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Erstes Capitel

Erstes Capitel

Das Ende einer sehr beifällig aufgenommenen Rede. – Vorstellung des Dr. Samuel Fergusson. – »Excelsior!« – Standbild des Doctors. – Ein überzeugter Fatalist. – Diner im Traveller’s-Club. – Zahlreiche Gelegenheitstoaste.

Am 14. Januar 1862 hatte sich eine große Anzahl von Zuhörern zur Sitzung der Königlich Geographischen Gesellschaft in London, Waterlooplace 3, eingefunden. Der Präsident Sir Francis M… machte in einer häufig von Beifall unterbrochenen Rede seinen ehrenwerthen Collegen eine wichtige Mittheilung.

Diese seltene Probe seiner Beredtsamkeit endigte schließlich mit einigen schnarrenden Phrasen, in welchen der Patriotismus sich in vollen Strömen ergoß:

»England hat sich immer durch die Unerschrockenheit seiner Reisenden auf der Bahn geographischer Entdeckungen an der Spitze der Nationen bewegt; denn, wie man bemerkt, muß von den Nationen immer eine der andern voraus sein. (Zahlreiche Zustimmung.) Der Doctor Samuel Fergusson, eins der glorreichen Kinder dieses Landes, wird seinen Ursprung nicht verleugnen. (Von allen Seiten: Nein! nein!) Dieser Versuch wird, wenn er glückt, die zerstreuten Kenntnisse der afrikanischen Kartologie vervollständigen und verbinden (Stürmischer Beifall) und, wenn er mißglücken sollte (Niemals! niemals!)), so wird man ihn wenigstens als eine der kühnsten Unternehmungen des menschlichen Geistes anstaunen. (Wüthendes Trampeln mit den Füßen.)«

»Hurrah! hurrah!« schrie die von diesen zündenden Worten elektrisierte Gesellschaft.

»Ein Hurrah dem unerschrockenen Fergusson!« rief eins der angeregtesten Mitglieder des Auditoriums.

Begeisterte Rufe ließen sich hören. Der Name Fergusson ertönte aus aller Munde, und wir haben allen Grund zu glauben, daß er, indem er durch englische Kehlen ging, ganz außerordentlich gewann.

Der Sitzungssaal wurde davon erschüttert. Sie waren zahlreich versammelt, die gealterten, erschöpften, kühnen Reisenden, sie, die ihr lebhaftes Temperament in allen fünf Welttheilen herumgeführt hatte; alle waren sie mehr oder weniger, physisch oder moralisch, Schiffbrüchen, Feuersbrünsten, den Tomahawks der Indianer, den Keulen der Wilden, dem Marterpfahl und Magen der Polynesier entronnen! aber nichts konnte ihr Herzklopfen während der Rede von Sir M… unterdrücken, und seit Menschengedenken war dies gewiß der höchste oratorische Erfolg in der Königlich Geographischen Gesellschaft zu London.

Aber in England bleibt der Enthusiasmus nicht bei Worten stehen; er schlägt noch rascher Geld, als der Prägstock der »Royal Mint«.

Noch in derselben Sitzung wurde bestimmt, dem Doctor Fergusson eine anerkennende Gratification zur weiteren Ermuthigung zukommen zu lassen. Dieselbe belief sich gut zweitausend fünfhundert Pfund Sterling. Die Größe der Summe stand im richtigen Verhältnis zur Wichtigkeit des Unternehmens.

Eins der Mitglieder der Gesellschaft interpellirte den Präsidenten in Betreff der Frage, ob Doctor Fergusson nicht officiell vorgestellt werden würde.

»Der Doctor steht der Gesellschaft zur Verfügung,« antwortete Sir Francis M …

»So möge er eintreten!« rief man. Einen Mann von so außerordentlicher Kühnheit sieht man gern mit eigenen Augen.

»Vielleicht hat dieser unglaubliche Vorschlag«, sagte ein alter, gelähmter Commodore, »keinen andern Zweck gehabt, als uns zu mystificiren!«

»Und wenn dieser Doctor Fergusson überhaupt nicht existirte!« ließ sich eine boshafte Stimme vernehmen.

»So müßte man ihn erfinden,« sagte ein launiges Mitglied der ernsten Gesellschaft.

»Laßt den Doctor Fergusson hereinkommen,« sprach Sir Francis M… einfach, und der Doctor trat inmitten eines Beifallssturmes ein, ohne auch nur die geringste Erregung blicken zu lassen.

Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von gewöhnlicher Statur und Constitution. Die erhöhte Färbung seines Gesichtes verrieth ein sanguinisches Temperament; er hatte kalte, regelmäßige Züge, und eine starke, einem Schiffsschnabel ähnlich sehende Nase schien ihn zu Entdeckungsreisen prädestinirt zu haben. Seine sanften, mehr intelligenten als kühnen Augen verliehen seiner Physiognomie einen großen Reiz, seine Arme waren von ungewöhnlicher Länge, und an der Art, wie er seine Füße auf den Boden setze, erkannte man den großen Fußreisenden.

Die ganze Erscheinung des Doctors athmete einen ruhigen Ernst, und man dachte nicht daran, daß er das Werkzeug der unschuldigsten Mystification sein könnte.

Auch hörten die Hurrahs und das Beifallklatschen nicht eher auf, als bis Dr. Fergusson mit einer liebenswürdigen Handbewegung Stillschweigen gebot. Er wandte sich nach dem, zu seiner Vorstellung herbeigeschafften Lehnsessel, erhob, hoch aufgerichtet, mit energischem Blick den Zeigefinger seiner rechten Hand gen Himmel, öffnete den Mund, und sprach dies einzige Wort:

»Excelsior!«

Der alte Commodore, vollständig für diesen sonderbaren Mann eingenommen, verlangte die ungekürzte Aufnahme der Rede Fergusson’s in die Nachrichten der Königlich Geographischen Gesellschaft zu London.

Wer war denn dieser Doctor? und welcher Unternehmung wollte er seine Kräfte widmen?

Der Vater des jungen Fergusson, ein wackerer Kapitän der englischen Marine, hatte seinen Sohn vom zartesten Alter an mit den Gefahren und Abenteuern seines Berufes vertraut gemacht.

Das ausgezeichnete Kind, welches Furcht nie gekannt zu haben scheint, verrieth frühzeitig einen lebhaften Geist, einen regen Forschungssinn, eine bemerkenswerthe Neigung zu wissenschaftlichen Arbeiten, und zeigte außerdem eine wunderbare Geschicklichkeit, sich in schwierigen Fällen aus der Affaire zu ziehen und sich im Leben durchzuschlagen. Es gerieth niemals in Verlegenheit, selbst nicht, als es sich zum ersten Mal der Gabel bedienen sollte, wobei Kinder im Allgemeinen so wenig Glück haben.

Bald entzündete sich seine Phantasie an der Lectüre von kühnen Unternehmungen und Erforschungen des Meeres, ja, der Knabe verfolgte mit leidenschaftlichem Interesse die Entdeckungen, welche den ersten Theil des 19. Jahrhunderts auszeichneten. Er träumte von den Erfolgen eines Mungo-Park, eines Bruce, Caillié, Levaillant, und, wie ich glaube, auch nicht wenig von den Mühen und Kämpfen Selkirk’s, des Robinson Crusoe, dessen Ruhm ihm nicht geringer erschien. Wie viel wohlangewandte Stunden brachte er bei ihm auf seiner Insel Juan Fernandez zu! Oft fanden die Gedanken des verlassenen Matrosen seine Billigung, bisweilen aber unterzog er seine Pläne einer eingehenden Erörterung. Er hätte Vieles anders gemacht. Manches vielleicht besser oder mindestens ebenso gut! aber niemals hätte er gewiß dieser glückseligen Insel den Rücken gewandt, auf der er glücklich gewesen war, wie ein König ohne Unterthanen . . .; niemals, und wenn es sich darum gehandelt hätte, erster Lord der Admiralität zu werden!

Ich überlasse euch zu erwägen, ob diese Neigungen sich in der Zeit seiner abenteuerlichen Jugend entwickelten, während welcher er in allen fünf Welttheilen herumgestoßen wurde; übrigens versäumte es sein Vater als gebildeter Mann nicht, diesem lebhaften Geist durch ernste Studien auf dem Gebiete der Hydrographie, der Physik und Mechanik einen festen Boden zu geben und ihm zugleich eine oberflächliche Kenntniß der Botanik, Medicin und Astronomie beizubringen. Als der würdige Kapitän starb, hatte Samuel Fergusson, zweiundzwanzig Jahr alt, schon eine Reise um die Welt gemacht; er ließ sich bei dem Bengalischen Ingenieurcorps anwerben und zeichnete sich bei verschiedenen Gelegenheiten aus; aber das Soldatenleben behagte ihm nicht, es lag ihm wenig daran zu befehlen, und er liebte nicht zu gehorchen.

Er nahm seine Entlassung und zog jagend und botanisirend nach dem Norden der indischen Halbinsel. Diese durchstreifte er von Calcutta bis Surate. Ein einfacher Spaziergang aus Liebhaberei.

Von Surate sehen wir ihn nach Australien wandern, und im Jahre 1845 an der Expedition des Kapitän Sturt Theil nehmen; dieser hatte den Auftrag, jenes Caspische Meer zu entdecken, das angeblich im Innern von Neuholland existiren soll.

Samuel Fergusson kehrte 1850 nach England zurück, und mehr als je von dem Dämon der Entdeckungslust besessen, begleitete er bis zum Jahre 1853 den Kapitän Mac Clure auf der Expedition, durch welche die Küste des Continents von Amerika von der Behringsstraße bis zum Cap Farewell erforscht werden sollte.

Sowohl bei den ärgsten Strapazen, wie in jedem Klima hielt die Constitution Fergusson’s vortrefflich Stand, und unter den furchtbarsten Entbehrungen fühlte er sich ganz behaglich. Kurz, man sah in ihm den Typus eines Reisenden, dessen Magen nach Wunsch zusammenschnurrt oder sich ausdehnt, dessen Beine sich nach dem improvisirten Lager verlängern oder kürzer werden, und der zu jeder Tageszeit einschlafen und zu jeder beliebigen Stunde der Nacht erwachen kann.

Können wir uns nach alledem etwa wundern, wenn wir unsern unermüdlichen Reifenden in den Jahren 1855 bis 1857 dabei wiederfinden, das ganze westliche Tibet in Gesellschaft der Gebrüder Schlagintweit zu durchstreifen, um von dieser Reise im höchsten Grade interessante ethnographische Beobachtungen heim zu bringen?

Während dieser verschiedenen Ausflüge war Samuel Fergusson der thätigste und anziehendste Correspondent des »Daily Telegraph«, dieser Penny-Zeitung, die täglich in einer Höhe von hundert und vierzig tausend Exemplaren abgezogen wird und kaum für mehrere Millionen Leser ausreicht. Auch kannte man unsern Doctor überall, obgleich er Mitglied keines gelehrten Instituts war, und weder den Königlich Geographischen Gesellschaften zu London, Paris, Berlin, Wien oder St. Petersburg angehörte, noch zu den Mitgliedern des Clubs der Reisenden oder der »Royal Polytechnic Institution« zählte, in welcher sein Freund, der Statistiker Kokburn, den Vorsitz führte.

Dieser Gelehrte gab ihm eines Tages, in der Hoffnung, sich ihm angenehm zu machen, folgende Aufgabe zu lösen: Wenn die Zahl der von dem Doctor auf seinen Reisen um die Welt zurückgelegten Meilen gegeben ist, einen wie viel weiteren Weg hat – in Anbetracht der Verschiedenheit der Radien – sein Kopf gemacht, als seine Füße? und ferner: Wenn die Zahl der von den Füßen und dem Kopf des Doctors gemachten Meilen bekannt ist, sei die Körpergröße desselben bis auf die Linie genau zu berechnen.

Fergusson indessen hielt sich stets von den gelehrten Körperschaften fern, denn er rechnete sich zu den Streitern, die mit Thaten, nicht mit Worten kämpfen.

Unser Doctor wandte seine Zeit lieber zu Forschungen und Entdeckungen an, als zu langathmigen Erörterungen.

Man erzählt, daß eines Tages ein Engländer in Genf eintraf, um dort den See zu besichtigen, und sich zu diesem Zweck in eine der alten, omnibusartigen Kutschen setzte, in denen die Plätze für die Passagiere an beiden Seiten angebracht sind. Nun traf es sich aber unglücklicher Weise, daß der Reisende dem See den Rücken zukehrte, und so kam es, daß er seine Rundreise in aller Gemüthsruhe vollendete, ohne auch nur einen Schimmer vom Genfer See erblickt zu haben, denn an die Möglichkeit, sich auch nur ein Mal umzuwenden, hatte er nicht gedacht; trotzdem kehrte er, vom Genfer See entzückt, nach London zurück. Was nun Doctor Fergusson, anbetraf, so hatte er sich auf seinen Reisen mehr als ein Mal umgewandt, und zwar so gut, daß er viel von der Welt gesehen hatte.

Er folgte hierbei übrigens nur seiner Natur, und wir haben guten Grund anzunehmen, daß er ein wenig Fatalist war. Er huldigte jedoch einem sehr orthodoxen Fatalismus, denn er rechnete auf sich selbst und auf die Vorsehung. Er behauptete, daß er viel mehr in seine Reisen hineingeschleudert würde, als daß sie ihn anzögen, und daß er einer Locomotive zu vergleichen sei, die sich nicht selbst lenkt, sondern deren Richtung vom Schienenwege bestimmt wird.

»Ich verfolge nicht meinen Weg, sagte er oft, mein Weg verfolgt mich.«

Nach alledem wird man sich nicht über die Kaltblütigkeit verwundern, mit welcher Doctor Fergusson die Beifallsrufe der Königlich Geographischen Gesellschaft entgegennahm; er war über dergleichen Erbärmlichkeiten erhaben, da er weder Stolz, noch irgend welche Eitelkeit besaß, und fand den Vorschlag, welchen er dem Präsidenten Sir Francis M… gemacht hatte, im höchsten Grade einfach. Die ungeheure Wirkung, welche derselbe hervorgebracht hatte, war er nicht einmal gewahr geworden.

Nachdem die Sitzung geschlossen, wurde der Doctor im Triumph zum Traveller’s-Club nach Pall Mall geführt, wo ein prächtiges Festmahl in Bereitschaft war. Der Umfang der servirten Schüsseln stand im Verhältniß zur Bedeutung der gefeierten Persönlichkeit, und der Stör, welcher bei diesem glänzenden Diner figurirte, maß nicht drei Zoll weniger an Länge, als Samuel Fergusson selbst.

Zahlreiche Toaste wurden mit französischen Weinen auf die großen Reisenden ausgebracht, welche sich auf Afrika’s Erde einen berühmten Namen gemacht hatten. Man trank auf ihre Gesundheit oder auf ihr Andenken, und zwar in echt englischer Manier nach alphabetischer Ordnung: auf Abbadie, Adams, Adamson, Anderson, Arnaud, Baikie, Baldwin, Barth, Batouda, Beke, Beltrame, du Berba, Bimbachi, Bolognesi, Bolwik, Bolzoni, Bonnemain, Brisson, Browne, Bruce, Brun-Rollet, Burchell, Burckhardt, Burton, Caillaud, Caillié, Campbell, Chapman, Clapperton, Clot-Bey, Colomieu, Courval, Cumming, Cuny, Debono, Decken, Denham, Desavanchers, Dicksen, Dickson, Dochard, Duchaillu, Duncan, Durand, Duroulé, Duveyner, Erhardt, d’Escayrac, de Lauture, Ferret, Fresnel, Galinier, Galton, Geoffroy, Golberry, Hahn, Halm, Harnier, Hecquart, Heuglin, Hornemann, Houghton, Imbert, Kaufmann, Knoblecher, Krapf, Kummer, Lafargue, Laing, Lajaille, Lambert, Lamiral, Lamprière, John Lander, Richard Lander, Lefebure, Lejean, Levaillant, Livingstone, Maccarthie, Maggiar, Maizan, Malzac, Moffat, Mollien, Monteiro, Morrisson, Mungo-Park, Reimans, Overweg, Panet, Partarrieau, Pascal, Pearse, Peddie, Peney, Petherick, Poncet, Prax, Raffenel, Rath, Rebmann, Richardson, Riley, Ritchie, Rochet d’Héricourt, Nongawi, Roscher, Ruppel, Saugnier, Speke, Steidner, Thibaud, Thompson, Thornton, Tolde, Tousny, Trotter, Tuckey, Tyrwitt, Vaudey, Veyssière, Vincent, Vinco, Vogel, Wahlberg, Warington, Washington, Werne, Wild, und endlich auf den Doctor Fergusson, der die Arbeiten dieser Reisenden durch seinen unglaublichen Versuch mit einander vereinen und die Reihe der Entdeckungen in Afrika vervollständigen sollte.

Zehntes Capitel

Zehntes Capitel

Frühere Versuche. – Die fünf Kästen des Doctors. – Das Knallgasgebläse. – Der Heizapparat. – Handhabungsweise. – Sicherer Erfolg!

»Man hat oft versucht, meine Herren, nach Belieben zu steigen oder zu fallen, ohne Gas oder Ballast aus dem Ballon zu verlieren. Ein französischer Luftschiffer, Herr Meunier, wollte diesen Zweck dadurch erreichen, daß er Luft in einem innern Behältniß, comprimirte. Ein Belgier, Herr Doctor van Hecke, suchte mittelst Flügeln und Schaufeln eine Kraft in verticaler Richtung zu Stande zu bringen, die jedoch in der Mehrzahl der Fälle sich als ungenügend erwiesen haben würde. Auch sind die von diesen verschiedenen Mitteln erzielten praktischen Resultate geringfügig gewesen.

Ich beschloß also, an diese Frage von jenen frühern Versuchen ganz unabhängig heranzutreten. Zunächst lasse ich im Princip den Ballast vollständig bei Seite, und behalte ihn nur in beschränkter Weise für den Eintritt zwingender Umstände bei, wie z. B. für den Fall einer Beschädigung meines Apparates, oder wenn ich mich unverzüglich zu erheben wünsche, um einem unvorhergesehenen Hinderniß aus dem Wege zu gehen.

Meine Mittel zum Steigen und Herablassen bestehen einzig darin, durch Anwendung verschiedener Temperatur das im Innern des Luftschiffes eingeschlossene Gas auszudehnen oder zu verdichten. Und dies Resultat erhalte ich auf folgende Weise:

Sie haben gesehen, wie mit der Gondel mehrere Kasten, deren Gebrauch Ihnen unbekannt war, verladen worden sind; und zwar habe ich von diesen Kasten fünf mitgenommen.

Der erste enthält ungefähr fünfundzwanzig Gallonen Wasser, dem ich einige Tropfen Schwefelsäure beifüge, um seine Leitungsfähigkeit zu erhöhen; ich zerlege dasselbe mittelst einer starken Bunsen’schen Batterie. Das Wasser enthält bekanntlich zwei Raumtheile Wasserstoffgas und einen Raumtheil Sauerstoffgas. Dieses letztere begiebt sich unter Wirkung der Batterie von ihrem positiven Pol in einen zweiten Kasten. Ein dritter, über diesem Kasten stehend und von doppeltem Inhalt, nimmt das Wasserstoffgas auf, welches vom negativen Pol herkommt.

Hähne, von denen der eine eine doppelt so große Öffnung als der andere hat, setzen diese beiden Kasten mit einem vierten in Verbindung, welchen ich den Mischungskasten nennen will. Dort mischen sich nämlich diese beiden, aus der Zerlegung des Wassers herrührenden Gase. Der Inhalt dieses Mischungskastens beträgt ungefähr einundzwanzig Cubikfuß.

Am obersten Theile dieses Kastens befindet sich ein mit einem Hahne versehenes Platinarohr.

Sie verstehen mich, meine Herren: der Apparat, den ich Ihnen beschreibe, ist ganz einfach ein Knallgasgebläse, dessen Hitze diejenige eines Schmiedefeuers übersteigt.

Hiernach darf ich wohl zum zweiten Theile meines Apparates übergehen.

Von meinem hermetisch verschlossenen Ballon gehen unten zwei, durch einen kleinen Zwischenraum von einander getrennte Röhren aus, deren eine den obern, und deren andere den untern Schichten des Wasserstoffgases entspringt. Diese beiden Röhren sind in gewissen Entfernungen mit starken Gelenken aus Kautschuk versehen, welche ihnen gestatten, den Schwingungen des Luftschiffes nachzugeben. Sie gehen beide bis in die Gondel hinunter, und laufen in einen eisernen Kasten von cylindrischer Form aus, welcher den Namen des Wärmkastens führen mag, und an seinen beiden Enden durch zwei starke Deckel aus demselben Metall verschlossen ist.

Die von der untern Gegend des Ballons ausgehende Röhre läuft durch den untern Deckel in diesen cylindrischen Kasten hinein und nimmt sodann die Gestalt eines schraubenförmig gewundenen Schlangenrohrs an, dessen übereinandergelegte Ringe fast die ganze Höhe des Kastens ausfüllen. Ganz oben mündet das Schlangenrohr in einen kleinen Kegel, dessen hohle Grundfläche in Gestalt einer Kugel-Calotte nach unten hin gerichtet ist.

Durch die obere Spitze dieses Kegels geht die zweite Röhre und läuft, wie gesagt, in die obern Schichten des Ballons. Die Kugel-Calotte des kleinen Kegels ist aus Platina, um nicht unter der Einwirkung des Knallgasgebläses zu schmelzen, denn dieses ist über dem Boden des eisernen Kastens inmitten des schraubenförmig gewundenen Schlangenrohrs angebracht, und die Spitze seiner Flamme erhitzt leicht die Kugel-Calotte.

Sie kennen, meine Herren, die Bestimmung eines Zimmerheizapparates, und wissen auch, wie er arbeitet. Die Luft des Zimmers wird durch die Röhren geleitet und kommt mit erhöhter Temperatur zurück. Somit ist das, was ich Ihnen soeben beschrieben habe, nichts anderes als ein Heizapparat.

Wie ist denn nun schließlich der Vorgang? Wenn einmal das Knallgasgebläse angezündet ist, so erhitzt sich das Wasserstoffgas des Schlangenrohrs und des hohlen Kegels und steigt schnell durch das Rohr empor, welches es in die obern Regionen des Luftschiffes hinaufführt. Ein leerer Raum bildet sich unten und zieht das Gas der untern Regionen an, welches sich seinerseits erwärmt und beständig wieder ersetzt wird: so stellt sich in den Röhren und in dem Schlangenrohr ein außerordentlich schneller Gasstrom her, welcher vom Ballon ausgeht, dorthin zurückkehrt und sich unaufhörlich überhitzt.

Nun vermehren sich aber die Gase für jeden einzelnen Hitzegrad um [1/480] ihres Volumens. Wenn ich also die Temperatur um achtzehn Grad steigere, wird sich der Wasserstoff des Luftschiffes um [18/480] oder um sechzehnhundertundvierundsiebzig Cubikfuß ausdehnen; er wird also sechzehnhundertundvierundsiebzig Cubikfuß Luft mehr verdrängen, was seine emportreibende Kraft um hundertundsechzig Pfund vergrößern wird. Dies liefert demnach dasselbe Ergebniß, als wenn ich das gleiche Gewicht Ballast auswerfe.

Wenn ich die Temperatur um hundertundachtzig Grad steigere, wird sich das Gas um [180/480] ausdehnen: es wird sechzehntausendsiebenhundertundvierzig Cubikfuß mehr verdrängen, und seine emportreibende Kraft wird um sechzehnhundert Pfund wachsen.

Sie verstehen, meine Herren, daß ich auf diese Weise leicht bedeutende Gleichgewichtsdifferenzen hervorbringen kann. Das Volumen des Lustschiffes ist so berechnet, daß dasselbe, halb aufgeblasen, ein Gewicht Luft verdrängt, welches dem der Hülle des Wasserstoffgases und dem der mit den Reisenden und all‘ ihrem Zubehör beladenen Gondel genau gleichkommt. Wenn es so angeschwellt ist, hält es sich in der Luft genau im Gleichgewicht; es steigt weder, noch fällt es.

Um die Steigung zu bewirken, bringe ich mittelst meines Knallgasgebläses das Gas auf eine Temperatur, welche höher ist als die umgebende; durch diese gesteigerte Wärme erhält es eine stärkere Spannung und schwellt den Ballon mehr an, der umsomehr steigt, jemehr ich den Wasserstoff ausdehne.

Das Absteigen geschieht natürlicherweise dadurch, daß ich die Hitze des Knallgasgebläses mäßige und die Temperatur sich abkühlen lasse. Das Aufsteigen wird also gewöhnlich viel schneller von Statten gehen, als das Herabsteigen. Aber dies ist ein glücklicher Umstand; ich habe nie ein Interesse daran, rasch herabzusteigen, während ich im Gegentheil durch ein sehr schnelles Aufsteigen den Hindernissen aus dem Wege gehe: die Gefahren sind unten und nicht oben.

Übrigens habe ich ja, wie gesagt, eine gewisse Quantität Ballast, die mir die Möglichkeit giebt, mich noch schneller zu erheben, wenn es nothwendig werden sollte. Die am obern Pol des Ballons angebrachte Klappe ist nur ein Sicherheitsventil; der Ballon behält immer die gleiche Last Wasserstoff; die Temperaturveränderungen, welche ich inmitten des eingeschlossenen Gases hervorbringe, besorgen an und für sich schon seine auf und ab steigenden Bewegungen.

Jetzt, meine Herren, werde ich, als besondere Bemerkung für die Praxis, noch Folgendes hinzufügen:

Die Verbrennung des Wasserstoffs und Sauerstoffs an der Spitze des Knallgasgebläses erzeugt nur Wasserdampf. Ich habe also den untern Theil des cylindrischen Eisenkastens mit einem Rohr für die Entweichung des Dampfes versehen: Dasselbe ist durch ein Sicherheitsventil geschlossen, welches sich bei weniger als zwei Atmosphären Druck öffnet; sobald der Dampf demgemäß diese Spannung erreicht hat, entweicht er von selbst.

Hier folgen nun ganz genaue Zahlen.

Fünfundzwanzig Gallonen in seine Bestandtheile zerlegten Wassers liefern zweihundert Pfund Sauerstoff und fünfundzwanzig Pfund Wasserstoff. Das stellt unter atmosphärischer Spannung achtzehnhundertundneunzig Cubikfuß des erstern und dreitausend siebenhundertundachtzig Cubikfuß des letztern, im Ganzen fünftausend sechshundertundsiebenzig Cubikfuß der Mischung dar.

Nun verbraucht aber der voll geöffnete Hahn meines Knallgasgebläses in der Stunde bei einer Flamme, die sechsmal stärker ist als die der großen Beleuchtungslaternen, siebenundzwanzig Cubikfuß. Ich werde also im Durchschnitt, und um mich in einer weniger beträchtlichen Höhe zu erhalten, nicht über neun Cubikfuß in der Stunde verbrennen; meine fünfundzwanzig Gallonen Wasser stellen mir demgemäß sechshundertunddreißig Stunden Luftschifffahrt oder etwas über sechsundzwanzig Tage dar.

Da ich nun aber nach Belieben herabsteigen und meinen Wasservorrath unterwegs erneuern kann, ist es mir möglich, meiner Reise eine unbegrenzte Dauer zu geben.

Dies ist das ganze Geheimniß, meine Herren; es ist sehr einfach, und wie bei einfachen Dingen überhaupt, kann ein Gelingen nicht ausbleiben. Zusammenziehung und Ausdehnung des Gases im Luftschiff: das ist mein Mittel, das weder künstliche Flügel noch einen sonstigen mechanischen Motor verlangt. Ein Heizapparat, um meine Temperaturveränderungen zu erzeugen, ein Knallgasgebläse, um denselben zu erhitzen, das ist weder unbequem noch schwer.

Ich glaube so alle wesentlichen Bedingungen des Erfolgs vereinigt zu haben.«

Hiermit endigte Doctor Fergusson seine Rede und erntete reichlichen Beifall. Man konnte nicht einen einzigen Einwand erheben; Alles war vorgesehen und berechnet.

»Man darf sich indessen nicht verhehlen, daß die Sache sehr gefährlich werden kann«, sagte der Commandant.

»Was thut’s? antwortete der Doctor kurz, wenn sie nur ausführbar ist!«

Elftes Capitel

Elftes Capitel

Ankunft in Zanzibar. – Der englische Consul – Ungünstige Stimmung der Einwohner. – Die Insel Kumbeni. – Die Regenmacher. – Schwellung des Ballons. – Abreise am 18. April. – Letztes Lebewohl. – Der Victoria.

Ein günstiger Wind hatte die Reise des Resolute nach seinem Bestimmungsorte beschleunigt. Die Fahrt durch den Canal von Mozambique war besonders glücklich von Statten gegangen, und so konnte die Seefahrt als eine gute Vorbedeutung für die Luftreise gelten. Jeder sehnte sich nach dem Augenblick der Ankunft, und wollte an die Vorbereitungen des Doctors Fergusson mit Hand anlegen helfen.

Endlich kam die Stadt Zanzibar, auf der Insel gleichen Namens gelegen, in Sicht, und am 15. April, 11 Uhr Morgens, legte sich das Schiff im Hafen vor Anker.

Die Insel Zanzibar, von der afrikanischen Küste nur durch einen Canal getrennt, dessen größte Breite nicht dreißig Meilen übersteigt, gehört dem Imam von Maskat, dem Verbündeten Englands und Frankreichs, und ist jedenfalls seine beste Colonie. Der Hafen nimmt eine große Zahl Schiffe der benachbarten Gegenden auf, und die Insel treibt einen ansehnlichen Handel mit Gummi, Elfenbein und ganz besonders mit Ebenholz, denn Zanzibar ist ein großer Sclavenmarkt. Es concentrirt sich dort all‘ die Beute der Schlachten, welche die Häuptlinge des Binnenlandes nicht müde werden, einander zu liefern; und dieser Handel erstreckt sich auch auf die ganze Ostküste und bis in die Nilgegenden. Herr Guillaume le Jean hat daselbst offen unter französischer Flagge Sclavenhandel treiben sehen.

Gleich nach der Ankunft des Resolute kam der englische Consul von Zanzibar an Bord, um dem Doctor seine Dienste anzubieten, denn schon seit einem Monat war er durch europäische Zeitungen von den Plänen desselben in Kenntniß gesetzt worden. Aber bis jetzt gehörte er zu der zahlreichen Phalanx der Ungläubigen.

»Ich zweifelte, sagte er, indem er Samuel die Hand entgegenstreckte, aber jetzt zweifle ich nicht mehr.«

Er bot dem Doctor, Dick Kennedy, und natürlicher Weise auch dem wackern Joe sein eigenes Haus an, und durch ihn gewann Fergusson Kenntniß von verschiedenen Briefen, die er von dem Kapitän Speke erhalten hatte. Dieser, so wie seine Begleiter hatten furchtbar vom Hunger, wie von der Ungunst des Wetters zu leiden gehabt, ehe sie das Land Ugogo erreichten; sie waren nur mit großen Schwierigkeiten vorgerückt, und zweifelten, ob sie in nächster Zeit wieder von ihrem Ergehen würden Nachricht geben können.

»Das sind Gefahren und Entbehrungen, die wir zu vermeiden wissen werden,« sagte Doctor Fergusson.

Das Gepäck der drei Reisenden wurde in das Haus des Consuls gebracht, und man schickte sich nun an, den Ballon auszuladen; es befand sich bei dem Signalthurm, einem mächtigen Gebäude, das ihn vor den Ostwinden geschützt haben würde, eine geeignete Stelle hierzu. Der dicke Thurm, welcher einer aufgerichteten Tonne nicht unähnlich sah, (im Vergleich zu welcher freilich das Heidelberger Faß ein kleines Fäßchen gewesen wäre) sollte als Fort dienen, und auf seinem Söller hielten mit Lanzen bewaffnete Belutschen, eine Art lungernder, großmäuliger Polizeidiener, Wache.

Aber als man an das Ausladen des Luftschiffes gehen wollte, wurde der Consul benachrichtigt, daß die Bevölkerung der Insel sich dem mit Gewalt widersetzen würde. Nichts ist blinder als durch Fanatismus angefachte Leidenschaften. Die Nachricht von der Ankunft eines Christen, der sich in die Lüfte erheben wollte, hatte eine gereizte Stimmung hervorgerufen; denn die Neger, noch leichter erregbar als die Araber, vermutheten in diesem Vorhaben feindliche Absichten gegen ihre Religion, und bildeten sich ein, daß er gegen die Sonne und den Mond in den Kampf ziehen wolle; diese beiden Gestirne aber sind für die afrikanischen Völkerschaften Gegenstand größter Verehrung. So hatte man denn beschlossen, sich diesem gotteslästerlichen Unternehmen zu widersetzen. Der Consul, welcher, wie gesagt, von solcher Stimmung Kunde erhalten hatte, nahm mit Fergusson und dem Commandanten Pennet hierüber Rücksprache. Letzterer wollte vor den Drohungen nicht zurückweichen, aber der Doctor vermochte ihn, einen andern Weg einzuschlagen.

»Gewiß würden wir schließlich den Sieg davontragen«, sagte er; »selbst die Soldaten des Imam würden uns im Nothfall ihre Hilfe nicht versagen; aber, mein lieber Herr Pennet, wie schnell kann sich ein Unfall ereignen! ein einziger Hieb würde genügen, um dem Ballon einen enormen Schaden zuzufügen, und die Luftreife könnte durch solche Verletzung in Frage gestellt, ja unmöglich gemacht werden. Wir müssen also mit großer Vorsicht zu Werke gehen.«

»Aber was sollen wir beginnen? Bei einem Versuch, an der afrikanischen Küste zu landen, würden wir auf dieselben Schwierigkeiten stoßen.«

»Nichts einfacher als das«, erwiderte der Consul; »sehen Sie die jenseit des Hafens gelegenen Inseln? Lassen Sie Ihr Luftschiff auf eine derselben transportiren, umgeben Sie sich mit einer Wache von Matrosen, und Sie haben keine Gefahr zu befürchten.«

»Ausgezeichnet«, sagte der Doctor, »auf diese Weise können wir in aller Ruhe unsere Vorbereitungen vollenden.«

Der Commandant fügte sich diesem Rathe, und der Resolute erhielt Befehl, sich der Insel Kumbeni zu nähern. Am Vormittage des 16. April wurde der Ballon inmitten einer Lichtung der großen Wälder in Sicherheit gebracht.

Man pflanzte zwei achtzig Fuß hohe Masten auf, welche in derselben Entfernung von einander aufgestellt wurden; Rollen, die an ihren obern Enden spielten, gestatteten, das Luftschiff mittelst eines transversalen Taues zu heben; es war zur Zeit noch nicht aufgebläht, und der innere Ballon dergestalt oben an dem äußeren befestigt, daß dieser wie jener emporgehoben werden konnte. An den untern Theil jedes Ballons wurden die beiden, für den Wasserstoff bestimmten Leitungsröhren angelegt.

Der 17. April ging damit hin, den Gaserzeugungsapparat zu ordnen; er bestand aus dreißig Tonnen, in welchen die Zersetzung des Wassers dadurch bewirkt wurde, daß man altes Eisen und Schwefelsäure mit einer großen Menge Wasser in Verbindung brachte. Nachdem der Wasserstoff auf seinem Durchgange gewaschen worden war, trat er in ein ungeheures Centralbehältniß ein, und gelangte von dort durch die Leitungsröhren in jedes der Luftschiffe. Auf diese Weise wurden beide Ballons mit einer genau bestimmten Menge Gas angefüllt.

Man mußte zu dieser Operation achtzehnhundert und siebzig Gallonen Schwefelsäure, sechzehntausend und fünfzig Pfund Eisen, und neunhundertsechsundsechzig Gallonen Wasser verwenden.

Diese Operation begann in der folgenden Nacht gegen drei Uhr Morgens, und sie nahm beinahe acht Stunden in Anspruch. Am folgenden Morgen schwebte das Luftschiff, mit seinem Netz bedeckt, anmuthig über der, durch eine große Zahl von Erdsäcken zurückgehaltenen Gondel. Der Aufblähungsapparat wurde mit äußerster Sorgfalt in Thätigteit gesetzt, und die von dem Luftschiff ausgehenden Röhren genau an dem cylindrischen Kasten befestigt.

Anker, Stricke, Instrumente, Reisedecken, Zelte, Lebensmittel und Waffen mußten den ihnen angewiesenen Platz in der Gondel einnehmen; der Wasservorrath wurde aus Zanzibar herbeigeschafft, und die zweihundert Pfund Ballast, in fünfzig Säcke vertheilt, im untern Raum der Gondel, jedoch so, daß man sie leicht erreichen konnte, aufgestaut.

Diese Vorbereitungen hatten gegen fünf Uhr Abends ihr Ende erreicht, Posten hielten fortwährend um die Insel herum Wache, und die Boote des Resolute durchfurchten den Canal nach allen Seiten.

Die Neger fuhren indessen fort, ihren Zorn durch Geschrei, Grimassen und wunderliche Körperverdrehungen an den Tag zu legen; Zauberer eilten unter den gereizten Gruppen hin und her, ihre Wuth zu hellen Flammen anschürend, und einige Fanatiker versuchten, die Insel schwimmend zu erreichen, wurden jedoch zurückgeworfen.

Alsdann begannen die Zaubersprüche und Beschwörungsformeln; die Regenmacher, welche vermeinten, den Wolken gebieten zu können, riefen die Orkane und ›Platzregen von Steinen‹ zu ihrer Hilfe herbei. Dazu pflückten sie Blätter von allen verschiedenen Bäumen des Landes ab, und ließen sie bei gelindem Feuer aufkochen, während man einen Hammel schlachtete, indem man ihm eine lange Nadel in’s Herz bohrte. Aber trotz ihrer Ceremonien blieb der Himmel klar, und sie hatten ihren Hammel umsonst geschlachtet und ihre Faxen vergebens gemacht.

Die Neger ergingen sich nun in rasenden Orgien, indem sie sich in ›Tembo‹, einem dem Kokosnußbaum extrahirten Liqueur, und in einem außerordentlich zu Kopfe steigenden Bier, ›Togwa‹ genannt, berauschten. Ihre Gesänge ohne eigentliche Melodie, aber in sehr genauem Tact vorgetragen, folgten einander bis tief in die Nacht hinein.

Gegen sechs Uhr Abends vereinigte ein letztes Mahl die Reisenden am Tische des Commandanten und seiner Officiere. Kennedy, den Niemand mehr befragte, flüsterte ganz leise unverständliche Worte vor sich hin; er ließ den Doctor Fergusson nicht aus den Augen.

Bei dieser Mahlzeit ging es übrigens recht traurig her. Das Herannahen des erhabenen Augenblicks flößte Allen quälende Erwägungen und beunruhigende Gedanken ein. Was behielt das Geschick den kühnen Reisenden noch vor? Würden sie sich je inmitten ihrer Freunde am häuslichen Heerde wiederfinden? Wenn die Beförderungsmittel sie im Stiche ließen, was sollte unter den wilden Völkerstämmen, in jenen unerforschten Gegenden, vielleicht tief in unermeßlichen Wüsten aus ihnen werden?

Diese, bis dahin nur zeitweilig auftretenden Gedanken, die man immer bald wieder zurückgedrängt hatte, ließen sich jetzt aus der so heiß erregten Phantasie nicht mehr verscheuchen. Doctor Fergusson, immer kühl und ruhig, sprach von Diesem und Jenem; aber er versuchte vergebens, die Traurigkeit, welche sich Aller bemächtigt hatte, zu zerstreuen.

Da man ein feindliches Auftreten gegen die Person des Doctors und seiner Begleiter besorgte, schliefen sie alle drei an Bord des Resolute; um sechs Uhr Morgens aber verließen sie ihre Kajüte und begaben sich nach der Insel Kumbeni.

Der Ballon wiegte sich leicht im Hauch des Ostwindes. Die Erdsäcke, welche ihn hielten, waren durch zwanzig Matrosen ersetzt worden. Der Commandant Pennet und seine Officiere wohnten dieser feierlichen Abfahrt bei. In diesem Augenblick ging Kennedy plötzlich auf den Doctor zu, faßte ihn bei der Hand und sagte:

»Es ist also entschieden, Samuel, daß Du abfährst?«

»Ganz entschieden, mein lieber Dick.«

»Ich habe doch Alles, was in meinen Kräften stand, gethan, um diese Reise zu hindern?«

»Das bezeuge ich Dir.«

»Dann kann ich mein Gewissen in Bezug auf diesen Punkt beruhigen, und – ich begleite Dich.«

»Ich habe mich darauf verlassen,« antwortete der Doctor, und man konnte in seinen Gesichtszügen eine gewisse Rührung lesen.

Der Augenblick des Abschieds kam heran. Der Commandant und seine Officiere umarmten tief bewegt ihre unerschrockenen Freunde, ohne den würdigen, stolzen, hocherfreuten Joe auszuschließen; und Jeder der Anwesenden wollte dem Doctor noch seinerseits kräftig die Hand drücken.

Um neun Uhr nahmen die drei Reisegefährten in der Gondel Platz; der Doctor zündete sein Knallgasgebläse an und belebte die Flamme, um eine rasche Hitze hervorzubringen, worauf der Ballon, welcher sich auf der Erde in vollkommenem Gleichgewicht gehalten hatte, nach Verlauf einiger Minuten anfing, sich zu heben. Die Matrosen mußten etwas von den ihn zurückhaltenden Stricken ablassen, und die Gondel erhob sich um etwa zwanzig Fuß. Der Doctor stand zwischen seinen beiden Begleitern, nahm den Hut ab und rief:

»Meine Freunde, geben wir unserm luftigen Schiff einen Namen, der ihm Glück bringe! es heiße ›der Victoria‹!«

Ein lautschallendes Hurrah erklang:

»Es lebe die Königin! es lebe England!«

In diesem Augenblick wuchs die emportreibende Kraft des Ballons außerordentlich. Fergusson, Kennedy und Joe winkten ihren Freunden ein letztes Lebewohl zu.

»Laßt Alles los!« rief der Doctor. Und der Victoria erhob sich rasch in die Lüfte, während ihm zu Ehren die vier Karronaden des Resolute gelöst wurden.

Zwölftes Capitel

Zwölftes Capitel

Fahrt über die Meerenge. – Der Mrima. – Reden Dick’s und Vorschlag Joe’s. – Kaffee-Recept. – Usaramo. – Der unglückliche Maizan. – Der Duthumi-Berg. – Die Karten des Doctors. – Nachtaufenthalt über einem Nopal.

Die Luft war rein und der Wind gemäßigt; der Victoria stieg fast senkrecht zu einer Höhe von 1,500 Fuß empor, welche durch das Fallen der Barometersäule um 2 Zoll weniger 2 Linien [Fußnote] angegeben wurde.

In dieser Höhe trug eine merklichere Strömung den Ballon nach Südwesten. Welch prächtiges Schauspiel entrollte sich vor den Augen der Reisenden! die Insel Zanzibar ließ sich ganz und gar überschauen und sonderte sich in dunklerer Farbe ab, wie auf einem großen Planiglobus; die Felder nahmen den Schein verschiedenfarbiger Muster an, und große Sträuße von Bäumen bezeichneten Wälder und Gehölze.

Die Einwohner der Insel erschienen klein wie Insecten. Das Hurrahrufen und der Lärm erlosch allmälig in der Ferne, und die Kanonenschüsse des Schiffes verklangen schwach in dem gewölbten Unterraum des Luftschiffes.

»Wie schön ist das Alles!« rief Joe aus, der zuerst das Schweigen unterbrach.

Er erhielt keine Antwort. Der Doctor beschäftigte sich damit, die Schwankungen des Barometers zu beobachten und sich mit den verschiedenen Erscheinungen bei dem Aufsteigen bekannt zu machen. Kennedy sah hinunter, und hatte nicht Augen genug, um Alles zu sehen.

Da die Sonnenstrahlen dem Knallgasgebläse zu Hilfe kamen, wuchs die Spannung des Gases, und der Victoria erreichte eine Höhe von 2,500 Fuß. Der Resolute erschien so groß wie eine gewöhnliche Barke, und im Westen zeigte sich die afrikanische Küste mit einem unermeßlichen Schaumrande.

»Sie sagen ja gar nichts?« begann Joe von Neuem.

»Wir sehen«, antwortete der Doctor, indem er sein Fernglas auf den Continent richtete.

»Ich kann nicht anders, ich muß reden.«

»Ganz wie Du willst, Joe; sprich, so viel Dir beliebt.«

Und Joe brachte eine Unmasse von Onomatopöen hervor; ein O! Ach! Ho! über das andere ertönte von seinen Lippen.

Während der Fahrt über das Meer hielt es der Doctor für geeignet, sich in dieser beträchtlichen Höhe zu erhalten, da er so die Küste in einer größern Ausdehnung beobachten konnte: Thermometer und Barometer, die im Innern des halboffenen Zeltes aufgehängt waren, befanden sich stets im Bereich seines Auges, und ein zweites, draußen angebrachtes Barometer sollte für die Nachtwachen dienen.

Nach zwei Stunden war der Victoria, da er sich mit einer Schnelligkeit von etwas über acht Meilen in der Stunde bewegte, der Küste merklich nahe gekommen. Der Doctor beschloß, sich der Erde wieder zu nähern; er mäßigte die Flamme des Knallgasgebläses, und bald ließ sich der Ballon bis auf 300 Fuß vom Erdboden herab.

Er befand sich über Mrima, welchen Namen dieser Theil der Ostküste führt. Ein dichter Saum von Wurzelbäumen beschützte die Ufer, und bei der Ebbe konnte man sehen, wie ihre dicken Wurzeln von dem Zahn des Indischen Oceans benagt wurden. Die, Dünen, welche ehemals die Küstenlinie gebildet hatten, hoben sich am Horizonte ab, und die Spitze des Nguru-Berges ragte im Nordwesten empor.

Der Victoria flog an einem Dorfe vorüber, das der Doctor auf seiner Karte als Kaole erkannte. Die ganze versammelte Bevölkerung stieß ein Geheul des Zornes und der Furcht aus, und schoß vergeblich ihre Pfeile auf das Ungeheuer der Lüfte ab, welches majestätisch über all dieser ohnmächtigen Wuth dahinschwebte.

Der Wind stand nach Süden, aber der Doctor beunruhigte sich deshalb nicht, da ihm hierdurch gestattet wurde, die von den Kapitänen Burton und Speke eingeschlagene Reiseroute zu verfolgen.

Kennedy war jetzt ebenso gesprächig wie Joe geworden; beide erschöpften sich in Reden, welche ihrer Bewunderung Ausdruck verliehen.

»Geht mir doch mit euern Postwagen!« rief der Eine.

»Und mit euern Dampfern!« sagte der Andere.

»Und mit den Eisenbahnen«, fügte Kennedy hinzu, »auf denen man die Länder durchreist, ohne sie zu sehen!«

»Ja, ein Ballon, das ist eine andere Sache!« begann Joe wieder; »man merkt gar nicht, wie es weiter geht, und die Natur rollt sich vor unserm Auge auf wie ein großes Gemälde!«

»Welch‘ herrliches Schauspiel! wie bewunderungswürdig! ein Traum in einem Hamak

»Wie wär’s, wenn wir frühstückten?« schlug Joe vor, dem die frische Luft Appetit gemacht hatte.

»Kein übler Gedanke, mein Junge.«

»Mit dem Kochen wird es schnell gehen; es giebt Zwieback und conservirtes Fleisch.«

»Und Kaffee nach Belieben«, fügte der Doctor hinzu. »Ich erlaube Dir, meinem Knallgasgebläse einige Hitze zu entlehnen; es hat mehr als genug, und auf diese Weise werden wir keine Feuersbrunst zu fürchten haben.«

»Das wäre unter jetzigen Umständen auch furchtbar!« versetzte Kennedy. »Es ist eigentlich nicht viel anders, als wenn wir mit einem Pulverfaß über uns umherreisten.«

»Nicht ganz so«, antwortete Fergusson; »wenn nämlich das Gas in Flammen geriethe, würde es sich erst allmälig verzehren und wir nur langsam auf die Erde herabsinken, was natürlich die Gefahr bei weitem verringert; aber seid unbesorgt, unser Luftschiff ist hermetisch verschlossen.«

»Vorläufig wollen wir essen«, mahnte Kennedy.

»Hier, meine Herren«, rief Joe, »und während ich meine Mahlzeit verzehre, werde ich Ihnen einen Kaffee fabriciren, der an Vorzüglichkeit nichts zu wünschen übrig lassen soll.«

»Es ist Thatsache«, bestätigte der Doctor, »daß Joe neben tausend andern guten Eigenschaften auch ein besonderes Talent besitzt, dies köstliche Getränk zu präpariren; er setzt es aus einer Mischung verschiedener Stoffe zusammen, die er mir nie hat mittheilen wollen.«

»Nun, mein Herr, hier in Gottes freier Luft kann ich Ihnen wohl mein Recept anvertrauen. Es ist ganz einfach eine Mischung von Mokka, Bourbon und Rio-Runez zu gleichen Theilen.«

Nach wenigen Augenblicken servirte Joe drei rauchende Tassen Kaffee, und ein substantielles Frühstück, von der guten Laune der Gäste gewürzt, wurde eingenommen; dann begab sich ein Jeder an seinen Beobachtungsposten.

Das Land zeichnete sich durch eine außerordentliche Fruchtbarkeit aus: gewundene und enge Pfade versteckten sich unter grünen Laubdächern. Man ging über Felder dahin, welche, mit Tabak, Mais und Gerste bebaut, in voller Reife standen; hie und da zeigten sich ungeheure Reisfelder mit ihren geraden Stengeln und purpurfarbenen Blüthen. Man bemerkte Schafe und Ziegen in großen, auf Pfählen gebauten Käfigen eingeschlossen, um die Thiere vor dem Zahn des Leoparden zu schützen. Ein üppiger Pflanzenwuchs gab diesem verschwenderischen Boden ein buntes, vielfach wechselndes Ansehn. In zahlreichen Dörfern wiederholten sich Scenen des Lärmens und Staunens beim Anblick des Victoria, und der Doctor Fergusson hielt sich vorsichtig außerhalb des Bereichs der Pfeile; die Einwohner, um ihre eng aneinanderstoßenden Hütten gruppirt, verfolgten noch lange mit den Augen die Reisenden, denen sie ihre Verwünschungen nachsandten.

Um Mittag gab der Doctor, als er die Karte zu Rathe gezogen, seine Ansicht dahin ab, daß sie sich über dem Lande Usaramo (U-Gegend) befänden. Die Landschaft war hier dicht mit Kokosnuß- und Papaya- (Melonen-) bäumen, so wie mit Baumwollenstauden übersäet, über welchen der Victoria sich förmlich hinweg zu spielen schien. Joe fand diese Vegetation ganz natürlich, wenn man nur in Betracht zöge, daß man in Afrika wäre. Kennedy bemerkte Hasen und Wachteln, welche zu einem Flintenschuß einluden; aber das wäre Pulververgeudung gewesen, da es jetzt eine Unmöglichkeit war, das Wild einzusammeln.

Die Luftschiffer bewegten sich mit einer Schnelligkeit von zwölf Meilen auf die Stunde vorwärts und befanden sich bald unter 38° 30′ L. über dem Dorfe Tunda.

»Hier, sagte der Doctor, wurden Burton und Speke von heftigen Fiebern erfaßt und glaubten einen Augenblick, ihre Unternehmung nicht fortsetzen zu können. Und doch waren sie noch nicht weit von der Küste, aber schon machten sich Ermüdung und Entbehrungen in rauher Weise fühlbar.«

Thatsächlich herrscht in dieser Gegend eine immerwährende Malaria; auch der Doctor konnte jetzt ihrer Ansteckung nur dadurch entgehen, daß er den Ballon über die Miasmen dieser feuchten Erde emporhob, aus der eine glühend heiße Sonne die Verdünstungen aufsog. Bisweilen gewahrte man Karawanen,die in einem »Kraal« ausruhten und die Abendfrische erwarteten, um ihren Marsch fortzusetzen. Unter »Kraal« versteht man große Anlagen mit Hecken und Dschungeln umgeben, hinter denen die Handeltreibenden sich nicht nur gegen die wilden Thiere, sondern auch gegen die räuberischen Stämme des Landes bergen. Man sah die Eingebornen beim Anblick des Victoria hin und her laufen und fliehen, und Kennedy hätte sie sich gern näher angesehen, aber Samuel setzte sich diesem Wunsch beharrlich entgegen.

»Die Häuptlinge haben Feuerwaffen«, sagte er, »und unser Ballon böte eine zu leichte Zielscheibe für eine Kugel.«

»Würde ein durch eine Kugel verursachtes Loch einen Sturz herbeiführen?« fragte Joe.

»Nicht unmittelbar; aber das Loch könnte bald zu einem weiten Riß werden, durch welchen all‘ unser Gas entweichen würde.«

»Halten wir uns dann in ehrfurchtsvoller Entfernung von diesen Ungläubigen. Was werden sie sich denken, wenn sie uns in den Lüften schweben sehen? Gewiß haben sie Lust uns anzubeten.«

»Lassen wir uns anbeten«, antwortete der Doctor, »aber aus der Ferne. Man steht sich immer besser dabei. Seht doch, das Land nimmt jetzt ein anderes Aussehen an, die Dörfer werden seltener, die Wurzelbäume sind verschwunden, die Vegetation hört mit dieser Breite auf, der Boden wird bergig und läßt auf die Nähe von Gebirgen schließen.«

»Wirklich«, bemerkte Kennedy, »es scheint, als ob auf dieser Seite einige Anhöhen auftauchten.«

»Im Westen …, das sind die ersten Ketten des Urisara, der Duthumi-Berg wahrscheinlich, hinter welchem ich uns für die Nacht zu bergen hoffe. Ich werde die Flammen des Knallgasgebläses stärker wirken lassen, denn wir müssen uns in einer Höhe von fünf- bis sechshundert Fuß halten.«

»Sie haben da übrigens einen prächtigen Gedanken gehabt, Herr Doctor«, sagte Joe bewundernd, »die Machination ist weder schwer noch ermüdend zu handhaben; man dreht einen Hahn um, und die Sache ist besorgt.«

»Hier ist es angenehmer«, athmete der Jäger erleichtert auf, als der Ballon sich gehoben hatte; die Reflexion der Sonnenstrahlen auf diesem rothen Sande wurde unerträglich.

»Was für köstliche Bäume«! rief Joe; »sie sind wirklich schön, obgleich sie sehr natürlich sind; man könnte aus einem Dutzend dieser Stämme einen ganzen Wald machen.«

»Es sind Baobabs« (Affenbrodbäume), antwortete Fergusson; »seht jenen dort an, er hat gewiß hundert Fuß im Umfange.

Vielleicht kam gerade am Fuße dieses nämlichen Baumes im Jahre 1845 der Franzose Maizan um, denn wir befinden uns über dem Dorfe Deje-la-Mhora, wohin er allein vorging. Er wurde von einem Häuptling ergriffen, an den Stamm eines Baobab gebunden, und nun trennte der wilde Neger langsam, während der Kriegsgesang erscholl, die einzelnen Glieder des Europäers ab. Sodann schnitt er ihm die Kehle ein, schärfte nun erst wieder sein stumpfgewordenes Messer, und riß dem Unglücklichen den Kopf von dem Rumpfe, noch ehe derselbe ganz abgeschnitten war! der beklagenswerthe Franzose war erst sechsundzwanzig Jahre alt!«

»Und Frankreich hat für ein solches Verbrechen keine Genugthuung verlangt?« rief Kennedy.

»Frankreich hat reclamirt, der Said von Zanzibar hat Alles gethan, um sich des Mörders zu bemächtigen, aber alle Bemühungen sind ohne Erfolg geblieben.«

»Ich verlange nicht danach, mich hier aufzuhalten«, sagte Joe; »steigen wir, Herr Doctor, steigen wir.«

»Um so lieber, Joe, als der Berg Duthumi vor uns emporragt. Wenn meine Berechnungen stimmen, sind wir vor sieben Uhr Abends darüber hinaus.«

»Wir werden des Nachts nicht reisen?« fragte der Jäger.

»Nein, oder doch so wenig wie möglich; mit gehöriger Vorsicht und Wachsamkeit würde man es ohne Gefahr thun können, aber es genügt nicht, über Afrika hinwegzureisen, wir müssen es auch sehen.«

»Bis jetzt haben wir uns nicht zu beklagen, mein Herr und Gebieter. Statt einer Wüste finden wir ein gut angebautes, fruchtbares Land! Da soll man noch an die Geographen glauben!«

»Warte es ab, Joe, warte es ab, später werden wir sehen.«

Gegen halb sieben Uhr Abends befand sich der Victoria vor dem Duthumi-Berge; er mußte sich, um ihn zu übersteigen, über dreitausend Fuß heben, und dazu brauchte der Doctor die Temperatur nur um achtzehn Grad (10 Grad Celsius) zu steigern. Man kann sagen, daß er seinen Ballon wirklich mit einem Druck der Hand lenkte. Kennedy bezeichnete ihm nur die zu umgehenden Hindernisse, und der Victoria flog, an dem Berge hinstreifend, durch die Lüfte. Um acht Uhr stieg er am jenseitigen Abhang hinunter; die Anker wurden ausgeworfen, und einer derselben hakte sich fest an den Zweigen eines ungeheuren Nopals. Alsbald ließ sich Joe an dem Strick hinuntergleiten und befestigte ihn mit der größten Solidität. Die seidene Leiter wurde ihm gereicht, und er stieg gewandt an ihr hinauf. Das Luftschiff hielt sich fast ganz ruhig, da es vor dem Ostwinde gedeckt lag.

Die Abendmahlzeit wurde bereitet, und die Reisenden, von ihrer Luftfahrt angeregt, schlugen in ihre Vorräthe eine gewaltige Bresche.

»Eine wie große Strecke haben wir heute zurückgelegt?« fragte Kennedy, indem er Stücke von beunruhigenden Dimensionen in den Mund steckte.

Der Doctor machte mittelst Beobachtungen des Mondes das Besteck, und zog die vorzügliche Karte, die ihm als Führer diente, zu Rathe. Diese gehörte zu dem Atlas der ›Neuesten Entdeckungen in Afrika‹ von Fergusson’s gelehrtem Freunde Petermann in Gotha veröffentlicht und ihm zugesandt. Der Atlas sollte dem Doctor für die ganze Reise seine Dienste leisten, denn er umfaßte die Reise-Erfahrungen Burton’s und Speke’s im Gebiet der Großen Seen, das Sudan nach Doctor Barth, das untere Senegal nach Guillaume Lejean und das Niger-Delta nach Doctor Baikie.

Fergusson hatte sich auch mit einem Werke versehen, das in sich alle in Bezug auf den Nil erworbenen Kenntnisse vereinigte unter dem Titel: ›The sources of the Nile, being a general survey of the basin of that river and of its head stream with the history of the Nilotic discovery by Charles Beke, Ph. D.‹ Er besaß ferner die ausgezeichneten, in the Proceedings of the Royal Geographical Society of London veröffentlichten Karten, und kein Punkt der bereits entdeckten Landstriche konnte ihm entgehen.

Als er das Besteck auf der Karte machte, fand er, daß die zurückgelegte Strecke in der Breite zwei Grad oder hundertundzwanzig Meilen nach Westen betrug.

Kennedy hob hervor, daß die Route nach dem Süden zeigte, aber der Doctor war ganz damit zufrieden, da er so viel wie möglich die Spuren seiner Vorgänger recognosciren wollte.

Es wurde abgemacht, daß die Nacht behufs der Wachen in drei Zeiten getheilt werden sollte, damit ein Jeder seinerseits für die Sicherheit der Andern sorgen könnte. Der Doctor sollte die Wache von neun Uhr ab, Kennedy von 12 Uhr, Joe von drei Uhr Morgens übernehmen. Die beiden Letzteren streckten sich also, in ihre Decken gehüllt, unter dem Zelte aus und schliefen friedlich, während Doctor Fergusson für sie wachte.

Dreizehntes Capitel

Dreizehntes Capitel

Wetterveränderung. – Kennedy’s Fieber. – Die Medicin des Doctors. – Reise auf festem Boden. – Das Becken von Imendsche. – Der Rubeho-Berg. – Sechstausend Fuß hoch. – Eine Tagesrast.

Die Nacht verlief ruhig; indessen klagte Kennedy am Sonnabend Morgen beim Erwachen über Mattigkeit und Fieberschauer. Mit dem Wetter ging eine Veränderung vor. Der Himmel bedeckte sich mit dichten Wolken und schien sich für eine neue Sündfluth vorzubereiten. Ein trübseliges Land, dieses Zungomero, in dem es beständig regnet, etwa mit Ausnahme von vierzehn Tagen im Monat Januar.

Ein heftiger Regenguß stürzte alsbald auf die Reisenden herab: die von den sogenannten »Nullahs«, einer Art von Augenblicksströmen, durchschnittenen Wege wurden ungangbar, waren übrigens so wie so wegen der dornigen Büsche und riesenhaften Lianengewächse schwer zu passiren. Man merkte deutlich die Ausdünstungen von schwefligem Wasserstoff, von denen Kapitän Burton redet.

»Burton hat Recht, äußerte der Doctor, wenn er sagt, daß, nach diesem Geruch zu urtheilen, hinter jedem Gebüsch ein Leichnam liegen könnte.

»Ein garstiges Land«, fügte Joe hinzu, »und es scheint, als ob Herrn Kennedy der Nachtaufenthalt hier nicht besonders bekommen wäre.«

»Ich habe allerdings starkes Fieber«, klagte der Jäger.

»Das setzt mich nicht in Erstaunen, mein lieber Dick, wir befinden uns in einer der ungesundesten Gegenden von ganz Afrika. Aber wir werden uns hier nicht lange aufhalten. Marsch!«

Joe löste geschickt den Anker und stieg vermittelst der Leiter wieder in die Gondel. Der Doctor vermehrte rasch die Spannung des Gases, und der Victoria flog, von einem ziemlich starken Winde getrieben, auf und davon.

Einige Hütten schimmerten kaum durch diesen pestilentialischen Nebel hindurch. Das Land veränderte sich merklich. Es kommt in Afrika häufig vor, daß eine ungesunde Gegend von geringer Ausdehnung an vollkommen gesunde Landstriche grenzt.

Kennedy litt augenscheinlich sehr, und das Fieber nahm seine kräftige Natur furchtbar mit.

»Es ist jetzt gar nicht an der Zeit, krank zu sein«, meinte er, hüllte sich in seine Decke und bettete sich unter dem Zelte.

»Nur Geduld, mein lieber Dick, tröstete ihn Fergusson, bald wirst Du wieder genesen.«

»Genesen? Wahrhaftig, Samuel, wenn Du in Deiner Reise-Apotheke ein Mittel hast, das mich wieder auf die Beine bringen kann, so gieb es mir unverzüglich. Ich werde die Augen zu-, und den Mund aufmachen.«

»Ich habe noch etwas Besseres, Freund Dick, und werde Dir ein ganz natürliches Fiebermittel verschaffen, das nichts kosten soll.«

»Und wie willst Du das machen?«

»Sehr einfach; ich werde ganz gemüthlich über diese Wolken, die uns überschwemmen, emporsteigen und mich aus dieser pestilentialischen Atmosphäre entfernen. Ich bedarf nur zehn Minuten, um den Wasserstoff auszudehnen.«

Noch war diese Zeit nicht verflossen, als die Reisenden schon über die feuchte Zone hinausgekommen waren.

»Warte noch ein wenig, Dick, und Du wirst den Einfluß der reinen Luft und der Sonne bald verspüren.«

»Ist das eine Medicin!« rief Joe aus; »’s ist doch erstaunlich!«

»Nein, es ist ganz natürlich!«

»O, daran zweifle ich nicht!«

»Ich schicke Dick in gute Luft, wie das tagtäglich in Europa geschieht, und wie ich ihn in Martinique auf die Pitons schicken würde, um vor dem gelben Fieber zu fliehen.«

»Ach, dieser Ballon ist wirklich ein Paradies«, sagte Kennedy, der sich schon wohler fühlte.

»Auf alle Fälle führt er hinein,« fügte Joe heiter hinzu.

Die Wolkenmassen, welche sich in diesem Augenblick unter der Gondel zusammenballten, boten ein merkwürdiges Schauspiel dar; sie rollten über einander her und flossen in einem prächtigen Glanze zusammen, indem sie die Strahlen der Sonne zurückwarfen. Der Victoria erreichte eine Höhe von viertausend Fuß; das Thermometer zeigte ein Sinken der Temperatur; man sah die Erde nicht mehr. In einer Entfernung von etwa fünfzig Meilen ragte der Rubeho-Berg mit seinem funkelnden Haupte empor; er bildete die Grenze des Ugogo-Landes unter 36° 20′ L. Der Wind wehte mit einer Schnelle von zwanzig Meilen auf die Stunde, aber die Reisenden fühlten nichts von dieser Geschwindigkeit; sie empfanden keine Erschütterung und hatten nicht einmal das Gefühl irgend einer Ortsveränderung.

Drei Stunden später verwirklichte sich des Doctors Prophezeiung. Kennedy fühlte keinen Fieberschauer mehr und frühstückte mit Appetit.

»Das läuft dem schwefelsauren Chinin den Rang ab«, sagte er höchst zufrieden.

»Entschieden«, meinte Joe, »hierher werde ich mich auf meine alten Tage zurückziehen.«

Gegen zehn Uhr Morgens klärte sich die Luft auf. Es bildete sich eine Lücke in den Wolken; die Erde erschien wieder dem Auge, und der Victoria näherte sich ihr unmerklich. Doctor Fergusson suchte eine Strömung, die ihn mehr nach Nordosten tragen sollte, und fand dieselbe sechshundert Fuß vom Boden ab. Das Land wurde uneben, selbst bergig. Der Bezirk von Zungomero verwischte sich im Osten mit den letzten Kokosnußbäumen dieser Breite. Bald sprangen die Bergkämme entschiedener hervor; hie und da erhoben sich einige Pics, und man mußte jeden Augenblick auf die spitzigen Kegel Acht haben, die unvermuthet aufzusteigen schienen.

»Wir stecken mitten unter Klippen«, sagte Kennedy.

»Beruhige Dich, Dick, wir werden sie geschickt umsegeln.«

»Trotz alledem eine hübsche Manier zu reisen!« erklärte Joe.

Wirklich lenkte der Doctor seinen Ballon mit einer wunderbaren Geschicklichkeit.

»Wenn wir auf diesem eingeweichten Boden marschiren müßten«, sagte er, »würden wir uns in einem ungesunden Schmutz hinschleppen. Die Hälfte unserer Lastthiere wäre seit unserer Abreise von Zanzibar bereits vor Erschöpfung gestorben. Wir sähen ohne Zweifel schon wie Gespenster aus, und eine innere Verzweiflung hätte uns ergriffen. Wir würden in unaufhörlichem Kampfe mit unsern Führern, unsern Trägern leben und ihrer zügellosen Brutalität ausgesetzt sein. Am Tage eine feuchte, unausstehliche, erdrückende Hitze! Des Nachts eine oft unerträgliche Kälte und die Stiche jener Fliegen, deren Mandibeln die dichteste Leinwand durchbohren und den geduldigsten Menschen rasend machen können. Der wilden Thiere und Völkerstämme gar nicht einmal zu gedenken!«

»Ich möchte es nicht versuchen«, entgegnete Joe kurz.

»Ich übertreibe nichts«, erwiderte der Doctor, »bei der Erzählung der Reisenden, welche die Kühnheit gehabt haben, sich in diese Gegenden zu wagen, möchten Euch die Thränen in die Augen treten.«

Gegen elf Uhr fuhren sie über das Becken von Imendsche hinweg; die auf den Hügeln zerstreuten Volksstämme bedrohten vergeblich den Victoria mit ihren Waffen; er kam endlich an die letzten wellenförmigen Erhebungen des Bodens, die unmittelbaren Vorberge des Rubeho, welche die dritte und höchste Bergkette in Usagara bilden.

Die Reisenden konnten sich von der orographischen Gestaltung des Bodens ein genaues Bild machen. Die drei Verzweigungen, deren erste Staffel der Duthumi bildet, werden durch weite Längenebenen von einander geschieden; diese hohen Bergrücken bestehen aus abgerundeten Kegeln, zwischen denen der Boden mit erratischen Blöcken und Geröll besäet ist. Der steilste Abfall dieser Berge liegt der Küste von Zanzibar gegenüber; die westlichen Abhänge bilden nur geneigte Plateaux. Die Bodensenkungen sind mit einer schwarzen, fruchtbaren Erde bedeckt und durch eine kräftige Vegetation ausgezeichnet. Verschiedene Ströme ergießen sich nach Osten und stießen in den Kingani, mitten unter riesigen Gruppen von Sykomoren, Tamarinden, Kürbißbäumen und Palmyras.

»Achtung!« gebot der Doctor Fergusson. »Wir nähern uns dem Rubeho, dessen Name in der Sprache des Landes ›Fahrt der Winde‹ bedeutet. Wir werden gut thun, um seine spitzigen Gipfel in einer gewissen Höhe herumzufahren. Wenn meine Karte genau ist, müssen wir uns in eine Höhe von mehr als fünftausend Fuß begeben.«

»Werden wir oft Gelegenheit haben, diese oberen Zonen zu berühren?«

»Nur selten, die Erhebung der Berge Afrika’s scheint im Verhältniß zu den Gipfeln Europa’s und Asiens nur eine mittlere zu sein. Aber in jedem Falle würde unser Victoria dieselben ohne Schwierigkeit überschreiten.«

Bald dehnte sich das Gas unter Einwirkung der Hitze aus, und der Ballon nahm eine sehr entschieden aufsteigende Richtung. Die Ausdehnung des Wasserstoffs war übrigens gefahrlos, und der ungeheure Innenraum des Luftschiffes erst zu drei Vierteln gefüllt; das Barometer gab durch Fallen der Säule um beinahe acht Zoll eine Erhebung von sechstausend Fuß an.

»Würden wir lange so reisen können?« fragte Joe.

»Die Atmosphäre der Erde hat eine Höhe von sechstausend Toisen, antwortete der Doctor. Mit einem großen Ballon würde man sehr hoch steigen können. Das haben die Herren Brioschi und Gay-Lussac unternommen; aber da kam ihnen das Blut aus Mund und Ohren. Es fehlte die athmungsfähige Luft. Vor einigen Jahren wagten sich zwei kühne Franzosen, die Herren Banal und Bixio, ebenfalls in die hohen Regionen, aber ihr Ballon bekam einen Riß . . .«

»Und sie fielen?« fragte Kennedy lebhaft.

»Allerdings! aber wie Gelehrte fallen sollen ohne sich Schaden zu thun.«

»Nun meine Herren«, sagte Joe, »es steht Ihnen frei, ihnen ihren Fall nachzumachen; aber, da ich mich für meine Person nicht zu den Gelehrten rechne, ziehe ich es vor, mich in einer anständigen Mitte zu halten, weder zu hoch noch zu niedrig. Man muß nicht ehrgeizig sein.«

In der Höhe von sechstausend Fuß hat sich die Dichtigkeit der Luft fühlbar verringert; der Schall pflanzt sich nur schwer fort, und die Stimme ist weniger gut hörbar. Der Blick wird verworren, und das Auge bemerkt herniederschauend nur noch große, ziemlich unbestimmte Massen; Menschen und Thiere verschwinden ganz aus dem Gesichte, und die Straßen werden zu schmalen Bändern, die Seen zu Teichen.

Der Doctor und seine Begleiter fühlten sich nunmehr in einem anormalen Zustande; ein atmosphärischer Strom von außerordentlicher Schnelligkeit riß sie über dürre Berge hinweg, auf deren Gipfel große Schneeflächen den Blick überraschten; die zerrissene Physiognomie des Berglandes wies auf eine neptunische Arbeit aus den ersten Tagen der Welt hin.

Die Sonne glänzte im Zenith, und ihre Strahlen fielen senkrecht auf die öden Gipfel. Der Doctor nahm eine genaue Zeichnung dieser Berge auf; sie bestehen aus vier verschiedenen Rücken und ziehen sich fast in gerader Linie neben einander hin.

Bald stieg der Victoria an der jenseitigen Abdachung des Rubeho abwärts, einem mit Holz bewachsenen, mit Bäumen von sehr dunkelm Grün bestandenen Abhange folgend; dann wieder reihten sich Gebirgskämme und Schluchten in einer wüstenartigen Gegend daran, welche sich vor dem Ugogolande hinzog; weiter unten entfalteten sich gelbe, ausgedörrte Ebenen, hie und da mit Salzpflanzen und Dorngebüschen als einziger Vegetation.

Einige Holzungen, die sich in weiter Ferne zu Wäldern verdichteten, begrenzten den Horizont. Der Doctor näherte sich dem Erdboden, die Anker wurden ausgeworfen, und einer derselben hakte sich bald an den Zweigen einer ungeheuren Sykomore ein.

Joe glitt rasch auf den Baum hinunter und befestigte vorsichtig den Anker; der Doctor ließ sein Knallgasgebläse in Thätigkeit, um dem Luftschiff eine gewisse emportreibende Kraft, die es in der Luft oben halten könnte, zu bewahren. Der Wind hatte sich fast plötzlich gelegt.

»Jetzt«, sagte Fergusson, »nimm zwei Flinten, Freund Dick, eine für Dich und eine für Joe, und dann versucht, ob Ihr uns zum Mittagsmahl einen Antilopenbraten heimbringen könnt.«

»Auf die Jagd!« rief Kennedy neu belebt, kletterte aus der Gondel und stieg herab. Joe hatte sich von einem Zweige zum andern hinunterpurzeln lassen und wartete auf ihn, indem er sich, auf festem Boden stehend, dehnte und reckte. Der Doctor, welcher jetzt die Gondel um das Gewicht seiner beiden Gefährten erleichtert sah, konnte sein Knallgasgebläse gänzlich auslöschen.

»Fliegen Sie uns aber nicht fort, Herr!« rief Joe noch hinauf.

»Sei unbesorgt, mein Junge, ich werde mit festen Banden zurückgehalten. Ich will die Zeit benutzen, um meine Notizen zu vervollständigen, und wünsche Euch glückliche Jagd nebst einer guten Portion Vorsicht. Übrigens werde ich von meinem Posten das Land beobachten, und so wie sich irgend etwas Verdächtiges zeigt, feure ich den Carabiner ab. Das soll Euch als Signal zum Sammeln dienen.«

»Einverstanden.« antwortete der Jäger.

Vierzehntes Capitel

Vierzehntes Capitel

Der Gummibaumwald. – Die blaue Antilope. – Das Signal zum Sammeln. – Ein unerwarteter Angriff. – Kanyenye. – Eine Nacht im Aether. – Wabunguru. – Dschihue-la-Mkoa. Der Wasservorrath. – Ankunft in Kaseh.

Das dürre ausgetrocknete Land bestand aus einer thonartigen Erde, die von der Hitze rissig geworden war; es schien verlassen; nur hie und da zeigten sich einige Spuren von Karawanen, wie gebleichte, halb abgenagte Gebeine von Menschen und Thieren, die in demselben Staube neben einander moderten.

Nach einem halbstündigen Marsche vertieften sich Dick und Joe, das Auge auf der Lauer und den Finger am Hahn der Flinte, in einen Wald von Gummibäumen. Ohne ein Rifleman zu sein, wußte Joe doch geschickt mit einer Feuerwaffe umzugehen.

»Wie wohl thut es mir, wieder einmal marschiren zu können, Herr Dick, und doch ist dieser Grund und Boden nicht allzu bequem,« meinte er, als sie auf dem mit Quarzstücken besäeten Boden dahingingen.

Kennedy bedeutete seinem Begleiter durch ein Zeichen, daß er schweigen und stehen bleiben solle. Man mußte ohne Hunde fertig werden, und wie groß auch Joe’s Gewandtheit war, so besaß er doch nicht die Nase eines Bracken oder Windspiels.

An dem Bette eines Stroms, in welchem sich noch einige Lachen stehenden Wassers hielten, löschte eine kleine Heerde von etwa zehn Antilopen ihren Durst. Diese graciösen Thiere schienen Gefahr zu wittern; zwischen jedem Schlürfen hoben sie ihren hübschen Kopf lebhaft in die Höhe und prüften die Luft in der Richtung der Jäger.

Kennedy bog, während Joe unbeweglich blieb, um einige Gebüsche, gelangte in Schußweite und feuerte. Die Heerde verschwand in einem Augenblick, und nur eine männliche Antilope, auf’s Blatt getroffen, sank zusammen. Kennedy stürzte auf seine Beute zu; es war ein »Blawe-Bock«, ein prächtiges, blaßblaues Thier, dessen Bauch und innere Seite der Beine weiß wie Schnee schimmerten.

»Ein Kernschuß! rief der Jäger aus. Es ist dies eine sehr seltene Antilopenart, und ich hoffe, das Fell gut präpariren und aufbewahren zu können.

– Wirklich? denken Sie im Ernst daran, Herr Dick?

– Natürlich! sieh doch dies glänzende Fell!

– Aber der Doctor wird sich sehr entschieden gegen solche Lastvermehrung auflehnen.

– Du hast Recht, Joe! es ist aber doch ärgerlich, ein so schönes Thier ganz liegen lassen zu müssen!

– Ganz? nein, Herr Dick; wir wollen die bestnährenden Bestandtheile davon abnehmen, und ich werde mich mit Ihrer Erlaubniß dieser Aufgabe eben so gut entledigen wie der Vorsteher der ehrenwerthen Fleischerzunft in London.

– Wie Du willst, mein Freund; Du weißt aber hoffentlich, daß ich in meiner Eigenschaft als Jäger ebenso wenig in Verlegenheit bin, wie ich ein Stück Wild zerlegen, als wie ich es erlegen soll.

– Davon bin ich fest überzeugt, Herr Dick; machen Sie deshalb weiter keine Umstände, und errichten Sie auf drei Steinen einen Bratofen; Sie werden trockenes Holz in Menge finden, und ich bitte Sie dann nur um einige Minuten, um Ihre glühenden Kohlen auszunutzen.

– Das soll nicht lange dauern,« versetzte Kennedy. Er machte sich sogleich an den Bau eines Heerdes, in welchem das Feuer wenige Augenblicke später aufloderte. Joe hatte aus der Antilope etwa ein Dutzend Coteletten sowie die zartesten Stücke der Lende geschnitten, die sich bald unter seinen kundigen Händen in einen schmackhaften Rostbraten verwandelten.

»Das wird Freund Samuel erquicken, sagte der Jäger.

– Wissen Sie, woran ich denke, Herr Dick?

– Nun, doch gewiß an das, was Du eben machst, an Deine Beefsteaks.

– Nein, Herr Dick; ich denke daran, was wir für ein Gesicht machen würden, wenn wir das Luftschiff nicht mehr wiederfänden.

– Gott! welch‘ schrecklicher Gedanke! Du meinst, der Doctor könne uns im Stich lassen?

– Nein, aber wenn sein Anker sich loslöste?

– Unmöglich. Uebrigens könnte Samuel ja leicht mit seinem Ballon wieder herabsteigen; er lenkt ihn doch ziemlich geschickt.

– Ja, aber wenn der Wind ihn fortrisse, wenn er nicht zu uns zurückkommen könnte?

– Höre, Joe, mach‘ ein Ende mit Deinen Vermuthungen; sie haben nichts Angenehmes.

– Ach, Herr Kennedy, Alles, was sich in dieser Welt ereignet, ist natürlich; nun kann sich aber Alles ereignen, man muß also auf Alles gefaßt sein…

In diesem Augenblick hallte ein Flintenschuß in der Luft wieder.

– Horch! stieß Joe hervor.

– Mein Carabiner! ich erkenne seinen Knall.

– Das Signal!

– Eine Gefahr für uns!

– Für ihn vielleicht, ergänzte Joe.

– Marsch!«

Die Jäger hatten eilig ihre Jagdbeute aufgenommen und schlugen den Rückweg ein, indem sie sich nach den von Joe eingeknickten Zweigen richteten. Die Dichtigkeit des Gestrüpps hinderte sie, den Victoria zu bemerken, von dem sie nicht sehr fern sein konnten.

Ein zweiter Schuß ließ sich jetzt vernehmen.

»Das hat Eile, meinte Joe.

– Höre doch! noch ein Schuß!

– Das sieht aus wie eine persönliche Vertheidigung.

– Beeilen wir uns.«

Und sie liefen, so schnell sie konnten. Am Waldessaum angekommen, sahen sie gleich zuerst den Victoria an seinem Platze und den Doctor in der Gondel.

»Was giebt es denn? fragte Kennedy.

– Großer Gott! rief Joe aus.

– Was siehst Du?

– Da unten rings um den Baum eine Schaar Neger, die den Ballon belagern.«

Wirklich sah Joe, obgleich noch zwei Meilen von dem Ballon entfernt, etwa dreißig Individuen unter lebhaften Gestikulationen, Heulen und Luftsprüngen am Fuße der Sykomore. Einige waren auf den Baum geklettert und bis auf die höchsten Zweige gestiegen. Die Gefahr schien drohend.

»Mein Herr ist verloren, rief Joe aus.

– Ruhig, Joe, bewahre Dir Kaltblütigkeit und einen scharfen Blick! Wir haben das Leben von vier dieser mohrenfarbigen Bestien in unserer Hand. Vorwärts!«

Sie hatten mit außerordentlicher Geschwindigkeit etwa eine Meile zurückgelegt, als abermals ein Flintenschuß aus der Gondel abgefeuert wurde; derselbe war offenbar auf einen großen teuflischen Kerl gemünzt, der sich so eben anschickte, an dem Ankertau emporzuklimmen. Sein Körper fiel leblos von Zweig zu Zweig und blieb etwa zwanzig Fuß vom Boden entfernt hängen; seine Arme und Beine schwankten in der Luft hin und her.

»Ho! rief Joe stille stehend; woran zum Teufel hält sich die Bestie noch?

– Das ist einerlei, antwortete Kennedy. Laß uns laufen, schnell! schnell!

– Ach! Herr Kennedy, rief Joe und wollte bersten vor Lachen; er hält sich an seinem Schwanz! wahrhaftig an seinem Schwanz! Ein Affe! Es sind alles nur Affen!

– Immer noch besser, als wären es Menschen,« antwortete Kennedy, indem er sich unter die heulende Bande stürzte.

Es war in der That ein Rudel wilder, fürchterlicher, hundsköpfiger Paviane, gräulich anzusehen. Einige Flintenschüsse brachten sie indessen bald zur Vernunft, und die widerwärtige Grimassen schneidende Horde stob nach allen Seiten auseinander, mehrere der Ihren todt auf dem Kampfplatze zurücklassend. In wenig Augenblicken hatte Kennedy die Leiter bestiegen, Joe war an der Sykomore emporgeklettert und machte den Anker los. Die Gondel senkte sich bis zu ihm herab, und er schwang sich ohne alle Schwierigkeit hinein. Wenige Minuten später erhob sich der Victoria in die Luft und schwebte, von einem mäßigen Winde getrieben, westwärts.

»Das war ein Sturm, rief Joe.

– Wir glaubten Dich zuerst von Eingeborenen belagert.

– Es waren glücklicher Weise nur Affen, antwortete der Doctor.

– Von ferne ist der Unterschied kein sehr bedeutender, mein lieber Samuel.

– In der Nähe auch nicht, bemerkte Joe.

– Wie dem auch sein möge, antwortete Fergusson, dieser Affenangriff hätte ernste Folgen für uns haben können. Wenn der Anker den wiederholten Erschütterungen nicht widerstanden hätte – wer weiß, wohin ich vom Winde verschlagen worden wäre?

– Was habe ich Ihnen gesagt, Herr Kennedy?

– Du hattest Recht, Joe; genieße Deinen Triumph. Aber warst Du nicht gerade damals bei der Bereitung der Antilopen-Beefsteaks, deren Anblick mir so großen Appetit machte?

– Das will ich glauben, antwortete der Doctor, Antilopenfleisch ist etwas ganz Vorzügliches.

– Sie sollen selber darüber urtheilen, mein Herr. Der Tisch ist gedeckt.

– Wahrhaftig, sagte der Jäger, diese Antilopenschnittchen haben einen Wildpretgeruch, der nicht zu verachten ist.

– Ausgezeichnet! ich würde mich bis an’s Ende meiner Tage von Antilopenfleisch nähren können, stimmte Joe mit vollem Munde bei. Besonders wenn noch ein Gläschen Grog dabei wäre, um die Verdauung zu befördern.

Joe bereitete das erwähnte Getränk, das mit Andacht abgeschmeckt und genossen wurde.

– Bis jetzt geht es uns wirklich ganz vortrefflich, sagte er.

– Excellent, versetzte Kennedy.

– Sehen Sie wohl, Herr Dick? Bedauern Sie noch, daß Sie uns begleitet haben?

»Ich hätte den sehen wollen, der mich daran zu hindern versucht hätte,« antwortete der Jäger mit entschlossener Miene.

Es war vier Uhr Nachmittags; der Victoria kam jetzt in einen schnellern Luftstrom, der Boden begann zuerst unmerklich bergiger zu werden, und bald zeigte die Barometersäule eine Höhe von 1,500 Fuß über dem Meeresspiegel an. Der Doctor war genöthigt, sein Luftschiff durch eine ziemlich starke Ausdehnung des Gases zu unterstützen, und das Knallgasgebläse arbeitete unaufhörlich.

Gegen sieben Uhr schwebte der Victoria über dem Becken von Kanyenye; der Doctor erkannte sofort diese etwa zehn Meilen große Strecke urbar gemachten Landes, mit ihren in Baobabs und Kürbißbäumen versteckten Dörfern. Dies ist die Residenz von einem der Sultane des Ugogoland’s, in welchem die Civilisation vielleicht weniger zurück ist: man verkauft dort nämlich seltener seine Familienmitglieder, aber Thiere und Menschen leben auch dort friedlich zusammen in ihren runden, ohne Gebälk errichteten Hütten, die von ferne Heuschobern nicht unähnlich sehen.

Nachdem Kanyenye passiert war, wurde das Terrain dürr und steinig; aber nach einer Stunde etwa, als sie in einiger Entfernung von Mdaburu über eine fruchtbare Niederung kamen, zeigte die Vegetation wieder ihre volle Üppigkeit. Mit dem Ende des Tages legte sich der Wind, und die Luft schien gleichsam einzuschlafen. Der Doctor suchte vergebens in verschiedenen Luftschichten nach einer frischen Brise, und als er sich von der tiefen Ruhe der Natur überzeugt hatte, beschloß er, die Nacht hoch oben im Äther zu verleben, und ließ seinen Ballon der Sicherheit halber noch etwa tausend Fuß steigen. Der Victoria verblieb vollständig unbeweglich, und ringsumher herrschte die köstliche, Sternen durchleuchtete Nacht und tiefes Schweigen.

Dick und Joe streckten sich friedlich auf ihr Lager und schliefen den Schlaf des Gerechten, während der Doctor wachte. Um Mitternacht erhob sich der Schotte, um Samuel Fergusson abzulösen.

»Wenn der geringste Zufall sich ereignen sollte, so wecke mich, hatte der Doctor zu seinem Freunde Dick gesagt, und verliere vor Allem nicht das Barometer aus dem Auge. Du weißt, daß es jetzt unser Compaß ist!«

Die Nacht war ungefähr 27 Grade (14° Cels.) kälter, als die Tagestemperatur gewesen war, und mit der Dunkelheit hatte sich zugleich das nächtliche Concert der wilden Thiere eingestellt, welche Durst und Hunger aus ihren Schlupfwinkeln hervorgetrieben hatten. Die Frösche ließen ihre hellen Stimmen im Duett mit dem Heulen des Schakals erschallen, während der tiefe Baß der Löwen die Accorde dieses lebendigen Orchesters begleitete.

Als der Doctor Fergusson am andern Morgen seinen Platz wieder einnahm und seinen Compaß zu Rathe zog, bemerkte er, daß die Richtung des Windes während der Nacht stark gewechselt hatte. Der Victoria war seit etwa zwei Stunden um dreißig Meilen nach Nordosten abgewichen: er schwebte jetzt über Mabunguru, einem Lande, das von Steinen und glänzenden Syenitblöcken förmlich überschüttet und von abschüssigen, oben spitz zulaufenden Felsen durchzogen ist; kegelförmige, den Felsen von Karnak ähnliche Massen starrten, wie ebenso viel Druidensteine, aus dem Boden hervor; zahllose Gebeine von Büffeln und Elephanten bleichten hie und da in der Sonne; auch zeigten sich im Osten tiefe Wälder, in denen ab und zu ein Dorf verborgen lag.

Gegen sieben Uhr erschien ein runder Fels von beinahe zwei Meilen im Umfange, und wie eine ungeheure Schildkröte geformt.

»Wir sind auf gutem Wege, sagte der Doctor Fergusson, dort liegt Dschihue-La-Mkoa, wo wir einige Augenblicke Halt machen werden. Ich gedenke, den zur Speisung meines Knallgasgebläses nothwendigen Wasservorrath zu erneuern. Versuchen wir, unsern Ballon irgendwo anzuhaken.«

»Es sind hier wenige Bäume«, bemerkte der Jäger.

»Wir wollen trotzdem einen Versuch machen; Joe, wirf die Anker aus.«

Der Ballon, welcher allmälig von seiner emportreibenden Kraft verloren hatte, näherte sich dem Boden. Die Anker streiften die Erdoberfläche, die Schaufel eines derselben verwickelte sich in eine Felsspalte, und der Victoria war gefesselt.

Man darf nicht etwa glauben, daß der Doctor sein Knallgasgebläse während der Haltezeiten gänzlich in Inactivität setzen konnte. Das Gleichgewicht des Ballons war nach dem Meeresspiegel berechnet worden; wenn nun aber das Land stieg und eine Höhe von sechs- bis siebenhundert Fuß erreichte, so würde der Ballon ein Streben entwickelt haben, sogar noch unter das Niveau des festen Landes herabzusteigen; man mußte ihm demgemäß mit einer gewissen Ausdehnung des Gases zu Hilfe kommen. Nur in dem Falle, daß der Doctor bei vollständiger Windstille die Gondel hätte auf der Erde ruhen lassen, würde sich das Luftschiff, alsdann um ein beträchtliches Gewicht entlastet, ohne Hilfe des Knallgasgebläses in der Luft gehalten haben.

Die Karten gaben auf dem westlichen Abhange von Dschihue-la-Mkoa große stehende Wasser an. Joe begab sich allein mit einer Tonne dorthin, die ungefähr zehn Gallonen fassen konnte; er fand nicht weit von einem kleinen verlassenen Dorfe ohne Mühe die angegebene Stelle, nahm seinen Wasservorrath ein, und kehrte in weniger als drei Viertelstunden zurück; es war ihm nichts Bemerkenswerthes aufgestoßen, als einige ungeheure Elephantenfallen; beinahe wäre er selbst in eine derselben gerathen, in welcher ein halb zernagter Leichnam moderte.

Er brachte von seiner Excursion eine Art Mispeln mit, von denen er einige Affen begierig hatte fressen sehen. Der Doctor erkannte die Frucht des »Mbenbu«, eines Baumes, der häufig auf der westlichen Seite von Dschihue-la-Mkoa gefunden wird. Fergusson erwartete Joe mit einer gewissen Ungeduld, denn ein, wenn auch nur kurzer Aufenthalt über diesem ungastlichen Lande flößte ihm immer Besorgnisse ein.

Ohne Schwierigkeit wurde das Wasser eingeladen, denn die Gondel hatte sich fast auf den Erdboden herabgelassen: Joe konnte den Anker lichten und stieg gewandt wieder zu seinem Herrn empor. Alsbald belebte dieser von Neuem seine Flamme, und der Victoria segelte weiter auf der Bahn der Lüfte.

Er befand sich noch hundert Meilen von Kaseh, einer bedeutenden Niederlassung im Innern Afrika’s, entfernt, wohin die Reisenden, von einer südöstlichen Luftströmung begünstigt, zu gelangen hofften; sie flogen mit einer Schnelligkeit von vierzehn Meilen (die Stunde) dahin; die Führung des Luftschiffes wurde hiebei ziemlich schwierig, man konnte sich nicht zu hoch erheben, ohne das Gas bedeutend auszudehnen; denn das Land hatte an und für sich schon eine mittlere Höhe von 3,000 Fuß. Nun zog aber der Doctor vor, die Gasanspannung nicht zu sehr zu forciren; er folgte also sehr geschickt den Windungen eines ziemlich steilen Abhanges und glitt nah an den Dörfen Thembo und Tura-Wels vorüber. Dieses letztere gehört zu Unyamwesy, einer prächtigen Gegend, in welcher die Bäume die größten Dimensionen erreichen, unter andern die Cactus, die hier zu riesenhafter Höhe emporwachsen.

Gegen zwei Uhr schwebte der Victoria bei einem köstlichen Wetter unter einem glühenden Sonnenschein, welcher den geringsten Luftzug absorbirte, über der 350 Meilen von der Küste gelegenen Stadt Kaseh.

»Wir sind von Zanzibar um neun Uhr Morgens aufgebrochen«, sagte Doctor Fergusson, als er seine Notizen durchsah; »und nach einer zweitägigen Fahrt haben wir auf unsern Umwegen beinahe 500 geographische Meilen durchmessen. Die Kapitäne Burton und Speke brauchten vier und einen halben Monat, um denselben Weg zurückzulegen.«

Fünfzehntes Capitel

Fünfzehntes Capitel

Kaseh. – Der geräuschvolle Markt – Erscheinung des Victoria. – Die Wanganga. – Die Söhne des Mondes. – Spaziergang des Doctors. – Die Bevölkerung. – Das königliche Tembe. – Die Frauen des Sultans. – Eine königliche Trunkenheit. – Joe wird angebetet. – Wie man auf dem Monde tanzt. – Plötzlicher Umschlag. – Zwei Monde am Firmament. – Unbeständigkeit der göttlichen Größe.

Kaseh, ein wichtiger Punkt in Central-Afrika, ist keine Stadt, wie man überhaupt nicht sagen kann, daß es im eigentlichen Sinne des Wortes Städte im Binnenlande giebt. Es ist nur ein Ensemble von sechs großen Grubengebäuden, in welche dann wieder Häuschen und Sclavenhütten eingeschlossen sind, von sorgsam bebauten, kleinen Gärten umgeben; Zwiebeln, Kartoffeln, Eierpflanzen, Kürbisse und vorzügliche Pilze gedeihen dort auf’s Schönste.

Unyamwesy ist das eigentliche Mondland, der fruchtbarste und üppigste Theil von ganz Afrika; in seinem Mittelpunkt befindet sich Unyanembe, eine entzückende Gegend, wo einige Omani-Familien von reinem arabischem Ursprung ihr träges Leben verbringen.

Sie trieben lange im Innern Afrika’s und in Arabien Handel mit Gummi, Elfenbein, indischem Kattun und Sclaven und machten dabei bedeutende Geschäfte. Ihre Karawanen haben wieder und wieder die Äquatorialgegenden durchfurcht und Luxusgegenstände von der Küste für die reich gewordenen Kaufleute besorgt, während diese inmitten ihrer Frauen und Diener in dieser reizenden Gegend die ruhigste und horizontalste Existenz führen, immer auf dem Lager hingestreckt, lachend, rauchend oder schlafend.

Denkt euch um diese Grubengebäude herum zahlreiche Häuschen der Eingeborenen, große Waarenniederlagen, Hanf- und Datura-Felder, schöne Bäume und frisches Laubwerk, und ihr habt ein Bild von Kaseh.

Hier ist der allgemeine Sammelplatz der Karawanen, der von Süden mit ihren Sclaven- und Elfenbeinladungen kommenden, wie derjenigen, die aus dem Westen Baumwolle und Glaswaaren den Stämmen der großen Binnenseen zuführen.

So herrschte denn auch auf den Märkten beständige Bewegung, ein namenloses Getöse, in dem sich das Geschrei der Mestizenträger, der Schall der Trommeln und Hörner, das Wiehern der Maulthiere, das Schreien der Esel, der Gesang der Frauen, das Kindergekreisch und Schläge mit dem Rotang (spanischem Rohr) des Dschemadar mischen: der Letztere schlug den Tact zu dieser ländlichen Symphonie.

Hier werden ohne Ordnung und sogar in reizender Unordnung grellfarbige Stoffe, Glasperlen, Elfenbein, Rhinoceros- und Haifischzähne, Honig, Tabak und Baumwolle ausgebreitet und die seltsamsten Käufe abgeschlossen, bei denen ein jeder Gegenstand nur nach den Wünschen, die er weckt, Werth hat.

Plötzlich legte sich diese Geschäftigkeit, diese Bewegung, dieses Geräusch mit einem Schlage. Der Victoria war in den Lüften erschienen; er schwebte majestätisch und senkte sich allmälig, ohne von der lothrechten Linie abzuweichen. Männer, Frauen, Kinder, Sklaven, Kaufleute, Araber und Neger, alles verschwand und glitt in die »Tembes« und Hütten.

»Mein lieber Samuel«, meinte Kennedy, »wenn wir fortfahren, diese Wirkung bei den Leuten hervorzubringen, so werden wir Mühe haben, Handelsverbindungen mit ihnen anzuknüpfen.«

»Es ließe sich jedoch«, sagte Joe, »ein Handelsgeschäft mit großer Einfachheit abschließen. Man müßte ruhig hinabsteigen und die werthvollsten Waaren mitfortnehmen, ohne sich um die Kaufleute zu bekümmern. Man könnte dabei reich werden.«

»Allerdings«, versetzte der Doctor, »haben die Eingebornen sich im ersten Augenblick gefürchtet; Aberglauben oder Neugier werden sie jedoch bald wieder herbeiführen.«

»Glauben Sie, Herr?«

»Wir werden das bald sehen; aber es wird gerathen sein, ihnen nicht allzu nahe zu kommen, der Victoria ist weder ein gepanzerter noch geharnischter Ballon; er ist also weder gegen eine Kugel noch gegen einen Pfeil gedeckt.«

»Gedenkst Du denn, mein lieber Samuel, in Unterhandlung mit diesen Afrikanern zu treten?«

»Wenn es sich so macht, warum nicht?« antwortete der Doctor, »es müssen sich in Kaseh gebildete, weniger wilde Kaufleute finden. Ich erinnere mich, daß die Herren Burton und Speke die Gastlichkeit der Einwohner dieser Stadt nur rühmen konnten. So können wir das Abenteuer wohl versuchen.«

Der Victoria hatte sich inzwischen der Erde genähert und einen seiner Anker an dem Wipfel eines Baumes nahe am Marktplatze eingehakt.

Die ganze Bevölkerung kroch in diesem Augenblick wieder aus ihren Löchern; zuerst kamen die Köpfe ängstlich um sich schauend hervor. Mehrere »Wanganga«, an Insignien von kegelförmigen Muscheln kenntlich, rückten kühner vor; es waren dies die Zauberer des Ortes: sie trugen an ihren Gürteln kleine, schwarze, mit Fett überzogene Kürbißflaschen und verschiedene, zu ihrer Zauberei nothwendige Gegenstände, die sich übrigens durch eine ganz doctorale Unsauberkeit auszeichneten.

Nach und nach begab sich die Menge in ihre Nähe, die Frauen und Kinder umringten sie, die Trommler wetteiferten mit einander im Lärm, man schlug die Hände zusammen und streckte sie zum Himmel empor.

»Das ist ihre Manier zu beten«, sagte der Doctor Fergusson; »wenn ich mich nicht sehr täusche, sind wir berufen, hier eine große Rolle zu spielen.«

»Nun gut, Herr, spielen Sie sie doch!«

»Du selbst, mein braver Junge, wirst vielleicht als ein Gott angebetet werden.«

»Nun, Herr das sollte mich nicht sehr beunruhigen; Weihrauch ist mir nicht unangenehm.«

In diesem Augenblick machte einer der Zauberer, ein »Myanga«, eine Bewegung, und das Geschrei verwandelte sich sofort in ein tiefes Schweigen. Darauf richtete er etliche Worte in unbekannter Sprache an die Reisenden. Der Doctor, der ihn nicht verstanden hatte, rief einige arabische Worte hinunter, und man antwortete ihm sofort in derselben Sprache. Der Redner erging sich in einer schwülstigen, sehr blühenden Anrede, welche mit der größten Aufmerksamkeit angehört wurde, und der Doctor erkannte bald, daß der Victoria als der Mond in eigner Person betrachtet wurde, und daß man annahm, die liebenswürdige Mondgöttin habe sich dazu herabgelassen, sammt ihren drei Söhnen der Stadt einen Besuch abzustatten und ihr hiemit eine Ehre zu erweisen, die niemals von dieser sonnengeliebten Erde vergessen werden würde.

Der Doctor erwiderte mit vieler Würde, daß Göttin Luna alle tausend Jahre ihren Rundgang halte, um sich von Angesicht zu Angesicht ihren Verehrern zu nähern. Er forderte das Volk auf, von ihrer göttlichen Gegenwart Gebrauch zu machen und seine Wünsche und Bedürfnisse vorzutragen.

Er erhielt zur Antwort, daß der Sultan »Mwani« seit langen Jahren krank liege und den Himmel anflehe, ihm zu helfen. Der Zauberer lud deshalb die Söhne der Luna ein, sich zu ihm zu bemühen.

Fergusson theilte seinen Gefährten die erhaltene Einladung mit.

»Und Du willst Dich wirklich zu diesem Negerkönig begeben?« sagte der Jäger.

»Allerdings; diese Leute scheinen mir sehr günstig für uns gestimmt; die Atmosphäre ist ruhig, kein Lüftchen regt sich; wir haben also für den Victoria nichts zu fürchten.«

»Aber was wirst Du thun?«

»Sei ganz ruhig, lieber Dick; mit einigen kleinen Arzneimitteln werde ich mich schon herauszuziehen wissen.«

Dann wandte er sich an die Menge und sprach etwa Folgendes:

»Luna will sich des, den Kindern von Unyamwesy so theuren Herrschers erbarmen, und hat uns die Sorge für seine Heilung anvertraut. Er schicke sich an, uns zu empfangen!«

Das Geschrei, die Gesänge und Demonstrationen verdoppelten sich, und der ganze, große Ameisenhaufen schwarzer Köpfe setzte sich in Bewegung.

»Jetzt, meine Freunde«, sagte Doctor Fergusson, »müssen wir Alles mit Vorsicht anordnen; wir können unter Umständen zu einer sehr schnellen Abreise gezwungen werden. Dick wird in der Gondel bleiben und vermittelst des Knallgasgebläses eine hinreichende, emportreibende Kraft unterhalten. Der Anker ist solide befestigt, es ist also nichts zu fürchten. Ich will auf die Erde herabsteigen und Joe kann mich begleiten, aber am Fuß der Leiter zurückbleiben.«

»Wie, Du willst Dich allein in die Höhle dieses Mohren wagen?«

»Herr Samuel!« rief Joe, »Sie wollen nicht, daß ich Ihnen zur Seite bleibe?«

»Nein, ich werde allein gehen; diese guten Leute bilden sich ein, daß ihre große Göttin Luna herabgekommen sei, um ihnen einen Besuch zu machen, ich werde durch ihren Aberglauben geschützt. Habt also keine Furcht, und bleibe ein Jeder auf dem ihm angewiesenen Posten.«

»Nun, wie Du willst«, antwortete der Jäger.

»Achte auf die Spannung des Gases.«

»Sei unbesorgt.«

Das Geschrei der Eingeborenen nahm mehr und mehr zu; sie verlangten immer energischer das Einschreiten des Himmels.

»Seht doch einmal!« meinte Joe. »Ich finde, daß sie gegen ihre gute Luna und deren göttliche Söhne etwas zu gebieterisch auftreten.«

Der Doctor stieg, mit seiner Reise-Apotheke versehen, zur Erde herab, Joe ihm voran. Dieser setzte sich, ernst und würdig, wie es sich geziemte, an den Fuß der Leiter, schlug dabei nach arabischer Sitte die Beine übereinander, und ein Theil der Menge schloß um ihn einen ehrfurchtsvollen Kreis. Während dessen rückte der Doctor Fergusson unter dem Schall der Instrumente, von religiösen Waffentänzen geleitet, langsam nach dem »Königlichen Tembe« vor, das ziemlich weit außerhalb der Stadt lag; es war etwa drei Uhr, und die Sonne leuchtete so hell, als wolle sie auch, so viel an ihr lag, zur Verherrlichung der Söhne Luna’s beitragen.

Samuel Fergusson schritt mit Würde einher; die »Wanganga« umringten ihn und hielten die Menge zurück. Bald schloß sich ihm auch der natürliche Sohn des Sultans an, ein junger, ziemlich gut aussehender Bursche, welcher nach dem Brauch des Landes der einzige Erbe der väterlichen Güter, unter Ausschluß der legitimen Kinder war. Er warf sich vor dem Sohne der Luna zur Erde, dieser jedoch winkte ihm mit anmuthvoller Geberde, sich zu erheben.

Drei Viertelstunden später gelangte die begeisterte Procession auf schattigen Pfaden, inmitten der vollen Ueppigkeit einer tropischen Vegetation, zu dem Palast des Sultans, einem viereckigen Gebäude, das den Namen Ititenga führte, und an der Abdachung eines Hügels lag. Eine Art Veranda ging von dem Dach der Hütte aus, und stützte sich auf Holzpfähle, die darauf Anspruch machten, behauen zu sein. Lange Reihen von röthlichen Thongefäßen schmückten die Wände und suchten Menschen- und Schlangengestalten zu reproduciren; natürlich waren Erstere weniger gut gelungen, als die Letzteren. Das Dach dieser Wohnung ruhte nicht unmittelbar auf den Mauern, so daß die Luft frei darin circuliren konnte. Sonst waren wenige oder gar keine Oeffnungen gelassen; es gab keine Fenster, und kaum eine Thür.

Der Doctor Fergusson wurde mit vielen Ehrenbezeugungen von der Leibwache und den Günstlingen aufgenommen: Menschen schöner Race, vom Stamm der Wanyamwesy, der reine Typus der Volksstämme Central-Afrika’s, stark und kräftig, wohlgestaltet und gesunden Aussehens.

Ihr in eine Unmasse kleiner Flechten getheiltes Haar fiel auf die Schultern herab; durch schwarze oder blaue Einschnitte gaben sie ihren Wangen von den Schläfen bis zum Munde zebraartige Streifen. In ihre widerwärtig auseinander gezerrten Ohren waren hölzerne Scheiben und Platten von Copalgummi eingefügt; sie trugen Kleider von bunt bemalter Leinwand; die Soldaten waren bewaffnet mit der Sagaje, dem Bogen, mit Pfeilen, die mit Widerhaken versehen und mit dem Safte der Wolfsmilch vergiftet waren, mit dem Hieber, und dem »Sime«, einem langen Säbel mit Sägezähnen, und endlich noch mit kleinen Streitäxten.

Der Doctor begab sich in das Innere des Palastes. Trotz der Krankheit des Sultans nahm der schon so schreckliche Lärm bei der Ankunft des Zuges noch bedeutend zu. Fergusson bemerkte an dem Thürverschluß Hasenschwänze und Zebramähnen, welche als Talisman aufgehängt waren. Die Frauenschaar seiner Majestät empfing ihn unter den harmonischen Accorden des »Upatu«, einer Art Pauke, die aus dem Boden eines kupfernen Topfes gemacht war, und unter dem Dröhnen des »Kilindo«, einer aus einem hohlen Baumstamm fabricirten Trommel von fünf Fuß Höhe, an der sich zwei Virtuosen mit kräftigen Faustschlägen abarbeiteten. Die meisten der Frauen schienen sehr hübsch und rauchten unter vielem Lachen Tabak und Tang aus großen schwarzen Pfeifen; sie sahen in ihren langen, graziös drapierten Gewändern nicht übel aus und trugen den »Kilt« aus Kürbissfasern um ihren Gürtel befestigt.

Sechs von ihnen, die von den Uebrigen abgesondert einer grausamen Todesstrafe harrten, waren durchaus nicht die wenigst Heiteren der Bande. Beim Tode des Sultans sollten sie lebendig mit ihm beerdigt werden, um ihn während der ewigen Einsamkeit zu zerstreuen.

Nachdem Doktor Fergusson das ganze Innere des Gebäudes mit einem schnellen Blick überschaut hatte, trat er an das hölzerne Bett des Herrschers. Er sah in ihm einen Mann von etwa vierzig Jahren, dessen Gesundheit Orgien aller Art gänzlich zerrüttet hatten, sodass keine Hilfe für ihn mehr möglich war. Seine Krankheit, die bereits lange Jahre währte, bestand in einer permanenten Trunkenheit. Der königliche Säufer hatte beinahe ganz das Bewusstsein verloren und alles Ammoniak der Welt hätte ihn nicht wieder auf die Beine gebracht.

Günstlinge und Weiber beugten ihre Knie während dieses feierlichen Besuches. Mit einigen Tropfen eines starken Mittels gelang es dem Doctor, den abgestumpften Körper für einige Minuten zu beleben; der Sultan machte eine Bewegung und für einen Leichnam, der seit Stunden kein Lebenszeichen von sich gegeben hatte, wurde dieses Symptom als ein sehr glückliches betrachtet und mit einem Jubelgeschrei zu Ehren des Arztes aufgenommen.

Dieser, der vollständig genug von der Szene hatte, entfernte seine unbequem stürmischen Anbeter mit einer raschen Bewegung, verließ den Palast, und lenkte seine Schritte auf den Victoria zu. Es war mittlerweile sechs Uhr geworden.

Joe wartete während Fergusson’s Abwesenheit ruhig an der Leiter; die Menge erwies ihm die größten Ehrfurchtsbezeugungen, und er ließ sie, als echter Sohn der Luna, gewähren. Für eine Gottheit schaute er recht gemüthlich drein; auch verschmähte er es nicht, sich auf die liebenswürdigste Weise mit den jungen Afrikanerinnen zu unterhalten, die ihrerseits nicht müde wurden, ihn zu betrachten.

»Verehren Sie mich immerhin, meine Damen, sagte er, ich bin, obgleich ein Sohn der Göttin, doch ein guter Teufel.«

Man bot ihm Gaben an, die in den »Mzimu«, (Fetischhütten) niedergelegt zu werden pflegten. Es waren dies Gerstenähren und »Pombe«.

Joe glaubte sich verpflichtet von Letzterem, einer Art sehr starken Bieres, zu kosten, aber seine Kehle konnte es, trotzdem sie gegen Branntwein und Whisky ziemlich abgehärtet war, nicht vertragen. Er schnitt eine furchtbare Grimasse, die indessen von seiner Umgebung als ein huldvolles Lächeln gedeutet wurde.

Sodann vereinigten die jungen Mädchen ihre Stimmen zu einem schleppenden Gesang, und begannen rings um Joe einen Tanz auszuführen.

»Ach so, ihr könnt auch tanzen, sagte er leutselig; nun, was das betrifft, stehe ich euch nicht nach; ich will euch einen Tanz vormachen, der bei uns auf dem Monde getanzt wird.«

Und er begann ausgelassen zu tanzen, drehte und wand sich, wiegte sich hin und her, tanzte mit Füßen, Knieen und Händen, erging sich in den unglaublichsten Stellungen und schnitt dazu die unmöglichsten Gesichter: so gab er der Bevölkerung einen wunderbaren Begriff von der Art und Weise, wie die Götter auf dem Monde tanzen. Bald begannen die Afrikaner, welche ein Nachahmungstalent wie die Affen besaßen, seine Luftsprünge, sein Schütteln und alle seine Bewegungen nachzumachen. Es entging ihnen nicht der geringste Wink; sie wußten jede Haltung auf’s Allergenaueste wiederzugeben. Es entstand ein Tohuwabohu, eine Rührigkeit, ein Hinundherspringen, von dem es uns schwer fallen würde, einen, wenn auch nur schwachen Begriff zu geben. Als das Fest im schönsten Gange war, bemerkte Joe den Doctor, der in größter Eile inmitten einer heulenden, ungeordneten Menge zurückkam. Häuptlinge und Zauberer erschienen sehr aufgeregt; man umringte Fergusson, man umdrängte und bedrohte ihn.

Sonderbarer Umschlag des Schicksals! was hatte sich ereignet? War der Sultan unglücklicher Weise unter den Händen seines himmlischen Arztes verblichen?

Kennedy gewahrte von seinem Posten aus die Gefahr, ohne die Ursache derselben zu begreifen. Der Ballon, stark durch die Ausdehnung des Gases geschwellt, zog den Strick, der ihn zurückhielt, straff an und zeigte große Ungeduld, sich in die Luft zu schwingen.

Der Doctor war jetzt an der Leiter angekommen. Noch hielt eine abergläubische Furcht die Menge zurück und hinderte sie, zu Gewaltthätigkeiten gegen seine Person überzugehen. Er kletterte rasch an den Sprossen empor, und Joe folgte ihm behende.

»Wir haben keinen Augenblick Zeit zu verlieren«, raunte ihm sein Herr zu; »versuche nicht, den Anker loszuhaken! wir werden den Strick durchschneiden! folge mir!«

»Was in aller Welt ist denn geschehen?« fragte Joe, als er in die Gondel stieg.

»Was giebt’s?« rief auch Kennedy, seinen Carabiner zur Hand nehmend.

»Seht dorthin!« antwortete der Doctor und wies auf den Horizont.

»Nun?« fragte der Jäger.

»Nun? der Mond!«

Der Mond erhob sich in der That roth und glänzend, wie eine Feuerkugel auf azurnem Grunde, am Firmament; er war es, er und der Victoria! entweder gab es also zwei Monde, oder die Fremden waren nur Betrüger, Intriguanten, falsche Götter!

Dies die natürlichen Überlegungen der Menge, daher der plötzliche Umschlag.

Joe konnte ein lautes Gelächter nicht zurückhalten. Die Bevölkerung von Kaseh, welche jetzt begriff, daß ihre Beute sich anschickte zu entschlüpfen, stieß ein langgezogenes Geheul aus; man richtete Bogen und Musketen auf den Ballon.

Aber auf ein Zeichen von einem der Zauberer senkten sich die Waffen, derselbe kletterte auf den Baum mit der Absicht, das Ankertau zu ergreifen und die Maschine zur Erde herabzuziehen.

Joe wollte mit einer Streitaxt in der Hand auf ihn zustürzen.

»Soll ich das Tau durchhauen?« rief er.

»Warte!« war die einzige Antwort des Doctors.

»Aber der Neger? …«

»Wir können vielleicht unsern Anker noch retten; es liegt mir viel daran. Zum Durchhauen ist es immer noch Zeit.«

Der Zauberer hatte den Baum erstiegen und es durch Zerbrechen der Zweige dahin gebracht, daß der Anker sich löste; von dem Luftschiff heftig angezogen, packte er den Zauberer, der rittlings auf den Ankerarmen saß, und entführte ihn in die Lüfte.

Das Staunen der Menge, als sie einen ihrer Wanganga auf diese Weise im Weltenraum verschwinden sah, war maßlos.

»Hurrah«, rief Joe, während der Victoria, von einer bedeutenden Steigungskraft gehoben, mit großer Geschwindigkeit emporstieg.

»Er hält sich gut!« meinte Kennedy; »eine kleine Reise in frischer Luft wird ihm gewiß vorzüglich bekommen.«

»Sollen wir nicht den Mohren mit einem Schlage losmachen?« fragte Joe.

»Pfui!« versetzte der Doctor, »wir werden ihn gemächlich wieder zu Boden setzen und ich zweifle nicht, daß dieser Vorfall nur dazu beitragen wird, seinen Ruf als Magiker unter dem Volke zu erhöhen.«

»Sie sind im Stande, ihn von jetzt an als einen Gott zu verehren,« rief Joe.

Der Victoria war auf eine Höhe von etwa tausend Fuß gelangt; der Neger klammerte sich in Todesangst mit furchtbarer Energie an das Ankertau. Er schwieg, seine Augen waren starr geworden, und sein Schrecken mischte sich mit Erstaunen. Ein leichter Westwind trieb den Ballon über die Stadt hinaus.

Eine halbe Stunde später, als der Doctor sah, daß das Terrain menschenleer war, mäßigte er die Flamme des Knallgasgebläses, und näherte sich wieder der Erde. Als sie noch etwa zwanzig Fuß vom Boden entfernt waren, faßte der Neger einen schnellen Entschluß; er sprang herunter, fiel wie eine Katze auf seine Beine, und lief in eiliger Flucht in der Richtung nach Kaseh zu, während der Victoria, plötzlich entlastet, wieder in die Lüfte stieg.

Drittes Capitel


Drittes Capitel

Man richtet sich ein.

Nach dieser merkwürdigen, aber gewiß richtigen Erklärung versanken die drei Freunde wieder in tiefen Schlummer. Wo hätten sie auch einen stilleren Ort, eine friedlichere Umgebung finden können? Auf der Erde haben die Häuser in den Städten, die Hütten auf dem Lande alle Erschütterungen zu empfinden, welche die Oberfläche derselben treffen. Auf dem Meere hat das von den Wogen umher geschaukelte Schiff nur Stoß auf Stoß zu dulden. In der Luft schwankt der Ballon unablässig auf den Luftschichten. Nur dies Projectil im absolut leeren Raum bot seinen Bewohnern in absoluter Stille die absolute Ruhe dar.

Daher würde auch der Schlaf der drei wagehalsigen Reisenden vielleicht unendlich lange gedauert haben, wären sie nicht acht Stunden nach ihrer Abfahrt, gegen sieben Uhr am 2. December, durch ein unerwartetes Geräusch geweckt worden.

Ein ganz eigenthümliches Bellen ließ sich vernehmen. »Die Hunde! Das sind unsere Hunde!« rief Michel Ardan, und sprang unverzüglich auf.

– Sie haben Hunger, sagte Nicholl.

– Wahrhaftig! wir haben sie vergessen! versetzte Michel.

– Wo sind sie? fragte Barbicane.

Man suchte, und fand das eine der Thiere unter dem Divan kauernd. Verstört, vernichtet von dem Stoß war es bis zu dem Moment, da mit der Pein des Hungers die Stimme ihm wiederkehrte, in diesem Winkel geblieben.

Es war die liebenswürdige Diana. Ziemlich verdutzt noch kroch sie aus ihrem Winkel hervor, nicht ohne sich bitten zu lassen. Doch Michel Ardan sprach ihr mit zärtlichen Worten zu.

»Komm, Diana«, sagte er, »komm‘, mein Kind! Dein Geschick wird in den Annalen der Hundezüchtung Epoche machen! Die Heiden hätten Dich dem Gott Anubis zur Lebensgefährtin gegeben, und die Christen dem heiligen Rochus zur Freundin! Du verdienst von dem König der Unterwelt in Erz getrieben zu werden, wie jener, den Jupiter der schönen Europa für einen Kuß hingab! Du wirst berühmter werden, als die Helden zu Montargis und auf dem St. Bernhard! In die Weltenräume geschleudert wirst Du vielleicht zur Stammmutter der Selenitenhunde! Dort oben wirst Du vielleicht Toussenel’s Ausspruch rechtfertigen: ›Im Anfang schuf Gott den Menschen, und da er ihn so schwach sah, gab er ihm zum Gefährten den Hund!‹ Komm, Diana, komm her!«

Diana, geschmeichelt oder auch nicht, kam gemach herbei und jammerte kläglich.

»Gut!« sagte Barbicane, »hier ist Eva, aber wo ist Adam?«

– Adam! erwiderte Michel, Adam kann nicht weit sein! Irgendwo ist er! Man muß rufen! Trabant! hier! Trabant!

Aber Trabant kam nicht zum Vorschein. Diana fuhr fort zu jammern. Man überzeugte sich jedoch, daß sie nicht verwundet war, und gab ihr zur Stillung ihrer Klagen einen leckeren Brocken.

Trabant schien gar nicht mehr vorhanden. Man mußte lange suchen, bis man ihn endlich in einem der oberen Gefächer des Projectils fand, wohin der Gegenstoß in kaum erklärlicher Weise ihn gewaltsam geschleudert hatte. Das arme Thier, arg beschädigt, befand sich in jämmerlichem Zustand.

Man hob ihn behutsam herunter. Es war ihm an der Decke der Kopf zerschlagen, und er schien schwerlich davon zu kommen. Doch ließ man ihn sich bequem auf einem Kissen strecken, und da ließ er einen Seufzer hören.

»Wir pflegen Dich«, sagte Michel. »Wir sind für Dein Leben verantwortlich. Ich würde lieber einen Arm verlieren, als eine Pfote meines armen Trabanten!«

Mit diesen Worten reichte er dem Patienten einige Schluck Wasser, welches er gierig schlürfte.

Hierauf beobachteten die Reisenden achtsam die Erde und den Mond. Die Erde zeigte sich nur noch als düster beleuchtete Scheibe mit einer noch schmäleren Sichel am Rande, wie Abends zuvor; doch war ihre Größe noch enorm in Vergleichung mit der des Mondes, der mehr und mehr in vollständiger Kreisform erschien.

»Wahrhaftig!« sagte Michel Ardan, »es thut mir ernstlich leid, daß wir nicht abfuhren, als die Erde in vollem Licht war, d.h. als sie in Opposition zur Sonne stand.«

– Weshalb? fragte Nicholl.

– Weil wir unser Festland und Meere in neuer Beleuchtung gesehen hätten, diese im Glanz der darauf fallenden Sonnenstrahlen, jene düsterer, so wie man sie auf manchen Landkarten darstellt! Ich hätte die Erdpole sehen mögen, wohin des Menschen Blicke noch nicht zu dringen vermochten!

– Allerdings, erwiderte Barbicane, allein war die Erde in vollem Licht, so mußte es Neumond sein, d.h. der Mond in der Umstrahlung von der Sonne nicht sichtbar. Nun ist’s aber doch besser, das Ziel, wohin wir gelangen wollen, in’s Auge zu fassen, als den Punkt, wovon wir ausgingen.

– Sie haben Recht, Barbicane, erwiderte der Kapitän Nicholl, und übrigens, wenn wir auf dem Mond angelangt sind, werden wir in den langen Mondnächten noch Zeit genug haben, gemächlich die Kugel zu besehen, worauf unseres Gleichen wimmeln!

– Unseres Gleichen! rief Michel Ardan, aber jetzt sind sie das nicht mehr, so wenig wie die Seleniten. Wir bewohnen eine neue Welt, das Projectil, dessen einzige Bevölkerung wir ausmachen. Wir Drei sind allein unseres Gleichen; draußen, droben keine Menschen weiter. Wir allein bewohnen diesen Mikrokosmus, bis wir Seleniten werden!

– In achtundachtzig Stunden etwa, versetzte der Kapitän.

– Das heißt? … fragte Michel Ardan.

– Es ist jetzt halb neun Uhr, erwiderte Nicholl.

– Nun, fuhr Michel fort, so sehe ich durchaus keinen Grund, weshalb wir nicht unverzüglich frühstücken.

In der That, ohne zu essen, konnten die Bewohner des neuen Gestirns nicht leben, und die Gesetze des Hungers machten sich damals gebieterisch geltend. Michel Ardan als Franzose erklärte sich als Küchenmeister, und Niemand konnte in dieser Stelle mit ihm wetteifern. Das Gas gab den hinreichenden Grad Hitze für die Zubereitung, und das Vorrathsbehälter lieferte den Stoff zur ersten Mahlzeit.

Das Frühstück begann mit drei Tassen vortrefflicher Bouillon, welche durch Auflösung jenes köstlichen Liebig’schen Fleischextracts gewonnen wurde, der aus den besten Stücken des Rindviehs der Pampas bereitet wird. Hierauf folgten einige Schnitten mit hydraulischer Presse comprimirten Beefsteaks, so zart und saftig, wie man sie im Café anglais zu Paris bekommt. Michel Ardan versicherte sogar, seiner Phantasie gemäß, sie seien »blutig«. Auf das Fleischgericht folgte conservirtes Gemüse, das, wie ebenfalls der liebenswürdige Michel versicherte, »frischer als das natürliche« war, und dann gab’s noch einige Tassen Thee mit amerikanischen Butterbemmen. Dies ausgesuchte Getränk war ein Aufguß auf Blätter ersten Ranges, welche der Kaiser von Rußland den Reisenden hatte zukommen lassen.

Endlich, das Mahl zu krönen, holte Ardan eine seine Flasche Nuits herbei, die sich »zufällig« im Vorrathsfach fand; und die drei Freunde leerten sie auf die Verbindung der Erde mit ihrem Trabanten.

Und als begnüge sich die Sonne nicht, das köstliche Product auf den Burgunder Rebhügeln destillirt zu haben, wollte sie auch Gesellschaft leisten. In diesem Augenblick verließ das Projectil den Bereich des Schattenkegels, welchen der Erdball wirst, und glänzende Strahlen fielen gerade auf den Boden des Geschosses in Gemäßheit des Winkels, welchen die Mondbahn mit der der Erde macht.

»Die Sonne!« rief Michel Ardan.

– Allerdings, erwiderte Barbicane. So dacht‘ ich mir’s.

– Doch erstreckt sich nicht, sagte Michel, der Schattenkegel hinter der Erde noch über den Mond hinaus?

– Weit darüber hinaus, wenn man die Brechung in der Atmosphäre nicht in Anschlag bringt. Wann aber der Mond ganz von diesem Schatten umhüllt ist, dann befinden sich die Centren der drei Gestirne, Sonne, Erde und Mond, in einer geraden Linie. Dann treffen die Knoten mit den Phasen des Vollmonds zusammen, und es entsteht eine Verfinsterung. Wären wir im Moment einer Mondfinsterniß abgefahren, so wäre unsere ganze Fahrt im Dunkel vorgegangen, was unangenehm gewesen wäre.

– Weshalb?

Weil, obwohl wir im leeren Raum uns bewegen, unser Projectil, in der Mitte von Sonnenstrahlen getroffen, Licht und Wärme von ihr erhalten wird, so daß man also Gas spart, eine in jeder Hinsicht kostbare Sparsamkeit.

In der That, durch die Einwirkung dieser Strahlen, deren Wärmegrad und Glanz nicht durch eine Atmosphäre gemildert war, wurde das Projectil sowohl erleuchtet, als erwärmt, als wäre es plötzlich aus dem Winter in den Sommer übergegangen. Von oben der Mond, von unten die Sonne spendeten ihm Licht und Wärme.

»Man kann sich hier wohl befinden«, sagte Nicholl.

– Das glaub‘ ich gerne! rief Michel Ardan. Hätten wir ein wenig fruchtbaren Erdgrund auf unserem Aluminplaneten, so könnten wir binnen vierundzwanzig Stunden Erbsen zum Wachsen bringen. Ich habe nur die eine Besorgniß, es möchten die Wände unserer Kugel schmelzen!

– Beruhige Dich, würdiger Freund, erwiderte Barbicane. Das Projectil hatte, während es durch die atmosphärischen Luftschichten glitt, eine weit höhere Temperatur auszustehen. Ich wäre nicht einmal erstaunt, wenn es in den Augen der Floridaner als wie ein feuriger Bolide erschienen wäre.

– Aber dann müßte J.T. Maston meinen, wir seien gebraten.

– Daß wir’s nicht wurden, erwiderte Barbicane, nimmt mich Wunder. Diese Gefahr hatten wir nicht vorausgesehen.

– Ich habe die Befürchtung gehabt, sagte Nicholl.

– Und hast uns nichts davon gesagt, hochherziger Kapitän! rief Michel Ardan, und drückte seinem Gefährten die Hand.

Indessen verfuhr Barbicane bei seiner Einrichtung im Projectil, als sollte er’s nimmer verlassen.

Wir erinnern uns, daß dieser Luftwaggon einen Fußboden von vierundfünfzig Quadratfuß hatte und bis zur Spitze der gewölbten Decke zwölf Fuß hoch war; bei geschickter Benutzung des Raums, ohne Ueberladung mit Instrumenten und Reisegeräthen, welche sämmtlich ihre besondere Stelle hatten, blieb den drei Bewohnern noch eine gewisse Freiheit der Bewegung. Das dicke Glasfenster, welches in einen Theil des Bodens eingelassen war, konnte ein beträchtliches Gewicht tragen, so daß Barbicane und seine Gefährten auf demselben wie auf festem Zimmerboden herum spazierten; aber die Sonne, welche ihre Strahlen direct darauf warf und das Innere des Projectils von unten beleuchtete, veranlaßte eigenthümliche Lichteffecte.

Man begann damit, den Zustand der Behälter für Wasser und Lebensmittel in Augenschein zu nehmen. Dieselben hatten in Folge der gegen den Stoß getroffenen Vorkehrungen durchaus nicht gelitten. Lebensmittel waren reichlich für ein volles Jahr vorhanden. Barbicane wollte sich für den Fall vorsehen, daß das Projectil an einem durchaus unfruchtbaren Theile des Mondes anlangen würde. Wasser und Branntwein hatte man nur für zwei Monat mitgenommen. Aber nach den neuesten astronomischen Beobachtungen hat der Mond eine niedrige, dichte Atmosphäre von Gehalt, wenigstens in den Thalgründen, so daß es da an Bächen und Quellen nicht mangeln konnte. Daher sollten die abenteuerlichen Forscher während der Fahrt und des ersten Jahres ihrer Einrichtung auf dem Mondcontinent weder Hunger noch Durst zu leiden haben.

Wie stand’s nun mit der Luft im Innern des Projectils. Auch in dieser Hinsicht konnte man völlig ruhig sein. Der Apparat Reiset und Regnaut, welcher Sauerstoff zu bereiten hatte, war auf zwei Monat mit chlorsaurem Kali versehen. Es verzehrte nothwendig eine gewisse Quantität Gas; aber man war auch in dieser Hinsicht versorgt. Der Apparat bedurfte übrigens nur wenig Ueberwachung, er arbeitete automatisch. Bei dieser hohen Temperatur gab das chlorsaure Kali bei seiner Verwandlung in salzsaures Kali allen Sauerstoff, welchen es enthielt, frei. Und was ergaben achtzehn Pfund chlorsaures Kali? Die sieben Pfund Sauerstoff, welche zum täglichen Verbrauch der Bewohner des Projectils nöthig waren.

Aber es war nicht genug, den verbrauchten Sauerstoff zu erneuern, man mußte auch die durch das Ausathmen erzeugte Kohlensäure vernichten. Nun war seit zwölf Stunden die Atmosphäre in der Kugel mit diesem durchaus schädlichen Gas, welches aus dem Verbrennen der Blutelemente durch eingeathmeten Sauerstoff sich erzeugt, bereits erfüllt. Nicholl erkannte diesen Zustand der Luft, als er gewahrte, wie Diana mühselig keuchte.

In der That, die Kohlensäure – eine Erscheinung gleich der in der berühmten Hundsgrotte – verdichtete sich in Folge ihrer Schwere am Boden des Projectils. Die arme Diana mit ihrem herabgesenkten Kopf mußte also früher, als ihre Herren, das schlimme Gas spüren. Aber der Kapitän Nicholl beeilte sich, abzuhelfen. Er stellte auf den Boden des Projectils einige Gefäße mit kaustischem Kali, schüttelte es ein wenig, und dieser die Kohlensäure gierig aufsaugende Stoff reinigte die Luft im Inneren vollständig.

Darauf wurden die Instrumente gemustert. Die Thermometer und Barometer waren gut erhalten, nur bei einem kleinen Thermometer war das Glas zerbrochen. Ein vortreffliches Instrument wurde aus seinem Futteral gezogen und an der Wand aufgehängt. Natürlich zeigte es nur den Luftdruck im Inneren des Projectils an; aber auch die Quantität wässeriger Dünste, welche dasselbe enthielt. In diesem Augenblick schwankte seine Nadel zwischen 765 und 760 Millimeter. Das bedeutete »schönes Wetter«.

Auch einige Compasse, die Barbicane mitgenommen hatte, waren unversehrt geblieben. Begreiflich wies unter den gegebenen Bedingungen ihre Nadel nicht richtig, d.h. ohne bleibende Richtung. In der That konnte bei der Entfernung der Kugel von der Erde der magnetische Pol keine merkliche Wirkung auf die Vorrichtung äußern. Aber diese Bussolen konnten, auf der Mondscheibe angelangt, vielleicht dort eigenthümliche Erscheinungen constatiren. Jedenfalls war es interessant, zu untersuchen, ob der Trabant der Erde gleich ihr dem magnetischen Einfluß unterworfen sei.

Ein Hypsometer, um die Höhe der Mondberge zu messen, ein Sextant, um die Höhe der Sterne aufzunehmen, ein Theodolit, der beim Feldmessen und zur Bestimmung der Winkel am Horizont gebraucht wird, Fernröhre, die bei Annäherung an den Mond sehr schätzbar für den Gebrauch waren, alle diese Instrumente wurden bei sorgfältiger Besichtigung als gut befunden, trotz der Heftigkeit des erlittenen Stoßes.

Die Geräthe, Hacken und Schaufeln, die verschiedenen Werkzeuge, welche Nicholl sorgfältig ausgewählt hatte, die Säcke voll allerlei Körner, die jungen Bäume, welche Michel Ardan auf den Selenitenlandgütern anzupflanzen gedachte, befanden sich in den oberen Räumen an ihrer Stelle. Dort war eine Art Speicher angebracht voll Gegenstände, die der Franzose daselbst mit vollen Händen aufgeschichtet hatte. Was es für Gegenstände waren, wußte man nicht recht, und der heitere Geselle sprach sich nicht darüber aus. Von Zeit zu Zeit stieg er über Kloben, die in den Wänden festgenietet waren, zu dieser Vorrathskammer hinauf, deren Besichtigung er sich vorbehalten hatte. Er räumte auf und ordnete, und that gierige Griffe in gewisse geheimnißvolle Kisten, und sang dabei mit Falsettstimme einen alten französischen Vers, welcher heiter stimmte.

Barbicane bemerkte mit Vergnügen, daß seine Raketen und Kunstfeuerwerke nicht beschädigt waren. Diese wichtigen Gegenstände mit starker Ladung hatten die Bestimmung, das Herabfallen des Projectils zu mäßigen, wenn es nach Ueberschreitung der neutralen Linie der Anziehungskraft des Mondes anheim gegeben auf die Mondoberfläche fallen würde. Dieser Fall mußte indessen sechsmal minder rasch erfolgen, als auf der Erde, nach Verhältniß der Masse dieser beiden Weltkörper.

Die Musterung fiel also zu allgemeiner Befriedigung aus. Darauf begab sich Jeder wieder an die Fensterlucken an den Seiten und im Boden, um in den Weltraum hinaus zu blicken.

Stets der nämliche Anblick. Das ganze weite Feld der Himmelssphäre, von Sternen und Sternbildern in wunderbar reinem Glanze wimmelnd, konnte einen Astronomen zum Narren machen. Auf der einen Seite die Sonne, gleich der Mündung eines Gluthofens, eine blendende Scheibe ohne Lichtring, hob sich ab auf dem dunkeln Hintergrund des Himmels. Auf der anderen der Mond, seine Gluthstrahlen ihm zurückwerfend, und wie unbeweglich inmitten der Sternenwelt. Sodann ein ziemlich starker Flecken, der im Firmament ein Loch zu bilden schien und noch zur Hälfte am Rande mit silbernem Saum umgeben war: das war die Erde. Hier und da gehäufte Nebelflecken gleich dicken Flocken Sternenschnees, und vom Zenith bis zum Nadir ein unfaßbarer Ring von Sternenstaub, jene Milchstraße, in deren Mitte die Sonne nur als Stern vierter Größe gerechnet wird!

Die Beobachter konnten von diesem noch nicht gekannten Schauspiel, wovon keine Schilderung einen Begriff geben konnte, ihren Blick nicht wegwenden. Welche Gedanken regte es an! Welche unbekannten Gefühle weckte es in der Seele! Barbicane entschloß sich, von diesen Eindrücken beherrscht, seinen Reisebericht zu beginnen, und zeichnete Stunde für Stunde alle die Thatsachen auf, welche den Anfang der Unternehmung bezeichneten. Er schrieb ruhig mit seiner starken fetten Handschrift und in einem etwas handelsmäßigen Styl.

Während dessen warf der Rechner Nicholl einen Rückblick auf seine Formeln der Bahnen und verfuhr mit den Ziffern so gewandt, daß er seines Gleichen nicht hatte. Michel Ardan plauderte bald mit Barbicane, der ihm nicht antwortete, bald mit Nicholl, der ihn nicht anhörte, mit Diana, die von seinen Theorien nichts verstand, mit sich selber endlich, warf Fragen auf und beantwortete sie, ging hin und her und beschäftigte sich mit tausend Kleinigkeiten, bald zum unteren Fenster hinabgebeugt, bald im Oberraum hockend, und stets mit halblautem Gesang. In dieser kleinen Welt repräsentirte er die Beweglichkeit und französische Geschwätzigkeit, und man möge versichert sein, daß sie würdig vertreten war.

Der Tag oder vielmehr – denn dieser Ausdruck paßt nicht mehr – der Zeitraum von zwölf Stunden, welcher auf der Erde einen Tag ausmacht, endigte mit einem reichlichen Abendessen, das sein zubereitet war. Es war noch nichts vorgefallen, was den Reisenden die Zuversicht schwächen konnte. Daher schliefen sie auch voll Hoffnung, ihres Erfolges versichert, ruhig ein, indeß das Projectil mit gleichmäßig abnehmender Geschwindigkeit die Himmelsbahnen durchschnitt.

Viertes Capitel


Viertes Capitel

Ein wenig Algebra.

Die Nacht verlief ohne einen Zwischenfall. Richtig zu sagen, ist das Wort »Nacht« unpassend. Die Lage des Projectils im Verhältniß zur Sonne blieb unverändert. Astronomisch genommen war’s Tag auf seiner Bodenseite, Nacht auf seiner oberen. Wenn nun ferner bei dieser Erzählung diese beiden Ausdrücke gebraucht werden, ist darunter der Zeitraum zu verstehen, welcher auf der Erde zwischen Aufgang und Untergang der Sonne verfließt.

Die Reisenden schliefen um so ruhiger, als das Projectil trotz seiner äußersten Geschwindigkeit durchaus unbeweglich schien. Gar keine Bewegung gab sein Hingleiten durch den Raum zu erkennen. Die Veränderung des Orts, so rasch sie auch sein mag, kann auf den Organismus keine merkliche Wirkung äußern, wenn sie im leeren Raum vorgeht, oder wenn die Luftmasse um den Körper herum sich zugleich mit fortbewegt. Welcher Bewohner der Erde bemerkt die Schnelligkeit, womit sie doch stündlich um neunzigtausend Kilometer sich fortbewegt? Unter diesen Bedingungen hat man von Bewegung eben so wenig eine Empfindung, als von Ruhe. Jeder Körper verhält sich in der Hinsicht gleichgiltig. Befindet er sich in Ruhe, so bleibt er so lange darin, bis ihn irgend eine fremde Gewalt aus seiner Stelle bringt. Ist er in Bewegung, so hält er nicht inne, wenn nicht ein Hinderniß seine Bewegung hemmt. Diese Gleichgiltigkeit in Beziehung auf Bewegung oder Ruhe heißt Trägheit.

Barbicane und seine Genossen konnten also, im Projectil eingeschlossen, meinen, sie seien in völlig unbewegtem Zustand.

Hätten sie sich übrigens außen auf demselben befunden, so wäre die Wirkung doch die gleiche gewesen. Hätte nicht der Mond über ihnen stets an Größe zugenommen, so hätten sie darauf geschworen, sie befänden sich in vollständig bewegungslosem Zustande.

Am 3. December wurden die Reisenden Morgens frühe durch ein munteres, ganz unvermuthetes Geräusch geweckt. Der Hahn im Waggon ließ sich vernehmen.

Michel Ardan sprang auf, kletterte empor, schloß eine halb offene Kiste, und sprach leise:

»Willst Du schweigen? Das Thier bringt meinen Plan zum Scheitern!«

Indessen waren Nicholl und Barbicane wach geworden.

»Ein Hahn?« sagte Nicholl.

– »O nein! mein Freunde, erwiderte lebhaft Michel, ich habe diesen ländlichen Ton hervorgebracht, um Euch zu wecken!«

Und dazu ließ er ein prachtvolles »Kikeriki« hören, welches dem stattlichsten Gockelhahn Ehre gemacht hätte.

Die beiden Amerikaner lachten unwillkürlich.

»Ein hübsches Talent«, sagte Nicholl mit einem argwöhnischen Blick auf seinen Genossen.

– »Ja, erwiderte Michel, ein echt gallischer Spaß, wie er in meiner Heimat üblich ist, und zwar in der besten Gesellschaft!«

Dann ablenkend fuhr er fort:

»Weißt Du, Barbicane, woran ich die ganze Nacht gedacht habe?«

– Nein, erwiderte der Präsident.

– An unsere Freunde zu Cambridge! Du hast bereits bemerkt, daß ich in mathematischen Dingen ein erstaunlicher Ignorant bin. Ich kann mir daher durchaus keinen Begriff davon machen, wie die Gelehrten bei dem Observatorium ausrechnen konnten, welche Anfangsgeschwindigkeit das Projectil, als es aus der Columbiade kam, haben mußte, um bis zum Mond zu gelangen.

– Du meinst, versetzte Barbicane, bis zu dem neutralen Punkt, wo die Anziehungskraft der Erde und des Mondes sich ausgleichen; denn von diesem Punkte an, etwa neun Zehntel der ganzen Fahrt, wird das Projectil lediglich kraft seiner Schwere auf den Mond fallen.

– Gut, erwiderte Michel, aber ich frage nochmals, wie konnten sie die Anfangsgeschwindigkeit berechnen?

– Nichts leichter, wie das, entgegnete Barbicane.

– Und verständest Du, diese Berechnung zu machen? fragte Michel Ardan.

– Vollständig. Ich hätte sie mit Nicholl angestellt, wenn uns nicht das Observatorium diese Mühe abgenommen hätte.

– Mein werthester Barbicane, erwiderte Michel Ardan, eher hätte man mir, von den Füßen angefangen, den Kopf abgeschnitten, als daß ich diese Aufgabe zu lösen vermocht hätte!

– Weil Du nichts von Algebra verstehst, entgegnete ruhig Barbicane.

– Ah! Seht doch, was seid Ihr für Buchstabenfresser! Ihr meint, mit Eurer Algebra Alles fertig zu bringen.

– Michel, versetzte Barbicane, meinst Du, man könne schmieden ohne Hammer, und ackern ohne Pflug?

– Schwerlich.

– Nun denn, die Algebra ist ein Werkzeug, wie der Pflug oder Hammer, und für den, welcher sich darauf versteht, ein gutes Werkzeug.

– Ernstlich?

– Sehr ernstlich gemeint.

– Und Du könntest in meiner Gegenwart dieses Werkzeug gebrauchen?

– Wenn’s Dich interessirt.

– Und mir zeigen, wie man die Anfangsgeschwindigkeit unseres Waggons ausgerechnet hat?

– Ja, mein werther Freund. Indem ich alle Elemente des Problems in Anschlag bringe, die Entfernung des Centrums der Erde von dem des Mondes, den Halbdurchmesser der Erde, den Massengehalt der Erde sowie des Mondes, kann ich ganz genau bestimmen, wie groß die Anfangsgeschwindigkeit des Projectils sein mußte, und zwar durch eine einfache Formel.

– Laß hören, welche Formel.

– Du sollst sie zu hören bekommen. Nur werde ich Dir nicht die krummen Linien angeben, welche das Projectil zwischen der Erde und dem Mond beschreibt, indem ich ihre Bewegung um die Sonne mit in die Rechnung ziehe. Sondern ich will die beiden Gestirne als unbewegt ansehen, das reicht für uns hin.

– Und weshalb?

– Weil ich sonst die Lösung der Aufgabe suchen würde, welche das Problem der drei Körper heißt, für deren Lösung die Integralrechnung noch nicht genug vorgeschritten ist.

– Also, sagte Michel Ardan in spöttischem Ton, haben die Mathematiker noch nicht ihr letztes Wort gesprochen?

– Allerdings nicht, erwiderte Barbicane.

– Gut! Vielleicht sind die Seleniten in der Integralrechnung etwas weiter gekommen! Und beiläufig, was heißt man denn Integralrechnung?

– Diese Rechnungsart ist das Gegentheil von der Differentialrechnung, erwiderte Barbicane mit würdigem Ernst.

– Danke verbindlichst.

– Mit anderen Worten, es ist eine Rechnungsart, durch welche man die bestimmten Größen sucht, deren Differentiale man kennt.

– Das ist wenigstens klar gesprochen, erwiderte Michel mit der befriedigtsten Miene.

– Und jetzt, fuhr Barbicane fort, ein Stückchen Papier, ein Bleistift, und vor Ablauf einer halben Stunde will ich die begehrte Formel gefunden haben.

Darauf vertiefte sich Barbicane in diese Arbeit, während Nicholl in den Weltraum hinaus sah und seinem Kameraden überließ, für’s Frühstück zu sorgen.

Bevor eine halbe Stunde verflossen war, hob Barbicane den Kopf empor und zeigte Michel eine Seite voll algebraischer Zeichen, worunter diese allgemeine Formel:

»Und das bedeutet? … fragte Michel.

– Es bedeutet, erwiderte Nicholl: ein halb v in der zweiten minus v Null Quadrat ist gleich gr multiplicirt mit r auf x minus 1 plus m in der ersten auf m multiplicirt mit r auf d minus x, minus r auf d minus r …

– x auf y steigt auf z und reitet über p, rief Michel Ardan mit hellem Lachen. Und Du begreifst das, Kapitän?

– Nichts ist klarer.

– Wie so? sagte Michel. Aber das springt ja in die Augen, und mehr begehr‘ ich nicht.

– Immer nur lachen! versetzte Barbicane. Du wolltest Algebra, und nun hast Du vollauf!

– Lieber laß‘ ich mich hängen!

– Wahrhaftig! erwiderte Nicholl, der die Formel als Kenner prüfte, es scheint mir richtig aufgefunden, Barbicane. Es ist die Integrale der Gleichung lebender Kräfte, und ich zweifle nicht, daß sie uns das gesuchte Resultat ergiebt.

– Aber verstehen möcht‘ ich’s! rief Michel. Ich würde zehn Jahre von Nicholl’s Leben drum geben!

– Höre denn, Michel, fuhr Barbicane fort. Ein halb v in der zweiten minus v Null Quadrat ist die Formel, welche uns die halbe Veränderung der lebenden Kraft giebt.

– Gut, und Nicholl weiß, was das bedeutet?

– Allerdings, Michel, erwiderte der Kapitän. Alle diese Zeichen, welche Dir wie eine Geheimnißsprache vorkommen, bilden jedoch für den, der sie versteht, die klarste, deutlichste, logischste Sprache.

– Und Du behauptest, Nicholl, fragte Michel, daß Du vermittelst dieser Hieroglyphen, die noch unverständlicher sind, als die ägyptischen Ibis, finden könnest, welche Anfangsgeschwindigkeit man dem Projectil geben mußte?

– Unfehlbar, erwiderte Nicholl, und vermittelst derselben Formel werde ich Dir stets angeben können, wie groß seine Geschwindigkeit auf jedem Punkt seiner Fahrt ist.

– Dein Wort?

– Mein Wort darauf.

– Dann bist Du ein Schelm, wie unser Präsident?

– Nein, Michel, Barbicane hat etwas Schwieriges geleistet, indem er eine Gleichung aufstellte, welche alle Bedingungen des Problems berücksichtigt. Das Uebrige ist nur ein Rechenexempel, wofür man nur die vier Species zu kennen braucht.

– Das will schon etwas heißen! erwiderte Ardan, der in seinem Leben nicht ein Additions-Exempel fertig brachte, und diese Regel also definirte: ›Eine kopfbrechende Arbeit aus China, durch die man unbestimmte mannichfaltige Summen heraus bekommt.‹«

Barbicane jedoch versicherte, Nicholl hätte, wenn er darüber nachgesonnen, sicherlich auch diese Formel gefunden.

»Das glaub‘ ich nicht, sagte Nicholl, denn je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr erkenne ich ihre Vortrefflichkeit.

– Jetzt gieb Acht, sagte Barbicane zu seinem unwissenden Kameraden, und Du wirst sehen, daß alle diese Buchstaben ihre Bedeutung haben.

– Ich gebe Acht, sagte Michel mit anscheinender Resignation.

– d, sagte Barbicane, bedeutet die D-istanz des Centrums der Erde vom Centrum des Mondes, denn will man die Attractionen berechnen, so muß man die Centren nehmen.

– Das begreif‘ ich.

– r bezeichnet den R-adius der Erde.

– r, Radius. Zugegeben.

– Unter m wird die M-asse der Erde verstanden; unter m 1 die Masse des Mondes. In der That muß man die Masse der beiden anziehenden Körper in Berechnung ziehen, weil die Anziehungskraft im Verhältniß zu den Massen steht.

– Versteht sich.

– g bedeutet die g-ravitirende oder Schwerkraft, die Schnelligkeit eines auf die Erdoberfläche fallenden Körpers nach Verlauf einer Secunde. Ist das klar?

– Wasser aus einem Felsen! erwiderte Michel.

– Jetzt bezeichne ich mit x die veränderliche Distanz des Projectils vom Centrum der Erde, und mit v (vitesse) die Geschwindigkeit des Projectils bei dieser Distanz.

– Gut.

– Endlich, unter v Null, wie’s in der Gleichung vorkommt, verstehe ich die Geschwindigkeit, welche das Projectil hat, wenn es die Atmosphäre verläßt.

– In der That, an diesem Punkt muß man diese Geschwindigkeit berechnen, da wir bereits wissen, daß die Geschwindigkeit bei der Abfahrt genau drei Hälften der Geschwindigkeit beim Austritt aus der Atmosphäre gleichkommt.

– Immerfort, begreife! sagte Michel.

– Es ist doch sehr simpel, versetzte Barbicane.

– Nicht so simpel wie ich, entgegnete Michel.

– Das will heißen: als unser Projectil von der Grenze der Erdatmosphäre ankam, hatte es schon ein Drittel seiner Anfangsgeschwindigkeit verloren.

– So viel?

– Ja, mein Freund, lediglich durch seine Reibung an Schichten der Atmosphäre. Du begreifst wohl, daß, je schneller es dahin glitt, desto größer der Widerstand der Luft war.

– Das begreif‘ ich und geb’s zu, erwiderte Michel, obgleich Deine v Null in der zweiten, und Deine v Null Quadrat in meinem Kopf rappeln, wie Nägel in einem Sack.

– Das ist nur der erste Eindruck, den die Algebra macht, versetzte Barbicane. Und jetzt wollen wir, um zum Schluß zu kommen, das Zahlenergebniß dieser verschiedenen Ausdrücke aufstellen, d.h. ihren Werth beziffern.

– Kommen Sie nur zum Schluß! erwiderte Michel.

– Von diesen Ausdrücken, sagte Barbicane, sind einige bekannt, andere zu berechnen.

– Ich nehme die letzteren auf mich, sagte Nicholl.

– Sehen wir, fuhr Barbicane fort, r ist der Radius der Erde, welcher unter dem Breitegrad Florida’s, wo wir abfuhren, sechs Millionen dreimalhunderttausend Meter groß ist; d, d.h. die Distanz des Centrums der Erde von dem des Mondes, beträgt sechsundfünfzig Halbdurchmesser (Radien) der Erde, das macht …«

Nicholl rechnete schnell aus.

»Es macht«, sagte er, »dreihundertsechsundfünfzig Millionen siebenhundertundzwanzigtausend Meter zu der Zeit, wo der Mond in seiner Sonnennähe sich befindet.«

– Recht, sagte Barbicane. Jetzt m 1 auf m, d.h. das Verhältniß der Mondmasse zu der Erdmasse, beträgt den einundachtzigsten Theil.

– Ganz richtig, sagte Nicholl.

– g, die Schwerkraft, die Schnelligkeit in einer Secunde, ist zu Florida neun Meter 81. Daraus ergiebt sich, daß gr = …

– Zweiundsechzig Millionen viermalhundertsechsundzwanzigtausend Quadratmeter, erwiderte Nicholl.

– Und jetzt? fragte Michel Ardan.

– Jetzt, da die Ausdrücke beziffert sind, erwiderte Barbicane, will ich die Geschwindigkeit v Null suchen, d.h. die Geschwindigkeit, welche das Projectil beim Verlassen der Atmosphäre haben muß, um den Punkt zu erreichen, wo die Anziehungskraft eine Geschwindigkeit = Null hat. Weil zu dem Zeitpunkt gar keine Geschwindigkeit stattfindet, stelle ich auf, daß sie = 0, und daß x, die Entfernung dieses neutralen Punkts, durch neun Zehntel von d dargestellt ist, d.h. von der Distanz der beiden Centren.

– Ich habe eine unbestimmte Idee, daß es so richtig ist, sagte Michel.

– Dann werd‘ ich also haben: a = neun Zehntel von d, und v = Null, und meine Formel wird sein …

Barbicane schrieb hastig nieder:

Formel

Nicholl las mit gierigem Auge, und rief aus:

»Richtig! Richtig!«

– Ist’s klar? fragte Barbicane.

– Es steht in feurigen Buchstaben geschrieben! erwiderte Nicholl. – Wackere Leute! murmelte Michel.

– Hast Du’s endlich begriffen? fragte Barbicane.

– Ob ich’s begriff! rief Michel Ardan, aber es berstet mir darüber der Kopf!

– Also, fuhr Barbicane fort, v Null zwei = zwei gr multiplicirt mit 1, minus 10 r auf 9 d, minus 1/ 81 multiplicirt mit 10 r auf d minus r gegen d minus r .

– Und jetzt, sagte Nicholl, um die Geschwindigkeit des Geschosses beim Verlassen der Atmosphäre zu bekommen, braucht man nur zu rechnen.

Der Kapitän, ein allen Schwierigkeiten gewachsener Praktiker, begann mit erschrecklicher Schnelligkeit zu rechnen. Lange Divisions- und Multiplicationsexempel quollen unter seinen Fingern hervor. Es hagelte Ziffern auf sein weißes Blatt. Barbicane sah ihm gespannt zu, während Michel Ardan mit beiden Händen ein Kopfweh zu erdrücken suchte.

»Nun?« fragte Barbicane, nach einigen Minuten.

– Nun, die Rechnung ist fertig, erwiderte Nicholl, v Null, d.h. die Geschwindigkeit des Projectils beim Verlassen der Atmosphäre, mußte, um bis zum neutralen Punkt der Anziehung zu gelangen, betragen …

– Nun?

– Elftausendfünfhundertundein Meter in der ersten Secunde.

– Wie? sagte Barbicane aufspringend, Sie meinen?

– Elftausendfünfhundertundein Meter.

– Verdammt! rief der Präsident mit einer Handbewegung der Verzweiflung.

– Was fehlt Dir? fragte Michel Ardan überrascht.

– Was mir fehlt? Wenn zu der Zeit die Schnelligkeit durch die Reibung bereits um ein Drittel vermindert war, so mußte die Anfangsgeschwindigkeit betragen …

– Sechzehntausendfünfhundertsechsundsiebenzig Meter! erwiderte Nicholl.

– Und das Observatorium zu Cambridge erklärte, elftausend Meter seien bei der Abfahrt hinreichend, und unserem Projectil wurde nur diese Geschwindigkeit gegeben!

– Nun? fragte Nicholl.

– Nun! sie wird nicht hinreichen!

– Richtig!

– Wir werden nicht bis zum neutralen Punkt kommen!

– Sacrement!

– Nicht einmal halbwegs werden wir kommen!

– Hol‘ der Henker! rief Michel Ardan, und sprang empor, als wäre das Projectil schon im Begriff, am Erdball zu zerschellen.

– Und wir werden wieder auf die Erde fallen!

Fünftes Capitel


Fünftes Capitel

Die Kälte des Weltraums.

Diese Enthüllung war ein Donnerschlag. Wer hätte sich auch eines solchen Rechenfehlers versehen? Barbicane wollte nicht daran glauben. Nicholl revidirte seine Ziffern. Sie waren genau. Die Richtigkeit der Formel, worauf die Rechnung beruhte, ließ sich nicht bezweifeln, und eine wiederholte Prüfung ergab als ausgemacht, daß eine Anfangsgeschwindigkeit von sechzehntausendfünfhundertfünfundsiebenzig Meter in der ersten Secunde nothwendig war, um den neutralen Punkt zu erreichen.

Die drei Freunde sahen sich schweigend an. An Frühstück kein Gedanke. Barbicane schaute mit verbissenen Lippen, gerunzelter Stirne, krampfhaft geballter Faust durch die Fensterlucke. Nicholl kreuzte die Arme, und prüfte seine Berechnung. Michel Ardan brummte:

»Da seht mir diese Gelehrten! Sie haben nie Andere gescheit gemacht! Ich gäb‘ zwanzig Pistolen darum, wenn wir auf das Observatorium zu Cambridge fielen und es sammt allen Ziffernpfuschern drinnen zertrümmerten!«

Plötzlich richtete der Kapitän eine Bemerkung direct an Barbicane. »Jetzt ist es, sagte er, um sieben Uhr frühe. Wir sind also schon zweiunddreißig Stunden unterwegs. Ueber die Hälfte unserer Fahrt ist gemacht, und soviel ich wüßte, fallen wir nicht!«

Barbicane schwieg. Aber nach einem raschen Blick auf den Kapitän ergriff er einen Compaß, der ihm zum Messen des Winkelabstands des Erdballs diente. Darauf stellte er durch das Bodenfenster eine sehr genaue Beobachtung an, in Betracht der scheinbaren Unbeweglichkeit des Projectils. Dann stand er auf, trocknete den perlenden Schweiß von seiner Stirne und warf einige Ziffern auf’s Papier. Nicholl begriff, daß der Präsident beschäftigt war, aus dem Maß des Erddurchmessers die Entfernung des Projectils von der Erde zu berechnen. Er sah ihm gespannt zu.

»Nein! rief Barbicane nach einigen Augenblicken, wir sind nicht im Fallen begriffen! Wir sind schon über fünfzigtausend Lieues von der Erde entfernt! Wir sind schon über den Punkt hinaus, wo das Projectil hätte stille stehen müssen, wenn seine Geschwindigkeit bei der Abfahrt nur elftausend Meter betragen hätte! Wir fahren immer noch aufwärts!«

– »’s ist offenbar, erwiderte Nicholl, und es ist daraus abzunehmen, daß unsere Anfangsgeschwindigkeit durch die Wirkung der viermalhunderttausend Pfund Schießbaumwolle die geforderten elftausend Meter überstieg. Daraus erkläre ich mir, daß wir schon nach dreizehn Minuten dem zweiten Trabanten begegneten, dessen Bahn über zweitausend Lieues von der Erde entfernt ist.

– Und diese Erklärung ist um so wahrscheinlicher, fügte Barbicane hinzu, als das Projectil, nachdem das zwischen den Verschlägen befindliche Wasser hinausgetrieben war, plötzlich an Gewicht um ein Beträchtliches leichter wurde.

– Richtig! sagte Nicholl.

– Nun! mein wackerer Nicholl, rief Barbicane, dann sind wir gerettet!

– Nun denn, versetzte ruhig Michel Ardan, da wir gerettet sind, machen wir uns an’s Frühstück.«

Wirklich, Nicholl irrte sich nicht. Die Anfangsgeschwindigkeit war zum Glück höher gewesen, als das Observatorium zum Cambridge angegeben hatte, aber dieses hatte sich ebenfalls nicht geirrt.

Als die Reisenden sich von dem falschen Schrecken erholt hatten, begaben sie sich zu Tische und frühstückten lustig. Man speiste reichlich, und sprach noch mehr. Die Zuversicht nach »dem Zwischenfall der Algebra« war größer, wie zuvor.

»Warum sollten wir nicht Erfolg haben?« fragte wiederholt Michel Ardan. »Warum sollten wir nicht ankommen? Wir befinden uns auf der Fahrt ohne Hinderniß vor uns, ohne Steine auf dem Weg. Die Bahn ist frei, freier als die des Schiffs, welches mit den Wellen zu kämpfen, freier als der Ballon, der mit den Winden zu ringen hat! Wenn nun ein Schiff ankommt, wohin es segelt; wenn ein Ballon aufsteigt, wo es ihm beliebt, warum sollte unser Ballon nicht an dem beabsichtigten Ziel anlangen?

– Er wird dasselbe erreichen«, sagte Barbicane.

»Und wär‘ es auch nur, um das amerikanische Volk zu ehren, fügte Michel bei, das einzige Volk, welches im Stande war, eine solche Unternehmung gut auszuführen, das einzige, das einen Präsidenten Barbicane hervorbringen konnte! Ach! ich denke, da wir nicht mehr darüber in Unruhe zu sein brauchen, was aus uns werden wird, werden wir uns königlich langweilen!«

Barbicane und Nicholl gaben mit einem Wink ihre Nichteinstimmung zu erkennen.

– Aber ich habe schon dafür gesorgt, meine Freunde, fuhr Michel fort. Sie brauchen sich nur auszusprechen. Schach, Damenbret, Karten, Domino stehen zu Diensten! Nur ein Billard fehlt!

– Wie? Solch Spielzeug hast Du mitgenommen?

»Allerdings, erwiderte Michel, und zwar nicht allein zu unserm Zeitvertreib, sondern auch in der löblichen Absicht, die Wirthshäuser der Seleniten damit auszustatten.«

– »Mein Freund, sagte Barbicane, wenn der Mond Bewohner hat, so sind diese schon einige tausend Jahre vor den Erdbewohnern zum Dasein gekommen, denn es ist nicht daran zu zweifeln, daß dies Gestirn älter als das unserige ist. Wenn also Seleniten seit Hunderttausenden von Jahren existiren, wenn ihr Gehirn gleich dem des Menschen organisirt ist, so haben sie alle Erfindungen, die wir bis jetzt gemacht haben, bereits selbst gemacht, und noch jene dazu, die wir in den folgenden Jahrhunderten machen werden. Sie haben nichts von uns zu lernen, wir dagegen von ihnen.

– Wie? erwiderte Michel, Du meinst, sie hätten Künstler gehabt, wie Phidias, Michel Angelo oder Raphael?

– Ja.

– Dichter, wie Homer, Virgil, Milton, Göthe, Schiller, Lamartine, Hugo.

– Ganz gewiß.

– Philosophen wie Plato, Aristoteles, Descartes, Kant?

– Ohne Zweifel.

– Gelehrte wie Archimedes, Euklides, Pascal, Newton?

– Darauf wollt‘ ich schwören.

– Komiker wie Arnal, und Photographen wie … Nadar?

– Ich bin’s überzeugt.

– Dann aber, Freund Barbicane, wenn die Seleniten uns darin gleich sind und sogar übertreffen, warum haben sie nicht versucht, sich mit der Erde in Verkehr zu setzen? Warum haben sie nicht ein Projectil vom Mond zur Erde entsendet?

– Wer sagt Dir denn, daß sie’s nicht gethan haben? erwiderte Barbicane ernst.

– In der That, fügte Nicholl bei, war dies für sie leichter, als für uns, aus zwei Gründen: erstens weil auf der Oberfläche des Mondes die Anziehungskraft sechsmal geringer ist, als auf der Erdoberfläche, weshalb ein Projectil leichter aufsteigen kann; zweitens, weil man es nur achttausend Lieues anstatt achtzigtausend zu schleudern braucht, was eine zehnmal geringere treibende Kraft erforderlich macht.

– Dann, fuhr Michel fort, frage ich nochmals: Warum haben sie’s noch nicht gethan?

– Und ich wiederhole, versetzte Barbicane: Wer sagt Dir, daß sie’s noch nicht gethan haben?

– Wann?

– Es sind Jahrtausende verflossen, ehe der Mensch auf der Erde auftrat.

– Und die Kugel? Wo ist eine solche? Die möcht‘ ich sehen!

– Mein Freund, erwiderte Barbicane, fünf Sechstel unserer Erdkugel sind mit Meer bedeckt. Daher giebt’s fünf triftige Gründe, anzunehmen, daß, wenn ein Projectil vom Mond abgeschleudert wurde, dasselbe jetzt im Grunde des Meeres, des Atlantischen oder des Stillen, versenkt steckt, sofern es nicht zur Zeit, als die Erdrinde noch nicht völlig sich gebildet hatte, in eine Spalte hinein gedrungen ist.

– Mein werther Barbicane, erwiderte Michel, Du hast auf Alles eine Antwort, und ich verbeuge mich vor Deiner Weisheit. Doch schmeichelt mir eine Annahme vor allen anderen; nämlich daß die Seleniten, die doch älter als wir sind, nicht das Pulver erfunden haben!«

In diesem Augenblick mischte sich Diana mit lautem Bellen in die Unterhaltung. Sie verlangte ihr Frühstück.

»Ueber diesem Disputiren, sagte Michel Ardan, vergessen wir Diana und Trabant.«

Und sogleich wurde dem Thiere ein ansehnliches Gericht bereitet, das mit Heißhunger verschlungen wurde.

»Siehst Du, Barbicane, sagte Michel, wir hätten aus diesem Projectil eine Arche Noë machen, und von allen Hausthieren ein Paar mitnehmen sollen!«

– Allerdings, erwiderte Barbicane, aber es mangelte dafür an Raum.

– Richtig! sagte Michel, und rückte etwas näher bei.

– Unstreitig, erwiderte Nicholl, würden Ochse, Kuh, Pferd, alle Wiederkäuer uns auf dem Mond sehr nützlich sein. Leider konnte dieser Waggon nicht zu einem Stall werden.

– Aber wenigstens, sagte Michel Ardan, hätten wir einen Esel mitnehmen können, nur ein kleines Thier, so muthig und geduldig, wie das, worauf der alte Silenus so gerne ritt! Ich bin ein Freund dieser armen Esel! Diese Thiere sind wohl in der ganzen Schöpfung am meisten zurückgesetzt. Man behandelt sie nicht nur bei Lebzeiten mit Schlägen, sondern auch noch nach dem Tod!

– Wie so? fragte Barbicane.

– Weil man, sagte Michel, aus ihrer Haut Trommelfelle macht.

– Barbicane und Nicholl konnten sich bei dieser abgeschmackten Bemerkung des Lachens nicht erwehren. Aber ein Schrei ihres munteren Genossen stimmte sie anders.

Derselbe hatte sich über Trabant’s Lager gebückt, und richtete sich auf mit den Worten:

»Gut! Trabant ist nicht mehr krank.«

– »Ach! sagte Nicholl.

– Nein, fuhr Michel fort, er ist verendet. Das ist, fuhr er kläglich fort, doch bedauerlich. Ich fürchte sehr, arme Diana, daß Du auf dem Mondgebiet keine Sprößlinge mehr bekommen wirst!«

Wirklich hatte der unglückliche Trabant seine Wunden nicht zu überleben vermocht. Er war mausetodt. Michel Ardan blickte verstört seine Freunde an.

»Nun tritt die Frage ein, sagte Barbicane, was sollen wir in den achtundvierzig Stunden, die wir noch haben, mit dem Hund anfangen?«

– Wir können ihn allerdings nicht bei uns behalten, erwiderte Nicholl, aber unsere Fensterlucken, deren Läden mit Charnieren geschlossen sind, lassen sich öffnen. Wir machen eine auf und werfen den Leichnam hinaus.

Der Präsident überlegte eine Weile, dann sagte er: »Ja, das müssen wir thun, aber mit äußerster Vorsicht.«

– Weshalb? fragte Michel.

– Aus zwei Gründen, die Dir einleuchten werden, erwiderte Barbicane. Erstens, von der im Projectil enthaltenen Luft darf so wenig wie möglich entweichen.

– Aber wir erneuern ja diese Luft!

– Nur zum Theil. Wir ergänzen nur den Sauerstoff, lieber Michel, – und in dieser Hinsicht haben wir aufzupassen, daß unser Apparat denselben nicht so reichlich liefere, denn dieses Uebermaß würde in bedenklicher Weise Störungen unseres Gesundheitszustands herbeiführen. Aber den Stickstoff erneuern wir nicht, welchen die Lungen nicht einathmen, und der vollständig bleiben muß. Dieser Stickstoff nun würde durch die Lucken rasch entweichen.

– O! es ist Zeit, den armen Trabant hinauszuwerfen, sagte Michel.

– Ich stimme bei, aber verfahren wir rasch.

– Und der zweite Grund? fragte Michel.

– Zweitens darf die außen befindliche, äußerst große Kälte nicht in das Projectil dringen, wollen wir nicht erfrieren.

– Doch, die Sonne …

– Die Sonne wärmt wohl unser Projectil, das ihre Strahlen aufsaugt, aber nicht den leeren Raum, in welchem wir uns eben bewegen. Wo keine Luft ist, ist auch ebenso wenig Wärme als Licht verbreitet, und da, wohin die Sonnenstrahlen nicht direct fallen, ist’s ebenso kalt wie dunkel. Diese Temperatur ist daher nicht höher, als die von den Strahlen der Sterne herrührende, d.h. diejenige, welche der Erdball haben würde, wenn die Sonne nur einen Tag erlöschte.

– Das ist aber nicht zu fürchten, versetzte Nicholl.

– Wer weiß? sagte Michel Ardan. Uebrigens, geben wir auch zu, daß die Sonne nicht erlösche, ist’s nicht möglich, daß die Erde sich von ihr entferne?

– Gut! sagte Barbicane, das sind wieder Michel’s Ideen!

– So! fuhr Michel fort, ist’s nicht bekannt, daß die Erde im Jahre 1861 durch den Schweif eines Kometen gegangen ist? Denken wir uns nun einen Kometen von größerer Anziehungskraft, als die der Sonne ist, so wird die Bahn der Erde sich nach dem Wandelstern hin ausbiegen, und die Erde wird so weit als sein Trabant hinweggezogen werden, daß die Sonnenstrahlen nicht mehr auf ihre Oberfläche einwirken können.

– Das könnte wohl wirklich geschehen, erwiderte Barbicane, aber die Folgen einer solchen Aenderung in der Bahn möchten wohl nicht so fürchterlich sein, als Du annimmst.

– Und warum?

– Weil dann immer noch auf unserem Erdball Kälte und Wärme sich im Gleichgewicht halten würden. Man hat ausgerechnet, daß, wenn die Erde im Jahre 1861 vom Kometen wäre mit fortgezogen worden, sie bei seiner weitesten Entfernung von der Sonne nicht eine sechzehnfach größere Wärme empfunden haben würde, als die ist, welche wir vom Monde bekommen, welche im Brennpunkt der stärksten Linsen concentrirt, durchaus keine merkbare Wirkung äußert.

– Nun? sagte Michel.

– Warte ein wenig, erwiderte Barbicane. Man hat auch berechnet, daß bei seiner Sonnennähe, seinem der Sonne am nächsten kommenden Stand, die Erde eine achtundzwanzigtausendfach größere Hitze auszustehen haben würde, als in unserem Sommer. Aber diese Hitze, welche die Erdstoffe zu Glas zerschmelzen und die Gewässer in Dunst aufzulösen fähig sein würde, hätte einen dicken Ring von Gewölk gebildet, welches die übermäßige Hitze gemindert haben würde. Daraus ergiebt sich eine Ausgleichung zwischen der Kälte der Sonnenferne und der Hitze der Sonnennähe, und ein vermuthlich erträgliches Mittelmaß.

– Aber wie hoch schätzt man die Temperatur der Planetenräume? fragte Nicholl.

– Früher, erwiderte Barbicane, hielt man diese Temperatur für äußerst niedrig. Indem man das wachsende Sinken des Thermometers berechnete, rechnete man Millionen von Graden unter Null heraus. Fourier, ein Landsmann Michel’s und berühmter Gelehrter der Akademie der Wissenschaften, hat diese Zahlen auf richtigere Maße zurückgeführt. Ihm zufolge sinkt die Temperatur des Weltraums nicht unter sechzig Grad herab.

– Pöh!

– Das ist, fuhr Barbicane fort, ungefähr die in den Polargegenden, auf der Insel Melville oder auf dem Fort Reliance, beobachtete Temperatur, nämlich sechsundfünfzig hunderttheilige Grad unter Null.

– Es bleibt noch zu beweisen, sagte Nicholl, daß Fourier sich nicht bei seinen Schätzungen geirrt hat. Irre ich nicht, so schätzt ein anderer Franzose, Pouillet, die Temperatur des Raumes auf hundertundsechzig Grad unter Null. Darüber wollen wir das Richtige feststellen.

– Nicht in diesem Augenblick, erwiderte Barbicane, denn die direct auf unser Thermometer wirkenden Sonnenstrahlen würden im Gegentheil eine sehr hohe Temperatur ergeben. Aber wenn wir auf dem Mond angekommen sind, während der vierzehntägigen Nächte, welche abwechselnd auf seiner Oberfläche stattfinden, werden wir Zeit genug haben, dieses Experiment zu machen, denn unser Trabant bewegt sich im leeren Raum.

– Aber was verstehst Du unter leer? fragte Michel, giebt’s etwas absolut Leeres?

– Der von Luft absolut leere Raum.

– Und worin nichts anderes die Luft ersetzt hat?

– Ja. Der Aether, erwiderte Barbicane.

– Ach! Aether, was ist das?

– Aether ist eine Masse unwägbarer Atome, welche bezüglich ihrer Dimensionen, sagen die Lehrbücher der Molecularphysik, ebenso von einander getrennt sind, wie die Himmelskörper im Weltraum. Ihr Abstand von einander beträgt jedoch nicht ganz ein drei Milliontheil eines Millimeters. Diese Atome bringen durch ihre Schwungbewegung das Licht und die Wärme hervor, indem sie in einer Secunde vierhundertunddreißig Trillionen Schwingungen machen, bei einer Größe von vier bis sechs Zehntausendtheilen eines Millimeters.

– Milliarden von Milliarden! rief Michel Ardan; man hat also diese Schwingungen gemessen und gezählt! Das Alles, Freund Barbicane, sind Ziffern der Gelehrten, welche das Ohr in Schrecken setzen und dem Geist nichts sagen.

– Man muß doch gut ziffern können ….

– Nein! Besser ist vergleichen. Eine Trillion bedeutet Nichts. Ein Vergleichungsgegenstand sagt Alles. Zum Beispiel: Wenn Du mir noch so oft vorsagst, der Massengehalt des Uranus sei sechsundsiebenzigmal so groß, als der der Erde, die Masse Saturn’s sei neunhundertmal größer, Jupiter’s dreizehnhundertmal, der Sonne dreizehntausendmal, so bin ich damit nicht viel weiter. Auch ziehe ich die alten Vergleichungen des Double Liégeois weit vor, der ganz einfach aussagt: »Die Sonne ist ein Kürbis von zwei Fuß Durchmesser, Jupiter eine Orange, Saturn ein Api-Apfel, Neptun eine kleine Süßkirsche, Uranus eine dicke Kirsche, die Erde eine Erbse, Mars ein dicker Stecknadelskopf, Merkur ein Senfkorn, Juno, Ceres, Vesta, Pallas bloße Sandkörner! Man weiß wenigstens, woran man sich halten soll!«

Nach diesem Ausfall Michel Ardan’s gegen die Gelehrten, und diese Trillionen, welche sie in einem Augenblick an einander reihen, schritt man zur Bestattung Trabant’s. Es handelte sich darum, den Leichnam hinauszuwerfen, wie die Matrosen es auf dem Meere machen. Doch, wie Barbicane anempfohlen hatte, verfuhr man dabei rasch, um so wenig Luft als möglich dabei zu verlieren, die durch ihre Elasticität reißend schnell entwichen wäre. Die Bolzen der Oeffnung auf der rechten Seite, die etwa dreißig Centimeter maß, wurden sorgfältig abgeschraubt, indeß Michel in voller Betrübniß den Hund zum Hinauswerfen fertig machte. Die Fensterscheibe, durch einen starken Hebel in Bewegung gesetzt, der den Druck der inneren Luft überwand, drehte sich rasch vermittelst seiner Charnière, und Trabant flog hinaus. Es entwichen kaum einige Elementartheilchen Luft, und es ging dabei so rasch her, daß Barbicane später kein Bedenken hatte, sich auf diese Weise noch anderer unnützer Trümmer zu entledigen.