Romane

Achtzehntes Capitel.

Achtzehntes Capitel.

Phileas Fogg, Passepartout und Fix bekommen alle zu thun.

Während der letzten Tage der Fahrt war das Wetter schlimm. Sehr starker Wind, standhaft aus Nordwest, hemmte den Lauf des Packetbootes. Allzu unstät, schwankte der Rangoon beständig, und die Passagiere durften wohl diesen langen, Uebelbefinden erregenden Wellen grollen, welche der Wind von der hohen See aus herbeitrieb.

Während des 3. und 4. November war’s eine Art Sturm. Windstöße peitschten heftig das Meer. Der Rangoon mußte einen halben Tag lang beilegen, bei nur zehn Schraubenschlägen mit den Wellen laviren. Alle Segel waren eingezogen, und es war noch allzuviel Takelwerk, das mitten in den Windstößen pfiff.

Natürlich wurde die Schnelligkeit des Packetbootes dadurch bedeutend vermindert, und man konnte annehmen, daß es zu Hongkong um zwanzig Stunden nach der vorschriftsmäßigen Zeit anlangen würde, und noch später, wenn sich der Sturm nicht legte.

Phileas Fogg verhielt sich bei diesem Anblick eines wüthenden Meeres, welches direct gegen ihn zu kämpfen schien, mit seiner gewöhnlichen Gemüthsruhe. Seine Stirne ward nicht einen Augenblick finster, und doch konnte eine Verspätung um zwanzig Stunden seinen Reisezweck verderben, indem er die Abfahrt des Packetbootes nach Yokohama verfehlte. Aber dieser nervenlose Mann empfand weder Ungeduld, noch Unlust. Es schien wahrhaftig, als sei dieser Sturm in seinem Programm vorgesehen. Mrs. Aouda, die sich mit ihrem Gefährten über dies Unwetter unterhielt, fand ihn ebenso gleichmüthig wie zuvor.

Fix sah diese Dinge nicht mit demselben Auge an. Im Gegentheil hatte er Gefallen an dem Sturme. Es hätte ihm eine unendliche Befriedigung gewährt, wäre der Rangoon genöthigt gewesen, vor dem Sturme zu fliehen. Alle diese Verspätungen waren ihm Wasser auf seiner Mühle, denn sie konnten den Herrn Fogg nöthigen, einige Tage zu Hongkong zu verweilen. Endlich, der Himmel mit seinen Stürmen und Windstößen war ihm günstig. Zwar war er ein wenig unwohl, aber daran lag nichts! Wenn auch sein Körper an der Seekrankheit litt, sein Geist jubelte mit unendlicher Befriedigung Es läßt sich denken, wie Passepartout diese Zeit in unverhohlenem Zorn hinbrachte. Bisher war alles so gut gegangen! Land und Meer schienen seinem Herrn ergeben zu sein, Dampfer und Eisenbahnen folgten seinem Willen. Die Winde wirkten vereint mit der Dampfkraft zu Gunsten seiner Reise. War nun endlich die Zeit des Verrechnens gekommen? Passepartout, als wenn die zwanzigtausend Pfund der Wette aus seiner Börse gezahlt werden müßten, war wie vernichtet. Der arme Junge! Fix verhehlte ihm sorgfältig seine persönliche Befriedigung, und that wohl daran; denn hätte Passepartout seine stille Befriedigung wahrgenommen, so hätte er’s ihn arg empfinden lassen.

Passepartout blieb während der ganzen Dauer des Sturmes auf dem Verdeck des Rangoon. Unten hätte er nicht bleiben können; er kletterte in das Mastenwerk, und setzte die Bootsleute in Erstaunen, wie er so gewandt wie ein Affe zur Hilfe war. Hundertmal fragte er den Kapitän, die Officiere, die Matrosen, die sich des Lachens nicht erwehren konnten, als sie den Burschen so außer Fassung sahen. Passepartout wollte durchaus wissen, wie lange das Unwetter dauern würde. Man verwies ihn an den Barometer, der sich nicht entschließen konnte, zu steigen. Passepartout schüttelte den Barometer, aber es half nichts.

Endlich legte sich der Sturm. Der Zustand des Meeres änderte sich im Laufe des 4. November. Der Wind sprang um, und ward wieder günstig.

Mit der Witterung ward auch Passepartout wieder heiter. Es wurden wieder alle Segel aufgehißt, und der Rangoon setzte seinen Weg mit erstaunlicher Schnelligkeit fort.

Aber es ließ sich nicht alle verlorene Zeit wieder einbringen. Man mußte wohl sich darein ergeben, und erst am 6., um fünf Uhr Morgens wurde das Land signalisirt. Phileas Foggs Reisebüchlein hatte die Ankunft des Packetbootes auf den 5. angesetzt, und es kam erst am 6. an. Das war also eine Verspätung um vierundzwanzig Stunden, und die Weiterreise nach Yokohama mußte nothwendig verfehlt sein.

Um sechs Uhr kam der Lootse an Bord des Rangoon und nahm seinen Platz auf dem Steg, um das Fahrzeug durch die Fahrwasser bis zum Hafen von Hongkong zu leiten.

Passepartout war äußerst verlangend, diesen Mann zu befragen, ob das Packetboot für Yokohama von Hongkong bereits abgefahren sei. Aber er getraute sich nicht, und wollte lieber ein wenig Hoffnung bis zum letzten Augenblicke festhalten. Er hatte Fix seine Besorgnisse mitgetheilt, und der listige Fuchs versuchte ihn zu trösten durch die Mittheilung, daß Herr Fogg nur das nächste Boot zu nehmen brauche. Das versetzte Passepartout in äußersten Zorn.

Aber getraute auch Passepartout nicht den Lootsen zu befragen, so fragte ihn Herr Fogg, nachdem er in seinem Bradshaw nachgesehen, mit ruhiger Miene, ob er wisse, wann ein Boot von Hongkong nach Yokohama abgehe.

»Morgen früh mit der Fluth, erwiderte der Lootse.

– Ah!« sagte Herr Fogg, ohne seine Ueberraschung kund zu geben.

Passepartout, der zugegen war, hätte Lust gehabt, den Lootsen zu umarmen, und Fix hätte ihm gern den Hals umgedreht.

»Wie heißt dieser Dampfer? fragte Herr Fogg.

– Carnatic, versetzte der Lootse.

– Sollte er nicht schon gestern abfahren?

– Ja, mein Herr, aber es mußte einer seiner Kessel reparirt werden, und seine Abfahrt wurde auf morgen verschoben.

– Ich danke Ihnen«, erwiderte Herr Fogg, und begab sich mit automatischem Schritt in den Salon des Rangoon.

Passepartout drückte dem Lootsen kräftig die Hand, und sagte:

»Sie sind ein wackerer Mann!«

Der Lootse begriff wohl nicht, weshalb seine Antworten ihm diese Freundschaftsbezeugungen eintrugen. Er pfiff, und stieg auf den Steg, um das Packetboot mitten durch die Flotille von Jonken, Tanken, Fischerbarken und Fahrzeugen aller Art, wovon die Engen von Hongkong wimmelten, zu geleiten.

Um ein Uhr befand sich der Rangoon am Quai, und die Passagiere stiegen aus.

Bei diesem Umstande kam Herrn Fogg offenbar der Zufall trefflich zu Statten. Ohne diese nothwendige Reparatur der Kessel wäre der Carnatic am 5. November abgefahren, und die Passagiere nach Japan hätten acht Tage auf die Abfahrt des nächsten Bootes warten müssen. Herr Fogg war nun zwar um vierundzwanzig Stunden zurück, aber diese Verspätung blieb ohne Einfluß auf den übrigen Theil der Reise. Der Dampfer, welcher die Fahrt von Yokohama nach San Francisco durchs Stille Meer machte, stand mit dem Packetboote von Hongkong in directer Verbindung, so daß er vor dessen Ankunft nicht abfahren durfte. Offenbar hätte nun zu Yokohama bereits eine Verspätung um vierundzwanzig Stunden stattgefunden; die ließ sich jedoch während der zweiundzwanzig Tage der Fahrt durchs Stille Meer leicht wieder einbringen. Diese vierundzwanzig Stunden abgerechnet, befand sich also Herr Fogg, fünfunddreißig Tage nach seiner Abfahrt aus London, in Übereinstimmung mit seinem Programm.

Da der Carnatic erst um fünf Uhr des folgenden Tages abfuhr, so hatte Herr Fogg sechzehn Stunden Zeit für seine Geschäfte, d. h. in Betreff der Mrs. Aouda. Beim Aussteigen bot er der jungen Frau seinen Arm und führte sie zu einem Palankin. Die Träger bezeichneten ihm das Hotel des Club zum Einkehren. Passepartout ging hinter dem Palankin drein, und nach zwanzig Minuten kamen sie im Gasthofe an.

Es wurde für die junge Frau eine Wohnung genommen, und Phileas Fogg sorgte dafür, daß ihr nichts mangelte. Hierauf sagte er ihr, er wolle unverzüglich ihre Verwandten aufsuchen, deren Obhut er sie zu Hongkong überlassen sollte. Während dessen mußte Passepartout im Hotel seine Rückkehr abwarten, um die junge Frau nicht allein zu lassen.

Der Gentleman ließ sich auf die Börse führen, wo ein Mann, wie der honorable Jejeeh, der zu den reichsten Kaufleuten der Stadt gehörte, unfehlbar gekannt sein mußte.

Der Sensal, an welchen Herr Fogg sich wendete, kannte auch wirklich den parsischen Kaufmann. Aber seit zwei Jahren wohnte derselbe nicht mehr in China. Nachdem er sich ein Vermögen gemacht, hatte er sich in Europa etablirt, – in Holland, glaubte man, weil er während seiner kaufmännischen Thätigkeit in zahlreichen Verbindungen mit diesem Lande gestanden hatte.

Als Phileas Fogg ins Hotel zurückkam, ließ er sich sogleich bei Mrs. Aouda zum Besuch anmelden, und theilte ihr dann mit, daß der honorable Jejeeh nicht mehr zu Hongkong, vermutlich in Holland wohne.

Mrs. Aouda antwortete darauf nicht sogleich. Sie strich mit der Hand über ihre Stirne, und besann sich eine kleine Weile. Nachher sprach sie mit sanfter Stimme:

»Was soll ich nun anfangen? Herr Fogg.

– Das liegt auf der Hand, sagte der Gentleman. Mit nach Europa gehen.

– Aber das wäre Mißbrauch …

– Kein Mißbrauch, und Ihre Anwesenheit stört mein Programm durchaus nicht. – Passepartout?

– Zu dienen, mein Herr.

– Gehen Sie auf den Carnatic und nehmen Sie drei Cabinen.«

Passepartout war höchlich erfreut, daß die Reise in Gesellschaft der jungen Frau, die gegen ihn sehr freundlich war, fortgesetzt wurde, und ging sogleich seinen Auftrag auszurichten.

Neunzehntes Capitel.

Neunzehntes Capitel.

Passepartout nimmt zu lebhaften Antheil an seinem Herrn.

Hongkong ist nur ein Inselchen, das im Vertrag von Nanking nach dem Kriege von 1842 den Engländern als Eigenthum eingeräumt wurde. In einigen Jahren schuf dort das Colonisationsgenie Großbritanniens eine bedeutende Stadt mit dem Hafen Victoria. Die Insel liegt an der Mündung des Cantonflusses, nur sechzig Meilen von der portugiesischen Stadt Maçao, die auf dem andern Ufer sich befindet. Es konnte nicht fehlen, daß Hongkong in einem Handelswettkampf über Macao den Sieg davon trug, und bereits ist der chinesische Transithandel zum größten Theil über die englische Stadt geleitet. Docks, Spitäler, Werfte, Lagerhäuser, eine gothische Kathedrale, ein Regierungsgebäude, macadamisirte Straßen, alles giebt der Colonie das Aussehen, als sei eine der Handelsstädte der Grafschaft Kent oder Surrey, über den Erdball wandernd nach China, hier hin, fast zu den Antipoden, verpflanzt.

Passepartout schlenderte, die Hände in den Taschen, nach dem Hafen Victoria zu, und besah sich die Palankin, Schubkarren mit Segeln, die im himmlischen Reiche noch beliebt sind, und diese ganze Masse von Chinesen, Japanesen und Europäer, welche sich in den Straßen drängte.

Fast fand er auf seinem Gange noch einmal Bombay, Calcutta oder Singapore. So giebt’s eine Kette von englischen Städten rings um die Erde herum.

Passepartout kam im Hafen Victoria an, bei der Mündung des Cantonflusses. Da war ein Gewühl von Schiffen aller Nationen, Engländern, Franzosen, Amerikanern, Holländern, Kriegs- und Handels-Fahrzeugen, japanischen oder chinesischen Barken, Jonken, Sempa’s, Tanka’s und sogar schwimmende Blumenbeete.

Beim Weitergehen bemerkte Passepartout eine Anzahl Eingeborener in gelber Kleidung, alle schon hochbetagt. Als er in eine chinesische Barbierstube trat, um sich nach chinesischer Mode rasiren zu lassen, hörte er von dem Figaro, der ziemlich gut englisch sprach, daß diese Greise sämmtlich mindestens achtzig Jahre alt waren, und daß sie in diesem Alter das Recht bekamen, sich in Gelb, welches die kaiserliche Farbe ist, zu kleiden.

Als sein Bart fertig war, begab er sich an den Quai, wo der Carnatic zum Einschiffen lag. Hier gewahrte er Fix, der da behaglich spazierte, was ihm nicht gerade zum Verwundern war. Aber dem Polizei-Agenten konnte man’s an seinem Gesichte ansehen, welchen Aerger er empfand.

»Gut! sagte sich Passepartout, es steht schlecht für die Gentlemen des Reformclubs!«

Und er trat mit heiterm Lächeln zu Fix heran, ohne daß er dessen ärgerliche Miene bemerken wollte.

Nun hatte der Agent guten Grund, dem höllischen Unstern, der ihn verfolgte, zu fluchen. Noch kein Verhaftsbefehl! Offenbar lief der hinter ihm drein, und konnte nur dann ihn einholen, wenn er einige Tage in dieser Stadt verweilte. Und da Hongkong die letzte englische Station auf der ganzen Rundreise war, so mußte der Herr Fogg ihm unerreichbar entwischen, wenn es ihm nicht gelang, ihn hier zurückzuhalten.

»Nun, Herr Fix, sind Sie entschlossen, uns bis nach Amerika Gesellschaft zu leisten? fragte Passepartout.

– Ja, brummte Fix in den Bart.

– Nun, so kommen Sie! rief Passepartout mit hellem Lachen. Ich dachte mir’s ja, daß es Ihnen nicht möglich sein würde, sich von uns zu trennen. Kommen Sie mit, Ihren Platz zu nehmen!«

Und Sie gingen mit einander in’s Bureau der Seefahrten, und nahmen Cabinen für vier Personen. Aber der Beamte bemerkte ihnen, daß, da die Reparatur des Carnatic schon fertig sei, das Packetboot noch den nämlichen Abend um acht Uhr abfahren würde, und nicht erst am folgenden Morgen, wie angekündigt worden war.

»Recht schön! erwiderte Passepartout, das wird mein Herr schon einrichten. Ich will’s ihm melden.«

Jetzt entschloß sich Fix zu einem äußersten Schritt, nämlich dem Passepartout alles heraus zu sagen. Er meinte darin nur noch das einzige Mittel zu finden, um Phileas Fogg einige Tage zu Hongkong aufzuhalten.

Wie sie aus dem Bureau heraus kamen, bot Fix seinem Gefährten an, in einer Schenkbude ein Glas mit ihm zu trinken. Passepartout hatte noch Zeit; er nahm also die Einladung an.

Am Quai stand eine solche Schenke, die einladend aussah. Sie gingen mit einander hinein. Es war ein geräumiger, hübsch ausgeschmückter Saal, in dessen Hintergrunde ein Feldbett mit Polstern stand, worauf eine Anzahl Schläfer der Reihe nach lagen.

Etwa dreißig Gäste saßen in dem großen Saale um Tische von geflochtenem Bambus. Einige leerten Flaschen Ale oder Porter, andere Gläser gebrannten Wassers, Gin oder Branntwein. Zudem rauchten die meisten aus langen irdenen rothen Pfeifen, voll Opiumkügelein, die mit Rosenwasser getränkt waren. Darauf, nach einiger Zeit, glitt ein Raucher nach dem andern benebelt unter den Tisch, und die Kellner faßten ihn dann beim Kopf und den Füßen und schleppten ihn auf das Feldbett neben einen Kameraden. So lagen bereits etwa zwanzig solcher Trunkenbolde neben einander in einem viehischen Zustande.

Fix und Passepartout sahen, daß sie in eine Tabaksbude gerathen waren, die von solchen elenden, stumpfsinnigen, abgemagerten Dummköpfen besucht wurde, welchen das erwerbsüchtige England jährlich für mehr als zweihundert Millionen Mark von dem verderblichen Opium verkauft! Unglückselige Millionen, die einem der heillosesten Laster der menschlichen Natur abgewonnen wurden.

Die chinesische Regierung hat wohl einem solchen Mißbrauch durch die strengsten Gesetze zu steuern versucht, aber vergeblich. Früher waren für den Gebrauch des Opiums die reicheren Klassen allein förmlich bevorrechtet; nun ist er bis zu den niedersten Ständen vorgedrungen, und seine Verheerungen waren nicht mehr aufzuhalten. Das Opiumrauchen ist in dem Reich der Mitte überall verbreitet. Männer wie Weiber geben sich diesem beklagenswerthen Hang hin, und wenn sie an das Einschlürfen dieses Giftes gewöhnt sind, können sie demselben nicht mehr entsagen, oder sie bekommen schreckliche Magenkrämpfe. Ein tüchtiger Raucher schmaucht täglich bis zu acht Pfeifen, aber binnen fünf Jahren ist er auch des Todes.

In solch eine Rauchbude nun, wie sie da in Menge stehen, geriethen Fix und Passepartout in der Absicht eine Erfrischung zu nehmen. Passepartout hatte kein Geld bei sich, aber er nahm gern die »Freundlichkeit« seines Gefährten an, um sich dann seiner Zeit zu revanchiren.

Man verlangte zwei Flaschen Portwein, denen sodann der Franzose tüchtig zusprach, während Fix mit mehr Zurückhaltung seinen Kameraden sehr scharf beobachtete. Man plauderte von diesem und jenem, und besonders davon, daß Fix den vortrefflichen Gedanken bekam, auf dem Carnatic mitzufahren. Als die Flaschen geleert waren, stand Passepartout auf, um seinen Herrn zu benachrichtigen, daß die Abfahrt desselben einige Stunden früher stattfinden sollte.

Fix hielt ihn zurück.

»Einen Augenblick, sagte er.

– Was wollen Sie, Herr Fix?

– Ich habe etwas Ernstes mit Ihnen zu reden.

– Etwas Ernstes! rief Passepartout, und leerte die letzten Tröpfchen aus seinem Glase. Nun, davon reden wir morgen; heute hab‘ ich keine Zeit dazu.

– Bleiben Sie, erwiderte Fix. Es handelt sich um Ihren Herrn!«

Passepartout sah bei diesem Wort seinen Kameraden scharf an.

Es kam ihm vor, als mache Fix dabei ein sonderbares Gesicht; und er setzte sich wieder hin.

»Was haben Sie mir denn zu sagen?« fragte er.

Fix legte seine Hand auf den Arm seines Genossen und sprach halblaut:

»Sie haben gerathen, wer ich bin? fragte er.

– Den Teufel ja! sagte Passepartout mit Lachen.

– Nun, so will ich Ihnen alles heraussagen …

– Jetzt, da ich alles weiß, Gevatter! Ah! Das ist so stark nicht! Kurz, nur immer zu. Aber zuvor lassen Sie mich Ihnen sagen, daß diese Gentlemen sich vergebliche Kosten gemacht haben!

– Vergeblich! sagte Fix. Sie sprechen davon auf eine eigene Art! Man sieht wohl, Sie wissen nicht, wie bedeutend die Summe ist, um die sich’s handelt!

– Doch ja! versetzte Passepartout. Zwanzigtausend Pfund!

– Fünfundfünfzigtausend! erwiderte Fix, und drückte dem Franzosen die Hand.

– Wie! rief Passepartout, Herr Fogg hätte gewagt! … Fünfundfünfzigtausend! … Nun denn! um so mehr Grund, keinen Augenblick zu verlieren, fügte er bei, und stand abermals auf.

– Fünfundfünfzigtausend Pfund! fuhr Fix fort, und nöthigte Passepartout zum Sitzen, wofür er eine Flasche Branntwein bestellte, – und wenn ich zum Ziel komme, gewinne ich einen Preis von zweitausend Pfund. Wollen Sie fünfhundert davon dafür, daß Sie mir dazu behilflich sind?

– Ihnen behilflich sein? rief Passepartout, und riß seine Augen übermäßig auf.

– Ja, mir behilflich sein, um den Herrn Fogg einige Tage in Hongkong zurückzuhalten!

– Was meinen Sie? sagte Passepartout. Also, nicht zufrieden, meinem Herrn aus Mißtrauen in seine Ehrlichkeit einen Begleiter beizugeben, wollen die Herren ihm auch noch Hindernisse bereiten! Ich schäme mich um ihretwillen!

– Was meinen Sie damit? fragte Fix.

– Ich meine, das ist doch eine grobe Sache, Herrn Fogg so auszuziehen, sein Geld aus der Tasche zu nehmen.

– Ei! ja wohl rechnen wir darauf, das zu erreichen!

– Aber, das ist ja ein Hinterhalt! schrie Passepartout, der durch den Branntwein, welchen Fix ihm einschenkte, immer hitziger ward, – ein Hinterhalt! Von Gentlemen! Von Collegen!«

Fix begriff das nicht mehr.

»Von Collegen! rief Passepartout, von Mitgliedern des Reformclubs! Wissen Sie, Herr Fix, mein Herr ist ein rechtschaffener Mann, und wenn er eine Wette gemacht hat, denkt er sie redlich zu verdienen.

– Aber für wen halten Sie mich denn? fragte Fix und sah Passepartout fest in’s Auge.

– Zum Henker! für einen Agenten der Mitglieder des Reformclubs, mit dem Auftrage, die Reise meines Herrn zu controliren, was doch recht demüthigend ist! Darum hab‘ ich auch, obwohl ich schon seit einiger Zeit errathen habe, wer Sie sind, dem Herrn Fogg ja nichts davon gesagt!

– Er weiß nichts davon? … fragte Fix lebhaft.

– Nichts«, erwiderte Passepartout, und leerte sein Glas nochmals.

Der Polizei-Agent fuhr mit der Hand über seine Stirn und zögerte, weiter zu reden. Was sollte er jetzt thun? Passepartouts Irrthum schien aufrichtig; aber er machte die Ausführung seines Vorhabens schwieriger. Offenbar sprach dieser Bursche durchaus ehrlich, und war kein Mitschuldiger seines Herrn, – was Fix hätte befürchten mögen.

»Nun, sagte er zu sich, da er nicht mitschuldig ist, wird er auch mir behilflich sein.«

Der Detectiv hatte abermals seinen Entschluß gefaßt. Uebrigens hatte er keine Zeit mehr abzuwarten. Herr Fogg mußte um jeden Preis zu Hongkong aufgehalten werden.

»Hören Sie mich an, sagte Fix halblaut, hören Sie mich recht an. Ich bin nicht, wofür Sie mich halten, d. h. ein Agent von Mitgliedern des Reformclubs …

– Bah! sagte Passepartout, und sah ihm spöttisch ins Gesicht.

– Ich bin Polizei-Agent, mit Auftrag von der Regierung zu London …

– Sie … Polizei-Agent! …

– Ja, und ich beweise es, fuhr Fix fort. Hier meine Commissionsurkunde.«

Und der Agent holte ein Papier aus seiner Brieftasche und zeigte seinem Begleiter eine vom Director der Centralpolizei unterzeichnete Commission. Passepartout, ganz verdutzt, schaute Fix an, ohne ein Wort vorbringen zu können.

»Die Wette des Herrn Fogg, fuhr Fix fort, ist nur ein Vorwand, womit Sie an der Nase geführt werden, Sie, sammt den Collegen des Reformclubs, denn es war ihm darum zu thun, sich Ihrer unbewußten Theilnahme zu versichern.

– Aber weshalb? … rief Passepartout.

– Hören Sie. Am 28. September wurde aus der Bank von England von einem Individuum, dessen Signalement aufgenommen werden konnte, ein Diebstahl von fünfundfünfzigtausend Pfund verübt. Nun, sehen Sie, dies Signalement paßt Zug für Zug auf Herrn Fogg.

– Gehen Sie mir weg! rief Passepartout, und schlug mit kräftiger Faust auf den Tisch. Mein Herr ist der ehrlichste Mann auf der Welt!

– Woher wissen Sie das? erwiderte Fix. Sie kennen ihn gar nicht! Sie sind erst am Tage seiner Abreise bei ihm eingetreten, und er ist über Hals und Kopf unter einem verrückten Vorwande abgereist, ohne Koffer, mit einer ungeheuern Summe Banknoten! Und Sie getrauen sich, ihn einen ehrlichen Menschen zu heißen!

– Ja! ja! sagte mechanisch der arme Junge wiederholt.

– Wollen Sie als sein Mitschuldiger arretirt werden?«

Passepartout faßte seinen Kopf in beide Hände. Er war nicht mehr zu kennen; wagte dem Polizei-Agenten nicht in’s Angesicht zu sehen. Phileas Fogg ein Dieb, der Retter Aouda’s, der edle, wackere Mann! Und doch, welche Verdachtsgründe gegen ihn! Passepartout versuchte die in seinen Geist schleichenden Verdachtsgründe abzuweisen, wollte nicht an die Schuld seines Herrn glauben.

»Schließlich, was wollen Sie von mir? sagte er zu dem Polizei-Agenten, indem er sich zusammen nahm.

– Das will ich Ihnen sagen. Ich bin dem Herrn Fogg bis hierher nachgeschlichen, aber noch nicht im Besitz des Verhaftsbefehls, den ich aus London begehrt habe. Sie müssen daher mir behilflich sein, ihn zu Hongkong aufzuhalten ….

– Ich! soll …

– Und ich theile mit Ihnen den von der Englischen Bank ausgesetzten Preis von zweitausend Pfund!

– Niemals!« erwiderte Passepartout, der aufstehen wollte und wieder zurücksank, da ihm sein Verstand und seine Kräfte mit einander schwanden.

»Herr Fix, sprach er stammelnd, sollte auch alles, was Sie mir gesagt haben, wahr sein … Wäre mein Herr auch der Dieb, welchen Sie suchen … was ich nicht zugebe … Ich bin in seinem Dienst, bisher wie jetzt, … habe ihn als gut und edelmüthig kennen gelernt … Ihn verrathen … niemals … nein, für alles Gold in der Welt nicht … Ich bin aus einem Dorfe, wo man solches Brod nicht ißt! …

– Sie weigern sich?

– Ja.

– Thun wir, als hätte ich nichts gesagt, erwiderte Fix, und trinken noch eins.

– Ja, trinken wollen wir!«

Passepartout fühlte mehr und mehr sich von Trunkenheit bemeistert. Fix, der ihn um jeden Preis von seinem Herrn trennen wollte, suchte mit ihm fertig zu werden. Auf dem Tische lagen einige mit Opium gestopfte Pfeifen. Fix gab dem Passepartout unvermerkt eine in die Hand; er nahm sie, hielt sie an seine Lippen, zündete sie an, that einige Züge und sank betäubt mit schwerem Kopfe zurück.

»Schließlich, sagte Fix, als er den Passepartout bewußtlos sah, der Herr Fogg wird nicht mehr zeitig von der Abfahrt des Carnatic in Kenntniß gesetzt und wenn er abreist, geschieht es wenigstens ohne diesen verfluchten Franzosen!«

Darauf bezahlte er die Zeche und ging weg.

Zweites Capitel.

Zweites Capitel.

Passepartout hat sein Ideal gefunden.

»Meiner Treu, sagte sich Passepartout, der anfangs etwas verdutzt war, ich finde, daß die Hampelmännchen bei Madame Tussaud ebenso lebendig sind, als mein neuer Herr!«

Die Hampelmännchen der Madame Tussaud sind nämlich Wachsfiguren, die in London sehr gerne gesehen wurden, und bei denen man in der That nur vermißte, daß sie nicht reden konnten.

Während der wenigen Augenblicke, wo er mit Phileas Fogg zusammen gewesen, hatte Passepartout seinen künftigen Herrn rasch, aber doch genau gemustert. Der Mann von edler und schöner Gestalt, hohem Wuchs, dem einige Wohlbeleibtheit nicht übel stand, mochte etwa vierzig Jahre alt sein, hatte blondes Haar und Bart, eine glatte Stirn ohne auch nur einen Schein von Runzeln an den Schläfen, ein mehr bleiches als geröthetes Angesicht, prachtvolle Zähne. Er schien in hohem Grade zu besitzen, was die Physiognomisten »Ruhe in der Thätigkeit« nennen, eine Eigenschaft, die allen denen gemein ist, welche mit wenig Geräusch ihre Arbeit treiben. Mit Seelenruhe und Phlegma begabt, reinem Auge und unbeweglichen Wimpern, war er der vollendete Typus jener kaltblütigen Engländer, wie man sie im Vereinigten Königreiche ziemlich häufig antrifft, und deren etwas akademische Haltung Angelika Kaufmann’s Pinsel zum Staunen treffend dargestellt hat. Sah man diesen Gentleman in seinen verschiedenen Thätigkeiten, so gab er die Idee eines Geschöpfes, dessen sämmtliche Theile wohl im Gleichgewicht standen und richtig abgewogen waren, so vollkommen, wie ein Chronometer von Leroy oder Earnshaw. Und in der That war Phileas Fogg die personificirte Genauigkeit, was man deutlich an »dem Ausdruck seiner Füße und Hände« sah; denn beim Menschen, wie bei den Thieren, sind die Glieder selbst ausdrucksvolle Organe der Leidenschaften.

Phileas Fogg gehörte zu den mathematisch exacten Menschen, welche niemals eilig und stets fertig, mit ihren Schritten und Bewegungen sparsam sind. Er hob sein Bein nicht, ohne daß es nöthig war, und ging stets den kürzesten Weg. Kein Blick nach der Decke war bei ihm vergeblich, keine Handbewegung überflüssig. Man sah ihn nie in Gemüthsbewegung oder Unruhe. Kein Mensch auf der Welt war weniger hastig, und doch kam er stets zu rechter Zeit. Man wird jedoch begreiflich finden, daß dieser Mann einsam lebte, und so zu sagen außer aller gesellschaftlichen Beziehung. Er wußte, daß es im Leben unvermeidlich Reibungen giebt, und da die Reibungen hemmen, so rieb er sich an Niemand.

Was nun Jean, genannt Passepartout, betrifft, so war er ein echter Pariser aus Paris, und hatte seit den fünf Jahren, wo er in England wohnte und zu London den Kammerdiener machte, vergeblich einen Herrn gesucht, an den er sich fest anschließen konnte.

Passepartout gehörte nicht zu denen, die sich in die Brust werfen, mit kecker Nase, zuversichtlichem Blick, trockenem Auge doch nur unverschämte Tölpel sind. Nein, Passepartout war ein braver Bursche mit freundlichem Gesicht, etwas vorstehenden Lippen, ein sanfter und geschmeidiger Charakter, mit so einem gutwilligen, runden Kopf, wie man ihn gerne auf den Schultern eines Freundes sieht. Er hatte blaue Augen, belebten Teint, ein Gesicht, das voll genug war, um selbst die Wölbung seiner Wangen wahrzunehmen; breite Brust, starke Taille, einen Muskelbau von herculischer Kraft, welche durch die Uebungen seiner Jugendzeit erstaunlich entwickelt war. Seine braunen Haare spielten etwas in’s Röthliche. Kannten die Bildhauer des Alterthums achtzehn verschiedene Arten, das Haupthaar der Minerva zu ordnen, so wußte Passepartout für das seinige nur eine: drei Strich mit dem Scheitelkamm und der Hauptschmuck war fertig.

Ob der mittheilsame Charakter dieses Burschen zu dem des Phileas Fogg passen würde, war der einfachsten Voraussicht nicht möglich zu sagen. Sollte wohl Passepartout der so gründlich exacte Diener sein, welchen sein Herr bedurfte? Das ließe sich nur aus der Erfahrung abnehmen. Nachdem er, wie wir wissen, eine ziemlich vagabundirende Jugend gehabt, trachtete er nach einem ruhigen Leben. Da man ihm die regelmäßige Pünktlichkeit und sprüchwörtliche Kälte der Gentlemen gepriesen hatte, so versuchte er in England sein Glück. Aber bisher hatte der Zufall ihm schlecht gedient; er hatte nirgends Wurzel fassen können, und schon zehnmal den Herrn gewechselt. Ueberall war man phantastisch, ungleich, abenteuerlich, von Land zu Land schweifend, – was für Passepartout nicht mehr passen konnte. Sein letzter Herr, der junge Lord Longsferry, Parlamentsmitglied, kam oft, wenn er seine Nacht in den »Austernstuben« Haymarkets verbracht, auf den Schultern der Polizeileute nach Hause. Passepartout, der vor allen Dingen seines Herrn Ehre wahren wollte, wagte einige respectvolle Bemerkungen, die üble Aufnahme fanden, und er verließ den Dienst. Darauf hörte er, Phileas Fogg, Sq., suche einen Diener, und erkundigte sich über ihn. Ein Mann von so geregeltem Leben, der nicht auswärts schlief, keine Reisen machte, niemals auch nur einen Tag abwesend war, konnte ihm nur angenehm sein. Er stellte sich vor und wurde, wie wir wissen, angenommen.

Passepartout befand sich also, nachdem halb zwölf vorüber war, allein im Hause der Saville-Row. Sogleich machte er sich daran, es vom Keller bis zum Speicher zu besichtigen. Dieses reinliche, geordnete, strenge, puritanische, wohl für den Dienst eingerichtete Haus gefiel ihm. Es machte auf ihn den Eindruck eines schönen Schneckenhauses, das jedoch mit Gas erleuchtet und geheizt war, denn der kohlenstoffhaltige Wasserstoff war darin hinreichend für alle Bedürfnisse der Beleuchtung und Erwärmung. Passepartout fand leicht im zweiten Stock das für ihn bestimmte Zimmer, und es gefiel ihm. Durch elektrische Glocken und Hörrohre stand es mit den Gemächern des Zwischenstocks und der ersten Etage in Verbindung! Auf dem Kamin stand eine elektrische Uhr, welche mit der Uhr im Schlafzimmer von Phileas Fogg übereinstimmte, und beide schlugen in demselben Augenblick dieselbe Secunde.

»Das steht mir an, das gefällt mir!« sagte Passepartout.

Er bemerkte auch in seinem Zimmer über der Standuhr ein Merkblatt angeheftet, mit der Vorschrift des täglichen Dienstes. Dasselbe enthielt – von acht Uhr Vormittags, der regelmäßigen Zeit, wo Phileas Fogg aufstand, bis zu halb zwölf, da er zum Frühstücken sich auf den Reformclub begab – alle Einzelheiten des Dienstes: Thee und geröstete Brodschnitten um acht Uhr dreiundzwanzig Minuten; Wasser zum Rasiren, um neun Uhr siebenunddreißig; Frisiren um neun Uhr vierzig, u.s.w. Nachher von halb zwölf Vormittags bis zu zwölf Uhr Nachts, wo der methodische Gentleman zu Bette ging, war alles aufgezeichnet, vorgesehen, geregelt. Passepartout machte sich eine Freude daraus, dies Programm zu studieren und dessen verschiedene Artikel seinem Geist einzuprägen.

Die Garderobe des Herrn war sehr gut ausgestattet und merkwürdig gehaltreich. Jede Hose, jeder Rock oder Weste war mit einer Ordnungsnummer versehen, die in einem Register eingetragen war, worauf das Datum stand, wann, der Jahreszeit nach, diese Stücke angezogen werden sollten. Gleiche regelmäßige Anordnung auch für die Fußbekleidung.

Im Allgemeinen war dieses Haus der Saville-Row, – welches zur Zeit des berühmten, aber zerstreuten Sheridan ein Tempel der Unordnung gewesen sein muß – bequem möblirt, einer hübschen Gemächlichkeit entsprechend.

Keine Bibliothek, keine Bücher, welche für Herrn Fogg unnütz gewesen wären, weil der Reformclub zwei Bibliotheken, eine für Literatur, die andere für Recht und Politik, ihm zur Verfügung stellte. In dem Schlafzimmer ein Kassenschrank mittlerer Größe, der gegen Feuersgefahr und Diebstahl sicherte. Keine Waffe im Hause, nichts von Jagd- oder Kriegsgeräthe. Aus Allem sah man nur die friedlichsten Gewohnheiten.

Nachdem Passepartout diese Wohnung im Detail gemustert hatte, rieb er sich die Hände, sein breites Gesicht ward heiter, und er sagte wiederholt freudigen Herzens:

»Das steht mir an! Hier ist mein Platz! Herr Fogg und ich, wir verstehen uns vollkommen. Das ist ein geregelter Mann, ein Zimmerhüter! Eine wahre Maschine! Nun, ich bin’s ganz zufrieden, eine Maschine zu bedienen!«

Erstes Capitel.

Erstes Capitel.

Phileas Fogg und Passepartout nehmen sich einander als Herr und Diener an.

Im Jahre 1872 wohnte in dem Hause Nummer 7, Saville-Row, Burlington Gardens, – worin Sheridan im Jahre 1814 starb, – Phileas Fogg, Sq., eines der ausgezeichnetsten und hervorragendsten Mitglieder des Reformclubs zu London, der jedoch dem Anschein nach beflissen war nichts zu thun, was Aufsehen erregen konnte.

Dieser Phileas Fogg, also Nachfolger eines der größten Redner, welche Englands Zierde sind, war ein rätselhafter Mann, von dem man nichts weiter wußte, als daß er ein recht braver Mann und einer der schönsten Gentlemen der vornehmen Gesellschaft sei.

Man sagte, er gleiche Byron – sein Kopf, denn seine Füße waren tadellos, – aber ein Byron mit Schnurr- und Backenbart, ein Byron mit leidenschaftslosen Zügen, der tausend Jahre alt werden konnte, ohne zu altern.

Ein echter Engländer unstreitig, war Phileas Fogg vielleicht kein Londoner. Man sah ihn nie auf der Börse, noch auf der Bank, noch auf irgend einem Comtoir der City. Nie sah man in den Bassins und Doggs zu London ein Schiff, dessen Eigner Phileas Fogg gewesen wäre. In keinem Comité der Verwaltung hatte dieser Gentleman einen Platz; nie hörte man seinen Namen in einem Advocaten-Colleg, oder im Temple, in Lincoln’s-Inn oder Gray’s-Inn. Er plaidirte niemals, weder beim Obergerichtshof noch bei der Kingsbench, beim Schatzkammergericht oder einem geistlichen Hof. Er war weder ein Industrieller, noch ein Großhändler, noch Kaufmann oder Landbauer. Er gehörte weder dem Königlichen Institut, noch dem Institut von London, noch sonst irgend einer Anstalt der Kunst, Wissenschaft oder Gewerbe an; noch endlich einer der zahlreichen Gesellschaften, wovon die Hauptstadt Englands wimmelt, von der Harmonie bis zur entomologischen Gesellschaft, welche hauptsächlich den Zweck verfolgt, die schädlichen Insecten zu vertilgen.

Phileas Fogg war Mitglied des Reformclubs, nichts weiter.

Wundert man sich, daß ein so mysteriöser Gentleman unter den Gliedern dieser ehrenwerthen Gesellschaft zählte, so dient zur Antwort, daß er auf Empfehlung des Hauses Gebr. Baring, wo er sein Geld angelegt hatte, Aufnahme fand. Daher ein gewisses Ansehen, welches er dem Umstand verdankte, daß von dem Soll seines Conto-Corrents seine Wechsel bei Sicht pünktlich gezahlt wurden.

War dieser Phileas Fogg reich? Unstreitig. Aber wie er sich dies Vermögen gemacht, konnten die Bestunterrichteten nicht sagen, und Herr Fogg war der Letzte, an den man sich wenden durfte, um es zu erfahren. Jedenfalls war er nicht verschwenderisch, aber auch nicht geizig; denn überall, wo es für eine edle, nützliche oder großmüthige Sache an einem Betrag mangelte, schoß er ihn im Stillen bei, und selbst anonym.

Im Allgemeinen war dieser Gentleman sehr wenig mittheilsam. Er sprach so wenig wie möglich, und schien um so geheimnisvoller, als er schweigsam war. Doch lag seine Lebensweise Jedem vor Augen, aber was er that, war so mathematisch stets eins und dasselbe, daß die unbefriedigte Einbildungskraft weiter hinaus forschte.

Hatte er Reisen gemacht? Vermutlich, denn kein Mensch war besser wie er in aller Welt auf der Karte bekannt. Auch von dem entlegensten Ort schien er genaue Kenntniß zu haben. Manchmal wußte er, doch in wenigen, kurzen und klaren Worten, die tausend Aeußerungen, welche im Club über verlorene oder verirrte Reisende circulirten, zu berichtigen, und seine Worte schienen oft wie von einem zweiten Gesicht eingegeben, denn jedes Ereignis rechtfertigte sie schließlich. Es war ein Mann, der überall hin – im Geiste wenigstens, gereist sein mußte.

Zuverlässig jedoch war Phileas Fogg seit vielen Jahren nicht aus London hinaus gekommen. Wer ihn etwas näher zu kennen die Ehre hatte, bezeugte, daß kein Mensch ihn je wo anders gesehen, als auf dem geraden Wege von seinem Hause zum Club, den er tagtäglich machte. Sein einziger Zeitvertreib bestand im Lesen der Journale und im Whistspiel. Bei diesem schweigsamen Spiel, welches so sehr seiner Natur angemessen war, gewann er oft, aber seine Gewinnste flossen nie in seine eigene Börse, sondern bildeten einen erheblichen Posten auf seinem Barmherzigkeits-Conto. Uebrigens ist wohl zu merken Herr Fogg spielte offenbar um des Spieles willen, nicht um zu gewinnen. Das Spiel war ihm ein Ringen mit einer Schwierigkeit, das jedoch keine Bewegung, keine Platzveränderung, keine Ermüdung kostete, und das paßte zu seinem Charakter.

Man wußte bei Phileas Fogg nichts von Weib oder Kind – was den honnettesten Menschen passiren kann – noch von Verwandten oder Freunden, was allerdings seltener ist. Phileas Fogg war der einzige Bewohner seines Hauses Saville-Row, und kein Mensch sonst kam in dasselbe hinein, einen einzigen Diener ausgenommen, der ihm genügte. Was im Innern desselben vorging, davon war niemals die Rede. Er frühstückte und speiste zu Mittag im Club, zu chronometrisch bestimmten Stunden, in demselben Saal, an demselben Tische, tractirte niemals einen Collegen, lud nie einen auswärts ein, und kehrte nur zum Schlafen, Punkt zwölf Uhr Nachts, nach Hause, ohne jemals von den wohnlichen Gemächern Gebrauch zu machen, welche der Reformclub für seine Mitglieder zur Verfügung hält. Von vierundzwanzig Stunden brachte er zehn in seiner Wohnung zu, theils zum Schlafen, theils zur Beschäftigung mit seiner Toilette. Spazieren ging er unabänderlich, mit gleich gemessenem Schritt in dem mit eingelegter Arbeit parquettirten Eingangssaal oder auf dem Rundgang, über welchem ein blaues Glasgewölbe auf zwanzig jonischen Säulen von rothem Porphyr ruhte. Bei der Mahlzeit oder dem Frühstück lieferten die Küche und Speisekammer, die Conditorei, der Fischbehälter und die Milchstube ihre besten Gerichte; die Clubdiener, gesetzte Leute in schwarzer Kleidung und mit Multonschuhen, bedienten ihn auf besonderem Porcellan und Tafelweißzeug von kostbarer sächsischer Leinwand; seinen Sherry oder Porto, seinen mit feinstem Zimmt und Frauenhaar gemischten Claret trank er aus dem seltensten Krystall des Clubs; und das Eis, welches der Club mit schweren Kosten aus den Seeen Amerika’s bezog, erhielt seinen Trunk in erquicklicher Frische.

Wenn man ein Leben in solchen Verhältnissen excentrisch nennt, so muß man zugeben, daß Excentricität etwas Gutes enthält!

Das nicht eben prachtvolle Haus in Saville-Row empfahl sich durch größte Bequemlichkeit. Uebrigens beschränkte sich, bei den unabänderlichen Gewohnheiten des Miethers, seine Bedienung auf geringe Anforderungen. Doch verlangte Phileas Fogg von seinem einzigen Diener eine außerordentliche Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit. An diesem Tage, 2. October, hatte Phileas Fogg seinen Burschen James Forster entlassen, weil er ihm zum Rasiren Wasser gebracht hatte, das vierundachtzig anstatt sechsundachtzig Grad Fahrenheit heiß war, und er erwartete den Nachfolger desselben, welcher sich zwischen elf und halb zwölf Uhr ihm vorstellen sollte.

Phileas Fogg saß breit in seinem Fauteuil, beide Füße bei einander, wie ein Soldat auf der Parade, die Hände auf die Kniee gestützt, den Leib gerade, den Kopf aufrecht, und sah auf die Pendeluhr, welche Stunden, Minuten, Secunden, Tag und Datum anzeigte. Nach seiner Gewohnheit sollte Herr Fogg Schlag halb zwölf Uhr sich aus dem Hause auf den Reformclub begeben.

In diesem Augenblicke klopfte es an die Thüre des kleinen Salons, worin sich Phileas Fogg aufhielt.

Der verabschiedete Diener trat ein.

»Der neue Diener«, sagte er.

Ein Bursche von etwa dreißig Jahren trat ein und grüßte.

»Sie sind Franzose und heißen John?« fragte Phileas Fogg.

– Jean, belieben mein Herr, erwiderte der neue Diener, Jean Passepartout, ein Beiname, der mein natürliches Geschick, mich aus Verlegenheiten zu ziehen, bezeichnet. Ich glaube ein braver Bursche zu sein, mein Herr, doch, offen gesagt, ich habe schon mehrere Geschäfte getrieben. Ich war Bänkelsänger, Bereiter in einem Circus, voltigirte wie Leotard, und tanzte auf dem Seile gleich Blondin; darauf bin ich Lehrer der Gymnastik geworden, um meine Talente nützlicher zu machen, und zuletzt Sergeant bei den Pompiers zu Paris. Ich habe merkwürdige Brände auf meiner Liste. Nun aber habe ich bereits seit fünf Jahren Frankreich verlassen, und bin, um das Familienleben zu genießen, Kammerdiener in England. Da ich jetzt ohne Stelle bin, und vernommen habe, Herr Phileas Fogg sei der pünktlichste und eingezogenste Mann im Vereinigten Königreiche, so habe ich mich dem Herrn vorgestellt, in Hoffnung, bei demselben ruhig zu leben, und selbst den Namen Passepartout zu vergessen …

– Passepartout ist ganz passend für mich, erwiderte der Gentleman. Sie sind mir empfohlen. Man hat mir gute Auskunft über Sie gegeben. Sie wissen meine Bedingungen?

– Ja, mein Herr.

– Gut. Wieviel Uhr haben Sie?

– Elf Uhr zweiundzwanzig Minuten, erwiderte Passepartout, indem er eine große silberne Uhr aus seiner Hosentasche hervorzog.

– Sie sind in der Zeit zurück, sagte Herr Fogg.

– Verzeihen Sie, mein Herr, aber es ist nicht möglich.

– Um vier Minuten sind Sie zurück. Gleichviel. Merken wir uns nur die Abweichung. Also, von diesem Augenblicke an, elf Uhr neunundzwanzig Minuten Vormittags, Mittwochs, 2. October 1872, sind Sie in meinem Dienst.«

Hierauf stand Phileas Fogg auf, nahm seinen Hut in die Linke, setzte ihn mit einer automatischen Bewegung auf und verschwand ohne ein Wort weiter.

Passepartout hörte wie die Hausthüre einmal sich schloß: sein neuer Herr ging hinaus; dann zum zweiten Mal: sein Vorgänger, James Forster, ging ebenfalls fort.

Passepartout befand sich allein im Hause der Saville-Row.

Zehntes Capitel.

Zehntes Capitel.

Passepartout kann sich glücklich schätzen, daß er mit dem Verluste seiner Fußbekleidung durchkommt.

Es ist allgemein bekannt, daß Indien, – das große umgekehrte Dreieck, dessen Grundlinie im Norden, die Spitze im Süden liegt – einen Flächeninhalt von vierzehnhunderttausend Quadratmeilen enthält, auf welchem eine Bevölkerung von hundertundachtzig Millionen Bewohnern ungleichmäßig verbreitet ist. Die britische Regierung übt über einen Theil dieses unermeßlichen Landes eine wirkliche Herrschaft aus, hält einen Generalgouverneur zu Calcutta, Gouverneure zu Madras, Bombay, in Bengalen, und einen Stellvertreter desselben zu Agra.

Aber das eigentlich englische Indien umfaßt nur einen Flächeninhalt von siebenhunderttausend Quadratmeilen und eine Bevölkerung von hundert bis hundertundzehn Millionen Einwohnern. Ein ansehnlicher Theil des Landes ist noch frei von der Oberherrschaft der Königin; und in der That ist bei einigen wilden und furchtbaren Rajahs des Innern eine noch unbeschränkte Unabhängigkeit vorhanden.

Von 1756 an – seit welcher Zeit die erste englische Einrichtung an der Stelle, wo jetzt die Stadt Madras steht, datirt – bis zu diesem Jahre, wo der große Aufstand der Sepoys ausbrach, war die berühmte Indische Compagnie allmächtig. Sie annectirte sich nach und nach die verschiedenen Provinzen, welche sie den Rajahs um den Preis von Renten abkaufte, die sie wenig oder gar nicht entrichtete; sie ernannte ihren Generalgouverneur, und alle von ihm verwendeten Civil- und Militärpersonen; aber jetzt besteht sie nicht mehr, und die englischen Besitzungen in Indien stehen direct unter der Krone.

Daher sind auch das Aussehen, die Sitten und ethnographischen Eintheilungen der Halbinsel in einer steten Umbildung begriffen. Sonst machte man dort mit allen uralten Transportmitteln seine Reise, zu Fuß und zu Roß, im Karren, im Schubwagen, auf den Schultern eines Mannes, im Tragsessel, in der Kutsche &c. Jetzt fahren Dampfboote mit größter Schnelligkeit auf dem Indus und Ganges, und eine Eisenbahn, welche Indien der ganzen Breite nach durchzieht und seitwärts verzweigt, setzt Bombay binnen drei Tagen nur in Verbindung mit Calcutta.

Diese Eisenbahn zieht nicht in gerader Linie durch Indien. Die directe Entfernung beträgt nur tausend bis elfhundert Meilen, und die Züge würden bei einer mittlern Geschwindigkeit nur drei Tage brauchen, sie zu durchmessen; aber diese Entfernung wird mindestens um ein Drittheil durch die Krümmung vermehrt, welche die Bahn durch eine Abschweifung bis Allahabad im Norden der Halbinsel beschreibt.

Die große vorderindische Eisenbahn nimmt in ihren Hauptpunkten folgende Richtung. Nach der Insel Bombay läuft sie über Salsette, setzt vor Tannah auf den Continent über, durchschneidet die Kette der West-Gates, zieht dann nordöstlich bis Burhampur, und von da durch das fast unabhängige Gebiet des Bundelkund, steigt dann aufwärts bis Allahabad, biegt sich östlich, stößt bei Benares auf den Ganges, entfernt sich ein wenig von demselben und läuft dann wieder südostwärts über Burdivan und die französische Stadt Chandernagor bis nach Calcutta, wo die Linie endigt.

Um halb fünf Uhr Abends waren die Passagiere des Mongolia zu Bombay gelandet, und der Bahnzug ging präcis acht Uhr nach Calcutta ab.

Herr Fogg verabschiedete sich also von seinen Spielgenossen, verließ das Dampfboot, gab seinem Diener Auftrag einige Ankäufe zu machen, empfahl ihm ausdrücklich, sich vor acht Uhr am Bahnhof einzufinden, und ging dann seinen regelmäßigen Schritt, der gleich dem Pendel einer astronomischen Uhr die Sekunde schlug, geradeswegs auf’s Paßbureau.

Also von den Merkwürdigkeiten Bombays etwas zu sehen, fiel ihm nicht ein, wie das Stadthaus, die prachtvolle Bibliothek, die Festungswerke, die Docks, den Baumwollenmarkt, die Bazars, die Moscheen, die Synagogen, die armenischen Kirchen, die prachtvolle Pagode von Malebar-Hill mit ihren zwei vielseitigen Thürmen. Er fühlte keinen Trieb, die Meisterwerke Elephantas zu sehen, seine geheimnißvollen unterirdischen Todtengewölbe, welche südöstlich von der Rhede verdeckt sind, die Grotten Kanherie auf der Insel Salsette, diese staunenswerthen Reste der buddhistischen Architektur!

Kein Gedanke daran! Als Phileas Fogg wieder aus dem Paßbureau kam, begab er sich ruhig zum Bahnhof und ließ ein Diner auftragen. Der Wirth glaubte ihm unter anderen Gerichten ein Fricassée von Lapin empfehlen zu sollen, und rühmte es außerordentlich.

Phileas Fogg ließ es auftragen, kostete es sorgfältig, fand es aber trotz seiner pikanten Sauce abscheulich.

Er läutete dem Gastwirth.

»Mein Herr, sagte er, und sah ihm scharf in’s Gesicht, das ist Lapin?

– Ja, Mylord, erwiderte keck der Schelm, Lapin von den Schilfwiesen.

– Und dieser Lapin hat nicht gemiaut, als man ihn todt schlug?

– Gemiaut! O, Mylord! Ein Lapin! Ich schwöre ….

– Herr Wirth, versetzte kalt Herr Fogg, schwören Sie nicht, und erinnern Sie sich, was ich Ihnen sage: Vor Zeiten hat man in Indien die Katzen als heilige Thiere angesehen. Das war eine bessere Zeit.

– Für die Katzen, Mylord?

– Und vielleicht auch für die Reisenden!«

Nach dieser Bemerkung fuhr er ruhig fort zu speisen. Einige Minuten nach Herrn Fogg war der Agent Fix ebenfalls ausgestiegen und zu dem Polizeidirector von Bombay geeilt. Er gab seine Eigenschaft als Detectiv zu erkennen, den ihm ertheilten Auftrag, seine Lage gegenüber dem vermuthlichen Verüber des Diebstahls. Hatte man von London einen Verhaftsbefehl erhalten? … Es war nichts angekommen. Und es konnte auch ein Verhaftsbefehl, der später als Fogg abging, noch nicht eingetroffen sein.

Nun war Fix in großer Verlegenheit. Er wünschte vom Director dennoch einen Verhaftsbefehl wider Herrn Fogg zu erhalten. Derselbe schlug’s ab. Die Sache gehörte vor die Verwaltung der Hauptstadt, und diese konnte allein gesetzlich einen Verhaftsbefehl ausstellen. Diese Strenge der Principien, diese Strenge in Beobachtung gesetzlicher Form ist durch die englischen Sitten völlig begreiflich, welche in Hinsicht der persönlichen Freiheit durchaus keine Willkür gestatten.

Fix bestand nicht weiter darauf, und begriff, daß er sich darein ergeben müsse, seinen Befehl abzuwarten. Aber er beschloß, seinen unausforschlichen Schurken während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes zu Bombay nicht aus dem Auge zu lassen. Er zweifelte nicht, daß Phileas Fogg dort verweilen werde – und wir wissen, daß auch Passepartout der Meinung war – so daß mittlerweile der Verhaftsbefehl anlangen könnte.

Aber seit den letzten Aufträgen, welche Passepartout beim Verlassen des Mongolia von seinem Herrn erhalten hatte, war diesem wohl begreiflich geworden, daß es zu Bombay ebenso wie zu Suez und Paris gehen, daß die Reise hier nicht ein Ende haben, und wenigstens bis Calcutta fortgesetzt werde, und vielleicht noch weiter. Und er fing an, sich die Frage zu stellen, ob diese Wette des Herrn Fogg nicht ganz ernsthaft gemeint sei, und ob nicht sein Verhängniß ihn, während er in Ruhe leben wollte, dazu fortriß, in achtzig Tagen eine Reise um die Erde herum zu machen!

Unterdessen, nachdem er einige Hemden und Strümpfe gekauft, ging er in den Straßen von Bombay spazieren. Es strömte da viel Volk zusammen, mitten unter Europäern aller Nationalitäten, Perser mit spitzen Mützen, Bunhyas mit runden Turbanen, Indier mit viereckiger Kopfbedeckung, Armenier in langer Kleidung, Parsi mit schwarzer Mitra. Es wurde da gerade ein Fest von den Parsi oder Gebern gefeiert, directen Abkömmlingen der Anhänger Zoroasters, welche die gewerbfleißigsten, civilisirtesten, intelligentesten Hindus von strengster Lebensweise ausmachen, wozu gegenwärtig die reichen eingeborenen Kaufleute Bombays gehören. Das Fest, welches sie an diesem Tage feierten, war eine Art religiösen Carnevals mit Processionen und öffentlichen Lustbarkeiten, wobei Bajaderen in rosenfarbener, mit Gold und Silber durchwirkter Gazebekleidung figurirten, welche, von Violen und lärmenden Tam-Tams begleitet, wunderhübsche Tänze, übrigens mit allem Anstand, aufführten.

Daß Passepartout diesen merkwürdigen Festgebräuchen zuschaute, daß er dabei Augen und Ohren über die Maßen aufriß, daß er dabei aussah und eine Miene hatte, als wie der unerfahrenste Bauerntölpel, den man sich denken kann, brauche ich nicht besonders hervorzuheben.

Zum Unglück für ihn und seinen Herrn, dessen Reisezwecke er dadurch in Gefahr brachte, ließ er sich durch seine Neugierde weiter fortreißen, als zuträglich war.

Passepartout war, nachdem er diesem persischen Carneval zugesehen, auf dem Wege nach dem Bahnhofe begriffen, als er im Vorübergehen vor der bewundernswerthen Pagode Malebar-Hill auf den unglückseligen Gedanken kam, ihr Inneres zu besehen.

Er wußte nicht, erstens, daß den Christen der Eintritt in manche Pagoden der Hindu förmlich untersagt ist; zweitens, daß selbst die Gläubigen nicht eintreten dürfen, ohne ihre Fußbekleidung vor der Thüre zu lassen. Ich muß hier bemerken, daß die englische Regierung aus Gründen richtiger Politik die Religionsübungen des Landes nicht nur selbst in den geringsten Details respectirt, sondern auch ihnen Respect verschafft, daher jede Verletzung ihrer Gebräuche mit strengen Strafen ahndet.

Passepartout trat, ohne etwas Schlimmes zu ahnen, wie ein bloßer Tourist hinein, bewunderte im Innern von Malebar-Hill das blendende Flitterwerk der brahmanischen Verzierungen, als er plötzlich auf den Boden des Heiligthums niedergeworfen wurde. Drei Priester fielen mit wüthenden Blicken über ihn her, rissen ihm Schuhe und Strümpfe ab, und fingen an, mit wildem Geschrei ihn durchzuprügeln.

Der kräftige und gewandte Franzose sprang rasch wieder auf, warf mit Faustschlag und Fußtritt zwei seiner Gegner, die in ihre langen Gewänder verwickelt waren, nieder, stürzte, so rasch ihn seine Beine trugen, aus der Pagode hinaus und entrann bald dem dritten Hindu, welcher, das Volk aufhetzend, ihm nachgeeilt war.

So kam Passepartout fünf Minuten vor acht Uhr, einige Minuten vor der Abfahrt des Zuges barfuß und barhaupt, und ohne den Pack mit seinen Einkäufen, welchen er im Getümmel verloren hatte, auf dem Bahnhofe an.

Fix befand sich daselbst beim Einsteigen. Er hatte gemerkt, daß der Herr Fogg, dem er auf den Bahnhof nachgefolgt war, Bombay verlassen würde, und war sogleich entschlossen, ihn bis Calcutta, und nöthigenfalls noch weiter, zu begleiten. Passepartout gewahrte Fix nicht, der sich im Dunkeln hielt; aber dieser hörte die Erzählung seiner Abenteuer, welche er seinem Herrn in aller Kürze machte.

»Ich hoffe, das wird Ihnen nicht mehr passieren«, erwiderte einfach Phileas Fogg, indem er in einem Waggon Platz nahm.

Der arme Junge, barfuß und ganz verblüfft, folgte ihm nach, ohne ein Wort hören zu lassen.

Fix wollte eben in einen besondern Wagen einsteigen, als ein Gedanke ihn zurückhielt, und plötzlich sein Vorhaben mitzufahren änderte.

»Nein, ich bleibe, sprach er bei sich. Ein auf indischem Gebiet verübtes Vergehen … Jetzt hab‘ ich meinen Mann.«

In dem Augenblicke vernahm man das Pfeifen der Locomotive, und der Zug verschwand in der Nacht.

Elftes Capitel.

Elftes Capitel.

Phileas Fogg kauft um fabelhaften Preis ein Reitthier.

Der Zug ging zur regelmäßigen Zeit ab. Es befanden sich auf demselben eine Anzahl Passagiere, einige Officiere, Civilbeamte und Kaufleute, die durch Handel mit Opium und Indigo in den Norden der Halbinsel zu reisen veranlaßt waren.

Passepartout befand sich mit seinem Herrn in derselben Waggonabtheilung. In der Ecke gegenüber saß ein dritter Passagier.

Es war der Brigadegeneral Sir Francis Cromarty, einer der Spielgenossen des Herrn Fogg während der Fahrt von Suez nach Bombay. Er war auf dem Wege zu seinen Truppen, die in der Nähe von Benares cantonnirten.

Sir Francis Cromarty, ein großer, blonder Fünfziger, der sich während der neulichen Empörung der Sepoys sehr ausgezeichnet hatte, konnte in Wahrheit für einen Eingeborenen gelten. Seit seinen Jugendjahren in Indien wohnhaft, war er nur selten in seinem Heimatlande gewesen.

Es war ein Mann von Kenntnissen, der gerne über die Gewohnheiten, Geschichte, Organisation des Hindulandes Auskunft gegeben hätte, wenn Phileas Fogg sie nur hätte begehren mögen. Aber dieser Gentleman hatte kein Verlangen darnach. Er machte nicht eine Reise, sondern eine Umfangslinie. Es war ein schwerer Körper, welcher nach den Gesetzen der rationellen Mechanik einen Kreis um den Erdball beschrieb. In diesem Augenblicke stellte er eine wiederholte Berechnung der seit seiner Abreise aus London verbrauchten Stunden an; und wäre es nicht seiner Natur zuwider gewesen, eine unnütze Bewegung zu machen, so würde er sich die Hände gerieben haben.

Sir Francis Cromarty hatte wohl die Originalität seines Reisegefährten begriffen, obwohl er ihn nur die Karten in der Hand und zwischen zwei Robbers hatte studieren können. Er hatte daher Grund sich zu fragen, ob unter dieser kalten Hülle ein menschliches Herz schlage, ob Phileas Fogg’s Seele für Naturschönheiten, für sittliche Eindrücke empfänglich sei. Diese Aufgabe stellte er sich. Von allen Originalen, welchen der Brigadegeneral begegnet war, ließ sich keins mit diesem Product der exacten Wissenschaften vergleichen.

Phileas Fogg hatte dem Sir Francis Cromarty sein Vorhaben einer Reise um die Erde, und die Bedingungen, unter welchen er sie vornahm, nicht verhehlt. Der Brigadegeneral sah in dieser Wette nur eine Excentricität ohne nützlichen Zweck, welcher notwendig der Sinn für Wohlthun abging, von dem jeder vernünftige Mensch sich muß leiten lassen. Bei einer solchen Art zu reisen würde der bizarre Gentleman offenbar weder sich selbst, noch anderen etwas zu Gute thun.

Eine Stunde nach der Abfahrt aus Bombay setzte der Zug über Viaducte von der Insel Salsette auf das Festland über. Bei der Station Callyan ließ er rechts eine Zweigbahn, welche über Kandallah und Punah nach dem südöstlichen Indien läuft, und fuhr in der Richtung von Pauwell. Von diesem Punkte aus durchzieht die Bahn das sehr verzweigte Gebirge der West-Gates, Ketten mit einer Basis von Trapp und Basalt, und Gipfeln, die bis zur Spitze dicht bewaldet sind.

Von Zeit zu Zeit tauschten Sir Francis Cromarty und Phileas Fogg einige Worte, und eben jetzt knüpfte der Brigadegeneral eine Unterhaltung an, welche öfters abbrach:

»Vor einigen Jahren noch, Herr Fogg, sprach er, würden Sie an dieser Stelle eine Verzögerung erlitten haben, welche vermuthlich Ihren Reiseplan in Gefahr gebracht hätte.

– Weshalb, Sir Francis?

– Weil die Eisenbahn am Fuße dieses Gebirges aufhörte, und man mußte bis zu der auf der entgegengesetzten Bergseite gelegenen Station Kandallah den Weg im Palankin oder auf einem Klepper machen.

– Diese Verzögerung würde die Ausführung meines Programms nicht gehindert haben, versetzte Herr Fogg. Ich hatte den möglichen Fall einiger Hindernisse schon vorgesehen.

– Inzwischen, Herr Fogg, fuhr der Brigadegeneral fort, liefen Sie Gefahr, durch das Abenteuer dieses Burschen eine recht schlimme Geschichte über den Hals zu bekommen.«

Passepartout war, die Füße in seine Reisedecke gehüllt, in tiefen Schlaf gesunken, und ahnte nicht, daß man von ihm sprach.

»Die englische Regierung ist, und mit Recht, gegen diese Art von Vergehen äußerst strenge, fuhr Sir Francis Cromarty fort. Es ist ihr über alles daran gelegen, daß man die religiösen Gebräuche der Hindu respectirt; und wäre Ihr Diener ergriffen worden …

– Ei nun, Sir Francis, wäre er ergriffen worden, erwiderte Herr Fogg, so wäre er verurtheilt worden; er hätte seine Strafe bekommen, und wäre dann ruhig nach Europa zurückgekehrt. Ich sehe nicht, wie durch diese Geschichte sein Herr wäre aufgehalten worden!«

Darüber brach die Unterhaltung ab. Während der Nacht fuhr der Zug über die Gates, verweilte zu Nassik, und eilte am folgenden Tage, dem 21. October, über ein verhältnißmäßig flaches Land, das Gebiet von Khandeisch. Das wohlbebaute Feld war mit Flecken bedeckt, über welchen, wie der christliche Kirchthurm in Europa, das Minaret einer Pagode emporragte. Zahlreiche kleine Gewässer, meist Nebenflüsse des Godavery oder Zuflüsse zu demselben, bewässerten diese fruchtbare Gegend.

Als Passepartout aufwachte, schaute er sich um, und konnte nicht glauben, daß er auf der »großen Halbinsel-Bahn« durch das Hinduland fuhr. Es schien ihm dies unwahrscheinlich; und doch war es wirklich so, wie irgend etwas auf der Welt. Die Locomotive, durch den Arm eines englischen Maschinisten geleitet, und mit englischer Kohle geheizt, trieb ihren Rauch über Pflanzungen von Baumwolle, Kaffee, Muscat, Gewürznelken, rothem Pfeffer. Der Dampf wirbelte in Spiralwindungen um Gruppen von Palmbäumen, zwischen welchen malerische Wohnhäuser sich zeigten, einige Viharis, eine Art verlassener Klöster und merkwürdige Tempel, reich an unerschöpflichem Schmuck indischer Architektur. Hierauf breiteten sich unermeßliche Strecken Landes, soweit die Blicke reichten, Schilfwiesen mit Schlangen und Tigern, die durch das Geräusch des Bahnzuges aufgeschreckt wurden; endlich führte die Bahn durch Waldungen, worin Elephanten hausten, die mit denkendem Blick dem vorübereilenden Zuge zuschauten.

Während dieses Morgens fuhren unsere Reisenden, jenseits der Station Malligaum, über den unheimlichen Landstrich, der so oft von den Anhängern der Göttin Kali mit Blut befleckt wurde. Nicht weit entfernt ragte Ellora mit seinen staunenswerthen Pagoden, nicht weit Aurungabad, die berühmte Hauptstadt des grimmigen Aureng-Zeb, nun einfacher Hauptort einer der vom Reiche des Nizam abgetrennten Provinzen. Ueber diese Gegend übte einst das Haupt der Thugs, Feringhea, König der Würger, seine Gewaltherrschaft. Diese Banditen, in einem unfaßbaren geheimen Bund geeinigt, erwürgten zur Ehre der Todesgöttin Opfer jedes Alters, ohne jemals Blut zu vergießen, und es gab eine Zeit, wo man an keiner Stelle dieser Gegend den Boden aufgraben konnte, ohne auf einen Leichnam zu stoßen, Die englische Regierung hat zwar dieses Morden in erheblichem Grade zu hemmen vermocht, aber der entsetzliche Geheimbund besteht und wirkt noch fortwährend.

Um halb ein Uhr hielt der Zug auf der Station Burhampur an, und Passepartout konnte sich um hohen Preis ein Paar mit falschen Perlen verzierte Pantoffeln kaufen, die er mit unverkennbarer Eitelkeit anzog.

Die Reisenden nahmen rasch ihr Frühstück ein, und dann ging’s weiter nach der Station Assurghur, nachdem sie eine Strecke längs dem Tapty gefahren, einem Flüßchen, das in der Nähe von Surate in den Golf von Cambaye fließt.

Hier müssen wir Kenntniß nehmen, welche Gedanken damals Passepartouts Geist beschäftigten. Bis zu seiner Ankunft zu Bombay hatte er gemeint, und konnte auch meinen, es werde hierbei sein Bewenden haben. Jetzt aber, seitdem er mit voller Dampfkraft durch Indien fuhr, war ein Umschwung in seinem Geiste vorgegangen. Sein natürlicher Charakter stellte sich im Galop wieder ein. Es kamen ihm die phantastischen Ideen seiner Jugend wieder, er hielt jetzt die Projecte seines Herrn für ernstlich gemeint, er glaubte jetzt an das wirkliche Bestehen der Wette, folglich auch dieser Reise um die Erde, und an das höchste Zeitmaß, welches nicht überschritten werden durfte. Bereits ward er unruhig über mögliche Verzögerungen, unglückliche Zufälle, die unterwegs sich begeben konnten. Er theilte nun das Interesse an dieser Wette, und zitterte bei dem Gedanken, daß er am Abend zuvor durch seine unverzeihliche Tölpelei sie hätte gefährden können. So war er denn auch, weil er nicht so phlegmatisch war, wie Herr Fogg, weit unruhiger als dieser. Er zählte und zählte abermals die verflossenen Tage, fluchte, wann der Zug Halt machte, warf dem Herrn Fogg Langsamkeit vor, und tadelte ihn in petto, daß er nicht dem Maschinisten eine Prämie versprochen habe. Der wackere Junge wußte nicht, daß, was auf einem Packetboot möglich war, auf einer Eisenbahn, deren Geschwindigkeit eine vorschriftsmäßige ist, nicht mehr angeht.

Gegen Abend kam man in die Gebirgsengen von Sutpour, welche das Gebiet von Khandeisch von dem des Bundelkund trennen.

Als am folgenden Morgen, den 22. October, Passepartout nach seiner Uhr sah, antwortete er auf eine Frage Sir Francis Cromarty’s, es sei drei Uhr früh. Und in der That mußte die fortwährend nach dem Meridian von Greenwich gestellte Uhr nachgehen, da derselbe bei siebenundsechzig Grad weiter westlich sich befand; und sie ging wirklich um vier Stunden nach.

Sir Francis berichtigte also die von Passepartout angegebene Zeit, und machte demselben die nämliche Bemerkung, welche ihm schon von Fix gemacht worden war. Er suchte ihm begreiflich zu machen, daß er sich nach jedem folgenden Meridian richten müsse, und daß, weil er stets nach Osten zu fuhr, d. h. der Sonne entgegen, die Tage ebenso vielmal um vier Minuten kürzer seien, als er Grade durchlaufen habe. Aber es fruchtete nicht. Mochte der eigensinnige Junge die Bemerkung des Brigadegenerals begriffen haben oder nicht, er weigerte sich hartnäckig, seine Uhr anders zu stellen, und ließ sie unverändert bei der londoner Stundenangabe. Eine Harmlosigkeit übrigens, die Niemand schaden konnte.

Um acht Uhr früh, und fünfzehn Meilen vorwärts der Station Rothal, hielt der Zug mitten auf einer großen Lichtung an, die von einigen Wohnhäusern und Arbeiterhütten umgeben war. Der Conducteur ging an der Wagenreihe vorüber und sprach:

»Die Reisenden haben hier auszusteigen.«

Phileas Fogg sah Sir Francis an, dem ein Aufenthalt mitten in einem Wald von Tamarinden und Khajours unbegreiflich vorkam.

Passepartout, der nicht weniger betroffen heraussprang und den Bahnweg ansah, kam alsbald wieder und rief:

»Hier hört die Bahn auf, mein Herr!

– Was meinen Sie? fragte Sir Francis Cromarty.

– Ich meine, der Zug geht nicht weiter!«

Der Brigadegeneral stieg ebenfalls aus. Phileas Fogg folgte gemächlich nach. Beide wendeten sich an den Conducteur:

»Wo befinden wir uns? fragte Sir Francis Cromarty.

– Beim Weiler Kholby, erwiderte der Conducteur.

– Halten wir hier an?

– Allerdings. Die Bahn ist noch nicht vollendet …

– Wie! nicht vollendet?

– Nein! es ist noch eine Strecke von fünfzig Meilen zwischen hier und Allahabad, wo die Bahn wieder anfängt, fertig zu machen.

– Die Journale haben doch die vollständige Eröffnung der Bahn angezeigt!

– Was meinen Sie, Herr Officier, es war ein Irrthum der Journale.

– Und Sie ertheilen Billete von Bombay nach Calcutta! fuhr Sir Francis Cromarty fort, der seinen Gleichmuth verlor.

– Allerdings, erwiderte der Conducteur, aber die Reisenden wissen wohl, daß sie sich müssen von Kholby bis Allahabad weiter befördern lassen.«

Sir Francis wurde wüthend. Passepartout hätte gern den Conducteur umgebracht, welcher doch nichts dazu konnte. Er wagte seinen Herrn nicht anzusehen.

»Sir Francis, sagte Herr Fogg, wenn es Ihnen gefällig ist, so wollen wir auf Mittel bedacht sein, daß wir nach Allahabad kommen.

– Herr Fogg, es handelt sich hier um eine Verspätung, welche Ihren Interessen durchaus hinderlich ist?

– Nein, Sir Francis, es war vorgesorgt.

– Wie? Sie wußten, daß die Bahn …

– Durchaus nicht, aber ich dachte mir, daß früher oder später meine Reise irgend eine Hemmung erleiden werde. Nun ist noch nichts verdorben. Ich habe zwei Tage Vorsprung, die kann ich opfern. Am 25. zu Mittag wird ein Dampfboot von Calcutta nach Hongkong abgehen. Jetzt haben wir erst den 22., und werden noch zeitig zu Calcutta eintreffen.«

Gegen eine mit solcher Sicherheit ausgesprochene Antwort war nichts zu sagen.

Es war nur allzuwahr, daß die Eisenbahn hier unterbrochen war. Die Journale gleichen den Uhren, die gerne vorausgehen; und so hatten sie auch die Vollendung der Linie zu früh angezeigt.

Den meisten der Passagiere war diese Unterbrechung der Bahn bekannt, und sie hatten beim Aussteigen aus dem Zuge alle Arten von Fuhrwerken, welche sich im Bereich des Fleckens fanden, vierrädrige Palkigkharis, von Buckelochsen gezogene Karren, Reisewagen, die wandelnden Pagoden glichen, Palankins, Ponys etc., in Besitz genommen. Daher konnten auch Herr Fogg und Sir Francis Cromarty trotz aller Bemühung im ganzen Flecken keins auftreiben.

»Ich gehe zu Fuß«, sagte Phileas Fogg.

Passepartout kam dazu und machte ein saueres Gesicht, als er seine prächtigen Pantoffeln ansah, welche für eine Fußpartie nicht genügten. Zu gutem Glück hatte auch er sich darnach umgesehen, und sprach mit einigem Stocken:

»Mein Herr, ich glaube, ich hab‘ ein Transportmittel aufgefunden.

– Was für eins?

– Einen Elephanten! Er gehört einem Hindu, der hundert Schritte von hier wohnt.

– So gehen wir hin, den Elephanten zu sehen«, versetzte Herr Fogg.

Nach fünf Minuten standen Phileas Fogg, Sir Francis Cromarty und Passepartout vor einer Hütte neben einem mit hohen Palissaden umzäunten Raume. In der Hütte befand sich ein Indier, in der Umzäunung ein Elephant. Auf ihre Bitte führte der Indier Herrn Fogg und seine beiden Gefährten in das Gehäge hinein.

Hier fanden sie ein halb gezähmtes Thier, welches von seinem Besitzer nicht zum Saumthier aufgezogen, sondern zum Kampf abgerichtet wurde. Zu diesem Zwecke hatte er angefangen, den von Natur sanften Charakter des Thieres umzubilden, indem er ihn allmälig zu dem Paroxismus von Wuth, welcher in der Hindusprache »mutsch« genannt wird, hinzuleiten bemüht war, und zwar dadurch, daß er ihn drei Monate lang mit Zucker und Butter nährte. Dieses Verfahren mag vielleicht ungeeignet erscheinen, um ein solches Resultat zu erzielen, aber es wird doch von den Züchtern mit Erfolg angewendet. Zu gutem Glück für Herrn Fogg war dieser Elephant erst seit Kurzem in diese Zucht genommen worden, und vom »Mutsch« hatte sich noch nichts gezeigt.

Kiuni – so hieß das Thier – konnte, wie alle seine Stammesgenossen, lange Zeit rasch vorwärts bringen, und in Ermangelung eines andern Reitthieres beschloß Phileas Fogg sich desselben zu bedienen.

Aber die Elephanten sind in Indien, wo sie schon selten zu werden anfangen, theuer. Die männlichen, welche zu den Kämpfen im Circus allein taugen, sind äußerst gesucht. Diese Thiere pflanzen sich im gezähmten Zustande selten fort, so daß man sie also nur durch die Jagd sich verschaffen kann. Daher widmet man ihnen auch äußerste Sorgfalt, und als Herr Fogg den Indier fragte, ob er ihm seinen Elephanten leihen wollte, schlug er’s rund ab.

Fogg drang in ihn, und bot für das Thier den enormen Preis von zehn Pfund die Stunde. Er weigerte sich. Zwanzig Pfund? Abermalige Weigerung. Vierzig Pfund? Ebenso. Passepartout kam bei jeder Steigerung außer sich. Aber der Indier ließ sich nicht dazu bestimmen.

Doch war’s eine hübsche Summe. Nahm man an, der Elephant brauche fünfzehn Stunden für den Weg bis Allahabad, so betrug das sechshundert Pfund, welche er seinem Besitzer einbrachte.

Phileas Fogg, ohne im Mindesten aus seiner ruhigen Fassung zu kommen, machte darauf dem Indier den Vorschlag, ihm sein Thier abzukaufen, und bot ihm dafür erst tausend Pfund.

Der Indier wollte ihn nicht abgeben!

Sir Francis Cromarty nahm Herrn Fogg bei Seite und forderte ihn auf, wohl zu überlegen, ehe er noch weiter gehe. Phileas Fogg erwiderte seinem Gefährten, er sei nicht gewohnt ohne Ueberlegung zu handeln, es handle sich schließlich um eine Wette von zwanzigtausend Pfund; dieser Elephant sei ihm dafür nöthig und er müsse ihn haben, sollte er auch zwanzigmal mehr für ihn zahlen müssen, als er werth sei.

Herr Fogg ging wieder hin zu dem Indier, aus dessen kleinen, lüsternen Augen man wohl abnehmen konnte, daß es bei ihm nur auf den Preis ankam, und bot ihm nach einander erst zwölfhundert Pfund, dann fünfzehnhundert, dann achtzehnhundert, endlich zweitausend Pfund. Passepartout erblaßte vor Entrüstung.

Für zweitausend Pfund ließ ihn der Indier ab.

»Bei meinen Pantoffeln, rief Passepartout, der macht den Preis des Elephantenfleisches hübsch theuer!«

Als der Handel geschlossen war, handelte sich’s nur noch um einen Führer. Dieser war leichter zu finden. Ein junger Parse mit gescheitem Angesicht bot seine Dienste an. Herr Fogg ging darauf ein und versprach ihm eine tüchtige Belohnung, welche seinen Verstand noch zu steigern geeignet war.

Unverzüglich wurde der Elephant vorgeführt und reisefertig gemacht. Der Parse verstand sich trefflich auf das Geschäft eines »Mahut« oder Elephantenführers. Er warf dem Thier eine Schabracke über den Rücken und brachte auf seinen beiden Seiten zwei ziemlich unbequeme Tragkörbe an.

Phileas Fogg bezahlte den Indier mit Banknoten aus dem famosen Sack. Passepartout stellte sich an, als würden sie ihm aus dem eigenen Leibe gezogen. Darauf bot er dem Sir Francis Cromarty einen Platz bis zu der Station Allahabad an, und der Brigadegeneral nahm es an. Ein Passagier mehr machte dem Riesenthiere nichts aus.

Zu Kholby kaufte man Lebensmittel ein. In dem einen der beiden Körbe nahm Sir Francis Cromarty Platz, in dem andern Phileas Fogg. Passepartout setzte sich rittlings auf die Schabracke zwischen seinen Herrn und den Brigadegeneral. Der Parse saß auf dem Halse des Thieres auf, und um neun Uhr verließ es den Flecken und drang auf kürzestem Wege in’s Dickicht des Latanenwaldes.

Zwölftes Capitel.

Zwölftes Capitel.

Phileas Fogg und seine Gefährten machen einen abenteuerlichen Ritt durch indische Waldung.

Der Führer ließ, um den Weg abzukürzen, die im Bau begriffene Linie der Eisenbahn rechts; denn dieselbe konnte, durch launenhafte Windungen des Vindhiagebirges gehemmt, nicht den kürzesten Weg laufen, welchen Phileas Fogg einzuschlagen genöthigt war. Der Parse, welcher Wege und Stege des Landes genau kannte, behauptete, man könne quer durch den Wald etwa zwanzig Meilen zustrecken, und man verließ sich auf ihn.

Phileas Fogg und Sir Francis Cromarty, welche bis an den Hals in ihren Körben staken, wurden durch den scharfen Trab des Elephanten, den sein Mahut antrieb, arg geschüttelt. Aber sie ertrugen ihre schlimme Lage mit echt englischem Phlegma, sprachen dabei übrigens wenig und sahen sich einander kaum.

Passepartout, der auf dem Rücken des Thieres den Stößen und Gegenstößen direct ausgesetzt war, nahm sich, wie sein Herr ihm anempfohlen hatte, wohl in Acht, daß ihm nicht die Zunge zwischen die Zähne kam, denn er hätte sie sonst entzwei gebissen. Der brave Junge, welcher bald auf den Hals des Elephanten geschleudert, bald wieder zum Kreuz zurückgeworfen wurde, machte Sprünge, wie ein Clown auf dem Sprungbrett. Aber er scherzte und lachte bei allen seinen Karpfensprüngen, und holte von Zeit zu Zeit ein Stück Zucker aus seinem Sacke, welches der gescheite Kiuni mit der Spitze seines Rüssels faßte, ohne einen Augenblick seinen regelmäßigen Trab zu unterbrechen.

Nachdem sie zwei Stunden geritten waren, hielt der Führer an und machte eine Stunde Rast. Das Thier verschlang Gezweig und Gebüsche, und stillte seinen Durst aus einer nahen Lache. Sir Francis Cromarty war ganz zufrieden mit diesem Halt, denn er fühlte sich wie gerädert. Herr Fogg schien ebenso wohl aufgelegt, als wäre er aus dem Bette aufgestanden.

»Der ist ja von Eisen! sagte der Brigadegeneral, indem er ihn mit Verwunderung betrachtete.

– Aus geschmiedetem Eisen«, versetzte Passepartout, der eilig ein Frühstück zu bereiten beflissen war.

Um die Mittagsstunde gab der Führer das Zeichen zum Aufbruch. Das Land zeigte bald ein sehr wildes Aussehen. Auf die hohe Waldung folgten niedere Schläge Tamarinden und Zwergpalmen, nachher ausgedehnte dürre Ebenen, die mit magerem Gesträuch und großen Syenitblöcken bedeckt waren. Dieser ganze Theil des obern Bundelkund, wohin Reisende selten kamen, ist von einer fanatischen, in den fürchterlichsten Uebungen der Hindu-Religion verhärteten Bevölkerung bewohnt. Die Herrschaft der Engländer hat auf einem dem Einfluß der Rajahs unterliegenden Gebiete noch nicht regelmäßig festen Bestand gewinnen können, da es schwer gehalten haben würde, in ihren unzugänglichen Schlupfwinkeln des Vindhiagebirges ihnen beizukommen.

Manchmal gewahrte man Schaaren wilder Indier, welche zornige Geberden machten, als sie das rasche Thier vorübertraben sahen. Uebrigens wich ihnen der Parse möglichst aus, weil er sie für Leute hielt, mit denen man nicht gerne zu thun hat. Man sah diesen Tag über wenig Thiere, kaum einige Affen, welche mit allerlei Grimassen, die dem Passepartout viel Spaß machten, das Weite suchten.

Diesen Burschen plagte unter vielen anderen auch der Gedanke, was denn wohl Herr Fogg nach seiner Ankunft zu Allahabad mit dem Elephanten machen würde. Unmöglich würde er ihn mitnehmen; durch den Transportpreis würde das ohnehin schon über die Maßen theure Thier zum Ruin führen. Würde man ihn verkaufen? oder in Freiheit setzen? Das schätzbare Thier verdiente wohl eine solche Rücksicht. Sollte es Herrn Fogg einfallen, ihm, Passepartout, ein Geschenk mit demselben zu machen, so würde ihn dies nur in große Verlegenheit setzen. Solche Gedanken ließen ihm keine Ruhe.

Um acht Uhr Abends war man über die Hauptkette der Vindhia hinaus, und die Reisenden machten am Fuße des Nordabhanges in einem verfallenen Hause halt.

Man hatte an diesem Tage ungefähr fünfundzwanzig Meilen zurückgelegt, und ebensoviel waren noch bis zur Station Allahabad zu machen.

Die Nacht war kalt. Der Parse zündete in dem Hause aus dürrem Gezweig ein Feuer an, das recht behaglich wärmte. Für das Abendessen hatte man sich zu Kholby vorgesehen, und die Reisenden sprachen zu wie abgemattete, zerschlagene Leute. Die mit abgebrochenen Sätzen angefangene Unterhaltung ging bald in lautes Schnarchen über. Der Führer wachte neben Kiuni, der, an einen dicken Baumstamm gelehnt, stehend einschlief.

Kein Unfall störte diese Nacht. Die Stille wurde mitunter durch Gebrüll von Löwen, Tigern und Panthern, dazwischen von hellem Hohngelächter der Affen unterbrochen. Aber das reißende Gewild ließ es beim Schreien bewenden, und verschonte die Gäste des Hauses mit Feindseligkeiten. Sir Francis Cromarty, als ein wackerer, von Strapazen ermüdeter Krieger, schlief schwer wie ein Sack. Passepartout träumte in unruhigem Schlaf von den bestandenen Purzelsprüngen. Herr Fogg dagegen lag in tiefster Ruhe, als befinde er sich in seinem stillen Hause der Saville-Row.

Um sechs Uhr früh machte man sich wieder auf den Weg. Der Führer hoffte noch an demselben Abend zu Allahabad anzukommen, so daß Herr Fogg nur einen Theil der seit Anfang der Reise gesparten achtundvierzig Stunden eingebüßt haben würde.

Es ging den letzten Abhang der Vindhia hinab, und Kiuni war wieder in seinem raschen Trabe. Gegen Mittag bog der Führer um den Flecken Kallenger herum, am Cani, einem der Nebenzuflüsse des Ganges; denn er wich stets den bewohnten Orten aus, weil er sich in den menschenleeren Ebenen, welche die ersten Niederungen des großen Flußbeckens bildeten, sicherer wußte. Die Station Allahabad befand sich nur noch zwölf Meilen nordöstlich. Man machte unter einem Wäldchen von Pisang halt, deren Früchte, so gesund wie Brod, so »saftig wie Crême«, sehr köstlich waren.

Um zwei Uhr drang der Führer in das Dickicht eines Waldes, unter welchem wir einige Meilen weit hindurch mußten; denn er wählte gerne für die Reisenden ein solches Obdach. Jedenfalls war ihm bis jetzt noch nichts Widriges begegnet, und die Reise schien ohne Unfall vollendet zu werden, als der Elephant mit einigen Zeichen von Unruhe plötzlich stehen blieb.

Es war eben vier Uhr.

»Was giebt’s? fragte Sir Francis Cromarty, indem er den Kopf aus seinem Korbe heraussteckte.

– Ich weiß nicht, Herr Officier«, erwiderte der Parse, und lauschte einem wirren Gemurmel, welches man durch das dichte Gezweig hindurch vernahm.

Nach einigen Augenblicken war das Getöse schon besser zu unterscheiden. Man konnte meinen, es sei ein noch weit entferntes Concert von Menschenstimmen und kupfernen Instrumenten.

Passepartout war ganz Auge, ganz Ohr. Herr Fogg wartete in Geduld, ohne ein Wort zu sprechen.

Der Parse sprang auf den Boden, band den Elephanten an einen Baum und drang mehr in’s Dickicht des Gehölzes. Nach einigen Minuten kam er zurück und sprach:

»Eine Brahmanen-Procession, welche dieses Weges zieht. Wo möglich wollen wir vermeiden, daß man uns bemerke.«

Der Führer band den Elephanten los, führte ihn in ein dichtes Gebüsch, und empfahl den Reisenden, nicht abzusteigen. Er selbst hielt sich bereit rasch aufzusitzen, wenn es nothwendig werden sollte zu entfliehen. Doch dachte er, der Schwarm der Gläubigen werde, ohne ihn zu bemerken, vorüberziehen, denn das dichte Laubwerk verhüllte ihn ganz.

Das widrige Getön von Stimmen und Instrumenten kam näher, eintönige Gesänge, vermischt mit Trommelschlag und Cimbelnklang. Bald zeigte sich die Spitze der Procession unter den Bäumen, fünfzig Schritte von der Stelle, wo Herr Fogg mit seinen Gefährten sich befand. Sie konnten leicht durch das Gezweig hindurch das merkwürdige Personal dieser religiösen Ceremonie unterscheiden.

In vorderster Reihe schritten Priester mit spitzen Mützen und langen, verbrämten Gewändern. Sie waren von einer Truppe Männer, Frauen und Kinder umgeben, die eine Art Leichenpsalmen anstimmten, unterbrochen von Tam-Tamschlägen und Cimbelnklängen. Hinter ihnen, auf einem Wagen mit breiten Rädern, deren Speichen und Felgen ein Schlangengewinde darstellten, sah man eine häßliche Statue, die von zwei Paar mit reichen Schabracken gezierten Bisons gefahren wurde. Dieses Standbild hatte vier Arme, dunkelroth gefärbten Körper, große Augen, zerzauste Haare, heraushängende Zunge, und mit Betel und Henné gefärbte Lippen. Ein Halsband von Todtenköpfen und ein Gürtel von abgehauenen Händen war sein Schmuck. Es stand auf einem niedergeworfenen Riesen ohne Kopf.

Sir Francis Cromarty erkannte diese Statue.

»Die Göttin Kali, sagte er halblaut, die Göttin der Liebe und des Todes.

– Des Todes, das geb‘ ich zu, aber der Liebe, niemals! sagte Passepartout. Das häßliche Weibsbild!«

Der Parse bedeutete sie, sich still zu halten.

Um die Statue herum wimmelte, zappelte in Verzückungen ein Trupp alter Fakir, streifig mit ockerfarbenen Bändern, mit kreuzförmigen Einschnitten bedeckt, aus welchen Blut träufelte, stupide Besessene, die bei den großen Ceremonien der Hindu sich sogar unter die Räder des Wagens von Jaggernaut werfen.

Hinter ihnen sah man einige Brahmanen in vollem Schmuck ihrer reichen orientalischen Prachtkleidung eine Frau schleppen, die sich kaum aufrecht zu halten vermochte.

Es war eine junge Frau, weiß wie eine Europäerin. Kopf, Hals, Schultern, Ohren, Arme, Hände, Zehen waren mit Geschmeide übermäßig behängt, mit Hals- und Armbändern, Ohr- und Fingerringen. Eine golddurchwirkte, mit leichtem Mousselin umhüllte Tunica zeigte die Formen ihrer Taille.

Hinter dieser jungen Frau, in grellem Contrast, trugen Leibgarden mit entblößten Säbeln und damascirten Pistolen am Gürtel, auf einem Palankin einen Leichnam.

Es war der Körper eines Greises in reichem Rajahgewande, wie bei Lebzeiten mit perlengesticktem Turban, in Gold und Seide gewirktem Kleide, einem Gürtel von Cachemir mit Diamantenschmuck und dem prachtvollen Wappen eines indischen Fürsten.

Den Zug schloß eine Musikbande und ein Trupp Fanatiker, die mit betäubendem Geschrei mitunter den Lärm der Instrumente überboten.

Sir Francis Cromarty sah diesem Aufzug mit besonders trauriger Miene zu, und sprach zu dem Führer:

»Ein sutty!«

Der Parse bejahte mit einem Zeichen, und hielt einen Finger auf seine Lippen. Die lange Procession zog sich langsam unter die Bäume, und bald verschwanden ihre hintersten Reihen im Waldesgrunde.

Nach und nach wurden die Gesänge nicht mehr vernehmlich. Man hörte nur noch das laute Aufschreien aus der Ferne, und endlich folgte tiefe Stille auf den Lärm.

Phileas Fogg hatte das Wort, welches Sir Francis Cromarty gesprochen, vernommen, und fragte, sobald die Procession vorüber war: »Was ist ein sutty?

– Ein sutty, Herr Fogg, erwiderte der Brigadegeneral, ist ein Menschenopfer, aber ein freiwilliges. Diese Frau, welche Sie so eben gesehen haben, wird morgen in aller Frühe verbrannt werden.

– Ei! die Lumpenkerle! rief Passepartout, der seine Entrüstung zu äußern sich nicht enthalten konnte.

– Und dieser Leichnam? fragte Herr Fogg.

– Eines Fürsten, der ihr Gemahl war, erwiderte der Führer, ein unabhängiger Rajah des Bundelkund.

– Wie, fuhr Phileas Fogg fort, ohne daß seine Stimme die geringste Gemüthsbewegung verrieth, diese barbarischen Gebräuche existiren noch in Indien, und die Engländer haben sie noch nicht abschaffen können?

– Im größten Theile Indiens, erwiderte Sir Francis Cromarty, werden diese Opfer nicht mehr vollzogen, aber wir haben auf diese wilden Gegenden, und besonders das Gebiet des Bundelkund, keinen Einfluß. Der ganze nördliche Abhang der Vindhia ist der Schauplatz unaufhörlichen Mordens und Plünderns.

– Die Arme! brummte Passepartout, lebendig verbrannt!

– Ja, fuhr der Brigadegeneral fort, verbrannt; und würde sie’s nicht, Sie können nicht glauben, in welch jämmerliche Lage sie sich dann von ihren nächsten Verwandten versetzt sähe. Man würde ihr die Haare abscheeren, ihr kaum eine Handvoll Reis zur Nahrung reichen, sie von sich stoßen; sie würde wie eine unreine Person angesehen, und in irgend einem Winkel wie ein räudiger Hund hinsterben. Daher treibt diese Aussicht auf so ein erschreckliches Dasein diese unglücklichen Personen oft weit mehr zur Opferung, als Liebe oder religiöser Fanatismus. Manchmal jedoch ist das Opfer ein wirklich freiwilliges, und es ist ein energisches Dazwischentreten von Seiten der Regierung nöthig, um es zu hindern. So sah ich vor einigen Jahren, als ich zu Bombay wohnte, eine junge Witwe, die sich vom Gouverneur die Erlaubnis ausbat, sich mit dem Leichnam ihres Mannes zu verbrennen. Sie können sich denken, daß der Gouverneur es abschlug. Da zog die Witwe aus der Stadt weg und flüchtete zu einem unabhängigen Rajah, wo sie ihre Opferung vollzog.«

Während der Erzählung des Brigadegenerals schüttelte der Führer den Kopf, und als derselbe ausgeredet hatte, sprach er:

»Das Opfer, welches morgen bei Tagesanbruch statthaben soll, ist kein freiwilliges.

– Woher wissen Sie das?

– Es ist eine Geschichte, die im Bundelkund allgemein bekannt ist, erwiderte der Führer.

– Die Unglückliche schien aber doch gar keinen Widerstand zu leisten, bemerkte Sir Francis Cromarty.

– Das kommt daher, weil man sie mit Hanfrauch und Opium berauscht hat.

– Aber wo führt man sie hin?

– In die Pagode zu Pillaji, zwei Meilen von hier. Dort wird sie die Nacht zubringen bis zur Zeit der Opferung.

– Und dieses Opfer wird statthaben? …

– Morgen bei Tagesanbruch.«

Nach dieser Antwort führte er den Elephanten aus dem Dickicht und schwang sich auf seinen Hals. Aber im Moment, als er im Begriff war, ihn durch ein eigenthümliches Pfeifen anzutreiben, hielt Herr Fogg ihn ab und sprach zu Sir Francis Cromarty:

»Ob wir diese Frau retten könnten?

– Diese Frau retten, Herr Fogg! … rief der Brigadegeneral.

– Ich habe noch zwölf Stunden voraus. Ich kann sie dem widmen.

– Nun! Sie sind ja ein Mann von Gemüth! sagte Sir Francis Cromarty.

– Bisweilen, erwiderte einfach Phileas Fogg, wenn ich dazu Zeit habe.«

Dreizehntes Capitel.

Dreizehntes Capitel.

Ein abermaliger Beweis, daß das Glück dem Kühnen hold ist.

Das Vorhaben war kühn, voll Schwierigkeiten, vielleicht unausführbar. Herr Fogg setzte sein Leben in Gefahr, oder doch seine Freiheit, und damit den Erfolg seiner Unternehmung; aber er besann sich keinen Augenblick. Uebrigens fand er in Sir Francis Cromarty einen entschlossenen Gehilfen.

Passepartout war gerne zur Verfügung. Die Idee seines Herrn begeisterte ihn. Er empfand, daß unter dieser Hülle von Eis ein Herz schlug, eine Seele lebte. Nun fühlte er sich gedrungen, Phileas Fogg zu lieben.

Wie würde nun aber der Führer sich dabei verhalten? Sollte er wohl zu den Hindu halten? In Ermangelung seiner Mitwirkung mußte man wenigstens seiner Neutralität sicher sein.

Sir Francis Cromarty legte ihm offen die Frage vor.

»Herr Officier, erwiderte der Führer, ich bin Parse und diese Frau ist Parsin. Ich stehe zu Diensten.

– Wohl, wackerer Mann, erwiderte Herr Fogg.

– Jedoch, merken Sie wohl, fuhr der Parse fort, wir setzen nicht allein unser Leben ein, sondern haben auch, wenn wir gefangen werden, eine schauderhafte Hinrichtung zu gewärtigen. Also, sehen Sie wohl zu.

– Das ist schon geschehen, erwiderte Herr Fogg. Ich denke, wir müssen zum Handeln die Nacht abwarten.

– Das ist auch meine Meinung«, versetzte der Führer.

Der wackere Hindu erzählte darauf einiges Nähere über das Opfer. Es war eine Indierin von ausgezeichneter Schönheit parsischer Abstammung, die Tochter reicher Kaufleute zu Bombay. Sie hatte in dieser Stadt eine ganz englische Erziehung erhalten, und ihrem Benehmen, ihrer Bildung nach hätte man sie für eine Europäerin angesehen. Sie hieß Aouda.

Als Waise wurde sie wider Willen mit diesem alten Rajah des Bundelkund verheiratet, und nach drei Monaten schon ward sie Witwe. Da sie wußte, welches Loos ihr bevorstand, suchte sie zu entrinnen, wurde sogleich wieder aufgegriffen, und die Verwandten des Rajah, in deren Interesse ihr Tod lag, bestimmten sie zu dieser Todesart, und sie schien derselben nicht mehr entgehen zu können.

Diese Erzählung konnte Herrn Fogg und seine Gefährten nur in ihrem edlen Entschluß bestärken. Man beschloß, der Führer solle den Elephanten nach der Pagode Pillaji leiten, und dieser so nahe wie möglich bringen.

Eine halbe Stunde nachher machte man unter einem Buschwerk, fünfhundert Schritte von der Pagode, halt. Diese konnte man zwar nicht sehen, aber das Geheul der Fanatiker ließ sich deutlich vernehmen.

Nun berieth man über die Mittel, um zu dem Opfer zu gelangen. Dem Führer war die Pagode zu Pillaji bekannt, worin, wie er behauptete, die junge Frau gefangen war. Sollte es möglich sein, während die ganze Schaar im Schlafe der Trunkenheit versunken lag, durch eine der Thüren hinein zu gelangen, oder mußte man ein Loch in die Mauer brechen? Darüber konnte man doch erst zur Zeit der Ausführung und an Ort und Stelle urtheilen. Aber unzweifelhaft war, daß die Entwendung während dieser Nacht vorgenommen werden mußte, und nicht, wenn bei Tagesanbruch das Opfer zum Tode geführt wurde. Dann wäre es keiner menschlichen Macht mehr möglich, sie zu retten.

Herr Fogg wartete mit seinen Genossen die Nacht ab.

Sobald es dunkel ward, gegen sechs Uhr Abends, entschlossen sie sich, eine Recognoscirung um die Pagode herum anzustellen. Das letzte Geschrei der Fakirs verstummte damals. Nach ihrer Gewohnheit mußten diese Indier in tiefer Berauschung mit »Hang«, – flüssigem Opium mit einem Hanfaufguß gemischt – liegen, und es würde vielleicht möglich sein, sich zwischen ihnen durch bis zum Tempel zu schleichen.

Geräuschlos drangen die kühnen Leute durch den Wald. Nachdem sie zehn Minuten unter dem Gezweig gekrochen, langten sie am Ufer eines Flüßchens an, und gewahrten da beim Scheine von Fackeln einen Haufen aufgeschichteten Holzes. Es war der aus kostbarem Sandelholz errichtete Scheiterhaufen, der bereits mit parfümirtem Oel getränkt war. Oben darauf lag der einbalsamirte Leichnam des Rajah, welcher zugleich mit seiner Witwe verbrannt werden sollte. Hundert Schritte von diesem Scheiterhaufen stand die Pagode, deren Minarets über die Gipfel der Bäume ragten.

»Kommen Sie!« sagte der Führer leise.

Und mit verdoppelter Vorsicht schlich er seinen Gefährten voran stille durch das hohe Gras.

Nur das Säuseln des Windes unterbrach noch die Stille. Nicht lange, so hielt der Führer am Rande einer Lichtung, die von einigen Fackeln erleuchtet war. Haufenweise lagen da, wie auf einer Wahlstatt, die Schläfer in tiefem Rausch, Männer, Weiber, Kinder, alle durcheinander; einiges Röcheln vernahm man hier und da.

Im Hintergrunde, zwischen dem Gebüsche, erhob sich undeutlich der Tempel von Pillaji. Aber zu großer Enttäuschung des Führers waren die Garden der Rajahs im Scheine rußiger Fackeln wachsam an den Eingängen, und wandelten mit gezogenem Säbel auf und ab. Es ließ sich voraussetzen, daß die Priester innen ebenso wachsam waren.

Der Parse wagte nicht weiter vorzugehen. Da er die Unmöglichkeit sah, gewaltsam in den Tempel zu gelangen, führte er seine Gefährten rückwärts.

Phileas Fogg und Sir Francis Cromarty begriffen wie er, daß man von dieser Seite her nichts wagen konnte.

Sie standen stille und sprachen leise mit einander.

»Warten wir, sagte der Brigadegeneral, es ist erst acht Uhr, und es ist möglich, daß auch diese Wächter in Schlaf verfallen.

– Das ist wohl möglich«, erwiderte der Parse.

Phileas Fogg und seine Gefährten lagerten sich daher am Fuß eines Baumes und warteten.

Wie wurde ihnen die Zeit lang! Von Zeit zu Zeit entfernte sich der Führer, um den Rand des Gehölzes zu beobachten. Die Leibwächter des Rajah wachten unablässig bei Fackelschein, und ein dämmerndes Licht drang durch die Fenster der Pagode.

So wartete man bis Mitternacht; aber die Lage änderte sich nicht. Die Bewachung außen blieb unverändert; offenbar konnte man nicht darauf rechnen, daß die Wächter in Schlaf versanken. Vermuthlich hatte man ihnen die Berauschung mit »Hang« unmöglich gemacht. Man mußte also anders verfahren, und durch eine in die Mauer der Pagode gebrochene Oeffnung einzudringen versuchen. Dann blieb noch die Frage, ob die Priester bei ihrem Opfer ebenso sorgsam wachten, wie die Soldaten am Eingang des Tempels.

Nach einer letzten Beredung machte sich der Führer auf den Weg, gefolgt von Herrn Fogg, Sir Francis und Passepartout. Sie machten einen ziemlichen Umweg, um der Pagode von hinten beizukommen.

Etwa um halb eins kamen sie, ohne Jemand zu begegnen, am Fuß der Mauer an. Auf dieser Seite waren keine Wachen aufgestellt, aber es waren da auch weder Thür noch Fenster.

Es war dunkle Nacht. Der Mond, damals im letzten Viertel, stieg eben, von dichtem Gewölk umgeben, am Horizont auf. Die hohen Baume vermehrten noch die Dunkelheit.

Aber daß man sich am Fuße der Mauer befand, reichte nicht hin, man mußte auch eine Oeffnung hineinbrechen. Dafür waren Phileas Fogg und seine Genossen mit gar keinem Werkzeuge versehen, als ihren Taschenmessern. Zum Glück waren die Mauern des Tempels nur aus Ziegelstein, in Verbindung mit Holz gebaut, so daß es nicht schwer war, ein Loch einzubohren. War einmal ein Ziegelstein herausgenommen, so ging’s mit den anderen noch leichter.

Man machte sich so still wie möglich an’s Werk. Auf der einen Seite der Parse, auf der andern Passepartout, entkitteten die Ziegelsteine dergestalt, daß sie ein zwei Fuß breites Loch bekamen.

Die Arbeit schritt vor, als ein Geschrei im Innern des Tempels sich vernehmen ließ, das von außen sogleich erwidert wurde.

Die beiden Arbeiter hielten inne. Hatte man sie entdeckt? Machte man Lärm? Die gewöhnlichste Klugheit rieth, sich zu entfernen, und sie thaten’s mit Phileas Fogg und Sir Francis Cromarty. Sie duckten sich abermals unter’s Gehölz, in Erwartung, daß der Lärm sich wieder legen würde, um dann von Neuem an’s Werk zu gehen. Aber zu allem Unglück wurden an jener Stelle der Pagode Wachen aufgestellt, die jede Annäherung unmöglich machten.

Unbeschreiblich war die Verlegenheit der vier Männer, als sie sich bei ihrem Werk gehemmt sahen. Wie konnten sie das Opfer retten, da sie nicht zu ihm gelangen konnten? Sir Francis Cromarty benagte sich die Finger. Passepartout war außer sich, und der Führer konnte ihn kaum beschwichtigen. Phlegmatisch wartete Herr Fogg ab ohne seine Gefühle kund zu geben.

»Es bleibt uns nichts, als abzuziehen? fragte leise der Brigadegeneral.

– Warten Sie, sagte Fogg. Ich brauche erst morgen vor zwölf Uhr in Allahabad zu sein.

– Aber worauf hoffen Sie? erwiderte Sir Francis Cromarty. In einigen Stunden wird’s Tag sein, und …

– Die günstige Gelegenheit kann sich noch im letzten Augenblicke ergeben.«

Der Brigadegeneral hätte gewünscht in Phileas Fogg’s Augen lesen zu können.

Worauf rechnete der kaltblütige Engländer? Wollte er im Moment des Todes sich auf die junge Frau losstürzen und sie ihren Henkern offen entreißen?

Das wäre Wahnsinn gewesen; und war wohl anzunehmen, daß dieser Mann zu solchem Wahnsinn gediehen sei? Dennoch willigte Sir Francis Cromarty ein, bis zur Entwicklung dieser schrecklichen Szene zu warten. Doch ließ der Führer seine Gefährten nicht an dem Orte, wohin sie sich geflüchtet hatten, und führte sie an die vordere Seite der Lichtung. Hier konnten sie von einem Gebüsche verdeckt die eingeschlafenen Gruppen beobachten.

Inzwischen trug sich Passepartout, der hoch auf den Zweigen eines Baumes saß, mit einem Gedanken, der erst wie ein Blitz seinen Geist durchzuckte und endlich in seinem Kopfe sich festsetzte.

Anfangs hatte er zu sich gesagt: »Wie toll!« und jetzt sagte er wiederholt: »Warum nicht, allem Anschein nach? Ein möglicher Weg, vielleicht der einzige, und bei so viehdummem Volke! …«

Jedenfalls gab Passepartout damals seinen Gedanken keine andere Form, aber er glitt flink wie eine Schlange unverweilt auf die unteren Zweige des Baumes, deren Enden sich bis zum Boden hinabbogen.

Die Stunden verflossen, und bald verkündigte Dämmerungsschein den Anbruch des Tages. Doch war’s noch völlig finster. Dies war der bestimmte Zeitpunkt. Gleich einer Auferstehung erhoben sich die Massen aus dem Schlafe, die Gruppen belebten sich; Tam-Tamschläge, lautes Geschrei und Gesang ertönten. Es war die Todesstunde der Unglücklichen gekommen.

In der That, die Pforten der Pagode öffneten sich, und es strahlte ein helleres Licht aus dem Innern heraus. Herr Fogg und Sir Francis Cromarty konnten in heller Beleuchtung wahrnehmen, wie zwei Priester das Opfer herausschleppten. Es kam ihnen sogar vor, als bemühe sich die Unglückliche, im äußersten Drange der Selbsterhaltung die Betäubung abschüttelnd, ihren Henkern zu entrinnen. Sir Francis Cromarty, dem das Herz zerspringen wollte, faßte mit krampfhafter Bewegung Phileas Fogg’s Hand, und fühlte, daß diese Hand ein Messer gezückt hielt.

In dem Augenblicke setzte sich die Masse in Bewegung. Die junge Frau war in die durch Hanfrauch erzeugte Erstarrung zurückgesunken. Sie schritt mitten durch die Fakir, welche sie mit frommem Geschrei umgaben.

Phileas Fogg und seine Genossen schlossen sich im Gedränge den hintersten Reihen der Masse an.

Nach zwei Minuten gelangten sie an den Rand des Baches, und hielten keine fünfzig Schritte von dem Scheiterhaufen an, worauf der Leichnam des Rajah lag. Im Halbdunkel sahen sie das Opfer regungslos neben der Leiche ihres Gemahls liegen.

Darauf wurde mit einer Fackel das ölgetränkte Holz angezündet, das sogleich in heller Flamme loderte.

In dem Moment wollte Phileas Fogg, von edelmüthigem Wahnsinn getrieben, auf den Scheiterhaufen zustürzen, doch Francis Cromarty und der Führer hielten ihn zurück …

Phileas Fogg stieß sie von sich – da änderte sich plötzlich die Scene. Ein Schrei des Entsetzens ward vernommen, und die gesammte Menge warf sich in Bestürzung zu Boden.

Der alte Rajah war also nicht todt? Man sah ihn plötzlich wie ein Gespenst sich aufrichten und die junge Frau in den Armen vom Scheiterhaufen herab, einer Geistererscheinung vergleichbar, mitten durch die Dampfwolken schreiten. Die Fakir, die Leibwächter, die Priester hatten sich, von plötzlichem Schrecken befallen, zu Boden geworfen, wagten nicht ihr Angesicht aufzurichten, um ein solches Wunder zu schauen!

Leblos lag das Opfer in den kräftigen Armen, die es trugen. Herr Fogg und Sir Francis Cromarty waren stehen geblieben, der Parse hatte den Kopf gesenkt, und Passepartout war ohne Zweifel nicht minder erstaunt!

Der Wiederauferstandene kam so in die Nähe der Stelle, wo Herr Fogg und Sir Francis Cromarty sich befanden, und hier sprach er mit leiser Stimme:

»Nun eilen wir wohl! …«

Passepartout selbst war’s, der mitten durch den dichten Qualm zum Scheiterhaufen gedrungen war! Passepartout hatte unter’m Schutz des noch herrschenden Dunkels die junge Frau vom Tode errettet! Passepartout, der seine Rolle mit dem Glücke des Kühnen spielte, schritt mitten durch die vom Schrecken gelähmte Menge.

In einem Augenblicke waren sie alle vier im Gehölz verschwunden, und der Elephant trabte mit ihnen rasch von dannen. Aber Geschrei und Geheul, und selbst eine Kugel, die durch Phileas Fogg’s Hut drang, gaben zu erkennen, daß man den listigen Streich entdeckt hatte.

Wirklich, als der Scheiterhaufen in hellen Flammen stand, sah man darin den Leichnam des alten Rajah.

Die Priester erholten sich von ihrem Schrecken und merkten nun, daß eine Entwendung stattgefunden hatte.

Sie stürzten über Hals und Kopf in den Wald, gefolgt von den Leibwächtern. Dieselben schossen ihre Gewehre ab, aber die Räuber waren bereits auf rascher Flucht, und befanden sich bald weit voraus, daß weder Kugeln noch Pfeile sie erreichen konnten.

VIII.

VIII.

Worin man sehen wird, daß Robur sich entschließt, auf die ihm vorgelegte wichtige Frage zu antworten.

In einer der Cabinen des Ruffs auf dem Hinterdeck hatten Onkel Prudent und Phil Evans zwei vorzügliche Lagerstätten, Wäsche, eine hinreichende Menge Kleidungsstücke zum Wechseln, nebst Mänteln und Reisedecken vorgefunden. Kein transatlantischer Dampfer hätte ihnen mehr Bequemlichkeiten bieten können. Wenn sie nicht in einem fort schliefen, so lag das nur in ihrer Absicht, oder es hielten sie mindestens sehr beunruhigende Gedanken davon zurück. In welch‘ unberechenbares Abenteuer waren sie hier gerathen? Was zu erleben und zwar wider ihren Willen zu erleben stand ihnen Alles noch bevor? Wie würde die ganze Geschichte ablaufen und was beabsichtigte eigentlich der Ingenieur Robur? – Das war gewiß genug Material, unausgesetzt ihre Gedanken zu erfüllen.

Der Diener Frycollin war auf dem Verdeck in einer mit der des Kochs vom »Albatros« zusammenstoßenden Cabine untergebracht worden. Diese Nachbarschaft mißfiel ihm keineswegs – er liebte es, sich mit den Großen dieser Erde auf guten Fuß zu stellen. Doch wenn er endlich einschlief, so träumte der arme Teufel nur vom Herabstürzen durch die Luft, was seinen Schlummer zum fortwährenden Alpdrücken verunstaltete.

Und doch konnte es keine ruhigere Fahrt geben, als dieses Dahinschweben durch die Atmosphäre, deren Strömung sich am Spätabend ganz gelegt hatte. Außer dem Schwirren der Schraubenflügel drang kein Geräusch nach dieser Höhe, höchstens zuweilen der schrille Pfiff einer irdischen Locomotive, die auf ihrer Eisenstraße dahinrollte, oder kaum vernehmbare Laute von Hausthieren. – Ein eigenthümlicher Instinct schien diesen Erdengeschöpfen zu verrathen, daß die Flugmaschine über ihnen hinglitt, und das veranlaßte sie, einen Angstschrei von sich zu geben.

Am folgenden Tage, am 14. Juni, lustwandelten Onkel Prudent und Phil Evans schon früh fünf Uhr auf dem Verdeck des »Albatros«. Eine Veränderung gegen den Vortag zeigte sich nicht, der Ausguck stand am vorderen, der Steuermann am hinteren Theile desselben. Wozu diente aber hier ein Wachtposten? Fürchtete man auch mit der ersten Maschine dieser Art einen etwaigen Zusammenstoß? Nein, das gewiß nicht. Robur hatte ja noch keine Nachahmer gefunden. Die Möglichkeit, einem in den Lüften schwebenden Aerostaten zu begegnen, war eine so geringe, daß sie füglich außer Rechnung gelassen werden konnte. Jedenfalls wäre der Aerostat am schlimmsten daran gewesen – wie bei einem Zusammenstoß des eisernen Topfes mit dem irdenen. Der »Albatros« hatte von einer solchen Collision ja so gut wie nichts zu fürchten.

Doch konnte eine solche überhaupt vorkommen? Ja. Es war ja nicht ausgeschlossen, daß der Aeronef unversehens auf eine Küste zusteuerte, wie ein Schiff, wenn ein Berg, den es eben nicht umsegeln kann, ihm den Weg versperrte. Ein solcher Berg wäre also eine Klippe in der Luft, und diese galt es zu vermeiden, wie das Schiff die Klippe des Meeres zu meiden hat.

Wohl hatte der Ingenieur, ganz wie ein Capitän die Fahrtrichtung angegeben unter Berücksichtigung der nothwendigen Höhe, in der sich der Apparat halten mußte, um auch die höchsten Berggipfel der betreffenden Gegenden zu übersegeln. Da der Aeronef sich aber eben im stark gebirgigem Lande befand, war es gewiß nur ein Gebot der Klugheit, sorgsam Ausguck zu halten, wenn er einmal aus irgend einem Grunde vom richtigen Laufe abwich.

Bei Betrachtung der unter ihnen liegenden Gegend bemerkten Onkel Prudent und Phil Evans einen großen Binnensee, dessen nach Süden gelegene Spitze der »Albatros« bald erreichen mußte. Sie schlossen daraus, daß sie während der Nacht über den Erie-See in seiner ganzen Länge weggekommen wären. Da der Aeronef nun direct nach Westen steuerte, so mußten sie später den äußersten Theil des Michigan-Sees erreichen.

»Hier ist kein Zweifel möglich, sagte Phil Evans, jenes Meer von Dächern am Horizonte ist Chicago!«

Er täuschte sich nicht, das war die genannte Stadt, in der siebzehn Eisenbahnlinien zusammenlaufen, die Königin des Westens, das ungeheure Magazin, in dem die Erzeugnisse von Indiana, Ohio, Wisconsin, Missouri und überhaupt die aus allen Provinzen zusammenströmen, welche den westlichen Theil der Union bilden.

Bewaffnet mit einem vortrefflichen Marinefernrohr, das er in seinem Ruff gefunden, erkannte Onkel Prudent leicht die Hauptgebäude jener Stadt. Sein College konnte ihm die Kirchen, die öffentlichen Bauten, die zahlreichen Elevatoren, ebenso wie das gewaltige Hôtel Sheeman zeigen, das einem großen Würfel, wie man solche zum Spielen gebraucht, glich, an dem freilich die Fenster als hundertfache Augen auf jeder Seite erschienen.

»Da das Chicago ist, bemerkte Onkel Prudent, so ist damit bewiesen, daß wir etwas gar zu weit nach Westen entführt worden sind, als es wünschenswert wäre, um nach unserem Abfahrtspunkt zurückzukehren.«

Der »Albatros« entfernte sich in der That in gerader Linie von der Hauptstadt Pennsylvaniens.

Hätte Onkel Prudent aber Robur auch darum angehen wollen, sie nun nach Osten zurückzuführen, so wäre das jetzt wenigstens unmöglich gewesen. Gerade an diesem Morgen schien der Ingenieur gar keine Eile zu haben, seine Cabine zu verlassen, mochte er darin nun mit irgend welchen Arbeiten beschäftigt sein oder vielleicht nur noch schlafen. Die beiden Collegen mußten also frühstücken, ohne ihn gesehen zu haben.

Die Fahrgeschwindigkeit war seit dem vorigen Tage nicht verändert. Bei der Richtung des eben wendenden Windes wurde dieselbe nicht lästig, und da der Thermometer sich nur um einen Grad bei der Erhebung um hundertsiebenzig Meter senkte, so war auch die Temperatur eine erträgliche. In Erwartung des Ingenieurs gingen Onkel Prudent und Phil Evans nachdenklich hin und her unter der Takelage der Schrauben – wenn der Ausdruck erlaubt ist – welche immerhin eine so schnelle Drehbewegung einhielten, daß die Strahlen ihrer Flügel zu einer halbdurchscheinenden Scheibe verschmolzen.

In weniger als zwei Stunden kamen sie auf diese Weise längs seiner Nordgrenze über den Staat Illinois hinweg, und dabei über den Vater der Gewässer, den Mississippi, dessen zweietagige Dampfer nicht größer als gewöhnliche Kähne erschienen. Dann wendete sich der »Albatros« nach Iova, nachdem Iova-City gegen elf Uhr Vormittags in Sicht gekommen war.

Einzelne Hügelketten, die »Bluffs«, schlängelten sich von Süden nach dem Nordwesten durch dieses Gebiet. Ihre mäßige Höhe machte keine besondere Aufsteigung des Aeronefs nöthig. Diese Bluffs mußten auch bald noch niedriger werden, um nachher den weiten Ebenen von Iova Platz zu machen, welche sich über dessen ganzen nördlichen Theil, wie über Nebraska ausdehnen – ungeheure Prairien, welche bis zum Fuß der Felsengebirge heranreichen. Da und dort glänzten zahlreiche Rios, Zuflüsse und Nebenflüsse des Missouri. An ihren Ufern lagen Städte und Dörfer, welche jedoch immer seltener wurden, je nachdem der »Albatros« schneller nach dem Far-West über sie hinwegglitt.

Im Laufe des Tages ereignete sich nichts Besonderes. Onkel Prudent und Phil Evans blieben sich gänzlich selbst überlassen. Kaum bemerkten sie einmal Frycollin, der auf dem Verdeck ausgestreckt lag und die Augen geschlossen hielt, um lieber gar nichts zu sehen. Uebrigens litt er nicht etwa an Schwindelzufällen, wie man hätte glauben können. Wegen Mangels an Vergleichsobjecten hätte sich dieser Schwindel überhaupt nicht in derselben Weise äußern können, wie etwa auf dem Dache eines hohen Gebäudes; der Abgrund verliert seine Anziehungskraft, wenn man in der Gondel eines Ballons oder auf dem Deck eines Aeronefs über ihm schwebt, oder vielmehr unter dem Aeronauten gähnt gar kein Abgrund, sondern der Horizont allein erhebt sich an allen Seiten und umringt denselben.

Um zwei Uhr glitt der »Albatros« über Omaha an der Grenze von Nebraska hin, über Omaha-City, den wirklichen Kopf der Pacific-Bahn, jenes fünfzehnhundert Lieues langen Schienenstranges, der New-York und San Francisco verbindet. Einen Augenblick lang sah man die gelblichen Fluthen des Missouri, nachher die Stadt mit ihren Holz- und Steinhäusern, inmitten dieses reichen Beckens gelegen gleich dem Schloß eines Gürtels, der Nordamerika in der Taille umspannt.

Zweifellos mußten, während die Passagiere des Aeronefs alle diese Einzelheiten betrachteten, auch die Bewohner von Omaha den seltsamen Apparat wahrgenommen haben.

Ihr Erstaunen aber, denselben in den Lüften hinschweben zu sehen, konnte gewiß nicht größer sein, als das des Vorsitzenden und des Schriftführers des Weldon-Instituts, sich an Bord desselben zu befinden.

Jedenfalls lag hier eine Thatsache vor, welche durch die Journale der Union besprochen wurde; eben diese lieferte eine Erklärung des Phänomens, mit dem sich seit einiger Zeit die ganze Welt beschäftigte.

Eine Stunde später war der »Albatros« schon über Omaha hinweg. Der »Albatros« steuerte jetzt constant nach Westen, indem er sich vom Platte-River entfernte, dessen Thal die Pacific-Railway durch die Prairie folgt. Den Onkel Prudent und Phil Evans konnte diese Wahrnehmung gerade nicht befriedigen.

»Die Sache wird ernsthaft mit diesem sinnlosen Project, uns zu den Antipoden zu bringen, sagte der Eine.

– Und noch dazu wider unseren Willen! bemerkte der Andere. O, dieser Robur soll sich nur in Acht nehmen, ich bin nicht der Mann dazu, mit mir spielen zu lassen!

– Ich auch nicht! versicherte Phil Evans. Doch, folgen Sie meinem Rathe, Onkel Prudent, versuchen Sie sich zu mäßigen …

– Mich mäßigen! …

– Und bemeistern Sie Ihre Wuth bis zu dem Augenblick, wo es an der Zeit ist, sie ausbrechen zu lassen.«

Gegen fünf Uhr und nach Ueberschreitung der mit Tannen und Cedern bedeckten schwarzen Berge flog der »Albatros« über jenen Gebieten hin, die man mit Recht das »schlimme Land« genannt hat – ein Chaos von ockerfarbigen Hügeln, gleichsam von Bergstücken, welche der Schöpfer hatte auf die Erde fallen lassen und die dabei in Trümmer gegangen waren. Von ferne gesehen, nahmen diese Blöcke die phantastischesten Formen an. Da und dort inmitten dieser ungeheuren Ansammlung von Bruchstücken erblickte man Ruinen von mittelalterlichen Städten mit Forts, Wartthürmen, Laufgräben und Schanzen. Heutzutage bildet dieses »schlimme oder böse Land« aber nichts als ein gewaltiges Beinhaus, in dem die Reste von Pachydermen, Chelonien und der Sage nach sogar von fossilen Menschen bleichen, welche durch eine unbekannte Erdrevolution in grauer Vorzeit hierher geworfen wurden.

Mit einbrechendem Abend war schon das große Becken des Platte-River übersegelt. Jetzt dehnte sich vor dem »Albatros« eine weite Ebene bis zu dem, durch dessen hohen Standpunkt sehr erweiterten Horizonte aus.

Während der Nacht waren es nicht mehr die scharfen Pfiffe der Locomotive oder die heulenden Töne von Dampfbooten, welche die Ruhe des gestirnten Firmaments störten. Lang anhaltendes Grunzen und Blöken drang manchmal bis zu dem, übrigens jetzt der Erde näheren Aeronef hinauf. Dasselbe rührte von den Bisonheerden her, welche bei Aufsuchung von Wasserläufen und Weideland durch die Prairie trotteten. Und wenn jene schwiegen, dann erzeugte das Rascheln des Grases unter ihren Hufen ein dumpfes Geräusch, ähnlich dem Rauschen einer Ueberschwemmung, und sehr verschieden von dem Schwirren und Sausen der Schrauben.

Von Zeit zu Zeit ließ sich wohl auch das Heulen von Wölfen, das Gebell und Geschrei von Füchsen und Wildkatzen hören oder das scharfe Bellen von Coyots, jenes »canis latrans«, dessen Name sich schon durch die gellenden Töne des Thieres rechtfertigt.

Daneben verbreitete sich ein durchdringender Duft von Minze, Salbei und Absinth, vermischt mit dem kräftigen Harzgeruch von Coniferen, in der reinen Nachtluft.

Endlich hörte man, um alle vom Erdboden kommenden Geräusche zu erwähnen, auch eine Art recht unheimlichen Bellens, das aber nicht von den Coyots herrührte; das war der Schrei einer Rothhaut, welchen kein Pionnier des fernen Westens mit dem Geschrei eines Raubthieres verwechseln könnte.

Phil Evans verließ seine Cabine. Vielleicht sollte er an diesem Tage den Ingenieur Robur endlich wiedersehen.

Begierig, zu erfahren, warum Jener sich am vergangenen Tage gar nicht gezeigt haben möge, wandte er sich an den Obersteuermann Tom Turner.

Tom Turner, von englischer Herkunft und etwa fünfundvierzig Jahre alt, breit in der Brust, untersetzt von Gestalt und mit Knochen von Eisen, hatte einen jener charakteristischen Köpfe à la Hogarth, wie sie dieser Maler der angelsächsischen Häßlichkeiten aus seinem Pinsel hervorgezaubert hat. Wer die Tafel IV von Harlots Progreß genauer betrachtet, der wird auf derselben den Kopf Tom Turner’s auf den Schultern des Gefängnißwärters wiederfinden und wird erkennen, daß dessen Physiognomie nicht eben viel Ermuthigendes hat.

»Werden wir heute den Ingenieur Robur sehen? fragte Phil Evans.

– Weiß nicht, antwortete Tom Turner.

– Ich frage Sie nicht, ob er etwa weggegangen ist.

– Vielleicht.

– Auch nicht, wann er zurückkehren könnte.

– Vermutlich, wenn er mit seiner Cursbestimmung fertig ist.«

Hiermit verschwand Tom Turner schon wieder in seinem Ruff.

Phil Evans mußte sich wohl oder übel mit dieser Antwort begnügen, welche umso weniger beruhigend erschien, als eine fortgesetzte Beobachtung des Compasses ihm lehrte, daß der »Albatros« noch immer nach Südwesten weiter steuerte. Welcher Unterschied aber zwischen dem seit der Nacht verlassenen Gebiete des schlimmen Landes und der Landschaft, die sich jetzt unten auf der Erde entrollte!

Nachdem der Aeronef tausend Kilometer von Omaha aus zurückgelegt, befand er sich über einer Gegend, welche Phil Evans aus dem Grunde nicht zu erkennen vermochte, weil er sie vorher noch niemals besucht hatte. Einige Forts, mit dem Zwecke, die Indianer im Schach zu halten, bekrönten die Bluffs mit ihren geometrischen Linien, welche mehr aus Palissaden, als aus Mauerwerk bestanden; Dörfer gab es nur wenige und ebenso wenig Bewohner in diesem von dem goldführenden, einige Grade südlicher liegenden Gebiete Colorados so auffallend verschiedenen Landstriche.

In der Ferne erhob sich, vorläufig nur in verschwindenden Umrissen, eine Reihe von Bergkämmen, welche die aufsteigende Sonne mit feurig leuchtendem Kranze schmückte.

Das waren die Felsengebirge.

Zum ersten Male an diesem Morgen beobachteten Onkel Prudent und Phil Evans eine empfindliche Kälte. Die Erniedrigung der Temperatur war aber nicht etwa einem Witterungsumschlage zuzuschreiben, denn die Sonne leuchtete fortwährend in hellem Glanze.

»Das wird von der Erhebung des »Albatros« in der Atmosphäre herkommen,« meinte Phil Evans.

In der That war der an der äußeren Seite der Thür des mittleren Ruffs angebrachte Barometer bis auf fünfhundertvierzig Millimeter gesunken – was einer Erhebung von etwa dreitausend Metern entspricht. Der Aeronef hielt sich also in einer bedeutenden, übrigens durch die gebirgige Bodenbeschaffenheit bedingten Höhe.

Eine Stunde vorher hatte er sogar eine Höhe von viertausend Metern übersteigen müssen, denn hinter ihm erhoben sich viele, mit ewigem Schnee bedeckte Berghäupter.

Weder Onkel Prudent noch sein Gefährte konnten sich erinnern, welches Land das wohl wäre. Im Laufe der Nacht hatte der »Albatros« ja einen anderen Weg nach Norden oder Süden einhalten können, und bei seiner übermäßigen Schnelligkeit genügte das, sie schon sehr weit zu verschlagen.

Nachdem sie verschiedene mehr oder weniger annehmbare Hypothesen besprochen, einigten sie sich darüber, daß das vorliegende, von einem kreisförmigen Bergwall umrahmte Gebiet dasselbe sein werde, welches durch Congreßacte vom März 1872 zum Nationalpark der Vereinigten Staaten erklärt worden war.

Sie hatten hiermit Recht, und jenes Gebiet verdient vollständig den Namen eines Parks, aber eines solchen mit Bergen statt der Hügel, mit Seen statt der Teiche, mit Strömen statt der Bäche, mit tiefen Wäldern statt künstlich angelegter Labyrinthe, und als Springbrunnen schmückten denselben wirkliche Geyser von erstaunlicher Mächtigkeit.

Nach wenig Minuten glitt der »Albatros«, den Stevensonberg rechts liegen lassend, über den Yellowstone-Fluß hin und gelangte nach dem großen See, der den Namen jenes Flusses trägt. Welch‘ reiche Abwechslung im Zuge der Ufer dieses Wasserbeckens, deren flachere, mit Obsidianen und kleinen Krystallen besäete Ränder die Sonnenstrahlen in unzähligen Facetten widerspiegelten! Wie launenhaft liegen die Inseln über seine Oberfläche zerstreut! Wie wunderbar blau wirft dieser Riesenspiegel die Farbe des Himmels zurück! Und rings um diesen See – übrigens einer der höchstgelegenen der ganzen Erde – schwammen und flatterten ganze Wolken verschiedener Vögel, wie Pelikane, Schwäne, Möven, Gänse, Rothgänse und Tauchervögel. Einige der Strecken des steiler abfallenden Uferlandes trugen ein immergrünes Gewand von Fichten- und Lärchenbäumen, während am Fuße seiner Böschungen unzählige weiße Dampfquellen emporwirbelten. Dieser Dampf entsteigt dem Erdboden wie aus einem ungeheuren Kessel, in dem das Wasser durch das Feuer des Erdinneren in fortwährendem Sieden erhalten wird.

Für den Koch wäre jetzt oder niemals eine günstige Gelegenheit gewesen, sich mit reichlichem Vorrathe von Forellen zu versorgen, welche Fischart die einzige ist, die der Yellow-See, aber auch zu Myriaden, ernährt. Der »Albatros« hielt sich jedoch stets in einer solchen Höhe, daß ein Fischzug, der unzweifelhaft von einträglichem Erfolge gewesen wäre, sich nicht hätte ausführen lassen.

Uebrigens wurde der See schon binnen dreiviertel Stunden und wenig später das Gebiet der Geyser, die mit den schönsten in Island wetteifern, überschritten. Ueber das Verdeck hinaus gebeugt, beobachteten Onkel Prudent und Phil Evans die flüssigen Säulen, die hoch aufstiegen, als sollten sie dem Aeronef noch ein neues Kraftelement zuführen. Es waren das »der Fächer«, dessen Dämpfe sich kreisförmig ausbreiten; »das befestigte Schloß«, das sich gleichsam durch Trombenschüsse zu vertheidigen scheint; »der alte Treue« mit seiner von Regenbogen begrenzten Flüssigkeitssäule, und »der Riese«, durch den der innere Druck einen lothrechten Strom von fünfundzwanzig Fuß Umfang auf mehr als zweihundert Fuß Höhe emporschleudert.

Robur schien die Wunder dieses unvergleichlichen Schauspiels, das gewiß in der Welt einzig dasteht, schon zur Genüge zu kennen, denn er erschien nicht auf dem Verdeck.

Sollte er den Aeronef nur zum Vergnügen seiner Gäste über dieses National-Eigenthum hingeführt haben? Wenn diese Voraussetzung auch vielleicht zutraf, so entzog er sich doch ihren Dankesbezeugungen. Er ließ sich nicht einmal durch die kühne Fahrt quer durch die Felsengebirge, welche der »Albatros« gegen sieben Uhr Morgens erreichte, aus seiner Ruhe stören.

Es ist bekannt, daß dieses orographische System sich gleich einem gewaltigen Rückgrat von den Lenden Nordamerikas bis zu dessen Halse hin ausdehnt, indem es eine Fortsetzung der mexikanischen Anden bildet. Das Ganze erreicht eine Länge von dreitausendfünfhundert Kilometern und hat seinen höchsten Punkt im Pic-James, der bis fast zwölftausend Fuß hoch aufragt.

Gewiß hätte der »Albatros« durch Vermehrung seiner Flügelschläge, gleich einem im Aether dahineilenden Vogel, auch die höchsten Gipfel dieser Ketten überfliegen können, um dann wie mit Riesenschwingen nach Oregon und Utah hinabzusteigen. Dieses Manöver war aber nicht einmal nothwendig, da es hier Pässe giebt, um durch die Bergkette zu gelangen, ohne deren Kamm zu übersteigen. Man findet verschiedene solcher »Cañons«, eine Art mehr oder weniger enger Schluchten, durch welche man nur schwer gelangen kann – die einen, wie der Bridger-Paß, dem auch die Pacific-Bahn folgt, um in das Mormonengebiet einzudringen, die anderen etwas weiter im Norden oder im Süden.

In einen dieser Cañons lenkte der »Albatros« ein, nachdem er seine Geschwindigkeit vermindert hatte, um jedenfalls ein Anstoßen an die Wände der Schlucht zu vermeiden. Der Steuermann, dessen ungemein sichere Hand die vorzügliche Wirksamkeit des Steuerruders in besonders helles Licht setzte, lenkte denselben, wie er es mit einem Boote ersten Ranges beim Wettfahren des Royal Thames Club gethan hätte. Es war in der That bewunderungswürdig anzusehen. Und trotz des Widerwillens, den die beiden Feinde des »Schwerer, als die Luft« noch immer empfanden, mußten sie doch entzückt sein über die Vollkommenheit dieser sich durch den Luftraum bewegenden Maschine.

Binnen weniger als zweiundeinerhalben Stunde wurde die gewaltige Bergkette durchfahren und der »Albatros« nahm seine gewöhnliche Geschwindigkeit von hundert Kilometer (in der Stunde) wieder an. Er steuerte jetzt auf’s Neue dem Südwesten zu, um nicht gar zu hoch über dem Erdboden das Gebiet von Utah schräg zu durchschneiden. Dabei war er bis auf wenige hundert Meter gesunken, als die Töne einer Pfeife die Aufmerksamkeit des Onkel Prudent und Phil Evans‘ erregten.

Diese kamen von einem Zuge der Pacific-Bahn her, welcher der Stadt am großen Salzsee zudampfte.

In diesem Augenblick senkte sich auf geheimen Befehl der »Albatros« noch weiter, um dem mit voller Dampfkraft dahinfahrenden Zuge zu folgen. Er wurde sofort bemerkt. Einige Köpfe erschienen an den Thüren der Waggons. Dann drängten sich bald zahlreiche Passagiere auf den kleinen Laufbrücken, welche die amerikanischen »Cars« mit einander verbinden. Einzelne wagten es sogar, die Doppelwagen des Trains zu erklettern, um die Flugmaschine besser sehen zu können. Laute Hipps und Hurrahs dröhnten durch die Luft, hatten aber nicht den Erfolg, Robur erscheinen zu lassen.

Das Spiel seiner Schrauben weiter verlangsamend, stieg der »Albatros« noch immer tiefer hinunter und verminderte auch seine horizontale Schnelligkeit, um den Bahnzug, den er bequem hätte überholen können, nicht hinter sich zu lassen. So flog er über diesen hin, wie ein ungeheurer Käfer, während er doch hätte einem riesenhaften Raubvogel gleichen können. Jetzt schwenkte er wie spielend nach rechts und nach links ab, schoß einmal vorwärts und kehrte auf demselben Wege wieder zurück, auch hatte er stolz die schwarze Flagge mit der goldenen Sonne gehißt, worauf der Zugführer als Antwort das Banner mit den siebenunddreißig Sternen der amerikanischen Union schwenkte.

Vergeblich versuchten die beiden Gefangenen, die sich jetzt darbietende Gelegenheit zu benützen, um Kunde davon zu geben, was aus ihnen geworden wäre. Vergebens rief der Vorsitzende des Weldon-Instituts mit Stentorstimme:

»Ich bin Onkel Prudent aus Philadelphia!«

Und der Schriftführer:

»Ich bin Phil Evans, sein College!«

Ihre Rufe verhallten in den tausend Hurrahs, mit denen die Passagiere des Zugs die merkwürdige Erscheinung des Luftschiffes begrüßten.

Inzwischen waren drei bis vier Mann vom Aeronef auf dem Verdeck desselben erschienen und Einer von ihnen ließ – wie es Seeleute zu thun pflegen, wenn sie ein langsamer fahrendes Schiff überholen – nach dem Zuge ein Stück Tau hinab – ein ironisches Angebot, ihn in’s Schlepptau zu nehmen.

Dann nahm der »Albatros« sofort seinen gewöhnlichen Gang wieder an und nach einer halben Stunde hatte er jenen Expreßzug, dessen letzte Dampfwölkchen bald aus dem Gesichtskreise verschwanden, schon weit hinter sich gelassen.

Gegen ein Uhr Mittags wurde eine sehr große Scheibe sichtbar, welche die Sonnenstrahlen gleich einem ungeheuren Reflector zurückwarf.

»Das muß die Hauptstadt der Mormonen, Salt-Lake-City, sein!« sagte Onkel Prudent.

In der That war es die große Salzsee-Stadt und jene convexe Scheibe war das Dach des Tabernakels, das bequem zehntausend Heilige aufnehmen kann. Wie ein erhabener Spiegel zerstreute derselbe die Strahlen der Sonne nach allen Richtungen hin.

Hier dehnte sich die große Stadt aus am Fuße der Wasatsh-Berge, welche bis zur halben Höhe mit Cedern und Fichten bedeckt sind, und am Ufer jenes Jordan, der die Gewässer von Utah in den großen Salzsee ergießt. Unter dem Aeronef breitete sich das Damenbrett aus, welches die meisten amerikanischen Städte bilden – hier ein Damenbrett mit »mehr Damen als Feldern«, da die Polygamie bei den Mormonen in so hoher Blüthe steht. Die Landschaft im Umkreise zeigte sich jedoch gut bestellt und cultivirt, auch reich an Spinnfaserpflanzen, während sich Schafheerden von mehr als tausend Köpfen vielfach umhertummelten.

Aber das Ganze verblaßte wie ein Schatten, und der »Albatros« flog jetzt nach Südwest mit gesteigerter Geschwindigkeit, welche ziemlich fühlbar wurde, weil sie die des Windes übertraf.

Bald darauf schwebte der Aeronef über dem Staate Nevada und seinen silberführenden Gebieten, die nur die Sierra von den goldführenden Ländereien Kaliforniens trennt.

»Wir können auf jeden Fall erwarten, San Francisco noch vor dem Abend zu sehen, sagte Phil Evans.

– Und dann? …« antwortete Onkel Prudent.

Es war jetzt um sechs Uhr Nachmittags, als die Sierra Nevada durch denselben Einschnitt von Truckie überschritten wurde, der auch der Bahn als Bergpaß dient. Von hier aus hatte man nur noch dreihundert Kilometer zurückzulegen, um, wenn nicht San Francisco, so doch mindestens Sacramento, die Hauptstadt von Californien, zu erreichen.

Die dem »Albatros« jetzt verliehene Geschwindigkeit war eine so große, daß noch vor acht Uhr die Kuppel des Capitols am westlichen Horizonte auftauchte, nur um bald wieder am entgegengesetzten zu verschwinden.

Eben jetzt zeigte sich Robur auf dem Verdeck. Die beiden Collegen gingen auf ihn zu.

»Ingenieur Robur, begann Onkel Prudent, wir befinden uns nun an den Grenzen Amerikas. Wir meinen, dieser Scherz könnte nun sein Ende finden.

– Ich scherze nie,« antwortete Robur.

Er gab ein Zeichen; der »Albatros« senkte sich schnell abwärts, doch gleichzeitig nahm er eine solche Schnelligkeit an, daß sich Alle in die Ruffs flüchten mußten.

Kaum hatte sich die Thür der Cabine hinter den beiden Collegen geschlossen, als Onkel Prudent rief:

»Nur noch etwas mehr und ich erwürge ihn!

– Wir müssen versuchen, zu entfliehen, rieth Phil Evans.

– Ja … es koste, was es wolle!«

Da klang ein langes Gemurmel bis zu ihnen herein.

Das war das Grollen des Meeres, das gegen die Küstenfelsen brandete. Es war der Pacifische Ocean.

IX.

IX.

In dem der »Albatros« fast zehntausend Kilometer zurücklegt und das mit einem merkwürdigen Sprunge endigt.

Onkel Prudent und Phil Evans waren fest entschlossen, zu fliehen. Hätten sie es nur zu dreien mit den acht, allerdings sehr kräftigen Männern zu thun gehabt, welche die Besatzung des Aeronefs bildeten, so würden sie den Kampf vielleicht gewagt haben. Ein kühner Handstreich hätte sie zu Herren an Bord gemacht und ihnen die Möglichkeit gegeben, an einem beliebigen Punkte der Vereinigten Staaten niederzugehen. Zu Zweien aber – denn Frycollin konnte ja nur als verschwindende Größe gezählt werden – war daran nicht wohl zu denken; da jede Gewaltanwendung also ausgeschlossen blieb, mußten sie, sobald der »Albatros« einmal zur Erde hinabging, zur List ihre Zuflucht nehmen. Das bemühte sich auch Phil Evans seinem wuthschnaubenden Collegen beizubringen, da er von diesem immer noch eine gewaltthätige Uebereilung fürchtete, welche ihre Lage nur verschlimmern konnte.

Jedenfalls war jetzt kein günstiger Augenblick. Der Aeronef glitt in schnellster Gangart eben über den Nordpacifischen Ocean hin. Schon am nächsten Morgen, dem des 16. Juni, sah man nichts von der Küste, und da diese von der Vancouver-Insel bis zur Gruppe der Alëuten – das ist der früheren russischen Besitzung in Amerika, welche 1867 an die Vereinigten Staaten abgetreten wurde – in einem großen Bogen verläuft, so hatte es den Anschein, als ob der »Albatros« letztere an dem vorspringendsten Bogentheile kreuzen sollte, wenigstens wenn die jetzt eingehaltene Fahrtrichtung nicht verändert wurde.

Wie lang erschienen die Nächte jetzt den beiden Collegen! Sie beeilten sich auch jeden Morgen, ihre Cabine zu verlassen. Als sie heute nach dem Deck kamen, war der Horizont im Osten schon vollständig hell. Man näherte sich ja der Sommersonnenwende, dem längsten Tage auf der nördlichen Halbkugel, an dem es unter dem 60. Breitengrade eigentlich kaum Nacht wird.

Der Ingenieur Robur dagegen schien – ob aus Gewohnheit oder mit Absicht – keine besondere Eile zu haben, seinen Ruff zu verlassen; und als das heute endlich geschah, begnügte er sich, seine beiden Gäste zu begrüßen, als er auf dem Hintertheile des Aeronef ihren Weg kreuzte.

Inzwischen hatte sich auch Frycollin mit vor Schlaflosigkeit gerötheten Augen, glanzlosem Blicke und schlotternden Beinen aus seiner Cabine gewagt. Er ging dahin wie Einer, dessen Fuß es empfindet, daß dem Boden darunter nicht recht zu trauen ist. Sein erster Blick richtete sich nach der Auftriebsmaschinerie, die, ohne sich zu beeilen, mit beruhigender Regelmäßigkeit arbeitete.

Danach begab sich der immerfort schwankende Neger nach der Reeling und ergriff diese mit beiden Händen, um sich, mehr Gleichgewicht zu sichern. Offenbar wünschte er einen Ueberblick über das Land zu gewinnen, das der »Albatros« jetzt in der Höhe von höchstens zweihundert Metern überflog.

Frycollin hatte sich tüchtig zusammennehmen müssen, um einen solchen Versuch zu wagen. Es bedurfte ja, seiner Meinung nach, einer gewissen Kühnheit, seine werthe Person einer solchen Gefahr auszusetzen.

Vor der Reeling stehend, hielt Frycollin erst den Körper nach rückwärts geneigt, dann schüttelte er an derselben, um ihre Haltbarkeit zu prüfen; nachher richtete er sich auf, beugte sich etwas nach vorwärts und steckte endlich den Kopf ein wenig hinaus. Wir brauchen wohl nicht zu bemerken, daß er während der Dauer dieses Experimentes beide Augen fest geschlossen hielt. Endlich öffnete er dieselben.

Hei, wie schrie er da laut, wie flog er eiligst zurück und wie verkroch sich sein Kopf zwischen den Schultern!

Unter dem Abgrunde hatte er den ungeheuren Ocean erblickt. Wären seine Haare nicht gar zu kraus gewesen, sie hätten sich gewiß über der Stirn gesträubt.

»Das Meer! Das Meer! …« schrie er auf.

Frycollin wäre lang auf das Verdeck hingestürzt, wenn der Koch nicht die Arme ausgebreitet hätte, ihn aufzufangen.

Dieser Koch war ein Franzose, vielleicht ein Gascogner, obwohl er sich François Tapage nannte [Fußnote]. Wenn er nicht Gascogner war, so mußte er während seiner Kindheit die sanften Winde der Garonne eingeatmet haben. Wie dieser François Tapage aber in die Dienste des Ingenieurs gekommen, durch welche Reihe von Zufälligkeiten er unter die Mannschaft des »Albatros« gerathen war, das wußte kein Mensch. Jedenfalls sprach dieser Schlaukopf englisch wie ein Yankee.

»Heda, aufrecht, zum Teufel, herauf! rief er, den Neger mit kräftigem Handgriffe aufrichtend.

– Master Tapage! … antwortete der arme Teufel, einen verzweiflungsvollen Blick nach den Schrauben werfend.

– Was willst Du denn, Frycollin?

– Geht das manchmal entzwei?

– Manchmal nicht, aber es wird einmal entzwei gehen.

– Warum? … Warum denn? …

– Weil zuletzt Alles einmal zum Kuckuk geht, wie man bei mir zu Hause sagt.

– Ja, aber da ist ja das Meer darunter? …

– Im Fall eines Sturzes ist das viel besser.

– Doch da muß man ertrinken!

– Man ertrinkt freilich, aber man behält seine Knochen«, erwiderte François Tapage zuversichtlich.

Wie eine Schlange dahinkriechend, war Frycollin gleich darauf tief hinein in seine Cabine geschlichen.

Im Laufe des 16. Juni hielt der Aeronef nur eine mittlere Geschwindigkeit ein. Er schien an der Oberfläche dieses so ruhigen Meeres, das im vollen Sonnenschein glänzte, fast hinzustreichen, da er sich kaum hundert Fuß über demselben hielt. Heute nun waren Onkel Prudent und sein Gefährte in ihrer Cabine zurückgeblieben, um Robur nicht zu begegnen, der rauchend, bald allein, bald mit seinem Obersteuermann Tom Turner, auf dem Deck umherging. Nur die halbe Anzahl Schrauben war in Thätigkeit, doch das genügte schon, den Apparat in den niedrigeren Zonen der Atmosphäre zu erhalten.

Unter diesen Verhältnissen hätte die Mannschaft außer dem Vergnügen eines Fischzugs sich noch die Befriedigung bereiten können, in ihren gewohnten Speisezettel eine Abwechslung zu bringen, wenn das Wasser des Stillen Oceans fischreich genug wäre. Auf dessen Oberfläche zeigten sich aber nur einzelne Walfische, von der Art mit gelbem Bauche, welche gegen fünfundzwanzig Meter in der Länge mißt. Gerade diese kennt man als die furchtbarsten Cetaceer der nördlichen Meere. Die Fischer von Beruf hüten sich weislich, dieselben anzugreifen, so gefährlich können die Thiere werden.

Immerhin konnte man wohl die Harpunirung eines jener Walfische entweder mit der Flechter’schen Rakete oder mit der Wurfbombe versuchen, und von beiden hatte man eine Auswahl an Bord.

Wozu aber diese unnütze Schlächterei? Wahrscheinlich wollte Robur nur den beiden Mitgliedern des Weldon-Instituts zeigen, wozu er seinen Aeronef Alles verwenden könne, und deshalb sollte auf einen der gewaltigen Cetaceer Jagd gemacht werden.

Auf den Ruf: »Walfische! Walfische!« eilten Onkel Prudent und Phil Evans aus ihren Cabinen. Vielleicht war ein Schiff, ein sogenannter Walfischfahrer, in Sicht. In diesem Falle wären Beide, um ihrem Gefängnisse zu entfliehen, entschlossen gewesen, sich in’s Meer zu stürzen, auf die schwache Hoffnung hin, von einem Fahrzeug aufgenommen zu werden.

Schon stand die ganze Mannschaft des »Albatros« geordnet und jedes Befehls gewärtig auf dem Verdeck und wartete.

»Wir wollen’s also versuchen, Master Robur? fragte der Obersteuermann Tom Turner.

– Ja, Tom,« antwortete der Ingenieur.

In den Ruffs für die Maschinerie standen der Mechaniker und seine Gehilfen auf Posten, um jedes Manöver auszuführen, das ihnen durch Zeichen anbefohlen wurde. Der »Albatros« senkte sich sofort nach dem Meere zu und hielt etwa fünfzig Fuß darüber an.

Wie die beiden Collegen sich überzeugen konnten, war hier kein Schiff in Sicht, so wenig wie eine Küste, welche sie hätten schwimmend erreichen können, vorausgesetzt, daß Robur sie nicht wieder ergreifen ließ.

Mehrere Dunst- und Wasserstrahlen, welche sie durch die Nasenlöcher austrieben, verkündeten die Anwesenheit von Walfischen, welche, um zu athmen, einmal auf die Oberfläche kamen.

Tom Turner hatte sich, unterstützt von einem seiner Kameraden, am Vordertheil aufgestellt. Ihm nahe zur Hand lag eine jener Wurfbomben californischen Fabrikats, welche mit einer Art Büchse abgeschossen werden. Jene besteht aus einem Metallcylinder, der mit einer ebenso geformten Bombe endigt, welche in eine Stange mit widerhakigen Spitzen ausläuft. Von dem Vordercastell aus, das er eben bestieg, gab Robur mit der rechten Hand dem Mechaniker und mit der linken Hand dem Steuermann die nöthigen Zeichen, wie sie manövriren sollten; so beherrschte er den Aeronef sowohl in wagrechter, wie in senkrechter Richtung.

»Ein Walfisch! … Ein Walfisch!« rief Tom Turner noch einmal.

Eben tauchte wirklich der Rücken eines solchen Cetaceers etwa vier Kabellängen vor dem »Albatros« auf.

Der Aeronef stürzte gleichsam auf ihn zu und hielt, als er sich kaum noch sechzig Fuß über dem Thiere befand, schnell an.

Tom Turner hatte seine, in einer an der Reeling befestigten Gabel liegende Büchse angeschlagen. Der Schuß krachte und das Geschoß, das eine lange, mit ihrem Ende am Verdeck angebundene Leine mit sich riß, schlug in den Körper des Walfisches ein. Die mit leicht entzündlichen Stoffen gefüllte Bombe explodirte und schleuderte dabei eine Art kleinere, zweiarmige Harpune, die sich in das Fleisch des Thieres einkrallte.

»Achtung!« rief Tom Turner. Trotz ihrer herzlich schlechten Laune betrachteten Onkel Prudent und Phil Evans dieses Schauspiel doch mit aufrichtigem Interesse.

Der schwer verwundete Walfisch hatte das Meer mit dem Schwanze so furchtbar gepeitscht, daß das Wasser bis zum Vordertheil des Aeronefs hinaufspritzte; dann tauchte derselbe bis zu großer Tiefe hinab, während man die Leine schnell nachgleiten ließ; letztere war übrigens in einem mit Wasser gefüllten Fasse zusammengelegt, um durch die Reibung nicht Feuer zu fangen. Als der Walfisch wieder an die Oberfläche kam, suchte er so schnell als möglich in der Richtung nach Norden zu entfliehen.

Der Leser kann sich leicht vorstellen, mit welch‘ rasender Schnelligkeit der »Albatros« dabei geschleppt wurde, denn die Triebschrauben waren vorher angehalten worden. Man überließ das Thier ganz sich selbst und hielt sich nur auf gleicher Höhe mit ihm. Tom Turner stand bereit, die Leine zu kappen, wenn ein erneutes Tauchen dieses Schleppen gefährlich machte.

So wurde der »Albatros« etwa eine halbe Stunde lang und vielleicht eine Entfernung von sechs Meilen weit hingezerrt; dann merkte man aber, daß der Cetaceer zu erlahmen anfing.

Jetzt ließen die Hilfsmaschinisten das Triebwerk nach rückwärts arbeiten und die Triebschrauben setzten dem Walfisch, der sich dem Bord mehr und mehr näherte einen gewissen Widerstand entgegen.

Bald schwebte der Aeronef nur noch fünfundzwanzig Fuß über demselben; noch immer peitschte sein Schweif das Wasser mit fast unglaublicher Gewalt, und wenn er sich vom Bauch auf den Rücken drehte, wühlte das Thier eine wirkliche Brandung auf.

Plötzlich richtete es sich, so zu sagen, gerade in die Höhe und tauchte mit solcher Schnelligkeit unter, daß Tom Turner kaum Zeit hatte, ihm die Leine gehörig nachschießen zu lassen.

Mit einem Male wurde der Aeronef bis zur Wasserfläche herabgezerrt; an der Stelle, wo das Thier verschwunden war, hatte sich ein vollständiger Wirbel gebildet, und über die Reeling hinein schlug das Wasser, wie es über den Bug eines Schiffes geht, gegen Wind und Wellen läuft.

Glücklicher Weise trennte Tom Turner noch rechtzeitig mit einem Axthiebe die Leine, und der nun befreite »Albatros« stieg unter dem Drucke seiner Auftriebschrauben zweihundert Meter empor.

Auch während dieses aufregenden Zwischenfalls hatte Robur den Apparat geleitet, ohne daß ihn seine Kaltblütigkeit nur einen Augenblick verlassen hätte.

Einige Minuten später kam der Walfisch wieder an die Oberfläche – diesmal aber todt.

Von allen Seiten flatterten die Seevögel herzu, um sich des Cadavers zu bemächtigen, und stießen Schreie aus, welche einen sich zankenden Congreß taub gemacht hätten.

Der »Albatros«, der mit der todten Beute doch nichts beginnen konnte, setzte seinen Weg nach Westen fort.

Am folgenden Tage, am 17. Juni, Morgens um 6 Uhr, erstreckte sich am Horizonte Land hin. Es war die Halbinsel Alaska und die lange Klippenreihe der Alëuten.

Der »Albatros« zog über dieser Barrière hin, an der es von Pelzseehunden wimmelte, welche die Alëutier für Rechnung der russisch-amerikanischen Gesellschaft jagen. Der Fang dieser sechs bis sieben Fuß langen, fast rosenrothen und zwei-, drei- bis fünfhundert Pfund wiegenden Amphibien ist für sie ein sehr gutes Geschäft. Dieselben lagen hier in endloser Reihe wie in Schlachtordnung und in Abertausenden von Exemplaren.

Wenn sie sich durch das Vorüberkommen des »Albatros« nicht in ihrer phlegmatischen Ruhe stören ließen, so war das nicht der Fall mit den Tauchervögeln, Polarenten und Eistauchern, deren heiseres Geschrei die Luft erfüllte und welche unter dem Wasser verschwanden, als ob ein entsetzliches Luftungeheuer sie bedrohte.

Die zweitausend Kilometer des Bering-Meeres von den ersten Alëuten bis zur äußersten Spitze von Kamtschatka wurden während der vierundzwanzig Stunden dieses Tages und der folgenden Nacht zurückgelegt. Um ihren Fluchtplan in’s Werk zu setzen, befanden sich Onkel Prudent und Phil Evans nicht gerade in günstigen Verhältnissen, denn weder an dem öden Strande des nördlichsten Asiens, noch über dem Ochotskischen Meere hätten sie mit auch nur einiger Aussicht auf glücklichen Erfolg entweichen können.

Allem Anscheine nach wandte sich der »Albatros« nach der Gegend von Japan oder China zu. Wenn es auch nicht sehr weise sein mochte, sich auf die Unterstützung von Chinesen oder Japanesen zu verlassen, waren die beiden Collegen doch fest entschlossen, zu fliehen, wenn der Aeronef an irgend einem Punkte dieser Länder anhalten sollte.

Doch würde er denn Halt machen? Es lag ja bei ihm nicht so, wie bei einem Vogel, der durch langen Flug endlich ermüdet, oder wie bei einem Ballon, der wegen Gasmangel genöthigt wird, einmal niederzugehen. Der Aeronef besaß noch für mehrere Wochen aushaltende Vorräte aller Art, und seine Organe von wunderbarer Solidität straften jede Erwartung auf Schwäche oder Trägheit Lügen.

Nach scharfer Fahrt über die Halbinsel Kamtschatka, von der man kaum die Niederlassung von Petropaulowsk und den Vulcan von Klutschew sah, und nach der weiteren, über das Ochotskische Meer, nahezu in der Höhe der Kurilen, welche darin einen von Hunderten von Canälen unterbrochenen Damm bilden, erreichte der »Albatros« am 19. Juni die La Pérouse-Straße zwischen der Nordspitze von Japan und der Insel Sachalien an dem kleinen Einschnitt, in welchen sich der große sibirische Strom, der Amur, ergießt.

Nachher erhob sich ein dichter Nebel, den der Aeronef unter sich lassen wollte, wenn er auch nicht gezwungen war, denselben zu meiden, um weiter zu fahren, denn in der von ihm jetzt eingenommenen Höhe hatte er kein Hinderniß zu fürchten, weder höhere Bauwerke, an welche er hätte anstoßen können, noch Berge, an welchen er sich im Fluge zu zertrümmern Gefahr gelaufen wäre. Das Land war kaum wellenförmiger Natur. Die Dünste machten sich aber doch zu unangenehm fühlbar, da sie Alles an Bord durchnäßten.

Es bedurfte ja nichts weiter, als sich über diese Nebelschicht, welche drei- bis vierhundert Meter stark sein mochte, zu erheben. Die Schrauben wurden also in schnelle Umdrehung versetzt, und oberhalb des Nebels fand der »Albatros« wieder den reinen, vom Sonnenlicht gebadeten Himmel.

Unter diesen Verhältnissen hätten Onkel Prudent und Phil Evans Mühe gehabt, ihren Fluchtversuch auszuführen, selbst wenn sie den Aeronef hätten verlassen können.

An diesem Tage blieb Robur, als er einmal an ihnen vorüberkam, wie zufällig stehen und sagte, ohne äußerlich seinen Worten besondere Bedeutung beizulegen:

»Meine Herren, ein Segel- oder Dampfschiff, das in einen Nebel gerieth, dem es nicht entrinnen kann, ist immer sehr genirt, es fährt nur unter fortwährendem Pfeifen oder unter den Tönen des Nebelhorns weiter. Es muß seine Fortbewegung verlangsamen und hat trotz aller Vorsicht jeden Augenblick eine Collision zu befürchten. Der »Albatros« kennt solche Sorgen nicht. Was kümmern ihn die Nebel, da er sich ihnen entziehen kann? Ihm gehört das Luftmeer, die ganze weite Atmosphäre!«

Nach diesen Worten ging Robur ruhig weiter, ohne eine Antwort abzuwarten, die er auch gar nicht verlangte, und die blauen Wölkchen seiner Pfeife zerflossen im Azur.

»Onkel Prudent, begann da Phil Evans, es scheint, als ob dieser merkwürdige »Albatros« ganz und gar nichts zu fürchten habe.

– Das werden wir noch sehen!« antwortete der Vorsitzende des Weldon-Instituts.

Der Nebel hielt drei Tage lang, den 19., 20. und 21. Juni, mit beklagenswerther Zähigkeit an. Man hatte hoch steigen müssen, um die japanesischen Gebirge von Fuji-Yama zu vermeiden. Als dieser Nebelvorhang aber zerrissen war, gewahrte man eine ungeheure Stadt mit Palästen, Villen, Thürmchen, Gärten und Parks. Selbst ohne dieselben zu sehen, hätte Robur sie schon erkannt an dem Gebell der Tausende von Hunden, an dem Schreien der Raubvögel und vor Allem an dem Leichengeruch, den die Körper von Hingerichteten in weitem Umkreise verbreiteten.

Die beiden Collegen befanden sich auf dem Deck, als der Ingenieur eben das Besteck machte, für den Fall, daß er seine Fahrt wieder im Nebel fortzusetzen gezwungen wäre.

»Meine Herren, begann er, ich habe keinen Grund, Ihnen zu verheimlichen, daß diese Stadt Yeddo, die Hauptstadt von Japan ist.«

Onkel Prudent antwortete nicht. In Gegenwart des Ingenieurs keuchte er nur, als wenn es seinen Lungen an Luft fehlte.

»Dieser Anblick Yeddos ist wirklich recht merkwürdig.

– So merkwürdig er auch sein mag … versetzte Phil Evans.

– So bleibt er doch hinter dem von Peking zurück, unterbrach ihn der Ingenieur. Das ist meine Meinung auch, – und Sie werden binnen Kurzem selbst darüber urtheilen können.«

Unmöglich hätte der Mann liebenswürdiger sein können.

Der »Albatros«, der bisher auf Südost zuhielt, veränderte jetzt seine Richtung um vier Compaßstriche, um im Osten eine neue Route aufzusuchen.

Während der Nacht zerstreute sich der Nebel, dagegen erschienen Anzeichen eines nicht weit entfernten Taifuns, denn der Barometer fiel sehr rasch, alle Dunstmassen verschwanden, am fast kupferfarbenen Grunde des Himmels ballten sich große elliptische Wolken zusammen und am entgegensetzten Horizont glühten lange, carminrothe Streifen, die sich vom schieferblauen Hintergrunde abhoben, im Norden aber war ein Theil des Himmels völlig klar. Das Meer lag zwar still; sein Wasser nahm jedoch mit Sonnenuntergang eine dunkle Scharlachfarbe an.

Zum Glück entfesselte sich dieser Taifun mehr im Süden und hatte hier keine weiteren Folgen, als daß er die seit drei Tagen angehäuften Nebelmassen zertheilte.

Binnen einer Stunde hatte man die zweihundert Kilometer der Meerenge von Korea und nachher die vorspringendste Spitze dieser Halbinsel überschritten; während der Taifun an den Südostküsten von China wüthete, wiegte sich der »Albatros« über dem Gelben Meere, und während des 22. und 23. über dem Golf von Petscheli; am 24. glitt er das Thal des Pei-Ho hinauf und gelangte endlich über die Hauptstadt des Himmlischen Reiches.

Ueber die Reling hinausgebeugt, konnten die beiden Collegen – wie es der Ingenieur vorausgesagt – sehr deutlich die ungeheure Stadt sehen, die Mauer, welche sie in zwei ungleiche Hälften, die Mandschu- und die Chinesenstadt, theilt, ebenso wie die zwölf sie umgebenden Vorstädte, die breiten, nach dem Mittelpunkte zu verlaufenden Alleestraßen, die Tempel, deren gelbe oder grüne Dächer in der aufgehenden Sonne erglänzten, die Parks, welche sich um die Paläste der Mandarinen ausdehnen; ferner, inmitten der Mandschustadt, die sechshundertachtundsechzig Hektar große Gelbe Stadt mit ihren Pagoden, ihren kaiserlichen Gärten, künstlichen Seen, dem die ganze Stadt überragenden Kohlenberge, und endlich unterschieden sie in der Mitte der Gelben Stadt, gleich einer jener wunderbaren chinesischen in einander geschachtelten Arbeiten, die Rothe Stadt, d. i. den eigentlichen Kaiserpalast, mit allen Phantasien seiner fast unglaublichen Architektur.

Eben jetzt ertönte die Luft unter dem »Albatros« von einer seltsamen Harmonie; man hätte ein Concert von Aeolsharfen zu hören vermeint. In der Luft schwankten nämlich gegen hundert verschieden geformte Drachen aus Palmen- oder Pandanuspapier umher, deren oberen Theil eine Art leichten hölzernen Bogens bildete, welcher durch ein ganz dünnes Bambusstäbchen gespannt erhalten wurde. Unter dem schwachen Windhauche erzeugten alle diese saitenartigen, verschiedene, denen einer Harmonika ähnliche Töne gebenden Stäbchen ein leises Gesumme von höchst melancholischer Wirkung. Es machte den Eindruck, als ob man hier in der Höhe – musikalischen Sauerstoff einathme.

Da fiel es Robur ein, sich diesem Luftorchester zu nähern, und langsam tauchte der »Albatros« in die tönenden Wellen herab, welche die Drachen nach der Atmosphäre entsandten.

Plötzlich entstand in der fast zahllosen Bevölkerung tief unten eine außerordentliche Aufregung. Tamtamschläge und andere entsetzliche Instrumente des chinesischen Orchesters erschallten, Flintenschüsse krachten und hundertfach hämmerten die Leute auf großen Mörsern herum, Alles in der Absicht, den Aeronef zu verjagen. Wenn die Sternkundigen des chinesischen Reiches an diesem Tage vielleicht erkannten, daß diese Flugmaschine die veranlassende Ursache zu so vielen Streitigkeiten der ganzen gelehrten Welt gewesen sein möchte, so hielten die Millionen Chinesen vom niedrigsten Manne bis zum vielknöpfigen Mandarin sie jedenfalls für ein apokalyptisches Ungeheuer, das am Himmel Buddhas erschien.

In dem unnahbaren »Albatros« kümmerte sich natürlich Niemand um jene lärmenden Kundgebungen. Die Bindfäden aber, welche die Drachen an kleinen in den kaiserlichen Gärten eingerahmten Pfählen festhielten, wurden entweder zerschnitten oder schnell eingezogen. Die leichten »Spielzeuge«, wie wir sagen würden, kamen dadurch, einen nur noch lauteren Ton gebend, entweder rasch zur Erde, oder sie fielen herab, gleich flügellahm geschossenen Vögeln, deren Gesang mit dem letzten Athemzuge verstummt.

Da dröhnte eine gewaltige Fanfare aus der Trompete Tom Turner’s über der Hauptstadt und übertäubte die letzten Klänge jenes Lufttonwerks, doch das machte dem Gewehrfeuer unten kein Ende. Als aber eine Sprengkugel nur einige zwanzig Fuß vom Verdeck des »Albatros« platzte, stieg dieser nach den unerreichbaren Zonen des Himmels empor.

Im Laufe der nächstfolgenden Tage ereignete sich kein Zwischenfall, den sich die Gefangenen hätten zu nutze machen können. Die Richtung des Aeronefs blieb unabänderlich eine südwestliche, was darauf hindeutete, daß er sich Hindostan nähern sollte. Uebrigens bemerkte man, daß der fortwährend höher aufsteigende Erdboden den »Albatros« nöthigte, sich nach den Linien seines Profils zu richten. Etwa zehn Stunden nach der Weiterfahrt von Peking konnten Onkel Prudent und Phil Evans an der Grenze von Chen-Si einen Theil der Großen Mauer erkennen. Dann kamen sie, unter Umgehung der Bung-Berge, über und durch das Thal von Wany-Ho und überschritten die Grenze des chinesischen Kaiserreichs, da, wo diese mit Tibet zusammenstößt.

Tibet bildet eine vegetationslose Hochebene, da und dort mit schneebedeckten Gipfeln, trockenen Schluchten oder von Gletschern genährten Bergströmen, mit Abgründen, aus welchen mächtige Salzlager heraufschimmern, und mit vielen, von grünenden Forsten eingerahmten Seebecken.

Das auf 450 Millimeter gesunkene Wetterglas zeigte jetzt eine Höhe von viertausend Metern über dem Meere an. In dieser Höhe überschritt die Temperatur, obgleich man sich jetzt in den wärmsten Monaten der nördlichen Halbkugel befand, nicht den Gefrierpunkt. Diese starke Abkühlung im Verein mit der Schnelligkeit des »Albatros« machte die Situation fast unerträglich, und obwohl die beiden Collegen warme Reisedecken zur Verfügung hatten, zogen sie es doch vor, in ihre Ruffs zurückzukehren.

Selbstverständlich mußte den Auftriebsschrauben eine außerordentliche Schnelligkeit ertheilt werden, um den Aeronef in der hier schon recht verdünnten Luft zu erhalten. Diese arbeiteten jedoch in vorzüglichstem Zusammenwirken, und es schien, als ob die Insassen des Apparats durch das Schwirren ihrer Flügel gewiegt würden.

An diesem Tage sah Garlok, eine Stadt des nördlichen Tibet und der Hauptort der Provinz Gavi-Khorsum, den »Albatros« etwa in der Größe einer Brieftaube vorüberschweben.

Am 27. Juni bemerkten Onkel Prudent und Phil Evans einen gewaltigen Damm mit verschiedenen, in ewigem Schnee verlorenen Spitzen, der den Horizont begrenzte.

An das Ruff auf dem Vordertheil gelehnt, um dem Luftdruck bei der so schnellen Fortbewegung widerstehen zu können, sahen Beide die colossalen Bergmassen, welche dem Aeronef vorauszulaufen schienen.

»Jedenfalls der Himalaya, sagte Phil Evans, wahrscheinlich wird Robur nur den unteren Theil desselben umkreisen, ohne nach Indien einzudringen.

– Desto schlimmer, antwortete Onkel Prudent, auf diesem ungeheuren Gebiete hätten wir vielleicht Gelegenheit –

– Wenigstens, wenn er um die Bergkette nicht über Birma im Osten oder über Nepal im Westen fährt.

– Ich möchte darauf wetten, daß er über dieselben gehen wird.

– Jedenfalls!« ließ sich da eine Stimme vernehmen.

Am folgenden Tage, am 28. Juni, befand sich der »Albatros« über der Provinz Zyang gegenüber jenen gewaltigen Bergmassen. An der anderen Seite des Himalaya lag das Gebiet von Nepal.

Wenn man von Norden kommt, schneiden nacheinander drei Gebirgsketten den Weg nach Indien. Die beiden nördlichen, zwischen denen der »Albatros« wie ein Schiff zwischen ungeheuren Klippen dahinglitt, sind die ersten Stufen des Grenzwalles im Süden von Central-Asien. Der Kuen-Lün, und nach diesem der Karakorum bezeichnen zuerst dieses längliche und mit dem Himalaya parallel verlaufende Thal, ungefähr in jener Höhenlage, in welcher sich die Stromgebiete des Indus im Westen und des Brahmaputra im Osten abgabeln.

Welch‘ wunderbares orographisches System! Hier ragen über zweihundert schon gemessene Gipfel auf, von denen siebzehn fünfundzwanzigtausend Fuß übersteigen! Vor dem »Albatros« erhob sich der Mount Everest auf achttausendachthundertvierzig Meter Höhe; ihm zur Rechten der Dawalaghiri, achttausendzweihundert Meter hoch; zur Linken der Kinahanjunga, achttausendfünfhundertzweiundneunzig Meter, der also seit den letzten genaueren Messungen des Mount Everest nur noch die zweite Stelle einnimmt.

Offenbar hatte Robur nicht die Absicht, über jene Gipfel hinwegzugehen, sondern er kannte zweifelsohne schon die verschiedenen Pässe des Himalaya, unter Anderen den Ibi-Yamin-Paß, den die Gebrüder Schlagintweit 1856 in einer Höhe von sechstausendachthundert Metern überschritten haben; wenigstens hielt er entschlossen auf diesen zu.

Jetzt kamen einige ängstliche, selbst sehr beschwerliche Stunden, und wenn die Verdünnung der Luft auch nicht einen solchen Grad erreichte, daß man zu eigens dafür construirten Apparaten hätte greifen müssen, den Sauerstoff in den Cabinen zu erneuern, so wurde die Kälte doch höchst beschwerlich.

Auf dem Vordertheile stehend und die kräftige Gestalt in einen Mantel gehüllt, leitete Robur alle Manöver. Tom Turner hielt die Barre des Steuerruders fest in der Hand. Der Maschinist überwachte aufmerksam seine Batterien, von deren Säuren glücklicher Weise ein Einfrieren nicht zu fürchten war. Die zur allergrößten Umdrehungsgeschwindigkeit angetriebenen Schrauben gaben einen immer schärfer werdenden Ton, der trotz der höchst dünnen Luft laut vernehmbar blieb. Der Barometer fiel auf zweihundertneunzig Millimeter, was eine Höhe von siebentausend Metern anzeigte.

Wie prachtvoll lag dieses Chaos von Bergriesen hier vor dem erstaunten Blicke ausgebreitet! Ueberall weißglänzende Gipfel, keine Seen, aber gewaltige schimmernde Gletscher, die bis auf zehntausend Fuß Höhe hinabreichen. Kein Gras, außer einigen dürftigen Kryptogamen an der Grenze des vegetabilischen Lebens, nichts von jenen wunderschönen Fichten und Cedern, die sich an den unteren Abhängen der Kette in herrlichen Wäldern vorfinden; nichts von gigantischen Farren und endlosen Schmarotzerpflanzen, die sich, wie im Unterholz der Dschungeln, von Baum zu Baum hinziehen. Kein Thier, weder wilde Pferde, noch Yaks oder tibetanische Rinder; dann und wann nur eine Gazelle, die sich bis nach diesen Oeden hinein verirrt hatte; keine Vögel, außer einzelnen jener Pärchen Raben, welche sich bis zu den letzten Schichten der athembaren Luft erheben.

Nachdem er diesen Paß durchschritten, begann der »Albatros« wieder hinabzusteigen. Als sie dessen Ausgang passirten, hatten die Reisenden, jenseits der Region der Bergwaldung, eine grenzenlose Landschaft vor sich, die sich in weitem Umkreise vor ihnen ausdehnte.

Jetzt trat Robur an seine Gäste heran und sagte mit liebenswürdigem Tone:

»Da haben Sie Indien, meine Herren!«