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Siebzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Ungeachtet seiner scheinbaren Entschlossenheit wußte der Herzog von Sant‘ Agata doch durchaus nicht, wohin er sich zu wenden oder was er zu tun habe. Daß er von einem oder mehreren der Unterhändler, denen er die Vorkehrungen zu der seit einigen Tagen beschlossenen Flucht hatte anvertrauen müssen, betrogen war, schien gewiß; er ließ sich daher nicht von der Hoffnung täuschen, als wäre irgendein unbegreifliches Mißverständnis Ursache seines Verlustes. Er sah, daß der Senat jetzt Herr seiner Braut war, auch war ihm dessen Macht zu wohl bekannt. Durch den frühzeitigen Tod ihres Onkels fielen der Donna Violetta bedeutende Güter im Kirchenstaate zu, und das herrschsüchtige Gesetz von Venedig, das allen seinen Edeln gebot, Besitzungen zu verkaufen, die sie in fremden Ländern ererbt hatten, war diesmal nur wegen der Hoffnung, über ihre Hand auf eine der Republik vorteilhaftere Weise zu verfügen, nicht in Anwendung gebracht worden. Mit diesem Ziel vor Augen und mit den Mitteln, es zu erreichen, versehen, würde man, wie der Bräutigam sehr wohl wußte, seine Vermählung nicht nur für null und nichtig erklären, sondern auch mit den Zeugen der Trauung so verfahren, daß künftighin ihre Aussagen nicht mehr in Verlegenheit setzen könnten. Für sich selbst fürchtete er weniger, wenngleich er einsah, daß er seinen Widersachern hinreichende Gründe geliefert hatte, um den unbestimmten Zeitraum seines bestrittenen Erbrechtsantritts weiter hinauszuschieben oder auch seine Ansprüche daran gänzlich zu vernichten. Doch hatte er sich auf diesen Ausgang schon gefaßt gemacht. Er glaubte ohne persönliche Gefahr nach seinem Palast zurückkehren zu dürfen, denn die große Achtung, in der er in seinem Vaterlande stand, und der hohe Einfluß, den er am römischen Hofe besaß, waren hinreichende Sicherheit gegen offenbare Gewalttätigkeiten. Der Hauptgrund, warum man ihn mit seinen Ansprüchen so lange hingehalten, war der Wunsch, seine nahe Verwandtschaft mit dem Favoritkardinal so sehr als möglich zu benutzen, und obgleich er nie imstande war, den immer größer werdenden Forderungen des Senats zu genügen, so nahm er es doch als ziemlich ausgemacht an, daß der Vatikan alle seine Macht aufbieten würde, um ihn vor jeder größeren persönlichen Gefahr zu schützen. Bei alledem hatte er dem venezianischen Staate erhebliche Gründe zur Strenge gegeben, und da ihm seine Freiheit in diesem Augenblick wichtiger war denn je und er fürchtete, sie möchten ihn festsetzen, nur damit sich die Regierung seine spätere Freilassung als besonderes Verdienst anrechnen könnte, gab er jetzt den Befehl, den Hauptweg zum Hafen einzuschlagen.

Ehe die Gondel die Schiffe erreichte, hatte ihr Herr Zeit gehabt, sich zu sammeln und einige schnelle Pläne für die Zukunft zu machen. Er gab ein Zeichen zum Anhalten und trat aus der Kajüte hervor. Trotz der späten Stunde ruderten noch immer Boote auf dem Wasser in der Stadt umher. Doch unter den Seefahrern herrschte allgemeine Stille, wie sich’s nach ihrem mühseligen Tagewerk gehörte und bei ihrer Lebensart erwarten ließ.

»Rufe den ersten müßigen Gondoliere deiner Bekanntschaft herbei, Gino«, sagte Don Camillo mit angenommener Ruhe. »Ich hab ihn über etwas zu befragen.«

In weniger als in einer Minute geschah sein Wille.

»Hast du vor kurzem eine wohlbemannte Gondel durch diesen Teil des Kanals rudern sehen?« fragte Don Camillo den Mann, den sie angehalten.

»Keine als die Ihrige, Signore, die die schnellste von allen denen ist, die heute unter dem Rialto hindurchfuhren.«

»Wie kannst du die Schnelligkeit meines Bootes kennen, Freund?«

»Signore, ich habe das Ruder sechsundzwanzig Jahre auf den Kanälen von Venedig geführt, und doch kann ich mich nicht entsinnen, eine Gondel so rasch fahren gesehen zu haben als dieses Boot, da es vor wenigen Minuten durch die Feluken hindurch weiter hinab nach dem Hafen schoß.«

»Wohin steuerten wir?« fragte Don Camillo eifrig.

»Heiliger Theodor? Ich wundere mich nicht über diese Frage, Exzellenz, denn wenn auch seitdem erst ein Augenblick verfloß, so seh ich sie doch jetzt so bewegungslos auf dem Wasser liegen wie einen schwimmenden Halm.«

»Freund, da ist Silber – addio!«

Der Gondoliere ruderte langsam fort und sang ein Lied seiner Barke zu Ehren, während Don Camillos Boot schnell dahinflog. Feluken, Brigantinen und Dreimaster schienen vorüberzuschweben, als sie durch das Labyrinth der Schiffe glitten; da bückte sich Gino vorwärts und lenkte seines Herrn Aufmerksamkeit auf eine große Gondel, die mit lässigem Ruder vom Lido her auf sie zukam. Beide Boote befanden sich auf einer breiten Passage zwischen den Schiffen, dem gewöhnlichen Wege für seewärts gehende Fahrzeuge. Auch nicht der geringste Gegenstand war zwischen ihnen. Durch eine Wendung seines Bootes sah sich Don Camillo bald nur auf eine Ruderlänge von jenem entfernt, und mit einem Blick überzeugte er sich, daß es die verräterische Gondel war, die ihm den Streich gespielt hatte.

»Zieht, Leute, und folgt mir!« schrie der wütende Neapolitaner, im Begriff, sich mitten unter seine Feinde zu stürzen.

»Sie ziehen gegen San Marco«, rief eine warnende Stimme aus dem Zelt hervor. »Die Kräfte sind ungleich, Signore, denn das geringste Signal führt zwanzig Galeeren zu unserem Beistand herbei.«

Don Camillo hätte dieser Drohung vielleicht nicht geachtet, doch er sah, wie seine Leute daraufhin die schon halb gezogenen Schwerter wieder in ihre Scheiden zurückstießen.

»Räuber«, antwortete er, »gebt mir die zurück, die ihr durch eure Hinterlist entführt habt.«

»Signore, euch jungen Edeln gefällt es oft, euern Übermut mit den Dienern der Republik zu treiben. Hier ist niemand als die Gondolieri und ich.« Eine Bewegung des Bootes erlaubte Don Camillo einen Blick in die Kajüte, der ihm bewies, daß jener die Wahrheit gesprochen hatte. Von der Nutzlosigkeit fernerer Verhandlungen und dem Werte jedes Augenblicks überzeugt, indem er sich noch immer auf der rechten Spur glaubte, gab der junge Neapolitaner seinen Leuten ein Zeichen zum Weiterfahren. Die Boote trennten sich schweigend, und das von Camillo schlug den Weg ein, den jenes eben gekommen war.

In kurzer Zeit befand sich die Gondel Don Camillos ganz außerhalb der Schiffsreihen. Schon war es so spät, daß der Mond zu sinken begann. Wohl ein Dutzend Schiffe verschiedener Art steuerte, vom Landwinde unterstützt, nach dem Eingang des Hafens.

»Sie führen mein Weib nach Dalmatien!« rief Don Camillo, wie jemand, der die Wahrheit endlich zu ahnen beginnt.

»Gnädiger Herr!« rief der erstaunte Gino aus.

»Ich sage dir, Bursch, dieser verwünschte Senat hat sich gegen mein Glück verschworen und nachdem er mir deine Gebieterin geraubt, sie auf eine der vielen Feluken, die wir hier sehen, gebracht, um sie nach irgendeinem seiner festen Schlösser an der Ostküste des Adriatischen Meeres zu versetzen.«

»Heilige Maria! Signore Duca, mein geehrter Gebieter, man sagt, daß sogar die steinernen Bildsäulen in Venedig Ohren haben.«

»Du rufst mir meine Torheiten ins Gedächtnis, guter Gino. Wenn du und deine Mitgesellen mir bei der Rettung der Dame, der ich mich eben vermählt habe, nach Kräften beistehen werdet, so soll es euer Schade nicht sein.«

»Der heilige Theodor stehe uns bei und zeige uns, was zu tun ist! Wenn ich wüßte, bei welchem Namen man sie nennt, so sollte sie nie vergessen werden in den Gebeten, die ein armer Sünder wie ich zu tun wagen darf.«

»Du hast doch die schöne Dame nicht vergessen, die ich aus der Giudecca rettete?«

»Corpo di Bacco! Ew. Exzellenz schwebten wie ein Schwan und schwammen rascher als eine Möwe. Vergessen! Signore, nein, ich denke jedesmal daran, wenn ich ein Geplätscher in den Kanälen höre, und sooft ich daran denke, verwünsche ich in meinem Herzen das Ankonaschiff. Wenn wir aber auch alle Wunder schreien über das, was unser Herr auf der Giudecca getan hat, so war doch das Untertauchen damals keine Vermählungsfeierlichkeit, auch können wir von der Schönheit der Dame nichts mit Gewißheit sagen, da ihre Lage in jenem Augenblicke eine so ungünstige war.«

»Du hast recht, Gino. – Diese Dame aber, die erlauchte Donna Violetta Tiepolo, die Tochter und Erbin eines berühmten Senators, ist jetzt deine Gebieterin. An uns ist es nun, sie nach Schloß Sant‘ Agata zu bringen, dort trotze ich dem ganzen Venedig mit allen seinen Helfershelfern.«

Gino verbeugte sich in tiefer Ergebenheit, schaute jedoch zugleich hinter sich, ob auch keiner der Helfershelfer, die sein Herr eben öffentlich herausgefordert hatte, so nahe sei, um diese Worte zu hören. Während dieser Unterhaltung ging das Boot ununterbrochen fort, denn Gino hielt nicht an in seiner Arbeit und steuerte immer dem Lido zu. Der Landwind wehte frischer, die Schiffe glitten vorüber, und als Don Camillo die Sandbarre erreichte, die die Lagunen vom Adriatischen Meere trennt, waren die meisten von ihnen schon durch die Passagen gesegelt und nahmen nun, je nach den Orten ihrer Bestimmung, ihre verschiedenen Richtungen durch den offenen Hafen. Aus reiner Unentschlossenheit hatte der junge Herzog seine Leute den anfangs eingeschlagenen Weg fortsetzen lassen. Er war gewiß, daß sich seine Braut in einem der erwähnten Fahrzeuge befand, doch konnte er nicht erraten, in welchem, und wär er auch Herr dieses wichtigen Geheimnisses gewesen, so besaß er doch zur Verfolgung keine hinreichenden Mittel. Als er daher ans Land stieg, geschah es nur in der Hoffnung, aus den verschiedenen Richtungen der Feluken eine allgemeine Vermutung entnehmen zu können, in welchem Teil der venezianischen Besitzungen er die Verlorene zu suchen habe. Er war indessen entschlossen, ihr unmittelbar zu folgen, und ehe er das Boot verließ, wandte er sich nochmals zu seinem getreuen Gondoliere und gab ihm die nötigen Befehle.

»Es ist dir doch bekannt, Gino«, sagte er, »daß einer meiner Vasallen mit einer Feluke von der sorrentinischen Küste hier im Hafen liegt?«

»Ich kenne den Mann besser als meine eigenen Fehler, Signore, ja besser als meine eigenen Tugenden.«

»Geh sogleich zu ihm und überzeuge dich von seinem Hiersein. Ich habe mir einen Plan erdacht, ihn in meinen Dienst zu locken, doch möchte ich gern vorher wissen, in welchem Zustand sein Schiff ist.«

Während er die Gondel vom Ufer abstieß, versäumte Gino nicht, seines Freundes Stefano Eifer und dessen Schiff, die »Bella Sorrentina«, zu loben, dann aber schlug er mit seinem Ruder ins Wasser, seinen Auftrag schnell auszurichten.

Am Lido di Palestrina ist ein einsamer Ort, den katholische Ausschließungssucht für die Überreste derer, die außerhalb des Schoßes der römischen Kirche zu Venedig starben, zur Beerdigungsstätte angewiesen hatte.

Don Camillo landete unfern der abgelegenen Gräber der Verbannten. Da er die niedrigen Sandhügel besteigen wollte, die Wellen und Wind am äußersten Rande des Lido aufgeworfen hatten, so mußte er gerade über den geächteten Platz gehen oder einen höchst unbequemen Umweg machen. Aus Aberglaube, der mit all seinen Gewohnheiten und Meinungen verwebt war, bekreuzigte er sich, und seinen Stoßdegen losmachend, damit ihm der Beistand der guten Waffe nötigenfalls nicht fehle, ging er durch die von den verachteten Toten bewohnte Heide, als sich eine menschliche Gestalt aus dem Grase erhob und in Gedanken versunken einherging. Wieder faßte Don Camillo den Griff seines Degens, dann, seitwärts gehend, um den Vorteil des Mondlichtes zu haben, näherte er sich dem Fremden. Sein Fußtritt ward gehört, denn der andere blieb stehen, betrachtete den Kavalier mit übereinandergelegten Armen, gleichsam seine Friedfertigkeit andeutend, und erwartete dessen Annäherung.

»Du hast eine melancholische Stunde zu deinem Spaziergang erwählt, Freund«, sagte der junge Neapolitaner, »und einen noch düstereren Schauplatz.«

Bei diesen Worten kehrte der Fremde das Gesicht dem Monde zu, so daß dessen sanftes Licht seine Züge erhellte. »Jacopo!« rief der Herzog, zurücktretend, wie es gewöhnlich ein jeder in Venedig tat, wenn er diesem Auge unerwartet begegnete.

»Signore, ich bin’s.«

Im Augenblick glänzte die Waffe Don Camillos im Mondschein.

»Nicht zu nahe, Bösewicht, und erkläre dich über den Grund, der dich hierherführt, meine Einsamkeit zu stören.«

Der Bravo lächelte, doch blieben seine Arme übereinandergelegt.

»Ich könnte mit ebenso vielem Recht den Herzog von Sant‘ Agata fragen, weswegen er zu dieser Stunde hier wandelt.«

»Wenn irgend jemand in Venedig es für ratsam gehalten hat, dich gegen mich auszusenden, so wirst du all deines Mutes und deiner Geschicklichkeit bedürfen, bevor du deinen Lohn erntest.«

»Stecken Sie Ihren Degen ein, Don Camillo, hier ist niemand, der Ihnen Leides tun will. Glauben Sie denn, daß ich Sie hier suchen würde, wenn ich gedungen wär, wie Sie meinen? Fragen Sie sich doch selbst, ob ich von Ihrem Besuch hier wissen konnte oder ob ihn nicht vielmehr die müßige Laune eines jungen Mannes veranlaßte, der sein Bett weniger bequem als seine Gondel findet. Bei früheren Zusammenkünften pflegten Sie, Herr Herzog, meiner Ehre weniger zu mißtrauen.«

»Du hast recht, Jacopo«, erwiderte der Herzog, seinen Degen senkend, doch zögerte er noch, die Spitze wegzuwenden. »Du sprichst Wahrheit: Mein Besuch hier ist freilich Zufall, und du konntest ihn möglicherweise nicht voraussehen. Aber warum bist du hier?«

»Ich bin hier, Don Camillo, weil mein Geist mehr Raum verlangt. Ich bedarf der frischen Seeluft, die Kanäle ersticken mich, nur hier auf dieser Sandbank kann ich frei atmen.«

»Du hast andere Gründe, Jacopo.«

»Nun ja, Signore – mir ekelt’s vor jener Stadt voller Verbrechen.«

Bei diesen Worten schüttelte der Bravo, auf die Kuppeln des St. Markus hinzeigend, die Hand, und der ernste Ton seiner Stimme schien aus dem tiefsten Grunde seines Herzens zu kommen.

»Das ist eine sonderbare Sprache für einen …«

»… Bravo! Sprechen Sie das Wort nur dreist aus, Signore, es ist meinen Ohren nicht fremd. Doch im Vergleich mit dem sogenannten Schwerte der Gerechtigkeit, das St. Markus führt, ist der Dolch eines Bravo ehrenvoll! Der niedrigste Mietling Italiens, der seinen Dolch für zwei Zechinen in seines Freundes Herz stößt, ist ein offen handelnder Mann gegen die schonungslose Verräterei einiger in der Stadt da vor uns!«

»Ich verstehe dich, Jacopo, du bist endlich verbannt. Die öffentliche Stimme, wie schwach sie auch in der Republik vernommen wird, hat endlich die Ohren derer erreicht, die dich gebraucht haben, und sie haben dir ihren Schutz entzogen.«

Jacopo sah den Herzog einen Augenblick mit so zweideutiger Miene an, daß dieser letztere unwillkürlich die Spitze seines Degens erhob, doch antwortete er mit seiner gewöhnlichen Ruhe.

»Herr Herzog«, sagte er, »ich darf mich der Ehre rühmen, daß meine Dienste schon von einem Don Camillo Monforte in Anspruch genommen wurden.«

»Das leugne ich nicht – und jetzt, da du mich daran erinnerst, geht mir ein neues Licht auf. Niederträchtiger, durch deine Treulosigkeit verlor ich meine Frau!«

Obwohl der Degen dicht an Jacopos Kehle schwebte, rührte sich dieser nicht. Seinen aufgeregten Gefährten betrachtend, lachte er gedämpft, doch bitter.

»Es scheint fast, als wolle mich der Herzog von Sant‘ Agata meines Handwerks berauben«, sagte er.

»Deine Dreistigkeit hilft dir zu nichts, Schurke, du weißt, daß ich dich zum Anführer einer erwählten Bande werben wollte, um die Flucht einer teuern Person zu bewerkstelligen.«

»Nichts ist wahrer als dies, Signore.«

»Und du schlugst mir diesen Dienst ab?«

»Das tat ich, edler Herzog.«

»Nicht zufrieden damit, verkauftest du, als du die näheren Umstände meines Planes erfahren, mein Geheimnis dem Senate?« »Don Camillo Monforte, das tat ich nicht. Meine Verpflichtung gegen den Senat erlaubte mir nicht, Ihnen zu dienen; sonst, bei jenen lichten Sternen des Himmels, hätte es mein Herz erfreut, Zeuge des Glücks eines jungen und treuen Paares zu sein. Nein – nein – nein, die kennen mich nicht, die da glauben, ich könne mich nicht freuen über das Glück anderer. Ich sagte Ihnen, daß ich dem Senate verpflichtet wäre – und damit war die Sache abgetan.«

»Und ich war so schwach, dir zu glauben, Jacopo, denn dein Charakter ist ein so sonderbares Gemisch von Gutem und Bösem, und dein Ruf für Treue und Zuverlässigkeit ist so groß, daß mich deine scheinbare Freimütigkeit sicher machte. Kerl, man betrog mich, und zwar in demselben Augenblick, als ich fest auf den besten Ausgang rechnete. Meine Gondel haben sie nachgeahmt – meine Livree kopiert – mein Weib gestohlen. Du antwortest nicht, Jacopo?«

»Welche Antwort wollen Sie haben? Sie sind in einem Staate getäuscht worden, dessen Fürst selbst seinem eigenen Weibe seine Geheimnisse nicht anzuvertrauen wagt. Sie gedachten Venedig einer Erbin zu berauben, und Venedig raubte Ihnen Ihre Frau. Sie spielten hoch, Don Camillo, und verloren einen schweren Einsatz. Sie dachten an Ihre eigenen Wünsche und Rechte, während Sie vorgaben, für Venedig bei dem Spanier zu wirken.«

Don Camillo trat zurück vor Erstaunen.

»Warum nimmt Sie dies wunder, Signore? Sie vergessen, daß ich viel unter denen lebte, die den möglichen Ausgang jedes politischen Interesses berechnen. Ihre Heirat ist für Venedig, das des Bräutigams fast ebensosehr bedarf als der Braut, doppelt unangenehm. Der Rat hatte seit langem die Aufgebote untersagt.«

»Ja – aber die Weise? Erzähle mir, auf welche Weise, durch was für Mittel ward ich betrogen, sonst muß ich dich selbst des Betrugs beschuldigen.«

»Signore, selbst die Marmorsteine der Stadt erzählen dem Staate ihre Geheimnisse. Vieles sah ich, und vieles verstand ich, während mich meine Obern nur als ihr bloßes Werkzeug betrachteten, doch viel von dem Gesehenen haben selbst die nicht begriffen, die mich gebrauchten. Ich hätte Ihnen den Ausgang Ihrer Vermählung vorhersagen können, wenn ich darum gewußt hätte.«

»Das hättest du doch nur als Mithelfer ihrer Verräterei tun können.«

»Die Pläne der Eigennützigen kann man allenfalls erraten; nur der Großmütige und Rechtschaffene vereitelt alle Berechnungen. Wer das gegenwärtige Interesse der Republik zu erkennen vermag, wird Herr ihrer teuersten Staatsgeheimnisse, denn sie verfolgt ihre einmal entworfenen Pläne; es sei denn, daß sie sie zu teuer zu stehen kommen. Was die Mittel anbelangt – wie kann’s in einem Haushalt wie dem Ihrigen daran fehlen, Signore?«

»Traute ich doch nur bewährten Leuten.«

»Don Camillo, in Ihrem Palaste ist kein einziger Diener, Gino ausgenommen, den nicht der Senat oder dessen Helfershelfer im Solde hätten. Selbst die Gondolieri, die Sie tagtäglich nach den Vergnügungsorten rudern, sind mit den Zechinen der Republik bestochen. Ja, nicht allein Sie zu bewachen, werden sie bezahlt, sondern auch sich selbst gegenseitig zu belauschen.«

»Kann das wahr sein!«

»Zweifelten Sie je daran, Signore?« fragte Jacopo, als wundere ihn des andern Einfalt.

»Ich kannte sie wohl als falsch – als Treue heuchelnd, deren sie im geheimen spotten; doch glaubte ich nicht, daß sie es wagen könnten, sich unter meine Diener zu mischen. Durch dies Untergraben aller Familiensicherheit wird die menschliche Gesellschaft bis in die Wurzel zerstört.«

»Sie sprechen wie jemand, der noch nicht lange verheiratet ist, Signore«, sagte der Bravo mit einem hohlen Gelächter. »Nach einem Jahre wissen Sie vielleicht, daß Ihr eigenes Weib Ihre geheimsten Gedanken für Gold verraten kann.«

»Und du dienst ihnen, Jacopo?«

»Wer tut’s nicht auf irgendeine seinen Neigungen angemessene Weise? Wir sind nicht Herren des Schicksal, Don Camillo, sonst würde der Herzog von Sant‘ Agata seinen Einfluß bei seinem Verwandten nicht zum Vorteil der Republik angewandt haben. Was ich getan habe, geschah nicht, ohne es bitter zu bereuen und ohne einen schmerzlichen Seelenkampf, den Ihre leichtere Dienstbarkeit Ihnen vielleicht erspart hat, Signore.«

»Armer Jacopo!«

»Wenn ich dies alles überleben konnte, so geschah es, weil mich ein Mächtigerer als der Staat nicht verlassen hat. Doch es gibt Verbrechen, Don Camillo, die zu ertragen Menschenkräfte nicht hinreichen.«

Der Bravo schauderte und schritt schweigend weiter.

»Also selbst für dich sind sie zu unbarmherzig gewesen?« fragte Don Camillo, die zusammengezogenen Augenbrauen und die sich hebende Brust seines Gefährten erstaunt betrachtend.

»Ja, Signore. Ich war diese Nacht Augenzeuge eines Beispiels ihrer Herz- und Treulosigkeit, und das lenkte meinen Sinn auf mein eigenes Schicksal. Die Täuschung ist vorüber: Von jetzt an diene ich ihnen nicht länger.«

Der Bravo sprach mit tiefem Gefühl und, wie sonderbar es auch für einen solchen Mann war, mit einer Miene, darin der Herzog verwundete Redlichkeit zu erblicken glaubte. Don Camillo wußte, daß es keinen Stand im Leben gäbe, wie verachtet und verlassen er auch von der Welt sei, der nicht seine eigentümlichen Meinungen hegte über die seinen Genossen schuldige Treue; andererseits hatte er genug von den Schlangenwegen der venezianischen Oligarchie gesehen, um zu begreifen, wie es nicht unmöglich sei, daß ihre schamlose und unverantwortliche Falschheit selbst die Grundsätze eines Meuchelmörders beleidigen konnte. Das schnöde Handwerk dieser Klasse war in Italien, und besonders in jenen Tagen, mit geringerer Schande verbunden, als man es in einem andern Lande glauben wird. Denn die Grundmängel und die schlechte Verwaltung der Gesetze vermochten ein so sehr reizbares Volk nur zu oft, sich mit eigener Hand Recht zu verschaffen. Gewohnheit verringerte das Gehässige des Verbrechens noch mehr, und wenn auch die Gesellschaft den Meuchelmörder selbst nicht unter sich litt, so ist es doch nicht zuviel gesagt, daß jeder, der sich seiner bediente, mit Abscheu betrachtet wurde. Doch war es nicht gewöhnlich, daß sich Edelleute wie Don Camillo, außer was den verlangten Dienst betraf, mit Leuten von Jacopos Gewerbe einließen; aber die Sprache und das Benehmen des Bravo erregten die Neugier und selbst das Mitgefühl seines Gefährten in so hohem Grade, daß dieser letztere, ohne es zu wissen, seinen Degen einsteckte und näher trat.

»Deine Buße und Reue können dich der Tugend näher bringen«, sagte er, »als das bloße Verlassen der Dienste des Senats. Suche dir irgendeinen frommen Priester und erleichtere deine Seele durch Beichte und Gebet.«

Der Bravo zitterte am ganzen Leibe, und sein Blick haftete sehnsüchtig auf dem Gesicht des andern.

»Sprich, Jacopo, selbst ich will dich anhören, wenn du deine Brust von der Last befreien willst.«

»Ich danke, edler Signore! Ich danke tausendmal für diesen Schimmer von Teilnahme, der mir seit langem nicht geworden ist. Niemand weiß besser, wieviel ein freundliches Wort wert ist, als wer wie ich von allen verurteilt wird. Ich habe gebeten – ich habe gefleht – ich habe geweint um ein williges Ohr für meine Erzählung, und ich glaubte einen gefunden zu haben, der mich ohne Verachtung anhören würde, da traf ihn die kalte Politik des Senats. Ich kam hierher, da brachte uns der Zufall zusammen. Könnte ich …« der Bravo hielt inne und sah wieder zweifelnd den andern an.

»Sprich weiter, Jacopo.«

»Ich wagte es nicht einmal, meine Geheimnisse dem Beichtstuhl anzuvertrauen, Signore, und ich sollte so dreist sein, sie Ihnen mitzuteilen?«

»Es ist die Wahrheit ein sonderbares Begehren!«

»Das ist es, Signore! Sie sind ein Edelmann, ich bin von niederer Geburt, Ihre Vorfahren waren Senatoren und Dogen von Venedig, während die meinen, seitdem die Fischer zuerst ihre Hütten bauten auf den Lagunen, Arbeiter auf den Kanälen und Ruderer der Gondeln waren! Sie sind mächtig, reich und geehrt, während ich geächtet und, ich fürchte, im geheimen verurteilt bin, kurz, Sie sind Don Camillo Monforte und ich Jacopo Frontoni.«

»Dein Fall ist höchst traurig, Jacopo! – Du bedarfst geistlichen Rates.«

»Hier ist kein Priester, und ich trage eine Last, die mich erdrückt. Der einzige Mann, der mir seit drei langen, schrecklichen Jahren Teilnahme bewiesen, ist fort.«

»Er wird ja wiederkehren, armer Jacopo.«

»Signore, der kehrt nie wieder, der ist bei den Fischen der Lagunen. Durch die Gerechtigkeit der erlauchten Republik«, sagte der Bravo mit bitterem Lächeln.

»Jacopo, ich will dich anhören – ich will dich anhören, armer Jacopo!« rief Don Camillo, erschüttert über den Anblick des Schmerzes eines Mannes von so kräftiger Natur.

Ein Wink des Bravo machte ihn schweigen, und Jacopo, nachdem er einen Augenblick mit sich selbst gekämpft hatte, sprach endlich: »Sie retten eine Seele vom Verderben, Signore. – Doch, Sie wollen meine Geschichte anhören, Signore – Sie werden die Beichte eines Bravo nicht verschmähen?«

»Ich versprach es dir. Sei kurz, denn eben jetzt hab ich selbst großen Kummer.«

Jacopo bemühte sich, Herr seiner Empfindungen zu werden, und begann seine Erzählung.

Der Herzog von Sant‘ Agata wagte kaum zu atmen, während ihm Jacopo mit den energischen Worten und Gefühlen, die dem italienischen Charakter so eigen sind, seinen geheimen Kummer und die Szenen schilderte, in denen er als handelnde Person aufgetreten war. Er war noch lange nicht am Ende seiner Geschichte, so hatte Don Camillo schon der eigenen Sorgen vergessen, jede Spur von Widerwillen verschwand und machte einem unwiderstehlichen Mitleid Platz.

Als der Bravo schwieg, standen sie am äußersten Strande des Lido und hörten das dumpfe Branden des Adriatischen Meeres.

»Das übertrifft allen Glauben!« rief Don Camillo nach einer langen Pause aus, die nur durch den Zu- und Abfluß der rauschenden Wogen unterbrochen ward.

»Signore, so wahr mir die heilige Maria gütig sei, es ist nur die Wahrheit!«

»Ich zweifle nicht daran, Jacopo, armer Jacopo! Einer so vorgetragenen Erzählung muß ich glauben! Du bist in der Tat das Opfer ihrer höllischen Falschheit geworden, und wohl magst du sagen, die Last war nicht mehr zu ertragen. – Was ist nun deine Absicht?«

»Ich diene ihnen nicht länger, Don Camillo – ich erwarte nur noch den letzten feierlichen Auftritt, der nun gewiß ist, und dann verlasse ich diese Stadt des Betruges und suche mein Glück in andern Regionen. Sie haben meine Jugend zerstört und meinen Namen gebrandmarkt – Gott lindert vielleicht einst meinen Schmerz!«

»Jacopo – armer Jacopo! Du sollst mein Diener werden! – Ich bin Herr auf meinen Grundbesitzen, und bin ich erst mit dieser scheinheiligen Republik auseinander, dann will ich für deine Sicherheit und für dein Glück sorgen. In Hinsicht deines Gewissens beruhige dich: Ich habe Einfluß beim Heiligen Stuhl, und du sollst der Absolution nicht ermangeln.«

Die Dankbarkeit des Bravo war lebhaft, obgleich sie sich mehr in Gefühlen als Worten aussprach.

»Bei einem Regierungssystem wie dem venezianischen«, fuhr der nachdenkende Herzog fort, »kann niemand Herr seiner Handlungen bleiben. Solch ein Gewebe von Hinterlist ist stärker als der Wille. Ich fürchte, daß ich selbst dieser verräterischen Macht Opfer gebracht habe, die ich in Vergessenheit begraben wünschte.«

Obgleich diese Worte Don Camillos mehr ein Selbstgespräch als eine an seinen Gefährten gerichtete Rede waren, so ließ sich doch deutlich an der Reihenfolge seiner Gedanken sehen, daß Jacopos Erzählung unangenehme Betrachtungen in ihm anregten über die Weise, wie er seine eigenen Ansprüche beim Senat geltend zu machen gesucht.

Jacopo sagte einige allgemeine Worte, die aber doch die Absicht hatten, Don Camillo zu beruhigen. Hierauf lenkte er das Gespräch mit einer seine Fähigkeit zu den vielen und delikaten ihm übertragenen Geschäften bekundenden Gewandtheit auf die kürzlich geschehene Entführung der Donna Violetta und bot seinem neuen Gebieter zur Wiedererlangung seiner Frau alle Dienste an, die er nur immer zu leisten imstande sei.

»Damit du alles weißt, wozu du dich verpflichtest«, erwiderte Don Camillo, »so höre mich an, Jacopo, ich will deinem Scharfsinn nichts verbergen.«

Der Herzog von Sant‘ Agata setzte nun dem Bravo alle seine Absichten und Pläne sowie sämtliche Begebenheiten mit kurzen, doch klaren Worten auseinander.

Der Bravo hörte alles mit der größten Aufmerksamkeit an, und mehr als einmal lächelte er bei der Erzählung des anderen, wie jemand, dem die geheimen Mittel wohl bekannt sind, durch die diese oder jene Intrige vollbracht worden war. Eben war die Erzählung zu Ende, da kündeten Fußtritte die Rückkehr Ginos an.

Erstes Kapitel

Erstes Kapitel

Die Sonne war hinter den Tiroler Alpen verschwunden, und schon begann der Mond über die niedere Fläche des Lido aufzusteigen. Gleich einem Strome, der sich durch einen engen Kanal in ein geräumiges, schäumendes Becken ergießt, zwängten sich aus den schmalen Gassen Venedigs Hunderte von Fußgängern hervor nach dem St. Markusplatze. Stolze Cavalieri und gravitätische Cittadini, dalmatische Krieger und venezianische Matrosen, ehrsame Bürgerfrauen und Damen von feineren Sitten, Juwelenhändler vom Rialto und Kaufleute aus der Levante, Jude, Türke, Christ, Reisender, Abenteurer, Podesta, Kammerdiener, Advokat und Gondoliere – alle zogen nach dem einen gemeinschaftlichen Mittelpunkte der Erholung. Der geschäftige und der nachlässige Blick, der gemessene Schritt und das prüfende Auge, Scherz und Gelächter, der Cantatrice Lied und die Melodie der Flöte, die drolligen Gebärden eines Lustigmachers und das tragische Zürnen des Improvisators, das gezwungene melancholische Lächeln des Harfners und das Geschrei der Wasserverkäufer, Mönchskapuzen, Federbüsche – dies Durcheinandergesumme, dieses mannigfache Hin- und Her-Gedränge, verbunden mit den unbeweglicheren Gegenständen des Ortes, machte den Auftritt zu dem eigentümlichsten, den man finden konnte.

Auf der Grenzlinie liegend, die das westliche Europa von dem östlichen scheidet, und mit dem letzteren in ununterbrochenem Verkehr, besaß Venedig eine größere Mischung der Charaktere und der Kostüme als irgendeiner der zahlreichen Häfen dieser Gegend. Zur genannten Stunde waren die Kaffeehäuser und Kasinos in den die drei Seiten der länglich viereckigen, großen Piazza umgebenden Portikos mit Gesellschaft schon überfüllt, und das Menschengewimmel auf dem freien Platze selbst ward daher zusehends größer.

Tausende von Fackeln und Lampen erleuchteten die Arkaden mit hellem Glänze, während die Prokurazien, eine Flucht von großartigen Gebäuden, der massive Palast des Dogen, die Kirche, eine der ältesten in der ganzen Christenheit, die Granitsäulen der Piazetta, die Siegesmasten des großen Platzes und der schwindelerregend hohe Campanile in dem milderen Mondesstrahle schlummerten.

Der geräumigen Fläche des großen Platzes die Vorderseite zukehrend, standen die groteske und ehrwürdige Kathedrale des San Marco und die übrigen Monumente des Platzes als ein Denkmal von der alten Herrlichkeit und Größe der Republik.

Neben diesem Bau tat sich manch andere bemerkenswerte Zier des Platzes hervor. Der Fuß des Campanile lag tief im Schatten, während die Ostseite des grauen Gipfels wohl hundert Fuß abwärts vom vollen Mondlichte beglänzt war. Am andern Ende des kleinen Platzes, nahe der Seeküste, erhoben sich auf ihren Säulen von afrikanischem Granit hier der geflügelte Löwe des Markus, dort Theodor, der Schutzheilige der Stadt, sich gegen den azurnen Hintergrund deutlich abhebend.

Am Fuße der Markussäule stand ein Mann, der in die belebte und auffallende Szene vor seinen Augen, wie es schien, mit der achtlosen Gleichgültigkeit der Gewohnheit schaute. Die Menge, zum Teil maskiert, zum Teil nicht vermeidend, daß man sie kenne, war den Damm entlang in die Piazetta geströmt, um den Hauptplatz zu erreichen, während jener Mann kaum einen Blick seitwärts warf. Er stand wie jemand, der gewohnt ist, mit Geduld und Gehorsam dem Vergnügen anderer zu dienen und auf den Wink seines Herrn zu warten, ehe er sich vom Fleck rührte. Eine seidene Jacke mit Blumen in glänzenden Farben durchwirkt, der umgelegte Scharlachkragen und die vorn mit einem Wappen gestickte Samtmütze verrieten einen Gondoliere in Privatdiensten.

Überdrüssig der Possen einer etwas entfernten Gauklerbande, wandte er sich dem leichten Lüftchen zu, das aus dem Wasser aufstieg, als plötzlich die Freude des Wiedererkennens durch seine Züge leuchtete, und im Augenblick hatte er seinen Arm in den eines schwarzbraunen Seemannes eingehängt, der die lose Kleidung und die phrygische Mütze seines Standes trug.

»Du bist’s, Stefano! Sagten sie doch, du wärst den verdammten Barbaren in die Klauen geraten und pflanztest Blumen für einen Ungläubigen mit deinen Händen und begössest sie mit deinen Tränen.«

Mit derber Vertraulichkeit erwiderte der Seemann: »›La bella Sorrentina‹ ist keine Dirne, die Siesta hielte mit einem tunesischen Kaper, der sie umschwärmt. Wärst du je übern Lido rausgekommen, so wüßtest du, daß es was anderes ist, Jagd zu machen auf die Feluke, und was anders, sie zu fangen.«

»Danke San Teodoro für die Rettung!«

Der Seemann warf einen halb komischen, halb ernsten Blick hinauf zum Bilde des Schutzpatrons und sagte dann: »Die Flügel deines Löwen hätten wir besser brauchen können als die Gunst deines Heiligen. Ich versteige mich mit Bitten um Beistand nicht weiter nördlich als zum heiligen Januarius, und wenn ein Orkan losheulte.«

»Desto schlimmer für dich, caro, denn der gute Bischof versteht sich wohl drauf, die Lava zu hemmen, aber nicht, die Winde zu stillen. Aber war denn wirklich Gefahr, die Feluke und ihre brave Mannschaft an die Türken zu verlieren?«

»Ja, wahrhaftig, es schwärmte ein Tuneser zwischen Stromboli und Sizilien, aber leichter hätt er die Wolke überm Vulkan gehascht als die Feluke im Schirokko! Aber wie steht’s in Venedig? – Und du, was tust du derzeit in den Kanälen, um die Blumen auf deiner Jacke frisch zu halten?« »Heut wie gestern und morgen wie heute. Ich rudere die Gondel vom Rialto zur Giudecca, vom San Giorgio zum San Marco, vom San Marco zum Lido und vom Lido nach Hause. Auf dem Wege gibt’s keine tunesischen Kaper.«

»Aber ist nichts los in der Republik?«

»Nichts von Bedeutung, das ich wüßte – außer dem Unglück, das dem Pietro begegnet ist. Du erinnerst dich noch des Petrillo? Der einst mit dir nach Dalmatien kreuzte als Superkargo, weil er just in Verdacht war, dem jungen Franken geholfen zu haben, der mit einer Senatorstochter durchging.«

»Ob ich noch denk an die letzte Hungersnot? Der Spitzbube tat nichts als Makkaroni fressen und den Lacrimae Christi schlürfen, den der dalmatische Graf an Bord hatte.«

»Poverino! Seine Gondel ward von einem Ankonaschiff niedergerannt. Das ging drüber weg wie ein Senator, der eine Fliege zertritt.«

»Klein Fisch muß nicht in tief Wasser!«

»Der ehrliche Kerl fuhr über die Giudecca mit einem Fremden, der sein Gebet im Redentore verrichten wollte. Da schoß ihm die Brigg in den Baldachin und schlug die Gondel in Stücke, als war’s ’ne Wasserblase gewesen, die der Buzentaur zurückläßt.«

»Der Padrone hätt so großmütig sein sollen, über Pietros Dummheit nicht zu klagen, da der ja seine Strafe ohnehin hatte.«

»Madre di dio! Der Padrone ging zur Stund in See, oder er wäre Futter für die Fische in den Lagunen geworden! Da ist kein Gondoliere in ganz Venedig, der nicht den Schimpf im Herzen fühlte. Wir wissen uns so gut Recht zu schaffen als unsere Herren.«

»Ei nu, eine Gondel ist so gut sterblich wie ’ne Feluke, und jedes hat seine Zeit. Besser, am Stoß einer Brigg sterben, als in die Klauen eines Türken fallen! – Was macht dein junger Herr, Gino? Ist’s zu hoffen, daß er seine Ansprüche beim Senat durchsetzt?«

»Morgens kühlt er sich in der Giudecca ab, und willst du wissen, was er abends macht, sieh dich nur um unter den Edeln im Broglio.«

Indem er sprach, warf der Gondoliere einen Blick seitwärts auf eine Gruppe Patrizier, die unter den schattigen Arkaden am Palast des Dogen umherwandelten, einem Ort, der zu gewissen Zeiten nur den Bevorrechteten verstattet war.

»Mir ist nicht unbekannt, daß die Edeln von Venedig zur Abendzeit die niedrige Kolonnade da zu besuchen pflegen, aber daß sie sich in der Giudecca baden, hab ich mein Lebtag nicht gehört.«

»Wir waren eben in der Näh, als das Ankonaschiff das Kunststück machte. Während Giorgio und ich vor Wut schäumten über die Tölpelei des Fremden, sprang mein junger Herr, der, was Gondelfahren anlangt, nicht viel Kenntnis hat, ins Wasser und rettete die junge Dame, damit es ihr nicht wie ihrem Onkel erginge.«

»Diavolo! Du hast mir noch keine Silbe gesagt von einer jungen Dame und dem Tod ihres Onkels.«

»Ach, du hattest deinen Tunesen im Kopf und hast’s vergessen. Ich muß dir ja doch gesagt haben, wie nah die schöne Signora dran war, das Schicksal der Gondel zu teilen, und wie der Padrone den Tod des römischen Marchese auch auf seiner Seele hat.«

»Santo Padre! Daß ein Christ den Tod eines gehetzten Hundes sterben soll durch die Unachtsamkeit eines Gondoliere!«

»Es mag ein Glück für den von Ankona gewesen sein, daß es so kam, denn der Römer, sagen sie, war ein Mann von Bedeutung, daß er allenfalls hätte auch einen Senator über die Seufzerbrücke spedieren können.«

»Hol der Teufel alle unachtsamen Schiffsleute, sag ich! – Was ist aus dem linkischen Schurken geworden?«

»Ich sag dir, er machte, daß er aus dem Lido kam, oder –«

»Pietrillo?«

»Den holte Giorgio mit der Ruderstange herauf, denn wir waren alle beide hinterher, die Kissen und andere Sachen von Wert aufzufischen.«

»Konntest du für den armen Römer gar nichts tun?«

»Für den Fremden konnten wir nichts tun als beten zu San Teodoro, denn er ist nicht wieder aufgestanden. – Aber was hat dich hergebracht nach Venedig, caro mio?«

Der Kalabrese legte einen Finger auf die eine Backe und zog damit die Haut nach unten, so daß sein dunkles, schelmisches Auge ein possenhaftes Aussehen bekam.

»Schau doch, Gino – fordert nicht dein Herr manchmal seine Gondel zwischen Sonnenuntergang und Morgen?«

»Ein Eul‘ ist nicht wachsamer, als er in letzter Zeit war. Dieser mein Kopf lag auf keinem Kissen, ehe die Sonne über den Lido raufkam, nun schon seit der Schnee schmolz von Monselice.«

»He? Und wenn die Sonne des Angesichts deines Herrn unter ist in seinem Palaste, dann läufst du zur Rialtobrücke, zu den Juwelieren und Fleischern, und posaunst aus, was er die Nacht durch getan hat?«

»Diamine! Das war die letzte Nacht meines Dienstes beim Herzog von Sant‘ Agata, wäre meine Zunge so schlüpfrig! Der Gondoliere und der Beichtiger, das sind die beiden Geheimräte eines Edeln, Meister Stefano, ’s ist nur der kleine Unterschied, daß der letztere bloß weiß, was ihm der Sünder enthüllen will, der erstere aber weiß manchmal mehr. Da kann ich was Besseres tun, als mit meines Herrn Geheimnissen in den Straßen umherzulaufen!«

»Und ich bin auch klüger, als daß ich jeden Trödler von San Marco sollt in meinen Frachtbrief gucken lassen!«

»He, alter Freund, ’s ist bei alledem ein Unterschied zwischen unser beider Geschäft. Ein Padrone von einer Feluke kann sich billigerweise nicht messen mit dem so überaus vertrauten Gondoliere eines neapolitanischen Herzogs, der Anwartschaft hat auf einen Sitz im Rate der Dreihundert.«

»Just der Unterschied zwischen still Wasser und rauhem. – Du kräuselst die Oberfläche eines Kanals mit deinem schläfrigen Ruder. Ich aber, ich streiche übers Adriatische Gewässer, vor einem Schirokko her, der heiß genug ist, meine Makkaroni zu kochen und die See schäumen zu machen.«

»St!« unterbrach ihn plötzlich der Gondoliere, der sich mit italienischem Humor, doch ohne wirklichen Eifer in den Rangstreit eingelassen hatte. »St! Da kommt einer, der sonst glauben möchte, wir bedürften seiner Faust, um den Streit zu schlichten. – Eccolo«

Der Kalabrese trat einen Schritt zurück und betrachtete schweigend und mit düsterm, gespanntem Blick den Vorübergehenden, der diese schnelle Bemerkung veranlaßt hatte. Der Fremde ging langsam vorbei, ein Mann, noch nicht dreißig Jahre alt, obwohl der ruhige Ernst seiner Züge ein vorgerückteres Alter vermuten ließ. In seinen Wangen war kein Blutstropfen – aber mehr geistige Leiden als körperliche schienen sie gebleicht zu haben. Gesundheit verriet sonst der starke, muskulöse Bau seines Körpers, der, gewandt und geschmeidig, doch alle Zeichen der Kraft an sich trug. Sein Schritt war sicher, fest und gleichförmig; er hielt sich aufrecht und leicht. In seinen Mienen konnte dem Beobachter ein hervorstechender Zug von Selbstbeherrschung kaum entgehen. Seine Bekleidung aber gehörte dem niederen Stande an. Ein Wams von geringem Samt, eine dunkle Monteromütze, dergleichen in den südlichen Gegenden Europas damals gebräuchlich war, und andere Kleidungsstücke ähnlicher Art machten seinen Anzug aus. Sein Blick war eher schwermütig als finster, und dessen Festigkeit stimmte gut zu der ruhigen Haltung des ganzen Körpers. Die Gesichtszüge waren kühn und wohl edel zu nennen, und aus diesen auffallenden Zügen hervor blitzte ein Auge voll Feuer, Klugheit und Leidenschaft. Indem der Fremde vorüberging, streiften seine glänzenden Augen den Gondoliere und dessen Gefährten, aber dieser Blick, obgleich durchdringend, war doch anteillos, einer von jenen Streifblicken, die Menschen, die zu Mißtrauen Ursache haben, in die Menge zu werfen pflegen. Derselbe Blick traf jeden Nächsten, der entgegenkam, und ehe sich die feste, gehaltene Gestalt im Gedränge verlor, hatte das unstete Auge mit seinem schnellen, blitzenden Strahl wohl zwanzig andere berührt.

Der Gondoliere und der Seemann schwiegen still, bis sie den Fremden, dem sie starr nachsahen, gänzlich aus den Augen verloren hatten. Dann stieß der erstere eintönig und mit tiefem Atemzuge hervor: »Jacopo!«

Sein Kamerad hob drei Finger auf, verstohlen auf den Palast des Dogen deutend: »Lassen sie den so frei umherlaufen, selbst in San Marco?« fragte er mit unverstelltem Erstaunen.

»’s ist nicht leicht, caro amico, Wasser stromauf treiben oder den Strom, wo er hinabstürzt, hemmen. Die meisten Senatoren, sagt man, würden lieber ihre Aussicht auf die gehörnte Mütze fahrenlassen als diesen Jacopo! Er kennt mehr Familiengeheimnisse als der gute Prior von San Marco, und doch sitzt der arme Mann die Hälfte seiner Zeit im Beichtstuhl.«

»Aha, sie haben Furcht, ihm ein eisern Wams anzulegen, damit nicht Geheimnisse ungeschickt ausgepreßt werden.«

»Corpo di Bacco! ’s war wenig Frieden in Venedig, wenn sich’s der Rat der Drei einfallen ließ, die Zunge jenes Mannes so plump frei zu machen.«

»Man sagt aber, Gino, daß der Rat der Drei eine Manier hat, die Fische der Lagunen zu füttern, die den Verdacht auf irgendein so unglückliches Ankonaschiff werfen könnte, wenn man je den Leichnam fände.«

»He, du brauchst das nicht so laut zu schreien, wenn sich’s auch so verhält. Wahrhaftig, es gibt wenig Geschäftsleute, denen man mehr Kundschaft zutraut als dem, der eben nach der Piazetta ging.«

»So, für zwei Zechinen!« setzte der Kalabrese mit einer erläuternden Gebärde hinzu.

»Santa Madonna! Du vergissest, Stefano, daß der Beichtvater keine Mühe hat, wenn dieser einen expediert. Von seiner Faust hast du den Stoß nicht einen Deut wohlfeiler als hundert Zechinen. Deine Sorte für zwei Zechinen läßt ja einem Manne Zeit, Geschichten zu erzählen oder gar seinen Segen zu beten während der halben Arbeit.«

»Jacopo!« rief der andere mit einem Nachdruck, der all seinen Abscheu und sein Entsetzen gleichsam in einen Laut zu fassen schien.

Der Gondoliere zuckte die Achseln.

»Stefano Milano«, sagte er nach einer Pause, »es gibt Dinge in Venedig, die ein Mann, der seine Makkaroni in Frieden essen will, wohltut, zu vergessen. Mag dein Geschäft hier sein, was es wollte, du kommst gelegen, dem Wettfahren beizuwohnen, das der Staat selber morgen gibt.«

»Wirst du beim Rennen dabeisein?«

»Georgio oder ich, unterm Schutz des heiligen Theodor. Der Preis ist eine silberne Gondel für den, der durch Glück oder Geschicklichkeit den Sieg davonträgt.«

»Gino!« sagte eine befehlende Stimme neben dem Gondoliere.

»Signore.«

Der Mann, der das Gespräch unterbrochen hatte, deutete auf das Boot, ohne weiter ein Wort zu sagen.

»A rivederti«, murmelte der Gondoliere in Hast. Sein Kamerad drückte ihm ganz freundschaftlich die Hand – denn eigentlich waren sie geborene Landsleute, obgleich das wandelbare Schicksal den einen in die Kanäle geführt hatte –, und im nächsten Augenblick ordnete Gino die Kissen für seinen Herrn, nachdem er zuvor seinen ihm unterstellten Rudergesellen aus tiefem Schlaf geweckt hatte.

Zehntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Sobald die drei Gondeln die Seite des Buzentauren erreichten, blieb der Fischer ein wenig zurück, als mißtraute er seinem Rechte, vor die Augen des Senats zu treten. Man befahl ihm indes hinaufzusteigen und bedeutete seinen beiden Gefährten, ihm zu folgen.

Die Edeln in ihrer Amtskleidung bildeten eine lange imposante Reihe vom Schiffsgange bis zum Spiegel, wo der Scheinsouverän dieser Scheinrepublik saß, von seinen hohen Staatsbeamten umringt.

»Tritt näher«, sagte der Fürst mit mildem Tone, da er bemerkte, daß der alte Mann, der die Sieger anführte, vorzutreten zögerte. »Du bist der Sieger, Fischer, und dir habe ich den Preis zu überantworten.«

Antonio beugte ein Knie auf dem Verdeck und senkte sein Haupt tief, bevor er gehorchte. Dann faßte er Mut, trat dem Dogen näher und stand nun mit verwirrtem Blick, den weiteren Willen seiner Oberen erwartend. Der fürstliche Greis hielt ein wenig inne, bis unter der Menge die kleine durch Neugier hervorgebrachte Bewegung nachließ. Als er darauf redete, war vollkommene Stille.

»Es ist der Stolz unserer ruhmvollen Republik«, sagte er, »daß die Rechte keines Untertans gemißachtet werden, daß die Geringen ihren verdienten Lohn erhalten so sicher als die Großen und daß diesem unbekannten Fischer, da er die Auszeichnung der Regatta verdient hat, diese von ihrem Verleiher mit ebensoviel Bereitwilligkeit erteilt werden wird, als ob er der beliebteste Diener unseres eigenen Hauses wäre. Edle und Bürger von Venedig, lernet bei dieser Gelegenheit eure vortrefflichen, unbestechlichen Gesetze schätzen! Denn gerade in den Handlungen des gewöhnlichen Lebens wird der väterliche Charakter einer Regierung sichtbar, während auf Sachen von höherer Bedeutung die Augen einer Welt gerichtet sind, Willfährigkeit für ihre Meinungen heischend.«

Der Doge sprach diese einleitenden Bemerkungen mit fester Stimme, wie es der zu tun pflegt, der des Beifalls seiner Zuhörer gewiß ist. Er täuschte sich nicht. Kaum hatte er ausgeredet, so durchlief die Versammlung ein beifälliges Gemurmel und teilte sich auch den Tausenden mit, die seine Stimme nicht vernahmen, und noch viel mehreren, die seinen Sinn nicht erraten konnten. Die Senatoren beugten ihre Köpfe als Anerkennung, daß ihr Oberhaupt nur Wahrheit ausgesprochen hätte, und der Fürst selbst fuhr fort, nachdem er der Loyalität volle Zeit gelassen hatte, ihren Beifall zu äußern: »Es ist meine Pflicht, Antonio, und auch meine Freude, dir diese goldene Kette umzuhängen. Das Ruder, das sie trägt, ist ein Symbol deiner Geschicklichkeit und wird unter deinen Standesgenossen ein Zeugnis sein von dem Wohlwollen und der Unparteilichkeit des Staates und von deinem Verdienste. Nimm es denn hin!«

»Hoheit!« erwiderte Antonio, einen Schritt zurücktretend. »Es ziemt sich für mich nicht, ein solches Zeichen der Größe und des Glücks zu tragen. Der Glanz des Goldes würde meine Armut höhnen, und eine Kostbarkeit aus so fürstlicher Hand fände eine schlechte Stelle auf meiner nackten Brust.«

Dies unerwartete Ablehnen erregte allgemeines Erstaunen, und eine augenblickliche Pause entstand.

»Du hast den Kampf doch nicht unternommen, Fischer, ohne nach dessen Preis zu trachten? Recht aber hast du, daß der goldene Schmuck zu deinem Stande und deinem täglichen Mangel nicht recht passen würde. So trag ihn für jetzt, weil es gut ist, daß jedermann die Gerechtigkeit und Unparteilichkeit unserer Entscheidung sehe; nach den Spielen aber bringe ihn meinem Schatzmeister, und er soll dir dafür geben, was deinen Wünschen mehr entsprechen wird: Ein solches Verfahren ist nicht ohne Beispiel und soll auch diesmal stattfinden.«

»Erlauchter Fürst! Freilich hab ich nicht ohne Hoffnung auf Belohnung meine alten Glieder in so hartem Kampfe versucht. Aber nicht Gold noch die Eitelkeit, mich unter meinen Kameraden mit diesem glänzenden Schmucke zu zeigen, hat mich vermocht, die Verachtung der Gondolieri und das Mißfallen der Großen zu ertragen.«

»Du irrest dich, Fischer, wenn du glaubst, daß uns deine gerechte Ehrliebe mißfallen habe. Es ist uns lieb, einen hochherzigen Wetteifer in unserem Volke zu bemerken, und wir ergreifen alle geeigneten Maßregeln, diesen aufstrebenden Sinn zu ermuntern, der Ehre dem Staate und unseren Küsten Glück bringt.«

»Ich bin nicht so anmaßend, meine armen Gedanken denen meines Fürsten gegenüberzustellen«, erwiderte der Fischer, »aber meine Angst und Scham bewogen mich, zu vermuten, daß die edeln und stattlichen Herren lieber einen Jüngeren und Reicheren hätten mit dieser Ehre geschmückt gesehen.«

»Du mußt das nicht glauben. Beuge denn deine Knie, damit ich dir den Preis erteilen kann. Um Sonnenuntergang wirst du in meinem Palaste die finden, die dir für den Schmuck ein entsprechendes Geschenk geben sollen.«

»Hoheit!« sagte Antonio, den Dogen ernst anblickend, der abermals voll Erstaunen mit seiner Bewegung innehielt. »Ich bin alt, und das Glück hat mich nie verwöhnt. Für meine Bedürfnisse reicht hin, was mir die Lagunen mit der Hilfe des heiligen Antonius bieten. Aber es ist in deiner Macht, die letzten Tage eines alten Mannes glücklich zu machen, der deiner in redlichem, wohlgemeintem Gebete immer gedenken wird. Gib mir mein Kind zurück und verzeih einem zerrissenen Vaterherzen diese Dreistigkeit.«

»Ist das nicht derselbe Mensch, der uns heute schon wegen eines jungen Rekruten zur Last fiel?« rief der Fürst, über dessen Gesichtszüge jene gewohnte Zurückhaltung zuckte, die so oft alle menschlichen Gefühle verbergen mußte.

»Derselbe«, sagte kalt eine andere Stimme, die Antonio wohl kannte. Sie kam von Signore Gradenigo.

»Mitleid mit deiner Unwissenheit, Fischer, bemeistert unseren Zorn. Nimm deine Kette und geh!«

Antonios Auge war unbeweglich. Ehrfurchtsvoll kniete er nieder, faltete seine Hände auf der Brust und sagte: »Mein Elend hat mich kühn gemacht, gefürchteter Herr! Was ich sage, kommt aus einem geängsteten Herzen, nicht von einer frechen Zunge, und ich flehe, daß Euer fürstliches Ohr mit Nachsicht höre.«

»So rede kurz, denn die Spiele erleiden schon Verzug.«

»Mächtiger Doge! Reichtum und Armut haben eine weite Kluft zwischen uns gestellt, Kenntnisse und Unwissenheit haben sie noch weiter gemacht. Meine Rede ist rauh und schickt sich nicht für diese erhabene Versammlung. Aber, Signore, Gott hat dem Fischer dieselben Gefühle gegeben und dieselbe Liebe für seine Kinder wie dem Fürsten. Sollt ich mich hier auf meine Gelehrsamkeit verlassen, so müßt ich stumm bleiben, aber ich hab eine Kraft da inwendig, die mir Mut macht, zu den Vornehmsten und Edelsten von Venedig zu reden, wenn es das Glück meines Kindes gilt.«

»Du kannst die Gerechtigkeitspflege des Senats nicht anklagen, alter Mann, und kannst nichts mit Wahrheit vorbringen gegen die anerkannte Unparteilichkeit der Gesetze.«

»Mein Fürst und Herr! Habet die Gnade, mich nur anzuhören. Ich bin, wie Ihr seht, arm und nähre mich von meiner Arbeit, und die Stunde ist nah, wo ich werde an die Seite des gelobten Sankt Antonius von Rimini abgerufen werden und vor einem Höheren stehen werde als hier. Ich bin nicht so eitel, zu glauben, daß mein demütiger Name unter denen der Patrizier zu finden sei, die der Republik in ihren Kriegen gedient haben – auf diese Ehre kann nur der Hohe, der Adlige, der im Glück Geborne Anspruch machen; wenn aber das Wenige, das ich für mein Vaterland getan habe, auch nicht im goldenen Buche verzeichnet steht, so ist es hier doch geschrieben« – er deutete auf seine Narben –, »diese Wunden, von den Türken mir geschlagen, mögen ebenso viele Bitten sein, die ich an die Milde des Senats richte.«

»Du schweifst von deiner Sache ab. Was begehrst du?«

»Gerechtigkeit, mächtiger Fürst. Sie haben den einzigen kräftigen Zweig des welkenden Stammes mit Gewalt abgebrochen – haben den einzigen Gefährten meiner Mühen und Freuden, das Kind, das mir die Augen, hofft ich, schließen würde, wenn es Gottes Wille ist, mich abzurufen – dies Kind, das noch jung ist, sowohl an Jahren als an Grundsätzen der Redlichkeit und Tugend, das noch unerfahren ist – dies haben sie all der Verführung und Sünde, der gefährlichen Gesellschaft der Galeeren ausgesetzt.«

»Ist das alles? Ich hätte gedacht, deine Gondel wäre in üblem Zustande oder es handle sich um dein Recht in den Lagunen!«

»Ist das alles?« wiederholte Antonio und blickte in bitterer Schwermut umher. »Doge von Venedig, es ist mehr, als das gebrochene Herz eines alten, beraubten Mannes tragen kann.«

»Geh nur, nimm dein goldenes Ruder und deine Kette und zieh zu deinen Kameraden im Triumphe ab. Sei froh, daß du einen Sieg davongetragen hast, der dir nach aller Urteil unerreichbar war, und überlasse die Interessen des Staates denen, die weiser sind als du, und fähiger, dafür zu sorgen.«

Der Fischer stand auf mit einem Blick tiefer Unterwürfigkeit, das Resultat eines langen, in politischer Unterordnung zugebrachten Lebens. Den dargebotenen Preis aber zu empfangen, trat er nicht näher.

»Neige deinen Kopf, Fischer, daß Seine Hoheit dir den Preis verleihen kann«, befahl ein Beamter.

»Ich bitte nicht um Gold und mag kein anderes Ruder als dies, das mich morgens in die Lagunen führt und abends zurück in die Kanäle. Mein Kind gebt mir, oder gebt mir nichts.«

»Fort mit ihm«, murrten ein Dutzend Stimmen, »er spricht Aufruhr, er soll das Schiff verlassen.«

Man entfernte Antonio schnell und trieb ihn mit unzweideutigen Zeichen des Mißfallens in seine Gondel. Die Reizbarkeit eines venezianischen Edeln war schnell rege, dem Schuldigen politische Unzufriedenheit als Immoralität zu verweisen, daher die ungewöhnliche Unterbrechung manches Auge umdüsterte, obgleich die standesmäßige Würde jede andere unzeitige Äußerung des Übelwollens verwehrte.

»Lasset den nächsten Bewerber vortreten«, fuhr der Fürst fort, mit einer Fassung, die ihm die Gewohnheit, sich zu verstellen, leicht machte.

Der unbekannte Schiffer, dessen heimlicher Begünstigung Antonio seinen Erfolg verdankte, trat näher, noch immer maskiert, wie ihm denn dies frei stand.

»Du hast den zweiten Preis gewonnen«, sagte der Fürst, »und ginge es streng nach dem Rechte, so solltest du den ersten auch haben, da man nicht ungestraft unsere Gunst ablehnt. – Knie nieder, daß ich dir das Ehrenzeichen erteilen kann.«

»Verzeihung, Hoheit!« fiel der Maskierte ein, sich mit großer Ehrfurcht verbeugend, aber vor der dargebotenen Auszeichnung einen Schritt zurückweichend. »Wenn es Euer gnädiger Wille ist, mir ein Geschenk zu verleihen für meinen Sieg in der Regatta, so werd ich ebenfalls bitten, daß es mir in anderer Gestalt zuteil werde.«

»Das ist ganz außer der Art! Es ist nicht der Brauch, daß sich Geschenke von der Hand eines venezianischen Dogen erbetteln lassen.«

»Ich möchte nicht den Schein haben, in so hoher Gegenwart ungestümer zu fordern, als die Ehrerbietung zuläßt. Ich fordere nur Geringes und was den Staat weniger kosten dürfte, als was mir jetzt dargeboten wird.«

»So sprich es aus.«

»Auch ich bitte auf meinen Knien und in gebührender Huldigung vor dem Oberhaupte des Staates, daß das Gesuch des Fischers erhört und der Sohn dem Vater möge zurückgegeben werden. Denn freilich wird der Dienst das zarte Alter des Knaben vergiften und die letzten Jahre des alten Mannes unglücklich machen.«

»Das grenzt an Unverschämtheit! Wer bist du, der so versteckt kommt, eine schon abgeschlagene Bitte zu unterstützen?«

»Hoheit! Der zweite Sieger in der Regatta des Dogen!«

»Wagst du es, mit deinen Antworten zu spielen? Das Maskenrecht wird in allem heilig gehalten, was nicht darauf ausgeht, den Frieden der Stadt zu stören. Aber hier scheint Grund zu näherer Prüfung zu sein. – Nimm deine Maske weg, daß ich dich von Auge zu Auge sehe.«

»Ich habe gehört, wer in seinen Reden vorsichtig ist und gegen die Gesetze nicht verstößt, mag sich nach Belieben verkleiden in Venedig und hat über sein Geschäft und seinen Namen keine Auskunft zu geben.«

»Sehr wahr, sobald Sankt Markus nicht gefährdet scheint. Aber hier ist ein Einverständnis, dem man auf die Spur kommen muß. Ich befehle dir, nimm die Maske ab!« Der Schiffer, der in jedem Gesichte ringsum die Notwendigkeit des Gehorsams las, nahm langsam die Maske herunter und zeigte die bleichen Züge und das funkelnde Auge Jacopos. Ein unwillkürliches Zurückweichen aller, die in der Nähe standen, ließ diesen Mann allein dem Fürsten von Venedig gegenüber, in der Mitte eines weiten Kreises Erstaunter und Neugieriger.

»Ich kenne dich nicht!« rief der Doge mit deutlicher und aufrichtiger Verwunderung, nachdem er ihn einen Augenblick ernst angesehen hatte. »Sorge, daß die Gründe deiner Verkleidung besser seien als deine Gründe zur Ablehnung des Preises.«

Signore Gradenigo trat näher zum Dogen und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Darauf warf dieser einen Blick, worin sich Erstaunen und Abscheu seltsam mischten, auf das vielsagende Gesicht des Bravo und winkte ihm dann schweigend, sich zu entfernen. Der den Fürsten umstehende Kreis zog sich, wie instinktmäßig zu seinem Schutz bereit, enger zusammen und schloß den Raum vor ihm.

»Wir wollen die Sache bei Muße näher erwägen«, sagte der Doge, »lasset die Festlichkeiten wieder anheben.«

Jacopo verbeugte sich tief und ging. Während er über das Verdeck des Buzentauren schritt, machten die Senatoren Platz, als zöge die Pest daher, obgleich ihre Gesichter zeigten, daß sehr verschiedene Empfindungen in ihnen wechselten. Der gemiedene, aber noch immer geduldete Bravo stieg in seine Gondel, und die gewöhnlichen Zeichen wurden der Menge unten gegeben, die glaubte, die Preiserteilung wäre erfolgt.

»Lasset Don Camillo Monfortes Gondoliere vortreten!« rief ein Herold, dem Winke eines Oberen gehorsam.

»Hier, Hoheit!« erwiderte Gino verlegen und eilfertig.

»Du bist aus Kalabrien?«

»Ja, Hoheit.«

»Aber du mußt dich lange geübt haben auf unsern Kanälen in Venedig, sonst könntest du es nicht unsern tüchtigsten Ruderern zuvorgetan haben. Du dienst einem adligen Herrn?«

»Ja, Hoheit.«

»Es scheint, daß der Herzog von Sant‘ Agata das Glück hat, in dir einen redlichen und wackeren Diener zu besitzen?«

»Das große Glück hat er, Hoheit!«

»Knie nieder und empfange die Belohnung deines Mutes und deiner Geschicklichkeit.«

Gino machte es nicht wie seine Vorgänger, sondern beugte willig ein Knie auf dem Verdecke und nahm den Preis mit einer tiefen, demütigen Verbeugung hin. In diesem Augenblicke ward die Aufmerksamkeit der Zuschauer von der kurzen und einfachen Zeremonie durch das Freudengeschrei abgelenkt, das sich nicht weit von dem Schiffe des Senats auf dem Wasser erhob. Eine allgemeine Bewegung führte alle an die Seite des Schiffes, und der siegreiche Gondoliere war schnell vergessen.

Hunderte von Fahrzeugen bewegten sich in einer Masse dem Lido zu, und man sah ein dichtes Gedränge roter Fischermützen, mitten darunter aber den entblößten Kopf Antonios, der von der wogenden Menge, ohne sich selber zu regen, dahergetragen wurde. Der eigentliche Antrieb ging von den kräftigen Armen einiger dreißig oder vierzig aus, die in drei bis vier zuvorderst fahrenden größeren Barken sämtliche aneinandergebundene Gondeln bugsierten.

Was diese sonderbare und charakteristische Prozession bedeutete, war nicht zu verkennen. Die Anwohner der Lagunen hatten mit der Wandelbarkeit, die rohen Naturen in ihrer Leidenschaft eigen ist, die Gesinnung für ihren alten Kameraden gänzlich geändert. Ihn, den sie eine Stunde zuvor als einen eiteln, lächerlichen Narren verspottet, priesen sie jetzt mit Triumphgeschrei.

Die Gondolieri von den Kanälen wurden übermütig verlacht, ja, der ausgelassene Haufen schonte selbst die Ohren der Vornehmen nicht, deren Diener sie als verzärtelte Rippchen verhöhnten. Kurz, wie in allen Ständen und Kreisen der Gesellschaft gar häufig geschieht, des einen Verdienst fiel eng und unzertrennlich mit dem Ruhm und der Freude aller zusammen.

Hätte sich der Triumph der Fischer auf diesen natürlichen und gewöhnlichen Herzenserguß beschränkt, so wäre dadurch die wachsame, eifersüchtige Macht, die für Venedigs Ruhe sorgte, nicht aufgeregt worden. Aber in den Ruf des Beifalls mischte sich ein Geschrei des Tadels. Schwere, bedeutsame Worte sogar wurden gehört, die jene anklagten, die dem Antonio sein Kind nicht zurückgeben wollten; und auf dem Verdeck des Buzentauren flüsterte man sich zu, die verwegene, aufrührerische Bande, voll von der eingebildeten Wichtigkeit dieses vorübergehenden Triumphes, wage zu drohen, daß sie auf dem Wege der Gewalt durchsetzen wolle, was sie frech ihre gute, gerechte Sache heiße.

Diesem Ausbruch des Volksgefühls sah der versammelte Senat mit düster brütendem Stillschweigen zu. Wer das Leben nicht gehörig kennt, sollte meinen, daß sich Unruhe und Besorgnis in den ernsten Gesichtern der Patrizier abgespielt haben müßten. Aber wer imstande war, einen Unterschied zu machen zwischen der Macht politischen Übergewichts, das auf Ordnung und Zusammenhang begründet ist, und dem augenblicklichen Ausbruch der Leidenschaft, wie laut und lärmend er auch sei, der konnte leicht gewahren, daß sich der letztere dieses Mal noch nicht mit hinlänglicher Kraft äußerte, um die von dem ersteren aufgerichteten Schranken umzustürzen.

Man ließ die Fischer ungehindert ihres Weges ziehen; hier und da aber stahl sich zum Lido hin eine Gondel, die einige von den geheimen Agenten der Polizei trug, deren Pflicht es war, die Regierung von etwaiger Gefahr beizeiten in Kenntnis zu setzen. Unter den letzteren war das Boot des Weinhändlers, das von der Piazetta abstieß, mit einem Vorrat seiner Ware und Annina, gleichsam in der Absicht, von der jetzigen Verwirrung unter ihren gewöhnlichen Kunden Vorteil zu ziehen. Unterdes nahmen die Spiele ihren Fortgang, und die augenblickliche Störung war vergessen. Die ernsten Herren auf dem Buzentauren, obgleich scheinbar auf das achtend, was unmittelbar unter ihren Augen vorging, horchten doch auf jedes Geräusch von Stimmen, das der Abendwind vom fernen Lido herübertrug, und mehr als einmal sah man den Dogen selbst seine Blicke jener Gegend zuwenden und die Besorgnis verraten, die sein Gemüt erfüllte.

Doch ging der Tag wie gewöhnlich vorüber. Die Sieger triumphierten, die Zuschauer jubelten, und der versammelte Senat schien die Freude des Volkes zu teilen, das er mit einer dem furchtbaren, geheimen Gange des Schicksals nicht unähnlichen Sicherheit der Gewalt beherrschte.

Elftes Kapitel

Elftes Kapitel

Den Abend eines solchen Tages konnten die Einwohner Venedigs unmöglich in langweiliger Einsamkeit zubringen. Wiederum füllte sich der große Markusplatz mit einer geschäftigen und gemischten Menge, und die schon früher beschriebenen Szenen begannen von neuem mit erhöhter Lebendigkeit. Seiltänzer und Taschenspieler zeigten ihre Künste; das Geschrei der Frucht- und Delikatessenhändler vermischte sich mit den Tönen der Flöten, Gitarren und Harfen, während sich der Müßiggänger und der Geschäftige, der Gedankenlose und der Ränkeschmied, der Verschworene und der Polizeigehilfe in privilegierter Sicherheit begegneten.

Schon war Mitternacht vorüber, als eine Gondel mit leichter Bewegung durch die Fahrzeuge glitt und mit ihrem Schnabel den Kai berührte, wo sich der Markuskanal mit der Bai vereinte.

»Willkommen, Antonio«, rief ein Mann dem einsamen Gondelführer zu, als dieser den eisernen Haken seines Taues in den Fugen der Steine befestigte, wie dies bei den Gondolieri Brauch ist, »von Herzen willkommen, Antonio, wenngleich etwas spät.«

»Trotz deines maskierten Antlitzes erkenn ich die Stimme«, sagte der Fischer. »Deiner Güte, mein Freund, dank ich den Erfolg dieses Tages; und hab ich gleich den gewünschten und gehofften Zweck nicht erreicht, so bin ich dir doch nicht mindern Dank schuldig. Die Welt muß rauh mit dir umgegangen sein, sonst hättest du dich wohl eines alten, verachteten Mannes nicht so angenommen.«

»In Spiel und Scherz verflossen die Stunden meiner Jugend nicht; das Leben war kein Festtag für mich – doch was tut’s. Es hat dem Senat nicht gefallen, die Anzahl des Galeerenvolks zu verringern, du mußt auf eine andere Belohnung sinnen. Hier sind die Kette und das goldene Ruder, ich hoffe, es soll noch immer willkommen sein.«

Der erstaunte Antonio gab dem Drange einer natürlichen Neugier nach und blickte den Preis einen Augenblick verlangend an. Dann trat er schaudernd zurück und sagte mit dumpfer, entschiedener Stimme: »Ich müßte ja glauben, man habe das Spielwerk aus meines Enkels Blut geformt! Behalt es! Dir hat man es anvertraut, und dein ist es von Rechts wegen, und nun sie sich weigern, meiner Bitte Gehör zu geben, ist es jedem nutzlos, außer dem, der es ehrlich verdient hat.«

»Du denkst nicht an den Unterschied der Jahre und der Muskelkraft, Fischer. Mich dünkt, bei Zuerkennung eines solchen Preises müßte man auch darauf Rücksicht nehmen, und dann hättest du uns wahrlich alle übertroffen. Heiliger Theodor! Ich habe meine Kindheit am Ruder zugebracht, und nimmer hat jemand in Venedig meiner Gondel so hart zugesetzt!«

»Ich weiß die Zeit, Jacopo, da selbst dein junger Arm ermüdet war in einem solchen Kampf zwischen uns beiden. Es war vor der Geburt meines ältesten Sohnes, der gegen die Ottomanen fiel, als der liebe Knabe, den er mir hinterließ, noch auf den Armen getragen wurde. Sahst du jemals den schmucken Jungen, guter Jacopo?«

»Ich war nicht so glücklich, guter Alter, doch wenn er dir glich, so magst du seinen Verlust mit Recht betrauern. Bei Diana! Ich habe wenig Ursach, mich des Vorteils zu rühmen, den mir Jugend und Stärke gaben.«

»Eine innere Kraft trieb mich und das Boot vorwärts – doch welchen Vorteil hat’s gebracht? Alles scheiterte an den Felsenherzen der Edeln.«

»Das kann man noch nicht wissen, Antonio. Die guten Heiligen erhören wohl unser Gebet, wenn wir es am wenigsten glauben. Komm jetzt mit mir, denn man sandte mich ab, dich zu suchen.«

Der gute Fischer sah seinen neuen Freund mit Erstaunen an, besorgte, wie es seine Gewohnheit, das Boot und erklärte dann wohlgemut, er sei bereit zu folgen. Sie standen ein wenig entfernt von der Durchfahrt der Kais, und trotz des hellen Mondscheins konnten zwei Männer in ihrer Tracht nur wenig Aufmerksamkeit erregen; doch dem Bravo schien es hier noch immer nicht sicher genug. Er wartete, bis Antonio das Boot verlassen hatte, und warf ihm dann, ohne weitere Erlaubnis, einen Mantel um, den er überm Arm getragen hatte. Eine Mütze, der seinigen ähnlich, auf das graue Haar des Alten gesetzt, vollendete die Metamorphose.

»Eine Maske ist nicht nötig«, sagte er, nachdem er seinen Gefährten aufmerksam betrachtete, »niemand wird Antonio in diesem Aufzug suchen.«

»Ist all dies nötig, Jacopo? Ich bin dir Dank schuldig für deinen wohlgemeinten und – wären nicht die harten Herzen der Reichen und Mächtigen – für deinen wohltätigen Dienst. Doch muß ich dir sagen, eine Maske trug ich noch nie; denn warum sollte jemand, der mit der Sonne aufsteht, um sein schweres Werk zu beginnen, und der sich auf den Segen des heiligen Antonius verläßt, gleich einem Stutzer ausgehen, um den guten Namen einer Jungfrau zu stehlen, oder wie ein Räuber in der Nacht?«

»Du kennst ja unsere venezianische Sitte, und es möchte überdies nicht unnötig sein, bei unserm Geschäft etwas vorsichtig zu Werke zu gehen.«

»Du vergißt, daß mir deine Absichten noch verborgen sind. Ich sag es nochmals und sag es mit Aufrichtigkeit und Erkenntlichkeit, ich bin dir vielen Dank schuldig, obgleich der Zweck verfehlt ist und der Junge noch immer festsitzt in der schwimmenden Schule der Gottlosigkeit – doch, Jacopo, du trägst einen Namen, von dem ich wünschte, er gehörte dir nicht. Es wird mir schwer, alles zu glauben, was sie heute am Lido von einem sagten, der für den Schwachen, dem man Unrecht getan, so viele Teilnahme bewiesen hat.«

Das tiefe Stillschweigen, das dieser Bemerkung folgte, war so drückend für Antonio, daß es ihm eine Art Erlösung schien, als Jacopo sich wieder mit tiefem Atemzug zu fassen schien.

»Es hat nichts zu bedeuten«, erwiderte Jacopo mit dumpfer Stimme. »Es hat nichts zu bedeuten; wir wollen ein andermal darüber sprechen. Jetzt folge und schweig.«

Antonios selbstbestellter Führer schlug den Pfad vom Wasser weg ein und deutete letzterem an, ihm zu folgen. Der Fischer gehorchte. Jacopo trat zuerst in den Hof vor dem Palast des Dogen; seine Schritte waren gemächlich, und der vorüberziehenden Menge schienen sie, gleich tausend andern, nur hier zu wandeln, um sich der frischen Nachtluft oder der Vergnügungen der Piazza zu erfreuen. Im dunkeln und gebrochenen Licht des Hofes blieb Jacopo stehen, sichtlich um die Personen zu betrachten, die dieser enthielt. Vermutlich sah er keinen Grund zum Zögern, denn nach einem, seinem Begleiter gegebenen Zeichen durchschritt er den Platz und stieg die Stufen hinauf, die, von den oben stehenden Statuen, die Riesentreppe genannt werden. Vorüber zogen sie an dem berüchtigten Löwenrachen und wollten rasch die offene Galerie entlanggehen, als ihnen ein Hellebardier der herzoglichen Garde entgegentrat.

»Wer da?« fragte der Mietling, ihnen seine lange, gefährliche Waffe vorhaltend.

»Freunde des Staates und des heiligen Markus.«

»Niemand passiert zu dieser Zeit ohne die Parole.«

Jacopo deutete Antonio an, stille zu stehen, er selbst näherte sich dem Hellebardier und lispelte ihm einige Worte ins Ohr. Alsbald richtete dieser die Waffe auf und schritt mit gewohnter Gleichgültigkeit die lange Galerie auf und ab. Die beiden gingen weiter; Antonio, nicht wenig erstaunt über alles, was er gesehen hatte, folgte eilfertig seinem Führer, sein Herz schlug lebhaft in unbestimmter Hoffnung. Der Welten Lauf war ihm nicht so unbekannt, als daß er nicht hätte wissen sollen, daß die Mächtigen zuweilen im geheimen gewähren, was ihnen Politik öffentlich zu tun verbietet. Voller Erwartung, den Dogen vielleicht selbst zu sehen und sein teures Kind zurückzuerhalten, schritt der Alte die lange, dunkle Galerie mit leichten Schritten entlang und fand sich endlich, immer Jacopo folgend, am Fuß einer andern steinernen Treppe. Der Weg ward nun für unseren Fischer zum Labyrinth, denn sein Gefährte verließ jetzt die öffentlichen Ausgänge des Palastes und führte ihn durch eine geheime Tür mehrere schwach erleuchtete oder auch ganz finstere Korridore entlang. Treppauf, treppab ging es, von Zimmer zu Zimmer, bis Antonio schwindelte und er ganz die Richtung des Weges verlor. Endlich hielten sie an in einem dunkeln, schlecht möblierten Zimmer, durch die schwache Erleuchtung nur noch dunkler gemacht.

»Du bist gut bewandert in der Wohnung unseres Fürsten«, sagte der Fischer, als ihm seines Gefährten Stillstand zu sprechen erlaubte. »Dem ältesten Gondelführer sind die Krümmungen der Kanäle nicht besser bekannt als dir diese Galerien und Korridore.«

»Mein Geschäft war, dich hierher zu leiten, und was ich zu tun habe, trachte ich gut zu tun. Antonio, du bist ein Mann, der die Gegenwart der Großen nicht fürchtet, dieser Tag hat es bewiesen. Nimm all deinen Mut zusammen, denn ein schwerer Augenblick steht dir bevor.«

»Kühn sprach ich mit dem Dogen. Wen hätt ich, außer dem Heiligen Vater selbst, noch zu fürchten auf dieser Erde?«

»Wohl magst du zu kühn gesprochen haben, Alter. Mäßige deine Worte, die Großen hören nicht gern die Sprache der Nichtachtung.«

»Gefällt ihnen die Wahrheit so wenig?«

»Dem sei, wie ihm wolle, sie hören sich gern rühmen, wenn sie Lob verdienten, doch Tadel ist ihnen zuwider, selbst wenn sie fühlen, daß er gerecht ist«

»Ich fürchte«, sagte der Alte, den andern unbefangen ansehend, »ich fürchte, es ist nur wenig Unterschied zwischen dem Mächtigen und Schwachen, wenn beide entkleidet sind und der bloße Mensch dem Menschen gegenübersteht.«

»Die Wahrheit möchte hier kein willig Ohr finden.«

»Wie! Leugnen sie, daß sie Christen, Sterbliche, Sünder sind?«

»Sie rühmen sich des ersteren, Antonio – vergessen das zweite und hören sich nicht gern das dritte nennen, außer von sich selbst.«

»Ich fange doch an zu zweifeln, daß ich des Knaben Freiheit erlangen werde, Jacopo.«

»Sprich sanft mit ihnen, sag nichts, was ihre Eigenliebe verwunden oder ihre Autorität bedrohen könnte – sie verzeihen viel, besonders wenn letztere geachtet wird.«

»Doch eben diese Autorität nahm mir mein Kind! Kann ich zugunsten einer Macht sprechen, die ich für ungerecht erkenne?«

»Wenigstens mußt du so tun, sonst schlägt dein Gesuch fehl.«

»Laß mich nach meinen Lagunen zurückkehren, lieber Jacopo, denn meine Zunge bewegt sich nur nach dem Gebot meines Herzens. Sag du ihnen in meinem Namen, daß ich hierher kam, um ihnen meine Achtung zu beweisen, daß ich aber, weil ich sah, wie fruchtlos ferneres Bitten sein würde, zu meinen Netzen und Gebeten heimgekehrt sei.«

Nach diesen Worten schüttelte er die Hand seines bewegungslosen Gefährten und schickte sich zum Fortgehen an. Ehe noch sein Fuß die Marmorhalle verlassen hatte, zielten schon zwei Hellebarden nach seiner Brust; er sah jetzt zum erstenmal, daß bewaffnete Männer den Eingang besetzt hielten und er so eigentlich ein Gefangener sei. Die Natur hatte dem Fischer einen richtigen und schnellen Blick gegeben und lange Gewohnheit seine Nerven gestählt. Als er seine wahre Lage bemerkte, wandte er sich, statt aller nutzlosen Vorstellungen und ohne Schrecken zu verraten, mit ruhigem Blick zu Jacopo.

»Gewiß wollen mir die durchlauchtigen Herren Gerechtigkeit widerfahren lassen«, sagte er, »und es würde einem niedrigen Fischer schlecht anstehen, ihnen die Gelegenheit dazu zu rauben. Besser wär’s freilich, man wendete hier in Venedig weniger Gewalt an, wenn es auf die einfache Entscheidung von Recht und Unrecht ankommt.«

»Wir werden ja sehen«, antwortete Jacopo, der bei dem verunglückten Versuch des anderen, fortzukommen, keine Teilnahme geäußert hatte. Ein langes Stillschweigen erfolgte. Die Hellebardiere verharrten in ihrer steifen Haltung im Schatten der Wände, während Jacopo und sein Gefährte, fast ebenso starr und unbeweglich, die Mitte des Zimmers einnahmen.

Es wird hier nicht überflüssig sein, dem Leser einige besondere Staatseinrichtungen des Landes, von dem wir schreiben und die mit der Szene, die jetzt folgt, in Verbindung stehen, zu erläutern.

In den Zeitaltern, als die Herrscher noch profan genug waren, zu behaupten, und die Beherrschten schwach genug, es zuzugeben, daß das Recht eines Mannes, seinesgleichen zu beherrschen, ein unmittelbares Geschenk Gottes sei, hielt man eine, wenn auch nur angebliche Abweichung von diesem kühnen und egoistischen Grundsatz hinreichend, einer Nation den Charakter von Freiheit und Gemeinsinn zu geben. Dieser Glaube ist auch nicht ganz unrichtig, da er – theoretisch wenigstens – den Grund der Regierung auf eine Basis stellt, die wesentlich von der unterschieden ist, die alle Macht als das Eigentum eines einzelnen betrachtet.

Wahrscheinlich glaubten die Patrizier von St. Markus, als sie eine Gemeinschaftlichkeit der politischen Rechte unter sich bildeten, ihr Stand habe nun alles getan, was nötig wäre, um jenen hohen und ehrenvollen Titel »Republik« zu verdienen.

Venedig kannte kein göttliches Recht, und da dessen Fürst wenig besser als eine Puppe war, so machte es kühn auf den Namen einer Republik Anspruch und war in der Tat nur eine ausschließliche, eine gemeine, äußerst herzlose Oligarchie.

Der Unterschied des Ranges, ganz getrennt vom Willen der Nation, bildete die Basis des venezianischen Staates. Autorität war hier, wenngleich verteilt, nicht minder ein Geburtsrecht als in den Ländern, wo sie als eine Gabe der Vorsehung angesehen ward. Die Patrizier hatten hohe, ausschließliche Rechte, die mit Anmaßung und Eifersucht bewacht und aufrechterhalten wurden. Wer nicht zum Herrschen geboren war, hatte wenig Hoffnung, jemals zum Besitze seiner natürlichen Rechte zu gelangen, während der zufällig dazu Geborene die schrecklichste, despotischste Macht ausübte. Die Namen der Hauptfamilien wurden in das sogenannte »Goldene Buch« eingetragen, und der beneidenswerte Nachkömmling dieser registrierten Vorfahren konnte, mit wenigen Ausnahmen (wie bei Don Camillo zum Beispiel die Monforte), im Senat auftreten und auf die Ehre der »Gehörnten Mütze« Anspruch erheben. Dieses grundfalsche Regierungswesen ward den Untertanen nur durch die Beiträge der eroberten und zinspflichtigen Provinzen erträglich, denn diese, wie bei jeder Zentralregierung, fühlten den Druck am meisten.

Als der Senat zu zahlreich geworden war, um die verwickelten Geschäfte des Staates mit gehöriger Verschwiegenheit und Eile zu leiten, wurden die wichtigeren Gegenstände einem Rate von dreihundert Mitgliedern anvertraut. Um der Öffentlichkeit und Verzögerung noch mehr vorzubeugen, bildete man einen noch kleineren Ausschuß, den sogenannten Rat der Zehn, dem man einen großen Teil der exekutiven Gewalt anvertraute, die in den Händen des Titularoberhauptes zu gefährlich werden konnte. Dies hatte wenigstens, wie fehlerhaft auch das Ganze war, den guten Erfolg, daß es den Gang der Geschäfte einfacher und offenbarer machte. Die Agenten der Regierung waren bekannt, und obgleich alle Verantwortlichkeit gegen die Nation durch den höheren Einfluß und die engherzige Politik der Patrizier verlorenging, so konnten doch die Herrscher dem öffentlichen Tadel nicht ganz entgehen, wenn sie sich ein ungerechtes und unrechtmäßiges Verfahren erlaubten. Doch hatte ein Staat, dessen Gedeihen hauptsächlich von Abgaben und Zuschüssen der Untergebenen abhing und dessen Existenz ebensosehr durch seine eigenen falschen Grundsätze als durch die anwachsende Größe benachbarter Staaten bedroht ward, in Abwesenheit einer exekutiven Gewalt in den Händen der Bürger Venedigs, einer wirksameren Macht nötig. Eine politische Inquisition, die mit der Zeit das furchtbarste polizeiliche Werkzeug wurde, war die Folge dieser Notwendigkeit.

Eine Gewalt ohne Schranken und Verantwortlichkeit ward periodisch einem noch kleineren Ausschusse übertragen, der seine despotischen und geheimen Funktionen unter dem Namen der Drei ausübte. Das Los entschied die Wahl dieser drei Herrscher, und zwar so, daß sie nur ihnen selbst und wenigen der vertrauteren Staatsdiener bekannt ward. So existierte zu allen Zeiten im Herzen von Venedig eine geheime und allgewaltige Macht, von Männern ausgeübt, die als solche der menschlichen Gesellschaft ganz unbekannt waren und sich den gewöhnlichen und harmlosen Verrichtungen und Ansprüchen des Lebens hinzugeben schienen, aber in Wahrheit von so tyrannischen, egoistischen politischen Maximen geleitet wurden, wie sie nur jemals der böse Genius der Menschheit erfunden hat. Kurz, es war eine Macht, die ohne Mißbrauch nur der unfehlbaren Tugend und der unendlichen Weisheit – versteht sich, nach Maßgabe menschlicher Kräfte – anvertraut, deren Ansprüche sich nur auf Geburt und die verschiedenen Farben der Kugeln gründete und denen nicht einmal die Schranke der Publizität gesetzt war. – Der Rat der Drei versammelte sich im geheimen, erließ gewöhnlich seine Dekrete ohne Beratung mit den anderen Gerichten und bekräftigte sie durch die Furchtbarkeit der Mysteriosität und plötzlichen Ausführung, die den schnellen Schlägen des Schicksals glich. Selbst der Doge vermochte nichts gegen ihre Autorität, noch war er geschützt vor ihren Beschlüssen; man weiß sogar, daß einer der privilegierten Drei von seinen Gefährten denunziert wurde. Es existiert noch ein langes Verzeichnis der Staatsmaximen, die dieses geheime Tribunal zur Richtschnur seiner Handlungen nahm, und es ist nicht zuviel gesagt, daß sie alles andere, außer Erreichung des vorgesetzten Zweckes, aus den Augen setzten – alle anerkannten göttlichen Gesetze und jeden unter den Menschen geachteten Grundsatz der Gerechtigkeit.

Zwölftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Antonio stand also jetzt im Vorzimmer des eben beschriebenen geheimen und strengen Tribunals. Wie alle Leute seines Standes hatte der Fischer eine dunkle, unsichere Idee von dem Dasein und den Attributen des Gerichtshofes, vor dem er jetzt erscheinen sollte. Doch sein einfacher Verstand war weit entfernt, den ganzen Umfang zu erkennen oder die Beschaffenheit der Geschäfte zu begreifen, die ebensowohl die wichtigeren Angelegenheiten der Republik als die geringeren der Patrizierfamilien in sich schlossen. Während sich seine Seele mit dem möglichen Erfolg der erwarteten Zusammenkunft beschäftigte, öffnete sich eine innere Tür, und ein Diener gab Jacopo ein Zeichen zum Nähertreten. Das tiefe, feierliche Schweigen, das nach ihrem Eintritt in den Rat der Drei erfolgte, gab ihnen Zeit genug, das Zimmer und die darin Befindlichen näher zu betrachten. Ersteres war nicht groß für das Land und Klima, wohl aber der geheimen Ratsversammlung, die es enthielt, angemessen. Der Fußboden bestand aus schwarz und weiß gewürfelten Marmorstücken; die Wände waren mit schwarzem Tuch beschlagen, eine einzige Lampe von dunkler Bronze hing über einem in der Mitte stehenden Tisch, der, wie alle übrigen geringen Möbel, mit Schwarz behangen war. In jedem Winkel des Gemachs sah man vorspringende Kammern, die vielleicht waren, was sie schienen, vielleicht auch als Eingänge zu den anderen Zimmern des Palastes dienten. Alle Türen wurden durch Vorhänge dem Blicke entzogen, wodurch das Ganze einen einförmigen und schaudererregenden Charakter der Düsterkeit erhielt. An der einen Seite des Zimmers, Antonio gegenüber, saßen drei Männer auf kurulischen Stühlen, doch konnte man sie, da ihre Gesichtszüge und Gestalten durch Masken und weite Anzüge verhüllt waren, nicht erkennen. Einer dieser Machthaber trug eine karmesinfarbene Robe, als Repräsentant des Gerichtshofes des Dogen. Die beiden anderen in Schwarz waren die, die aus dem Rate der Zehn, selbst nur ein temporärer, gelegentlich berufener Gerichtshof, die glücklichen oder vielmehr unglücklichen Kugeln gezogen hatten. Zwei oder drei Subalternen, nahe dem Tische, sowie die noch niedrigeren Beamten des Ortes waren durch ähnliche Verkleidungen wie die der Oberhäupter unkenntlich gemacht. Jacopo schien dies Schauspiel wenngleich mit Achtung und Scheu, doch wie jemand, der dessen schon gewohnt ist, zu betrachten; der sichtliche Eindruck aber, den es auf Antonio machte, war nicht zu verkennen. Wahrscheinlich sollte die lange Pause, die nach seinem Eintritt erfolgte, diesen Erfolg hervorbringen, denn von allen Seiten bewachten ihn scharfe Blicke.

»Man nennt dich Antonio von den Lagunen?« fragte einer der Sekretäre nahe dem Tische, nachdem er von dem karmesinfarbenen Mitglied ein geheimes Zeichen zum Befragen erhalten.

»Ein armer Fischer, Exzellenz, der dem heiligen Antonio vom wunderbaren Zuge viel verdankt.«

»Und du hast einen Sohn, der deinen Namen trägt und dein Gewerbe treibt?«

»Es ist Christenpflicht, sich dem Willen Gottes zu unterwerfen. Mein Sohn ist seit zwölf Jahren tot, seit dem Tage, als die Galeeren der Republik die Ungläubigen von Korfu nach Kandia jagten. Er ward mit vielen anderen von seinem Beruf in jenem blutigen Gefecht getötet, edle Signori.«

Eine Bewegung des Erstaunens zeigte sich unter den Schreibern, sie flüsterten einander zu und schienen die in ihren Händen befindlichen Papiere mit Eile und Verlegenheit zu untersuchen. Blicke wurden den unbeweglichen, in das undurchringliche Geheimnis ihrer Funktion gehüllten Richtern zugesandt. Ein geheimes Zeichen indes veranlaßte die bewaffneten Diener bald, Antonio und seinen Gefährten aus dem Zimmer zu führen.

»Hier mangelt etwas am Bericht!« sagte eine strenge Stimme aus der Zahl der Drei, sobald die Fußtritte der Abgeführten verhallten. »Es ist nicht schicklich, daß die Inquisition von St. Markus hierbei eine Unwissenheit offenbare.«

»Es betrifft ja bloß die Familie eines niedrigen Fischers, durchlauchtiger Signore«, erwiderte der zitternde Diener, »vielleicht sucht er uns beim Eingange des Verhörs durch List zu betrügen.«

»Du irrst«, unterbrach ein anderer der Drei, »der Mann heißt Antonio Vecchio, und wie er gesagt, fiel sein einzig Kind in der heißen Schlacht mit den Ottomanen. Der, von dem jetzt die Rede ist, ist sein Enkel und noch ein Knabe.«

»Der edle Signore hat recht!« erwiderte der Schreiber. »In der Eile haben wir ein Faktum mißverstanden, das die Weisheit des Rates schnell berichtigt. St. Markus ist glücklich, unter seinen stolzesten und ältesten Namen Senatoren zu haben, die sich so genau des Interesses seiner geringsten Kinder annehmen.«

»Führt den Mann wieder herein«, nahm der Richter das Wort, sich für das Kompliment leicht verneigend. »Dergleichen Vorfälle sind unvermeidlich im Drange der Geschäfte.«

Die nötigen Befehle wurden gegeben, und Antonio, mit seinem Gefährten stets zur Seite, trat zum zweiten Male ein.

»Dein Sohn starb im Dienste der Republik, Antonio?« fragte der Sekretär.

»So ist’s, Signore. Die heilige Maria mag sich seiner erbarmen und mein Gebet erhören! So ein gutes Kind und ein so tapferer Mann wird wohl vieler Seelenmessen nicht bedürfen, sonst müßte sein Tod doppelt betrübend für mich sein, da ich zu arm bin, sie zu bezahlen.«

»Du hast einen Enkel?«

»Ich hatte einen, edler Senator, ich hoffe, er lebt noch.«

»Arbeitet er nicht mit dir auf den Lagunen?«

»Wollte der heilige Theodor, es wäre so! Er ist aufgegriffen, Signore, mit vielen anderen von zartem Alter, für die Galeeren, von denen ihn unsere Liebe Frau erlösen mag! Wenn Ew. Exzellenz Gelegenheit hätten, mit dem General der Galeeren, oder irgend sonst jemandem, der in diesen Sachen einige Autorität hat, zu sprechen, so flehe ich hier auf meinen Knien, sprechen Sie zugunsten meines Kindes, eines guten, frommen Buben, der selten seine Leine ins Wasser wirft, ohne vorher ein Ave zu sprechen oder ein Gebet an den heiligen Antonio zu richten, und der mir nie Unruhe gemacht hat, bis er in die Klauen des heiligen Markus gefallen.«

»Steh auf! – In dieser Angelegenheit hab ich dich nicht zu fragen. Du hast heute von deiner Bitte an unseren durchlauchtigen Dogen gesprochen?«

»Ich habe Se. Hoheit gebeten, den Knaben freizugeben.«

»Und das hast du öffentlich und mit wenig Ehrfurcht gegen die hohe Würde und den heiligen Charakter des Oberhaupts der Republik getan?«

»Ich tat es als Vater und Mensch. Wenn nur die Hälfte von dem wahr wär, was man von der Güte und Gerechtigkeit des Staates spricht, so hätten Se. Hoheit mich angehört als Vater und Mensch.«

Eine leise Bewegung unter dem furchtbaren Triumvirat veranlaßte eine kurze Pause von seiten des Sekretärs; als er aber sah, daß seine Oberen schwiegen, fuhr er fort: »So tatest du einmal öffentlich und unter den Senatoren; als man dich aber zurückwies mit deiner am unrechten Ort angebrachten und unverständigen Bitte, suchtest du andere Mittel, dein Anliegen vorzubringen?«

»Es ist wahr, erlauchter Signore.«

»Du erschienst unter den Gondolieri der Regatta in unziemlicher Kleidung und stelltest dich in die vorderen Reihen mit denen, die sich um die Gunst des Senats und des Fürsten bewarben.«

»Ich erschien in derselben Kleidung, die ich vor der Heiligen Jungfrau und St. Antonio trage, und wenn ich im Wettlauf der vorderste war, so verdanke ich dies vielmehr der Güte und Gunst meines Nachbars als irgendeiner übrigen Kraft in diesen verwitterten Sehnen und ausgetrockneten Knochen. San Marco mag sich seiner in der Not annehmen für seine Guttat und mag die Herzen der Großen erweichen, damit sie das Flehen eines kinderlosen Vaters erhören.«

Wieder erfolgte eine leise Bewegung der Überraschung oder der Neugier unter den Inquisitoren und eine Pause beim Sekretär.

»Du hörst, Jacopo«, sagte einer der Drei, »was hast du dem Fischer zu antworten?«

»Signore, er spricht die Wahrheit.«

»Und du wagtest zu scherzen mit der Festlichkeit der Stadt und die Wünsche des Dogen geringzuachten?«

»Wenn es ein Verbrechen ist, erlauchter Senator, mit einem alten Mann Mitleid zu haben, der um sein Kind trauerte, und meinen eigenen einzelnen Triumph um seiner Vaterliebe willen aufzugeben, so bin ich schuldig.«

Eine lange, schweigsame Pause erfolgte auf diese Antwort. Jacopo hatte mit seiner gewohnten Ehrfurcht, doch mit der ernsten Ruhe gesprochen, die die Grundlage seines Charakters ausmachte. Die Blässe seiner Wangen blieb dieselbe, und das glühende Auge, das so sonderbar sein gleichsam mit dem Schatten des Todes bedecktes Antlitz aufklärte und belebte, veränderte kaum den Blick während der Antwort. Auf ein gegebenes geheimes Zeichen fuhr der Sekretär fort: »Du verdankst also deinen Sieg in der Regatta dem Wohlwollen deines hier gegenwärtigen Mitkämpfers, Antonio?«

»Unter der Gunst St. Theodors und St. Antonios, der Stadt und meines Schutzheiligen.«

»Dein ganzes Begehren war also, die abgewiesene Bitte hinsichtlich des jungen Schiffers zu wiederholen?«

»Ich hatte kein anderes, Signore. Was sind der Triumph unter den Gondolieri und das Spielzeug nachgeahmter Kette und Ruder für jemanden meines Alters und Standes?«

»Du vergißt, daß Kette und Ruder von Gold sind.«

»Exzellenz, Gold kann die Wunden des verschmachtenden Herzens nicht heilen. Gebt mir mein Kind zurück, damit nicht fremde Hände mein Auge zudrücken und damit ich seinen jungen Ohren gute Lehren gebe, solange noch Hoffnung ist, daß meine Worte gehört werden, und alles Metall des Rialto soll mich nicht reizen! Damit ihr sehet, daß ich nicht eitle Worte mache, biete ich mit schuldiger Ehrfurcht vor ihrer Weisheit und Größe den Edeln diese Kostbarkeit an.«

Bei diesen Worten näherte sich der Fischer mit den furchtsamen Schritten eines Mannes, der nicht gewohnt ist, sich in Gegenwart Vornehmerer zu bewegen, und legte auf die dunkle Decke des Tisches einen Ring, der, wenigstens wie es schien, von edeln Steinen funkelte. Der erstaunte Sekretär nahm den Ring und hielt ihn erwartungsvoll den Richtern vor.

»Was ist dies?« rief der, der unter den Drei am häufigsten teil am Verhör genommen hatte. »Das scheint ja das Pfand unseres Verlöbnisses?«

»Nicht anders, erlauchter Senator, mit diesem Ringe vermählte sich der Doge mit dem Adriatischen Meere in Gegenwart der Gesandten und des Volkes.«

»Hattest du damit auch etwas zu schaffen, Jacopo?« fragte der Richter streng.

Der Bravo sah das Juwel mit Teilnahme an, doch behielt seine Stimme, als er antwortete, die gewöhnliche Tiefe und Festigkeit: »Signore, nein – erst jetzt erfahre ich vom Glück des Fischers.«

Auf ein Zeichen hob der Sekretär von neuem an: »Du mußt sagen, und zwar aufrichtig sagen, wie dieser geheiligte Ring in deine Hände gekommen ist, half dir jemand zu seinem Besitz?«

»Ja, Signore.«

»Nenn ihn uns, damit wir Maßregeln treffen, uns seiner zu versichern.«

»Das wäre nutzlos, Signore, ihn erreicht Venedigs Macht nicht.«

»Was meinst du, Mann? Kein Mensch, der in ihren Grenzen lebt, steht höher als das Recht und die Macht der Republik. Antworte ohne Umschweife, so lieb dir dein Leben ist.«

»Das würde ich hochschätzen, was wenig Wert hat, Signore, und mich einer großen Torheit und einer großen Sünde schuldig machen, wenn ich Euch betrügen wollte, bloß um einen alten und wertlosen Leichnam wie den meinigen vor Schlägen zu retten. Wenn mich Ew. Exzellenzen hören wollen, so bin ich bereit und willig, zu erzählen, wie ich zu diesem Ringe kam.«

»Sprich denn und suche nicht, die Wahrheit zu umgehen.«

»Ich weiß nicht, Signori, ob Sie so gewohnt sind, Unwahrheiten zu hören, daß Sie mich so sehr davor warnen, wir Leute von den Lagunen fürchten uns nicht, auszusprechen, was wir gesehen und getan haben, denn unser Hauptgeschäft ist mit Wind und Wellen, und diese erhalten ihre Befehle von Gott selbst. Unter uns Fischern gibt es eine Sage, Signori, daß vor langer Zeit einer von uns den Ring, mit dem sich der Doge mit dem Adriatischen Meere vermählt, aus dem Hafen hervorgeholt habe. Ein so kostbares Juwel war für jemand, dessen Netze ihm täglich Brot und Öl verschafften, von geringem Nutzen, er brachte ihn daher zum Dogen, wie’s einem Fischer zukam, in dessen Hände die Heiligen einen Schatz geworfen haben, auf den er keine Ansprüche hatte, gerade als wollten sie seine Ehrlichkeit auf die Probe stellen. Von dieser Handlung unseres Gefährten wird viel gesprochen auf den Lagunen und am Lido, und man sagt, einer unserer venezianischen Meister habe ein schönes Bild davon gemacht, das in der Halle des Palastes hängt und die ganze vorgefallene Geschichte erzählt. Es stellt den Fürsten dar auf seinem Thron und den glücklichen Fischer mit seinen nackten Beinen, Sr. Hoheit wiederbringend, was sie verloren. Ich hoffe, daß diese Erzählung wahr ist, Signori, sie schmeichelt unserem Stolz sehr und hält manchen von uns fester ans Rechttun und in größerer Gunst bei dem heiligen Antonio, als außerdem geschehen möchte.«

»Die Sache verhält sich so.«

»Und das Gemälde, Signore? Ich hoffe, unsere Eitelkeit hat uns darin nicht getäuscht?«

»Das erwähnte Bild ist im Palaste zu sehen.«

»Corpo di Bacco! Ich hatte meine Zweifel in dieser Hinsicht, denn es ist nicht gewöhnlich, daß die Reichen und Glücklichen soviel Aufhebens machen von dem, was der Arme tut. Ist das Werk vom großen Tizian selbst, Exzellenz?«

»Nein, das nicht, ein geringerer Name steht auf dem Gemälde.«

»Man sagt, daß Tizian die Kunst verstand, seinen Werken das Ansehen und die Fülle des Fleisches zu geben, und man sollte meinen, daß ein gerechter Mann in der Ehrlichkeit des Fischers Glanzes genug gefunden hätte, um selbst Tizians Auge zu befriedigen. Aber vielleicht sah der Senat Gefahr dabei, uns Lagunenbewohnern also zu schmeicheln.«

»Fahre nun fort, deine eigene Begebenheit mit dem Ringe zu erzählen.«

»Erlauchte Signori, oft träumte mir von dem Glück meines Kameraden aus der alten Zeit, und mehr als einmal zog ich im Traum mein Netz herauf mit dem Gedanken, den Edelstein vielleicht in den Maschen oder im Leibe irgendeines Fisches zu finden. Was ich mir so oft eingebildet habe, geschah endlich wirklich. Ich bin ein alter Mann, Signori, und es gibt nur wenig Teich und Sandbanken zwischen Fusina und Giorgio, die meine Angeln nicht ausgemessen und meine Netze nicht bedeckt hätten. Der Ort, der nach dem Buzentaur bei diesen Zeremonien segelt, ist mir gar wohl bekannt, und ich trug Sorge, den Grund rund umher mit meinen Netzen zu bedecken, in der Hoffnung, den Ring mit herauszuziehen. Als Seine Hoheit das Juwel hinabwarf, belegte ich mit einer Boje die Stelle – Signori, das ist alles –, mein Gehilfe war St. Antonio.«

»Hattest du denn einen Beweggrund, dies zu tun?«

»Heilige Mutter Gottes! War es nicht genug, meinen Knaben aus den Griffen der Galeeren zurückzuerhalten?« rief Antonio mit einer Energie und Einfalt zugleich, wie sich beide oft in einem und demselben Charakter vereinigen. »Ich dachte, wenn der Doge und der Senat geneigt waren, Gemälde malen zu lassen und einem armen Fischer soviel Ehre anzutun für einen Ring, sie vielleicht auch gern einen anderen durch die Freilassung eines Knaben belohnen würden, der der Republik so wenig Dienste leisten kann und seinem Vater alles ist.«

»Deine Bitte an Se. Hoheit, dein Kampf in der Regatta und dein Aufsuchen des Ringes, alles geschah für denselben Zweck?«

»Das Leben hat nur diesen einen für mich, Signore.«

Eine leise, unterdrückte Bewegung machte sich unter dem Ratspersonal bemerklich.

»Als deine Bitte von Sr. Hoheit abgewiesen ward, weil sie zur ungelegenen Zeit getan –«

»Ach! Exzellenz, wenn das Haupt ergraut ist und der Arm unsicher wird, kann man die schicklichen Augenblicke für solche Dinge nicht abwarten«, fiel der Fischer mit etwas von dem glühenden Ungestüm ein, der den Hauptzug des italienischen Charakters ausmacht.

»Als dir deine Bitte abgeschlagen ward und du den Lohn des Sieges zurückgewiesen hattest, gingst du nicht unter deine Kameraden und nährtest ihre Ohren mit Klagen über die Ungerechtigkeit des St. Markus und die Tyrannei des Senats?«

»Nein, Signore. Ich ging traurigen, zerrissenen Herzens fort, denn ich hatte nicht gedacht, daß der Doge und die Edeln einem siegreichen Gondoliere einen so geringen Lohn abschlagen würden.«

»Und du zögertest nicht, dies unter die Fischer und Müßiggänger des Lido zu verkünden?«

»Exzellenz, das war nicht nötig – meine Mitbrüder kannten mein Unglück, und es bedurfte meiner Zunge nicht, das Schlimmste weiterzuverbreiten.«

»Ein Tumult entstand, du an der Spitze, von Aufstand ward gesprochen und groß Rühmens gemacht von dem, was die Flotte der Lagunen gegen die der Republik tun könnte.«

»Es ist wenig Unterschied zwischen beiden, außer, daß die Leute der einen in Gondeln mit Netzen und die anderen in den Galeeren des Staates auslaufen. Wozu sollte ein Bruder des anderen Blut suchen?«

Jetzt ward die Bewegung unter den Ratsherren sichtlicher als je. Sie flüsterten untereinander und überreichten dem examinierenden Sekretär ein Papier, worauf einige schnell geschriebene Worte standen.

»Du sprachst zu deinen Genossen ganz öffentlich über das dir vermeintlich zugefügte Unrecht, du machtest Bemerkungen über die Gesetze, die die Dienste der Bürger begehren, wenn die Republik genötigt ist, eine Flotte gegen den Feind zu senden.«

»Es ist nichts Leichtes, Signore, zu schweigen, wenn das Herz voll ist.«

»Und Beratungen fanden unter euch statt, in Gemeinschaft nach dem Palast zu kommen und vom Dogen im Namen des Pöbels vom Lido die Freilassung deines Enkels zu begehren.«

»Signore, es waren einige so großmütig, dies Anerbieten zu machen, doch andere meinten, es sei wohl zu überlegen, ehe man so kühne Maßregeln ergriffe.«

»Und du – was meintest du in dieser Hinsicht?«

»Exzellenz, ich bin alt, und wenngleich nicht gewohnt, von so erlauchten Senatoren ausgefragt zu werden, hatte ich doch genug von der Regierung des St. Markus erfahren, um einzusehen, daß einige Haufen unbewaffneter Fischer und Gondolieri nicht würden angehört werden mit der …«

»Wie! Waren denn die Gondolieri von deiner Partei? Ich sollte meinen, sie wären neidisch und erzürnt gewesen über den Sieg eines Mannes, der nicht zu ihrer Zunft gehört?«

»Ein Gondoliere ist ein Mensch, und obgleich sie das natürliche menschliche Gefühl von Besiegten hatten, so hatten sie doch auch das natürliche menschliche Gefühl für einen Vater, dem man seinen Sohn geraubt. Signore«, fuhr Antonio mit großem Ernst und ganz besonderer Einfalt fort, »es wird großes Mißvergnügen entstehen auf den Kanälen, wenn die Galeeren mit dem Knaben davonsegeln.«

»Das ist deine Meinung! – Waren viele Gondolieri am Lido?«

»Als die Spiele beendet waren, kamen sie zu Hunderten, und ich muß den großmütigen Burschen Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie hatten ihren Mangel an Glück in der Liebe zur Gerechtigkeit vergessen. Diamine! Diese Gondolieri sind nicht so schlecht, als einige vorgeben, sie sind Menschen wie wir und haben für einen Christen ebensogut Gefühl wie ein anderer.«

Der Sekretär schwieg nun, denn sein Geschäft war beendet; eine tiefe Stille herrschte im ganzen Zimmer. Nach einer kurzen Pause hob einer der Drei an: »Antonio Vecchio, du hast auf denselben Galeeren gedient, denen du jetzt so entgegen bist, und brav gedient, wie ich erfahren.«

»Ich tat meine Pflicht gegen San Marco, Signore. Ich spielte meine Rolle gegen die Ungläubigen, doch erst nachdem mein Bart gewachsen und ich alt genug geworden war, um Gutes von Bösem zu unterscheiden. Wir alle erfüllen keine Pflicht freudiger, als die Inseln und Lagunen gegen unsere Feinde zu verteidigen.«

»Und alle Herrschaften der Republik. – Du kannst keinen Unterschied machen in den Rechten des Staates.«

»Den Großen ist eine Weisheit gewährt, die Gott den Armen und Schwachen versagt hat, Signore. Mir scheint es nicht recht klar, wie Venedig, eine auf wenigen Inseln erbaute Stadt, mehr Recht auf die Herrschaft von Kreta oder Kandia haben könne, als die Türken haben hierherzukommen.«

»Wie! Wagst du am Lido die Ansprüche der Republik auf ihre Eroberungen in Zweifel zu ziehen? Oder wagen es die unehrerbietigen Fischer, so leichtsinnig vom Ruhm des Staates zu sprechen?«

»Exzellenz, ich weiß wenig vom Recht des Stärkeren. Gott gab uns die Lagunen, daß er uns mehr gegeben hätte, davon weiß ich nichts. Der Ruhm, von dem Sie sprechen, mag den Schultern eines Senators leicht zu tragen sein, doch schwer drückt er des Fischers Herz.«

»Du sprichst von Dingen, kühner Mann, die du nicht begreifst.«

»Es ist ein Unglück, Signore, daß die Kraft des Verstandes denen nicht gegeben ist, die soviel Kraft zum Dulden besitzen.«

Eine ängstliche Pause folgte dieser Antwort.

»Du kannst jetzt gehen, Antonio«, sagte der eine, der anscheinend den Vorsitz führte in dem furchtbaren Rat der Drei. »Du wirst von dem, was geschah, nicht sprechen, sonst sei der unentrinnbaren Gerechtigkeit von St. Markus und deren Erfüllung gewärtig.«

»Ich danke, erlauchter Senator, ich werde gehorchen. Doch mein Herz ist voll, ich möchte wohl gern noch einige Worte wegen des Kindes sagen, ehe ich diese edle Versammlung verlasse.«

»Du magst sprechen – hier darfst du deine Wünsche und deinen Kummer frei ausschütten, wenn du einen hast. San Marco kennt keine größere Freude, als die Wünsche seiner Kinder anzuhören.«

»Ich glaube, man hat der Republik Unrecht getan, als man ihre Oberhäupter herzlos und ehrgeizig nannte«, sagte der Alte mit hochherziger Wärme, ohne den strengen, mißbilligenden Blick zu bemerken, der in Jacopos Auge glühte. »Ein Senator ist auch nur ein Mensch, und unter ihnen gibt’s auch Väter und Kinder wie unter uns auf den Lagunen.«

»Sprich, nur hüte dich vor aufrührerischen und ungebührlichen Reden«, sagte einer der Sekretäre halblaut »Fahre fort!«

»Ich hab nur noch wenig zu sagen, Signori, ich bin es nicht gewohnt, mich meiner dem Staate geleisteten Dienste zu rühmen, Exzellenzen, doch kommen zuweilen Zeiten, wo menschliche Bescheidenheit der menschlichen Natur nachgeben muß. Diese Narben erhielt ich an einem der ruhmvollsten Tage von St. Markus, und zwar auf den vordersten Galeeren, die zwischen den griechischen Inseln fochten. Der Vater meines Knaben weinte damals über mich, wie ich jetzt über seinen Sohn. – Ja – ich sollt mich schämen, dies unter Männern zu gestehen, doch, da einmal Wahrheit gesprochen werden muß – der Verlust des Knaben hat bittere Tränen aus meinen Augen gelockt, wenn ich lag in dunkler Nacht auf den einsamen Lagunen. Ich lag viele Wochen, Signori, mehr einem Leichnam als einem Menschen ähnlich, und als ich wieder heimkehrte zu meinen Netzen und meinem Tagewerk, da hielt ich meinen Sohn nicht zurück, wie die Republik seiner begehrte. Er ging statt meiner, mit den Ungläubigen zu kämpfen – einen Kampf, von dem er nie wiederkehrte. Es war dies eine Pflicht für Männer, die schon Erfahrung hatten und die sich nicht mehr zum Bösen verführen ließen durch die schlechte Gesellschaft auf den Galeeren. Doch dieses Wegrufen der Kinder in die Schlingen des Satans bekümmert einen Vater, und – ich gestehe meine Schwachheit ein, wenn es eine ist – ich bin jetzt nicht mehr so mutig und stolz, mein Fleisch und Blut in die Gefahren und Verderbnisse des Krieges und schlechter Gesellschaft zu schicken, als damals, da die Kraft des Herzens der Kraft der Glieder gleich kam. Gebt mir denn zurück meinen Knaben, bis er mein altes Haupt ins Grab gelegt hat und bis ich ihm mit Hilfe des heiligen Antonius und solcher Ratschläge, als ein armer Mann geben kann, mehr Festigkeit zum Rechten beigebracht und sein Leben so gestaltet habe, daß ihn nicht jeder willkürliche, betrügerische Wind, der seine Barke trifft, hin und her werfe. Signori, Sie sind reich, mächtig und geehrt, und wenn Sie auch zuweilen in Versuchung geraten, ein Unrecht zu tun, das Ihren großen Namen und Vermögen angemessen, so kennen Sie doch wenig die Prüfungen, denen der Arme ausgesetzt ist. Was sind selbst alle Versuchungen des heiligen Antonius gegen die der übeln Gesellschaft auf den Galeeren! Und nun, Signori, wenn Sie auch zürnen sollten, es zu hören, so muß ich es doch sagen, daß – wenn ein alter Mann keinen Angehörigen mehr auf Erden hat als einen einzigen, armen Knaben – daß St. Markus wohltun würde, daran zu denken, daß ein armer Fischer von den Lagunen ebensogut Gefühl hat wie der Doge auf seinem Thron. Ich sage dies, erlauchte Senatoren, im Schmerz, nicht im Zorn, denn ich möchte mein Kind gern zurück haben und mit meinen Oberen in Frieden sterben wie mit meinesgleichen.«

»Du kannst jetzt gehen«, sagte einer der Drei.

»Noch nicht, Signore, ich hab noch mehr zu sagen von den Männern der Lagunen, die mit lauter Stimme über das Wegschleppen der Knaben zum Dienst der Galeeren sprechen.«

»Wir wollen ihre Gesinnung hören.«

»Edle Herren, wenn ich hier alles aussprechen sollte, was sie gesagt, Wort für Wort, so möchte das Ihren Ohren nicht angenehm klingen! Der Mensch ist Mensch, wenngleich sein Ave an die Jungfrau und seine Gebete an die Heiligen unter einer wollenen Jacke und Fischermütze hervorkommen. Allein, ich kenne meine Pflicht gegen den Senat zu gut, um so dreist zu sprechen. Signori, sie sagen, abgesehen der Dreistigkeit ihrer Rede, daß St. Markus Ohren haben sollte ebensogut für den Niedrigsten seines Volkes als für den reichsten Edlen und daß kein Haar eines Fischers von dessen Haupt fallen sollte, ohne ebensogut gezählt zu werden wie die Locken unter der gehörnten Mütze, und daß, wo Gott kein Zeichen seines Mißfallens gegeben hat, die Menschen es auch nicht zeigen sollten.«

»So wagen sie zu klügeln?«

»Ich weiß nicht, ob dies Klugheit ist, erlauchte Signori, doch ist es das, was sie sprechen, und heilige, aufrichtige Wahrheit. Wir sind arme Arbeitsleute von den Lagunen, die mit Tagesanbruch aufstehen, um ihre Netze auszuwerfen, und abends heimkehren zu ihrem harten Lager und noch schlechterer Kost, aber damit wollten wir gern zufrieden sein, wenn uns der Senat nur als Menschen und Christen betrachten wollte. Daß Gott nicht einem jeden dasselbe Schicksal bestimmte, weiß ich wohl, denn wie oft zieh ich mein Netz leer heraus, wenn meine Kameraden unter der Last ihres Fanges stöhnen, doch dies geschieht meiner Sünden wegen und um mein Herz zur Demut zu neigen. Dagegen übersteigt es jedes Menschen Macht, die Geheimnisse der Seelen zu erspähen oder die Übeltaten des noch unschuldigen Kindes vorherzusagen. Der heilige Antonius mag wissen, wie viele Leidensjahre dieser Aufenthalt auf den Galeeren dem Kinde am Ende noch verursachen wird. Überlegen Sie dies, Signori, ich bitte Sie, und senden Sie Leute von festen Grundsätzen in den Krieg.«

»Du kannst jetzt gehen«, sagte der Richter nochmals.

»Es sollte mir leid tun«, fuhr der vom Eifer hingerissene Antonio fort, »wenn irgend jemand, der von meinem Blute stammt, schuld sein sollte am bösen Willen zwischen denen, die da herrschen, und denen, die zum Gehorchen geboren sind. Allein, die Natur ist stärker als das Gesetz, und ich würde ihre Gefühle nicht ehren, wenn ich fortginge, ohne als Vater gesprochen zu haben. Sie haben mir mein Kind genommen und es auf die Gefahr seines Leibes und seiner Seele für den Dienst des Staates bestimmt, ohne mir nur einen Abschiedskuß, einen letzten Segen zu erlauben. Sie haben mein Fleisch und Blut behandelt wie das Holz des Arsenals und haben es auf die See gesandt gleich dem fühllosen Metall der Kugeln, die Sie gegen die Ungläubigen werfen; meinen Bitten haben Sie Ihre Ohren verschlossen, als wären es Worte von Gottlosen, und als ich Sie anrief auf meinen Knien und meine steifen Glieder huldigend ermüdete, als ich den mir durch St. Antonius zugekommenen Ring zurückgab, damit er Ihre Herzen erweichen möchte und ruhig mit Ihnen über Ihre Handlungen rechtete, wandten Sie sich kalt von mir, als wär ich unfähig zur Verteidigung des Kindes, das Gott meinem Alter gelassen hat! Das ist nicht die gerühmte Gerechtigkeit von St. Markus, Senatoren Venedigs, es ist Herzenshartigkeit und Verschwendung der Mittel der Armen, die selbst dem geldgierigsten Hebräer vom Rialto schlecht anstehen würde.«

»Hast du noch mehr vorzubringen, Antonio?« fragte der Richter mit der hinterlistigen Absicht, des Fischers ganze Seele aufzudecken.

»Ist es nicht genug, Signore, daß ich meiner Jahre, meiner Armut, meiner Narben und meiner Liebe für das Kind erwähnt habe? Ich kenne Sie nicht; doch wenn auch verborgen hinter Gewändern und Masken, immer müssen Sie doch Menschen sein. Vielleicht befindet sich unter Ihnen ein Vater oder wohl auch jemand, dem eine noch heiligere Pflicht obliegt, die Sorge für das Kind eines toten Sohnes, zu ihm will ich sprechen. Vergebens redet Ihr von Gerechtigkeit, wenn die Last Eurer Macht auf den fällt, der sie am wenigsten zu tragen vermag; und wenn Ihr Euch auch selber täuscht, der geringste Gondoliere des Kanals weiß …«

Sein Gefährte legte ihm hier plötzlich die Hand auf den Mund und hinderte so seine weitere Rede.

»Warum unterstehst du dich, den Klagen Antonios Einhalt zu tun?« fragte streng der Richter.

»Es ist nicht anständig, so unehrerbietige Reden in so edler Versammlung anzuhören«, antwortete Jacopo, sich ehrfurchtsvoll verneigend. »Dieser alte Fischer, gefürchtete Signori, ist erhitzt von Liebe für sein Kind, er spricht jetzt, was ihn in kühleren Augenblicken gereuen wird.«

»San Marco fürchtet die Wahrheit nicht! Hat er mehr zu sagen, so laß ihn sprechen.«

Doch der aufgeregte Antonio begann sich zu besinnen. Die Hitze, die sein Gesicht überflogen hatte, verschwand, und die nackte Brust hob sich ruhiger. Er stand da wie jemand, den Bescheidenheit und Anstand mehr verdammten als sein Gewissen, mit ruhigem Blick, mit der Gelassenheit, die seinen Jahren, und der Ehrfurcht, die seinem Stande geziemte.

»Hab ich beleidigt, erhabene Patrizier«, sagte er sanfter, »so bitt ich, vergessen Sie den Eifer eines unwissenden alten Mannes, dessen Gefühl den Anstand überwältigt und der weniger geschickt ist, die Wahrheit edeln Ohren angenehm zu machen, als sie auszusprechen.«

»Du magst jetzt gehen.«

Die Bewaffneten näherten sich und führten Antonio und seinen Gefährten auf erhaltenen Wink durch dieselbe Tür ab, durch die sie gekommen waren. Die anderen Beamten des Tribunals folgten, und die geheimen Richter blieben allein im Urteilszimmer.

Dreizehntes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Eine Pause der Überlegung und vielleicht der Ungewißheit, was hierbei zu tun wäre, erfolgte. Sodann erhoben sich die Drei zu gleicher Zeit und legten die Verkleidung ab. Es zeigten sich die ernsten Gesichter bejahrter Männer, deren Züge die Sorgen und Leidenschaften der Welt mit tiefen Furchen durchzogen hatten. Das eben abgetane Geschäft hatte neue und unangenehme Gefühle in allen erregt. Sie näherten sich jetzt dem Tische und suchten Erholung von dem lang erduldeten Zwange.

»Man hat Briefe vom König von Frankreich aufgefangen«, sagte einer, nachdem sie Zeit genug gehabt, ihre Gedanken zu sammeln. »Es scheint, sie handeln von den neuen Absichten des Kaisers.«

»Sind sie dem Gesandten wiedergegeben worden, oder sollen die Originale dem Senat vorgelegt werden?« fragte ein anderer.

»Darüber wollen wir uns zu gelegener Zeit beraten. Ich habe nun nichts weiter mitzuteilen, außer, daß der Befehl, den Botschafter des Heiligen Stuhls aufzufangen, seinen Zweck verfehlt hat.«

»Davon haben mich schon die Sekretäre benachrichtigt. Wir müssen die Nachlässigkeit unserer Agenten untersuchen! Denn man hat guten Grund zu glauben, daß uns dieser Fang manche nützliche Kenntnis gebracht hätte.«

»Da der Versuch schon bekannt ist und viel darüber gesprochen wurde, so müssen Befehle zur Festnahme der Räuber ergehen, damit die Republik ihren guten Ruf nicht verliert bei ihren Freunden. Es sind Namen auf unseren Listen, die sich zur Bestrafung eignen, wie es denn in dieser Hinsicht bei uns nie an Proskribierten fehlt, mit denen man Vorfälle dieser Art verwischen kann.«

»Die Sache ist ohne Zweifel von Bedeutung, und es muß mit gutem Bedacht dabei verfahren werden.«

»Das Verfahren des habsburgischen Hauses raubt mir allen Schlaf!« rief der andere aus, die Papiere mißmutig beiseite werfend, in die er eben einen flüchtigen Blick geworfen hatte. »Heiliger Theodor! Welche Geißel des Menschengeschlechts ist die Begierde, seine Besitzungen zu vermehren und ein ungerechtes Regiment über die Grenzen der Vernunft und Natur auszudehnen! Wir waren hier in Venedig jahrhundertelang im unbestrittenen Besitz von Provinzen, die unseren Einrichtungen angemessen, unseren Bedürfnissen gelegen und unseren Wünschen genehm sind. Und diese Provinzen, die die Tapferkeit unserer Vorfahren erobert, sind jetzt dennoch der Gegenstand des begehrlichen Ehrgeizes unserer Nachbarn geworden, und zwar aus dem eiteln Vorwande einer Politik, die, wie ich fürchte, durch unsere eigene wachsende Schwäche an Stärke zunimmt. Zeichnet sich der Österreicher mit seiner Machtbegier nicht vor allen anderen Fürsten aus?«

»Wohl nicht mehr als der Kastilier, edler Signore. Sie übersehen die unersättliche Begierde des Königs von Spanien, seine Herrschaft über Italien auszubreiten.«

»Habsburger oder Bourbone, Türke oder Engländer, alle scheint derselbe Durst nach Gewalt zu beseelen; jetzt, wo Venedig nichts mehr zu hoffen hat als die Erhaltung seiner gegenwärtigen Vorteile, wird das geringste unseres Eigentums zum Gegenstand begehrlichen Neides für unsere Feinde.«

»Es ist wahr, diese Begierde der Fremden, unseren Privilegien zu nahe zu treten – und wohl kann man sagen, Privilegien, die wir mit unseren Schätzen und unserm Blut gewonnen –, wird täglich sichtlicher. Wird diesem Unwesen nicht gesteuert, so behält St. Markus zuletzt nicht einmal einen Landungsplatz für eine Gondel auf dem Festlande.«

»Der Sprung des Löwen ist sehr abgekürzt, Exzellenz, sonst wär es nicht so! Es steht nicht länger in unserer Macht, zu überreden oder zu gebieten wie ehemals; und unsere Kanäle fangen an sich mit Schneckenkraut, anstatt mit wohlbeladenen Silberschiffen und schnellsegelnden Feluken zu bedecken.«

»Der Portugiese hat uns unersetzlichen Schaden zugefügt, denn ohne seine afrikanischen Entdeckungen wär uns der Handel mit indischen Produkten geblieben. Ich hasse dies Geschlecht von ganzem Herzen. – Was gibt’s, Signore Gradenigo, so in Gedanken?«

Das dritte Mitglied des geheimen Rates, das seit dem Verschwinden des Angeklagten noch kein Wort gesprochen hatte, erhob sich bei dieser Anrede langsam aus seiner nachdenkenden Stellung.

»Das Verhör dieses Fischers hat Bilder aus meiner Kindheit in meinem Gedächtnis hervorgerufen«, antwortete der Gefragte mit einer Natürlichkeit, die selten in diesem Zimmer war.

»Ich hörte dich sagen, er sei dein Milchbruder«, erwiderte der andere, sich bemühend, das Gähnen zu verbergen.

»Dieselbe Milch nährte und dieselben Spiele erfreuten uns in den ersten Lebensjahren.«

»Diese eingebildeten Verwandtschaften beunruhigen uns oft sehr. Ich freue mich, daß Euer Mißmut keinen anderen Grund hat, denn, wie ich hörte, so hat der junge Erbe Eures Hauses einige Neigung zur Verschwendung blicken lassen, und ich fürchtete, daß Dinge Eure Ohren erreicht hätten, die einem Vater, der im Rat sitzt, nicht angenehm zu hören wären.«

Signore Gradenigo blickte neugierig und mißtrauisch in die Augen seiner beiden Gefährten, begierig, ihre geheimen Gedanken zu ergründen, ehe er seine eigenen aussprach.

»Gibt es irgendeine Klage gegen den Jüngling?« fragte er zögernd. »Sie begreifen eines Vaters Interesse und werden mir die Wahrheit nicht verhehlen.«

»Sie wissen, Signore, daß die Agenten der Polizei tätig sind und daß sie nur wenig erfahren, was nicht die Ohren des Rates erreicht. Doch im schlimmsten Fall geht die Sache nicht auf Leben oder Tod. Es kann den jungen Mann höchstens einen Besuch nach Dalmatien oder einen Sommeraufenthalt am Fuß der Alpen kosten.«

»Die Jugend ist die Zeit der Unvernunft, wie Sie wissen, Signori«, erwiderte der Vater, leichter atmend, »und da niemand alt wird, ohne vorher jung gewesen zu sein, so habe ich wohl nicht nötig, Ihre eigene Erinnerung an jugendliche Schwachheiten zu wecken. Ich will doch hoffen, daß mein Sohn unfähig ist, etwas gegen die Republik zu unternehmen?«

»In dieser Hinsicht wird er nicht beargwöhnt.« Ein leichter Schatten von Ironie flog bei diesen Worten über das Antlitz des alten Senators. »Aber er soll sich zu dreist um die Person und den Reichtum Euers Mündels bewerben, und daß dies, da sie unter besonderer Aufsicht von St. Markus steht, nicht ohne Bewilligung des Senats geschehen kann, muß ja einem seiner ältesten und ehrwürdigsten Mitglieder wohl bekannt sein.«

»So ist das Gesetz, und niemand, der von mir abstammt, soll ihm seine Achtung versagen. Ich habe meine Ansprüche an diese Verbindung mit Bescheidenheit, aber offen ausgesprochen und erwarte mit achtungsvollem Vertrauen die Entscheidung des Staates.«

Seine Kollegen neigten sich höflich, der Wahrheit seiner Rede und der Aufrichtigkeit seines Benehmens beistimmend; indes geschah es auf eine Weise, die zeigte, daß an Hinterlist gewöhnte Männer wie sie nicht leicht zu täuschen sind.

»Niemand zweifelt daran, würdiger Signore Gradenigo. Hast du hinsichtlich der jungen Erbin etwas mitzuteilen?«

»Mit Kummer muß ich sagen, daß die Verbindlichkeit, die sie gegen Don Camillo Monforte hat, auf ihr Gemüt einen tiefen Eindruck gemacht hat, und ich fürchte, daß der Senat in dieser Hinsicht mit dem Eigensinn eines Weibes zu kämpfen haben wird. Die Launen ihres Alters werden ihm mehr zu schaffen machen als die Leitung wichtigerer Gegenstände.«

»Ist die Dame in ihrem gewöhnlichen Leben mit angemessener Gesellschaft umgeben?«

»Der Senat kennt ihre Umgebungen. In so wichtigen Sachen werde ich ohne dessen Autorität und Zustimmung nichts tun, doch ist dabei mit großer Delikatesse zu verfahren. Der Umstand, daß so viele Güter meines Mündels im Kirchenstaat liegen, macht es nötig, den schicklichen Zeitpunkt zur Verfügung über ihre Rechte abzuwarten und den Bestand davon in die Grenzen der Republik zu versetzen, ehe wir etwas entscheiden. Haben wir ihr Vermögen erst sicher, so mag ohne Verzug über ihr Schicksal entschieden werden, wie es für den Staat am vorteilhaftesten scheint.«

»Die Dame ist von einem Range, besitzt Reichtümer und persönliche Vorzüge, die bei unseren bedenklichen Verhandlungen, die uns seit kurzem so sehr hemmen, von großem Einfluß sein könnten. Es gab Zeiten, wo sich ein Souverän um die Hand einer Tochter Venedigs bewarb, die nicht schöner war als diese.«

»Diese großen, glänzenden Tage sind nicht mehr, Signore. Sollte es für zweckmäßig erachtet werden, die natürlichen Ansprüche meines Sohnes unberücksichtigt zu lassen und mein Mündel zum Besten der Republik zu vermählen, so kann durch das Mittel doch höchstens nur eine günstige Einwilligung bei künftigen Verhandlungen oder eine neue Stütze für eine der vielen zerrütteten Interessen der Stadt verlangt werden. In dieser Hinsicht könnte sie freilich viel nützen. Damit sie aber frei schalten könne und ihrem Glücke nichts im Wege stehe, wird es nötig sein, den Ansprüchen Don Camillos ein Ende zu machen. Können wir dies besser bewerkstelligen als durch eine schleunige Ausgleichung, um ihn zur Rückkehr nach Kalabrien zu vermögen?«

»Die Sache ist von Wichtigkeit und bedarf der Überlegung.«

»Er klagt ohnehin über unser Zögern, und nicht ganz mit Unrecht. Seit fünf Jahren bereits sind seine Ansprüche vorgebracht.«

»Von diesem Herrn von Sant‘ Agata müssen Gegenbedingungen gemacht werden, sonst setzen wir unseren Vorteil gar zu sehr aus den Augen.«

»Ich erwähnte der Sache vor Ew. Exzellenzen, damit Dero Weisheit darüber entscheide. Mich dünkt, es wäre schon etwas gewonnen, wenn man einen so gefährlichen Gegenstand aus den Augen und dem Gedächtnis eines liebekranken Mädchens entfernte.« »Ist die Jungfrau so verliebt?«

»Sie ist aus Italien, und unsere Sonne erzeugt eine feurige Phantasie.«

»Schickt sie zum Beichtstuhl und zum Gebet! Der ehrwürdige Prior von St. Markus wird ihre Phantasie disziplinieren, bis sie den Neapolitaner für einen Mohren und einen Ungläubigen hält. Signori«, fuhr er dann fort, in einem Stoß Papier kramend, »wir müssen die Sache des Fischers vornehmen – doch wollen wir zuvor den Siegelring genauer untersuchen, den man vergangene Nacht in den Löwenrachen geworfen hat. Signore Gradenigo, Sie waren beauftragt, ihn zu untersuchen.«

»Meine Pflicht ward erfüllt, edle Signori, und mit einem Erfolg, den ich nicht erwartete. Die Eilfertigkeit unserer letzten Sitzung verhinderte das Durchlesen des Papiers, an dem er befestigt war, aber jetzt ist zu sehen, daß beide zusammengehören. Hier ist eine Anklage, die Don Camillo Monforte der Absicht beschuldigt, Donno Violetta, mein Mündel, aus dem Bereiche des Senats bringen zu wollen, um sich ihrer Person und ihrer Reichtümer zu versichern. Die Anklage spricht von Beweisen, die sich im Besitz des Anklägers, eines von dem Neapolitaner beauftragten Agenten, befänden. Wie ich vermute, sendet er als Pfand seiner Glaubwürdigkeit, denn nichts anderes wird dabei erwähnt, das eigne Handsiegel Don Camillos, das er nicht erhalten konnte, wenn er nicht des edeln Herrn Vertrauen besäße.«

»Ist der Ring auch ganz bestimmt der seinige?«

»Davon bin ich vollkommen überzeugt. Sie wissen, daß ich besonders beauftragt bin, sein persönliches Begehren beim Senat zu leiten, und so haben mir denn häufige Unterredungen Gelegenheit gegeben, zu bemerken, daß er früher den Siegelring trug, der ihm jetzt fehlt. Mein Juwelier auf dem Rialto hat diesen für den vermißten Ring erkannt.«

»Insoweit ist die Sache klar, obgleich der eigentümliche Umstand, daß sich der Siegelring des Angeklagten bei der Anklage vorgefunden, etwas dunkel scheint und die Klage unsicher und ungewiß macht. Haben Sie einen Schlüssel zu der Schrift oder Mittel, zu erfahren, woher sie kommt?«

Ein kleiner, fast unbemerkbarer roter Fleck auf der Wange Signore Gradenigos entging dem scharfen Mißtrauen seiner Gefährten nicht, indes verbarg er seine Verlegenheit und antwortete vernehmlich, daß er nichts dergleichen besitze.

»So müssen wir denn die Entscheidung bis auf weitere Beweise verschieben. Die Gerechtigkeitspflege des heiligen Markus ist zu sehr hervorgehoben, als daß man ihren Ruf durch einen übereilten Ausspruch bei einer Sache, die einen mächtigen italienischen Edeln so nahe angeht, aufs Spiel setzen sollte. Denn Camillo Monforte trägt einen ausgezeichneten Namen und zählt zuviel bedeutende Personen unter seinen Verwandten, als daß man mit ihm wie mit einem Gondoliere oder mit dem Boten eines fremden Staates umspringen könnte.«

»In bezug auf ihn haben Sie unbezweifelt recht, Signore, werden wir aber durch zu große Delikatesse unsere Erbin nicht in Gefahr bringen?«

»Es gibt ja viele Klöster in Venedig, Signore.«

»Ein klösterlich Leben eignet sich wenig für mein Mündel«, bemerkte Signore Gradenigo trocken, »und ich fürchte das Experiment, Gold ist der Schlüssel zur festesten Zelle, übrigens können wir ein Kind des Staates auch nicht ohne einen Schein von Anstand unter Gewahrsam bringen.«

»Signore Gradenigo, wir haben über diesen Gegenstand schon lange und ernste Beratungen gepflogen, und da dies unsere Gesetze zulassen, wenn einer aus unserer Zahl ein augenscheinliches Interesse bei der Sache hat, so haben wir uns mit Sr. Hoheit beraten, die auch mit unserer Meinung einverstanden sind. Ihr persönliches Interesse hinsichts der Dame könne Ihr in der Regel vortreffliches Urteil verdunkelt haben, sonst, glauben Sie sicherlich, hätten wir Sie zu unserer Konferenz gezogen.«

Der alte Senator, der sich so unerwartet von der Beratung einer Sache ausgeschlossen sah, die ihm vor allen anderen seine temporäre Autorität wert machte, stand beschämt und schweigend – seine Kollegen indes, den Wunsch, mehr zu erfahren, in seinem Gesicht lesend, fuhren fort, ihm mitzuteilen, was er nach ihrer Absicht hören sollte.

»Es ist beschlossen worden, die Dame nach einem anständigen, einsamen Ort zu bringen, und für die Mittel zu diesem Zwecke hat man bereits Sorge getragen. So wirst du auf eine Zeitlang eine unangenehme Verpflichtung los, die nur zu sehr deinen Geist eingenommen und deine so schätzbare Brauchbarkeit für die Republik bei andern Dingen verringert haben muß.»

Diese unerwartete Mitteilung geschah mit ausgezeichneter Höflichkeit, aber auch mit einem Nachdruck und einem Ton, der Signore Gradenigo hinlänglich mit der Natur des gegen ihn gefaßten Argwohns bekannt machte. Daher lehrte er seine Züge ein ebenso verräterisches Lächeln wie das seiner listigen Gefährten und antwortete mit scheinbarer Dankbarkeit: »Se. Hoheit und Sie, meine vortrefflichen Kollegen, haben Ihre wohlwollenden Wünsche und Ihr gutes Herz zu Rate gezogen. Die Behandlung eines eigensinnigen Weiberherzens ist kein leichtes Geschäft, und indem ich für die gütige Berücksichtigung meiner Bequemlichkeit danke, werden Sie zugleich erlauben, meine Bereitwilligkeit auszudrücken, die Verpflichtung wieder zu übernehmen, wenn es dem Staate gefallen sollte, sie mir wieder zu übergeben.«

»Davon kann niemand mehr überzeugt sein als wir und niemand Ihre Fähigkeit, sich der Verpflichtung treu zu entledigen, besser beurteilen. Doch Sie werden darin mit uns übereinstimmen, daß es sowohl der Republik als auch einem ihrer ruhmwürdigsten Bürger nicht angemessen ist, ein Mündel der Republik in einer Stellung zu lassen, die einen Bürger unverdientem Tadel aussetzt. Glauben Sie mir, wir haben bei dieser Sache weniger an Venedig als an die Ehre und das Interesse des Hauses Gradenigo gedacht; denn sollte dieser Neapolitaner unsere Absichten vereiteln, so würde man Ihnen den größeren Teil der Schuld davon aufbürden.«

»Tausend Dank, vortrefflicher Signore«, erwiderte der abgesetzte Vormund. »Sie haben mir eine schwere Last vom Herzen genommen und mir etwas von der Frische der Jugend wiedergegeben. Die Ansprüche Don Camillos sind nun nicht länger drängend, da es Ihr Wille ist, die Dame auf einige Zeit aus der Stadt zu entfernen.«

»Besser wär’s, ihn noch in Ungewißheit zu lassen, wenn auch nur, um ihn zu beschäftigen. Setzen Sie Ihre Verbindung mit ihm fort, und berauben Sie ihn nicht aller Hoffnung, sie ist ein Belebungsmittel für ein durch Erfahrung noch nicht ertötetes Gemüt. Wir wollen es einem der Unsern nicht verhehlen, daß wir bald am Schluß einer Unterhandlung sind, die den Staat der Sorge für die Dame überheben und der Republik zum Vorteil gereichen wird. Ihre Güter, die außer unsern Grenzen liegen, erleichtern die Sache sehr, deren Kenntnis Ihnen nur vorenthalten worden ist, weil wir Sie seit kurzem zu sehr mit Geschäften überhäuft haben.«

Wieder verneigte sich Signore Gradenigo untertänig und mit scheinbarer Freude. Er sah, daß man trotz seiner geübten Hinterlist und scheinbaren Offenheit seine geheimen Absichten recht gut erkannt habe, und er unterwarf sich nun mit verzweiflungsvoller Resignation. Nach Beendigung dieses delikaten Geschäfts, das die höchstmögliche Freiheit venezianischer Politik erforderte, da es mit dem Interesse eines Mannes verflochten war, der jetzt eben zu demselben Gerichte gehörte, wandten die drei ihre Aufmerksamkeit auf andere Dinge, mit allem Anscheine von Gleichgültigkeit gegen persönliches Gefühl, den sich Männer auf den krummen Pfaden der Staatspolitik aneignen.

»Da unsere Meinungen in Hinsicht der Donna Violetta so glücklich übereinstimmen«, bemerkte der älteste Senator, »so lassen Sie uns die Liste unserer täglichen Pflichten durchmustern – was bringt uns heute abend der Löwenrachen?«

»Einige der gewöhnlichen und unbedeutenden Anklagen, die persönlicher Haß erzeugt«, erwiderte ein anderer. »Da beschuldigt jemand seinen Nachbarn der Hintansetzung religiöser Pflichten und der Nichtbeachtung der Fasttage der heiligen Kirche – törichte Verleumdungen, gut für die Ohren eines Priesters.«

»Sonst nichts?«

»Eine andere Klage beschuldigt einen Ehemann der Vernachlässigung. Es ist Weibergekritzel und trägt deutlich den Stempel weiblicher Rachsucht an der Stirn.«

»Die bald zu erwecken und ebenso bald zu besänftigen ist. Mag das Gerede der Nachbarn Ruhe bringen in den Hausstand. – Was folgt zunächst?«

»Ein Kläger bei dem Gerichtshofe klagt über die Saumseligkeit der Richter.«

»Das tastet den Ruf von St. Markus an und muß untersucht werden.«

»Halt« unterbrach Signore Gradenigo. »Das Tribunal handelt mit gutem Bedacht – es betrifft einen Hebräer, der um wichtige Geheimnisse weiß. Die Sache verdient Überlegung, ich versichere Euch.«

»Vernichtet die Klage. – Gibt’s noch mehr?«

»Nichts Bedeutendes. Die gewöhnliche Anzahl Witzeleien und scherzhafter Knittelverse, die nichts bezwecken.«

»Das ist der Übermut der Sicherheit. Mag’s immerhin durchgehn, denn alles, was zum Zeitvertreib dient, unterdrückt unruhige Gesinnungen. Wollen wir nun zu Sr. Hoheit, Signori?«

»Sie vergessen den Fischer«, bemerkte ernsthaft Signore Gradenigo.

»Da haben Ew. Gnaden recht. Was das für ein Geschäftskopf ist. Nichts Nützliches entgeht seinem stets regen Geist.«

Der alte Senator, wenngleich zu erfahren, um sich durch diese Sprache bestechen zu lassen, sah die Notwendigkeit ein, geschmeichelt zu scheinen. Wieder verneigte er sich und protestierte laut und wiederholt gegen Komplimente, die er so wenig verdiene. Als dies kleine Zwischenspiel vorüber war, beschäftigten sie sich angelegentlich mit der vorliegenden Sache.

Da die Entscheidung des Gerichts der Drei im Laufe dieser Geschichte bekannt werden wird, so wollen wir nicht weiter fortfahren, ihre bei diesen Beratungen gehaltenen Gespräche einzeln zu berichten. Die Sitzung währte lange, so lange, daß, als sie sich nach Beendigung ihres Geschäftes erhoben, die schwere Glocke des Platzes die Stunde der Mitternacht schlug.

»Der Doge wird ungeduldig sein«, sagte eines der namenlosen Mitglieder vor dem Weggehen. »Mir schien Se. Hoheit heute mehr ermüdet und schwächer, als sie sonst bei ähnlichen Stadtfestlichkeiten gewesen ist.«

»Se. Hoheit hören auf, jung zu sein, Signori. Wenn mir recht ist, so ist er uns allen an Jahren weit überlegen.«

»In Wahrheit, es zeigen sich Spuren von Hinfälligkeit in seinem System. Es ist ein ehrenwerter Fürst, und wir verlieren einen Vater an ihm, wenn wir seinen Verlust beweinen werden.«

»Sehr wahr, Signore; die gehörnte Mütze ist kein undurchdringliches Schild für die Pfeile des Todes.«

»Du bist heute abend verdrießlich, Signore Gradenigo, sonst pflegst du unter Freunden nicht so still zu sein.«

»Nichtsdestoweniger bin ich dankbar für Eure Güte. Scheint mein Antlitz beschwert, so hab ich ein erleichtert Herz. Wer seine Tochter so glücklich verheiratet weiß wie du, kann beurteilen, von welcher Last ich mich befreit fühle durch die Anordnung über mein Mündel. Die Freude äußert sich oft wie der Schmerz, ja oft sogar durch Tränen.«

Die beiden Gefährten blickten den Redenden mit scheinbarer Teilnahme an. Dann verließen sie das Zimmer des Gerichts. Die Diener kamen herein, verlöschten die Lichter und ließen alles in einer Dunkelheit, die kein schlechtes Bild der düsteren Mysterien des Ortes war.

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Und nicht scheut in Furcht das schüchterne Reh,
Wenn zu seinem Gemach ich mich stehle;
Und theu’r ist die Maiviole mir.
Und den Bach besuch‘ ich, der rieselt hier,
Daß die Blume mir labe die Seele.
Bryant.

Die Arche, wie man die schwimmende Behausung der Hutter’s gemeinhin nannte, war ein sehr einfaches Werk. Eine große Fläche oder Fähre bildete den schwimmenden Theil des Fahrzeugs, und in dessen Mitte, die ganze Breite, und etwa zwei Dritttheile der Länge einnehmend, stand ein niedriges Gerüste, in seinem Bau dem Castell ähnlich, obwohl von so leichtem Material, daß es kaum einer Flintenkugel widerstand. Da die Seiten des platten Fahrzeuges etwas höher waren als gewöhnlich, und das Innere der Cajüte oder der Hütte nicht höher war, als die Bequemlichkeit durchaus erforderte; so nahm sich der ungewöhnliche Aufsatz weder 63

sehr plump aus, noch fiel er sehr ins Auge. Kurz das Ganze war nicht viel verschieden von einem modernen Kanalboot, obwohl roher gebaut, von größerer Breite als gewöhnlich, und an den mit Borke bedeckten Balken doch die Spuren der Wildniß an sich tragend. Die Fähre war jedoch mit einiger Geschicklichkeit zusammengesetzt, für ihre Stärke verhältnißmäßig leicht und gut zu handhaben. Die Cajüte war in zwei Gemächer getheilt, deren eines als Wohnzimmer und Schlafstätte für den Vater diente, das andere aber den Töchtern zur Benützung überlassen war. Eine sehr einfache Einrichtung diente als die Küche, die auf dem einen Ende der Fähre angebracht war, und von der Cajüte entfernt, frei und offen dastand; denn die Arche überhaupt war eine Sommerwohnung.

Das Versteck, in dem sie lag, läßt sich ebenso leicht erklären. An manchen Stellen des See’s und Flusses, wo die Ufer steil und hoch waren, überhingen die kleineren Bäume und die größeren Gebüsche, wie schon erwähnt, das Wasser gänzlich und ihre Zweige tauchten sich nicht selten ganz darein ein. Hin und wieder wuchsen sie in beinahe horizontalen Linien dreißig bis vierzig Fuß seitlich herein. Da das Wasser durchgehends am tiefsten war an den Küsten, wo die Ufer am höchsten und am meisten sich dem Senkrechten näherten, war es Huttern nicht schwer gefallen, die Arche unter ein solches versteckendes Obdach zu lenken, wo sie vor Anker lag, und wo man sie nicht sollte bemerken können; denn nach seiner Ansicht erforderte die Sicherheit solche Vorsichtsmaßregeln. Nachdem sie einmal unter den Bäumen und Gebüschen war, bewirkten einige an den Enden der Zweige befestigte Steine, daß sie sich tief genug in den Fluß hinunterbogen; und einige abgehauene Büsche, gehörig vertheilt, thaten das Uebrige. Der Leser hat schon gesehen, daß dieß Versteck vollständig genug war, um zwei an die Wälder gewöhnte Männer zu täuschen, die doch gerade auf die Entdeckung der verborgenen Arche aus waren, und dieß werden Solche leicht begreifen, welche bekannt sind mit der wuchernden Ueppigkeit und Dichtheit eines jungfräulichen amerikanischen Waldes, zumal auf reichem und gutem Boden.

Die Entdeckung der Arche machte sehr verschiedene Eindrücke auf unsre beiden Abenteurer. Sobald das Canoe an die geeignete Oeffnung hinangebracht werden konnte, sprang Hurry an Bord, und war nach einer Minute schon tief verwickelt in ein munteres, gewissermaßen scheltendes Gespräch mit Judith, allem Anschein nach das Daseyn der ganzen übrigen Welt vergessend. Nicht so Wildtödter. Er betrat die Arche mit langsamem, vorsichtigem Schritt und prüfte jede Einrichtung des Verstecks mit neugierigem, forschendem Auge. Allerdings warf er einen bewundernden Blick auf Judith, den ihm ihre glänzende und eigenthümliche Schönheit abgewann; aber selbst diese konnte ihn nur einen Augenblick abhalten, dem Interesse, das ihm Hutter’s schlaue Einrichtungen einflößten, nachzugeben. Schritt für Schritt besichtigte er die Konstruktion der eigenthümlichen Behausung, erforschte die Stärke und Festigkeit derselben, versicherte sich der Vertheidigungsmittel, und stellte alle die Untersuchungen an, die sich von selbst einem Mann darboten, dessen Gedanken hauptsächlich mit solchen Kunstgriffen und Hülfsmitteln sich beschäftigten. Auch das versteckende Obdach ward nicht außer Acht gelassen. Er untersuchte es genau nach seiner ganzen Beschaffenheit und mehr als einmal wurde sein Beifall in hörbaren Lobsprüchen laut. Da die Sitten der Grenzmänner eine solche Ungezwungenheit gestatteten, schritt er durch die Gemächer, wie früher im Castell, öffnete eine Thüre, und trat auf das Ende der Fähre, entgegengesetzt dem, wo er Hurry und Judith verlassen hatte. Hier traf er die andere Schwester mit einer groben Nadelarbeit beschäftigt, unter dem belaubten Baldachin des Schutzdachs sitzend.

Da Wildtödters Besichtigung und Prüfung nunmehr beendigt war, ließ er den Kolben seiner Büchse sinken und wandte sich, 65

mit beiden Händen auf den Lauf sich stützend, zu dem Mädchen mit einem Interesse, welches die ausgezeichnete Schönheit ihrer Schwester nicht in ihm geweckt hatte. Er hatte sich aus Hurry’s Aeußerungen so viel abgenommen, daß Hetty dafür galt, weniger Einsicht zu besitzen, als gewöhnlich menschlichen Wesen zugetheilt ist; und seine indianische Bildung hatte ihn gelehrt, diejenigen, die so von der Vorsehung heimgesucht waren, mit ungewöhnlicher Zartheit zu behandeln. Auch lag in der äußern Erscheinung bei Hetty Hutter Nichts, was, wie so oft der Fall ist, das Interesse hätte schwächen können, das ihr Zustand erregte. Blödsinnig konnte man sie nicht eigentlich nennen, denn ihr Geist war nur gerade so weit schwach, daß er die meisten jener Züge verlor, welche mit den Eigenschaften der berechnenden Schlauheit zusammenhängen, dagegen seine Aufrichtigkeit und Liebe zur Wahrheit behielt. Es war öfters in Bezug auf dieß Mädchen von den Wenigen, die sie gesehen, und welche genugsame Einsicht zum richtigen Unterscheiden besaßen, bemerkt worden, daß ihr Erkennen des Rechten beinahe instinktmäßig und intuitiv schien, während ihr Widerwillen gegen das Unrecht einen so auszeichnenden Zug ihres Gemüths ausmachte, daß sie gleichsam in einer Atmosphäre reiner Sittlichkeit sich bewegte; und diese Eigenthümlichkeiten trifft man nicht selten bei schwachsinnig genannten Menschen; gleich als hätte Gott den bösen Geistern gewehrt, in ein so schutzloses Gebiet einzudringen, mit der gnädigen Absicht, einen unmittelbaren Schutz denjenigen angedeihen zu lassen, welche ohne die gewöhnlichen Kräfte und Hülfsmittel der menschlichen Natur geblieben waren. Auch ihre Person war angenehm, da sie ihrer Schwester stark glich, von welcher sie ein gedämpftes und bescheidnes Nachbild zu seyn schien. Wenn sie Nichts von Judiths Glanz besaß, so verfehlte doch der ruhige, friedliche, beinahe heilige Ausdruck ihres sanften Gesichts selten, den Betrachter für sie einzunehmen; und Wenige sahen sie länger, ohne eine tiefere und bleibende Theilnahme für das Mädchen zu fühlen. Sie hatte für gewöhnlich keine Farbe, auch war ihr einfacher Geist nicht im Stand, Bilder aufzurufen, die ihre Wange hätten aufleuchten machen; aber sie behauptete eine ihr so angeborne Sittsamkeit, daß sie dadurch beinahe zu der arglosen Reinheit eines für menschliche Schwächen unzugänglichen Gemüthes erhoben wurde. Harmlos, unschuldig, ohne Mißtrauen sowohl von Natur als vermöge ihrer Lebensweise, hatte die Vorsehung sie dennoch gegen Anfechtungen beschirmt durch eine Art von sittlichem Heiligenschein, »den Wind zu sänftigen dem geschornen Lamme,« wie das Sprüchwort sagt.

»Ihr seyd Hetty Hutter,« sagte Wildtödter, in der Art, wie man sich selbst unbewußt eine Frage macht, und zwar mit einer sanften Güte in Ton und Wesen, die ganz geeignet war, ihm das Vertrauen der so Angeredeten zu gewinnen – »Harry Hurry hat mir von Euch gesagt, und ich weiß, Ihr müßt das Kind seyn.«

»Ja, ich bin Hetty Hutter,« versetzte das Mädchen mit leiser, süßer Stimme, welche durch die Natur und einige dazugekommene Erziehung vor Gemeinheit des Tons und des Ausdrucks bewahrt geblieben war; »ich bin Hetty, der Judith Hutter Schwester und Thomas Hutter’s jüngste Tochter.«

»So weiß ich denn Eure Geschichte, denn Hurry Harry plaudert tüchtig und er geht frei heraus mit seinen Reden, wenn er auf andrer Leute Angelegenheiten zu sprechen kommt. Ihr bringt den größten Theil Eures Lebens auf dem See zu, Hetty.«

»Ja wohl, Mutter ist todt; Vater ist aus auf’s Fallenstellen, und Judith und ich bleiben zu Hause. Was ist Euer Name?«

»Das ist eine Frage, die sich leichter thun als beantworten läßt, junges Weib; in Betracht, daß ich noch so jung bin, und doch schon mehr Namen getragen habe, als manche der größten Häuptlinge in ganz Amerika.«

»Aber Ihr habt doch einen Namen? Ihr werft doch nicht einen Namen weg, bevor Ihr auf ehrliche Weise zu einem andern gekommen?«

»Ich hoffe so, Mädchen, ich hoffe so. Meine Namen sind mir natürlich gekommen, und ich denke, derjenige, den ich jetzt trage, wird nicht von langer Dauer seyn, denn die Delawaren bestimmen selten den wahren Namen und Titel eines Mannes fest, bis zu der Zeit, wo er Gelegenheit gehabt, sein wahres Wesen im Rath oder auf dem Kriegspfad zu zeigen, was mir noch nie zu Theil geworden ist; angesehen, erstlich, daß ich, nicht als Rothhaut geboren, kein Recht habe, in ihren Versammlungen zu sitzen, und viel zu niedrig bin, als daß ich von den Vornehmen meiner Farbe sollte um meine Meinung befragt werden; und für’s Zweite, weil dieß der erste Krieg ist, der in meine Zeit gefallen, und noch kein Feind weit genug in die Colonie eingebrochen, der durch einen auch längeren Arm als der meinige zu erreichen gewesen wäre.«

»Sagt mir Eure Namen,« erwiederte Hetty, ihn arglos anschauend, »und vielleicht sage ich Euch dann Euren Charakter.«

»Darin liegt einige Wahrheit, ich will es nicht läugnen, obgleich es oft fehl trifft. Die Menschen täuschen sich im Charakter Andrer und geben ihnen häufig Namen, die sie in keiner Weise verdienen. Die Wahrheit hievon könnt Ihr sehen an den Mingo-Namen, die, in ihrer Sprache, dieselben Dinge bezeichnen, wie die Delawaren-Namen – so sagt man mir wenigstens, denn ich weiß Wenig von diesem Stamm, außer durchs Gerücht – und Niemand kann sagen, daß sie eine ebenso redliche und gerade Nation sind. Ich lege daher kein sehr großes Gewicht auf Namen.«

»Sagt mir alle Eure Namen,« wiederholte das Mädchen ernst, denn ihr Gemüth war zu einfältig, um die Dinge von den Namen zu scheiden, die sie tragen, und sie legte einem Namen große Wichtigkeit bei. »Ich möchte wissen, was ich von Euch zu denken habe.« 68

»Nun, gewiß; ich habe Nichts dagegen und Ihr sollt sie alle erfahren. Für’s Erste denn, bin ich ein Christ und weiß geboren, wie Ihr, und meine Eltern hatten einen Namen, der sich vom Vater auf den Sohn vererbte, als ein Theil ihrer Gaben und Ausstattung. Mein Vater hieß Bumppo; und ich ward natürlich genannt wie er, und der mir gegebene Name war Nathaniel, oder Natty, wie die meisten Leute ihn abzukürzen beliebten.«

«Ja, ja – Natty – und Hetty –« unterbrach ihn rasch das Mädchen, und schaute wieder mit einem Lächeln von ihrer Arbeit auf, »Ihr seyd Natty und ich bin Hetty – obgleich Ihr Bumppo heißt, und ich Hutter, Bumppo ist nicht so hübsch wie Hutter, oder doch?«

»Nun, das kommt auf der Leute Geschmack an. Bumppo klingt nicht erhaben, ich geb‘ es zu, und doch haben sich Menschen damit durch die Welt geschlagen. Ich lief jedoch nicht sehr lange unter diesem Namen; denn die Delawaren entdeckten bald, oder glaubten zu entdecken, daß ich dem Lügen nicht ergeben war, und sie nannten mich zuerst: ›Geradzunge‹.«

»Das ist ein guter Name« unterbrach ihn Hetty ernst und in bestimmtem Tone; »sagt mir doch nicht, es wohne in den Namen keine Kraft und Tugend!«

»Ich sage das nicht, denn vielleicht verdiente ich den Namen, da Lügen bei mir nicht, wie bei Manchen, in Gunst sind. Nach einiger Zeit entdeckten sie, daß ich rasch zu Fuß war, und da nannten sie mich: ‚die Taube‘; denn dieser Vogel hat, wie Ihr wißt, eine schnelle Schwinge und fliegt in gerader Richtung.«

»Das war ein hübscher Name!« rief Hetty: »Tauben sind hübsche Vögel.«

»Die meisten Dinge, die Gott geschaffen, sind hübsch, in ihrer Art, mein gutes Mädchen, obgleich sie dann von den Menschen entstellt und verkehrt werden, so daß sie ihre Natur wie ihre äußere Erscheinung ändern. Vom Botschafttragen und vom 69

Aufspüren blinder Fährten brachte ich es endlich dahin, den Jägern folgen zu dürfen, da man glaubte, ich sey rascher und sichrer in Auffindung des Wildes als die meisten jungen Burschen, und da nannten sie mich ›Schlappohr‹, weil ich, wie sie sagten, die Spürkraft eines Hundes besäße.«

»Der Name ist nicht so hübsch,« bemerkte Hetty. »Ich hoffe, den behieltet Ihr nicht lange.«

»Nicht länger, als bis ich reich genug war, eine Büchse zu kaufen,« erwiederte der Andere, und sein sonst so gelassenes und ruhiges Wesen verrieth doch einigen Stolz; »da zeigte sich’s, daß ich einen Wigwam mit Wildpret zu versehen vermochte; und bald bekam ich den Namen ›Wildtödter‹, den ich jetzt noch trage; – ein niedriger Name, nach der Ansicht von Manchen, die mehr Werth in den Skalp eines Mitmenschen setzen, als in das Geweih eines Hirsches.«

»Nun, Wildtödter, zu diesen gehöre ich nicht,« versetzte Hetty arglos. »Judith liebt sich Soldaten und schimmernde Kleider und schöne Federn; aber mir gelten alle die Nichts. Sie sagt, die Officiere seyen vornehm und munter, und führen eine so sanfte Sprache: aber mich machen sie schaudern, denn ihr Beruf ist, ihre Mitmenschen zu tödten. Euer Beruf gefällt mir besser; und Euer letzter Name ist ein recht guter: – besser als Natty Bumppo.«

»Das ist ganz Eurer Gemüthsart gemäß und natürlich, Hetty, und gerade so, wie ich es erwartet. Man sagt mir, Eure Schwester sey schön – ungemein schön für eine Sterbliche; und die Schönheit macht geneigt, Bewunderung zu suchen.«

»Habt Ihr Judith nie gesehen?« fragte das Mädchen mit raschem Ernst; »wenn dieß ist, so geht sogleich und beschaut sie. Selbst Hurry Harry ist nicht hübscher anzusehen, obgleich sie ein Weib ist, und er ein Mann.«

Wildtödter betrachtete einen Augenblick das Mädchen mit Theilnahme. Ihr blasses Gesicht hatte sich ein wenig geröthet, und ihr 70

gewöhnlich so mildes und sanftes Auge geflammt bei jenen Worten, die ihre innern Regungen verriethen.

»Ja, Hurry Harry,« murmelte er vor sich hin, indem er durch die Cajüte nach dem andern Ende der Arche schritt; »das kommt vom guten Aussehen, wenn nicht auch eine leichtfertige Zunge ihren Antheil daran hat. Es ist leicht zu sehen, wohin sich die Gefühle des armen Geschöpfes neigen, wie es nun auch mit der Judith stehen mag.«

Aber eine Unterbrechung erlitten die Galanterie Hurry’s – die Koketterie seiner Geliebten – das Nachdenken Wildtödters und die zärtlichen Gefühle Hetty’s durch das plötzliche Erscheinen des Canoe’s, das den Besitzer der Arche brachte, in der schmalen Oeffnung zwischen den Gebüschen, die als eine Art Wassergraben seiner festen Stellung diente. Es schien, daß Hutter, oder Floating Tom, wie ihn alle Jäger vertraulich nannten, welche mit seiner Lebensart bekannt waren, das Canoe Hurry’s erkannt hatte, denn er zeigte durchaus kein Erstaunen, ihn auf der Fähre zu finden. Im Gegentheil war seine Begrüßung der Art, daß sie nicht nur Zufriedenheit verrieth, sondern selbst Freude, gemischt mit etwas Verdruß darüber, daß er nicht einige Tage früher gekommen.

»Ich erwartete Euch vorige Woche,« sagte er in halb brummendem, halb freundlich begrüßendem Tone, »und war ungemein verdrießlich, daß Ihr nicht kamet. Es kam ein eilender Bote durch, um die Jäger aller Gattungen zu benachrichtigen, daß die Colonie und die Canada’s wieder in Unruhe und Hader seyen; und ich fühlte mich gar einsam in diesen Gebirgen, mit drei Skalpen, die ich zu bewachen habe, und nur zwei Armen, sie zu schützen.«

»Das ist natürlich,« versetzte March; »und es hieß dieß nur als Vater fühlen. Ohne Zweifel, wenn ich zwei Töchter hätte wie Judith und Hetty, wüßte ich aus eigner Erfahrung dieselbe Geschichte zu erzählen, obwohl ich in der Regel ebenso zufrieden 71

bin, wenn der nächste Nachbar fünfzig Meilen weit von mir entfernt, als wenn er innerhalb Rufesweite in meiner Nähe ist.«

»Trotzdem mochtet Ihr nicht allein in die Wildniß kommen, nachdem Ihr wußtet, daß die Wilden in Canada sich wahrscheinlich regen werden,« versetzte Hutter, einen halb mißtrauischen und zugleich forschenden Blick auf Wildtödter werfend.

»Warum sollte ich auch? Man sagt, ein schlechter Begleiter auf einer Reise hilft doch den Weg verkürzen, und diesen jungen Mann rechne ich für einen recht guten. Es ist Wildtödter, alter Tom, ein berufener Jäger unter den Delawaren, dazu als Christ geboren und erzogen wie Ihr und ich. Der Junge ist vielleicht nicht vollkommen, aber es gibt schlechtere Männer in dem Land, wo er herkommt, und wahrscheinlich findet er in dieser Gegend der Welt Manchen, der nicht besser ist. Sollten wir in den Fall kommen, unsre Fallen und unser Gebiet vertheidigen zu müssen, so wird er uns Dienste leisten und Nahrung anschaffen; denn er ist ein ganzer Wildpretschütze.«

»Junger Mann, Ihr seyd willkommen,« brummte Tom, eine harte knöcherne Hand dem Jüngling zum Pfand seiner Aufrichtigkeit hinstreckend; »in solchen Zeiten ist ein Bleichgesicht das Gesicht eines Freundes, und ich zähle auf Euch als einen Beistand. Kinder machen manchmal ein männliches Herz schwach, und diese meine zwei Töchter machen mir mehr Unruhe, als alle meine Fallen, Häute und Rechte im Land.«

»Das ist natürlich!« rief Hurry. »Ja, Wildtödter, Ihr und ich wissen das noch nicht aus Erfahrung; aber, Alles zusammengenommen, sehe ich das als natürlich an. Wenn wir Töchter hätten, ist es mehr als wahrscheinlich, daß wir auch solche Gefühle hätten; und ich schätze den Mann, der sie bekennt. Was Judith betrifft, Alter, so schreibe ich mich sofort als ihr Soldat ein, und hier ist Wildtödter, um Euch Hetty beschützen zu helfen.« »Großen Dank Euch, Meister March,« versetzte die Schöne 72

mit einer vollen, metallreichen Stimme, und mit einer Richtigkeit des Ausdrucks und der Betonung, die sie überhaupt mit ihrer Schwester theilte, und welche bewies, daß sie mehr Unterricht genossen, als ihres Vaters Lebensweise und äußere Erscheinung eigentlich vermuthen ließen: »großen Dank Euch; aber Judith Hutter besitzt so viel Einsicht und Erfahrung, daß sie sich mehr auf sich selbst verläßt, als auf gut aussehende Landstreicher wie Ihr. Sollte es nöthig werden, den Wilden entgegen zu treten, so landet Ihr mit meinem Vater, statt Euch in Hütten zu verschlupfen, unter dem Vorwand, uns Weiber zu vertheidigen, und –«

»Mädchen, Mädchen,« fiel ihr der Vater in’s Wort, »zügle Deine glatte, kecke Zunge und höre die Wahrheit an. Schon sind Wilde am Ufer des See’s und Niemand kann sagen, wie nahe sie uns in diesem Augenblick seyn mögen, oder wann wir Mehr von ihnen zu hören bekommen!«

»Wenn dieß wahr ist, Meister Hutter,« sagte Hurry, in dessen Mienen ein Wechsel eintrat, der verrieth, wie ernstlich er die Nachricht nahm, obgleich Nichts von unmännlicher Unruhe zeugte; »wenn dieß wahr ist, so befindet sich Eure Arche in der ungünstigsten Stellung; denn obschon das Schutzdach Wildtödter und mich täuschte, würde sie doch kaum übersehen werden von einem Vollblut-Indianer, der ernstlich auf die Jagd nach Skalpen ausginge.«

»Ich denke wie Ihr, Hurry, und wünsche von ganzem Herzen, wir lägen in diesem Augenblicke anderswo, als in diesem engen, krummen Fluß, der viele Vortheile für ein Versteck darbietet, aber den Entdeckten beinahe sicheres Verderben bringt. Zudem sind uns die Wilden nahe, und die Schwierigkeit ist, aus dem Fluß herauszukommen, ohne zusammengeschossen zu werden wie Wild, das am Trinkplatz steht!«

»Seyd Ihr gewiß, Meister Hutter, daß die Rothhäute, die Ihr fürchtet, wirkliche Kanadier sind?« fragte Wildtödter mit 73

bescheidenem aber ernstem Wesen. »Habt Ihr Einen gesehen? und könnt Ihr ihre Bemalung beschreiben?«

»Ich bin auf Anzeichen gestoßen, daß sie in der Nähe sind, habe aber Keinen gesehen. Ich war eine Meile oder so stromabwärts, um nach meinen Fallen zu sehen, als ich auf eine frische Spur stieß, welche über das Ende eines Morastes ging und nach Norden zu wies. Der Mann war noch nicht eine Stunde des Weges gekommen, und ich erkannte die Fußtapfe als die eines Indianers an der Gestalt des Fußes und der Zehen, selbst noch ehe ich einen vertragenen Moccasin fand, den der Eigenthümer als unbrauchbar weggeworfen. Und dann fand ich die Stelle, wo er Halt machte, um sich einen neuen zu verfertigen, nur ein paar Schritte von dem entfernt, wo er den alten weggeworfen.«

»Das sieht einer Rothhaut auf dem Kriegspfad nicht sonderlich gleich!« versetzte der Andere mit Kopfschütteln. »Ein erfahrner Krieger wenigstens hätte solche Anzeichen seiner Wanderung verbrannt, oder begraben, oder im Fluß versenkt; und Eure Fährte ist höchst wahrscheinlich eine ganz friedliche. Aber der Moccasin dürfte mich vielleicht sehr beruhigen, wenn Ihr daran gedacht habt, ihn mitzunehmen. Ich bin selbst hieher gekommen, um einen jungen Häuptling zu treffen; und sein Weg läge so ziemlich in der von Euch bezeichneten Richtung. Vielleicht waren die Fußtapfen von ihm.«

»Hurry Harry, Ihr seyd, hoff‘ ich, genau bekannt mit diesem jungen Manne, der Zusammenkünfte mit Wilden hat in einer Gegend des Landes, wo er nie früher gewesen?« fragte Hutter in einem Ton und mit einer Art, welche den Beweggrund seiner Frage deutlich verriethen, da solche rohe Menschen sich selten aus Zartgefühl bedenken, ihre Gedanken und Gefühle zu verrathen. »Verrath ist eine indianische Tugend: und die Weißen, die viel unter ihren Stämmen leben, nehmen bald ihre Gewohnheiten und Kniffe an.«

»Wahr – wahr wie das Evangelium, alter Tom; aber nicht 74

anwendbar auf Wildtödter, der ein junger Mann voll Wahrhaftigkeit ist, wenn er auch sonst keine Empfehlung hätte. Ich will für seine Redlichkeit bürgen, wenn ich auch von seiner Herzhaftigkeit im Gefecht nichts sagen kann.«

»Ich möchte wohl wissen, was er in dieser abgelegenen Gegend zu schaffen und zu bestellen hat?«

»Das ist bald erzählt, Meister Hutter,« sagte der junge Mann mit der ruhigen Fassung Dessen, der ein reines Gewissen hat; »ich glaube auch selbst, daß Ihr das Recht habt, darnach zu fragen. Der Vater von zwei solchen Töchtern, der einen See inne hat, so wie Ihr, hat das gleiche Recht, nach dem Thun und Treiben eines Fremden in seiner Nähe sich zu erkundigen, wie die Colonie befugt wäre, nach dem Grund zu fragen, warum die Franzmänner mehr Regimenter als gewöhnlich an den Grenzen aufstellten. Nein, nein, ich bestreite Euch das Recht nicht, zu wissen, warum ein Fremder in Eure Behausung oder in Eure Gegend kommt, in so ernsten Zeiten wie die jetzigen sind.«

»Wenn dieß Eure Gesinnung ist, Freund, so laßt mich Eure Geschichte hören ohne weitere Worte.«

»Sie ist bald erzählt, wie ich schon gesagt, und treulich werde ich sie Euch erzählen. Ich bin ein junger Mann und bis jetzt noch nie auf dem Kriegspfad gewesen, aber sobald die Nachricht bei den Delawaren eintraf, daß Wampum und eine Streitaxt dem Stamme übersandt werden würden, so wünschten sie, daß ich unter die Leute meiner Farbe ginge und mich für sie genau nach dem Stand der Sachen erkundigte. Das that ich; und als ich nach meiner Rückkehr meinen Bericht den Häuptlingen abgestattet, traf ich einen Officier der Krone am Schoharie, der an einige der befreundeten Stämme, die weiter westlich wohnen, Geld zu übermachen hatte. Dieß schien Chingachgook, einem jungen Häuptling, der noch nie einen Feind getroffen, und mir, eine gute Gelegenheit, in Gesellschaft auf unsern ersten Kriegspfad zu gehen; und ein alter 75

Delaware gab uns an, daß wir uns am Felsen in der Nähe des Ausgangs von diesem See treffen sollten. Ich will nicht läugnen, daß Chingachgook noch einen andern Zweck hatte, aber dieser betrifft Keinen der hier Anwesenden, und ist sein Geheimniß nicht das meinige; daher sage ich hierüber nichts weiter.«

»Es betrifft ein junges Weib,« fiel ihm Judith hastig in’s Wort; dann lachte sie über ihren eignen Ungestüm, und hatte sogar so viel Grazie, ein wenig zu erröthen über die Art, wie sie ihre Geneigtheit, ein solches Motiv zu vermuthen, verrathen hatte. »Wenn es weder Krieg noch Jagd ist, so muß es Liebe seyn.«

»Ja, es kommt den Jungen und Schönen, die so viel von diesen Gefühlen hören, leicht in den Sinn, zu glauben, sie müssen den meisten Handlungen und Schritten zu Grunde liegen; aber ich sage über diesen Punkt nichts. Chingachgook soll mich an diesem Felsen treffen, morgen Abend, eine Stunde vor Sonnenuntergang, worauf wir unsern Weg zusammen fortsetzen wollen, Niemand störend, als des Königs Feinde, die nach Recht und Gesetz auch die unsrigen sind. Da ich Hurry seit langem kannte, da er einst in unsern Jagdgebieten Fallen stellte, und ihm nun am Schoharie begegnete, als er gerade im Begriff stand, auf seine Sommerzüge aufzubrechen, verabredeten wir, mit einander zu reisen, nicht sowohl aus Furcht vor den Mingo’s, als aus guter Cameradschaft, und um uns, wie er sagt, den langen Weg zu verkürzen.«

»Und Ihr meint, die Spur, die ich gesehen, sey vielleicht die Eures Freundes gewesen, der vor seiner Zeit eingetroffen?« sagte Hutter.

»Das ist mein Gedanke, der irrig, aber auch richtig seyn kann. Wenn ich aber den Moccasin sähe, so wollte ich in einer Minute entscheiden, ob er nach der Art der Delawaren gefertigt ist, oder nicht.«

»Nun, da ist er,« sagte die schnell besonnene Judith, die schon nach dem Canoe gegangen war, ihn zu holen; »gebt uns an, was er sagt: Freund oder Feind, Ihr seht ehrlich aus; und ich glaube Alles was Ihr sagt, was auch Vater davon denken mag.«

»Das ist deine Art, Jude, immer Freunde da aufzufinden, wo ich Feinde argwohne,« brummte Tom; »aber sprecht nur, junger Mann, und sagt uns was Ihr von dem Moccasin denkt.«

»Der ist kein Delawaren-Machwerk,« versetzte Wildtödter, indem er mit umsichtigem Auge die abgetragene und weggeworfene Fußbedeckung prüfte; »ich bin zu jung auf dem Kriegspfade, um meine Ansicht ganz bestimmt auszusprechen, aber ich würde sagen: dieser Moccasin sieht nördlich aus, und kommt von jenseits der großen Seen.«

»Wenn dieß der Fall ist, sollten wir keine Minute länger als nothwendig ist, hier liegen bleiben,« sagte Hutter, indem er einen Blick durch das Laub des Schutzdaches warf, als besorgte er schon die Anwesenheit eines Feindes auf der andern Küste des engen und krumm fließenden Stromes. »Es fehlt nur noch eine Stunde oder so bis Nacht, und im Dunkel Bewegungen zu machen, ohne ein Geräusch, das uns verrathen müßte, wäre unmöglich. Habt Ihr nicht das Echo einer Feuerwaffe in den Bergen gehört, vor einer halben Stunde?«

»Ja, Alter, und die Feuerwaffe selbst,« versetzte Hurry, der jetzt die Unbesonnenheit fühlte, deren er sich schuldig gemacht; »diese ward auf meiner eignen Schulter abgefeuert.«

»Ich besorgte, es komme von den französischen Indianern her; immerhin kann es sie aufmerksam machen, und ein Mittel für sie seyn, uns zu entdecken. Ihr thatet übel, in Kriegszeiten zu feuern, wenn nicht der Fall dringend war.«

»So fange ich an selbst zu denken, Oheim Tom; und doch, wenn Einer sich nicht getrauen darf, seine Büchse abzuschießen in einer Wildniß von tausend Geviertmeilen, damit nicht irgend ein Feind es höre: was nützt es, eine zu tragen?«

Hutter hielt jetzt eine lange Berathung mit seinen beiden Gästen, worin die Betheiligten zu einem richtigen Begriff von ihrer Lage gelangten. Er erklärte, welche Schwierigkeit der Versuch 77

haben würde, die Arche im Dunkel aus einem so engen und raschen Fluß herauszubringen, ohne ein Geräusch, das unfehlbar das Ohr der Indianer erreichen und sie aufmerksam machen müßte. Die etwa in der Nachbarschaft Herumstreifenden würden sich in der Nähe des Flusses oder des See’s halten; aber jener hatte an vielen Stellen des Ufers morastige Stellen, und war so gekrümmt und so von Buschwerk eingefaßt, daß es bei Tag ganz wohl möglich war, Bewegungen darauf zu machen, ohne viel Gefahr, gesehen zu werden. Mehr war vielleicht vom Ohr zu besorgen, als vom Auge, zumal so lange sie sich in den kurzen, engen, überdachten Strecken des Flusses befanden.

»Ich begebe mich nie in diesen Versteck, der für meine Fallen sehr günstig gelegen, und vor neugierigen Augen sicherer ist als der See, ohne für Mittel zu sorgen, auch wieder heraus zu kommen,« fuhr der seltsame Mann in seiner Auseinandersetzung fort, »und das geschieht leichter durch Ziehen und Zucken, als durch Rudern und Rucken. Mein Anker liegt oberhalb der Ausströmung im offnen See; und hier ist, wie Ihr seht, ein Seil, uns dorthinauf zu ziehen. Ohne ein solches Mittel wäre es für Ein Paar Hände ein schweres Stück Arbeit, ein Fahrzeug wie dieses stromaufwärts zu bringen. Auch habe ich eine Art Hebebock, der gelegentlich das Ziehen erleichtert. Jude kann das Ruder am Hintertheil so gut handhaben wie ich selbst; und wenn wir keinen Feind fürchten, macht es uns wenig Mühe und Sorge, aus dem Fluß heraus zu kommen.«

»Was würden wir gewinnen, Meister Hutter, durch eine Aenderung unserer Stellung?« fragte Wildtödter mit großem Ernst; »dieß hier ist ein sichrer Versteck, und vom Innern dieser Cajüte aus ließe sich eine tüchtige Vertheidigung bewerkstelligen. Ich habe noch nie an einem Gefecht Theil genommen, außer in Ueberlieferungen; aber mir scheint, wir könnten mit solchen Palisaden vor uns, wie diese, zwanzig Mingo’s zurückschlagen.« »Ja, ja, Ihr habt nie an Gefechten Theil genommen, außer in Überlieferungen, das ist klar genug, junger Mann! Habt Ihr je eine so breite Wasserfläche wie die dort oben gesehen, ehe Ihr mit Hurry hieher kamet?«

»Das kann ich allerdings nicht behaupten,« antwortete Wildtödter bescheiden. »Die Jugend ist die Zeit zu lernen; und ich bin weit entfernt von dem Wunsche, meine Stimme im Rath zu erheben, ehe sie durch Erfahrung dazu berechtigt ist.«

»Gut denn, ich will Euch die Nachtheile des Fechtens in dieser Stellung erklären, und den Vortheil, den offnen See zu gewinnen. Hier, könnt Ihr sehen, wüßten die Wilden, wohin jeden Schuß zielen; und es wäre eine zu verwegene Hoffnung, daß nicht einige ihren Weg durch die Lücken der Dielen finden sollten. Und wir dagegen hätten auf Nichts zu zielen, als auf einen Wald. Dann sind wir auch hier nicht sicher vorm Feuer, und die Borke dieses Dachs ist nicht viel besser als eben so viel Kienholz. Auch könnte man in meiner Abwesenheit in das Castell eindringen und es plündern, und alle meine Besitzthümer überfallen und zerstören. Einmal auf dem See können wir nur in Booten oder auf Flößen angegriffen werden – haben alle Vortheile über den Feind – und können das Castell mit der Arche schützen. Versteht Ihr diese Gründe, mein Junge?«

»Es klingt gut; ja, es klingt vernünftig; und ich will nicht widersprechen.«

»Nun gut, alter Tom,« schrie Hurry, »wenn wir einmal von der Stelle wollen, je eher wir den Anfang machen, desto eher werden wir wissen, ob wir unsre Skalpe als Nachtmützen behalten, oder nicht.«

Da dieser Vorschlag für sich deutlich war, bestritt Niemand seine Richtigkeit. Nach einer kurzen vorgängigen Erörterung trafen jetzt die drei Männer allen Ernstes ihre Vorbereitungen, die Arche in Bewegung zu setzen. Die leichten Befestigungen waren rasch gelöst, und durch Ziehen an dem Taue ward die schwerfällige Masse langsam aus dem Versteck herausgewunden. Sobald sie von den Hemmungen durch die Zweige frei war, glitt sie in den Fluß, ganz dicht an dem westlichen Ufer hinstreifend, vermöge der Gewalt der Strömung. Keine Seele an Bord hörte das Prasseln der Zweige, als die Cajüte an den Büschen und Bäumen des westlichen Ufers anstieß, ohne ein Gefühl von Unbehagen; denn Niemand wußte, in welchem Augenblick oder an welcher Stelle ein versteckter, mörderischer Feind sich zeigen dürfte. Vielleicht trug das dämmernde Licht, das noch durch das Laubdach oben sich durchkämpfte, oder seinen Weg durch die schmale, bandartige Oeffnung fand, welche in der Luft oben den Lauf des unten strömenden Flusses zu bezeichnen schien, dazu bei, den Anschein von Gefahr zu vermehren; denn es war fast nur eben hinreichend, die Gegenstände sichtbar zu machen, ohne auf Einen Blick ihre Umrisse erkennen zu lassen. Obgleich die Sonne noch nicht ganz untergegangen war, hatte sie doch ihre unmittelbaren Strahlen vom Thal zurückgezogen; und die Tinten des Abends begannen schon die unbedeckt liegenden Gegenstände zu überschweben, während, was im Schatten der Wälder lag, dadurch noch trüber und düsterer wurde.

Keine Unterbrechung jedoch störte die Bewegung der Arche, und während die Männer fortwährend an dem Tau zogen, rückte sie stetig aufwärts; die große Breite der Fähre ließ sie nicht tief ins Wasser einsinken und machte, daß sie der Strömung des raschen Elements, das unter ihr hinfloß, keinen großen Widerstand entgegensetzte. Auch hatte Hutter eine Vorsichtsmaßregel angewendet, die ihn die Erfahrung gelehrt, die einem Seemann Ehre gemacht hätte, und gänzlich die Hindernisse und Widerwärtigkeiten beseitigte, welche ihnen sonst aus den kurzen Windungen des Flusses entstanden wären. Beim Hinabfahren der Arche wurden große Steine, an das Tau befestigt, mitten im Fluß versenkt, und bildeten Lokalanker, deren jeder vor dem Schleppen mittelst der weiter 80

oben befindlichen geschützt wurde, bis der alleroberste erreicht war, der seinen Halt an dem eigentlichen Anker hatte, welcher recht im See lag. Mittelst dieser Auskunft bewegte sich die Arche aufwärts, frei und unbelästigt von den Hemmnissen des Ufers, gegen das sie sonst bei jeder Windung unvermeidlich hingetrieben, und dadurch Verlegenheiten verursacht haben würde, die Hutter allein nur mit größter Mühe oder gar nicht hätte überwinden können.

Gefördert durch diese Vorsicht und gespornt durch die Furcht, entdeckt zu werden, zogen Floating Tom und seine beiden athletischen Genossen die Arche stromaufwärts mit so großer Geschwindigkeit, als nur immer die Stärke des Taues zuließ. Bei jeder Krümmung des Flusses wurde ein Stein aus der Tiefe emporgehoben, wo sich dann die Richtung der Fähre dem weiter oben liegenden Steine zu änderte. In solcher Weise, mit diesem eigens eingerichteten Fahrwasser oder Canal, wie ein Matrose es hätte nennen können, fuhr Hutter stromaufwärts, gelegentlich mit leiser und vorsichtiger Stimme seine Freunde ermahnend, ihre Anstrengung zu verdoppeln, und dann wieder im geeigneten Falle sie warnend vor Kraftäußerungen, welche in gewissen Augenblicken durch Uebermaß des Eifers Alles gefährden konnten. Trotz ihrer langen, vertrauten Bekanntschaft mit den Wäldern fühlten sie doch Alle durch den düstern Charakter des verschatteten Flusses ihr Unbehagen vermehrt; und als die Arche die erste Windung im Susquehannah erreichte, und das Auge der breiteren Ausdehnung des See’s ansichtig wurde, fühlten Alle eine Herzenserleichterung, die vielleicht Keiner gerne gestanden hätte. Hier ward der letzte Stein aus der Tiefe gehoben, und das Tau führte jetzt gerade auf den Anker zu, der, wie Hutter angegeben, über der Ausmündung des Flusses aus geworfen worden war.

»Gott sey Dank!« rief Hurry, »hier ist doch Tageslicht, und wir werden bald im Fall seyn, unsre Feinde zu sehen, wenn Wir etwas von ihnen spüren sollten.«

»Das ist Mehr, als Ihr oder irgend ein Mensch sagen kann,« brummte Hutter. »Es gibt keinen Platz, so geeignet eine Truppe zu verstecken, wie das Ufer um die Mündung; und der Augenblick, wo wir an jenen Bäumen vorbeifahren, und ins offne Wasser gelangen, wird der gefahrdrohendste Zeitpunkt seyn, weil da der Feind noch einen Versteck hat, während wir ihn verlieren. Judith, Mädchen, Du und Hetty überlaßt jetzt das Ruder sich selbst und geht in die Cajüte hinein, und hütet Euch, Eure Gesichter an einem Fenster zu zeigen; denn diejenigen, die sie erblickten, würden sich nicht dabei aufhalten, ihre Schönheit zu rühmen. Und jetzt, Hurry, wollen wir selbst in dieß äußere Gemach treten, und durch die Thüre an dem Tau ziehen, wo wir Alle wenigstens vor einem ersten Ueberfall sicher seyn werden. Freund Wildtödter, da die Strömung jetzt gelinder ist, und das Tau den erforderlichen Zug hat, so viel die Vorsicht gestattet, geht Ihr beständig von Fenster zu Fenster herum, hütet Euch aber, Euren Kopf sehen zu lassen, wenn Euch Euer Leben lieb ist. Niemand weiß, wann oder wo wir von unsern Nachbarn hören werden.«

Wildtödter gehorchte mit einer Empfindung, die Nichts von Furcht an sich hatte, wohl aber das ganze Interesse einer neuen und höchst aufregenden Situation. Zum erstenmal in seinem Leben war er in der Nähe von Feinden, oder hatte doch guten Grund dieß zu glauben, und dazu noch unter Umständen, wo das Schauderhafte indianischer Ueberfälle und Listen ihm nahe gerückt war. Als er seine Stellung an einem Fenster einnahm, fuhr die Arche gerade durch die schmalste Stelle des Flusses – den Punkt, wo das Wasser erst in das eigentliche Strombett sich ergoß, und wo die oben dicht verschlungenen Bäume das Wasser in einen Bogen von Grün sich ergießen machten; – ein diesem Lande vielleicht so eigenthümlicher, auszeichnender Zug, als in der Schweiz der Umstand, daß die Flüsse im buchstäblichen Sinne aus Kammern von Eis hervorbrechen. 82

Die Arche ging eben an der letzten Krümmung dieser belaubten Pforte vorbei, als Wildtödter, nachdem er Alles untersucht, was vom östlichen Ufer des Flusses zu sehen war, durch das Gemach schritt, um vom gegenüber liegenden Fenster aus nach dem westlichen zu schauen. Seine Ankunft bei dieser Oeffnung war sehr zur rechten Zeit, denn kaum hatte er sein Auge einer Spalte genähert, als sich ihm ein Anblick darbot, der eine so junge und unerfahrene Schildwache wohl bestürzen konnte. Ein junger Baum beugte sich über das Wasser beinah in einem Halbzirkel, der zuerst zum Licht emporgewachsen, dann von der Wucht des Schnees diese gedrückte Stellung angenommen hatte, – ein Umstand, den man in den amerikanischen Wäldern häufig findet. Auf diesem Baum waren bereits nicht weniger als sechs Indianer erschienen, und Andre standen bereit, ihnen zu folgen, sobald Raum würde; Alle waren sichtlich gemeint, auf dem Stamm herauszulaufen und auf das Dach der Arche zu springen, so wie diese unten vorbeiführe. Dieß wäre nicht schwierig auszuführen gewesen, da die Beugung des Baumes das Schreiten darauf erleichterte, die Aeste in der Nähe den Händen Halt genug gaben, und der Fall zu unbedeutend war, um Besorgniß einzuflößen. Als Wildtödter zuerst diese Truppe erblickte, trat sie gerade aus dem Versteck hervor, und stieg an dem Baum empor, da, wo er der Erde am nächsten und bei weitem am schwierigsten zu übersteigen war; und seine Bekanntschaft mit den Sitten der Indianer zeigte ihm auf Einen Blick, daß sie Alle in ihrer Kriegsbemalung waren, und einem feindlichen Stamm angehörten.

»Zieht, Hurry,« schrie er, »zieht, so lieb Euch Euer Leben und Judith Hutter ist! Zieht, Mann! zieht!«

Dieser Aufruf erging an einen Mann, der, wie Wildtödter wußte, Riesenkräfte besaß. Er war so ernst und feierlich, daß Hutter und March Wohl fühlten, er sey nicht umsonst ergangen, und sie strengten in Einem Augenblick zugleich alle ihre Kräfte an 83

dem Tau an, und in einem höchst kritischen Zeitpunkt: die Fähre verdoppelte ihre Bewegung, und schien unter dem Baum weg zu gleiten, als wüßte sie, welche Gefahr über ihr schwebte. Die Indianer, bemerkend, daß sie entdeckt waren, stießen ihr fürchterliches Kriegsgeheul aus, eilten auf dem Baume vorwärts, und sprangen verzweifelten Muthes auf ihre sicher geglaubte Beute los. Es waren ihrer sechs auf dem Baum, und Alle machten den Versuch. Alle, außer dem Anführer, fielen in den Fluß, mehr oder minder entfernt von der Arche, je nachdem sie früher oder später an den Platz des Absprungs kamen. Der Häuptling, der den gefährlichen ersten Posten eingenommen, und so früher zum Sprung kam als die Uebrigen, erreichte noch die Fähre gerade am Hintertheil. Der Sprung wurde so ziemlich höher als er vermuthet hatte, er ward leicht betäubt, und blieb einen Augenblick halb gebeugt und seiner Lage nicht recht bewußt. In diesem Augenblick stürzte Judith aus der Cajüte hervor, ihre Schönheit noch erhöht durch die Aufregung dieses kecken Beginnens, wodurch ihre Wange von hohem Purpur überzogen wurde, und all ihre Kraft mit gewaltiger Anstrengung zusammenraffend, stieß sie den Eindringling über den Rand der Fähre hinaus, kopfüber in den Fluß. Nicht sobald hatte sie diese entschlossene That ausgeführt, als das Weib wieder sein Recht behauptete; Judith schaute über den Spiegel hinaus, um zu sehen, was aus dem Manne geworden, und der Ausdruck ihrer Augen milderte sich zur Theilnahme; dann flammte ihre Wange, halb vor Schaam, halb vor Ueberraschung über ihre eigne Verwegenheit; und dann lachte sie in ihrer lustigen und holdseligen Art. Alles dieß ging in weniger als einer Minute vor, als sich der Arm Wildtödters um ihren Leib schlang, und sie sich rasch unter den Schutz der Cajüte zurückgezogen sah. Dieser Rückzug geschah nicht zu bald. Kaum waren Beide in Sicherheit, als der Wald sich mit gellendem Geschrei erfüllte, und Kugeln an die Planken zu schlagen anfingen.

Da die Arche diese ganze Weile her sich rasch bewegt hatte, war sie, nachdem diese Ereignisse vorüber, schon der Gefahr der Verfolgung entgangen; und die Wilden hörten, sobald der erste Ausbruch ihres Zorns vorüber, auf, zu feuern, in der Ueberzeugung, daß sie ihre Munition vergeblich verschwendeten. Als die Arche an ihren Anker herankam, lichtete Hutter diesen so, daß er den Gang von jener nicht störte; und da sie jetzt außer dem Bereich der Strömung sich befanden, setzte das Fahrzeug seine Richtung fort, bis sie ganz im offenen See waren, obwohl noch dem Land so nahe, daß es gefährlich gewesen wäre, sich einer Büchsenkugel bloß zu stellen. Hutter und March holten zwei kleine Ruderschaufeln hervor, und unter dem Schutz der Cajüte drängten sie bald die Arche weit genug von dem Ufer weg, um ihren Feinden alle Lust zu einem weitern Versuch, ihnen ein Leid zuzufügen, zu benehmen.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Laßt weinen das Thier, vom Pfeile wund,
Frischem Hirsch sey’s Spiel nicht vergällt;
Einer schläft, Einer wacht zur selben Stund‘;
Das ist der Lauf der Welt.
Shakspeare.

Wieder fand eine Berathung statt auf dem Vordertheil der Fähre, bei welcher Judith und Hetty anwesend waren. Da jetzt keinerlei Gefahr sich ungesehen nähern konnte, hatte die augenblickliche Unruhe der Besorgniß Platz gemacht, welche die Ueberzeugung begleitete, daß Feinde in ansehnlicher Anzahl sich am Ufer des See’s befanden, und daß sie darauf zählen konnten, es werde kein irgend thunliches Mittel, ihren Untergang herbeizuführen, von den Feinden außer Acht gelassen werden. Natürlich empfand Hutter diese Umstände am tiefsten, da seine Töchter gewohnt waren, sich immer unbedingt auf seine Klugheit und Maßregeln zu verlassen, und zu wenig Einsicht besaßen, um alle ihnen drohenden Gefahren in ihrem ganzen Umfang zu würdigen; während es seinen männlichen Genossen frei stand, ihn jeden Augenblick zu verlassen, wo es ihnen dienlich schien. Seine erste Aeußerung zeigte, daß er den letztern Umstand wohl in’s Auge faßte, und hätte einem scharfen Beobachter leicht verrathen, welche Besorgniß eben jetzt in seiner Seele die überwiegende war.

»Wir haben einen großen Vortheil über die Irokesen, oder Wer immer unsre Feinde sind, darin, daß wir uns auf dem See befinden,« sagte er. »Es ist kein Canoe um den See herum, von dem ich nicht wüßte, wo es verborgen ist; und nachdem das Eurige hier ist, Hurry, sind nur noch drei auf dem Land, und sie sind so hübsch versteckt in hohlen Stämmen, daß ich nicht glauben kann, die Indianer werden sie finden, versuchten sie es auch noch so lang.«

»Das läßt sich nicht ausmachen – Niemand kann das sagen,« versetzte Wildtödter; »ein Hund ist nicht sichrer auf der Spur einer Witterung als eine Rothhaut, wenn er Etwas dadurch zu erhaschen denkt. Laßt die Leute nur Skalpe vor sich sehen, oder Plünderung, oder Ehre, nach ihren Ideen von dem was Ehre ist, so müßte das ein dicker Baumstamm seyn, der ein Canoe ihren Augen verbärge.«

»Ihr habt Recht, Wildtödter,« rief Harry March; »Ihr sprecht wie ein Evangelium in dieser Sache, und ich bin froh, daß meine Nußschaale von Barke hier, im Bereich meines Armes, sicher genug ist. Ich kalkulire, sie werden alle übrigen Canoes noch vor morgen Nacht aufspüren, wenn es ihnen ein rechter Ernst ist, Euch fortzuräuchern, alter Tom, und wir dürfen wohl unsre Ruder recht brauchen, um vorwärts zu kommen.«

Hutter antwortete im Augenblicke nicht. Er sah sich eine Minute stillschweigend um; er betrachtete genau den Himmel, den See und den Gürtel Wald, der ihn gleichsam hermetisch einschloß, als zöge er ihre Zeichen zu Rathe. Auch fand er keine beunruhigenden Symptome. Die grenzenlosen Wälder schlummerten in der tiefen Ruhe der Natur, der Himmel war heiter, aber noch hell und glänzend von dem Licht der scheidenden Sonne, während der See lieblicher und freundlicher aussah, als den ganzen Tag über. Es war eine wahrhaft beruhigende Scene, geeignet, die leidenschaftlichen Gefühle in eine Art heiligen Friedens einzulullen. In wie weit sie jedoch diese Wirkung auf die Gesellschaft in der Arche ausübte, muß aus dem weitern Verlauf unserer Erzählung erhellen.

»Judith,« rief der Vater, nachdem er diesen kurzen aber genau prüfenden Blick auf die Vorbedeutungen der Umgebung geworfen, »die Nacht steht vor der Thüre; schaffe Speise für unsere Freunde her; ein weiter Marsch schärft den Hunger.«

»Wir sterben nicht Hungers, Meister Hutter,« bemerkte March, »denn wir haben uns gesättigt, gerade wie wir den See erreichten, und ich meines Theils ziehe die Gesellschaft Judiths selbst ihrem Abendbrod vor. Dieser ruhige Abend ist ganz lieblich, an ihrer Seite zu sitzen.«

»Natur ist Natur,« bemerkte dagegen Hutter, »und muß ihre Nahrung haben. Judith, besorge die Mahlzeit und nimm deine Schwester mit, dir zu helfen. Ich habe noch ein Wenig mit Euch zu sprechen, Freunde,« fuhr er fort, sobald seine Töchter außer Gehörweite waren, »und wünschte die Mädchen weg zu haben. Ihr seht meine Lage, und ich möchte gern Eure Ansichten hören, was Ihr zu thun für’s Beste haltet. Dreimal habe ich schon mein Haus niederbrennen sehen, aber das war auf dem Land; und ich habe mich ziemlich sicher geglaubt, seit ich das Castell gebaut und die Arche auf dem Wasser hatte. Meine andern Unfälle jedoch trugen sich in friedlichen Zeiten zu, und waren nichts weiter, als solche Ungelegenheiten, wie sie wohl einen Mann in den Wäldern von Zeit zu Zeit überraschen; aber diese Sache sieht ernst aus, und Eure Ideen würden meinem Gemüth eine große Last abnehmen.«

»Nach meinem Begriff von der Sache, alter Tom, seyd Ihr und Eure Hütten und Eure Fallen und alle Eure Besitzthümer hier herum in verzweifelter Gefahr,« versetzte der derbe Hurry, der Verheimlichung seiner Gedanken für unnöthig hielt. »Nach meinen Ideen von Werth sind sie heute nicht halb so viel werth als sie gestern waren, auch gäbe ich nicht Mehr dafür, die Bezahlung in Häuten geleistet.«

»Und dann habe ich Kinder!« fuhr der Vater fort, und brachte diese Erwähnung in einem Tone vor, welcher selbst einen unbefangenen Beobachter in Verlegenheit würde gesetzt haben, wenn er hätte sagen sollen, ob sie als Lockspeise gemeint, oder nur ein Ausruf natürlicher Besorgniß war; »Töchter, wie Ihr wißt, Hurry; und gute Mädchen, dazu, wie ich wohl sagen darf, obgleich ich ihr Vater bin.«

»Ein Mann darf Alles sagen, Meister Hutter, zumal wenn er von Zeit und Umständen gedrängt ist. Ihr habt Töchter, wie Ihr sagt, und Eine davon hat nicht Ihres gleichen auf den Grenzen, was das gute Aussehen betrifft, mag sie auch welche haben, was das gute Betragen anlangt. Und die arme Hetty – die ist eben Hetty Hutter; das ist Alles, was sich von dem armen Ding sagen läßt. Ich lobe mir Jude, wenn nur ihre Aufführung ihrem Aussehen gleich käme!«

»Ich sehe, Harry March, ich kann auf Euch nur als Schönwetterfreund zählen; und ich denke, Euer Begleiter hat dieselbe Denkweise,« versetzte der Andere mit einem leichten Anflug von Stolz, der nicht ohne Würde war; »nun gut, ich muß mich auf die Vorsehung verlassen, die vielleicht kein taubes Ohr haben wird für das Gebet eines Vaters.«

»Wenn Ihr den Hurry da so verstanden habt, als sey er gemeint, Euch im Stich zu lassen,« sagte Wildtödter mit ernster Einfachheit, welche doppelt für seine Wahrhaftigkeit bürgte, »so thut Ihr ihm, glaube ich, Unrecht; so wie ich weiß, daß Ihr mir Unrecht thut, wenn Ihr voraussetzt, ich würde ihm folgen, hätte er ein so treuloses Herz, daß er eine Familie von seiner eignen Farbe in einer solchen Bedrängniß verließe. Ich bin an diesen See gekommen, Meister Hutter, um nach einer Verabredung einen Freund zu treffen, und ich wünschte nur, er wäre selbst hier, wie er denn ohne allen Zweifel morgen um Sonnenuntergang hier seyn wird, in welchem Fall Ihr dann eine weitere Büchse zu Eurer Vertheidigung hättet; eine noch nicht erprobte, ich gesteh‘ es, wie auch meine eigene; aber eine, die sich so oft schon am Wild, großem und kleinem, bewährt hat, daß ich für ihre Dienste gegen Menschen bürgen will.«

»Kann ich also auf Euch zählen, Wildtödter, daß Ihr mir und meinen Töchtern beistehen wollt?« fragte der Alte mit der Besorgniß eines Vaters in seinen Gesichtszügen.

»Das könnt Ihr, Floating Tom, wenn das Euer Name ist; und wie ein Bruder seiner Schwester, ein Gatte seinem Weib, oder ein Freier seiner Geliebten beistehen würde. In dieser Bedrängnis könnt Ihr auf mich zählen unter allen Widerwärtigkeiten; und ich denke, Hurry müßte seine Natur und seine Wünsche verläugnen, wenn Ihr nicht auf ihn zählen könntet.«

»O nein!« rief Judith, ihr schönes Gesicht zur Thüre heraus streckend, »seine Natur ist hastig und eilfertig, wie sein Name anzeigt, und er wird davon eilen, sobald er sein sauberes Gesicht in Gefahr glaubt. Weder der ›alte Tom‹ noch seine ›Mädels‹ werden sich stark auf Meister March verlassen, nunmehr sie ihn kennen, aber auf Euch werden sie bauen, Wildtödter; denn Euer ehrliches Gesicht und ehrliches Herz bürgen uns dafür, daß Ihr leisten werdet, was Ihr versprecht.«

Sie sagte dieß vielleicht ebenso sehr in erheuchelter Verachtung gegen Hurry, als im Ernst. Jedenfalls aber sprach sie nicht ohne Empfindung. Diesen Umstand bewies hinlänglich Judiths schönes Gesicht; und wenn der schuldbewußte March glaubte, nie einen lebhafteren Ausdruck von Hohn und Verachtung darauf gesehen zu haben – Gefühle, denen sich die Schöne gern hingab – als während sie ihn anschaute, so hatte es gewiß auch selten mehr weibliche Sanftmuth und Rührung gezeigt, als da ihre sprechenden blauen Augen auf seinen Reisegenossen geheftet waren.

»Verlaß uns, Judith,« gebot Hutter streng, ehe noch Einer der jungen Männer antworten konnte, »laß uns; und kehre nicht eher zurück, als bis Du mit dem Wildpret und Fisch kommst. Das Mädchen ist verderbt worden durch die Schmeichelei der Offiziere, die manchmal ihren Weg hieher finden, Meister March, und Ihr werdet ihr einfältiges Geschwätz Euch nicht kränken lassen.«

»Ihr habt nie ein wahreres Wort geredet, alter Tom,« erwiederte Hurry, dem es siedend heiß ward bei Judiths Aeußerungen; »die teufelszüngigen Laffen von der Garnison haben sie ganz verderbt! Ich kenne Jude kaum mehr, und werde mich bald entschließen, ihre Schwester zu bewundern, die nachgerade viel mehr nach meinem Geschmack ist.«

»Es freut mich, das zu hören, Harry, ich sehe es als ein Zeichen an, daß Ihr allmählig zur rechten Besinnung kommt. Hetty würde eine viel zuverlässigere und vernünftigere Lebensgenossin abgeben als Jude und würde auch höchst wahrscheinlich am meisten Eurer Bewerbung Gehör geben, da die Offiziere, wie ich sehr fürchte, ihrer Schwester den Kopf verrückt haben.«

»Niemand kann sich ein zuverläßigeres Weib wünschen als Hetty,« sagte Hurry lachend, »obgleich ich nicht dafür stehen möchte, daß sie das vernünftigste wäre. Aber das thut Nichts; Wildtödter hat mich nicht falsch verstanden, wenn Er gesagt, ich würde mich auf meinem Posten finden lassen. Ich werde Euch nicht verlassen, Oheim Tom, im jetzigen Augenblick, was auch meine Gefühle und Absichten in Betreff Eurer ältesten Tochter seyn mögen.«

Hurry besaß unter seinen Genossen einen ansehnlichen Ruf wegen seiner Tapferkeit, und Hutter vernahm seine Versicherung mit unverhehlter Zufriedenheit. Schon die große körperliche Stärke eines solchen Bundesgenossen war von Wichtigkeit bei den Bewegungen der Arche, so wie bei der Art von Handgemenge, wie es nicht selten in den Wäldern vorkam, und kein hartbedrängter Feldherr konnte eine lebhaftere Freude empfinden bei der Nachricht von eingetroffnen Verstärkungen, als der Grenzmann fühlte bei der Versicherung dieses wichtigen Beistands, ihn nicht verlassen zu wollen. Eine Minute vorher wäre Hutter sehr wohl zufrieden gewesen, ein Abkommen mit seiner Gefahr zu treffen, in der Art, daß er sich verbindlich gemacht hätte, sich auf der Defensive zu halten; aber sobald er sich über jenen Punkt beruhigt fühlte, verlockte ihn auch schon die natürliche Rastlosigkeit des Menschen, auf Mittel zu denken, den Krieg in’s Land des Feindes zu tragen.

»Hohe Preise sind auf beiden Seiten auf Skalpe gesetzt,« bemerkte er mit grimmigem Lächeln, als fühlte er die Gewalt der Versuchung, während er doch zugleich die Miene anzunehmen suchte, als dünke er sich zu vornehm, Geld zu erwerben auf eine Weise, die das gewöhnliche Gefühl derer mißbilligte, welche auf den Namen civilisirter Menschen Anspruch machten, während man sich doch dazu entschloß. »Es ist vielleicht nicht recht, Gold für Menschenblut zu nehmen; und doch, wenn Menschen einmal darauf aus sind, einander zu tödten, so ist es wohl kein so arges Unrecht, wenn ein Stückchen Haut bei der Plünderung mit drein geht. Was sind Eure Ansichten, Hurry, über diese Punkte?«

»Da habt Ihr einen ungeheuern Fehler begangen, Alter, daß Ihr das Blut von Wilden überhaupt Menschenblut genannt habt. Ich mache mir so Wenig aus dem Skalp einer Rothhaut, als aus einem Paar Wolfsohren, und würde eben so gern Geld für jenen als für diese einstreichen. Bei weißen Menschen ist es ein Andres, denn die haben eine natürliche Aversion davor, skalpirt zu werden; während ein Indianer sich den Kopf abrasirt, damit das Messer bequem zu kann, und einen Busch Haar stehen läßt, noch oben ein, zur Prahlerei, daran man ihn fassen kann.«

»Nun, das ist männlich, und ich fühlte von Anfang an, daß wir Euch nur an unsrer Seite zu haben brauchten, um Euch zu haben mit Herz und Hand,« erwiederte Tom, der alle Zurückhaltung fahren ließ, da er jetzt erneutes Vertrauen zu der Gesinnung seines Genossen faßte. »Es kann etwas Mehr und Anderes herauskommen bei diesem Einfall der Rothhäute, als sie gerechnet haben. Wildtödter, ich bilde mir ein, Ihr seyd auch der Ansicht Hurry’s, und betrachtet Geld, das auf diese Weise gewonnen wird, als ebenso vollgültig, wie solches, das man mit Fallenstellen und Jagen erwirbt.«

»Ich habe keine solche Gesinnungen, wünsche mir auch keine, für meinen Theil,« erwiederte dieser. »Meine Gaben sind nicht die Gaben eines Skalpirers, sondern so, wie sie sich für meine Religion und Farbe gehören. Ich will bei Euch stehen, alter Mann, in der Arche oder im Castell, im Canoe oder in den Wäldern, aber ich will nicht meine Natur entmenschlichen, indem ich auf Sitten und Bräuche verfiele, die Gott für eine andere Race bestimmt hat. Wenn Ihr und Hurry Gedanken gefaßt habt, die sich nach dem Gold der Colonie hinneigen, so geht Ihr allein Eurem Gewerbe nach, und überlaßt die Weiber meiner Obhut. So sehr ich in meiner Ansicht von Euch Beiden abweichen muß in Betreff aller Gaben, die nicht eigentlich einem weißen Mann gehören, werden wir doch darin gleich denken, daß es Pflicht des Starken ist, sich der Schwachen anzunehmen, zumal wenn die Letztern zu denen gehören, welche der Mann nach dem Willen der Natur schützen und trösten soll durch seinen Edelmuth und seine Stärke.«

»Hurry Harry, das ist eine Lehre, die Ihr Euch merken und mit Vortheil ausüben dürftet,« sagte die süße aber lebhafte Stimme Judiths aus der Cajüte – ein Beweis, daß sie alles bisher Gesprochene gehört hatte.

»Nichts mehr davon, Jude!« rief der Vater zornig. »Geh weiter weg; wir haben von Sachen zu reden, die Weiber nicht hören dürfen.«

Hutter that jedoch keine Schritte, um sich zu vergewissern, ob ihm gehorcht werde oder nicht; er ließ nur seine Stimme etwas sinken und fuhr in seiner Unterredung fort.

»Der junge Mann hat Recht, Hurry,« sagte er, »und wir können die Kinder seiner Obhut überlassen. Meine Idee nun ist diese, und ich denke, Ihr werdet sie auch für vernünftig und richtig erklären. Es ist eine große Truppe dieser Wilden am Ufer; und, obgleich ich es nicht vor den Mädchen sagen mochte, denn sie sind weibermäßig und werden leicht unruhig und überlästig, wenn einmal rechte Arbeit zu thun ist – es sind Weiber darunter. Ich weiß das aus Moccasin-Spuren; und vermuthlich sind es am Ende eben Jäger, die so lang aus gewesen sind, daß sie noch Nichts von dem Kriege, noch von den ausgesetzten Preisen wissen.«

»Aber in diesem Fall, alter Tom, warum bestand denn ihr erster Gruß in dem Versuch, uns Allen die Kehlen abzuschneiden?«

»Wir wissen nicht, ob ihr Vorhaben wirklich so blutdürstig war. Es ist bei einem Indianer eine leichte und natürliche Sache, Hinterhalte und Ueberfälle zu machen; und ohne Zweifel war ihr Wunsch, erst an Bord der Arche zu kommen, und dann erst ihre Bedingungen zu machen. Daß ein in seiner Absicht getäuschter Wilder auf uns feuert, ist in der Ordnung, und ich denke daran gar nicht. Zudem, wie oft haben sie mir das Haus niedergebrannt und meine Fallen geplündert – ja, und auf mich geschossen, während der allerfriedlichsten Zeiten?«

»Die Lumpenkerls thun wohl solche Dinge, ich muß gestehen, und wir bezahlen sie hübsch in ihrer eignen Münze. Weiber würden nicht auf dem Kriegspfad mitziehen, das ist gewiß; und in so weit hat Eure Idee wohl Grund.«

»Aber ein Jäger würde nicht in seiner Kriegsbemalung erscheinen,« versetzte Wildtödter. »Ich habe die Mingo’s gesehen und weiß, daß sie auf der Fährte von sterblichen Menschen sind, und nicht von Bibern oder Wildpret.«

»Da habt Ihr’s wieder, alter Gesell,« sagte Hurry. »Ja, was das Auge betrifft, da würde ich mich auf diesen jungen Mann so gut verlassen, wie auf den ältesten Ansiedler in der Colonie; wenn er sagt: bemalt, so war es auch bemalt.«

»Dann sind eine Jagdgesellschaft und eine Kriegstruppe zusammengestoßen, denn Weiber müssen dabei gewesen seyn. Es ist erst wenige Tage her, daß der Eilbote durchkam mit der Zeitung von den Unruhen, und vielleicht diese Krieger sind gekommen, um ihre Weiber und Kinder nach Haus zu rufen und rasch einen Streich zu führen.«

»Das wird wohl die Probe bestehen und ist gewiß die Wahrheit,« rief Hurry; »jetzt habt Ihr es getroffen, alter Tom, und ich möchte gern wissen, was Ihr nun dabei im Sinn habt?«

»Den Preis;« versezte der Andere, seinen aufmerksamen Genossen mit kühler, trotziger Miene betrachtend, worin jedoch herzlose Habsucht und Gleichgültigkeit gegen jedes Mittel weit mehr sich aussprachen, als irgend ein Gefühl von Erbitterung oder Rachsucht. »Wenn Weiber dabei sind, so sind auch Kinder da; und Groß und Klein haben Skalpe: die Colonie zahlt für Alle gleich.«

»Um so schmählicher für sie, daß sie es thut,« unterbrach ihn Wildtödter; »um so schmählicher für sie, daß sie ihre Gaben nicht versteht, und nicht besser auf den Willen Gottes achtet.«

»Nehmt Vernunft an. Junge, und schreit nicht so laut, eh‘ Ihr einen Fall versteht,« erwiederte der unerschütterliche Hurry; »die Wilden skalpiren Eure Freunde, die Delawaren oder Mohikans, was sie nun seyen, mit den Uebrigen; und warum sollten wir nicht skalpiren? Ich gesteh‘ es, es wäre gegen das Recht für Euch und für mich, jetzt hinzugehen in die Ansiedlungen, und dort Skalpe zu holen, aber es ist ein ganz andres Ding mit Indianern. Ein Mann sollte keine Skalpe machen, wenn er nicht darauf gefaßt ist, selbst auch skalpirt zu werden bei vorkommender Gelegenheit. Ein guter Dienst ist den andern werth in der ganzen Welt. Das heißt Vernunft, und ich glaube es ist gute Religion.«

»Ja, Meister Hurry,« unterbrach wieder die klangreiche Stimme Judiths, »ist es auch Religion, zu sagen: ein böser Dienst ist den andern werth?«

»Ich will nimmermehr mit Euch streiten, Judy, denn Ihr schlagt mich mit Schönheit, wenn Ihr es mit Verstand nicht könnt. Da sind die Canadas, die bezahlen ihren Indianern die Skalpe, und warum sollten nicht wir bezahlen –«

»Unsre Indianer!« rief das Mädchen, und lachte in einer Art von melancholischer Lustigkeit. »Vater, Vater, denkt nicht mehr an diesen, und hört auf den Rath Wildtödters, der ein Gewissen hat; und das ist Mehr, als ich von Harry March sagen oder glauben kann.«

Jetzt stand Hutter auf, trat in die Cajüte, und nöthigte seine Töchter in das anstoßende Gemach zu gehen, wo er beide Thüren riegelte, und dann zurückkam. Dann erörterten er und Hurry den Gegenstand noch weiter; aber da das Wesentliche des Inhalts dieser Besprechung im Verlauf der Erzählung an den Tag kommen wird, braucht sie hier nicht ausführlich berichtet zu werden. Der Leser jedoch wird sich ohne Schwierigkeit denken können, welche Art von Sittlichkeit bei dieser Unterredung den Vorsitz führte. Es war in der That diejenige, die, in einer oder der andern Gestalt, die meisten Handlungen der Menschen beherrscht, und bei welcher der maßgebende Grundsatz der ist: ein Unrecht rechtfertige das andere. Ihre Feinde bezahlten für Skalpe; und das genügte, die Colonie zu rechtfertigen, wenn sie Gleiches mit Gleichem vergalt. Allerdings führten die Franzosen dasselbe Argument für sich an, ein Umstand, der, wie Hurry gegen eine Einwendung Wildtödters zu bemerken die Gelegenheit ergriff, dessen Wahrheit bewies, da Todfeinde wohl schwerlich auf denselben Grund sich berufen würden, wenn es nicht ein triftiger und guter wäre. Aber weder Hutter noch Harry waren Männer, die sich so leicht durch Kleinigkeiten irre machen ließen in Sachen, welche die Rechte der Ureinwohner betrafen; denn es ist einmal eine der Folgen des ungerechten Angriffs, daß er das Gewissen verhärtet – das einzige Mittel, es zu beschwichtigen. In dem friedlichsten Zustand des Landes hatte eine Art von Krieg fortgedauert zwischen den Indianern, besonders denen von Canada, und Leuten von ihrem Stamme; und sobald der wirkliche, anerkannte Krieg erklärt war, galt er auch als ein gesetzlich erlaubtes Mittel, tausend wirkliche oder eingebildete Unbilden zu rächen. Dann lag auch einige Wahrheit und sehr viel Bequemlichkeit in dem Grundsatz der Wiedervergeltung, auf den sich Beide ganz besonders beriefen, um die Einwürfe ihres rechtlicheren und gewissenhafteren Genossen zu beantworten.

»Ihr müßt einen Mann mit seinen eignen Waffen bekämpfen, Wildtödter,« schrie Hurry in seiner rauhen Sprache und in der absprechenden Art, womit er alle moralischen Sätze behandelte; »wenn er wild ist, müßt Ihr noch wilder seyn; ist er von mannhaftem Herzen, müßt Ihr noch mannhafter seyn. Das ist die Art, Christen oder Wilde unterzukriegen; wenn Ihr dieser Fährte folgt, werdet Ihr am ehesten zum Ziel Eurer Reise gelangen.«

»Das ist nicht die Lehre der Mährischen Brüder, welche vielmehr sagt, daß alle Menschen zu beurtheilen sind nach ihren Talenten, oder ihren Einsichten; der Indianer als Indianer – der weiße Mann als Weißer. Einige ihrer Lehrer sagen, wenn man auf den rechten Backen geschlagen werde, so sey es Pflicht, den andern auch hinzubieten, und noch einen Schlag zu dulden, statt daß man Rache suche, was ich so verstehe –« »Das ist genug!« brüllte Hurry; »das ist Alles, was ich verlange, um eines Mannes Lehre zu schätzen! Wie viel Zeit würde es erfordern, einen Mann mit Fußtritten durch die Colonie zu befördern – am einen Ende hinein, am andern hinaus – nach diesem Grundsatz?«

»Mißversteht mich nicht, March,« erwiederte der junge Jäger mit Würde; »ich verstehe dieß nicht anders als so, es sey dieß das Beste, wenn immer möglich. Rachsucht ist eine indianische Eigenschaft, und Versöhnlichkeit die eines Weißen. Das ist Alles. Uebersieh Alles, was du kannst, das ist gemeint; und räche nicht Alles, was du kannst. Was die Fußtritte betrifft, Meister Hurry,« und Wildtödters sonnverbrannte Wange flammte, wie er fortfuhr, »womit man Einen in die Colonie hinein oder aus ihr herausfördern sollte, so liegt das weder hier noch dort, da ja Niemand es in Vorschlag bringt, und vermuthlich Niemand sich damit würde befassen wollen. Was ich sagen wollte, ist: daß die Rothhäute skalpiren, rechtfertigt es nicht, daß auch die Bleichgesichter skalpiren.«

»Thut, was man Euch thut, Wildtödter, das ist immer des christlichen Pfaffen Lehre.«

»Nein, Hurry, ich habe darüber die Mährischen Brüder befragt, und es lautet ganz anders; ›thut, was Ihr wünscht, daß die Leute Euch thun‹! sagen sie mir, sey die rechte Lehre, während die Menschen nach der falschen handeln. Sie halten es für ein Unrecht bei allen Colonien, welche Preise für Skalpe anbieten, und meinen, es werde kein Segen herauskommen bei diesen Maßregeln. Vor allem verbieten sie die Rachsucht!«

»Geht mir mit Euren Mährischen Brüdern!« schrie March und schnippte mit den Fingern; »sie sind die Nächsten an den Quäckern; und wenn Ihr Alles glauben wolltet, was sie Euch sagen, so dürfte man aus Barmherzigkeit keiner Ratte das Fell abziehen. Wer hat je von Barmherzigkeit gehört gegen eine Bisamratte?« Der verächtliche Ton Hurry’s schnitt eine Erwiederung ab, und er und der Alte fuhren in der Besprechung ihrer Pläne fort in leiserem und vertraulicherem Tone. Diese Berathung dauerte, bis Judith erschien und das einfache aber wohlschmeckende Abendessen brachte. March bemerkte mit einiger Ueberraschung, daß sie Wildtödter die leckersten Bissen vorlegte, und daß sie durch die kleinen, namenlosen Aufmerksamkeiten, welche sie zu erweisen wohl verstand, ganz deutlich zu erkennen zu geben die Absicht hatte, daß sie ihn als den vorzugsweise geehrten Gast betrachtete. Gewöhnt jedoch an den Eigensinn und die Koketterie der Schönen, erfüllte ihn diese Entdeckung mit keiner sonderlichen Unruhe, und er aß mit einem Appetit, der sich keineswegs durch gemüthliche Rücksichten stören ließ. Da die leichtverdaute Nahrung der Wälder der Befriedigung des großen physischen Genusses gar wenig Hindernisse in den Weg legte, blieb Wildtödter, trotz der herzhaften Mahlzeit, welche Beide in den Wäldern gehalten, in keiner Weise hinter seinem Genossen zurück in thätlicher Anerkennung der Güte der Speisen. Eine Stunde später war die ganze Scene sehr verändert. Der See war noch friedlich und spiegelklar, aber die Dämmerung des spätern Abends war auf das sanfte Zwielicht eines Sommerabends gefolgt, und Alles innerhalb der dunkeln Einfassung der Wälder lag in der stillen Ruhe der Nacht. Die Forsten ließen keinen Gesang, keinen Schrei, nicht einmal ein Flüstern hören, sondern schauten von den Bergen auf das schöne Becken, das sie umgaben, in feierlicher Stille herunter; und der einzige Laut, den man hörte, war das regelmäßige Klatschen der Ruder, welche Hurry und Wildtödter bequem handhabten, die Arche nach dem Castell hin lenkend. Hutter hatte sich auf das Hintertheil der Fähre zurückgezogen, um zu steuern, aber da er fand, daß die jungen Männer ganz im Takt ruderten, und durch ihre eigne Geschicklichkeit ganz in der gewünschten Richtung blieben, hatte er das Steuerruder im Wasser nachschleppen lassen, sich einen Sitz am Ende der Fähre genommen, und seine Pfeife angezündet. Er saß so erst wenige Minuten, als Hetty verstohlen aus der Cajüte, oder dem Hause, wie sie gewöhnlich diesen Theil der Arche nannten, heranschlich, und sich auf einer kleinen Bank, die sie mitbrachte, zu seinen Füßen setzte. Da dieß Beginnen eben nichts Ungewöhnliches bei dem schwachsinnigen Kind war, beachtete es der Alte nicht weiter; er legte nur seine Hand in liebevoller, beifallgebender Weise auf ihr Haupt; eine Liebkosung, die das Mädchen in stummer Sanftmuth hinnahm.

Nach einer Pause von einigen Minuten fing Hetty an zu singen. Ihre Stimme war schwach und zitternd, aber ernst und feierlich. Die Worte und die Weise waren von der einfachsten Art; es war eine Hymne, die ihre Mutter sie gelehrt hatte, und eine jener natürlichen Melodien, die bei allen Klassen, zu allen Zeiten Beifall und Gunst finden, weil sie vom Herzen kommen und ans Herz sprechen. Hutter horchte nie diesem einfachen Gesang, ohne daß sein Herz und sein Benehmen milder wurde; dieß wußte seine Tochter wohl, und sie hatte es sich schon oft zu Nutze gemacht vermöge jenes geheimen, heiligen Instinkts, der oft die Geistesschwachen erleuchtet, zumal bei ihren guten Absichten und Bestrebungen.

Hetty’s leise, süße Töne drangen nur erst einige Augenblicke durch die Lüfte, als das Klatschen der Ruder aufhörte, und der heilige Gesang allein in der athmenden Stille der Wildniß zum Himmel emporstieg. Wie wenn sie im Verfolg der Hymne Muth gewänne, schien ihre Kraft, wie sie weiter sang, zu wachsen; und obgleich nichts Gemeines oder Schreiendes sich in ihre Melodie mischte, schwoll doch ihre Stärke und schwermüthige Zartheit hörbar an, bis die Luft erfüllt war von dieser einfachen Huldigung einer Seele, die beinahe fleckenlos erschien. Daß die Männer vorn nicht gleichgültig blieben gegen diese rührende Unterbrechung, ging aus ihrer Unthätigkeit deutlich hervor; auch klatschten nicht eher wieder ihre Ruder, als bis der letzte der süßen Töne wirklich erstorben war an den merkwürdigen Ufern, die in dieser bezaubernden Stunde selbst die leisesten Modulationen der menschlichen Stimme weiter als eine Meile fortpflanzten. Hutter selbst war gerührt; denn so roh er war vermöge seiner früh angenommenen Lebensweise, und so hartherzig sogar er geworden war durch seine lange Bekanntschaft mit den Sitten und Bräuchen der Wildniß, bestand doch seine Natur aus jener furchtbaren Mischung von Gut und Böse, welche man überhaupt bei der moralischen Organisation der Menschen so vielfach findet.

»Du bist heute Nacht traurig, Kind,« sagte der Vater, dessen Benehmen und Sprache gewöhnlich Etwas von der Feinheit und Erhebung des civilisirten Lebens annahm, das er in seiner Jugend geführt hatte, wenn er so mit diesem seltsamen Kind sich unterhielt, »wir sind eben erst Feinden glücklich entgangen, und sollten uns vielmehr freuen!«

»Ihr könnt es nimmermehr thun, Vater!« sagte Hetty im leisen Ton flehentlicher, abmahnender Bitte, indem sie, mit ihren beiden Händen seine harte, rauhe Hand ergriff; »Ihr habt lang mit Harry March gesprochen; aber Keiner von Euch wird das Herz haben, es zu thun.«

»Das geht über Deinen Kreis, närrisches Kind; Du bist wohl so garstig gewesen und hast gehorcht, sonst könntest Du Nichts wissen von unserm Gespräche.«

»Warum wolltet denn Ihr und Hurry Leute tödten – und gar Weiber und Kinder?«

»Still, Mädchen, still; wir leben im Krieg, und müssen unsern Feinden thun, was sie uns thun möchten.«

»Das ist nicht so, Vater! Ich habe Wildtödter sagen hören, wie es ist. Ihr sollt Euren Feinden thun, was Ihr wünscht, daß Eure Feinde Euch thun! Niemand wünscht, daß seine Feinde ihn tödten!«

»Wir tödten unsre Feinde im Krieg, Mädchen, damit sie nicht uns tödten. Eine Seite oder die andre muß anfangen; und die zuerst anfangen, tragen am ehesten den Sieg davon. Du verstehst Nichts von diesen Dingen, arme Hetty, und solltest am liebsten davon schweigen.«

»Judith sagt, es sey Unrecht, Vater; und Judith hat Verstand, wenn auch ich keinen habe.«

»Judith versteht es besser, als daß sie mir von diesen Dingen spräche; denn sie hat Verstand, wie Du sagst, und weiß, daß ich es nicht dulden würde. Was würdest Du vorziehen, Hetty: daß man Dir Deinen Skalp nähme, und an die Franzosen verkaufte, oder daß wir unsre Feinde tödteten, und sie hinderten, uns ein Leid zu thun?«

»Das ist es nicht, Vater! Tödtet sie nicht, und laßt auch uns nicht von ihnen tödten. Verkauft Eure Häute, und schafft neue herbei, wenn Ihr könnt; aber verkauft nicht Blut!«

»Komm, komm, Kind; reden wir von Dingen, die Du verstehst. Freut es Dich, unsern alten Freund March wieder zurückgekommen zu sehen? Du magst Hurry wohl leiden, und mußt wissen, daß er wohl eines Tages Dein Bruder werden kann – wo nicht noch etwas Näheres.«

»Das kann nicht seyn, Vater,« erwiederte das Mädchen nach einer langen Pause; »Hurry hat Einen Vater und Eine Mutter gehabt; und die Leute haben nie zwei.«

»Da sieht man Deinen schwachen Geist, Hetty. Wenn Jude heirathet, so wird ihres Mannes Vater ihr Vater, und ihres Mannes Schwester ihre Schwester. Wenn sie Hurry heirathen sollte, wird er Dein Bruder.«

»Judith wird nie den Hurry nehmen,« versetzte das Mädchen mild aber bestimmt. »Judith mag den Hurry nicht.«

»Das ist Mehr als Du wissen kannst, Hetty. Harry March ist der schönste und der stärkste und der kühnste junge Mann, der je den See besucht; und da Jude die größte Schönheit ist, sehe ich nicht ein, warum sie nicht zusammenkommen sollten. Er hat so gut als versprochen, daß er mit mir diesen Handel eingehen will, wenn ich meine Zustimmung gebe.«

Hetty fing an, sich unruhig hin und her zu bewegen, und sonst auch ihre geistige Unruhe und Aufregung auszudrücken; aber länger als eine Minute antwortete sie nicht. Ihr Vater, an ihr Wesen gewöhnt, und keine besondere Ursache ihrer Aufregung ahnend, fuhr fort zu rauchen mit jenem in die Augen fallenden Phlegma, welches gerade dieser Art von Genuß eigen zu seyn scheint.

»Hurry ist schön, Vater,« sagte Hetty mit einfacher Emphase, welche in ihren Ton zu legen sie sich wohl würde bedacht haben, wäre ihr Geist aufmerksamer gewesen auf die Gedanken und Beweggründe Anderer.

»Das habe ich dir gesagt, Kind,« brummte der alte Hutter, ohne die Pfeife aus den Zähnen zu nehmen; »er ist der hübscheste Junge in dieser Gegend; und Jude ist das hübscheste junge Weibsbild, das mir vorgekommen, seit den besten Zeiten ihrer armen Mutter.«

»Ist es schlimm, häßlich zu sehn, Vater?«

»Man kann sich Schlimmeres vorzuwerfen haben – aber du bist keineswegs häßlich; obwohl nicht so hübsch wie Jude.«

«Ist Judith deßwegen glücklicher, weil sie so schön ist?«

»Das kann seyn, Kind, aber vielleicht auch nicht. Reden wir aber jetzt von andern Dingen; denn das verstehst du schwerlich recht, arme Hetty. Wie gefällt dir unser neuer Bekannter, Wildtödter?«

»Er ist nicht schön, Vater. Hurry ist viel schöner als Wildtödter.«

»Das ist wahr, aber es heißt, er sey ein ausgezeichneter Jäger. Sein Ruf drang zu meinem Ohre, noch eh‘ ich ihn sah; und ich hoffte, er werde sich als ebenso herzhafter Krieger bewähren, wie er ein geschickter Wildpretschütz ist. Aber nicht alle Männer sind gleich, Kind, und es braucht Zeit, das weiß ich aus Erfahrung, einem Mann ein ächtes Wildnißherz zu geben.«

»Hab‘ ich schon ein Wildnißherz, Vater – und Hurry – ist sein Herz ein ächtes Wildnißherz?«

»Du machst manchmal sonderbare Fragen, Hetty! Dein Herz ist gut, Kind, und geeigneter für die Ansiedlungen als für die Wälder; während dein Verstand geeigneter ist für die Wälder als für die Ansiedlungen.«

»Warum hat Judith mehr Verstand als ich, Vater?«

»Der Himmel steh‘ dir bei, Kind! das ist Mehr als ich beantworten kann. Gott gibt Verstand und Aussehen und all‘ diese Dinge; und er theilt sie aus, wie es ihm gut dünkt. Wünschest du dir mehr Verstand?«

»Nein, das Wenige was ich habe, macht mir Unruhe, denn wenn ich am ärgsten denke, fühle ich mich am unglücklichsten. Ich glaube nicht, daß das Denken gut ist für mich, aber ich wünschte, ich wäre so schön wie Judith.«

»Warum das, armes Kind? deiner Schwester Schönheit kann ihr auch Unruhe machen, wie einst ihrer armen Mutter. Es ist kein Vortheil, Hetty, in irgend Etwas so ausgezeichnet zu seyn, daß man ein Gegenstand des Neids, oder vor Andern ausgesucht wird.«

»Mutter war gut, wenn sie schön war,« versetzte das Mädchen, und die Thränen schossen ihr in die Augen, wie gewöhnlich geschah, wenn sie der Verstorbenen gedachte.

Der alte Hutter war, wenn auch nicht ebenso ergriffen, doch nachdenklich und stumm bei dieser Erinnerung an sein Weib. Er rauchte fort, ohne daß er eine Geneigtheit zeigte, zu antworten, bis seine schwachsinnige Tochter ihre Bemerkung in einer Art wiederholte, welche verrieth, daß sie ein Unbehagen fühlte, er möchte geneigt seyn, ihre Behauptung zu läugnen. Dann klopfte er die Asche aus seiner Pfeife, legte mit einer Art derber Freundlichkeit seine Hand auf des Mädchens Kopf und versetzte:

»Deine Mutter war zu gut für diese Welt, obgleich Andre vielleicht nicht so dachten. Ihr gutes Aussehen war für sie kein Heil und Schutz; und du hast keinen Grund zu bedauern, daß du ihr nicht so gleichst wie deine Schwester; denke weniger an Schönheit, Kind, und desto mehr an deine Pflicht und du wirst so glücklich leben auf diesem See, als du nur immer in des Königs Palast seyn könntest.«

»Ich weiß es, Vater; aber Hurry sagt: Schönheit sey bei einem jungen Weib Alles!«

Hutter that einen Ausruf, der seine Unzufriedenheit ausdrückte und ging nach dem Vordertheil; dabei schritt er durch das Haus – Hetty’s unbefangene Kundgebung ihrer Schwachheit in Bezug auf March machte ihm Unruhe über einen Gegenstand, der ihn früher nie angefochten hatte, und er beschloß, sofort mit seinem Gaste sich klar auseinander zu setzen; denn Geradheit in seinen Worten und Entschiedenheit in seiner Handlungsweise waren zwei der vorzüglichsten Eigenschaften dieses rauhen Mannes, in welchem der Saamen einer bessern Erziehung beständig sich emporzuringen schien, um dann wieder erstickt zu werden durch die Frucht eines Lebens, wo harte Kämpfe um Unterhalt und Sicherheit seine Gefühle gestählt, seine Natur verhärtet hatten. Als er das vordere Ende der Fähre erreicht, gab er seine Absicht zu erkennen, Wildtödter am Ruder abzulösen, und hieß ihn dafür seinen Platz am Hintertheil einnehmen. In Folge dieses Tausches waren der alte Mann und Hurry wieder allein, während der junge Jäger an’s entgegengesetzte Ende der Arche entfernt wurde.

Hetty war verschwunden, als Wildtödter seinen neuen Posten erreichte, und eine kurze Zeit blieb er allein, während er den Lauf des langsam sich bewegenden Fahrzeugs lenkte. Nicht lange jedoch dauerte es, bis Judith aus der Cajüte heraustrat, bereit, wie es schien, die Honneurs des Fahrzeugs zu machen gegenüber einem Fremden, der sich dem Dienst ihrer Familie widmete. Das Sternenlicht war hell genug, um die Gegenstände in der Nähe deutlich unterscheiden zu lassen; und die glänzenden Augen des Mädchens hatten einen Ausdruck von Freundlichkeit, als sie denen des Jünglings begegneten, welchen dieser leicht wahrzunehmen vermochte. Ihr reiches Haar beschattete ihr lebhaftes und doch sanftes Gesicht, und erhöhte dadurch selbst in dieser Stunde dessen Schönheit; – wie die Rose am lieblichsten ist, wenn sie zwischen den Schatten und Contrasten ihres eignen Laubes ruht. Bei dem Verkehr der Wälder herrscht wenig Förmlichkeit; und Judith hatte sich in Folge der Bewunderung, welche sie so allgemein erregte, eine Zuversicht und Bequemlichkeit des Benehmens erworben, die, wenn sie auch nicht bis zur Keckheit ging, doch in keiner Weise ihren Reizen die Zuthat jener scheuen, zurückhaltenden Sittsamkeit verlieh, welche von Dichtern so gepriesen wird.

»Ich glaubte, ich müßte vor Lachen sterben, Wildtödter,« begann die Schöne plötzlich, aber in koketter Art, »als ich den Indianer so in den Fluß tauchen sah! Es war dazu ein ganz hübschaussehender Wilder,« das Mädchen hob immer körperliche Schönheit als eine Art von Verdienst hervor, »und doch konnte man nicht verweilen, um zu sehen, ob seine Bemalung im Wasser die Farbe halte.«

»Und ich glaubte, sie würden Euch tödten mit ihren Waffen, Judith,« versetzte Wildtödter; »es war ein arges Wagestück für ein Weib, sich so einem Dutzend Mingo’s auszusetzen.«

»Bewog Euch das, aus der Cajüte hervorzueilen, trotz ihren Büchsen?« fragte das Mädchen, mit mehr wirklichem Interesse, als sie vielleicht zu verrathen wünschte, obwohl mit einem gleichgültigen Wesen, welches die Frucht von vieler Uebung, verbunden mit natürlicher Geistesgewandtheit war. »Männer können nicht zusehen, wenn Frauen in Gefahr sind, ohne ihnen zu Hülfe zu eilen. Selbst ein Mingo weiß das.«

Diese Worte sprach er mit eben so viel Unbefangenheit des Benehmens als einfacher Treuherzigkeit des Gefühls, und Judith belohnte sie mit einem so süßen Lächeln, daß selbst Wildtödter, der ein Vorurtheil gegen das Mädchen gefaßt hatte, in Folge von Hurry’s argwöhnischen Aeußerungen über ihren Leichtsinn, seinen Zauber empfand, obwohl die Hälfte von seiner gewinnenden Macht in der schwachen Beleuchtung verloren ging. Es erzeugte sofort eine Art von Vertraulichkeit zwischen ihnen, und die Unterredung ward von Seite des Jägers fortgesetzt ohne das lebhafte Bewußtseyn von dem eigenthümlichen Charakter dieser Kokette der Wildniß, womit sie allerdings begonnen hatte.

»Ihr seyd ein Mann der Thaten, nicht der Worte, das sehe ich deutlich, Wildtödter,« fuhr die Schöne fort, nahe bei der Stelle sich setzend, wo der Andere stand, »und ich sehe voraus, wir werden recht gute Freunde werden. Hurry Harry hat eine Zunge, und so sehr er ein Riese ist, er schwatzt Mehr als er vollbringt.«

»March ist Euer Freund, Judith; und Freunde sollten gut von einander reden, wenn sie von einander sind.«

»Wir wissen Alle, auf was Hurry’s Freundschaft hinausläuft! Laßt ihm in allen Dingen seinen Willen, so ist er der beste Geselle in der ganzen Colonie, aber ›bringt ihn auf‹, wie Ihr vom Wild sagt, so ist er Herr und Meister aller Dinge um ihn her, nur nicht seiner selbst. Hurry gehört nicht zu meinen Lieblingen, Wildtödter; und ich glaube fast, wenn die Wahrheit bekannt, und sein Geschwätz über mich wiederholt würde, es würde sich zeigen, daß er nicht besser von mir denkt, als ich allerdings von ihm.«

Die letzten Worte wurden nicht ohne einige Unbehaglichkeit ausgesprochen. Wäre der Gesellschafter des Mädchens schlauer gewesen, so hätte er wohl das abgewendete Gesicht bemerkt, die Art, wie das hübsche Füßchen sich hin- und herbewegte, und noch andre Anzeichen davon, daß aus irgend einem unerklärten Grunde die gute oder schlimme Meinung March’s ihr nicht so ganz gleichgültig war, als sie zu behaupten für gut fand. Ob dieß nun nichts weiter war, als eine gewöhnliche Folge weiblicher Eitelkeit – eines Gefühls, das auch dann noch lebendig und empfindlich ist, wenn jeder Schein der Empfindlichkeit vermieden werden will, ober ob es hervorging aus jenem tiefliegenden Bewußtseyn von Recht und Unrecht, das Gott selbst in unsere Brust gepflanzt, damit wir Gutes und Böses unterscheiden, wird dem Leser im Verlauf unsrer Erzählung deutlicher werden. Wildtödter empfand einige Verlegenheit. Er erinnerte sich wohl der grausamen Anschuldigungen aus dem Munde des mißtrauischen March, und während er der Bewerbung seines Genossen keine Hindernisse in den Weg legen wollte durch Erregung bitterer Gefühle gegen ihn, war seine Zunge im buchstäblichen Sinn eine solche, die nichts von Lug und Falsch wußte. Antworten, ohne mehr oder weniger zu sagen, als er wünschte, war daher eine delikate Sache.

»March spricht auf seine Art von allen Dingen in der Welt, von Freund und Feind,« versetzte langsam und vorsichtig der Jäger. »Er ist Einer von den Menschen, die sprechen wie sie empfinden, so lang die Zunge eben im Gang ist, und das ist manchmal anders, als sie sprechen würden, wenn sie sich Zeit zum Ueberlegen nähmen. Da lob‘ ich mir einen Delawaren, Judith; der denkt über seine Ideen nach und wiederkäut sie! Feindschaft hat sie nachdenklich gemacht, und eine lose Zunge ist keine Empfehlung bei ihren Berathungsfeuern.«

»Ich glaube fast, March’s Zunge läuft frei genug, wenn sie auf Judith Hutter und ihre Schwester zu reden kommt,« sagte das Mädchen, aufstehend, wie in verachtender Gleichgültigkeit. »Der gute Name junger Frauenspersonen ist gar ein angenehmer Gegenstand für Manche, die den Mund nicht so weit aufzuthun wagen würden, wenn ein Bruder um den Weg wäre. Meister March mag es lustig finden, uns zu verschwätzen; aber früher oder später wird er es bereuen!«

»Nein, Judith, das heißt die Sache zu ernst nehmen. Hurry hat nie auch nur das leiseste Wort geredet gegen den guten Namen Hetty’s, um den Anfang zu machen mit –«

»Ich sehe wie es ist – ich sehe wie es ist« – unterbrach ihn Judith heftig. »Ich allein bin es, die er mit seiner giftigen Zunge zu brandmarken beliebt! – Hetty, wahrhaftig! – die arme Hetty!« fuhr sie fort, und ihre Stimme sank zu einem leisen, dumpfen Ton herab, der beinahe in ihrem Munde zu erstarren schien – »sie steht außer und über dem Bereich seiner verläumderischen Bosheit! die arme Hetty! Wenn Gott sie schwachsinnig geschaffen hat, so liegt die Schwäche ganz auf der Seite der Irrthümer, von welchen sie gar nichts zu wissen scheint. Die Erde trug nie ein reineres Wesen, als Hetty Hutter, Wildtödter!«

»Ich kann es glauben, – ja, ich kann das glauben, Judith, und ich hoffe, dasselbe kann auch gesagt werden von ihrer schönen Schwester.«

Es lag eine ansprechende und gutherzige Aufrichtigkeit in Wildtödters Ton, welche die Seele des Mädchens rührte; auch schwächte die Anspielung auf ihre Schönheit die Wirkung davon nicht bei ihr, welche die Macht ihrer persönlichen Reize nur zu gut kannte. Dennoch ward die leise, dünne Stimme des Gewissens nicht ganz zum Schweigen gebracht, und sie diktirte die Antwort, die sie nach einigem Nachdenken gab:

»Ich glaube, Hurry hat wieder von seinen elenden Anspielungen und Winken gegen die Leute von den Garnisonen fallen lassen,« sagte sie. »Er weiß, es sind Gentlemen, und kann nie Einem verzeihen, daß er ist, was er selbst, wie er wohl fühlt, nie werden kann.«

»Nicht in der Bedeutung eines Officiers des Königs, Judith, allerdings, denn dazu hat March gar keine Lust, aber in der wirklichen Bedeutung des Wortes – warum sollte nicht ein Biberjäger so achtbar seyn, als ein Gouverneur? Da Ihr selbst davon anfangt, so will ich nicht läugnen, daß er darüber klagte, daß ein Mädchen von Eurem bescheidenen Stande so viel in Gesellschaft von Scharlachröcken und seidenen Schärpen lebe. Aber es war Eifersucht, die da aus ihm sprach, und ich glaube, daß er über seine eignen Gedanken trauerte, wie eine Mutter trauern würde um ihr Kind.«

Vielleicht war sich Wildtödter nicht des ganzen, vollen Sinnes bewußt, den seine ernste Rede in sich schloß. Gewiß ist, daß er die Röthe nicht sah, welche Judiths ganzes schönes Antlitz flammend überzog, noch auch die unbezwingliche Bestürzung und Beängstigung, welche unmittelbar darauf die Röthe in Todesblässe verwandelte. Ein paar Minuten verstrichen in tiefer Stille; das Plätschern des Wassers schien gänzlich alle Zugänge des Ohres eingenommen zu haben, und dann stand Judith auf, und faßte die Hand des Jägers beinahe krampfhaft mit einer der ihrigen.

»Wildtödter,« sagte sie hastig, »ich bin froh, daß das Eis zwischen uns gebrochen ist. Man sagt, plötzliche Freundschaften führen zu langen Feindschaften; aber ich glaube nicht, daß es bei uns so gehen wird. Ich weiß nicht, wie es kommt – aber Ihr seyd der erste Mann, den ich kennen gelernt, der nicht beflissen scheint zu schmeicheln – nicht mein Verderben zu wünschen – kein Feind in einer Maske zu seyn scheint; – laßt es gut seyn; sagt Hurry nichts davon, und ein andermal wollen wir wieder mit einander sprechen.«

Dann ließ das Mädchen seine Hand fahren, verschwand in dem Hause, und ließ den erstaunten und verblüfften jungen Mann allein, der so bewegungslos an dem Steuerruder stand, wie eine der Tannen auf den Bergen. So sehr hatte er sich in seinen Gedanken vertieft und verloren, daß ihm Hutter zurufen mußte, er solle der Fähre die rechte Richtung geben, ehe er sich seiner gegenwärtigen Lage wieder bewußt wurde.

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

So sprach der abgefallne Engel, Pein
Litt er, und prahlte laut doch, aber tief
In seinem Innern foltert‘ ihn Verzweiflung.
Milton.

Bald nach Judiths Entfernung erhob sich ein leiser Südwind, und Hutter zog ein großes Raasegel auf, das einst das flatternde Topsegel an einer Sloop von Albany gewesen, aber, mürbe geworden im Auffangen der Winde von Tappan, ausgemustert und verkauft worden war. Es hatte eine leichte, zähe Tamarindenstange, die er im geeigneten Falle aufrichten konnte, und mit geringer Arbeit ward sein Segel in ziemlich kunstgerechter Weise ausgebreitet und schwoll vom Winde. Die Wirkung auf die Bewegung der Arche war von der Art, daß das Rudern nunmehr entbehrlich wurde; und nach etwa zwei Stunden sah man das Castell in der Finsterniß aus dem Wasser emporragen, in einer Entfernung von etwa hundert Schritten. Jetzt ward das Segel herabgelassen, und langsam schwamm die Fähre dem Bau zu und ward angebunden.

Niemand hatte das Haus besucht, seit Hurry und sein Begleiter es verlassen. Man traf Alles in der Ruhe und Stille der Mitternacht, eine Art Typus von der Einsamkeit einer Wildniß. Da man Feinde in der Nähe wußte, wies Hutter seine Töchter an, sich keiner Lichter zu bedienen: diesen Luxusartikel versagten sie sich meist während der warmen Monate, damit sie nicht als Leuchtfeuer ihren Feinden ihren Aufenthaltsort verriethen.

»Bei klarem Tageslicht würde ich ein Heer von Wilden nicht fürchten hinter diesen stämmigen Blöcken, wenn sie kein Schutzmittel hätten, sich dahinter zu verkriechen,« setzte Hutter hinzu, nachdem er seinen Gästen die Gründe auseinandergesetzt, warum er den Gebrauch von Lichtern verbot; »denn ich habe drei oder vier zuverlässige Gewehre jederzeit geladen, und Killdeer namentlich ist eines, das nie versagt. Aber bei Nacht ist es eine andre Sache. Ein Canoe könnte im Dunkel ungesehen uns auf den Leib rücken; und die Wilden haben so viele Listen und Kniffe bei ihren Angriffen, daß ich es für schlimm genug halte, wenn ich auch beim hellsten Sonnenschein mit ihnen zu thun bekomme. Ich habe dieß Haus gebaut, um sie mir in einiger Entfernung vom Leibe zu halten, im Fall es je wieder zu Schlägen käme. Manche meinen, es sey zu offen und ausgesetzt, aber ich bin dafür, fern vom Gebüsch und Dickicht zu ankern, weil ich dieß für die sicherste Art halte.«

»Ihr seyd einst Matrose gewesen, sagt man mir, alter Tom?« sagte Hurry in seiner raschen Art, da ihm einige Ausdrücke des Andern aufgefallen waren, »und manche Leute glauben, Ihr könntet merkwürdige Dinge erzählen von Feinden und Schiffbrüchen, wenn Ihr mit Allem herausrücken wolltet, was Ihr wißt.«

»Es gibt Leute in dieser Welt, Hurry,« erwiederte der Andre ausweichend, »welche von andrer Menschen Gedanken leben; und dergleichen finden oft auch ihren Weg in die Wälder. Was ich in meiner Jugend gewesen bin, oder was ich gesehen habe, das ist jetzt weniger wichtig, als was die Wilden sind. Es ist von größerer Bedeutung, herauszubringen, was in den nächsten vier und zwanzig Stunden sich ereignen wird, als von dem zu plaudern, was sich vor vierundzwanzig Jahren begeben hat.«

»Das heißt Urtheil, Wildtödter; ja, das heißt gesundes Urtheil! da sind Judith und Hetty, für welche zu sorgen ist, zu schweigen von unsern eignen Kopfschleifen; und was mich betrifft, ich kann so gut im Dunkeln schlafen, als ich es könnte bei der hellsten Mittagssonne. Mir macht es wenig aus, ob Licht da ist oder nicht, und ob ich es sehe, wenn ich meine Augen schließe.«

Da Wildtödter es selten nöthig fand, auf seines Begleiters eigenthümliche humoristische Aeußerungen zu antworten, und Hutter sichtlich abgeneigt war, weiter über die Sache zu sprechen, hatte die Erörterung mit dieser Bemerkung ein Ende. Hutter hatte aber noch etwas mehr, als nur Erinnerungen auf dem Herzen. Sobald seine Töchter sie verlassen hatten, in der ausgesprochenen Absicht, sich zur Ruhe zu begeben, lud er seine beiden Genossen ein, ihm wieder auf die Arche zu folgen. Hier eröffnete ihnen der alte Mann seinen Plan, verschwieg aber den Theil davon noch, dessen Ausführung er sich selbst und Hurry vorbehalten hatte.

»Das Hauptabsehen von Leuten in unsrer Lage ist, Herrn des Wassers zu seyn,« begann er. »So lange kein anderes Fahrzeug auf dem See ist, ist ein Canoe von Borke so gut als ein Linienschiff; denn mit Schwimmen kann das Castell nicht wohl weggenommen werden. Nun sind nur noch fünf Canoe’s in dieser Gegend, von welchen zwei mir gehören und eines Hurry. Diese drei haben wir hier bei uns; eines in dem Canoe-Dock unter dem Hause befestigt, die beiden andern an der Fähre. Die andern Canoes sind am Land in hohlen Baumstämmen versteckt; und die Wilden, die so giftige Feinde sind, werden am nächsten Morgen keinen Ort, der irgend Etwas verspricht, ununtersucht lassen, wenn es ihnen ernstlich um die ausgesetzten Preise zu thun ist –«

»Ha, Freund Hutter,« unterbrach ihn Hurry, »der Indianer lebt nicht auf Erden, der im Stand ist, ein gehörig verstecktes Canoe aufzufinden. Ich habe früher schon Etwas in dieser Art von Handel geleistet, und Wildtödter weiß hier es, daß ich im Stand bin, ein Fahrzeug so zu verstecken, daß ich es selbst nicht mehr finden kann.«

»Sehr wahr, Hurry,« versetzte der zum Zeugniß Aufgerufene; »aber Ihr überseht den Umstand, daß, wenn auch Ihr die Spur des Mannes nicht entdecken konntet, der seine Sache so gut gemacht, dieß doch mir gelang. Ich bin der Ansicht, Meister Hutter, daß es viel klüger ist, der Einfalt und Aufrichtigkeit eines Wilden zu mißtrauen, als große Hoffnungen zu bauen auf seinen Mangel an Scharfblick. Wenn daher die beiden Canoes in das Castell gebracht werden können, so ist es um so besser, je eher es geschieht.«

»Wollt Ihr dabei seyn, wenn es aufgeführt wird?« fragte Hutter in einem Tone, welcher zeigte, daß der Vorschlag ihn ebenso überraschte als er ihm gefiel.

»Gewiß. Ich bin bereit, an jeder Unternehmung Theil zu nehmen, sofern sie nicht eines weißen Mannes rechtmäßigen Gaben zuwiderläuft. Die Natur gebietet uns, unser Leben zu vertheidigen und auch das Leben Andrer, wenn dazu Gelegenheit und Aufforderung vorhanden ist. Ich will Euch, Floating Tom, folgen in das Lager der Mingo bei jedem solchen Zug, und will mich bestreben, meine Pflicht zu thun, sollte es zum Treffen kommen: obwohl ich, da ich nie in einer Schlacht gewesen bin, nicht gern Mehr verspreche, als ich mir zu leisten getraue. Wir wissen Alle, was wir wünschen, aber keiner weiß, was er zu leisten vermag, als bis er die Probe bestanden.«

»Das ist bescheiden und vernünftig gesprochen, Junge!« rief Hurry. »Ihr habt noch nie den Knall einer feindlichgezielten Büchse gehört, und laßt mich Euch versichern, er ist so verschieden von den überredenden Tönen bei Euern Wildpretreden, wie das Lachen von Judith Hutter in ihrer besten Laune von dem Schelten einer holländischen Haushälterin am Mohawk. Ich erwarte nicht, daß Ihr ein ausgezeichneter Krieger werden werdet, Wildtödter, obgleich es nicht Eures Gleichen in diesen Gegenden gibt, was die Jagd auf Hirsche und Rehe betrifft. Aber im wirklichen Dienst, da werdet Ihr etwas weiter hinten zu stehen kommen, nach meiner Meinung.«

»Wir wollen sehen. Hurry, wir wollen sehen,« erwiederte der Andre sanft, und ganz und gar nicht, so viel ein menschliches Auge bemerken konnte, verletzt und irre gemacht durch die so eben ausgedrückten Zweifel hinsichtlich seiner Tüchtigkeit in einem Punkte, wo die Männer sonst sehr empfindlich sind, und zwar oft genau in dem Maß, als sie sich ihrer Schwächen bewußt sind; »da ich noch nie eine Probe bestanden, will ich diese abwarten, ehe ich mir selbst eine Meinung bilde; und dann hat man Gewißheit, statt unbestimmter Vermuthungen. Ich habe von Solchen gehört, die vor der Schlacht herzhaft waren und darin wenig leisteten; und auch von Solchen, die zuwarteten, um ihren Muth kennen zu lernen, und die bei der Probe fanden, daß sie nicht so übel waren, als Manche erwarteten.«

»In jedem Fall wissen wir, daß Ihr ein Ruder zu handhaben versteht, junger Mann,« sagte Hutter, »und das ist Alles, was wir heute Nacht von Euch verlangen. Laßt uns keine Zeit mehr verlieren, sondern in das Canoe treten und handeln, statt zu schwatzen.«

Hutter ging nun rasch daran, seinen Plan auszuführen, und bald war das Boot bereit, und Hurry und Wildtödter an den Rudern. Ehe jedoch der alte Mann selbst sich einschiffte, hielt er eine Besprechung von einigen Minuten mit Judith, zu welchem Behuf er in das Haus ging; dann zurückgekehrt, nahm er seinen Platz in dem Canoe ein, das im nächsten Augenblick von der Arche abstieß.

Wäre in der einsamen Wildniß ein Gott errichteter Tempel gewesen, so hätte seine Uhr die Mitternachtsstunde geschlagen, als die kleine Gesellschaft ihren Zug antrat. Das Dunkel hatte zugenommen, obwohl die Nacht noch klar war, und das Licht der Sterne reichte hin für alle Absichten der Abenteurer, Hutter allein wußte die Orte, wo die zwei Canoes versteckt waren, und er lenkte die Richtung des Bootes, während seine beiden athletischen Genossen ihre Ruderschaufeln mit gehöriger Vorsicht eintauchten und emporhoben, damit nicht die dadurch verursachten Laute in der Stille der tiefen Nacht über den friedlichen Wasserspiegel hin das Ohr ihrer Feinde erreichten. Aber die Barke war so leicht, daß keine außerordentlichen Anstrengungen nöthig waren, und da Geschicklichkeit die Stelle des Kraftaufwands vertrat, näherten sie sich, nach einer halben Stunde etwa, der Küste auf einem vorspringenden Punkte, beinahe eine Stunde von dem Castell entfernt.

»Laßt Eure Ruder ruhen, Freunde,« sagte Hutter mit leiser Stimme, »und sehen wir uns einen Augenblick um. Wir müssen jetzt ganz Aug und Ohr seyn, denn diese Schlangen haben Nasen wie Bluthunde.«

Die Ufer des See’s wurden genau geprüft, um irgend einen Funken Licht zu entdecken, der etwa in einem Lager möchte zurückgeblieben seyn; und die Männer strengten ihre Augen in der Dunkelheit an, um zu sehen, ob nicht vielleicht eine Zeile Rauch am Berg hinziehe, aus der ersterbenden Asche eines Feuers emporsteigend. Nichts Ungewöhnliches war zu erspähen, und da der Platz in einiger Entfernung von dem Ausfluß des See’s oder dem Orte war, wo sie auf die Wilden gestoßen, hielt man für gefahrlos, zu landen. Die Ruder wurden wieder in Bewegung gesetzt, und der Bug des Canoe’s schob sich auf dem kiesigen Ufer mit leiser Bewegung und einem kaum hörbaren Geräusch vor. Hutter und Hurry sprangen ohne Verzug ans Land, der Erstere seine und seines Begleiters Büchse tragend, und ließen Wildtödter zur Bewachung des Canoe’s zurück. Der hohle Baumstamm lag eine kleine Strecke entfernt bergaufwärts; der Alte ging dahin voran, mit solcher Vorsicht, daß er alle drei oder vier Schritte stehen blieb, um zu horchen, ob nicht ein Schritt die Nähe eines Feindes verrathe. Aber die gleiche todtenähnliche Stille herrschte in der ganzen mitternächtlichen Scene, und der gesuchte Platz ward ohne einen beunruhigenden Vorfall erreicht.

»Hier ist es,« flüsterte Hutter, den Fuß auf einen umgestürzten Lindenstamm setzend; »reicht mir zuerst die Ruder, und zieht dann das Boot vorsichtig heraus, denn die Elenden haben es am Ende doch vielleicht nur als Köder da gelassen,«

»Haltet mir meine Büchse bereit, den Kolben gegen mich gekehrt, alter Gesell,« antwortete March, »Wenn sie mich unter meiner Bürde angreifen, so will ich doch wenigstens das Gewehr auf sie abfeuern – und untersucht, ob Pulver auf der Pfanne ist.

»Alles ist in Ordnung,« murmelte der Andere; »geht nur langsam, wenn Ihr Eure Last aufgepackt habt, und laßt mich vorangehen.«

Das Canoe ward mit der äußersten Behutsamkeit aus dem Stamm hervorgezogen, von Hurry auf die Schulter geladen, und Beide traten ihren Rückweg an das Ufer an, nur Schritt für Schritt gehend, um nicht den steilen Abhang hinunter zu straucheln. Die Entfernung war nicht groß, aber der Weg abwärts äußerst schwierig, und gegen das Ende ihres kleinen Marsches mußte Wildtödter landen und zu ihnen stoßen, um ihnen zu helfen, das Canoe durch das Buschwerk zu schleppen. Mit seinem Beistand ward die Aufgabe glücklich gelöst, und das leichte Fahrzeug schwamm bald neben dem andern Canoe. Sobald dieß geschehen, wandten sich alle drei ängstlich gegen den Wald und den Berg hin, in der Erwartung, einen Feind aus jenem hervorbrechen oder von diesem herabeilen zu sehen. Aber die Stille wurde nicht unterbrochen, und Alle schifften sich mit derselben Vorsicht ein, mit welcher sie gelandet hatten.

Jetzt steuerte Hutter gerade auf die Mitte des See’s zu. Nachdem er eine hinreichende Strecke vom Ufer entfernt war, band er seine Beute los und überließ sie frei dem Wasser, wohl wissend, daß sie bei dem leisen Südwind langsam den See hinauf treiben werde, und in der Absicht, bei der Rückkehr sie wieder zu treffen. So seines Taues entledigt, fuhr der Alte den See hinab und steuerte dem vorspringenden Punkt zu, wo Hurry seinen vergeblichen Versuch gegen das Leben des Hirsches gemacht hatte. Da die Entfernung dieses Punktes bis zu der Ausströmung weniger als eine Meile betrug, hieß dieß gleichsam, das Land des Feindes betreten; und verdoppelte Vorsicht wurde nothwendig. Sie erreichten indessen die äußerste Spitze, und landeten ungestört auf dem schon erwähnten kleinen Kiesplatz am Ufer. Ganz anders als an dem Ort, wo sie zuvor gelandet, war hier keine Anhöhe zu erklimmen; die Berge waren in der Dunkelheit erst in der Entfernung einer vollen Viertelmeile weiter westlich sichtbar und ließen zwischen sich und dem Strand einen Strich ebenen Grundes frei. Der vorlaufende Punkt selbst, obgleich lang und mit hohen Bäumen bedeckt, war beinahe flach und hatte eine Strecke weit eine Breite von nur wenigen Schritten; Hutter und Hurry landeten wie zuvor, und ließen wieder ihren Begleiter zur Bewachung des Bootes zurück.

Hier lag der abgestorbne Baum, in dem das Canoe versteckt war, das sie zu suchen kamen, etwa halbwegs zwischen dem äußersten Ende der schmalen Landzunge und dem Punkt, wo sie an die eigentliche Küste sich anschloß; und der Alte, der sich hier das Wasser links so nahe wußte, schlug den Weg auf der östlichen Seite des Landstreifens mit ziemlicher Zuversicht ein, und schritt keck, obwohl mit Vorsicht dahin. Er hatte absichtlich an der Landzunge angelegt, um einen Blick in die Bucht werfen und sich versichern zu können, daß die Küste frei sey, sonst würde er gerade dem hohlen Baum gegenüber gelandet haben. Diesen zu finden hatte keine Schwierigkeit; das Canoe wurde herausgezogen, wie zuvor, und statt es dahin zu schleppen, wo Wildtödter mit dem Boote sich befand, wurde es am ersten günstigen Platz ins Wasser gelassen. Sobald es darin war, trat Hurry hinein, und ruderte zu der Spitze der Landzunge, wohin auch Hutter auf dem kiesigen Uferweg sich begab. Nachdem jetzt die drei Männer alle Boote des See’s in ihrem Besitz hatten, war ihre Zuversicht nicht wenig erhöht, und es war jetzt nicht mehr die vorige fieberhafte Ungeduld, die Küste zu verlassen, noch dieselbe Nothwendigkeit äußerster Vorsicht vorhanden. Ihre Lage am äußersten Ende der langen, schmalen Landzunge vermehrte noch ihr Gefühl von Sicherheit, da sie einem Feind nur in Einer Richtung sich ihnen zu nähern gestattete, von vorn nämlich und unter Umständen, die ihnen, bei ihrer gewohnten Wachsamkeit, die Wahrnehmung seiner Annäherung beinahe mit Gewißheit verbürgten. Jetzt traten alle drei miteinander ans Land und standen in berathender Gruppe auf dem Kiesplatz der Landspitze.

»Wir haben die Kerls hübsch aufs Trockne gesetzt!« sagte Hurry, vor Freude über den gelungenen Anschlag lachend; »wenn sie einen Besuch auf dem Castell machen wollen, mögen sie waten oder schwimmen! Alter Tom, diese Eure Idee, einen Versteck draußen auf dem See anzulegen, ist extrafein und von erster Sorte. Es gibt Leute, die das Land für sichrer halten würden als das Wasser; aber am Ende zeigt die Vernunft, daß dem nicht so ist; denn der Biber, und die Ratten, und andre kluge Creaturen halten sich ans letztere, wenn sie hart gedrängt sind. Ich nenne jetzt unsre Stellung eine wohl verschanzte und biete den Canada’s Trotz!«

»Laßt uns an dieser Südküste hinrudern,« sagte Hutter, »und sehen, ob keine Spur eines Lagers sich zeigt, – aber zuerst laßt mich noch einen genauern Blick in die Bai werfen, denn Keiner von uns ist noch weit genug auf der innern Seite der Landzunge vorgedrungen, um hinlänglich beruhigt zu seyn von dieser Seite her.«

Nachdem Hutter dieß gesagt, schritten alle drei in der von ihm bezeichneten Richtung vor. Kaum waren sie bis zu dem Punkte gekommen, wo sich die Bai recht ihrem Blick eröffnete, als ihr gleichzeitiges, stutzendes Haltmachen zeigte, daß ihre Blicke in demselben Moment auf Einen und denselben Gegenstand gefallen waren. Dieß war nichts weiter, als ein erlöschender Feuerbrand mit seinem hin und her zuckenden, ausgehenden Licht; aber zu dieser Stunde und an diesem Ort war er dem Auge so auffallend, wie »eine gute That in einer häßlichen Welt.« Es war nicht der Schatten eines Zweifels daran übrig, daß dieß Feuer bei einem Lager der Indianer war angezündet worden. Die Lage, der Beobachtung von allen Seiten außer von Einer entzogen, und auch von dieser her nur in einer ganz geringen Entfernung sichtbar, zeigte, daß man größere Sorge getragen, einen verborgnen Ort zu wählen, als man ohne besondere Zwecke würde gethan haben, und Hutter, der wußte, daß eine Quelle, sowie einer der günstigsten Fischplätze des See’s in der Nähe war, vermuthete sogleich, daß dieß Lager wohl die Weiber und Kinder der Truppe enthalten werde.

»Das ist kein Krieger-Lager,« brummte er Hurry zu; »und es schläft da gute Beute genug um das Feuer herum, so daß wir eine tüchtige Theilung von Kopfgeld werden zu machen haben. Schickt den Jungen zu den Canoe’s, denn hier nützt er uns nichts, bei einem solchen Unternehmen, und greifen wir sofort die Sache tüchtig an, als Männer.«

»Es ist Einsicht in Euern Gedanken, alter Tom, und sie gefallen mir durch und durch. Wildtödter, geht Ihr an das Canoe zurück. Junge, und rudert in den See hinaus mit dem kleinen, und laßt es frei treiben, wie wir mit dem andern gethan; dann könnt Ihr an die Küste hinrudern, so nah Ihr dem Anfang der Bai zu kommen vermögt, jedoch außerhalb der Landzunge und auch außerhalb der Gebüsche. Ihr könnt uns hören, wenn wir Eurer bedürfen; und wenn ein Verzug eintritt, so will ich schreien, wie eine Lomme; – da, das ist gut – das Schreien einer Lomme soll das Signal seyn. Wenn Ihr Büchsen knallen hört, und daß es so kriegerisch hergeht, nun dann könnt Ihr herbeikommen, und sehen, ob Ihr mit den Wilden auch so fertig werdet, wie mit dem Wild.«

»Wenn man meinen Wünschen folgen wollte, so unterbliebe diese Sache, Hurry –«

»Ganz wahr – Niemand läugnet das, Junge; aber Euren Wünschen kann man nicht folgen; und damit ist die Sache aus. So rudert Euch denn nur mitten in den See hinaus, und bis Ihr zurückkommt, wird es in diesem Lager lebhaft werden!« Der junge Mann schickte sich mit großem Widerstreben und mit schwerem Herzen an, zu gehorchen. Er kannte jedoch die Vorurtheile der Grenzmänner zu gut, um Gegenvorstellungen zu versuchen. Unter den gegenwärtigen Umständen konnte dieß allerdings gefährlich werden, wie es ganz gewiß nutzlos war. Er ruderte daher das Canoe still und mit der Vorsicht wie früher, nach einem Punkt nahe der Mitte des friedlichen Wasserspiegels, und ließ dann das so eben wieder erlangte Boot in dem leisen Südwind gegen das Castell hin treiben. Zu diesem Verfahren hatte man sich in beiden Fällen entschlossen, in der sichern Voraussetzung, daß die leichten Barken nicht mehr als eine oder zwei Stunden weit treiben würden vor Anbruch des Tages, wo man sie dann leicht wieder würde einholen können. Um zu verhüten, daß nicht ein herumschweifender Wilder sich ihrer bediene, der sich durch Schwimmen in Besitz setzte, ein möglicher, aber kaum zu vermutender Fall – hatte man alle Ruder zurückbehalten.

Sobald Wildtödter das wiedererlangte Canoe auf dem See hatte forttreiben lassen, richtete er den Bug des seinigen nach dem Punkt der Küste zurück, welchen ihm Hurry bezeichnet hatte. So leicht war die Bewegung des kleinen Fahrzeugs, und so stetig der Arm des es in Bewegung setzenden Fährmanns, daß kaum zehn Minuten verfloßen, bis es sich wieder dem Lande näherte, und in dieser kurzen Zeit hatte es eine Entfernung von einer vollen halben Meile zurückgelegt. Sobald Wildtödter’s Auge der Büsche ansichtig wurde, von denen manche wohl hundert Fuß weit von der Küste in’s Wasser hinausreichten, hemmte er die Bewegung des Canoe’s und ließ sein Boot ankern, indem er den dünnen aber zähen Stamm eines der herabhängenden Schilfbüsche mit fester Hand packte. So blieb er, mit einer Spannung, die man sich leicht vorstellen kann, das Ergebniß gewagten Unternehmens abwartend.

Es wäre schwer, dem Geist derjenigen, welche nicht selbst die Erfahrung gemacht haben, einen Begriff zu geben von der Erhabenheit der Stille in einer so tiefen Einsamkeit, wie jetzt über dem Glimmerglas herrschte. Im jetzigen Augenblick ward diese Erhabenheit noch gesteigert durch das Düster der Nacht, die ihre schattenhaften, phantastischen Formen ringsumher auf See, Wald und Berge warf. Es läßt sich in der That nicht leicht ein Ort denken, der geeigneter wäre, diese natürlichen Eindrücke zu erhöhen, als eben der war, wo sich Wildtödter jetzt befand. Der Umfang des See’s faßte Alles im Bereich der menschlichen Sinne zusammen, während er zugleich auf Einem Punkte so viel Imposantes von der umgebenden Scene enthüllte, daß jeder Blick genügte, die tiefsten Eindrücke der Seele zuzuführen. Wie schon gesagt, war dieß der erste See, den Wildtödter sah. Bisher hatte sich seine Erfahrung beschränkt auf den Lauf von Flüssen und kleinen Strömen, und noch nie zuvor hatte er eine solche Fülle der ihm so werthen Wildniß vor seinen Augen ausgebreitet gesehen. Gewöhnt jedoch an den Wald, war seine Seele im Stande, sich alle seine verborgenen Heimlichkeiten auszumalen, indem er seinen Blick auf dessen äußere Laubhülle richtete. Es war dieß auch das erstemal, daß er sich auf einem Streifzug befand, wo Menschenleben von dem Ausgang abhingen. Sein Ohr hatte sich oft berauscht in den Ueberlieferungen von Kriegführung der Grenzmänner, aber noch nie war er einem Feinde Stirn gegen Stirn gegenübergestanden.

Der Leser wird daher leicht begreifen, wie gespannt die Erwartung des jungen Mannes seyn mußte, als er in seinem einsamen Canoe dasaß, bestrebt, den geringsten Laut zu erlauschen, der den Verlauf der Dinge am Ufer andeuten möchte. Seine Bildung in diesem Stück war, so weit die Theorie reichen konnte, vollendet, und seine Selbstbeherrschung und Fassung, trotz der großen Aufregung, der natürlichen Folge von der Neuheit der Sache für ihn – würde einem Veteranen Ehre gemacht haben. Die sichtbaren Zeugnisse vom Vorhandenseyn des Lagers oder des Feuers waren nicht wahrzunehmen von der Stelle aus, wo das Canoe lag, und er sah sich in die Lage versetzt, einzig auf seinen Gehörsinn sich zu verlassen. Er gab keiner Ungeduld Raum, denn die Lehren, die man ihm eingeschärft, hatten ihn die Tugend der Geduld gelehrt, und ihm besonders die Notwendigkeit der Schlauheit bei irgend einem verdeckten Angriff auf die Indianer eingeprägt. Einmal meinte er das Krachen eines dürren Zweiges zu hören, aber seine Erwartung und Aufmerksamkeit war so lebhaft, daß sie ihn mochte getäuscht haben. In solcher Weise verstrich Minute auf Minute, bis die gesammte Zeit seit seiner Trennung von seinen Begleitern eine volle Stunde betrug. Wildtödter wußte nicht, ob er sich über diese vorsichtige Zögerung freuen oder betrüben sollte, denn wenn sie ihn das Beste für seine Genossen hoffen ließ, so verkündigte sie auch das drohende Verderben der Schwachen und Unschuldigen.

Anderthalb Stunden mochten jetzt seit der Trennung von seinen Gesellen verflossen seyn, als Wildtödter aufmerksam gemacht wurde durch einen Ton, der ihn eben so überraschte, als mit lebhafter Unruhe erfüllte: der zitternde Schrei einer Lomme erhob sich von der gegenüberliegenden Seite des See’s, allem Anschein nach nicht weit entfernt von seiner Ausströmung. Er täuschte sich nicht über die Töne dieses Vogels, die Allen so bekannt sind, welche die verschiedenen Töne in der Nähe der amerikanischen See’n kennen. Schrillend, tremulirend, laut und langgehalten scheinen sie der eigentliche Warnungsruf zu seyn. Man hört sie auch oft bei Nacht – eine Ausnahme von der Weise der meisten gefiederten Bewohner der Wildniß, und ein Umstand, welcher Hurry bewogen, gerade diesen Ruf zum Signal zu wählen. Allerdings hatten die beiden Abenteurer Zeit gehabt, zu Land von dem Punkt, wo sie sich getrennt hatten, bis dahin zu gelangen, woher der Ruf kam, aber doch war es nicht wahrscheinlich, daß sie einen solchen Weg sollten eingeschlagen haben. Wäre das Lager leer gewesen, so hätten sie wohl Wildtödter an die Küste berufen, fanden sich aber Bewohner darin, so ließ sich kein befriedigender Grund denken, warum sie es umgangen haben sollten, um in so großer Entfernung sich wieder einzuschiffen. Gehorchte er dem Signal und ließ sich von dem Landungsplatz weg locken, so konnte das Leben der Männer, die sich auf ihn verließen, darüber verloren gehen; und ließ er den Ruf unbeachtet, in der Annahme, daß er wirklich von einem Vogel herrühre, so konnten die Folgen eben so unglücklich seyn, obwohl aus andern Ursachen. In dieser Ungewißheit wartete er zu, in der sichern Hoffnung, der Ruf, nachgemacht oder natürlich, werde bald wiederholt werden. Auch täuschte er sich nicht. Nur wenige Minuten verstrichen, bis derselbe schrille, warnende Schrei wiederholt wurde, und zwar von derselben Seite des See’s. Dießmal, da er scharf aufmerkte, ließen sich seine Sinne nicht täuschen. Obgleich er oft schon bewundrungswerthe Nachahmungen des Rufs dieses Vogels gehört hatte, und selbst keineswegs Meister der Kunst war, seine Noten nachzuahmen, fühlte er sich doch überzeugt, daß Hurry, dessen Versuchen in dieser Kunst er schon zugehört, nimmermehr der Natur in so völliger Treue nahekommen könnte. Er beschloß daher, auf diesen Schrei nicht zu achten, und zu warten, bis ein minder vollkommner in größerer Nähe ertöne.

Kaum hatte Wildtödter diesen Entschluß gefaßt, als die tiefe Stille der Nacht und Einsamkeit unterbrochen ward durch einen so erschütternden Schrei, daß alle Erinnerungen an den mehr schwermüthigen Ruf der Lomme aus der Seele des Horchenden verdrängt ward. Es war ein Schrei des Entsetzens entweder aus dem Munde eines Weibes oder eines noch jungen Knaben, der noch nicht die männliche Stimme hatte. Dieser Schrei ließ sich nicht mißdeuten. Herzzereißende Angst, wenn nicht zermalmende Todesangst, lag in den Tönen, und der Schrecken oder Schmerz, der sie hervorgerufen, mußte eben so plötzlich als entsetzlich gewesen seyn. Der junge Mann ließ den Schilf fahren, und tauchte sein Ruder in das Wasser; aber was thun? er wußte es nicht; wohin steuern? er wußte es auch nicht. Wenige Augenblicke reichten hin, seiner Unentschiedenheit ein Ende zu machen. Das Brechen von Aesten, das Krachen dürrer Zweige und Fußtritte wurden ganz deutlich hörbar: die Töne schienen sich dem Wasser zu nähern, obwohl in einer Richtung, die sich der Küste schräg näherte, und etwas weiter nördlich als die Stelle, wo Wildtödter zu halten angewiesen worden war. Dieser Spur folgend fuhr der junge Mann mit seinem Canoe dorthin, wenig darum bekümmert, ob und wie er seine Gegenwart verrathe. Er hatte einen Punkt der Küste erreicht, wo das nächste Ufer ziemlich hoch und sehr steil war. Es war unverkennbar, daß Männer durch die Gebüsche und Bäume auf dem Gipfel dieser Uferhöhe, dem Strand zu, hindurch sich schlugen, als ob die Fliehenden einen günstigen Ort zum Herabsteigen suchten. Gerade in diesem Augenblicke blitzten fünf oder sechs Büchsen, und die Berge gegenüber wiederholten in langem, rollendem Echo, wie gewöhnlich, den Knall. Ein paar kreischende Ausrufe, denen ähnlich, wie sie auch den Muthigsten entschlüpfen, wenn sie plötzlich von unerwarteter Gefahr und Noth überrascht werden, folgten; und dann begann wieder das Gewühle in den Gebüschen, wie wenn Mann mit Mann handgemein wäre.

»Glatter Teufel!« brüllte Hurry mit der Wuth getäuschter Erwartung – »seine Haut ist eingeölt! Ich kann ihn nicht packen! Nimm das für deine List!«

Diesen Worten folgte der Fall eines schweren Körpers unter den kleinen Bäumen, welche die Uferhöhe einfaßten, und es kam Wildtödter vor, als habe sein gigantischer Genosse einen Feind in dieser unhöflichen Weise von sich weggeschleudert. Wieder begann die Flucht und die Verfolgung, und dann sah der junge Mann eine menschliche Gestalt die Anhöhe herunter eilen, und einige Schritte weit in’s Wasser sich stürzen. In diesem kritischen Augenblick war das Canoe gerade dem Platz nahe genug, daß dieß Beginnen, das von einem nicht kleinen Geräusch begleitet war, gesehen werden konnte; und Wildtödter, erkennend, daß er hier, wenn immer, seine Genossen in’s Schiff aufnehmen müsse, drängte das Canoe zu ihrer Rettung heran. Er hatte noch nicht zweimal sein Ruder erhoben, als man die Stimme Hurry’s die Luft mit Flüchen und Verwünschungen erfüllen hörte, und er auf dem schmalen Kiesufer niederrollte, im buchstäblichen Sinn von der Last seiner Feinde niedergezogen. Während er, beinahe erstickt von seinen Feinden, am Boden da lag, stieß der athletische Grenzmann seinen Lommenruf aus, in einer Weise, die unter minder furchtbaren Umständen hätte Lachen erregen müssen. Der Mann im Wasser schien plötzlich seine Flucht zu bereuen, und eilte an die Küste, seinem Genossen zu Hülfe, ward aber augenblicklich aufgehalten und übermannt von einem Halbdutzend neuer Verfolger, die so eben von der Uferhöhe herabsprangen.

»Laßt los, ihr bemaltes Wurmgezüchte – laßt los!« schrie Hurry, zu hart gedrängt, um noch besonders wählerisch in seinen Ausdrücken zu seyn; »ist es nicht genug, daß ich geklemmt bin wie ein Sägeklotz, daß Ihr mich auch noch erstickt?«

Diese Rede überzeugte Wildtödter, daß seine Freunde Gefangene waren, und daß landen so viel wäre, als ihr Schicksal theilen. Er hatte sich dem Ufer schon auf hundert Schuhe genähert, als einige zeitgemäße Ruderschläge nicht nur das Canoe in seinem Lauf aufhielten, sondern ihn auch um das Sechs- oder Achtfache von seinen Feinden entfernten. Zum Glück für ihn hatten alle Indianer bei der Verfolgung ihre Büchsen weggeworfen, sonst hätte er diesen Rückzug schwerlich ungefährdet bewerkstelligt; obgleich in der ersten Verwirrung des Handgemenges Keiner das Canoe bemerkt hatte.

»Bleibt weg vom Land, Junge!« schrie Hutter; »die Mädchen haben jetzt nur noch Euch zur Stütze: Ihr werdet all Eure Vorsicht brauchen können, diesen Wilden zu entgehen. Bleibt vom Lande weg, und Gott sey Euch gnädig, so wahr Ihr meinen Kindern beisteht!«

Es war im Ganzen wenig Uebereinstimmung der Gefühle zwischen Hutter und dem jungen Mann; aber die körperliche und Seelen-Pein, womit diese dringenden Worte gerufen wurden, machten für den Augenblick Wildtödter ganz die Fehler von jenem vergessen. Er sah nur den Vater in seiner Qual in ihm, und beschloß sofort, die Versicherung der Treue gegen seine Interessen zu geben, und sein Wort ehrlich zu halten.

»Beruhigt Euer Herz, Meister Hutter!« rief er; »für die Mädchen soll Sorge getragen werden, so wie für das Castell. Der Feind hat die Küste in Besitz genommen. Das kann man nicht leugnen, aber nicht das Wasser. Die Vorsehung hat Alles in ihrer Obhut, und Niemand kann sagen, was das Ende seyn wird, aber wenn guter Wille Euch und den Eurigen dienen kann, so verlaßt Euch darauf. Meine Erfahrung ist klein, aber mein Wille ist gut.«

»Ja, ja, Wildtödter,« rief Hurry zurück mit seiner Stentorstimme, die aber doch Etwas von ihrer Herzhaftigkeit verloren hatte.– »Ja, ja, Wildtödter, Ihr meint es gut in Allem, aber was könnt Ihr thun? Ihr seyd nichts Besonderes in den besten Zeiten, und eine solche Person wird schwerlich ein Wunderthäter in den schlimmsten Zeiten! Für Einen Wilden an der Küste dieses See’s sind hier ihrer vierzig, und das ist eine Armee, die zu überwältigen Ihr nicht der Mann seyd. Das Beste, nach meinem Urtheil, wird seyn, wenn Ihr Euch geraden Weges nach dem Castell aufmacht; nehmt die Mädchen mit einigen Nahrungsmitteln in das Canoe; dann fahret nach der Seite des See’s, wo wir her kamen, und schlagt den nächsten Weg nach dem Mohawk ein. Diese Teufel werden in den nächsten paar Stunden nicht wissen, wo Euch aufsuchen, und wenn sie’s auch wüßten, und Euch hitzig nachsetzten, müßten sie entweder oben oder unten um den See herum, Euch einzuholen. Das ist meine Ansicht in der Sache; und wenn der alte Tom da seinen letzten Willen und Testament zu Gunsten seiner Töchter zu machen Lust hat, so wird er dasselbe sagen.«

»Es wird Nichts helfen, junger Mann,« begann Hutter. – »Der Feind hat in diesem Augenblick schon Späher ausgesandt, die nach Canoe’s suchen, und man wird Euch sehen und einholen. Vertraut auf das Castell; und vor Allem, bleibt vom Lande weg. Haltet Euch eine Woche, so werden schon Truppen aus den Garnisonen die Wilden vertreiben.«

»Es wird nicht vierundzwanzig Stunden anstehen, alter Gesell, bis diese Füchse auf Flößen aufs Wasser gehen, Euer Castell zu stürmen,« unterbrach ihn Hurry mit lebhafterer Streitlust, als man bei einem Manne hätte erwarten sollen, der gebunden und ein Gefangner war, und an dem man Nichts frei nennen konnte, als seine Meinung und seine Zunge. »Euer Rath klingt tüchtig, aber er wird ein übles Ende haben. Wäret Ihr oder wäre ich in dem Hause, so könnten wir wohl einige Tage uns halten; aber bedenkt, daß dieser Junge vor dieser Nacht noch nie einen Feind gesehen, und das hat, was Ihr selbst ein Ansiedler-Gewissen nennt; obwohl ich für meinen Theil glaube, daß die Gewissen in den Ansiedlungen so ziemlich dieselben sind, wie die hier in den Wäldern. Diese Wilden machen mir Zeichen, Wildtödter, Euch aufzufordern, daß Ihr mit dem Canoe landet; aber das werde ich nimmermehr thun, da es gegen Vernunft und Natur ist. Was den alten Tom und mich betrifft, ob sie uns heute Nacht skalpiren, uns für die Tortur am Feuer aufbewahren, oder uns nach Canada führen werden, das ist Mehr als irgend Jemand weiß, außer dem Teufel, der sie bei ihrem Thun leitet und berathet. Ich habe einen so großen und buschigten Kopf, daß es mir ganz wahrscheinlich ist, sie werden versuchen, zwei Skalpe daraus zu machen, denn der Preis ist eine verführerische Sache, sonst wären der alte Tom und ich nicht in dieser Klemme. Ja – da machen sie immer wieder ihre Zeichen, aber wenn ich Euch rathe, ans Land zu kommen, so mögen sie mich nicht nur rösten, sondern auch fressen. Nein, nein, Wildtödter, bleibt, wo Ihr seyd, und nach Tagesanbruch nähert Euch in keinem Fall über zweihundert Schritte. –«

Dieser Ermahnung Hurry’s ward plötzlich ein Ende gemacht durch einen derben Schlag einer Hand auf seinen Mund – ein zuverlässiger Beweis, daß Einer in der Truppe genug Englisch verstand, um endlich die Absicht seiner Rede zu merken. Unmittelbar darauf verlor sich die ganze Gruppe in dem Wald, und allem Anschein nach sträubten sich Hutter und Hurry nicht gegen ihre Abführung. Eben jedoch, als das Geräusch der knisternden Büsche aufhörte, vernahm man noch einmal die Stimme des Vaters:

»Wie Ihr treu seyd gegen meine Kinder, so helfe Euch Gott, junger Mann!« dieß waren die Worte, welche Wildtödters Ohr erreichten; dann sah er sich ganz allein, und den Eingebungen seiner eignen Klugheit überlassen.

Einige Minuten verstrichen in Todesstille, nachdem die Bande an der Küste in den Wäldern verschwunden war. Vermöge der über zwei hundert Schritte betragenden Entfernung, und der Dunkelheit hatte Wildtödter nur die Gruppe unterscheiden und ihren Rückzug bemerken können; aber selbst diese dämmernde Berührung mit menschlichen Gestalten gab der Scene eine Belebtheit, welche einen starken Kontrast mit der jetzt wieder eintretenden Einsamkeit bildete. Obwohl sich der junge Mann horchend vorbeugte, den Athem anhielt, und alle seine Kräfte in den Einen Sinn des Hörens zu koncentriren sich bestrebte, erreichte doch kein weiterer Laut sein Ohr, der die Nähe menschlicher Wesen verrathen hätte. Es schien, als ob ein nie unterbrochnes Schweigen wieder über der Gegend waltete; und einen Augenblick wäre selbst der durchdringende Schrei, welcher vor Kurzem die Stille des Waldes unterbrochen hatte, oder einer der Flüche March’s, eine Erleichterung gewesen bei dem Gefühl von Verlassenheit, das sich dabei der Seele aufdrängte.

Eine solche körperliche und geistige Lähmung konnte jedoch nicht lange währen bei einem Manne von Wildtödters leiblicher und geistiger Organisation. Sein Ruder ins Wasser senkend, wandte er das Canoe um, und fuhr langsam, wie Einer, der im Gehen denkt, dem Mittelpunkt des See’s zu. Als er glaubte, einen Punkt erreicht zu haben in Einer Linie mit dem, wo er das letzte Canoe hatte hintreiben lassen, änderte er seine Richtung nördlich, und behielt den leichten Luftzug möglichst im Rücken. Nachdem er eine Viertelmeile in dieser Richtung gerudert, wurde ein dunkler Gegenstand auf dem See sichtbar, ein wenig rechts; und zu dem Behufe sich seitwärts haltend, hatte er bald seine verlorene Prise an seinem Boot befestigt. Jetzt untersuchte Wildtödter den Himmel, den Strich des Windes und die Stellung der beiden Canoe’s. Da er Nichts fand, was ihn zur Aenderung seines Plans hätte veranlassen können, legte er sich nieder, und schickte sich an, einige Stunden Schlafs zu genießen, damit ihn der morgende Tag tüchtig zur Erfüllung seiner Obliegenheiten finde.

Obwohl Abhärtung und Ermüdung gesunden Schlaf schaffen auch in der Nähe der Gefahr, dauerte es doch einige Zeit, bis Wildtödter seiner Erinnerungen los und ledig wurde. Sein Geist beschäftigte sich noch mit dem Vorgefallenen, und seine halbbewußten Geisteskräfte gestalteten immerfort die Ereignisse der Nacht zu einer Art von wachem Traum. Plötzlich war er aufgefahren und ganz munter, denn er hatte sich eingebildet, Hurry’s verabredetes Signal zu hören, das ihn ans Ufer rief. Aber Alles war wieder still wie das Grab, die Canoe’s trieben jetzt langsam nordwärts, die ernsten Sterne schimmerten in ihrer milden Glorie über seinem Haupt, und der waldumschlossene Wasserspiegel lag zwischen seinen Bergen gebettet, so friedlich und melancholisch, als ob ihn nie Stürme aufstörten, oder die Mittagssonne beglänzte. Noch einmal erhob die Lomme ihr zitterndes Geschrei, nahe am untern Ende des See’s, und das Geheimniß des beunruhigenden Tones war erklärt. Wildtödter machte sich sein hartes Kissen zurecht, streckte sich auf dem Boden des Canoe’s aus, und schlief.

Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Du Gegenbild der wilden Welt, die ich
Bewohnt, o Leman! Deine Wasser schwellen
In süßer Ruh: Zu lauschen mahnt sie mich
Der Erde trübe Fluch für reinre Quellen,
Lautlos entführt der Kahn mich auf dem hellen,
Freundlichen See all meinem Leid! Wohl lang
liebt ich ein tobend Meer; doch deine Wellen,
Sie schmählen sanft, wie Schwesterstimmen Klang,
Daß je so rauhe Lust so mächtig mich bezwang.
Byron.

Der Tag war so ziemlich angebrochen, als der junge Mann, den wir in der im letzten Kapitel geschilderten Lage verließen, die Augen wieder öffnete. Sobald dieß geschehen, sprang er auf und sah sich um mit der Lebhaftigkeit eines Mannes, der plötzlich fühlte, wie wichtig es für ihn sey, sich eine genaue Anschauung von seiner Stellung zu verschaffen. Sein Schlaf war tief und ungestört gewesen; und jetzt wachte er auf mit einer Klarheit des Geistes und einer Entschlossenheit und Energie, die er in diesem Augenblick gerade wohl brauchen konnte. Die Sonne war zwar noch nicht aufgegangen, aber das Gewölbe des Himmels prangte in jener herzerfreuenden sanften Röthe, die ›den Tag anführt und schließt‹, während die ganze Luft erfüllt war von dem Gejauchze der Vögel, den Hymnen des gefiederten Geschlechts. Diese Töne verkündeten Wildtödter zuerst die Gefahren, denen er ausgesetzt war. Die Luft, denn Wind konnte man es kaum nennen, war zwar noch gelind, aber sie war doch im Laufe der Nacht etwas stärker geworden, und da die Canoe’s bloße Federn auf dem Wasser waren, waren sie doppelt so weit fortgetrieben worden, als man berechnet hatte; und was noch gefährlicher, sie hatten sich so sehr dem Fuß des Berges genähert, der hier steil von der östlichen Küste emporstieg, daß das Gejauchze und Schmettern der Vögel ganz deutlich gehört werden konnte. Und dieß war noch nicht das Schlimmste. Das dritte Canoe hatte dieselbe Richtung genommen und trieb langsam einem vorspringenden Punkt zu, wo es unvermeidlich anstoßen mußte, wenn es nicht durch einen entgegengesetzten Windstoß oder durch Menschenhände abgelenkt wurde. Sonst bot sich Nichts dar, was die Aufmerksamkeit anziehen oder Unruhe erwecken konnte. Das Castell stand auf seiner Untiefe, beinahe in gleicher Linie mit den Canoe’s, welche im Verlauf der Nacht Meilen weit waren fortgetrieben worden, und die Arche war an dessen Pfeilern befestigt, gerade wie man beide vor vielen Stunden verlassen hatte.

Natürlich richtete Wildtödter sein Augenmerk zuerst auf das vorangeschwommene Canoe. Es war dem Landvorsprung schon ganz nahe, und ein paar Ruderschläge schon überzeugten ihn, daß es denselben berühren müsse, ehe es ihm möglich wäre, dasselbe einzuholen. Gerade in diesem Augenblicke wehte auch, sehr ungelegen, der Wind frischer, und machte das Weitertreiben des leichten Fahrzeuges rascher und sichrer. Ueberzeugt von der Unmöglichkeit, die Berührung mit dem Lande zu hindern, entschloß sich der junge Mann klüglich, sich nicht durch unnöthige Anstrengungen zu erhitzen; sondern zuerst nach der Pfanne seines Gewehrs sehend, ruderte er dann langsam und vorsichtig auf den Vorsprung zu, und beschrieb absichtlich einen kleinen Bogen, um bei seiner Annäherung nur von Einer Seite her sich auszusetzen.

Das treibende, von keiner solchen intelligenten Kraft gelenkte Canoe verfolgte seinen eignen Weg, und fuhr auf einem kleinen versunkenen Fels drei oder vier Schritte von der Küste auf. Gerade in diesem Augenblicke kam Wildtödter in gleiche Linie mit dem Vorsprung, und wandte den Bug seines eignen Bootes gegen das Land: zuerst machte er sein Tau los, damit seine Bewegungen nicht gehemmt würden. Das Canoe hing einen Augenblick an dem Felsen! dann erhob es sich ein Haarbreit bei einem kaum merklichen Anschwellen des Wassers, drehte sich herum, wurde flott und erreichte den Strand. Alles dieß bemerkte der junge Mann, aber es beschleunigte weder seinen Pulsschlag noch trieb es seine Hand zur Eile. Hätte Jemand verborgen gewartet auf die Ankunft des führerlosen Fahrzeugs, so mußte er gesehen werden, und die äußerste Vorsicht bei der Annäherung ans Ufer war unerläßlich; lag aber Niemand da auf der Lauer, so war Eile überflüssig. Da der Vorsprung dem indianischen Lager beinahe schräg gegenüber lag, hoffte er das Letztere, obgleich das Erste nicht nur möglich, sondern, auch wahrscheinlich war; denn die Wilden waren gar rasch in Ergreifung aller, ihrer eigenthümlichen Weise der Kriegführung angehörigen Maßregeln, und sehr wahrscheinlich waren viele Späher von ihnen auf den Beinen, um die Küste nach Fahrzeugen zu durchsuchen, die sie nach dem Castell bringen könnten. Da ein Blick auf den See von jeder Höhe und jedem Vorsprung aus die kleinsten Gegenstände auf seiner Fläche zeigte, war wenig Hoffnung, daß eines von den Canoe’s ungesehen bleiben würde; und indianischer Scharfsinn brauchte keine Belehrung darüber, in welcher Linie ein Boot oder ein Baumstamm treiben müsse, wenn die Richtung des Windes einmal bekannt war. Je näher Wildtödter dem Lande kam, um so langsamer erfolgten die Schläge seiner Ruderschaufel, um so wachsamer sein Auge, und Ohr und Nase dehnten sich beinahe aus über dem angestrengten Bestreben, irgend eine lauernde Gefahr zu entdecken. Es war ein bedenklicher Augenblick für einen Neuling, auch fehlte die Aufmunterung, welche selbst Furchtsame manchmal finden in dem Bewußtseyn, beobachtet und beurtheilt zu werden. Er war ganz allein, ganz auf seine eigne Kraft und Eingebung angewiesen, von keinem Freundesauge angefeuert, von keinem ermuthigenden Zuruf angespornt. Trotz all diesen Umständen hätte doch der im Grenzmännerkrieg erfahrenste Veteran seine Sache nicht besser machen können. Gleich weit entfernt von Tollkühnheit und Aengstlichkeit bewerkstelligte er sein Vorrücken mit einer Art von philosophischer Klugheit, die ihn über alle andern Motive zu erheben schien, außer denjenigen, die zunächst die Ausführung seines Zweckes betrafen und förderten. Dieß war der Anfang einer Laufbahn des Waldheldenthums, die nachmals diesen Mann, in seiner Art, und innerhalb der Grenzen seiner Lebensart und seiner Thatensphäre so berühmt machte, wie manchen Helden, dessen Name die Blätter von Werken geschmückt hat, berühmter als solche einfache Erzählungen, wie diese je werden können.

Etwa noch hundert Schritte weit vom Ufer entfernt, erhob sich Wildtödter im Canoe, führte drei oder vier kräftige Ruderschläge, welche hinreichten, die Barke vollends ans Land treiben zu machen, legte dann rasch das Schifferinstrument bei Seite, und ergriff das des Krieges. Eben war er im Begriff, seine Büchse aufzuheben, als auf einen starken Knall das Zischen einer Kugel folgte, welche so nahe an ihm vorbeiflog, daß er unwillkührlich zurückfuhr. Im nächsten Augenblick taumelte Wildtödter und fiel seiner ganzen Länge nach auf den Boden des Canoe’s. Ein gellender Ruf – von einer einzelnen Stimme – folgte, und ein Indianer sprang aus dem Gebüsch auf den offenen Platz der Landspitze und dem Canoe zu. Das war der Augenblick, den der junge Mann gewünscht. Er erhob sich augenblicklich und legte seine Büchse auf seinen ungeschützten Feind an; aber sein Finger zögerte, abzudrücken auf einen Menschen, der in solchem Nachtheil ihm gegenüber stand. Dieser kleine Verzug wahrscheinlich rettete dem Indianer das Leben, der so rasch wieder in das Versteck zurück sprang als er herausgestürzt war. Inzwischen hatte sich Wildtödter rasch dem Lande genähert und sein eignes Canoe berührte den Vorsprung gerade in dem Augenblick, wo sein Feind verschwand. Da seine Bewegungen nicht gelenkt wurden, berührte es die Küste einige Schritte entfernt von dem andren Boot; und obgleich sein Feind erst seine Büchse zu laden hatte, hatte er doch keine Zeit, seiner Beute sich zu versichern und sie außer dem Bereich einer Gefahr wegzuführen, ohne sich noch einem Schuß auszusetzen. Unter solchen Umständen daher zögerte er nicht einen Augenblick, sondern stürzte sich in den Wald und suchte sich einen Schirm und Schild.

Gleich auf dem Vorsprung war ein kleiner offner Platz, theils mit Graswuchs bedeckt, theils Uferplatz, aber ein dichter Saum von Gebüschen umzog seine obere Seite. Wenn man an diesem schmalen Streif zwerghafter Vegetation vorüber war, gelangte man sogleich in die hohen, düstern Gewölbe des Waldes. Das Land war einige hundert Fuß weit ziemlich eben und dann stieg es steil bergan. Die Bäume waren hoch, groß und so frei von Unterholz, daß sie gewaltigen unregelmäßig zerstreuten Säulen glichen, die eine Kuppel von Laub trugen. Obwohl sie ziemlich dicht an einander standen für ihr Alter und ihre Größe, konnte doch das Auge in ansehnliche Entfernungen vordringen, und selbst Schaaren von Männern hätten unter ihrem Schutz mit Einsicht und Einverständniß ein Gefecht liefern können.

Wildtödter wußte, daß sein Gegner mit dem Laden beschäftigt seyn mußte, wenn er nicht geflohen war. Jenes war, wie sich zeigte, wirklich der Fall, denn kaum hatte sich der junge Mann hinter einen Baum gestellt, als er des Arms eines Indianers ansichtig ward, dessen Körper hinter einer Eiche sich versteckte, wie er eben die lederumwickelte Kugel in den Lauf stieß. Nichts wäre leichter gewesen, als vorspringen und die Sache entscheiden durch einen Angriff aus der Nähe auf seinen unvorbereiteten Feind; aber jedes Gefühl Wildtödters empörte sich gegen einen solchen Schritt, obgleich eben erst sein Leben durch einen ähnlichen Angriff aus gedecktem Hinterhalt bedroht gewesen war. Er war noch nicht geübt in den mitleidslosen Maßregeln der Kriegführung der Wilden, wovon er wenig wußte außer durch Ueberlieferung und Theorie, und es erschien ihm als ein unwürdiger Vortheil, einen unbewaffneten Feind anzugreifen. Seine Farbe war dunkler geworden, sein Auge sprühte grimmig, sein Mund war zusammengezogen und alle seine Kräfte gesammelt und gespannt; aber statt vorwärts zu gehen und zu feuern, ließ er seine Büchse sinken in der Art, wie ein Waidmann thut, der im Begriff ist, seinen Zielpunkt in’s Auge zu fassen, und murmelte vor sich hin, selbst nicht wissend, daß er sprach:

»Nein, nein – das mag Kriegführung der Rothhäute seyn, aber es ist gegen die Gaben eines Christen. Mag der Elende laden, und dann wollen wir es abmachen wie Männer; denn das Canoe darf er und soll er nicht haben. Nein, nein! Zeit soll er haben zum Laden, und Gott wird sich des Rechts annehmen!«

Während dieser ganzen Zeit war der Indianer so mit sich und seinen Bewegungen beschäftigt, daß er nicht einmal wußte, daß sein Feind im Walde sich befand. Seine einzige Befürchtung war die, das Canoe möchte in Besitz genommen und weggeführt werden, ehe er gefaßt wäre, dieß zu verhindern. Er hatte instinctmäßig den Schutz des Baumes gesucht, befand sich aber nur wenige Schritte von dem Saum von Buschwerk entfernt, und konnte in einem Augenblick am Rande des Waldes seyn, bereit zu feuern. Der Abstand zwischen ihm und seinem Feind betrug etwa fünfzig Schritte und die Bäume waren von der Natur so geordnet, daß der Blick durch kein Hinderniß unterbrochen wurde, außer durch eben die Bäume, hinter welchen die beiden Feinde sich bargen.

Sobald der Wilde seine Büchse geladen, sah er sich um, und schritt vor, unvorsichtig, in Betracht der wirklichen Stellung seines Feindes, aber verstohlen und behutsam in Bezug auf diejenige, worin er denselben fälschlich vermuthete, bis er ganz frei und unbeschützt dastand. Jetzt trat Wildtödter hinter seinem Versteck hervor und rief ihn an.

»Hierher, Rothhaut; hierher, wenn Ihr mich sucht,« rief er ihm zu. »Ich bin jung im Krieg, aber nicht so jung, daß ich auf einen freien, offenen Uferplatz träte, um mich wie eine Eule niederschießen zu lassen am hellen Tage. Es hängt von Euch ab, ob Friede oder Krieg zwischen uns ist; denn meine Gaben sind weiße Gaben, und ich gehöre nicht zu denen, die es für eine Heldenthat halten, menschliche Sterbliche einzeln in den Wäldern zu erschlagen,«

Der Wilde war nicht wenig betroffen bei dieser plötzlichen Entdeckung der Gefahr, worin er schwebte. Er verstand jedoch ein Wenig Englisch, und merkte, wohin ungefähr des Andern Rede zielte. Auch war er zu wohl geübt und geschult, um Schrecken zu verrathen, sondern er ließ den Kolben seiner Büchse auf den Boden sinken und machte, mit einem Wesen, das Zuversicht ausdrückte, eine Geberde stolzer Höflichkeit. Alles das geschah mit der Selbstbeherrschung und Sicherheit eines Mannes, der keinen Menschen als über sich stehend anzuerkennen gewohnt ist. Aber während er seine Rolle mit so vollendeter Kunst spielte, machte doch der in ihm tobende Vulkan seine Augen sprühen und seine Nüstern sich dehnen, wie bei einem wilden Thier, das plötzlich gehindert wird, den todbringenden Sprung auszuführen.

»Zwei Canoe,« sagte er, in den tiefen Gutturaltönen seiner Race, die gleiche Zahl Finger emporhaltend, um Mißverständnisse zu verhüten; »eins für Euch, eins für mich.«

»Nein, nein, Mingo, so geht es nicht. Euch gehört keins; und Ihr sollt auch keines haben, so lang ich es verhindern kann. Ich weiß, es ist Krieg zwischen Eurem Volk und dem meinigen, aber das ist kein Grund, warum menschliche Sterbliche einander umbringen sollten, wie wilde Creaturen, die sich in den Wäldern begegnen; geht denn Eures Wegs und laßt mich den meinigen gehen. Die Welt ist groß genug für uns Beide; und wenn wir uns in ehrlicher Schlacht begegnen, nun dann wird der Herr über unser Beider Schicksal verfügen!«

»Gut!« rief der Indianer; »mein Bruder ein Missionär – großer Redner; Alles von Manitou.« »Nicht so, nicht so, Krieger. Ich bin nicht gut genug für die Mährischen Brüder, und zu gut für die meisten andern Vagabunden, die in den Wäldern herumpredigen. Nein, nein, ich bin nur ein Jäger, bis jetzt, obgleich es wohl möglich, ehe wieder Friede ist, daß ich Gelegenheit haben werde, einen Schlag gegen diesen und jenen von Euren Leuten zu führen. Doch wünsche ich, daß das in ehrlichem Gefecht geschehe, und nicht bei einem Hader um den Besitz eines elenden Canoe.«

»Gut! – Mein Bruder sehr jung – aber sehr weise. Kleiner Krieger – großer Redner. Häuptling, manchmal im Rathe.«

»Ich weiß das nicht, sage das auch nicht, Indianer,« versetzte Wildtödter, etwas erröthend bei dem schlechtverhehlten Sarkasmus in dem Benehmen des Andern, »ich sehe einem Leben in den Wäldern entgegen, und ich hoffe nur, es werde ein friedliches seyn. Alle jungen Männer müssen den Kriegspfad betreten, wenn sich dazu Gelegenheit bietet, aber Krieg ist nicht nothwendig Metzelei. Von dieser habe ich in der letzten Nacht genug gesehen, um zu wissen, daß die Vorsehung sie mit Mißfallen ansieht; und ich fordre Euch jetzt auf, Eurer Wege zu gehen, wie ich der meinigen gehen will, und hoffe, daß wir als Freunde scheiden.«

»Gut! Mein Bruder hat zwei Skalpe – graues Haar unter dem andern. Alte Weisheit – junge Zunge.«

Hier trat der Wilde zuversichtlich näher, die Hand ausstreckend, sein Angesicht lächelnd, und seine ganze Haltung zeigte Freundschaft und Achtung. Wildtödter nahm die dargebotene Freundschaft in geeigneter Art an, und sie schüttelten sich herzlich die Hände, Jeder bestrebt, den Andern von seiner Aufrichtigkeit und Friedensliebe zu überzeugen.

»Jeder das Seinige haben!« sagte der Indianer; »mein Canoe mein; Euer Canoe Euer; geht zu sehen; wenn’s Euer, behaltet’s; wenn’s mein, ich behalten.«

»Das ist billig, Rothhaut; aber Ihr müßt im Irrthum seyn, wenn Ihr das Canoe für Euer Eigenthum haltet. Jedoch, sehen ist glauben, und wir wollen an den Strand hinunter gehen, wo Ihr mit eignen Augen schauen könnt; denn wahrscheinlich werdet Ihr Euch nicht entschließen, den meinigen nicht ganz zu vertrauen.«

Der Indianer ließ seinen Lieblingsausruf: »Gut!« vernehmen, und dann schritten sie neben einander der Küste zu. In dem Benehmen Beider war kein Mißtrauen sichtbar; der Indianer ging voran, als wollte er seinem Begleiter zeigen, daß er sich nicht fürchte, ihn in seinem Rücken zu haben. Als sie den freien Platz erreichten, deutete Jener auf Wildtödters Boot und sagte mit Nachdruck:

»Das nicht mein – Bleichgesichts Canoe; nicht rothen Mannes. Will nicht andrer Leute Canoe – will nur mein eignes.«

»Ihr seyd im Irrthum, Rothhaut, Ihr seyd ganz im Irrthum. Dieß Canoe war in des alten Hutters Verwahrung und ist sein, nach allen Gesetzen und Rechten, rothen oder weißen, bis der Eigenthümer kommt, es zu fordern. Da sind die Sitze und die Fugung der Barke, die für sich selbst sprechen. Kein Mensch hat je gesehen, daß ein Indianer solche Arbeit gemacht.«

»Gut. Mein Bruder wenig alt – dicke Weisheit. Indianer es nicht machen. Weißen Mannes Arbeit.«

»Ich bin froh, daß Ihr so denkt, denn die Behauptung des Gegentheils hätte böses Blut zwischen uns gemacht; denn freilich hat Jeder das Recht, von dem Seinigen Besitz zu nehmen. Ich will nur gleich das Canoe hinausschieben aus dem Bereich des Streites, als der kürzeste Weg, Schwierigkeiten ins Reine zu bringen.«

Unter diesen Worten setzte Wildtödter einen Fuß auf das Ende des leichten Bootes, gab ihm einen kräftigen Stoß, und trieb es damit hundert Fuß weit oder mehr in den See hinein, wo es in die rechte Richtung kommend, nothwendig an dem Landvorsprung vorbeischwimmen mußte, und nicht mehr in Gefahr kam, die Küste zu berühren. Der Wilde stutzte bei diesem entschiedenen und kurzangebundenen Verfahren, und sein Begleiter sah, daß er einen heftigen und trotzigen Blick auf sein eignes Canoe, oder dasjenige warf, das die Ruder enthielt. Die Veränderung in seiner Miene jedoch währte nur einen Augenblick, und dann nahm der Irokese wieder sein freundliches Wesen an, mit einem Lächeln der Zufriedenheit.

»Gut!« wiederholte er mit stärkerem Nachdruck als je. »Junges Haupt – alter Verstand. Wißt, wie einen Hader abmachen. Lebt wohl, Bruder. Er nach Hause gehen zu Wasser – Bisamratten-Haus – Indianer ins Lager gehen; Häuptling sagen, kein Canoe gefunden.«

Wildtödter war es nicht leid, diesen Vorschlag zu hören, denn es verlangte ihn sehr, zu den Mädchen zu kommen, und er nahm die dargebotene Hand des Indianers sehr willig an. Die Abschiedsworte waren freundschaftlich; und während der rothe Mann ruhig dem Walde zuschritt, mit der Büchse im hohlen Arm, ohne nur einmal unruhig und mißtrauisch sich umzusehen, wandte sich der Weiße zu dem zurückgebliebenen Canoe, sein Gewehr zwar in derselben friedlichen Weise tragend, aber sein Auge immer auf die Bewegungen des Andern geheftet. Dieß Mißtrauen jedoch schien ganz ungerechtfertigt, und als schäme er sich, es gehegt zu haben, wandte der junge Mann seine Blicke und schritt sorglos seinem Boote zu. Dann begann er das Canoe von der Küste weg zu stoßen, und machte seine übrigen Vorbereitungen zur Abfahrt. Er mochte etwa eine Minute so beschäftigt gewesen seyn, als, bei einer zufälligen Wendung seines Gesichts nach der Landseite hin, sein rasches und sichres Auge ihn auf einen Blick von der dringenden Gefahr belehrte, worin sein Leben schwebte. Das schwarze, trotzige Auge des Wilden blitzte durch eine kleine Oeffnung in den Büschen ihn an wie das eines zum Satz bereiten Tigers, und die Mündung seiner Büchse schien sich schon in einer Linie mit seinem Körper zu öffnen. Da leistete wirklich seine lange Uebung als Jäger dem Wildtödter gute Dienste. Gewohnt, auf das Wild im Satze zu feuern, und oft, wenn die genaue Stellung des Körpers des Thiers gewissermaaßen erst zu errathen war, benützte er hier eben diese Fertigkeit. Den Hahn spannen und seine Büchse anlegen war das Werk Eines Augenblicks und Einer Bewegung; dann beinahe blindlings zielend feuerte er in die Gebüsche, worin er eine menschliche Gestalt verborgen wußte, welcher das allein sichtbare, entsetzliche Gesicht angehörte. Es war keine Zeit, das Gewehr höher zu halten, oder mit mehr Ueberlegung zu zielen. So schnell waren seine Bewegungen, daß beide Gegner im gleichen Augenblick abfeuerten, und der Knall beider Gewehre in Eins sich vermischte. Die Berge warfen in der That nur Ein Echo zurück, Wildtödter ließ seine Büchse sinken, und stand mit aufgerichtetem Haupt, fest wie eine der Tannen in der Stille eines Juniusmorgens, das Ergebniß abwartend; während der Wilde den gellenden Schrei ausstieß, der wegen seines entsetzlichen Eindrucks historisch geworden ist, durch die Büsche sprang, und seinen Tomahawk schwingend, in Sätzen über den freien Platz daher kam. Noch immer rührte sich Wildtödter nicht, sondern stand da, seine entladene Büchse an seine Schulter gelehnt, während mit dem Instinkt des Jägers seine Hände mechanisch nach Pulverhorn und Ladstock griffen. Etwa vierzig Schritte von seinem Feinde entfernt, schleuderte der Wilde die gefährliche Waffe, aber mit so unsicherm Auge, mit so unsteter und schwacher Hand, daß der junge Mann sie an der Handhabe faßte, als sie an ihm vorbei flog. In diesem Augenblick taumelte der Indianer und fiel der Länge nach zu Boden.

»Ich wußte es – ich wußte es!« rief Wildtödter, der sich schon anschickte, eine frische Kugel in seine Büchse zu zwängen, »ich wußte, es mußte dahin kommen, sobald ich die Augen der Creatur zur Zielscheibe hatte. Ein Mann visirt plötzlich und feuert rasch, wenn sein eignes Leben in Gefahr ist; ja, ich wußte, es würde dazu kommen. Ich war etwa den hundertsten Theil einer Sekunde zu rasch für ihn, sonst hätte es vielleicht mich getroffen! Die Kugel des Wurms hat mich gerade an der Seite gestreift – aber, man sage was man will, für oder wider sie, eine Rothhaut ist in keiner Weise so sicher mit Pulver und Kugel wie ein Weißer. Ihre Gaben scheinen nicht dahin zu liegen. Selbst Chingachgook, so groß er ist in andern Dingen, ist kein tödtlicher Treffer mit der Büchse.«

Mittlerweile hatte er das Gewehr wieder geladen, und nachdem er den Tomahawk in das Canoe geworfen, trat er auf sein Opfer zu, und stand, auf seine Büchse gelehnt, in schwermüthiger Beobachtung vor ihm. Es war das erste Mal, daß er einen Menschen im Kampf hatte fallen sehen – das erste Wesen seiner eignen Gattung, gegen das er je feindselig seine Hand erhoben. Diese Empfindungen waren ihm neu; und bedauernde Reue, frisch, wie unsere bessern Gefühle es im Anfang sind, mischte sich in seinen Triumph. Der Indianer war nicht todt, obwohl gerade durch den Leib geschossen. Er lag regungslos auf dem Rücken, aber seine Augen, jetzt voll Bewußtseyn, bewachten jede Bewegung seines Siegers – wie der gefallene Vogel den Vogeljäger – eifersüchtig auf jeden seiner Schritte. Wahrscheinlich erwartete der Mann den tödtlichen Streich, welcher dem Verlust seines Skalps vorangehen sollte; oder vielleicht vermuthete er, daß diese letztere grausame Operation seinem Tode vorangehen werde: Wildtödter errieth seine Gedanken; und es war ihm eine schwermüthige Genugthuung, den hülflosen Wilden in Bezug auf diese Besorgniß beruhigen und trösten zu können.

»Nein, nein, Rothhaut,« sagte er, »Ihr habt nichts mehr von mir zu fürchten. Ich bin von christlichem Stamme, und Skalpiren liegt nicht in meinen Gaben. Ich will mich nur Eurer Büchse versichern, und dann zurückkommen und Euch dienen, in was ich kann; obgleich ich mich hier nicht mehr lange aufhalten darf, da der Knall von drei Büchsen wohl einige von Euren Teufeln mir auf den Hals ziehen wird.«

Die letzten Worte redete der junge Mann halb im Selbstgespräch, während er ging, die dem Wilden entfallene Büchse zu suchen. Diese fand sich da, wo ihr Eigenthümer sie weggeworfen, und ward sogleich in das Canoe gelegt. Seine eigne Büchse legte Wildtödter daneben hin, kehrte dann zurück und stellte sich wieder vor den Indianer hin.

»Alle Feindschaft zwischen Euch und mir ist zu Ende, Rothhaut,« sagte er, »und Ihr könnt Euer Herz beruhigen wegen des Skalps oder irgend eines weitern Leides. Meine Gaben sind die eines Weißen, wie ich Euch schon gesagt habe, und ich hoffe, meine Handlungsart wird auch weiß seyn!«

Wenn Blicke und Mienen Alles aussprächen, was sie bedeuten sollen, so hätte wahrscheinlich Wildtödters unschuldige Eitelkeit auf seine Farbe eine kleine Zurechtweisung im Gesicht des Wilden gelesen; aber er verstand nur die Dankbarkeit, die sich in den Augen des Sterbenden aussprach, ohne im Mindesten den bittern Hohn zu merken, der mit dem bessern Gefühle rang.

»Wasser!« stammelte das unglückliche, durstige Geschöpf; »gebt armem Indianer Wasser!«

»Ja, Wasser sollt Ihr haben, und wenn Ihr den See trocken trinkt. Ich will Euch nur hinuntertragen, damit Ihr Euren Durst recht löschen könnt, das ist so die Art, sagt man mir, bei allen Verwundeten – Wasser ist ihr größtes Labsal und Entzücken.«

Mit diesen Worten hob Wildtödter den Indianer in seinen Armen auf und trug ihn an den See. Hier half er ihm zuerst zu einer Lage, worin er seinen brennenden Durst stillen konnte; darauf setzte er ihn auf einen Stein, nahm das Haupt des verwundeten Gegners in seinen Schooß und suchte ihn in seinen Schmerzen so gut er konnte zu trösten.

»Es wäre sündhaft von mir, zu sagen, daß Eure Zeit nicht gekommen sey, Krieger,« begann er, und deßwegen will ich das nicht sagen. Ihr seyd schon über das mittlere Alter hinaus, und in Betracht des Lebens, das Ihr führt, habt Ihr das Maaß Eurer Tage so ziemlich erfüllt. Die Hauptsache ist jetzt, dem entgegenzusehen, was zunächst kommt. Weder Rothhaut noch Bleichgesicht rechnen im Ganzen genommen, darauf, immerfort zu schlafen, sondern Beide erwarten in einer andern Welt fortzuleben. Jeder hat seine Gaben, und wird darnach gerichtet werden, und ich hoffe, Ihr habt diese Dinge hinreichend überdacht, um keiner Predigten zu bedürfen, wenn es zum Spruch und Urtheil kommt. Ihr werdet Eure glücklichen Jagdreviere finden, wenn Ihr ein gerechter Indianer gewesen seyd; wenn aber ein ungerechter, erwarten Euch anderswo Eure Wüsten. Ich habe meine eignen Ideen über diese Sachen; aber Ihr seyd zu alt und zu erfahren, um von einem so Jungen, wie ich, Belehrungen zu bedürfen.«

»Gut!« stammelte der Indianer, dessen Stimme ihre Tiefe behielt, als schon das Leben dahinschwand, »junges Haupt – alte Weisheit!«

»Es ist manchmal ein Trost, wenn das Ende kommt, zu wissen, daß diejenigen, denen wir ein Leid gethan, oder zu thun gesucht, uns vergeben. Ich bilde mir ein, die Natur sucht diese Erleichterung, um einer Verzeihung auf Erden theilhaft zu werden; da wir nie wissen können, ob Er verzeiht, der Alles in Allem ist, bis das Gericht selbst kommt. Es ist tröstlich zu solcher Zeit zu wissen, daß Jemand verzeiht, und das, vermuthe ich, ist das Geheimniß. Nun, was mich betrifft, so übersehe ich ganz Eure Anschläge gegen mein Leben, erstlich weil kein Unheil daraus entsprang, sodann auch, weil Eure Gaben und Natur und Erziehung einmal so sind, und ich hätte Euch eben gar nicht trauen sollen; und endlich und hauptsächlich weil ich keinen bösen Willen hegen kann gegen einen Sterbenden, sey er ein Heide oder ein Christ. So beruhigt Euch denn in Eurem Herzen, was mich anlangt; Ihr müßt am besten wissen, was für andre Dinge Euch beunruhigen, oder was Euch zur Zufriedenheit gereichen würde in einem so wichtigen Augenblicke.«

Vermutlich hatte der Indianer auch zum Theil jene erschütternden Ahnungen von dem unbekannten Zustand des Seyns, welche Gott in seiner Barmherzigkeit zu Zeiten dem ganzen menschlichen Geschlecht zu vergönnen scheint; aber nothwendig standen sie im Einklang mit seinen Lebensgewohnheiten und Vorurtheilen. Wie die Meisten seines Volkes, und nur zu Viele unter uns, dachte er mehr daran, in einer Weise zu sterben, wodurch er sich Lob und Beifall bei den Zurückbleibenden gewann, als sich ein besseres Daseyn in einer künftigen Welt zu sichern. Während Wildtödter redete, war sein Geist etwas verstört, obwohl er die gute Absicht merkte; und als er fertig war, flog durch seine Seele ein Bedauern darüber, daß keine Genossen seines Stammes anwesend waren, um Zeugen zu seyn von seinem Stoizismus bei den äußersten physischen Schmerzen, und von der Festigkeit, womit er sein Ende erwartete. Vermöge der hochsinnigen, angebornen Höflichkeit, die so oft den indianischen Krieger auszeichnet, ehe er durch zu großen Verkehr mit der schlechtesten Classe der Weißen verdorben wird, suchte er seine Dankbarkeit für die guten Absichten des Andern auszudrücken, und ihm zu verstehen zu geben, daß er sie zu schätzen wisse.

»Gut!« wiederholte er, denn dieß Wort war bei den Wilden sehr gebräuchlich, – »gut, junges Haupt; auch junges Herz. Altes Herz zäh; keine Thränen vergießen. Indianer hören, wenn er stirbt, und nicht zu lügen braucht – wie sich nennt er?«

»Wildtödter ist der Name, den ich jetzt trage; doch haben die Delawaren gesagt, ich würde, wenn ich von diesem Kriegspfade zurückkäme, einen mannhaftern Titel bekommen, vorausgesetzt, daß ich einen erwürbe.«

»Das guter Name für Knaben – armer Name für Krieger, Wird bald ein besserer werden. Keine Furcht hier,« – der Wilde besaß in seiner lebhaften Aufregung noch Kraft genug, eine Hand zu erheben, und die Brust des jungen Mannes zu betasten – »Auge sicher, Finger ein Blick, – Ziel, Tod – großer Krieger bald. Kein Wildtödter – Falkenauge – Falkenauge – Falkenauge. Hände schütteln.«

Wildtödter – oder Falkenauge, wie der Jüngling jetzt zum erstenmal genannt wurde, denn in spätern Jahren trug er diesen Namen in der ganzen Gegend – Wildtödter ergriff die Hand des Wilden, der in dieser Lage seinen letzten Athemzug that, und starrte mit Bewunderung das Gesicht eines Unbekannten an, der in so schweren und neuen Verhältnissen so viel Entschlossenheit, Gewandtheit und Festigkeit gezeigt hatte. Wenn der Leser sich erinnert, daß es die höchste Genugthuung für einen Indianer ist, zu sehen, wie sein Feind Schwäche verräth, wird er noch richtiger die Handlungsweise würdigen, welche in einem solchen Augenblick ein solches Zugeständniß errungen hatte.

»Sein Geist ist entflohen!« sagte Wildtödter mit gedämpfter, melancholischer Stimme. »Ach, mir ist’s leid! Nun, dahin müssen wir Alle kommen, früher oder später; und der Glücklichste ist der, sey seine Haut von welcher Farbe sie wolle, der am bereitesten ist, diesen Weg zu gehen. Da liegt der Leichnam von einem ohne Zweifel tapfern Krieger, und die Seele fliegt schon ihrem Himmel oder ihrer Hölle zu, sey dieß nun ein glückliches Jagdrevier, oder eine Gegend ohne Wild; Gefilde der Herrlichkeit, nach der Mährischen Brüder Lehre, oder Feuerflammen! So trifft es sich auch oft in andern Dingen nach Zufall und wunderlich. Da haben der alte Hutter und Hurry sich in große Nöthen hineingerannt, wo nicht gar in Martern und Tod, und Alles einem Preise zu lieb, den mir das gute Glück darbietet in rechtmäßiger und anständiger Weise – wie es Viele bedünken würde. Aber nicht ein Pfennig von solchem Geld soll durch meine Hand gehen. Weiß bin ich geboren und weiß will ich sterben; an meiner Farbe festhalten, bis ans Ende, wenn auch des Königs Majestät, seine Gouverneurs und alle seine Räthe, im Mutterland und in den Colonien vergessen, woher sie stammen, und wohin sie zu kommen hoffen, und Alles einem kleinen Vortheil im Kriege zulieb. Nein, nein, Krieger! – meine Hand soll nie deinen Skalp gefährden, und so möge deine Seele im Frieden ruhen, was den Punkt betrifft, ob sie auch in geziemender Erscheinung sich darstellen kann, wenn der Körper wieder mit ihr sich vereinigt, in Eurem Lande der Geister!«

Nach diesen Worten stand Wildtödter sogleich auf. Dann brachte er den Leichnam des Todten in eine sitzende Stellung mit dem Rücken gegen den kleinen Fels, und traf mit aller Sorgfalt Vorkehrungen, daß er nicht falle, oder irgend in eine Lage gerathe, welche nach den sehr empfindlichen, obwohl rohen Begriffen eines Wilden unziemlich erscheinen könnte. Nach Erfüllung dieser Pflicht stand der junge Mann da, in einer Art schwermüthiger Zerstreutheit das grimmige Antlitz seines gefallenen Feindes betrachtend. Aber wie es seine Gewohnheit war – eine Gewohnheit, die er dadurch angenommen, daß er so viel allein in den Wäldern lebte, begann er jetzt wieder seine Gedanken und Empfindungen laut zu äußern.

»Ich wollte Dein Leben nicht haben, Rothhaut,« sagte er, »aber Du ließest mir keine Wahl als tödten oder mich tödten lassen. Jeder Theil handelte nach seinen Gaben, denk‘ ich, und Tadel kann Keinen treffen. Du warest verrätherisch, nach Deiner Natur im Kriege, und ich war ein wenig zu nachsichtig, da ich Andern zu leicht traue. Nun, das war mein erster Kampf mit einem menschlichen Sterblichen, obgleich es wohl nicht mein letzter gewesen seyn wird. Ich habe mit den meisten Creaturen des Waldes gekämpft, als da sind Wölfe, Bären, Unzen und Panther, aber das ist der Anfang mit den Rothhäuten. Wäre ich nun ein geborner Indianer, so könnte ich davon erzählen, oder den Skalp mitbringen, und mich der That rühmen vor dem ganzen Stamme; und wenn nun mein Feind auch nur ein Bär gewesen, so wäre es natürlich und passend, Jedermann das Vorgefallene wissen zu lassen; aber ich sehe nicht ab, wie ich auch nur Chingachgook dieß Geheimniß mittheilen soll, so lange dieß nur dadurch möglich ist, daß ich mit einer weißen Zunge davon prahle. Und warum sollte ich eigentlich auch damit zu prahlen wünschen? Es ist eben Tödtung eines Menschen, obgleich er ein Wilder war, und wie weiß ich, ob es ein gerechter Indianer gewesen, und ob er nicht ganz wo anders hin entrückt worden ist, als in glückliche Jagdreviere? Wenn es ungewiß bleibt, ob etwas Gutes oder Schlimmes ausgeführt worden, ist das Klügste, sich nicht zu rühmen – und doch wäre es mir lieb, Chingachgook wissen zu lassen, daß ich den Delawaren und meiner Erziehung keine Unehre gemacht habe!«

Dieß ward zum Theil laut gesprochen, zum Theil von dem Redenden nur zwischen den Zähnen gemurmelt: jenes war der Fall bei seinen zuversichtlicheren Gedanken, dieß dagegen bei seinen Zweifeln und Bedenklichkeiten. Sein Selbstgespräch jedoch und seine Betrachtungen erlitten eine gewaltsame Störung durch das plötzliche Erscheinen eines zweiten Indianers an der Küste, wenige hundert Schritte von der Landspitze. Dieser Mann, unverkennbar ein zweiter Späher, der wahrscheinlich durch den Knall der Büchsen an diesen Ort gelockt worden war, trat mit so wenig Vorsicht aus dem Walde hervor, daß Wildtödter seiner früher ansichtig, als selbst von Jenem bemerkt wurde. Als auch dieß letztere, und zwar gleich im nächsten Augenblick geschah, stieß der Wilde einen lauten, gellenden Schrei aus, den ein Dutzend Stimmen von verschiednen Seiten des Berges erwiederten. Jetzt war nicht länger zu zaudern, und nach einer Minute schon verließ das Boot die Küste unter langen und stetigen Ruderschlägen.

Sobald Wildtödter sich durch eine hinlängliche Entfernung gesichert glaubte, ließ er in seinem angestrengten Arbeiten nach, und die kleine Barke für sich forttreiben, während er sich gemächlich den Stand der Dinge betrachtete. Das zuerst dem Spiel der Wellen anvertraute Canoe schwamm, von dem leichten Wind getrieben, wohl eine Viertelmeile vor ihm her, und dem Ufer etwas näher, als ihm jetzt lieb war, da er wußte, daß noch mehr Wilde in der Nahe waren. Das von dem Landvorsprung abgestoßene Canoe war nur einige Schritte von ihm entfernt, da er, vom Land abstoßend, sein Boot gerade darauf zugelenkt hatte. Der todte Indianer lag in finstrer Ruhe da, wo er ihn gelassen, der Krieger, der sich vor dem Walde gezeigt, war bereits verschwunden, und die Wälder selbst waren so still und dem Anschein nach so verödet, wie an dem Tag, da sie frisch aus der Hand ihres großen Schöpfers kamen. Diese tiefe Stille jedoch währte nur einen Augenblick. Nachdem die Späher des Feinds sich Zeit genommen, ihre Rekognoscirung vorzunehmen, brachen sie aus dem Dickicht hervor auf die nackte Landspitze, und erfüllten bei Entdeckung des Todes ihres Genossen die Luft mit ihrem Wuthgeschrei. Auf dieß Geschrei folgte sogleich ein Freudengejauchze, als sie den Leichnam erreichten und sich darum her schaarten. Wildtödter war bekannt genug mit den Gebräuchen der Eingebornen, um den Grund dieses Uebergangs zu errathen. Der gellende Schrei war die übliche Klage beim Verlust eines Kriegers, das jauchzende Gebrülle ein Zeichen der Freude, daß der Sieger nicht im Stande gewesen, sich in den Besitz des Skalpes zu setzen – der Trophäe, ohne die ein Sieg nie als vollständig betrachtet wurde. Die Entfernung der Canoe’s vom Ufer verhinderte wahrscheinlich jeden Versuch, dem Sieger etwas anzuhaben, da der amerikanische Indianer, wie der Panther seiner Wälder, selten einen Angriff gegen seinen Feind versucht, wenn nicht die Umstände so sind, daß er mit ziemlicher Sicherheit auf die Wirksamkeit desselben rechnen kann.

Da der junge Mann keine Veranlassung hatte, noch länger in der Nähe des Landvorsprungs zu verweilen, machte er Anstalt, seine Canoe’s zu sammeln, um sie dann am Tau nach dem Castell zu schleppen. Das nächste war bald am Tau, worauf er weiter ruderte, das andre einzuholen, das diese ganze Zeit her den See aufwärts trieb. Sobald Wildtödters Auge auf dieß Boot sich heftete, fiel ihm sogleich auf, daß es der Küste näher sey, als es hätte seyn müssen, wenn es blos der Richtung des leichten Luftzuges folgte. Er begann die Wirkung einer unsichtbaren Strömung im Wasser zu vermuthen, und er verdoppelte seine Anstrengungen, um in den Besitz desselben zu kommen, ehe es sich den Wäldern auf einen gefahrdrohenden Abstand nähere. Als er näher herankam, glaubte er eine auffallendere Bewegung des Canoe’s durch das Wasser zu bemerken, die es, da es nach seiner Breite dem Winde ausgesetzt war, dem Lande zutrieb. Einige tüchtige Ruderschläge brachten ihn noch näher, wo sich ihm denn das Geheimniß löste. Sichtlich war etwas in Bewegung auf der von ihm abgekehrten und fernsten Seite des Canoe’s, und schärfere Beobachtung zeigte, daß es ein nackter menschlicher Arm sey. Ein Indianer lag auf dem Boden des Canoe’s, und trieb es langsam aber sicher, seine Hand als Ruder brauchend, der Küste zu. Wildtödter verstand auf Einen Blick die ganze List. Ein Wilder war nach dem Boote geschwommen, während er mit dem Feind auf der Landspitze beschäftigt gewesen, hatte davon Besitz genommen, und suchte es auf obengenannte Weise an das Land zu fördern.

Ueberzeugt, daß der Mann in dem Canoe keine Waffen haben könne, bedachte sich Wildtödter nicht, dicht an das sich zurückziehende Boot hinanzufahren und anzulegen, ohne daß er für nöthig erachtete, seine Büchse aufzuheben. Sobald das Rauschen des Wassers, das sein Boot im Herannahen verursachte, dem am Boden liegenden Wilden vernehmbar wurde, sprang er auf und stieß einen Schrei aus, welcher bewies, wie vollständig er überrascht worden war.

»Wenn Ihr Euch genug an diesem Canoe erlustigt habt, Rothhaut, bemerkte Wildtödter ganz kalt, indem er sein Boot noch frühe genug anhielt, um ein förmliches Zusammenstoßen der beiden Fahrzeuge zu verhüten, »wenn Ihr Euch genug in diesem Canoe erlustigt habt, werdet Ihr klug daran thun, Euch wieder in den See zu begeben. Ich bin vernünftig und billig in diesen Dingen und dürste nicht nach Eurem Blut, obgleich es Leute hier herum gibt, die Euch mehr wie einen Schein zu Erhebung des Preisgelds, denn wie einen menschlichen Sterblichen betrachten würden. Macht Euch in den See, im Augenblick, eh‘ es zu hitzigen Worten kommt.«

Der Wilde war Einer von denen, die nicht ein Wort Englisch verstanden, und er verdankte den Geberden Wildtödters und dem Ausdruck eines selten täuschenden Auges das freilich unvollkommne Verständniß seiner Meinung. Vielleicht auch der Anblick der Büchse, die dem weißen Manne so nahe zur Hand lag, beschleunigte seinen Entschluß. Jedenfalls duckte er sich zusammen, wie ein Tiger, der seinen Satz machen will, stieß einen gellenden Schrei aus und im nächsten Augenblick war sein nackter Körper im Wasser verschwunden. Als er auftauchte, Athem zu schöpfen, befand er sich in einer Entfernung von mehreren Schritten von dem Canoe, und der hastige Blick, den er rückwärts warf, verrieth, wie sehr er die Ankunft eines unheilvollen Boten aus der Büchse seines Feindes fürchtete. Der junge Mann aber gab durch kein Zeichen eine feindselige Absicht zu erkennen. Mit gutem Bedacht befestigte er das Canoe an dem andern, und fing dann an, von der Küste wegzurudern; und bis der Indianer das Land erreichte und sich wie ein Pudel schüttelte, als er das Wasser verließ, war sein gefürchteter Feind schon außer Schußweite auf seinem Weg dem Castell zu. Nach seiner Lieblingsgewohnheit ermangelte Wildtödter nicht, auch über diesen Vorfall in einem Selbstgespräch sich zu äußern, während er stetig dem Orte seiner Bestimmung zuruderte.

»Gut, gut,« begann er, »es wäre Unrecht gewesen, einen menschlichen Sterblichen zwecklos zu tödten. Skalpe gelten mir Nichts, und das Leben ist süß und soll Keinem erbarmungslos geraubt werden von Solchen, die weiße Gaben haben. Der Wilde war zwar ein Mingo; und ich zweifle nicht, er ist und wird seyn, so lange er lebt, ein rechtes Gewürm und ein Vagabund; aber das ist kein Grund, warum ich meine Gaben und Farbe vergessen sollte. Nein, nein, lass‘ ihn gehen; wenn wir uns je wieder treffen, die Büchse in der Hand, nun dann wird man sehen, Wer das muthigste Herz und das rascheste Auge hat. – Falkenauge! das ist kein übler Name für einen Krieger, und klingt viel mannhafter und tapferer als Wildtödter! Es wäre kein übler Titel für den Anfang, und ist ehrlich verdient worden! Wenn es Chingachgook begegnet wäre, so könnte der jetzt hingehen und sich seiner Thaten rühmen, und die Häuptlinge würden ihn in der Minute Falkenauge nennen; aber weißem Blut ziemt es nicht zu prahlen, und es ist nicht leicht abzusehen, wie die Sache wird bekannt werden, wenn nicht durch mich. Nun gut; alle Dinge sind in den Händen der Vorsehung: diese Sache so gut wie andre; auf sie will ich vertrauen, daß mir nach meinem Verdienste zu Theil wird.«

Nachdem der junge Mann so verrathen, was man seine schwache Seite nennen könnte, fuhr er schweigend in seinem Rudern fort, und fuhr rüstig und so schnell ihm nur seine Taue erlaubten, dem Castell zu. Mittlerweile war die Sonne nicht nur aufgegangen, sondern sie stand auch schon über den östlichen Bergen, und goß eine Fluth prächtigen Lichts auf den bis jetzt noch ungetrübten Wasserspiegel. Die ganze Scene strahlte von Schönheit; und Niemand, der mit der gewöhnlichen Geschichte der Wälder nicht bekannt gewesen, hätte geahnt, daß sie vor so kurzer Zeit erst Zeugin von so wildem und barbarischem Beginnen gewesen. Als Wildtödter sich dem Bau des alten Hutter näherte, dachte, oder vielmehr fühlte er, daß dessen äußere Erscheinung in eigenthümlichem Einklang mit der ganzen übrigen Scene stehe. Obgleich an Nichts als an Stärke und Sicherheit gedacht worden war, trugen doch die rohen, massiven Baumstämme, mit ihrer rauhen Rinde bedeckt, das vorspringende Dach, und die ganze Form dazu bei, das Gebäude zu einem, beinahe unter allen Verhältnissen malerischen zu machen, während seine wirkliche Lage dem sonstigen Anziehenden noch den Reiz des Neuen und Seltsamen hinzufügte.

Als jedoch Wildtödter dem Castell näher kam, drängten sich seiner Seele ernste Gedanken auf, die auf einmal alle Schönheiten, welche die Scenerie des See’s und die Lage dieses eigenthümlichen Gebäudes auszeichneten, ganz verdrängten und schwinden machten. Judith und Hetty standen auf der Plattform vor der Thüre, Hutters Thorhof, mit sichtbarer Aengstlichkeit seine Ankunft erwartend; die Erstere von Zeit zu Zeit seine Person und die Canoe’s durch das schon erwähnte alte Schiffsfernglas beobachtend. Nie erschien wohl dieß Mädchen in einem höhern Glanze der Schönheit als eben jetzt; die Nöthe der Unruhe und des gespannten Interesse erhöhte ihre Gesichtsfarbe zu den herrlichsten Tinten, während die Sanftheit ihrer Augen, ein Reiz, den selbst die arme Hetty mit ihr theilte, durch die Ergriffenheit ihrer Empfindung noch einen tiefern Ausdruck erhielt. So war wenigstens die Meinung des jungen Mannes, der jedoch nicht innehielt, nicht sich einfallen ließ, die Motive zu analysiren, oder irgend welche spitzfindige Unterscheidungen zwischen Ursache und Wirkung zu machen, als er mit seinen Canoe’s die Arche erreichte, an deren Seite er alle drei sorgfältig befestigte, ehe er den Fuß auf die Plattform setzte.