine Ruhe. Jenseits des Sees, eine Meile hinter einem brüllenden Bergstrom, stachen sie ein Stück Tannenwald ab und bauten ihre Sägegrube. Hier sägten sie mit Handkraft, mit einer unzweckmäßigen Langsäge, Baumstämme zu Brettern. Sie arbeiteten Tag und Nacht. Dreimal wurde der alte Tarwater bei der Nachtarbeit in der Sägegrube ohnmächtig. Am Tage bereitete er wie gewöhnlich das Essen, und in den Abendpausen half er Anson, am Ufer des Bergstromes aus den frischen Planken das Boot zu bauen.

Die Tage wurden kürzer. Der Wind schlug nach Norden um und wurde zu unendlichem Sturm. Morgens krochen die müden Männer aus ihren Wolldecken, setzten sich in Socken an das Feuer, das Tarwater stets für sie angezündet hatte, und trockneten und tauten ihre gefrorenen Schuhe auf. Immer mehr wurde von der Hungersnot im Lande erzählt. Die letzten Dampfer, die Proviant von der Beringsee brachten, wurden durch den niedrigen Wasserstand an der Grenze des Yukonlandes, Hunderte von Meilen nördlich von Dawson, aufgehalten. Sie lagen bei der Station der alten Hudsonbucht-Kompanie am Fort Yukon innerhalb des Polarkreises. Mehl kostete in Dawson zwei Dollar das Pfund, aber niemand wollte Mehl verkaufen. Bonanza- und Doradokönige mit ungeheurem Geld verließen das Land, weil sie keinen Proviant kaufen konnten. Komitees von Minenarbeitern konfiszierten alle Nahrungsmittel und setzten die Bevölkerung auf knappe Rationen. Ein Mann, der auch nur eine Unze Proviant zurückhielt, wurde wie ein Hund niedergeschossen. Zwei Dutzend waren schon hingerichtet worden.

Und unter einer Anstrengung, die so viele jüngere geknickt hatte, begann auch der alte Tarwater zusammenzubrechen. Sein Husten war schrecklich geworden, und hätten seine ermatteten Kameraden nicht wie die Toten geschlafen, so würde er sie die Nächte hindurch wach gehalten haben. Er begann auch an Kälteschauern zu leiden, so daß er sich mit allen Kleidungsstücken, die er hatte, ins Bett legte und sein Kleidersack nicht einen Fetzen mehr enthielt. Alles, was er besaß, war um seine magere, alte Gestalt gewickelt.

»Wenn er jetzt schon, wo das Thermometer nicht niedriger als zwanzig Grad Fahrenheit über dem Nullpunkt steht, alles anzieht, was er hat«, sagte der Große Bill, »was will er dann erst tun, wenn es auf fünfzig oder sechzig unter Null fällt?«

Sie zogen das roh gearbeitete Boot an einer Leine den Bergstrom hinab, wobei sie es ein dutzendmal fast verloren hätten, und ruderten es über das Südende des Linderman-Sees direkt in einen Herbststurm hinein. Am nächsten Morgen gedachten sie das Boot zu beladen und geradeswegs nach Norden ihre gefährliche Fahrt von fünfhundert Meilen über Seen, Stromschnellen und tief eingeschnittene Flußbetten anzutreten. Ehe jedoch der junge Liverpool an diesem Abend zu Bett ging, verließ er das Lager. Er kehrte wieder und fand die ganze Gesellschaft im Schlaf. Er weckte Tarwater und sprach leise mit ihm.

»Hören Sie, Vater«, sagte er, »Sie haben freie Fahrt in unserm Boot. Und wenn sich je ein Mann freie Fahrt verdient hat, so sind Sie es. Aber Sie wissen selbst, daß Sie schon ziemlich bei Jahren sind und daß Sie augenblicklich nicht mit Ihrer Gesundheit prahlen können. Wenn Sie mit uns weiterziehen, setzen Sie, so sicher wie die Hölle, Ihren Pelz zu. – Lassen Sie mich ausreden, Vater. Die Bezahlung für eine Reise ist jetzt auf fünfhundert Dollar gestiegen. Ich habe meinen Willen durchgesetzt und einen Passagier abgelehnt. Er ist Beamter der Alaska-Handelsgesellschaft, muß unbedingt ins Land und hat sechshundert geboten, um in unserm Boot mitzufahren. Die Fahrt gehört Ihnen. Verkaufen Sie sie ihm, stecken Sie die sechshundert in die Tasche und ziehen Sie wieder heim, solange der Weg gut ist. Sie können in zwei Tagen in Dyea und eine Woche später in Kalifornien sein. Was meinen Sie dazu?«

Tarwater hustete und zitterte eine Weile, ehe er Luft bekam, um zu reden.

»Mein Sohn«, sagte er, »ich möchte Ihnen nur eines sagen. Ich fuhr neunundvierzig mit einem Viergespann von Ochsen über die Steppe, ohne einen einzigen zu verlieren. Ich fuhr mit ihnen direkt nach Kalifornien, und später arbeitete ich als Fuhrmann mit ihnen von Sutter Fort nach American Bar. Und jetzt bin ich nach Klondike unterwegs. Nichts kann mich halten. Nichts. Ich muß mit Ihnen am Steuer im Boot bis nach Klondike reisen und dreihunderttausend aus den Graswurzeln schütteln. Da es so steht, wäre es gegen alle Vernunft, wenn ich meine Reise verkaufte. Aber ich danke Ihnen herzlich, mein Sohn, ich danke Ihnen herzlich.«

Einer plötzlichen Eingebung folgend, streckte der junge Seemann die Hand aus und ergriff die des alten Mannes.

»Bei Gott, Vater!« rief er. »Sie werden sicher hinkommen. Sie sind aus dem richtigen Stoff gemacht.«

Er ließ einen Blick unverstellter Verachtung über die Schlafenden zu der Stelle schweifen, wo Charles Crayton in seinen roten Bart schnarchte. »Es scheint heute nicht mehr viele Ihres Schlages zu geben, Vater.«

Nordwärts kämpften sie sich, obwohl Veteranen, die zurückkehrten, den Kopf schüttelten und prophezeiten, daß sie auf den Seen einfrieren würden. Daß das Wasser jeden Tag zufrieren konnte, war klar, und es hieß ohne Zögern aufzubrechen. Deshalb entschloß Liverpool sich, mit dem vollbelasteten Boot über den reißenden Strom zu fahren, der den Linderman-See mit dem Bennett-See verbindet. Man pflegte die leeren Boote abwärts zu ziehen und die Fracht hinüberzutragen, und selbst dabei hatten viele leere Boote Schiffbruch erlitten. Jetzt aber war keine Zeit zu solcher Vorsicht.

»Steigen Sie aus, Vater«, kommandierte Liverpool, als er sich anschickte, vom Ufer abzustoßen und sich in die Stromschnellen zu stürzen.

Der alte Tarwater schüttelte sein weißes Haupt.

»Ich bleibe bei der Ausrüstung«, erklärte er. »Das ist die einzige Möglichkeit, durchzukommen. Sehen Sie, mein Sohn, ich muß nach Klondike. Wenn ich im Boot bleibe, ist es selbstverständlich, daß das Boot nach Klondike kommt. Steige ich aus, so ist es höchstwahrscheinlich, daß ihr das Boot verliert.«

»Na, es hat keinen Zweck, das Boot zu überlasten«, erklärte Charles und sprang plötzlich ans Ufer, als das Boot loswarf.

»Das nächste Mal wartest du meinen Befehl ab!« rief Liverpool ihm zu, während die Strömung das Boot packte. »Und dann gibt es kein Herumspazieren um die Stromschnellen und keine Zeitvergeudung mehr, um auf dich zu warten und dich wieder aufzulesen.«

Für jedes Stück, das sie auf dem Strom in zehn Minuten schafften, brauchte Charles fast eine halbe Stunde, und die Zeit, die sie am Ende des Bennett-Sees auf ihn warteten, verbrachten sie mit mehreren arg mitgenommenen zurückkehrenden Veteranen. Die Nachrichten von der Hungersnot waren ernster als je. Die berittene Nordwest-Polizei, die am unteren Ende des Marsh-Sees stationiert war, wo die Goldgräber auf kanadisches Gebiet gelangten, ließ keinen durch, der nicht mindestens siebenhundert Pfund Proviant mitbrachte. In Dawson warteten tausend Mann mit Hunden auf das Zufrieren des Sees, um über das Eis zu kommen. Die Handelsgesellschaften konnten ihre Verträge bezüglich der Lieferung von Nahrungsmitteln nicht erfüllen, und Teilhaber losten unter sich, wer weiterziehen und wer zurückbleiben und die Claims bearbeiten sollte. »Das entscheidet«, sagte Charles, als er von dem Auftreten der berittenen Polizei hörte. »Alter Mann, Sie können ebensogut gleich umkehren.«

»Klettern Sie an Bord«, kommandierte Liverpool, »wir gehen nach Klondike, und der alte Vater geht mit.«

Ein Umschlagen des Sturmes nach Süden schaffte ihnen günstigen Wind auf dem Bennett-See, auf dem sie vor dem Winde unter einem großen, von Liverpool verfertigten Segel liefen. Das schwere Gewicht der Ausrüstung wirkte als Ballast, so daß er drauflosfuhr, wie ein kühner Seemann muß, wenn jede Minute von Wichtigkeit ist. Eine Drehung des Windes von vier Strich nach Südwest, die gerade rechtzeitig kam, als sie den Caribou Crossing erreichten, trieb sie durch dieses Bindeglied von Tagish- und Marsh-See. Während eines stürmischen Sonnenuntergangs und der darauffolgenden Dämmerung unternahmen sie die gefährliche Kreuzung über den Großen Windarm, wo sie zwei andere Boote mit Goldgräbern kentern und die Insassen ertrinken sahen.

Charles war dafür, daß sie nachts an Land gehen sollten, aber Liverpool blieb unerbittlich und steuerte nach dem Tagish-See, wobei er sich nach dem Geräusch der Brandung auf den Klippen und nach den gelegentlichen Feuern an der Küste richtete, die von schiffbrüchigen oder furchtsamen Argonauten erzählten. Um vier Uhr morgens weckte er Charles. Der alte Tarwater, der wach lag und zitterte, hörte, wie Liverpool Charles nach achtern neben sich an die Ruderpinne rief, und hörte auch die einseitige Unterhaltung.

»Hör gut zu, Freund Charles, und halt selber den Mund«, begann Liverpool. »Ich wünsche, daß du dir eins merkst. Der alte Vater reist weg auf Order der Polizei. Verstanden? Er reist weg. Wenn sie unsere Ausrüstung untersuchen, gehört dem alten Vater ein Fünftel davon. Verstanden? Dadurch kommen wir alle unter das Gewicht, das wir haben sollten, aber wir werden sie schon irgendwie bluffen. Also merk dir das und vergiß es nicht! Es bleibt dabei!«

»Wenn du glaubst, ich würde das alte Wrack verraten…«, begann Charles gekränkt.

»Das ist dein Gedanke, ich habe nicht ein Wort davon gesagt«, unterbrach ihn Liverpool. »Versteh mich recht: Mir ist es einerlei, was du gedacht hast. Es kommt darauf an, was du denken wirst. Wir kommen heute im Laufe des Nachmittags an der Polizeistation vorbei und müssen uns bereithalten, die Geschichte ohne Blinzeln durchzuführen, und es ist am besten, so wenig wie möglich davon zu reden.«

»Wenn du glaubst, ich wollte…«, begann Charles wieder.

»Hör mal«, unterbrach ihn Liverpool. »Ich weiß nicht, was du willst. Ich will es auch nicht wissen. Ich wünsche, daß du weißt, was ich will. Wenn wir Pech haben, wenn der alte Vater von der Polizei zurückgeschickt wird, dann suche ich mir den ersten ruhigen Platz aus und setze dich an Land. Und dann gebe ich dir eine gehörige Tracht Prügel. Versteh mich recht. Das wird keine halbe Sache, sondern eine richtige zweibeinige und zweihändige Tracht Prügel. Ich gedenke dich nicht totzuschlagen, aber viel wird nicht daran fehlen.«

»Aber was kann ich denn dabei machen?« meinte Charles kläglich.

»Nur eines«, waren Liverpools Schlußworte. »Bete nur kräftig, daß der alte Vater an der Polizei vorbeikommt, daß er wirklich vorbeikommt – das ist alles. Und nun mach, daß du wieder in deine Decken kommst.«

Ehe sie den Le-Barge-See erreichten, war das Land mit Schnee bedeckt, der das nächste halbe Jahr nicht schmelzen sollte. Sie konnten auch nicht nach Belieben am Ufer anlegen, denn dort bildete sich schon eine Eiskante. Gerade vor der Mündung des Flusses in den Le-Barge-See fanden sie Hunderte von Argonauten, deren Boote der Sturm aufgehalten hatte. Von Norden wehte quer über den großen See herüber ein unendlicher Schneesturm. Drei Morgen hintereinander stießen sie ab und kämpften mit dem Sturm und den Wellen, deren Spritzer zu Eis wurden, wenn sie ins Boot fielen. Während die anderen sich an den Riemen zuschanden arbeiteten, sorgte der alte Tarwater dafür, sein Blut genügend in Zirkulation zu halten, indem er das Eis zerhieb und über Bord warf.

Als sie drei Tage nacheinander geschlagen waren und hilflos dalagen, machten sie kehrt und liefen wieder in den schirmenden Fluß ein. Am vierten Tage waren die Boote zu dreihundert angewachsen, und die zweitausend Argonauten an Bord wußten, daß der große Sturm das Zufrieren des Le-Barge-Sees verkündete. Eine Strecke weiter strömten die reißenden Flüsse noch tagelang. Wenn sie aber nicht gleich aufbrachen, waren sie dazu verurteilt, für die nächsten sechs Monate einzufrieren.

»Heute müssen wir durchkommen«, erklärte Liverpool. »Heute gibt es kein Umkehren. Und wer von uns an den Riemen stirbt, wird wieder aufleben und weiterrudern.«

Und sie kamen durch; sie legten bis Anbruch der Nacht die Hälfte von der Länge des Sees zurück und ruderten weiter die ganze Nacht, während der Wind sich legte. Sie schliefen an den Riemen ein, wurden von Liverpool aufgerüttelt und arbeiteten sich durch einen bösen Traum, lang wie ein Leben, hindurch, während die Sterne zum Vorschein kamen, die Oberfläche des Sees glatt wie ein Stück Papier wurde und zu dünnem Eis gefror, das wie zerbrochenes Glas klirrte, wenn die Ruderblätter es zerschlugen.

Als der Tag klar und kalt anbrach, fuhren sie in die Flußmündung ein und ließen einen zugefrorenen See hinter sich. Liverpool sah sich nach seinem betagten Passagier um und fand ihn hilflos und fast bewußtlos. Als er das Boot an die Eiskante schwang, um ein Feuer zu machen und Tarwater von innen und außen zu erwärmen, protestierte Charles gegen einen solchen Zeitverlust.

»Dies ist nicht Geschäft, misch dich also nicht hinein«, unterrichtete Liverpool ihn. »Ich bin es, der für die Bootsfahrt einsteht. Klettere also nur heraus und hack Holz, und zwar eine Menge. Du, Anson, machst ein Feuer, und du, Bill, stellst den Yukonofen im Boot auf. Der alte Vater ist nicht so jung wie wir andern, und für den Rest dieser Reise soll er am Feuer sitzen.« Alles geschah, wie er sagte, und das Boot, dessen zwei Ofenröhren der Rauch wie einem Flußdampfer entstieg, wurde vom Strom gepackt, stieß auf Klippen, blieb hängen, wo der Strom sich teilte, ging auf Stromschnellen und tiefe Schluchten los und trieb immer tiefer in den Winter des Nordlandes hinein. Der Große und der Kleine Lachsfluß warfen Grützeis in den Hauptstrom, als sie vorbeifuhren, und unterhalb der Schnellen löste sich Grundeis vom Flußbett und bedeckte die Oberfläche mit kristallklarem Schaum. Tag und Nacht wuchs das Randeis, bis es an ruhigen Stellen hundert Meter weit von der Küste in den Strom ragte. Und der alte Tarwater saß mit all seinen Kleidungsstücken am Ofen und schürte das Feuer. Da sie aus Furcht vor dem drohenden Zufrieren nicht anzuhalten wagten, fuhren sie Tag und Nacht weiter, inmitten einer immer wachsenden Menge Grützeis.

»Hallo, wie steht’s, Alter?« rief Liverpool von Zeit zu Zeit.

»Glänzend«, hatte der alte Tarwater zu antworten gelernt.

»Mein Sohn, was kann ich je zum Dank für Sie tun?« fragte Tarwater, der für das Feuer sorgte, zuweilen Liverpool, der, um die Blutzirkulation rege zu halten, bald die eine, bald die andere Hand auf den Bootsrand schlug, während er auf dem eiskalten Achtersitz saß und steuerte.

»Sing nur dein Lied, alter Neunundvierziger«, lautete die merkwürdige Antwort.

Und Tarwater erhob seine Stimme zu einem gackernden Singen, das er laut erklingen ließ, als das Boot schließlich durch das treibende Grützeis ans Ufer schwang, am Ufer von Dawson vertäut wurde und die ganze Flußstraße in Dawson die Ohren spitzte, um den Triumphgesang zu hören:

»Wie vor alters zog die Argo,

Kann uns keiner heut‘ verwehren

Auszuziehen, tum-tum-tum,

Um das Goldne Vlies zu scheren.«

Charles tat es, aber er tat es so vorsichtig, daß keiner von seiner Gesellschaft, am wenigsten der Seemann, etwas davon erfuhr. Er sah, daß zwei große, offene Boote sich mit Männern füllten. Auf seine Frage erfuhr er, daß es Leute ohne Proviant waren, die vom Sicherheitsausschuß eingefangen waren und den Yukon hinabgeschickt wurden. Die Boote sollten von dem letzten kleinen Dampfer, der sich in Dawson befand, geschleppt werden und man hoffte, daß sie, ehe der Fluß zufror, Fort Yukon erreichten, wo die gestrandeten Dampfer lagen. Auf jeden Fall sollte Dawson von ihrer Anwesenheit und ihrem Hunger befreit werden, einerlei, wie es ihnen erging. Deshalb begab sich Charles zum Sicherheitsausschuß, um ihm heimlich einen Floh bezüglich Tarwaters ins Ohr zu setzen, der weder Proviant noch Geld hatte und alt war. Tarwater war einer der letzten, der aufgelesen wurde, und als der junge Liverpool ans Ufer zurückkehrte, sah er gerade noch die Boote in einer Pressung von Grützeis um die Biegung hinter den Moosehide-Bergen verschwinden.

Die Boote fuhren den ganzen Tag im Grützeis und entgingen mehrmals Baumstämmen, die an seichten Stellen im Grunde des Yukons saßen. Sie legten ihre Hunderte von Meilen nordwärts zurück und froren dicht neben der Proviantflotte ein. Hier, innerhalb des Polarkreises, ließ der alte Tarwater sich für den langen Winter nieder. Er arbeitete täglich einige Stunden, indem er Holz für die Dampfschiffgesellschaft hackte, und das genügte, ihn zu ernähren. Die übrige Zeit hatte er nichts zu tun, als in seiner aus Baumstämmen erbauten Hütte den Winterschlaf zu halten.

Wärme, Ruhe und genügend Nahrung heilten seinen schlimmen Husten und brachten ihn in einen so guten Gesundheitszustand, wie es für seine vorgeschrittenen Jahre möglich war. Aber kurz vor Weihnachten verursachte der Mangel an frischem Gemüse eine Skorbutepidemie, und einer der enttäuschten Abenteurer nach dem anderen ergab sich auf diesem Höhepunkt des Unglücks kläglich und legte sich in seine Koje. Das tat Tarwater nicht. Als sich die ersten Symptome bei ihm zeigten, brachte er sein einziges Heilmittel, nämlich Bewegung, in Anwendung. In der der alten Handelsstation gehörigen Niederlage suchte er eine Anzahl alter Fallen hervor, und von einem Dampferkapitän lieh er sich eine Büchse.

So ausgerüstet, ließ er das Holzhacken und begann mehr als sein bloßes Auskommen zu verdienen. Auch als der Skorbut in seinem eigenen Körper ausbrach, verlor er den Mut nicht. Immer noch versorgte er seine Fallen und sang sein altes Lied. Kein Pessimist konnte seine Sicherheit bezüglich der dreihunderttausend erschüttern, die er in einem Strom von Klondikegold aus den Graswurzeln schütteln wollte.

»Aber dies ist kein Goldland«, sagten sie zu ihm.

»Gold ist, wo man es findet, mein Sohn. Ich muß es doch wissen, denn ich habe in Minen gearbeitet, längst ehe du geboren wurdest, im Jahre neunundvierzig«, lautete die Antwort. »Was war Bonanza Creek anderes als eine Elchweide? Kein Goldsucher wollte ihn ansehen; und doch wuschen sie Pfannen zu fünfhundert Dollar aus und gewannen fünfzig Millionen Dollar. Dorado war ebenso schlecht. Nach allem, was man weiß, liegen gerade unter dieser Hütte oder eben jenseits des nächsten Hügels Millionen und warten darauf, daß ein Glücklicher wie ich kommt und sie ans Tageslicht bringt.«

Ende Januar kam sein Unglück. Irgendein kräftiges Tier, seiner festen Meinung nach ein Luchs, verfing sich in einer seiner Fallen und schleppte sie fort. Ein starker Schneefall hielt seine Verfolgung auf halbem Wege auf, verlöschte die Fährte und ließ ihn sich verirren. Es war nur wenige Stunden täglich zwischen den zwanzig Stunden Finsternis hell, und seine Bemühungen in der Dämmerung und dem beständigen Schneefall hatten zur Folge, daß er sich noch gründlicher verirrte.

Glücklicherweise steigt das Thermometer stets, wenn Winterschnee im Nordland fällt; statt der gewöhnlichen vierzig, fünfzig oder sogar sechzig Grad Fahrenheit unter Null blieb die Temperatur auf fünfzehn Grad stehen. Er war auch warm gekleidet und hatte eine volle Streichholzschachtel bei sich. Ferner trug zur Linderung seiner Unannehmlichkeit bei, daß er am fünften Tage einen verwundeten Elch tötete, der mehr als eine halbe Tonne wog. Er schlug sein Lager neben dem toten Elch in einem tannenbewachsenen Gelände auf und bereitete sich darauf vor, hier den Winter durchzuhalten, falls er nicht von einer Abteilung, die nach ihm suchte, gefunden wurde oder sein Skorbut sich verschlimmern sollte.

Nach zwei Wochen aber hatte sich noch kein Mensch gezeigt, sein Skorbut sich aber unweigerlich verschlimmert. Dicht an seinem Feuer, gegen die äußere Kälte durch eine Mauer aus Tannenzweigen geschützt, lag er lange Stunden zusammengekauert schlafend und lange Stunden wach da. Aber die wachen Stunden wurden weniger, wurden sehr bald zu halbwachen und halbträumenden Stunden. Und langsam sank der letzte Funke von Bewußtsein, der John Tarwater ausmachte, immer tiefer hinab in die Tiefe seines Wesens, die zusammengesetzt war, ehe der Mensch Mensch war oder während er Mensch wurde, als er zuerst von allen Tieren sich selbst mit nach innen gewandten Augen betrachtet und den Grundstein zur Moral in einem Aberglauben gelegt hatte, der die Welt mit den Ungeheuern bevölkert, die seinen eigenen, jeder Ethik baren Wünschen entsprungen waren.

Wie ein Mensch im Fieber mit langen Zwischenräumen zum Bewußtsein erwacht, so erwachte der alte Tarwater, bereitete sich sein Elchfleisch und legte Holz aufs Feuer. Aber immer längere Zeit verbrachte er in seiner Schlaffheit, ohne zu wissen, was Traum im Wachen und was Traum im Schlafen während seiner Bewußtlosigkeit war. Und hier, in den unvergeßlichen Verstecken der ungeschriebenen Geschichte der Menschheit, die undenkbar und nicht zu erfahren ist, wie die Begebenheiten in einem Alptraum oder unmögliche Erlebnisse in der Verrücktheit, begegnete er den Ungeheuern, die das erste Moralgefühl des Menschen geschaffen und die ihn seither stets geplagt haben, so daß er phantastische Erzählungen ersinnen mußte, um sie zu täuschen oder zu bekämpfen.

Kurz, unter der Last seiner siebzig Jahre, in der ungeheuren schweigenden Einsamkeit des Nordens fand der alte Tarwater wie in einem durch einen Schlaftrunk oder ein Betäubungsmittel hervorgerufenen Delirium das kindliche Gemüt des Kindmenschen einer früheren Zeit wieder. In der Dämmerung der flatternden Schwingen des Todes kauerte Tarwater nieder und begann wie sein ferner Vorgänger, der Kindmensch, Mythen zu schaffen, die Sonne zu einem Halbgott zu machen und selbst der Halbgott zu werden, der nach dem Schatz aus undenkbaren Zeiten suchte, nach dem Schatz, der so schwer zu erringen ist.

Entweder mußte er den Schatz gewinnen – denn so lautete die unerbittliche Logik im Schattenland des Unbewußten –, oder er mußte in dem alles verschlingenden Meer, dem schwarzen Verzehrer des Lichts, versinken, der allnächtlich die Sonne verschlang, so daß sie erlosch – die Sonne, die immer wieder neu geboren am nächsten Morgen im Osten aufging und die für den Menschen das erste Symbol der Unsterblichkeit durch Wiedergeburt geworden ist. Alles das war in den Tiefen seines Bewußtseins (dem dunklen Westen des sinkenden Lichts) die nahe Dämmerung des Todes, in der er langsam versank.

Wie aber sollte er diesen finsteren Ungeheuern entgehen, die ihn von innen heraus langsam verschlangen? Allzu tief versunken war er, um von Befreiung zu träumen oder einen Fluchtgedanken zu hegen. Für ihn hatte die Wirklichkeit aufgehört zu sein. Nicht einmal aus der verfinsterten Kammer seines eigenen Ichs konnte die Wirklichkeit wieder aufflammen. Seine Jahre lasteten zu schwer auf ihm, und die Schwäche, die Folge der Krankheit, und die Schlaffheit und Gefühllosigkeit, die Folgen der Stille und Kälte, waren zu mächtig. Nur von außen konnte die Wirklichkeit auf ihn wirken und in ihm die Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit wieder erwecken. Sonst mußte er durch das Schattenreich des Unbewußten in die völlige Finsternis der Auslöschung sinken.

Doch er kam, dieser Anstoß der Wirklichkeit von außen, krachte in einem lauten, explosiven Schnauben gegen seine Trommelfelle. Zwei Tage lang, bei einer Temperatur, die sich nie über fünfzig Grad unter Null erhob, hatte sich nicht ein Windhauch geregt, hatte nicht der geringste Laut die Stille durchbrochen. Wie der Opiumraucher auf seiner Ruhebank seine Augen wieder von den weiten Räumen des Traumes auf die Enge der elenden Kammer einstellt, so starrte der alte Tarwater mit unsicherem Blick vor sich hin, über das sterbende Feuer, auf einen großen Elch, der ihn, ein verwundetes Bein nachschleppend, mit allen Anzeichen äußerster Ermattung erschrocken anstarrte; auch der war blind im Schattenland umhergeschweift und gerade, als er an Tarwaters Feuer trat, zur Wirklichkeit erwacht.

Matt zog der alte Tarwater sich den großen Fäustling aus Fell mit dem dicken Wollrand von seiner rechten Hand. Er versuchte, den Zeigefinger zu bewegen, fand aber, daß er zu steif war. Vorsichtig, langsam, in langen Minuten, wühlte er die bloße Hand unter seine Wolljacke und seine Fellparks, durch die Brustöffnung seiner Hemden in seine linke Armhöhle, die nur wenig warm war. Lange Minuten vergingen, ehe der Finger beweglich wurde, und dann hob er mit ebenso vorsichtiger Langsamkeit die Büchse an die Schulter und zielte über das Feuer hinweg auf das große Tier.

Bei dem Schuß wankte der eine der beiden schattenhaften Wanderer in die Finsternis hinab, und der andere wirbelte aufwärts zum Licht, wie ein Betrunkener auf seinen vom Skorbut geschwächten Beinen taumelnd, vor Nervosität und Kälte bebend. Er rieb sich mit zitternden Fingern die rinnenden Augen und starrte auf die wirkliche Welt um sich her, die mit einer so überwältigenden Plötzlichkeit zu ihm zurückgekehrt war. Er nahm sich zusammen und erkannte, daß er lange Zeit, wie lange, wußte er nicht, in den Armen des Todes gebettet gewesen. Er spie aus, lauschte auf das Geräusch und schloß daraus, daß es weit unter sechzig Grad sein mußte. Tatsächlich zeigte das Spiritusthermometer in Fort Yukon an diesem Tage fünfundsiebzig Grad Fahrenheit unter Null, was, da der Gefrierpunkt zweiunddreißig Grad über Null liegt, hundertundsieben Grad Frost entspricht.

Langsam schmiedete Tarwaters Hirn einen vernünftigen Plan zur Tat. Hier in der unendlichen Einsamkeit wohnte der Tod. Zwei verwundete Elche waren hierhergekommen. Als sich der Himmel nach Eintritt der großen Kälte geklärt hatte, war ihm die Lage seiner Zufluchtsstätte klargeworden. Er wußte, daß die beiden verwundeten Elchtiere sich von Osten zu ihm geschleppt hatten. Deshalb mußte es Menschen im Osten geben – ob Weiße oder Indianer, konnte er nicht sagen –, aber jedenfalls Menschen, die ihm in seiner Not beistehen und ihm helfen konnten, sich jenseits des Meeres der Finsternis in der Wirklichkeit zu verankern.

Er bewegte sich langsam, aber er bewegte sich, umgürtete sich mit Büchse und Munition, nahm Streichhölzer und einen Packen mit zwanzig Pfund Elchfleisch. Ein verjüngter Argonaute, wenn auch auf beiden Beinen lahm und wankend, kehrte er dem gefährlichen Westen den Rücken und hinkte nun nach Osten, wo die Sonne aufgeht und wiedergeboren wird.

Mehrere Tage später – wie viele, sollte er nie erfahren – gelangte er, unter Träumen und Gesichten und sein altes Goldlied von neunundvierzig gackernd, wie einer, der am Ertrinken ist und matt schwimmt, um sein Bewußtsein über der verschlingenden Finsternis zu halten, auf einen Schneehang über einer tiefen Bergesschlucht und sah von unten Rauch aufsteigen und Männer, die mit der Arbeit aufhörten, um ihn anzustarren. Immer singend, stolperte er zu ihnen hinab, und als er vor Atemlosigkeit aufhörte, riefen sie ihn mit verschiedenen Namen: Heiliger Nikolaus, alter Weihnacht, Vollbart, Letzter Mohikaner und Vater Weihnacht. Und als er bei ihnen war, stand er ganz still, ohne zu reden, während große Tränen aus seinen Augen rannen. Er weinte lange schweigend, bis er sich, als besänne er sich plötzlich, mit krachenden und knirschenden Gliedern in den Schnee setzte, in dieser vorteilhaften Stellung seitwärts umsank und in eine ruhige und leichte Ohnmacht fiel.

In weniger als einer Woche war der alte Tarwater wieder auf den Beinen und hinkte bei der Hausarbeit in der Hütte umher, bereitete Essen und wusch auf für die fünf Mann am Bache. Es waren echte Pioniere, zäh und schwer zu narren, die so tief in der Polarwelt begraben gewesen waren, daß sie nichts von dem Sturm auf Klondike wußten. Die Nachrichten, die er ihnen brachte, waren das erste, was sie davon hörten. Sie lebten fast ausschließlich von Elch- und Renfleisch und geräuchertem Lachs, dazu wilden Beeren und einigen saftigen wilden Wurzeln, von denen sie im Sommer einen Vorrat gesammelt hatten. Sie hatten vergessen, wie Kaffee schmeckt, machten Feuer mit einem Brennglas, führten, wohin sie reisten, natürliche Feuerhölzer mit sich und rauchten in ihren Pfeifen getrocknete Blätter, die die Zunge bissen und in der Nase brannten.

Vor drei Jahren hatten sie von den Hauptstrecken von Koyokuk nordwärts bis zur Mündung des Mackenzie in das Nördliche Eismeer nach Gold gesucht. Dort hatten sie auf den Walfängerschiffen die letzten weißen Männer gesehen und sich mit dem letzten Proviant für weiße Männer versehen, der hauptsächlich aus Salz und Rauchtabak bestand. Auf dem Wege nach Süden und Westen, auf dem weiten Zuge bis zur Vereinigung von Yukon und Porcupine bei Fort Yukon, fanden sie in diesem Bache Gold und blieben hier, um den Boden zu bearbeiten.

Sie begrüßten Tarwaters Ankunft mit Freuden, wurden nie müde, seinen Erzählungen von neunundvierzig zu lauschen, und tauften ihn um zu »alter Held«. Mit Tee aus Tannennadeln, mit einem Gebräu aus Weidenrinde, mit sauren und bitteren Wurzeln und Zwiebeln aus der Erde trieben sie den Skorbut aus ihm heraus, so daß er nicht mehr hinkte und seine knochige Gestalt sich mit Fleisch zu bedecken begann. Er sah immer noch nicht ein, weshalb er nicht einen reichen Goldschatz aus der Erde gewinnen sollte.

»Wir wissen nichts von diesen dreihunderttausend«, sagten sie eines Morgens beim Frühstück, ehe sie zu ihrer Arbeit gingen, zu ihm. »Aber würden hunderttausend nicht genügen, alter Held? Das ist ein Claim unserer Berechnung nach wert; der Boden ist schlecht abgegrenzt, und wir haben schon ein Stück für dich abgesteckt.«

»Na ja, Jungens«, antwortete der alte Tarwater. »Ich danke euch herzlich, und alles, was ich sagen kann, ist, daß hunderttausend hübsch und für einen Anfänger sogar sehr hübsch sein würden. Aber natürlich höre ich nicht auf, ehe ich die dreihunderttausend voll habe. Deshalb bin ich ins Land gekommen.«

Sie lachten, priesen seinen Ehrgeiz und meinten, daß sie dann einen reicheren Bach für ihn ausfindig machen müßten. Und der alte Held meinte, daß er sich selbst, wenn das Frühjahr käme und er sich kräftiger fühlte, ein bißchen umschauen müsse.

»Denn nach allem, was man weiß«, sagte er, indem er auf einen Bergeshang auf der anderen Seite des Tales wies, »kann das Gold vielleicht in Klumpen an den Mooswurzeln dort unter dem Schnee hängen.«

Er sagte nichts mehr, als aber die Sonne stieg und die Tage wärmer und länger wurden, starrte er oft nach dem Bach und nach der deutlichen Terrassenformation in halber Höhe des Berges hinüber. Und eines Tages, als die Schneeschmelze schon in vollem Gange war, setzte er über den Fluß und erklomm die Terrasse. Wo der Boden der Sonne ausgesetzt war, war er schon einen Zoll tief geschmolzen. An einer solchen Stelle legte er sich nieder, nahm eine Handvoll Moos in seine großen, knorrigen Hände und zerrte die Wurzeln auseinander. Die Sonne schien auf mattschimmerndes Gold. Er schüttelte das Moos, und derbe Klumpen wie Kies fielen auf die Erde. Es war das Goldne Vlies, zum Scheren bereit.

 

Nicht vergessen in den Annalen Alaskas ist der Sommer 1898, in dem die Goldgräber von Fort Yukon nach den Minen bei den Terrassen von Tarwater Hill strömten. Und als Tarwater seinen Besitz für rund eine halbe Million an die Bowdie-Gesellschaft verkaufte und die Nase nach Kalifornien kehrte, ritt er auf einem Maultier auf einem neu angelegten Wege mit behaglichen Häusern bis zur Dampferanlegestelle von Fort Yukon.

Bei der ersten Mahlzeit auf dem Ozeandampfer von St. Michaels wurde er von einem grauhaarigen Steward bedient, dessen Gesicht von Sorgen verheert und dessen Körper vom Skorbut verrenkt war. Der alte Tarwater mußte ihn zweimal in Augenschein nehmen, um sich zu vergewissern, daß es Charles Crayton war.

»Schlecht gegangen, mein Sohn, was?« fragte Tarwater.

»So viel Glück habe ich gehabt«, klagte der andere, als er ihn erkannt und begrüßt hatte. »Nur einer von der Gesellschaft wurde vom Skorbut gepackt. Ich habe Höllenqualen erduldet. Die anderen drei arbeiten alle, sind gesund und bekommen Proviant und Ausrüstung, um im Winter am Weißen Fluß nach Gold zu suchen. Anson verdient fünfundzwanzig täglich als Zimmermann. Liverpool schlägt Holz für die Sägemühle und kriegt zwanzig, und der Große Bill hat vierzig täglich als Vorarbeiter der Sägemühle. Ich tat mein Bestes, und wenn der Skorbut nicht gewesen wäre…«

»Sicher, mein Sohn, hast du dein Bestes getan, was viel sein muß, da du von Natur aus reizbar und durch zu viele Geschäfte hart geworden bist. Aber ich will dir etwas sagen. Jetzt bist du so verschandelt, daß du dich nicht mehr zur Arbeit eignest. Ich werde deine Überfahrt beim Kapitän bezahlen, in freundlicher Erinnerung an die Unterstützung, die du mir gewährt hast, und du kannst dich den Rest der Reise ausruhen. Wie steht es mit dir, wenn du in San Franzisko an Land gehst?«

Charles Cray ton zuckte die Achseln.

»Ich will dir etwas sagen«, fuhr Tarwater fort. »Es gibt Arbeit für dich auf meinem Gut, bis du wieder mit Geschäften anfangen kannst.«

»Ich könnte Ihr Geschäft verwalten«, begann Charles eifrig.

»Nein, mein Herr«, erklärte Tarwater mit Nachdruck. »Aber es gibt immer Löcher für Pfosten zu graben und Brennholz zu hacken, und das Klima ist ausgezeichnet…«

Tarwater kam heim als der wahre verlorene Großvater, für den das fette Kalb bereitstand und geschlachtet wurde. Aber ehe er sich zu Tisch setzte, mußte er erst ein wenig umherschweifen. Und Söhne und Töchter sowie Schwiegersöhne und Schwiegertöchter mußten ihn unbedingt begleiten, so widerwärtig es ihnen auch war, aus der knorrigen alten Hand zu essen, die eine halbe Million auszubezahlen hatte. Er schritt an der Spitze, und keine Ansicht, die er heiter aussprach, war so falsch oder unmöglich, daß sie Widerspruch bei seinem Gefolge erregt hätte. Als er bei dem verfallenen Wasserrad stehenblieb, zu dem er das Holz im Hochwald geschlagen hatte, strahlte sein Gesicht, während er den Blick über das Tarwater-Tal und weiter über die fernen Höhen bis zu den Zinnen der Tarwater-Berge schweifen ließ – jetzt wieder alles sein.

Da kam ihm der Einfall, der ihn sich abwenden und die Nase putzen ließ, um das Blinzeln in seinen Augen zu verbergen. Immer noch von der ganzen Familie gefolgt, begab er sich zu der baufälligen Scheuer. Er hob einen alten Knüppel vom Boden auf.

»William«, sagte er, »erinnerst du dich der kleinen Unterhaltung, die wir hatten, ehe ich nach Klondike ging? Du erinnerst dich sicher noch, William. Du erzähltest mir, daß ich verrückt sei. Und ich sagte, mein Vater würde mir das Fell mit einem Knüppel gegerbt haben, wenn ich so mit ihm geredet hätte.«

»Ach, das war ja nur Unsinn«, versuchte William sich zu entschuldigen.

William war ein grauhaariger Mann von fünfundvierzig, und seine Frau und seine erwachsenen Söhne standen dabei und sahen neugierig zu, wie Großvater Tarwater seinen Rock auszog und ihn Mary zu halten gab.

»William, komm her!« befahl er gebieterisch.

William kam, wenn auch äußerst widerstrebend.

»Nur eine Kostprobe, mein Sohn William, von dem, was mein Vater mir oft genug gegeben hat«, brüllte der alte Tarwater, indem er auf Rücken und Schultern seines Sohnes mit dem Knüppel losprügelte. »Ich mache dich darauf aufmerksam, daß ich dich nicht auf den Kopf schlage. Mein Vater war sehr heftig und fragte nicht danach, wenn er prügelte. – Stoß nicht die Ellbogen zurück! Sonst bekommst du noch zufällig einen Schlag darauf. Und nun sag mir nur eines, mein Sohn William: Denkst du noch, daß ich verrückt bin?«

»Nein«, heulte William, vor Schmerzen herumtanzend, »du bist nicht verrückt, Vater! Natürlich bist du nicht verrückt.«

»Gesagt hast du es«, bemerkte der alte Tarwater bündig, indem er den Knüppel wegwarf und sich wieder in den Rock hineinarbeitete. »Und jetzt laßt uns hineingehen und essen.«