Roman

Gottes Gericht

Gottes Gericht

Die Pampa de Salinas gehört zu Bolivia. Die Bewohner dieses Landes unterscheiden in Beziehung auf das Gebirge der Anden folgende Regionen.

Die erste Region ist diejenige, welche von den Pampas bis zu einer Höhe von 1600 Metern aufsteigt und wird Yunga genannt. Hier herrscht die Üppigkeit der Tropen im vollsten Sinne des Wortes. Über diese Flächen erstrecken sich undurchdringliche Urwälder, welche nur zuweilen von sogenannten Pajonales, weiten Grasfluren mit einzelnen Baumgruppen, unterbrochen werden. Die Tierwelt ist hier am reichsten vertreten durch Scharen von Papageien und buntflimmernden Kolibris; überhaupt spottet das Reich der Vögel hier jeder Aufzählung und Beschreibung. Affen giebt es in großen Scharen, Fledermäuse die Menge, und Pumas, Onzen und Jaguaren kann man täglich begegnen.

Die nächst höhere Region wird Medio Yunga genannt und steigt nicht ganz bis 3000 Meter auf. Ihr Klima ist weniger heiß, infolgedessen hier die Tiere und Pflanzen der gemäßigten Zone gedeihen.

Dann kommen die Cabezeras de los valles, die obern Thalstufen, bis 3300 Meter hoch. Diese sind gegen die Stürme der Puna geschützt und haben eine angenehme Temperatur.

Hierauf folgt die Puna bis zu einer Höhe von 3900 Meter. Die Luft derselben ist außerordentlich trocken, weshalb nur wenige Pflanzen hier gedeihen. Zu denselben gehören das kurze, dürre Punagras, niedriges, schirmartig ausgebreitetes meergrünes Zwergholz, sowie einige kleine Myrten- und Lorbeerarten.

Was nun endlich über 3900 Meter hoch liegt, wird Puna brava genannt. Hier wehen heftige, kalte Winde, welche selbst im Sommer oft dichtes Schneegestöber mit sich führen und dem Wanderer, welchen sie überraschen, mit dem Tode drohen. Nur den beiden Umständen, daß diese Region sehr reich an wertvollen Erzen ist und daß die Pässe so hoch liegen, verdankt es die Puna brava, daß sie von Menschen besucht wird.

Freilich darf man nicht meinen, daß diese angegebenen Regionen scharfe und regelmäßig gezogene Grenzen bilden. Es gibt selbst in der Puna fruchtbare Thäler, und ebenso erheben sich aus den niederen, tropischen Regionen steile Hochplateaus, welche die Eigentümlichkeiten der Puna besitzen.

Über einen Monat befanden wir uns seit unserm Aufbruche von der Laguna de Bambu unterwegs. Uns möglichst in der geraden Richtung haltend, hatten wir die Grenze der argentinischen Republik hinter uns gelegt und bolivianischen Boden betreten. Wir waren durch die Gebiete feindlicher Indianer gekommen, aber stets so vorsichtig gewesen, ein Zusammentreffen mit ihnen zu vermeiden. Die Stämme befreundeter Tobas hatten wir natürlich nicht vermieden. Wir waren von ihnen stets freundlich aufgenommen worden und hatten dabei erfahren, wie vorteilhaft es für uns war, daß der Desierto uns seine zehn Roten mitgegeben hatte.

Während dieser ganzen, langen Zeit war es uns nicht ein einziges Mal gelungen, auf die Spur des Sendador zu treffen, und das hatte seinen guten Grund. Während wir die Tobas aufsuchten und die Chiriguanos mieden, fand bei ihm das Gegenteil statt, und so konnten unsere Wege sich nicht berühren. Vielleicht hatten wir den seinigen gekreuzt, aber ohne daß es von uns bemerkt worden war.

Vor drei Tagen waren wir von einem Tobastamme geschieden, bei welchem wir eine Nacht geruht hatten. Eine Abteilung dieses Stammes war nach den Bergen gegangen, um dort in der Nähe der Pampa de Salinas nach Chinchillas zu jagen. Wir wünschten, mit diesen Leuten zusammenzutreffen, da sie uns nur von Nutzen sein konnten, und hielten eifrig Umschau, eine Spur von ihnen zu entdecken.

Wir befanden uns auf öder Puna. Es gab weit und breit keinen Grashalm und keinen Wassertropfen für unsere erschöpften Pferde. Die armen Tiere hatten während der letzten vier Wochen über ihre Kräfte angestrengt werden müssen und stolperten bei jedem Schritte. Die Anden sind überhaupt kein Terrain für Pferde. Die Höhen kann nur ein Maultier überwinden. Glücklicherweise hatte unser Zweck uns nicht ganz hinauf bis in die Puna brava geführt.

Pena war hier zu Hause. Er kannte jeden einzelnen Berg, jedes Thal, jede Felsplatte. Er versicherte, daß wir morgen die Salzkruste der Pampa de Salinas erblicken und heute noch ein Wasser erreichen würden, welches aus einer unzugänglichen Schlucht hervorquelle.

Auch Gomarra begann, sich zurechtzufinden; er bestätigte die Behauptung Penas, daß wir uns der Pampa näherten. Freilich war er, wenn er dieselbe besucht hatte, stets von der andern Seite gekommen, welche viel leichter zu passieren war.

Wir hatten diese Richtung vermieden, um ganz unbemerkt an das Ziel zu gelangen, und uns lieber für den schwierigen Weg entschlossen. Jetzt neigte sich unsere Puna zur Tiefe, erst leise und allmählich; dann verengte sie sich und fiel so steil nach unten, daß wir absteigen und unsere Tiere führen mußten. Das war ein halsbrecherischer Weg. Endlich wurde die Passage besser. Wir kamen auf eine breite, mit Steingeröll bedeckte Lehne, welche sich sanft niedersenkte und uns an einen Paß führte, welchem wir zu folgen hatten. Dort hielten wir an, um zu verschnaufen.

„Jetzt nur noch eine Stunde,“ sagte Pena, „dann kommen wir an das Wasser und können wenigstens die Pferde trinken lassen. Wir haben Fleisch und noch ein wenig Mehl; das genügt für heute, und dann mag der morgende Tag für sich selbst sorgen. Um die Mittagszeit werden wir an der Salinas sein.“

Unsere Vorräte waren ziemlich zu Ende gegangen, was in dieser Gegend nicht ohne Bedenken war. Waren wir nur auf die Jagd angewiesen, so mußten wir hungern, da wilde Lamas nur schwer zu beschleichen sind.

Wir bogen in den Paß ein, welcher aus der Höhe kam und allmählich abwärts führte. Da Pena und Gomarra hier unsere Führer sein mußten, so ritten sie voran, und wir folgten hinterher. Ich ritt mit dem Bruder ganz zuletzt.

Dennoch fiel mir eine kaum handgroße Stelle des Weges auf, über welche die andern geritten waren und die eine abweichende Färbung zu haben schien. Ich stieg vom Pferde und untersuchte sie. Sie war feucht und gerötet.

„Das ist Blut,“ sagte ich zu dem Bruder. „Meinen Sie nicht auch?“

Er betrachtete den Stein, schüttelte den Kopf und antwortete.

„Feuchtigkeit ist es, Blut aber schwerlich. Blut färbt röter.“

„Rinnendes Blut war es überhaupt nicht. Der Stein hat vielmehr die Färbung, als ob frisches, blutiges Fleisch auf demselben gelegen habe. Der Fleck konnte nicht rasch trocknen, weil es feucht und kühl hier ist und die Sonne nicht in diese Schlucht zu dringen vermag. Ich rechne, es muß jemand vor ungefähr zwei Stunden hier gewesen sein.“

„Ein Reisender, der über das Gebirge will?“

„Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Über das Gebirge geht man in Gesellschaft und nicht allein.“

„Wer behauptet denn, daß der Betreffende allein gewesen ist?“

„Niemand. Übrigens kommt es auf diesen Umstand weniger an, als vielmehr darauf, ob der Betreffende auf- oder abwärts gegangen oder geritten ist. Stieg er aufwärts, so brauchen wir ihn nicht zu berücksichtigen. War aber sein Weg niederwärts gerichtet, so haben wir ihn vor uns und müssen vorsichtig sein. Ich werde doch lieber voran reiten.“

Der Paß war schmaler geworden, und ich hatte Mühe, nach vorn zu gelangen. Keiner von den andern hatte die kleine Spur bemerkt. Bald hielt ich an und deutete auf eine scharf vorstehende Felsenecke, um welche wir biegen mußten.

„Soeben finde ich etwas. Sehen Sie hier diese feuchte, dunkle Stelle? Das ist wiederum Blut.“

„Um dies herauszufinden, dazu gehören eben Ihre Augen, oder eine große Portion Phantasie! Blut würde einen dunkleren Fleck hinterlassen,“ antwortete Pena.

„Nein. Ich meine nicht reines Blut, sondern blutig gefärbtes oder vielmehr frisches, ungereinigtes Fleisch. Es ist vor zwei Stunden ein Fußgänger mit Fleisch vorüber gekommen.“

„Wer sagt Ihnen das?“

„Die Höhe des Fleckes. Ein Reiter hätte das erbeutete Tier hinter sich auf dem Pferde liegen gehabt, und infolgedessen würde der Fleck sich höher am Felsen befinden. Der Mann hat ein Wild erlegt und es auf den Schultern oder rückenquer getragen. Als er um diese Ecke bog, hat er mit dem blutigen Fleische den Felsen gestreift.“

„Nun, angenommen, daß Sie recht haben, ist es vielleicht von Wichtigkeit für uns?“

„Natürlich! Von großer Wichtigkeit sogar. Der Mann ist ein Indianer. Er hat dem Tier das Fell abgezogen, das thut kein Weißer, wenn er geschossenes Wild trägt, weil das erstens unappetitlich und zweitens unpraktisch ist. Das Fleisch hält sich in der Haut viel länger. Ein Indianer aber, welcher ein großes Tier auf dem Rücken von einem Orte nach dem andern schleppt, muß meinen Verdacht erwecken und kann uns sehr gefährlich werden.“

„Warum?“

„Weil er Gefährten hat. Ein Roter, welcher allein und für sich jagt, nimmt von der Beute nur so viel, wie er für sich braucht; er trägt sich nicht mit einer schweren Last.“

„Alle Wetter! Von diesem Standpunkt aus betrachtet, erregt dieser dunkle Fleck freilich auch mein Bedenken. Sollte der Sendador uns doch zuvorgekommen sein und Chiriguanos bei sich haben?“

„Das ist sogar sehr wahrscheinlich.“

„Dann erwartet er uns vielleicht gar an der Pampa de Salinas und sendet täglich einige Rote auf die Jagd, um nicht Hunger leiden zu müssen.“

„Es ist das leicht anzunehmen. Nur kann, wenn der Sendador sich auf der Pampa befindet, der Mann, der hier vorüber kam, nicht zu ihm gehören, weil nach Ihrer eigenen Schätzung die Pampa von hier aus erst morgen mittag zu erreichen ist. So weit entfernt sich kein Jäger von der Gesellschaft, welche er mit Nahrung zu versorgen hat.“

„Das ist wahr. Vielleicht befindet sich der Sendador noch gar nicht an der Salinas, sondern in größerer Nähe als wir denken.“

„Oder der Mann, welcher hier ging, gehört zu der Tobasabteilung, mit welcher wir zusammentreffen wollen.“

„Auch das ist möglich. Mag dem nun sein, wie ihm wolle, wir müssen sehr vorsichtig sein. Machen wir so schnell wie möglich vorwärts, daß wir aus dem Engpasse kommen!“

Wir trieben die Pferde an, um die Schlucht, in welcher ein plötzlicher Überfall für uns höchst gefährlich war, rasch hinter uns zu legen, und näherten uns dabei dem Wasser, von welchem Pena gesprochen hatte. Er mußte mir die Stelle beschreiben, und ich erfuhr, daß dieses Wasser aus einer hochgelegenen Seitenschlucht komme und sich über eine Felsenwand herab auf unsern Weg stürze.

„So bildet es also einen Wasserfall?“ antwortete ich. „Rauscht derselbe sehr?“

„Bedeutend.“

„Das ist gut, weil der Hufschlag unserer Pferde nicht gehört werden kann.“

„Wer darf ihn denn nicht hören?“

„Der Rote mit dem Fleische, oder vielleicht gar die Gesellschaft, für welche er zu sorgen hat. Unsere Gefährten mögen in gleicher Schnelligkeit wie jetzt fortreiten; wir beide aber wollen voran, um auszuspähen.“

Wir beiden setzten unsere Pferde in Trab. Der Weg wand sich bald nach rechts, bald nach links. Bei diesen vielen und engen Krümmungen war es unmöglich, zu erfahren, wen oder was man auf dreißig Schritte vor sich hatte. Pena tröstete mich mit der Bemerkung, daß der Weg nun bald ein besserer und offenerer werde, sobald man den Wasserfall in Sicht bekomme.

Nicht lange, so vernahm ich das Rauschen desselben. Dann öffnete sich die Schlucht auf einen tiefen Thalkessel, aus welchem nur zwei Wege führten, nämlich derjenige, den wir jetzt benützten, und ein anderer, dessen Mündung sich uns gegenüber befand. Rechts stieg die Bergwand lotrecht himmelan.

Links war sie zunächst höchstens fünfzig Fuß hoch und bildete dort einen Absatz, über welchen zwischen zwei Felsenmassen eine dunkle Schlucht gähnte, aus der das Wasser herabstürzte, um zunächst sich in ein tief ausgehöhltes Loch zu gießen und dann uns gegenüber den Thalkessel zu verlassen.

Diese Scenerie war hochromantisch, und doch beschäftigte sie mich weniger als die Staffage, welche ich im Vordergrunde links des Bildes bemerkte. Dort lag nämlich ein Indianer auf dem saftigen Rasen, welcher infolge der großen und immerwährenden Feuchtigkeit üppig grünte, neben sich ein abgehäutetes Tier, ein Lama oder Guanaco, das konnte man nicht so schnell entscheiden.

Der Mann kehrte uns den Rücken zu. Er hatte den linken Ellbogen in das Gras gestützt und den Kopf auf die Hand gelegt. Am Felsen unweit des Wasserloches, fünf oder sechs Schritte von ihm entfernt, lehnte sein Gewehr.

„Wahrhaftig, Sie haben die Spur ganz richtig gelesen!“ sagte Pena. „Es ist genau so, wie Sie vermuteten.“

Während dieser Worte trieb er sein Pferd zurück, um ebenso wie ich wieder in der Schlucht zu verschwinden.

„Ein unvorsichtiger Patron! Der Mann scheint zu träumen, und noch dazu das Gewehr so weit weg an der Wind.“

„Was thun wir mit ihm?“ fragte Pena.

„Festnehmen natürlich.“

„Wer macht’s? Sie oder ich?“

„Ich. Halten Sie mein Pferd, und kommen Sie, wenn ich winke!“

Ich stieg vom Pferde und trat wieder aus der Schlucht heraus. Der Rasen war so weich, daß mein Schritt selbst dann, wenn es den Wasserfall nicht gegeben hätte, nicht gehört worden wäre. Ich eilte nach links hinüber an die Felsenwand und an derselben hin bis zu dem Gewehre. Es war, als wisse ich ganz genau, daß er sich nicht umdrehen werde. Darum nahm ich die Flinte in die Hand und zog den Hahn halb auf. Es war kein Zündhütchen aufgesetzt. Der alte Schießkolben konnte jetzt also weder mir noch einem andern gefährlich werden. Ich stellte ihn beiseite und trat zu dem Manne. Ich beugte mich über ihn, um sein Gesicht zu sehen. Auch das bemerkte er nicht, denn er hatte die Augen geschlossen, wahrscheinlich weil er ermüdet war. Er schien etwa fünfzig Jahre alt zu sein, trug leichte Kleidung, einen breitkrempigen Strohhut und einen alten Gürtel, in welchem ein Messer steckte.

jetzt kniete ich hinter ihm nieder, griff mit der Linken nach seinem Halse, drückte ihm den Kopf auf die Erde, zog mit der Rechten sein Messer aus dem Gürtel und stemmte ihm dann das rechte Knie quer über die Beine.

Das geschah natürlich sehr schnell. Ich hatte ihn schon fast unter mir, als er die Augen öffnete und mich entsetzt anstarrte. An der Bewegung seiner Lippen ersah ich, daß er schrie; hören konnte ich es wegen des Geräusches des Wasserfalles nicht.

Ich war auf Gegenwehr vorbereitet gewesen; er aber schien gar nicht an so etwas zu denken, denn er blieb unter mir liegen, ohne eine Bewegung, einen Versuch zu machen, von mir loszukommen. Darum stand ich auf, hielt ihn am Halse fest, ergriff ihn bei der Brust und führte ihn fort, vom Wasser weg und in die Schlucht hinein, wo Pena hielt. Er ging mit, ganz wie einer, welcher seiner Sinne nicht mehr mächtig ist. Da, wo wir uns nun befanden, konnte man gesprochene Worte verstehen.

„Das ging schnell und leicht,“ meinte Pena in deutscher Sprache. „Der Mann scheint ganz perplex zu sein.“

„Vor Entsetzen. Sehen Sie seinen Blick. Er zittert. Das ist nicht gewöhnliche Furcht oder Angst, sondern geradezu Entsetzen.“

„Ist’s ein Chiriguano?“

„Das werden wir ja gleich erfahren. Fragen Sie ihn! Sie sind mir in dem Indianerdialekt über.“

„Vielleicht versteht er Spanisch.“

„Wahrscheinlich, denn wer zum Fleischmachen ausgesendet wird, der trifft leicht mit Leuten zusammen, mit denen er sprechen können muß; darum ist allerdings zu erwarten, daß dieser Mann der Landessprache wenigstens einigermaßen mächtig ist.“

„So reden Sie ihn vorerst an. Kann er Ihnen nicht antworten, dann werde ich es versuchen.“

Ich konnte dieser Aufforderung nicht sofort Folge leisten, da soeben unsere Gefährten herbeikamen und uns einholten. Sie machten, als sie den Roten in meinen Händen sahen, Gesichter, welche keineswegs freundlich waren, was seine Angst bedeutend vergrößerte. Als er sah, daß sie ihre Pferde verließen und ihn und mich drohend umringten, rief er in spanischer Sprache, deren er also doch mächtig war, aus:

„Sennor, warum überfallen Sie mich? Warum lassen Sie mich nicht los? Ich habe Ihnen doch nichts gethan!“

„Bis jetzt noch nicht!“ antwortete ich ihm. „Und es wird sich sogleich finden, ob wir dich als Freund oder Feind zu behandeln haben. Zu welchem Stamme gehörst du? Bist du ein Toba oder ein Chiriguano?“

„Ich bin ein Aymara und lebe mit den Weißen in Frieden.“

„Mit wem befindest du dich hier?“

„Mit niemandem.“

„Oho! Lüge nicht! Aber wenn du uns täuschen willst, so kannst du nicht verlangen, daß wir dich als einen uns freundlich gesinnten Mann betrachten. Also heraus mit der Sprache!“

Ich hielt ihn noch gefaßt und schüttelte ihn bei meinen letzten Worten derb. Hatte er bisher keine Spur von Mut sehen lassen, so brach er jetzt unter meiner Hand beinahe zusammen. Er hing an derselben wie ein Hund, den man beim Felle gepackt hat, und schrie voller Angst:

„Ich bin Ihr Freund, ich bin Ihr Freund. Glauben Sie es doch, und lassen Sie mich los!“

„Nicht eher, als bis du der Wahrheit gemäß geantwortet hast. Also sage, wer befindet sich bei dir?“

„Noch fünf Aymaras.“

„Was treibt ihr in dieser Gegend?“

„Wir jagen wilde Lamas, wie Sie gesehen haben, denn ich hatte jetzt eins bei mir liegen.“

„Du bist ein sehr dummer Kerl, denn mit diesen Worten hast du verraten, daß du mich belügst. Der Lamas wegen geht man nicht in die Berge, sondern aus andern Gründen. Das Lama erlegt man nur nebenbei, um Speise zu haben. Wenn ihr also alle sechs Fleisch holt, so müssen noch viele andere da sein, welche es essen wollen. Sechs Jäger erlegen mehr, als sie essen können, und man erschießt das Wild nicht nur zu dem Zwecke, es verfaulen zu lassen. Da du uns betrügen willst, so sollst du deinen Lohn haben. Es ist aus mit dir.“

Ich hielt ihn noch immer mit der Linken beim Genick gefaßt. Mit der Rechten zog ich mein Messer und holte wie zum Stoße aus, hatte aber keineswegs die Absicht, diese Drohung auszuführen. Sie hatte die gewünschte Wirkung. Der Rote faltete die Hände und rief mit zitternder Stimme:

„Nicht stechen, Sennor, nicht stechen! Ich will die Wahrheit sagen, obgleich mir das sehr streng verboten worden ist!“

Ich ließ ihn los, stellte ihn so, daß er mir sein Gesicht zukehrte, behielt aber das Messer noch hoch in der Hand und

antwortete:

„Das ist dein Glück, denn eine Sekunde später hättest du dieses Eisen im Leibe gehabt. Also rede! Bist du wirklich ein Aymara?“

„Ja. Und es ist auch wahr, daß noch fünf Stammesgenossen bei mir sind. Wir wollen Wollmäuse jagen, deren Felle von den Weißen so gut bezahlt werden. Da aber trafen wir mit andern zusammen, denen die Lebensmittel ausgegangen waren und die uns darum in ihren Dienst nahmen, damit wir für sie jagen sollten, weil sie selbst keine Zeit dazu hatten.“

„Warum das nicht? Womit waren sie denn beschäftigt?“

„Mit – nichts,“ antwortete er mit dem dümmsten Gesichte, welches man sich nur denken kann.

„Ja, mit nichts,“ nickte ich ihm zu, „denn das Warten kann doch nicht als Arbeit gelten. Diese Leute warten am Salzsee in der Pampa de Salinas auf jemand?“

„Ja.“

„Kennst du sie?“

„Das soll ich nicht sagen.“

„So werde ich dir den Mund öffnen. Bedenke, daß du zwischen Leben und Tod zu wählen hast! Ich scherze nicht!“

Seine Augen waren bis jetzt fast ausschließlich auf mich gerichtet gewesen. Nun irrte sein Blick ratlos im Kreise umher, und da schien er zu ahnen, mit wem er es zu thun hatte.

„Himmel!“ rief er aus. „Da befinde ich mich wohl gerade bei denen, welche uns nicht sehen sollen! Gehören diese roten Männer zu den Tobas?“

„Allerdings.“

„Sie wollen nach der Pampa de Salinas, um den Sendador zu bestehlen?“

„Nein,“ antwortete ich, lachend über seine Naivetät. „Ich weiß, daß er es ist, in dessen Dienst du dich befindest. Hat er uns als Diebe geschildert?“

„Ob er Sie gemeint hat, das weiß ich nicht. Oder doch -doch! Sie müssen es sein. Es stimmt ganz genau. Er hat Sie uns geschildert. Nun bin ich verloren!“

Er hatte mich während dieser Worte genauer betrachtet, und man sah deutlich, welchen Schreck er jetzt empfand.

„Der Sendador hat euch belogen,“ entgegnete ich ihm. „Nicht uns, sondern ihn habt ihr zu fürchten. Wir sind ehrliche Leute.“

„Aber Sie kommen als Feinde des Sendador?“

„Allerdings. Er ist der größte Bösewicht, den es giebt, und wir wollen ihm das Handwerk legen. Wer ihm dient, fällt in die gleiche Strafe.“

„Sennor, ich habe nicht gewußt, daß er so schlimm ist. Ich diene ihm nur, weil er mich bezahlt; sonst aber habe ich nichts mit ihm gemein.“

„Und dennoch weigerst du dich, uns der Wahrheit gemäß Auskunft zu erteilen? Du widersprichst dir selbst.“

„Weil ich nicht weiß, was das richtige ist und was ich machen soll. Der Sendador ist ein berühmter Mann, der sich rächen würde, falls ich ihn verriete. Sie aber kenne ich nicht. Sie muß ich vielmehr für Diebe und Räuber halten, denn als solche hat er Sie uns beschrieben.“

Ich deutete auf den Bruder, indem ich antwortete:

„Er hat euch belogen. Siehe das Gewand dieses Herrn. Er ist der Bruder Jaguar. Glaubst du etwa, daß ein Bruder ein Räuber sein könne?“

„Der Bruder Jaguar?“ fragte er, indem sein Gesicht sich schnell aufklärte. „O, von dem habe ich gehört, nicht hier in den Bergen, sondern unten am Flusse. Wenn dieser ehrwürdige Sennor der Bruder Jaguar ist, so brauche ich Sie freilich nicht zu fürchten, sondern kann Ihren Worten getrost Glauben schenken.“

„Thue das, damit du nicht mit den Ungerechten auch umkommst. Willst du uns statt ihm dienen, so werden wir nicht nur vergessen, daß du dich bei ihm befandest, sondern dir und deinen Gefährten denselben Lohn geben, den er dir versprochen hat.“

„Sennor, dann gehe ich zu Ihnen über. Sie sehen nicht aus wie Räuber oder Mörder, und wir Aymaras sind auf die Tobas besser gesinnt, als auf die Chiriguanos.“

„Schön! Du wirst das nicht bereuen. Und damit du überzeugt sein kannst, daß wir die Ehrlichen sind, während der Sendador ein Halunke ist, will ich dir sagen, warum wir ihn suchen.“

Ich erzählte ihm in kurzer Weise das, was er nach meinem Dafürhalten erfahren mußte. Vielleicht wäre dies nicht nötig gewesen; aber es lag mir daran, diesen Mann zu gewinnen. Er sollte sich nicht gezwungen, sondern freiwillig für uns entscheiden. Folgte er uns nur durch Zwang, so konnten wir von ihm mehr Hinder- als Fördernis erwarten. Er hatte sich in den Dienst des Sendador gestellt und konnte uns also die wertvollsten Auskünfte geben. Er hörte mich aufmerksam an und rief, als ich geendet hatte, mit aufrichtigem Staunen aus:

„So ein Bösewicht ist dieser Mann? Wer hätte das gedacht! Sennor, ich bin der Ihrige; ich bleibe bei Ihnen und mag nicht zu ihm zurück. Ich werde auch meine Gefährten heimlich benachrichtigen, und sie folgen mir dann sofort. Warten Sie hier, und lassen Sie mich fort. Ich werde Ihnen meine fünf Freunde zuführen.“

„Langsam, langsam! So schnell geht die Sache nicht. Ich muß vor allen Dingen wissen, wo der Sendador sich befindet und in welcher Weise er uns entgegentreten will.“

„Das kann ich Ihnen doch ganz genau sagen. Er hat über sechzig Chiriguanos bei sich!“

„So eine bedeutende Anzahl?“

„Ja. Es wird doch am besten sein, Sie kehren um und geben sich lieber mit ihm gar nicht ab.“

„Das werden wir freilich nicht thun. Selbst wenn er noch mehr Chiriguanos bei sich hätte, müßten wir ihn haben. Wir fürchten uns nicht. Wo lagert er mit ihnen?“

„Am Salzsee.“

„Das ist im höchsten Grade unvorsichtig von ihm. Der See liegt, wie ich gehört habe, in der ebenen Pampa, welche rundum von Bergen umgeben ist. Wir müssen ihn und seine Begleiter also sehen, wenn wir von diesen Höhen kommen.“

„O nein. Er hat dafür gesorgt, daß Sie ihn nicht eher zu sehen bekommen, als bis Sie sich in seiner Hand befinden. Man kann von drei Richtungen aus nach dem Salzsee kommen, und in jeder dieser Richtungen hat er Späher ausgesandt, welche auf Sie warten und, sobald Sie sich nahen, es sofort melden müssen.“

„Also, wenn wir unseren jetzigen Weg verfolgen, werden wir auf einen solchen Kundschafter treffen?“

„Auf zwei, denn er hat sechs ausgesandt.“

„Hm! In welcher Entfernung von der Pampa halten sie? Ist der Ort, an welchem sie sich befinden, dir bekannt?“

„Ja. Ich weiß auch die Stellen, an denen die andern Wächter postiert sind. Die zwei, welche hier diesen Weg beobachten, halten auf einer Höhe, von welcher aus man eine Stunde bis zur Pampa zu reiten hat; aber sie können uns aus einer Entfernung von zwei Stunden kommen sehen.“

„Das ergiebt drei Stunden, eine hinreichende Zeit für den Sendador, sich auf unsere Ankunft vorzubereiten. Wollte er uns am See empfangen oder schon vorher überfallen?“

„Das letztere. Sie sollten überrumpelt werden. Bis Sie sich von Ihrem Schrecken und Entsetzen erholt hätten, wären Sie tot gewesen.“

„Da hätten wir uns gar nicht erholen können, mein Lieber. Aber wir sind überhaupt nicht die Leute, welche so schnell und tief erschrecken. Auch wäre es uns gar nicht eingefallen, dem Sendador so blind in die Falle zu laufen. Daß wir dich getroffen haben, ist uns lieb, kann aber nicht das geringste an der Vorsicht, die wir gewöhnt sind, mindern. Wichtig freilich ist es mir, zu hören, daß wir so schnell niedergemetzelt werden sollten.“

„Augenblicklich! Nur ein einziger sollte geschont werden. Das sind Sie. Der Sendador gab den Befehl, Ihnen nichts zu thun und, falls dies notwendig sein sollte, Sie höchstens nur leicht zu verwunden, damit Sie nicht entfliehen können.“

„Das ist sehr hübsch von dem Manne. Meine Gefährten hier aber werden es weniger hübsch finden. Weißt du vielleicht, weshalb er gerade gegen mich diese Schonung hegen will?“

„Das kann man wissen, ohne viel darüber nachzudenken,“ fiel Pena ein. „Von uns erwartet er keinen Nutzen, also weg mit uns. Sie aber sollen die Pläne erklären und die Kipus lesen. Ohne Sie kann er die Rätsel nicht lösen. Haben Sie es gethan, dann erhalten natürlich auch Sie die Kugel, wie sich ganz von selbst versteht.“

„Dann hätte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Selbst wenn ich imstande wäre, das, was er mir zutraut, auch wirklich zu leisten, so würde ich ihm gewiß erst dann den richtigen Aufschluß erteilen, wenn ich überzeugt sein könnte, daß ich mich außer Gefahr befinde. Übrigens dürfen Sie nicht denken, daß ich, nachdem er Sie alle getötet hätte, geneigt wäre, ihm zu gehorchen. Ich würde mich scheinbar bereitwillig zeigen, mein wirkliches Augenmerk aber darauf richten, Ihren Tod zu rächen.“

„Dem sei, wie ihm sei. Die Hauptsache für mich ist, daß er unsern Tod will, und nun soll mich nichts mehr zur Schonung verleiten. Den Mann sehen und niederschießen, das wird ein einziger Augenblick sein.“

„Nicht Sie werden das thun!“ unterbrach ihn Gomarra schnell. „Ich habe das erste und größte Recht zur Rache.“

„Streitet euch nicht,“ sagte ich. „Wer ihn etwa ohne meine Erlaubnis tötet, der bekommt es mit mir zu thun. Was Sie betrifft, Sennor Gomarra, so werde ich Sie nicht hindern, mit ihm abzurechnen; aber das darf erst dann geschehen, wenn ich die Kipus in den Händen habe. Was später mit dem Sendador geschieht, das ist mir vollständig gleichgültig. Jetzt aber sind wir noch lange nicht so weit; es ist vielmehr sehr fraglich, wer die Oberhand gewinnt, er oder wir. Haben seine Leute ein richtiges Lager aufgeschlagen?“

„Nein,“ antwortete der Aymara, an den ich diese Frage gerichtet hatte.

„Und haben sie die Pferde bei sich?“

„Nein. Am See ist alles Salz. Da wächst kein Halm, kein Blatt, kein Kraut. Der Sendador hat die Pferde nach einem Orte bringen lassen, wo sie notdürftig Futter finden.“

„Weit vom See?“

„Man hat eine Stunde lang zu steigen. Es ist eine kleine, grasbewachsene Puna. Zwei Chiriguanos befinden sich bei den Tieren.“

„So beschreibe uns die Stelle des Sees, an welcher er sich gelagert hat!“

Der Rote folgte dieser Aufforderung, und als er geendet hatte, sagte Gomarra ingrimmig:

„Das ist gar nicht weit von dem Punkte, wo die Flasche begraben liegt.“

„Liegt?“ antwortete ich. „Die hat er jedenfalls entfernt und anderwärts versteckt. Es ist bedauerlich, daß wir so spät kommen. Der Zug nach der Laguna de Bambu war ein Umweg für uns, und der Sendador hat bei den Chiriguanos gegen alle Erwartung Pferde gefunden. Aus diesen beiden Gründen ist er eher als wir hier angelangt, und er befindet sich uns gegenüber nun in einem Vorteile, welchen auszugleichen uns sehr schwer werden dürfte.“

„Meinen Sie?“ fragte der Bruder. „Ich nehme das nicht so schwer. Er ist uns jetzt zwar in Beziehung auf die Anzahl überlegen; aber vielleicht finden wir die Tobas, welche wir suchen. Und selbst wenn das nicht geschieht, so brauchen wir uns ja nur heimlich seiner Pferde zu bemächtigen; dann haben wir ihn samt allen Chiriguanos im Sacke.“

„An die Zahl seiner Leute denke ich gar nicht. Ich halte uns diesen Menschen für vollständig gewachsen. Aber wenn wir sie alle und selbst auch ihn in die Hand bekommen, so stehen wir nicht besser, sondern schlechter als vorher. Es ist uns doch um die Kipus zu thun. Der Sendador muß uns das neue Versteck derselben mitteilen und wird diesen Umstand benutzen, um aus demselben den größten Vorteil für sich und seine Indianer zu ziehen.“

„Hm, das ist wahr. Daran habe ich freilich nicht gedacht.“

„Sie sehen also ein, es ist sehr zu beklagen, daß wir uns verspätet haben. Wir müssen das durch List auszugleichen versuchen. Er hat die Flasche jedenfalls heimlich ausgegraben und wieder versteckt. Vielleicht sind noch Spuren zu sehen, welche uns den Ort zeigen. Es fragt sich, seit welcher Zeit er sich in der Pampa de Salinas befindet.“

„Seit vorgestern,“ antwortete der Aymara. „Am Tage vorher traf er uns und nahm uns mit nach dem See.“

„Das ist nicht ganz ungünstig. Habt ihr euch dann gleich auf die Jagd begeben müssen?“

„Ja.“

„So hast du gar keine Zeit und Gelegenheit gehabt, den Sendador zu beobachten?“

„Nein.“

„Du hast nichts Auffälliges oder wenigstens Unregelmäßiges bemerkt?“

„Nein – und doch; er entfernte sich in der ersten Nacht von uns und kehrte erst am frühen Morgen zurück.“

„Das ist gerade von Wichtigkeit für uns. Er ist da fort gewesen, um die Flasche anderswo zu verstecken. Wie weit haben wir noch bis zur Pampa?“

Der Indianer machte eine Angabe, welche mit derjenigen Penas und Gomarras genau stimmte. Daraufhin wurde unser Plan gegründet. Wir begaben uns zunächst nach dem Wasserfall, wo die Pferde trinken konnten und auch Futter fanden, da sich infolge der Feuchtigkeit ein lebhaftes Grün gebildet hatte. Als die Pferde sich erquickt und auch leidlich ausgeruht hatten, brachen wir wieder auf. Unterwegs nahm der Bruder den Aymara vor, um ihm in das Gewissen zu reden, da ja die Möglichkeit immerhin vorliegen konnte, daß der Indianer gewisse Nebenabsichten gegen uns hegte. Der Frater teilte mir aber mit, er sei überzeugt, daß der Mann es ehrlich mit uns meine. Um den letzteren zu prüfen, ließ ich mir von ihm alle Einzelheiten des vor uns liegenden Weges beschreiben, und sowohl Pena wie auch Gomarra versicherten, daß er die Wahrheit gesagt habe. Infolgedessen schenkte auch ich ihm mein Vertrauen, welches freilich nicht so weit ging, daß ich gesonnen war, ihn aus den Augen zu lassen.

Wir ritten trotz der Anstrengungen, welche die Pferde hinter sich hatten, auch den Abend über und dann sogar die halbe Nacht hindurch, bis der Aymara uns sagte, daß wir uns nun in der Nähe der beiden Wächter befänden. Diese hätten, wenn wir noch weiter geritten wären, den Hufschlag unserer Pferde gehört. Darum hielten wir an, und der Aymara beschrieb uns die Örtlichkeit.

Der Weg stieg an einer Halde empor, auf deren Höhe mehrere Felsblöcke lagen. In der Nähe derselben waren die Wächter postiert. Leider bestand die Halde aus lockerem Gestein, so daß es in der Dunkelheit schwierig war, kein Geräusch zu verursachen. Doch war anzunehmen, daß der Saumpfad hart getreten sei; nur galt es, nicht von ihm abzuweichen.

Fast jeder einzelne meiner Gefährten erbot sich, mit mir zu gehen; ich wählte aber nur den Steuermann aus, und zwar infolge seiner Körperstärke, welche mir für das beabsichtigte Vorhaben vom größten Werte war. Während die andern halten bleiben mußten, entledigten wir beide uns unserer Fußbekleidungen, um unsere Schritte unhörbar zu machen, ließen die langen Gewehre zurück und nahmen mehrere Riemen mit.

Vor uns lag die Halde in tiefster Dunkelheit. Droben auf der Höhe aber mußte es heller sein, da sich dort der Schein der Sterne geltend machen konnte. Der Weg ging in mehreren Windungen, die der Aymara uns beschrieben hatte, bergan und an den Felsblöcken vorüber. Ich mußte sehr oft niedergreifen, um mit den Händen zu untersuchen, ob wir uns auf dem Wege befanden.

je höher wir kamen, desto weiter wurde unser durch die Dunkelheit so begrenzter Gesichtskreis. Wir konnten schließlich den Weg erkennen und wohl zehn oder zwölf Schritte weit selbst kleinere Gegenstände, wie Steine oder Unebenheiten, sehen. Unser Gang war so leise, daß wir uns gegenseitig selbst nicht hörten. Nach wohl einer halben Stunde befanden wir uns oben; in gewöhnlichen Verhältnissen aber war die Strecke natürlich in kürzerer Zeit zurückzulegen. Vor uns tauchten einige dunkle Gebilde auf, die Felsblöcke, in deren Nähe wir die Gesuchten zu finden hofften.

„Legen Sie sich nieder!“ flüsterte ich dem Steuermanne zu. „Von jetzt an müssen wir am Boden kriechen.“

„Nach welcher Seite? Rund um die Blöcke herum?“

„So weit vielleicht nicht. Ich denke, die Roten liegen auf derjenigen Seite, nach welcher sie ihre Aufmerksamkeit zu richten haben, nach uns zu. Sie schlafen gewiß. Das stete und scharfe Ausschauen in die Ferne ermüdet sehr. Es fällt ihnen gar nicht ein, zu denken, daß wir des Nachts kommen können. Wer reitet einen solchen Weg in der Finsternis! Er hat uns auch weidlich angestrengt. Also kriechen Sie immer nur hinter mir her!“

Ich wendete mich der angegebenen Seite zu und bemerkte sehr bald, daß dies das richtige war, denn schon nach kurzer Zeit vernahm ich fortgesetztes und durch regelmäßige Intervalle unterbrochenes Geräusch. Auch der Steuermann hörte es, denn er flüsterte mir zu:

„Da schläft einer; er schnarcht; gerade vor uns.“

„Ja. Ganz leise weiter!“

Wir krochen noch eine kurze Strecke fort; dann sahen wir zwei Bündel vor uns liegen – die beiden Chiriguanos, welche sich der nächtlichen, nicht unbeträchtlichen Kühle wegen fest und tief in ihre Decken gewickelt hatten.

„Machen Sie Ihre Riemen klar,“ raunte ich dem Steuermanne zu. „Ich den links und Sie den rechts. Es ist bequem. Wir schlingen die Riemen so schnell und fest um die Bündel, daß die guten Leute nicht einmal Zeit finden, die Nasen herauszustrecken. Also los!“

Die Arbeit war wirklich leicht. Erst eine Schlinge zugezogen, dann die Bündel herumgedreht, zwei enge Windungen mit den Riemen, und wir waren fertig. Unter den Decken schnaufte und brummte es gewaltig; die Bündel bewegten sich und zuckten wie Schmetterlingspuppen, wenn man sie berührt, aber es war den Überraschten nicht möglich, sich frei zu machen.

Ein scharfer Pfiff auf dem Finger war für unsere Gefährten das Zeichen, daß sie kommen sollten. In einer Viertelstunde waren sie da und stiegen von den Pferden, da wir hier den Anbruch des Tages erwarten mußten. Die Wächter ließen wir in ihren Hüllen stecken. Ersticken konnten sie nicht. –

Erst als der Morgen zu grauen begann, befreiten wir sie aus ihrer zwar nicht schmerzlichen, aber doch unangenehmen Lage. Sie schauten uns nicht wenig erstaunt an. Als sie den Aymara bemerkten, brachen sie in Ausrufungen und Fragen aus, welche ich ebenso wenig verstand wie die Antworten, welche er ihnen gab. Den Inhalt aber erriet ich aus der schließlichen Resignation, mit welcher sie die Augen schlossen und sich wieder auf die Seite legten. Sie hatten erkannt, daß sie an ihrer Lage nichts bessern konnten, und ergaben sich in ihr Schicksal Wir belästigten sie nicht mit Fragen, da wir von ihnen doch wohl nichts anderes erfahren konnten, als was wir bereits wußten.

Als es heller wurde, sahen wir, welch eine weite Aussicht man von dieser Halde aus hatte. Der Aymara zeigte uns zwei rückwärts liegende, kahle Höhen, über welche wir während der Nacht gekommen waren. Hätten wir sie am Tage passiert, so wären wir von den Wächtern ganz gewiß bemerkt worden.

Letztere waren mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, deren Spitzen, wie wir nun sahen, nicht vergiftet waren. Wir brachen auf und fanden am andern Fuße des Berges ihre Pferde, welche sie zurückgelassen hatten, weil es da ein hartes, stacheliges Gestrüpp abzuweiden gab.

Wir mußten geradeaus reiten; aber nach rechts schien auch ein passierbarer Pfad in die Berge zu gehen. Eben wollte ich mich erkundigen, wohin derselbe führte, als ich einen Reiter sah, welcher an der ersten Krümmung dieses Weges erschien und, als er uns erblickte, sein Pferd schnell wandte und wieder verschwand. Auch die andern hatten ihn gesehen. Wer war er? Ein Indianer jedenfalls. Aber von welchem Stamme? War er allein oder der vorderste eines längeren Zuges?

Wir blieben halten und paßten scharf auf. Bald sahen wir zwei Köpfe, welche um die äußerste Krümmung lugten. Jetzt zeigte es sich, wie gut es für uns war, daß der Desierto uns die Tobas mitgegeben hatte. Der Anführer sagte, indem er vom Pferde stieg:

„Die Chiriguanos sind vor uns am See; die Männer, welche von rechts herkommen, können nur die Tobas sein, welche wir nicht gefunden haben. Ich werde gehen, um mit ihnen zu sprechen.“

„Aber wenn es doch keine Tobas sind?“ warnte ich ihn.

„So werde ich einen Schrei ausstoßen, und Sie kommen, mir beizustehen.“

Er ging. Die beiden Köpfe lugten noch immer um die Ecke. Als sie den einzelnen Mann auf sich zukommen sahen, traten diejenigen, denen sie angehörten, ohne Besorgnis hervor. Wir hörten den Toba ihnen zurufen, und sie antworteten.

„Es sind Tobas!“ rief einer unserer roten Begleiter: „Es sind die erwarteten Freunde. Sie werden mit uns reiten und uns helfen. Nun ist alles gut.“

Er hatte recht. Der Toba verhandelte nur kurze Zeit mit den beiden Fremden und verschwand dann mit ihnen hinter der Krümmung. Bald darauf kehrte er zurück, und ihm folgte, einer hinter dem andern, ein ziemlich langer Zug berittener Indianer, welche von unseren Roten mit lebhafter Freude begrüßt wurden.

Sie zeigten sich gern bereit, uns Hilfe zu leisten, teils weil sie Stammesgenossen waren und teils aus Dankbarkeit. Ihr Anführer gestand, daß wir ihn aus einer ziemlich großen Gefahr befreit hätten. Er wäre, wenn er uns nicht getroffen hätte, mit seinen Leuten nach der Salinas geritten, ganz ahnungslos, dort auf Chiriguanos zu treffen, und mit denselben jedenfalls in Kampf geraten.

Diese Leute waren reichlich mit Proviant versehen, was uns natürlich nur lieb sein konnte. Mit ihnen vereint, setzten wir unsern Weg fort. Das geschah in der Weise, daß ich wieder mit Pena voranritt, eine Strecke von den Nachfolgenden getrennt. Diese Maßregel bewährte sich auch heute. Wir hatten eine Stunde bis zur Pampa zu reiten, aber kaum den dritten Teil dieses Weges zurückgelegt, als wir laute Stimmen vor uns vernahmen. Sofort kehrten wir um, bis zu einer Stelle, an welcher sich der Weg soweit verengte, daß vielleicht drei Reiter nebeneinander Platz hatten.

Dort hielten wir, bis wir die Nahenden erblickten. Es waren zwei Chiriguanos, welche kamen, um die beiden Wächter abzulösen, wie wir später erfuhren. Sie waren auch zu Pferde, hatten aber so laut gesprochen, daß ihre Stimmen eher als der Hufschlag ihrer Tiere zu hören gewesen waren.

„Was thun?“ fragte Pena. „Sehen sie uns, so jagen sie zurück und machen Alarm.“

„Natürlich werden sie uns sehen, denn sie kommen auf uns zu. Es wird gar kein Federlesens gemacht. Wir drücken uns hinter diesen Felsen, und wenn sie nahe genug sind, reiten wir in Karriere auf sie zu, an ihnen vorüber und wenden dann hinter ihnen um. Auf diese Weise kommen sie zwischen uns und unsere Gefährten, ohne sich nur fragen zu können, was da vorgegangen ist. Die Furcht vor unseren besseren Waffen und unserer Überzahl wird dann das übrige thun. Passen Sie auf! In einigen Augenblicken müssen sie uns sehen. Jetzt vorwärts!“

Die Chiriguanos hatten die Enge erreicht und waren in dieselbe eingedrungen. Wir gaben unseren Pferden die Sporen und jagten ihnen entgegen. Sie blieben erschrocken halten und schrien laut auf. Wir flogen, ohne ihre Schreie mit einem Worte zu beantworten, an ihnen vorüber und rissen dann unsere Pferde herum. Nun hielten wir am Ausgange der Enge, sie in der Mitte derselben, und am Eingange waren soeben unsere Gefährten zu sehen, welche sich nicht wenig darüber wunderten, zwei Feinde zwischen sich und uns zu sehen.

Diese letzteren waren so außerordentlich verblüfft, daß sie sich gar nicht bewegten. Der Aymara rief ihnen eine Aufforderung zu, welche sie zagend beantworteten. Es entspann sich zwischen ihm und ihnen eine kurze Verhandlung, deren Ergebnis das war, daß die beiden sich uns überlieferten. Nachdem wir sie entwaffnet, ihnen also Bogen und Pfeile abgenommen hatten, begannen wir den unterbrochenen Ritt von neuem. Wenn die Chiriguanos alle von der Art waren wie diejenigen, welche wir bis jetzt kennen gelernt hatten, so befand sich der Sendador keineswegs in zuverlässigen Händen.

Nach einer halben Stunde erreichten Pena und ich, die wir abermals voranritten, die Stelle, an welcher der Weg auf die Pampa mündete. Da bot sich uns ein eigener, aber auch großartiger Anblick dar.

Eine weite, langgestreckte Ebene lag vor uns, welche von der Stelle aus, wo wir uns befanden, vielleicht eine englische Meile breit war. Jedenfalls hielten wir vor einer Bucht des Salzsees. Nach vorn und rechts dehnte sich die Ebene bis zum Horizonte aus, welcher von den Bergen der Anden gebildet wurde, die sich hinter und übereinander emportürmten. Links zog sich eine steile, unzugängliche Felsenwand im Halbkreise um den See herum, bis das Wasser desselben uns gerade gegenüber so hart an sie herantrat, daß niemand zwischen ihr und ihm vorüber konnte.

Und gerade dort an diesem Punkte lagerte der Sendador mit seinen Roten, eingekeilt zwischen Fels und Wasser, eine Unvorsichtigkeit, welche ich nicht begreifen konnte. Freilich machte Gomarra, welcher mit den andern jetzt nachgekommen war, mich auf einen dunklen Streifen aufmerksam, welcher unweit des Lagers zu bemerken war. Er sagte, indem er nach demselben deutete:

„Dort führt der Weg empor zu dem Punkte, an welchem dieser Satan meinen Bruder ermordete. Von der hohen Kante des Felsens blickte ich herab, als er die Flasche vergrub.“

„ist es so!“ nickte ich. „Jetzt weiß ich, warum er gerade dort lagert. Er will uns hinüberlocken. Wenn wir ihn fast erreicht haben, verschwindet er auf dem Wege nach der Höhe, und wir stecken in derselben Falle, in welcher er jetzt zu stecken scheint.“

„Falle? Nein. Wir könnten doch wieder zurück!“

„Wenn er es uns erlaubt. Bedenken Sie, daß er glaubt, die Kunde von unserm Nahen drei Stunden vorher zu erhalten. Er hat also vollständig Zeit genug, uns einen Hinterhalt zu legen, welcher erst unsichtbar ist, uns aber sofort folgt, wenn wir in die Falle gehen. Ich gäbe etwas darum, wenn wir dort auf die Höhe könnten, ohne von dem Sendador gesehen zu werden.“

„Das ist unmöglich.“

„Ja, dort hinauf führt nur der eine steile Weg, den wir als dunkeln Streifen da drüben sehen,“ stimmte Pena bei.

„Die Sennores sind vielleicht nur kurze Zeit dort oben gewesen,“ fiel der Aymara ein. „Da findet man keine verborgenen Wege. Ich aber habe da oft gejagt und nach Wollmäusen gesucht. Dabei habe ich einen Pfad entdeckt, von dem nur das eine zu verwundern ist, daß andere ihn nicht auch längst kennen.“

„Ist er gefährlich?“ fragte ich.

„Gar nicht. Sogar Reiter können hinauf. Mühevoll ist er nur eine ganz kurze Strecke, einige Ellen lang.“

„Und wo hat der Sendador denn die Pferde?“

„Eben da oben auf dem Felsen, von welchem Sie sprachen. Man kann sie nur von hier nicht sehen.“

„Ah, vortrefflich! Da haben wir ihn und seine‘ Chiriguanos im Sacke. Wie gelangt man denn eigentlich zu dem Pfade, den Sie kennen?“

„Indem wir wieder umkehren. Auf dem Wege, den wir soeben gekommen sind, giebt es links eine Felsenspalte, deren unterer Teil mit Geröll verschüttet zu sein scheint. Ich kroch einst hinein, um nach Wild zu suchen, und gewahrte zu meinem Erstaunen, daß ich schon nach wenigen Schritten wieder ins Freie gelangte. Ich kam von da in einer halben Stunde ganz leicht auf die Höhe.“

„Das ist ein Umstand, den wir ausnützen müssen. Jetzt thun wir mit dem Sendador genau das, was er mit uns vornehmen wollte, wir nehmen ihn in unsere Mitte.“

Wir hielten nicht etwa im Freien, sonst hätten die Chiriguanos uns bemerken müssen, sondern am Rande der Pampa, hinter Schutthöhen und Gestein. Ich wählte die zehn Tobas aus, welche der Desierto uns mitgegeben hatte, und noch zehn Stammesgenossen von ihnen. Auf diese zwanzig konnte ich mich verlassen. Mehr Leute brauchte ich nicht, da das Terrain ihrer Aufgabe sehr zu Hilfe kam.

Die übrigen mußten zurückbleiben, um meine Rückkehr zu erwarten. Dann führte der Aymara uns fort, den bisherigen Weg eine kurze Strecke zurück bis zu der Spalte, von welcher er gesprochen hatte. Am Fuß derselben gab es Geröll, welches wohl mannshoch lag. Wir kletterten über dasselbe weg – wir waren nämlich zu Fuß, da wir oben die Pferde der Chiriguanos zu finden hofften, und drangen in den Spalt ein. Bereits nach kurzer Zeit senkte sich das Geröll, und wir traten in das Freie. Der scheinbar gewaltige Felsblock war nur eine dünne Steinwand, weiter nichts.

Nun befanden wir uns am Fuße einer nackten Berglehne, welche wir unschwer erstiegen. Drüben ging es in einer Mulde weiter, eine nicht gar steile Spitze hinan, und als wir uns da oben befanden und ich sorglos weiter schreiten wollte, hielt der Aymara mich am Arme zurück und warnte:

„Sennor, nicht so rasch. Die Wächter, welche sich bei den Pferden befinden, würden Sie zu früh sehen.“

„Wo sind sie denn?“

„Kommen Sie langsam!“

Er ergriff meine Hand und führte mich einige Schritte zur Seite. Dort fiel das Gestein in gelinder Senkung vielleicht dreißig Fuß abwärts, und gerade da weideten die Pferde, von den zwei Chiriguanos bewacht.

„Ah! wer konnte das ahnen,“ sagte ich. „So schnell am Ziele zu sein, hielt ich nicht für möglich.“

„Am Ziele? Das sind wir noch nicht. Sie müssen doch erst die Wächter haben.“

„Wir sind über zwanzig Mann und sie nur zu zweien!“

„Aber wenn sie hier oben Lärm machen, ist der Sendador unten gewarnt.“

„Das weiß ich gar wohl und beabsichtige darum nicht, mit der Thüre ins Haus zu fallen. Die Leute kennen Sie doch und werden es nicht verdächtig finden, wenn Sie kommen und mich mitbringen.“

„Wenn ich dabei bin, wird man Sie nicht für einen Feind halten.“

„So gehen wir jetzt zu ihnen. Die andern folgen nach, sobald ich rufe.“

Wir beide, ich und der Aymara, schritten also weiter, die kurze Senkung hinab. Die Wächter hielten uns den Rücken zugekehrt; sie blickten hinab auf den See, dessen jetzt dünne Salzkruste wie mattes Silber heraufglänzte. Als sie unsere Schritte hörten, blickten sie sich um. Daß der Aymara kam, befremdete sie nicht; aber daß ich mich an seiner Seite befand, das machte sie gespannt. Vielleicht erinnerten sie sich der Beschreibung, welche der Sendador ihnen von mir geliefert hatte. Doch war die Gegenwart meines Führers ihnen Gewähr genug dafür, daß ich nicht in feindlicher Absicht komme. Sie wendeten sich an ihn mit Worten, welche ich nicht verstand. Ich wollte ihn nicht in Verlegenheit wissen und also lieber rasch handeln. Darum that ich schnell einige Schritte, um die Roten vor mich zu bekommen, packte den einen mit der Rechten, den andern mit der Linken im Genick, drückte sie zur Erde nieder und kniete auf sie, indem ich sie so fest wie möglich bei den Hälsen hielt und dabei nach den Tobas rief.

Ich hatte bei diesem Angriffe ganz allein auf mich gerechnet, da ich des Aymara nicht sicher zu sein glaubte; aber er zeigte, daß ich ihm vertrauen könne, denn er bückte sich auf den einen Chiriguano nieder und drückte ihm die Gurgel zusammen, so daß er nicht schreien konnte.

Die Tobas kamen schnell herbei, und so war es keine Kunst, die Wächter unschädlich zu machen. Wir befanden uns gerade über dem Lager des Sendador, ohne daß dieser eine Ahnung davon hatte.

Ich trat bis an den Rand des Felsens vor und blickte hinab. Da lagen sie faul und in allen möglichen Stellungen bunt untereinander. Ein wenig zur Seite saß der Sendador, mit dem Rücken gegen den Felsen gelehnt. Die Zeit wurde ihm wahrscheinlich zu lang. Gut, daß er nicht wußte, wie so bald sie ihm kürzer vergehen werde.

Oben, wo ich mich befand, waren lose Steine zu einem Kreuze vereinigt. Das war die Stätte, an welcher Gomarra seinen Bruder begraben hatte. Unweit derselben führte der schon mehr erwähnte Saumpfad zum See hinab. Diesen Weg verfolgte ich eine Strecke weit abwärts, bis ich eine geeignete Stelle fand, an welcher ich die Tobas postierte, indem ich ihnen den Auftrag gab, die Chiriguanos oder gar den Sendador ja nicht heraufzulassen. Sie sollten erst blind schießen, dann aber, wenn man den Zugang erzwingen wolle, auf die Roten schießen, womöglich jedoch den Sendador schonen und ihn lebendig zu ergreifen trachten. Dann kehrte ich mit dem Aymara auf dem Weg, welcher uns heraufgeführt hatte, nach unten zurück.

Die Gefährten hatten verborgen gelagert, mit Sehnsucht den Augenblick erwartend, wo wir uns dem Sendador zeigen würden. Sie glaubten ihn jetzt gekommen, aber der Aymara meinte:

„Wir müssen jetzt noch warten, Sennor. Ich habe Ihnen gesagt, daß noch zwei Wege mit Hütern besetzt sind. Diese Leute müssen doch wohl erst gefangen genommen werden!“

„Das ist nicht nötig, da sie uns keinen Schaden machen können.“

„Aber sie kommen doch herbei, und helfen dem Sendador!“

„Wie wollen sie das anfangen, da wir uns zwischen ihm und ihnen befinden? Sie werden froh sein, in unserm Rücken zu stehen, und sich sehr gern fern halten. Nehmen wir sie aber gefangen, so müssen wir sie bewachen und haben also nur Belästigung von ihnen. Wie ich mich vor diesen Chiriguanos fürchte und was für einen Respekt ich vor ihnen habe, das werde ich dir sofort zeigen.“

Ich ließ den vier Gefangenen die Fesseln ablösen und ihnen sagen, daß sie gehen möchten, wohin es ihnen beliebe. Sie rannten, ohne ein Wort zu sagen, davon, als ob der Teufel hinter ihnen dreinjage, hüteten sich aber, in der Richtung nach dem Sendador sich zu entfernen, da ich das nicht geduldet hätte.

Nun konnten sie uns nicht mehr belästigen, und es war für uns Zeit, den Tanz zu beginnen. Wir bestiegen die Pferde, deren wir nun vier erbeutet hatten, und ritten, nach links biegend, langsam zwischen dem See und der Felswand hin.

Ich zog mein Fernrohr und richtete es im Reiten hinüber nach dem Sendador. Bald sah ich, daß wir bemerkt wurden. Er und seine Leute sprangen auf, griffen zu den Waffen und standen dann still, um uns zu beobachten.

Während meine Leute langsam vorrückten, hielt ich an, um besser durch das Rohr sehen zu können. Ich erblickte die Züge des Sendador sehr deutlich. Er war der einzige Weiße der ganzen Gesellschaft. Die Waffen der Roten bestanden nur aus Bogen, Pfeilen und Lanzen. Wie er mit ihnen gegen uns aufkommen wolle, wäre mir ganz unbegreiflich gewesen, wenn ich mir nicht gesagt hätte, daß er mich jedenfalls nicht in solcher Begleitung erwartet hatte.

Er blickte voller Spannung zu uns herüber. Die Entfernung war noch zu groß, als daß er den einzelnen hätte unterscheiden können. Je geringer dieselbe wurde, desto deutlicher sah er, und endlich bemerkte ich, daß er unter den lebhaftesten Gestikulationen auf seine Roten einsprach und dabei oft nach uns herüber zeigte. Er wußte jetzt, wer wir waren.

Ich jagte den Gefährten nach, ritt ihnen eine ganze Strecke voraus, so daß ich die Roten mit dem bloßen Auge beobachten konnte. Der Sendador sah und erkannte mich. Hätte ich ihn töten wollen, so wäre mir das ein leichtes gewesen; meine Büchse hätte noch weiter als bis zu ihm gereicht. Er richtete sich hoch auf und rief mir mit möglichst lauter Stimme zu:

„Kommst du endlich, Hund? Diesesmal wirst du bellen, aber nicht beißen; dafür wird es dich dein Fell kosten!“

Er legte die Flinte an und drückte los. Die Kugel schlug ganz nahe bei mir in den Boden, so daß die vom Hochwasser zurückgelassene Salzkruste aufstäubte. Der Kerl hatte sich unterwegs ein sehr gutes Gewehr zu verschaffen gewußt.

„Sennor, soll ich ihm mit einer Kugel antworten?“ fragte Pena erbost.

„Nein; ich will ihn lebendig haben. Wenn er eine Antwort bekommen sollte, würde ich sie ihm selbst geben.“

„Aber Ihre Berechnung ist falsch. Es zieht nur die Hälfte der Roten ab, der Höhe zu; die übrigen bleiben halten, doch wohl, um sich zu wehren.“

„Das scheint freilich so. Hm, da kommt mir ein Gedanke. Sollte auch der Sendador den Pfad kennen, welchen der Aymara mir vorhin gezeigt hat?“

„Ja, denn er ist doch wohl noch öfter dagewesen als der Aymara.“

„So kann ich mir seine scheinbare Sorglosigkeit nun ganz gut erklären. Er will uns auf diesem Pfade die Hälfte seiner Leute in den Rücken schicken.“

„Wenn er das beabsichtigt, so wird er sich wundern und gewaltig staunen, sobald er bemerkt, daß der Weg von uns bereits besetzt und er also überlistet worden ist.“

„Das wird sehr bald geschehen, denn die eine Abteilung seiner Leute verschwindet soeben in der Mündung des Saumpfades. In einigen Minuten werden wir die Schüsse unserer Tobas hören.“

Der Sendador hielt mit der zweiten Hälfte seiner Leute noch an dem Platze, an welchem er sich befunden hatte. Dann rückte er uns schnell eine kleine Strecke entgegen, um seinerseits nun auch den Weg zu erreichen. Es war also klar, daß, während die erste Abteilung bergauf eilte, um uns in den Rücken zu kommen, er sich mit der zweiten unten im Felsenwege, wo er Deckung fand, festsetzen wollte.

Ich stieg vom Pferde, und die andern folgten meinem Beispiele. Wir wollten die Tiere nicht der Gefahr, verwundet zu werden, aussetzen; sie blieben unter der Aufsicht einiger Tobas zurück.

„Sennor, jetzt müssen wir aber schießen,“ bemerkte Pena eifrig, „sonst setzen sich die Schufte hinter den Felsen fest.“

„Mögen sie!“

„Was? Wie? Wenn sie dort einmal festsitzen, können wir sie nicht mehr vertreiben.“

„Gewiß doch!“

„Aber mit Blutverlust, während wir, wenn wir ihnen jetzt eine tüchtige Salve geben, ihnen einen so heillosen Respekt einjagen, daß sie sich vielleicht augenblicklich ergeben.“

„Das werden sie auch dann thun, wenn wir nicht vorher die Hälfte von ihnen erschießen.“

„Wieder diese berühmte Humanität! Sie werden jedenfalls abermals sehen, daß Sie nicht weit mit derselben kommen. Man sollte sich doch eigentlich nicht so sehr nach Ihrem Villen richten.“

„Das ist wahr und richtig!“ stimmte Gomarra zornig bei. „Jetzt haben wir die Kerle so prächtig vor uns, und wenn wir diesen Augenblick nicht benutzen, so verbergen sie sich hinter die Felsen und putzen uns nach einander einzeln weg. Der Teufel hole die Humanität! Ich thue, was ich will; die Rache ist mein!“

Er legte sein Gewehr an, zielte auf den Sendador und drückte ab. Die Kugel ging fehl und traf einen Roten, dem sie durch den Kopf ging, wie wir später bemerkten. Das war so schnell geschehen, daß ich es nicht hatte verhindern können. Der Zorn wollte mich fast übermannen; ich nahm Gomarra beim Kragen, schüttelte ihn tüchtig ab und schrie ihn an:

„Mensch, wie können Sie das thun! Sehen Sie nicht, daß Sie einen Unschuldigen getroffen haben? Sie sind ein Mörder!“

„Pah!“ antwortete er. „Es ist doch nur ein Wilder!“

„Ein solcher ist ebensoviel wie Sie, vielleicht noch mehr wert!“

„Oho! Wollen Sie abermals mit mir anbinden?“

„Fällt mir nicht ein. Mit Menschen Ihresgleichen binde ich nicht an. Aber ich verbiete Ihnen, ohne meine Erlaubnis zu schießen!“

„Was haben Sie mir zu befehlen?“

„Was mir beliebt. Und wenn Ihnen das nicht recht ist, so können Sie gehen, wohin Sie wollen, wie ich Ihnen schon einmal gesagt habe. Verstanden?“

„Und wenn ich aber dennoch bleibe und schieße?“ rief er mir mit zornig blitzenden Augen zu.

„So thue ich das, was ich schon einmal gethan habe – ich schlage Sie zu Boden, aber etwas derber als damals. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es thue. Ob Sie dann jemals wieder aufstehen werden, ist mir ganz egal, denn wer das Leben eines Chiriguano nicht achtet und doch selbst ein Roter ist, der verdient auch den Atem nicht.“

Diese Drohung schien ihn eingeschüchtert zu haben, denn er antwortete nicht. Ich konnte mir aber nicht verheimlichen, daß die Mehrzahl meiner Kameraden im stillen seiner Meinung war, wie ich aus ihren Blicken ersah und ihrem leisen, heimlich sein sollenden Flüstern entnahm. Einer aber war einverstanden, der Bruder. Er drückte mir die Hand und sagte:

„Recht so! Es ist zwar nicht weltlich klug gehandelt, aber das Gewissen befiehlt es so. Wir kommen trotz der Nachsicht, die wir üben, doch zum Zwecke.“

„Zumal bei all dieser Rederei nun die richtige Zeit zum Angriffe verflossen ist. Die Roten sind mitsamt dem Sendador verschwunden.“

„Werden aber sehr bald wiederkommen.“

Der Sendador befand sich jetzt mit allen seinen Leuten zwischen den Felsenböschungen des Saumweges. Sogar den von Gomarra getroffenen Indianer hatte man mitgenommen. Wir rückten langsam nach. Da krachten Schüsse, welche genau so klangen, als ob sie im Innern des Berges abgefeuert worden seien. Darauf erscholl ein wildes Geheul, und Schüsse antworteten darauf.

„Es wird Ernst!“ sagte der Bruder. „Unsere Tobas sollten doch erst einmal blind feuern?“

„Ja. Die zweite Salve hat jedenfalls Opfer gekostet; die Chiriguanos haben sich nicht aufhalten lassen wollen.“

„Werden sie zurückgedrängt, so nehmen wir sie auf uns. Dann ist das Blutvergießen nicht zu vermeiden.“

„Vielleicht doch. Ich habe bisher den Sendador geschont.

Nun aber werde ich ihm eine Wunde geben, die ihn kampfunfähig macht. Das wird die Chiriguanos so erschrecken, daß sie sich ergeben und er kann uns nun auch nicht mehr entkommen.“

Die Schüsse der Tobas krachten noch immer von oben herab, und das Kampfgeschrei war noch nicht verstummt, ja, es schien ärger als vorher zu werden. Dann gab es ein entsetzliches Gebrüll, auf welches plötzliche Stille eintrat. Unsere Leute hatten nun die Stelle erreicht, wo der Saumpfad aus dem Freien in den Felsen trat; da flog ihnen eine ganze Wolke von Pfeilen entgegen, so daß sie schnell zurückweichen mußten, um sich zu decken.

„Hab’s gedacht!“ murrte Pena, indem er sich eine Pfeilspitze aus dem Unterschenkel zog. „Nur um Gottes willen ja keinen Tropfen Feindesblut vergießen; das unserige aber mag fließen!“

„Wer ist schuld daran?“ fragte ich. „Wer heißt Ihnen denn, sich den Pfeilen auszusetzen? Sie wollten sich von mir nichts mehr sagen lassen und haben auf eigene Faust gehandelt. Nun brummen Sie nur nicht etwa mich an, da Sie von einem Spitzchen geritzt worden sind!“

„Spitzchen? Geritzt? Da hört doch alles auf! Ein Glück nur, daß diese Pfeile nicht vergiftet sind! Wie wollen Sie denn übrigens die Roten überwältigen, wenn Sie nicht angreifen?“

„Das sollen Sie sofort sehen.“

„Bin neugierig!“

Unweit des Ufers lag ein Felsenstück von nicht unbedeutender Größe. Ich winkte den Steuermann zu mir, und er half mir den Stein bis zum Eingang des Saumpfades wälzen. Zwischen der Felswand und dem Steine blieb eine Lücke, groß genug, um den Lauf eines Gewehres hindurchzustecken.

Dann legte ich mich zur Erde, nahm den Stutzen und kroch bis zu der Lücke. Sie erlaubte mir, den unteren Teil des aufwärts steigenden Weges überblicken zu können, ohne getroffen zu werden.

Da standen rechts und links an die Wände gelehnt die Chiriguanos, die Pfeile schußbereit in den Händen, sobald sich einer von uns unten sehen lassen werde. Andere schossen unausgesetzt nach dem Steine, hinter welchem ich steckte und dessen Zweck sie leicht errieten. Weiter oben stand der Sendador und redete lebhaft in einen Roten hinein, welcher besorgt auf die Männer deutete, welche von dort herab kamen. Mehrere von ihnen waren verwundet; auch zwei Tote brachte man getragen. Man sah es den verschiedenen Gesten und den Gesichtern der beiden Sprechenden an, daß sie sehr verschiedener Meinung seien. Der Rote riet jedenfalls zum Abbruch des Kampfes, während der Sendador die Fortsetzung desselben verlangte.

Ich beschloß, der Meinung des ersteren Nachdruck zu verleihen, und legte meinen Stutzen auf den Sendador an. Die Kugel desselben war klein, während diejenige des Bärentöters nicht nur eine größere Wunde gerissen, sondern vielleicht auch noch den Knochen zerschmettert hätte. Der Sendador war dem Tode geweiht, das wußte ich; aber nicht ich wollte derjenige sein, der das Blut dieses Mannes auf seine Seele nahm.

Ich zielte sehr genau und länger als gewöhnlich auf den rechten Oberarm, welchen er heftig bewegte; ich wollte ihn nur in den rechten treffen, um ihn kampfunfähig zu machen; eine Verwundung des linken Armes hätte diese Folge wohl nicht gehabt. Jetzt hielt er ihn drohend empor, und ich drückte ab. Der Arm sank nieder, und der Sendador stieß einen Schrei aus. Er befühlte das verwundete Glied mit der linken Hand, wendete sich dann abwärts, richtete einen grimmigen Blick nach dem Steine und schrie mit solcher Stimme, daß ich trotz der Entfernung jedes Wort verstand:

„Hund, ich weiß, wer geschossen hat. Sei verflucht, deutsche Kanaille!“

Das war sehr unklug von ihm. Er mußte doch erkennen, daß der Sieg von ihm nun unmöglich zu erreichen sei; indem er mich beleidigte, verschlimmerte er doch nur seine Lage.

Er schien ins Wanken zu kommen. Zwei Indianer faßten ihn und führten ihn fort, nach einer Stelle, wo ich ihn nicht mehr sehen konnte. Der Rote, welcher mit ihm gesprochen hatte, verschwand mit ihm, kehrte aber schon nach kurzer Zeit zurück. Es versammelten sich andere um ihn, welche sich lebhaft mit ihm unterhielten. Dann band einer von ihnen ein Tuch an die Spitze seiner Lanze und kam, diese improvisierte Friedensfahne schwingend, langsam den Saumpfad herab.

Ich sah aus den Bewegungen seiner Hände und aus seinem Mienenspiele, daß er den rechts und links postierten Indianern das Schießen verbot. Darum erhob ich mich hinter meinem Steine, trat in die Mitte des Weges und erwartete den Parlamentär. Meine Gefährten kamen auch herbei. Der Kampf ruhte für jetzt. Als der Mann herbeigekommen war, verbeugte er sich ungelenk und sagte in sehr gebrochenem Spanisch:

„Sennores, der Häuptling sendet mich. Wenn ihr ihn um Frieden bittet, wird er euch denselben vielleicht gewähren.“

Die erste Antwort, welche er erhielt, war ein allgemeines, lautschallendes Gelächter. Ich war der einzige, der mit Mühe seinen Ernst zu wahren vermochte. Der Bote wurde hochverlegen, hatte aber nicht anders sprechen können, als ihm befohlen worden war. Darum antwortete ich, als das Lachen so ziemlich verschollen war:

„Gehe, um deinem Häuptling zu sagen, daß, wenn er, nämlich er, nicht sofort um Gnade bittet, meine Leute von oben herab und von hier unten hinauf euch zusammendrängen und wie ein Nest voller Mäuse zerstören werden!“

„Sennor, Sie sind wohl – – –“

„Gehe, gehe!“ wehrte ich seine Rede ab. „Ich habe dir gesagt, was ich verlange, ich mag kein weiteres Wort hören. Ich schieße gern, spreche aber wenig!“

Das schüchterte ihn so ein, daß er sich schleunigst entfernte.

„Wir haben durch die Ankunft dieses Parlamentärs viel gewonnen,“ bemerkte ich.

„Möchte wissen, was,“ brummte Pena mißmutig.

„Nun, stehen wir nicht unbelästigt hier, und vermögen wir nicht mit unsern Gewehren den Pfad zu bestreichen? Das konnten wir vorher nicht. Legt nur eure Flinten an die Wangen. Das wird meine Antwort bedeutend unterstützen.“

Der Parlamentär kam bei dem oben stehenden Häuptlinge an und sagte ihm meine Worte. Der Anführer sah zu uns nieder und erblickte die Mündungen der vielen auf seine Roten gerichteten Gewehre. Das machte ihn so bestürzt, daß er schnell hinter der Krümmung des Saumpfades verschwand, jedenfalls um mit dem dort befindlichen Sendador zu sprechen. Er kehrte erst nach längerer Zeit zurück, erteilte dem Boten neue Instruktion und dieser kam wieder zu uns herab.

„Sennor,“ sagte er, „der Häuptling wünscht den Frieden, wenn Ihr uns alle ziehen lasset.“

„Auch den Sendador mit?“

„Ja.“

„Sage deinem Häuptlinge, daß wir Freunde der Chiriguanos sind. Wir haben sechs eurer Wächter gefangen und bereits vieren von ihnen die Freiheit gegeben. Wir wollen nicht mit euch kämpfen; wir verlangen weder euer Leben, noch eure Freiheit oder euer Hab und Gut. Wir wollen jetzt und stets im Frieden mit euch leben, aber wir verlangen den Sendador ausgeliefert, damit er sich für alles, was er gegen uns unternommen hat, verantworten möge. Liefert ihr ihn uns aus, so seid ihr frei und könnt gehen, wohin ihr wollt. Ich gebe euch nur zehn Minuten Zeit. Ist bis dahin euer Entschluß noch nicht gefaßt, so marschieren wir hier in den Pfad hinein, um euch unseren oben auf der Höhe stehenden Leuten in die Arme zu treiben. Es wird dann von euch keiner leben bleiben, der die Toten zählen kann. Also nur zehn Minuten, sage das dem Häuptlinge!“

Er ging trübselig von dannen. Der Bruder fragte mich:

„Warum bestehen Sie so auf diesen zehn Minuten?“

„Weil es uns Vorteil bringt. Ich denke, die Roten möchten, um sich selbst zu retten, uns den Sendador ganz gern ausliefern, aber sein Einfluß auf sie ist groß, und er wird ihnen solche Versprechungen machen, daß die Verhandlung sich wohl in die Länge ziehen wird. Dies benutzen wir, indem wir hier geschlossen und mit erhobenen Läufen vorrücken. Es ist kein Waffenstillstandsbruch, wenn wir die zehn Minuten respektiert haben. Indem wir vorgehen, drängen wir die Roten, welche keinen Widerstand wagen werden, nach oben. Sie verlieren immer mehr Terrain und werden zuletzt so eingeengt, daß sie sich ohne weitere Verteidigung ergeben müssen.“

Meine Voraussetzung bewahrheitete sich. Nach der angegebenen Zeit setzten wir uns in Bewegung. Die erschrockenen Indianer, welche den Pfad besetzt hielten, wichen zurück. Ihr Geschrei lockte den Häuptling herbei. Er sah die Mauer von Gewehrläufen, welche stetig, Schritt um Schritt, nach oben rückte, und verschwand augenblicklich wieder hinter der Krümmung des Weges.

Als wir diese erreichten, erblickten wir die Schar der Roten; sie trugen ihre Toten und. Verwundeten, auch der Sendador war bei ihnen, und eilten soeben um eine zweite Krümmung des Saumpfades.

Natürlich eilten wir ihnen schneller als bisher nach. Es war ja möglich, daß sie beabsichtigten, sich nach oben durchzuschlagen. Als wir die Drehung des Weges hinter uns hatten, überblickten wir die Situation.

Der Pfad führte von hier aus in schnurgerader Richtung nach der Höhe des Felsens; er war wie künstlich in das Gestein gehauen, so daß man weder nach rechts noch links zu weichen vermochte. Unten kamen wir; da gab es keinen Erfolg für die Roten; sie hatten also ihre Hoffnung aufwärts gerichtet.

Dort standen die zwanzig Tobas, bei ihnen ein Chiriguano mit der Friedensfahne. Er hatte gemeldet, daß unten unterhandelt werde, und daraufhin hatten die Tobas mit Schießen eingehalten; sie glaubten nun, so lange dieser Mann mit seiner Fahne dastehe, sich nicht feindselig verhalten zu dürfen. Das aber wollten die Chiriguanos benutzen und sich mit dem Sendador durchdrängen.

Um diesen Plan zunichte zu machen, schoß ich meine schwere Büchse ab. Der Knall, dessen Stärke durch den vielfachen Wiederhall verzehnfacht wurde, lenkte die Augen der Tobas auf uns; sie sahen uns kommen mit den Waffen in den Händen, wie zur Verfolgung der Feinde, und wußten nun, was sie zu thun hatten.

Ich sah, daß sie den Fahnenträger einfach niederschlugen und ihre Gewehre und sonstigen Waffen auf die Chiriguanos richteten. Aus der Mitte derselben erklang eine laute Stimme, doch waren die Worte wegen der Größe der Entfernung nicht zu unterscheiden. Von oben wurde geantwortet. Rede wechselte mit Gegenrede, und das gab uns Zeit, bis auf Hörweite heranzukommen. Pena rief den Tobas zu, die Feinde nicht durchzulassen; die ersteren traten enger zusammen und die letzteren sahen sich zwischen unempfindlichen Felsen und unerbittlichen Feinden so eingeengt, daß ihnen jede Hoffnung weichen mußte. Da trat der Parlamentär aus ihren Reihen, kam zu mir und meldete:

„Sennor, der Sendador will mit Ihnen reden.“

„Er mag kommen.“

„Nein, Sie sollen zu uns kommen.“

„Das fällt mir gar nicht ein!“

„Er sagt, daß Sie es wagen können; es werde Ihnen nichts geschehen.“

„Nichts, als daß man versuchen wird, mich festzunehmen, um einen Geisel zu haben, gegen welchen er und auch ihr alle eure Freiheit erhaltet! Er hat schon oft gelogen und man darf ihm nicht trauen. Ich aber lüge nicht. Wenn er kommt, so kann er nach der Unterredung zu euch zurückkehren; ich gebe ihm mein Wort darauf und werde dasselbe sicherlich halten.“

„Ich werde ihm das sagen.“

Der Mann entfernte sich wieder und kam nach kurzer Zeit mit dem Vorschlage zurück, daß der Sendador mich auf der Stelle treffen wollte, welche mitten zwischen unseren gegenwärtigen Positionen liege; aber keiner solle einen Begleiter mitbringen, und die Waffen seien auch zurückzulassen. Ich ging auf diesen Vorschlag ein und schritt gleich hinter dem Boten her, bis ich an der betreffenden Stelle anlangte. Meine Gefährten schienen sich zu ärgern, daß ich sie nicht um ihre Zustimmung gebeten hatte. Vielleicht dachten sie, daß ich gar die Absicht hege, ein Übereinkommen abzuschließen, ohne sie vorher um Rat und Genehmigung gefragt zu haben, denn ich vernahm ihre unwilligen Stimmen, und dann rief Pena mir zu:

„Sennor, wir wollen Ihnen noch eine Frage vorlegen.“

„Dazu ist später Zeit,“ antwortete ich ihm.

„Nein; wir müssen wissen, was Sie vorhaben.“

„Das werde ich Ihnen später mitteilen. Ich werde auf keinen Fall etwas unternehmen, ohne Ihre Zustimmung geholt zu haben. Übrigens, wenn Sie Mißtrauen in mich setzen, so kommen Sie selbst, um an meiner Stelle mit dem Sendador zu sprechen!“

„Alle Wetter! Das fällt mir freilich nicht ein. Nein, bleiben Sie nur dort!“

Ich fand keine Zeit, mich über das mir gezeigte Mißtrauen zu ärgern, denn jetzt kam der Sendador auf mich zu. Es war ein eigenes Gefühl, welches ich empfand, als ich diesen Mann hier nun abermals erblickte, ein abgehetzter, dem Tode geweihter Verbrecher, welcher bei Gott keine Gnade sucht und bei den Menschen keine findet.

Er trug den rechten Arm in einer improvisierten Binde. Als er vor mir stehen blieb, blickte er mir mit scharfen, finsteren Augen in das Gesicht, als ob er mein Inneres ganz durchdringen wolle. Ich muß gestehen, daß es mir herzlich leid um ihn that. Was hätte dieser Mann bei seinen hohen Gaben, wenn er auf dem rechten Wege geblieben wäre, sein können, und was war er geworden, da sein Fuß die Irrwege des Verbrechens betreten hatte! Bei den Verhältnissen des Landes, in welchen er lebte, hätte er es zu hohen Ehrenstellen bringen können; nun aber stand er vor mir als ein ebenso gehaßter wie gefürchteter Verbrecher, dem keine Gnade gegeben werden sollte, welcher vielmehr dem baldigen und gewaltsamen Tode entgegen ging. Es erfaßte mich eine unbeschreibliche, milde Regung. Wäre es jetzt auf mich angekommen, wahrhaftig, ich hätte ihn gegen das Versprechen der Besserung laufen lassen.

„Da haben wir uns ja wieder,“ sagte er mit ungewisser Stimme und indem er zu lächeln versuchte, aber nur eine krampfhafte Verzerrung des Gesichtes hervorbrachte. „Die Verhältnisse sind genau dieselben. Werden wir auch wieder so glatt und schnell auseinander kommen?“

„Schwerlich, denn die Verhältnisse sind nicht dieselben, sondern ganz andere. Als wir uns das letztemal sahen, befand ich mich in Ihren Händen; jetzt aber sind Sie in meiner Gewalt.“

„Noch nicht!“

„Gewiß! Wenn Sie es noch bezweifeln sollten, so blicken Sie um sich. Sie sind mit Ihren Leuten von uns eingeschlossen.“

„Allein wir werden uns wehren, bis zum letzten Mann sogar!“

„Welchen Nutzen werden Sie davon haben? Keinen, nicht den mindesten. Sie müssen sich das eingestehen, wenn Sie es mir auch nicht zugeben.“

„Wir sind unser noch genug, um die Mehrzahl von Ihnen zu töten!“

„Selbst wenn ich Ihnen da recht geben müßte, würden Sie gezwungen sein, einzugestehen, daß wenigstens eine Anzahl von uns Sie alle überleben würde. Selbst in diesem Falle würde keiner von Ihnen entkommen.“

Er sah finster vor sich nieder und antwortete nicht; ich fuhr fort:

„Aber die Sache liegt ganz anders. Vergleichen Sie Ihre Leute und Ihre Waffen mit den meinigen!“

„Ihre Waffen haben wir zu fürchten; aber meine Chiriguanos sind ebenso tapfer wie Ihre Tobas.“

„Möglich, aber ich bezweifle es. Ich habe gar wohl bemerkt, daß Ihre Indianer sich weigern, den nutzlosen Kampf fortzusetzen; sie sehen ein, daß sie durch einen schnellen Friedensschluß nur gewinnen können, und ich habe dem Häuptlinge bereits gesagt, daß wir sie in diesem Falle ruhig ihres Weges ziehen lassen werden.“

„Das haben Sie gesagt?“ fragte er schnell. „Also darum riet dieser Rote zur Ergebung!“

„Hat er das gethan? Nun, so sehen Sie, daß meine Voraussetzung die richtige ist. Sehen Sie meine Leute an! Ich brauche nur ein einziges Wort auszurufen, so krachen alle ihre Gewehre; diejenigen Ihrer Roten, welche da nicht getroffen werden, wird die zweite Salve wegfegen, ohne daß sie Zeit zum Schießen gefunden haben. Ich bin überzeugt, daß kein einziger Toba verwundet oder gar getötet wird. Von meinen weißen Begleitern und mir selbst will ich gar nicht sprechen. Es bleibt eben für Sie nichts übrig, als sich zu ergeben.“

„Und was haben Sie in diesem Falle in Beziehung auf mich beschlossen?“

„Noch nichts.“

Sein Blick senkte sich wieder zur Erde. Ich wartete, bis er sprechen werde. Er schien nach Auswegen zu suchen, aber keine zu finden. Wenn auch nicht gegen mich, gegen sich selbst aber mußte er aufrichtig sein und sich sagen, daß es für ihn keinen Ausweg gebe, wenigstens keinen, der mit Gewalt zu erzwingen war. Gab es je Rettung für ihn, so konnte er sie nur durch List erreichen. Das wußte ich ebenso gut wie er und nahm mir deshalb vor, mich nicht übertölpeln zu lassen.

„Seien Sie also klug,“ sagte ich, „und fügen Sie sich!“

„Um mich dann von Ihnen umbringen zu lassen! Ich danke! Hätte ich doch Sie niemals kennen gelernt!“

„Ich hege ganz denselben Wunsch! Da wir es nun aber miteinander zu thun haben, so müssen wir eben mit diesen Thatsachen rechnen.“

„So sagen Sie mir aufrichtig, was mit mir geschehen wird, wenn ich Ihrer Aufforderung folge und mich ergebe.“

„Hm! Ich glaube, daß Sie sich das selbst sagen können.“

„Man wird mich töten?“

„Wahrscheinlich.“

„Auf Ihren Befehl?“

„Nein.“

„Ja, das dachte ich. Was Sie wollen, das weiß ich genau. Sie würden mich vielleicht entfliehen lassen.“

Er sah mich dabei prüfend an; ich antwortete ihm kopfschüttelnd:

„Täuschen Sie sich nicht! Ihr Tod kann mir allerdings nichts nützen; aber so, wie ich es am Nuestro Sennor gemacht habe, würde ich es keinesfalls wieder thun. Ich verhalf Ihnen zur Flucht; Sie täuschten mein Vertrauen, lockten uns in einen Hinterhalt, und nahmen uns gefangen. Sollte ich ja auf den Gedanken kommen, Ihnen die Freiheit zu geben, so würde ich Sie sicher vorher unschädlich machen.“

„Auf welche Weise?“

„Auf keine, denn es giebt Ihnen gegenüber keine, und also ist gar nicht daran zu denken, daß ich Ihnen Hoffnung geben kann.“

„Und doch! Ich bin überzeugt, daß Sie mir behilflich sein werden, von hier zu entkommen.“

„Und ich sage Ihnen, daß Sie sich da gewaltig irren. Ganz abgesehen von mir und meinen Begleitern, von allem, was Sie uns gethan und gegen uns beabsichtigt haben, sind Sie ein so allgemein gefährlicher Mann, daß es eine Sünde gegen andere und uns Fremde wäre, Sie wieder auf freien Fuß gelangen zu lassen.“

„So sagen Sie wenigstens, was ich Ihnen gethan habe! Können Sie mir etwa beweisen, daß ich Ihnen nach dem Leben getrachtet habe?“

„Nun, ich dächte doch!“

„Nein, ich wollte mich Ihrer Person bemächtigen, weil ich glaubte, es werde mir mit Ihrer Hilfe möglich sein, die Pläne und Kipus zu entziffern.“

„Und wenn diese Voraussetzung eingetroffen wäre, was hätten Sie dann gethan?“

„Ich hätte Sie reichlich belohnt entlassen.“

„Das machen Sie mir lieber gar nicht weis. Ich kenne das Schicksal, welches mich dann betroffen hätte, sehr genau.“

„Sie irren. Und sagen Sie mir doch, was Ihre Gefährten zu fürchten hatten? Ich hätte sie ermorden können; aber ich habe es nicht gethan, sondern sie zu den Mbocovis bringen lassen.“

„Um zunächst möglichst viel Lösegeld zu erpressen und sie nachher verschwinden zu lassen, wie dies ja stets Ihre Art und Weise gewesen ist.“

„Gewiß nicht! Ich brauchte nur Sie. Durch Ihre Hilfe wollte ich mich in den Besitz der vergrabenen alten Schätze setzen. Dabei waren Ihre Begleiter mir natürlich im Wege. Darum wurden sie gefangen genommen und entfernt. Es gelang mir auch, Sie zu ergreifen. Wären Sie nicht entflohen, so befänden wir uns schon längst an Ort und Stelle, und Sie wären überzeugt, daß ich es gut mit Ihnen gemeint habe. Waren die Schätze gehoben, so hätte ich den Chiriguanos den Befehl erteilt, Ihre Begleiter frei zu lassen. Und das wollen Sie mir dadurch vergelten, daß Sie mir nach dem Leben trachten!“

„Ich persönlich trachte nicht nach demselben. In Ihrer jetzigen Lage sind Sie natürlich gezwungen, Ihr Verhalten zu beschönigen und Ihre Absichten als die besten darzustellen; aber Sie können unmöglich verlangen, daß ich Ihnen glaube.“

„Zum Teufel! Warum denn nicht?“

„Weil Sie mich bereits belogen haben, überhaupt, weil Sie der Sendador sind.“

„Sennor, ich glaubte, Sie würden verständiger denken!“

„Ich verhalte mich so verständig wie möglich, denn einem Manne, wie Sie sind, gegenüber, kann man den Verstand nicht anhaltend und scharf genug zu Rate ziehen.“

„Nun, mögen Sie von mir gedacht haben, was Sie wollen, jetzt meine ich es ehrlich, und Sie können mir vertrauen. Ich meine es wirklich gut mit Ihnen, wie ich sofort beweisen werde.“

„Dieser Beweis dürfte Ihnen wohl nicht leicht werden.“

„Sehr leicht. Ich habe mit Ihnen, aber auch nur mit Ihnen allein, also unter vier Augen sprechen wollen, um Ihnen einen Vorschlag zu machen.“

„Welchen?“

ich fragte das, obgleich ich genau wußte, welchen Antrag ich zu hören bekommen würde. Jedenfalls wollte er mich verlocken, mit ihm nach seinem Versteck zu gehen, die Kipus zu entziffern und dann, falls mir dieses gelingen sollte, den Ort aufzusuchen, auf welchen sich die Aufzeichnungen bezogen. Ging ich auf diesen Plan ein, so erlangte er die Freiheit und konnte nach Belieben mit mir verfahren. Er hatte schon jetzt mit gedämpfter Stimme gesprochen. Nun antwortete er noch leiser als bisher:

„Lassen Sie mich frei. Dann heben wir die Schätze und teilen sie miteinander!“

Sein Auge war mit größter Spannung auf mich gerichtet. Ich antwortete ihm in sehr ernstem Tone:

„Sie haben mir schon einmal einen ähnlichen Vorschlag gemacht, und ich war so unvorsichtig, darauf einzugehen. Wir alle haben die bösen Folgen davon zu tragen gehabt. Zum zweitenmal lasse ich mich nicht bereden. Das können Sie sich denken.“

„Bedenken Sie, was ich Ihnen biete!“

„In Worten, ja; aber in der That bieten Sie mir das Gegenteil. Falls ich mich bereitwillig finden lassen wollte, könnte ich nur hinter dem Rücken meiner Freunde handeln, und nach den Erfahrungen, die wir mit Ihnen gemacht haben, würde das ein doppelter Fehler von mir sein.“

„Was gehen diese Leute Sie an? Sind sie Ihnen nicht ganz und gar fremd?“

„Nein. Wir sind Freunde geworden, und ich bin es ihnen schuldig, aufrichtig und ehrlich zu sein. Und zweitens gebietet mir die Sorge für mich selbst, Ihren Vorschlag zurückzuweisen.“

„Warum? Ich wüßte doch wirklich nicht, welche Bedenken Sie gegen denselben hegen könnten.“

„Nicht gegen den Vorschlag, sondern gegen die Ausführung desselben, welche eine ganz andere sein wird, als Sie mir jetzt versprechen.“

„Sennor, ich halte Wort! Ich schwöre es Ihnen zu!“

„Schwören Sie lieber nicht, denn einem Manne, welcher sein Wort nicht hält, wird auch der Schwur nichts gelten. Sie meinen, ich solle an meinen Freunden zum Verräter werden, indem ich hinterlistig mit Ihnen davonlaufe. Gelingt es mir, die Kipus zu lesen und die Zeichnungen zu verstehen, Ihnen also den Ort anzugeben, an welchem gesucht werden muß, so erhalte ich dann den wohlverdienten Lohn, den Tod.“

„Sennor!“ rief er aus.

„Bemühen Sie sich nicht! Ich kenne Sie. Sie werden sich hüten, mit mir zu teilen. Lassen wir diesen Gegenstand fallen. Ein Gespräch über denselben führt zu keinem Ziele.“

„Wovon aber sollen wir denn da eigentlich sprechen?“

„Nur allein davon, ob Sie sich ergeben wollen oder nicht.“ „Also, Sie wollen meine Kipus nicht?“

„Nein, wenigstens von Ihnen nicht.“

Da lachte er halblaut vor sich hin und sagte:

„Sennor, jetzt wiederhole ich Ihnen Ihre eigenen Worte: Machen Sie mir nichts weis! Sie sind ganz des Teufels auf diese geheimnisvollen Schnüre, denn nur um ihretwillen sind Sie mir durch dick und dünn bis hierher gefolgt. Und das beruhigt mich, denn dieser Ihrer Gier werde ich mein Leben und sogar auch meine Freiheit zu verdanken haben.“

„Sie bauen Luftschlösser!“

„Gewiß nicht. Wenn Sie mich ermorden, stirbt mein Geheimnis mit mir, und das können Sie nicht wollen. Aus diesem Grunde sind Sie gezwungen, mich gegen Gomarra und Pena, welche die schlimmsten sind, in Schutz zu nehmen.“

„Ihre Berechnung ist falsch. Gomarra hat wegen seines ermordeten Bruders mit Ihnen abzurechnen, und ich fühle weder die Lust, noch die Verpflichtung, ihm hinderlich zu sein.“

„So müssen Sie also auf die Kipus und die an ihnen hängenden Schätze verzichten!“

„Auch hierin täuschen Sie sich. Ich werde die Kipus von Ihnen erhalten.“

„Oho! Werde mich hüten, Ihnen zu sagen, wo sie sich befinden!“

„Das weiß ich; aber ich werde es dennoch erfahren.“

„Durch wen denn? Niemand außer mir weiß, wo sie sind.“

„Gomarra kennt den Ort genau, an welchem Sie die Flasche vergraben haben.“

„Sie halten mich für sehr dumm. Die Flasche habe ich weggeholt und anderswo versteckt.“

„Das kann ich mir leicht denken. Sie haben eine ganze Nacht gebraucht, um das Versteck zu ändern.“

„Wer sagte Ihnen das?“ fragte er erstaunt.

„Das ist Nebensache.“

„Nun, ich brauche es nicht zu erfahren. Aber wenn ich eine ganze Nacht gebraucht habe, um ein anderes und besseres Versteck zu suchen, so müssen Sie sich doch sagen, daß es sehr schwer zu finden sein wird.“

„Höchst wahrscheinlich sogar sehr leicht. Gerade weil Sie die Nacht dazu genommen haben, ist es Ihnen nicht möglich gewesen, Ihre Spuren zu verbergen. Ich lasse mich von Gomarra an die betreffende Stelle führen und hoffe sehr zuversichtlich, daß ich Ihre Fährte finde, welche mich zum neuen Verstecke führen wird.“

„Da hoffen Sie freilich viel zu viel, Sie personifizierter Scharfsinn Sie!“ rief er höhnisch aus.

„Lachen Sie immerhin!“ antwortete ich gelassen. „Ich habe noch ganz andere Dinge zustande gebracht.“

„Was denn?“

„Habe ich nicht meine Gefährten befreit? Wie konnte ich wissen, wo sie sich befanden?“

„Ja, in dieser Beziehung sind Sie ein Teufel. Wagt dieser Mensch sich ganz allein nach der Laguna de Bambu, um die Gefangenen zu holen!“

„Nun, so ganz allein war ich nicht. Ich hatte die Tobas bei mir.“

„Diese Hunde! Dachte es mir, als ich sie heute bei Ihnen sah!“

„Diese waren es nicht, denn sie haben wir erst hier getroffen. Es waren die Tobas des alten Desierto.“

„Unmöglich!“ rief er aus, wobei ich sah, wie sehr er erschrak.

„Herr,“ lachte ich ihn an, „Jedes Kind konnte sich denken, daß wir von der Laguna de Carapa aus nach der Laguna de Bambu gehen würden. Und Sie sind doch wohl scharfsinniger als ein Kind, dessen ich mich als Beispiel bediene, weil Sie soeben dasselbe thaten.“

„Was konnte ich denn wissen? Ich war nicht dabei.“

„Nicht? Sie lügen. Ich habe Sie gesehen, und wenn nicht eine unverzeihliche Nachlässigkeit vorgekommen wäre, so hätten Sie uns nicht entkommen können. Wollen Sie etwa auch das leugnen, daß Sie des Nachts, als wir das Lager umzingelt hielten, mir nach dem Leben getrachtet haben?“

„Zum Henker!“ knirschte er hervor. „Mit Ihnen ist wirklich nichts anzufangen.“

„Wenigstens Sie werden nichts fertig bringen. Sie wollten mich töten, und nun soll ich mich mit Ihnen verbinden und Ihnen mein volles Vertrauen schenken!“

„Ich habe Sie mir stets erhalten wollen, schoß aber in jener Nacht auf Sie, weil ich glaubte, daß die Tobas nichts machen könnten, wenn nur erst Sie tot seien.“

„Das ändert nichts an meinem Entschlusse. Fassen Sie sich kurz! Ergeben Sie sich?“

„Nein.“

„So sind Sie verloren. Liefern Sie sich aber freiwillig aus und geben Sie mir die Kipus, so werde ich nach Kräften auf Gomarra einzuwirken versuchen, um ihn zum Verzicht auf seine Rache zu bewegen.“

„Fällt mir nicht ein! Die Kipus sind das einzige Mittel, welches mir das Leben retten kann.“

„Ist das Ihr letztes Wort?“

„Ja.“

„So sind wir fertig. Gehen Sie!“

ich drehte mich um.

„Sennor,“ rief er mir zu, „ich sage Ihnen, daß wir uns bis auf den letzten Mann wehren werden!“

„Immerzu!“

Ich kehrte zu den Meinigen und er zu den Chiriguanos zurück. Pena fragte, was er mir für Vorschläge gemacht habe, und ich berichtete ihm die Wahrheit. Es war gar kein Zweifel an unserem Siege zu hegen. Die Tobas und wir Weißen hielten die Gewehre schußbereit, um sofort abzudrücken, falls auch nur ein einziger Feind seinen Bogen gegen uns anlegen werde. Aber das geschah nicht. Der Sendador war in dem dichten Haufen der Roten verschwunden, und wir ersahen aus ihren lebhaften Gestikulationen, daß mit großem Eifer verhandelt wurde. Dann sandte man uns abermals den Unterhändler, welcher die bereits erwähnte Fahne trug.

„Sennor,“ meldete er, „der Häuptling wünscht noch einmal mit Ihnen zu sprechen.“

„Er mag kommen; aber es ist das letzte Mal!“

Der Rote kehrte zurück, und dann kam der Anführer langsam auf uns zugeschritten. Vor mir blieb er halten und fragte:

„Habt ihr es wirklich nur auf den Sendador abgesehen?“

„Ja,“ antwortete ich. „Auf euch nicht.“

„Wenn wir ihn euch übergeben, dürfen wir in unsere Heimat zurückkehren?“

„Das dürft ihr. Freilich müssen wir vorsichtig sein. Ihr werdet uns die Waffen ausliefern müssen und erhaltet sie aber zurück, wenn wir uns von euch trennen.“

„Gut! Ihr sollt den Sendador haben!“

„Aber lebendig!“

„Natürlich, und unsere Waffen dazu! Er will, daß wir uns für ihn von euch niederschießen lassen sollen. Er ist unser Verbündeter, und wir würden ihn verteidigen, wenn wir nur den geringsten Erfolg erwarten könnten. Da ich dagegen war, raste er vor Zorn und beleidigte mich mit Worten, welche den besten Freund zum Feinde machen. Wartet nur wenige Augenblicke, so werden wir ihn bringen!“

Er entfernte sich wieder. Als er die Seinen erreichte und im Kreise derselben verschwand, bemerkten wir ein kurzes Durcheinander und hörten die fluchende, schreiende Stimme des Sendador. Dann öffnete sich der Knäuel, und der Häuptling erschien wieder, gefolgt von vier Kriegern, welche den an den Händen gefesselten Sendador geführt brachten.

„Da nehmt ihn hin,“ rief uns der erstere schon von weitem entgegen. „Ich habe Wort gehalten und mag mit ihm nichts mehr zu thun haben. Meine Leute sind einverstanden. Ich hoffe, daß ihr nun auch euer Versprechen erfüllen werdet!“

Während dieser Worte waren die sechs Männer herangekommen. Nie hatte ich ein so grimmiges, von Wut verzerrtes Gesicht gesehen, wie dasjenige des Sendador.

„Ja, hier habt ihr mich!“ zischte er mich an. „Die Hunde sind mir untreu geworden; sie hätten mich wohl nicht überwältigt, wenn Sie mir nicht den Arm zerschossen hätten! Das ist auch eins Ihrer Kunststücke, welche Ihnen der Teufel einst lohnen wird. Nun ist geschehen, was Sie wollten; ich befinde mich in Ihrer Gewalt; aber erreicht haben Sie Ihren Zweck noch lange nicht!“

Ich hielt es für unnötig, ihm eine Antwort zu geben, und wendete meine Aufmerksamkeit zunächst den Chiriguanos zu, welche entwaffnet werden mußten. Sie lieferten ihre Messer, Bogen, Pfeile und Lanzen ab; der Häuptling gab seine Flinte her, und dann zogen wir durch den Hohlweg hinauf zur Felsenplatte, wo sich die Pferde der Feinde befanden. Diese letzteren wurden in eine Ecke gewiesen, die von einer Reihe bewaffneter Tobas eingeschlossen ward.

Von hier oben hatten wir eine weite Aussicht auf den Salzsee. Der Häuptling sagte mir, wo sich die noch ausstehenden Posten befanden, meinte jedoch dann, als ich ihm wiederholte, daß wir die vier gefangenen Wärter freigelassen hätten:

„Die werden zu den andern gelaufen sein und sie benachrichtigt haben. Nun stecken sie alle irgendwo in der Nähe, um zu erfahren, was hier geschehen ist und noch geschehen wird, dann werden sie sich freiwillig zu uns finden. Was werdet ihr mit dem Sendador nun thun? Ihn töten?“

„Ich fürchte, daß er nicht zu retten sein wird.“

„Immerhin! Er hat mich einen Feigling genannt, wofür ich mir sein Blut nehmen muß. Laßt ihr ihn am Leben, so fällt er in meine Hände!“

Das war eine neue Verschlimmerung der Aussichten des Sendador, der sich jetzt so zu beherrschen wußte, daß er ganz fröhlich dreinschaute. Das ärgerte Pena und noch mehr Gomarra. Dieser letztere kam zu mir und sagte in zornigem Tone:

„Sehen Sie sich den Halunken an! Macht er nicht ein Gesicht, als ob wir seine Gefangenen seien und nicht er der unserige? Endlich befindet er sich wieder in unserer Gewalt, und diesesmal soll er mir nicht wieder entkommen. Oder haben Sie etwa abermals die Absicht, einen heimlichen Pakt mit ihm zu machen?“

„Nein.“

„Also gehört er mir?“

„Noch nicht.“

„Ich habe das erste und größte Recht der Rache!“

„Das gebe ich zu. Aber er ist unser aller Gefangener und ein jeder hat mit zu bestimmen. Wir wollen die Kipus haben. Was dann geschehen soll, das werden wir jetzt beraten.“

„Der Henker hole Ihre Beratung! Er gehört mir; er ist mein, und damit basta!“

Das klang so drohend und leidenschaftlich, daß ich antwortete:

„Keine Dummheit! Wer sich an ihm vergreift, ohne daß ich es ihm erlaubt habe, dem jage ich eine Kugel durch den Kopf.“

„Auch das noch! Sehen Sie dort das Kreuz? Da modern die Gebeine meines ermordeten Bruders. Soll diese That nicht ihre Strafe finden?“

„Sie soll es, aber in der gehörigen Weise. Der Thäter soll bestraft, aber nicht ermordet werden, verstanden?“

„Ich handle nach den Gesetzen der freien Pampa!“

„Ich auch. Verbietet dieses Gesetz etwa, daß verständige Männer über eine geschehene That zu Gericht sitzen?“

„Nein; aber ich kenne diese Gerichte, und ich kenne euch, besonders Sie. Wenn es auf Sie ankäme, so ließen Sie den Schuft frei und gäben ihm sogar noch ein Pferd, Waffen und Proviant mit auf den Weg.“

„Die Beratung soll sofort stattfinden; da wird es sich zeigen, was ich sage.“

„Ich stimme für den augenblicklichen Tod.“

„Du hast gar nicht mitzustimmen.“

„Ich nicht?“ fragte er erstaunt.

„Nein, denn du bist der Ankläger und hast dich zur Seite zu halten und nur dann zu antworten, wenn du gefragt wirst.“

„Sennor, das dulde ich nicht!“

„Schweig‘! Ich frage wahrlich nicht darnach, was dir gefällig ist. Wir werden beschließen, und du hast dich zu fügen. Zügle deine Leidenschaft, denn ich werde unserm Beschlusse Nachdruck zu geben wissen.“

„Und ich meinem Willen auch!“

Mit dieser Drohung wendete er sich ab und setzte sich in einiger Entfernung auf den Boden nieder. Darauf traten wir Weißen zusammen, um über das Schicksal des Sendador zu entscheiden. Nur der Bruder und ich waren dafür, ihn mitzunehmen und der Obrigkeit zu übergeben; die andern stimmten dagegen und betonten ganz besonders die möglichen Zwischenfälle, durch welche der Verbrecher uns entrissen werden konnte. Kein einziger war für die Begnadigung desselben. Alle aber waren darin überein, daß wir die Kipus haben müßten.

Als die Beratung zu Ende war, erhielt ich den Auftrag, das Resultat derselben dem Sendador und Gomarra mitzuteilen. Wir umringten den ersteren und riefen den letztern herbei. Der Sendador schaute sehr hoffnungsvoll drein. Er deutete es jedenfalls für einen guten Umstand, daß wir nicht nach der Meinung Gomarras, seines größten Feindes, gefragt hatten.

„Nun,“ lachte er mir entgegen, „sind die Herren Richter fertig? Was haben sie beschlossen?“

„Lachen Sie nicht! Ihre Lage ist sehr ernst,“ antwortete ich ihm. „Sie haben den Tod vieler Menschen verschuldet, und da das Gesetz der Pampa gebietet, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, so wird man kurzen Prozeß machen und Ihnen eine Kugel geben.“

Er entfärbte sich, stand von der Erde auf und rief aus:

„Eine Kugel? Wann?“

„Jetzt gleich.“

„Alle Wetter! Warum so schnell?“

„Weil Sie nicht verdienen, auch nur eine Minute länger zu

leben.“

„Aber – aber – aber,“ stotterte er erschrocken, „dann sind die Kipus für Sie verloren!“

„Auf welche Sie Ihre einzige und dabei so große Hoffnung gesetzt haben! Nun, ich gestehe, daß wir auf unser Verlangen freilich nicht verzichten, und stelle Ihnen folgende Bedingung: Liefern Sie uns die Kipus und die Pläne aus, so unterbleibt die Exekution!“

„Und ich werde frei?“ fragte er, wieder aufatmend.

„Nein, denn so weit können wir nicht gehen, da dies eine Ungerechtigkeit gegen Gomarra wäre. Sehen Sie dort das Grab seines Bruders? In solcher Nähe des Thatortes können wir ihm nicht zumuten, sich einem Beschlusse zu unterwerfen, welcher Sie straffrei entkommen läßt. Antworten Sie uns die erwähnten Gegenstände aus, so lassen wir Sie allerdings laufen, aber ohne jede Waffe und ohne allen Proviant. Nach einer Viertelstunde kann Gomarra Ihnen folgen. Das übrige ist dann eure Sache.“

„Das ist der sichere Tod! Wie kann ich ohne Proviant entkommen und ohne Waffen mich gegen ihn wehren?“

„Wir beabsichtigen auch gar nicht, Ihnen die Mittel zu bieten, sich zur Wehre setzen zu können. Das wäre ja eine Belohnung Ihres Verbrechens.“

„Die Belohnung ist auch ohnedies schon da,“ fiel Gomarra grimmig ein. „Ich habe geahnt, daß es so kommen werde! Ihn laufen lassen, und dann erst nach einer Viertelstunde ich hinter ihm drein! Wie soll ich ihn, der hier alle Schliche kennt, dann einholen? Er wird vom ersten besten Indianer, der ihm begegnet, Waffen erhalten, denn alle kennen ihn. Nein, damit bin ich nicht einverstanden!“

„Ich ebensowenig!“ rief der Sendador. „Mein Arm ist zerschossen, und das Wundfieber würde mich nach kurzer Zeit niederwerfen. Dafür, daß ich die Kipus und die Pläne ausantworte, muß ich wirklich eine Möglichkeit und nicht nur den Schein einer solchen zum Entkommen haben.“

„Es bleibt bei unserm Beschlusse. Weder Sie, noch Gomarra können etwas daran ändern. Auch liegt es nicht in unserer Absicht, Ihnen eine lange Bedenkzeit zu geben.“

„Ich verlange nur eine Stunde Zeit zum Überlegen, und während derselben kann ich ordentlich verbunden werden.“

„Das gewähre ich Ihnen, aber dann nicht einen Augenblick länger.“

„Und wenn ich auf Ihren Vorschlag eingehe und Sie finden die Schätze, wer erhält dieselben?“

„Derjenige, dem sie gehören. Wahrscheinlich beabsichtigte der ermordete Padre, diese Gegenstände seinem Kloster in Tucuman zu bringen. Wir werden die nötigen Erörterungen anstellen. Läßt sich dann nichts über den Eigentümer entscheiden, so werden wir uns nach den Fundgesetzen derjenigen Provinz richten, zu welcher die betreffende Gegend gehört.“

„Also ich erhalte nichts – gar nichts?“

„Nein. Sie haben die Wahl zwischen dem Tode durch die Kugel und der Möglichkeit, Gomarra zu entkommen. In einer Stunde sagen Sie uns Ihre Antwort.“

„Ich wollte, Sie säßen hier an meiner Stelle, und ich befände mich in Ihrer Haut!“

„Das glaube ich, ist aber glücklicherweise nicht gut möglich.“

Da er an den Händen gebunden und sein rechter Arm schwer verwundet war, so brauchten wir seinerseits keine Gewaltthätigkeit zu befürchten, gaben ihm aber doch zwei Tobas bei, welche kein Auge von ihm lassen sollten.

„Er kann nichts thun und auch nicht fliehen,“ meinte der Bruder Jaguar. „Noch schärfer als auf ihn müssen wir auf Gomarra aufpassen.“

„Das ist wahr,“ antwortete Pena, „denn er ist im stande und übt auf eigene Faust Rache, was ich ihm übrigens gar nicht verdenken kann.“

„Daran werde ich ihn auf gute Weise hindern,“ bemerkte ich. „Ich nehme ihn mit hinab zum See.“

„Jetzt?“ fragte Pena.

„Ja. Auch Sie und der Bruder können mit, da es möglich ist, daß ich Ihrer Hilfe, Ihres Rates, Ihrer Augen und Ihres Nachdenkens bedarf. Gomarra soll uns nämlich die Stelle zeigen, an welcher die Flasche bisher vergraben gewesen ist. Vielleicht gelingt es uns, eine Spur zu entdecken, welche uns nach dem Orte führt, an welchem der Sendador sie von neuem versteckt hat.“

„Das wäre freilich gut; das wäre vortrefflich!“

„Natürlich. Sieht der Sendador, daß wir die Kipus haben, so wird er geneigter als jetzt sein, uns auch die Pläne auszuantworten. Übrigens müssen wir seine Taschen durchsuchen, denn es ist möglich, daß er diese Gegenstände bei sich hat.“

Die Durchsuchung wurde sofort vorgenommen, doch war sie erfolglos. Als wir alle seine Taschen vergeblich durchstöbert hatten, sagte er unter höhnischem Lachen:

„Wie klug die Sennores sind! Nur ich allein bin der Dumme und schleppe alles mit mir herum! Nun ist mir nicht mehr bange um mich. Sie wollen und müssen die Kipus haben, und ich gebe sie nur her, wenn ich meine vollständige Freiheit erhalte.“

Der Mensch war in höchstem Grade zuversichtlich, doch wollte ich mich nicht über seine Dreistigkeit ärgern. Jedenfalls aber wäre es besser gewesen, wenn ich dies gethan hätte, denn dann wäre mir nicht nur sein Hohn mehr aufgefallen, sondern ich hätte seinen Worten eine andere Bedeutung beigelegt und ihn nochmals durchsucht, und zwar genauer als vorher.

Als ich Gomarra aufforderte, uns hinab zum See zu begleiten, folgte er uns sichtlich widerwillig; er hatte also wohl vor, sich eigenmächtig an dem Sendador zu vergreifen.

Wir gingen den bereits beschriebenen Felsenweg hinab, und unten angekommen, bedeutete ich Gomarra, sich der betreffenden Stelle nicht ganz zu nähern, damit nicht etwa vorhandene Spuren verwischt würden. Als wir die Ausmündung des Weges erreichten, wendete er sich nach rechts, ging ein Stück an dem lotrecht aufsteigenden Felsen hin, blieb dann stehen, deutete vorwärts und sagte.

„Sehen Sie den Kriechkaktus aus der Erde ragen und sich an das Gestein schmiegen? Nur zwei kleine Schritte weiter war die Stelle. Darf ich hin?“

4a, aber ich gehe voran.“

ich schritt nur Zoll um Zoll vorwärts, damit mir nicht das geringste, was als Hindeutung zu nehmen war, entgehen könne. Die Stelle, an welcher die Flasche in der Erde gesteckt hatte, war aufgewühlt worden; das sah ich deutlich. Und daneben hatte jemand im Sande gesessen, und zwar längere Zeit; er hatte sich dabei oft von einer Seite nach der andern und infolgedessen eine leicht wahrnehmbare flache und glatte Vertiefung ausgedreht. Im Halbkreise um diese Stelle war der Boden wie mit den Stiefelabsätzen aufgewühlt. Das war alles, was man jetzt noch zu sehen vermochte.

Nun galt es, zu erfahren, wohin der Sendador sich von hier aus gewendet hatte. Aber das war schwer, da zwischen jetzt und der Stunde, in welcher die Spuren entstanden waren, eine zu lange Zeit lag. Dazu führte unsere eigene Fährte, welche wir bei unserer Ankunft am See gemacht hatten, hier vorüber und bildete eine solche Zahl von Fußeindrücken, daß eine ältere Spur unmöglich zu erkennen war.

Ich blickte aufmerksam nach rechts und nach links. Vor uns lag der See, das Wasser nur zwanzig Schritte von uns entfernt. Er war mit einer dicken Salzkruste bedeckt gewesen, wie andere Wasser mit Eis zur Winterszeit, und Wind und Wetter hatten diese Decke zerrissen und die Schollen durch- und aufeinander getrieben.

Am Rande einer solchen Scholle lag etwas Dunkles, Kreisrundes. Ich nahm das Fernrohr her und erkannte, als ich durch dasselbe blickte, diesen Gegenstand als den abgebrochenen, konkav nach innen gebogenen Boden einer gläsernen Flasche. Daneben lag ein kleines Häufchen Sand auf der sonst vollständig reinen und blanken Salzscholle.

Ich kehrte mich wieder zu der vorigen Stelle zurück, um nochmals zu suchen, ohne aber etwas zu finden. Dann aber sah ich an der nahen Kaktusstaude einen vielleicht acht oder zehn Zoll langen Zwirnfaden hängen.

Bis jetzt hatte ich kein Wort gesagt, und die andern hatten meinem Thun schweigend zugesehen. Jetzt erklärte ich:

„Wir sind sehr dumm gewesen. Der Sendador hat die Kipus bei sich.“

„Nein“, antwortete Pena. „Ich habe ihn ganz genau untersucht.“

„Und doch hat er sie bei sich! Wir müssen ihn durchsuchen. Was zwischen dem Zeug und dem Futter steckt, das wissen wir nicht.“

„Was soll da stecken! Wie kommen Sie überhaupt auf diese Idee?“

„Hier haben Sie mein Rohr. Betrachten Sie sich den dunkeln, glänzenden Gegenstand auf jener Scholle genau!“

Pena richtete das Fernrohr nach dem angegebenen Punkte und sagte:

„Ich sehe ihn, ganz deutlich, es ist ein Stück Flasche.“

„Was liegt daneben?“

„Sand.“

„Gut, die ganze Flasche ist hinübergeworfen. Sie ist mit Sand gefüllt worden, damit sie im Wasser untergehen solle. Da es aber nachts gewesen ist, so hat der Betreffende nicht eine offene Stelle des Sees, sondern den Rand dieser Scholle getroffen. Die Flasche ist daran zersprungen, der Boden mit einem Teil des Sandes auf der Scholle liegen geblieben, das übrige aber in das Wasser gefallen.“

„Mit Sand gefüllt? Warum diese Vorsicht?“

„Der Betreffende wußte, daß wir kommen würden; darum mußte die Flasche untersinken, damit wir sie nicht sehen könnten. Es ist die Flasche, welche hier vergraben war.“

„Das begreife ich nicht.“

„Ich sehr leicht. Er hat die Flasche weggeworfen, weil er inzwischen erfahren hatte, daß man den Ort und auch die Flasche genau kannte; darum mußte er die Kipus auf eine andere, vorteilhaftere Weise verbergen. Er grub sie aus, füllte die Flasche mit Sand, warf sie in den See und setzte sich dann her, um die Kipus in seinem Anzug zu verstecken. Daß darüber die Nacht vergangen ist, darf gar nicht Wunder nehmen. Nicht jeder ist ein guter Schneider, zumal des Nachts, ohne Licht.“

„Woher wissen Sie denn das vom Nähen?“

„Hier in dieser Vertiefung hat er gesessen, die er durch sein Hin- und Herdrehen ausgehöhlt hat, und die parallel laufenden Eindrücke rühren von seinen Stiefeln her.“

Die beiden betrachteten die Stelle genau und dann meinte Pena, indem er mir beistimmte:

„Ja, hier hat einer gesessen; das kann aber auch nur in der Absicht, sich auszuruhen, gewesen sein. Wie kommen Sie auf die Vermutung, daß der Betreffende geflickt hat?“

„Durch den Vergleich der Umstände und vor allen Dingen durch dieses hier.“

Ich nahm den Faden vom Kaktus und gab ihn Pena.

„Ein Zwirnfaden, ein dunkelblauer, wahrhaftig!“ rief dieser. „Eine Rolle gerade solchen Zwirns hatte der Sendador vorhin nebst Nähnadeln im Gürtel!“

„Da haben Sie es. Wir brauchen also nur wieder nach oben zu gehen und mit Gomarra – – – ah, wo ist dieser? Ich sehe ihn ja nicht?“

„Ich auch nicht; er ist fort.“

„Dann schnell nach, und hinauf auf die Höhe! Dieser Kerl hat irgend eine Teufelei vor.“

Ich hatte, nachdem mir Gomarra die Stelle, an welcher die Flasche vergraben gewesen war, gezeigt hatte, nicht weiter auf ihn geachtet. Er war uns entflohen, und da konnte er nur die Absicht gehabt haben, sich in meiner Abwesenheit an den Sendador zu machen. Wir folgten ihm in eiligem Laufe, sahen ihn aber nicht, da der Weg eine weite Krümmung machte. Aber als wir nicht mehr weit von der Felsenplatte entfernt waren, hörten wir einen wahren Höllenlärm vor uns.

„Hund!“ hörte ich die Stimme des Sendador brüllen. „Du hast mich nicht zu richten. Warte, bis der Deutsche kommt!“

„Halt, nicht weiter, ihn nicht anrühren!“ hörte ich dann die Stimme des Steuermanns. „Sie dürfen ihm nichts thun!“

„Zurück!“ ertönte die keuchende Stimme Gomarras. „Zurück, oder ich steche! Mein Messer ist vergiftet!“

„Wetter!“ rief der Steuermann erschrocken.

„Ja, Sennor, vergiftet! Und wer mich stört, bekommt es in den Leib. Er soll sterben, augenblicklich, und zwar da, wo er gesündigt hat. Hinab mit ihm!“

Dieser wahnsinnige Gomarra wollte den Sendador von der Platte hinab in die Tiefe stürzen! Wir setzten uns in Galopp, mußten aber leider der Krümmung des Felsenpfades folgen und kamen nicht schnell genug oben an.

Auf dem Felsen herrschte ein ganz unbeschreibliches Getümmel. Alle schrien durcheinander. Als ich aus dem Wege hervorsprang, erblickte ich Gomarra, welcher den Sendador mit einem Arme umfaßt hielt und ihn nach der Kante des Felsens drängte, während er mit der andern Hand, in welcher er das vergiftete Messer hielt, die andern, die ihn hindern wollten, von sich abdrängte. Der Sendador brüllte vor Angst wie ein Stier. Er konnte sich kaum wehren, da ihm die Hände gefesselt waren und ich ihm den Oberarmknochen verletzt hatte.

„Halt!“ rief ich, „halt! Gomarra, lassen Sie, sonst schieße ich Sie über den Haufen!“

Er hatte meine Stimme sofort erkannt, drehte sich einen kurzen Augenblick mir zu und antwortete, noch ehe ich mit meinen Worten zu Ende war:

„Der Deutsche! Aber ich thue doch, was ich will! Hinab mit dir, du Hund von einem Mörder!“

Er umklammerte den Sendador mit beiden Armen und drängte ihn schnell der Kante zu, damit ich zu spät kommen möge – noch einen Schritt – noch einen halben – er stieß den Sendador vor die Brust; dieser verlor das Gleichgewicht, schlang aber im letzten Augenblicke seine beiden Beine um diejenigen Gomarra’s – ein fürchterlicher Schrei aus dem Munde des einen, ein noch entsetzlicherer aus dem Munde des andern, und beide stürzten aus der schwindelnden Höhe in die Tiefe hinab, gerade als ich nahe genug herangekommen war und die Hände nach Gomarra ausgestreckt hatte.

Ich selbst stand nur zwei Ellen vom Abgrunde entfernt. Nicht die Tiefe desselben, sondern die Scene, welche soeben vor meinen Augen versunken war, machte mich schwindelig. Ich griff mir mit den Händen nach dem Kopfe und machte mit Anwendung aller Willenskraft eine Bewegung rückwärts. Der Schwindel wollte mich hinabziehen; diese Anstrengung hielt mich oben; sie war so bedeutend, daß ich vier oder fünf Schritte weit zurücktaumelte und dann beinahe niedergefallen wäre.

Niemand hatte sehr auf mich geachtet. Jeder war mit sich selbst oder dem ihm Nächststehenden beschäftigt. Keiner getraute es sich, über den scharfen Rand des Abgrundes hinabzublicken, und doch wollten alle die nun unten liegenden Körper sehen. Sie rannten hin und her, gebärdeten sich fast wahnwitzig, stießen alle möglichen Ausrufe des Schreckens und Entsetzens aus und rannten dann in den Hohlweg hinein, um hinab an den See zu gelangen, wo die Leichen der Abgestürzten liegen mußten.

Nur die wenigen Weißen hatten sich leidlich gefaßt und ruhig gezeigt. Wie ein Fels im Meere stand der Steuermann. Er hatte sich nicht von der Stelle bewegt, seit ihm Gomarra mit dem Messer gedroht hatte. Viele rannten an ihn an, ohne ihn aber einen Schritt weit von der Stelle bringen zu können.

„Die beiden Männer müssen einen schrecklichen Anblick bieten,“ sagte ich und wollte vor an die Kante treten, um hinabzublicken; der Steuermann aber hielt mich am Arme zurück und bat:

„Bleiben Sie, Herr, bleiben Sie, ich kann es nicht sehen.“

„Sind Sie schwindelig?“

„Niemals gewesen; hier aber kann ich es werden. Der stärkste Großmast ist mir noch zu niedrig; dieser Felsen aber ist entsetzlich. Ich sehe noch jetzt die beiden vor mir, wie sie über die Kante gingen, und da ward es mir grau und schwarz vor den Augen.“

„Ich will aber sehen, wo sie liegen.“

„Der Fels kann losbröckeln!“

„O nein; der ist zu hart und ohne jeden Riß. Er hat bereits Jahrtausenden widerstanden und wird noch vielen Jahrhunderten trotzen.“

Ich legte mich lang auf den Boden nieder und schob mich nach vorn. Der Felsen war über dreihundert Fuß hoch und stürzte sich senkrecht in den See hinab. Am Rande desselben lag ein dunkler Klumpen. Eben sah ich mehrere Tobas als die ersten aus dem Hohlwege vorkommen und sich diesem Gegenstande nähern. Es war der ganz und gar zerschmetterte Leichnam Gomarras, wie ich später erfuhr.

Die Leute sahen nur diese eine Leiche, aber die andere nicht. Sie suchten, sahen empor und deuteten nun mit erhobenen Händen und laut rufend zum Felsen herauf. Ich schob mich noch weiter vor, so daß nicht nur der Kopf, sondern auch die beiden Achseln über die Kante hinausragten, und sah nun den Gegenstand, nach welchem die Leute von unten deuteten. Es war ein menschlicher Körper, welcher an der scheinbar glatten, nackten Steinwand klebte, als ob er dort angenagelt sei. Es war mir, als ob er sich bewege. Ich schob mich zurück, sprang auf und rief dem Steuermann zu:

„Einer ist an dem Felsen hängen geblieben und lebt noch. Springen Sie hinab und bringen Sie die Leute herauf! Wir müssen ihn retten.“

„Sind Sie des Teufels?“

„Nein. Eilen Sie; rennen Sie! Es liegt Gefahr im Verzuge.“

Ich drehte ihn um und gab ihm einen tüchtigen Stoß in den breiten Rücken; auf diese Weise einmal in Bewegung gebracht, rannte der Riese wie ein galoppierender Schnellläufer von dannen und in den Hohlweg hinein.

Ausgenommen die Wächter und die gefangenen Chiriguanos war er der einzige gewesen, welcher noch mit mir oben war. Die Hauptsache aber hatte ich vergessen. Darum schob ich mich wieder an den Rand des Felsens und rief denen, die da unten bei der Leiche standen, zu:

„Alle herauf! Lassos, Riemen und Stricke von den Pferden mitbringen.“

Ich sah sie nach den Pferden rennen, welche wir da unten zurückgelassen hatten. Mein Lasso war dreißig Ellen lang und so ausgezeichnet gearbeitet, daß er drei Menschen ohne Gefahr für dieselben tragen konnte; aber er war zu kurz.

Aber die Chiriguanos hatten Riemen und Bolas, sogar einige Lassos, denen ich aber nicht trauen mochte, da ich sie nicht kannte. Bald kamen die Gefährten, und nun entspann sich ein hitziger Streit über das, was gethan werden sollte.

„Es ist der Sendador, der an der Wand hängen geblieben ist,“ sagte Turnerstick. „Gomarra liegt unten, ist aber kaum zu erkennen. Warum ruft Ihr nach Riemen, Charley?“

„Weil wir den Sendador heraufholen müssen,“ antwortete ich.

„Fällt keinem Menschen ein! Das fehlte noch!“ rief Pena aus.

„Fällt sogar einem jeden ein, welcher wirklich Mensch ist!“ entgegnete ich. „Er muß herauf; er lebt noch.“

„Unsinn! Wie kann der noch leben? Er ist an irgend etwas hängen geblieben. Das plötzliche Anhalten im Sturze hat ihn ganz gewiß getötet. Und wegen der Leiche eines solchen Menschen, die doch nur den Geiern verfallen ist, werden wir uns doch nicht extra bemühen oder gar in Lebensgefahr begeben sollen!“

„Sennor Pena hat recht,“ meinte der Yerbatero. „Lassen Sie doch bangen, was da hängt! Ich war einst der Freund des Sendador; aber nachdem ich ihn jetzt kennen gelernt habe, möchte ich keine Hand für ihn rühren, selbst wenn er noch lebte.“

„Und da nennen Sie sich einen Christen?“

„Ja, der bin ich, und zwar ein sehr guter! Aber die Seele dieses dreifachen Mörders mag zum Teufel fahren!“

„Sennor Monteso, Sie sind kein Christ, wirklich nicht, und ich möchte fast bedauern, Sie lieb gehabt zu haben. Mögt ihr alle denken, was und wie ihr wollt, ich kenne meine Pflicht. Verhaltet euch möglichst still, damit ich hören kann, und haltet meine Füße fest!“

Ich nahm das Fernrohr in die Hand und kroch wieder bis zum Felsenrande vor. Ich schätzte die Entfernung zwischen mir und dem Verunglückten auf siebzig Fuß. Als ich ihn durch das Fernrohr betrachtete, sah ich, daß er mit dem Rücken an der Wand hing. Es mußte da einen Spalt im Felsen geben, aus welchem ein spitzer Gegenstand ragte, der den Abstürzenden festgehalten hatte. Ich sah ganz deutlich, daß dieser letztere die Beine bewegte, und glaubte auch, wimmernde Laute zu hören.

.Es war gar nicht ungefährlich, sich so weit über die Kante vorzuschieben, daß man hinabzublicken vermochte; darum hatte ich mich an den Füßen festhalten lassen. Nun richtete ich mich wieder auf und gebot, alle vorhandenen Lassos zusammen zu binden.

„Lebt er denn noch?“ fragte der Bruder.

„Ja, er bewegt sich.“

„Gott erbarme sich seiner! Wir können ihm nicht helfen.“

„Wir können es, wenn wir nur wollen.“

„Meinen Sie, daß sich einer finden läßt, der bereit ist, das Wagnis zu unternehmen?“

„Sicher.“

„Wenn mein bester Freund da unten hinge,“ sagte Pena, „ich würde mich hüten, mich hinabzulassen, viel weniger eines solchen Schurken wegen.“

„Aber bedenken Sie, Pena, lebendig da am Felsen zu hängen, mit gebundenen Händen, zerschossenem Arme und vielleicht einen Baum- oder Aststumpf im Leibe! Welch ein gräßlicher Tod!“ sagte ich.

„Er hat ihn verdient!“

„Mag sein oder auch nicht; aber ich darf ihn nicht eines solchen Todes sterben lassen, wenn es mir möglich ist, ihn vor demselben zu bewahren. Hat keiner von euch den Mut, so werde ich mich selbst hinablassen.“

„Sie selbst? Sind Sie denn ganz und gar toll! Das ist das Allerdümmste, was Sie im Leben machen können. Wir können Sie nicht missen; wir brauchen gerade Sie am allernötigsten bei uns; wollen gerade Sie es sein, der den Hals brechen soll, eines Menschen wegen, welcher den Galgen zehn und noch mehrere Male verdient hat!“

„Streiten wir uns nicht! Ich bin entschlossen, und Sie werden mir helfen. Nur Lassos und Riemen her!“

„Die nützen nichts; sie zerreißen; sie zerreiben sich an der scharfen Kante des Felsens; da sind Rollen nötig, welche wir nicht haben.“

„Wir legen einen Sattel unter, über welchem der Lasso glatt und ohne zu große Reibung läuft.“

„Aber wie wollen Sie es anfangen? Sie wissen ja gar nicht, in welcher Verfassung Sie den Menschen finden!“

So wie Pena, machten auch die andern den Versuch, mich von meinem Vorhaben abzubringen, natürlich, vergeblich. Nur der Bruder bestärkte mich in demselben, als er einsah, daß ich fest entschlossen war.

Wir fertigten aus den vorhandenen Lassos drei Lederseile, von denen jedes die gebrauchte Länge hatte. Die Knoten machte ich selbst; da es sich um mein Leben handelte, wollte ich auch selbst die Verbindung auf ihre Sicherheit prüfen.

Dann wurden mehrere Lanzen zusammengebunden, welche mir als Sitz zu dienen hatten, und an die Enden zweier Seile befestigt. Diese Seile liefen jedes über einen Sattel, welcher die Reibung an der Felsenkante unmöglich machen sollte. Das dritte Seil war als Reserve zu verwenden, da ich nicht wußte, ob ich den Verunglückten zu mir nehmen konnte oder nicht. Natürlich war die Vorkehrung so eingerichtet, daß ich, senkrecht von oben kommend, auf den Sendador treffen mußte.

Nun wurde der Sitz an den beiden Seilen über die Kante gelassen, und ich mußte einsteigen. Aufrichtig gestanden, war es mir ganz und gar nicht wohl zu Mute, als ich mich über den scharfen Felsen schwang und auf drei dünnen Spießen Platz nahm. Dort band ich mich mit einem Riemen fest.

Der gute Bruder hatte nach mir das Schwierigste übernommen. Er hatte sich so gelegt, daß er mir mit den Augen folgen konnte; er wollte meine Winke denen verdolmetschen, welche mich hinab- und dann wieder hinaufzulassen hatten.

Gut war es, daß der Felsen keine Krümmung hatte, sondern wie eine künstlich errichtete Mauer genau senkrecht abfiel. Das erleichterte uns die Passage ungeheuer.

Man ließ mich nur langsam nieder. Obgleich ich selbst dies befohlen hatte, dünkte es mich eine Ewigkeit zu sein, bevor ich zu dem Verunglückten gelangte.

ja, es war der Sendador. Er bot einen schrecklichen Anblick. Seine mit Blut unterlaufenen Augen standen weit hervor; aus dem geöffneten Munde hing die lechzende Zunge. Ein schwaches Röcheln ertönte; sonst gab es vom Leben weiter keine Spur.

Natürlich winkte ich nach oben, anzuhalten. Ich mußte zunächst untersuchen, wodurch der Mann hier festgehalten worden war. Es gab da eine spaltartige Vertiefung, ungefähr anderthalb Fuß breit, welche, nach unten immer enger werdend, mit verwestem und verwittertem Müll angefüllt war. Da hatte ein Baum Nahrung gefunden und seine Wurzel tief in die Spalte geschlagen. Ein Orkan mochte die Krone abgebrochen und mit der Hälfte des Stammes davongeführt haben. Die andere Hälfte war stehengeblieben, weil sie nicht, wie der obere Teil, aus dem Spalte hervorragte. Auch die Äste waren verschwunden; aber als Rest des untersten, in der Nähe des Wurzelhalses aus dem Stamme getretenen, ragte ein spitzer Stumpf hervor, welcher den Sendador aufgefangen und festgehalten hatte.

Ich hing vor ihm, über der grausigen Tiefe. Bei der geringsten Bewegung, welche ich machte, schaukelte mein leichter Sitz hin und her. Das machte es außerordentlich schwierig, den Verunglückten vom Stumpfe zu lösen. Wollte ich ihn los haben, so mußte ich ihn heben. Das erforderte bei der Schwere dieses Mannes eine Kraftanstrengung, unter welcher die Riemen, an denen ich hing, leicht zerreißen konnten, und dann war ich verloren.

Wenn ich aufrichtig sein will, so muß ich gestehen, daß mir der Gedanke kam, ihn seinem Schicksal zu überlassen; aber die Regung der Schwäche währte nicht lange. Sein Anblick war ein entsetzlicher. Ich sagte mir, daß ich denselben während meines ganzen Lebens vor mir haben und mir die schwersten Vorwürfe machen würde, falls ich jetzt versäumte, meine Pflicht zu thun. Es war noch Leben in ihm. Brachte ich ihn nach oben, so zeigten sich seine Verletzungen vielleicht nicht als tödlich, und wenn das nicht, so konnte er doch wenigstens für kurze Zeit zum Bewußtsein kommen und Raum zur Reue finden. Ließ ich ihn aber hängen, so mußte er in seinen Sünden sterben, und ich hatte das für immer auf meinem Gewissen.

Freilich, wenn ich ihn los bekommen wollte, mußte ich mich in eine Gefahr begeben, vor welcher es mir graute. Schon der bloße Gedanke an das Wagnis wollte mich schwindeln machen. Ich mußte nämlich meinen Sitz verlassen und in die Spalte steigen. Es war die Frage, ob der alte verwitterte Baumstumpf mich mit halten werde. Wegen der Enge des Risses konnte ich nur mit querem Körper hinein; dann hatte ich den Abgrund vor Augen, in welchen hinabzublicken, von diesem Standpunkt aus, so gefährlich war. Doch, ich war nun einmal da, und es mußte gewagt werden.

Zunächst untersuchte ich, in welcher Weise der Sendador fest hing. Der Aststumpf hatte hinten den Gürtel gefaßt, denselben infolge des Gewichtes hoch emporgezogen und auch den Rücken der Jacke und Weste mit ergriffen. Ob und wie weit er auch in das Fleisch eingedrungen war, das konnte ich nicht sehen. Die straff angezogenen Kleidungsstücke preßten dem Sendador die Brust zusammen und hinderten ihn am Atmen. Mir schien, daß mehr dieser Umstand als eine Verwundung durch den Ast die Ursache seiner Besinnungslosigkeit sei.

An zwei Lassoseilen hing ich selbst; das dritte schlang ich ihm jetzt unter den Armen hindurch um Rücken und Brust und verknotete es in der Weise, daß die Atmungswerkzeuge möglichst frei blieben. Dann schnitt ich ihm mit dem Messer die Jacke und die Weste auf. Beide waren so fest angespannt, daß von einem Ausknöpfen keine Rede sein konnte. Jetzt bekam er Luft. Ich hörte ihn atmen, aber kurz und hastig – ein Schrei, ein entsetzlicher Schrei; er riß die Augen auf, starrte mich an und brüllte wieder, und zwar in einer Weise, als ob er am Spieße stäke.

„Still!“ rief ich ihm zu. „Haben Sie Schmerzen?“

„Unbeschreibliche!“ antwortete er, nun förmlich heulend.

„Kennen Sie mich?“

Sein Geheul verstummte für einige Augenblicke. Er biß die Zähne zusammen und stierte mich mit seinen blutunterlaufenen Augen an, daß es mir unheimlich wurde.

„Der Deutsche, der Deutsche!“ brüllte er dann. Und als sein Blick in die Tiefe fiel und ihm die Erkenntnis seiner Lage kam, zeterte er:

„Ich hänge am Felsen; ich hänge mit dem Fleische am Felsen! Da unten gähnt der Abgrund, die Hölle, das Fegfeuer, die Verdammnis! Machen Sie mich los, schnell, schnell; ich will alles gestehen, alles! Nur nicht da hinunter, da hinunter!“

„So verhalten Sie sich ruhig; rühren Sie sich nicht! Verbeißen Sie Ihre Schmerzen, und schreien Sie nicht!“

Sein Gebrüll ging in ein Wimmern über, welches mehr einem Pfeifen glich und mir durch Mark und Bein dringen wollte. Ich band den Riemen los, welcher mich an meinem Sitze festhielt, schlang ihn um eins der Seile, welche den letzteren trugen, und befestigte ihn mir dann an den Arm, so daß ich den Sitz nicht verlieren konnte. Dann hielt ich mich an den beiden Seilen fest, stieg auf die Lanzen, auf denen ich gesessen hatte und – – Herr Gott, dir übergebe ich mich! – – schwang mich in den Spalt.

An diesem Augenblicke hing mein Leben. Gab der Baumstumpf nach, so fuhr ich mit ihm und dem Sendador in die Tiefe. Es wirbelte mir im Kopfe; es flimmerte mir vor den Augen, und es summte mir vor den Ohren, als ob ich mich inmitten eines Bienenschwarmes befände. Ergriff mich der Schwindel, so war es aus mit mir. Ich nahm alle meine Willenskraft zusammen. Mein Auge, mein Kopf wurde frei; ich mußte die Angst, die Furcht überwinden und schaute in die Tiefe hinab. Es war, als wolle es mich um und um drehen und hinabziehen; aber ich überwand den Anfall. Drunten lag die Lagune; ich sah die Salzkruste auf derselben glänzen; dort drüben, rechts, wo wir hergekommen waren, standen zwei Menschen, Indianer; ich sah sie deutlich. Es waren wohl die frei gegebenen oder entflohenen Wächter; sie verschwanden schnell hinter den Felsen.

Unter meinen Füßen raschelte und bröckelte es; der Schutt, der mürbe Müll gab nach; aber die Wurzeln des Baumstumpfes hielten fest. Mit der Linken mich in der Felsenritze festhaltend, bog ich mich nieder, ergriff mit der Rechten den Sendador beim Kragen – ein Ruck, noch einer; er kam von dem Stumpfe los und hing an dem Riemenseile, an welchem er sich wie ein Kreisel drehte. Er schrie vor Entsetzen aus Leibeskräften. Unter mir brach, knickte und krachte es. Um den schweren Mann zu heben, hatte ich eine Kraft anwenden müssen, welcher der Stumpf doch nicht gewachsen war. Die Wurzeln lösten sich vom Felsen, langsam zwar zunächst, aber ich sank. Noch einen Augenblick, und es war um mich geschehen. Ich zog an dem Riemen, der mir am Arme hing, den Sitz zu mir heran, erwischte aber nur das eine Seil – ein neues, stärkeres Kollern und Prasseln, der Boden wich unter meinen Füßen; ich hing mit einer Hand über dem Abgrunde und schwebte wie ein Pendel hin und her. Meine Gefährten sahen es von oben; sie schrieen; der Sendador brüllte wie ein Stier; ich behielt die Besinnung, die Ruhe und ließ nicht los. Ein Griff mit der linken Hand, und ich faßte auch das andere Seil. Wie an einem Schwebereck schwang ich mich von unten auf und kam auf die Lanzen zu sitzen. Die Gefahr war vorüber. Mit Schaudern sah ich die leere Stelle des Spaltes, in welcher sich vorher der Baumstumpf befunden hatte.

Nun gab ich mir zunächst Mühe, die pendelnde Bewegung meines Sitzes zu beruhigen. Als mir das gelungen war, band ich mich mit Hilfe des Riemens wieder fest und griff mit der Rechten nach dem Seile, an welchem der Sendador hing. Dieser war still geworden; er hatte die Besinnung wieder verloren, und das war mir sehr lieb. Ich winkte nach oben, um sein Seil anziehen zu lassen. Man that es; er kam vor mir zu hängen; ich zog ihn zu mir heran, hielt ihn fest und gab das Zeichen, an allen drei Seilen gleichmäßig zu ziehen.

Das war eine schreckliche Auffahrt. Wir schwankten hin und her; wir wurden um unsere eigene Achse gedreht. Ich hatte die Arme nicht frei und konnte mich nur der Füße bedienen, mich vom Felsen abzuhalten. Es gelang mir nicht stets.- ich wurde öfters gegen denselben geschleudert und gab mir die größte Mühe, daß nicht der Sendador, sondern ich diese Karambolagen auszuhalten hatte. Ich fühlte mich wie gerädert und zertreten, als wir endlich oben an der Felsenkante anlangten. Aber ich war noch nicht in Sicherheit. Zunächst galt es, den Besinnungslosen über dieselbe hinweg zu bringen. Ich stemmte mich mit den Füßen gegen den Felsen, hielt mich von demselben ab, nahm den Sendador bei den Schenkeln und hob; die andern zogen; es gelang. Dann stellte ich mich auf den Sitz; man zog vorsichtig an; ich gab erst die eine, dann die andere Hand über die Kante hinüber; man ergriff sie; man zog rascher, ein kräftiger Ruck von oben, ein Schwung meinerseits mit den Beinen – ich befand mich auf der Felsenplatte und knickte zusammen. Ich hörte Töne wie von Posaunen und Tubahörnern und verlor die Besinnung; der Körper vermochte dem Willen nicht mehr zu gehorchen.

Als ich erwachte, lag ich mit dem Kopfe im Schoße des Bruder Jaguar. Er sah, daß ich die Augen öffnete, stieß einen Jubellaut aus, hob meinen Kopf empor und küßte mich auf Stirn, Mund und Wangen, nicht darauf achtend, daß seine Freudenthränen mir das Gesicht befeuchteten.

„Sie leben! Sie leben!“ rief er dabei. „Dem Allgütigen sei dank! Welch ein Unternehmen ist das gewesen! Nie, niemals wieder werde ich in so etwas willigen! Ich sah den Stumpf zur Tiefe stürzen und Sie an einer Hand am Seile bangen. Es war fürchterlich!“

Er legte die Hände über die Augen und schluchzte laut; er, der starke, vielerfahrene Mann! Auch die andern waren tief ergriffen und hatten Thränen in den Augen. Der Yerbatero umarmte mich, als ich mich erhoben hatte; ich wurde, sozusagen, von einer Brust an die andere genommen. Zuletzt drückte mich Pena an das Herz und sagte im Tone der tiefsten Ergriffenheit:

„Sennor, ich bin oft, sehr oft hart und ungerecht gegen Sie gewesen; ich werde es nicht wieder thun. Können Sie mir verzeihen?“

Ich verzieh nur gar zu gern; ich hatte ja nicht weniger Fehler begangen als er, und jetzt, da ich die Liebe dieser braven Leute so deutlich sah, mußte ich mir aufrichtig sagen, daß mein Verhalten gegen sie nicht immer ein vorwurfsfreies gewesen war.

Die Chiriguanos hatten von fern gestanden. Jetzt trat ihr Anführer zu mir heran, bot mir seine Hand und sagte:

„Nicht wahr, Herr! der Sendador hatte es schlimm mit Ihnen vor, hat Ihnen sogar nach dem Leben getrachtet?“

„Allerdings.“

„Und Sie haben Ihr Leben gewagt, um ihn, wenn auch nur seinen Körper, zu retten! Das haben Sie gethan, weil Sie ein Christ sind, welcher Böses mit Gutem vergilt. Wir sind Ihre Feinde, auch die Feinde der Tobas gewesen; aber von nun an soll es anders sein. Von jetzt an soll Friede und Freundschaft herrschen zwischen ihnen und uns; ich wünsche das und bitte Sie, bei ihnen für uns zu sprechen. Ihre und eure Feinde sollen von jetzt an auch die unserigen sein.“

„Diesen Wunsch werde ich euch erfüllen, und ich bin überzeugt, daß sie gern auf denselben eingehen werden.“

Dies war wieder einmal ein Beweis, daß das Beispiel mehr und besser wirkt als alle Lehren und Worte, denen die wirkliche That mangelt. Freilich war ich nicht in der Stimmung und Lage, augenblicklich eine große Versöhnungsrede halten zu können. Mein ganzer Körper schmerzte mich; ich bedurfte der Ruhe; aber ich sah den Sendador liegen und durfte nicht an mich, sondern mußte zunächst an ihn denken. Man hatte sich nur mit mir beschäftigt und ihn einstweilen unbeachtet gelassen. Er war noch ohne Besinnung. Als wir ihn untersuchten, zeigte es sich, daß der Aststummel ihm doch in den Rücken gedrungen war. Es war eine böse, jedenfalls außerordentlich schmerzhafte, wenn auch keine lebensgefährliche Wunde. Dennoch erschien mir sein Zustand als sehr bedenklich. Er lag mit halb geöffneten, verdrehten Augen da; sein Mund stand so weit auf, daß man die Zunge sehen konnte, und er röchelte, als ob ihm jeden Augenblick der Atem versagen wolle.

„Das kann doch nicht nur von der Rückenwunde sein,“ meinte der Bruder. „Er muß noch eine andere Verletzung davongetragen haben.“

„Das ist sehr leicht möglich,“ antwortete ich. „Denken Sie sich den Sturz, wenigstens siebzig Fuß in die Tiefe, und den Ruck, den es gegeben hat, als er von dem Stumpfe ergriffen und aufgehalten worden ist. Wäre sein Gürtel nicht so fest gewesen, so hätte der Ast ihm den ganzen Rücken aufgerissen. Das hat eine innerliche Erschütterung gegeben, welche seinen Tod auch ohne alle äußere Verletzung zur Folge haben kann.“

„Wollte Gott, er kehrte ins Bewußtsein zurück und dabei zur Einsicht seiner Sünden! Wollen versuchen, ihn aufzuwecken.“

Unsere Bemühungen waren nicht vergeblich. Zwar ging der Atem noch so schwer wie vorher, aber die Lider öffneten sich vollends; die Augen bekamen Leben und gingen mit einem bewußten Blicke in unserem Kreise von einem zum andern herum. Der Bruder ließ sich neben ihm nieder und sagte:

„Geronimo Sabuco, sind Sie zu sich gekommen? Erkennen Sie uns?“

Der Gefragte hatte versprochen, daß er alles bekennen wolle; ich erwartete, wenn auch keine freundliche, so doch auch keine direkt feindliche Antwort; aber als seine Lippen sich öffneten, kam es zischend zwischen denselben hervor:

„Fort! Gehe zum Teufel!“

„Sprechen Sie nicht so! Vielleicht ist der Tod Ihnen nahe. Schließen Sie Ihre Rechnung mit dem Leben ab und denken Sie nur allein an Gott!“

„Ich sterbe nicht!“

„Wenn Sie auch nicht infolge des fürchterlichen Absturzes sterben, so müssen Sie doch bedenken, daß Ihr Tod eine beschlossene Sache ist. Sie sind dem Gesetze der Pampa verfallen.“

Da richtete der Sendador sich in sitzende Stellung und fragte mit gurgelnder Stimme:

„Wer von euch wagt es, mich zu richten? Dieser Hund von Gomarra ist tot; er ist selbst schuld an seinem Untergange. Kein anderer darf mit mir rechten. Wenn ihr mich tötet, bekommt ihr die Kipus nicht!“

„Sie irren,“ entgegnete ich. „Sie lachten mich zwar aus, als ich Ihnen sagte, daß ich nach Ihren Spuren suchen würde; ich habe es aber doch gethan und weiß nun, wo sich die Knotenschrift befindet.“

„Wo?“ fragte er höhnisch.

„Sie haben uns schon einmal verhöhnt, weil wir nicht sorgfältig gesucht hatten; diesen Fehler begehen wir nicht zum zweiten Male. Ich weiß jetzt genau, was Sie mit der Flasche vorgenommen haben. Sie nahmen die Kipus heraus, füllten sie mit Sand und warfen sie in den See; die Kipus aber nähten Sie in Ihr Gewand ein. Wir werden sie jetzt finden.“

Der Ausdruck seines Gesichtes wurde ein anderer, der Hohn verschwand; es flog eine Angst über die verwetterten Züge. Er griff mit der linken Hand unwillkürlich nach der rechten Brustseite und rief:

„Das träumen Sie. Unter den gegebenen Umständen wäre es Wahnsinn von mir, die Schnüre bei mir zu tragen.“

„Wenn auch nicht Wahnsinn, aber doch Unvorsichtigkeit. Und unvorsichtig sind Sie gewesen, sogar eben jetzt wieder, denn Sie haben mir mit Ihrer eigenen Hand gezeigt, wo die Kipus sich befinden, nämlich auf Ihrer rechten Brust.“

Als ich jetzt nach der angegebenen Stelle greifen wollte, stieß er meine Hand von sich und schrie:

„Es ist nicht wahr; es ist nicht wahr! Sie täuschen sich vollständig. Lassen Sie mich; rühren Sie mich nicht an!“

„Wehren Sie sich nicht, sonst muß ich Gewalt anwenden!“

„Wagen Sie es; die Schnüre gehören nicht Ihnen; Sie haben kein Recht auf dieselben!“

„Sie noch viel weniger, denn Sie haben sich durch einen Mord in den Besitz derselben gebracht. Geben Sie sie freiwillig her?“

„Nein, und wieder nein!“

„So haben Sie es sich selbst zuzuschreiben, wenn wir Ihnen trotz Ihrer Verletzungen wehe thun.“

Er wurde auf meinen Wink von einigen Yerbateros festgehalten und ich untersuchte seine Kleidungsstücke genau. Er wollte sich wehren, mußte aber den Versuch aufgeben. Es war so, wie ich vermutet hatte; ich fand das Gesuchte auf der rechten Brustseite zwischen dem Futter. Es waren drei Kipus, jeder aus einer Haupt- und wenigstens dreißig Nebenschnuren bestehend. Der Sendador lag wieder lang ausgestreckt und atmete mühsam. Der Widerstand hatte ihn angegriffen. Er wollte sich wohl in lauten Verwünschungen oder Drohungen ergehen, brachte aber nur ein heiseres, häßliches Gemurmel fertig.

Die andern hatten noch niemals Kipus gesehen. Die Schnuren gingen von Hand zu Hand.

„Und das sollen Buchstaben und Silben sein?“ fragte mich Pena.

„Nein, sondern nur Zeichen. Das Wort Kipus oder eigentlich Khipus gehört der Khetsuasprache an und heißt so viel wie Knoten. Jeder Kipus besteht aus einer starken Hauptschnur, an welche verschiedenfarbige dünnere Nebenschnuren verschiedenartig angeknotet sind. Jede Farbe und jede Knotenart hat eine besondere Bedeutung.“

„Und Sie können das entziffern?“

„Ich will es versuchen. Übrigens sind die Kipus höchst ungenügende Gedächtnisbehelfe, und eigentlich ist zu jeder Schnur ein mündlicher Kommentar notwendig, wenn man ihre Bedeutung verstehen will.“

Der Sendador hatte diese Erklärung mit Aufmerksamkeit verfolgt. Jetzt zuckte es wie Schadenfreude über sein Gesicht, und er rief aus:

„Das ist gut! Eine mündliche Erklärung! Die haben Sie nicht. Folglich können Sie diese Schnuren nicht lesen!“

„Jubeln Sie nicht zu früh. Wenn ich von einem mündlichen Kommentare sprach, so meine ich nur, daß man wissen muß, wovon die Kipus handeln.“

„Und das wissen Sie?“

„Natürlich! Diese Schnuren handeln selbstverständlich von dem vergrabenen Schatze. Selbst der beste Entzifferer würde, wenn er das nicht wüßte, sich ganz vergeblich abmühen. Nun ich es aber weiß, bedarf es keiner ungeheuern Gelehrsamkeit, die Knoten zu enträtseln.“

„So versuchen Sie es doch!“

Er sah mir mit großer Spannung in das Gesicht. Vielleicht dachte er, ich würde mich verleiten lassen, sofort Auskunft zu geben.

„Ich werde es versuchen,“ antwortete ich der Wahrheit gemäß, „aber ich glaube nicht, daß es mir gelingen wird. Die Farben sind zerstört; ich bin kein Chemiker, und diese Knoten bedürfen jedenfalls der aufmerksamsten chemischen Behandlung, wenn die Farben wieder sichtbar werden sollen.“

Grazias à Dios! Sie werden also nichts entziffern können! Der Raub, welchen Sie an mir begangen haben, wird Ihnen also keine Früchte bringen!“

„Das beabsichtigte ich auch gar nicht. Der Vorteil sollte nur denjenigen zufallen, welche ein Recht auf denselben haben. Zu diesen Leuten gehören Sie freilich nicht. Übrigens werde ich auf alle Fälle dafür sorgen, daß diese Kipus in sach- und fachkundige Hände gelangen. Die Farben sind jedenfalls wieder sichtbar zu machen, und die Schnuren werden also gelesen werden.“

„Und was nutzt es, wenn sie gelesen werden? Nichts, gar nichts! Mögen tausend Gelehrte sie entziffern, einen Vorteil wird es doch erst dann bringen, wenn ich einverstanden bin.“

„Sie? Sie werden nicht gefragt!“

„So wird man nichts finden, denn die Hauptsache habt Ihr doch noch nicht; die Pläne sind noch in meinem Besitze.“

„Ah, ja, die Pläne!“ entfuhr es mir.

„Ja, die Pläne!“ lachte er schadenfroh. „Die habe ich, sogar in mehreren Exemplaren, die ich anfertigen ließ, falls das Original verloren gehen sollte.“

„Nun, ein solches Exemplar wird sich wohl auch noch finden lassen!“ meinte ich ruhig.

„Wo denn? Bei wem denn? Gebt mich frei, so sollt Ihr es haben!“

„Nein. Habe ich die Kipus gefunden, so werde ich auch die Zeichnung finden.“

Er warf mir einen langen, unbeschreiblichen Blick aus den halb geschlossenen Augen zu. Es war gewiß, daß ihn nur die Aufregung beim Bewußtsein erhielt. Er kämpfte mit bewunderungswürdiger Selbstbeherrschung seine Schmerzen nieder.

„Ein Teufel bist du!“ knirschte er. „Aber du sollst nicht siegen, denn wisse –“ er richtete sich wieder halb auf und fügte mit dem Ausdrucke des grimmigsten Hasses hinzu: „Die Rache kommt; dein Ende ist nahe, näher als du denkst!“

„Wollen Sie mir bange machen, mich einschüchtern? Das gelingt Ihnen nicht.“

„So halte die Hoffnung fest; aber sie wird dich betrügen, schnell, plötzlich und unerwartet. Gibst – du – mich – – frei?“

Er brachte diese Frage nur mit größter Anstrengung hervor.

„Nein,“ antwortete ich. „Gomarra ist tot, und wir andern sind nicht so blutdürstig, wie er war. Wir werden dich nicht töten, sondern, falls du deinen Verletzungen nicht erliegst, dich den Gerichten übergeben.“

„Ver – suche – es!“ hohnlachte er, kaum noch im stande, den Oberkörper aufrecht zu erhalten. Die Augen fielen ihm zu. „Die Zeichnung ist – ist in sichern – in sichern Händen.“ Er fiel nach hinten, stützte sich aber noch auf den unverletzten linken Arm und fuhr mit nach und nach erlöschender Stimme fort: „Der Rächer kommt – er ist – wohl schon – da. Droben an – an der Roca de la Ventana – dort holt – er die Zeichnung. Er bringt – bringt sie her, und – und wehe – wehe dir, wenn -wenn er dich – dich – hier – trifft!“

Er sank vollends nieder. Seine Lippen schlossen sich; seine Wangen fielen ein; er hatte ganz das Aussehen eines Toten.

„Entsetzlich!“ klagte der Bruder, welcher die drei Kipus, welche er aufmerksam betrachtet hatte, noch immer in den Händen hielt.

„Er geht in seinen Sünden hinüber. Er will nicht bereuen und bekennen. Ist er tot?“

„Nein,“ antwortete ich, indem ich den Puls des Sendadors untersuchte. „Entweder sind seine Verletzungen nicht zum Tode, oder seine Natur ist so stark, daß sie nur nach langem Kampfe unterliegt.“

„Wollen ihn verbinden.“

„Warten wir noch. Seine Wunden bluten nicht. Ich möchte ihn nicht stören. Vielleicht sammelt er noch einmal seine Kräfte; es widerstrebt mir, die Hoffnung aufzugeben, daß er doch noch zur bessern Erkenntnis kommt. Übrigens ist das, was er sagte, höchst wichtig. Er sprach von jemandem, der die Zeichnung holt.“

„Ja, von der Roca de la Ventana.“

„Der Felsen des Fensters. Wo mag das sein?“

„Ich weiß es,“ antwortete Pena. „Der Roca de la Ventana ist eine dünne, alleinstehende Felsenwand, in welcher sich eine viereckige, fensterähnliche Öffnung befindet.“

„Wo?“

„Eine halbe Tagereise aufwärts von hier.“

„Ob er die Zeichnung dort versteckt hatte?“

„Jedenfalls.“

„Aber dann muß derjenige, welchen er beauftragt hat, sie zu holen, sein ganzes Vertrauen besitzen. Wie erfahren wir, wer das ist und wo – ah, das müssen doch die Chiriguanos wissen!“

Ich gab dem Häuptling einen Wink und fragte ihn, als er herbeigekommen war:

„Ist den Chiriguanos ein Felsen bekannt, welcher die Roca de la Ventana: heißt?“

„Ja, Herr, sehr gut,“ antwortete er.

„Hat der Sendador jemand dorthin geschickt?“

„Ja, seinen Sohn.“

„Ah! Seinen Sohn! Er hat also nicht nur einen Schwiegersohn, sondern auch einen wirklichen Sohn? Das wußte ich nicht. Wo mag er mit ihm zusammengetroffen sein? Ist dieser Sohn allein hinauf nach der Roca de la Ventana?“

„O nein; es sind fünfzehn meiner Leute mit.“

„Fünfzehn? Das müßte ich doch euern Spuren angesehen haben!“

„Vielleicht seid Ihr zu spät auf unsere Fährte gestoßen. Der Sohn des Sendador hat sich schon vorgestern von uns getrennt, weil uns das Fleisch ausging und zwei kleine Abteilungen sich leichter verproviantieren können als eine große.“

„Wann wollte er hier ankommen?“

„Spätestens heute am Abend.“

„Ah, das ist gefährlich; da gilt es aufzupassen. Die Roca de la Ventana liegt von hier aufwärts, also haben wir ihn von oben herab zu erwarten?“

„Nein, Herr. Von hier aufwärts ist die Roca nur unter großen Beschwerden zu erreichen. Leichter kommt man hin von da unten aus.“ Er deutete auf den See hinab und dann nach der Felsenenge, aus welcher wir gekommen waren. „Man reitet dort hinein, euern Weg zurück, und wendet sich später nach Westen in die Berge hinein.“

„Also kommt der Sohn des Sendadors dort unten heraus?“

„Jedenfalls.“

„Und wir können ihn heute abend, vielleicht schon jetzt erwarten? Da fällt mir ein, als ich vorhin unten in der Felsenritze stand, erblickte ich zwei Indianer, welche am Eingange standen und dann rasch verschwanden. Ich hielt sie für Eure Wächter.“

Der Häuptling sah einige Augenblicke nachdenklich vor sich nieder und meinte dann:

„Herr, ich habe gesagt, daß ich wünsche, euer Freund zu sein; ich will Ihnen jetzt beweisen, daß ich es mit diesem Wunsche ehrlich meine. Wäre das nicht der Fall, so könnte ich euch jetzt verderben.“

„Über Ihre Ehrlichkeit freue ich mich, aber uns verderben, das brächtet ihr nicht fertig, denn was Sie mir sagen wollen, das habe ich schon selbst erraten.“

„Wohl schwerlich!“

„Doch! Der Sohn des Sendador ist zurückgekehrt. Er ist zu Pferde, hat aber der Sicherheit halber, weil er weiß, daß sein Vater unsere Annäherung erwartet, zwei Späher zu Fuß vorausgesandt. Diese waren es, welche ich bemerkte. Sie haben auch mich erblickt; ebenso haben sie unsere Pferde gesehen, welche noch jetzt unten am Felsen stehen. Sie werden also zurückgeeilt sein, um ihm zu melden, daß wir hier sind und seinen Vater überwältigt haben.“

„Herr, Sie verstehen es, meine Gedanken zu lesen!“ sagte er erstaunt.

„Pah! Zu dem, was ich bis jetzt gesagt habe, gehört gar kein Scharfsinn. Die Hauptsache ist, zu wissen, daß der Sohn des Sendadors die Absicht haben wird, seinen Vater zu unterstützen. Das kann er an dem Wege am See vorüber nicht thun, denn da unsere Pferde sich da unten befinden, muß er uns auch dort vermuten; er wird also durch die Höhlung kommen, durch welche ihr von meinen Tobas umgangen worden seid.“

„Davon bin ich auch überzeugt.“

„Ich werde diesen Weg also besetzen lassen. Sennor Pena, nehmen Sie fünf Tobas, welche als Späher vollständig genügen, und gehen Sie da über die Böschung zurück, UM – –“

Ich hatte mich nach der betreffenden Richtung gewendet, um Pena mit der Hand anzudeuten, wohin er mit den Indianern gehen solle, und hielt mitten in meiner Rede inne, denn da oben auf der Böschung erschien soeben ein bis an die Zähne bewaffneter Mensch, hinter welchem über ein Dutzend Rote auftauchten. Er überflog mit einem schnellen Blicke das Plateau; er sah die Chiriguanos entwaffnet und den Sendador gebunden am Boden liegen.

Mira, que desverguenza!“ rief er aus. „Drauf auf diese Hunde!“

Er mochte den Steuermann wegen seiner Riesengestalt für den Anführer oder für den gefährlichsten von uns halten, denn er schoß den einen Lauf seines Gewehres auf diesen, den andern auf Pena ab, aber ohne zu treffen; dann drehte er die Flinte um und wollte sich mit dem Kolben auf uns stürzen. Aber er kam nicht weit. Er glaubte, die zu ihm gehörenden Chiriguanos würden ihm folgen; ja, sie folgten ihm, aber aus einem ganz andern Grunde, als er meinte. Der Häuptling rief ihnen in ihrer Sprache einige schnelle Worte zu, worauf sie, anstatt den Weißen zu unterstützen, hinter ihm hersprangen und ihn ergriffen. Ebenso rasch waren die Tobas und andern Chiriguanos zur Hand, und so sah sich der Angreifer entwaffnet, ehe er im stande gewesen war, einen einzigen Hieb mit dem Gewehr zu thun. Er war so verständig, oder wohl auch listig genug, keinen unnützen Widerstand zu leisten; darum wurde er nicht gebunden, sondern nur in die Mitte des Kreises genommen, welcher sich um ihn bildete. Sein Vater lag nahe neben ihm. Er bückte sich, ohne ein Wort zu sagen, zu ihm nieder, um sich von seinem Zustande zu überzeugen. Als er sich wieder aufrichtete, war sein Gesicht sehr bleich geworden; seine Augen leuchteten, aber seine Stimme klang ruhig und ohne Beben:

„Welcher von Ihnen, Sennores, ist der Deutsche?“

„Jedenfalls meinen Sie mich,“ antwortete ich.

Sein Auge bohrte sich förmlich in das meinige, als er nun fragte:

„Kennen Sie mich?“

„Ich vermute es. Sie sind der Sohn des Sendador.“

„Und Sie, was sind Sie? Soll ich es Ihnen sagen?“

„Ich verzichte. Ich kenne mich so genau, daß mir kein anderer zu sagen braucht, wer oder was ich bin.“

„Und doch muß ich es Ihnen sagen. Sie sind ein schleichendes Tier, ein Jaguar, der nicht von seiner Beute läßt, bis er sie packen und zerfleischen kann, ein Hund, welcher das Wild hetzt und nicht eher ermüdet, bis – –“

Er hielt inne, denn er sah, daß sein Vater die Augen öffnete. Es war, als ob die Stimme des Sohnes den Sendador ins Leben zurückgerufen habe. Sein Blick gewann Glanz und Leben; er flog von einem zum andern, ruhte am längsten auf dem Bruder, welcher die Kipus noch immer in der Hand hielt, und blieb dann auf dem Sohne haften.

„Komm her!“ sagte er zu ihm.

Der Sohn kniete neben ihm nieder.

„Lege dein Ohr an meinen Mund; ich kann nicht mehr laut sprechen.“

Der Sohn gehorchte. Der Alte flüsterte ihm leise Worte zu. Ich hielt es für eine Pflicht der Menschlichkeit, sie gewähren zu lassen, that aber sehr unrecht daran, denn bald sollten wir erfahren, daß es sich um etwas ganz anderes als einen Abschied für immer gehandelt hatte. Der Sohn hörte nur zu; er sprach nicht. Am Schlusse neigte er zustimmend und wie gottergeben den Kopf, gab seinem Vater die Hand und richtete sich wieder auf.

„Herr,“ sagte er zu mir, „ich höre, daß Sie unsere Kipus besitzen. Wissen Sie, daß dieselben ohne die Zeichnung wertlos sind?“

„Das weiß ich nicht und glaube es auch nicht.“

„Ich biete Ihnen die Zeichnung an.“

„Was verlangen Sie dafür?“

„Unsere Freiheit und dazu die Hälfte der Schätze, welche wir finden werden.“

„Das darf ich nicht versprechen, denn die Schätze sind nicht mein Eigentum.“

„So weigern Sie sich?“

„Ja. Auch Ihre Freiheit kann ich Ihnen nicht versprechen. Ihr Vater besonders gehört vor den Richter.“

Er machte das Gesicht eines Mannes, welcher alles verloren sieht und sich in sein Schicksal ergiebt.

„Sie sind grausam, Sennor! Niemand hat Sie zum Richter über uns gesetzt. Blicken Sie hinab in die Tiefe, welche da neben uns gähnt; blicken Sie hinab und sagen Sie mir, ob – – –“

Dieser schlaue Mensch hat kein Wort ohne Absicht gesprochen. Wir alle glaubten, es sei metaphorisch gemeint, und richteten, als er von dem Abgrunde sprach, unsere Augen unwillkürlich der Tiefe zu. Das hatte er beabsichtigt, denn er wollte nach der andern Richtung ausbrechen. Er brach mitten in der Rede ab, riß dem in seiner Nähe stehenden Bruder die Kipus aus der Hand, schlug zwei hinter demselben befindliche Chiriguanos aus einander und sprang dann in weiten Sätzen dem Felsenwege zu, welcher hinab zur Salzlagune führte.

Die meisten waren so überrascht, daß sie gar nicht an eine Verfolgung des Flüchtigen dachten. Ich rief ihnen zu, acht auf den Alten zu haben, und sprang dem jungen nach.

Es kam darauf an, ihn zu verhindern, eins der unten stehenden Pferde zu besteigen. Ich sah ihn ungefähr vierzig Schritte vor mir und war natürlich neugierig, welcher von uns der bessere Läufer sei. An der ersten Krümmung war ich ihm um zehn, an der zweiten um zwanzig Schritte näher gekommen. Als er unten aus dem Felsenwege ins Freie flog, hatte ich ihn nur noch zwölf Schritte vor mir. Er sah es nicht, denn er drehte sich nicht um, sondern er hörte es. Er wollte zu den Pferden, erkannte aber gar wohl, daß ich ihm diesen Plan durchkreuzen werde. Wenn er am Ufer hinrannte, hatte ich ihn binnen einer Minute erwischt, denn ich hörte seinen Atem schnaufend, fast hustenähnlich gehen, während meine Lunge noch so leicht und frei wie vorher arbeitete; er war ein sehr mittelmäßiger Läufer. Es gab für ihn nur eine einzige Chance, nämlich die Salzdecke der Lagune. Wagte ich mich nicht darauf, und war sie stark genug, sein Gewicht zu tragen, so mußte er vor mir das jenseitige Ufer erreichen. In seiner Aufregung und Angst wagte er es und sprang vom festen Ufer auf die Salzkruste. Ich folgte ihm nicht. Ich war über die Salzdecke der tunesischen Schotts, welche hundertmal gefährlicher sind als so eine kleine bolivianische Lagune, nicht nur gelaufen, sondern sogar geritten; ich fürchtete mich nicht, sein Beispiel nachzuahmen, aber ich konnte ihn ja viel billiger haben. Ich eilte zu meinem Pferde, stieg in den Sattel und galoppierte am Ufer hin, um die Lagune herum. Zu Fuße hätte ich ihm den Weg nicht abzuschneiden vermocht, zu Pferde aber war es eine Leichtigkeit.

Indem ich meinem Wege folgte, hielt ich das Auge natürlich auf ihn gerichtet. Wenn er das Salz kannte, war für ihn von Gefahr gar keine Rede. Wie beim Eise, so kennzeichnen sich auch bei so einer Salzkruste die gefährlichen Stellen, welche keine Tragfähigkeit besitzen, durch ihre Farbe. Man muß sie vermeiden. Übrigens besitzt das Salz eine viel größere Elastizität, als man gewöhnlich glaubt.

Zur Regenzeit war die Lagune bis an den Rand mit Wasser gefüllt; nach dieser Zeit verdunstete das Wasser; die Salzdecke senkte sich, und darum war sie am Ufer vielfach geborsten; sie bestand da aus einzelnen Schollen und Stücken, zwischen denen man schmale, teils trockene, teils sumpfige Grundstellen erkennen konnte. Weiter drüben aber gab es Wasser, welches eine zusammenhängende Decke trug.

Der Sohn des Sendador sprang von Scholle zu Scholle; er glitt dabei oft aus, kam aber immer wieder in das Gleichgewicht. Jetzt erreichte er die letzte Scholle. Vor ihm gab es einen vielleicht vier Fuß breiten Wasserstrich, dann begann die feste Decke. Der Sprung über das Wasser war ganz leicht und ungefährlich; er that ihn, brach mit dem einen Fuß drüben ein, stürzte nieder, wälzte sich klugerweise schnell eine Strecke auf der Salzdecke weiter, sprang dann auf und setzte seine Flucht im Galoppe fort. Indessen hatte ich schon eine weite Strecke zurückgelegt. Ich befand mich an der äußersten Stelle der Ufereinbuchtung und wendete mich der andern Seite zu. Das heißt mit andern Worten, ich hatte die Hälfte meines Weges bereits hinter mir, während er noch drei Fünftel des seinigen vor sich hatte. Ich mußte weit eher drüben ankommen als er. Er sah es und hielt inne. Noch trug er die Kipus in der Hand. Hinter ihm standen oder liefen meine Gefährten am Ufer, vor sich hatte er mich; auf diesen beiden Seiten gab es kein Entkommen. Er wendete sich also nach links. Bis jetzt hatte er sich nur auf einer schmalen Bucht befunden; nun eilte er der eigentlichen, zehnmal breiteren Lagune zu. Da gab es drüben kein betretbares Ufer, denn der Salzsee trat bis an die steile Felsenwand. Wer den Flüchtling dort verfolgen wollte, der mußte auf das Salz. Meine Gefährten hüteten sich, dies zu thun; sie blieben halten und eilten nur noch mit ihren Blicken hinter ihm her. Ich jagte hüben am östlichen Ufer hin, welches er hatte erreichen wollen, und er eilte nun auf die Höhe der Lagune hinaus, um sich dann jedenfalls nach dem westlichen Ufer zurückzuwenden, sobald ihm dasselbe eine Stelle bot, welche erklettert werden konnte. Ich hielt mich ihm parallel und war fest entschlossen, ihn nicht entkommen zu lassen. So lange er die gleiche Richtung mit mir behielt, konnte ich ruhig weiter reiten; sobald er sich aber hinüber wendete, war ich bereit, ihm auf das Salz zu folgen, und zwar zu Pferde.

Die Salzkruste hatte eine schöne, helle, weiß glänzende Farbe; sie war fest und trug ganz gewiß einen Reiter, notabene, wenn derselbe sehr schnell, nicht aber langsam ritt. Das Gewicht von Pferd und Mann durfte nur für Augenblicke auf einer und derselben Stelle ruhen. Jetzt sah ich, daß sich im jenseitigen Ufer eine schmale Schlucht öffnete. Er sah es auch, wendete sich nach links und strebte derselben zu. Jetzt konnte er mir entgehen; meine Zeit war gekommen, und ich trieb mein Pferd auf das Salz. Es wollte nicht gehorchen; es schnaubte, bäumte sich, schlug hinten hinaus. Ich gab ihm die Sporen kräftiger, als es sie jemals von mir gefühlt hatte, und unter einem zornigen Wiehern setzte es in einem weiten Bogen auf die glitzernde Decke, sprang von Scholle zu Scholle, über den offenen Wasserstrich hinüber und flog dann im Galoppe über die zusammenhängende, dumpf dröhnende Kruste hin. Von links, wo meine Gefährten standen, erschollen Schreckensrufe. Der Flüchtling hörte es, sah zu ihnen hin, bemerkte, daß sie mir eifrig zuwinkten, und drehte sich nach mir um. Er blieb einige Augenblicke wie erstarrt stehen, als er mich kommen sah, wohl weniger aus Angst um sich, als vielmehr, weil er so einen Ritt gar nicht für möglich hielt. Dann aber rannte er aus Leibeskräften weiter.

Meine ganze Aufmerksamkeit war erst in zweiter Linie auf ihn, in erster aber auf die Farbe des Salzes gerichtet. So lange dieselbe weiß glänzend, krystallinisch schimmernd war, hatte ich wenig oder nichts zu fürchten, viel weniger als ein Fußgänger. Die Schnelligkeit ist’s, welche die Gefahr hinter sich legt, und sinkt ein Fußgänger mit einem Fuße ein, so hat er nur noch einen zweiten Fuß, um sich zu erhalten; sinkt aber der Huf eines Pferdes ein, so besitzt es noch drei Beine, um nicht stecken zu bleiben. Hinter dem Reiter mag die Decke immerhin bersten, wenn sie nur vor ihm noch hält.

So war ich dem jetzt voller Angst Dahinrennenden vielleicht bis auf sechzig Ellen nahe gekommen. Er hatte noch eben so weit bis an die Schlucht. Aber vor ihm nahm das Salz plötzlich eine graubräunliche, wässerige Farbe an.

„Halt, halt!“ schrie ich ihm zu. „Sie brechen ein!“

Er hörte nicht auf mich und rannte weiter. Ich wollte sein Leben erhalten; mochte er mir immerhin entkommen; darum rief ich noch lauter:

„Nach rechts, wo das Salz weiß ist! Das dunkle hält Sie nicht. Um Gotteswillen, Sie sind verloren!“

jetzt gehorchte er und hielt sich weiter rechts; ich kam ihm schneller näher, denn er war ermüdet und hatte keinen Atem mehr. Noch dreißig, noch zwanzig Schritte – er bemerkte es und hielt sich wieder links. In solchen Augenblicken handelt der Mensch mit der Schnelligkeit des Blitzes. Nach der Rettung des Sendadors hatten wir die Lassos wieder von einander gelöst, und ich hatte das meinige, wie gewöhnlich, von der einen Schulter nach der andern Hüfte gerollt, so daß ich es nur über den Kopf hinweg abzunehmen brauchte. Ich schwang es los, hakte den Ring des einen Endes an den Sattelknopf, wand das andere Ende zur Schlinge, nahm mit der Linken die Zügel fest, hob mich in den Steigbügeln empor und schwang mit der Rechten den Riemen im Kreise hoch über dem Kopfe. Der Flüchtling brach mit einem Fuße ein, gewann für kurze Zeit wieder Boden; ich durfte keinen Schritt weiter, denn nur eine kurze Strecke vor mir verlor das Salz die helle Farbe; der Lasso flog durch die Luft; die Schlinge faßte den Mann; in demselben Augenblicke brach er ein. Hätte ich, wie man es auf festem Boden stets thut, scharf wenden und den Riemen anziehen können, so wäre er nicht untergesunken; aber das hätte mir und dem Pferde das Leben gekostet, denn bei einer solchen Wendung auf den Hinterhufen hätten wir uns augenblicklich durch die hier schon weiche Kruste gebohrt. Ich mußte einen, wenn auch kurzen Bogen reiten; dann spannte sich der Riemen an. Das Pferd zog, vergeblich; das Salz hielt den Mann fest; das Pferd zog abermals und fuhr mit einem Hinterhufe durch das Salz. Ich trieb es augenblicklich durch einen Druck des Schenkels zur Seite und riß das Messer aus dem Gürtel; ich mußte den Lasso durchschneiden, um nicht selbst zu verderben. Vorher aber wagte ich das Äußerste; ich gab dem Tiere die Sporen, daß ich später das Blut an den Rädern kleben sah. Das Pferd zog nicht an, sondern es sprang förmlich an – Gott sei Dank, es schoß vorwärts, und der Lasso war fester als die Salzkruste, unter welche der Flüchtling geraten war; er wurde empor- und mit fortgerissen.

Nun durfte ich nicht etwa halten bleiben, um den Mann aufzunehmen. O nein, das wäre mein Untergang gewesen. Ich mußte fort, zurück, und durfte keinen Augenblick halten bleiben. Ich zog ihn am Riemen hinter mir her, ritt aber so langsam wie möglich, um ihn nicht tot zu schleifen, und nahm dabei den Lasso Hand für Hand zu mir ein, so daß der Sohn des Sendador mir immer näher kam. Der Lasso wurde kürzer und kürzer, und es war auch Zeit dazu, da ich den an demselben Hängenden unmöglich über die harten, scharfkantigen Uferschollen schleifen durfte. Noch hatte ich dieselben nicht erreicht, so hing er neben dem Pferde. Ein Griff, ein Schwung, der mich fast aus dem Sattel gerissen hätte, und der Mann lag quer vor mir und war in Sicherheit. Nun noch über die offene Wasserstelle zurück; dann von Scholle zu Scholle an das Ufer. Dort hielten der Bruder und Pena, auch Turnerstick, welche mir nachgeritten waren; sie nahmen mir den Mann ab, und ich stieg von dem Pferde, welches laut schnaubte und am ganzen Körper zitterte; es hatte die Gefahr empfunden, in welcher wir uns befunden hatten.

Während das Erzählte sich abspielte, hatte ich meine Aufmerksamkeit, wenn auch nur für Momente, auch auf anderes richten müssen. Als ich den Lasso warf und der Mann einbrach, ertönte von oben herab ein Schrei, welcher kaum menschlich genannt werden konnte. Den erwähnten Bogen reitend, blickte ich hinauf auf die Felsenplatte und sah die Chiriguanos und Tobas stehen, welche meinen Ritt mit ihren Blicken verfolgten. Ganz vorn, beinahe an der Kante aber stand, hoch aufgerichtet und mit angstvoll emporgehobenen Armen, der Sendador, der kurz vorher noch so schwach gewesen war, daß er sich kaum hatte sitzend aufrichten können. Die Vaterliebe verlieh ihm die Kraft, sich trotz der Fesseln aufrecht zu halten. Und als ich nun vom Pferde gestiegen war und nach oben blickte, sah ich ihn noch ebenso dastehen.

Sein Sohn sah schrecklich aus. Das Wasser hatte ihn nicht hergeben wollen. Bei dem Rucke, mit welchem ich ihn herausgerissen hatte, war sein Gesicht zerschunden und ein Teil seines Anzuges zerfetzt worden. Durch das Schleifen über das Salz war es nicht besser geworden. Der Gürtel fehlte und eine Hälfte der Jacke. Die Hauptsache war, daß er noch lebte. Er kam bald zu sich und gelangte schnell zum Bewußtsein dessen, was geschehen war. Er sah mich lange in sichtbarer Verlegenheit an; dann hielt er mir die Hand hin und sagte:

„Sennor, ohne Sie läge ich jetzt da unten. Sagen Sie, wie ich Ihnen das vergelten kann!“

„Seien Sie brav, und vergelten Sie es nicht mir, sondern denen, welchen Sie bisher übel gethan haben!“

„Das werde ich thun. Aber auch Sie sollen erfahren, daß ich dankbar bin. Ich gebe Ihnen die Kipus zurück.“

Er griff in die Tasche.

„Sie hatten sie in der Hand, als Sie durch das Salz brachen,“ bemerkte ich.

„In der Hand?“ fragte er enttäuscht. „O desdichado de mi! Es ist wahr; so habe ich sie im Wasser gelassen!“

„Und niemand wird sie jemals finden können!“

„Aber die Zeichnung, die Zeichnung, wenn Sie die haben, so – – wo ist mein Gürtel?“

„Auch im Wasser.“

„O Himmel! Ich hatte die Zeichnung da eingeschlagen.“

„So ist sie auch fort?“

„Auch fort, verloren! Was thun wir? Sie müssen sie haben. Ich muß sie schaffen; ich gehe wieder hinüber!“

Er sprang auf, um sich abermals auf das Salz zu begeben.

„Bleiben Sie!“ gebot ich ihm. „Sie erreichen nichts, wenigstens Sie allein. Die einzige Möglichkeit des Gelingens ist dann vorhanden, wenn wir alle unsere Bemühungen vereinigen. Wir müßten das Salz entfernen und dann suchen. Dazu gehören Boote und Werkzeuge, welche wir nicht besitzen. Vielleicht kommt uns ein Rat, ein guter Gedanke. Wir werden überlegen. Jetzt aber kommen Sie mit uns zu Ihrem Vater!“

Er weigerte sich nicht und ging mit uns, ohne daß es uns einfiel, ihn zu binden. Wir hatten die Überzeugung, daß er uns nicht wieder entfliehen werde. Was meine Gefährten zu meinem Wagnisse, zu Pferde auf das Salz zu gehen, sagten, das braucht nicht berichtet zu werden. Es war keineswegs eine Heldenthat, sondern höchstens ein kleines Wagnis, wie jeder es einmal unternimmt. Als wir oben auf der Felsenplatte angekommen waren, warfen die Chiriguanos und Tobas mir Blicke zu, welche mir deutlich zeigten, wie ich ihnen imponierte. Ein wenig Mut, und man erwirbt die Achtung dieser Leute leicht.

Der Sendador hatte sich wieder niedergesetzt. Seine Augen leuchteten, ob vor Freude oder in der Glut des Fiebers, das war schwer zu sagen. Er reichte seinem Sohne die Hand, zog ihn neben sich nieder und ließ ihn erzählen. Wir traten zurück, denn es war uns jetzt nicht mehr von Wichtigkeit, zu hören, was er mit seinem Sohne sprach. ich war vollständig überzeugt, daß er nun doppelt über mich ergrimmt sei, da ich seinen Sohn fast in den Tod getrieben, sein Entkommen verhindert hatte und auch an dem Verluste der Kipus und Pläne die Schuld trug.

Dieser Verlust ging uns allen sehr nahe. Mancher von uns hatte doch wohl im stillen die Hoffnung gehegt, daß das Auffinden des Versteckes ihm Vorteil bringen werde.

Wie erstaunte ich, als der Sendador mich und den Bruder zu sich rief und uns in einem Tone, den wir bei ihm gar nicht für möglich gehalten hätten, sagte:

„Sennores, als ich meinen Sohn versinken sah, ist mir das Herz gebrochen. Mit einemmal sah ich, was für ein Mensch ich gewesen bin. Sie glauben, mich zu kennen, aber Sie kennen mich nicht. Ich weiß, daß ich sterbe. Ich will vorher mein Herz erleichtern, indem ich Ihnen alles, was ich begangen habe, erzähle. Hören Sie meinen Lebenslauf!“

„Nein,“ wehrte ich ab. „Hat die Vorsehung Ihren Tod beschlossen, so gehören Ihre letzten Stunden oder Augenblicke nicht mir und andern profanen Personen, sondern Gott. Hier ist unser guter und frommer Frater Hilario. Vertrauen Sie ihm, was Ihr Herz beschwert, und Sie werden von ihm den rechten Trost erhalten“

„Sie haben recht. Aber sagen Sie mir, ob Sie mir verzeihen!“

„Von ganzem Herzen.“

„Was werden Sie mit meinem Sohne thun?“

„Nichts. Er mag gehen, wohin er will. Ich hoffe, er wird nie vergessen, hier den Beweis erhalten zu haben, daß Gott gerecht, doch auch unendlich gnädig ist! Ich hatte nur mit Ihnen zu thun und bin nicht sein Richter.“

„Dann komm her, mein Sohn; gieb mir deine Hand, und höre, was ich dir sage! Es ist entsetzlich, wenn ein Vater zu seinem Kinde so reden muß, wie ich jetzt zu dir; aber ich habe vor dir und mit dir gesündigt und dich den Weg des Verbrechens geführt; meine Reue kann mir die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit erwecken, nicht aber vermag sie, an den Menschen gut zu machen, was wir an ihnen verbrochen haben. Dieses Letztere soll deine Aufgabe sein. Willst du mir diesen meinen letzten irdischen Wunsch erfüllen?“

Er war ein großer, verstockter, ja frecher Sünder gewesen, aber wie ich ihn jetzt sprechen hörte, gingen mir seine Worte tief zu Herzen. Die Todesangst um seinen Sohn hatte wirklich die harte, unzerstörbar scheinende Rinde gebrochen. Er sprach nicht zusammenhängend, sondern langsam, mühsam und mit vielen Pausen, denn der Atem versagte ihm. Er hatte sich jedenfalls im Innern Schaden gethan, und die Anstrengung, mit welcher er seine großen körperlichen Schmerzen bekämpfte, trieb ihm den Schweiß in großen Tropfen auf die Stirn. Seine Stimme klang trotzdem mild, wie diejenige einer liebevollen Mutter. Ja, es war wahr, wäre er nicht auf die Wege des Verbrechens geraten, welch ein Mann, Gatte und Vater hätte aus ihm werden können! In dieser Weise hatte er wohl noch nie zu seinem Sohne gesprochen, und darum machten seine Worte einen tiefen, tiefen Eindruck auf denselben. Die Lippen des jungen Mannes zitterten; er konnte nicht sprechen; er antwortete dadurch, daß er sein Haupt zustimmend neigte und die Hand des Vaters drückte.

„Du bist reich,“ fuhr dieser fort. „Du weißt, wo unsere Habe verborgen liegt; aber du weißt auch, daß sie nicht auf ehrliche Weise unser Eigentum geworden ist. Gieb sie denen wieder, denen wir sie abgenommen haben! Und willst du zu meiner Seligkeit beitragen, indem du den Zorn Gottes in Barmherzigkeit verwandelst, so gehe fortan nur die Wege der Gerechtigkeit, von denen ich dich fern gehalten habe. Ich glaube nun an die ewige Liebe und Gnade; ich Weiß, daß Gott mir vergeben kann; aber sollte ich zu den Verlorenen gezählt werden, so werde ich die Strafe leichter tragen, wenn ich dich einst unter den Seligen erkenne. Jetzt sage mir aufrichtig und ohne alle Schonung, ob du besser werden willst, als dein Vater, der dein Verführer war, gewesen ist!“

Er sah seinem Sohne angstvoll in die Augen. Dieser war überwältigt; er drückte ihn an sich, küßte ihn und antwortete unter strömenden Thränen:

„Du weißt, daß ich oft nicht gern gethan habe, was du von mir verlangtest. Als da unten in der Lagune die Flut über mir zusammenschlug, leuchtete es in mir auf, nur einen Augenblick, dann verlor ich die Besinnung; aber es war ein Augenblick großer, heller Einsicht, daß ich nicht zu leben verdiente. Von jetzt an aber will ich es verdienen. Ich verspreche, ich schwöre es dir!“

Über das Gesicht des Alten breitete es sich wie eine tiefe, innige Freude. Er drückte die Hand des Sohnes und bat ihn:

„Ich kenne dich und weiß, daß du Wort halten wirst. Jetzt gehe! Ich muß mit dem Bruder sprechen.“

Auch ich ging, glücklich in dem Gedanken, daß jetzt ein verlorener und vollständig aufgegebener Sohn im Begriffe stehe, zum Vater zurückzukehren. Es war mir zu Mute, als ob ich mich in einem Dome befände und vor dem Heiligtume kniete. Darum wollte es mit meiner Stimmung wenig harmonieren, als mich die andern wegen der verloren gegangenen Kipus in Beschlag nahmen; doch konnte ich mich ihnen nicht entziehen. Es wurde beschlossen, genau nachzusehen, ob sie nicht vielleicht auf der Salzdecke zu finden seien. Sie konnten der Hand des jungen Sabuco entfallen sein, bevor er einbrach. Und ebenso konnte auch der Gürtel sich auf dem Salze finden.

Wir stiegen hinab. Der Bruder blieb mit dem Sendador allein, um ihn zu trösten. Der junge Sabuco erklärte sich bereit, nochmals auf die Lagune zu gehen; ich war gewillt, ihn zu begleiten, und Pena machte das Wagnis mit. Es war vergebens; wir sahen die gesuchten Gegenstände nicht und mußten auch einsehen, daß unter den gegebenen Umständen ein Nachforschen unter dem Salze eine Unmöglichkeit sei. Wir sahen uns gezwungen, auf den Schatz der Inkas für immer zu verzichten. Pah! Es giebt Schätze, welche wertvoller sind und weder von dem Roste gefressen, noch von den Motten verzehrt werden.

jetzt fanden sich die Chiriguanowachen, welche sich entfernt hatten, wieder zu uns. Sie hatten uns beobachtet und dabei erkannt, daß nichts für sie zu befürchten sei. Wir nahmen uns mit Absicht Zeit und kamen erst nach zwei Stunden wieder oben auf der Felsenplatte an. Der Sendador schlief; der Bruder saß bei ihm. Als ich dem letzteren einen fragenden Blick zuwarf, sagte er in seiner freundlich ernsten Weise:

„Er bereut in Wahrheit, und Gott zürnt nicht ewig.“

Man sah es dem Schlafenden an, daß es mit ihm zur Rüste ging. Der Tod schrieb ihm seine Zeichen in das Gesicht. Wir setzten uns in der Nähe hin und sprachen leise miteinander. Nach einiger Zeit erwachte er und verlangte mit matter Stimme nach seinem Sohne.

„Vergieb mir; halte dein Wort, und sei fromm!“ stieß er leise und mit vieler Mühe hervor.

Wir beteten. Die Indianer folgten unserm Beispiele. Nach einiger Zeit flüsterte er, nach dem Grabe des Ermordeten winkend:

„Dort liegt Juan Gomarra. Tragt auch seinen Bruder herauf! Bei ihnen will ich liegen, damit mir leichter vergeben werde.“

Lange lag er mit geschlossenen Augen, rechts die Hand des Bruders und links diejenige seines Sohnes haltend. Dann richtete er sich noch einmal empor, und sank tot zurück. Wahrlich, der Augenblick, an welchem ein Mensch von hinnen scheidet, ist ein großer, ein heiliger Augenblick! Und ob er noch so schwer gefehlt habe, niemand ist Richter als Gott, der Herr, allein! – – –

Die Gesellschaft schlief am Abende unten an der Lagune. Der Bruder, der Sohn des Sendador und ich hielten oben die Leichenwache, und am andern Morgen wurden die Toten, auch die gefallenen Chiriguanos, mit der Feierlichkeit begraben, welche unter den obwaltenden Verhältnissen möglich war. Dann verließen wir die Pampa de Salinas. Vielleicht gab es nur einen einzigen, welcher im stillen unzufrieden darüber war, daß der Sendador sich seiner Rache durch den Tod entzogen hatte – Pena, welcher nur sehr schwer zu vergessen vermochte. –

Uns allen war vollständig unbekannt gewesen, daß der Sendador einen Sohn gehabt hatte. Daß dieser an den Thaten seines Vaters beteiligt gewesen war, das wußten wir nun, aber weiter nichts, weiter garnichts von ihm; er war uns ein Rätsel, welches wir gar zu gern gelöst hätten, doch widersprach es meinem Gefühle, ihn, als er uns auf dem Rückwege begleitete, nach seiner Vergangenheit zu fragen. Die andern aber waren in dieser Beziehung weniger zart als ich, und schon beim ersten Nachtlager wendete sich Pena mit einer darauf bezüglichen Erkundigung an ihn. Er dachte eine kleine Weile nach und antwortete dann in ernstem Tone:

„Sennores, ich bitte Sie sehr, mir dieses eine Geheimnis zu lassen; die Mitteilung desselben kann weder Ihnen etwas nützen noch an dem Geschehenen das geringste ändern. Keiner von Ihnen hat einen Vorteil davon, wenn ich mein plötzliches Erscheinen bei der Pampa de Salinas erkläre. Ich habe viel, sehr viel Unrecht gethan, und mein Leben wird von jetzt an der Sühne meiner Thaten und derjenigen meines Vaters gewidmet sein. Ich werde mich dahin begeben, wo der Sendador lebte, und dort das, was er beging, möglichst gut zu machen suchen. Das mag Ihnen genügen!“

Es fragte ihn keiner wieder. Am Rio Salado trennten wir uns von den Tobas und Chiriguanos; er ritt mit ihnen weiter. –

In Tucuman trafen wir den alten Desierto, der jetzt wieder jung geworden zu sein schien, mit Unica und ihrem Adolfo Horno. Monteso verabschiedete sich da mit seinen Yerbateros von uns, um nach den erlebten Abenteuern seinem Berufe wieder nachzugehen.

Nicht weit von einer Hauptstadt Mitteldeutschlands liegt ein Rittergut, dessen Namen nicht genannt zu werden braucht. Es gehört dem Desierto, und da wohnt auch Adolf Horn mit seinem Weibchen, die seine Universalerben sind. Wenn sie einmal von vergangenen Zeiten und frühern Erlebnissen sprechen wollen, so lassen sie anspannen und fahren nach der Stadt, um an einem schönen Hause der Schloßstraße auszusteigen. Der Eigentümer desselben ist der Rentier Kummer, einst Sennor Pena genannt, dessen Nichte ihm die Wirtschaft führt. Dann sitzen alle die Genannten traulich beisammen und freuen sich der ruhigen, glücklichen Gegenwart, die ihnen nach so langen Kämpfen gern und wohl zu gönnen ist.

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Im Gran Chaco

Im Gran Chaco

Die Stadt Palmar liegt in der Provinz Corrientes, dem Argentinischen Mesopotamien, und zwar an dem Flusse, welcher denselben Namen wie die Provinz selbst führt. Sie ist nicht groß, treibt aber einen bedeutenden Handel, wenigstens nach den dortigen Verhältnissen bedeutend, denn trotz der außerordentlichen Fruchtbarkeit von Corrientes liefert der Ackerbau nur den heimischen Bedarf; die Industrie ist nicht nennenswert, und die Ausfuhr besteht nur aus den Produkten des Waldes und der Herden.

Zu der Zeit, als wir uns diesem Städtchen mit unsern Gefangenen von Süden her näherten, bildete es den Ausgangspunkt aller von Norden her gegen den aufständischen Lopez Jordan gerichteten militärischen Unternehmungen. Da gab es Soldaten aller Art, über deren Aussehen ein deutscher Landwehrmann den Kopf geschüttelt hätte. Doch machten sie immerhin einen bessern Eindruck als diejenigen, welche ich bei Jordan gesehen hatte. Als wir ankamen, sahen wir sie rechts und links vom Wege exerzieren.

Das Städtchen liegt nicht direkt am Flusse, sondern es wird durch Moräste von ihm getrennt, welche man durch Schilfdämme wegbar gemacht hatte. Der Oberst hieß uns im Galopp bis auf die Plaza reiten und vor der Casa de Ayuntamiento, dem Rathause, halten, welches einem Lüneburger Heidehofe ähnlicher sah als dem Sitze einer städtischen Behörde.

Dort stellte er sich dem Platzkommandanten vor, wobei der Bruder und ich ihn begleiten mußten, um ihn bei der Erzählung des Vorgefallenen zu unterstützen. Der Erfolg dieses Berichtes war, daß die Offiziere der Aufständischen im Stadthause eingeschlossen und ihre Soldaten in mehrere Corrals gesperrt wurden, um später abgeurteilt zu werden. Uns aber lud der Herr, einschließlich aller meiner Begleiter, zum Essen ein.

Die ohne einen einzigen Schuß oder Schwertstreich erfolgte Gefangennahme der an Zahl so überlegenen Gegner und die Erbeutung so vieler Pferde, an welchen großer Mangel war, galt natürlich für eine vielverheißende Einleitung der kriegerischen Thätigkeit des Obersten. Und da er diesen Erfolg uns zu verdanken hatte, so erging er sich in den zartesten Aufmerksamkeiten gegen uns. Er forderte uns auf, möglichst lange in Palmar zu bleiben, und versprach, uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen und uns dann mit allem für unsre Weiterreise Nötigen reichlich zu versorgen. Sein Erstes war, uns ein möglichst gutes Quartier anzuweisen. Wir fanden dasselbe in dem Hause eines reichen Handelsherrn, welcher sich mit der Ausfuhr von Landesprodukten beschäftigte. Bei ihm wurden wir sehr freundlich aufgenommen und teils in zwei Gaststuben, teils in einem für die Dienerschaft bestimmten Nebengebäude untergebracht.

Was mich betraf, so zog ich es vor, mich sofort schlafen zu legen, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß mein Pferd sich in guter Pflege befand. Die Stadt bot gar nichts Sehenswertes, und nach den gehabten Anstrengungen war eine ausgiebige Ruhe das allernötigste für uns.

Der Frater, Turnerstick und sein Steuermann legten sich auch schlafen. Die andern zogen es vor, sich in der Stadt zu vergnügen. Dies war auch der Fall mit Gomez, dem Indianer, dessen Mutter durch das unfreiwillige Bad im Parana ganz nachhaltig wieder hergestellt zu sein schien. Sie waren gegangen, um sich mit ihren Stammesgenossen zu unterhalten, welche in der Stadt lebten oder auch in das hier befindliche Militär getreten waren. Gomez gehörte zu dem Stamme der Aripones, welche ihren hauptsächlichsten Aufenthalt zwischen dem Rio Salado und Rio Vermejo haben und infolgedessen die besten Kenner des geheimnisvollen Gran Chaco sind.

Als es längst dunkler Abend war, kam er, mich zu wecken. Er entschuldigte das damit, daß er Abschied nehmen müsse, weil er Ursache habe, Palmar sofort zu verlassen. Als ich ihn nach dem Grunde fragte, antwortete er:

„Ich muß sofort in meine Heimat gehen, da die Meinigen sich in Gefahr befinden, aus ihren Wohnsitzen verdrängt zu werden. Ich habe sie zu warnen.“

„Wo befinden sich diese Wohnsitze?“

„Jenseits des Parana, zwischen dem Rio Salado und dem obern Laufe des Rio Vivoras.“

„Giebt es dort nicht eine Reihe verlassener Ansiedelungen?“

„Ja. Es waren vor langer, langer Zeit Weiße eingewandert, welche sich aber nicht halten konnten – der – der – Indianer wegen, die sich feindlich gegen sie verhielten. Die Weißen haben fortgemußt, und ihre Häuser sind zerfallen. Jetzt kommen abermals welche, um uns aus unserm Reviere zu vertreiben. Sollen wir gehen, ohne uns gewehrt zu haben?“

„Was wollen diese Leute dort? Es giebt doch anderwärts Land genug, welches bequemer liegt und weit fruchtbarer ist. Warum ziehen sie gerade jene Gegend vor, welche zu dem wilden Gran Chaco gehört?“

„Dasselbe sagen und fragen auch wir. Es giebt so viel Platz, daß man uns in Ruhe lassen kann.“

„Was für Leute sind denn diejenigen, von denen Sie sprechen?“

„Sie sind teils aus Buenos Ayres herauf- und aus Corrientes heruntergekommen. Ihre Anführer sind ein nordamerikanischer Ingenieur und der Bevollmächtigte eines Bankiers in Buenos. Sie wollen den Rio Salado tiefer und breiter machen, damit Dampfer denselben befahren können. Ist das geschehen, so wollen sie in dem dichten Walde, welcher sich weit, weit am linken Ufer des Flusses hinzieht, Bäume fällen und Yerba sammeln lassen, um beides auf dem Salado in den Parana gehen zu lassen und sich viel Geld zu verdienen.“

„Haben sie Konzession dazu?“

„Das weiß ich nicht. Die beiden Anführer sind hier in Palmar gewesen, weil der Führer, den sie haben wollten, sich hier befand. Die andern Leute, welche zu dieser Expedition gehörten, blieben an der Mündung des Flusses zurück, um ihre Rückkehr dort zu erwarten.“

„Ist die Gesellschaft zahlreich?“

„Ja. Eine Anzahl Männer sind mit Booten den Rio Salado hinauf, um die andern dort zu erwarten, welche mit zahlreichen Ochsenwagen nach den alten Ansiedelungen gehen.“

„Ist es denn möglich, mit solchen Wagen dieses Ziel zu erreichen?“

„Ja. Nur in der Nähe des Parana bieten sich solche Schwierigkeiten, daß die Wagen zerlegt werden müssen. Die Teile derselben werden ebenso wie das Gepäck von den Ochsen so weit getragen, bis man freien Camp findet. Dann setzt man die Wagen wieder zusammen und kann bis zu den Ansiedelungen fahren. Man scheint zu denken, daß diese Schwierigkeiten nicht schwer zu überwinden seien, denn mehrere der Männer haben ihre Frauen und Kinder mitgenommen.“

„Dann ist es allerdings auf einen längern, wohl gar bleibenden Aufenthalt abgesehen.“

„Jedenfalls. Da aber mein Stamm in der Nähe der alten Ansiedelungen wohnt und das Land für sein Eigentum hält, so wird es ganz gewiß zu einem Zusammenstoße kommen. Ich muß also schleunigst hin, Sennor. Auch kenne ich die Gebräuche der Weißen besser als meine Genossen, und da ich gut spanisch spreche, kann ich auch als Dolmetscher von großem Nutzen sein, obgleich der Führer der Weißen unsre Sprache so genau versteht, als ob er zu uns gehörte. Er ist der berühmteste weiße Kenner des Gran Chaco.“

„Wie heißt er?“

„Geronimo Sabuco.“

„Ah! Ist’s etwa der, welcher gewöhnlich nur el Sendador genannt wird?“

„Ja. Kennen Sie ihn?“

„Persönlich nicht. Aber Sie müssen doch wohl gehört haben, daß ich mit meinen Gefährten oft von ihm gesprochen habe?“

„Sie haben von einem Sendador gesprochen; aber es giebt deren so viele, daß ich nicht wissen konnte, welchen Sie meinen.“

„Vielleicht irren Sie sich, und es ist ein anderer. Wir waren überzeugt, ihn weit nördlicher zu finden.“

„Es ist Sabuco, kein anderer. Suchen Sie ihn?“

„Ja. Wir wollen zu ihm, um ihn als Führer zu engagieren.“

„Da kommen Sie nun zu spät. Er ist schon engagiert.“

„Aber wir wollen und müssen ihn haben. Wir sind nur deshalb hierher gekommen, um ihn im Gran Chaco aufzusuchen.“

„Wenn dies der Fall ist, Sennor, so freue ich mich, weil Sie dann jedenfalls mit mir gehen werden, denn anders können Sie ihn nicht finden.“

„Das ist richtig. Ich werde mich mit meinen Gefährten besprechen.“

„So thun Sie das bald, da ich noch vor Anbruch des Morgens fort will. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Je schneller ich reise, desto eher kann ich meinen Stamm warnen.“

„Es fragt sich, ob Ihnen das noch zur rechten Zeit möglich ist. Können Sie die Expedition denn nicht einholen?“

„Ja, denn sie ist vor fünf Tagen von hier aufgebrochen, aber diese Leute reisen mit Ochsenkarren, also sehr langsam, während ich aber reiten werde.“

„Wie lange reitet man bis zu den alten Ansiedelungen?“

„Vom Parana aus ungefähr zehn Tage, während man zu Wagen wenigstens fünfzehn braucht. Ich muß diese Leute also erreichen, bevor sie an ihr Ziel kommen, werde mich aber nicht vor ihnen sehen lassen, da sie nicht zu wissen brauchen, daß ich meinen Stamm benachrichtigen will. Sie würden mich natürlich daran zu hindern suchen.“

„Da Sie Ihre Mutter mitnehmen, können Sie keine sehr bedeutenden Tagesmärsche machen, welche die Frau übermäßig anstrengen würden. Darum ist es sehr wahrscheinlich, daß Sie doch zu spät kommen. Und so liegt an einer kleinen Versäumnis von wenig Stunden auch nicht viel. Sie können immerhin warten, bis es Tag geworden ist.“

„Nein, Sennor. Wenn Sie nicht eher aufbrechen wollen, so reite ich allein. Was hindert Sie denn, eher aufzubrechen?“

„Erstens der Umstand, daß Tiere und Menschen einmal ausruhen müssen. Und sodann reitet man nicht nach dem Gran Chaco, ohne die dazu nötigen Vorbereitungen zu treffen.“

„Das ist wahr. Zwei Personen bedürfen nicht viel; Sie aber zählen mehr.“

„Und wie kommen wir über den Parana?“

„Wir warten ein Schiff oder Floß ab, das uns übersetzt.“

„Dabei könnten wir viel Zeit verlieren. Nein; ich werde mit dem Obersten und dem Platzkommandanten sprechen. Hoffentlich stellen sie uns einige Fahrzeuge zur Verfügung, mit denen wir den Rio Corrientes hinab in den Parana fahren und am jenseitigen Ufer des letzteren anlegen können. Das würde für uns eine große Zeitersparnis bedeuten.“ ,

„Sennor, Sie haben recht. Ich sage Ihnen, daß ich die Gegend genau kenne. Die großen Sümpfe, welche an den Ufern des Parana liegen, halten jeden Reiter nicht nur auf, sondern können ihm sogar höchst gefährlich werden. Ich aber kenne eine schmale Wasserbucht, welche der Parana weit in das Land hineinsendet. Bekommen wir Kähne, so können wir dieselben benutzen und an der Sumpfregion vorüberkommen.“

„Also eine Art Bayou, wie man im Norden diese toten Flußarme nennt? Das ist sehr gut. Sie sehen aber ein, daß ich die beiden Herren, mit denen ich sprechen will, nicht jetzt mitten in der Nacht wecken darf. Also werden Sie warten?“

„Unter diesen Verhältnissen, ja. Vorausgesetzt natürlich, daß Sie wirklich mitreiten.“

„Auf alle Fälle. Wir müssen den Sendador finden, und da er nach den Ansiedelungen ist, werden wir ihm folgen. Wie aber steht es mit dem Wege, welchen wir bis dorthin zurückzulegen haben? Ist er sehr beschwerlich?“

„Nein, wenn wir einmal über den Parana und seine Sümpfe hinüber sind. Wo ein Fluß ist, giebt es freilich Moor und große Feuchtigkeit, sowie weite, dichte Waldungen. Auch findet man bedeutende Strecken, in denen man nichts als Sand und wieder Sand findet. Aber Sie haben auch herrliche Camposstrecken, welche von schönen Gehölzen unterbrochen sind. Die Hauptsache ist, daß Sie einen Führer haben, welcher die Gegend kennt.“

„Nun, den werden wir wohl in Ihnen finden?“

„Ja. Noch bewanderter aber ist mein Vetter Gomarra, welchen ich Ihnen empfehlen kann. Der allererfahrenste freilich ist Geronimo Sabuco. Wenn Sie den finden, so bringt er Sie durch den ganzen Chaco, ohne daß Sie eine Ahnung bekommen, wie gefährlich er eigentlich für den Fremden, besonders für den Weißen ist.“

„Warum gerade für den Weißen?“

„Weil dieser nicht an das Klima gewöhnt ist und also bald das Fieber bekommt, Und sodann, weil es für ihn noch andere und weit schlimmere Gefahren giebt.“

„Welche? Wilde Tiere?“

„Ja. Der Jaguar ist gefährlich.“

„Pah, den fürchten wir nicht. Aber Sie sprachen auch von wilden Menschen, welche jedenfalls noch gefährlicher als die Jaguare sind.“

„Wilde Menschen? Da meinen Sie natürlich uns Indianer. Glauben Sie wirklich, daß wir zu den Wilden gezählt werden müssen?“

„Von Ihnen persönlich will ich nicht reden; aber denken Sie, daß man zum Beispiel die Aripones unter die hochgebildeten Völker rechnen muß?“

„Nein. Aber wer ist schuld, daß wir nicht mehr das sind, was wir früher waren? Wer hat uns aus unsern früheren Wohnsitzen vertrieben, so daß wir nun in den Wildnissen leben müssen, die man uns nun auch nicht länger gönnen will? Müssen wir nicht die Weißen hassen? Müssen wir uns nicht ihrer zu erwehren suchen, wenn sie immer auf uns eindringen, so daß wir nicht einmal im wilden Chaco in Ruhe gelassen werden?“

„Sie mögen nicht unrecht haben. Ich gebe zu, daß Sie erbittert sein müssen. Aber Ihre Art, sich zu verteidigen durch Raub und Mord, ist die der echten Wilden.“

„Sennor, besteht nicht jeder Krieg aus Raub und Mord? Geben Sie uns Ihre Waffen und Ihre Vorteile, so können wir uns anders verteidigen. Bis dahin aber müssen wir uns der Waffen bedienen, welche wir besitzen.“

„Ist es nicht schrecklich, Menschen zu überfallen, um sie zu töten oder sie mit in die Wildnis zu schleppen, um sie später gegen hohes Lösegeld freizugeben?“

„Ja, das ist schrecklich, Sennor. Aber wer thut das? Wer hat es zuerst gethan? Wer hat uns diese Weise der Kriegsführung gezeigt?“

„Die Weißen etwa?“

„Sie glauben es nicht? Nun, so denken Sie doch an das gegenwärtige Beispiel! Der Sendador führt eine ganze, große Gesellschaft Weißer über den Parana. Die Leute wollen an den Rio Salado, welcher uns gehört. Sie wollen in unserem Gebiete wohnen und auf demselben Yerba suchen und die Wälder niederschlagen, die uns gehören und ohne welche wir nicht leben können. Ist das nicht Überfall? Haben sie uns um die Erlaubnis gefragt? Werden sie uns das bezahlen, was sie uns nehmen, den Fluß, die Wälder, die Yerba, die Bäume? Nein! Und wenn wir uns sträuben, uns berauben zu lassen, so greifen sie nach ihren Waffen und wenden Gewalt an. Wie viele von uns dabei getötet werden, das erzählen sie nicht. Und wenn sie je davon sprechen, so rühmen sie sich dessen. Habe ich recht oder nicht, Sennor?“

Ich zögerte mit der Antwort, denn ich konnte ihm nicht Unrecht geben. Dann fuhr er fort:

„Wenn Sie also von Raub und Mord sprechen, so klagen Sie die Weißen an, aber nicht uns. Sie sind die Angreifer, während wir uns nur verteidigen.“

„Aber verteidigt man sich durch die Entführung von Frauen und Mädchen?“

„Ja, wenn einem sonst kein Mittel übrig bleibt.“

„Sie haben andere Mittel, Ihre Waffen.“

„Das können Sie sagen, weil Sie fremd im Lande sind. Die Weißen haben Gewehre, Pulver und Patronen. Wir aber besitzen nur Spieße und Pfeile, mit denen wir gegen sie nichts vermögen. Muß es da nicht unser Bestreben sein, auch Gewehre zu erhalten?“

„Freilich wohl.“

„Nun, kaufen können wir sie uns nicht, denn wir haben kein Geld. Die Weißen haben uns das gute Land weggenommen, so daß wir weder Estanzias noch Ranchos besitzen. Wir können uns nichts verdienen. Darum nehmen wir, wenn sich uns Gelegenheit dazu bietet, die Frauen und Töchter der Weißen gefangen und geben sie ihnen gegen ein Lösegeld zurück, für welches wir uns dann kaufen, was wir brauchen.“

„Aber die Männer und Knaben tötet ihr bei solchen Gelegenheiten!“

„Sollen wir sie leben lassen, da sie uns bei der nächsten Veranlassung umbringen würden? Wir handeln nur aus Rücksicht für unsere Verteidigung so. Wollen Sie den Schaden, welchen wir durch die Weißen erlitten haben, vergleichen mit den Verlusten, die sie uns zufügten, so werden Sie zu der Erkenntnis kommen, daß wir sehr im Nachteil sind.“

„Da kommen Sie auf ein eigenartiges Thema. Ich glaube nicht, daß Sie ahnen, welchen Schaden nur in den La Platastaaten die Indianer anrichten. Die Indianer dieses Landes haben während der letzten fünfzig Jahre ungefähr elf Millionen Rinder, zwei Millionen Pferde und ebensoviele Schafe gestohlen. Dabei sind dreitausend Häuser zerstört und fünfzigtausend Menschen getötet worden.“

„Sennor, glauben Sie das doch nicht!“

„Ich muß es glauben, denn es ist berechnet worden!“

„Das haben die Indianer nicht gethan. Die Weißen sind die größten Spitzbuben. Was sie selbst thun, dafür klagen sie uns an. Wenn ein Weißer Pferde stiehlt, so sind wir es gewesen. Wenn ein Weißer den andern ermordet, so sind wir die Mörder. Die Hälfte, wenigstens die Hälfte dessen, wovon Sie jetzt sprachen, haben Weiße verschuldet. Und wenn diese Leute an ihren eigenen Genossen so handeln, wie mögen sie sich da gegen uns verhalten! Nein, Sennor, was Sie da vorbringen, das spricht mehr zu unseren Gunsten als zu unserem Schaden.“

„Hm! Ich hörte allerdings schon Ähnliches äußern.“

„So hat man Ihnen die Wahrheit gesagt. Man sendet Soldaten gegen uns aus, angeblich um die Ansiedler gegen unsere Raubzüge zu schützen. Aber ich sage Ihnen, daß die größten Räuber sich unter den Grenzsoldaten befinden. Und wenn die Zahlen, welche Sie vorhin brachten, die volle Wahrheit enthielten, so wäre der Schaden, welchen die Weißen uns verursacht haben, doch viel größer. Das ganze Land gehörte uns. Was darauf lebt und wächst, ist also unser Eigentum. Wenn ich mir ein Rind, ein Pferd fange, so stehle ich nicht etwa, sondern ich nehme nur das, was mir gehört.“

So sagen alle südamerikanischen Indianer. Sie sind überzeugt, ganz in ihrem Rechte zu sein, und niemand kann ihnen das Gegenteil beweisen. Wenn sie einmal von dem Grundsatze ausgehen, daß sie die rechtmäßigen Herren des Landes sind, so hilft keine Polemik gegen die daraus gezogenen Schlüsse.

„Schweigen wir lieber,“ sagte ich. „Keiner von uns beiden kann dem Schicksale der Eingeborenen eine andere Richtung geben. Übrigens erwähnte ich die Raubzüge der Ihrigen nur bei der Gelegenheit, als wir von den Gefahren des Chaco sprachen.“

„So brauchen Sie keine Sorge zu tragen, daß sie Ihnen gefährlich werden. Sie haben meine Mutter durch die empörten Fluten des Wassers getragen. So lange ich bei Ihnen bin, wird ihnen kein Leid geschehen.“

„Nun, große Sorge habe ich in dieser Beziehung überhaupt nicht. Aber was wird man mit den Leuten thun, deren Ankunft Sie den Aripones melden wollen?“

„Man wird sie überfallen.“

„Und töten?“

„Wahrscheinlich. Wenigstens die Männer. Die Frauen schafft man tiefer in den Chaco, um Geld für sie zu erhalten.“

„Und dazu wollen Sie beitragen?“

„Ich bin Indianer und handle als solcher!“

„Sie werden dadurch zum Mörder!“

„Die Weißen werden sich keinen Augenblick besinnen, auf uns zu schießen. Warum verlangen Sie von uns solche Nachsicht?“

„Wenn Sie mit solchen Absichten von hier fort wollen, muß ich Sie eigentlich festhalten.“

„Das werden Sie nicht thun! Gegen einen andern wäre ich nicht so aufrichtig gewesen. Zu Ihnen aber habe ich offen sprechen dürfen. Wollen Sie die gute Meinung, welche ich von Ihnen habe, zu schanden machen?“

„Nein. Aber ich sage Ihnen, daß ich von jetzt an Ihr Gegner bin. Sie wollen die Weißen verderben; ich aber werde sie zu retten versuchen.“

„Das ist ein fruchtloses Beginnen.“

„Das will ich nicht hoffen. Warnen Sie die Ihrigen, und ich werde die Weißen warnen. Persönlich aber werden wir beide Freunde sein.“

„Sennor, es kann doch sehr leicht geschehen, daß wir uns dann als Feinde gegenüber stehen. In diesem Falle haben Sie von mir nichts zu befürchten. Ich werde alles thun, Sie vor Schaden zu bewahren. Wollen wir diesen Pakt schließen?“

„Ja. Hier ist meine Hand.“

„Gut! jetzt schlafen Sie wohl, damit Sie am Morgen gestärkt zur Reise erwachen.“

Er ging und ließ mich in Gedanken zurück, welche den Schlaf noch längere Zeit fern von mir hielten. Es war wieder das alte Thema gewesen, das Thema über die Berechtigung der weißen Rasse, die rote von der Erde zu verdrängen. Wenn wir dieses Recht wirklich besitzen, so wird es uns doch nie gelingen, die Indianer von demselben zu überzeugen. Sie werden unsere Feinde sein, bis der letzte von ihnen unserem Andrängen gewichen ist. Jede Erklärung ist da vergeblich.

Also der Sendador war hier gewesen und hatte sich gewinnen lassen, die Weißen nach den verlassenen Ansiedelungen zu führen. Eigentlich konnte uns das lieb sein, weil uns dadurch die Fahrt nach Goya und der beschwerliche Ritt durch die Urwälder des Rio Vermejo erspart wurde. Die Absicht, in welcher diese Expedition unternommen wurde, war keineswegs eine neue. Schon früher hatten Nordamerikaner und auch andere den Rio Salado befahren, um zu begutachten, ob derselbe besser schiffbar zu machen sei. Es waren bedeutende Summen auf diese Untersuchung verwendet worden, doch hatte man stets nur ein negatives Resultat erzielt. Ob der Erfolg jetzt ein besserer sein werde, war wenigstens zu bezweifeln.

Der Schlaf kam erst später wieder und hielt mich nicht lange gefangen. Ich erwachte, als der Morgen zu grauen begann, und weckte den Bruder, der nun wohl ausgeschlafen haben konnte. Als ich ihm erzählte, was mir Gomez mitgeteilt hatte, sagte er:

„Das ist gut, Sennor. Wir treffen auf diese Weise den Sendador weit eher, als zu erwarten war. Wollen gleich nach unsern Gefährten sehen, damit sie sich zum Aufbruche rüsten.“

„Das eilt nicht so sehr, da wir erst mit den beiden Offizieren zu reden haben. Vorher aber möchte ich einmal mit Gomez sprechen. Lassen Sie uns ihn aufsuchen.“

Wir begaben uns in das Nebengebäude, in welchem er mit den Yerbateros untergebracht worden war. Er befand sich nicht mehr dort; vielmehr hörten wir, daß er des Nachts mit seiner Mutter fortgeritten sei.

„Wohin?“ fragte ich.

„Er verriet es uns nicht, doch sollten wir Ihnen sagen, Sie wüßten wohl, warum er vor Ihnen aufbreche. Sie sollten ihn entschuldigen, wenn er sich vielleicht eines Bootes bemächtigen müsse.“

„So ist’s gut. Ich weiß, wohin er ist. Sie haben wohl nicht bemerkt, ob er nach dem Flusse ritt?“

„Nein. Wir haben uns nicht stören lassen und sind liegen geblieben. Bevor er sich entfernte, bedankte er sich für die Freundlichkeit, welche er bei uns gefunden hat. Er sagte, er würde möglichst dafür sorgen, daß uns nichts Böses geschehe.“

„Ich vermute, was er meinte. Wir werden auch baldigst aufbrechen. Halten Sie sich bereit dazu!“

Kapitän Turnerstick und sein Steuermann waren mit unserem Vorsatz einverstanden. Sie waren entschlossen, mit uns zu gehen, wohin es uns beliebe.

Zunächst ließen wir den Oberst wecken. Als wir ihm unser Anliegen vortrugen, meinte er:

„Da brauchen Sie den Platzkommandanten gar nicht zu bemühen. Er hat sich ja doch nur nach meinen Wünschen zu richten. Es thut mir leid, Sie so schnell zu verlieren; aber Ihr eigenes Interesse verbietet mir, Sie um ein längeres Verweilen zu ersuchen. Ich werde Sie schnell mit guten Vorräten und einigen Packpferden versehen und auch für ein oder mehrere Fahrzeuge sorgen, auf denen Sie die Fahrt bis in den Parana machen können.“

Er gab sofort die nötigen Befehle, und wir beide hatten nun zunächst uns bei Antonio Gomarra zu erkundigen, ob er im stande sei, uns ohne Umwege nach den Ansiedelungen zu bringen.

„Ganz gut!“ sagte er. „Ich war schon öfter dort.“

„Kennen Sie die Aripones?“

„Ich verstehe ihre Sprache leidlich. Was das betrifft, so können Sie sich auf mich verlassen. Also der Sendador ist noch dort? Bin begierig, ihn baldigst einzuholen!“

Unser Aufbruch ging doch nicht ganz still von statten. Der Kommandant war erwacht und hatte sich nach der Ursache des Geräusches erkundigt. Er kam, um uns zu verabschieden. Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir, daß Geronimo Sabuco wirklich der erwähnte Führer sei.

„Ich habe den Leuten abgeraten, diesen Mann zu engagieren,“ fügte er hinzu.

„Warum?“ fragte ich.

„Es hat keinen bestimmten Grund. Aber sein Auge ist falsch. Übrigens lassen verschiedene Gerüchte vermuten, daß er es mit den Indianern hält.“

„Das kann doch nicht befremden, Sennor! Ein Mann, welcher sich so oft und so lange im Gran Chaco befindet, muß vor allen Dingen darauf sehen, mit den Roten in Frieden zu leben!“

„Das ist wahr; aber ich hörte einigemal munkeln, daß er höchst wahrscheinlich bei verschiedenen Teufeleien der Indianer seine Hand im Spiele gehabt habe.“

„Sollte er Leute verraten haben, welche sich seiner Führung anvertraut hatten?“

„Ja. Man muß ihm auf die Finger sehen.“

„Haben Sie ihn Ihr Mißtrauen merken lassen?“

„Nicht nur das; ich habe es ihm sogar in sehr deutlichen Worten gesagt. Ich drohte ihm, ihn erschießen zu lassen, falls der Expedition ein Unglück geschehe. Er zuckte lächelnd die Achsel und sagte kein Wart.“

„Ist die Expedition gut ausgerüstet?“

„Mit allem Nötigen im reichlichsten Maße. Besonders an Waffen und Munition fehlt es den Leuten nicht.“

„Das wird die Indianer gerade anlocken.“

„Pah! Sie können nichts machen. Denken Sie nur, daß die Gesellschaft aus zwanzig rüstigen Männern besteht. Und jenseits des Waldes werden sie auf dem Rio Salado von einer ebenso zahlreichen Truppe erwartet.“

„Zwanzig sind nicht allzuviel gegen einen ganzen Indianerstamm!“

„Die Zahl der Roten thut nichts. Sie reißen vor den Gewehren aus, und es ist höchst selten, daß sie sich auf einen wirklichen Kampf einlassen.“

„Ich hörte, daß man auch Frauen mitgenommen hat?“

„Es sind fünf Männer dabei, welche ihre Familien bei sich haben. Die alten Ansiedelungen sollen wieder instandgesetzt und bewohnbar gemacht werden. Dazu sind Frauen erforderlich. Ist der Anfang einmal gemacht und hat man damit bewiesen, daß man dort gut und ohne Fährnis wohnen und leben kann, so werden sehr bald andere nachfolgen.“

„Aber dieser erste Versuch ist eben gefährlich, denn es steht nicht zu erwarten, daß sich die Indianer zu demselben ruhig verhalten werden.“

„Nun, dann werden sie einfach niedergeschossen, zumal ja Sie nachfolgen und der Expedition beistehen können.“

Damit war die Sache, welche er sehr leicht nahm, erledigt. Desto sorgfältiger aber verfuhr er in der Sorge für uns. Er und der Oberst begaben sich persönlich nach dem Flusse, um sich zu überzeugen, daß man die Befehle des letzteren auch vollständig ausgeführt habe. Wir erhielten zwei lange Boote, welche Raum genug für uns und unsere Pferde hatten, und wurden mit allem versehen, was wir brauchten, ohne daß man uns eine Bezahlung dafür abverlangte. Dann verabschiedeten wir uns von den Leuten, mit denen wir uns so schnell befreundet hatten, und stiegen in die Boote. Der Wind war uns sehr günstig, und wenn der Rio Corrientes auch kein starkes Gefälle hat, so gelangten wir doch mit Hilfe der kräftigen Ruderer, welche man uns mitgegeben hatte, schon nach vier Stunden in den Rio Parana.

Ich hatte Gomarra gefragt, ob er von der Bucht etwas wisse, von welcher der Indianer gesprochen hatte. Er antwortete:

„Es giebt mehrere solcher toter Arme, welche weit in das Land treten. Wir werden keinen von ihnen benutzen, denn ich weiß ein kleines Flüßchen, welches von Westen her in den Parana tritt. Es ist breit genug für unsere Boote, und wir rudern also in demselben so weit wie möglich aufwärts. Auf diese Weise gelangen wir aus der Region der Sümpfe am schnellsten und leichtesten auf trockenen Camposboden.“

„Wäre es nicht geraten, zunächst die Fährte der Gesellschaft aufzusuchen, welcher wir folgen wollen?“

„Wozu? Diese Fährte ist jetzt über fünf Tage alt und also nur schwer zu erkennen. Mit ihren Ochsenwagen haben die Leute nicht den geradesten Weg einschlagen können. Es giebt Wasserläufe, denen sie mühsam folgen müssen, bis sie eine Stelle finden, an welcher sie hinüber können. Das haben aber doch wir nicht nötig.“

„Gut! Wir verlassen uns auf Sie. Können Sie uns die Ansiedelungen beschreiben?“

„Sehr leicht. In diesen Gegenden baut einer wie der andere, und sodann hat die Natur alles gethan, sie einander ähnlich zu machen, indem sie alles mit Pflanzen überwucherte.“

„Also sind die Häuser unbewohnbar geworden?“

„Vollständig; sie sind zerfallen. In Zeit von einigen Jahren ist alles verfault und zerbröckelt, und die Schlingpflanzen legen ihre dicke Decke darüber hin.“

„Hatten diese Ansiedelungen ihre bestimmten Namen?“

„Das versteht sich ja von selbst. Man läßt hier keinen einzelnen Rancho ohne Namen, viel weniger aber eine ganze Siedelung. Sie lagen nicht weit voneinander in der Nähe des Lago Honda und hießen, glaube ich, Pozo de Sixto, Pozo de Quinti, Pozo de Campi, Pozo Olumpa und Pozo Antonio. Es sind noch andere da, deren Namen ich aber vergessen habe. Es ist ein ganz eigenartiger Eindruck, den so ein verlassener und von blühenden Schlinggewächsen überwucherter Ort auf den Menschen macht. Man meint, vor einem riesenhaften Grabe zu stehen, und trotz des Duftes, welcher den Blumen entströmt, hat man den Geruch von Fäulnis und Moder in der Nase. Warum die Glieder der Expedition gerade dorthin wollen, das kann ich nicht begreifen. Beabsichtigen sie, dort zu wohnen, so können sie monatelang arbeiten, bevor es ihnen gelingt, den Schutt hinwegzuräumen.“

„Vielleicht haben sie sich für diese Gegend entschlossen, weil es dort gutes Wasser giebt.“

„O, in der Gegend des Rio Salado ist überall Wasser vorhanden, Wasser mehr als genug. Sie werden das vielleicht kennen lernen.“

„Schwerlich, denn wir beabsichtigen ja nicht, uns lange am Rio Salado aufzuhalten.“

„Aber Sie wollen ja nach Tucuman, und da thun Sie am klügsten, wenn Sie dem Laufe des Salado bis ungefähr dahin folgen, wo Matara liegt. Von dort führt ein Weg über Santiago nach Tucuman. Das ist die beste Richtung, welche Sie einschlagen können.“

„Ich werde leider nicht über mich selbst bestimmen können, denn wenn wir den Sendador treffen, wird es nur auf ihn ankommen, in welcher Richtung ich nach Tucuman gehe.“

„Wenn er nun überhaupt nicht mit dorthin will?“

„Warum sollte er nicht wollen?“

„Weil es doch seine Absicht ist, Ihnen die Pläne zu zeigen und dann hinauf in die Berge zu gehen.“

„So wird er dennoch vorher mit mir nach Tucuman müssen. Ich kann meinen Besuch in dieser Stadt nicht aufgeben, da ich einen Bekannten dort treffen will. Verlangt der Sendador, daß ich mit ihm gehe, so kann ich auch fordern, daß er mich vorher nach Tucuman geleite.“

Während dieses Gespräches waren wir in den Parana gelaufen und hielten quer abwärts über denselben hinüber. Auch weiter oben mußte es außerordentliche Regengüsse gegeben haben, denn die Fluten des Stromes waren noch gelber und dicker als gewöhnlich. Dieser Fluß ist sehr fischreich, aber wegen seines schlammigen Wassers ist es unmöglich, jemals einen schwimmenden Fisch zu sehen. Auch hier wurde er durch einige langgestreckte Inseln in mehrere Arme geteilt, was die Überfahrt wesentlich erschwerte. Gomarra war ein guter Führer. Wir erreichten das jenseitige Ufer gerade an der Mündung des kleinen Flüßchens, dem wir aufwärts folgen sollten. Hier konnten wir die Segel nicht mehr benutzen. Wir griffen daher zu den Rudern und Stangen und arbeiteten alle so fleißig, daß wir bei Anbruch des Abends eine ganz bedeutende Strecke zurückgelegt hatten.

Als es dunkel geworden war, landeten wir und machten es uns teils in den beiden Fahrzeugen, teils auch am Ufer so bequem wie möglich. Essen gab es in Hülle und Fülle, da man uns auf das reichlichste versorgt hatte. Ebenso reichlich bescherte uns der Fluß dichte Schwärme von Stechmücken, gegen welche wir uns nur durch große Feuer schützen konnten, in welche wir nasses Schilf warfen. So wurden die Mückenwolken durch die Rauchwolken bekämpft und unschädlich gemacht.

Am andern Morgen ruderten und stakten wir uns zeitig weiter, bis um die Mittagszeit das Flüßchen so schmal und seicht wurde, daß wir nicht weiter fahren durften, wenn wir nicht auf den Grund geraten wollten. Wir schifften uns also aus, bezahlten die Bootsleute und verabschiedeten uns von ihnen, da von hier an die Reise zu Pferde fortgesetzt werden mußte.

Gomarra hatte ganz richtig vorhergesagt, daß wir hier die Region der Sümpfe hinter uns haben würden. Nachdem wir eine schmale, mit dünnem Buschwerke bestandene Strecke zurückgelegt hatten, sahen wir den freien Camp vor uns.

Unsre Pferde hatten sich gut ausgeruht; wir durften sie also anstrengen, und so ging es bis zum Abende fast stets im Galoppe über die Ebene. Bis Mitternacht ritten wir langsamer; dann lagerten wir, brachen aber bereits beim Morgengrauen wieder auf, denn es kam uns natürlich darauf an, die vor uns ziehende Gesellschaft zu erreichen, bevor der Indianer Gomez an ihr vorüberkommen und die Indianer warnen konnte.

Heute bekam die Gegend ein anderes Gesicht. Sie bot weit mehr Abwechslung als gestern. Es gab kleinere Camps, welche durch hübsche Waldungen voneinander getrennt wurden. Hier und da kamen wir auch über eine sandige Strecke, welche wenig Spuren von Pflanzenwuchs zeigte und mich an die nordmexikanische Sonora erinnerte, Dann gelangten wir an eine Lagune, deren Ufer flach im Sande verliefen und mit dichtem Schilfe besetzt waren. Ganze Scharen von Wasservögeln flogen bei unserm Nahen auf, und wenn der Schilfkranz sich einmal öffnete, so daß wir einen Blick über das Wasser gewannen, so sahen wir die knorrigen Köpfe der Krokodile aus demselben ragen.

Die Wälder, durch welche oder an denen wir vorüber kamen, bestanden meist aus Quebrachos, Mistols, Vinals, Channars und sehr hohem Kaktus. Einen schönen Anblick gewährte es, wenn diese Bäume von Schlingpflanzen überwuchert waren, in denen zahlreiche Vogelnester hingen.

Auch heute machten wir erst spät am Abende Halt, brachen aber am nächsten Morgen später auf, da die Pferde doch mehr als gestern der Ruhe bedurften.

Wir befanden uns nun inmitten des so berüchtigten Gran Chaco. Aber ich fand nichts, was den schlechten Ruf dieser abgelegenen Gegend erklärt hätte. Nur unter dem Übelstande eines großen Temperaturwechsels hatten wir zu leiden. Während die Tage schon sehr warm waren, brachten uns die Nächte eine fast winterliche Kälte, welche durch den starken Luftstrom erhöht wurde, der frei über die offenen Camps streichen konnte.

An Speise hatten wir keinen Mangel; selbst als unser Fleischvorrat zur Neige ging, fanden wir Wild mehr als genug. Leider wurde mein sehnlichster Wunsch, einen Jaguar zu sehen oder gar zu erlegen, nicht erfüllt.

Die meisten Lagunen, an denen wir vorüberkamen, führten salziges Wasser. Dies und die Krokodile waren schuld, daß es keine Fische gab.

Da sonst nichts Ungewöhnliches über die Gegend zu sagen ist und uns auch nichts Außerordentliches passierte, so erwähne ich nur, daß wir acht Tage lang fast immer gerade gegen Westen ritten und die Strecken, welche wir zurücklegten, von Tag zu Tag immer kleiner wurden, eine Folge der steigenden Ermüdung der Pferde, denen wir nur die allernötigste Ruhe gönnten.

In diesen acht Tagen hatten wir nach Aussage Gomarras zehn gute Tagesritte zurückgelegt und näherten uns nun den Ansiedelungen. Der Führer meinte, daß wir sie morgen gegen Abend erreichen würden. Gomez hatte also die Entfernung nicht richtig geschätzt, als er sie auf zehn Tagesstrecken angegeben hatte.

Noch war uns keine Spur zu Gesicht gekommen, weder von Gomez noch von der Wagenkarawane. Am heutigen Tage aber sollten wir auf die erstere treffen.

Ich ritt mit dem Bruder und unserm Führer voran. Wir befanden uns auf reich bewachsenem Prairieboden, dessen Gras den Pferden fast bis an den Leib reichte. Da war eine frische Fährte schon von weitem zu erkennen.

Und wirklich erblickten wir im Süden, also links von uns, einen dunklen Strich, welcher sich parallel mit unsrer Richtung durch das Gras zog. Natürlich suchten wir ihn auf, um ihn zu untersuchen. Er stammte von zwei Pferden her, welche hier nebeneinander geritten waren.

„Sollte das Gomez mit seiner Mutter gewesen sein ?“ fragte der Frater.

„Möglich,“ antwortete ich.

„Ich halte es für unmöglich. Bedenken Sie nur, wie wir geritten sind, wie wir unsre Pferde angestrengt haben. Das kann er nicht ebenso gethan haben. Er muß also hinter uns und kann nicht vor uns sein.“

„Hm! Wer weiß, welcher Hilfsmittel er sich bedient hat. Er ist hier bekannt.“

„Ehe er nur über den Fluß gekommen ist!“

„Jedenfalls hat er auch ein Boot gehabt.“

„Aber der Proviant hat ihm gefehlt. Um nicht zu hungern, hat er also jagen müssen, und das hält auf.“

„Kann er sich nicht auch auf irgend eine Weise mit Fleisch versehen haben?“

„Das ist möglich, mir aber gar nicht sehr wahrscheinlich.“

„Ich halte es für sehr möglich,“ erklärte Gomarra. „Gomez ist ein höchst umsichtiger und kluger Mensch, dem man seinen Scharfsinn nicht so leicht ansieht.“

„Das habe ich erfahren,“ stimmte ich bei.

„Nicht wahr, Sennor! Leider kann man solchen Pferdespuren nicht ansehen, wen die Tiere getragen haben.“

„Sie irren sich.“

„Sie halten es für möglich, dieser Fährte abzulesen, wer hier geritten ist? Bitte, thun Sie es!“

Er sprach diese Aufforderung mit einem Lächeln aus, welches seinen Unglauben deutlich zu erkennen gab. Ich antwortete:

„Das braucht nicht gleich zu sein. Eine Fährte ist lang, und was sie hier an dieser Stelle nicht verrät, das wird sie uns später sagen, wenn wir ihr folgen. Einstweilen genügt es mir, zu wissen, daß die beiden Pferde sehr ermüdet gewesen sind.“

„Woraus schließen Sie das?“

„Daraus, daß sie die Füße geschleppt haben. Zwei Pferde, und zwar ganz abgemattet, genau in der Richtung nach den Ansiedelungen, das macht es freilich sehr wahrscheinlich, daß wir Gomez und seine Begleiterin vor uns haben.“

„Es können auch andre sein. Ich gebe dem Frater ganz recht. Gomez hatte nur wenige Stunden Vorsprung vor uns. Wie sollte er sich also noch immer vor uns befinden?“

„Warten wir es ab!“

Wir folgten von jetzt an natürlich genau der Fährte, welche immer die gleiche Deutlichkeit behielt, aber auch kein einziges Merkmal zeigte, aus welchem zu schließen gewesen wäre, wer die Reiter gewesen seien. Erst nach langer Zeit, als wir eine der bereits erwähnten Lagunen vor uns liegen sahen, gab es eine Abwechslung, und zwar eine ganz bedeutende. Es kam nämlich von links herauf eine breite, tief eingegrabene Spur, welche aus vielen Wagengeleisen bestand. Hier an der Lagune hatten die Fuhrwerke angehalten; es war da Rast gemacht worden.

Wir untersuchten den Platz. Es hatten da mehrere Feuer gebrannt. Die durstigen Pferde und Ochsen waren in das Wasser gestiegen, um zu saufen, denn man sah die Spuren der Tiere deutlich im Uferschlamme.

Das war aber auch alles, was wir bemerkten. Besondere Merkmale fanden wir nicht.

„Das ist die Karawane, welche wir suchen,“ sagte Gomarra. „Wann mag sie hier gewesen sein?“

„Vorgestern,“ antwortete ich, „wie ich aus verschiedenen Anzeichen sehe, welche ich kennen gelernt habe. Die Spuren alle sind nicht von gestern, sondern von einem Tag früher.“

„So hätten diese Leute ihre Ochsen außerordentlich angetrieben!“

„Ja, aber das Terrain war ein gutes. Es hat ihnen fast gar keine Hindernisse geboten. Gestern früh sind sie von hier fortgereist.“

„Und wann sind die beiden Reiter hier gewesen, deren Fährte wir bisher folgten?“

„Heute am Vormittage. Da es jetzt erst Mittag ist, so befinden sie sich also nur wenige Stunden vor uns.“

„Vielleicht können wir sie erreichen?“

„Nein, denn auch unsere Pferde sind ermüdet, wenigstens ebenso wie die ihrigen. Wir holen sie nun nicht vor den Ansiedelungen ein.“

„Das ist schade!“

„Allerdings. Es giebt freilich ein Mittel, sie zu erreichen, indem ich ihnen allein nachreite. Mein Pferd ist das beste und hält noch eine gute Strecke aus. Wenn ich mich jetzt von Ihnen trenne, bin ich überzeugt, die beiden Reiter noch vor Abend zu erreichen.“

„Das werden Sie nicht thun, Sennor. Sie dürfen sich nicht von uns trennen. Man weiß nicht, was Ihnen widerfahren kann.“

„Was könnte mir geschehen?“

„Fühlen Sie sich ja nicht zu sicher! Wir kommen nun in das Gebiet der Aripones. Sie könnten leicht auf einige von diesen Leuten stoßen.“

„Ich halte sie nicht für gefährlich. Ich wünsche sogar, die Leute kennen zu lernen. Leider aber verstehe ich ihre Sprache nicht.“

„Das ist ein höchst triftiger Grund, sich von ihnen fern zu halten, wenigstens so lange Sie keinen Dolmetsch bei sich haben. Nein, wir können Sie nicht fort lassen.“

Da die andern ihm beistimmten, so mußte ich auf meinen Plan verzichten, obgleich ich mich gar zu gern überzeugt hätte, wem die beiden Pferde gehörten, deren Spuren wir zuerst gesehen hatten.

Wir folgten also von jetzt an der Wagenfährte, mit welcher die erstere Spur nun zusammenfiel. Schon nach wenigen Stunden sahen wir, daß die Karawane wieder Halt gemacht hatte und die vorige Nacht geblieben war, mitten auf freiem Camp; das war doch sonderbar, ja sogar auffallend. Was mußte geschehen sein?

Ich umritt den Lagerplatz und bemerkte bald die Spur eines einzelnen Mannes, welcher da umhergelaufen war. Zu welchem Zwecke? Er hatte zu der Gesellschaft gehört, denn seine Spur kam von der Lagerstätte und führte auf dieselbe zurück. Er war wie suchend umhergegangen, weit vom Lager fort.

Heute früh war dann die Karawane von hier aufgebrochen. Sie hatten ihren Weg sehr, sehr langsam fortgesetzt, wie man aus der Fährte ersehen konnte. Leider wurde es bald Nacht, und da mußten wir lagern, sonst hätten wir die Spur leicht verlieren können.

Das, was wir bisher beobachtet hatten, war wenig genug; es bot eigentlich gar keinen Grund zu Befürchtungen, und doch hegte ich ein Mißtrauen, welches zwar dunkel war, aber sich doch nicht überwinden ließ. Oft hat der Mensch eine Ahnung, auf welche er sich besser als auf ein offenbares Ereignis verlassen kann.

Wir brachen am frühen Morgen wieder auf. Natürlich mußten wir annehmen, daß die Karawane während der Nacht gerade so wie wir gerastet habe, aber wir ritten Stunde um Stunde und sahen doch nicht die Spur eines Lagerplatzes.

Das war wieder sehr auffällig. Erst zwei Lagerplätze so eng nebeneinander, und nun eine lange Wagenfahrt während der Nacht! Das mußte gewisse Gründe haben. Aber ich konnte darüber noch so lange nachdenken, es fiel mir keine stichhaltige Erklärung bei.

Da plötzlich tauchte vor uns ein dunkler Punkt auf, welcher sich uns schnell näherte und dabei immer größer wurde. Es war ein Reiter, der im Galopp herangehetzt kam. Wir sahen, daß er sein Pferd mit dem Lasso peitschte. Als er nahe herangekommen war, schwenkte er den breitrandigen Hut und rief uns laut entgegen:

„Hallo, Sennores, sind Sie diejenigen, welche ich suche?“

„Wen suchen Sie?“ fragte der Bruder.

„Leute, die aus Palmar kommen.“

„Das stimmt, Sennor. Wir kommen von dort.“

„Gott sei Dank! So ist Hilfe doch vielleicht noch möglich!“

„Für wen?“

„Für – –“

Die Antwort blieb ihm im Munde stecken. Er hielt jetzt vor uns und hatte bis jetzt nur den Bruder beobachtet, der mit ihm sprach. Nun aber fiel sein Blick auf mich, und da hielt er mitten in der Antwort inne. Er trug die Kleidung eines Gaucho, einen dichten Vollbart, welcher von seinem Gesichte fast nur die Nasenspitze sehen ließ, und hatte den Hut tief in die Stirne gezogen.

Cobrido!“ rief er. „Ist es möglich!“

„Was?“ fragte ich, da er mich noch immer anstarrte.

„Daß Sie da sind!“

„Ich? Kennen Sie mich?“

„Na, und ob! Sie aber scheinen mich ganz vergessen zu haben.“

„Kann mich wirklich nicht besinnen.“

„Wirklich nicht? Sollte – –? Ah, ja, der Bart, der Bart!“

„Ihre Stimme kommt mir freilich bekannt vor.“

„Nicht wahr? ja, ja! Wollte soeben heim, weil ich dachte, daß Sie kommen würden, und nun treffe ich Sie da mitten im Chaco!“

„Heim – weil Sie dachten – – daß ich kommen würde? Ah, jetzt geht mir das Licht auf! Sie sind Sennor Pena?“

„Endlich, endlich kommt er auf meinen Namen!“ rief der Mann jetzt. „Willkommen, Sennor, willkommen!“

Er gab mir die Hand, welche ich ihm kräftig schüttelte, und drückte mir die meine, daß ich hätte schreien mögen. Dabei rief er lachend:

„Also Sie haben mich wirklich nicht erkannt? Sie wollen zu mir und kennen mich nicht? Das ist im höchsten Grade lustig! Und hier treffe ich Sie! In der Wildnis, während ich überzeugt war, daß Sie den sehr zahmen Weg per Diligence von Buenos Ayres aus einschlagen würden? Das ist noch spaßhafter!“

„Wie es scheint, kommt Ihnen jetzt alles sehr spaßhaft vor, während Sie sich droben in Mexiko stets in sehr ernster Stimmung befanden!“

„Da hatte ich alle Veranlassung, ernst zu sein, Sennor!“

„Und wo kommen Sie jetzt her?“

„Von Goya.“

„Dahin wollten wir, um den Führer Geronimo Sabuco zu suchen.“

„Den konnten Sie nicht dort finden. Ich habe ihn vor ganz kurzer Zeit bei den alten Ansiedlungen gesehen.“

„Haben Sie mit ihm gesprochen?“

„Fällt mir nicht ein! Das hätte mich meinen Kopf gekostet.“

„Ist er Ihr Feind?“

„Nein. Aber ich belauschte ihn, und wenn er bemerkt hätte, daß ich sein Gespräch gehört hatte, so wäre ich in einer Minute eine Leiche gewesen.“

„So hörten Sie schlimme Geheimnisse?“

„Ja, sehr schlimme. Ich komme, sie Ihnen mitzuteilen.“

„Und haben Sie denn gewußt, daß wir kommen?“

„Ja; aber wissen konnte ich nicht, daß Sie dabei seien, daß Sie der Deutsche seien, von welchem gesprochen wurde.“

„Von mir? So ist es wohl Gomez, der Indianer, gewesen?“

„Ein Indianer war er, und Gomez wurde er von dem Sendador genannt.“

„So handelt es sich um einen Verrat an den Weißen, welche der Sendador führt?“

„Ja.“

„Das müssen Sie uns schleunigst mitteilen. Schnell, schnell!“

„Langsam, Sennor! Wir können in aller Gemächlichkeit eilen. Wenn ich Ihnen alles schnell erzähle und wir bleiben dabei hier halten, so nutzt das denen, welchen ich Hilfe bringen will, weniger, als wenn wir schnell weiter reiten und ich erzähle euch die Sache dabei langsam. Kommen Sie also; ich kehre mit Ihnen um!“

Wir gaben unseren Pferden die Sporen und jagten weiter, so schnell die Tiere konnten. Natürlich waren wir sehr begierig, zu erfahren, was er uns zu sagen hatte. Darum drängten wir alle in seine Nähe, und er wurde gebeten, so laut zu sprechen, daß jeder es hören könne.

„Also ich war in Goya und wollte über den Salado nach Hause,“ sagte er.

„Ganz allein?“ fragte ihn der Bruder. „Das ist ja sehr gefährlich!“

„Gefährlich? Pah! So ein alter Abenteurer wie ich bin, kennt keine Gefahr. Freilich würde so ein frommer Herr, wie Sie nach Ihrer Kleidung sind, einen so einsamen Ritt durch den Chaco nicht wagen!“

„O, ich habe ihn auch gewagt!“

„Alle Wetter! Dann sind Sie wohl gar – wohl gar – der Bruder Jaguar?“

„Man nennt mich allerdings so.“

„Ja, das ist freilich etwas ganz anderes! Ihnen sind alle möglichen Kühnheiten zuzutrauen. Freut mich unendlich, Sie kennen zu lernen, Sennor. Sie und dieser Deutsche da, den ich von Mexiko aus kenne, Sie sind die richtigen Leute, welche ich heute gebrauchen kann. Darf ich vielleicht auch erfahren, wer die andern Sennores sind?“

Ich stellte sie ihm vor. Nach den allgemeinen Redensarten, welche bei solchen Gelegenheiten gewechselt werden, bat man ihn, fortzufahren, und er kam der Aufforderung nach:

„Der beste Weg von Goya nach meinem Ziele führt über die alten Ansiedelungen, und ich wählte ihn. Heute kam ich da an. Da ich aber wußte, daß es dort wegen der Aripones nicht recht geheuer ist, hielt ich mich möglichst verborgen. Ich versteckte mein Pferd in einen alten Hof, welcher nur schwer zugänglich ist, und legte mich an einer Stelle nieder, wo mich nicht so leicht jemand finden konnte. Es waren da zwei Wände eingestürzt; sie hatten sich gegeneinander geneigt und zwischen sich einen engen Raum gelassen, welcher vorn ganz mit Schlingpflanzen verhangen war. Ich hatte früher diese Stelle einmal durch Zufall gefunden. Also da wollte ich ausruhen, da ich die ganze Nacht geritten war. Nach Mittag wollte ich wieder fort, um bis zum Abend den Urwald zu erreichen. Ich hatte nun wohl auch bis zum Mittag geschlafen, als ich von Stimmen geweckt wurde. Zwei Männer sprachen spanisch miteinander. Ich schob die Lianen ein wenig auseinander und sah sie auf zwei Steinen vor meinem Verstecke sitzen. Der eine war ein Weißer, alt, hager und knochig, der andere ein junger Indianer. In der Nähe saß ein indianisches Weib.“

„Die Mutter von Gomez.“

„Mag sein. Ich konnte jedes Wort hören. Sie führten folgendes Gespräch:

„Ich bin alle letzten Nächte um das Lager gegangen,“ sagte der Weiße, „um vielleicht einen eures Stammes zu entdecken, doch vergeblich, Du bist der erste, welchen ich sehe.“

„Und ich bin Ihren Spuren schon seit gestern gefolgt, getraute mich aber heute, als ich Sie erreichte, nicht in Ihre Nähe,“ meinte der Indianer.

„Was wolltest du thun?“

„Sie in einem Bogen umreiten und dann meinen Stamm aufsuchen.“

„Ah! Du willst die Deinen auf uns hetzen?“ „Nicht auf Sie, Sennor.“

„Also nur auf die andern. Ich danke dir. Wo sind deine Angehörigen?“

„Sie sind stets in der Nähe. Heute abend werde ich sie gefunden haben.“

„Kannst du sie hierher bringen?“ „Ja, wenn Sie es ehrlich meinen.“

„Unsinn! Deine Häuptlinge kennen mich. Ich bin bereit, dasselbe Geschäft wie immer mit ihnen zu machen. Kennst du meine Bedingungen?“

„Nein, Sennor.“ „So warst du noch nie dabei, wenn ich – –“ „Noch nie.“

„Aber du hast doch wenigstens gehört, daß ich euer Freund bin und euch zuweilen einen Fang in die Hände treibe?“

„Das weiß ich, Sennor.“ „Kannst du schweigen?“ „Schweigen ist die beste Tugend.“

„Gut! So will ich dir sagen, daß ich euch solche Leute stets unter der Bedingung überliefere, daß alles Geld, welches sie besitzen, alles Gold und Geschmeide mir gehört; alles andere ist euer. Ist dir das recht?“

„Ja.“ „Werden die Deinen auch heute beistimmen?“ „Ja, wenn sie es schon früher gethan haben.“

„So sage ihnen, daß ich zwanzig Männer, fünf Frauen und zwölf Kinder habe, die sie bekommen sollen. Was diese Leute an Gold, Ringen und Uhren bei sich tragen, das gehört mir; alles andere sowie das Lösegeld für die Kinder ist dann euer.“

„Ich werde es dem Häuptlinge sagen.“ „Ihr tötet die männlichen Gefangenen und Kinder stets?“

„Ja.“

„Das dulde ich diesesmal nicht. Auch die Knaben sollen leben; ihr werdet desto mehr Lösegeld bekommen.“

„Wir bekommen nicht mehr, denn wenn wir Knaben leben lassen, so behalten wir sie; sie müssen Indianer werden.“

„Damit bin ich einverstanden. Ich will mit euch ein Geschäft machen. Ich will Geld haben, und ihr sollt Waffen, Pulver, Kleider, Pferde, Rinder, Wagen und Lösegeld erhalten; aber morden wollen wir nicht.“

„Das müssen wir doch! Die zwanzig Männer sollen sterben!“

„Nein, sage ich dir!“

„Aber dann können wir ihnen doch nicht ihr Eigentum und ihre Kinder nehmen!“

„Warum nicht?“

„Weil sie es verteidigen werden.“

„Schwachkopf! Sie sollen sterben, ohne daß wir sie töten. Kennst du diese Gegend genau?“

„Ja.“

„Auch die Krokodileninsel?“

„Ja. Unsere Väter sandten ihre Kriegsgefangenen nach derselben, damit sie dort entweder verhungern mußten oder von den Krokodilen verschlungen wurden.“

„Nun, dorthin führe ich noch vor Abend die zwanzig Männer.“

„Sie werden nicht folgen.“

„Sie werden gern mitgehen. Ich werde schon einen Grund finden, ihnen Appetit nach der Insel zu machen.“

„Aber wie kommen sie hinüber?“

„Es stehen ja Bäume verschiedener Stärke am Wasser. Da ist leicht ein Floß angefertigt.“

„Wollen Sie die Leute auf demselben hinüber schaffen?“

„Ja.“

„So müssen doch Sie wieder zurück, und da werden die Männer mitwollen.“

„Nein. Ich werde einen Grund finden, allein herüber zu rudern. Dann sitzen sie drüben auf dem nackten Sande, rings von Wasser umgeben, welches von Krokodilen wimmelt. Sie können es nicht wagen, zurückzuschwimmen und müssen also verschmachten.“

„Sie werden die Krokodile erlegen!“

„Womit? Ihre Waffen werde ich ihnen schon ablocken. Und mit irgend einer religiösen und frommen Finte bringe ich sie schon nach der Insel.“

„Dann werden sie gehorchen; ich glaube es. Ich hole indessen die Aripones herbei, und dann teilen wir.“

„Ja, dann teilen wir, und ich reite weiter. Also nun kennst du meine Bedingungen; ich halte sie fest und gehe auf keine anderen ein. Jetzt beeile dich, daß du zu deinen Leuten kommst!“

„Ich gehe, Sennor. Vorher aber muß ich Sie bitten, sehr vorsichtig zu sein. Stellen Sie Wachen aus, denn es ist möglich, daß heute noch andere Weiße kommen.“

„Ah! Wirklich?“

„Ja. Sie wollen auch nach den Ansiedelungen hier und den Sendador suchen.“

„Diablo! Mich? Täuschest du dich nicht?“

„Nein, denn der Deutsche hat es mir selbst gesagt.“

„Welcher Deutsche?“

„Der schon zwei Majors gefangen genommen hat und auch Lopez Jordan entkommen ist. Er hat es so weit gebracht, daß wir vierhundert Feinde besiegten und gefangen nahmen.“

„So ist er ein Teufelskerl!“

„Ja, das ist er. Alle, die bei ihm sind, sagen, daß er alles mögliche zustande bringe, daß er alles wisse und alles könne.“

„So ist dieser Kerl ein wahres Unikum! Und was will er von mir?“

„Sie sollen ihm den Weg zeigen, aber wohin, das weiß ich nicht.“

„Aus deinen Reden zu schließen, ist er nicht allein?“

„Nein. Es sind noch andere bei ihm, ein amerikanischer Seekapitän mit seinem Steuermanne, der Bruder Jaguar – –“

„Jaguar? Alle Teufel! Das ist mir freilich nicht sehr willkommen. Was mögen denn diese Menschen bei mir wollen?“

„Das werden sie Ihnen wohl sagen. Und ferner sind dabei sechs Yerbateros. Ihr Anführer wurde Sennor Monteso genannt.“

„Monteso? Ah! Ein guter Bekannter von mir! Was der mit – – – ah, sagtest du nicht, daß dieser Deutsche alles könne?“

„Ja, ich hörte es so.“

„Kann er spanisch sprechen?“

„Wie ein Spanier.“

„Haben sie nicht von Peru gesprochen? Oder von Kipus? Von der Inkasprache?“

„Nein.“

„Auch nicht von Papieren, von Plänen, von verborgenen Schätzen?“

„Nein.“

„Vortrefflich, ganz vortrefflich! Sie sind sehr verschwiegen dabei. Weißt du nicht wenigstens, ob dieser Deutsche indianisch spricht?“

„Ich hörte, er sei jahrelang bei den Indianern gewesen.“

„So stimmt es; so stimmt es. Jetzt weiß ich, weshalb sie zu mir wollen. Aber warum suchen sie mich hier? Sie konnten doch nicht wissen, daß ich jetzt hier bin?“

„Sie wollten über Goya nach dem Gran Chaco; aber ich hörte in Palmar, daß Sie jetzt hier seien, und sagte es ihnen.“

„So ist es, so! – Wann kommen sie?“

„Kurze Zeit nach mir. Sie werden nur wenige Stunden nach mir abgeritten sein und sich außerordentlich beeilt haben. Gomarra, mein Vetter, führt sie.“

„Auch einer von den Aripones?“

„Nein; er ist andern Stammes; aber seine Mutter war eine Schwester meiner Mutter.“

„Warum bist du nicht geblieben, bis sie mit dir ritten?“

„Ich wollte es; aber dann hätten wir auf die Beute verzichten müssen, weil der Deutsche die Weißen vor den Aripones warnen will.“

„Teufel! Das soll er bleiben lassen!“

„Darum wollte er so schnell aufbrechen, und dann wird er seine Pferde angestrengt haben, und darum bin ich schleunigst noch vor ihm fortgeritten. Wir haben unsere Pferde fast totgejagt.“

„Das ist recht! Also er glaubt, daß die Weißen von den Aripones überfallen werden sollen?“-

„Ja.“

„Er weiß aber doch nicht etwa, daß ich es mit euch halte?“

„O nein. Er will eben kommen, um sie zu warnen.“

„Ah so! Das mag er immerhin thun, wenn er nur nicht zu zeitig kommt.“

„Gerade das befürchte ich. Er kann in jedem Augenblick hier eintreffen.“

„Verflucht! Eigentlich könnte ihn der Teufel holen; aber da ich ihn sehr notwendig brauche, so mag er ihn noch leben lassen. Also er kann in jedem Augenblicke hier sein? Hm! Und ich soll bis des Nachts oder noch länger auf euch warten? Das geht nicht. Ist der Mann da, so ist nichts mehr zu thun. Ich muß also handeln, noch ehe er kommt. Ja, wenn man wüßte, ob er gleich hier diese Stelle findet. Es sind mehrere Ansiedelungen hier. Vielleicht sucht er uns von einer zur andern.“

„Gewiß nicht, Sennor. Ich habe ja auch nicht nötig gehabt, zu suchen. Ihre Wagenspuren sind so deutlich, daß sie selbst ein Blinder mit dem Fuße entdecken würde.“

„Das ist wahr. Er findet die Spur und kommt dann direkt hierher. Lasse ich es soweit kommen, so ist alles verloren. Aber da kommt mir ein Gedanke. Will er weiter als bis hierher zu den 4nsiedelungen?“

„Nein. Er will hierher, um Sie zu finden.“

„Gut. So locke ich die Männer auf die Krokodileninsel, und dann fahren wir weiter nach einem Orte, an welchem ich mit euch zusammentreffe und euch den Raub samt den Weibern und Kindern übergebe. Dann kehre ich nach hier zurück und warte auf den Deutschen. Kommt er, so sage ich ihm, daß die Karawane mich abgelohnt habe und weitergefahren sei.“

„Wird er es glauben?“

„Ganz gewiß. Ich werde ihm die Sache derart darstellen, daß er keinen Zweifel haben kann.“

„Aber dann leben doch die zwanzig Männer auf der Krokodileninsel noch!“

„Was schadet das?“

„Sie können ihnen ihr Geld doch erst dann abnehmen, wenn sie tot sind!“

„Ich werde ihnen etwas weißmachen, daß sie gar nichts Wertvolles einstecken. Sie mögen dann, wenn wir fort sind, sehen, wie sie allein in den Himmel kommen oder in die Hölle fahren.“

„Gut, Sennor. Aber ich muß den Ort wissen, an welchen Sie die Frauen bringen wollen.“

„Schön! Du behauptest, hier bekannt zu sein. Kennst du das Kreuz im Walde?“

„Welches? Die früheren Ansiedler haben mehrere Kreuze errichtet.“

„Ich meine das Riesenkreuz, welches man nur unter dem Namen Nuestro Sennor Jesu-Cristo de la floresta virgen kennt.“

„Den Herrn Jesus Christus im Urwalde? ja, dieses Kreuz kenne ich.“

„Nun wohl. Richte dich so ein, daß ihr um Mitternacht dort seid. Wir werden um diese Zeit mit den Wagen dort ankommen. Ihr fallt über uns her, zum Scheine auch über mich, und es gelingt mir, zu entkommen. Ich kann ja dann auch dem Deutschen erzählen, daß der Wagenzug von euch überfallen worden sei.“

„Ja, dann wird er die Männer nicht auf der Insel, sondern bei uns suchen.“

„Was die Insel betrifft, so kennt er sie nicht, wird also nicht nach derselben fragen und nie über sie etwas hören. Also hast du alles verstanden, Gomez?“

„Ja.“

„So brich auf, und reite weiter, damit du die Aripones zur rechten Zeit finden und zur Stelle bringen kannst!“ –

„Das war das Gespräch, welches ich belauschte.“ fuhr Pena fort. „Der Indianer verschwand mit seiner Mutter. Der Sendador aber blieb noch eine Weile sitzen, in tiefes Nachdenken versunken. Dann stand auch er auf und entfernte sich langsam von der Stelle, an welcher er gesessen hatte.“

Wir alle hatten natürlich mit größter Aufmerksamkeit zugehört. Keiner aber war so gespannt gewesen, wie Monteso, der Yerbatero. Er besaß ein außerordentliches Vertrauen zu dem Sendador, dessen Freund er sich nannte. Was er jetzt hörte, kam wie ein Donnerschlag über ihn. Darum war es kein Wunder, daß er jetzt sein Pferd an dasjenige des Erzählers drängte und diesen fragte:

„Sennor, behauptet Ihr etwa, was Ihr erzählt habt, sei wahr?“

„Das behaupte ich allerdings.“

„Und wenn ich es nun nicht glaube?“

„So werde ich nicht vor Trauer sterben. Nur bitte ich, mir nicht etwa direkt zu sagen, daß es nicht wahr sei. Glauben könnt Ihr alles, was Ihr wollt; aber eine Beleidigung würde ich sofort mit einer Kugel beantworten!“

„Na, bitte Sennor! Man wird doch wohl seine Meinung sagen dürfen!“

„Nein. Man kann seine Meinung sehr wohl für sich haben; aber es ist keineswegs geraten, sie andern aufzudrängen. Ich habe erzählt, was ich gesehen und gehört habe: Wenn Sie es nicht glauben, so behalten Sie das für sich; bezeichnen Sie mich aber als einen Lügner, so fahren Sie in die Luft!“

„Verzeihung, Sennor! Der Sendador ist einer meiner besten Freunde. Es ist mir fast unmöglich, so etwas von ihm zu denken.“

„Wenn Sie ihn Ihren Freund nennen, so sind Sie nur zu bedauern. Mehr kann und will ich nicht sagen. Die Folge wird ja zeigen, daß er Ihrer Freundschaft nicht wert ist. Der Beweis wird sehr bald vor Ihnen liegen, denn hoffentlich sind die Sennores mit mir einverstanden, daß wir den schändlichen Plan dieses Menschen zunichte machen?“

„Natürlich, natürlich!“ rief es rundum.

Und ich erkundigte mich:

„Was thaten Sie, als der Sendador sich entfernt hatte?“

Der Gefragte antwortete:

„Mein erster Gedanke war natürlich, alles zu thun, den schrecklichen Anschlag zu verhindern. Aber wie das anfangen?“

„Nichts leichter als das. Was Sie vorzunehmen hatten, das lag ja klar auf der Hand.“

„Nicht so klar, wie Sie zu denken scheinen, Sennor. Ich bin kein unerfahrener Mann und pflege mir alles, was ich zu thun habe, vorher genau zu überlegen. Ich glaube, Sie meinen, daß ich die Mitglieder der Expedition hätte warnen sollen?“

„Natürlich ist das meine Meinung. Es war das nächste und kürzeste, was Sie vornehmen konnten.“

„Die Leute hätten mir keinen Glauben geschenkt. Ich war ihnen unbekannt. Der Sendador aber war ihnen empfohlen worden als ein ehrlicher und zuverlässiger Führer. Auch nehme ich an, daß er bisher sein möglichstes gethan hatte, sich ihr Vertrauen zu erwerben. Wäre ich nun als Unbekannter gegen ihn aufgetreten, so hätte er natürlich alles abgeleugnet und sich dadurch verteidigt, daß er mich als einen Feind hinstellte, welcher ihn in Schaden bringen wolle.“

„Ich kann Ihnen nicht Unrecht geben. Sie mußten vor allen Dingen sich selbst zu erhalten suchen, um die Bedrohten beschützen zu können.“

„Ganz richtig! Darum trat ich weder öffentlich noch heimlich gegen ihn auf. Ich mußte Leute haben, welche mir dabei halfen. Er hatte von Ihnen gesprochen. Der Indianer erzählte von dem Deutschen, welcher mit seinen Begleitern wohl schon nahe sein könne. Darum hielt ich es für das allerbeste, Ihnen entgegen zu reiten, um Sie um Ihre Hilfe zu bitten.“

„Natürlich stellen wir uns Ihnen sofort und vollständig zur Verfügung. Hoffentlich kommen wir noch zur rechten Zeit, die Bedrohten zu retten?“

„Ich denke es. Nur dürfen wir nicht säumen. Die Männer sollen auf die Insel gelockt werden. Das ist vielleicht schon geschehen. Da sie aber nicht getötet werden sollen, so steht zu erwarten, daß wir sie befreien werden. Dann wird es uns wohl auch gelingen, die übrigen zu finden und ihnen Hilfe zu bringen.“

„Wollen wünschen, daß uns dies gelinge. Ist Ihnen die Lage der Insel und der Ort, welchen Sie Nuestro Sennor Jesu-Cristo de la floresta virgen nennen, bekannt?“

„Nein. Doch steht zu erwarten, daß wir Spuren finden, welche uns dorthin führen.“

„Spuren wird es jedenfalls geben; aber es dürfte dann bereits zu dunkel sein, um sie sehen und ihnen folgen zu können.“

Da meinte Antonio Gomarra.

„Die Insel weiß ich auch nicht, aber das Kreuz kenne ich genau. Wie es scheint, haben die Leute an der früheren Ansiedelung Pozo de Sixto gehalten; wenigstens führen die Wagenspuren dorthin. Ich kenne den Weg, welcher von diesem Platze nach dem Kreuze führt.“

„Das ist sehr gut. Wir wollen uns beeilen, um das Tageslicht so viel wie möglich ausnutzen zu können.“

Wir ließen die Pferde fühlen, daß wir Eile hatten, und sie griffen so wacker aus, daß wir wie vom Sturme getragen über den Camp flogen. Jeder hatte das Bewußtsein, vor einem Ereignisse zu stehen, welches gefahrvoll war. In solcher Lage fällt der Mensch in Schweigsamkeit, und so sprach keiner von uns ein Wort, bis Sennor Pena die Hand erhob und, vor sich hindeutend, sagte:

„Sehen Sie dort die Baumgruppen? Da liegt die vereinsamte Niederlassung. Wir werden gleich an Ort und Stelle sein.“

Wir waren den Wagenspuren gefolgt und gelangten nun an den Ort, wo die Leute gehalten hatten. Wir sahen die Spuren zerfallener Bauwerke, welche die Zeit in einen dichten Überzug von Schlingpflanzen gehüllt hatte. Dicht belaubte Bäume neigten ihre Wipfel darüber. Zur Seite erblickten wir die Spuren einiger Felder, welche aber so verwildert waren, daß ein scharfes Auge dazu gehörte, zu erkennen, daß hier einst der Spaten in Gebrauch gewesen sei. Der Ort hatte und machte den Eindruck tiefster Verlassenheit. Auch von den Leuten, welche hier gewesen waren und die wir suchten, war keiner zu sehen.

Wir bemerkten, daß die Ochsen ausgespannt worden waren, um zu grasen; aber der Aufenthalt war kein langer gewesen. Man hatte Pozo de Sixto bald wieder verlassen, und zwar nach verschiedenen Richtungen, wie die Fährten deutlich erkennen ließen. Eine derselben führte nach rechts, nach Norden. Man sah deutlich, daß man nicht geritten, sondern gegangen war. Die zweite Fährte führte in der bisherigen Richtung weiter. Sie schlug einen Bogen um die verlassene Ansiedelung und ging dann genau westwärts fort.

Als ich sie untersuchte, erkannte ich, daß sie von den Ochsenkarren stammte, an welche man die ledigen Reitpferde hinten angebunden hatte. Die Führer der Wagen waren nebenher gegangen. Da sonst keine Fußabdrücke zu sehen waren, so mußten wir annehmen, daß die Frauen und Kinder sich in den Wagen befunden hatten.

„Hier hat der Sendador die Unglücklichen nach dem Kreuze geführt,“ sagte Pena. „Wie groß mag der Vorsprung sein, welchen er hat?“

„Nur eine halbe Stunde,“ antwortete ich, „wie ich aus den Fährten der Treiber sehe. Das von ihnen niedergetretene Gras liegt noch tief gesenkt. Wäre es vor länger als einer halben Stunde niedergedrückt worden, so hätten sich die elastischen Halme bereits wieder erhoben. Betrachten wir nun auch die andere Fährte!“

Diese bestand, wie bereits erwähnt, nur aus Fußspuren. Sie ging wie ein dunkler Strich durch die Grasfläche, aber nur hier oder da war ein einzelner Fußstapfen noch zu unterscheiden. Diese Fährte war wenigstens drei Stunden alt. An einer Stelle trennten sich die Stapfen eines Fußgängers von den andern, um sich bald darauf wieder mit denselben zu vereinigen. Meine Gefährten beachteten das nicht, und als ich mich niederbückte, um die Eindrücke sorgfältig zu betrachten, meinte Kapitän Turnerstick:

„Warum schaut Ihr so neugierig in das Gras, Sir? Es ist einer von den Männern da gegangen; weiter nichts.“

„Die Sprache des Grases ist eine sichtbare und nicht eine hörbare. Seht Euch doch einmal die Hauptfährte an, Kapt’n! Das Gras ist wieder aufgestanden, aber die Spitzen der Halme hängen noch nieder. Nach welcher Richtung wohl!?“

„Von uns ab, gegen Norden.“

„Warum das?“

„Weil die Leute nach Norden gegangen sind. Man tritt ja das Gras nach derjenigen Richtung nieder, in welcher man sich bewegt.“

„Betrachtet Euch nun einmal die Spur dieses einzelnen Fußgängers! Die Spitzen der Halme hängen auch. Nicht wahr?“

„Ja.“

„Aber weit tiefer als die andern. Was folgt daraus?“

„Weiter nichts, als daß sie sich noch nicht ganz aufgerichtet haben.“

„Sehr scharfsinnig! Aber meines Erachtens folgt daraus, daß diese einzelne Spur jünger ist als die Gesamtfährte. Der Betreffende ist weit später hier gegangen, als die andern.“

„Ich denke, sie sind alle beisammen gewesen!“

„Auf dem Hinwege, ja; aber auf dem Rückwege war er allein. Sagt mir doch einmal, nach welcher Richtung sich hier die Grashalme neigen!“

Turnerstick betrachtete. die Spur genauer als bisher und antwortete dann:

„Nach uns zu, nach Süd.“

„Wie also ist dieser Mann gegangen?“

„Her zu, gegen uns.“

„Die andern aber gingen von uns ab. Wir haben es also mit der Fährte des Sendador zu thun, welcher allein zurückkehrte. Das ist für mich der Beweis, daß ihm sein Vorhaben gelungen ist. Er hat die Männer nach der Insel geführt und sie dort verlassen. Wer weiß, in welcher Lage sie sich befinden.“

Der Kapitän schüttelte den Kopf. Der Bruder aber meinte:

„Tot sind sie nicht; aber es droht ihnen große Gefahr. Sie müssen auf der Insel elend umkommen, wenn niemand kommt, sie zu befreien. Denn, wollen sie den einzig möglichen Fluchtweg einschlagen, nämlich an das Ufer schwimmen, so werden sie von den Bestien zerrissen. Das ist die Lage, in welcher sich die von uns gesuchten Männer befinden werden. Der Sendador hat sie dorthin gelockt.“

„Hm!“ brummte der brave Yerbatero kopfschüttelnd. „Ich habe noch keine rechte Lust, an die Sache zu glauben. Der Sendador ist mein Freund, wie Sie ja wissen, Sennor!“

„Er hat Sie getäuscht.“

„Nie. Gegen mich ist er stets ehrlich gewesen.“

„Das schließt aber nicht aus, daß er gegen andere unehrlich ist.“

„Nun, jedermann ist wohl mehr auf seinen eigenen als auf anderer Vorteil bedacht; aber hier handelt es sich ja um ein wirkliches Verbrechen.“

„Und zwar um ein sehr großes!“

„Und darum nehme ich an, daß wir uns alle irren.“

„Und ich glaube dem, was Sennor Pena uns erzählt hat. Streiten wir uns nicht. Wir werden in kurzer Zeit erfahren, wer recht hat.“

Wir hatten indessen nicht etwa die kostbare Zeit versäumt. Wir waren nicht halten geblieben, sondern im Galoppe der Spur gefolgt. Es war anzunehmen, daß die Krokodileninsel nicht allzuweit entfernt sei; denn die Leute eine große Strecke fortzulocken, das wäre dem Sendador wohl nicht so leicht gelungen. Es war auch kaum eine Viertelstunde vergangen, so erblickten wir vor uns einen Strich, welcher sich dunkel gegen den hellen Horizont abhob. Als wir näher kamen, sahen wir, daß dieser Strich aus dichtem Gebüsch bestand, über welchem sich die Wipfel einiger Bäume erhoben. Zugleich wurde das Gras saftiger; ein Zeichen, daß Wasser, und zwar nicht wenig Wasser in der Nähe sei.

Als wir das Gebüsch an einer Stelle erreichten, wo die Fährte durch eine Öffnung führte, sahen wir, daß die Laubsträucher einen breiten Gürtel hoher Bambus einschlossen, hinter welchem wir das vermutete Wasser erblickten.

Ob dieses letztere eine selbständige Lagune sei oder mit einem Flusse, vielleicht dem Rio Salado in Verbindung stehe, das war zunächst nicht zu unterscheiden. Tief schien es nicht zu sein; das bewiesen die zahlreichen Krokodile, welche in weiter Entfernung vom Ufer im Schlamme lagen und deren Mäuler dabei aus dem Wasser ragten. Die Tiere hatten die zahlreichen seichten Stellen eingenommen, zwischen denen sich tiefere, schmale oder breite Rinnen hinzogen. Die häßlichen Kreaturen mußten sich sehr lange Zeit ungestört vermehrt haben dürfen, denn es war nicht schwer, auf einem gar nicht weiten Umfang ihrer hundert und noch mehr zu zählen. Uns gerade gegenüber, aber so weit entfernt, daß es nur für ein scharfes Auge zu erkennen war, lag ein flaches, vollständig baum- und strauchloses Land, wohl die Insel, auf welche wir es abgesehen hatten.

Für unsere Zwecke hoch willkommen, befand sich ein aus Schilf und Bambus zusammengesetztes Floß am Ufer. Man sah es demselben an, daß es erst vor ganz kurzer Zeit gefertigt worden war. Auch bemerkten wir die Stellen, an welchen die Bambusse und Schilfhalme abgeschnitten oder abgebrochen worden waren. Vier oder fünf lange Bambusstangen, welche auf dem Flosse lagen, zeigten die Art und Weise, in welcher das letztere bewegt worden war.

Ich zog mein Fernrohr und schaute nach dem drüben im Wasser liegenden flachen Land. Ja, es war eine Insel, und ganz deutlich unterschied ich Männergestalten, welche sich auf derselben bewegten.

„Ist’s die Insel? Was sahen Sie?“ fragte der Bruder.

„Sie ist es, und ich sehe auf derselben die Leute gehen, welche wir suchen.“

„Gott sei Dank! So kommen wir also nicht zu spät. Hier liegt das Floß. Sie hatten recht, Sennor, als Sie vorhin vermuteten, daß man ein solches gebaut haben werde. Es ist alles, alles genau so, wie Sie sagten. Steigen wir schnell ab, um die Ärmsten zu erlösen!“

Er schwang sich vom Pferde und eilte nach dem Flosse. Die andern thaten dasselbe.

„Halt, Sennores!“ rief ich ihnen zu. „Wir müssen erst für die Pferde sorgen. Am besten ist es, wir führen sie hinaus auf den Camp und pflocken sie da an. Da mögen sie grasen.“

Der Vorschlag wurde ausgeführt. Sodann kehrten wir zum Flosse zurück. Es war nicht angebunden, sondern so weit an das flache Ufer gestoßen, daß es fest sitzen geblieben war. Die einzelnen Teile desselben hatte man durch Schlingpflanzen zu einem ziemlich festen Ganzen vereinigt.

Kaum hatten wir es betreten, so schossen zahlreiche Krokodile herbei. Es waren ihrer so viele, daß sie einander berührten, und in dieser Menge boten sie einen Anblick, welcher gar nicht zu beschreiben ist.

„All devils!“ rief Turnerstick. „Jetzt begreife ich erst die Gefahr, in welcher sich die armen Menschen befinden. Bei einer solchen Schar von Bestien käme keiner von ihnen an das Land zurück. Wollen die Kreaturen etwas fern von uns halten.“

Er griff nach seinem Gewehre.

„Aber nur in die Augen, Sir!“ sagte ich ihm.

„Well! Weiß schon. Durch die Hochzeitsfracks dieser saubern Herrschaften geht ja keine Kugel.“

Die Alligatoren schlossen uns förmlich den Weg. Sie drängten sich bis auf nur wenige Ellen an das Floß heran; ihre Rachen klappten auf und zu, und die kleinen tückischen Augen waren gierig auf uns gerichtet.

Wir konnten nicht vorwärts. Wir mußten uns mit unsern Kugeln Bahn brechen. Die ersten Schüsse fruchteten wenig, und erst als wir wohl gegen zwanzig der Ungeheuer erlegt hatten, erhielten wir dadurch Luft, daß die andern über dieselben herfielen und sie in tieferes Wasser zerrten, um sie zu zerreißen und zu verzehren. Es war eine wirklich scheußliche Szene.

„Ich begreife nicht, wie es den Männern, falls sie unbewaffnet waren, gelingen konnte, von hier nach der Insel zu kommen!“ sagte der Bruder.

„Es läßt sich erklären,“ antwortete ich. „Die Tiere waren zerstreut und haben sich erst dann hier zusammengefunden, als sie durch die Hin- und Rückfahrt des Flosses darauf aufmerksam wurden, daß es hier vielleicht Beute gebe. Auch glaube ich, daß man sie mit den Bambusstangen von sich abwehren kann. Ein tüchtiger Hieb oder Stoß, zumal in das Auge, wird selbst von so einem Tiere gefühlt.“

jetzt, da der Weg nun leidlich frei war, griffen wir zu den erwähnten Stangen und stakten uns vom Ufer fort. Wir mußten die tieferen Stellen des Wassers benutzen, doch betrug die Tiefe derselben nicht mehr als höchstens vier oder fünf Ellen. Sobald das Floß in Bewegung war, getraute sich keins der Krokodile mehr in die Nähe desselben; desto ausdauernder aber kamen sie hinterdrein geschwommen. Gefahr gab es nicht, aber unleidlich war der Gestank, welcher von diesen Sauriern ausging.

Mir war es ein Rätsel, wovon die Tiere lebten. Hatte es früher Fische und andre Tiere im Wasser gegeben, so mußten dieselben von den Krokodilen doch längst ausgerottet worden sein. Die Bestien lebten vielleicht nur von den schwächeren Individuen ihrer eigenen Sippe.

Da fünf Stangen in kräftiger Bewegung waren, so näherten wir uns der Insel so schnell, daß wir die darauf befindlichen Personen bald mit bloßen Augen erkennen konnten. Auch sie sahen uns. Sie standen am Ufer. Aber anstatt uns zuzurufen, verhielten sie sich still. Sie wußten nicht, ob wir in freundlicher oder feindlicher Absicht kamen. Als wir uns nahe genug befanden, sah ich, daß jeder von ihnen ein Messer in der Hand hatte. Ihre Mienen waren entschlossen. Man sah es den Leuten an, daß sie bereit waren, sich nötigenfalls in einen Kampf mit uns einzulassen.

„Halt!“ rief uns einer in spanischer Sprache entgegen. „Kommt nicht näher heran! Wir müssen wissen, was ihr wollt. Wer seid ihr?“

Ich wollte antworten, aber vor mir ertönte des Fraters Stimme:

„Seit wann mißtrauen Sie mir, Sennor Harrico? Glauben Sie, in mir einen Feind sehen zu müssen?“

Der Bruder kannte zufälligerweise den Mann, welcher der bereits erwähnte Vertreter eines Bankiers in Buenos Ayres war. Auch dieser sah jetzt, wen er vor sich hatte. Er antwortete:

Bendito sea Dios! Der Bruder Jaguar! Wir sind gerettet! Sennores, diese Herren können nur in freundlicher Absicht zu uns kommen!“

Es wurde unsrer Landung nichts in den Weg gelegt. Wir legten an und zogen das Floß so weit an das Ufer, daß es nicht fortgeschwemmt werden konnte. Die Leute reichten uns mit Freudenrufen ihre Hände entgegen, und dann wurden wir durch den Bruder und Sennor Harrico einander in aller Eile vorgestellt.

Es genügt, nur zu erwähnen, daß sich zwei Nordamerikaner unter ihnen befanden, welche natürlich von Kapitän Turnerstick mit lebhaftester Freude begrüßt wurden.

„Aber, Sennor,“ fragte der Bruder seinen Bekannten aus Buenos Ayres, „wie sind Sie nur auf diese Insel gekommen?“

Um Nuestro Sennor Jesu-Cristo de la floresta virgen zu sehen.“

„Das ist ja nicht hier!“

„Leider ja. Wir wurden betrogen. Dieser Sendador ist ein ungeheurer Schurke. Und wir haben ihm ein solches Vertrauen geschenkt.“

„Er verdient es keinesfalls, wie ich beweisen kann!“

„Wir bedürfen Ihres Beweises gar nicht, denn er selbst hat es uns bewiesen. Aber was thun Sie in dieser Gegend?“

„Wir suchen Sie, um Sie zu retten.“

„Wo erfuhren Sie und durch wen, daß wir uns in Gefahr befanden?“

Bruder Hilario machte in aller Kürze die nötigen Mitteilungen. Die Männer und Väter gaben ihren Schrecken durch Ausrufe des Entsetzens zu erkennen. Der Bruder tröstete sie:

„Sie können ruhig sein, Sennores. Bis jetzt ist den Ihrigen nichts geschehen, und wir werden dafür sorgen, daß ihnen auch überhaupt nichts geschieht.“

„Aber der Überfall unsrer Frauen!“

„Soll erst heute um Mitternacht vor sich gehen. Bis dahin aber haben wir vollständig Zeit, ihn zu vereiteln.“

„So sei dem Himmel und Ihnen Dank. Wir werden ja Zeit finden, uns näher auszusprechen, aber sagen Sie zunächst, wo sich der Sendador befindet.“

„Bei der Karawane.“

„Also bei der alten Niederlassung?“

„Nein. Sie sind fort nach eben dem heiligen Bilde, dessen Namen Sie vorhin nannten.“

„Ohne uns? – So befinden sich die Hilflosen in seiner Hand?“

„Einstweilen, ja. Aber ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ihnen nichts geschehen wird. Jetzt ist es für uns die Hauptsache, zu erfahren, womit es ihm gelungen ist, Sie hierher zu locken.“

„Durch eine Lüge.“

„Natürlich. Aber durch welche?“

„Er sagte, daß wir hier das Kreuz unsers Sennor Jesu-Cristo finden würden.“

„Und nur aus diesem Grunde folgten Sie ihm? Welche Unvorsichtigkeit!“

„Er beschrieb uns dieses Kreuz in einer Weise, welche alle unsre Wißbegierde rege machte. Er sagte, ein Inka sei einst auf einem Kriegszuge hierhergekommen. Er sei ein Christ gewesen und hier von den Indianern überfallen worden. Er rettete sich mit einem Häuflein seiner Getreuen nach der Insel, wo sich die Tapfern bis auf den letzten Mann verteidigten. Wie sie fielen, So liegen sie noch heute, so neben und aneinander gelegt, daß sie ein Kreuz bilden, eben das Kreuz unsers Sennor Jesu-Cristo de la floresta virgen.“

„Wunderbar, das zu glauben!“

„Warum sollten wir es bezweifeln?“

„Weil die Indianer Heiden waren. Sie hätten die christlichen Leichen nicht zu der heiligen Figur zusammengelegt.“

„O, der Inka starb zuletzt und bekehrte sie vor seinem Tode.“

„Ah so! Während er sich gegen sie verteidigte, fand er Zeit, sie zu bekehren?“

„Ja. Und die Bekehrung war eine so tiefe und wunderbare, daß die Heiden selbst die Schätze, die goldenen Rüstungen, welche die Inkas trugen, nicht anzurühren wagten.“

„Eine solche Bekehrung wäre freilich anzustaunen.“

„Der Sendador erzählte es, und wir glaubten es. Es sind ja noch ganz andre Dinge geschehen. Die Leichen, das heißt die Gerippe liegen noch heute hier auf der Insel, ein Kreuz bildend und mit allem ihrem Geschmeide angethan.“

„Ich verstehe. Diese Fabel hat der Sendador sich gar nicht übel zurecht gelegt. Die Geschichte von dem Leichenkreuze und den Schätzen ersann er, um Sie nach der Insel zu locken. Die Messer durften Sie mitnehmen, weil diese notwendig waren, um Schilf und Bambus zu einem Floße zu schneiden. Andre Waffen aber waren verboten, denn wenn Sie Ihre Gewehre bei sich hätten, so wäre es Ihnen möglich gewesen, eine solche Menge von Krokodilen zu erlegen und zu verscheuchen, daß Sie ohne Schaden wieder an das Ufer hätten gelangen können. Haben Sie das alles denn wirklich geglaubt?“

„Ja.“

„Und es ist Ihnen gar kein Zweifel gekommen?“

„Nicht eher, als bis er uns verließ.“

„Haben Sie sich alle auf einmal auf dem Floße befunden?“

„Ja. Wir hatten Platz genug.“

„Wurden Sie nicht von den Krokodilen belästigt?“

„Nein. Diese Tiere richteten ihre Aufmerksamkeit erst später auf das Floß.“

„Sie stiegen alle an das Land?“

„Alle, nur der Sendador nicht. Als wir ihn fragten, warum er auf dem Floße bleibe, antwortete er uns höhnisch, daß er uns das Vergnügen gönne, uns allein in die Kostbarkeiten zu teilen.“

„Und Sie hielten ihn nicht zurück?“

„Wir konnten nicht, denn er war schon wieder abgestoßen; die Krokodile kamen herbei, und wir hatten die Stangen auf dem Floße gelassen. Erst die Worte, welche er uns dann noch aus der sichern Ferne zurief, daß er unsere Frauen mit den Indianern verheiraten und die schönsten unserer Töchter für sich selbst behalten werde, während uns hier die Krokodile auffressen würden, enthüllten seine Absicht. Wir wollten nur schwer an unsere Lage glauben. Vielleicht hatte der Sendador nur gescherzt. Wir durchsuchten die Insel nach den Inkas.“

„Natürlich fanden Sie nicht die geringste Spur von ihnen!“

„Nichts, gar nichts fanden wir. Da waren wir denn doch Überzeugt, daß es auf unseren Untergang abgesehen sei. Von da an saßen wir beisammen und berieten uns. Aber keinem kam ein guter Gedanke. Darum sind wir alle voller Dank gegen Sie und Ihre Freunde. Hoffentlich findet sich eine Gelegenheit, Ihnen diesen Dank abzutragen.“

„Denken Sie nicht daran! Suchen wir vor allen Dingen, von dieser unglückseligen Insel fortzukommen.“

„Wird das Floß uns alle tragen?“

„Probieren wir es wenigstens.“

Die Probe erwies, daß wir es wagen konnten. Die zwanzig Unbewaffneten mußten sich lang nebeneinander legen, damit das Gleichgewicht des Floßes nicht gestört wurde. Fünf griffen zu den Staken, und wir andern knieten am Rande, um die etwa sich zu weit heranwagenden Krokodile zu erschießen. Da das Floß jetzt schwerer beladen war als vorher, ging es tiefer als auf der Herüberfahrt, aber es ragte doch so weit aus dem Wasser empor, daß wir nicht naß wurden.

Nachdem wir wieder einige der Alligators erlegt hatten, bemerkten die übrigen, daß es für sie gefährlich sei, in unsere Nähe zu kommen. Sie zogen infolgedessen in solcher Entfernung hinter uns her, daß wir sie nicht zu fürchten brauchten. Wir gelangten glücklich an das Ufer zurück, wo unsere erste Sorge war, nach unseren Pferden zu sehen. Es war gar nicht mein Gebrauch, mein Pferd in dieser Weise wie heute zu verlassen. Ich mußte es als eine Unvorsichtigkeit bezeichnen, daß nicht wenigstens einer von uns als Wächter zurückgeblieben war. Wie leicht konnten sich Indianer in der Nähe befinden und unsere Tiere davontreiben. In diesem Falle wäre es uns wohl nicht möglich gewesen, unser Vorhaben auszuführen. Glücklicherweise zeigte sich, daß meine Besorgnis überflüssig gewesen war.

Nun die zwanzig Männer sich wieder in Sicherheit befanden und keine Sorge mehr um sich zu haben brauchten, konnten wir beraten, was zu geschehen habe. Die Männer und Väter der bedrohten Frauen und Kinder drängten freilich zum schnellsten Handeln; aber ich riet von jeder Überstürzung ab. Eine Viertelstunde ruhiger Überlegung bringt später Stunden und wohl gar Tage ein, wie ich oft erfahren hatte.

Natürlich war es unsere Absicht, der Wagenkarawane nachzueilen. Holten wir sie noch vor der Zeit des geplanten Überfalles ein, so hatten wir es nur mit dem Sendador zu thun. Zwar war er nicht der einzige Mann, denn die Fuhrknechte befanden sich dabei; aber Harrico versicherte, daß sie treue Leute seien, welche sicher nicht mit ihm unter derselben Decke spielten. Sie brauchten wir also gar nicht zu scheuen.

Wir brachen auf. Ich war dagegen, daß sich je zwei Mann auf ein Pferd setzen sollten, da dadurch die Tiere zu schnell ermüdet würden. Da für dreißig Männer nur zehn Pferde vorhanden waren, so geschah es jedenfalls besser, wenn nur zehn ritten und desto häufiger abgewechselt wurde. Die andern waren einverstanden, und in dieser Weise wurde der Weg angetreten.

Er war zunächst kein beschwerlicher, denn er führte durch den ebenen, grasigen Camp, auf welchem sich nur hier und da einmal eine Buschinsel befand. Das Gras stand weder hoch, noch dicht, infolgedessen diejenigen, welche zu Fuße gehen mußten, nicht schnell ermüdeten, obgleich sie gezwungen waren, mit den schnell ausgreifenden Pferden gleichen Schritt zu halten.

Ich befand mich unter den Fußgängern, da ich meinen Braunen einem andern übergeben hatte. Sennor Pena hatte dasselbe gethan und sich dann zu mir gesellt, um mit mir über das bevorstehende Abenteuer zu sprechen. Als wir unsere Ansichten ausgetauscht hatten, kam die Rede auf unsere mexikanischen Erlebnisse. Bei dieser Gelegenheit brachte ich seine Nationalität zur Sprache, indem ich ihn fragte:

„Sennor, sind Sie von spanischer Abstammung?“

„Nein,“ antwortete er.

„Ich vermute allerdings, daß Sie ein Deutscher sind.“

„Sie vermuten nur? Das können Sie doch gewiß wissen.“

„Dazu würde ein Scharfsinn gehören, den ich vielleicht nicht besitze. Dennoch hegte ich die Ansicht, daß Sie ein Deutscher sind; aber ich konnte das eben nur vermuten, da Sie sich in Mexiko darüber ausschwiegen.“

„Das hatte damals einen guten Grund.“

„Darf ich erfahren, welchen?“

„Ja, denn heute kann ich darüber sprechen. Man kennt mich hier als eifrigen Chinarindensammler und Goldsucher. Ich ging nach Mexiko in der letzteren Eigenschaft, wollte das aber nicht wissen lassen. In meiner damaligen Gesellschaft befand sich einer, welcher mich zwar gar nicht persönlich, aber doch meinen Namen und auch sonstiges von mir kannte, da er längere Zeit hier im Süden gewesen war. Ich sah mich also gezwungen, meine deutsche Abstammung zu verleugnen und legte mir infolgedessen einen spanischen Namen bei.“

„Aber wenigstens gegen mich konnten Sie aufrichtig sein!“

„Nein. Sie waren zwar kein Goldsucher, und ich hatte Ihrerseits also keinen Konkurrenzneid zu befürchten, aber Sie konnten mich leicht durch ein unbewachtes Wort verraten.“

„Wenn Sie so außerordentlich vorsichtig verfuhren, so mußten die Gründe, welche Sie hatten, sehr zwingende sein.“

„Das waren sie allerdings.“

„Sie hatten wahrscheinlich einen glücklichen Fund im Auge?“

„Das hatte ich. Auf welche Weise ich zu der betreffenden Erfahrung gekommen war, das thut nichts zur Sache, kurz und gut, ich hatte mir eine Gegend beschreiben lassen, in welcher sehr wahrscheinlicherweise eine Goldgrube zu finden sein würde. Aus diesem Grunde ging ich nach Mexiko und schloß mich jenen Leuten an, welche auf ihrem Zuge durch die betreffende Gegend kommen mußten. Natürlich verheimlichte ich meine Absicht, sonst hätte ich die andern alle auf dem Halse behalten.“

„Und hatten Sie Erfolg?“

„Mehr als ich erwartete. Als wir durch die Gegend kamen, erkannte ich auf den ersten Blick aus der Formation derselben, daß meine Reise nicht vergeblich gewesen sei. Ich ritt noch eine Tagereise weiter mit und entfernte mich dann heimlich des Nachts, um zurückzukehren. Nach einem dreitägigen Suchen entdeckte ich die Ader, welche außerordentlich ergiebig sein mußte. Ich verbarg die Stelle mit Sand und Steingrus und ritt davon, um meine Entdeckung zu verkaufen.“

„Fanden Sie einen Käufer?“

„Sofort. Ich führte ihn in die Berge und zeigte ihm den Fund. Er war ein Kenner und ersah seinen Vorteil augenblicklich. Erst schlug er mir vor, die Goldgrube in Compagnie auszubeuten; da ich aber wieder nach den La Plata-Staaten wollte und auf diese Offerte also nicht eingehen konnte, kaufte er mir meine Entdeckung ab. Die Summe, welche ich erhalten habe, ist mehr als genügend, mir eine sorgenfreie Zukunft zu sichern.“

„So gratuliere ich Ihnen auf das herzlichste. Wie aber kamen Sie dazu, sich gerade Pena zu nennen?“

„Weil dieses Wort die Übersetzung meines deutschen Namens ist.“

„Also heißen Sie wohl Kummer?“

„Ja.“

„Nun, dann halte ich es für überflüssig, daß wir spanisch sprechen. Lassen Sie uns doch deutsch reden!“

„Mit dem größten Vergnügen. Ich hätte mich damals in Mexiko Ihnen gegenüber sehr gern der Muttersprache bedient, hielt dies aber, wie gesagt, für eine Unvorsichtigkeit.“

„Darf ich Sie fragen, aus welchem Teile Deutschlands Sie stammen?“

„Warum nicht? Ich bin ein Preuße.“

„Aus welcher Provinz?“

„Schlesien. Ich bin aus Breslau.“

Wir sprachen nun natürlich über unser gemeinsames Vaterland und kürzten so unsern Weg ab.

Mittlerweile hatten wir schon zweimal die Pferde gewechselt, und nun war es dunkel geworden. Das hinderte uns aber wenig, denn Pena war ein vortrefflicher Führer, und wenn er ja einmal in Zweifel gekommen wäre, so hätte Gomarra ihn mit Auskunft unterstützen können.

Der Weg war beiden freilich nicht bekannt; aber die Richtung wußten sie, und da sie die Eigenart der Gegend früher studiert hatten, so brauchten wir uns nicht zu fürchten, uns etwa zu verirren.

Nach und nach trat der Camp zurück, und das Buschwerk wurde häufiger. Auch Bäume gab es, aber sie standen so weit. auseinander, daß sie uns nur sehr wenig hinderlich waren. Die Gegend bestand aus einer vollständigen Ebene, so daß der Boden uns keinerlei Schwierigkeiten bot. Die einzigen Hindernisse waren die Lagunen, welche wir entweder umgehen oder an schmalen Stellen durchreiten mußten. Dazu standen die Sterne am Himmel, und für später war der Mond zu erwarten.

So ritten wir mehrere Stunden durch das abendliche Halbdunkel, bis wir auf eine breite Ausspülung des Erdbodens stießen, bei deren Anblick Pena in frohem Tone erklärte:

„Das ist der Weg zum Kreuze des Urwaldes. Ich habe mich also nicht geirrt.“

„Ein Weg?“ fragte ich. „Das hat eher das Aussehen eines Flußbettes.“

„Ist es auch. Wenn zur Regenzeit die Wasser vom Gebirge stürzen, so breiten sie sich weit über die Ebene aus. Es entstehen an tieferen Stellen Nebenarme des Flusses Salado, welche ihre Wasser an geeigneten Stellen dem Hauptarme wieder zuführen. An einem solchen Nebenarme befinden wir uns.“

„Aber können da Wagen fahren?“

„Gewiß. Dieses Flußbett bietet fast die einzige Gelegenheit, per Wagen nach dem Kreuze zu gelangen. Natürlich benutzen wir es jetzt auch.“

„Meinen Sie nicht, daß wir dabei auf den Sendador stoßen werden?“

„Nein, denn wir haben ihn überholt. Er befindet sich hinter uns.“

„Das wäre ja vortrefflich, denn wir würden noch vor ihm beim Kreuze ankommen. Wie weit haben wir bis dorthin?“

„In drei Viertelstunden sind wir dort.“

„Hm! Ich wollte, ich hätte die Gegend einmal gesehen, weil wir dort höchst wahrscheinlich gezwungen sein werden, zu kämpfen. In einem solchen Falle ist es stets vorteilhaft, die Gegend genau zu kennen.“

„Nun, ich kenne sie und kann sie Ihnen beschreiben. Meiner Ansicht nach hat vor alter Zeit ein Kloster dort gestanden, denn es sind noch Mauern vorhanden, und einst entdeckte ich sogar den Eingang zu einem Kellergewölbe.“

„Dann stammt dieser Bau freilich von den Weißen; denn die hiesigen Indianer bauen kein Gewölbe. Ist die Gegend ebenso eben wie hier? Hat sie Wald?“

„Es giebt dort einen Hügel, um dessen Fuß sich unser Flußbett schlingt. Seine Seiten sind mit Bäumen bewachsen, und auf dem Gipfel liegen die Ruinen des Bauwerkes, von welchem ich sprach. Auf dem höchsten Punkte, der hinab zum Flusse blickt, steht das Kreuz des Urwaldes.“

„Führt ein Weg, welcher von Wagen benutzt werden kann, auf den Hügel?“

„Nein – der Sendador wird mit seinen Karren unten am Hügel halten.“

„Und dort wird er von den Indianern erwartet. Es ist anzunehmen, daß sie sich nicht sofort sehen lassen werden. Sie werden sich verstecken.“

„Das denke ich auch. Sie werden den Überfall nicht eher unternehmen, als bis sie mit dem Sendador gesprochen haben.“

„Er wird sie also aufsuchen, um ihnen mitzuteilen, daß sein Anschlag gegen die Männer gelungen sei, und daß sie sich nun die Frauen und Kinder holen können. Ich denke, daß die Roten oben in dem Gemäuer stecken werden.“

„Auch ich bin so sehr davon überzeugt, daß ich glaube, darauf schwören zu können.“

„So dürfen wir nicht ganz bis an den Hügel reiten, weil man uns sonst bemerken würde. Vielleicht haben die Indianer sogar Posten ausgestellt.“

„Das glaube ich nicht. Sie haben keine Veranlassung dazu. Sie erwarten ja nur die Wagen mit den Weibern. Etwas anderes wäre es, wenn sie das Nahen einer bewaffneten Kriegerschar befürchten müßten. Ich glaube, daß sie in den Ruinen, vielleicht gar in dem Keller stecken und ganz ruhig warten, bis der Sendador kommt, um sie abzuholen.“

„Haben Sie damals das Kellergewölbe genau untersucht?“

„Natürlich. Man kann ja niemals wissen, in welcher Weise die Kenntnis eines solchen Ortes einem von Nutzen sein kann.“

„Ist es groß?“

„Wenn sie eng stehen, haben zweihundert Personen Platz.“

„Sind mehrere Ein- oder Ausgänge da?“

„Das war es, was ich vor allen Dingen suchte; aber ich habe trotz aller Mühe nur den einen Eingang gefunden. Es führten früher Stufen hinab, welche aber jetzt nur noch teilweise vorhanden sind. Der Eingang gleicht also nicht einer Treppe, sondern einem Stollen, welcher steil hinunter führt.“

„Ich wünschte, die Roten befänden sich da unten. In diesem Falle wäre es leicht, uns ihrer ohne alle Gefahr zu versichern, während im andern Falle ein Kampf nicht zu vermeiden ist. Und dieser würde wegen der Giftpfeile für uns höchst gefährlich sein. Jetzt läßt sich freilich gar nichts sagen; wir müssen sehen, wie wir die Sache finden.“

Das trockene Flußbett glich wirklich einer leidlich bequemen Straße, auf welcher wir uns wenig über eine Stunde aufwärts bewegten. Als Pena dann erklärte, daß der Hügel höchstens fünfhundert Schritte vor uns liege, hielten wir an. Die andern mußten sich unter die Bäume zurückziehen, um still auf uns zu warten, während ich mit Pena rekognoszieren ging. Wir gaben uns Mühe, kein Geräusch zu verursachen. Das fiel nicht schwer, da der Boden weder Steine noch Sand besaß. Wir hielten uns am Rande unter den Bäumen.

Die Nacht war still. Kein Laut war zu hören. Und doch war uns nicht wohl zu Mute. Ein Giftpfeil, aus einem Rohre geblasen, verursacht auch kein Geräusch und ist doch weit gefährlicher als eine Büchsenkugel. Ein solcher Pfeil konnte jeden Augenblick uns treffen, falls die Indianer Wachen ausgestellt hatten. Glücklicherweise war das nicht der Fall. Wir erreichten den Fuß des Hügels und huschten nun unter den Bäumen nach oben.

Das war freilich nicht allzu leicht. Es gab da allerlei Schlinggewächse, welche uns zum Kriechen zwangen, denn die gewaltsame Beseitigung derselben hätte Geräusch verursacht. Als wir endlich oben ankamen, bemerkte ich, so gut das Halbdunkel und die Bäume es erkennen ließen, daß die Spitze des Hügels eine ziemlich große Platte bildete. Eingefallenes Mauerwerk gab es gleich da, wo wir standen. Doch mußten wir sein Vorhandensein mehr erraten, als daß wir es sahen, denn es war dicht mit Pflanzen überrankt.

„Wo ist der Eingang in die Ruine?“ fragte ich Pena leise.

„Gleich rechts da in der Nähe.“

„Sind vielleicht verschiedene Höfe da?“

„Wahrscheinlich. Offen ist aber nur der vordere, während hinten alles einen wüsten, unzugänglichen Trümmerhaufen bildet.“

„Und gelangt man in den Keller aus diesem vorderen Hofe?“

„Ja.“

„So kommen Sie! Aber vorsichtig!“

Er ergriff meine Hand und zog mich weiter. Bald erreichten wir die Stelle, an welcher sich das große, breite Thor befunden hatte, wie leicht zu erkennen war. Es galt da, vorsichtig zu sein; denn wenn überhaupt Wachen ausgestellt waren, so stand hier ganz sicher eine. Aber die Roten schienen ihrer Sache sehr gewiß zu Sein, denn dieser Haupteingang war frei.

Als wir ihn passiert hatten, befanden wir uns auf einem rund von niedrigen Mauertrümmern eingefaßten Vierecke. Das war der Hof. Uns gerade gegenüber sah ich etwas wie den Schein eines verdeckten Lichtes. Zugleich drang uns ein brenzlicher Geruch entgegen.

„Dort geht es in den Keller hinab,“ sagte Pena. „Man hat da unten ein Feuer angemacht.“

„Das giebt Rauch. Da müssen die Männer ja ersticken!“

„O nein. Ich habe im Gewölbe zwei Löcher bemerkt, rechts und links hoch oben an den Seiten. Da kann der Rauch abziehen.“

„Sind diese Löcher etwa groß genug, daß ein Mensch hindurchkriechen kann?“

„O nein. Übrigens liegen die beiden Luftlöcher oben so frei, daß wir durch sie hinabblicken können.“

„Das ist sehr gut. Auf diese Weise können wir beobachten und die Feinde wohl auch zählen. Vorwärts jetzt!“

Wir schlichen uns nach dem Eingange. Auch da stand niemand. Ja, unten brannte ein kleines Feuer, und jetzt bemerkte ich den Duft bratenden Fleisches. Der Schein drang eine kleine Strecke in den Treppengang herein, und so sah ich, daß da allerlei Trümmer der früheren Stufen lagen, welche es uns unmöglich machten, uns lautlos hinabzuschleichen und einen Blick in das Gewölbe zu werfen. Die Steinchen hätten sich losgelöst und uns durch ihren Fall verraten. Da uns hier ein direkter Einblick nicht möglich war, wandten wir uns erst zum einen und dann auch zu dem anderen Luftloch, welche oben zu beiden Seiten lagen. Da sahen wir unten die Indianer sitzen. Aber unser Gesichtskreis war so eng, daß ich nicht mehr als acht Personen zählen konnte.

„Es sind natürlich weit, weit mehr vorhanden,“ meinte Pena. „Wenn diese Leute einen Überfall planen, so ziehen sie zahlreich aus, denn Tapferkeit ist ihre Tugend nicht, Was thun wir jetzt?“

„Sie eilen zurück und holen die Kameraden. Dieselben mögen aber vorher die Pferde an einem Orte anbinden, an welchem der Sendador sie nicht findet.“

„Und was thun Sie indessen?“

„Ich bewache den Eingang.“

„Herr, das ist gefährlich!“

„Ganz und gar nicht. Die Kerle stecken ja alle in der Falle!“

„Aber wenn einer herauskommt?“

„So nehme ich ihn bei der Gurgel oder gebe ihm einen Klapps auf die Nase, daß er hinunterrutscht.“

„Dann kommen die andern alle!“

„Das werden sie bleiben lassen. Es können höchstens zwei Personen nebeneinander gehen; also halte ich alle mit meinen Revolvern in Schach.“

„Gut! Wir werden sehr bald kommen.“

„Allzu vorsichtig brauchen Sie nicht zu sein. Es ist niemand da, der Ihnen gefährlich werden kann; also können Sie ganz offen und unbesorgt heranmarschieren.“

Er ging, und ich ließ mich neben dem Eingange nieder, fest entschlossen, keinen Menschen herauszulassen. Von unten herauf drang unterdrücktes Stimmengewirr; einzelne Stimmen oder gar Worte waren nicht zu unterscheiden. Übrigens hätte mir das gar nichts nützen können, da ich die Sprache der Aripones nicht verstand. So hatte ich wohl über zehn Minuten gesessen, als ich das Geräusch rollender Steine vernahm. Ich beugte mich vor und sah zur Treppe hinab. Da kam einer langsam heraufgestiegen. Er befand sich noch im Kreise des Feuerscheines, und so konnte ich ihn erkennen. Es war Gomez. Er trug keine Waffen als nur sein Messer bei sich. Ich stand auf und trat ein wenig zur Seite. Dort stand ein Baum, unter dessen Krone der hellere Ton meines Lederanzuges nicht leicht zu erkennen war.

jetzt trat der Mann hervor. Er sah sich um und lauschte in die Nacht hinaus. Schon drehte er sich um, um wieder hinabzusteigen; da sagte ich in halbem Tone, nur so, daß er es gerade zu hören vermochte:

„Gomez.“

Schnell wendete er sich zurück.

„Wer ist da?“ fragte er.

„Der Sendador.“

„Schon? Das ist schnell gegangen. Wo sind die Weiber und Kinder?“

„Unten bei den Wagen.“ „Das ist ja ganz – –“

Er hielt inne. Während der kurzen Fragen und Antworten war er näher gekommen. Jetzt befand er sich gerade vor mir und mochte nun doch bemerken, daß der, bei dem er stand, nicht der Sendador sein könne. Er beugte den Kopf vor, um wo möglich mein Gesicht zu erkennen, und sagte:

„Das ist ja nicht – – wer ist – –?“

Er wollte sich zur Flucht wenden. Da aber hatte ich ihn mit der Rechten bei der Kehle, so daß er nicht schreien konnte, und mit der Linken zog ich das Messer aus seinem Gürtel, damit er sich desselben nicht bedienen könne. Gegen mich war er von der Schwäche eines Kindes. Er brach sofort in die Kniee. Ich setzte ihm das Messer auf die Brust und drohte:

„Ein lautes Wort, so steche ich Sie nieder. Werden Sie schweigen?“

„Jaaaa – – –“ gurgelte er, als ich ihm zu diesem Zwecke ein wenig Luft in die Kehle ließ.

„Gut, so will ich Sie wenigstens atmen lassen. Aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Sie beim ersten unerlaubten Laute ersteche! Legen Sie die Hände auf den Rücken, damit ich Sie binden kann!“

Ich nahm die Hand von seinem Halse, hielt ihn aber mit der einen Hand fest, während ich mit der andern einige Riemen aus der Tasche zog. Dabei mußte ich mich bücken. Mein Gesicht kam in die Nähe des seinigen, und nun erst erkannte er mich.

„Sie sind es, Sie, Sennor!“ sagte er.

„Wer sonst? Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich kommen werde?“

„Ah! Sie, Sie! Nun ist alles verloren!“

„Was verstehen Sie unter diesem alles?“

„Etwas, was Sie nicht zu wissen brauchen.“

„Ganz richtig! Ich brauche es nicht zu wissen, weil ich es schon weiß.“

„Sie? Unmöglich!“

Während dieser Worte band ich ihm die Hände auf den Rücken und die Füße zusammen. Nun lag er regungslos vor mir auf der Erde. Ich zog ihn seitwärts bis an eine Stelle, von welcher aus ich den Eingang gut vor Augen hatte, und setzte mich bei ihm nieder.

„Sennor, was haben Sie mit mir vor? Was werden Sie mir thun?“ fragte er.

„Das wird ganz auf Ihr Verhalten ankommen.“

„Sind Sie allein da?“

„Nein. Wenn Sie so große Sehnsucht nach meinen Gefährten und Ihren früheren Bekannten haben, so kann ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung mitteilen, daß sie sich Ihnen baldigst vorstellen werden. Auf unsere Freundschaft dürfen Sie freilich nicht mehr zählen.“

„Was habe ich denn gethan?“

„Erstens sind Sie uns ausgerissen, und zweitens – –“

„Sennor, das dürfen Sie doch nicht ausreißen nennen! Ich mußte!“

„Warum?“

„Das ist mein Geheimnis.“

„Aber ein Geheimnis, welches ich auch kenne. Ich habe Ihnen in Palmar gesagt, daß ich Sie hindern werde, das zu thun, was Sie vorhaben.“

„Sennor, Sie können ja gar nicht wissen, was wir beabsichtigen!“

„Ich weiß es nur zu gut. Sie haben die zwanzig Männer auf die Krokodileninsel gelockt, und hier wollen Sie nun die Frauen und Kinder holen.“

Cielo! Wer sagt das?“

„Sie selbst haben es zu dem Sendador gesagt.“

„Das ist nicht wahr.“

„Leugnen Sie doch nicht, Gomez! Die Lüge hilft Ihnen nichts. Sie sind belauscht worden. Man hat jedes Ihrer Worte genau vernommen. Wir sind Ihnen natürlich schnell von Palmar aus gefolgt. Sie haben das auch gar nicht anders erwartet, denn Sie sagten heute zu dem Sendador, daß wir jeden Augenblick eintreffen könnten.“

„Auch das wissen Sie?“

„Alles, alles weiß ich. Wir sind auf der Krokodileninsel gewesen und haben die zwanzig Männer befreit. Das Floß lag noch am Ufer; eine große Dummheit von dem Sendador! Nun sind wir alle da, um die zweite Hälfte des geplanten Streiches zu verhüten.“

„Das ist – das ist – – das kann ich doch nicht glauben!“ stammelte er.

„Sie werden es glauben, denn – – hören Sie! Jetzt kommen meine Leute. Sie können sich also überzeugen, daß ich die Wahrheit sage.“

Ich hörte die Schritte vieler Nahenden und erhob mich vom Boden, um von ihnen gesehen zu werden. Es waren die Gefährten. Sie kamen herbei. Als sie hörten, wen ich da vor mir liegen hatte, verlangten sie, daß Gomez sofort ausgepeitscht werde. Ich brachte sie aber auf bessere Gedanken, indem ich ihnen vorstellte, daß er als Indianer gehandelt habe, welcher die Weißen als Eindringlinge betrachte. Die von der Krokodileninsel befreiten Leute waren zwar nicht geneigt, Milde walten zu lassen, doch gab ich mir Mühe, ihnen zu erklären, daß es für sie besser sei, zu verzeihen und sich die Aripones zur Dankbarkeit zu verpflichten, als durch Strenge die Rache des ganzen Stammes auf sich zu laden.

„Aber was soll denn da mit ihnen, die wir doch jetzt als unsere Gefangenen betrachten müssen, geschehen?“ fragte einer.

„Das werden Sie gleich hören,“ antwortete ich. „Ich meine, daß Sie uns Ihr Leben zu verdanken haben, und ich fordere von Ihnen die Erlaubnis, mit den Aripones Frieden schließen zu dürfen. Sie werden mir das nicht versagen, da es nicht in meinem, sondern vielmehr in Ihrem Interesse liegt.“

Nach einer kurzen, unter sich gepflogenen Beratung stimmten sie mir bei. Darum bückte ich mich zu Gomez nieder, nahm ihm die Riemen ab, richtete ihn auf und sagte zu ihm, der nun inmitten unseres Kreises stand:

„Merken Sie sich, was Sie jetzt hören! Es soll Ihnen und keinem der Ihrigen ein Leid geschehen; aber ich stelle einige Bedingungen, nach denen Sie sich zu richten haben werden.“

Er holte tief Atem, froh, in so glimpflicher Weise behandelt zu werden, und fragte mich:

„Welches sind diese Bedingungen?“

„Sie begeben sich jetzt in den Keller zu Ihren Leuten. Wie viele sind es?“

„Sechzig.“

„Sie sagen ihnen, daß dreißig gut bewaffnete Leute hier stehen und auf einen jeden schießen werden, der sich ohne unsere Erlaubnis gestattet, den Keller zu verlassen. Morgen früh könnt Ihr dann unbehelligt abziehen, nachdem Ihr vorher mit denen, welche Ihr töten wolltet, Friede geschlossen habt. Wollen Sie das Ihren Leuten vorstellen und sie dazu bringen, diese Bedingungen zu erfüllen?“

„Ja. Ich verlange aber, daß Sie Wort halten!“

„Ich lüge nicht. Also daß keiner es wagt, den Keller zu verlassen. Habe ich Ihnen etwas zu sagen, so werde ich Ihren Namen laut in den Eingang rufen. Jetzt gehen Sie!“

Er entfernte sich und verschwand mit einer Schnelligkeit im Keller, aus welcher zu ersehen war, wie froh er war, in dieser Weise davongekommen zu sein.

Einige der Anwesenden wollten sich über meine Milde beschweren, aber der Bruder gab mir recht und erklärte ihnen, daß sie alle Veranlassung hätten, in Frieden mit den hiesigen Indianern zu verkehren.

Zwei von uns waren bei den Pferden zurückgelassen. Die andern setzten sich vor den Kellereingang. Ich aber ging mit dem Steuermanne vor das Thor, um das Kommen des Sendadors zu erwarten. Den Steuermann nahm ich mit, weil er eine riesige Körperstärke besaß. Ich wußte ja nicht, ob ich Manns genug sei, es allein mit dem Sendador aufzunehmen.

Wir verbargen uns hinter den Mauertrümmern. Unsere Geduld sollte gar nicht lange auf die Probe gestellt werden. Wir hatten kaum fünf Minuten gesessen, als das schrille, häßliche Gekreisch ungeschmierter, hölzerner Wagenräder zu uns heraufschallte. Weibliche Stimmen ertönten. Man schien mit der Errichtung des Lagers beschäftigt zu sein. Dann wurde ein Feuer angebrannt, dessen Helligkeit wir sogar hier oben bemerkten.

„Nun wird er bald kommen,“ sagte der Steuermann.

„Jedenfalls. Wenn Sie zugreifen, so nehmen Sie ihn gleich so, daß er allen Widerstand aufgeben muß!“

„Haben Sie keine Sorge! Ich sehne mich geradezu, einmal jemand so recht aus Herzensgrund umfassen zu dürfen. Wie viele Rippen soll ich ihm zerdrücken? Alle oder nur einige?“

„Ich muß ihn unverletzt haben. Sie wissen ja, daß wir ihn noch brauchen. Wenn er verwundet oder verletzt wird, so ist es ihm unmöglich, uns zu seinen Schätzen zu führen. Schweigen wir jetzt!“

Bald darauf hörten wir langsame Schritte. Der Kommende gab sich nicht die geringste Mühe, leise aufzutreten. Er war seiner Sache außerordentlich gewiß. Auch mußte er die Örtlichkeit genau kennen, denn er kam direkt auf das eingefallene Thor zu. Seine Gestalt war länger als die meinige, aber schmal. Eben als er an uns vorüber wollte, richtete ich mich auf. Er sah es, prallte einen Schritt zurück und fluchte:

Caramba! Was schießest du hier, wie ein Teufel aus der Erde empor, Gomez! Das kann einen ja erschrecken! Sind deine Leute da?“

Da ich am dunklen Gemäuer stand, über welchem sich außerdem noch ein dichtes Laubwerk erhob, so konnte er meine Gestalt nicht deutlich erkennen. Er hielt mich für Gomez, von welchem er angenommen hatte, daß dieser ihn erwarten werde. Da ich die Stimme des letztern kannte, so gelang es mir, dieselbe nachzuahmen, indem ich antwortete:

„Sie sind alle hier im Keller, Sennor.“

„So will ich hinab, um ihnen meine Befehle zu geben. Es ist alles sehr gut gelungen. Die Männer stecken auf der Insel und werden dort von den Krokodilen festgehalten. Die Weiber und Kinder haben mir freilich viel zu schaffen gemacht, aber ich brachte sie endlich doch mit dem Vorgeben fort, daß die Männer bereits vorangegangen seien. Ihr werdet heute gute Beute machen, Gomez. Ich darf also für später wohl auf eure Dankbarkeit rechnen.“

„Was das betrifft, so sollen Sie den Dank schon jetzt haben, und zwar sofort.“

Ich hatte das in meinem eigenen Tone, mit unverstellter Stimme gesagt. Er neigte sich mir zu, um mir in das Gesicht zu sehen, und sagte:

„Was war das für eine Stimme! So spricht Gomez nicht. Es ist ein ganz anderer!“

„Allerdings bin ich ein anderer, Sennor Sabuco.“

„Und zwar kein Indianer, sondern ein Weißer! Mann, ich will doch hoffen, daß Sie zu denen gehören, welche ich hier suche!“

„Zu den Aripones also? Nein, zu ihnen gehöre ich freilich nicht.“

Ich konnte ihm in aller Ruhe so antworten, denn ich sah, daß sich der Steuermann hinter ihm erhoben hatte und bereit stand, ihn mit seinen gewaltigen Armen zu umfangen.

„Nicht!“ rief er aus. „Dann frage ich Sie, wer Sie sind. Antwort, oder ich steche Sie augenblicklich nieder!“

Er griff nach seinem Messer.

„Lassen Sie das Messer stecken, Sennor! Ich habe Sie in der besten Absicht erwartet.“

„In welcher?“

„Um Sie zu grüßen von den zwanzig Sennores, welche Sie den Krokodilen übergeben haben. Sie befinden sich nicht mehr auf der Insel, sondern hier ganz in der Nähe. Ich werde Sie zu ihnen bringen, denn es verlangt sie, mit Ihnen zu sprechen.“

„Hole Sie der Teufel! Hier haben Sie das Messer in die Rippen, als Lohn für die Neuigkeit, welche Sie mir bringen, und zugleich als – – –“

Er unterbrach sich und stieß einen Schreckensruf aus, weil in diesem Augenblick der Steuermann ihn von hinten umfaßte und ihm die beiden Arme an den Leib drückte.

„Da haben wir ihn im Schraubstocke,“ lachte der gute Hans Larsen. „Welche Wonne, wenn ich ihn so umarmen dürfte, wie ich es wünsche!“

Der Sendador wollte schreien, aber seine Stimme erstickte; der Steuermann preßte ihm fast den Brustkasten ein. Er wollte sich wehren, aber die Umschlingung war eine so gewaltige; daß es nur zu einem ohnmächtigen Zucken seiner Beine kam.

„Was nun?“ fragte Larsen.

„Wir binden ihn und schaffen ihn dann zu den andern.“

„Warum erst binden? Das können wir nachher auch thun. Wen ich einmal zwischen meinen Händen habe, der entläuft mir nicht. Nehmen Sie ihm nur die Waffen ab!“

Ich folgte dieser Aufforderung. Der Sendador hatte außer dem Messer noch ein Gewehr und einen Revolver bei sich. Larsen ließ ihn für einen Augenblick los, legte ihm aber schnell die Hand um das Genick und sagte in spanischer Sprache zu ihm:

„Jetzt vorwärts, Sennor! Und wenn Sie nicht gehorchen, drücke ich Ihnen einige Halswirbel ein!“

Der Griff des Steuermanns war so energisch, daß der Sendador fast die Besinnung verlor. Er wurde, ohne zu einem Widerstand zu kommen, von Larsen vorwärts geschoben. Als wir bei den Gefährten anlangten, standen die an der Erde Sitzenden auf und umringten uns.

„Bringen Sie den Halunken?“ fragte Harrico, der Vertreter des Bankiers.

„Ja, hier ist er,“ antwortete der Steuermann. „Gebt Riemen her! Wollen ihm Hände und Füße binden, daß er nicht an das Fortlaufen denken kann.“

„Ja, aber fest genug! Und ein Feuer wollen wir anbrennen, damit er sehen kann, wen er vor sich hat.“

Während die einen den Gefangenen fesselten, suchten die andern brennbares Material für das Feuer zusammen. Als dieses letztere aufflackerte, konnte ich die Züge des berühmten Führers erkennen. Sein Gesicht war hager, scharf gezeichnet und von der Sonne dunkel gebrannt. Er gab nicht zu erkennen, daß er sich schäme. Sein finstrer Blick ging von einem zum andern im Kreise umher; in seinen Zügen gab sich nichts als nur das größte Erstaunen zu erkennen. Er schüttelte den Kopf und sagte:

„Aber, Sennores, was fällt Ihnen denn eigentlich ein? Was bringt Sie auf den mir unbegreiflichen Gedanken, mich mit einer solchen Feindseligkeit zu behandeln?“

Er suchte sich nun mit allerlei Lügen aus der Schlinge zu ziehen und berief sich endlich auf Monteso, daß er es ehrlich meine. Der Yerbatero hatte freilich nicht an die Verruchtheit dieses Menschen glauben wollen; aber die vorhandenen Beweise sprachen so laut gegen den Sendador, daß der Genannte, indem er eine abwehrende Handbewegung machte, sagte:

„Verlassen Sie sich nicht auf mich, Sennor! Ich kann Ihnen mit meiner Empfehlung leider gar nicht dienen, weil ich überzeugt bin, daß Sie schlecht gehandelt haben.“

„Wie? Auch Sie? So hat sich also Alles gegen mich verschworen!“

„Verschworen? Davon ist keine Rede. Wir kennen Ihr Vorhaben. Wir besitzen Beweise. Es thut mir leid, einen Mann, den ich meinen Freund nannte, jetzt für einen Mörder halten zu müssen; aber ich kann leider nicht anders. Sie sind in Ihrem Gespräch mit Gomez belauscht worden.“

Der Kerl war wirklich ein außerordentlich hartgesottener Sünder. Er leugnete trotzdem mit einer geradezu beispiellosen Frechheit. Es zuckte mir in den Händen. So mochte es auch den andern ergehen. Sie ließen Ausrufe des Zornes hören und Bewegungen der Ungeduld sehen. Pena ergriff für Monteso das Wort und rief dem Sendador drohend zu:

„Mensch, ich bin es, der euch belauscht hat. Wenn du von Lügen sprichst, so beleidigst du mich, und dies von dir zu dulden, habe ich keine Lust!“

„Wer sind Sie, daß Sie es wagen, den Sendador Du zu nennen?“

„Ich bin Kummer, der Cascarillero, verstanden?“

Als der Sendador diesen Namen hörte, ging es doch wie Schreck über sein scharfes Gesicht.

Caramba!“ sagte er. „Der deutsche Cascarillero!“

„Ja. Meine überhaupt ja nicht, daß du Leute vor dir habest, welche du zu täuschen vermagst. Hier sitzt ein ehrwürdiger Herr. Kannst du raten, wer er ist?“

Der Sendador musterte den Bruder. Kannte er ihn oder erriet er es aus dem Äußern desselben, er antwortete:

„Der Frater Jaguar!“

„Richtig! Er ist nicht der Mann, sich ein X für ein U machen zu lassen. Und da neben ihm sitzt der Sennor, vor welchem dich Gomez gewarnt hat.“

jetzt schenkte der Gefesselte mir mehr Aufmerksamkeit als bisher.

„Der Deutsche?“ fragte er.

„Ja. Dieser schaut dir bis in das tiefste Herz. Selbst wenn es dir gelänge, uns an dich glauben zu machen, ihn würdest du nicht täuschen. Dein Urteil ist bei ihm gesprochen. Aber es sind noch andere da. Du wirst dich freilich wohl nicht darüber freuen, sie wiederzusehen. Kennst du diesen?“

Er deutete auf Gomarra. Der Sendador betrachtete nun auch diesen. Er schien sich seiner Züge zu erinnern, wußte aber nicht genau, wen er vor sich hatte. Er sagte:

„Ich kenne ihn nicht – –“

„Halt!“ unterbrach ihn Gomarra. „Jetzt bin ich es, der mit ihm reden will!“

„Nein, schweigen Sie noch!“ bat ich ihn.

„Warum? Soll er nicht wissen, wen er vor sich hat?“

„Jetzt noch nicht. Sie schaden sich selbst und unserm Vorha – – –“

„Schaden?“ unterbrach er mich. „Wenn auch! Nichts soll mich hindern, diesem Ungeheuer mitzuteilen, was er zu erwarten hat.“

Und sich wieder an den Sendador wendend, fuhr er, ohne meiner Winke zu achten, fort:

„Also Sie erinnern sich, mich gesehen zu haben?“

„Es ist möglich,“ antwortete der Gefragte.

„Es war oben in den Bergen, in der Pampa de Salinas.“

Der Sendador schien, als er dies hörte, unter seiner dunkeln Haut zu erbleichen.

Er antwortete nicht.

„Sie kennen doch diese Pampa?“ fragte Gomarra. „Und wissen, daß dort ein Mord geschehen ist?“

„Möglich, geht mich aber doch nichts an.“

„Den Mörder soll das nichts angehen?“

„Sennor, Sie nennen mich einen Mörder?“

„Ja, denn Sie sind es. Sie haben meinen Bruder getötet.“

„Ich? Ihren Bruder? Es scheint, man spielt hier Theater mit mir! Ich kenne weder Sie noch Ihren Bruder!“

„So besinnen Sie sich! Sie sind mir einmal oberhalb der Salina begegnet.“

„Wer kann sich auf so etwas, was oft geschieht, besinnen?“

„Sie sollen gleich nähere Details hören. Sie ritten weiter und trafen weiter unten auf meinen Bruder.“

„Davon weiß ich nichts.“

„Er kam dazu, als Sie die Kipus eingraben wollten.“

„Kipus?“ rief der Sendador, jetzt freilich in erschrockenem Tone.

„Ja, Kipus, welche in einer Flasche steckten.“

„Woher wissen Sie das?“

„Weil ich seit jenem Tage oft da oben gewesen bin und nachgegraben habe, um zu sehen, ob sich die Flasche noch dort befindet.“

Valgame Dios!“

„Ja, nun erschrecken Sie!“

„Nein, ich erschrecke nicht,“ behauptete der Führer. „Ich weiß gar nichts davon!“

„So? Gar nichts? Sie wissen auch nicht, daß Sie meinen Bruder erschossen haben, damit er Ihr Geheimnis nicht verraten könne?“

„Kein Wort!“

„Daß Sie ihn für tot liegen ließen und dann weiter ritten, um die Flasche unten am Felsen der Salina abermals zu vergraben?“

„Sennor, Sie dichten da wohl gar einen Roman?“

„Nein, ich dichte nicht, sondern ich rede die reine Wahrheit. Ich habe Sie ja mit diesen meinen eigenen Augen beobachtet. Ich bin dann oft hingekommen und habe nachgegraben. Ich wollte wissen, ob Sie wieder dort gewesen seien. Ich habe vergebens gestrebt, Ihnen wieder zu begegnen. Nun ich Sie hier habe, sollen Sie Ihren Lohn finden! Ich lasse Sie sicher nicht entkommen; darauf können Sie sich verlassen!“

Es schien dem Sendador nicht behaglich zu Mute zu sein. Er schüttelte den Kopf, zeigte die Miene gekränkter Unschuld und sagte:

„Sennor, Sie verkennen mich und haben mich verkannt. Es ist ein anderer gewesen, welcher wohl eine kleine Ähnlichkeit mit mir gehabt hat.“

„Wir glauben Ihnen doch nicht. Machen Sie sich auf den Tod gefaßt! Der Bruder Jaguar kann noch mit Ihnen beten; dann sterben Sie. Ich habe mir fest vorgenommen, daß Sie bei unserer ersten Begegnung meine Kugel erhalten sollen. Heute treffen wir uns zum erstenmal, und ich halte mein Wort.“

Er wendete sich ab. Seine Art und Weise behagte mir keineswegs. Durch seine Ausplauderei hatte er mir einen ganz bedeutenden Strich durch meine Rechnung gemacht. Der Sendador sollte doch gar nicht ahnen, daß sich so ein Bluträcher, ein Zeuge seiner Thaten unter uns befinde. War es ihm einmal gesagt worden, so mußten wir auf unser Unternehmen, auf den Ritt nach der Pampa de Salinas, verzichten. Ich aber war fast begierig, die Zeichnungen und Kipus zu sehen. Nun Gomarra den Fehler begangen hatte, brauchte ich über das übrige nicht mehr zu schweigen. Vielleicht wurde er durch die Wucht unserer Anschuldigungen mürbe gemacht. Darum ergriff ich jetzt das Wort, indem ich zu ihm sagte:

„Sie leugnen mit einer ganz unbegreiflichen Hartnäckigkeit. Da wir solche Beweise in den Händen haben, gehört eine geradezu freche Stirn dazu, das alles in Abrede zu stellen.“

Er warf mir einen fast verächtlichen Blick zu und antwortete:

„Was wollen denn nun auch Sie? Ich kenne Sie nicht. Sie sind ja ganz fremd im Lande!“

„Aber doch bereits höchst vertraut mit Ihrer Person!“

„Das wäre ein Wunder!“

„Gar nicht. Zunächst will ich Ihnen sagen, daß es eine Dummheit von Ihnen ist, zu leugnen, daß Sie mit den Aripones im Bunde stehen. Ein offenes Geständnis würde Ihre Lage sicherlich nicht so verschlimmern, wie Ihr verstocktes Lügen.“

„Ich lüge nicht!“

„Behaupten Sie das nicht! Gomez hat schon alles eingestanden.“

„Gomez? Wie könnten Sie mit dem gesprochen haben!“

„Durch diese Ihre Worte verraten Sie sich selbst. Er hat natürlich hier auf Sie gewartet. Wir kamen eher als Sie und haben uns seiner ganz ebenso bemächtigt, wie wir Sie ergriffen haben.“

jetzt fuhr er mit dem Kopfe in die Höhe. Es war zum erstenmal, daß er seinen Schreck deutlich sehen ließ.

„Sie haben ihn gefangen?“ entfuhr es ihm.

„Wie ich sage, und er sitzt in sicherem Gewahrsam, da unten in dem Keller.“

„Und seine Indianer? Wo befinden sich diese?“

„Ah, Sennor, jetzt lassen Sie die Maske plötzlich fallen! jetzt fragen Sie nach den Indianern. Sie geben damit alles zu, was Sie bisher geleugnet haben.“

„Zum Teufel, reden Sie! Mag ich zugeben oder nicht; ich will wissen, wo die Roten stecken.“

„Auch im Keller. Sie sind also vollständig unfähig gemacht, Ihr Vorhaben auszuführen.“

„Und Gomez hätte gestanden?“

„Ja. Er war aufrichtiger als Sie; er war zugleich auch klüger, denn er sah ein, daß ihm das Leugnen nichts nützen, sondern nur schaden könne. Es wäre ihm gewiß an Hals und Kragen gegangen; aber infolge seines Geständnisses werden wir ihm und den andern Indianern das Leben schenken.“

„Aber, gesetzt, es sei alles so, wie Sie es sich einbilden, so wäre es doch eine Ungerechtigkeit, diese Leute zu begnadigen und mich zu töten!“

„Nein; es wäre im Gegenteile ganz gerecht gehandelt. Den Indianern kann man infolge des Standpunktes, welchen sie einnehmen, verzeihen. Sie aber haben als Weißer eine verzehnfachte Strafe verdient, zumal noch ganz andere Verbrechen auf Ihnen lasten.“

„Noch andere, weitere Verbrechen?“ fragte er in beinahe höhnischem Tone. „Nach Ihrer Meinung muß ich ja ein wahres Scheusal sein!“

„Beinahe.“

„Darf ich fragen, was Sie noch von mir wissen wollen?“

„Ja. Ich möchte gern wissen, wo der Padre begraben liegt, welchem Sie die Zeichnungen und Kipus abgenommen haben.“

Jetzt fuhr er sichtlich zusammen. Dann gab er seinem liegenden Oberkörper einen Schwung, so daß er trotz der Fesseln zum Sitzen kam, starrte mich eine Weile an und fragte dann wie abwesend:

„Welchen Padre meinen Sie?“

„Den Sie ermordeten, um ihm die genannten Gegenstände abzunehmen.“

„Alle Wetter! Wieder ein Mord, von dem ich nichts weiß und den ich trotzdem begangen haben soll!“

„Wollen Sie etwa wieder leugnen?“

„Nein, leugnen werde ich nicht, denn leugnen kann man nur etwas, was man wirklich gethan hat. Ich bin mir aber keiner Schuld bewußt, und darum kann ich nur sagen, daß Sie sich gewaltig irren.“

„Nun, Sie hatten einen Zeugen. Er rief Ihnen zu, um den Mord zu verhindern. Sie achteten aber nicht auf ihn, weil er zu fern war.“

„Sennor, Sie sehen mich erstaunt über Ihre Erfindungsgabe!“

„Spotten Sie nicht, denn Sie verschlimmern dadurch Ihr Los! Glücklicherweise für ihn entdeckten Sie in dem Zeugen einen alten Kameraden, einen Freund. Der kleine Rest von Gefühl, welchen Sie damals noch besaßen, empörte sich doch dagegen, diesen Mann zu ermorden. Sie überwältigten ihn also nur und zwangen ihm einen Eid ab, über Ihre That zu schweigen.“

„Und diesen Eid hat er gebrochen?“

„Nein. Was mich betrifft, so hat er mir nichts erzählt, sondern ich habe es erraten.“

„Erraten! So! Und was Sie nur erraten haben, das halten Sie für so gewiß, daß Sie mich des Mordes zeihen? Das ist stark, mein so außerordentlich scharfsinniger Sennor!“

Ohne diesen Spott zu beachten, fuhr ich fort:

„Ferner hat er sich an geeigneter Stelle erkundigt, ob so ein Schwur gehalten werden müsse. Man hat ihn überzeugt, daß er damit keine Sünde begehen würde, denn ein Mörder ist kein Mann, der einem andern einen vor Gott geltenden Schwur abnehmen kann. Der alte Jäger und Goldsucher hat also auf seinem Sterbebette das Geheimnis verraten können, ohne seine Seele zu gefährden.“

„Er hat gesagt, ich habe einen Padre ermordet?“

„Ja. Ermordet und beraubt.“

„Welche Lüge! Halten Sie sich übrigens für den Mann, welcher mich zu richten hat?“

„Ja. Wir alle sind nach dem Brauche der Pampa berechtigt, über Sie zu Gericht zu sitzen. Und wenn Sie uns wie bisher mit Hohn und Spott bedienen, so dürfen Sie auf keine Nachsicht rechnen.“

„Ich verlange sie auch nicht; aber Gerechtigkeit will ich haben. Und zu dieser Gerechtigkeit gehört, daß man die Sache einem ordentlichen Richter übergiebt!“

Da trat einer von den Männern, welche er nach der Insel gelockt hatte, an ihn heran, versetzte ihm einen Fußtritt und herrschte ihm zu:

„Schweig, Schurke! Dir soll das Recht der Pampa werden, nämlich eine Kugel in den Leib oder ein Strick um den Hals! Vielleicht machen wir dir die Abfahrt in die Hölle noch etwas schwerer. Wollen nur erst sehen, wie es mit unseren Frauen steht, nach denen wir noch gar nicht gesehen haben. Wehe dir, wenn du einer von ihnen ein Haar gekrümmt hast! Du wirst mit glühenden Messern zerschnitten!“

„Ja, wollen vor allen Dingen nach unseren Frauen und Kindern sehen,“ stimmte ein anderer bei. „Sterben muß dieser Mensch, aber auf sein Verhalten zu ihnen soll es ankommen, ob er leicht oder schwer zum Satan fährt. Wer steigt mit hinab?“

„Ich – ich – ich!“ riefen alle außer mir.

Keiner schien bleiben zu wollen. Jeder wollte sehen, wie es mit den Frauen stand.

„Halt!“ bat ich. „Alle können unmöglich fort. Wir müssen doch den Keller und auch den Sendador bewachen. Dazu gehören mehrere Personen.“

Man gab das zu. Den Familienvätern war nicht zuzumuten, da zu bleiben. Der Bruder ging mit ihnen, um nötigenfalls seines Trösteramtes zu walten. Der Kapitän Turnerstick wollte aus Neugierde fort und veranlaßte den Steuermann, mit ihm zu gehen. Pena und Gomarra waren ebenso neugierig, und so blieb nur ich mit den Yerbateros übrig.

Wir waren Männer genug, den Eingang zu bewachen. Übrigens war es uns allen lieb, daß die andern sich entfernten, weil sie den Tod des Sendador wollten; wir aber wünschten, daß er leben bleibe, um uns seine Geheimnisse anzuvertrauen. Gegen uns hatte er ja nicht gesündigt, und so konnten wir ihn weder anklagen noch gar richten. So war auch Monteso gesinnt, denn als die andern fort waren, sagte er in leisem Tone, so daß der Sendador es nicht verstehen konnte:

„Gut, daß sie fort sind! Was denken Sie, Sennor? Soll er getötet werden?“

„Was mich betrifft, so bin ich freilich dagegen.“

„Ich auch und meine Kameraden ebenso. Denken Sie an die Kipus und Pläne!“

„Es wird uns nur nicht möglich sein, seinen Tod zu verhindern.“

„Das befürchte ich auch. Gomez haben sie begnadigt, weil sie ihn als Indianer nicht für zurechnungsfähig, wenigstens nicht für so sehr schuldig halten wie diesen, den sie sicherlich nicht laufen lassen werden.“

„Ich bin überzeugt, daß unsere Bitten nichts helfen werden, aber es giebt noch einen Ausweg – die List.“

„Ah! Wie aber meinen Sie das?“

„Wir lassen ihn laufen. Wir lockern ihm jetzt den Riemen, welcher seine Hände zusammenhält. Nachher soll er hinunter nach den Wagen gebracht werden. Er muß gehen, folglich wird man ihm die Beinfesseln abnehmen. Da kann er unterwegs einen Sprung zur Seite thun. Da es dunkel ist, dürfte eine Verfolgung vergeblich sein.“

„Gut. Aber was dann?“

„Dann erwartet er uns irgendwo. Hoffentlich hält er Wort.“

„Jedenfalls, da er sich darüber freuen muß, endlich einen Mann zu sehen, welcher seine Pläne lesen und vielleicht gar die Kipus entziffern kann. Soll ich mit ihm sprechen?“

„Ja.“

Während unsers leisen Gespräches hatte der Sendador still dagelegen und kein Auge von uns verwendet. Aber es schien mir doch, als ob seine Aufmerksamkeit nicht allein auf uns gerichtet sei. Er hielt den Kopf zur Seite, als ob er nach dem Keller lausche. Da dies in seiner Lage sehr natürlich war, weil seine Verbündeten sich dort befanden, so fiel mir dieses Lauschen gar nicht weiter auf.

„Sennor Sabuco,“ sagte der Yerbatero, „es schmerzt mich, in Ihnen einen solchen Verbrecher entdeckt zu haben. Es wird mir angst und bange um Ihr Seelenheil; darum bitte ich Sie, in sich zu gehen und der Wahrheit die Ehre zu geben!“

„Schwatzen Sie nicht!“ fuhr ihn der Angeredete an. „Mir thut es noch viel mehr leid, daß ein Freund, der Sie doch bisher sein wollten, einem solchen Unsinn Glauben schenken kann.“

„Ich sage Ihnen, daß Sie bei diesem fortgesetzten Lügen auf keine Gnade zu rechnen haben. Wären Sie aber aufrichtig, so daß wir wüßten, woran wir mit Ihnen sind, so wäre dieser Sennor und also auch ich zu Ihrer Rettung bereit.“

Diese Worte blieben nicht ohne den gewünschten Eindruck. Der Sendador sah uns forschend an und fragte dann:

„Von den andern habe ich nichts Gutes zu erwarten; das weiß ich; aber von Ihnen läßt sich eher denken, daß Sie etwas zu meinen Gunsten thun wollen.“

„Ja, das wollen wir; aber gestehen müssen Sie!“

„Was haben Sie denn von meinem Geständnisse?“

„Sehr viel!“

„Nein, gar nichts; denn durch dasselbe werden die Verhältnisse nicht im geringsten verändert.“

„Sie werden sehr verändert, und zwar zu Ihren Gunsten. Wer sein Unrecht offen gesteht, dem schenkt man neues Vertrauen.“

„Pah! Ihr Vertrauen könnte mir dann gar nichts nützen.“

„Sie irren. Wir sind ja eigentlich nach dem Gran Chaco gekommen, um Sie da aufzusuchen.“

„Um mich zu verfolgen!“

„Nein. Ich traf diesen Sennor in Montevideo und habe ihn veranlaßt, sofort mit mir zu Ihnen aufzubrechen wegen der beiden Zeichnungen.“

„Versteht er denn, Zeichnungen oder Pläne zu lesen?“

„Ja. Vielleicht liest er gar auch noch Ihre Kipus?“

„Was wissen Sie von Kipus! Ich habe Ihnen gar nichts davon gesagt.“

„Überlegen Sie sich die Sache schnell, ehe die andern zurückkehren! Wir sind als Ihre Freunde gekommen, da wir keine Ahnung hatten, was wir noch erfahren und erleben würden. Wollen Sie uns alles mitteilen? Entscheiden Sie schnell, denn dann ist es zu spät!“

Über das Gesicht des Sendador flog ein eigenes Lächeln.

„Es ist nie zu spät,“ sagte er. „Ich bin zwar gebunden, aber ich fürchte keinen Menschen.“

„Seien Sie nicht allzu zuversichtlich! Die andern wollen Ihren Tod.“

„Sie werden mich aber leben lassen! Sie mögen sich nur selbst in acht nehmen. Es ist gefährlich, der Feind des Sendador zu sein! Also mir ist zwar nicht bange. Aber es wäre Thorheit, die Hilfe, welche Sie mir anbieten, zurückzuweisen, zumal Sie mir den Mann bringen, nach welchem ich jahrelang vergebens gesucht habe. Was Gomez mir erzählt hat, läßt allerdings erwarten, daß er etwas zu leisten vermag.“

Ich hatte mich bis jetzt nicht in die Unterredung gemischt; nun aber fiel ich ein.

„Sie geben also zu, mit Gomez gesprochen zu haben?“

„Ja doch!“

„Damit gestehen Sie aber auch alles andere ein.“

„Nein. Denken Sie, was Sie wollen; halten Sie mich für schuldig oder für unschuldig; es ist mir sehr gleichgültig. Sie gefallen mir, und ich bin bereit, Ihnen mein Vertrauen zu schenken. Sind Sie bereit, den Zug in die Berge mitzumachen, auch wenn Sie überzeugt sind, daß ich ein Mörder bin?“

„Auch dann. Ich bin nicht als Richter über Sie gesetzt.“

„Das ist sehr vernünftig!“

„Verstehen Sie mich nicht falsch! Es ist mir nicht gleichgültig, einen Verbrecher oder einen straflosen Menschen vor mir zu haben; aber ich interessiere mich ungemein für die Angelegenheit und bin außerdem überzeugt, daß Sie Ihrer Strafe mit Geschwindigkeit entgegen gehen.“

„Haben Sie Veranlassung, dies zu glauben?“

„Ja. Es giebt eine göttliche Gerechtigkeit, welcher keiner entgehen kann, und hier in Ihrem Falle ist der Rächer Ihnen nahe – Gomarra.“

„Den nehmen Sie doch keinesfalls mit!“

„Nun nicht; aber er wird uns und Ihnen folgen.“

„Da ist mir nicht bange. Ich werde dafür sorgen, daß er die Spur verliert. Hat der Yerbatero Ihnen alles erzählt?“

„Alles, was er wußte.“

„So wissen Sie also nur, daß ich in dem Besitze zweier Zeichnungen bin?“

„Ich weiß noch mehr, nämlich wie diese Zeichnungen in Ihre Hände gekommen sind.“

„Das ist jetzt ja Nebensache!“

„Gut, so weiß ich außerdem, daß Sie Kipus besitzen. Ich vermutete es, und dann wurde durch Gomarras Erzählung diese Vermutung zur Gewißheit.“

„War er wirklich bei der Leiche seines Bruders?“

„Ja.“

„Er spricht von einer vergrabenen Flasche. Kennt er den Ort, an welchem sie liegt?“

„Ja. Er ist öfters dort gewesen, um sich zu überzeugen, ob auch Sie dort waren. Zu Ihrem Glücke hat er Sie niemals getroffen.“

„Sagen Sie, zu seinem Glücke! Ich bin nicht der Mann, mit mir scherzen zu lassen. Das werden Sie noch erfahren!“

„Ich glaube es nicht nur, sondern ich bin überzeugt davon. Sie geben, wenn Sie auch alles andere in Abrede stellen, doch zu, daß unser Weg hinauf nach der Pampa de Salinas führen würde?“

„Ja.“

„Daß die Kipus sich in Wirklichkeit dort befinden und daß sie zu den beiden erwähnten Zeichnungen gehören?“

„Wiederum ja.“

„Haben Sie diese letzteren bei sich?“

„Kann mir nicht einfallen! Bei den Wechselfällen, denen ich unterworfen bin, werde ich doch so hochwichtige Papiere nicht mit mir herumschleppen! Ich habe sie vergraben.“

„Wo?“

„Das werden Sie später erfahren. Noch kenne ich Sie nicht. Ich muß Sie prüfen, ehe ich Ihnen alles anvertrauen kann. Jetzt ist die Hauptsache, Gewißheit darüber zu erhalten, ob Sie mir wirklich zur Flucht behilflich sein wollen.“

„Wir sind bereit dazu.“

„Hegen Sie aber nicht etwa welche Hintergedanken! Ich bin nicht so hilflos, wie Sie vielleicht denken!“

„Ich gebe Ihnen mein Wort und das muß genügen.“

„Gut, ich will Ihnen vertrauen. So wird es am allerbesten sein, daß Sie mich jetzt gleich fort lassen.“

„Das geht nicht. So sehr offen wollen wir es doch nicht merken lassen, daß wir Ihren Tod nicht wünschen.“

„Später aber ist es eben zu spät!“

„Nein. Ich lockere Ihnen jetzt den Riemen an den Händen. Dann werde ich dafür sorgen, daß man auf den Gedanken gerät, Sie hinab zu den Wagen zu schaffen. Man wird Ihnen da die Füße frei geben.“

„O, schön! Da entwische ich. Bitte, machen Sie mir den Riemen locker!“

„So ohne alle Bedingung denn doch nicht. Ich muß die Gewähr haben, Sie wieder zu finden.“

„Das sollen Sie. Reiten Sie morgen abend nur in dem Flußbette, dem Sie heute folgten, aufwärts. Ich werde Sie unbemerkt beobachten und an dem geeigneten Orte zu Ihnen stoßen.“

„Können wir uns darauf verlassen?“

„Zuversichtlich.“

„Aber Sie sehen doch ein, daß man einem Mörder nicht allzu großes Vertrauen schenken kann!“

„Meinetwegen! Dagegen gebe ich Ihnen zu bedenken, daß mir ohne Ihre Hilfe die Zeichnungen ebenso wie die Kipus ohne Wert und Nutzen sind. Es liegt also in meinem eigenen Interesse, Ihnen mein Wort zu halten.“

„Dasselbe denke auch ich. Darum werde ich Ihnen jetzt die obere Fessel locker machen. Ich schneide den Riemen entzwei, und Sie halten die beiden Schnittenden so fest in den scheinbar gefesselten Händen, daß der Riemen ganz straff angespannt erscheint. Sieht man dann ja nach, so gewahrt man den Knoten und wird keine Ahnung haben, daß Sie eigentlich frei sind.“

„So brauche ich den Riemen nur wegzuwerfen.“

„Ja; aber das werden Sie nicht thun. Unsre Gefährten könnten ihn finden und dann sehen, daß er vorher zerschnitten worden ist. Das dürfen sie auf keinen Fall entdecken.“

„Gut, so nehme ich ihn mit, und komme ich an eine Stelle, an welcher man ihn nicht finden kann, so werde ich ihn wegwerfen.“

„Darum bitte ich sehr. Dann aber haben Sie keine Waffen und kein Pferd.“

„Ich brauche zunächst keins, und später wird sich alles finden. Sorgen Sie sich nur nicht um mich.“

„Sie versprechen mir aber, gegen keinen von uns fernerhin eine Feindseligkeit zu unternehmen!“

„Gern! Ich will froh sein, wenn ich von hier fort bin. Wollte ich jemandem Übles thun, so würde ich mich doch nur unnötig in Gefahr bringen.“

„Daß Sie das einsehen, beruhigt mich. Ich werde Sie los machen.“

Ich durchschnitt den Riemen. Er nahm die beiden Enden in die übereinander gebundenen Hände und sagte:

„Ich danke Ihnen, Sennor! Nun glaube ich, daß Sie es ehrlich mit mir meinen. Da ich Sie aber noch gar nicht kenne und Sie mir doch einen so wichtigen Dienst leisten wollen, so erklärt sich der Wunsch, Näheres über Sie erfahren zu dürfen.“

„Sie werden später alles hören.“

„Wir haben doch auch jetzt Zeit, bis Ihre Leute zurückkehren.“

„Wenden Sie sich an Sennor Monteso!“

Dieser letztere gab ihm die gewünschte Auskunft, indem er ihm unsre Erlebnisse kurz erzählte. Er war damit noch nicht ganz zu Ende, als die andern zurückkehrten. Sie erzählten, daß die Frauen und Kinder so außerordentliche Angst ausgestanden hätten, und drangen auf sofortige Bestrafung des Sendador. Als einzige gerechte und wohlverdiente Strafe bezeichneten sie seinen Tod. Ich war natürlich dagegen, der Bruder auch, obgleich der letztere noch nicht wußte, daß der Angeschuldigte schon halb befreit sei. Ich gab ihm aber einen bezeichnenden Wink, und er verstand mich gleich.

Der Kapitän und sein Steuermann blieben neutral. Die Yerbateros standen auf meiner Seite, und so entspann sich ein Streit, den ich dadurch zu beenden suchte, daß ich den Vorschlag machte:

„Auf diese Weise entscheiden wir nichts. Jede Partei mag einen Sprecher wählen. Beide Sprecher bringen ihre Gründe vor, und dann wird abgestimmt.“

„Das ist das allerbeste,“ sagte Gomarra, welcher natürlich überzeugt war, daß da mehr für als gegen den Tod stimmen würden. „Halten wir ein ordentliches Gericht. Aber wo? Etwa hier? Nein. Der richtige, geeignete Ort wäre unten bei den Wagen, in Gegenwart derer, welche solche Angst ausgestanden haben.“

Er ahnte nicht, wie willkommen mir dieser Vorschlag war, welchem alle beistimmten.

„Aber einige müssen als Wächter hier bleiben,“ sagte ich, „sonst entkommen uns die Indianer. Ich denke, wir lassen es wie bisher: Ich bleibe mit den Yerbateros hier, und Sie berücksichtigen, daß wir sieben Personen sind, welche gegen das Todesurteil stimmen.“

„Und wer soll für Ihre Partei sprechen?“ fragte Gomarra.

„Frater Hilario. Er wird unsre Ansicht zu vertreten wissen.“

„Schön, bleiben Sie also als Wächter des Kellers hier. Wir andern steigen wieder hinab und nehmen den Kerl mit.“

„So müssen einige ihn tragen, da er gefesselt ist.“

„Fällt uns gar nicht ein! Auch noch tragen! Er mag nur laufen. Wir binden ihm die Beine los und nehmen ihn in die Mitte. Entkommen kann er uns nicht.“

Er bückte sich nieder und knüpfte den Riemen von den Füßen; dann richtete er den Sendador auf und fuhr fort:

„Die Arme sind doch fest auf den Rücken gebunden? Wollen einmal sehen.“

Er untersuchte die Fessel. Das war ein sehr kritischer Augenblick. Der Sendador hielt aber den Riemen sehr fest in den Händen, denn Gomarra bemerkte mit Befriedigung:

„Na, das geht ja fast ins Fleisch; den bringt er unmöglich auf. Also vorwärts, mein Bursche!“

Er faßte ihn am rechten Arme; Pena mußte ihn am linken nehmen, und so führten sie ihn fort, nicht dem Tode, wie sie meinten, sondern seiner Befreiung entgegen. Wir schauten ihnen nach, bis sie im Dunkel der Nacht verschwanden, und warteten dann auf den Lärm, welcher bei seiner Flucht entstehen mußte.

Es dauerte auch gar nicht lange, so vernahmen wir ein gellendes: „Alto ahi, picano – halt, Schurke!“

Diesem Rufe folgten mehrere, und dann war ein kunterbuntes Gewirr von Ausrufungen des Schreckens und Zornes zu vernehmen. Büsche rauschten; Äste und Zweige knackten; eilige Schritte schallten.

„Er ist fort; er ist frei!“ sagte Monteso. „Hoffentlich gelingt es ihnen nicht, ihn wieder zu ergreifen.“

„Er wäre ja Ohrfeigen wert, wenn er sich wieder fangen ließe. Warten wir!“

Nach einiger Zeit kam der Bruder gelaufen, mit ihm Gomarra.

„Sennor,“ rief der letztere schon von weitem. „Der Sendador ist fort!“

„Sind Sie des Teufels? Er war doch gefesselt und wurde noch dazu von Ihnen und Pena geführt!“

„Ja, man sollte es nicht für möglich halten; aber kaum hatten wir die Ruine hinter uns, so riß er sich los und war fort.“

„Das ist stark! So einen Menschen entkommen zu lassen! Wäre ich doch mitgegangen! Aber man kann doch nicht überall dabei sein!“

„Oh, Ihnen wäre er auch entflohen!“

„Sicher nicht, denn ich hätte ihn nicht am bloßen Arme geführt, sondern mit mir zusammengebunden.“

„Ja, das hätten wir thun sollen. Jetzt ist er fort!“

„Aber wohin?“

„Wissen wir es?“

„Sie müssen doch gehört haben, nach welcher Richtung er sich wendete!“

„Gar nichts haben wir gehört. Wir selbst machten ja so viel Lärm, daß wir von ihm gar nichts hören konnten.“

„Das war wieder dumm. Sie hätten ganz still stehen bleiben und lauschen sollen.“

„Ja, nun können Sie uns gute Regeln geben! Wären Sie aber dabei gewesen, so hätten Sie ebenso geschrieen wie wir!“

Laut schreiend und rufend rannte er wieder fort. Der Bruder aber setzte sich zu uns und ließ sich Aufklärung geben; er billigte unser Verhalten und sagte.

„Wir sind nicht seine Obrigkeit, seine Richter. Befänden wir uns in der Nähe bewohnter Orte, so würde ich beantragen, ihn der Gerechtigkeit zu überliefern; da wir das nicht können, müssen wir ihn laufen lassen. Ich bin überzeugt, daß er der Strafe nicht entgeht.“

„Und sind Sie einverstanden, daß wir mit ihm zusammentreffen und mit ihm nach der Pampa de Salinas gehen?“

„Ja. Um des Zweckes willen müssen wir uns seine Gegenwart gefallen lassen. Ich bin überzeugt, daß der ermordete Padre die Kipus und Zeichnungen seinem Kloster hat überbringen wollen. Dieses letztere ist durch den Sendador beraubt worden, und wir werden uns bemühen, den Verlust wieder einzubringen. Mich wundert es, daß die Indianer sich so ruhig verhalten. Sie scheinen das Schreien gar nicht zu hören, sonst wäre ein Ausfall möglich.“

„Keiner hat es gewagt, sich am Ausgange zu zeigen.“

„O doch. Ich sah einen, welcher zu rekognoscieren schien.

Er mußte den Sendador sehen, welcher sich eben sitzend aufgerichtet hatte.“

„Warum sagten Sie es nicht?“

„Weil Sie auf den armen Teufel geschossen hätten, was mir doch leid gethan hätte.“

„Ich hätte nur dann geschossen, wenn seine Absicht eine für uns gefährliche gewesen wäre. Übrigens horchte der Sendador fast unausgesetzt nach dem Keller. Haben Sie das nicht bemerkt?“

„Ja. Es schien, als ob er von dort her Hilfe erwarte.“

„Das dünkte mir auch so, zumal er einige Worte fallen ließ, welche vermuten ließen, daß er für seine Freiheit und sein Leben nicht allzu sehr besorgt sei. Er sagte sogar ganz offen, daß er nicht ganz so hilflos sei, wie wir meinten.“

„Sollte der Keller doch noch einen zweiten Ausgang haben?“

„Pena verneinte es.“

„Darauf gebe ich nichts. Die Indianer, welche hier daheim sind, müssen das alte Gemäuer besser kennen als er. Wie leicht können sie einen solchen Ausweg verborgen haben, daß er gar nicht zu sehen ist!“

„Das ist wahr. Wir müssen einmal rekognoscieren. Wir sind das der Rücksicht auf die vergifteten Pfeile schuldig, vor denen ich allen Respekt habe. Gehen Sie mit?“

„Wohin?“

„In den Treppengang können wir nicht. Das hinabrollende Steingeröll würde uns verraten. Aber zu den Seitenlöchern können wir gehen. Mir scheint überhaupt, als ob kein Rauch mehr aus den Öffnungen komme.“

„Das Material zum Feuern wird ihnen ausgegangen sein. Kommen Sie!“

„Ja, aber vorsichtig. Wir müssen immer das Schlimmste annehmen. Giebt es je einen zweiten Ausgang, so ist es leicht möglich, daß sie irgendwo liegen und uns beobachten.“

Die Yerbateros blieben zurück. Wir beide verließen das Feuer und traten in das Dunkel zurück, um von da aus nach der Seite zu gelangen, an welcher das eine der Kellerlöcher lag.

Wir duckten uns auf den Boden nieder und schlichen langsam und unhörbar vorwärts. Es war nicht leicht, ohne Geräusch fortzukommen, da überall die Mauertrümmer umher lagen. Das Loch war ungefähr sechzig Schritte von unserem Feuer entfernt.

Als wir es erreichten und hinab in den Keller blicken wollten, sahen wir nichts. Es war dunkel.

„Ob sie nur wegen Mangels an Feuermaterial kein Feuer brennen?“ fragte ich. „Oder sind sie gar nicht mehr unten?“

„Das wäre gefährlich.“

„Ja. Wir sind übrigens nicht weiter als nur bis zu diesen Löchern gekommen. Bleiben Sie zurück! Ich will einmal weiter forschen.“

„Hüten Sie sich! Es ist zu gefährlich. Nehmen Sie mich lieber mit!“

„Danke! Allein bin ich sicherer. Übrigens wissen Sie ja, daß ich mich auf das Anschleichen verstehe. Legen Sie sich hinter die Steine, und stehen Sie vor meiner Rückkehr nicht auf!“

Ich schob mich längs der alten Mauer fort, lange, ohne etwas zu bemerken. Dann aber war es mir, als ob die Laute flüsternder Stimmen an mein gespanntes Ohr drängen. Ich horchte. Richtig, vor mir wurde leise gesprochen. Dabei war es, als ob hier und da ein Stock leicht auf den Boden gestoßen werde. Sollte das von den Blasrohren stammen? Das wäre höchst bedenklich gewesen.

Obgleich ich wußte, daß ich mein Leben wagte, schob ich mich noch weiter vorwärts. Bald war ich nahe genug, um zu erkennen, daß eine Menge Personen eng beisammen standen und flüsternd miteinander sprachen. Es waren die Indianer. Zum Deutlichsehen war es zu dunkel. Ich wußte aber nun genug. Die Aripones hatten auf uns unbekannte Weise den Keller verlassen und planten einen Überfall. Ich mußte mich beeilen, die Gefährten zu warnen.

Eben wendete ich mich um, als eine größere Bewegung mich veranlaßte, noch einmal nach der Gruppe zu blicken. Drei Gestalten trennten sich von ihr und schritten sehr langsam vorwärts, unserem Feuer entgegen. Ich bemühte mich, seitwärts von ihnen gleichen Schritt zu halten. Ich kam ihnen sogar ein wenig vor und erreichte den Bruder, welchem ich das Gesehene mitteilte. Ich zeigte ihm die Indianer, welche nun nicht mehr gingen, sondern auch krochen, weil das Feuer bis hierher leuchtete. Sie kamen in einer Entfernung von höchstens acht Schritten an uns vorüber. Gomez war dabei; ich erkannte ihn.

„Die andern werden Häuptlinge sein,“ flüsterte mir der Bruder zu.

„Dann wäre uns geholfen,“ meinte ich ebenso leise. „Wir würden uns ihrer bemächtigen und sie als Geiseln bei uns behalten.“

„Sehr gut! Wollen wir?“

„Ja, aber möglichst geräuschlos.“

Wir krochen leise, aber so schnell wie möglich weiter. Kehrten sie um, ehe wir sie erreichten, so wären wir entdeckt. Erst jetzt erkannte ich, wie unvorsichtig es von uns gewesen war, so offen und weithin sichtbar am Feuer zu sitzen. Die Indianer hätten uns alle einzeln mit ihren Pfeilen wegputzen können.

Der Bruder gab sich ebenso große Mühe, wie ich. Unser Nahen erregte nicht eine Spur von Geräusch. Jetzt waren wir da; er links von mir hinter Gomez, ich rechts von ihm hinter den beiden andern. Sie kauerten vor uns. Ich zielte mit den Händen nach den Hälsen und warf mich mit Gewalt vor. Es gelang mir, die Hälse zu umfassen und die Männer durch die Gewalt des Stoßes nach vorn, mit den Gesichtern zur Erde zu werfen. Auch dem Bruder glückte der Angriff. Eine viertel- oder halbe Minute lang hielten wir die drei nieder; sie bewegten konvulsivisch die Arme und Beine; nur ein leises Röcheln war zu hören; dann flüsterte mir der Bruder besorgt zu:

„Sennor, wir ersticken sie!“

„Nein, das Erwürgen geht nicht so rasch. Getrauen Sie sich, den Ihrigen so, wie Sie ihn gefaßt haben, bis zum Feuer zu schleifen?“

„Ja.“

„Dann schnell vorwärts!“

Den Hals des einen in der rechten, den des andern in der linken Hand, rannte ich, sie beide hinter mir herschleifend, dem Platze zu. Der Bruder folgte mir. Aber ich blieb nicht am Feuer stehen, sondern rannte noch ein Stück über dasselbe hinaus, wo ich meine Doppellast fallen ließ.

Die Yerbateros sprangen schnell auf und kamen herbei, nicht wenig darüber erstaunt, daß wir drei Indianer geschleppt brachten.

„Was ist geschehen? Wie kommen Sie zu diesen Leuten? Waren sie denn außerhalb des Kellers?“

„Ja. Bindet sie. Bringt auch unsere Gewehre vom Feuer her! Wir dürfen nicht dort sitzen bleiben.“

„Warum?“

„Weil uns die Roten dort sehen können; sie haben den Keller verlassen. Setzen Sie sich hier unter die Bäume, wo es ganz dunkel ist, und haben Sie, während ich mit Gomez rede, ein scharfes Auge auf die Ecke, um welche die Roten kommen müssen, wenn sie uns überfallen wollen! Sieben Büchsenschüsse genügen wohl, sie zurückzuhalten.“

Diesen Anordnungen wurde schnell Folge geleistet. Die beiden Indianer lagen gebunden da und starrten uns wortlos und nach Luft schnappend an. Der Schreck war noch nicht von ihnen gewichen. Der Bruder erklärte den Yerbateros in kurzen Worten, wie wir zu dem Fange gekommen waren.

Gomez war bei voller Besinnung, rang aber auch nach Atem. Ich hielt ihm mein Messer auf die Brust und sagte:

„Bleiben Sie liegen, und bewegen Sie sich nicht, sonst fährt Ihnen meine Klinge in das Fleisch! Sie kennen mich. Und beantworten Sie mir meine Fragen aufrichtig! Sie wissen, ich will Ihren Schaden nicht; aber wahr müssen Sie sein. Wie kamen Sie aus dem Keller?“

„Durch die verborgene Mauerlücke.“

„Ah so! Sie wollten uns überfallen?“

„Ja. Ich habe meinen Leuten aber das Versprechen abgenommen, niemanden zu töten.“

„Warum denn den Überfall, wenn Sie uns schonen wollten?“

„Um den Sendador zu befreien.“

„Sie hätten sich umsonst bemüht. Der Sendador ist geflohen.“

„Wie ist das möglich? Ihnen entkommt doch keiner!“

„Ich selbst habe ihm die Fesseln durchschnitten. Er ist mit meiner und der Yerbateros Erlaubnis geflohen; doch dürfen dies die andern, die ihn töten wollten, nicht wissen. Sie werden also auf alle Fälle einstweilen darüber schweigen.“

„Gern. Aber sagen Sie die Wahrheit?“

„Haben Sie schon einmal eine Lüge von mir gehört? Und horchen Sie! Die rufenden Stimmen da unten! Das sind unsere Gefährten, welche ihn suchen. Glauben Sie es nun?“

„Ja, Sennor. Aber wenn sie ihn nun wieder ergreifen?“

„Er wird wohl vorsichtig sein. Sie ersehen aus dem allen, daß ich es gut mit Ihnen meine.“

„Wenn das wahr ist, warum nehmen Sie uns gefangen?“

„Weil Sie uns überfallen wollten. Wir werden morgen diesen Ort verlassen und wünschen Frieden zwischen uns und euch. Wer sind diese beiden Indianer?“

„Sie sind Kaziken.“

„Also Häuptlinge? Sie sehen aber nicht so aus.“

„Sennor, die Aripones sind arm. Sie haben nicht das Vermögen, sich prachtvoll zu kleiden und mit Schmuck zu behangen. Der eine ist ein Friedens- und der andere ein Kriegshäuptling.“

„Sind noch mehrere Häuptlinge bei euch?“

„Nur noch ich; aber ich bin nur ein Unteranführer.“

„Gut! Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wir behalten diese beiden Männer als Geiseln bei uns. Geschieht uns nichts, so lassen wir sie frei, wenn wir hier fortgehen. Haben wir aber im geringsten zu klagen, so stechen wir sie nieder und rotten auch euch aus. Sie wissen, daß ich Wort halte!“

„Sennor, man wird Ihnen nicht ein einziges Haar krümmen!“

„Auch unser Eigentum achten?“

„Ja.“

„Ich meine nicht nur uns allein, die wir jetzt hier sitzen, sondern auch alle diejenigen, welche zu dem Wagenzuge gehören.“

„So verstehe auch ich es.“

„Gut, dann sind Sie wieder frei. Kehren Sie zu Ihren Kriegern zurück, und teilen Sie ihnen mit, was ich Ihnen gesagt habe!“

Er war sichtlich froh. Indem er zögernd vom Boden aufstand, erkundigte er sich in zweifelndem Tone:

„Ich darf also wirklich gehen?“

„Ja, Gomez.“

„Sennor, ich erkenne wieder, daß Sie unser Freund sind. Sie sind ganz anders, viel anders als die hiesigen Weißen. Es muß in Ihrer Heimat freundlichere Menschen geben.“

„Gute Menschen giebt es überall, auch hier.“

„Das habe ich noch nicht erfahren. Ich habe meinen Leuten von Ihnen erzählt. Alle wollen Sie sehen. Wenn Sie es erlauben, so kommen wir, wenn es Tag geworden ist, zu Ihnen.“

„Das ist zu gewagt.“

„Wir werden offen, einzeln und unbewaffnet kommen. Und wenn Sie uns mißtrauen, so werden wir Ihnen vorher noch zehn unserer besten Männer senden, welche Sie als Pfand unserer Freundschaft behandeln mögen.“

„Das will ich gelten lassen. Kommen Sie aber vorher allein zu mir, damit ich mit Ihnen die Bedingungen besprechen kann, unter denen ich einen Besuch von so vielen Menschen erlauben darf!“

„Ich werde kommen; ja, wenn Sie es verlangen, so werde ich jetzt meine Leute benachrichtigen und dann als Ihr Gefangener zu Ihnen zurückkehren.“

„Nein, das will ich nicht, Gomez. Und damit auch diese beiden Häuptlinge, deren Sprache ich leider nicht kenne, nicht über ihr Schicksal in Sorge sind, so teilen Sie ihnen unser Abkommen mit. Sie werden gut behandelt werden und gutes Essen und Trinken erhalten.“

Er sprach mit ihnen, und ich sah, daß ihre besorgten, ängstlichen Gesichter sich aufhellten. Dann bemerkte ich noch:

„Wir werden jetzt diese Anhöhe verlassen und hinab zu den Wagen gehen, wo wir die Nacht zubringen wollen. Unsern Willen kennen Sie; handeln Sie nach demselben, so werden Sie nicht zu klagen haben. Gute Nacht, Gomez!“

„Sie werden mit uns zufrieden sein, Sennor!“

Er ging. Auch wir brachen auf, waren aber vorsichtiger, als vorhin Pena und Gomarra gewesen waren. Wir gaben den beiden Häuptlingen zwar die Füße zum Gehen frei, banden ihnen aber Riemen, die wir fest in den Händen hielten, um die Knöchel. So stiegen wir langsam die Höhe hinab. Der Schein der unten brennenden Feuer war unser Leiter.

Vielleicht war es unvorsichtig von mir, dem Versprechen des Indianers ein solches Vertrauen zu schenken; aber ich hatte eben die feste Überzeugung, daß er und seine Genossen dasselbe nicht täuschen würden. Hatten sie sich einmal in den Gedanken gefunden, daß sie nun auf die erwartete Beute verzichten mußten, so konnte es ihnen nur lieb sein, uns aus Gegnern in Freunde verwandelt zu sehen.

Als wir unten an dem Lagerplatze ankamen, fanden wir nur die Frauen und Kinder mit den Fuhrknechten vor. Die Männer waren noch abwesend, um die Umgegend nach dem entsprungenen Sendador zu durchsuchen, was bei der nächtlichen Dunkelheit ganz erfolglos sein mußte.

Die Frauen hatten natürlich erfahren, in welcher Gefahr sich ihre Männer befunden hatten, welchem Schicksale sie selbst verfallen gewesen waren und daß sie ihre Rettung nur uns zu verdanken hatten. Darum empfingen sie uns mit den Ausdrücken größter Dankbarkeit, die aber die beiden gefangenen Kaziken keineswegs auf sich beziehen durften; diese wurden vielmehr mit Blicken angeblitzt, welche alles, aber nur nicht freundlich waren. Wir machten sie mit dem Übereinkommen bekannt, welches wir mit den Indianern getroffen hatten, und darauf erfreuten sich die beiden Häuptlinge einer wenigstens nicht ganz feindseligen Behandlung seitens der Frauen.

Es verging längere Zeit, ehe die Suchenden zurückkehrten; sie kamen einzeln, einer nach dem andern. Der vorletzte Pena, der letzte Gomarra. Die beiden waren am zornigsten über das Entkommen des Sendadors und hatten sich infolgedessen die meiste Mühe gegeben, seiner wieder habhaft zu werden. Besonders befand Gomarra sich in einem Zustande größter Wut.

„Wir hatten ihn!“ knirschte er. „Wir hatten ihn sogar fest! Ich brauchte dem Mörder meines Bruders nur das Messer zwischen die Rippen zu stoßen, so war der Mord gerächt. Und nun ist er uns wieder entkommen! Sennor, daran sind Sie schuld!“

Er richtete diese Worte an mich; darum fragte ich im Tone der Verwunderung:

„Ich? Wie kommen Sie auf diese ganz grundlose Idee?“

„Sie wissen es ebensogut wie ich und wie die andern. Sie sind der große Menschenfreund, der selbst dem schlechtesten Kerl nichts zuleide thun will. Wäre es auf mich angekommen, so hätte ich diesen Erzhalunken sofort niedergestochen. Sie aber möchten einen solchen Kerl wie den größten Ehrenmann der Erde behandelt wissen, und der Erfolg einer solchen Dummheit ist dann, daß er die Flucht ergreift.“

„Ich will nicht mit Ihnen rechten, Gomarra, denn Sie sind aufgeregt; doch wenn Sie von Dummheit sprechen, so muß ich Ihnen sagen, daß ich Ihnen nicht die Erlaubnis gebe, das, was ich thue, in dieser Weise zu begutachten. Wenn Sie mich für einen dummen Menschen halten, so kann ich Ihnen nur den Rat erteilen, sich nach einem klügeren Kameraden umzusehen, mit welchem Sie Ihre Zwecke schneller und leichter erreichen als mit mir. Oder handeln Sie für sich allein! Ich zwinge Sie keinesweges, sich an meine Person zu binden.“

Er wollte zornig antworten, besann sich aber eines andern und setzte sich, während er mißmutig vor sich hin brummte, am Feuer nieder.

Die schlechte Laune der Leute wurde dadurch verstärkt, daß ich ein friedliches Abkommen mit den Indianern getroffen hatte; doch nahmen sie das ruhig hin, ohne sich darüber zu äußern. Sie erzählten einander, was sie jetzt in der Verfolgung des Sendadors geleistet hatten. Dabei stellte sich heraus, daß ihre Heldenthaten nur darin bestanden hatten, daß sie mit den Köpfen an die Bäume gerannt waren und sich die Hände und Gesichter an den Büschen zerrissen hatten, ohne einen Zipfel des Sendador zu sehen oder einen Hauch von ihm zu hören.

„Sie hätten dabei sein sollen, Sennor,“ sagte Pena zu mir. „Dann hätten wir ihn vielleicht doch erwischt.“

„Vielleicht? Nein, sondern ganz gewiß,“ antwortete ich.

„Oho!“ meinte Gomarra, welcher noch immer nicht die Herrschaft über seinen Zorn gewonnen hatte. „Wenn Sie Ihrer Sache wirklich so gewiß waren, warum haben Sie da nicht mitgesucht?“

„Weil er keine Zeit hatte,“ antwortete Pena an meiner Stelle. „Der Sennor mußte doch droben bei den Roten bleiben.“

„Und wenn das auch nicht der Fall gewesen wäre, so hätte er auch nichts gefunden. Bei dieser Finsternis war es unmöglich, ihn zu entdecken.“

„Nun, warum haben Sie ihn denn da gesucht?“ fragte ich.

„Weil wir zu eifrig waren. Oder sollten wir nicht wenigstens den Versuch machen? Wir konnten ja zufällig auf ihn stoßen. Sie behaupten auch mit so großem Selbstvertrauen, daß Sie ihn gewiß bekommen hätten!“

„Aber wenn und wie! Ich hätte seine Spuren gefunden, und wenn man diese einmal hat, so hat man auch sehr bald den Mann selbst.“

„Dazu ist noch immer Zeit!“

„Nein, denn Sie haben sie nun ausgetreten und verwischt. Wenn über zwanzig Personen in den Büschen herumgekrochen sind, so soll mir selbst der beste Fährtensucher sagen, welche Stapfen die richtigen sind! Und wenn er sie auch finden sollte, so gehen sie ihm gleich wieder verloren, da die Eindrücke anderer Füße ihn irre machen müssen.“

Er antwortete nicht weiter und drehte sich ab, um sich wortlos in seinen Grimm zu versenken. Derjenige, welcher die Sache am drolligsten nahm, war der Steuermann. Er saß stumm da, schüttelte nur immer mit dem Kopfe und zog allerlei Grimassen.

„Was haben Sie denn?“ fragte ich ihn.

„Einen Ärger habe ich, was denn sonst! Hätte ich nur Ihnen nicht gefolgt, sondern ihm zwei Rippen eingedrückt oder drei; dann hätte er es wohl unterlassen, davon zu laufen! Ich hatte ihn so hübsch zwischen diesen Händen!“

Er hielt mir seine Riesenhände hin und blickte sie betrübt an.

„Grämen Sie sich nicht!“ tröstete ich ihn. „Sie werden schon noch Arbeit für diese Quadratrutenhände bekommen. Wer weiß, wozu es gut ist, daß der Kerl vorläufig entkommen ist.“

Ich gab ihm einen heimlichen Wink, und er schwieg. Später setzte sich Turnerstick zu ihm und mir, und ich erklärte den beiden mit leiser Stimme, auf welche Weise dem Sendador die Flucht ermöglicht worden war. Sie waren nicht blutdürstig genug, meine Gründe zu verwerfen, sondern stimmten mir bei.

Das Abendessen wurde von allen wortkarg eingenommen, und die Nacht verlief, ohne daß sich etwas Bemerkenswertes ereignet hatte. Schon am frühesten Morgen, als der Tag kaum graute, kam Gomez in das Lager und fragte an, ob uns seine Indianer nun besuchen dürften. Wir gaben die Erlaubnis, daß nur fünfzehn, höchstens zwanzig Mann auf einmal kommen dürften, und dieser Bestimmung wurde streng Folge geleistet.

Die Karawanenleute hatten verschiedene Tausch- und Geschenksartikel mitgebracht, da vorauszusehen gewesen war, daß sie mit Indianern zusammentreffen würden, mit denen ein möglichst gutes Einvernehmen zu erzielen sei. Von diesen Vorräten empfing jeder eine Kleinigkeit, und diese Gaben stimmten die Roten so freundlich, daß wir alle Sorgen, welche wir in Beziehung auf sie etwa noch gehabt hätten, fallen lassen konnten. Sie wurden so zutraulich, daß wir die Erlaubnis zur gleichzeitigen Anwesenheit aller gaben, was sie in solche Freude versetzte, daß sie, um uns ihre gute Gesinnung zu beweisen, alle ihre vergifteten Pfeile in das Feuer warfen.

Die gute Stimmung mußte ausgenutzt werden. Auf meinen Rat wurde Zucker, Rum und anderer Branntwein hervorgesucht und in den auf dem Wagen mitgebrachten Feldkesseln ein tüchtiger Grog gebraut, dessen Genuß die Roten so entzückte, daß die beiden Kaziken, deren Fesseln wir gelöst hatten, den Ansiedlern den Vorschlag machten, mit ihnen ein heiliges Schutz- und Trutzbündnis zu schließen, was natürlich sehr gern angenommen und unter dem gebräuchlichen und bindenden Ceremoniell vollzogen wurde.

Nun waren die vorherigen Feinde in sichere Freunde umgewandelt. Die Roten sahen ein, daß ein langer, steter und freundlicher Verkehr mit den Weißen, welche vielleicht für immer da blieben, ihnen mehr Nutzen bringen werde, als eine einmalige Beraubung derselben, und dachten nun gar nicht mehr daran, nach dem Sendador zu suchen und sich zur Ausführung seiner Pläne herzugeben.

Gomez machte den Dolmetscher. Es wurde eine Sitzung abgehalten, deren Erfolg der war, daß die Indianer versprachen, die Weißen zu begleiten, sie zu beschützen und ihnen in allem behilflich zu sein. Die letzteren waren über ihr für einstweilen vorgestrecktes Ziel hinausgekommen. Sie hatten zunächst nur bis an die früheren Ansiedelungen gewollt und waren nur durch den Sendador gezwungen worden, bis zu dem Orte, an welchem sie sich jetzt befanden, vorzugehen. Aus diesem Grunde mußten sie sich natürlich entschließen, zurückzufahren.

Hatten sie sich gestern abend nur schwer zu einer milden Beurteilung der Indianer bewegen lassen, so freuten sie sich jetzt, ein so gutes und vorteilhaftes Einvernehmen mit ihnen erzielt zu haben. Um so weniger aber zeigten sie sich geneigt, den Sendador durchschlüpfen zu lassen. Sie schworen ihm Rache und gelobten, ihn umzubringen, falls er sich wieder in ihrer Nähe blicken und ergreifen lasse, und forderten uns auf, ihn schleunigst zu verfolgen und, falls wir ihn träfen, unschädlich zu machen.

Dann wurden die Wagen umgelenkt und bespannt, und die Karawane kehrte, von den Aripones begleitet, auf demselben Wege, auf welchem die Karren gestern gekommen waren, nach dem vorigen Halteplatze zurück.

Pena und Gomarra waren während der letzten Stunden nicht im Lager gewesen; sie hatten sich aufgemacht, um nach der Fährte des Sendadors zu suchen. Also waren nun nur noch diejenigen Personen vorhanden, welche von mir in das Vertrauen gezogen waren und ihre Zustimmung gaben, den Sendador wenigstens einstweilen noch zu schonen, um mit ihm nach der Pampa de Salinas zu gehen. Sie mußten mir durch Handschlag versprechen, gegen Gomarra und Pena nicht zu verraten, daß ich dem berüchtigten Führer den Riemen durchschnitten hatte, um ihm die Freiheit zu geben.

„Aber nun stehen wir vor einer sehr schwierigen Frage,“ sagte der Frater, „und ich kann mir keine befriedigende Lösung derselben denken. Pena und Gomarra haben natürlich die Absicht, bei uns zu bleiben. Sie wollen aber den Sendador haben und brennen darauf, ihn zu bestrafen. Wir aber wollen mit ihm reisen. Wie wird das in Einklang zu bringen sein?“

„Das ist allerdings eine Schwierigkeit, welche nicht leicht zu überwinden ist,“ antwortete ich.

„Wollen wir ihnen sagen, wie die Sachen stehen?“

„Nein, wenigstens jetzt noch nicht. Pena würde sich wohl beruhigen lassen, Gomarra aber nicht.“

„Oder wollen wir uns von ihnen trennen?“

„Nein. Das wäre nicht recht und gut gehandelt, selbst wenn die beiden uns fremd wären. Pena aber ist ein Bekannter, ein früherer Gefährte von mir, gegen den ich unmöglich treulos handeln kann.“

„So sollen sie also bei uns bleiben; zugleich aber soll auch der Sendador zu uns stoßen. Ich verstehe nicht, die Sache einzurichten, und bezweifle auch, daß Sie das fertig bringen.“

„Ja, es ist unangenehm. Vielleicht ist es am besten, wenn wir die Sache jetzt gehen lassen, bis wir den Sendador treffen.“

„Nun, so giebt es Mord und Totschlag! Gomarra wird sofort über ihn herfallen.“

„Das bezweifle ich sehr, denn der Sendador wird nicht so plötzlich in unsere Mitte treten. Ich denke, er erwartet uns und giebt mir ein heimliches Zeichen, daß er da ist. Dann kann ich ihm ja sagen, daß Gomarra unversöhnlich ist, und werde hören, welche Vorschläge er mir in dieser Beziehung macht.“

„Er wird Ihnen sagen, daß wir Gomarra fortschicken sollen.“

„Das ist wahrscheinlich. Aber wir können auf diesen Vorschlag nicht eingehen. Ich mag nicht in dieser Weise gegen einen bisherigen Gefährten handeln. Und selbst wenn wir das thäten, glauben Sie, daß dadurch die Sache besser würde?“

„Nein.“

„Ich auch nicht, denn Gomarra würde uns nachschleichen, um den Sendador zu erschießen. Dieser würde das vermuten und also auf seiner Hut sein. Einer von beiden müßte fallen. Nein, ich halte es doch für das allerbeste, Pena und Gomarra die Wahrheit zu sagen.“

„Dann machen Sie sich nur auf Vorwürfe gefaßt, welche jedenfalls keine freundlichen sein werden.“

„Was das betrifft, so fürchte ich mich nicht. Ich werde sie mir gefallen lassen, so lange sie sich innerhalb der Grenzen derjenigen Höflichkeit bewegen, welche ich selbst in diesem Falle beanspruchen muß.&

jetzt kam Pena von der Suche zurück. Er machte ein mißvergnügtes Gesicht und sagte, sich an mich wendend:

„Sie haben recht gehabt. Wir waren dumm, als wir in den Büschen herumkrochen. Der Boden ist zertreten, und nun mag der Kuckuck entscheiden, welche Stapfen von den Füßen des Sendador herrühren.“

„Ich wußte, daß Sie vergeblich suchen würden.“

„Ich weiß es nun auch; aber ich habe nun doch wenigstens meine Schuldigkeit gethan. Es muß mich wundern, daß andere nicht ebenso denken.“

Er warf bei diesen Worten einen vorwurfsvollen Blick im Kreise umher.

„Es wundert Sie, daß wir so ruhig sitzen bleiben, ohne uns in der Weise wie Sie zu bemühen?“

„Selbstverständlich! Ihnen scheint es sehr gleichgültig zu sein, ob der Kerl entkommt oder nicht!“

„O nein. Aber wir haben zwei triftige Gründe, uns die Mühe des Nachforschens gar nicht erst zu geben.“

„Welche wären das?“

„Der eine Grund bezieht sich auf die Zeit. Sie haben auf der Strecke, welche Sie durchsuchten, die Spuren verwischt. Um sie doch noch zu finden, müßte man in einer sehr weiten Kreislinie um das Lager gehen, Schritt für Schritt, jeden Zoll breit des Bodens genau untersuchend. Das kann von jetzt bis zum Abend dauern, ohne daß wir unsern Zweck erreichen. Und selbst wenn das Glück uns so günstig wäre, daß es uns einen Fußeindruck zeigte, so wird der Sendador so klug gewesen sein, späterhin ein Terrain aufzusuchen, auf welchem er keine Fährte hinterläßt. Selbst wenn er über grasigen Boden gegangen ist, werden sich die Halme, bis wir kommen, wieder aufgerichtet haben. Wir würden also unsere Zeit verschwenden, ohne einen Erfolg zu haben.“

„Das ist wahr; ich sehe es auch ein. Und nun Ihr zweiter Grund?“

„Der ist noch viel triftiger als der erste. Wir wissen nämlich, daß wir den Sendador ganz gewiß treffen werden.“

„O!“ rief er verwundert aus. „Wo?“

„Hier in diesem Flußbette, aufwärts von hier. Er selbst hat es uns gesagt.“

„Wie! Gesagt? Er selbst?“

„Ja. Er hat es uns sogar fest versprochen.“

„Sennor, Sie machen Spaß!“

„O nein. Ich habe mit ihm das Abkommen getroffen, daß er wieder zu uns stößt.“

„Das – das soll ich glauben?“

„Ja. Setzen Sie sich nieder; ich will es Ihnen erzählen.“

Er folgte dieser Aufforderung. Kaum aber hatte ich meinen Bericht begonnen, so stand er langsam wieder auf, stellte sich vor mich hin und sah mich, während er mir zuhörte, mit großen, erstaunten Augen an. Als ich dann fertig war, erwartete ich, daß er losbrechen werde; er aber setzte sich mit ebenso langsamen Bewegungen, wie er aufgestanden war, wieder nieder und fragte in ruhigem Tone:

„Und die Sennores hier sind alle einverstanden gewesen?“

„Alle.“

„So muß ich schweigen und mich fügen, denn die Mehrheit ist gegen mich. Wissen Sie wohl, lieber Landsmann, daß ich Sie bisher für einen klugen Menschen gehalten habe?“

„Nur bisher?“

„Ja, nur bis heute! Nun aber ist’s aus! Solches Ungeziefer muß ausgerottet werden, wo und sobald man es trifft. Daß Sie ihm die Freiheit wiedergegeben haben, ist wohl der größte Bock, den Sie in Ihrem Leben geschossen haben.“

„Möglich! Mag es ein Fehler sein, so glaube ich doch, ihn verantworten zu können.“

„Ein Fehler war es jedenfalls. Denn glauben Sie wirklich, daß er sich wieder sehen lassen wird?“

„Ja. Es liegt in seinem Interesse, mich mit nach der Pampa de Salinas zu nehmen.“

„Sie, aber nicht uns. In seinem Interesse liegt es vielmehr, alle Zeugen und Mitwisser seiner Thaten unschädlich zu machen. Wir mögen nur schleunigst diesen Ort verlassen, denn ich bin überzeugt, daß er sich in unserer Nähe umhertreibt, um uns heimlich wegzuputzen.“

„Er hat keine Waffen!“

„Pah! Was heißt Waffe! Ein Knüppel ist auch eine Waffe, mit welcher er, wenn ein einzelner sich von den übrigen entfernen sollte, ihn niederschlagen kann. Nimmt er dann dem Toten das Gewehr, so hat er, was er braucht, und kann uns alle nacheinander in die Ewigkeit befördern.“

„Wer soll ihm dann die Pläne und die Kipus entziffern?“

„O, Sie läßt er leben – Sie allein!“

„In diesem Falle würde es ihm unmöglich werden, meiner Rache zu entgehen und mich zu zwingen, ihm zu Diensten zu sein.“

„Was wollen Sie machen, wenn er Sie überfällt, überwältigt und zwingt, mit ihm zu gehen!“

„Papperlapapp! Wie will er es fertig bringen, mich in solche Entfernungen mit sich zu schleppen! Selbst wenn es mir unmöglich wäre, mich zu befreien, würde jede Begegnung mit anderen Leuten ihm verderblich sein. Sie vergessen, daß der Weg später durch bewohnte Gegenden führt.“

„Die er aber vermeiden kann. Sie hätten ihn festhalten sollen, selbst wenn Sie ihn nicht töten wollten. Entweder konnten wir mit ihm nach der Pampa de Salinas, um ihn dort zu zwingen, uns die Orte zu zeigen, an denen er die Kipus und die Pläne vergraben hat, oder wir übergaben ihn der Obrigkeit, die wohl kurzen Prozeß mit ihm gemacht haben würde.“

„Sie mögen recht haben; ich kann Ihre Ansicht nicht widerlegen, denn es ist eben eine Ansicht, und da kann nur der Erfolg entscheiden, ob sie richtig oder falsch ist; aber es ist nun einmal geschehen, und wir können es nicht ändern.“

„Vielleicht doch noch! Wenn er wirklich so dumm oder so vertrauensselig sein sollte, sich uns zu stellen, so nehmen wir ihn fest und befolgen das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe.“

„Das geht nicht, weil ich ihm mein Wort gegeben habe.“

„Unsinn! Einem Mörder, einem solchen Verbrecher und gefährlichen Menschen braucht man das Wort nicht zu halten!“

„Doch! Wenn man nämlich damit keine Ungesetzlichkeit begeht. Ich habe ihm die Freiheit zugesagt und werde nicht gegen diese Zusage handeln.“

„Nun, mein Wort sollen Sie hiermit haben, da ich mich als Ihren Freund betrachte und mich also nicht mit Ihnen veruneinigen will. Ob aber Gomarra sich ebenso bereitwillig finden läßt, das bezweifle ich sehr. Sie mögen es versuchen!“

Er wendete sich ab und war nun nicht mehr zu sprechen. Doch konnte ich die Überzeugung hegen, daß er nichts thun werde, was gegen meinen Willen sein würde. Kurze Zeit später kam auch Gomarra zurück. Man sah es ihm an, daß er sich in der schlechtesten Laune befand. Die andern warfen mir heimlich bezeichnende Blicke zu, mit denen sie mir ihre Meinung kundthaten, daß ich wohl einen schweren Stand haben würde. Er warf sein Gewehr zornig zur Erde und sagte:

„Es ist nichts! Der Teufel mag wissen, wohin der Kerl geflohen ist. Ich bin rundum gegangen und habe alles durchsucht, aber vergeblich. Ja, Fußspuren giebt es genug, aber welche sind die seinigen! Ich könnte mich vor Ärger erstechen oder vergiften, daß ich so albern gewesen bin, ihn entkommen zu lassen! Aber Sie,“ wendete er sich an mich, „verstehen die Spuren zu lesen. Sie müssen suchen; dann finden wir die richtige gewiß. Ich begreife nicht, daß Sie hier sitzen bleiben und nicht schon längst sich aufgemacht haben, uns zu helfen!“

„Ich hatte anderes zu thun und habe überhaupt die Absicht gar nicht, heute und hier nach dem Flüchtling zu forschen,“ antwortete ich.

Der Bruder, welcher glaubte, Gomarra werde ihn seines Standes wegen besser behandeln als mich, ergriff nun das Wort und erklärte ihm in kurzen Worten das Geschehene und die Gründe, die uns zu diesem Verhalten veranlaßt hatten. Gomarra stand wie eine Bildsäule, ohne zu sprechen. Einige Male bewegten sich seine Lippen, aber es schien ihm vor Aufregung unmöglich zu sein, ein Wort hervorzubringen. Die Farbe kam und ging auf seinem Gesichte, und das Blut drang ihm nach dem Kopfe, so daß die Äderchen seiner Augen sich dunkelrot färbten. Aber als der Bruder geendet hatte, brach der leidenschaftliche Mann los:

„Alle tausend Teufel! Das hat man hinter meinem Rücken gethan! Ohne mich um die Erlaubnis zu fragen! Bruder, ich ermorde Sie! Glauben Sie etwa, weil Sie eben ein Bruder sind, werde ich Ihnen das so hingehen lassen? Sie haben den Sendador entkommen lassen. Sein Blut entgeht mir. Ich fordere dafür das Ihrige!“

Er raffte seine Flinte wieder auf und spannte den Hahn. Ich saß mit ausgestreckten Beinen da. Jetzt zog ich das eine an den Leib, um mich zum blitzschnellen Aufspringen bereit zu machen, denn diesem jähzornigen Menschen war es mit seiner Drohung vollständiger Ernst.

„Beherrschen Sie sich!“ rief ihm der Bruder zu. „Wie können Sie von Blutvergießen sprechen! Sie befinden sich nicht in einem Matadero-Schlachthofe. Sie haben Menschen vor sich, aber keine Rinder!“

„Das ist mir gleich, Mensch oder Rind! Ich will Blut für Blut und frage, wer der Urheber dieses listigen und heimtückischen Anschlages gewesen ist! Gewiß, der Deutsche da, der alle Halunken lieber umarmen als bestrafen möchte!“

Der Bruder wollte antworten, gewiß, um die Schuld auf sich zu nehmen; ich aber kam ihm zuvor und sagte:

„Ja, ich war es; es war mein Wille, und die anderen Sennores haben denselben befolgt.“

Da wurde sein Gesicht dunkelrot; er that einen katzenartigen Sprung auf mich zu, blieb dann stehen, richtete den Lauf des Gewehres auf mich und schrie:

„Du also, du warst es, Hund von einem Fremden! Du hast dem Mörder meines Bruders die Freiheit gegeben! Fahre hin!“

Er drückte ab. Aber mein Auge hatte an seinem Zeigefinger gehangen. Sobald dieser den Drücker suchte und die letzten Worte ertönten, schnellte ich mich auf und zur Seite. Der Schuß krachte; die Kugel ging an mir vorüber und hinter der Stelle, auf welcher ich gesessen hatte, in die Erde; desto sicherer aber traf meine Faust ihr Ziel. Ich schlug den Kerl auf den Kopf, daß er wie ein Sack zusammenbrach und regungslos liegen blieb.

Einen solchen Mordanfall hatte keiner erwartet; sie sprangen alle auf und fragten, ob ich verwundet sei, denn wir fanden erst später die Stelle, an welcher die Kugel in den Boden gedrungen war. Man beruhigte sich erst dann einigermaßen, als man vernahm, daß ich nicht getroffen worden sei. Ich nahm Gomarra das Messer, damit er kein Unheil mit demselben anrichten könne; die Flinte wurde natürlich auch entfernt, und dann warteten wir, daß er zu sich komme.

Es verging eine ziemlich lange Zeit, ehe er sich wieder zu bewegen begann. Er griff mit der Hand nach der Gegend des Kopfes, welche ich getroffen hatte; dann öffnete er die Augen und blickte im Kreise umher. Als sein Auge auf mich fiel, kam das volle Bewußtsein schnell über ihn. Er sprang auf und rief:

„Du lebst noch, Elender! Habe ich dich nicht getroffen? So werde ich – – –“

Er wollte sich bücken, um Pena, welcher ihm am nächsten saß, das Gewehr zu entreißen und auf mich anzulegen; ich aber nahm ihn schneller noch, als er war, beim Halse und beim Gürtel, hob ihn empor und warf ihn zu Boden, daß man glauben konnte, er habe alle Glieder gebrochen. Dennoch raffte er sich auf, griff nach dem Gürtel, und da er sein Messer nicht dort fand, warf er sich mit ausgestreckten Händen mir entgegen. Ich hob das rechte Bein auf und stieß es vorwärts; der Tritt traf ihn an den Leib und warf ihn wieder zur Erde nieder. Dann aber kniete ich auf ihm, nahm ihn beim Halse und drohte:

„Wollen Sie wohl Ruhe geben, Sie wahnsinniger Mensch! Soll wirklich Blut fließen, dann ist’s doch nur das Ihrige! Oder bilden Sie sich wirklich ein, gegen mich aufkommen zu können?“

Vorhin hatte ich gar wohl bemerkt, daß die Gründe, welche Pena in so ruhiger Weise gegen mich vorbrachte, bei meinen Gefährten Wurzel faßten. Aber wenn sie durch dieselben beinahe zu der Ansicht bekehrt worden waren, daß er recht und ich unrecht hatte, so brachte jetzt das wütende Verhalten Gomarras sie wieder auf meine Seite. Sie rieten mir, ihn zu fesseln; ich aber ging nicht darauf ein. Ich untersuchte, während ich ihn mit den Knien und einer Hand festhielt, seine Taschen, nahm ihm die Munition ab und zog ihn dann in die Höhe, so daß er auf die Füße zu stehen kam. Dann sagte ich ihm:

„Sie haben nach mir geschossen; ich kann Sie nicht mehr in meiner Nähe dulden. Wir sind fertig miteinander. Ihr Gewehr und Ihr Messer werden Sie zurückerhalten; die Munition aber bekommen Sie nicht wieder, damit Sie nicht auf den Gedanken kommen können, abermals auf mich zu schießen.“

Er schnappte eine Weile nach Atem, denn das Sprechen wurde ihm schwer. Ich dachte, er werde entweder wieder zu schelten anfangen oder gute Worte geben. Er that aber keines von beiden. Sein Gesicht nahm einen trotzigen Ausdruck an, und in eben solchem Tone sagte er:

„Wovon soll ich leben, wenn ich mir nichts schießen kann!“

„Machen Sie sich an die Karawane, welche Sie bald einholen können. Dort erhalten Sie Pulver und Blei, und ehe Sie, von der Rache getrieben, hierher zurückkommen, sind wir bereits in Sicherheit vor ihren Kugeln.“

Ich gab ihm sein Messer und seine Flinte; er nahm beides aus meinen Händen und sah mir dabei in das Gesicht. Einen Augenblick lang war es, als ob ihn eine milde Regung übermannen, als ob er ein bittendes Wort sagen wolle; aber es kam nicht über seine Lippen. Er drehte sich um und schritt, ohne ein Wort zu sagen, in der Richtung davon, die ich ihm angedeutet hatte.

Einige Minuten lang herrschte tiefes Schweigen unter uns; dann sagte Pena:

„Bedauern wir ihn nicht! Er hat es nicht besser verdient. Er kann sein indianisches Blut nicht beherrschen und gehört nicht unter vernünftige Leute.“

„Haben Sie keine Sorge,“ meinte der Bruder. „Der Mann kommt wieder.“

„Dieser Meinung bin auch ich. Er wird ein Stück fortgehen, um dann zurückzukehren und um Verzeihung zu bitten,“ stimmte ich bei.

„Werden Sie ihn wieder aufnehmen?“ erkundigte sich der Bruder.

„Ja.“

„Ich rate Ihnen allen Ernstes davon ab. Ich kann nicht glauben, daß er von seiner Rachsucht und Mordgier lassen kann.“

„Eben deshalb nehme ich ihn wieder auf. Es ist besser, wir haben ihn unter unsern Augen, als daß er hinter unserem Rücken handelt. Beaufsichtigen wir ihn, so ist es uns viel leichter möglich, zu verhüten, daß er uns Schaden thut.“

Man gab mir recht. Wir warteten wohl noch eine Stunde, aber er kehrte nicht zurück. Wir schienen uns also getäuscht zu haben. Da wir aber seinetwegen nicht die Zeit nutzlos verschwenden wollten, so beschlossen wir, nun aufzubrechen. Wir hatten die Pferde seitwärts von uns an Büsche gebunden, von deren Zweigen sie fressen konnten. Als wir nun zu ihnen traten, sahen wir – – Gomarra bei ihnen am Boden sitzen. Als er uns kommen sah, stand er von der Erde auf und sagte in bittendem Tone zu mir:

„Sennor, ich habe unrecht gehandelt und bitte Sie um Verzeihung! Werden Sie mich wieder aufnehmen?“

„Damit ich abermals in Lebensgefahr gerate? Nein!“

„Es war nicht so bös gemeint!“

„Nicht so bös gemeint? Sie sind wirklich ein ganz unsinniger Mensch! Diese Ausrede könnten Sie vielleicht machen, wenn Sie das Gewehr bloß auf mich angelegt hätten, ohne aber zu schießen. Sie haben aber aus einer Entfernung von nur drei Schritten auf mich abgedrückt und trafen nur deshalb nicht, weil ich auf meiner Hut gewesen war und mich im richtigen Augenblicke zur Seite warf. Hätte ich das nicht oder nur einen Moment zu spät gethan, so wäre ich jetzt eine Leiche. Und das nennen Sie nicht bös gemeint? Daß es Ernst war, konnte jeder sehen, und daß Sie nicht scherzten, haben Sie bewiesen, indem Sie nach Ihrem Erwachen so wütend waren, weil Ihre Kugel mich nicht getroffen hatte. Wenn Sie auch nun noch sagen wollen, daß es nicht bös gemeint gewesen sei, so sind Sie verrückt!“

„Sennor, es geschah in der Hitze, im Zorne!“

„So mäßigen und zähmen Sie sich! Was denken Sie denn eigentlich von sich, daß Sie es wagen, sich gegen mich aufzulehnen? Sie sind zwar nicht mein Diener, und ich bin nicht Ihr Vorgesetzter, nach dessen Befehlen Sie sich zu richten hätten; aber Sie dürfen mich nicht für einen Mann halten, der Angst vor Ihnen hat und sich von Ihnen zur Rede stellen läßt. Sie haben höflich und bescheiden zu sein, und wenn Sie das nicht wollen, so können Sie gehen, wohin es Ihnen beliebt. Und wenn Sie gar beginnen, mit Kugeln um sich zu schießen, dann schlage ich Sie eben nieder, so wie ich es gethan habe. Wenn ich Ihnen gestatte, wieder bei uns zu bleiben, so muß ich gewärtig sein, Sie wiederholen die Scene, und dann ist einer von uns beiden verloren, entweder Sie oder ich. Ich wenigstens würde Sie dann nicht etwa nur so treffen, daß Sie nur die Besinnung verlieren; es wäre vielmehr um Ihr Leben geschehen.“

„Sennor, ich gebe Ihnen mein festes Versprechen, mein heiliges Wort, daß ich gegen keinen von Ihnen die Hand wieder aufhebe!“

Er wendete sich mit seiner Bitte auch an die andern, und zwar in so dringlichem Tone, daß ich ihm endlich doch sagte:

„Unsere Entscheidung hängt davon ab, wie Sie gesonnen sind, sich gegen den Sendador zu verhalten.“

„Soll er denn wirklich ohne Strafe davonkommen?“

„Nein. Es ist gar nicht meine Absicht, ungerecht gegen Sie zu sein. Aber die Klugheit gebietet uns, mit ihm nach der Pampa de Salinas zu gehen. Bis dahin haben Sie Ruhe zu halten. Später können Sie thun, was Sie wollen.“

„Sie werden ihn dann nicht gegen mich in Schutz nehmen und auch nicht warnen?“

„Nein! Er wird sich schon ganz von selbst vor Ihnen in acht nehmen. Es kann mir nicht einfallen, Verbrecher vor der verdienten Strafe zu warnen.“

„Und Sie versprechen mir, daß er uns nicht entflieht, daß er bis zur Pampa de Salinas bei uns bleibt?“

„Das kann ich nicht versprechen. Uns wird er sein Wort halten. Stellen auch Sie sich zu ihm so, daß er sich sicher fühlt, so wird er bei uns bleiben. Sie sehen also, daß es ganz allein nur auf Sie ankommt.“

Er blickte finster vor sich nieder. Sein Gesicht war kein solches, wenigstens in diesem Augenblicke, dem man zutrauen kann, daß das gegebene Versprechen gehalten wird. Aber es hellte sich schnell auf, und in einem Tone, welcher vertrauenerweckend klingen sollte, sagte er:

„Nun wohl! Ich verspreche Ihnen, daß ich meine Rache aufheben will, bis Sie ihn nicht mehr brauchen. Dann aber werde ich keinen Augenblick länger warten. Nehmen Sie mich nun mit?“

„Ist Ihr Versprechen ehrlich gemeint?“

„Ja.“

„So werde ich es noch einmal versuchen. Sie können bei uns bleiben.“

„Dann müssen Sie mir aber auch meine Munition zurückgeben.“

Schon wollte ich ihm eine zustimmende Antwort geben, da fiel der Bruder ein:

„Nicht so schnell! Sie haben sich unser Vertrauen verscherzt und müssen es sich erst wieder erwerben, ehe wir Sie wieder als den guten Kameraden gelten lassen, der Sie uns bis jetzt gewesen sind. Sie hätten mit Ihrem Pulver und Blei beinahe ein Unheil angerichtet; Sie bekommen beides erst zurück, wenn Sie uns bewiesen haben, daß Sie wirklich willens sind, Ihr Versprechen zu halten.“

Die andern stimmten ihm bei. Gomarra warf ihm einen schnellen, finster drohenden Blick zu, den außer mir keiner zu bemerken und zu beachten schien, und antwortete dann in fast unterwürfiger Weise:

„Es mag geschehen, wie Sie wollen, Bruder Jaguar; ich sehe ein, daß ich es so und nicht anders verdient habe. Ich weiß aber, daß Sie mir Ihr Vertrauen bald wieder schenken werden.“

Damit war diese Sache abgemacht. Wir stiegen zu Pferde und ritten davon, indem wir dem Flußbette aufwärts folgten. Ich ritt mit dem Bruder voran und hielt den Blick scharf zur Erde gerichtet, um möglicherweise eine Fußspur des Sendador zu finden, doch vergeblich. Erst nachdem wir wohl zwei Stunden lang geritten waren, fiel mir auf, daß das Flußbett eine bedeutende Krümmung gemacht hatte. Darum antwortete ich dem Bruder, der sich darüber wundern wollte, daß nicht einmal ich die Fährte finde, die der Führer doch unbedingt zurückgelassen haben müsse:

„Sie ist hier überhaupt nicht zu finden. Er kennt die Gegend besser als wir und wird den Bogen, den wir geritten sind und wohl auch noch reiten, abgeschnitten haben. Die Krümmung unseres Weges zeigt nach links, nach Süden, folglich liegt sein Weg im Norden, rechts von uns, und er wird von dieser Seite gewiß wieder auf dieses Flußbett stoßen. Wenn wir gut aufpassen, werden wir seine Spur aus dieser Richtung auf die unserige stoßen sehen.“

„Das mag möglich sein. Hoffentlich bekommen wir ihn noch heute zu sehen!“

„Ich denke es.“

„Dann wollen wir ein scharfes Auge auf Gomarra haben. Ich traue ihm noch nicht.“

„Ich auch nicht. Meinen Sie etwa, daß er sich abermals an mir vergreifen werde?“

„Nein; das wird er nicht wagen, da Sie ihm eine solche Lehre gegeben haben; aber ich befürchte, daß er in Beziehung auf den Sendador sein Wort nicht halten wird.“

„Sie haben wohl auch den Blick gesehen, den er auf Sie warf, als Sie ihm die Munition versagten?“

„Nein.“

„Dieser Blick läßt nichts Gutes erwarten. Wir müssen diesen Mann scharf im Auge behalten, sonst wird er uns ernste Verlegenheiten bereiten.“

Wir hatten uns vorgenommen, nicht eher eine Ruhepause zu machen, als bis wir auf den Sendador trafen oder der Abend angebrochen war. Darum ging es immer vorwärts, bis mir am Spätnachmittage eine Stelle des rechten Ufers auffiel, welche ganz so aussah, als ob da ein Fuß ausgerutscht sei. Ich hielt an und stieg ab, um sie zu betrachten. Der Rand des Flußbettes war hier weniger hoch als bisher, aber steil. Man sah, daß hier jemand herabgestiegen und dann weiter gegangen war. Ich stieg mit dem Bruder hinauf. Zwischen den Bäumen, welche da standen, gab es weichen Boden, in welchem sich die Füße des Betreffenden eingedrückt hatten, so daß ein scharfes Auge die Spur nicht unschwer sehen konnte. Wir gingen auf derselben eine Strecke zurück, bis die Bäume sich nach einer kleinen, grasigen Pampa öffneten. Dort wurde die Spur deutlicher. Man sah den Strich, den die niedergetretenen Halme bildeten, sich dunkel von der Umgebung abheben.

„Ob das der Sendador gewesen ist?“ fragte der Bruder.

„Jedenfalls. Die Spur kommt ganz so, wie ich vermutet habe, von rechts her. Der Bogen, den wir gemacht haben, ist hier zu Ende, denn das Flußbett scheint sich nun scharf südwärts zu wenden. Daß diese Stapfen gerade hier auf unsern Weg stoßen, ist ein Zeichen, daß der Sendador die Gegend ganz ausgezeichnet kennt. Er hat diesen Punkt getroffen, ohne sich um einen Schritt nach rechts oder links zu irren. Vielleicht befindet er sich in solcher Nähe, daß er sieht, wie wir uns seine Fährte betrachten. Reiten wir langsam weiter!“

Wir beide kehrten nach dem Flußbette zurück und stiegen wieder auf. Schon nach wenigen Schritten zeigte es sich, daß ich ganz richtig vermutet hatte; der jetzt trockene Wasserweg bog scharf nach Süden ab. Wir hielten die Blicke aufmerksam nach beiden Seiten gerichtet, wo der Sendador jeden Augenblick erscheinen konnte. Seine Spur war ziemlich gut zu sehen; sie lief geradeaus in der Mitte unseres Weges fort; aber er konnte aus Vorsicht da, wo er das Regenbette verlassen hatte, um im Verborgenen auf uns zu warten, eine Strecke rückwärts gegangen sein, um uns zu beobachten, während wir ihn noch vor uns suchten.

So aufmerksam wir nach ihm forschten, er war nicht zu sehen; bald aber erblickten wir ein Zeichen von ihm. Am Stamme eines am rechten Ufer stehenden Baumes hing ein kleines, weißes Stück Papier. Alle sprangen von den Pferden. Jeder wollte der erste sein, um es herabzuholen. Monteso kam voran, nahm es weg und brachte es mir. Ich las die Worte:

„Noch zwei Tagereisen immerfort westlich auf meiner Spur weiter.“

Wir sahen einander an. Das hatten wir nicht erwartet. Warum ging er so weit voraus? Warum hatte er nicht hier auf uns gewartet? Er mußte einen Grund dazu haben; das verstand sich ganz von selbst.

„Ob er uns nicht traut?“ fragte der Bruder.

„Das wäre keine Erklärung,“ antwortete ich. „Wenn er uns hier nicht traut, wird er es zwei Tagereisen weiter auch nicht thun. Sein Grund ist sicherlich ein anderer.“

„Aber welcher?“

„Ja, wer das wüßte! Wollen einmal sehen, ob er eine gute Fährte zurückgelassen hat.“

Ich war im Sattel geblieben, stieg aber nun ab und ging zu dem Baume. Bis jetzt war das Gehölz uns stets gefolgt; nun aber ging es zu Ende, und wir sahen nur niedriges Buschwerk, welchem schon nach kurzem eine weite, unabsehbare Pampa folgte. Der Baum, an welchem der Zettel gehangen hatte, war der allerletzte, und von ihm führte eine jedenfalls mit Absicht tief ausgetretene Fährte zwischen die Büsche hinein.

„Durch das Betrachten dieser Spur werden Sie wohl nicht zu einer Antwort auf unsere Frage kommen,“ meinte Pena.

„Das ist wahr,“ gab ich zu. „Aber wie war denn der Zettel befestigt?“

„Er steckte an einem dünnen, halb abgebrochenen Ästchen. Ich hab‘ es noch hier,“ antwortete der Yerbatero. „Ich brach es vollends ab, um das Papier nicht zu zerreißen.“

„Zeigen Sie her!“

Der Yerbatero gab mir den Zweig, welcher ganz dürr und von der Stärke einer Stricknadel war. Ihn betrachtend, sagte ich:

„Das ist ein Ästchen der Aristolochia, welche sich da an der Böschung heraufwindet; der Baum aber ist ein Platano. Der Zweig ist also erst durch das Papier und dann in den Stamm gesteckt worden. Gab es denn in demselben einen Riß oder ein Loch?“

Ich untersuchte die Stelle und sah eine kleine, scharfrandige. Vertiefung, welche die Form eines Ausrufezeichens ohne Punkt hatte, oben breiter und unten spitz.

„Der Sendador hat ein Messer gehabt!“ rief ich verwundert aus.

„Sollten wir es nicht bei ihm gefunden haben?“ fragte Pena.

„Dann könnte es nur ein Taschenmesser, ein Einbieger sein, der nicht viel Platz wegnimmt und in eine kleine Tasche gesteckt werden kann. Nur in diesem Falle wäre es möglich, daß wir es übersehen hätten. Dieses Messer hat aber eine beinahe drei Zoll breite Klinge gehabt; so breit ist kein Taschen- oder Einschlagemesser. Es ist ganz gewiß ein Cuchillo mit fester Klinge gewesen, wenigstens zehn Zoll lang mit dem Griffe, und das hätten wir, als wir ihn durchsuchten, unbedingt gesehen.“

„So hat er es von irgend jemanden bekommen?“

„Ohne allen Zweifel! Es ist auf alle Fälle von Vorteil für uns, zu wissen, wen er getroffen hat. Ich reite auf seiner Spur zurück. Es fällt mir natürlich auf, daß er sie uns hat verbergen wollen.“

„Verbergen? Woraus schließen Sie das?“

„Daraus, daß er nicht an der Stelle geblieben ist oder dort den Zettel angeheftet hat, wo er aus der Pampa wieder auf unsern Weg traf. Er ist noch eine volle Viertelstunde lang auf demselben fortgegangen, um unsere Aufmerksamkeit nach vorn zu lenken und von rückwärts abzuziehen. So klug und erfahren er ist, hat er doch, indem er die Spitze des Messers in den Baum bohrte, eine große Unvorsichtigkeit begangen; denn nun wissen wir, daß er ein Messer bekommen hat. Er konnte das Papier auf andre Weise befestigen.“

„Es fragt sich, ob es wirklich von ihm ist. Es steht kein Name dabei.“

„Von wem soll es sonst sein? Es ist für uns bestimmt, und der Sendador hat es geschrieben. Sie bleiben alle hier, bis wir zurückkehren; der Bruder und Sennor Pena mögen mich begleiten.“

Wir drei ritten zurück, und zwar galoppierend, um so wenig Zeit wie möglich zu verlieren. An der Stelle, wo wir die Spur des Sendadors getroffen hatten, verließen wir das Flußbett und ritten auf die Pampa hinaus, um ihr dort zu folgen. Wir kamen durch Gesträuch, dann auf eine größere Prairie, auf welcher wir die Pferde aus allen Kräften laufen lassen konnten. Die Fährte lag deutlich vor uns; es wäre unmöglich gewesen, von ihr abzuweichen.

Von Zeit zu Zeit sah ich nach der Uhr, um die Entfernung schätzen zu können. Es verging eine Viertelstunde nach der andern; die Spur führte stets in gerader Richtung weiter, bis wir das Ende der Prairie erreichten. Wir waren eine volle Stunde geritten, und die Sonne berührte fast den Horizont. Aber wir befanden uns nun auch am Ziele, denn wir sahen, was wir gesucht hatten.

Vor uns lag wieder Wald, welchen ein Rand von Buschwerk einsäumte. Aus diesen Sträuchern war der Sendador gekommen, und zwar nicht allein. Es hatte sich eine zweite Person bei ihm befunden und sich hier von ihm getrennt. Der Sendador war südwärts gegangen, nach der Richtung, in welcher unser Flußbett lag, der andere aber nach Westen, den Büschen entlang, an welchen wir standen. Wir sahen seine Spur und untersuchten dieselbe. Der Mann war ein Indianer gewesen.

„Das ist bedenklich!“ meinte Pena. „Ich wollte lieber, daß es ein Weißer gewesen wäre.“

„Warum?“ fragte der Bruder. „Der Sendador hat diesen Mann ganz zufällig getroffen und ihn um sein Messer gebeten.“

„Ganz richtig! Aber wo im Gran Chaco ein Indianer ist, sind ganz gewiß noch mehr in der Nähe. Oder meinen Sie, daß ein Roter sein Messer, welches er so notwendig braucht, verschenkt, wenn nicht Genossen von ihm nahe sind, von denen er wieder eins bekommen kann? Auch giebt ein Indianer kein Messer her, ohne etwas anderes dafür zu erhalten. Der Sendador hatte nichts bei sich, folglich hat er ihm etwas versprochen. Und was kann er ihm versprochen haben? Doch wohl nur die Beute, die bei uns zu machen ist!“

„Sie denken das Schlimmste!“ entgegnete Frater Hilario.

„Das ist hier besser als das Beste denken und dann das Schlimme erleben,“ antwortete Pena. „Wenn der Sendador hier rote Freunde findet, so hat er es nicht nötig, sich schutzlos in unsere Hand zu geben. Wir haben dann nicht nur nichts vor ihm voraus, sondern er ist uns vielleicht sogar überlegen. Auf diesem Papiere fordert er uns auf, zwei Tagereisen weit nach Westen zu reiten. Wie nun aber, wenn diese roten Freunde sich eben zwei Tagereisen von hier befinden?“

„Meinen Sie, daß der Mann, dessen Spur wir hier sehen, sich ganz allein so weit von den Seinen entfernt?“

„Warum soll das nicht möglich sein? Wer weiß, was er vorgehabt hat. Nur auf diese Weise ist es erklärlich, daß der Sendador uns so weit hinter sich herziehen will. Oder haben Sie vielleicht eine andere Erklärung?“

„Ja.“

„Dann bin ich neugierig, sie zu hören!“

„Sie ist sehr einfach. Der Sendador weiß, daß uns viel daran liegt, mit ihm nach der Pampa de Salinas zu gehen. Wir sind ihm also nicht gefährlich, wenigstens so lange nicht, bis wir dort unsern Zweck erreicht haben. Anders aber ist es mit den Männern, die er nach der Insel gelockt hat. Diese haben nicht das mindeste Interesse daran, daß er leben bleibe; sie können nur wünschen und beabsichtigen, sich an ihm zu rächen. Darum muß er bemüht sein, so weit wie möglich von ihnen fortzukommen. Bis dahin, wo wir den Zettel fanden, könnten diese zwanzig Männer uns begleitet haben, um ihn dort zu fassen; aber weiter gehen sie auf keinen Fall mit, da sie ihre Weiber und Kinder unmöglich so lange Zeit in der gefährlichen Wildnis allein lassen können. Darum hat der Sendador uns gar nicht erwartet; er ist gegangen, und zwar je weiter, desto besser. Wir folgen ihm zwei Tagereisen weit, die zwanzig aber sicher nicht. Dies ist der einzige Grund, daß er heute unser Kommen nicht abgewartet hat.“

„Hm! Ich glaube nicht daran. Was meinen Sie dazu, Sennor?“ fragte mich Pena.

„Ich gebe weder dem einen noch dem andern recht,“ antwortete ich. „Beide belegen ihre Ansicht mit Gründen, welche triftig sind. Die Folge allein kann zeigen, wer recht hat. Der Sendador weiß nur allzugut, daß wir seine Feinde sind und daß es einen oder einige unter uns giebt, von denen er keine Gnade zu erwarten hat; es ist also sehr leicht möglich, daß er uns eine Falle legt. Wir müssen vorsichtig sein.“

„Und zwar sehr! Sie sehen also wohl ein, daß es unrecht war, ihn entkommen zu lassen. Wir befinden uns unbedingt in Gefahr, was nicht der Fall wäre, wenn wir ihn noch bei uns hätten. Was also thun? Wir wollen und müssen ihn haben und sind also gezwungen, seiner Aufforderung Folge zu leisten.“

„Ja, das werden wir. Reiten wir zurück. Wir haben hier nichts mehr zu thun.“

Die Sonne war verschwunden, und es dämmerte stark. Wir jagten über die Pampa hin, ohne zu befürchten, daß wir die Spur verlieren und uns verirren könnten. Wenn wir sie nicht mehr sahen, so durften wir uns auf die Pferde verlassen, welche gewiß nicht von der Richtung wichen, wenn wir sie nicht dazu zwangen. Dieses Vertrauen wurde auch nicht zu Schanden. Wir erreichten das Flußbett genau an der Stelle, an welcher wir es verlassen hatten. Die einzige Schwierigkeit bestand darin, in der Dunkelheit die steile Böschung hinabzukommen; dann, als diese überwunden war, ging es wieder aufwärts, bis wir die Gefährten erreichten.

Diese hatten nicht gewagt, ein Feuer anzubrennen; als sie aber hörten, daß wenigstens für heute keine Veranlassung zu allzu großer Vorsicht sei, wurde eine Flamme angefacht und, während wir schliefen, von der ausgestellten Wache unterhalten. Die Pferde waren an die Büsche gebunden, von denen sie fressen konnten, bis wir am Morgen aufbrachen.

Die Spur des Sendadors war so kräftig eingetreten, daß wir sie noch deutlich sahen, als der Tag angebrochen war. Wir folgten ihr mit möglichster Schnelligkeit, um ihn vielleicht noch vor der bestimmten Zeit einzuholen, was wir aber, wie sich bald zeigte, aufgeben mußten.

Wir hatten sieben Stunden gelagert; diese Zeit war für uns verloren, denn es stellte sich heraus, daß der Sendador die ganze Nacht hindurch gegangen war. Wir kamen ihm zwar leidlich nahe, denn als der Tag sich wieder zur Rüste neigte, schätzte ich seine Fährte auf nur drei Stunden alt; aber wir mußten nun wieder halten, da wir in der Dunkelheit die Spur nicht sehen konnten.

Es war zwar zu erwarten, daß er sich nun auch ausruhen müsse; aber in der Lage, in welcher er sich befand, genügten einige Stunden Schlafes, ihm die Kräfte für den Weitermarsch zu geben, während wir wieder wenigstens sieben Stunden warten mußten, bis wir den Weg fortsetzen konnten.

Wir hatten, seit das Flußbett von uns verlassen worden war, meist offene Pampas zu durchreiten gehabt; am nächsten Tage gab es Urwald, aber nicht den undurchdringlichen Urwald des Monte impenetrabile, sondern lichten, gut passierbaren Wald, dessen Stämme weit auseinander standen. Er glich einem Grasgarten, welcher zum Schutze gegen die Sonnenhitze mit unregelmäßig stehenden Bäumen bepflanzt ist. Hier und da gab es eine Lichtung, welche aber niemals von bedeutender Größe war.

Das mußte uns lieb sein. Wir hatten das Zusammentreffen mit dem Sendador zu erwarten und mußten vermeiden, uns in eine Lage zu begeben, in welcher er vielleicht mit Helfershelfern plötzlich und unerwartet über uns kommen konnte.

Darum blieb ich bedenklich halten, als wir gegen Abend wieder über eine dieser Lichtungen kamen und vor uns einen nicht so lichten, sondern geschlossenen Wald erblickten. Die Blöße war mit Gras bewachsen, aus welchem sich hier und dort ein einzelner Strauch erhob, und besaß einen Durchmesser von vielleicht dem vierten Teile einer Wegstunde.

Ich zog mein Fernrohr aus der Satteltasche und richtete es nach dem Walde, hinter welchem die Sonne verschwunden war. Ich sah Unterholz zwischen den Bäumen. Das gab keinen sichern Aufenthalt. Darum stieg ich vom Pferde und sagte, daß ich entschlossen sei, hier auf dieser Lichtung zu kampieren.

„Aber warum denn hier?“ fragte Pena. „Die Spur führt ja weiter, und wir müssen ihr folgen, wenn wir den Sendador treffen wollen!“

„Nein, wir müssen nicht weiter,“ antwortete ich. „Die zweite Tagereise ist zu Ende, und wir können überzeugt sein, daß er sich in der Nähe befindet. Überhaupt ist seine Fährte nicht über eine halbe Stunde alt; er steckt also ganz gewiß dort in dem Walde.“

„Was schadet das?“

„Das fragen Sie, der Sie vorher so mißtrauisch waren? Wie nun, wenn er Indianer bei sich hat, wie Sie behaupten wollten?“

„Die sehen uns ja nicht, da wir uns hüten werden, ein Feuer anzubrennen.“

„So! Der Sendador soll zu uns kommen, aber ein Feuer dürfen wir nicht brennen? Wie will er uns da finden, wenn es Nacht geworden ist? Ein Feuer ist unbedingt nötig, denn wenn wir auch noch so mißtrauisch sind, so müssen wir immerhin den Fall für möglich halten, daß er es für jetzt ehrlich meint. Wir haben uns einen Ort auszusuchen, an welchem er das Feuer sehen kann, aber keine Möglichkeit findet, uns zu überfallen. Im Walde kann er sich mit Indianern, wenn er ja welche bei sich hat, so nahe an uns schleichen, daß uns ihre vergifteten Pfeile treffen. Hier aber ist das Terrain offen, so daß wir ihn bemerken können.“

„O, er kann uns doch beschleichen, hier erst recht, wo er uns schon von weitem zu sehen vermag!“

„Nein. Wir müssen Wachen ausstellen, und diese werden hier einen etwa sich heimlich nähernden Feind leichter bemerken als im dichten Walde.“

„Ganz wie Sie wollen. Übernehmen Sie aber auch dann, wenn Sie sich geirrt haben, die Verantwortung?“

„Das werde ich, während Sie es wohl nicht verantworten könnten, wenn wir Ihrem Rate folgten.“

Seit Pena wußte, daß ich es war, welcher dem Sendador die Flucht ermöglicht hatte, erteilte er seinem Verhalten gegen mich eine gewisse Schärfe, welche ganz geeignet war, uns nach und nach zu entfremden. Die andern Gefährten gaben mir recht, und so wurde abgestiegen und ein Vorrat von dürrem Holze für das Feuer gesucht. Wir hatten im Laufe des Tages Wild genug für ein hinlängliches Abendmahl geschossen, und für die Pferde war auch gesorgt, da es nicht nur Futter für sie, sondern auch ganz nahe eine Wasserlache gab, aus welcher sie trinken konnten.

Während die Vorbereitungen zum Kampieren getroffen wurden, verließ ich den Platz, um mich zu überzeugen, ob die Fährte wirklich nach dem Walde und nicht etwa nach der Seite führe. Um nicht von dem Walde aus gesehen zu werden, ging ich in möglichst gebückter Haltung und suchte hinter jedem Busche, welcher sich mir bot, Deckung. Nachdem ich etwa achthundert Schritte weit gegangen war, blieb mir kein Zweifel, daß der Sendador in gerader Linie den Wald aufgesucht hatte, und ich kehrte zurück.

Das Feuer brannte schon, und die Gefährten hatten sich an das Braten des Fleisches gemacht. Als es dunkel geworden war, stellte ich vier Wachen aus, welche von Zeit zu Zeit abgelöst werden sollten. Eine kam nach vorn, eine je zur rechten und linken Hand und eine auch rückwärts vom Lager, da der Sendador uns umgehen und also auch von hinten kommen konnte. Die Leute erhielten die Weisung, sich hinter Büsche niederzulegen, damit sie nicht leicht gesehen werden könnten. Sie wurden nicht nahe an das Lager, sondern fast zweihundert Schritte entfernt von demselben postiert, erstens weil ein etwaiger Feind sie in solcher Entfernung von uns wohl nicht vermutete und zweitens weil, wenn sie Gefahr bemerkten und uns durch einen lauten Zuruf warnten, wir Zeit zur Verteidigung finden konnten, noch ehe der Feind diese Strecke zurückgelegt hatte.

Aber es schien, als ob weder der Sendador noch irgend sonst wer kommen wolle. Ich hatte mich gleich nach dem Essen hingelegt, um jetzt, wo ein Überfall am wenigsten zu erwarten war, einige Stunden zu schlafen. Um Mitternacht sollte man mich wecken.

Als man dies that, hatte sich noch niemand sehen lassen, und Pena sagte:

„Der Sendador wird sich hüten, sich wieder sehen zu lassen! Das haben wir von Ihrer Milde, mit welcher Sie selbst einen solchen Menschen behandeln!“

„Verlassen Sie sich darauf, daß er kommt,“ antwortete ich.

„So kommt er als Feind!“

„Das ist abzuwarten. Jetzt werde ich bis Tagesanbruch wachen und den vorderen Posten übernehmen.“

Als ich mich entfernte, sah ich noch, daß Pena und Gomarra die Köpfe zusammensteckten, um sich leise zu unterhalten. Der letztere gefiel mir von Stunde zu Stunde immer weniger. Er hatte während der letzten beiden Tage fast kein Wort gesprochen, und dieses Schweigen, sein verbissenes Gesicht und die Blicke, welche sein Auge warf, wenn vom Sendador gesprochen wurde, ließen mein Vertrauen nicht wieder aufkommen. Ich befürchtete einen Zusammenstoß, sobald der Sendador zu uns kam.

Der Steuermann war es, den ich ablösen wollte. Als ich bei ihm ankam, sagte er:

„Ein miserables Ding, so auf dem Ausguck zu liegen, ohne daß sich ein Segel sehen läßt! Am liebsten wäre es mir, wenn einige Dutzend Rote kämen, damit ich einmal richtige Arbeit machen könnte. Aber unsereinem geschieht nie das, was man sich wünscht!“

„Malen Sie den Teufel nicht an die Wand! Die Nacht ist erst halb vorüber, und es kann noch genug geschehen, was uns nicht lieb ist.“

„Es wird weiter nichts geschehen, als daß ich mich nun schlafen lege. Gute Nacht!“

Er ging mißmutig fort, und ich nahm seine Stelle ein. Es war, als ob er recht behalten sollte, denn es verging eine Stunde und dann noch eine, ohne daß sich ein lebendes Wesen hören oder sehen ließ. Hinter ihm flammte der müde Feuerschein zuweilen für einen kurzen Augenblick auf, und vor mir lag die dunkle Nacht, die aber nach und nach von einem helleren Schimmer überworfen wurde, denn die dünne Sichel des zunehmenden Mondes stieg am Himmel auf.

Da war es mir, als ob vor mir sich etwas rege. Ich legte das Ohr auf die Erde und hörte ein Schleifen, wie wenn jemand langsam und leise sich durch das Gras bewegt. Dann sah ich eine gebückte Gestalt, welche sich mir näherte. Die Fährte ging dicht neben dem Strauche, hinter welchem ich lag, vorüber. Daß der Mann auf dieser Spur zu uns kam, war ein gutes Zeichen; denn wäre er in feindlicher Absicht gekommen, so hätte er sich wohl gehütet, den Weg zu betreten, welchen wir kannten.

Er kam an mich heran und ging an mir vorüber. Ich blieb liegen, um erst zu sehen, ob er allein sei. Es kam niemand hinter ihm her, und so erhob ich mich, um mich ihm zu zeigen.

Ich hatte den Sendador erkannt. Wohl gegen zwanzig Schritte folgte ich ihm, ohne daß er mich hörte. Dann trat ich lauter auf. Er fuhr herum, erblickte mich, machte eine Bewegung, als ob er davoneilen wolle, blieb aber doch stehen und fragte mit unterdrückter Stimme:

„Ein Mensch hinter mir! Wer sind Sie?“

Ich trat nahe an ihn heran und antwortete:

„Sehen Sie genauer her, Sennor Sabuco! Erkennen Sie mich?“

„Ja,“ antwortete er jetzt. „Sie sind es! Aber wie kommen Sie hinter mich?“

„Ich stand Posten oder vielmehr ich lag Posten und ließ Sie, als ich Sie kommen sah, an mir vorüber, um zu erfahren, ob Sie allein da sind. Dann folgte ich Ihnen.“

„Wer sollte außer mir da sein?“

„Gute Freunde von Ihnen.“

„Pah! Und Wachen haben Sie ausgestellt?“

„Natürlich! Das ist die Gewohnheit eines jeden vorsichtigen Menschen.“

„Hier bedarf es keiner Vorsicht. Ich meine es ehrlich mit meinem Versprechen. Wer ist mit Ihnen da? Nur die Yerbateros?“

„Ja, diese, dann die beiden Seeleute, der Bruder, Pena und Gomarra.“

„Alle Teufel! Diesen letztern wünsche ich nicht dabei.“

„Ich glaube nicht, daß Sie große Sorge zu haben brauchen. Er hat mir versprochen, sich einstweilen jeder Feindseligkeit zu enthalten.“

„Einstweilen also? So kann er also an jedem beliebigen spätern Augenblicke über mich herfallen?“

„Nein. So lange ich bei Ihnen bin, stehen Sie unter meinem Schutze.“

„Versprechen Sie mir das?“

„Ich habe es Ihnen bereits versprochen und halte mein Wort.“

„Daß Sie es ehrlich meinen, das glaube ich, und ich werde bald sehen, wie ich mit den andern daran bin. Haben sie eine Ahnung, auf welche Weise ich entkommen bin?“

„Ich habe es ihnen gesagt.“

„Sennor, das ist gefährlich für Sie!“

„Allerdings! Gomarra schoß in der ersten Wut auf mich.“

„Teufel! Wurden Sie getroffen?“

„Nein. Ich habe ihn dann aber so gepackt, daß er Respekt bekommen hat.“

„Also, den Tod konnten Sie davon haben? Das merke ich mir, Sennor! Sie sind für Ihren Feind ein höchst gefährlicher Kerl; aber daß Sie ein gegebenes Wort halten, weiß ich ganz genau. Lesen Sie meine Kipus, und enträtseln Sie mir die Zeichnungen, so werden Sie mit mir zufrieden sein! Ich sah Ihr Feuer. Sie befinden sich hier; also haben Sie meinen Zettel gefunden?“

„Wir fanden und lasen ihn.“

„Und waren Ihre Gefährten gleich bereit, meiner Weisung Folge zu leisten?“

„So ziemlich, obgleich es ihnen nicht ganz ungefährlich erschien.“

„Welche Gefahr sollte dabei sein?“

„Es giebt da verschiedene Fährlichkeiten. Wie nun, zum Beispiel, wenn Sie nur deshalb Wort halten, um sich Ihrer gefährlichsten Feinde zu entledigen?“

„Wie könnte ich das anfangen? Sie haben ja meine Waffen behalten!“

„Sind Sie wirklich ganz unbewaffnet?“

Er blickte mir einige Augenblicke in das Gesicht und antwortete dann:

„Allerdings nicht.“

„Was für Waffen haben Sie?“

„Hier dieses Messer.“

Er zog es aus dem Gürtel und zeigte es mir.

„Von wem haben Sie es?“ erkundigte ich mich.

„Von einem Indianer, den ich zufällig traf. Er borgte es mir.“

„Und er befindet sich jetzt noch in Ihrer Nähe?“

Wieder blickte er mir eine Weile in das Gesicht, bevor er zögernd antwortete:

„Ja, Sennor, er ist da.“

„Und andere mit ihm?“

„Ja. Es ist ein mir befreundeter Stamm, den ich durch den zufällig getroffenen Angehörigen desselben hierher beordern ließ. Meinen Sie und Ihre Gefährten es ehrlich, so werden Sie von diesen Roten freundlich behandelt werden; vergreifen Sie sich aber an mir, so werden Sie ausgelöscht wie die Lichter eines Wachsstockes.“

„Welchem Stamme gehören sie an?“

„Das erfahren Sie erst dann, wenn ich weiß, daß ich bei Ihnen sicher bin.“

„Und wie viele Personen sind es?“

„Sie werden einsehen, daß ich Ihnen auch das erst später sagen kann.“

„Gut! Ich dringe nicht in Sie, denn da ich mir keiner Hinterlist bewußt bin, habe ich diese Leute nicht zu fürchten. Ich sehe, daß Sie ehrlich sind und mich nicht belügen und täuschen; das wird ein möglichst gutes Einvernehmen ergeben.“

„O,“ lachte er halblaut, „was das betrifft, so brauchen Sie nicht von Ehrlichkeit zu sprechen, Sennor. Es ist mehr Klugheit als Ehrlichkeit von mir.“

„Wie so?“

„Ich habe eine große Unvorsichtigkeit begangen, was mir aber erst spät einfiel. Gomez hat – – aber, wo ist der überhaupt? Auch bei Ihnen?“

„Nein, bei den Karawanenleuten.“

„So! Also Gomez hat mir von Ihnen erzählt, und was ich da gehört habe, das ist ganz geeignet gewesen, in mir die Vorstellung zu erwecken, daß Sie auf die geringste Kleinigkeit achten und sich nicht täuschen lassen. Sie haben also ganz gewiß gesehen, wie der Zettel an den Baum befestigt war?“

„Allerdings. Ich dachte mir gleich, daß Sie ein Messer hätten und daß Sie jemand getroffen haben müßten, der es Ihnen gab.“

„Und weiter?“

„Ich bin auf Ihrer Spur zurückgeritten und habe die Fährte des Indianers gefunden. Natürlich sagte ich mir, daß er gegangen sei, um Ihnen seine roten Kameraden zuzuführen.“

Und darum haben Sie Posten ausgestellt!“

„Nicht darum allein. Ich hätte das auch in dem Falle gethan, daß ich überzeugt gewesen wäre, Sie ganz allein anzutreffen. Ich pflege auch in solchen Fällen, in denen es nicht unbedingt notwendig ist, gern vorsichtig zu sein.“

„Besonders hier, wo Sie mir doch nicht ganz trauen können!“

„Ja. Sie verraten da eine sehr anerkennenswerte edle Selbsterkenntnis. Daß Sie mir den eigentlichen Grund Ihrer Aufrichtigkeit sagen, macht Ihnen bei mir keinen Schaden. Haben Sie da nicht aus angebotener Ehrlichkeit, sondern aus Klugheit so gehandelt, so darf ich erwarten, daß Sie in Zukunft in gleicher Weise klug sein und also einsehen werden, daß Hinterlist Sie nur in Schaden bringen kann. Sähe ich, daß Sie mich oder einen meiner Gefährten schädigen wollten, so würde ich Sie keinen Augenblick länger schonen. So, nun wissen wir gegenseitig, woran wir miteinander sind. Jetzt kommen Sie mit mir an das Feuer!“

Wir hatten erst leise, dann aber lauter gesprochen und waren also am Feuer gehört worden. Die drei anderen Posten hatten sich dort eingestellt, und so waren, als wir hinkamen, alle versammelt.

Was der Sendador in diesem Augenblicke fühlte, ob Scham, ob etwas anderes, das war ihm jetzt nicht anzusehen. Er trat erhobenen Hauptes zu den Leuten und sagte in beinahe stolzem Tone:

„Hier bin ich. Sie sehen, daß ich Wort gehalten habe, und so erwarte ich, daß auch Sie dasselbe thun. Wir wollen uns bis nach beendigtem Geschäft in der Pampa de Salinas vertragen; dann aber kann es jeder halten, wie es ihm beliebt. Sind Sie damit einverstanden?“

„Ja!“ ertönte es ringsum.

Nur Gomarra schwieg, Sein Auge ruhte mit einem glühenden, haßerfüllten Blicke auf dem Sendador, welcher fortfuhr:

„Sie haben geahnt, daß ich jetzt Indianer bei mir habe, und diese Voraussetzung hat Sie nicht getäuscht. Das sage ich Ihnen, um zu zeigen, daß ich mich nicht hilflos in Ihren Händen befinde.“

„Was für Rote sind es?“ fragte der Bruder.

„Sie werden sie sehen.“

„Sehen? Sollen wir etwa mit ihnen zusammentreffen?“

„Ja; denn sie werden mich bis zur Pampa de Salinas begleiten, damit ich dann, wenn unser jetziger Waffenstillstand abläuft, mich nicht so vielen gegenüber allein befinde.“

„Und ob wir uns die Gesellschaft dieser Leute gefallen lassen wollen, das fragen Sie nicht?“

„Nein, denn Sie brauchen sie sich nicht gefallen zu lassen. Niemand wird Sie zwingen, mit den Roten zu verkehren. Ich bleibe bei ihnen, und Sie können sich für sich halten. So gehen wir in zwei Abteilungen in die Berge, und keine braucht der andern beschwerlich zu fallen.“

„Ah so! Sie wollen jetzt nicht bei uns bleiben?“

„Nein. Ich komme nur, um Ihnen zu zeigen, daß Sie sich auf mein Wort verlassen können, und mit Ihnen den Weg zu besprechen, welchen wir einschlagen werden. Dann gehe ich zu meinen Indianern, werde Ihnen aber mit denselben während des Zuges so nahe bleiben, daß Sie mich zu jeder Zeit sehen und auch sprechen können, natürlich unter denjenigen Vorsichtsmaßregeln, welche ich meiner Sicherheit schuldig bin!“

Gomarra hielt die Hand an den Mund und hustete. Das klang so unnatürlich, daß ich ihn noch schärfer als vorher ins Auge nahm.

„Das ist aber doch gegen die Verabredung!“ sagte Pena. „Sie haben bei uns zu bleiben, und von Indianern ist erst recht keine Rede gewesen.“

„Das ist mir gleich. Ich bleibe bei Ihnen, aber nicht so, daß Sie mich jeden beliebigen Augenblick mit der Hand fassen können. Und nun muß ich mir natürlich auch meine Waffen ausbitten.“

„Sie sollen Ihr Gewehr bekommen,“ sagte ich, „falls Sie versprechen, es gegen keinen von uns zu gebrauchen.“

„Ich werde mich desselben nur gegen den bedienen, welcher mich angreift.“

„Das genügt.“

„Nein, das genügt nicht!“ schrie Pena. „Ich verlange, daß – – –“

„Schweigen Sie!“ unterbrach ihn der Bruder in sehr ernstem Tone. „Sie erhöhen und vervielfältigen nur die bereits vorhandenen Schwierigkeiten. Wenn wir den Sendador nicht mehr als Gefangenen betrachten, so haben wir auch kein Recht, ihm sein Eigentum vorzuenthalten.“

„Ich betrachte ihn aber noch als gefangen und dulde nicht, daß ein anderer so eigenmächtig wie bisher handelt und etwas ohne meine Einwilligung thut!“

„Pena,“ antwortete ich ihm, „meinen Sie mich?“

„Ja, Sie!“

„So sage ich Ihnen, daß ich den Teufel nach dem frage, was Sie dulden wollen oder nicht. Hier liegt das Gewehr, und ich – – –“

Die Flinte lag da, wo ich geschlafen hatte. Ich trat hin und bückte mich nieder, um sie aufzuheben, während ich sprach. Ich konnte aber meine Rede nicht vollenden, denn Gomarra schrie wütend auf:

„Das Gewehr soll er bekommen? Und bei den Indianern will er bleiben, die ihn beschützen werden? Soll er mir abermals entkommen? Nein! Hier, stirb, du Teufel, du!“

Ich fuhr aus meiner gebückten Haltung auf, die Flinte in der Hand, und drehte mich um. Gomarra drang auf Sabuco ein, und zwar so blitzesschnell, daß der Bedrohte nicht rasch genug ausweichen konnte. Das Messer des Wütenden fuhr ihm zwar nicht in die Brust, aber doch in den Arm. Gomarra holte von neuem aus, aber ich auch, der ich seitwärts von ihm stand. Noch ehe er zu stoßen vermochte, traf ich ihn mit dem Gewehrkolben auf den Kopf, daß er zusammenbrach.

„Steht es so?“ donnerte der Sendador, indem er die rechte Hand auf die blutende Stelle des linken Oberarmes legte. „Da fällt es mir nicht ein, zu bleiben. Aber wir sehen uns wieder, und zwar bald, ihr Lügner und wortbrüchigen Halunken!“

Er wendete sich ab und sprang, um nicht festgehalten zu werden, in eiligem Laufe davon.

„Sennor Sabuco, bleiben Sie, bleiben Sie!“ rief ich ihm nach, aber es fiel ihm nicht ein, dieser Aufforderung Folge zu leisten.

„Da rennt der Hund davon!“ rief Pena wütend. „Aber ich hole ihn zurück, und folgt er mir nicht gutwillig, so schieße ich ihn über den Haufen!“

Er griff sein Gewehr vom Boden auf und rannte dem Sendador nach. Der Bruder wollte ihm folgen, um ihn zurückzuhalten; ich bat ihn aber:

„Bleiben Sie! Die beiden sind einmal toll, Gomarra und Pena, und so mögen sie die Folgen tragen. Leider müssen wir dieselben mit erleiden. Der Sendador hat es wirklich ehrlich gemeint, um so größer muß jetzt sein Ärger sein.“

„Hatten Sie sich von seiner Ehrlichkeit überzeugt?“ fragte Monteso.

, „Ja. Er gestand mir aufrichtig, daß Indianer in der Nähe seien und daß er das Messer von einem derselben erhalten habe. Das brauchte er nicht zu sagen. Er hätte uns in einen Hinterhalt locken können. Er ist ein Bösewicht, aber daß ihm heute seine ehrliche Stunde mit dem Messer belohnt worden ist, das thut mir leid, und das wird uns großen Schaden machen.“

Der Bruder kniete bei Gomarra nieder, um ihn zu untersuchen.

Dios!“ rief er erschrocken aus. „Sie haben ihn erschlagen!“

„Immerhin! Ich habe ihn gewarnt. Wir befinden uns im Gran Chaco, aber nicht in einem Damenboudoir. Übrigens pflegt solches Ungeziefer zähes Leben zu besitzen. Ist die Hirnschale entzwei?“

„Nein.“

„Nun, so wird er wohl noch leben. Ich werde, um weitere Scenen zu vermeiden, seinem Erwachen aus dem Wege gehen und einmal rekognoszieren. Stellen Sie indessen wieder Posten aus und seien Sie vorsichtig! Ich glaube zwar nicht, daß der Sendador sogleich zur Rache schreitet, aber möglich ist es doch, daß ihn die Wut und der Anblick seines Blutes dazu hinreißen.“

Ich ging bis an den Busch, hinter dem ich vorher gelegen hatte, und dann weiter, immer der Fährte nach. Nichts war zu sehen und nichts zu hören. Ich bediente mich der größten Vorsicht, um nicht bemerkt zu werden, und hatte schließlich die zwischen unserm Feuer und dem Walde liegende Strecke über die Hälfte zurückgelegt. Weiter durfte ich mich dem letzteren nicht nähern. Ich kauerte mich nieder und strengte das Gehör an, um ein Geräusch zu vernehmen, doch vergeblich.

Schon hatte ich vielleicht zehn Minuten so gelauscht, da hörte ich etwas. Aber das war kein Geräusch, sondern ein Geheul, als ob tausend Teufel losgelassen worden wären. Das Lager wurde überfallen. Ich fuhr auf und rannte demselben zu, indem ich die Revolver aus dem Gürtel zog; ein Gewehr hatte ich nicht mitgenommen.

Als ich in die Nähe kam, erblickte ich eine unbeschreiblich wilde Scene. Eine Menge roter Kerls, die ich so schnell nicht einmal taxieren, noch viel weniger aber zählen konnte, lag mit meinen Gefährten im Kampfe. Es waren ihrer so viele, daß immer zehn oder fünfzehn Rote an einem Weißen hingen. Die ersteren waren so schnell über die letzteren gekommen, daß diese gar keine Zeit gefunden hatten, sich ihrer Schußwaffen zu bedienen. Die meisten waren schon niedergerissen. Ich sah nur noch den Bruder und den Steuermann stehen, jeder inmitten eines ganzen Haufens von Indianern, die an ihren Körpern hingen und sich Mühe gaben, sie niederzureißen.

Eine Waffe sah ich bei keinem der Roten. Rechts, außerhalb des Tumultes, stand ein Mann, welcher mit lauter, gebieterischer Stimme wiederholt einige Worte einer mir fremden, unverständlichen Sprache rief.

Ich weiß nicht, wie es kam, aber der Umstand, daß die Roten sich nur ihrer Hände bedienten, hatte zur Folge, daß ich unwillkürlich die Revolver wieder einsteckte und mich mit den Fäusten auf die Gruppe warf, in welcher der Bruder steckte. Ich schlug zu, riß die Kerle nach rechts und links auseinander, um bis zum Bruder durchzudringen. Das gelang mir auch, aber hinter mir schloß sich der Kreis sofort wieder. Andere Indianer, welche ihre Weißen schon überwältigt hatten, kamen hinzu. Ich wurde von hinten und vorn, von beiden Seiten gepackt. Man wollte mir die Arme halten; man wollte mich niederzerren. Ich spreizte die Beine aus, um fester zu stehen und wehrte mich nach Leibeskräften.

jetzt lag der Bruder an der Erde. Vier, sechs, acht Indianer banden ihn und schleppten ihn fort. Ich sah den riesigen Steuermann noch fest stehen. Er arbeitete mit seinen Fäusten, daß es eine Lust war. Jetzt hatte er, was er sich so sehnlich gewünscht hatte; aber es waren zu viele über ihm; man sah, daß er unterliegen müsse.

jetzt sah ich ein, daß ich eine Dummheit begangen hatte. Ich hätte, sobald ich die Übermacht sah, welcher wir unbedingt nicht gewachsen waren, da die Überrumpelung so gut gelungen war, mich fernhalten sollen. War ich frei, so konnte ich für die Gefährten etwas besseres thun, als mich mit ihnen festnehmen lassen. Darum trachtete ich jetzt, mich durchzuschlagen.

UM dies zu erreichen, bedurfte es besserer Waffen als der bloßen Fäuste. Ich griff nach dem Gürtel. Das Messer und die Revolver waren fort. Während ich mit den Armen arbeitete, hatte man sie mir entrissen. Ganz dasselbe war jedenfalls auch bei den Kameraden geschehen, denn ich sah keinen verwundeten oder toten Indianer.

Nun war es gewiß, daß ich nicht fort konnte. Drüben sank jetzt der Steuermann nieder. Der Anführer, welcher die fremden Befehle gerufen hatte, kam näher. Es war der Sendador.

„Sennor, ergeben Sie sich!“ rief er mir zu. „Ich verspreche Ihnen, daß Ihnen nichts geschehen wird. Ihr Widerstand ist doch vergeblich; das müssen Sie sehen!“

Er hatte recht. Ich ließ die Arme sinken und wurde zur Erde gerissen, wo mir die Kerls die Hände und die Füße banden. Die Roten erhoben ein unbeschreibliches Triumphgeheul. Man konnte es gewiß eine Stunde weit hören. Der Sendador kam zu mir. Er hatte den Arm verbunden. Es schien schon vorher verabredet worden zu sein, was alles gethan werden Solle, denn auf einen Wink von ihm nahmen zwei Rote meinen Hut, welcher mir entfallen war, richteten mich zum Sitzen auf, stülpten mir den Hut über die Augen, so daß ich nichts sehen konnte, und banden ihn dort fest.

Das Geheul war verstummt. Ich wurde aufgehoben und fortgetragen. Um einen Maßstab zu haben, versuchte ich, die Schritte zu zählen, welche meine Träger machten, bevor sie mich niederlegten; es waren ihrer über zwölfhundert.

Dann verging eine lange, lange Zeit, gewiß mehrere Stunden, bis ich hörte, daß Männer kamen, welche Pferde brachten. Der Sendador war dabei, denn ich erkannte seine Stimme, als er sagte:

„Sennor, ich habe Ihnen versprochen, daß Ihnen nichts geschehen soll, und ich werde Wort halten, wenn Sie sich in Ihre Lage finden. Machen Sie aber den geringsten Fluchtversuch, so ersteche ich Sie!“

„Wo sind meine Freunde?“ fragte ich ihn.

„Gut aufgehoben!“

„Also leben sie noch?“

„Gut aufgehoben ist nur der, welcher fertig mit dem Dasein ist; sie sind gerichtet, da sie mich richten wollten.“

„Scheusal!“

„Schimpfen Sie nicht! Sie befinden sich in meiner Gewalt.“

„Wenn Sie mich nicht auch ermorden, so werde ich sie rächen. Darauf verlassen Sie sich!“

„Pah!“ lachte er. „Ich werde schon dafür sorgen, daß Sie das nicht können. Jetzt geht es fort von hier. Wir werden Sie auf ein Pferd binden. Fügen Sie sich ohne Widerstand, welcher Ihnen doch nichts nützen, sondern Ihre Lage nur verschlimmern würde.“

„Nehmen Sie mir den Hut aus dem Gesicht!“

„Daß ich ein Narr wäre! Sie dürfen nicht wissen, durch welche Gegend wir reiten.“

Man löste mir die Beinfesseln und half mir auf das Pferd, um dann meine Füße wieder durch einen Riemen zu verbinden. Dann begann der Ritt.

Ich merkte sehr bald, daß ich nicht auf meinem Braunen saß; den hatte der Sendador jedenfalls für sich genommen. Nach welcher Richtung es ging, das konnte ich nicht sehen, doch beobachtete ich alle, auch die kleinsten Anzeichen und schloß aus ihnen, daß wir erst durch einen Wald, dann über eine Ebene mit tiefem Sande ritten und nachher auf grasigen Boden kamen. Später begann die Sonne zu brennen; sie traf meine linke Seite mehr als die rechte; also ritten wir westwärts. Dann wurde in einem Walde gehalten. Man bot mir Fleisch und Wasser an, und ich nahm beides, obgleich das letztere brackig schmeckte und ich es aus einem nach Schweiß stinkenden Hute trinken mußte. Nach kurzer Zeit ging es weiter.

Wir kamen wieder über freies Land; aber die Sonne war nicht mehr zu fühlen, obgleich es nicht viel über Mittag sein konnte. Es wurde empfindlich kalt, und die Luft traf schneidend meine Hände und den entblößten Teil meines Gesichtes.

Wie viele Männer bei mir waren, das wußte ich nicht. Aus dem Pferdegetrappel konnte ich auf so viele schließen, als wir Pferde bei uns gehabt hatten; aber ich bemerkte, daß auch Fußgänger bei uns waren. Wir kamen weiter und immer weiter, erreichten wieder Wald und hielten in demselben an. Die Füße wurden mir losgebunden; ich mußte absteigen und wurde durch ein Gebüsch geführt. Dort fesselte man mir die Füße wieder, setzte mich nieder, band mir die Hände auf, zog sie nach hinten um einen dünnen Baumstamm, an welchen man mich lehnte, und band sie mir dort wieder zusammen. Die Männer unterhielten sich miteinander in der fremden Sprache; ich hörte ein Feuer knistern; dann wurde mir der Hut losgebunden und aus den Augen gerückt; ich durfte wieder sehen.

Mitten zwischen den Bäumen und Büschen lag ein kleiner, freier Platz, welcher gerade Raum genug für das Feuer und die zwanzig Indianer bot, welche mit dem Sendador an demselben saßen. Sie hatten die bekannten nichtssagenden Gesichter der südlichen Indianer und waren kaum halb bekleidet. Ihre Waffen bestanden in Messern, Bogen, Blasrohren und Pfeilen.

Der Sendador hatte sich ganz in meine Nähe gesetzt. Neben ihm lagen meine beiden Gewehre, meine Revolver und auch mein Messer. Er sah, daß mein Blick darauf fiel, und sagte:

„Diese schönen Dinge gehören nun mir. Ärgert Sie das nicht?“

„Sie werden Ihnen nicht viel nützen. Lernen Sie erst mit solchen Gewehren umzugehen!“

„Oho! Nur nicht grob werden, sonst spreche ich auch in einem anderen Tone! Zur Strafe werden Sie heute abend kein Essen bekommen und während der Nacht nicht liegen dürfen. Sie bleiben gefesselt wie jetzt. Daß ich es gut gemeint habe, wird Ihnen dadurch bewiesen, daß Sie nicht vollständig ausgeraubt worden sind, wie die Roten es wollten. Ob ich ihnen nicht doch noch die Erlaubnis dazu gebe, das kommt darauf an, ob Sie höflich und gehorsam sind!“

„Rechnen Sie ja nicht darauf, daß ich es sein werde!“

„Schön! Sie sind natürlich bei schlechter Laune. Morgen mache ich Ihnen meine Vorschläge, und dann werden Sie wohl andere Ansichten bekommen.“

Er wendete sich ab und richtete das Wort nicht wieder an mich. Die Roten brieten Fleisch, und als sie es gegessen hatten, legten sie sich nieder, außer zweien, welche jedenfalls wachen sollten.

Der Sendador untersuchte meine Fesseln, und als er sie in Ordnung gefunden hatte, richtete er einige Worte an die Wächter, sie wohl zur Vorsicht mahnend, und streckte sich dann auch zum Schlafe aus. Die Waffen lagen noch zwischen mir und ihm. Hätte ich doch eine Hand frei gehabt!

Das Feuer wurde nun nicht mehr so fleißig genährt wie vorher; es sank nieder und bildete eine nur kleine Flamme, welche tausenderlei gespenstige Schatten warf.

Stunde um Stunde verging. Die Wächter hatten erst leise miteinander geplaudert; nun saßen sie still und mit gesenkten Augenlidern da; vielleicht schliefen sie. Da hörte ich ein leises, leises Rascheln hinter mir. Ich glaubte, es rühre von irgend einem kleinen Tierchen her; aber nach wenigen Augenblicken hörte ich die ganz leise in deutscher Sprache geflüsterte Frage:

„Schlafen Sie?“

Es durchzuckte mich ein Wonneschauer. Ich schüttelte den Kopf. Hinter mir flüsterte es weiter:

„Ich bin es – Pena. Ich zerschneide jetzt Ihre Handfessel. Dann nehmen Sie Ihr Messer und zerschneiden die Riemen, mit denen Ihre Füße gebunden sind. Nachher raffen Sie Ihre Gewehre auf, während ich die Revolver ergreife, und folgen mir.“

Ich drehte den Kopf möglichst weit zur Seite und fragte leise:

„Wohin?“

„Gerade nach der Richtung, wohin Sie jetzt den Rücken wenden.“

„Wo sind die Pferde?“

„Ich weiß es nicht.“

„Jammerschade! Es wird ein entsetzliches Hallo geben. Es ist finster, und wir rennen uns die Köpfe an den Bäumen wund. Ich will einmal sehen, ob die Wächter schlafen.“

Ich räusperte mich; ich hob die gefesselten Füße empor – keiner der beiden Indianer bewegte sich. Sie schliefen wirklich. Da fühlte ich die Bewegungen des Messers zwischen meinen Händen. So bald ich sie frei hatte, griff ich nach dem meinigen. Ich zerschnitt den Fußriemen, steckte das Messer und die Revolver in den Gürtel, hing die Gewehre langsam über, zog den Hut fest an, daß das Gesträuch ihn mir nicht nehmen konnte, und stand leise und langsam auf.

Nun war ich gerettet, außer es traf mich ein vergifteter Pfeil.

Zoll um Zoll verließ ich meinen Platz. Pena ergriff meine Hand und zog mich fort. Das that er so unvorsichtig, daß die Büsche raschelten. Davon erwachten die Wächter; aber wir befanden uns schon außerhalb ihres Gesichtskreises. Zwei Schreie erschallten.

„Kommen Sie! Schnell, schnell! Ich weiß den Weg. Halten Sie den Hut fest!“

Bei diesen Worten riß Pena mich mit sich fort. Ja, er wußte den Weg, denn wir rannten an keinen Baum. Der Weg war überhaupt kurz. Schon nach kaum mehr als zwanzig Schritten hatten wir die Bäume hinter uns und befanden uns auf der freien Pampa, während hinter uns im Walde die Indianer brüllten, daß mir die Ohren gellten.

„Nun fort! Immer geradeaus!“ sagte Pena. „Sie sollen uns gewiß nicht ergreifen.“

„Aber die Pferde, die Pferde!“

„Lassen Sie die um Gottes willen, sonst werden Sie wieder gefangen. Ich weiß nicht, wo sie sind, und zum Suchen ist keine Zeit.“

Er hatte recht. Wir rannten im völligen Galopp über die Pampa hin, wohl eine Viertelstunde lang; dann mäßigten wir unsere Eile zu einem Traben, bis wir so außer Atem waren, daß wir im Schritte gehen mußten.

„Vor allen Dingen, wohin führen Sie mich?“ fragte ich Pena.

„Nach dem Unglücksplatze natürlich.“

„Kennen Sie den Weg?“

„Ja; ich bin ja gekommen, immer hinter Ihnen her. Alle Wetter, war das ein unglückseliger Abend!“

„Nur infolge Ihrer und Gomarras Dummheit. Doch das ist vorüber. Sie haben es wieder gut gemacht.“

„Ja, das habe ich! Ich lief dem Sendador nach, bekam ihn aber nicht zu sehen. Ich schlich mich tollkühn nach dem Walde, in welchem die Roten sich aber schon nicht mehr befanden. Da hörte ich den Lärm des Überfalles und eilte zurück. Ich kam gerade recht, um zu sehen, daß Sie niedergerissen wurden. Natürlich blieb ich da im Verborgenen. Sie wurden fortgetragen, bis in die Nähe des Waldes; ich suchte nach Ihnen, konnte Sie aber nicht finden. Darum kehrte ich heimlich bis hart an das Lager zurück. Dort wurde lange Zeit Beratung gehalten. Dann entfernte sich der Sendador mit zwanzig Männern und den Pferden, und ich folgte ihnen, denn ich dachte, daß es Ihnen gelte. Ich hatte mich nicht geirrt, denn ich lag ziemlich nahe auf der Erde und sah, daß man Sie aufs Pferd setzte und dann fortritt. Ich folgte. Die Indianer mußten langsam reiten, da die Hälfte von ihnen zum Gehen gezwungen war; so konnte ich ihnen gut folgen. Ich hielt mich so weit hinter ihnen, daß ich sie wohl als hohe Reiter, sie mich aber nicht als niedrigen Fußgänger sehen konnten. So ging es fort, bis sie in ihr Versteck einbogen und ich warten mußte, bis es ganz dunkel war und sie schliefen.“

„Und über das Schicksal unserer Gefährten wissen Sie nichts?“

„Kein Wort. Es wäre mir unmöglich gewesen, sie alle zu befreien, und keiner von ihnen hätte dann das Geschick gehabt, Sie mit zu befreien. Darum wollte ich erst Sie los haben und dann mit Ihnen versuchen, die andern zu finden.“

„Der Sendador sagte, sie seien getötet worden. Ich hoffe aber, daß das eine Unwahrheit ist. Verfolgen wird er uns beide nicht. Er hatte mir die Augen verbunden und glaubt also, daß ich nicht weiß, wo ich mich befinde. Darum wird er den Morgen abwarten, um meine Spur zu suchen. Bis dahin haben wir eine weite Strecke hinter uns. Eilen wir möglichst, wenn Sie nicht gar zu ermüdet sind!“

Das war alles, was wir sprachen. Wir schritten aus, als ob wir dem Tode entrinnen wollten; zuweilen wurde ein Trab oder sogar ein Galopp gemacht. Wir waren kaum zwei Stunden unterwegs, so begann es zu regnen, und zwar so, wie es in jenen Gegenden immer regnet, nämlich gießt. Wir wateten oft bis über die Knöchel im Schlamme und fast bis an die Knie im Wasser. Aber es ging trotzdem rüstig vorwärts. Es war fast ein Wunder, daß Pena sich nicht verirrte.

Gegen Morgen hörte der Regen auf, um nach einer Stunde wieder zu beginnen und gerade dann aufzuhören, als wir aus dem dichten Walde traten, in welchem die Indianer gelegen hatten, und nun die Unglücksstätte vor uns sahen. Aber hier fanden wir keine Spur. Wir schlugen mehrere Kreise, weiter und weiter um die Gegend, durch den Wald, über das Camp, den Sand und die Pampa – es war nicht ein einziger Fußeindruck zu sehen. Der Regen hatte die Fährten ausgefüllt und verwischt. Als wir uns am Abende so überangestrengt hatten, daß wir uns da niederlegten, wo wir uns gerade befanden, mußten wir alle Hoffnung aufgeben, die Gefährten zu entdecken.

„Giebt es denn gar keine Möglichkeit, sie zu finden, falls sie noch leben?“ fragte Pena.

„Eine einzige. Wir müssen wieder dorthin, von wo wir dem Sendador entwichen sind. Da er mich nicht mehr hat, wird er nun die Gefährten aufsuchen – falls er sie eben nicht schon ermorden ließ.“

„So schlafen wir jetzt einige Stunden und machen uns dann auf die Wanderung!“

Das geschah. Der Körper verlangte Ruhe, aber die Sorge raubte sie ihm. Schon um Mitternacht brachen wir wieder auf. Als es helle geworden war, sahen wir, daß auch unsere gestrigen Spuren vollständig verwaschen waren.

„Das ist sehr gut,“ sagte Pena, „denn da hat der Sendador nicht erfahren, wohin wir sind.“

„Nein, das ist nicht gut,“ entgegnete ich, „denn da werden wir auch nicht sehen, wohin er sich gewendet hat. Seine Spuren sind ebenso verwischt wie die unsrigen.“

„Aber er ist doch später aufgebrochen. Ich holte Sie noch lange vor Mitternacht ein, während er erst am Morgen hat suchen können.“

„Es hat bis Mittag mit nur einer kurzen Unterbrechung geregnet. Da ist kein Fußeindruck mehr zu finden.“

Es zeigte sich, daß meine Vermutung die richtige war. Als wir uns der Gegend näherten, in welcher ich als Gefangener bei den Indianern gesessen hatte, mußten wir uns außerordentlich in acht nehmen, weil der Sendador sich ja hier befinden konnte. Wir drangen nur unter Anwendung aller Westmannsfinessen vor, was uns viel Zeit kostete, und als wir endlich an der Stelle anlangten, wo die Indianer gelagert hatten, fanden wir sogar das niedergedrückte Moos und Gras wieder aufgerichtet. Nach langem Suchen entdeckten wir den Ort, an welchem die Pferde angebunden gewesen waren. Wir erkannten das an den vielen abgefressenen Zweigen.

Wir begannen nun auch hier Kreise zu schlagen, fanden aber, um den Ausdruck zu gebrauchen, nicht die Spur von einer Spur. Als wir dann am Abende traurig und bis zum Tode ermüdet bei einander lagen, fragte Pena:

„Was nun? Ich bin am Rande meiner Klugheit angelangt.“

„Ich ebenso.“

„Aber wir können doch nicht bis an unser sanftseliges Ende hier sitzen bleiben!“

„Das beabsichtige ich keineswegs. Wir schlafen uns aus und suchen morgen früh noch einmal. Vielleicht entdecken wir doch einen kleinen, wenn auch noch so winzigen Anhalt.“

„Ich habe alle Hoffnung schon längst aufgegeben. Unsere Gefährten sind tot. Denken Sie den Haß, den der Sendador auf Gomarra hatte!“

„Zeigen Sie mir ihre Leichname. So lange ich diese nicht sehe, bin ich von ihrem Tode noch nicht überzeugt. Der Sendador war ein Freund der Yerbateros. Warum soll er sie ermorden? Warum den Bruder, den Kapitän und den Steuermann? Vielleicht hat er Gomarra ausgelöscht. Hätte er aber den Befehl gegeben, auch den andern das Leben zu nehmen, so wäre er kein Bösewicht mehr, sondern geradezu ein Teufel.“

„Das ist er auch. Ich bin des Suchens müde und möchte am liebsten heim.“

„Ohne den Tod unserer Genossen gerächt zu haben?“

„Wir wissen doch nicht, wo der Sendador ist! Wir haben seine Spur verloren!“

„Das ist richtig; aber wir werden sie wiederfinden auf dem Wege nach der Pampa de Salinas.“

„Sie glauben, daß er dorthin geht?“

„Ganz gewiß thut er das.“

„Es hat doch keinen Zweck mehr, da Sie ihm entwischt sind, und er nun niemand hat, der ihm seine Geheimnisse entziffern kann.“

„Aber ich kenne den Ort, an welchem er die Flasche vergraben hat, ziemlich genau. Das weiß er, und so muß er annehmen, daß ich nun hingehen werde, um sie mir zu holen. Meinen Sie nicht, daß dies eine hinreichende Veranlassung für ihn ist, möglichst schnell nach der Pampa zu gehen, um mir vorzukommen?“

„Kann mir eigentlich gleich sein. Ich möchte heim, um meine Sachen zu ordnen und dann nach der Estanzia del Yerbatero zu gehen, wo ich meine Nichte finde.“

„Und vorher brannten Sie förmlich vor Haß und Rache gegen den Sendador! Wo bleibt da die Konsequenz! Nur fort von hier, bis dahin, wo wir Menschen finden. Vielleicht erfahren wir da etwas, was uns nützlich ist. Wir nehmen die Richtung nach den Anden und halten unterwegs die Augen offen. Ich zweifle nicht daran, daß uns der Himmel einen Fingerzeig giebt, der uns auf den richtigen Weg leitet!“ – –

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An Der Laguna De Carapa

An der Laguna de Carapa

Während wir beide so an der Laguna hingingen, war ich überzeugt, daß der Schwiegersohn in die ihm gestellte Schlinge laufen werde. Pena schien weniger zuversichtlich zu sein, denn er fragte mit leiser Stimme:

„Meinen Sie, daß er uns wirklich nachkommen wird?“

„Ja.“

„Ich traue doch nicht ganz.“

„Und ich zweifle nicht im mindesten daran.“

„Aber, wenn er kommt, wie heißen wir? Oder wollen wir unsere wirklichen Namen sagen?“

„Nein. Zunächst sagen wir ihm gar keinen Namen. Nach dem, was er von uns gehört hat, wird er es ganz erklärlich finden, wenn wir vorsichtig sind. Ob Sie dann den Ihrigen sagen, kommt darauf an, ob sich unter den Mbocovis einer befindet, der Sie und also auch ihn von früher kennt. Horchen Sie! Er kommt hinter uns her! Sehen Sie sich ja nicht um!“

„Ich höre nichts.“

„Aber ich höre ihn. Gehen wir etwas rascher. Das wird seinen Eifer erhöhen.“

Wir schritten schneller aus, und der Erfolg zeigte sich sogleich, denn hinter uns ertönte eine Stimme:

Alto ahi – halt!“

Der Ruf war mit unterdrückter Stimme ausgesprochen worden. Wir thaten, als ob wir ihn nicht vernommen hätten, und gingen weiter. Da rief der Mann nun in lauterem Tone:

Parar, Sennores – halten Sie doch an! Ich habe mit Ihnen zu sprechen, und Sie laufen, daß ich Ihnen kaum folgen kann!“

Wir fuhren schnell nach ihm herum und machten möglichst erschrockene Gesichter. Ja, der sogenannte Schwiegersohn, der Yerno, war es wirklich. Natürlich zeigten wir ihm Gesichter, denen es nicht anzusehen war, daß wir ihn kannten.

„Wer sind Sie? Was wollen Sie von uns?“ fragte ich in einem Tone, aus welchem er entnehmen mußte, daß ich nicht erwartet hatte, hier jemandem zu begegnen und gar angesprochen zu werden.

„Das werden Sie gleich erfahren,“ antwortete er. „Sagen Sie mir zunächst, wer und was Sie sind!“

„Welches Recht besitzen Sie, uns danach zu fragen?“

„Ein Recht nicht, sondern nur eine Veranlassung.“

„Welche denn?“

Er betrachtete uns mit forschendem Blicke, und wir machten ihm Augen, welche möglichst mißtrauisch waren.

„Sehen Sie mich nicht so argwöhnisch an! Ich meine es gut mit Ihnen,“ beteuerte er.

„Das kann jeder sagen; wir aber haben keine Lust, Bekanntschaften zu schließen. Sie gehören doch zu den Schuften, denen wir soeben erst entronnen sind!“

„O nein! Meinen Sie etwa, ich sei ein Freund des alten Desierto? Gerade das Gegenteil ist der Fall: Ich bin hier, weil ich nicht zu seinen Freunden zähle.“

„Pah! Das machen Sie uns nicht weis. Bleiben Sie uns vom Leibe! Komm‘, Kamerad! Ich habe keine Lust, wieder in eine Falle zu laufen!“

Bei diesen Worten nahm ich Pena beim Arme und zog ihn mit mir fort. Der Yerno folgte uns, hielt mich zurück und sagte:

„Aber, Mann, so hören Sie doch! Ich befinde mich ganz allein hier. Welche Falle könnte ich Ihnen stellen? Ich versichere Ihnen, daß ich es sehr gut mit Ihnen meine!“

„So! Das ist schön von Ihnen; aber wir wollen von Ihrer Güte leider nichts wissen.“

„Warum? Sehe ich denn wie ein Mensch aus, vor dem man sich zu fürchten hat?“

„Das nicht. Und selbst wenn es der Fall wäre, so sind wir nicht die Leute, welche sich fürchten, sobald es zwei gegen nur einen geht. Aber Sie fragen uns nach unsern Namen und sagen doch nicht, wer Sie sind.“

„Nun, das können Sie sogleich erfahren. Ich heiße – – heiße Diego Arbolo.“

Er hatte gezögert, diesen Namen auszusprechen, und sich dabei suchend umgesehen. Dabei war sein Blick auf einen Baum gefallen, in dessen Nähe wir standen, und erst dann hatte er den Namen Arbolo genannt, welches Wort auf deutsch Baum bedeutet. Es war also klar, daß ihm nicht gleich ein Name eingefallen war, und daß derjenige, welchen er nannte, nicht der seinige war. Er wollte uns aus naheliegenden Gründen nicht wissen lassen, wie er eigentlich heiße.

„Arbolo, so!“ antwortete ich. „Und was sind Sie?“

„Cascarillero.“

„Ah, dachte es mir! Also doch ein Kollege des alten Einsiedlers!“

„Aber kein Freund, sondern ein Konkurrent von ihm! Es wird ihm wohl keiner so viel Böses wünschen wie ich!“

„Was das betrifft, so möchte ich es sehr bestreiten. Wenigstens haben wir beide sehr genügende Veranlassung, ihm alles, aber nur nichts Gutes zu gönnen.“

„So sind wir also Gesinnungsgenossen!“

„Möglich, daß wir gleiche Gesinnung haben, aber Genossen sind wir nicht. Wir beabsichtigen nicht, hier an diesem Orte Bekanntschaften zu machen. Wir haben das einmal im Gran Chaco gethan, aber nicht wieder. Ein solches Lehrgeld zahlen wir nicht zum zweitenmal. Gehen Sie also, wohin Sie wollen, und lassen Sie auch uns thun, was uns beliebt!“

Ich that wieder, als ob ich fort wollte; er aber hielt mich energisch fest und sagte in ungeduldigem Tone:

„So nehmen Sie doch Verstand an, Sennor! Ich gebe Ihnen mein heiliges Wort, daß ich ein Feind des Desierto und seiner Indianer bin. Ich bin Ihnen nachgegangen, weil ich Ihnen helfen will. Ohne mich können Sie Ihren Vorsatz wohl schwerlich ausführen.“

„Was wissen Sie von unseren Vorsätzen?“

„Sehr viel. Ich kenne sie genau.“

„Oho! Wollen Sie da wohl die Güte haben, uns mitzuteilen, was wir uns vorgenommen haben?“

„Ich habe Sie belauscht. Ich sah den Desierto kommen, der Sie an das Ufer brachte und dann zurückfuhr. Sie befreiten sich mühsam von ihren Banden und sprachen dann miteinander, gerade unter dem Baume, auf welchem ich mich befand.“

„Auf einem Baume haben Sie gesessen? Weshalb, wenn ich fragen darf?“

„Weil ich die Laguna de Carapa beobachten wollte. Ich will das Dorf überfallen.“

„Überfallen?“ fragte ich, indem ich ein möglichst erstauntes Gesicht machte. „Wie kann ein einzelner Mann ein Indianerdorf überfallen!“

„Wenn ich das dächte, so wäre ich freilich verrückt. Aber ich bin nicht allein hier.“

„Nicht? Wer ist noch da?“ fragte ich, indem ich mich ängstlich umblickte.

„Haben Sie keine Sorge!“ lächelte er fast mitleidig. „Diejenigen, von denen ich spreche, sind nicht so nahe, wie Sie zu denken scheinen. Und selbst wenn sie da wären, brauchten Sie keine Angst vor ihnen zu haben; Sie würden vielmehr mit offenen Armen von ihnen aufgenommen werden.“

„Wer ist es?“

„Ich würde diese Frage jedenfalls nicht so schnell und offen beantworten, wenn ich nicht gehört hätte, was Sie miteinander sprachen. Auch habe ich mich mit meinen Augen überzeugt, daß Sie allen Grund besitzen, sich an dem Desierto zu rächen. Darum sage ich Ihnen aufrichtig, daß ich gegenwärtig der Anführer einer Schar von Mbocovis bin, welche sich nicht weit von hier befindet.“

„Mbocovis? Das sind ja wohl Feinde der Tobas?“

„Todfeinde sogar! Sie brauchen also gar nicht zu den Chiriguanos zu gehen, um Unterstützung zu finden, falls Sie sich an dem Desierto rächen wollen.“

„Meinen Sie damit, daß uns die Mbocovis beistehen würden?“

„Es ist wahr. Gehen Sie nur getrost mit mir, um sich zu überzeugen!“

„Wie viele Indianer sind es?“

„Achtundfünfzig.“

„Und weshalb sind Sie mit ihnen nach dieser Laguna gekommen?“

„Um die Tobas zu überfallen.“

„Achtundfünfzig Mbocovis wollen diese Ansiedelung überfallen? Meinen Sie denn, daß wir das für möglich halten?“

„Nun, eigentlich haben Sie ein Recht, meine Angabe zu bezweifeln, denn achtundfünfzig Mann reichen unter gewöhnlichen Verhältnissen freilich nicht aus, ein solches Unternehmen zu Ende zu führen. Aber wir wissen, daß die Krieger der Tobas gegen die Chiriguanos fortgezogen sind.“

„Das stimmt. Aber Sie mußten sich doch sagen, daß die Tobas wieder hier sein könnten, wenn Sie eintreffen.“

„In diesem Falle hätten wir gewartet, bis die andern nachkommen.“

„So sind noch andere im Anzuge?“

„Ja, eine große Schar, welche in höchstens drei Tagen eintreffen wird. Wie ich von Ihnen gehört habe, sind die Tobas von den Chiriguanos zurückgeschlagen worden?“

„So ist es.“

„Und die letzteren kommen nun nach der Laguna, um Rache zu nehmen?“

„Ja. Wir haben es gehört. Die Feinde können sehr bald, vielleicht schon morgen da sein.“

„Ah, dann darf ich nicht säumen, sonst kommen sie mir zuvor und nehmen weg, was wir uns holen wollen. Also, wollen Sie mir nun glauben?“

ich antwortete nicht, sondern sah Pena fragend an. Dieser

antwortete an meiner Stelle:

„Man‘ hört es Ihnen an, daß Sie uns nicht belügen. Wir wollten zu den Chiriguanos, um mit diesen nach der Laguna zurückzukehren; da wir aber Ihre Mbocovis viel näher haben, so wäre ich nicht abgeneigt, Ihnen zu folgen, wenn Sie sich nicht weigern, uns über einen mir unklaren Punkt aufzuhellen.“

„Welchen Punkt meinen Sie?“

„Wie kommen Sie als Weißer zu den Mbocovis? Wie können Sie sogar der Anführer derselben sein?“

„Weil ich jahrelang in ihrem Gebiete als Cascarillero gearbeitet habe. Ich bin also nicht nur mit ihnen bekannt, sondern der besondere Freund ihres Häuptlings Venenoso. Welchen Grund ich habe, dem alten Desierto feindlich gesinnt zu sein, das gehört jetzt nicht zur Sache; aber ich will ihm verschiedenes heimzahlen, und die Mbocovis sind gern einverstanden gewesen, meine Pläne auszuführen. Mißtrauen Sie mir nun noch immer?“

„Nein; jetzt bin ich befriedigt. Und du?“

Diese letztere Frage war an mich gerichtet; darum antwortete ich:

„Da es der Zufall in dieser Weise fügt, so denke ich, daß wir es versuchen dürfen.“

„Sie dürfen es getrost!“ versicherte der Yerno. „Ich wiederhole Ihnen, daß Sie meinen Roten willkommen sein werden. Kommen Sie! Wir haben hier genug Zeit versäumt und können das, was wir noch zu sprechen haben, auch unterwegs bereden.“

„Hm!“ brummte Pena vergnügt. „Wer hätte das gedacht! Wir sahen einen langen und beschwerlichen Marsch vor uns und wußten auch nicht, wie die Chiriguanos uns aufnehmen würden. Nun sind wir diese Sorgen los.“

„Freilich sind Sie nun davon befreit. Sie sehen, daß Sie mich zu Ihrem Glücke getroffen haben, und darum denke ich, daß Sie mir dankbar sein werden.“

„Das versteht sich, ja das versteht sich ganz von selbst! Sie können sich auf uns verlassen.“

„Das thue ich allerdings, und ich werde sehr bald sehen, ob ich in der Weise, wie ich es wünsche, auf Ihre Erkenntlichkeit rechnen kann. Jetzt ist das Terrain zu schwierig zur Unterhaltung. Folgen Sie mir erst hinaus ins Freie!“

Er führte uns durch den Wald und kam dabei auf die Fährte, welche er bei seiner Herkunft zurückgelassen hatte. Als wir dann den baumlosen Camp erreichten und nebeneinander hergehen konnten, begann er von neuem:

„Nun kennen Sie meinen Namen und auch meine Absichten; jetzt sagen Sie mir, wie Sie heißen.“

„Ich heiße Escoba,“ antwortete Pena.

„Und ich Tocaro,“ sagte ich. „Wir sind Yerbateros.“

„Wie kommen Sie denn in die Gefangenschaft dieses viejo Desierto? Kannten Sie ihn?“

„Nein,“ antwortete Pena. „Wir kamen von den Bergen, wo wir einen außerordentlich glücklichen Fund gemacht hatten, und – –“

„Fund?“ unterbrach ihn der Yerno schnell. „So spricht man doch nicht von der Yerba. Sie haben etwas anderes gefunden?“

„Etwas viel besseres! Gold, eine ganze, starke Ader.“

„Alle Wetter! Was Sie sagen!“

„Ja, eine ganze Ader! Wir schlugen uns einen Vorrat heraus und machten das Loch wieder zu, um es später auszubeuten. Unterwegs trafen wir auf eine Schar von Tobas, denen wir uns anschlossen – –“

„Das war dumm! Das war sehr unvorsichtig!“

„Freilich wohl! Wir haben es auch zu bereuen gehabt. Aber wir waren nun einmal froh, Reisegefährten zu bekommen, und da dieselben zum Desierto gehörten, so glaubten wir, nichts befürchten zu dürfen. Wir hatten ihn zwar noch nie gesehen, aber doch so viel von ihm gehört, daß wir annehmen konnten, bei seinen Roten sicher zu sein.“

„Welch ein Thor sind Sie!“ lachte der Yerno. „Sie meinen, weil er als fromm bekannt ist?“

„Ja.“

„Das sind die Schlimmsten! Doch erzählen Sie weiter!“

„Meine Erzählung wird nicht lang sein. Die Tobas nahmen uns mit nach hier. Der Alte empfing uns sehr freundlich; als er aber hörte, daß wir Gold gefunden hatten, ließ er uns überfallen und einsperren. Er hat uns alles abgenommen, sogar unsere Anzüge.“

„Das ist schändlich! Auch das Gold?“

„Natürlich. Er wollte uns zwingen, ihm zu sagen, wo wir die Ader entdeckt haben.“

„Das thaten Sie doch nicht etwa?“

„Ist uns nicht eingefallen! Wie lange wir eingesperrt waren, wissen wir nicht, denn da es stets dunkel in dem Loche war, konnten wir den Tag nicht von der Nacht unterscheiden. Ein altes Weib war zuweilen bei uns. Von dieser erfuhren wir, was geschah. So wissen wir, daß die Tobas gegen die Chiriguanos gezogen, aber von diesen besiegt und beinahe aufgerieben worden sind. Heute kam ein Bote, dem es gelungen ist, zu entfliehen. Er meldete, daß die Chiriguanos nach der Laguna unterwegs seien, und der Alte ließ sofort das Dorf räumen und alles auf die Inseln schaffen.“

„Das stimmt; ich habe es gesehen. Wie aber kommt es, daß er Sie freigelassen hat?“

„Das fragen wir uns auch. Für ihn war es doch sicherer, uns umzubringen! Vielleicht ist es gerade eine sehr feine List von ihm.“

„Inwiefern?“

„Wir haben ihm die Goldader nicht verraten. Um den Ort zu erfahren, kann er uns freigelassen haben und einen Mann nachschicken, der uns folgen und heimlich beobachten muß.“

Der Yerno sah sich unwillkürlich um, um nachzuschauen, ob jemand hinter uns herkomme. Dann meinte er:

„Das wird er wohl bleiben lassen, denn er kann keinen Menschen entbehren, da er seine wenigen Leute zur Verteidigung der Insel braucht. Haben Sie ihm gesagt, woher Sie sind und wohin Sie wollten?“

„Ja.“

„So ist es eher möglich, daß er sich vorgenommen hat, einen Mann später dorthin zu senden. Aber dazu soll er nicht kommen, da es heute mit ihm zu Ende geht.“

„Hören Sie, das werden wir uns verbitten, Sennor Arbolo!“

„Warum? Was fällt Ihnen ein? Sie haben doch nicht etwa Ursache, ihn gegen mich in Schutz zu nehmen!“

„Das thue ich auch gar nicht.“

„Aber Sie verbitten sich seinen Tod!“

„Nein, den verbitte ich mir nicht. Ich verlange nur, daß nicht Sie ihn töten. Wir beide sind es, denen er verfallen ist. Wir haben ihm Rache geschworen, und wenn wir uns wirklich mit Ihnen verbinden sollen, so müssen Sie uns versprechen, daß der Alte nur allein uns gehören darf.“

„Das will ich Ihnen gerne zusagen, doch nur unter dem Vorbehalte, daß Sie weiter nichts verlangen, als nur den Alten.“

jetzt kam der Punkt, den ich längst erwartet hatte. Pena blinzelte mir heimlich zu und antwortete:

„Warum nur ihn allein?“

„Weil das für Ihre Rache genügt.“

„Das andere alles soll Ihnen zufallen?“

„Ja, mir und meinen Roten.“

„Hm! Sie sind sehr anspruchsvoll!“

„O nein. Bedenken Sie, daß ich, auch wenn ich Sie nicht getroffen hätte, heute -nacht das Dorf überfallen hätte und daß mir dann alles in die Hände gefallen wäre. Und bedenken Sie ferner, daß Sie ohne mich und die Mbocovis Ihre Rache gar nicht ausführen könnten, wenigstens nicht so bald!“

„Mag sein! Aber wenn Sie meinen, daß Ihnen heute nacht alles zugefallen wäre, so befinden Sie sich sehr im Irrtume. Gerade die Hauptsache hätten Sie nicht gefunden, das viele Geld des Alten.“

„Ah! er hat also wirklich so viel?“ fragte der Yerno, indem seine Augen gierig zu glänzen begannen.

„Sehr viel. Sie würden es aber doch nicht finden.“

„Wo liegt es denn?“

„Hm! Müssen Sie das wissen?“

„Ja. Das ist die Bedingung, unter welcher Sie den Alten bekommen sollen. Da Sie die Goldader entdeckt haben, brauchen Sie doch wohl kein Geld.“

„Hm!“ brummte Pena; dann fragte er mich: „Was sagst du dazu? Ohne dich kann ich natürlich kein Abkommen treffen.“

„Mach‘, was du willst,“ antwortete ich. „Mir ist alles recht, was du thust.“

„Auch daß ich sage, wo das Geld liegt?“

„Ja. Sennor Arbolo hat ganz recht. Wir brauchen das Geld nicht. Wir beuten später die Ader aus. Die Hauptsache ist, daß wir den Alten bekommen, um uns an ihm rächen zu können.“

„Nun, dieser Meinung bin ich auch. Aber ich denke, daß wir wenigstens das, was er uns abgenommen hat, zurückverlangen müssen.“

„Das sollen Sie gern bekommen l“ fiel der Yerno schnell ein.

Während er das versicherte, glitt ein ganz versteckt höhnischer Zug über sein Gesicht. Er war natürlich der Ansicht, daß er diese Goldbrocken einstweilen abtreten könne, weil er später doch wohl die ganze Ader erhalten werde,

„So sind wir einverstanden!“ erklärte Pena.

„Gut! Also sagen Sie mir nun auch, wo sich das Geld befindet.“

„Auf der einen Insel. Wenn Sie nämlich vom Ufer des Sees aus – –“

„Halt!“ unterbrach ich ihn, da er im Begriff stand, eine unverzeihliche Unvorsichtigkeit zu begehen. „Du beschreibst den Ort noch nicht. Sennor Arbolo soll ihn erfahren, sobald der alte Desierto sich in unsern Händen befindet.“

Der Yerno warf mir einen wütenden Blick zu, den ich nicht sehen sollte, aber doch bemerkte. Er beherrschte sich aber und sagte in ziemlich ruhigem Tone:

„Sennor Tocaro, Sie scheinen Mißtrauen gegen mich zu hegen. Warum soll denn Ihr Freund schweigen?“

„Weil es nicht meine Angewohnheit ist, den Preis auf den Tisch zu legen, bevor ich die Ware wenigstens sehe.“

„Sie sind sehr vorsichtig!“

„Das muß man sein. Sie kennen uns nicht und wir Sie auch nicht. Wir glauben Ihnen alles, was Sie sagen, aber wir sind noch nicht überzeugt, ob Ihre Mbocovis uns wirklich als Freunde behandeln werden. Darum werden wir mit unseren Geheimnissen so lange zurückhalten, bis uns dieser Beweis geliefert worden ist.“

„Habe nichts dagegen! Sagen Sie mir nur das Eine: Wissen Sie wirklich, wo sich das Geld des Alten befindet?“

„So gewiß, daß wir jeden Schwur darüber ablegen könnten.“

„So bin ich befriedigt, denn ich weiß, daß ich es in der kommenden Nacht erhalten werde.“

„Sie sind also fest entschlossen, den Angriff schon heute zu unternehmen?“

„Ohne allen Zweifel! Ich muß doch sonst gewärtig sein, daß die Chiriguanos mir zuvorkommen.“

„Und wie soll der Angriff geschehen?“

„Das werden wir dann beraten, wenn ich mit meinen Mbocovis gesprochen habe. Jedenfalls werde ich mich dabei auf Ihre Ratschläge verlassen können?“

„Ja.“

„Sie kennen das Dorf?“

„Sehr genau.“

„So bin ich gewiß, daß unser Vorhaben gelingen wird.“

„Wenn die Chiriguanos uns nicht dann die Beute wieder abnehmen.“

„Wir wehren uns!“

„Sie werden Ihren achtundfünfzig Mbocovis überlegen sein!“

„Diesen, ja, aber nicht den Gefährten, welche uns nachfolgen. Wir ziehen uns mit unserer Beute auf diese zurück, und dann mögen die Chiriguanos kommen und versuchen, sie uns abzujagen.“

„Wie stark ist die Schar, welche Sie erwarten?“

„Einige hundert Mann.“

„Unter ihren Häuptlingen?“

„Von ihren Kaziken angeführt, und zwar unter dem Oberbefehle eines Mannes, bei dessen Namen Ihnen sofort jeder Zweifel an dem guten Gelingen schwinden wird.“

Ich erriet sofort, wen er meinte, nämlich den Sendador, und mein Herz klopfte mir vor Freude; dennoch fragte ich:

„Wer ist dieser Mann?“

„Geronimo Sabuco.“

Er blickte mich triumphierend an, da er wohl überzeugt sein mochte, daß ich höchst erstaunt oder wohl gar entzückt sein werde. Statt dessen aber fragte ich in sehr gleichgültigem Tone:

„Sabuco? Wer ist das? Sabuco heißen viele Leute.“

„Aber es giebt nur einen einzigen berühmten unter denen, die diesen Namen führen! Haben Sie denn noch nie von dem Sendador gehört?“

„Von dem? Sogar sehr oft.“

„Das ist ja Sabuco!“

„Ah, der Sendador heißt Sabuco? Ja, das muß man doch erst erfahren, bevor man es wissen kann! Also der Sendador bringt die Leute geführt. Warum ist er nicht gleich mit Ihnen gekommen?“

„Weil er nicht da, sondern verreist war. Er hatte ein kleines Geschäft vor, dort in der Nähe von Nuestro Sennor Jesu-Cristo de la floresta virgen. Kennen Sie den Ort?“

„Einmal bin ich dort gewesen.“

„Dorthin sind die Mbocovis ihm entgegen gezogen, und sobald sie ihre Aufgabe dort erfüllt haben, kommen sie hierher. Ist es schneller gegangen, als wir dachten, so sind sie desto eher hier.“

„Was haben sie dort zu thun?“

„Etwas, was Sie nicht sehr interessieren kann. Vielleicht erfahren Sie es später. Ich sprach nur deshalb von dem Sendador, um Ihnen die Überzeugung zu geben, daß unser Plan unmöglich mißlingen kann, denn wo dieser Mann die Hand im Spiele hat, da kann es nicht fehlschlagen. Nun haben wir das Nötige gesprochen. Wollen schnell gehen, denn es wird Nacht.“

Die Sonne war gesunken, und es begann stark zu dunkeln. Der Schwiegersohn verdoppelte seine Schritte, und wir folgten natürlich sehr gern mit derselben Schnelligkeit. Es war schon vollständig Nacht, als er stehen blieb und, mit der Hand vorwärts deutend, sagte:

„Sehen Sie die Stelle vor uns, wo die Finsternis dicker ist als rechts und links davon? Das sind die Büsche, in denen meine Roten versteckt liegen.“

„Warum brennen sie kein Feuer?“ fragte ich.

„Aus Vorsicht natürlich. So lange sie nicht wissen, wie es da hinten am See steht, dürfen sie es nicht wagen, da ein Toba zufällig in die Nähe kommen und das Licht sehen könnte. Nun ich ihnen aber die Nachricht bringe, daß so etwas nicht zu befürchten ist, werden sie sich ein Feuer machen. Warten Sie hier!“

„Sie wollen uns allein lassen?“

„Ja, ich muß. Die Leute werden scharf auslugen. Ihre Augen sind an die Finsternis gewöhnt. Sie erwarten nur mich zurück. Wenn sie drei Personen sähen, würden sie uns für Feinde halten und uns mit vergifteten Pfeilen begrüßen. Ich muß Sie also anmelden und werde bald zurückkommen, um Sie zu holen.“

Er ging.

„Schade, daß wir nicht bei ihm sein können!“ flüsterte Pena. „Wir könnten da hören, was sie sprechen und beschließen. So aber können sie das Schlimmste über uns bestimmen, ohne daß wir eine Ahnung davon haben.“

„Schlimmes werden sie allerdings verhandeln; an den Kragen soll es uns sicher gehen; aber sie können es nicht ausführen.“

„Wissen Sie das so gewiß?“

„Ja. Allerdings wenn ich Sie vorhin hätte ausreden lassen, so wären wir verloren gewesen.“

„Ausreden! Wann?“

„Als er nach dem Orte fragte, an welchem der Desierto sein Geld versteckt hat.“

„Da habe ich keinen Fehler gemacht. Ich habe doch nicht von der Felsenwohnung gesprochen?“

„Allerdings nicht. Aber sie wollten ihm einen Ort auf der Insel beschreiben, an welchem das Gesuchte angeblich zu finden sei.“

„Das wäre doch kein Fehler gewesen, denn sie hätten nichts gefunden; sie hätten nicht einmal die Zeit gehabt, nachzusuchen.“

„Aber es wäre um uns geschehen gewesen.“

„Wieso?“

„Das fragen Sie noch? Sehen Sie denn nicht ein, daß dieser sogenannte Sennor Arbolo uns nur deshalb nachgelaufen ist und uns nur deshalb mitgenommen hat, weil wir unter seinem Baume davon sprachen, daß wir wissen, wo die Reichtümer des Alten liegen?“

„Natürlich sehe ich das ein. Er will von uns den Ort erfahren und sie sich dann holen.“

„Nun, und wenn Sie ihm irgend einen Ort sagen und beschreiben, so sind wir dann überflüssig und werden aus dem Leben befördert!“

„Ah! daran dachte ich freilich nicht.“

„So seien Sie von jetzt an vorsichtiger!“

„Keine Sorge! Ich werde nicht ein Wort zu viel sagen. Am besten ist’s, ich lasse Sie reden.“

„Thun Sie das. Und wenn wir beide miteinander sprechen, so nennen Sie mich ja du; wir haben das einmal so angefangen, damit er ja nicht daran zweifeln soll, daß wir so eng verbundene Leidensgefährten sind.“

„Ich werde keinen Fehler machen. Der geringste Verstoß könnte uns verderblich sein. Glauben Sie denn wirklich, daß der Sendador kommt?“

„Ja.“

„Ich nicht. Es erscheint mir unmöglich, daß er eine solche Reise nach Palmar gemacht und zugleich den Zug gegen die Tobas verabredet hat.“

„Warum nicht? Wir können nicht wissen, welche Dispositionen er in seinem Kopfe mit sich herumgetragen hat.“

„Aber was hatte er denn mit den Ariponern zu schaffen, wenn er seine Mbocovis nach dem Kreuze bestellt hatte?“

„Er traf zufällig auf sie, und da er mit ihnen auch befreundet ist, bediente er sich ihrer zur Erreichung seiner Zwecke. Daß sie nicht seine eigentlichen Verbündeten sind, ist dadurch erwiesen, daß sie nachher doch noch mit den Karawanenleuten Freundschaft schlossen, als er von ihnen fort war.“

„So meinen Sie, daß er den Indianer, von welchem er das Messer bekam, nicht zufällig getroffen hat?“

„Ja, das ist meine Ansicht. Die Mbocovis sandten diesen Mann voraus, um am Kreuz zu rekognoscieren, ob der Sendador schon da sei. Beide trafen auf einander. Der Bote kehrte zurück, um die Seinen nach dem Walde zu führen, an welchem wir überfallen werden sollten, und der Sendador heftete seinen Zettel an und machte dann so sichtbare Spuren, um uns sich nachzulocken. Ein eigentlicher Überfall war aber wohl nicht geplant. Nur dem feindseligen Verhalten dieses Gomarra haben wir das Folgende zu verdanken.“

Wir sprachen noch längere Zeit miteinander, bis der Schwiegersohn sich nahte. Wir hatten bemerkt, daß ein Feuer in den Büschen aufleuchtete. Beim Scheine desselben sahen wir die Gestalt des Yerno auf uns zukommen.

„Pst!“ machte er schon von weitem. „Sind Sie noch da? Kommen Sie mit mir!“

Ich war noch selten so gespannt gewesen, wie in diesem Augenblick. Hatte sich der Sendador inzwischen eingefunden, so war ich fest entschlossen, ein Wagnis zu unternehmen, daß er uns in die Hände fiel. Dann war mit ihm für uns alles gewonnen. Glücklicher- oder auch unglücklicherweise fand ich keine Veranlassung, diesen Vorsatz auszuführen, denn der Sendador war nicht zu sehen.

In der Bodensenkung, welche von Sträuchern umgeben war, saßen und lagen die Mbocovis, welche wir bereits gesehen hatten. Keiner rührte sich vom Platze, als wir zu ihnen traten; sie starrten uns an, nicht feindselig und auch nicht freundlich. Diese zur Schau getragene Gleichgültigkeit war kein gutes Zeichen für uns; man ersah aus derselben, daß sie uns Freundlichkeit nicht erzeigen wollten und Feindseligkeit nicht zeigen durften und sollten. Penas Blick flog schnell forschend im Kreise umher; ich wußte, weshalb. Er suchte, ob vielleicht ein ihm bekanntes Gesicht zu sehen sei. Welches Resultat er erreichte, zeigte seine befriedigte Miene und die Ruhe, mit welcher die Roten seinem Blicke begegneten. Hätte einer ihn erkannt, so wäre das sicher durch einen Aufblick oder eine Bewegung der Überraschung kundgegeben worden. Daß er klug daran gethan hatte, sich so schnell über diesen Punkt zu unterrichten, zeigte sich sofort, denn der Yerno sagte:

„Das sind also meine Mbocovis. Vielleicht können Sie mit denselben sprechen. Versteht einer der Herren ihre Sprache?“

„Nein,“ log Pena beherzt.

„Leider kein Wort,“ antwortete ich der Wahrheit gemäß.

„Wenn wir uns mit ihnen unterhalten sollen, so werden wir Sie also ersuchen müssen, den Dolmetscher zu machen.“

„Das soll geschehen. Setzen Sie sich hier nieder, und sagen Sie, ob Sie Hunger haben!“

„Wir danken. Wir wurden von dem schon erwähnten alten Weibe gespeist, ehe man uns in das Boot brachte. Aber um eine andere Gabe müssen wir Sie bitten. Sie sehen, daß wir vollständig ohne Waffen sind.“

„Sie brauchen keine, denn Sie befinden sich unter unserem Schutze und Schirme.“

„Aber wir werden doch wohl mitkämpfen sollen?“

„Nein. Wir sind genug Leute und werden so schnell über den Feind kommen, daß er gar keine Zeit zur Gegenwehr findet.“

„Geben Sie Pardon, wenn die Tobas darum bitten?“

„Sie müssen alle sterben. Dann werden sich genug Waffen für Sie finden. Es sind doch jedenfalls auch diejenigen noch da, welche man Ihnen abgenommen hat.“

Auch 1 diese Weigerung war ein Beweis, daß dieser Mann nichts Gutes mit uns plante. Doch fühlte ich mich nicht davon beunruhigt, denn er konnte uns erst dann nach dem Leben trachten, wenn er von uns die Stelle erfahren hatte, an welcher sich das Geld des alten Desierto befand. Und das – – sollte er ja nie erfahren.

Wir ließen uns an der Stelle nieder, welche er uns angedeutet hatte, nämlich mitten im Kreise und ganz nahe am Feuer, so daß wir ringsum von den Roten umgeben waren. Der Yerno wollte uns so sicher wie möglich haben. Als wir nun saßen, sagte er:

„Eine eigentliche Beratung, an welcher alle teilnehmen, kann es nicht geben, da Sie die Sprache meiner Leute nicht verstehen. Sie werden mir also Ihre Ansichten mitteilen, welche ich dann ihnen bekannt gebe. Sind Sie vielleicht über die Lage, in welcher wir die Tobas finden werden, unterrichtet?“

„Sehr genau sogar. Wir horchten die alte Frau aus, welche sehr redselig war, und als man uns aus dem Loche geholt hatte, dauerte es eine Weile, ehe wir in das Boot gelegt wurden. Inzwischen erteilte der Desierto verschiedene Befehle, welche wir mit angehört haben.“

„Das wäre eine große Unvorsichtigkeit gewesen, wenn ich nicht wüßte, daß er ein sehr kluger und vorsichtiger Mann ist. Daß er die Befehle vor Ihren Ohren gegeben hat, beweist also, daß er Sie für sehr ungefährliche Leute hält. Sie scheinen von nicht sehr kriegerischer Gesinnung zu sein! jetzt weiß ich, warum Sie sich alles so ruhig abnehmen ließen. Warum haben Sie sich denn nicht gewehrt?“

„Wir wollten wohl,“ antwortete ich in selbstbewußtem Tone, „aber als wir schießen wollten, gingen unsere Gewehre nicht los. Mein Freund hier hatte das Zündhütchen vergessen, und bei meiner Flinte war der Hahn eingerostet. Ich gab mir alle Mühe, ihn aufzuziehen, doch wurde ich inzwischen zur Erde gerissen!“

„So, solche Leute sind Sie!“ lachte er laut auf. „Nun, dann brauchen Sie überhaupt keine Waffen. Ich weiß nun sehr genau, woran ich mit Ihnen bin, und Sie mögen mir sagen, wie es im Dorfe an der Lagune steht!“

Er sprach diese Worte geradezu befehlend aus. Es war klar, daß wir uns seiner Achtung gar nicht zu erfreuen hatten. Ich antwortete:

„Das kann ich ganz genau sagen. Das Dorf ist ausgeräumt worden und ganz verlassen.“

„So ist nichts mehr dort zu holen?“

„Gar nichts mehr. Seit ‚ der Unglücksbote kam, haben die Tobas aus allen Kräften gearbeitet, um ihr ganzes Eigentum nach den Inseln zu schaffen.“

„Auch die Tiere?“

„Auch diese.“

„Das ist höchst fatal! Wie kommen wir hinüber?“

„Nichts ist leichter als das, denn es hängt ein Boot am Ufer.“

„Das ist unmöglich! Diese Kerle werden doch kein Fahrzeug zurücklassen, damit der Feind sich desselben bedienen kann, um sie zu überfallen?“

„Aus diesem Grunde freilich nicht,“ antwortete ich halbklug. „Der Desierto hat einige Späher fortgeschickt, welche das Nahen des Feindes erkunden und dann melden sollen. Für diese hängt das Boot am Ufer, sonst könnten sie ja nicht nach der Insel.“

„Ah, so ist es! Das leuchtet mir ein. Wie aber sind denn die Leute auf den Inseln verteilt?“

„Auf der großen, von welcher aus wir an das Ufer, wo Sie auf dem Baume gesessen haben, gerudert wurden, befinden sich die Männer, auf den andern Inseln die Weiber und Kinder mit den Herden und andern Habseligkeiten.“

„Das ist ja ganz vortrefflich, denn da können wir die Männer mit einem einzigen Schlage unschädlich machen! Leider aber laufen wir Gefahr, bemerkt zu werden, und das ist sehr schlimm, da wir nicht alle zugleich hinüber können.“

„Es hat keine Gefahr, Sennor, wenn Sie es klug anfangen. Die Chiriguanos wohnen doch im Westen von hier, folglich kommen sie aus dem Westen. Darum wollen die Tobas auf dem westlichen Teile der Insel lagern, um den Feind möglichst bald zu hören.“

„So! Also auf der andern Seite, wo die Bäume sind, ist niemand?“

„Kein Mensch.“

„So können wir dort landen und uns unter den Bäumen verbergen, bis wir alle beisammen sind.“

„Das ist sehr klug. Daran habe ich gar nicht gedacht. Ja, das ist das Beste, denn unter den Bäumen befinden Sie sich im Freien, wo Sie alles sehen können. Das ist also viel besser, als sich im Bethause versammeln, wie ich dachte.“

„Im Bethause? Die Idee ist nicht übel. Kann man denn in das Haus?“

„Ja, denn es ist kein Schloß, sondern nur ein Riegel oder eine Klinke an der Thüre.“

„Vortrefflich. Unter den Bäumen könnten wir gesehen werden, ehe wir stark genug beisammen sind. In dem Hause aber sieht uns kein Mensch. Ich glaube nun zu wissen, was ich brauche, und werde mit meinen Leuten reden.“

Er wendete sich zu den Roten, denen er eine zusammenhängende Rede hielt. Sie hörten ihm aufmerksam zu und warfen zuweilen verächtliche Blicke auf uns. Er sagte ihnen wohl, daß wir nicht nur Dummköpfe, sondern auch Hasenfüße seien. Dann unterhielt er sich einige Zeit mit dem Häuptling allein. Ich verstand natürlich nichts. Aber am Schlusse der Unterredung wurde ein Wort wiederholt, welches mir auffiel; es klang wie Horno. Dieses Wort hatte ich in der spanischen Sprache nicht gefunden. Sollte das deutsche Horn gemeint sein, welches im Spanischen cuerno heißt?

Eine auch für mich wichtige Bedeutung hatte das Wort jedenfalls, denn Pena sah mich, als es ausgesprochen wurde, mit einem zwar heimlichen aber bedeutungsvollen Blicke an. Sonst aber saß er mit der gleichgültigsten Miene da, und wer ihn auch noch so scharf beobachtete, konnte doch nicht vermuten, daß er jedes Wort verstand.

Endlich war das Zwiegespräch zu Ende, und der Yerno wendete sich wieder an uns beide:

„Da man in jedem Augenblicke das Eintreffen der Chiriguanos erwarten muß, so ist die Eile nötig. Wir sind also entschlossen, schon jetzt aufzubrechen. Sie gehen in unserer Mitte!“

Die Bande erhob sich. Das Feuer wurde ausgelöscht, und dann traten wir die zweite Hälfte unserer Aufgabe an; die erste war gut gelungen. Daß wir während des Marsches in die Mitte genommen wurden, sah ich nicht als ein Zeichen von Mißtrauen an. Man hielt uns jetzt nicht mehr für Menschen, welche geistig genug begabt sind, um in diesem Falle Argwohn zu erwecken. Da ich Arm in Arm mit Pena ging, so befanden wir uns einander so nahe, daß wir uns zuweilen einige leise, ungehörte Worte zuflüstern konnten.

„Wir sollen ermordet werden!“ raunte er mir in deutscher Sprache zu.

„Wann?“

„Wenn das Geld gefunden worden ist.“

„Und was geschieht mit der Goldmine, die wir entdeckt haben wollen?“

„Das Geheimnis soll uns durch Qualen entlockt werden.“

„Was war es mit dem Horno?“

„Ein Mann, welcher bei den Mbocovis gefangen ist. Man hat von dem Desierto Lösegeld für ihn erpressen wollen, was aber nun natürlich nicht als nötig erscheint.“

„Was sprechen Sie?“ fragte der Yerno. „Haben Sie etwa Heimlichkeiten?“

„Wir sollen doch nicht laut reden!“ antwortete ich.

„Sprechen Sie gar nicht!“

Um nicht etwa erst jetzt noch Argwohn zu erwecken, trennten wir uns und hielten uns so weit voneinander, daß wir gehört worden wären, wenn wir gesprochen hätten. Von Minute zu Minute trat die Gefährlichkeit unserer Lage deutlicher hervor. Es bedurfte nur einer kleinen Berührung mit einer vergifteten Pfeilspitze, so war es um uns geschehen.

Endlich erreichten wir den Carapawald und das Ufer der Lagune. Es ging jetzt nur sehr langsam vorwärts, da der Yerno so vorsichtig war, sich nicht allein auf meine Aussage zu verlassen, sondern mehrere Späher voranschleichen ließ. Die Leute fanden nichts Verdächtiges und machten erst an dem das Dorf jetzt umgebenden tiefen Wassergraben Halt. Der Yerno fand nichts Verdächtiges darin, daß die Tobas ihr Dorf in dieser Weise vor dem ersten Anprall der Feinde geschützt hatten, sandte aber mehrere Leute über den Damm in das Dorf, um nachzusehen, ob dasselbe wirklich verlassen sei. Als sie zurückkehrten, verstand ich ihre Meldung nicht, erfuhr aber später von Pena, daß sie in mehreren Häusern gewesen waren und dieselben vollständig leer gefunden hatten. Nun schlichen wir nach der Stelle, an welcher das Boot am Ufer lag. Der Schwiegersohn untersuchte dasselbe und meinte dann enttäuscht:

„So klein! Es faßt höchstens sechs Mann. Da müssen wir ja zwölfmal fahren! Sucht nach, ob vielleicht noch ein zweites da ist!“

Auch ich und Pena suchten, natürlich vergeblich. Daß man uns diese Freiheit der Bewegung ließ, war ein Zeichen, daß man uns traute. Inzwischen hatte der Yerno sich mit dem Häuptling beraten. Das Resultat dieser Unterredung erfuhren wir, indem der erstere uns fragte:

„Können Sie rudern?“

„Ja,“ antwortete ich, erfreut darüber, daß wir wahrscheinlich gleich mit hinüber sollten.

„Auch gut und gewandt?“

„Ganz unhörbar, wenn es sein muß.“

„So werden wir erst einmal rekognoscieren, ob der Weg, welchen wir einschlagen wollen, auch sicher ist. Aber, was ist denn das? Es ist ja hell da drüben!“

„Der Desierto wird ein Feuer brennen. Man sieht es von hier aus nicht deutlich, da sich Büsche dazwischen befinden.“

„So ist er mehr als dumm. Er verrät ja den Ort, an welchem er sich befindet. Also wir fahren jetzt hinüber. Sie rudern. Ich und der Häuptling begleiten Sie. Geben Sie sich Mühe, kein Geräusch zu verursachen!“

Ich stieg mit Pena ein und löste das Boot. Dann kamen die beiden nach. Sie setzten sich nicht, sondern sie legten sich ausgestreckt in den Kahn. Also das hatten sie sich ausgedacht! Wenn man das Boot drüben ja bemerkte, so sollten Pena und ich es sein, welche die vergifteten Pfeile in den Leib bekamen!

Natürlich waren wir dieser Gefahr ganz und gar nicht ausgesetzt. Wir langten auf der dunkeln Seite der Insel an, stiegen aus, banden das Boot an und schlichen uns nach dem Bethause. Die Thüre war leicht zu öffnen, und wir traten ein. Die Tobas hatten sich natürlich unter die Bänke versteckt, so daß der Yerno, als er rund um dieselben längs der Mauern herumschritt, nichts fand. Als er wieder zu uns an die Thüre kam, sagte er leise:

„Es ist kein Mensch da. Sie beide bleiben hier, und zwar mit mir. Ich als Anführer muß mich hier befinden. Der Häuptling fährt allein zurück und kommt, nachdem er seine Leute herübergeschickt hat, erst mit dem letzten Trupp.“

Er gab diese Instruktion dem Indianer, welcher sich dann entfernte. Er selbst trat vor die Thüre und blickte nach dem Feuer.

„Es scheinen auch Frauen dabei zu sein,“ sagte er. „Ich möchte einmal zählen, wie viele Personen es sind.“

„Wollen Sie hin?“ fragte ich.

„Ja. Ich schleiche mich so weit hinan, wie es möglich ist.“

„Das können Sie bequemer haben. Lassen Sie sich tragen!“

„Tragen? Sind Sie des Teufels? Von wem denn?“

„Von mir.“

„Mensch, Sie sind wirklich vollständig verrückt! Mich tragen zu lassen! Ich möchte wissen – –“

„Weshalb ich Ihnen das rate?“ unterbrach ich ihn. „Ich will es Ihnen lieber zeigen als sagen; nämlich so, in dieser Weise – –“

Ich legte ihm die beiden Hände um den Hals und zog ihn in das Gebäude. Er strampelte ein wenig und lag dann still auf dem Boden.

„Sind Leute da?“ fragte Pena jetzt halblaut. „Wir sind es, die beiden Freunde.“

„Ja, wir sind da,“ antwortete es in gebrochenem Spanisch. „Sollen wir kommen?“

„Ja. Bindet und knebelt den Kerl.“

Die Tobas waren im Nu bei uns. Als der Yerno die Riemen und auch den Knebel hatte, hob ich ihn auf und trug ihn nach dem Feuer. Als man dort meine Schritte hörte, wendeten sich mir alle Gesichter zu.

„Hier ist der Yerno,“ sagte ich, indem ich den Körper zu Boden warf. „Nehmen Sie ihn in Ihre Mitte. Ich mochte ihn nicht allein im Hause lassen, weil er der Unternehmendste von allen ist und auf den Gedanken kommen könnte, uns durch lautes Schnaufen zu verraten.“

„Aber man sieht Sie doch!“ warnte der Desierto.

„Nein; die Büsche decken mich.“

„Wir sind in großer Sorge. Wie geht es?“

„Ausgezeichnet; viel besser, als ich vermuten konnte.

Postieren Sie nun mehrere Leute in das Dunkel. Wir bringen Ihnen die jedesmal Überwältigten, da ich es doch für geraten halte, sie nicht im Bethause liegen zu lassen.“

jetzt kehrte ich schleunigst nach dem letzteren zurück, denn es war die Zeit, in welcher die ersten Fünf kommen mußten. Ein Sechster hatte den Kahn zu rudern und fuhr leer zurück.

Wir standen innerhalb des Hauses im Volldunkel. Die fünf kamen. Der Vorderste von ihnen that eine Frage in seiner Sprache; Pena antwortete und wurde also für den Yerno gehalten. Die Kerle traten ein und fühlten im nächsten Augenblicke unsere Hände um ihre Kehlen. Als sie unschädlich gemacht worden waren, wurden sie hinausgetragen zu den Leuten, welchen der Desierto inzwischen befohlen hatte, die Gefangenen zu bewachen. So erging es jedem einzelnen Trupp, und es kam nicht ein einziges Mal vor, daß einer der Mbocovis Mißtrauen gefaßt hätte. Sogar der zu allerletzt ankommende Häuptling kam so getrost zur Thüre herein, als ob er da zu Hause sei.

Die ganze Prozedur hatte ein wenig über eine Stunde gedauert. Als ich dem Desierto meldete, daß das schwierige Werk gelungen sei, wollte er es kaum glauben. Nur als er die Männer mit seinen eigenen Augen liegen sah, kam ihm die Überzeugung, daß wir fertig seien.

„Gott sei Dank!“ seufzte er erleichtert auf. „Ich habe große Angst ausgestanden, weniger um uns als vielmehr um Sie beide. Wie aber haben Sie das fertig gebracht?“

Pena erzählte es ihm einstweilen in großen Zügen, und ich fügte hinzu:

„Nun meinen Sie aber nicht, daß die Gefahr vorüber sei! Die eigentliche und größere kommt erst noch. Der Sendador ist selbst im Anzuge mit einer noch viel zahlreicheren Schar. Der Yerno sagte es.“

„Dem Himmel sei Dank!“

„Wie! Sie erschrecken nicht?“

„Nein, sondern ich freue mich. Wir werden diesem Menschen das Handwerk legen.“

„Wir sind vielleicht zu schwach dazu.“

„o nein. Nachdem ich gesehen habe, was Sie wagen und fertig bringen, fühle ich mich stark genug. Sennor, ich habe Sie sehr um Verzeihung zu bitten. Ich traute Ihnen beiden nichts Gutes zu; ich beleidigte Sie; ich – –“

„Pah! Sprechen Sie nicht davon!“ unterbrach ich ihn. „Wir haben zunächst Anderes und Nötigeres zu thun. Senden Sie einige Kundschafter aus, welche die Annäherung des Sendadors erlauschen mögen. Damit aber ist’s noch bis gegen morgen Zeit. Jetzt müssen wir vor allen Dingen die Gefangenen in Sicherheit bringen. Giebt es keinen Ort, von welchem sie nicht befreit werden können?“

„Halten Sie sie hier nicht für sicher? Wir haben ja rundum Wasser.“

„Aber nicht genug Leute zur Bewachung, wenn wir gegen den Sendador kämpfen müssen. Auch wissen wir nicht, wie dieser Kampf endet. Bleibt er Sieger, wenn auch nur für kurze Zeit, so befreit er diese Leute.“

„So müssen wir sie auf meinen Felsen schaffen. Es giebt dort Räume, die ich Ihnen noch gar nicht zeigen konnte.“

„Aber wie bringen wir sie hinauf? Sie einzeln am Baume empor tragen, das ist doch unmöglich!“

„Auch gar nicht nötig. Ich bin auch darauf vorbereitet, größere Lasten emporzuschaffen. Zu diesem Zwecke giebt es eine Art Grua oben, der mehrere Mann trägt. Aber ich habe mir diese Menschen nur angesehen, und noch mit keinem gesprochen. Wollen wir nicht ein Verhör mit ihnen anstellen?“

„Jetzt nicht. Vor allen Dingen hinauf auf den Felsen mit ihnen! Und damit sie dann nicht wissen, wo sie sich befinden, lassen Sie ihnen die Augen verbinden. Die Knebel wollen wir ihnen jetzt nehmen, denn nun können sie schreien und lärmen wie es ihnen beliebt, ohne daß wir einen Schaden davon haben.“

Der Desierto erteilte die nötigen Befehle. Auf einige laute Rufe kamen die Boote von den anderen Inseln herbei; auch die Fähre wurde geholt, mit deren Hilfe die Mbocovis bequemer hinüber nach dem Ufer geschafft werden konnten.

Es herrschte ein unbeschreiblicher Jubel unter den Tobas. Die Gefangenen hatten Schimpfreden anzuhören, wie sie nur ein südlicher Indianer sich auszusinnen vermag. Ich stand von ferne mit Pena, welcher mich fragte:

„Wollen wir nicht auch mal hin zu den Gefangenen?“

„Ich nicht, wenigstens jetzt nicht. Warten wir, bis sie sich oben auf dem Felsen befinden. Ich habe mit dem Yerno ein ernstes Wort zu reden.“

„Worüber?“

„Über jenen Horno, von welchem die Rede gewesen ist. Wie lange befindet sich dieser Mann bei den Mbocovis?“

„Davon wurde nicht gesprochen. Es war eben eine flüchtige Erwähnung. Der Häuptling meinte, wenn man den Desierto ausraube, brauche man von ihm kein Lösegeld für Horno zu verlangen und könne diesen nun töten.“

„Mir fällt auf, daß der Desierto das Geld hat zahlen sollen.“

„Vielleicht ist Horno ein Verwandter von ihm.“

„Ich habe eine andere Vermutung. Horno ist ein Deutscher, Namens Horn, und zwar ist er derjenige junge Mann, welcher im Verdachte steht, mit dem Gelde des Desierto davongegangen zu sein.“

„Wetter! Wie kommen Sie auf diese Idee?“

„Auf die leichteste Weise der Welt. ein deutscher Name, der Desierto als Zahler des Lösegeldes; das genügt mir einstweilen. Der junge Mann hat durch den Gran Chaco gemußt, ist überfallen, ausgeplündert und gefangen genommen worden. Die Roten dieser Gegend unternehmen doch, wie man allgemein weiß, große und weite Züge, um Menschen zu rauben und dann Lösegelder zu erpressen. Horn hat gesagt, daß der Desierto ihn loskaufen werde; er hat vielleicht gar von dem großen Reichtume des Alten gesprochen, und da haben die Mbocovis, von dem Sendador und dem Yerno veranlaßt, es vorgezogen, sich das ganze Vermögen anstatt nur ein Lösegeld zu holen.“

„Hm! Das klingt ganz einleuchtend. Wir müssen es natürlich sofort dem Desierto mitteilen!“

„Nein! Wir dürfen nicht eine Hoffnung in ihm erwecken, welche vielleicht nicht in Erfüllung geht. Ich frage zunächst den Yerno.“

„Er wird nicht antworten.“

„So löse ich ihm die Zunge mit der Peitsche.“

„Ah, Sie sind doch stets und streng gegen solche Gewaltthätigkeiten gewesen!“

„Mit vollem Rechte. Hier aber ist eine Ausnahme vorhanden. Hat dieser Yerno nicht uns beide morden wollen? Beabsichtigte er nicht, den Tobas den Pardon zu versagen? Und sollen wir einen solchen Halunken schonen, nur damit ein braver Mann länger bei den Mbocovis schmachtet und endlich, wie wir vernommen haben, gar ermordet wird? Nein, der Mann bekommt Prügel nach Zweiunddreißigstel-Noten, wenn er nichts gesteht. Wir nehmen ihn sofort vor, sobald er sich auf dem Felsen befindet.“

„Wir beide allein?“

„Wir beide und zwei Indianer, welche die Peitsche führen.“

„So kommen Sie! Wir sind ja fast die letzten hier auf der Insel.“

Er hatte recht. Wir kamen gerade noch zur rechten Zeit, um in dem einzigen noch vorhandenen Kahn, welcher sich zur Abfahrt anschickte, notdürftig Platz zu finden. Man hatte uns ganz vergessen, uns, die wir nach Penas Ansicht die Hauptpersonen des heutigen Abends waren.

Das Ufer bot jetzt einen fast feenhaften Anblick. Es waren Fackeln herbeigeschafft worden. Alle Welt war von den Inseln gekommen, um die Gefangenen zu sehen, und alle Welt, weiblich und männlich, trug eine brennende Fackel in der Hand. Man hatte den Mbocovis die Füße freigegeben, daß sie laufen konnten, aber ihre Gesichter oder vielmehr die ganzen Köpfe waren mit Bastmatten umwickelt worden. Sie wurden von den Kriegern geführt. Voran und hinterher schritten die Amazonen mit ihren Waffen, an der Spitze Unica, welche ich für heute abend zum erstenmale sah, da sie auf der Hauptinsel nicht gewesen war. Hinter ihr stieg der Tambour einher, welcher den größtmöglichen Lärm machte. Dann folgten die Dorfbewohner bunt durcheinander, lachend, schreiend, jubelnd. Es war ein wahrer Hexensabbath, bei welchem ich nicht die Gedanken und Gefühle der Gefangenen hätte haben mögen, welche nach dem Brauche des Gran Chaco unbedingt ihr Leben verwirkt hatten.

An der einen Seite des Felsens wurde Halt gemacht. Rufe erschollen von oben, und ein starkes Tau wurde herabgelassen. Man befestigte einen Gefangenen nach dem andern daran, um sie einzeln emporzuwinden. Wohin sie verschwanden, konnte ich nicht sehen, da das Licht der Fackeln nicht so hoch reichte.

Wir beide hielten uns auch jetzt fern und sahen von weitem zu. Dann gingen wir zur Algarobe, um hinaufzuklettern und zu versuchen, ob wir Eingang finden würden. Die Thüre stand offen und wir traten ein.

Im Vordergrunde brannte ein Talglicht; ebenso fanden wir in jedem Raume, durch welchen wir kamen, eins. Es galt zunächst, uns umzukleiden, was in zwei Minuten geschehen war. Dann gingen wir weiter bis in die große Rinden-Niederlage, wo wir wohl ein Dutzend Indianer und auch den Desierto fanden, welche mit den Gefangenen beschäftigt waren.

Man hatte im hinteren Teile dieses Raumes die Wand von den aufgestapelten Rinden frei gemacht, und da sah ich einen vorher verborgenen Eingang zu einem langen, niedrigen Gewölbe, in welchem ganz regelrecht geböttcherte Fässer lagen. Zwischen diese legte man die Gefangenen nieder, denen man die Füße wieder gebunden hatte.

„Denken Sie, daß sie sicher hier sind?“ fragte mich der Desierto mit einer Miene, welche sehr deutlich die Erwartung ausdrückte, daß ich über diese neue Räumlichkeit erstaunen werde.

„Vollständig!“ antwortete ich. „Hier holt sie selbst der Sendador nicht heraus.“

„Nein, sondern wir holen ihn herein! Nachdem ich mit dem Boote von dem Ufer, an welches ich Sie beide gebracht hatte, zurückgekehrt war, habe ich sofort zwei Eilboten abgesandt, welche meine von ihrem Zuge zurückkehrenden Krieger zur größten Schnelligkeit ermahnen sollen. Ich hoffe, daß sie eher da sein werden als der Sendador. Dann aber wehe ihm!“

„Und wenn er eher kommt?“

„So greifen wir abermals zur List.“

„Zu welcher?“

„Hm!“

Er blickte sinnend nieder, und sein bisher so zuversichtliches Gesicht nahm einen recht bedenklichen Ausdruck an.

„Das Brummen bringt uns nicht weiter,“ sagte ich. „Mit Hm und wieder Hm fangen wir keinen Sendador.“

„Das weiß ich, Herr, und darum werde ich es Ihnen überlassen, sich einen Plan auszudenken.“

„Jetzt schwerlich. Ich bin im höchsten Grade abgestumpft und ermüdet, wie Sie sich wohl denken können. Ich und Sennor Pena müssen unbedingt schlafen.“

„Ich denke, Sie sollen mir Ihr heutiges Abenteuer noch erzählen, ausführlicher, als es vorhin geschehen konnte!“

„Heben wir das für morgen auf! Wer weiß, was der morgende Tag für Ansprüche an uns macht, und da müssen wir ausgeruht haben.“

„So schlafen Sie! Aber wie nun, wenn der Sendador während der Nacht kommt?“

„Das ist unmöglich. Senden Sie ihm beim Grauen des Tages Kundschafter entgegen!“

„Weiß ich denn die Richtung, aus welcher er kommen wird!“

„Wenn Sie nicht, so weiß ich sie. Er wird sicherlich genau auf der Fährte kommen, welche die Mbocovis gemacht haben; sie mag also Ihren Kundschaftern als Wegweiser dienen. Doch müssen diese Leute barfuß gehen und, sobald sie den Feind erblicken, genau auf ihren eigenen Stapfen umkehren. Dann wird man ihre neue Spur von der alten der Mbocovis nicht unterscheiden können.“

„Wollen wir denn nicht wenigstens die Gefangenen verhören?“

„Sie erfahren nichts von ihnen. Warten wir bis morgen. Wenn Sie ernstlich wünschen, daß wir Ihnen dienlich sein sollen, so gönnen Sie uns die Ruhe!“

„Nun wohl, ich will nicht weiter in Sie dringen und werde Ihnen eine Stube anweisen.“

„Danke! Wir schlafen im Grase Ihres Gartens, welches für uns das beste und bequemste Lager ist.“

„Aber, Herr, was denken Sie! Zwei Deutsche, welche meine Retter sind, soll ich unter dem freien Himmel im Grase schlafen lassen? Dazu haben Sie bei all den Anstrengungen noch nicht gegessen!“

„Ist nicht notwendig. Wir wollen nur Ruhe, weiter nichts. Für alles übrige ist nach dem Schlafe auch noch Zeit. Vergessen Sie die Kundschafter nicht! Das ist das Einzige, was ich Ihnen einzuschärfen habe, und nun gute Nacht!“

Ich nahm Pena beim Arme und zog ihn mit mir fort. Der Desierto wollte uns folgen, jedenfalls um uns noch weitere freundschaftliche Vorstellungen und Anerbietungen zu machen; ich schob ihn aber zurück. Er war jetzt ein ganz anderer als vorher. Das Starre, Todesähnliche war verschwunden; er hatte Geist, Farbe und Leben bekommen.

Draußen im Garten streckten wir uns im Gras nieder. Unten am Felsen erscholl noch die Trommel; schrille Pfeifen und harte Klappern fielen ein; hundert Stimmen sangen, jede derselben klang anders. Man hätte glauben sollen, daß es ganz unmöglich sei, bei einen solchen Lärme einzuschlafen; aber ich lag kaum auf dem Rasen, so fielen mir die Augen zu, und nur wie im Traume hörte ich eine weibliche Stimme rufen:

„Sennores, wo sind Sie?“

Pena brummte, auch er war bereits im Entschlummern gewesen.

„Sennores, Sennores!“ rief es wieder.

„Ah! da sind wohl wir gemeint?“ fragte der Gefährte.

„Vermutlich. Es ist Unicas Stimme.“

Das Mädchen kam näher. Wir wollten uns nicht als Grashüpfer erwischen lassen und antworteten also nicht; aber sie entdeckte uns doch. Pena blieb liegen, als ob er fest schlafe; ich aber setzte mich auf, reichte ihr die Hand entgegen und fragte:

„Sie wollen uns gute Nacht sagen, Sennora?“

„Ja, gute Nacht und Dank.“

„Das erste nehme ich an; das zweite aber nicht.“

„Sie müssen! Sie haben uns gerettet, und doch achtet niemand auf Sie. Der Oheim hat mir gesagt, daß Sie nirgend anderswo schlafen wollen als hier, und ich kann Sie zu keiner Änderung dieses Entschlusses bringen; aber meinen Dank muß ich Ihnen mit in den Schlummer geben.“

„Wieder Dank! Nun, ich will Ihnen sagen, wie Sie uns noch heute recht herzlich danken können. Nennen Sie uns den Namen, welchen der Oheim verschwiegen wissen wollte.“

„Herr, warum gerade das?“

„Den Grund sage ich Ihnen am Tage. Also bitte, wie hieß jener untreue, undankbare Deutsche?“

Sie zögerte eine Weile, dann erklang es leise:

„Adolf Horn. Aber jetzt Sennor, muß ich fort. Gute Nacht.“

Sie eilte der Thüre zu.

„Halt, Sennora, noch eins!“ rief ich ihr nach.

„Ich darf nicht mehr sagen!“ antwortete sie zurück. „Gute Nacht!“

„Sie sollen auch nichts sagen, sondern ich will Ihnen was mitteilen.“

Sie blieb stehen.

„Was denn, Sennor?“

„Sennor Adolfo Horno ist vollständig unschuldig.“

„Adolfo Horno! Sie wissen, wie sein Name hier ausgesprochen wurde! Sie sagen, er sei unschuldig! Himmel! Woher wissen Sie es? Sagen Sie es – schnell, schnell!“

Sie stand schon wieder bei mir.

„Jetzt nicht, Sennora,“ antwortete ich. „Ich habe heute gehört, daß dieser brave junge Mann sich unterwegs nach hier befindet, und hoffe, daß Sie ihn recht bald sehen werden.“

„Das sagen Sie in diesem kalten Tone! Sennor, von wem haben Sie es erfahren?“

„Von – von – – aber bitte nun endlich, Sennora, ich muß schlafen!“

„Sie, ja! Aber ich werde nun nicht schlafen können!“

„Das schadet Ihnen nichts, denn Ihr Geist wird sich auch im Wachen mit etwas sehr Angenehmem beschäftigen.“

„Sennor, ich muß gehorchen. Aber wissen Sie vielleicht – –“

„Nun, was?“

„Daß Sie es gar nicht verstehen, mit einer jungen Sennorita umzugehen?“

„Das weiß ich leider schon längst. Und nun bitte, gehen Sie zum Oheim, und sagen Sie ihm, daß er Herrn Horn aus Graz sehr unrecht gethan hätte. Er soll aber ja nicht auch noch kommen, um mich zu fragen. Gute Nacht!“

„Ja, ja, Sie haben recht. Der Onkel muß es sofort erfahren. Gute Nacht!“

Jetzt ging sie in Wahrheit fort.

„Hm!“ brummte Pena. „Er ist es also doch!“

„Natürlich! Ich hatte das sichere Gefühl, daß ich mich da nicht irren könne.“

„Dann Prosit die Mahlzeit, Sennor Yerno! Morgen bricht jedenfalls nicht der schönste Tag deines Lebens an!“

Das dachte ich auch; eine halbe Minute später aber dachte ich überhaupt nichts mehr, denn ich war eingeschlafen. Der reiche Sauerstoff macht, wenn man im Freien schläft, daß man viel eher erwacht und sich mehr gestärkt und erquickt fühlt, als wenn man im Zimmer geschlafen hat. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als ich mir den Tau von der Jacke schüttelte und aufstand. Pena erwachte von dem Geräusch dieser Bewegung und sprang auch auf.

„Guten Morgen! Wieder munter?“ grüßte er.

„Gruß zurück! Wie eine Forelle.“

„So kann es also mit dem Yerno losgehen?“

„Ja. Aber vorher wollen wir ein Bad nehmen. Kommen Sie!“

„Dann wecken wir den Desierto auf!“

„Nein. Wir laufen gleich am Krahn hinunter.“

„Wenn Sie das laufen nennen, so möchte ich Sie dann auch einmal klettern sehen!“

Der Krahn stand von gestern abend noch aufgerichtet. Er bildete ein Balkendreieck, von dessen nach außen über die Mauer hinaus gerichteter Spitze das Tau noch hinunter hing. Durch einen ebenso einfachen wie sinnreichen Mechanismus war er sowohl zu bewegen als auch auseinanderzunehmen und wieder zusammenzufügen. Der alte Desierto hatte wirklich hier in dieser Wildnis außerordentlich viel zustande gebracht. Ich kletterte an dem schrägen Balken hinaus bis zum Seile und ließ mich an demselben hinab. Pena folgte mir. Als wir unten angelangt waren, kam ihm ein Bedenken.

„Baden?“ sagte er. „Es giebt ja Krokodile massenweise in der Lagune!“

„Ich sah eine Stelle, wo es gewiß keine giebt. Kommen Sie nur!“

Etwas aufwärts vom Landeplatze war ein Viereck abgedämmt, welches den Indianern jedenfalls als Badebassin diente. Dort erquickten wir uns in dem frischen Wasser und gingen dann ins Dorf, wo alles bis auf einen einzigen Menschen noch zu schlafen schien. Dieser Einzige stand an der Thüre und sah nach dem Wetter aus, gerade wie ein deutscher, civilisierter Spießbürger des Morgens seinen Kopf aus der Thüre steckt, um zu erfahren, ob es Sonnenschein oder Graupelwetter geben werde. Er hatte zu den Männern gehört, welche gestern in dem Bethause postiert waren, und konnte ein wenig spanisch radebrechen. Das war mir lieb. Ich sagte ihm, er solle noch einen kräftigen Kameraden holen und dann mit uns kommen. Er ging, um diesen Befehl auszuführen, und kam bald mit noch einem Indianer. Sie folgten uns, nachdem wir ihnen gesagt hatten, daß wir hinauf auf den Felsen wollten. Da, wo das Seil des Krahnes die Erde berührte, blieb ich stehen und warf Pena einen fragenden Blick zu. Er nickte lächelnd, und so ergriff ich das Tau und turnte mich empor. Pena that dasselbe. Wir riefen den beiden Roten zu, uns zu folgen, und sie gehorchten. Oben angekommen, schwang ich mich auf den schrägen Balken, um nach dem Garten hinüberzurutschen. Pena war hart hinter mir. Da bot sich uns, indem wir abwärts blickten, ein höchst interessantes Bild.

Der erste Rote hatte ziemlich die Hälfte des Seiles, der zweite aber den vierten Teil desselben zurückgelegt. Beide konnten nicht weiter, schämten sich aber, dies einzugestehen. Sie blickten bald zu uns herauf und bald zur Erde nieder, bis den ersten die Kraft verließ. Er sauste am Seile nieder und dem zweiten mit solcher Gewalt auf den Kopf, daß dieser sich nun auch nicht zu halten vermochte und beide mit einem höchst erklecklichen Plumps die liebe Mutter Erde begrüßten und noch eine Anzahl Purzelbäume schlugen. Der Indianer ist durchschnittlich ein schlechter Kletterer.

Wir befanden uns schon eine ganze Weile im Garten, als sie dort eintrafen. Sie hatten den gewöhnlichen Weg über die Algarobe eingeschlagen und den einen Diener des Alten wach gefunden. Nun kamen sie mit ihm herangehinkt, daß es eine Lust und Freude war.

Auf meine Frage erfuhr ich, daß der Desierto erst mit Tagesanbruch zur Ruhe gegangen sei, nachdem er die Kundschafter instruiert und fortgesandt habe. Dann verlangte ich, man solle uns den Yerno heraus in den Garten holen.

Die drei brachten ihn geführt, nachdem sie ihm die Beinriemen gelöst hatten. Er sah ganz übernächtig aus, was kein Wunder war, da er jedenfalls nicht eine Minute geschlafen hatte, und machte ein ganz unbeschreibliches Gesicht, als er uns erkannte. Welches Spiel wir mit ihm getrieben hatten, darüber war er sich nun wohl klar, aber daß wir heute andere und weit bessere Anzüge trugen als gestern, das schien er nicht begreifen und erklären zu können.

Buenos dias, Sennor!“ grüßte ich ihn. „Wie haben Sie geschlafen?“

Sein dunkles, unstätes Auge warf mir einen Blick unsagbaren Grimmes zu; dann antwortete er mit fast knirschender Stimme:

„Schuft! Sogar der Teufel wird dich einst verschmähen!“

„Was mir sehr lieb sein kann! Doch bevor Sie den Mund noch einmal öffnen, will ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich gern höflich bin und mich ebenso gern höflich behandeln lasse. Um Ihretwillen hoffe ich, Sie haben eingesehen, daß Sie es weder mit Hasenfüßen noch mit Dummköpfen zu thun haben. Ihre Klugheit und Logik ist gräßlich an unserm schlichten Verstande zu Grunde gegangen, und so ist es Ihnen wohl anzuraten, sich eines besseren Tones zu bedienen. Jetzt werden Sie mir sagen, wie Sie heißen!“

„Ich habe es Ihnen gestern gesagt.“

„Sie heißen nicht Arbolo.“

„Ich habe es gesagt und folglich heiße ich so. Ich bin kein Lügner, wie ihr beide.“

Wenn er der Ansicht gewesen war, daß wir uns auch diese dritte Grobheit gefallen lassen würden, so hatte er sich sehr geirrt. Wir beide waren zwar um unsere Pferde, nicht aber um die Peitschen gekommen, die an unsern Gürteln hingen. Ich griff nach der meinigen, um den Buben zu züchtigen, da aber flog ihm schon diejenige Penas über das Gesicht, daß der Getroffene fast hintenüber gestürzt wäre.

„Da hast du die Antwort, Schurke!“ sagte Pena in aller Ruhe. „Ein Raubmörder, wie du bist, bekommt für jede freche Antwort einen solchen Hieb. Das merke dir. Ich bin Pena, der deutsche Cascarillero. Vielleicht kennst du meinen Namen.“

„Pena!“ entfuhr es dem Yerno. Er war erschrocken, faßte sich aber schnell und fuhr fort: „Ich kenne weder Sie, noch Ihren Namen. Wer Sie sind, ist mir sehr gleichgültig!“

„Sie werden nicht ewig gleichgültig bleiben,“ antwortete ich ihm. „Sie wollten die Tobas überfallen und ohne Gnade niedermetzeln. Sie wollten mich und Pena töten und – –“

„Wer hat das gesagt?“ unterbrach er mich.

„Sie selbst. Sie sind nicht der einzige Weiße, welcher die Sprache der Mbocovis versteht! Wir kennen jedes Wort, welches gestern gesprochen wurde. Wir haben Sie auch nicht etwa gestern zum erstenmale gesehen, sondern wir beide belauschten Sie und sind Ihnen vorausgeeilt, um dem viejo Desierto Ihre Ankunft zu melden.“

Er stieß einen zischenden Pfiff aus, sagte aber nichts.

„Und ebenso haben wir ihn von der zu erwartenden Ankunft Ihres Schwiegervaters benachrichtigt,“ fuhr ich fort.

„Schwiegervater?“ fragte er. „Soll ich etwa einen haben?“

„Natürlich, den Sendador.“

„Ich bin ja unverheiratet!“

„Und werden von den Mbocovis doch nur Yerno genannt? Machen Sie sich nicht lächerlich. Doch, das sind Nebensachen. Ich habe Sie aus einem andern Grunde zu mir kommen lassen. Sie kennen einen jungen Mann, welcher Adolfo Horno heißt?“

Er zuckte zusammen, antwortete aber doch:

„Nein.“

„Sie haben doch gestern zum Häuptlinge der Mbocovis von ihm gesprochen?“

„Das ist eine Lüge!“

„Mann, wahren Sie Ihre Zunge! Wir dulden kein solches Wort mehr! Wir haben gehört, was Sie sprachen. Sie haben für diesen Sennor Horno von dem Desierto ein Lösegeld erpressen wollen. Nach dem Siege über die Tobas sollte er ermordet werden.“

„Das ist nicht wahr.“

„Sie wissen nicht, wo dieser Mann ist, kennen ihn wohl gar nicht?“

„Nein.“

„Das thut mir leid um Ihretwillen. Ich will erfahren, wo er sich befindet, und also werde ich es erfahren; ist’s nicht auf die eine, sodann auf die andere Weise. Wollen Sie es mir freiwillig sagen?“

„Ich weiß es nicht.“

„Ganz wie Sie wollen! Ich werde Sie so lange peitschen lassen, bis Sie mir den Ort nennen.“

„Das wagen Sie ja nicht!“ fuhr er auf. „Sie haben kein Recht dazu!“

– „Wir sind im Chaco, folglich habe ich das Recht. Also, wollen Sie gestehen?“

„Ich weiß nichts. Hauen Sie zu! Ich lache Sie doch aus!“

Der Mensch wurde an den Baum gebunden mit dem Rücken nach auswärts. Die beiden Indianer bekamen unsere Peitschen und schlugen aus Leibeskräften zu, abwechselnd, jeder einen Hieb. Ich wendete mich ab und zählte. Nach dem vierzigsten Hiebe drehte ich mich wieder um. Er wandte uns das Gesicht zu, hatte die Zähne zusammengebissen und sah uns hohnlachend an. Nach dem sechzigsten Hiebe bestand sein Rücken aus blutigen Fleisch- und Kleiderfetzen, dennoch grinste er uns noch höhnisch an und sagte kein Wort.

„Immer weiter!“ rief Pena. „Schlagt nur zu, bis er gesteht, und wenn ihr den Hund totprügelt!“

„Nein,“ sagte ich. „Haltet ein! Wer soll das ansehen!“

Da stieß der Exekutierte ein heiseres Gelächter aus und brüllte:

„Hört das Weib! Er kann das Blut nicht ansehen! Schlagt nur immer zu! Haut mir die Knochen entzwei! Reißt mir die Eingeweide heraus! Aber erfahren sollt ihr doch nicht, wo sich dieser Horno befindet!“

„Doch Sie wissen es?“ fragte ich.

„Ja, ich weiß es,“ antwortete er. „Gerade um euch zu zeigen, wie ich euch nur auslache, will ich es sagen, daß ich selbst es bin, der ihn gefangen hat. Weiter aber erfahrt ihr kein Wort, und wenn ihr mir die Glieder mit glühenden Zangen auseinander reißt!“

„Solcher Anstrengungen bedarf es nicht. Sie werden uns flehentlich bitten, es uns sagen zu dürfen, und wir werden es nicht hören wollen!“

„Bitten? Flehen? Niemals, nie!“

„Noch heute, noch an diesem Vormittage werden Sie mich um Gotteswillen bitten, das Wort anzuhören, welches Sie mir jetzt verweigern.“

„Das thue ich nicht, und wenn ich alle Qualen der Hölle erdulden sollte!“

„Pah! Sie werden das Wort laut herausbrüllen, herausschreien, damit wir es hören sollen. Bindet ihn anders, so daß er auf dem Rasen sitzt und mit dem Rücken an dem Stamme lehnt. Bindet ihm auch den Kopf fest, so daß er ihn nicht um ein Haar breit bewegen kann!“

Während die beiden Indianer dieser Weisung gehorchten, holte ich den hohlen Teil eines Tagoarabambus herbei, welcher in der Nähe lag und wohl als kleines Wassergefäß benutzt worden war. Dieser hohle Cylinder war vielleicht zehn Centimeter im Durchmesser. Ich arbeitete mit der Messerspitze ein kleines Löchelchen durch den Boden und verschloß dasselbe dann mit einem Holzpflöckchen in der Weise, daß das Wasser nur in einzelnen, langsamen Tropfen hindurchquellen konnte. Der Diener mußte das Gefäß mit Wasser füllen, und dann wurde es hoch über dem Kopfe des Yerno an den Stamm gehängt. Ich hatte es so getroffen, daß vielleicht alle vier Sekunden ein kleiner Tropfen drei Ellen hoch auf die Mitte des Schädels des Yerno fiel. Dann rasierte ich mit der Schärfe meines Bowiemessers das Haar von dieser Stelle.

Der Schwiegersohn hatte das alles wortlos geschehen lassen und mit angesehen. Jetzt lachte er trotz der Schmerzen, welche sein zerpeitschter Rücken ihm verursachen mußte, geradezu brüllend auf und geiferte dabei hervor:

„Jetzt werde ich rasiert und frisiert! Und das soll mich zum Geständnisse bringen? Ihr seid alle reif für das Narrenhaus!“

Ich winkte den drei Indianern, sich zu entfernen und nahm Pena am Arme, um ihn in die nächste Laube zu führen.

„Aber, lieber Freund,“ fragte er dabei, „was ist das denn eigentlich für ein Kunststück, welches Sie da produzieren wollen? Ich verstehe es nicht und begreife es nicht.“

„Ein Kunststück ist es nicht, sondern eine ganz kunstlose, natürliche Prozedur, welche den Menschen zwingen wird, mir die verlangte Antwort zu geben.“

„Diese Wassertropfen sollen das erwirken, was die Prügel nicht zustande gebracht haben?“

„Ja, das werden sie!“

„Unbegreiflich! Sie haben doch den Rücken dieses Menschen gesehen. Der Anblick war geradezu schrecklich! Und welche Folgen hatte es? Er lachte uns aus und verhöhnte uns. Ein Geständnis aber gab er nicht. Und was dieser zerfleischte Rücken, was diese Wunden nicht vermocht haben, das erhoffen Sie von dem armseligen Wassertropfen, welcher ihm auf den Kopf fällt? Das wäre das größte Wunder, welches ich gesehen habe!“

„Wollen Sie einen ganz natürlichen Vorgang ein Wunder nennen, so habe ich nichts dagegen. Aber sagen Sie, haben Sie vielleicht schon einmal das deutsche Wort prügelfaul gehört?“

„Ja. Das ist die Unempfindlichkeit gegen Schläge.“

„Ja. Fragen Sie Eltern und Lehrer; fragen Sie Stockmeister und Korporale, nämlich wenn die letzteren aus der militärischen Prügelzeit noch lebten! Sie würden erfahren, daß es Personen oder Subjekte giebt, welche die Schläge gar nicht zu fühlen scheinen, welche desto mehr lachen, je stärker und dicker die Prügel fallen. Vielleicht gehört der Yerno zu diesen Leuten, welche Nerven von der Stärke und Unempfindlichkeit der Schiffstaue zu besitzen scheinen. Nun, wenn die Nervenverzweigungen so widerstandsfähig sind, so muß man sich an die Nervenquelle, an das Gehirn wenden. Vielleicht ist dieses empfänglicher gegen schmerzhafte Einwirkungen.“

„Nennen Sie das Gefühl, welches der Wassertropfen hervorbringt, einen Schmerz?“

„Nein; aber eine unausgesetzte Folge von Tropfen, welche nacheinander auf eine und dieselbe Stelle fallen, bringt eine Wirkung hervor, mit welcher sich kein anderes Schmerzgefühl vergleichen läßt. Die Wirkung muß, wenn sie nicht rechtzeitig unterbrochen wird, unbedingt zum Wahnsinn führen. Haben Sie noch nicht gehört, daß die amerikanischen Sklavenbesitzer diese schreckliche Strafe gegen ungehorsame Schwarze oft und viel in Anwendung brachten?“

„Nein.“

„Nun, ich bin Zeuge solcher Vorgänge gewesen. Ich habe einen Neger und eine Negerin, seine Frau, in der sogenannten Tropfhütte sitzen sehen; beide waren so gefesselt, daß sie weder ein Glied, noch den Kopf bewegen konnten, und die Tropfen fielen ihnen in regelmäßigen Intervallen auf die Köpfe. Sie brüllten wie wilde Tiere, und der Schaum triefte ihnen über die Lippen. Diese Strafe mußten sie erleiden, weil sie ihre Kinder nicht hatten hergeben wollen, welche früh an einen Händler verkauft worden waren. Ich machte dem Pflanzer, dessen Gast ich war und dem ich einen großen Dienst geleistet hatte, so daß er mir eine nicht gewöhnliche Dankbarkeit schuldete, freundliche Vorstellungen, und er ließ mich dafür durch seine zwei Sklavenaufseher aus der Pflanzung weisen oder vielmehr werfen.“

„Dieser Schuft! Dem hätte ich – – –“ Er machte zwei Fäuste und fragte dann: „Und Sie sind ruhig gegangen? Das stimmt keineswegs mit Ihren sonstigen Eigenheiten!“

„Ja, es würde nicht stimmen, wurde aber stimmend gemacht, denn des Nachts war ich heimlich wieder auf der Plantage und holte das schwarze Ehepaar heraus. Gesehen habe ich da, welche entsetzliche Wirkung die Tropfhütte oder der Tropfstuhl hat. Es wird keine Stunde vergehen, so können Sie diese Wirkung an dem Yerno beobachten.“

Unser Gespräch wurde unterbrochen, denn Unica kam, um uns den Mate zu bringen. Sie wollte die gestern abgebrochenen Fragen wieder beginnen, wurde aber durch den alten Desierto gestört, welcher nicht hatte schlafen können und zu uns heraus kam.

Er wunderte sich darüber, daß wir den Yerno schon im Garten hatten, und konnte die Situation nicht begreifen, in welcher dieser sich befand.

„Das geschieht unsers Landsmannes wegen, den Sie für einen Wortbrüchigen und Betrüger gehalten haben,“ erklärte ich ihm.

„Meinen Sie etwa Horn?“ fragte er.

„Ja. Sehen Sie, wie Sie nun auf einmal den Namen aussprechen können!“

„Weil Unica mir gestern abend noch erzählt hat, daß Sie ihn für unschuldig halten und daß er unterwegs nach hier ist. Ich habe deshalb nicht schlafen können und komme also so früh zu Ihnen, um Sie um Aufklärung zu ersuchen. Sie können denken, was Ihre Worte für einen Eindruck auf mich und Unica gemacht haben. Sagen Sie, wissen Sie wirklich etwas über ihn, oder haben Sie uns nur trösten oder beruhigen wollen?“

Seine Augen waren mit großer Spannung auf uns gerichtet, und auch die schöne Indianerin sah mich an, als ob sie mir die Worte von den Lippen lesen wolle.

„Wenn ich Sie hätte beruhigen wollen, so müßte ich diesen Zweck einen vollständig verfehlten nennen,“ antwortete ich. „Sie sagen mir ja, daß Sie deshalb nicht haben schlafen können. Nein, wir haben wirklich bei den Mbocovis eine Spur von ihm entdeckt.“

„Herrgott! Sollte er sich etwa bei diesen befinden?“

„Ich vermute es. Hören Sie!“

Ich erzählte ihm, was wir erst vermutet hatten und uns vorhin von dem Yerno eingestanden worden war. Ich erklärte ihm auch, daß ich diesen letzteren nur deshalb unter das Wassergefäß gefesselt hatte, um zu erfahren, wo Horn zu suchen sei. Kaum war ich damit fertig, so zog Unica mir das Messer aus dem Gürtel und rief aus:

„Er weiß es und will es nicht sagen? Ich werde ihn zwingen! Wenn er es nicht sofort gesteht, stoße ich ihm das Messer in das Herz!“

Sie wollte fort. Ich hielt sie zurück, wand ihr das Messer aus der Hand und sagte:

„Bleiben Sie! Sie würden nichts oder nur Unvollständiges erreichen. Er gesteht jetzt noch nichts, und wenn Sie ihn dann im Zorne erstechen, sind wir noch schlimmer daran als vorher. Wir wissen ja noch nicht genau, ob der Horn, welchen er meint, auch wirklich derjenige ist, von welchem wir sprechen.“

„Welcher andere sollte es sein!“ antwortete der Desierto. „Ich befinde mich so lange Jahre hier im Lande und habe den Namen Horn, diesen einen Fall ausgenommen, noch nie gehört. Unser junger Freund ist auf seinem Wege nach hier überfallen und zu den Mbocovis geschafft worden. Ich will ihn retten; sie müssen ihn herausgeben, und wenn ich alles, alles in Bewegung setzen soll. Ich werde den Yerno einmal selbst ins Verhör nehmen.“

Er eilte von uns fort und zu dem Gefesselten hin. Unica folgte ihm schnell, und so gingen wir beide ihnen nach. Der Gefangene hatte ein leichenblasses Gesicht; seine Augen waren hervorgetreten, und seine Unterlippe steckte zwischen den zusammengepreßten Zähnen.

„Hund!“ schrie ihn der Alte an. „Du hast Sennor Horno gefangen genommen. Sag‘, wo er steckt, sonst ergeht es dir schlecht!“

Der Yerno sah ihn mit einem stieren Blicke an und sagte nichts.

„Willst du reden, oder soll ich dich abermals peitschen lassen?“

Über die Züge des Gefangenen ging ein höhnisches Zucken, als ob er sagen wolle, daß das Peitschen ja schon einmal nichts gefruchtet habe, und daß er sich auch jetzt aus den Prügeln nichts machen werde. Aber der Hohn verschwand ebenso schnell, wie er gekommen war. Der Yerno kämpfte bereits mit aller Kraft gegen die sichere, unausbleibliche Wirkung der Wassertropfen. Der Desierto beachtete das nicht und fuhr fort:

„Du schweigst? Ich werde dich wohl zum Sprechen bringen. Geben Sie mir die Peitsche, Sennor!“

Er wollte Pena die Peitsche aus dem Gürtel ziehen. Ich hielt ihn davon ab und sagte:

„Lassen Sie! Mit Schlägen erreichen Sie nichts. Der Mann wird in kurzer Zeit ein volles Geständnis ablegen. Sehen Sie nicht, wie er gegen die Schmerzen kämpft?“

„Ja, es ist wahr,“ antwortete Pena in deutscher Sprache, deren auch ich mich bedient hatte, um von dem Schwiegersohne nicht verstanden zu werden. „Oder sollten diese stieren Augen nur eine Folge der Prügel sein, welche er bekommen hat?“

„Nein. Sehen Sie die Tropfen auf seiner Stirne? Die kommen nicht von da oben aus dem Gefäße. Das sind Tropfen, welche die Angst, der Schmerz austreibt. Ich habe ihm gesagt, daß er uns um Gottes willen bitten werde, sein Geständnis anzuhören, und ich werde recht behalten.“

„Wie lange werden wir noch warten müssen?“

„Wie es den Anschein hat, hält er es höchstens noch eine Viertelstunde aus. Dann wird er uns rufen; wir aber werden nicht auf ihn hören. Er soll einsehen, daß wir nicht die Leute sind, welche sich von einem solchen Menschen verhöhnen lassen. Kommen Sie also wieder zur Laube.“

Sie folgten mir. Wir setzten uns nieder, und der Desierto erzählte, daß er die Späher ausgesandt und mit den besten Instruktionen versehen habe. Aber er war nicht bei der Sache. Sein Blick flog wieder und immer wieder hinüber zum Yerno. Er mußte den jungen Deutschen wirklich tief in sein Herz geschlossen haben. Unica war ebenso aufgeregt; sie besaß nicht die Fähigkeit, an einem ruhigen Gespräche teilzunehmen, und entfernte sich.

Wir sprachen nun von den gestrigen Vorkommnissen und von den noch zu erwartenden Ereignissen. Darüber verging die Viertelstunde und noch mehr. Ich hatte nicht allzusehr auf den Yerno geachtet, da ich der Wirkung meines Mittels sicher war; jetzt wurde ich auf ihn aufmerksam gemacht, denn der Desierto unterbrach mich mitten in einem Satze, den ich angefangen hatte:

„Horcht! Was war das?“

Ich hatte nichts gehört und horchte auf.

„Hören Sie es?“ fragte der Alte nach einer kurzen Pause. „Das klang, als ob ein Jaguar in der Ferne gebrüllt hätte. Das kann aber nicht der Fall sein, denn es ist jetzt nicht die Tageszeit dazu.“

„Ein Brüllen war es,“ antwortete ich, „aber nicht aus der Ferne. Es klang so unterdrückt, weil es mit dem letzten Rest der Kraft in die Lunge zurückgedrängt wurde – –“

Ich sprach nicht weiter, denn derselbe Laut erklang abermals. Es war wie das Gähnen eines Tigers oder Löwen. Pena und der Alte waren aufgesprungen. Der erstere trat an das Mauerloch, blickte hinaus und sagte:

„Der Desierto hat ganz recht. Es ist wirklich ein Puma oder Jaguar. Jetzt, am frühen Morgen! Und so nahe am Dorfe!“

„Täuschen Sie sich nicht!“ entgegnete ich. „Sie werden keinen Jaguar sehen, und wenn Sie jahrelang da hinausblicken. Es ist kein Tier, sondern der Yerno. Hören Sie!“

Das Brüllen ließ sich wieder hören. Es erklang röchelnd, wie durch die Nase oder zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor.

„Der Yerno!“ rief Pena. „Wahrhaftig, er ist’s! Da, da, horchen Sie! Ich habe es ganz deutlich gesehen. Er hat die Lippen bewegt. Welch ein Laut, welch ein Ton!“

„O, das ist noch nichts! Sie werden noch ganz andere Töne hören.“

„Vielleicht gesteht er jetzt!“

„Er muß sein Geständnis in allerhöchster Angst machen; eher ist seinen Worten nicht zu glauben. Ich bin überzeugt, daß er uns jetzt belügen würde. Jetzt ist seine Verstocktheit noch größer als die Wirkung meines Mittels. Jetzt kann er noch logisch denken; er ist also noch im stande, uns zu belügen, zu betrügen und irre zu leiten. Wir müssen warten, bis die Schmerzen so übermächtig werden, daß er gar nicht mehr denken kann oder vielmehr bis er nur den einen Gedanken noch hegt, von seinen Qualen befreit zu werden. Verhalten wir uns ruhig, dann werden wir seiner Stimme anhören, daß dieselbe ein genauer Gradmesser der steigenden Wirkung meines Mittels ist.“

Das mochte unmenschlich klingen; aber Mitleid war hier ganz und gar am unrechten Platze. Es giebt Rücksichten, denen sich selbst der gefühlvollste Mensch zu unterwerfen hat, wenn er nicht sich selbst oder andere schädigen will. Ich war überzeugt, daß nur die größte Todesangst, nur eine sogenannte Höllenqual dem Gefolterten ein Geständnis, welchem wir Glauben schenken konnten, auspressen werde. Ein unzeitiges Mitgefühl wäre hier nicht nur Schwäche, sondern sogar schädlich und für Horn verderblich gewesen.

Wir sprachen nicht weiter, sondern horchten auf den Yerno. Die Töne, welche er ausstieß, waren nicht zu beschreiben.

„Gräßlich!“ sagte Pena, indem er sich schüttelte. „Wer hätte das den kleinen Wassertropfen zutrauen mögen!“

„Wir sind erst am Anfange,“ antwortete ich. „Noch hat er nicht nach uns gerufen. Hören Sie, jetzt!“

Diesesmal war es kein unnatürlicher Laut, den er hören ließ. Wir hatten das Wort Sennores verstanden.

„Jetzt ruft er!“ sagte der Alte. „Die volle Wirkung ist da. Wollen wir hin?“

„Nein.“

„Sennor, Sennor!“ ertönte es nach einer kleinen Weile. „Kommen Sie!“

Und als wir nicht darauf achteten, sondern sitzen blieben, rief er:

„Sennor Pena, Sennor Pena! Hören Sie mich denn nicht?“

„Er ruft mich,“ meinte der Genannte. „Warum gerade mich und nicht Sie?“

„Weil er wohl Ihren Namen, nicht aber den meinigen weiß,“ antwortete ich.

„Sennor Pena, Pena, Pena!“ schrie er jetzt überlaut. „So kommen Sie doch! Ich halte es nicht aus. Ich will alles sagen, alles!“

Bei dem Klange dieser Worte überlief es mich eiskalt. Der Alte eilte hin, und wir beide folgten ihm.

„Gott sei Dank!“ schrie der Gefolterte. „Sie kommen! Nehmen Sie das verdammte Wasser weg!“

Das war nicht die Art und Weise, welche mich hätte bewegen können, ihm den Willen zu thun. Aber der Desierto schob das Gefäß zur Seite.

„Geben Sie mir die Hände frei!“ fuhr der Yerno fort. „Ich muß an meinen Kopf greifen, ich muß!“

„Soll ich?“ fragte der Alte, indem er sich bereits bückte, um das an ihn gerichtete Verlangen zu erfüllen.

„Nein,“ antwortete ich, indem ich ihn auf die Seite schob. „Er mag erst gestehen.“

Das Gesicht des Yerno hatte jetzt ein erdfahles Aussehen; seine Lippen waren blutig gebissen, und vom Blute strotzten die Adern seiner Augen.

„Sie also sind der Teufel!“ knirschte er mir zu. „Die andern wollen nicht, aber Sie zwingen sie, mich zu martern!“

„Pah! Meinen Sie, daß dies die richtige Art ist, mich zur Milde zu bewegen? Ich sehe, Sie sind noch nicht so weich geworden, wie ich Sie haben will. Ich muß Ihnen mehr Wasser geben.“

Bei diesen Worten schob ich das Gefäß wieder an die vorige Stelle, so daß die Tropfen ihn wieder auf den Kopf trafen.

„Nur das nicht,“ schrie er auf. „Nur das nicht wieder! Nehmen Sie das Wasser weg! Ich will ja gestehen. Aber das Wasser weg!“

Der Desierto schob das Gefäß wieder fort und sagte:

„Ich will Ihnen den Willen thun. Nun sagen Sie aber auch, wo sich Sennor Horno befindet!“

„Bei den Mbocovis am Rio dorado.“

„Beschreiben Sie uns die Stelle!“

„Das ist unmöglich. Ich könnte den Weg und die Stelle noch so gut beschreiben, so würden Sie sie doch nicht finden.“

„So! Wie befindet er sich?“

„Ganz wohl. Es ist ihm nichts geschehen.“

„Warum haben Sie ihn überfallen?“

„Um ein Lösegeld zu bekommen.“

„Und ihm das Geld, welches er bei sich hatte, abzunehmen?“

„Nein. Er hatte kein Geld.“

„Hm! Hat er von mir gesprochen?“

„Alle Tage.“

„Und Sie haben ihn wirklich nicht gequält?“

„Nein. Er hat es wirklich gut gehabt.“

„So will ich Sie von Ihren Leiden erlösen und Sie wieder hinein zu den Mbocovis schaffen lassen.“

Er machte abermals Miene, den Yerno loszubinden; ich hinderte ihn daran und sprach:

„Begehen Sie keine Thorheit! Der Mann hat Sie belogen.“

„Ich habe die Wahrheit gesagt!“ schrie der Yerno, indem er seine blutunterlaufenen Augen auf mich richtete.

„Nein. Sie logen!“ behaupte ich.

„Jedes einzelne Wort ist wahr!“

„So! Also wir würden den Weg und die Stelle nicht finden und bedürfen also eines Führers?“

„Ja. Ich werde Sie hinführen.“

„Und der Ort liegt – – an welchem Flusse, sagten Sie?“

„Am Rio dorado del Valle.“

„Nun, so ist es erwiesen, daß Sie gelogen haben. An diesem Flusse hausen Indianer, welche Ihren Mbocovis feindlich gesinnt sind; also werden diese letzteren ihre Gefangenen nicht gerade in dieser so unsicheren Gegend verstecken. Sie lügen. Sie wollen uns veranlassen, mit Ihnen viele Tage lang durch den wildesten Chaco zu ziehen, und denken, daß Sie dabei gewiß Gelegenheit zum Entkommen finden werden. Wir lassen uns nicht betrügen. Da haben Sie das Wasser wieder!“

Ich brachte das Gefäß wieder in die richtige Lage. Er brüllte wütend auf und warf mir mehrere Flüche zu, welche nicht wiederzugeben sind. Ich aber nahm Pena und den Desierto am Arme und zog sie mit mir fort.

„Kommen Sie, da Sie das Geschrei nicht anhören können! Wir wollen zu den Mbocovis gehen, um ihnen zu essen und zu trinken zu geben.“

Noch als wir die Treppe hinunterstiegen, hörten wir die Stimme des nun doppelt wütenden Menschen hinter uns erschallen. Wir fanden Unica bei den gefangenen Indianern. Sie that das, was wir jetzt hatten thun wollen. Sie war von einem zum andern gegangen, um sie, ohne ihre Banden zu lösen, zu speisen und zu tränken.

„Schade, daß ich die Sprache der Mbocovis nicht verstehe,“ sagte ich. „Ich würde jetzt den Häuptling nach Horn ausforschen.“

„Das kann ja ich thun!“ meinte Pena.

„Versuchen Sie es! Aber machen Sie dabei keine Fehler!“

„Haben Sie keine Sorge; ich werde schon zu sprechen wissen.“

Er begann nun ein längeres Gespräch mit dem Roten. Erst wollte dieser nicht antworten, und dann schien er doch auf den Gedanken zu kommen, daß es besser sei, uns nicht in Zorn zu bringen. Er schien sogar gesprächig zu werden. Als beide endlich fertig waren, wendete sich Pena zu uns und sagte im frohen und selbstbewußten Tone:

„Nun brauchen wir den Yerno nicht! Ich bin klug gewesen und habe alles heraus. Sennor Horn steckt im Keller von Nuestro Sennor Jesu-Cristo de la floresta virgen.“

„Unsinn!“

„Meinen Sie, daß ich so wenig scharfsinnig bin, mich von diesem Roten betrügen zu lassen?“

„Pah! Zanken wir uns nicht! Sie kennen doch diesen Keller, in welchem wir die Aripones stecken hatten.“

„Freilich!“

„Kann da ein Gefangener der Mbocovis sich dort befinden?“

„Hm!“

„Sehen Sie denn nicht ein, warum der Häuptling Ihnen gerade diesen Bären aufgebunden hat? Er weiß, daß der Sendador mit den zahlreichen Mbocovis jetzt von dorther kommt. Diesen Leuten will er uns in die Hände treiben.“

„Alle Wetter!“

„Nun sagen Sie Ihrem lieben Häuptlinge, daß er sich verrechnet hat!“

„Das werde ich ihm freilich sagen, und zwar nicht in der höflichsten Weise.“

Er wandte sich wieder zu dem Roten, sprach in zornigem Tone zu ihm und versetzte ihm sogar einen derben Fußtritt.

Von da begaben wir uns in eins der vorderen Zimmer, in welchem Unica für uns das Frühstück serviert hatte. Es bestand aus gebratenem Fleische und neubackenem Maisfladen. Der Desierto setzte sich zu uns, aß aber nicht mit. Als ich ihn nach der Ursache fragte, antwortete er:

„Ich esse täglich höchstens einmal, hungere aber oft mehrere Tage lang. Ja, es giebt jährlich eine Zeit, in welcher ich zwei Wochen lang keinen Bissen zu mir nehme und mich nur vom Wasser erhalte.“

„Warum aber das?“

„Zur Strafe.“

Ich hatte diese oder doch eine ähnliche Antwort erwartet und entgegnete:

„Haben Sie denn das Recht, sich eine solche Strafe aufzuerlegen?“

„Nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht. Es kann keine Strafe streng genug für mich sein! Sie wissen eben nicht, welch ein schweres Verbrechen auf meinem Gewissen lastet. Sie werden von der Ausstattung des vordersten Zimmers sehr überrascht gewesen sein. Das ist meine Buß- und Strafstube. Da hungere und durste ich, da friere ich und geißele mich. Meine That ist eine schwere; Sie können sie nicht erraten.“

„Nicht? Ich glaube, daß Sie ein Mörder sind.“

„Gott!“ rief er aus. „Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Mein Auge, mein Verstand. Aber sprechen wir nicht über diese Angelegenheit!“

„O doch! Sprechen wir von ihr! Wir sind Deutsche. Sie haben mir von sich erzählt, und so müssen Sie auch wissen, wer und was ich bin.“

„Das weiß ich bereits. Sie sind Pharmazeut.“

„Was? Apotheker? Herr, vor Ihnen ist doch wahrlich niemand sicher!“

„Pah! Wer nur fünf Minuten lang mit offenen Augen hier umherblickt, muß überzeugt sein, daß ich das Richtige geraten habe.“

„Ein Apotheker! Es ist wahr. Und ein Mörder! Das ist auch wahr, Herr! Fürchten Sie sich nicht vor mir? Verabscheuen Sie mich nicht?“

„Das fällt mir nicht ein! Gott hat mich nicht zum Richter über irgend einen meiner Nebenmenschen gesetzt. Ich bin wohl ein noch größerer Sünder als Sie und kann mich an Stärke der Reue nicht mit Ihnen vergleichen.“

„Sie haben keine Ahnung von der Größe meines Verbrechens! Ich habe mit voller Absicht einen Menschen ermordet.“

„Aber in der Notwehr?“

„Vielleicht wäre das die einzige Entschuldigung, deren ich mich bedienen könnte. Und doch kann ich es weder mir noch einem andern beweisen, daß es Notwehr gewesen ist. Erlauben Sie mir, Ihnen den Vorgang zu erzählen.“

„Lassen Sie es lieber sein! Sie regen sich auf; Sie wühlen in alten Wunden.“

„Mag es schmerzen; ich habe es verdient. Ist Ihnen die Geschichte Schleswig-Holsteins bekannt?“

„Ja.“

„Haben Sie auch gehört, wie es den deutsch gesinnten Bewohnern der Herzogtümer von seiten der Dänen ergangen ist?“

„In hundert und wieder hundert Geschichten.“

„So hören Sie! Ich war Apotheker in einer kleinen Stadt, der einzige gut deutsch Gesinnte der ganzen stockdänischen Bevölkerung. Damit ist vieles, wenn auch nicht alles gesagt. Ich will nicht von den Bedrückungen, von den kleinen und großen Leiden sprechen, welche ich erdulden mußte, ohne nur ein Wort sagen zu dürfen. Aber ich wurde so verbittert, daß es war, als ob mein ganzer Körper nur aus Galle bestehe. Je länger, desto deutlicher fühlte ich, daß dies nicht mehr so fortgehen könne, ohne daß es ein Unglück gab. Da kam der erwähnte Krieg und mit ihm die dänische Einquartierung. Ich war natürlich als feindlich gesinnt bezeichnet worden, und so warf man doppelte und dreifache Lasten auf mich. Mein Haus wimmelte von unten bis oben von dänischen Soldaten, welche da schalteten und walteten, als ob ich ein Kannibale sei. Es hatte geradezu Kämpfe gekostet, ein einziges kleines Stübchen zu behalten, und dieses konnte ich nicht hergeben, denn da lag mein geliebtes, todkrankes Weib, die einzige Seele, welche mich verstand und mit mir litt. Sie war infolge der fortgesetzten Leiden und Aufregungen in ein schweres Nervenfieber gefallen, und ich hatte alles, alles von ihrem Krankenlager fern zu halten, wenn ich die Hoffnung hegen wollte, ihr das Leben retten zu können. Da kam noch ein dänischer Militärarzt nebst Diener, welcher bei mir Quartier verlangte. Ich bewies ihm, daß kein Platz mehr sei; ich bat und flehte, umsonst! Er untersuchte meine Frau und erklärte, daß sie die Krankheit nur simuliere. Ich schickte nach dem Stabsarzte, um dessen Entscheidung zu erbitten, und wurde dann in die Apotheke gerufen, wo ich längere Zeit unausgesetzt beschäftigt war, daß ich unmöglich nach meiner Frau sehen konnte. Endlich war ich fertig und durfte Atem holen. Als ich in den Flur kam, hörte ich vom Hofe her ein leises Wimmern, und ich trat hinaus in den Hof. Dort lag der Schnee fußhoch, und eine grimmige Kälte ließ den Atem fast zu Eis gefrieren. Da draußen fand ich meine Frau. Sie lag auf der alten Decke, auf welcher der Kettenhund zu sitzen pflegte. In ihre Betten hatten sich die Soldaten geteilt. Ich zog meinen Rock aus, warf ihn über sie und wollte fort, hinauf, um zu sehen, wer Besitz von ihrer Stube genommen habe. Sie konnte nicht sprechen, meine Fragen nicht beantworten; aber als sie sah, daß ich mich entfernen wollte, legte sie die Arme um mich. So blieb ich noch einige Minuten bei ihr, bis ich fühlte, daß ich eine Leiche an meiner Brust hatte.“

Der Alte schwieg. Er stand auf und schritt eine Weile hin und her, um Herr seiner Bewegung zu werden. Dann fuhr er fort:

„Es wäre unnütz, Ihnen zu sagen, was ich fühlte. Ich befand mich in einem Zustande, welcher eine Mischung von kochendem Grimme und Verzweiflung war. Ich sprang die Treppe hinauf, riß die Thüre auf und sah den Arzt auf dem Sofa liegen, die schmutzigen Stiefeln an den Beinen und meinen vollen Cigarrenkasten auf dem Tische. Was ich gesagt habe, weiß ich nicht; viel wird es nicht gewesen sein, denn die Wut machte mir das Sprechen schwer. Er sprang auf, versetzte mir einen Faustschlag in das Gesicht, daß es mir dunkel vor den Augen wurde, schob die Thüre auf und gab mir einen Stoß, daß ich die Treppe hinabstürzte. Oben blieb er stehen und lachte mich aus. Da verlor ich den letzten Rest von Besinnung. Ich schoß förmlich die Stufen wieder hinauf. Was ich wollte, das wußte ich nicht; aber ich sah, daß er den Degen zog. Ich griff schnell zu, entriß ihm die Waffe und rannte sie ihm durch den Leib. Als er lautlos niederstürzte, wollte mir das Blut stillstehen. Ein Glück, die Soldaten waren jetzt nicht da. Ich raffte einiges Geld zusammen, stürzte in den Hof, nahm die Tote in die Arme und trug sie zu der Scheuerfrau, welche zuweilen von uns beschäftigt wurde, gab ihr Geld und bat sie, für das Begräbnis zu sorgen. Dann entfloh ich.“

Die Art, wie er erzählte, machte einen tiefen Eindruck auf mich. Die Worte flossen ihm schnell, aber abgerissen über die Lippen. Er starrte in die Ecke, als ob er das, was er erzählte, noch einmal erlebe, als ob er sein eigener Zeuge und Zuschauer sei. Wir unterbrachen ihn nicht. Er fuhr fort:

„Im Walde habe ich gesteckt, drei Tage lang. Von Vorübergehenden hörte ich die That erzählen. Das Militär war aufgeboten, mich zu suchen und zu ergreifen. Am dritten Tage, des Nachts, wagte ich mich nach dem Kirchhofe. Ich fand das Grab. Es war seicht und kaum zugeworfen. Man hatte mein Weib eingescharrt wie eine Verbrecherin, eine Selbstmörderin. Ich betete, kam aber mit dem Gebete nicht zu Ende. Man hatte vermutet, daß ich kommen werde, um das Grab zu sehen, und einen Posten an den Kirchhof gestellt. Dieser sah und schoß auf mich, traf mich aber nicht. Ich floh, und es glückte mir, zu entkommen. In meiner Heimat suchte ich einen Freund auf, von dem ich wußte, daß er mich nicht verraten werde. Er gab mir die Mittel, nach Amerika zu gehen.“

Er machte jetzt wieder eine Pause, und so fragte ich:

„Hatten Sie keine Verwandten oder Kinder?“

„Nein, und das war ein großes Glück. Aber der von mir ermordete Militärarzt war Vater von vier Kindern und hatte außerdem seinen Vater und eine Schwiegermutter zu ernähren.“

„Das wußten Sie?“

„Nein. Ich erfuhr es während meiner Flucht. Ich las es in der Zeitung, in welcher auch mein Steckbrief stand.“

„Das also ist die That, die Sie so sehr bereuen?“

„Ja, das ist sie!“

„Haben Sie sich denn nicht gesagt, daß es mehrere Gründe zur Entschuldigung giebt?“

„Ich habe es gedacht. Aber diese Gründe sind nicht stichhaltig.“

„Er hatte den Degen gezogen; er bedrohte Sie. Sie hatten sich doch gar nicht vorgenommen, ihn zu töten.“

„Ich habe ihn aber doch getötet. Das schreckliche Bild, als er vor mir lag, den Degen in dem Leibe, ist mit mir gegangen, hat mich durch das ganze Leben begleitet und mich keinen einzigen Augenblick verlassen. Es schwebt mir vor bei Tag und Nacht, und tausend, tausend Stimmen höre ich rufen: Mörder, Mörder, Mörder! Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden. Dem bin ich entgangen, aber ich habe einen mehr als tausendfachen Tod erlitten, denn ich sterbe täglich. Nach Jahren kam ich hierher und vergrub mich in die Einsamkeit, um meiner Reue und Buße zu leben. Ich wurde der Lehrer und Vater der Toba-Indianer. Ich that Gutes, damit Gott ein Kleines von meiner großen Schuld abschreibe. Ich habe auch mein möglichstes gethan, um drüben im Vaterlande meine Schuld zu verringern. Ich hatte mir den Namen und Wohnort des Ermordeten gemerkt und sandte seinen Anverwandten, die durch mich ihren Ernährer verloren hatten, so viel ich ersparen konnte.“

Pena hatte der Erzählung mit fast noch größerem Interesse zugehört als ich. Seine Mienen waren ungewöhnlich bewegt. Er griff sich in die Haare, rieb sich die Nase, kratzte sich an dieser oder jener Körperstelle. Kurz und gut, er verriet eine ganz ungewöhnliche Teilnahme. Jetzt, bei den letzten Worten des Alten, horchte er auf und fragte:

„Was? Geld haben Sie geschickt?“

„Ja.“

„Das thun Sie wohl auch noch jetzt?“

„Ja. Ich muß mich als den Versorger der Familie betrachten.“

„Und auf welchem Wege kommt das Geld hinüber?“

„Von Buenos Ayres aus. Jährlich, wenn ich nach Santiago komme, schicke ich die Anweisung dorthin.“

Da sprang Pena auf und rief:

„Bei allen Heiligen, ich hab‘ mir’s gedacht! Herr – – Herr – – Winter – nicht wahr, so ist Ihr Name?“

„Ja, Alfred Winter.“

„Nun also, Herr Winter, sparen Sie Ihr Geld! Sie haben nichts zu bezahlen.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Ich sage es ja deutlich genug! Sie haben nichts zu bezahlen. Sie sind kein Mörder!“

Er schrie den Alten an, als ob er ihn verschlingen wolle. Dieser hingegen starrte ihn an und brachte kein Wort hervor; er schüttelte nur den Kopf.

„Schütteln Sie nur!“ fuhr Pena fort. „Es ist doch so, und es wird nicht anders. Sie haben ihn nicht getötet.“

„Ich habe ihn doch erstochen!“

„Auch möglich! Aber tot war er nicht!“

„Es stand doch in der Zeitung!“

„Papperlapapp, Zeitung! Die Druckerschwärze nimmt alles an. Es ist schon manches gedruckt worden, worüber man das Maul aufgesperrt und die Hände über den Kopf zusammengeschlagen hat!“

Er stieß das alles wie ein echter Poltron hervor, der er doch aber gar nicht war. Es leuchtete ihm eine versteckte Freude aus den Augen, und er war nur grob, um nicht sofort mit der ganzen Wahrheit herausplatzen zu müssen. Als der Alte ihn jetzt abermals wortlos anblickte, fuhr er fort:

„Sind Sie denn seit jener Zeit einmal in Schleswig-Holstein gewesen?“

„Nein.“

„Oder haben Sie sich nach den Verhältnissen jener Familie erkundigt?“

„Auch nicht.“

„Da brate mir einer einen Storch! Aber Mann, was sind Sie denn eigentlich für ein Mensch? Schicken da jährlich eine solche Masse Geld an Leute, die Sie gar nicht kennen und von denen Sie nicht einmal wissen, ob sie noch leben oder ob sie gestorben sind?“

„Nachkommen leben jedenfalls noch, und ich habe mich als deren Versorger zu betrachten.“

„Versorgen Sie, wen Sie wollen, aber diese Leute nicht!“

„Es stand in dem Steckbriefe und auch in den Zeitungen!“

„Anfänglich! Weil man es nicht anders wußte. Und da Sie so schnell ausgerissen sind, haben Sie nur diesen ersten Bericht gelesen. Hätten Sie nur später einmal in die Zeitungen geguckt! Genug, ich kenne den Mann, er heißt Delmenborg.“

„Mein Gott!“ schrie der Alte auf, indem er zurückfuhr.

„Ja, ja!“ fuhr der Cascarillero fort, indem er triumphierend mit dem Kopfe nickte. „Harald Delmenborg! Stimmt dieser Name?“

„Ja – ja – er – er – stimmt!“

„Aus Handsted an der Westküste von Jütland. Stimmt auch das?“

„Auch – – auch – – das!“ antwortete der Alte wie geistesabwesend.

„Schön! So sind wir also über die Person einig. Ich denke, daß wir uns über die Sache auch noch verständigen werden. Ist Ihnen vielleicht die dänische Insel Sankt Thomas bekannt, da oben um die Antillen herum?“

„Ja.“

„Sehr schön! Als ich mich von meinem Freunde, diesem Sennor hier, den ich in Mexiko traf, verabschiedet hatte, ging ich nach Sankt Thomas, aus welchen Gründen, das ist hier Nebensache. Dort traf ich einen jungen Menschen, einen halben Lüdrian, der sich Arzt nannte, aber keine Patienten hatte und doch herrlich und in Freuden lebte. Er hieß Knut Delmenborg und machte sich an mich, weil er gehört hatte, daß ich Goldsucher sei und eine tüchtige Bonanza gefunden hätte. Wir waren einigemale beisammen, tranken eins und noch eins, bis der liebe Knut einen tüchtigen Affen hatte und mir seine Erlebnisse erzählte.“

„Weiter, weiter!“ rief der Desierto fast atemlos, als Pena jetzt eine kleine Pause machte.

„Was weiter! Es ist nicht viel mehr zu berichten. Sie kennen ja die Geschichte auch. Sein Vater war von einem Apotheker gestochen worden und drei oder vier Tage als tot liegen geblieben. Dann aber war der Starrkrampf gewichen, welcher zur Untersuchung der Wunde und dem Verbande sehr glücklich beigetragen hatte; edle Teile waren nicht oder nur ganz leicht verletzt, und so spazierte der Erstochene nach kurzer Zeit gesund in seine Heimat, also nach Handsted zurück. Nach dem Mörder wurde nicht mehr gesucht. Die Justiz begnügte sich damit, sein Hab und Gut eingezogen zu haben.“

Da fuhr der Alte auf Pena zu, ergriff seine beiden Hände und fragte, ich konnte nicht unterscheiden, ob mit fliegendem oder stockendem Atem:

„Herr Pena, erzählen Sie die Wahrheit?“

„Wenn nicht jedes Wort wahr ist, so mögen Sie mir auch etwas durch den Leib rennen, es mag sein, was Ihnen beliebt, ein Säbel, ein Konzertflügel oder gar ein Kanapee!“

„Sie täuschen sich nicht? Sie meinen wirklich jenen Harald Delmenborg aus Handsted?“

„Nur diesen! Denken Sie sich nun sein Erstaunen, als nach Verlauf von zwei Jahren tausend Dollars an seine Frau kommen, und dazu die Bemerkung, daß dieses Geld von dem Mörder komme, welcher bis an seinen Tod jährlich eine möglichst hohe Summe senden werde! Der Sohn hatte mit Hilfe auch dieses Geldes studiert, aber nichts gelernt. Er that wahrscheinlich nicht gut und wurde von seinem Vater in die Kolonie geschickt, um sich die Hörner abzustoßen. Dort traf er mich.“

„Sie schwören mir zu, daß Sie mir die Wahrheit sagen, daß Sie sich diese Geschichte nicht ausgesonnen haben, um mich glücklich zu machen?“

„Eigentlich sollte ich Ihnen wegen dieser Frage zürnen; aber ich habe jetzt zufällig eine gute Stunde und werde Sie also nicht zur Strafe für diese Beleidigung erstechen.“

Der Alte rannte thränenden Auges zur Thüre hinaus. Nun veränderte sich das Gesicht Penas schnell. Es zeigte eine tiefe, tiefe Rührung, und mit leise zitternder Stimme sagte er:

„Was sagen Sie dazu?“

„Gottes Wege sind wunderbar! Sehen Sie das ein?“

„Ich müßte blind und taub und noch viel mehr sein, wenn ich das nicht einsähe! Hätte ich das ahnen können, als ich jene Woche in Sankt Thomas war! Wissen Sie, wo der Alte jetzt ist?“

„Sicher in seiner Betstube.“

„Ja, er hat nun mit einem ganz andern als mit mir zu sprechen. Der Abend seines Lebens wird nun leicht und hell werden. Und ich weiß, warum ich von einer starken Hand hierher nach der Laguna de Carapa gezogen wurde. Wollen wir nicht nun wieder nach dem Yerno sehen?“

„Ja, kommen Sie!“

Wir hatten die Stube noch nicht verlassen, da kam Unica und sagte:

„Sennores, kommen Sie um des Himmels willen in den Garten! Der Yerno ist verrückt geworden. Ich war soeben fertig mit den Gefangenen und ging hinaus, aber es war mir unmöglich zu bleiben. Und unten am Felsen stehen alle Bewohner des Dorfes, um seine Stimme zu hören. Niemand weiß sich dieses Gebrüll zu deuten.“

Wir eilten nach dem Garten; wir waren länger fortgeblieben, als ich mir vorgenommen hatte. Noch schritten wir durch den Lagersaal, da hörte ich die Stimme. Es klang, als ob ein Stier erdrosselt werde. Als wir aus dem Treppenhäuschen traten, sah er uns und schrie uns mit einer wahrhaft unmenschlichen Stimme entgegen:

„Sennores, kommen Sie, kommen Sie!“

Ich hielt Pena am Arme zurück. Der Yerno sah das und brüllte.

„Zögern Sie nicht! Ich weiß, warum Sie stehen bleiben. Ich soll Sie um Gottes willen bitten. Ich thue es, ich thue es! Ich bitte Sie um Gottes, um des Himmels und um aller Heiligen willen, erlösen Sie mich von diesem Leiden, von dieser Qual!“

„Jetzt wollen wir hin,“ sagte ich. „Er befindet sich in dem von mir erwarteten Zustande.“

Wie sah der Mann aus! Sein Gesicht hatte die Farbe des Löschpapieres. Seine Augen waren weit aus ihren Höhlen getreten, erbsengroße Schweißtropfen rannen ihm von der Stirne und den Wangen, und aus dem Munde geiferte dicker, blutiger Schaum.

„Schnell, schnell!“ bat er. „Ich sehe Sie nicht deutlich. Sie sind rot, ganz rot, denn meine Augen sind voll Blut. Aber ich sehe doch, daß Sie der Sennor sind, welcher mich erhören wird, wenn ich ihn um Gottes willen bitte, mein Geständnis anzuhören.“

Es schauderte mich. Ich hätte ihn herzlich gern sofort befreit, aber ich beherrschte mich und antwortete in ruhig strengem Tone:

„Das werde ich; aber erst dann, wenn ich überzeugt bin, daß Sie die Wahrheit sagen.“

„Ich sage sie; ich sage sie! Schnell, schnell, nehmen Sie das Wasser weg!“

„Sagen Sie vorher, wo Sennor Horno sich befindet!“

„An der Laguna de Bambu auf der Isleta del Circulo.“

„Allein?“

„Ein Kaufmann Parduna mit seinem Sohne aus Goya ist bei ihm.“

„Auch wegen Lösegeld?“

„Ja.“

„Liegt ein Dorf der Mbocovis dort?“

„Zwei.“

„Wie viele Krieger befinden sich an dieser Laguna?“

„Nur vierzig.“

„Wie weit ist es von hier bis hin?“

Da legte Pena mir die Hand auf die Achsel und sagte in deutscher Sprache:

„Quälen Sie ihn nicht. Ich war an der Laguna de Bambu bei den Mbocovis, kenne die Isleta del Circulo und werde auch‘ den Weg von hier leicht finden. Dieses Mal sagt er die Wahrheit.“

„Ich denke es auch, werde es aber doch streng prüfen.“

Ich schob das Gefäß, welches fast kein Wasser mehr enthielt, zur Seite und zog Pena mit mir fort. Das Brüllen des Yerno hatte sich in ein herzzerbrechendes Seufzen und Wimmern verwandelt.

„Wohin führen Sie mich?“ fragte Pena.

„Zum Häuptling.“

„Soll ich wieder mit ihm sprechen?“

„Nein; Sie würden sich vielleicht abermals eine Nase drehen lassen. Sie sollen den Dolmetscher machen. Sie verändern aber nicht ein einziges Wort, lassen keins weg und fügen auch keins hinzu.“

„Kommt es darauf gar so sehr an?“

„Ja. Zwar auf die Worte nicht allein. Die Hauptsache ist, daß ich seine Gesichtszüge beobachte. Ich muß wissen, bei welchem Worte sie sich verändert haben.“

Unica stand im Lagerraume. Sie hatte es nicht über sich gewinnen können, mit in den Garten zu gehen; für das Geheul des Yerno waren ihre sonst so starken Nerven doch nicht kräftig genug.

„Hat er es endlich gesagt?“ fragte sie hastig.

„Ja; aber ich will mich nun überzeugen, ob er mich nicht vielleicht doch noch belogen hat. Diesem Menschen ist selbst jetzt nicht zu trauen. Bringen Sie ein Licht, und führen Sie uns zum Häuptlinge.“

„Den wollen Sie auch fragen?“

„Fragen und beobachten. Das letztere ist die Hauptsache.“

Sie nahm das Licht in die Hand, um uns zu leuchten, und öffnete die Thüre. Wir traten in den Raum, in welchem die Fässer und zwischen ihnen die Gefangenen lagen. Dort suchten wir den Häuptling EI Venenoso auf. Er war ebenso an den Händen und Füßen gefesselt wie die andern. Ich band ihm die Riemen los, so daß er sich im vollständigen Gebrauche seiner Glieder befand, und sagte zu Pena:

„Jetzt sagen Sie ihm alles, was ich Ihnen vorspreche, aber möglichst wörtlich, wie ich Ihnen bereits bemerkte. Und die Übersetzung jeden Wortes, welches ich betone, betonen Sie ebenso. Also zunächst: Der Häuptling der Mbocovis, welcher sich Venenoso nennt, ist als ein sehr tapferer Mann bekannt.“

Venenoso war, obgleich ich ihn von den Fesseln befreit hatte, in derselben Stellung liegen geblieben, die er vorher eingenommen hatte. Er schien den Stummen spielen zu wollen. Als Pena ihm die wenigen Worte in langsamer Weise sagte, mochte er doch über diese Art der Einleitung erfreut sein, denn er wendete uns das Gesicht zu, antwortete aber kein Wort. Ich diktierte weiter:

„Und der Häuptling der Mbocovis ist auch ein reicher Mann.“

Das dünkte ihm für seine gegenwärtige Lage so fremdartig, daß er sich aufsetzte, ohne aber ein Wort hören zu lassen. Weiter:

„Da es ein so tapferer und reicher Krieger ist, mit dem ich sprechen will, so habe ich ihm dadurch meine Achtung zeigen wollen, daß ich ihn losgebunden habe. Nun schickt es sich für ihn, daß er sich erhebt und sich in seiner ganzen Gestalt sehen läßt.“

Sofort sprang er auf. Ich nahm Unica bei der Hand und stellte sie so, daß der Schein ihres Lichtes voll auf sein Gesicht fiel.

„Der Häuptling ist ein reicher Mann, weil er Weiße raubt und sich Lösegeld für sie bezahlen läßt,“ mußte Pena sagen. „Die Geldgier aber ist ein Feind der Tapferkeit. Sie verdunkelt die Augen, schwächt das Gehör und trübt den Verstand. Darum hat der Tapfere sich von uns überlisten lassen.“

Er kreuzte die Arme über die Brust, blitzte mich mit einem zornigen Blicke an und schwieg noch immer.

„Die Geldgier scheint den Häuptling auch stumm gemacht zu haben. Oder wagt er nicht zu sprechen, weil er Angst vor uns hat?“

„Ich fürchte mich nicht,“ antwortete er nun.

„Auch den Tod nicht?“

„Nein. Alle Menschen müssen sterben!“

„Aber man stirbt nicht gern eines grausamen Todes.“

„Wollt ihr uns martern?“

„Ja.“

Die Indianer Südamerikas sind bei weitem nicht so unempfindlich gegen Schmerzen, wie diejenigen der Vereinigten Staaten. Das zeigte sich hier, denn Venenoso antwortete schnell:

„Thut es nicht!“

„Ihr hattet uns aber Schlimmes zugedacht.“

„Nein!“

„Lüge nicht! Ihr wolltet uns alle töten! Der Yerno hat es uns ja gesagt, als er uns für Verbündete hielt.“

„So hat er gelogen!“

„Ich habe mich geirrt. Ich hielt den Häuptling für einen tapfern Mann. Jetzt aber höre ich, daß er aus Angst lügt und die Unwahrheit einem andern aufbürdet. Ich werde ihn also verachten müssen. Auch habe ich gehört, daß er nicht selbst gegen die Weißen kämpft, sondern sie durch andere überfallen und zu sich bringen läßt. Das ist feig. Überdies ist er auch ein Lügner!“

„Ich lüge nicht!“

„O doch!“

„Beweise es mir!“

„Du hast gesagt, daß Sennor Homo im Keller von Nuestro Sennor Jesu-Cristo de la floresta virgen stecke.“

„Das ist auch wahr!“

„Nein; es ist Lüge. Wir wissen, wo er sich befindet. Ihr habt von dem alten Desierto ein Lösegeld für ihn fordern wollen; falls aber der geplante Überfall gelungen wäre, hättet ihr das ganze Eigentum des Alten in eure Hände bekommen und Sennor Homo dann getötet. Kannst du das leugnen?“

Er senkte den Blick und antwortete nicht.

„Wie viel Lösegeld willst du für ihn haben?“

Er sah sofort wieder zu mir auf. Sein Blick war ein hoffnungsvoll forschender. Wenn ich ein Lösegeld anbot, so konnte seine Lage doch wohl kaum eine lebensgefährliche sein.

„So biete!“ sagte er.

„Ich biete nicht. Du hast zu verlangen.“

„Der Desierto ist reich und hat Sennor Homo lieb; er kann viel geben!“

„Du giebst also zu, daß der Sennor sich bei euch befindet. Also, sage, was forderst du?“

Er verlangte eine Summe, welche nach unserm Gelde vielleicht zwanzigtausend Mark betrug. Ich zeigte ihm ein frohes Lächeln und sagte:

„Ich glaubte, du würdest mehr verlangen.“

„So bist du zufrieden mit dem Preise?“

„Sehr gern, wenn wir einig werden.“

„Wir sind ja einig. Ich habe ihn verlangt, und dir ist er nicht zu hoch.“

„Allerdings. Aber du vergissest, daß auch du gefangen bist mit deinen Leuten. Wir wollen euch nicht töten, sondern werden euch gestatten, euch loszukaufen.“

Er erschrak abermals und rief schnell aus:

„Loskaufen? Das ist doch noch nie dagewesen, daß ein Indianer gefangen wurde, um sich loskaufen zu müssen!“

„Das gebe ich zu. Auch ich habe euch nicht ergriffen, um Geld zu verdienen; aber da du für deinen Gefangenen Bezahlung verlangst, so thun wir ganz dasselbe.“

„Wie viel wollt ihr haben?“

„Ungefähr so viel wie du.“

„Wie meinst du das?“

„Sennor Horno ist kein Häuptling, sondern ein ganz gewöhnlicher Mann. Darum bin ich überzeugt, daß jeder deiner Krieger ebensoviel wert ist wie er.“

Venenoso stieß einen unartikulierten Ruf aus. Ich fuhr fort:

„Du wirst also für jeden Roten so viel bezahlen, wie wir für den Sennor bezahlen sollen. Du als Häuptling bist wenigstens zehnmal mehr wert als ein gewöhnlicher Mann und wirst also den zehnfachen Preis zahlen müssen.“

„Das ist zu viel!“

„Nein, denn du selbst hast diesen Preis bestimmt.“

„Aber wir haben nicht so viel Geld!“

„So habt ihr Tiere und Waren.“

„Aber nicht so viel!“

„O doch! Ich habe dir gesagt, daß du ein reicher Mann bist, und du hast kein Wort dagegen gesagt. Nun ich meine Forderung nach diesem Maßstabe stelle, kommt deine Entgegnung zu spät.“

„Wenn du wirklich so viel forderst, können wir uns nicht loskaufen. Was werdet ihr da mit uns machen?“

„Ihr müßt sterben.“

„Dann wird Sennor Horno auch ermordet.“

„Das wird nicht gelingen, denn wir holen ihn uns. Wir wissen, wo er sich befindet. An der Laguna de Bambu.“

Ich hielt ihn scharf im Auge und sah deutlich, daß er zusammenzuckte. Da er nichts sagte, so fragte ich:

„Nicht wahr, ich habe es getroffen?“

„Nein.“

„Es bewachen ihn nur vierzig Männer, mit denen wir schnell fertig werden!“

„Und wenn ihr sie tötet,“ entfuhr es ihm im Zorne, „so würdet – –“

Er hielt inne, denn er sah ein, daß er zuviel gesagt hatte, daß seine Worte ein Eingeständnis gewesen waren.

„Warum redest du nicht weiter?“

„Weil du nicht zu wissen brauchst, was ich sagen wollte.“

„Ich weiß es bereits. Du meintest, selbst wenn wir diese vierzig besiegten, würden wir den Sennor nicht finden. Ist es so?“

„Ja,“ gab er zu.

„Aber du irrst. Wir finden ihn sicher. Er ist bei dem Kaufmann Parduna und dessen Sohne aus Goya!“

Er stieß einige Worte aus, von denen Pena mir sagte, daß es kräftige Flüche seien, und fragte dann:

„Was weißt du von diesem Vater und seinem Sohne?“

„Daß sie sich mit Sennor Horno auf der Isleta del Circulo befinden.“

„Herr, du bist allwissend!“ schrie er auf, da er sein ganzes Geheimnis verraten sah.

„Der Yerno hat mir alles gesagt,“ antwortete ich, da es uns nur lieb sein konnte, wenn zwischen diesen beiden Zwist und Feindseligkeiten entstanden.

„Der? Das kann nicht möglich sein!“

„Ich ließ ihn zu mir kommen, um ihn auszufragen, und er hat alles eingestanden.“

„So ist er ein Dummkopf und ein Schurke zu gleicher Zeit!“ rief der Rote wütend, indem er die Fäuste ballte. „Hätte ich ihn da, so erwürgte ich ihn.“

„Er hat vorher große Qualen erleiden müssen, was er dir ja erzählen kann, wenn er jetzt wieder hereingebracht worden ist. Ganz dieselben Schmerzen erwarten euch alle, falls ihr euch nicht so verhaltet, daß wir mit euch zufrieden sind. Nun wissen wir, woran wir sind! Pena, binden Sie ihn wieder.“

Als Pena ihm auch diese letzten Worte übersetzte, rief er aus.

„Ich lasse mich nicht wieder binden!“

Und während er sprach, that er einen Sprung, um an mir vorüber zu kommen und die Thüre zu erreichen. Eine Flucht war bei der vorhandenen Örtlichkeit vollständig unmöglich; dennoch hatte ich ihn seit dem Augenblicke, an welchem er fessellos geworden war, auch in dieser Beziehung scharf im Auge behalten. Ich streckte schnell das Bein vor; er stolperte über dasselbe und fiel nieder. Zwar raffte er sich augenblicklich wieder auf, aber ich faßte ihn mit der Linken im Nacken, drückte ihn wieder nieder und kniete ihm auf dem Rücken, so daß Pena ihn leicht fesseln konnte.

„Das war recht!“ rief jemand hinter uns an der Thüre.“ Lassen Sie den Kerl nicht aus diesem Gewölbe! Er darf keine Ahnung haben, wo er sich befindet.“

Der Mann sprach deutsch. Es war die Stimme des viejo Desierto, und doch schien er es nicht zu sein. Aber als wir mit dem Lichte zu ihm kamen und sein Gesicht erkennen konnten, sahen wir, daß es doch der Alte sei.

Er hatte seinen Talar abgelegt und einen Anzug dafür um seine lange, hagere Gestalt gehängt, welcher dem eines Cascarillero glich. Sogar der breitrandige Hut fehlte nicht. Im Gürtel steckten Pistolen und ein Messer.

„Sie erkannten mich wohl nicht gleich?“ lachte er. „Ja, ich bin plötzlich ein ganz anderer Mensch geworden, innerlich sowohl wie auch äußerlich. Doch kommen Sie in den Garten, wo es heller ist!“

Er verriegelte die Thüre, und wir folgten ihm hinaus ins Freie. Dort blieb er stehen und sagte:

„Sennor Pena, soll ich Ihnen eine lange Rede halten? Ich denke, das ist nicht nötig, obgleich mein Herz vor Wonne überquillt. Meine Dankbarkeit werde ich Ihnen aber sicher zeigen. Zunächst nur dieses.“

Er zog Pena an sein Herz und küßte ihn auf die Wange. Mir drückte er herzlich beide Hände, und dann sagte er zu Unica, welche sich dieses heitere Wesen des Alten nicht erklären konnte:

„Freue dich mit mir, denn all mein Leid ist dahin. Ich darf wieder ohne Sorge und Qual atmen und glücklich sein, und das habe ich diesen beiden Männern zu verdanken. Ich werde es dir später erzählen; jetzt haben wir keine Zeit dazu. Ich bin unendlich glücklich, und so sollen auch andere erlöst sein. Binden wir den Yerno los! Er soll wieder in das Gewölbe geschafft werden, wo ich ihm den Rücken verbinden will.“

„Was werden Sie über die Mbocovis beschließen?“

„Sie haben nach dem hiesigen Brauche ihr Leben verwirkt. Aber da ich heute so beseligt worden bin, will ich Milde walten lassen. Wollen erst sehen, was wir gegen den Sendador und seine Schar für einen Erfolg haben. Jetzt aber zu dem Yerno!“

„Nicht so schnell! Es soll ihm nichts geschehen, aber ich habe noch mit ihm zu sprechen.“

„Worüber?“

„Das werden Sie gleich hören. Kommen Sie!“

Der Schwiegersohn des Sendador saß natürlich noch immer gefesselt an dem Baume. Sein Aussehen hatte sich gebessert. Die Farbe war ihm in das Gesicht zurückgekehrt, und seine Augen lagen, anstatt wie vorher weit vorgequollen zu sein, tief in ihren Höhlen. Er bot nicht mehr das Bild eines vor Schmerz Wütenden, sondern eines von der Qual vollständig Abgematteten. Als wir zu ihm traten, richtete sein Auge sich mit dem Ausdrucke der Angst auf mich. Ich sah es wohl, und es that mir trotz seiner Schlechtigkeit wehe. Dennoch zog ich das Gefäß wieder in die richtige Lage, so daß das wenige Wasser, welches sich noch in demselben befand, wieder auf seinen Kopf zu tropfen begann. Er fuhr trotz der Fesseln zusammen, als ob er einen Keulenschlag auf den Schädel erhalten habe, und brüllte erschrocken auf:

„Heiliger Himmel! Schon wieder! Was habe ich denn gethan? Gnade, Gnade!“

„Wir sind noch nicht fertig,“ antwortete ich.

„Was wollen Sie denn noch! Nehmen Sie dieses höllische Wasser weg! Sie brauchen mich nicht zu zwingen. Ich werde Ihnen freiwillig alles sagen. Schlagen Sie mich tot oder martern Sie mich zu Tode, wenn ich ein unwahres Wort spreche! Aber nehmen Sie das Wasser weg, weit, weit weg!“

Ich schob das Gefäß zur Seite und forderte ihn auf:

„So sagen Sie mir zunächst, ob Sie noch immer leugnen wollen, daß Sie der Schwiegersohn des Sendadors sind!“

Man sah es ihm leicht an, daß seine Widerstandskraft vollständig gebrochen war. Seine Angst vor dem tropfenden Wassergefäß war eine ganz unbeschreibliche.

„Nein, ich leugne nicht mehr; ich bin es,“ antwortete er.

„Wo hat Ihr Schwiegervater seinen eigentlichen Schlupfwinkel?“

„Eben an der Laguna de Bambu.“

„Sind Sie einmal mit ihm droben auf der Pampa de Salinas

gewesen?“

„Nie.“

„Aber Sie wissen, daß er zuweilen dorthin geht?“

„Ja.“

„Sie wußten genau, daß er jetzt nach dem Kreuze de la floresta virgen kommen werde, und es wurde als fest und bestimmt ausgemacht, daß er Ihnen nach hier folgt?“

„Er kommt gewiß. Der Tag ist allerdings nicht genau zu bestimmen. Er kann schon heute anlangen.“

„Aber die Stunde ist bestimmt?“

„Ja. Er kennt den Weg und die Gegend sehr genau und wird des Abends eintreffen.“

„Auf welche Weise wollten Sie dann die Vereinigung mit ihm bewerkstelligen?“

Er zögerte mit der Antwort. Ich hatte während meiner Fragen die Hand am Wassergefäß gehabt; jetzt schob ich dasselbe wieder über seinen Kopf.

„Fort, fort damit!“ heulte er auf. „Ich sage alles, sogleich alles!“

„Nun, dann schnell!“ riet ich ihm, indem ich das Wasser wieder entfernte.

„Wenn er uns bis an den Platz, wo Sie uns gestern lagern sahen, nicht auf dem Rückzuge getroffen hat, so nimmt er an, daß wir Sieger sind, und wird dort einen Boten von uns erwarten, den wir ihm aus dem Dorfe senden.“

„Um vollends herbeizukommen?“

„Ja. Was wollen Sie noch wissen?“

„Nichts.“

„Und Sie glauben mir?“

„Ja. Jetzt haben Sie erfahren, wie schnell der Mensch sich verändern kann. Ihr Hohn ist verschwunden. Ein kleiner Wassertropfen war stärker als alle Ihre Kraft. Solche Tropfen wird es einst auch in Ihr Gewissen geben; verlassen Sie sich darauf! Wohl Ihnen, wenn es dann auch einen giebt, welcher das Wasser der Rache von Ihrem Haupte nimmt!“

Er seufzte tief auf. Wie groß mußten die Schmerzen gewesen sein, daß die Angst vor ihnen ihn jetzt veranlaßt hatte, seinen Schwiegervater zu verraten. Ich brauchte nicht mehr zu wissen, als was ich erfahren hatte. Hätte ich aber die Absicht gehegt, noch weitere Forschungen anzustellen, so konnte ich überzeugt sein, das er mir alles entdecken werde.

Wir banden ihn los. Der Alte und Pena führten ihn fort. Er wankte wie ein Betrunkener und mußte an beiden Armen gehalten werden. Ich ging mit Unica langsam der Laube zu, von welcher aus wir den See erblicken konnten. Wir hatten sie noch nicht erreicht, so ertönte von fern her ein langgezogener, durchdringender Pfiff, fast so scharf wie derjenige einer Lokomotive.

„Himmel!“ rief Unica aus. „Unsere Krieger kommen!“

„War das ihr Zeichen?“

„Ja. So klingt die große Signalpfeife, welche der Onkel gebaut hat, damit wir uns in größerer Ferne verständlich machen können. Hören Sie!“

Das Signal ertönte noch einmal, und dann erhob sich unten im Dorfe ein hundertstimmiger Jubel, welcher sich von uns fortzog.

„Sie eilen den Heimkehrenden entgegen,“ erklärte Unica.

„Müssen Sie nicht dabei sein?“

„Eigentlich ja. Aber da Sie – –“

„Bitte,“ unterbrach ich sie. „Die Königin muß bei den Ihrigen sein. Gehen Sie schnell!“

„Nur wenn Sie mich begleiten!“

„Gut. Nehmen Sie Ihren gewohnten Weg. Ich schwinge mich da am Seile des Krahnes hinab.“

„Herr, das ist zu waghalsig!“ warnte sie besorgt.

„O nein. Ich habe es heute bereits zweimal versucht. Haben Sie keine Angst um mich!“

Sie ging, und ich turnte mich in der bereits beschriebenen Weise hinab, wo ich sie erwartete. Dann gingen wir eiligen Schrittes nach dem Wasser, wo wir sahen, daß alles, alles auf den Beinen war. Sogar kleine Kinder wackelten und watschelten so schnell, wie die Beinchen es vermochten, am Ufer hin und schrieen und quiekten einander jubelnd zu. Es ging weiter und weiter am Wasser entlang, aber einen Erwachsenen zu überholen vermochten wir nicht. Unica als Dame und Königin konnte natürlich nicht so rennen wie die andern. Nach ungefähr zehn Minuten hörten wir einen unbeschreiblichen Lärm, welcher uns entgegen kam, und dann erblickten wir die zurückkehrenden siegreichen Krieger, welche zu meiner großen Freude alle beritten waren. Nun gab es für mich die Hoffnung, endlich wieder zu einem Pferde zu gelangen.

Kaum wurden wir gesehen, so verdoppelte sich der Jubel, und der Zug hielt an, die Königin zu erwarten. Ich blieb an ihrer Seite, und so wurden mir alle Ehren, die man ihr entgegenbrachte, auch mit zu teil.

Ein alter Krieger, der Häuptling des Dorfes, wie Unica mir erklärte, stieg vom Pferde, und die andern folgten seinem Beispiele. Er trat auf die Königin zu und hielt ihr eine längere Rede, von welcher ich freilich kein Wort verstand. Dann hielt auch sie eine Rede mit laut erhobener Stimme, so daß alle sie verstehen konnten.

Jedenfalls hatte er ihr Bericht erstattet, und nun erzählte sie, was während der Abwesenheit der Männer geschehen war. Dabei schien sie auch mich zu erwähnen, denn die Augen der Krieger richteten sich mehrere Male auf mich. Nach Schluß ihrer Rede wurde der Königin und mir je ein Pferd gebracht; wir stiegen auf, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Voran schritt ein baumlanger Kerl, welcher ein noch längeres Bambusrohr in beiden Armen trug. Das war das Signalhorn. Neben ihm stand der unvermeidliche Trommler. Hinter diesen beiden kam die weitere philharmonisch angelegte Menschheit mit verschiedenen Instrumenten. Dieser Truppe folgte ich mit der Königin, und hinter uns zogen die Reiter einher, zu beiden Seiten begleitet von dem Ameisengewirr der Civilunterthanen ihrer Majestät.

Da spitzte der Signalist den Mund, formierte mit demselben eine runde Öffnung, durch welche man beinahe einen Kinderkopf schieben konnte, legte diesen Lippenkreis an das ebenso große Loch seiner Bambusröhre und pustete aus Leibeskräften hinein. Es kam ein Ton heraus, der eine Elefantenherde zur schleunigsten Flucht bewegt hätte, und den man allerdings auf eine Entfernung von drei Viertelstunden hören konnte. Die sonstige Kapelle fiel sofort ein, daß mir angst und bange um das bißchen Generalbaß wurde, welches ich von früher her noch inne hatte. Der Signalist aber setzte ab, holte tief Atem, drehte sich um und blickte mich an, um zu sehen, welchen Eindruck seine bambusrohrige Leistung auf mein empfängliches Gemüt hervorgebracht habe. Ich nickte ihm lächelnd zu, worüber er so in Entzücken geriet, daß er sofort mit dem Munde den erwähnten dunklen Krater abermals bildete und nun zu tuten begann, daß man hätte meinen mögen, die drei Elemente wälzten sich kunterbunt durcheinander in dem vierten, nämlich in der Luft herum. Vier oder fünf solche Signalisten hätten wohl eine Mauer umblasen können. Dazu heulten, brüllten und schrieen die andern aus allen Leibeskräften. Wir gelangten mit unerhörtem Sang und Klang in das Dorf und hielten auf dem Marktplatze an, wo der alte Desierto mit Pena uns erwartete.

Alle Reiter stiegen ab und stellten sich vor die Köpfe ihrer Pferde in Reih und Glied. Es trat Stille ein, und der Häuptling nahm diese Gunst des Schicksales wahr, dem Alten militärischen Bericht zu erstatten. Als dieser zu Ende war, rief der letztere mir zu:

„Herr, ein großer und erfolgreicher Sieg! Die Chiriguanos sind so auf das Haupt geschlagen, daß wir gewiß länger als zehn Jahre Ruhe von ihnen haben. Die Krieger, welche Sie hier erblicken, bilden noch nicht die Hälfte der ausgezogenen Schar. Die Fehlenden sind noch weit zurück mit den Herden und sonstigen Dingen, welche wir erbeutet haben. Ich werde verkündigen, daß heute ein großer Siegesschmaus gegeben wird.“

Er that das, und die Folge war ein wahrer Orkan oder vielmehr eine sich immer um sich selbst drehende Windhose von Jubelstimmen. Über alle aber tönte das Signalhorn, was ich am besten beurteilen konnte, da der freundliche Musikus sich gerade neben mich gestellt hatte, um mir die zauberhafte Süßigkeit seiner Musenklänge aus erster Hand zukommen zu lassen. Er pustete und blies, daß ihm die Backen platzen wollten, und hielt dabei sein Auge auf mein Gesicht geheftet. Ich nickte ihm unausgesetzt meine Bewunderung zu. Er erkannte, daß er in mir eine quarten- und quintenverwandte Seele gefunden hatte und geriet vor Freude darüber so in Ekstase, daß ich mich schließlich abwenden mußte, aus purer Angst, daß er sich die Haut vom Körper losblasen und dann mit samt der Pfeife als Luftballon in die Wolken gehen werde. Glücklicherweise wurde ich bald von anderer Seite in Anspruch genommen. Mehrere Männer drängten sich durch die Menge bis zu dem Desierto, dem sie dann eine Meldung zu machen schienen. Er kam auf mich zu und benachrichtigte mich:

„Herr, soeben kommen die Kundschafter zurück; ihr Gang ist nicht vergeblich gewesen. Sie haben die Mbocovis gesehen.“

„Wo?“

„Als sie sechs Stunden lang gelaufen waren, haben sie die heranziehenden Feinde bemerkt. Sie versteckten sich hinter einige Büsche, um sie zu beobachten. Sie waren zu Fuß, hatten aber einige Reiter bei sich.“

„Das sind die Pferde, die sie von uns erbeutet haben. Hoffentlich bekommen wir sie wieder. Leider werden Ihre Kundschafter sich nicht so weit hinangewagt haben, um das zu sehen, was zu erfahren mir wünschenswert ist.“

„Was wollen Sie wissen?“

„Ob Weiße dabei sind.“

„Einer ist gesehen worden.“

„Wie war seine Gestalt?“

„Lang und hager.“

„So ist’s der Sendador, und ich bin befriedigt. Diesesmal soll er mir wohl nicht wieder entkommen!“

„Was werden wir thun?“

„Ich sehe, daß wir den Mbocovis an Zahl nicht ganz gleich stehen, an Waffen ihnen aber überlegen sind.“

„Das sind wir gewiß. Es ist meine größte Sorge gewesen, meine Roten mit Feuergewehren zu versehen; die tragen vier- und fünfmal weiter als der beste Bogen. Meinen Sie wirklich, daß die Mbocovis sich an der Stelle lagern werden, nach welcher Sie gestern der Yerno brachte?“

„Ich glaube es.“

„Und wollen wir sie dort überfallen?“

„Ja, bei Tagesanbruch, damit wir sehen können; in der Dunkelheit könnten viele, vielleicht gar der Sendador selbst, entkommen.“

„So haben wir noch viel Zeit und brauchen unsere Siegesfreude nicht zu beeinträchtigen.“

„O bitte! Mit dem Jubel muß es unbedingt ein Ende haben. Ich halte es für möglich, daß die Mbocovis, sobald sie am Rendez-vous angekommen sind, einen oder mehrere Kundschafter aussenden, welche das Dorf umschleichen sollen. Vielleicht unternimmt gar der Sendador es selbst, dies zu thun. Da muß vollständige Stille herrschen, damit der Feind nicht weiß, woran er ist. Ferner dürfen nur die Krieger in Thätigkeit treten; sie allein bleiben hier im Dorfe. Die andern alle müssen schon jetzt am Tage hinüber auf die Inseln und sich dort so ruhig und versteckt halten, daß niemand sie beobachten kann. Auch sämtliche Pferde werden hinübergeschafft.“

„Die Pferde? Ich denke, daß wir sie zur Verfolgung sehr nötig haben werden.“

„Eine Verfolgung wird es gar nicht geben; wenn wir es richtig machen, kann kein einziger entkommen.“

„Was verstehen Sie unter diesem richtig?“

„Sobald es dunkel geworden ist, gehe ich rekognoscieren, um zu sehen, ob die Mbocovis schon da sind. Ist dies der Fall, so marschieren wir später hinaus und umzingeln das Lager. Dann warten wir, bis der Tag anbricht. Wir nehmen solche Distanz, daß uns kein vergifteter Pfeil erreichen kann, während unsere Kugeln an ihr Ziel gelangen. Dann will ich sehen, wie der Sendador es anfangen will, zu entkommen.“

„Er wird einen Massenausfall gegen einen bestimmten Punkt unternehmen. Wir stehen zu ausgebreitet und vereinzelt, und so muß es ihm gelingen, sich durchzuschlagen.“

„Pah! Das Terrain, über welches wir uns auszubreiten haben, ist nicht groß. Wir haben einen Ring zu schließen, dessen Durchmesser kaum tausend Schritte beträgt. Übrigens stellen wir uns auch nicht etwa einzeln, sondern in Trupps auf. Die Zwischenräume zwischen diesen Trupps können von beiden Seiten mit Kugeln bestrichen werden. Und sollte ja ein Durchbruch versucht und irgend ein bestimmter Punkt unseres Kreises bedroht werden, so sind in Zeit von einer Minute die Kameraden von den andern Punkten so nahe herbeigeeilt, daß ihre Kugeln in den Feind schlagen. Zu einem Durchbruche kann es gar nicht kommen, wenn wir jeden einzelnen Feind, der sich auch nur eine Sekunde lang außerhalb des Gebüsches sehen läßt, sofort niederschießen. Was sind Ihre Roten für Schützen?“

„Ich bin sehr zufrieden. Jeder kennt sein Gewehr genau.“

„Dann habe ich keine Sorge, falls Sie Munition genug besitzen.“

„Die ist da. Ich bin für Monate mit allem Nötigen versehen.“

„So muß es gelingen. Die Hauptsache ist, daß wir das Lager der Mbocovis umschließen, ohne daß sie es bemerken. Das übrige ist dann Leichtigkeit. Entkommen soll mir keiner!“

„Aber die Mbocovis haben auch Gewehre, nämlich die, welche Ihren Gefährten abgenommen worden sind!“

„Das sind nur wenige, und es fragt sich sehr, ob diese Roten mit einer Flinte umzugehen verstehen. Also führen Sie meine Vorschläge aus, und zwar so schnell wie möglich! Ich werde mit Pena hinaus in die Pampa gehen, um zu versuchen, ob wir das Nahen der Feinde bemerken können.“

Ich rief Pena zu mir. Wir stiegen auf den Felsen, um unsere Waffen zu holen, und schritten dann dem vermutlichen Lagerplatze der Mbocovis zu, ohne uns um das im Dorfe herrschende lebhafte Treiben weiter zu bekümmern. Die Stiefel freilich zogen wir aus, damit etwaige Kundschafter nicht etwa aus unsern Spuren erraten sollten, daß Weiße anwesend seien. Als wir die Büsche zu Gesicht bekamen, näherten wir uns denselben mit der größten Vorsicht. Doch war sie in diesem Falle überflüssig, denn es befand sich kein Mensch an diesem Orte. Wir beschlossen also, weiter zu gehen.

Die Spuren, welche die Mbocovis gestern gemacht hatten, waren noch so deutlich, daß nur ein nordischer Prairiejäger unsere heutigen von denselben hätte unterscheiden können. Darum brauchten wir uns keine große Mühe zu geben, keine Fährte zurückzulassen. Übrigens sorgte der erwartete Feind dafür, daß er die letztere, selbst wenn sie von ihm bemerkt worden wäre, nicht bis zu ihrem Ausgangspunkte hätte verfolgen können, denn er hatte seine Annäherung so eingerichtet, daß er den Lagerplatz gerade mit der hereinbrechenden Dunkelheit erreichen mußte.

Als wir nämlich die Mbocovis erblickten, war es ungefähr drei Stunden vor Sonnenuntergang, gerade so viel Zeit, wie sie brauchten, um an den angegebenen Ort zu gelangen. Wie viele ihrer waren, konnten wir nicht zählen, da sie im Gänsemarsche hintereinander marschierten, voran die Reiter und hinter ihnen die Fußgänger, so daß einer den andern deckte.

Ich sah durch das Fernrohr des alten Desierto, welches ich mitgenommen hatte. Es war also anzunehmen, daß der Feind uns nicht gesehen habe. Wir kehrten schleunigst um, gingen bis an den Lagerplatz zurück und noch so weit über denselben hinaus, als das Fernrohr den Blick zu tragen vermochte. Dort legten wir uns nieder, um die Ankunft der Mbocovis zu erwarten. Nachdem eine halbe Stunde vergangen war, kamen sie. Es dunkelte schon stark; aber wir sahen doch, daß sie nach dem Gebüsche lenkten und in und hinter demselben verschwanden.

„Es ist richtig,“ meinte Pena. „Sie verbergen sich dort, ganz so, wie wir gedacht haben. Was thun wir nun? Kehren wir nach dem Dorfe zurück?“

„Nur einer von uns. Der andere muß hier bleiben, um zu beobachten, ob der Sendador vielleicht sofort Kundschafter nach der Lagune sendet. Der Dunkelheit wegen wird die Beobachtung leichter sein. Wäre es hell, so würden etwaige Späher einen Umweg machen, um nicht gesehen zu werden. Nun aber können sie die gerade und kürzeste Richtung einhalten, also die Linie, welche hier an uns vorüberführt. Wenn man still liegt und das Gehör anstrengt, so muß man unbedingt die Schritte eines Menschen hören, selbst wenn er einige hundert Schritte weit von hier vorübergeht. Ich will selbst hier bleiben, und Sie mögen zu dem alten Winter gehen, um ihn zu benachrichtigen, daß die Mbocovis hier sind, und ihm die Weisung überbringen, daß er mit seinen Leuten kommen soll.“

„Danke! Ich bleibe lieber hier. Es ist auf alle Fälle besser, daß Sie in das Dorf gehen, um dafür zu sorgen, daß der Anmarsch der Tobas in der richtigen Weise geschieht. Ich könnte darin Fehler machen und dann Vorwürfe von Ihnen bekommen.“

„Wie Sie wollen! Doch setze ich voraus, daß Sie gut aufpassen.“

„Das versteht sich ganz von selbst.“

„Schön! Was aber werden Sie thun, wenn Sie jemanden vorübergehen hören?“

„Ich schleiche mich ihm nach und versuche, ihn zu fangen.“

„Nein; das werden Sie nicht. Aber Sie schleichen ihm nach, um uns dann sagen zu können, in welcher Richtung er gewesen ist oder sich noch befindet.“

„Dann kann er aber doch Sie bemerken, gerade wenn Sie kommen, und es seinen Leuten berichten!“

„Ich bezweifle, daß er dazu kommen wird. Wenn er uns so nahe ist, daß er uns sehen kann, und wenn Sie uns auf ihn aufmerksam machen, so werde ich schon dafür sorgen, daß ich ihn erwische. Und sollte das nicht gelingen, so mag er immerhin nach den Büschen zurückkehren. Ehe er erzählt, was er gesehen hat, und ehe man dann beraten hat, was geschehen soll, haben wir den Platz umzingelt. Die Hauptsache ist, daß Sie sich nicht eher bemerkbar machen, als bis wir zum Handeln fertig sind. Auch müssen Sie sich, falls Sie sich von hier entfernen, diese Stelle genau merken, um sie wieder finden zu können. Laufen Sie aber in der Irre herum, so warten wir dann hier vergeblich auf Sie und wissen nicht, woran wir sind.“

„Na, lieber Freund, Sie werden mir doch wohl so viel Ortssinn zutrauen, mich zurecht zu finden! Gehen Sie ohne Sorge! Ich werde sicher keinen Fehler machen. Darauf können Sie sich verlassen.“

Ich zog meine Stiefel wieder an, da die Art der Fährte jetzt gleichgültig war, und schritt so schnell wie möglich dem Dorfe zu, wo man mit Verlangen auf unsere Rückkehr gewartet hatte.

Winter war so vorsichtig gewesen, seine Leute zum Ausrücken bereit zu halten, so daß wir also mit dem Sammeln und sonstigen Vorbereitungen keine Zeit zu verlieren brauchten. Auch die Anweisungen, welche ich zu geben hatte, hielten uns nicht lange auf. Ich hatte einstweilen nur zu sagen, daß ich vorangehen werde und die andern mir im Gänsemarsche zu folgen und dabei jedes Geräusch zu vermeiden hätten. Ein Angriff auf das Dorf war während unserer Abwesenheit nicht zu erwarten, da wir den Feind umschlungen halten wollten; dennoch aber ließen wir, um für alle Fälle gerüstet zu sein, eine Besatzung zurück, welche genügend war, sich der Mbocovis bis zu unserer Ankunft zu erwehren.

Da ich annehmen mußte, daß ein etwaiger Kundschafter das Dorf in gerader Linie zu erreichen suchen werde, so hielt ich mich links derselben, indem ich die Tobas erst am Ufer des Sees hin führte und nachher einen Bogen nach Norden machte, um aus dieser Richtung zu Pena zurückzukehren. Auf diese Weise gingen wir dem Kundschafter gewiß aus dem Wege.

Es ist nicht leicht, in vollständig ebener Gegend im Dunkel des Abends eine bestimmte Stelle zu finden, welche sich durch gar nichts von ihrer Umgebung unterscheidet. Es gab keinen Baum, keinen Busch, kurz kein Gewächs und auch keinen andern Gegenstand, welcher mir als Marke hätte dienen können. Doch wer sich Jahre lang in der Prairie umhergetrieben hat, bei dem hat sich, wenn das Wort erlaubt ist, ein Örtlichkeitsinstinkt entwickelt, der ihn wohl nur selten im Stiche läßt. So auch bei mir. Ich erreichte die betreffende Stelle so genau, als ob es heller Tag sei. Und als ich mich niederbückte, um die Erde mit den Fingerspitzen zu untersuchen, fühlte ich deutlich die Eindrücke, welche Pena und ich gemacht hatten. Aber dieser erstere war nicht mehr da.

„Er hat also einen Kundschafter bemerkt und ist ihm nachgeschlichen,“ sagte der alte Desierto. „Warten wir, bis er zurückkehrt?“

„Nein,“ antwortete ich. „Nur einer Ihrer Leute mag hier bleiben, um ihm, wenn er kommt, zu sagen, daß wir schon da sind, und ihn zu uns führen. Wir aber avancieren weiter.“

Nachdem Winter einen Indianer bestimmt hatte, welcher auf Pena warten sollte, gingen wir andern leise weiter, bis ich glaubte, daß wir uns dem Gebüsch genug genähert hätten. Dann ließ ich halten.

Da ich die Örtlichkeit genau kannte, so war meine Berechnung nicht schwer zu machen. Wir mußten um das kleine Gehölz einen Kreis bilden, dessen Durchmesser vielleicht achthundert Schritte betrug, folglich war der Umfang desselben ungefähr fünfundzwanzighundert Schritte lang. Ich schritt also, von den Roten gefolgt, die Kreislinie ab und ließ nach jedem zwölften Schritte einen Indianer stehen, welcher die Weisung hatte, jeden Fremden niederzuschießen, welcher in irgend einer Richtung den Kreis durchbrechen wolle. Als ich auf diese Weise um das Gehölz herumgekommen war und wieder auf dem Ausgangspunkte anlangte, waren die Tobas alle verteilt, und nur ich allein stand mit dem Desierto außerhalb des Kreises, um, falls es nötig sein sollte, nach jedem beliebigen Punkte desselben zu eilen. Kaum war diese Aufstellung vollendet, so hörten wir aus der Gegend, in welcher das Dorf lag, schnell hinter einander zwei Schüsse fallen.

„Alle Teufel!“ sagte Winter. „Dort schießt man. Ich soll doch nicht etwa annehmen, daß wir hier das leere Gebüsch umzingelt haben, und daß die Mbocovis indessen nach dem Dorfe sind, um es zu überfallen?“

„Daran ist nicht zu denken,“ antwortete ich. „Der Sendador hat ja einen Boten von den Mbocovis erwarten wollen, die er für siegreich hält, während sie auf dem Felsen gefangen liegen. Im höchsten Falle hat er einen Kundschafter ausgesandt, und dieser ist mit Pena handgemein geworden.“

„Das haben Sie Pena doch verboten!“

„Freilich; aber man darf sich nie vollständig auf andere verlassen. Wir müssen ruhig abwarten, was kommen will. Aber gehen Sie jetzt einmal rundum von Mann zu Mann, und schärfen Sie den Leuten ein, daß sie ihre Aufmerksamkeit nicht nur vorwärts nach dem Gebüsch, sondern auch nach rückwärts zu richten haben. Sie sollen jeden, der sich ihnen von außen her naht, laut anrufen und ihn, falls er nicht stehen bleibt oder keine Antwort giebt, niederschießen.“

„Aber Herr, das laute Anrufen und Schießen muß den Mbocovis verraten, daß wir hier sind.“

„Das schadet nichts. Wir haben sie nun in der Mitte; sie mögen immerhin merken, daß wir da sind.“

Er ging, und es dauerte wohl eine Viertelstunde, ehe er zurückkehrte, um mir zu versichern, daß seine Leute auf ihrer Hut seien. Noch während wir sprachen, hörte ich Schritte, welche vom Dorfe her näher kamen. Sie klangen laut und schnell. Der Betreffende befand sich also in großer Eile. Er wußte nicht, daß wir da waren und glaubte also nicht, Veranlassung zur Vorsicht zu haben.

„Ist das etwa Pena?“ fragte der Alte.

„Nein, denn dieser würde leise auftreten. Es ist der Kundschafter. Kommen Sie! Wir wollen versuchen, ihn abzufangen.“

Wir gingen dem Kommenden entgegen. Er kam uns schnell näher. Seine Gestalt tauchte vor uns auf. Ich hatte die Hände frei behalten, um ihn zu fassen, leider aber vergessen, dem Alten zu sagen, daß er nicht sprechen solle. Kaum erblickte er den Mann, so rief er aus:

Quien vive – wer da?“

Der Angerufene stutzte, aber nur einen Augenblick lang, dann warf er sich mit einem raschen Sprunge zur Seite. Ich hatte trotz der Dunkelheit seine Gestalt erkannt und war auf ihn eingesprungen, kam jedoch schon zu spät; er war verschwunden. Ich sprang ihm nach, in der Richtung nach rechts, die er eingeschlagen hatte; er mußte sie aber sofort wieder verändert haben, denn er war nicht zu sehen. Ich blieb also stehen und lauschte, konnte aber nicht das leiseste Geräusch vernehmen.

„Aufgepaßt!“ rief ich mit so lauter Stimme, daß meine Worte von allen unsern Leuten gehört werden mußten. „Der Sendador ist da; er will nach den Büschen. Laßt ihn nicht durch, sondern schießt ihn nieder!“

So viel mir am Leben dieses Mannes lag, so war es doch besser, ihn zu töten als ihn wieder zu seinen Mbocovis zu lassen, die ohne ihn führerlos und also weniger widerstandsfähig waren. Kaum war mein Ruf verklungen, so hörte ich seitwärts von mir eine unterdrückte Stimme in grimmigem Tone rufen:

„Tausend Teufel! Der verdammte Deutsche!“

Das war der Sendador. Er war so klug gewesen, sich niederzuducken, anstatt zu entfliehen und uns durch laute Schritte zu verraten, wohin er sich wende. Er hatte mich an der Stimme erkannt und war in der zornigen Überraschung so unvorsichtig gewesen, den Ruf auszustoßen. ich wendete mich natürlich augenblicklich der Richtung zu, aus welcher sein Ruf erklungen war, that dieses aber nicht leise und heimlich und hätte diese Unvorsichtigkeit beinahe mit dem Leben bezahlen müssen, denn kaum hatte ich einige Schritte gethan, so blitzte es ungefähr fünfzehn Schritte vor mir auf, und ich fühlte eine Berührung, als ob jemand mir mit der Hand zwischen dem linken Arme und dem Leibe hindurchfahre. Das Aufleuchten des Schusses hatte mir den Sendador gezeigt. Ich blieb stehen, zog den Stutzen an die Backe und drückte los, genau dorthin, wo ich ihn gesehen hatte. Ein lautes, höhnisches Gelächter antwortete mir. Er war so schlau gewesen, die Stelle augenblicklich, nachdem er geschossen hatte, zu verlassen.

Auch ich huschte eine kleine Strecke zur Seite, um von einer etwaigen zweiten Kugel nicht getroffen zu werden, und blieb dann horchend stehen. Es war nichts zu hören. Der Kerl war mir entgangen. Darum kehrte ich zu dem Alten zurück, welcher mich in sehr erregtem Tone fragte:

„War es denn wirklich der Sendador selbst?“

„Ja. Er hat keinen andern nach dem Dorfe schicken wollen und ist selbst gegangen.“

„Dann ist es doppelt zu beklagen, daß er entkommen ist. Er schoß auf Sie. Sind Sie verwundet?“

„Nein. Die Kugel scheint nur mein ledernes Wams getroffen zu haben.“

„Aber Sie erwiderten seinen Schuß. Vielleicht trafen Sie besser als er.“

„Nein. Sie haben doch wohl gehört, daß er mich auslachte. Dieser Mensch hat mir gegenüber ein immerwährendes Glück. So oft ich denke, ihn fest zu haben, er entgeht mir doch – – horch!“

Quien va alli – wer kommt da?“ ertönte die laute Stimme eines unserer Indianer.

Dem Klange nach stand der Rufende gar nicht weit von uns. Gleich darauf blitzte sein Gewehr auf.

Quien vive?“ fragte es kurz darauf an einer andern Stelle, worauf auch sofort ein Schuß erfolgte. Ein zweiter Schuß antwortete.

„Er will durch,“ sagte der Alte. „Er hat es außer hier nun schon an zwei Stellen versucht.“

„Und ist so vorsichtig gewesen, wieder zu laden. Er hat auch auf den Posten geschossen. Es werden noch mehrere Schüsse fallen, denn er wird so lange auf Leute von uns treffen, bis er eingesehen hat, daß das Gebüsch umzingelt ist.“

Meine Vermutung bestätigte sich, denn wir hörten sehr bald aus einer entfernteren Gegend den lauten Anruf und dann den darauf folgenden Schuß. Dann vernahmen wir Schritte in unserm Rücken. Der zurückgelassene Indianer brachte Pena zu uns. Dieser letztere wartete nicht, bis er angeredet wurde, sondern fragte hastig:

„Man schoß hier wiederholt. Habt Ihr den Sendador getroffen?“

„Also wissen Sie, daß er es ist?“ antwortete ich.

„Natürlich! Ich habe ihn bis auf drei oder vier Schritte gesehen.“

„Wir hörten die Schüsse. Wer schoß zuerst, Sie oder er?“

„Ich natürlich!“

„So! Das finde ich nicht so natürlich und selbstverständlich. Ich hatte Sie doch gebeten, keinen Lärm zu machen!“

„Ja, falls ich auf einen roten Kundschafter treffen sollte. Von dem Sendador aber haben Sie kein Wort gesagt!“

„Ich hätte allerdings daran denken können, daß er selbst den Weg nach dem Dorfe unternehmen werde, aber das entschuldigt doch Sie nicht. Sie durften auf keinen Fall schießen.“

„Auch nicht, wenn ich den Sendador selbst vor mir hatte? Da nicht zu schießen, wäre die größte Dummheit gewesen! Er ist der Kopf der Mbocovis. ist aber der Kopf tot, so ist auch der Leib verloren.“

In diesem Augenblick fiel jenseits des Gebüsches ein Schuß. Daraus war zu schließen, daß der Sendador auch dort versuchte, durch unsern Ring zu kommen.

„Der Mensch hat ein unendliches Glück!“ sagte der alte Desierto. „So viele Kugeln, und doch nicht getroffen!“

„Vielleicht traf die letzte.“

„Wollen es hoffen!“

„Hm!“ brummte Pena. „Warum lassen Sie überhaupt auf ihn schießen? Sie konnten etwas Klügeres thun!“

„Was? Wieso?“

„Dadurch, daß Sie ihn nicht durch Ihren Kreis lassen, treiben Sie ihn ja förmlich von sich, anstatt sich in den Besitz seiner Person zu setzen. Hätten Sie ihn ruhig hindurchgelassen, so befände er sich jetzt bei seinen Roten und müßte sich später ebenso wie sie ergeben. Sehen Sie das nicht ein, Sie überaus kluger Mann?“

Er hatte recht, und ich gestand dies aufrichtig ein. Ich versuchte, meinen Fehler dadurch zu verbessern, daß ich den Alten und den Roten, welcher mit Pena gekommen war, sofort den Kreis abgehen ließ, um den Tobas die bezügliche Instruktion zu erteilen.

Während sie das thaten, setzte ich mich mit Pena auf die Erde nieder, um das einzige zu thun, was wir vornehmen konnten – nämlich warten.

Wir schwiegen beide. Ich ärgerte mich gewaltig über den Fehler, den ich begangen hatte. Es war ganz richtig: Hätten wir den Sendador ruhig durchschlüpfen lassen, so befand er sich dann innerhalb unseres Kreises und konnte uns kaum mehr entkommen. Freilich war er auch der einzige, der die Fähigkeit besaß, unserm Plane mit Erfolg entgegen zu arbeiten. Er wäre sicher die Nacht nicht still und unthätig geblieben, sondern hätte einen Durchbruch versucht, welcher zwar nicht allen gelingen konnte, aber doch einigen gelingen mußte. Und bei diesen einigen hätte er sich ganz gewiß befunden. Dabei wäre es zum Kampfe und Blutvergießen gekommen, und ich hatte also jetzt wenigstens die Genugthuung, dieses letztere durch meinen Fehler verhütet zu haben. Leider aber war dieser Fehler nicht der einzige, den ich mir zu schulden kommen ließ. Es scheint, daß ich an jenem Abende nicht recht bei Überlegung gewesen bin. Ich hätte mir sonst sagen müssen, daß ich mich persönlich in der größten Gefahr befand.

Der Sendador trieb sich außerhalb unseres Kreises im Dunkel herum. Er hatte gesehen, an welcher Stelle ich mich befand. Ich wußte, daß er mich für den gefährlichsten seiner Gegner hielt, und so lag der Gedanke mehr als nahe, daß er versuchen werde, sich an mich zu schleichen, um mich unschädlich zu machen. Mir aber fiel es gar nicht ein, diesen Gedanken zu hegen.

Wir beide saßen einander stumm gegenüber, gaben unsern Gedanken und Empfindungen Audienz und horchten dabei in die Nacht hinaus, ob sich etwas hören lasse. Da war es mir, als ob ich ein leises Geräusch gehört hätte, ein Geräusch, wie wenn man mit der Hand über den harten Erdboden streicht und dabei kleine Steinchen oder größere Sandkörner aus ihrer Lage bringt.

„Sitzen Sie ganz still!“ raunte ich Pena zu. „Ich glaube, es kommt jemand gekrochen.“

„Wer denn?“ fragte er ebenso leise. „Etwa der Sendador?“

„Möglich, sogar wahrscheinlich. Lassen Sie uns hören!“

Ich legte mich lang nieder und hielt das Ohr an die Erde. Da vernahm ich das erwähnte Geräusch deutlicher; es näherte sich, aber von welcher Seite, das konnte ich nicht unterscheiden. Wenn ein so leises Rascheln an ein noch so feines Ohr zu dringen vermag, so ist anzunehmen, daß derjenige, welcher es verursacht, sich nur wenige Fuß entfernt befindet. Es war sicher, daß uns Gefahr drohte; ich kroch also, ohne mich aufzurichten, hart an Pena heran und flüsterte ihm zu:

„Geben Sie mir die Hand! Wir springen schnell auf und eine kleine Strecke fort, da nach rechts hinüber. Es ist jemand da. Eins – zwei – drei!“

Bei „drei“ schnellten wir uns auf und fort. Ich hatte Penas Hand ergriffen, damit wir nicht auseinander kämen – ein Ruck entriß sie mir, und dann hörte ich Penas Stimme hinter mir:

„Hölle und Teufel! Was – was – ah!“

Ich blieb stehen und horchte.

„Hund!“ fuhr Pena fort. „Du sollst mir nicht entkommen. Ich habe dich zu fest. Ich halte dich – – au, o!“

Diese letzteren Interjektionen wurden im Tone des Schmerzes ausgerufen.

„Halten Sie fest!“ forderte ich ihn auf. „Ich komme!“

Und das war abermals ein Fehler, ja sogar eine unverzeihliche Dummheit von mir. Durch diese lauten Worte machte ich seinen Gegner auf die Hilfe, welche ich bringen wollte, aufmerksam. Ich hätte kein Wort verlieren, keinen Laut hören lassen sollen.

Ich eilte die wenigen Schritte zurück. Vor mir fuhr eine Gestalt vom Boden auf. Ich griff schnell zu und faßte sie beim Halse.

„Mein Himmel!“ krächzte der Mann in deutscher Sprache. „Sie haben ja mich, mich, mich selbst – – –“

Ich hatte also Pena gepackt und ließ ihn natürlich fahren. Aus geringer Entfernung von uns selbst erscholl die Stimme des Sendador:

„Mißlungen, aber nur für heute! Du deutscher Hund wirst schon noch mein!“

Im Nu hatte ich den Henrystutzen im Anschlage und gab fünf, sechs Schüsse nach der Gegend ab, in welcher sich der Rufende befand. Er schien heute gegen alle Verwundung gefeit zu sein, denn es war kein Laut zu hören, der uns hätte vermuten lassen können, daß er getroffen worden sei.

„Donnerwetter!“ fluchte Pena. „Ist das ein Abend! Alles, alles geht fehl, und zuletzt wird man durch seinen eigenen Genossen erwürgt und ums Leben gebracht. Warum packten Sie gerade mich und nicht ihn?“

„Weil ich nicht ihn, sondern Sie erblickte.“

„Mich erblickte! Ist denn das ein Grund, mir den Hals zusammenzudrücken, wie eine Maccaroninudel! Wenn Sie mich so oft erwürgen wollen, wie Sie mich erblicken, so ist es schlecht um mich bestellt!“

„Ich hatte Sie in der Eile nicht erkannt. Warum entrissen Sie mir denn Ihre Hand?“

„Ich? Ist mir gar nicht eingefallen, sie Ihnen zu entreißen. Während Sie mich fortzogen, stürzte ich über den Sendador, welcher gerade da lag, wohin wir uns vor ihm retten wollten.“

„Das ist freilich Pech!“

„Ja. Aber es war auch viel Glück dabei, denn der Kerl schien ebenso erschrocken zu sein, wie ich selbst. Wenigstens versäumte er, mich sofort zu packen.“

„So nahmen Sie ihn fest?“

„Ja. Ich warf ihm alle zehn Finger um den Hals; aber ich bin nicht ein geborener Würger wie Sie; er behielt Luft und faßte auch mich an der Gurgel, was freilich nicht viel sagen wollte.“

„Sonderbar, daß er sich keiner Waffe bediente!“

„O, er that es dann. Ich bemerkte, daß er nach seinem Gürtel griff. Ich versuchte, ihm die Hand festzuhalten, aber er zog sie mitsamt dem Messer durch meine Faust; ich mußte ihn fahren lassen, denn ich glaube, er hat mir alle Finger zerschnitten. Das war gerade, als Sie riefen, wodurch er glücklicherweise so in Schreck versetzt wurde, daß er schleunigst entfloh.“

„Welch ein Pech und abermals Pech und immer wieder Pech! Hätten Sie ihn nur noch zwei Sekunden festhalten können!“

„Festhalten? Mit meinen abgeschnittenen Fingern? Das machen Sie mir doch gefälligst einmal vor!“

„Abgeschnitten? – So schlimm ist es doch wohl nicht?“

Er untersuchte seine Finger und erklärte dann:

„Nein, die Finger sind noch dran und keiner ist verletzt; es ist ein Schnitt quer über die hohle Hand. Hoffentlich kehrt der Alte bald zurück. Er sprach vorhin von einem indianischen Wandermittel, welches augenblicklich jede Blutung stillt. Er hat es mitgenommen, weil ein Kampf zu erwarten ist.“

Der viejo Desierto hatte unsere lauten Rufe gehört, und sich infolgedessen beeilt. Als er kam, war er nicht weniger als wir erzürnt über die Freundschaft, welche das Glück heute dem Sendador bewies. Er zog sein Wundzeug aus der Ledertasche, welche er umhängen hatte, verband Penas Hand und dann entfernten wir uns von unserm bisherigen Orte, um eine andere Stelle für uns zu suchen und es dem Sendador dadurch schwer zu machen, uns abermals zu finden.

Unternahm er jetzt noch einmal den Versuch, durch unseren Kreis zu schleichen, so mußte derselbe gelingen, denn der Alte hatte befohlen, ihn durchzulassen und es uns dann aber sogleich zu melden. Aber es verging Stunde um Stunde, ohne daß uns eine derartige Mitteilung gemacht wurde. Mitternacht nahte und die Sichel des Mondes ging auf, um die Gegend mit einem fahlen Lichte zu übergießen, welches es uns möglich machte, das innerhalb unseres Ringes befindliche Gebüsch als dunkle, verwischte Masse liegen zu sehen.

So wenig hell dieser Mondenschein für andere Zwecke war, uns genügte er vollkommen. Für uns war er vorteilhaft, währen er den Mbocovis Verderben brachte. Erstens verhinderte er den Sendador, sich abermals anzuschleichen, und zweitens, die Hauptsache, verriet er uns die Arrangements, welche die Roten getroffen hatten.

Wie wir vorausgesehen hatten, waren sie durch die gefallenen Schüsse zur Vorsicht gemahnt worden. Auch sie hatten Wachen ausgestellt, im Kreise rund um das Gehölz, und zwar so, daß diese Leute sich ungefähr in der Mitte zwischen uns und dem Lagerplatze befanden. Als nun der Mond erschien, erblickten die Tobas diese Feinde und begannen Sofort, auf dieselben zu feuern.

Es zeigte sich, daß unsere Indianer keine schlechten Schützen waren, denn ihre Kugeln hatten getroffen. Viele der Mbocovis fielen; andere wurden verwundet und rannten mit den Unverletzten in höchster Eile nach den Büschen, um sich hinter denselben in Sicherheit zu bringen.

Einige Zeit später bemerkten wir, daß sie sich paarweise hervorwagten. Sie krochen an der Erde nach ihren Toten und Schwerverwundeten hin, um dieselben in das Lager zu holen. Auch auf diese Leute wurde geschossen, ohne daß wir Einhalt thaten. Es mag das als hart und wenig menschlich erscheinen; aber in unserer Lage galt es vor allen Dingen, den Mbocovis zu zeigen, daß wir nicht beabsichtigten, Scherz zu treiben. Dadurch, daß wir jetzt so streng wie möglich waren, konnten wir es erreichen, später Milde walten zu lassen.

Natürlich sahen die Feinde uns ebenso gut, wie wir sie. Sie mußten bemerken, daß sie umzingelt seien. Sie konnten sogar unsere Leute zählen, und es stand zu erwarten, daß sie versuchen würden, in geschlossener Masse sich durchzuschlagen. Aber die Nacht verging, ohne daß dies geschah. Der Morgen brach an, und es wurde tageshell. Nun hielt ich das Spiel für gewonnen.

Wir hatten das Fernrohr mit und konnten mit Hilfe desselben sehen, was innerhalb des Gehölzes geschah. Am Rande desselben lagen Wachen, welche den Auftrag hatten, uns zu beobachten. Hinter diesen Leuten waren die übrigen versammelt zu einer Beratung, wie es schien, denn sie standen eng beisammen. Es war zu erwarten, daß wir das Ergebnis dieser Besprechung bald erfahren würden.

Nach einiger Zeit bemerkten wir, daß die wenigen Pferde, welche sie bei sich hatten, gesattelt wurden. Das deutete auf den Aufbruch. Die Mbocovis glaubten, daß wir das, was innerhalb des Gehölzes geschah, nicht beobachten könnten. Daß wir ein Fernrohr hatten, wußten sie nicht.

Es galt nun, zu beobachten, nach welcher Seite des Gehölzes sie sich ziehen würden, denn nach dieser Richtung war jedenfalls der Durchbruch beschlossen. Ich verabredete mit dem Viejo und Pena einige Zeichen, durch welche ich ihnen das Nötige mitteilen konnte, und schickte sie dann fort, den einen nach rechts und den andern nach links. Unseren Kreis in drei Teile zerlegt, mußten sie sich an dem zweiten und dritten Teilungspunkte aufstellen, während ich am ersten stand. Auf diese Weise sahen wir uns, obgleich die Büsche in unserer Mitte lagen, und konnten uns die verabredeten Zeichen geben.

Unsere Tobas erhielten den Befehl, ja nicht auf die Pferde, die uns erhalten bleiben mußten, sondern auf die Reiter zu schießen, überhaupt erst dann abzudrücken, wenn sie sicher seien, ihr Ziel zu treffen. Auch wurde bestimmt, daß je der zweite Mann der nicht bedrohten Seite derjenigen Seite zu Hilfe zu eilen habe, an welcher der Feind durchzubrechen versuchen werde. Die andern hatten unbedingt ihre Plätze zu behalten.

Übrigens war es mir um unsere Roten gar nicht bange. Sie waren fest überzeugt, daß sie siegen würden, und diese Überzeugung gab ihnen eine Ruhe, deren Wert ich wohl zu schätzen wußte.

Ich stand an der dem Dorfe zugerichteten Seite und war sicher, daß man es unbehelligt lassen werde. Nach dieser Richtung zu entfliehen, das konnte den Mbocovis unmöglich einfallen. Und wirklich sah ich, daß sie sich nach dem entgegengesetzten Teile des Gehölzes zogen; sie wollten also nach Osten hin zu entkommen versuchen.

Indem ich das Gewehr hoch emporhob, gab ich dem Alten und Pena das betreffende Zeichen, und ich sah, daß sie den ihnen nächststehenden Leuten die bezügliche Mitteilung machten, welche von Mann zu Mann weiter gegeben wurde. Unsere Leute waren also vorbereitet.

jetzt befanden sich die Mbocovis so tief im östlichen Teile des Gehölzes, daß ich sie nicht mehr sehen und beobachten konnte. Das war auch nicht mehr nötig, denn der Ausbruch begann. Ein entsetzliches Geheul leitete ihn ein. Dann hörten wir Schüsse krachen. Sie fielen auf der uns entgegengesetzten, hinter dem Gehölz liegenden Seite, so daß wir nicht sehen konnten, was geschah. Aber ein jeder wußte, was er zu thun hatte. Sobald wir die ersten Schüsse hörten, eilten die dazu bestimmten Leute nach beiden Seiten davon, bis so weit, daß ihre Kugeln die Mbocovis erreichen konnten.

Nun waren nicht einzelne Schüsse mehr zu hören, sondern dieselben vereinigten sich zu einem eifrigen Geknatter, welches nicht länger als höchstens zwei Minuten währte. Dann schienen sich die Büsche, in welche die Mbocovis zurückgetrieben worden waren, unter dem Wutgebrüll derselben zu biegen. Unsere Tobas aber antworteten mit einem Siegesgeheul, welches nicht weniger gräßlich anzuhören war.

Die von meiner Seite nach jenseits zur Hilfe gegangenen Leute kehrten zurück und erzählten stolz, wie leicht ihnen der Sieg geworden war. Sie hatten den Feind natürlich nicht so weit herankommen lassen, daß er sie mit seinen vergifteten Pfeilen hätte treffen können, sondern ihm ihre weit reichenden Kugeln in solcher Menge zugesandt, daß er gleich im Anfange gestockt hatte und dann mit seinen Toten und Verwundeten zurückgewichen war.

Das war eine Lehre, welche ihn zur Nachgiebigkeit geneigt machen mußte. Ich sandte darum einen Toba, welcher die Sprache der Mbocovis verstand, ab, um sie aufzufordern, sich zu ergeben. Er nahm in Ermangelung eines Zweiges ein Tuch zur Hand und ging, indem er es hoch schwenkte, langsam auf das Gehölz zu. Ich sah, daß er stehen blieb, und hörte die Worte, welche er den Mbocovis zurief. Einzelne Stimmen antworteten; dann brach ein allgemeines Geheul los, und Pfeile flogen auf ihn zu, jedoch ohne ihn zu erreichen. Als er nun zurückkehrte, sagte er, daß man ihm die Antwort gegeben habe, wir sollten doch kommen und das Lager stürmen; in den Bereich der Pfeile würden wir uns wohl nicht wagen, und unsere Kugeln brauchten sie nicht zu fürchten.

Pena und Winter waren herbeigekommen, um den Bericht des Parlamentärs zu hören. Jetzt meinte der erstere:

„Wollen wir ihnen antworten, wie es sich gehört?“

„Ja,“ sagte ich. „Sie hatten es auf unsern Tod abgesehen, wozu sie also schonen. Treffen wir einige, nun so werden dadurch die anderen gerettet, indem sie sich unterwerfen. Ziehen wir den Kreis noch enger zusammen, doch nicht so weit, daß wir ihren Pfeilen ausgesetzt sind. Und dann mögen unsere Leute auf einen jeden schießen, der sich sehen läßt.“

Dieser Weisung wurde Folge geleistet. Wir näherten uns dem Gehölz, und bald ertönte das Krachen der einzelnen Schüsse, welche auf die am Rande der Büsche sich Zeigenden gerichtet waren. Es trafen viele der Kugeln, wie wir aus dem dann allemal sich erhebenden Gebrüll ersehen konnten.

Um die Mbocovis noch schneller gefügig zu machen, sandte ich den Parlamentär nochmals ab, welcher ihre Aufmerksamkeit auf meine Person lenken sollte. Seine Worte wurden abermals mit lautem Geschrei und unschädlichen Pfeilen beantwortet, waren aber verstanden worden und wurden auch befolgt, denn ich sah, daß die Roten sich nach der Seite des Gehölzes drängten, welcher ich gegenüberstand.

Nun schritt ich langsam nach rückwärts, indem ich mich immer weiter von ihrem Lager entfernte. Ich wußte genau, was ich meinem schweren Bärentöter zutrauen dürfte, und hielt in einer Entfernung an, aus welcher nicht nur ein uncivilisierter Indianer keine Kugel erwartet hätte.

Zunächst sah ich durch das Fernrohr und merkte mir eine Stelle, an welcher viele Mbocovis neben- und hintereinander standen, um mich zu beobachten. Dann schwang ich die Büchse hoch in der Luft, legte sie an, zielte kurz, drückte ab und nahm sogleich das Rohr wieder in die Hand.

An dem Punkte, nach welchem ich gezielt hatte, herrschte große Verwirrung. Jedenfalls hatte die Kugel nicht nur einen getroffen. Leute lagen an der Erde; andere bückten sich über sie; noch andere fuhren hin und her; alle aber schrieen entsetzlich.

Ich legte zum zweiten Male an und gab ihnen auch die andere Kugel. Das Geheul verdoppelte sich, ein sicheres Zeichen, daß ich abermals getroffen hatte. Als ich dann an meinen vorigen Standpunkt zurückkehrte, sagte der alte Desierto:

„Das ist ja ein fürchterliches Gewehr! Auf solche Entfernung hin zu treffen, habe ich für unmöglich gehalten.“

„Pah! Es waren zwei sogenannte Sauschüsse. Ich habe mitten in die Menge gezielt und mußte also irgend wen treffen. Mein Zweck ist aber erreicht, denn jedenfalls sind die Kerle nun überzeugt, daß sie vor unsern Kugeln nicht sicher sind. Ich hoffe, daß sie sich bald ergeben.“

„Ich auch. Soll ich mit ihnen reden?“

„Sie selbst? Sie begeben sich in Gefahr, von einem Pfeile getroffen zu werden.“

„Keiner wird es wagen, auf mich zu schießen! Ich kenne diese Roten. Ich werde sogar trotz ihrer Pfeile geradewegs nach den Büschen gehen.“

„Lassen Sie das bleiben! Es könnte Ihr Tod sein.“

„O nein. Wenn ich dieses hier mit habe, so giebt es keine Gefahr für mich.“

Er klopfte an seine Ledertasche und zog seinen zusammengewickelten Talar aus derselben.

„Den habe ich mir zu diesem Zweck mitgenommen.“ fuhr er fort. Ach stehe bei allen Roten des Gran Chaco in einem solchen Rufe, daß keiner es wagen wird, sich an mir zu vergreifen, falls ich diesen Rock trage. Also haben Sie keine Sorge um mich. Ich weiß genau, was ich thue.“

„Nun, so will ich nicht widersprechen. Was aber werden Sie ihnen für Bedingungen machen?“

„Was raten Sie?“

„Milde. Es ist genug Blut geflossen, auf unserer Seite aber noch kein Tropfen. Wir haben es mit Verführten zu thun.“

Ich gebe Ihnen vollständig recht und bin überhaupt seit gestern ein ganz anderer Mann geworden. Ich weiß noch nicht, was man mir antworten wird, und kann also auch nicht wissen, was ich sagen und fordern werde; aber streng werde ich nicht sein.“

Er warf seinen Talar über, legte alle Waffen ab und schritt in würdevoller Haltung dem Lager zu. Hatte ich bis jetzt Angst um ihn gehabt, so war diese nun verschwunden, als ich sah, mit welcher Seelenruhe die Tobas ihren Anführer und Regenten sich den Feinden nähern sahen. Die letzteren verhielten sich vollständig ruhig. Keiner von ihnen trat in feindlicher Absicht vor; kein Laut war zu hören, selbst dann nicht, als der Alte hinter den Büschen verschwunden war.

Die Mbocovis schienen sich alle um ihn versammelt zu haben, denn so scharf ich den Platz durch das Rohr betrachtete, ich sah keinen einzeln stehen, sondern alle bildeten einen dichten, undurchdringlichen Kreis.

Wir warteten lange, lange Zeit, eine ganze Stunde und noch eine halbe; dann öffnete sich der Kreis, und der Alte kehrte zu uns zurück, doch nicht allein, sondern es kamen sechs Rote mit ihm. Der eine derselben schien ein Kazik zu sein; die fünf andern waren alte Männer, welche ihn in der Eigenschaft von Räten begleiteten. Als sie uns erreichten, sagte der Alte in spanischer Sprache zu uns:

„Dieser tapfere Häuptling der Mbocovis wünscht einige Fragen an die Sennores zu richten. Nach den Antworten, welche er darauf empfängt, wird er sein Verhalten einrichten.“

Nach diesen Worten setzte er sich nieder. Pena und ich nahmen zu seiner Rechten und Linken Platz. Der Mbocovi setzte sich mit seinen Begleitern uns gegenüber. Er musterte uns mit einem scharfen Blicke und sagte dann, zu meinem Erstaunen in ziemlich gut fließendem Spanisch:

„Sie sind aus dem Lande, welches Alemania genannt wird?“

„Ja,“ antwortete ich.

„Das freut mich, denn ich achte dieses Land und seine Bewohner.“

„Haben Sie vielleicht Deutsche kennen gelernt?“

Diese meine Frage schien ihm unwillkommen zu sein, denn er wich ihr aus, indem er fortfuhr:

„In Alemania giebt es tapfere, kluge und fromme Leute. Auch Sie sind tapfer, wie ich gesehen habe; nun sagen Sie mir, ob Sie auch fromm und klug sind!“

„Erlassen Sie uns die Antwort, indem Sie prüfen, ob wir es sind oder nicht.“

„Ein frommer Mann tötet seinen Bruder nicht.“

„Vielleicht aber seinen Feind!“

„Ein kluger Mann macht sich seinen Feind zum Freunde!“

„Wenn der Feind damit einverstanden ist!“

„Das kommt auf die Bedingungen an, welche man ihm macht. Wissen Sie auch, daß ein frommer und kluger Mann niemals eine Lüge sagen wird?“

„Wir wissen es.“

„Und lieben Sie die Wahrheit?“

„Wir lieben und sagen sie.“

„Dann werde ich auch das erfahren, wonach ich forsche. Kennen Sie EI Venenoso, den Häuptling der Mbocovis?“

„Ja.“

„Wo befindet er sich mit seinen achtundfünfzig Männern?“

„In unserer Gefangenschaft.“

„Lauter Indianer?“

„Ein Weißer ist dabei, den Sie jedenfalls besser kennen als ich. Er wird EI Yerno genannt und ist der Schwiegersohn des Sendador.“

„Wie viele dieser Indianer sind verwundet?“

„Keiner, da wir sie durch List überwunden haben.“

„Durch welche?“

„Wir lockten sie auf eine Insel, wo sie festgenommen und gebunden wurden.“

„Was ist über EI Venenoso und seine Leute beschlossen worden?“

„Wir wollten ihnen die Freiheit geben und ihnen ihr Unrecht verzeihen. Da aber nun auch Sie gekommen sind, um uns zu überfallen und zu töten, so werden wir wohl die Entscheidung treffen müssen, daß diese Leute an demselben Schicksale teilnehmen, welches Sie für sich und Ihre Begleiter erwählen.“

Er blickte eine Weile vor sich nieder und fragte dann:

„Kennen Sie EI Sendador?“

„Ich kenne den Schurken.“

„Wir haben ihn für einen guten Mann gehalten. Wir sind seine Freunde.“

„So haben Sie sich sehr geirrt und sind die Freunde eines sehr großen Bösewichtes.“

„Auch das sagte uns der viejo Desierto, und wir konnten es nicht glauben, denn der Sendador hat uns noch niemals belogen und betrogen.“

„So ist er gegen Sie wahrer und treuer gewesen als gegen andere, obgleich ich die Treue, welche er heute gegen Sie zeigt, unmöglich loben kann. Er hat Sie verlassen. Nennen Sie das Treue?“

„Er wird durch Sie verhindert worden sein, zu uns zurückzukehren. Wir hörten viele Schüsse und haben auch seine Stimme vernommen. Haben Sie ihn getötet oder gefangen genommen?“

„Beides nicht. Er ist entkommen,“ antwortete ich aufrichtig, obgleich es wohl besser gewesen wäre, ihn in Ungewißheit zu lassen. Der Mann gefiel mir nicht. Sein im allgemeinen indolentes Gesicht hatte einen verschmitzten, versteckten Ausdruck. Er sah aus, als ob er uns aushorchen und unsere Auskünfte dann zu seinem Vorteile benutzen wolle. Dann fügte ich fragend hinzu:

„Und warum sind Sie gekommen, die Tobas zu überfallen? Sind Sie etwa Todfeinde derselben?“

„Nein,“ antwortete er, wohl wissend, daß eine Bejahung meiner Frage seine Lage nur verschlimmern könne. „Sie sind unsere Freunde.“

„Aber Freunde überfällt und tötet man doch nicht!“

„Der Sendador hat uns dazu verführt,“ entschuldigte er sich.

„Nun, so sehen Sie ja gleich, daß die Bekanntschaft mit diesem Manne Ihnen Unheil bringt. Kennen Sie ihn näher?“

„Er kommt zuweilen zu uns. Weiter wissen wir nichts.“

„Wo hat er seinen heimlichen und ständigen Aufenthalt im Gran Chaco?“

„Das hat er uns noch nie gesagt. Er wandert überall umher.“

„Ich hörte, daß sich dieser Ort bei Ihnen befinde!“

„Da hat man Ihnen die Unwahrheit gesagt.“

Hin! Seit wann befindet sich der Sendador jetzt bei Ihnen?“

„Seit mehreren Wochen schon.“

„Und woher kommen Sie Jetzt?“

„Direkt aus unseren Dörfern.“

„Er hat Sie dort aufgesucht?“

„Ja.“

„Ich hörte, daß er vor mehreren Tagen am Nuestro Sennor Jesu-Cristo eine Anzahl von Weißen überfallen habe?“

„Das ist nicht wahr, denn er ist seit einigen Wochen bei uns gewesen.“

„Und doch sagt man, daß er sich gerade in der letzten Zeit in Palmar befunden habe!“

„So irrt man sich gewaltig.“

„Die Weißen, welche er am Kreuze überfallen wollte, sind ihm zuvorgekommen und haben ihn gefangen genommen; er aber entkam, weil einer derselben ihn entfliehen ließ. Zum Danke dafür überfiel er sie später abermals und nahm sie, zwei ausgenommen, gefangen.“

„Was Sie da erzählen, klingt mir so, daß ich es unmöglich glauben kann.“

„So wissen Sie auch nicht, wohin er diese Gefangenen transportiert hat?“

„Nein.“

„Ich hörte, daß er sie zu den Mbocovis geschafft habe?“

„Davon müßte vor allen Dingen ich wissen, denn ich bin der oberste Kazike aller Dörfer der Mbocovis. Überhaupt machen wir keine weißen Gefangenen. Wir sind die besten Freunde der Weißen und haben noch niemals einen von ihnen als Gefangenen bei uns gehabt.“

„Wirklich nicht?“

„Niemals!“ antwortete er mit einem aufrichtig sein sollenden Gesichte.

„Auch einen gewissen Pardunna aus Goya mit seinem Sohne nicht?“

„Nein.“

„Oder kennen Sie vielleicht einen Weißen, welcher Adolfo Horno heißt?“

„Ich habe ihn noch nie gesehen.“

„Und doch soll er sich bei Ihnen befinden!“

„Das hat mir der viejo Desierto auch schon gesagt; aber es ist die größte Lüge, die es nur geben kann.“

„Der Schwiegersohn des Sendador soll ihn gefangen genommen und zu Ihnen gebracht haben.“

„Nennen Sie mir den Namen dieses Mannes, welcher diese Verleumdung ausgesprochen hat, und ich werde ihm mein Messer in das Herz stoßen!“

jetzt räusperte sich der alte Desierto in einer Weise, welche den Roten nicht auffallen konnte, mir aber als Wink diente, dieses Thema nicht weiter zu verfolgen. Ich verstand den Alten und fuhr in freundlicherem Tone fort:

„So muß ich allerdings annehmen, daß man Ihnen mit großem Unrechte Böses nachgesagt hat.“ –

„Ja, das hat man!“ versicherte er eifrig. „Wenn Ihnen etwa Freunde und Gefährten fehlen sollten, so stelle ich Ihnen alle meine Krieger zur Verfügung, welche mit Ihnen suchen werden, ohne dafür einen Lohn zu fordern!“

„Das wird, wenigstens jetzt, nicht gut möglich sein, weil Sie weder über sich noch über Ihre Leute bestimmen können.“

„O, ich bin der Kazik! Sie müssen gehorchen und werden es gerne thun.“

„Sie vergessen, daß Sie sich gegenwärtig in einer Lage befinden, in welcher weder Sie befehlen, noch Ihre Untergebenen gehorchen können!“

„Was wollen Sie machen? Unserm Lager dürfen Sie sich nicht nähern, weil Sie sonst von unseren Pfeilen getroffen werden.“

„Wir brauchen uns Ihren Pfeilen nicht auszusetzen, denn wir haben Ihnen gezeigt, wie weit unsere Kugeln tragen. Wenn Sie sich nicht ergeben, so werden Sie alle sterben, ohne daß Sie einem einzigen von uns auch nur die Haut zu ritzen vermögen.“

„Haben Sie so viel Pulver und auch Blei!“

„O, wir haben weit mehr davon, als nötig wäre, tausend Mbocovis zusammenzuschießen. Ich gebe Ihnen eine Stunde Zeit. Haben Sie da noch nicht um Pardon gebeten, so senden wir von allen Seiten unsere Kugeln in Ihr Lager, und binnen wenigen Minuten, darauf können Sie sich verlassen, wird keiner von Ihnen mehr leben.“

„Und was geschieht mit uns, wenn wir uns ergeben?“

Ich wollte antworten, aber der alte Desierto fiel statt meiner ein:

„So werden wir ein Bündnis mit Ihnen abschließen.“

„Wirklich?“ fragte der Kazike schnell und in frohem Tone. „Können wir uns darauf verlassen?“

„Ganz gewiß, vorausgesetzt, daß Sie uns nicht belügen und betrügen.“

„Das werden wir nicht, sicher nicht. Also wir sollen Ihre Freunde werden und dürfen alles behalten, was wir besitzen?“

„Ja. Alles, was Ihnen gehört, auch die Waffen bleiben Ihr Eigentum. Ich werde Sie zwar nicht als Gefangene behandeln, aber sobald Sie sich ergeben, haben Sie alles, was Sie bei sich führen, einstweilen an uns abzugeben. Das ist so Kriegsgebrauch.“

„Und dann?“ fragte der Kazike, indem er ein höchst enttäuschtes Gesicht machte.

„Dann führe ich Sie zu Ihren Kameraden, welche bereits meine Gefangenen sind und die ich frei geben wollte. Mit ihnen mögen Sie sich beraten.“

„Wenn wir aber über die Bedingungen des Freundschaftsbundes nicht einig werden, was geschieht dann?“

„Dann entlasse ich Sie mit allem, was Ihnen gehört, in Ihre Heimat. Freilich setze ich da immer voraus, daß Sie aufrichtig mit uns handeln und uns nicht betrügen wollen.“

„Wir sind aufrichtig und werden es stets bleiben. Ich werde meinen Gefährten jetzt mitteilen, was wir gesprochen haben, und sie nach ihrer Meinung fragen.“

Er unterredete sich in halblautem Tone mit den andern Roten. Ich verstand kein Wort, sah aber den Mienen dieser Leute an, daß sie nicht ohne Bedenken waren. Vielleicht hatten sie die Meinung, daß sie doch noch einen Versuch der Gegenwehr machen könnten, da es, wenn dieser mißglücke, noch immer Zeit sei, sich zu ergeben. Sie glaubten wohl nicht, daß wir so gerüstet seien, wie ich gesagt hatte, denn der Kazike wendete sich mit der Frage an mich:

„Ist es wirklich wahr, daß Sie so viel Pulver und Blei haben, daß Sie uns alle erschießen können?“

„Ja. Und haben Sie wohl schon die Gewehre gesehen, von denen jeder der Tobas eines besitzt?“

„Nun, Schießgewehre!“

„Das meine ich nicht. Ich will es Ihnen nicht mit Worten, sondern durch die That erklären. Passen Sie einmal auf!“

Der Mann trug ein rotes Tuch um den Kopf gewunden. Ich band es ihm ungeniert ab, befestigte es mit zwei Zipfeln an den Flintenlauf eines Toba und gebot dann diesem letzteren, das Gewehr emporzuhalten. Er mußte sich so stellen, daß das Tuch sich im Morgenwinde ausbreitete und wie ein Fähnchen flatterte. Nun nahm ich den Stutzen zur Hand und sagte zu dem Kaziken:

„Ich werde so viele Löcher in das Tuch schießen, wie Sie an beiden Händen Finger haben, ohne zu laden, und diese zehn Löcher müssen aus der untersten Ecke links nach der obersten Ecke rechts eine gerade Linie bilden. Passen Sie auf!“

Ich entfernte mich, indem ich hundertfünfzig Schritte abzählte, legte dann auf das Fähnchen an, und gab, indem ich die Kugel, welche die Patronen enthielt, mit dem Drücker bewegte, die zehn Schüsse ab. Noch ehe ich zurückgekehrt war, befand das Tuch sich in den Händen Penas und des Desierto, die mit Verwunderung die gerade Linie betrachteten, welche von den Löchern gebildet wurde. Ich nahm es ihnen aus der Hand, gab es dem Kaziken und sagte:

„Sehen Sie es sich an! Soll ich noch zehn solcher Löcher hineinschießen, ohne zu laden, oder wissen Sie nun, was wir für Gewehre haben?“

Er blickte bald das Tuch, bald mich, bald den Henrystutzen an. Sein Gesicht hatte einen so ungeheuer dummen Ausdruck, daß ich mir Mühe geben mußte, ein ernstes Gesicht zu behalten.

„Aber, Sennor,“ stieß er fast stotternd hervor, „ohne – ohne zu laden! Und die Flinte hat doch nur einen Lauf und ein Loch!“

„Das ist noch wenig. Ich frage Sie ja, ob ich noch zehnmal schießen soll!“

„Um Gottes willen, nein! In dieser Flinte steckt der Teufel! Die ist in der Hölle gemacht worden! Ich mag sie nicht mehr sehen!“

Er streckte die beiden Hände weit von sich und zog ein ganz unbeschreibliches Gesicht dazu.

„Wenn Sie dieses Gewehr schon gar nicht ansehen wollen, wie würden Sie es dann wohl empfinden und fühlen, wenn ich es im Ernste gegen Sie und Ihre Leute richte! Bei jedem Schusse würde ein Mann fallen.“

„Sie haben zwei Gewehre, Sennor. Mit welchem haben Sie vorhin geschossen? Mit dem großen da?“

„Ja.“

„Schon das war fürchterlich; aber dieses kleine hier ist noch viel schrecklicher. Legen Sie es fort, denn ich mag nichts von demselben wissen. Ich werde mit meinen Gefährten nochmals sprechen.“

Er wendete sich wieder an die anderen Indianer, denen meine Schießprobe, welche, aufrichtig gestanden, gar keine große Geschicklichkeit erforderte, ebenso imponiert hatte wie ihm. Während sie sich dieses Mal ganz leise unterredeten, kehrten ihre Blicke mit dem Ausdrucke der Sorge immer wieder zu meinen beiden Gewehren zurück. Es war klar, daß sie Angst bekommen hatten. Endlich erklärte der Kazike:

Wir nehmen die Bedingungen an und ergeben uns, erwarten aber ganz bestimmt, daß Sie Wort halten werden!“

„Das werden wir,“ antwortete der Desierto. „Doch setzen wir voraus, daß Sie ohne Lug und Trug gesprochen haben.“

„Wir haben nicht ein unwahres Wort gesagt. Dürfen also nun meine Leute das Gebüsch verlassen, ohne daß ihnen eine Gefahr droht?“

„Jetzt noch nicht. Zunächst müssen alle Waffen und alles andere Eigentum abgeliefert werden.“

„Die Pferde doch nicht?“

„Gewiß. Wenn sie Ihr Eigentum sind, erhalten Sie sie zurück. Gehen Sie jetzt nach Ihrem Lager. Zehn Mann mögen alles bringen. Dann werden Sie weitere Botschaft erhalten.“

Die Mbocovis standen auf und entfernten sich. Sie waren überzeugt, ein nach den gegenwärtigen Umständen sehr vorteilhaftes Übereinkommen getroffen zu haben. Als sie so weit fort waren, daß sie uns nicht hören konnten, sagte der Desierto zu mir:

„Das haben wir Ihrem verteufelten Stutzen zu verdanken, welcher sie in grimmige Angst versetzt hat. Man sollte es nicht für möglich halten, so viele Feinde zu besiegen oder gar gefangen zu nehmen, ohne daß einem dabei ein Haar gekrümmt worden ist!“

„Mit den Versprechungen ist es Ihnen doch nicht Ernst?“

„Vollständig Ernst!“

„Nun, dann haben diese Halunken ein sehr gutes Geschäft gemacht. Anstatt die verdiente Strafe zu erleiden, werden sie zu Freunden und Bundesgenossen gemacht. Ich lasse mir allenfalls ein wenig Menschlichkeit gefallen, aber das Verbrechen geradezu zu belohnen, das halte ich denn doch nicht für geraten!“

„Wer spricht denn von Belohnung?“

„Ihre Bedingungen enthalten unbedingt einen Lohn!“

„Ja, aber was für einen! Haben Sie denn nicht gehört, was ich wiederholt vorausgesetzt habe? Ich habe mir jede Lüge und Hinterlist, jeden Lug und Trug verbeten. Der Kazike hat uns belogen; er will uns betrügen. Darum brauche ich mein Wort nicht zu halten. Dieser dumme Mensch wollte uns überlisten und wird in seine eigene Falle laufen. Was hat er uns über den Sendador weiß machen wollen! Und daß er behauptet, niemals einen Weißen gefangen genommen zu haben, ist ein Beweis, daß er uns für vollständig ununterrichtet hält. Er wird nicht auf das freudigste überrascht sein, wenn er erfährt, wie es eigentlich steht.“

„Aber wie wollen Sie so viele Leute unterbringen?“

„Da sorgen Sie sich ja nicht! Ich habe vollständig Platz. Sie werden im Bethause untergebracht.“

„Das ist nicht gut verwahrt; sie können leicht ausbrechen.“

„Das wollen wir ihnen wohl nicht so leicht machen. Sie wissen wohl noch nicht, daß sich ein großer Keller dort befindet?“

„Ah so! Aber sie werden nicht freiwillig da hinunter wollen.“

„So zwingen wir sie. Ich sorge dafür, daß nur der Kahn von gestern abend da ist, welcher mit dem Ruderer sechs Personen faßt, und daß sich zehn meiner kräftigsten Indianer im Hause befinden, welche mit den einzeln ankommenden Mbocovis wenig Federlesens machen werden. Ich muß überhaupt einen Boten ins Dorf senden, welcher zu melden hat, daß unser Plan gelungen ist. Der Mann soll die nötigen Befehle mitnehmen, damit alles vorbereitet ist, wenn wir kommen.“

Er winkte einen seiner Leute herbei, welchem er eine sehr ausführliche Instruktion erteilte. Diese nahm so viel Zeit in Anspruch, daß der Alte erst fertig war, als die zehn Mbocovis mit der Kriegsbeute sich näherten. Sie führten die Pferde, auf welche man die meisten Gegenstände geladen hatte. Mit Entzücken sah ich, daß mein Brauner dabei war. Am liebsten wäre ich dem Pferde entgegen gerannt, aber ich blieb stehen, um zu sehen, ob es mich von selbst erkennen werde.

Die Waffen und andere Gegenstände wurden abgeladen. Ich stand von ferne und schaute zu. Als der Braune sich seiner Bürde entledigt fühlte, suchte er nach Gras. Dabei richtete er den Kopf bald hin und bald her. Sobald ich mich innerhalb seines Sehkreises befand, hielt er plötzlich bewegungslos still; seine Ohren begannen zu spielen, und der Schwanz richtete sich auf. Er sah mich erst mit dem rechten, dann mit dem linken Auge an und kam langsam näher. Endlich schien er überzeugt zu sein, daß ich es sei. Ein Zittern überlief seine Gestalt; er sog die Luft lang und tief ein, schnaubte einige Male, wieherte laut auf und kam dann auf mich zugesprungen. Noch stand ich still, ohne auch nur einen Finger zu bewegen. Da stieß er mich mit dem Maule an, schob mich zur Seite und brach, als ich dennoch keinen Laut von mir gab, in ein kläglich stöhnendes Wiehern aus. Da legte ich ihm die Hand um den Hals und zog seinen Kopf an mein Gesicht. Ich nannte ihn bei seinen Kosenamen und klopfte ihm die glänzend glatte Haut. Die Folge war, daß er vor Freude rein außer Rand und Band geriet. Er rieb und stieß mich mit dem Maule von allen Seiten, stieg vorn empor, schlug hinten aus, rannte eine Strecke davon und dann rund um mich herum, kehrte zurück, um mich zu lecken, schlug die tollsten Capriolen, kurz, er war vor Freude außer sich.

Ich untersuchte die Satteltaschen. Außer einigen Kleinigkeiten war nicht nur alles, was ich darin gehabt hatte, noch vorhanden, sondern der Sendador, der natürlich sich meinen Braunen angeeignet hatte, war so gütig gewesen, noch Verschiedenes hinzuzufügen, was ich jetzt als mein Eigentum ansehen konnte.

Inzwischen hatte der alte Desierto dem Kaziken sagen lassen, daß er mit seinen Leuten anmarschieren könne, paarweise hinter einander. Als der lange Zug sich uns näherte, wurde unser Kreis aufgelöst. Die Leute kamen herbei, um die eroberten Waffen und sonstigen Gegenstände aufzunehmen und den Gefangenen als Eskorte zu dienen; sie stellten sich zu beiden Seiten derselben auf.

jetzt ging ich mit Pena und dem Alten nach dem Gehölze, um nachzuschauen, ob da nicht vielleicht irgend etwas Bemerkenswertes zu entdecken sei; wir suchten vergebens. Als wir dann, zurückkehrend, die lange Doppelreihe der Gefangenen zwischen den bewaffneten Tobas stehen und auf uns warten sahen, meinte der Desierto:

„Ich möchte wissen, was die Burschen denken. Ob sie sich wirklich einbilden, so wohlfeilen Kaufs davon zu kommen!“

„Ich habe einige erkannt,“ antwortete Pena. „Besonders hatte ich mir die beiden Wächter gemerkt, welche so prächtig schliefen, als ich unsern Freund hier befreite. Sie verlassen sich darauf, nicht erkannt zu werden, da dem Auge eines Weißen alle Roten ähnlich erscheinen.“

„Ob Bekannte unter ihnen sind, weiß ich noch nicht,“ sagte ich. „Ich hatte mit meinem Pferde zu thun und habe noch keinen der Mbocovis angesehen. Wollen wir nicht den Spaß machen, dem Kaziken ein Pferd anzubieten?“

„Schenken?“ fragte Pena erstaunt.

„Was fällt Ihnen ein! Schenken! Nein, er soll stolz zu Roß mit uns nach dem Dorfe reiten.“

„Das fehlte noch! Der Kerl mag laufen, so wie wir tagelang gelaufen sind, als wir um unsere Pferde gekommen waren.“

„Es soll nicht aus übermäßiger Freundlichkeit, sondern aus Klugheit geschehen. Gewähren wir ihm die Auszeichnung, im Sattel sitzen zu dürfen, so wird er desto sicherer werden und um so blinder in die Falle gehen. Gegen einen Kriegsgefangenen, den man reiten läßt, hat man doch nichts Schlimmes vor!“

„Das ist richtig, und Sie haben recht. Lassen wir ihn also reiten. Mag der Triumphzug beginnen. Tausendmal größer aber wäre meine Freude, wenn wir den Sendador auch mit erwischt hätten.“

„Hoffentlich bekommen wir ihn noch und zwar hier in der Nähe.“

„Das bilden Sie sich nicht ein! Glauben Sie denn wirklich, daß er hier verweilt, bis wir kommen und ihn wegnehmen wie eine reife Birne vom Baume?“

„Das nicht: aber ich glaube, daß er hier bleibt, bis er genau weiß, welches Ende sein Raubzug gefunden hat. Dieses Ende ist erst an dem jetzigen Augenblicke zu ersehen, und so bin ich vollständig überzeugt, daß er noch jetzt hier irgendwo steckt und uns beobachtet.“

„So müssen wir schleunigst nach ihm suchen, denn er wird sich nun höchst wahrscheinlich von dannen machen.“

„Das hat keine große Eile. Der Tag ist noch lang, und ich denke, der Sendador bleibt noch in der Nähe, um auszuspionieren, was mit den Gefangenen geschehen wird.“

„So reiten wir mit in das Dorf?“

„Ja. Wir haben unsern Beitrag zum Gelingen geleistet und werden nun auch am Triumphe teilnehmen.“

Ich bestieg den Braunen, welcher vor Freude darüber, mich wieder tragen zu können, mit allen Vieren in die Luft ging. Pena setzte sich auf das Pferd, welches er vorher geritten hatte. Es waren alle Pferde da, die der Yerbateros, des Bruders und der andern.

Als ich Turnersticks Pferd dem Kaziken vorführte und ihm einen Wink gab, aufzusteigen, sah er mich erstaunt an und fragte:

„Was meinen Sie? Was ist’s mit diesem Pferde?“

„Reiten sollen Sie es.“

„Jetzt? – – bin ich denn nicht Ihr Gefangener?“

„Was Sie sein werden, ist jetzt noch nicht entschieden. Für mich sind Sie einstweilen der Kazike der Mbocovis, dem es gebührt, zu reiten, falls ein Pferd da ist. Also steigen Sie in den Sattel!“

Er folgte dieser Aufforderung, und es war ihm und seinen Leuten anzusehen, welch guten Eindruck diese Aufmerksamkeit auf sie machte. Jetzt erst betrachtete ich die einzelnen Personen und fand alle diejenigen heraus, die ich am Lagerplatze, wo Pena mir als Retter erschienen war, erblickt hatte; ich that aber so, als ob mir keiner von ihnen bekannt vorkomme.

Wir vier Reiter setzten uns an die Spitze; dann folgten die Pferde, welche von mehreren Tobas geführt wurden, und hinter diesen kam der Zug der Mbocovis mit ihrer Eskorte. So ging es in raschem Schritte dem Dorfe zu. Bis in die Nähe desselben war kein Mensch zu sehen. Dann aber hatten sich alle Bewohner desselben am Ufer versammelt und eine lange Reihe gebildet, zwischen welcher und dem Wasser wir passieren mußten, um zur Überfahrtstelle nach der Insel zu gelangen.

Voran hielt Unica mit ihrer weiblichen Garde; dann kamen die männlichen, die weiblichen Bewohner und endlich die Kinder. Die Krieger, welche wir zum Schutze des Dorfes zurückgelassen hatten, versahen recht wacker den Polizeidienst und hielten auf Ordnung unter der Menge, welche uns mit Jubel empfing.

Es versteht sich ganz von selbst, daß die Musikanten nicht fehlten. Was rufen, schreien und jubeln konnte, das ließ die Stimme erschallen. Die Kinder waren, hier wie allerwärts, die schlimmsten. Die Mbocovis schienen freilich von diesem Jubel nicht erbaut zu sein; sie sahen an sich nieder und warfen keinen Blick auf das schreiende Volk.

So kamen wir zur Landestelle, wo wir anhielten und von den Pferden stiegen. Einige Krieger nahmen die Tiere in Empfang, um ihrer zu pflegen.

„Warum steigen wir hier ab?“ fragte der Kazike.

„Weil wir hier am Ziele sind,“ antwortete der Desierto. „Wir fahren nach der Insel hinüber.“

„Was sollen wir da drüben?“

„Sie sollen dort eine sichere Wohnung haben, wo Sie von meinen Leuten nicht belästigt werden können. Sie wissen, daß der Sieger, zumal wenn er jung ist, nicht immer leicht im Zaume zu halten ist, und ich wünsche nicht, daß irgend einer meiner jungen Leute Sie im Übermute beleidige.“

„Das ist etwas anderes; das ist mir sogar sehr lieb,“ sagte der Kazike beruhigt, indem er die Ansicht hegte, daß in der Veranstaltung des Alten eine Auszeichnung für ihn enthalten sei.

„Ja,“ meinte dieser, „Sie werden gerade so mit mir zufrieden sein, wie ich mit Ihnen zufrieden gewesen bin. Als Anführer Ihrer Krieger bleiben Sie natürlich hier an meiner Seite, um die Einschiffung mit zu überwachen. Meine beiden deutschen Freunde aber werden mit dem ersten Boote mit hinüberfahren, um dafür zu sorgen, daß Sie würdig empfangen werden.“

Das Angesicht des Kaziken leuchtete vor Vergnügen. Er glaubte, nun aller Sorge enthoben zu sein und hielt eine darauf hindeutende Ansprache an seine Leute. Drei von ihnen stiegen mit mir und Pena ein; der Ruderer ward der sechste.

„Warum hat der Alte gerade uns hinübergeschickt?“ fragte Pena in deutscher Sprache unterwegs.

„Weil wir gestern bewiesen haben, daß wir es verstehen, da drüben mit diesen Mbocovis fertig zu werden. Vielleicht traut er unseren Fäusten mehr zu als denjenigen seiner Leute.“

& „So bin ich neugierig, wie wir das Innere des Bethauses finden werden.“

„Ganz wie gestern, nur mit dem Unterschiede, daß ein Keller offen ist, dessen Eingang wir noch nicht bemerkt haben.“

Es war so, wie ich dachte. Als wir drüben angelegt hatten und dann in das Bethaus traten, saßen auf der vorletzten Bank zehn kräftige Toba-Indianer. Hinter ihnen war die letzte Bank entfernt, und wir sahen ein Loch, in welches eine steinerne Treppe hinabführte. Die Tobas erhoben sich, und wir geleiteten die drei Mbocovis nach dem Loche. Pena lud sie in ihrer Sprache ein, hinabzusteigen. Sie sahen ihn betroffen an, blickten in die Finsternis hinunter und weigerten sich dann, seiner Einladung Folge zu leisten.

Pena hatte in freundlichem Tone zu ihnen gesprochen. Jetzt schien er grob zu werden, denn er zog sein Messer und drohte ihnen mit demselben. Ich nahm den Revolver in die Hand und hielt ihnen denselben entgegen; doch war dieser deutliche Fingerzeig sehr überflüssig, denn die Mbocovis wurden von den Tobas gepackt und wie Warenballen in die Kelleröffnung hinabgestoßen.

„Unten sind sie,“ sagte Pena. „Die Tobas werden dafür sorgen, daß sie nicht wieder heraufkommen. Ich werde jedesmal an das Ufer gehen, um die Passagiere zu empfangen und herein zu bringen. Sie nehmen an der Thüre Posto, um etwa solche, welche die Flucht ergreifen wollen, zurückzuhalten.“

Er ging und brachte bald weitere fünf, welche sich auch weigerten, hinabzusteigen. Sie wurden hinabgestoßen. So ging es von fünf zu fünf in einem fort. Die zehn Tobas eigneten sich schnell eine sehr treffliche Routine an, ihre menschliche Ware in den Keller zu bringen. Kaum waren die Mbocovis eingetreten, so gelangten sie, von Hand zu Hand geschoben, an die Kelleröffnung und verschwanden in derselben, bevor sie daran gedacht hatten, wörtlich oder gar thätlich Widerstand zu leisten.

Desto lauter ging es unten zu. Die Gefangenen versuchten einige Male, sich mit Gewalt hinaufzudrängen; da aber hielten zwei Tobas mit gespannten Bogen und Giftpfeilen Wacht, so daß es bei dem Anfange des Versuches blieb.

Zuletzt kamen die Verwundeten, welche der alte Desierto drüben am Ufer verbunden hatte. Sonderbarerweise war kein einziger von ihnen an den Beinen oder Füßen verwundet worden, ein glücklicher Umstand, welcher ihren Transport außerordentlich erleichterte. Die Toten hatte man draußen im Gehölz liegen lassen. Endlich, bei der wohl über vierzigsten Überfahrt, als alle Mbocovis schon herüber waren, nahm Pena mich mit hinaus, denn das Boot brachte jetzt nur den Desierto mit dem Kaziken.

„Nun,“ fragte der letztere, als wir beide ihm entgegen kamen, „sind meine Leute mit ihrer Wohnung zufrieden?“

„Es hat noch keiner geklagt,“ antwortete Pena.

„Haben sie Essen und Trinken?“

„Jetzt wohl noch nicht; ich denke aber, daß der Desierto dafür sorgen wird.“

„Ja, das werden Sie thun,“ wendete der Kazike sich an den Alten. „In dem Gehölz giebt es kein fließendes Wasser, und da wir kein Feuer anzünden durften, so haben wir weder Wasser noch warmes Essen gehabt.“

Der Desierto zuckte die Achsel und antwortete in bedauerndem Tone:

„Da unten im Keller giebt es leider auch kein fließendes Wasser, aber dafür Feuchtigkeit genug.“

„Wie? Sie haben meine Leute in einen Keller gesteckt? Aber Sie sprachen doch von guten Wohnungen!“

„Ist ein Keller für Räuber und Mörder nicht gut genug?“

Der Kazike trat erstaunt einen Schritt zurück und blickte den Alten an. In seinen bisher so zuversichtlichen Zügen ging eine ebenso schnelle wie bedeutende Veränderung vor. Ich trat seitwärts hart hinter ihn, um ihn nötigenfalls schnell fassen zu können.

„Wie sagen Sie?“ fragte er. „Räuber und Mörder!“

„Sind Sie das etwa nicht?“

„Sie haben diese Worte doch vorher nicht gebraucht!“

„Ich wende meine Worte an, wie es mir beliebt!“

„Aber, Sennor Desierto, warum sind Sie denn eigentlich so plötzlich ein ganz anderer geworden?“

„Ein anderer? Ich bin noch ganz genau derselbe, der ich vorher war. Aber die Verhältnisse haben sich verändert.“

„Welche Verhältnisse?“

„Draußen im Freien befanden Sie sich nicht ganz so in meiner Gewalt wie jetzt; ich mußte also, um Blutvergießen zu vermeiden, freundlicher mit Ihnen sprechen, als ich im Herzen dachte.“

„So haben Sie mich belogen?“ rief der Rote. „Ich verlange sofort, daß der Freundschaftsvertrag abgeschlossen werde!“

„Sehr gern! Nur denken Sie an meine Bedingung! Sind Sie wahr gegen uns gewesen?“

„Ja.“

„Nein! Sie haben uns belogen und beabsichtigen auch jetzt noch, uns zu betrügen. Sie wissen alles, was der Sendador in der letzten Zeit begangen hat. Sie haben teil an seinen Thaten genommen; Sie wußten, daß – – –“

„Lüge, nichts als Lüge!“ unterbrach ihn der Kazike.

Das war mir zu bunt. Ich legte dem Roten die Hand auf die Achsel und forderte ihn auf:

„Mann, sage mir vor allen Dingen einmal, woher die Pferde sind, welche ihr bei euch hattet?“

„Sie gehören uns. Wir haben sie gekauft.“

„Mensch, diese Pferde waren bis vor wenigen Tagen unser Eigentum. Der Sendador hat sie uns abgenommen. Meinst du denn wirklich, daß wir dich, Schurke, und deine Leute nicht kennen? Sie haben dir wohl nicht gesagt, daß ich ihr Gefangener war, ihnen aber entflohen bin?“

„Nein.“

Er war höchst kleinlaut geworden und knickte zusammen, als ob meine Hand, welche nur ganz leicht auf seiner Achsel lag, vom Gewichte eines Zentners sei.

„Und weiter!“ fuhr ich fort. „Du kennst wirklich keinen Weißen, welcher Adolfo Horno heißt?“

„Nein!“ behauptete er abermals.

„Aber du weißt wohl sehr genau, daß er an der Laguna de Bambu festgehalten wird?“

Wir blickten ihn scharf an und sahen, daß ihm bei dieser Frage das Blut aus den Wangen wich, was seinem Gesichte den Schmutz der Erdfarbe gab. Er wußte sichtlich nicht, was er antworten solle, und stieß endlich hervor.

„Ich kenne diese Laguna gar nicht.“

„Nicht? Und doch habt ihr eure Weiber und Kinder dort, und nur vierzig Krieger befinden sich bei denselben.“

„Sennor, Sennor, Sie – Sie – –“ stockte er.

„Wie nun, wenn wir jetzt hinziehen und Rache an ihnen nehmen!“

„Sie – sie – – wohnen nicht dort,“ stammelte er.

„Gut, so kann es dir sehr gleichgültig sein, daß wir hingehen, um die kleine Isleta del circulo zu besuchen.“

jetzt zuckte er sichtlich zusammen. Er erkannte nun, daß wir alles wußten. Anstatt aber aus diesem Grunde weich zu werden und die Bereitschaft zu einem Geständnisse zu zeigen, raffte er sich zusammen, schüttelte meine Hand von sich ab und rief in zornigem Tone:

„Sennor, was geht mich das alles an! Wie reden Sie mit mir! Was fällt Ihnen denn ein? Ich bin der oberste Kazik aller Stämme der Mbocovis; was aber sind denn Sie?“

Er richtete sich vor mir auf und machte mir ein Gesicht, als ob er mich verschlingen wolle. Fast hätte ich ihn ausgelacht; aber dennoch ärgerte mich die Unverschämtheit dieses Menschen so sehr, daß ich es nicht zum Lachen brachte.

„Wer ich bin, fragst du?“ antwortete ich ihm. „Das sollst du sogleich erfahren. Ich bin derjenige, der dich jetzt beim Schopfe nimmt und dahin schafft, wohin du gehörst. Komm also, Bursche! Mit dir zu sprechen, ist jammerschade, da jedes Wort verloren ist. Du sollst uns besser kennen lernen und nicht wieder fragen, wer wir sind!“

Ich nahm ihn beim Genick, schüttelte ihn kräftig hin und her, so daß ihm der Atem ausging, steifte ihn auf die Erde nieder, zog ihn halb wieder empor und schleifte ihn dann in das Haus, wo er in Empfang genommen und in den Keller gesteckt wurde. Die Thüre desselben wurde zugemacht und so befestigt, daß sie von innen nicht geöffnet werden konnte. Dennoch wurden zwei Wächter zurückgelassen, mit denen der alte Desierto ein Zeichen verabredete, welches sie geben sollten, falls sie der Hilfe und Unterstützung bedürften.

Wir andern begaben uns an das Ufer zurück, wo die sämtlichen Tobas noch auf uns warteten und durch die Nachricht, daß alles wohl gelungen sei, von ihrer Spannung befreit wurden. Man bildete einen Siegeszug, welcher unter dem Lärm der Musikinstrumente nach dem Dorfe marschierte.

Nun war auch der zweite, der zahlreichere Trupp der Feinde unschädlich gemacht worden und eine weitere Störung nicht mehr zu befürchten. Darum gestattete der Regent, daß das schon für gestern beabsichtigte Siegesfest nun heute feierlich begangen werden solle.

Diese Erlaubnis hatten viele Schlachttiere mit dem Leben zu bezahlen, und in allen Häusern wurden zwar eilige, aber umfassende Vorbereitungen zu der Feier getroffen. Ich konnte nicht daran denken, an denselben teilzunehmen, denn meine Thätigkeit mußte nun darauf gerichtet sein, auszukundschaften, wo der Sendador sich befinde und was er vorzunehmen beabsichtige. Als ich dies dem Desierto und auch Pena sagte, meinte der letztere:

„Sie haben sehr recht. Wir müssen schleunigst nach den Spuren des Entkommenen suchen.“

„Wie, Sie wollen sich an der Nachforschung beteiligen?“ fragte ich. „Ich verzichte auf Ihre Begleitung, und –“

„Warum?“ unterbrach er mich.

„Weil Sie leicht wieder einen solchen Pudel schießen könnten wie gestern, durch welchen der Sendador uns entkommen ist. Er hält sich sicher im Walde auf. Wollen wir ihn ohne Gefahr für uns ergreifen, so müssen wir ihn beschleichen und ganz unerwartet überfallen. Übrigens bin ich überzeugt, daß ich Veranlassung finden werde, ihn einstweilen ruhig seines Weges gehen zu lassen.“

„Wie, selbst wenn Sie seine Spur entdecken, wollen Sie ihn entkommen lassen?“

„Nur einstweilen, wie ich bereits sagte. Denken Sie sich nur in seine gegenwärtige Lage! Er hat uns ohne allen Zweifel so lange beobachtet, bis er erfuhr, welchen Ausgang unsere Umzingelung nahm. Er weiß also, daß alle Mbocovis gefangen sind und er nun ganz allein auf sich selbst angewiesen ist. Nun giebt es nur zwei Wege, von denen er einen einschlagen kann. Der erste führt nach der Laguna de Bambu zu den dort gebliebenen Mbocovis, welche unsere Gefährten bewachen; ihn wird er als kluger Mann nicht wählen, denn er muß sich sagen, daß wir erfahren, wie es dort steht, und schnell aufbrechen werden, um die Freunde zu befreien. Da wir Pferde haben, müssen wir eher dort ankommen als er. Sein Weg wäre also vergeblich, ja sogar gefährlich, da wir seine Fährte entdecken könnten, in welchem Falle er uns unbedingt in die Hände geraten würde. Geben Sie das zu?“

„Hm! Unrecht haben Sie nicht. Welches ist denn der zweite Weg?“

„Hinauf nach der Pampa de Salinas.“

„Er allein? Diese weite Strecke? Ohne daß er Vorbereitung zu einer solchen Reise treffen konnte?“

„Diese Einwände sind nichtig. Er ist oft allein oben gewesen und findet unterwegs gewiß genug Bekannte, von denen er erhalten kann, was er braucht. Sein Streben muß sein, uns da oben zuvorzukommen. Darum bin ich überzeugt, daß die Fährte, welche ich sicher finden werde, nach Westen, den Bergen zu, führen wird. Ich brauche keinen Gehilfen und gehe also allein. Sie mögen sich ausruhen, denn morgen früh brechen wir ganz bestimmt nach der Laguna de Bambu auf. Ich würde diesen Ritt augenblicklich antreten, wenn es nicht nötig wäre, auch den Pferden einen Tag Ruhe zu gönnen.“

Pena mußte sich mit diesem Bescheide zufrieden geben und ich entfernte mich, um mein Vorhaben auszuführen. Noch war ich nicht weit fort, als Unica mir nachkam. Sie hatte bei uns gestanden, unser Gespräch angehört und sagte jetzt in bittendem Tone:

„Sie wollen gehen, um eine Fährte zu entdecken, Herr. Ich habe viel von dem Scharfsinne gehört, welcher dazu gehört, bin aber noch nie selbst dabei gewesen. Denken Sie, daß ich Sie stören würde?“

„Sie wollen mitgehen?“

„Ja, wenn Sie es mir erlauben. Ich verspreche Ihnen, mich so vorsichtig zu verhalten, daß ich Ihnen keinen Schaden mache.“

„Sie können mitgehen. Nur einer, welcher selbstständig mitsucht, kann mir die Mühe erfolglos machen. Wer mich nur begleitet, ist mir nicht hinderlich. Nur befürchte ich, daß Sie enttäuscht sein werden. So romantisch, wie Sie anzunehmen scheinen, ist die Sache nicht, zumal die gegenwärtige. Sie werden mit durch die Büsche zu kriechen haben, was für eine Dame nicht bequem ist.“

„Das thue ich mit dem größten Interesse, wenn ich nur zu sehen bekomme, wie Sie es anfangen, die Spur zu entdecken, zu unterscheiden und zu verfolgen.“

„Das ist alles so leicht, daß, wenn wir fertig sind, Sie sich darüber wundern werden, daß Sie es für schwer halten konnten. Dennoch bringt ein Neuling es gewiß nicht fertig. Kommen Sie!“

Wir gingen an dem Felsen vorüber und durch den Wald, bis wir denselben hinter uns hatten und die freie Ebene erreichten. Dort sahen wir die Spuren, welche wir selbst zurückgelassen hatten. Unica blieb stehen, deutete auf die Eindrücke und sagte:

„Da haben Sie eine breite Fährte von vielen Leuten. Wie wollen Sie die Spur des Sendador da herausfinden?“

„Es fällt mir gar nicht ein, dies zu versuchen. Kommen Sie nur weiter. Ich werde Ihnen die Erklärung im Gehen geben. Das Fährtenfinden setzt zweierlei voraus, nämlich ein vorheriges scharfes Nachdenken und zweitens das richtige sogenannte Lesen der Spur.“

„So müssen Sie auch hier vorher nachdenken?“

„Natürlich. Darüber, wo die Fährte zu finden sein wird. Laufe ich ins Blaue hinein, so werde ich wahrscheinlich nichts finden. Wenn ich mir aber das Geschehene, die gegenwärtige Situation, die Absichten des Sendador und noch manches andere vergegenwärtige, so wird das Resultat dieser Überlegung mir als sicherer Wegweiser dienen. Ich nehme als ganz bestimmt an, daß er uns beobachtet und diese Gegend nicht eher verlassen hat, als bis er wußte, woran er war. Er hat also so lange gewartet, bis wir mit den Gefangenen von dem Kampfplatze nach dem Dorfe zogen. Um dies sehen zu können, mußte er in der Nähe unsers Wegs liegen, und zwar unter Büschen und Bäumen versteckt, damit er nicht etwa selbst bemerkt werde. Was er während der Nacht gethan und wo er sich befunden hat, das ist mir gleichgültig, da ich mir nicht die große Mühe zu geben brauche, die Spuren seiner sämtlichen nächtlichen Irrgänge zu verfolgen. Bevor wir nach dem Dorfe aufbrachen, ist er nicht im Walde und Gebüsch, sondern draußen auf der freien Ebene gewesen, um zu sehen, wie die Verhältnisse am Lagerplatze stehen. Er hat sich da jedenfalls in liegender Stellung so weit angeschlichen, bis er uns genau beobachten konnte. Als wir dann mit den Mbocovis aufbrachen, hat er sich von dort schleunigst nach dem Walde zurückgeschlichen, um uns vorüberpassieren zu sehen. Die Spur, welche er dabei zurückließ, ist die einzige, welche ich beachten werde.“

„Werden Sie dieselbe finden?“

„Ganz gewiß. Ich gehe direkt auf sie zu.“

„Aber Sie wissen doch nicht, wo sie ist!“

„Das weiß ich sehr genau.“

„Nun, wo?“

„Gerade vor uns. Da draußen rechts von uns befindet sich der Lagerplatz, in dessen Nähe er uns heimlich belauschte; dort links von uns liegt der See mit dem ihn umgebenden Waldstreifen, nach welchem sich der Sendador zurückgezogen hat, folglich geht seine Spur, von uns aus gerechnet, von rechts nach links, also quer über die Richtung, in welcher wir uns jetzt fortbewegen, und also müssen wir, wenn wir geradeaus gehen, unbedingt auf sie treffen, und zwar sehr bald, da er nicht weit von hier gesteckt haben kann, weil er sonst nicht nahe genug gewesen wäre, um uns deutlich sehen zu können.“

„Das ist freilich eine so komplizierte – – ah, sehen Sie! Ist das nicht die Spur eines Mannes?“

Sie blieb stehen und zeigte zur Erde, wo dem Sande deutliche Fußstapfen eingeprägt waren.

„Ja, Sie vermuten ganz richtig,“ antwortete ich.

„Das ist die Spur, welche wir suchen. Sehen Sie, daß sie vom Lagerplatze da draußen nach links, nach den Bäumen führt, ganz wie Sie vermutet hatten? Ich muß Ihren Scharfsinn aufrichtig bewundern.“

Sie bückte sich nieder und betrachtete die Eindrücke. Ich aber blieb aufrecht stehen, denn es genügte ein kurzer Blick schon aus dieser Entfernung, um mir zu sagen, daß sie sich irrte. Darum entgegnete ich:

„Nein, es ist die richtige Fährte nicht. Sie mag zwar vom Sendador stammen, rührt aber noch vom Abend her.“

„Woraus schließen Sie das?“

„Es ist während der Nacht ein starker Tau gefallen, welcher den Sand befeuchtet hat. Da drückt der Fuß sich leichter ein und die Ränder der Spur sind scharf, weil die Feuchtigkeit die Sandkörner kittet. Die Ränder dieser Eindrücke aber sind matt, eingefallen und unbestimmt. Der Mann, welcher da ging, kam also hier vorüber, ehe der Tau fiel, am vorigen Abend. Gehen wir weiter! Ich wette, daß wir sehr bald auf eine ähnliche, aber viel schärfer gezeichnete Fährte treffen.“

Meine Vermutung bestätigte sich schon nach kurzer Zeit. Wir hatten uns kaum dreißig oder vierzig Schritte entfernt, so kreuzte eine zweite Spur unsern Weg.

„Das ist die richtige!“ rief Unica, indem sie sich niederbückte, um die Vertiefungen zu betrachten. „Sehen Sie, wie scharf die Ränder sind? Der Sand ist noch ein wenig feucht; er hält zusammen.“

„Ja, jetzt sind wir gewiß auf der richtigen Spur. Die Eindrücke sind köstlich; ich werde mir eine Zeichnung davon nehmen.“

„Warum?“

„Um später, wenn ich eine Spur finde, sagen zu können, ob sie vom Sendador ist. Seine beiden Füße haben sich mit seltener Deutlichkeit eingedrückt. Das kann mir später vom größten Nutzen sein.“

Ich nahm einen alten Brief, den ich nicht mehr brauchte, aus der Brieftasche und zeichnete die Umrisse der rechten und auch linken Fußspur auf die beiden Seiten desselben. Dann wendeten wir uns nach links, um der Fährte zu folgen. Sie führte uns erst gerade nach dem schmalen Waldgürtel und unter den Bäumen desselben eine kurze Strecke nach dem Dorfe zu zurück. Dann sahen wir die Stelle, an welcher der Sendador gelegen hatte, um uns vorüberziehen zu sehen. Wir waren in einer Entfernung von höchstens hundertzwanzig Schritten an ihm vorübergekommen. Der Mann hatte viel gewagt indem er sich uns soweit näherte. Um so deutlicher aber hatte er gesehen, daß sein Vorhaben vollständig verunglückt sei und er von den Mbocovis nichts mehr hoffen dürfe.

Von hier aus führte die Fährte wieder zurück, erst nach Nord und dann nach West, um den See herum. Sie hielt sich stets in der Nähe des Ufers, ein Zeichen, daß der Sendador bestrebt gewesen war, über das Wasser hinüber zu sehen und zu beobachten, was im Dorfe und auf der Insel vorgehe. Er war einige Male stehen geblieben, aber nicht lange Zeit, denn er hatte es natürlich eilig, aus unserer Nähe zu entkommen. Später sahen wir, daß er an einem Busche angehalten hatte, um ein stark fingerdickes Stämmchen desselben zu schneiden.

„Weshalb mag er das gethan haben?“ fragte Unica. „Doch wohl ohne besonderen Zweck?“

„O nein. Daß er sich einen Stock geschnitten hat, ist mir von Wichtigkeit. Wenn hier im Chaco sich einer einen Gehstock schneidet, um sich die Anstrengung des Wanderns zu erleichtern, so will er schnell vorwärts kommen und hat auch einen weiten Weg vor sich. Der Sendador ahnt jedenfalls nicht, daß er mir hier verraten hat, daß er nun direkt nach der fernen Pampa de Salinas aufgebrochen ist. Ein vorsichtiger Mann hätte sich den Stock nicht hier, sondern viel später geschnitten.“

„Folgen wir ihm noch weiter auf der Spur?“

„Nein. Ich weiß genug, und es ist ja gar nicht meine Absicht, ihm nachzujagen.“

„Aber vielleicht könnten wir ihn doch einholen!“

„Nein. Sehen Sie die Spur genau an und auch die weiße Holzfläche des Stumpfes, von welchem er den Stock genommen hat. Es sind wenigstens vier Stunden vergangen, seit er hier war, und so groß ist der Vorsprung, den er hat. Er kann schnell und ohne Aufenthalt laufen. Wir aber müßten die Augen stets auf seiner Fährte haben, kämen also langsamer vorwärts, als er, und vermöchten nicht, ihn zu ereilen. Ich gedenke, ihn ganz gewiß droben in der Pampa de Salinas zu treffen.“

„Aber er geht direkt dorthin; Sie aber wollen erst nach der Laguna de Bambu; da versäumen Sie eine kostbare Zeit, welche er benutzen wird, eher hinauf zu kommen als Sie.“

„Er muß gehen; wir jedoch haben Pferde. Ich kenne den Weg nicht, werde mich aber erkundigen, ob es möglich ist, daß wir nicht zu spät dort ankommen.“

Wir kehrten zurück. Noch ehe wir das Dorf erreichten, drang uns aus demselben ein Appetit erweckender Bratengeruch entgegen. Auf dem Platze zwischen den Häusern, auf welchem die Paraden abgehalten zu werden pflegten, brannten viele Feuer, über denen an starken, hölzernen Spießen mächtige Braten geröstet wurden. Dabei waren Weiber mit allerlei Gefäßen thätig, um die verschiedenen Zuspeisen zu kochen und zu backen. Natürlich war auch die hoffnungsvolle Jugend in voller Thätigkeit. Ein Genremaler hätte die interessantesten Sujets mit davonnehmen können, denn es gab die heitersten Scenen und Situationen, welche man sich denken kann.

Am meisten Spaß machte mir ein etwa vierjähriger Bube, welcher an einem Feuer lag, über welchem mein Freund, der Virtuos der Riesensignalpfeife, ein Rinderviertel am Spieße drehte. Der junge hatte es auf das herabtropfende Fett abgesehen. So oft ein Tropfen fiel, fing er ihn mit der Hand auf, brüllte dann vor Schmerz, weil das Fett natürlich brennend heiß war, leckte die Hand ab und hielt trotz des empfundenen Schmerzes den nächsten Tropfen doch wieder an. Um dem Kleinen einen praktischen Fingerzeig zu geben, fing ich mit dem Gewehrkolben einen Tropfen auf, leckte ihn ab und nickte dem Buben zu, sich in derselben Weise eines Gegenstandes zu bedienen. Er schüttelte den Kopf, lachte mich aus und hielt die Hand wieder hin, um wie vorher abwechselnd zu heulen und zu lecken. Das Verbrennen seiner braunen Fingerchen schien ihm ganz dasselbe Vergnügen zu machen wie das Ablecken derselben; das Heulen war einfache Zugabe zum Fett.

Der alte Desierto saß mit Pena und dem Häuptling nebst den ältesten seiner Krieger beisammen. Unica war, während ich dem Kleinen zusah, zu ihnen gegangen, um zu berichten, was wir gesehen hatten. Als ich dann folgte, sagte der Alte:

„Sie sind also wirklich der Überzeugung, daß der Sendador westwärts hinauf nach der Salinas will?“

„Ja,“ antwortete ich.

„So kann er uns gefährlich werden, da sein Weg durch das Gebiet der Chiriguanos geht, welche wir überfallen und besiegt haben.“

„Was schadet das?“

„Unter Umständen sehr viel. Wie nun, wenn er sie, die wir zerstreut haben, sammelt und hierher führt?“

„Er wird sich hüten!“

„Meinen Sie? Wir fürchten sie nicht; aber unter einem solchen Anführer könnten sie uns doch gefährlich werden, besonders da wir jetzt so viele Gefangene zu bewachen haben.“

„Selbst wenn Ihre Vermutung richtig wäre, brauchten Sie nicht bange zu sein. Senden Sie nach andern Toba-Dörfern, um Krieger kommen zu lassen. Senden Sie ferner Späher aus, um die Chiriguanos beobachten zu lassen. Dann sind Sie sicher, wenigstens nicht unvorbereitet überfallen zu werden.“

„Dieser Rat ist gut und ich werde ihn sofort befolgen.“

„Thun Sie das immerhin, obgleich ich es nicht für nötig halte. Es ist besser, man ist zu vorsichtig als nachlässig. Ich meinerseits nehme an, daß der Sendador sich gar nicht bei den Chiriguanos verweilt. Er wird ohne Unterbrechung nach der Pampa de Salinas gehen und sich nicht so lange aufhalten, wie er müßte, wenn Ihre Vermutung zuträfe.“

„Sie mögen recht haben, aber dennoch will ich meine Maßregeln treffen. Ich thue das um so mehr, als ich morgen mit Ihnen von hier fort muß.“

„Sie selbst wollen mit nach der Laguna de Bambu?“

„Natürlich! Oder meinen Sie, daß ich hier bleiben könne, nachdem ich erfahren habe, daß Horn sich als Gefangener dort befindet? Nein, ich muß unbedingt bei denen sein, welche ihn befreien.“

„Das ist mir lieb. Pena behauptet zwar, dort gewesen zu sein, aber ich denke, daß Sie den Weg doch vielleicht besser kennen als er.“

„Das ist gewiß.“

„Wie weit ist es bis hin?“

„Die Mbocovis sind natürlich viel länger unterwegs gewesen, weil sie sich vorher östlich nach dem Kreuze unseres Herrn gewendet haben. Wir aber werden eine gerade Linie reiten, meinetwegen durch dick und dünn, und in nicht ganz dreien Tagen dort sein.“

„Hm! Das ist eine lange Zeit! Inzwischen bekommt der Sendador einen zu großen Vorsprung.“

„Den holen Sie jedenfalls wieder ein. Er muß gehen und Sie reiten.“

„Wie weit ist es ungefähr von hier aus bis nach der Pampa de Salinas?“

„Ich schätze die Luftlinie auf hundertfünfzig geographische Meilen.“

„So weit? Nun, dann ist mir freilich nicht bange, ihn einzuholen. Wenn die Luftlinie eine solche Länge besitzt und man rechnet die zu überwältigenden Bodenschwierigkeiten und sonstigen Hindernisse, so kann man getrost wenigstens zweihundert sagen. Rechnet man auf einen ausgezeichneten Fußgänger für eine solche lange Tour täglich fünf Meilen, so braucht der Sendador vierzig Tage, jedenfalls eine ausreichende Zeit, um ihm zu Pferde noch zuvorzukommen, zumal ich die Absicht habe, mich an der Laguna de Bambu nicht länger zu verweilen, als bis wir unsere Freunde befreit haben.“

„Und dann kehren Sie erst mit uns nach hier zurück?“

„Nein. Das ist mir unmöglich. Rechnen Sie zwei Tage für dort, drei hin und drei zurück, so wäre das ein Verlust von acht Tagen, selbst wenn wir uns dann hier nur für kurze Stunden verweilten.“

„Aber ich rechnete ganz bestimmt darauf, Sie hier noch zu besitzen, weil ich Ihrer noch bedarf.“

„Nun wohl nicht mehr. Ich habe Sie vor Ihren Feinden gewarnt und, mehr noch als das, Ihnen dieselben in die Hand geliefert. Ich glaube nicht, daß ich Ihnen noch dienlich sein kann.“

„Sehr sogar, wenn auch nicht in der bisherigen Weise. Sie haben mich von meiner inneren Qual befreit. Bewahrheitet sich das, was Sennor Pena mir sagte, so brauche ich nicht länger in dieser Einsamkeit verborgen zu bleiben, sondern ich kann mit Ihnen nach Deutschland gehen.“

„Ah! Wollen Sie das?“

„Natürlich! Und Unica geht mit. Sie ist deutsch erzogen und fühlt eine außerordentliche Sehnsucht, Deutschland zu sehen und kennen zu lernen.“

„Will sie dann wieder zurück nach hier?“

„Die Zeit war zu kurz, um mit ihr darüber zu sprechen. Der, den sie liebt, ist ein Deutscher. Gelingt es uns, ihn zu befreien, so wird es sich ja zeigen, ob er sich für das Hierbleiben oder für die Heimat entscheidet. Für beide ist auf alle Fälle gesorgt. Hier haben sie weder Sorge noch Not und können meine civilisatorischen Aufgaben vollenden. Gehen sie aber mit mir, so sind sie meine Kinder und Erben, und – – ich bin reich und kann ihnen alles bieten, was sie drüben brauchen. Darum hätte ich es gern, daß Sie hier blieben, bis die Entscheidung gefallen ist und wir uns Ihnen anschließen können.“

„Ich würde mich freuen, Sie mitnehmen und mit Ihnen sein zu können; aber in der Weise, wie Sie es darstellen, geht es doch nicht. Wir müssen unbedingt den Sendador haben. Aus den acht Tagen, welche ich vorhin berechnete, würden vierzehn Tage und mehr, also Wochen werden, und so lange dürfen wir nicht säumen. Ich muß unbedingt von der Laguna de Bambu sofort nach der Pampa de Salinas; das sehen Sie wohl ein?“

„Leider kann ich Ihnen nicht unrecht geben. Am liebsten würde ich gleich mit Ihnen reiten; aber das ist eben auch nicht möglich. Dennoch gebe ich den Plan, mit Ihnen zu reisen, nicht auf. Wohin werden Sie von der Salinas aus gehen?“

„Das werden erst die späteren Umstände ergeben. Welchen Weg habe ich einzuschlagen, um das Ziel am schnellsten zu erreichen? Komme ich da vielleicht über Tucuman?“

„Nein; das wäre ein Umweg. Sie müssen immer am Rio Salado hinauf und über Salta nach der Sierra de Cachi nach Bolivia hinein. Von da aus haben Sie nur noch einige Tagereisen immer gerade nördlich nach dem Salzsee.“

„Aber nach Tacuman will ich unbedingt,“ fiel Pena ein, indem er sich an mich wendete. „Ich hatte Sie dorthin bestellt. Dort befindet sich mein gegenwärtiges Absteigquartier, und ich habe da Gelder zu heben und vieles zu ordnen.“

„Wohin wollen Sie dann?“

„Nach Deutschland. Ich habe diese Strapazen satt, und meine Ersparnisse reichen aus, drüben ohne Sorge zu leben.“

„So klappt ja alles auf das beste. Erwischen wir den Sendador und die Kipus, so müssen wir schon aus dem Grunde nach Tucuman, daß die letzteren Eigentum des dortigen Klosters werden sollen. Wir können also in Tucuman auf einander warten.“

„Das soll ein Wort sein!“ rief der alte Desierto aus. „Aber wann? Wann werden Sie dort sein?“

„Das kann ich noch nicht sagen. In vierzig Tagen wird der Sendador auf der Salinas sein.“

„Nun, vielleicht berührt er bald eine Stadt und kauft sich ein Pferd. Dann geht es schneller.“

„Dann werden wir uns doppelt sputen. Sie aber wissen, was wir vorhaben und welche Zeit wir ungefähr dazu brauchen. Danach können Sie sich richten. Wer zuerst ankommt, der wartet auf die andern. Morgen früh wird hier zeitig aufgebrochen. Wie viele Leute nehmen Sie mit?“

„Es sind nur vierzig Mbocovis dort; da genügen sechzig Mann. Nicht?“

„Vollständig, zumal Ihre Leute alle Pferde haben und auch durch ihre Feuerwaffen den dortigen Roten überlegen sind. Sorgen Sie nur dafür, daß diese sechzig heute bei dem Triumphschmause des Guten nicht allzu viel thun, sonst sind sie morgen nicht mit fortzubringen!“

„Darüber brauchen Sie nicht bange zu sein. Bestimmen Sie die früheste Stunde, und die Leute werden bereit stehen. Auch für andere Pferde will ich sorgen. W ich sehe, sind die Ihrigen nicht die allerbesten. Außer dem Braunen, welcher sich trotz aller Anstrengung vortrefflich gehalten hat, sind sie alle mehr oder weniger abgetrieben. Werden Sie mir gestatten, sie gegen bessere und schnellere umzutauschen?“

„Das darf ich doch wohl nicht zugeben.“

„Sie müssen es. Ich habe sonst gar keine Gelegenheit, Ihnen für alles, was wir Ihnen zu danken haben, erkenntlich zu sein, als in dieser Weise. Darum müssen Sie es mir erlauben, Ihnen für jeden Ihrer Genossen ein Handpferd mitzugeben. Man weiß nie, wie lange ein Pferd aushält, und so ist es auf alle Fälle besser, stets ein Reservetier bei sich zu haben. Außerdem erfordert die Pampa de Salinas, nach welcher Sie wollen, eine ganz andere Ausrüstung als Ihre jetzige. Da können Sie die Handpferde gleich als Packpferde benützen, denn ich werde mir erlauben, Sie mit allem zu versehen, was Sie dort brauchen.“

„Was wird das sein?“

„Vor allen Dingen warme Decken. Sie haben keine Ahnung, wie kalt da oben die Nächte sind und welche durchdringende Winde da wehen. Sodann auch Proviant.“

„Aber wir können doch unmöglich auf so lange Zeit Fleisch mit herumschleppen, welches verderben würde!“

„Wer sagt das? Sie bekommen Mehl, welches sich in dichten Ledersäcken monatelang hält. Außerdem darf es Sie nicht überraschen, wenn ich Ihnen die schönste Wurst anbiete. Ich habe meinen Roten das regelrechte Schlachten, Wurstmachen, Pöckeln und Räuchern gelernt. Einen gut verpackten geräucherten Schinken lege ich Ihnen auch bei, und ebenso können Sie einige Steinkrüge voll der besten Butter haben. Sie sehen, daß wir hier in leidlich civilisierten Umständen leben. Und wenn Sie sich mit all diesen Sachen nicht selbst schleppen wollen, so kann ich Ihnen die Last abnehmen, indem ich einige meiner Leute zu Ihrer Begleitung bestimme.“

„Das ist zu viel!“

„Nein. Es ist sogar notwendig. Sie dürfen sich nicht darüber sorgen, daß es unbrauchbare Leute sein werden. Ich suche Ihnen die gewandtesten heraus, welche so viel spanisch verstehen, daß Sie sich mit ihnen verständigen können. Sie werden später erfahren, daß diese Leute Ihnen auch außerhalb ihres eigentlichen Zweckes als Dolmetscher von großem Nutzen sein werden.“

„Meinen Sie, daß wir es mit fremden oder fremd redenden Völkern zu thun bekommen werden?“

„Ganz gewiß. Sie müssen wissen, daß es zwei rote Völkerschaften sind, deren Besitzungen Sie berühren werden, nämlich die Tobas und die ihnen feindlichen Chiriguanos.“

„Sind dieselben so verbreitet?“

„Außerordentlich. Sie leben nicht bloß hier im Gran Chaco, sondern ziehen sich bis in die Cordilleren hinauf und nach Bolivia hinein. Es ist sehr leicht möglich, daß Sie gerade an der Pampa de Salinas Abteilungen von ihnen treffen, welche Wollmäuse jagen, deren Pelzwerk jetzt sehr gesucht wird und deren feine Wolle auch von den Roten selbst vielfach verarbeitet wird.“

„Hm! Das klingt nicht allzusehr beruhigend. Zwei rote Völkerschaften, welche sich feindlich gesinnt sind. Das ist ja ganz dasselbe, wie wenn man oben in Nordamerika zwischen Sioux und Schwarzfüße oder zwischen Apachen und Comanchen geriete.“

„So ähnlich ist es freilich.“

„Der Sendador macht so ziemlich denselben Weg; also wird auch er auf sie treffen.“

„Er wird den Tobas ausweichen, da er gewiß ist, von ihnen feindlich behandelt zu werden. Aber desto sicherer wird er die Chiriguanos aufsuchen. Vielleicht wirbt er sich sogar bei denselben kriegerische Begleiter an, um sich wehren zu können, falls Sie ihn angreifen. Darum ist es geraten, Ihnen einige meiner Krieger mitzugeben, durch deren Hilfe Sie sich vorkommenden Falles mit den dortigen Tobas vereinigen können.“

„Wenn es so ist, kann es mir gar nicht einfallen, Ihr Anerbieten zurückzuweisen, sondern ich nehme es mit großem Danke an.“

„Recht so! Übrigens sind nicht Sie es, der zu danken hat, sondern wir. Was wäre aus uns geworden, wenn Sie uns nicht aufgesucht hätten und wir von den Mbocovis unerwartet überfallen worden wären! Außerdem beabsichtige ich doch, Sie später in Tucuman zu treffen und mich Ihnen anzuschließen. Was ich zu Ihrer Sicherheit und Bequemlichkeit thue, das thue ich also für mich selbst. Sie wollen den Sendador unschädlich machen. Gelingt Ihnen das, so säubern Sie das hiesige Gebiet von einem Menschen, welcher die meiste Schuld an den Feindseligkeiten zwischen uns und den benachbarten Völkern trägt. Darum liegt es in unserm eigenen Interesse, Sie möglichst zu unterstützen und zum Gelingen Ihres Vorhabens beizutragen. Also sprechen Sie ja nicht von schuldiger Dankbarkeit Ihrerseits! Und nun sind wir mit dieser Angelegenheit fertig und wollen uns ganz und ausschließlich mit der Gegenwart beschäftigen. Wir sind einer großen Gefahr glücklich entronnen und haben dabei große Vorteile davongetragen, Vorteile, welche uns die Übermacht über unsere Feinde für lange Zeit sichern. Deß dürfen wir froh sein, und so wollen wir jetzt allen Ernst bei Seite werfen und an der rundum herrschenden frohen Stimmung teilnehmen.“

Das war sehr vernünftig gesprochen, und ich weigerte mich gar nicht, diesem Vorschlage zu folgen. Eine ausführliche Beschreibung des Festes zu liefern, ist nicht geboten. Es wurde ungeheuer gegessen und getrunken. Ich sah Kinder an der Erde sitzen, welche mit der einen Hand den Bauch hielten, weil er ihnen von dem vielen Essen wehe that, und doch mit der andern Bissen in den Mund stopften, aus deren einen ich zwei oder drei für mich geschnitten hätte. Der Indianer erträgt den Hunger mit Leichtigkeit, aber wenn er einmal ins Essen kommt, so leistet er auch mehr, als man für menschenmöglich hält.

Ohne Musik ging es nicht ab. Mein Liebling that das seinige, um meine Bewunderung über sein Pusten in die Riesenpfeife wo möglich noch zu steigern. Um ihm zu zeigen, daß diese Bemühung nicht vergeblich sei, schnitt ich während der Tafelmusik ein handgroßes Stück Fleisch von dem Braten und trat gerade in einem Augenblicke zu ihm, an welchem er mit aller Macht in das Instrument blies. Er setzte für einen Moment ab, um Atem zu holen, und da stopfte er sich den riesigen Bissen in den Mund und schob so lange nach, bis er in demselben verschwunden war. Ich wäre gewiß daran erstickt; der rote Virtuos aber wälzte den Bissen in die eine Backe und blies sofort wieder darauf los, als ob es gelte, das Leben sämtlicher Stammesangehörigen dadurch zu retten. Der Beweis meiner Anerkennung wurde mit dem höchsten Stolze entgegengenommen; wenigstens glaubte ich das den Blicken entnehmen zu dürfen, welche er mir mit vor Anstrengung weit hervortretenden Augen zuwarf.

Es wurde auch getanzt. Die Bewegungen waren mimisch; einen Takt gab es nicht. Pena kam auf die Idee, mich aufzufordern, den Roten einen Walzer vorzutanzen, und ich willigte lachend ein. Wir drehten uns zu der gar nicht passenden Musik einigemale im Kreise herum und setzten uns dann wieder nieder. Wir hatten gar nicht beabsichtigt, ein Beispiel oder Vorbild zu liefern. Darum waren wir höchst überrascht, als die Roten sich anfaßten und nun auch zu Paaren im Kreise schwenkten. Aber wie! Es war ein wahres Wunder, daß die Beine nicht davonflogen.

Auch der Abend wurde mit Essen, Trinken und Tanzen ausgefüllt. Der Jubel währte bis tief in die Nacht hinein. Nur diejenigen Männer, welche für den Ritt nach der Laguna de Bambu bestimmt waren, suchten für kurze Zeit die Ruhe, die sie aber bei dem nicht endenwollenden Lärm nicht finden konnten. – – –

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Auf Der Isleta Del Circulo

Auf der Isleta del Circulo

Mit Tagesanbruch standen die Pferde bereit und siebzig wohlbewaffnete Krieger bei ihnen, nämlich die bereits erwähnten sechszig und außer denselben noch zehn ausgewählte Männer, welche uns nach der Pampa de Salinas begleiten sollten.

Die Pferde, welche wir gegen die unserigen erhalten hatten, waren ausgezeichnet, ebenso die Reservepferde, die mit den Vorräten bepackt waren, welche der Desierto für uns bestimmt hatte. Ich war nicht gewillt gewesen, meinen braven Braunen zu vertauschen, und hatte ihn also behalten. Da wir nun während des Rittes die Pferde wechseln konnten, war vorauszusehen, daß unsere Reise eine möglichst schnelle sein werde.

Nun galt es, Abschied zu nehmen. Sämtliche Bewohner des Dorfes, von denen die meisten gar nicht schlafen gegangen waren, befanden sich auf den Beinen, um uns lebewohl zu sagen. Der alte Desierto konnte die Seinen ohne Sorge verlassen, denn er hatte meinen Rat befolgt, Späher auszusenden, um gegen die Chiriguanos Sicherheit zu haben, und von andern Toba-Ansiedelungen Krieger herbeizurufen.

Von Unica wurde mir der Abschied nicht leicht, doch konnte ich ja hoffen, sie wieder zu sehen. Auch sie bat mich, recht schnell zu reiten, damit wir möglichst bald in Tucuman wieder zusammentreffen könnten. Leise flüsterte sie mir zu:

„Sie sind der vorsichtigste und zuverlässigste. Ihnen vertraue ich Sennor Horno an. Machen Sie ihn frei; aber sagen Sie ihm nicht, daß ich ihn mit Sehnsucht erwarte!“

Als ich ihr die Hand gegeben hatte und mich nun von ihr wendete, erblickte ich den Bläser der Signalpfeife. Er winkte mir und ging davon, indem er sich einigemale umsah, ob ich ihm folge. Er wartete an einer der nahen Hütten und schob mich hinein. Leider verstand er weder meine, noch ich seine Sprache. Dennoch hörte und begriff ich auf das deutlichste, weshalb er mir gewinkt hatte. Er griff nämlich sein Rieseninstrument, welches in der Ecke lehnte, spitzte den Mund, formte ihn zu einem weiten, runden Schlauch, legte ihn an das Loch der Pfeife und begann zu blasen, daß sein Gesicht blau, mir es aber rot und violett vor den Augen wurde. Er wollte, ehe wir auf Nimmerwiedersehen voneinander gingen, mir noch einmal den Genuß bereiten, den er für den höchsten des Erdenlebens hielt. Ich hörte ihm zu, bis ich glaubte, Einhalt thun zu müssen, da er sonst unbedingt zerplatzen werde, und gab ihm einige Stücke kleiner Münzen, über welche er so erfreut war, daß er die Pfeife sofort wieder an den Mund setzte. Ich aber machte mich mit der Gänsehaut, welche er mir angeblasen hatte, auf das schleimigste von dannen.

Die zurückbleibenden Krieger und Amazonen waren angetreten; an ihrer Spitze stand der Trommler. Ich sagte Unica einige Abschiedsworte für die Leute, und sie verdolmetschte ihnen dieselben. Als ich dann zu Pferde stieg, hörte ich, daß sie den Truppen zurief:

„Lebt wohl – lebt wohl – lebt wohl!“

Das sollten uns die streitbaren Helden zu- und nachrufen. Sie thaten es auch; aber anstatt der Worte lebt wohl vernahm ich ein unentwirrbares Gemisch der schrecklichsten Konsonanten, zwischen denen nur das e und o, also die Vokale der beiden Worte, deutlich hervortraten. Die den Platz füllende Menge fiel ein; wir Reiter setzten uns in Bewegung, und noch als wir den Felsen mit seiner geheimnisvollen Wohnung hinter uns hatten, hörten wir in unserm Rücken ein nach und nach immer leiser werdendes und zuletzt verschwindendes Geschrei.

Wir kamen an dem Lager vorüber, an welchem gestern der Kampf stattgefunden hatte. Dies gab mir Veranlassung, den Alten zu fragen:

„Haben Sie einen bestimmten Entschluß betreffs der gefangenen Mbocovis gefaßt?“

„Nein,“ antwortete er. „Was ich thue, das werde ich erst wissen, wenn ich von der Laguna de Bambu zurückkehre.

Mein Entschluß hängt von dem Erfolge unsers jetzigen Rittes ab. Befindet sich Horn wohl und gelingt es mir ihn zu befreien, soll keinem Mbocovi etwas geschehen; in diesem Falle gebe ich ihnen die Freiheit nachdem ich sie gezwungen habe, auf ein Bündnis mit den Tobas einzugehen.“

„Und wenn Horn tot ist oder wir ihn überhaupt nicht finden?“

„So werden im ersteren Falle die Schuldigen mit dem Tode bestraft und im letzteren suche ich so lange, bis ich ihn entdecke oder auf meine vorige Überzeugung zurückkomme, daß er für uns verloren ist. Aber auch Sie müssen doch in Beziehung der Mbocovis gewisse Wünsche haben. Ihre Gefährten sind von ihnen überfallen und fortgeschleppt worden. Wollen Sie das ungestraft hingehen lassen?“

„Es wird sich von selbst bestrafen. Der Sendador ist der Haupt-, ja allein der Schuldige. Mit ihm rechnen wir ab. Wollte ich die Mbocovis dafür verantwortlich machen, so hätte ich das gestern thun müssen. Heute wäre es zu spät.“

Von dem erwähnten Lagerplatze an ging unser Ritt genau nach Norden. Wir kamen durch freie Camps und lichte Wälder, mit denen offene Prairien wechselten, zuweilen auch durch dichtes Buschwerk, welches nur schwer zu passieren war, oder über weite, sandige Strecken, auf denen kein Grashalm wuchs, obgleich es da mit Wasser gefüllte Lagunen gab; dieses Wasser war stark salzhaltig. Ich sah, daß der Alte, wie er vorhergesagt hatte, den Weg fast schnurgerade durch dick und dünn nahm. Er hatte es sehr eilig und gönnte den Pferden nur am Mittag, als die Sonne am höchsten stand, eine Stunde Ruhe.

Als die Nacht hereinbrach, lagerten wir uns am Rande eines Waldes und aßen von den mitgenommenen Vorräten. Beim Grauen des Tages wurde wieder aufgebrochen. Der zweite Tag verlief wie der erste, nur daß wir mehr durch Wüste als durch Wald und Savanne kamen. Am frühen Vormittage des dritten Tages änderte der Desierto die bisherige Richtung, indem er westlich auswich. Er deutete nach Osten, wo ein dunkler Strich am Horizonte lag, und sagte:

„Dort gibt es undurchdringlichen Wald, durch welchen man sich nur mit Messer und Beil hauen kann. Tiefe Sümpfe liegen im Innern desselben, bedeckt mit Wolken von Stechfliegen, welche die Pferde toll machen. Wir müssen einen Bogen reiten.“

„Und wann erreichen wir die Laguna de Bambu?“

„Am Nachmittag. Ich hatte gerechnet am Abend, aber wir sind sehr schnell geritten.“

„So gilt es nun, vorsichtig zu sein, damit wir nicht vorzeitig bemerkt werden.“

„Das ist jetzt noch nicht nötig. Die einzige Arbeit der zurückgebliebenen vierzig Mbocovis besteht darin, Fleisch für die Weiber und Kinder zu erjagen. Ihr Jagdgebiet aber liegt nach Norden, nicht uns entgegen, wo es nur Wüste und unpassierbaren Sumpfwald giebt. Verlassen Sie sich auf mich. Ich werde Ihnen schon sagen, wann es Zeit ist, auf der Hut zu sein.“

Pena war zwar auch schon an der Laguna de Bambu gewesen, unsern jetzigen Weg aber noch nicht geritten. Er behauptete, weiter ostwärts vorübergekommen zu sein.

„Dann hätten wir, wenn wir Ihren Weg geritten wären, zwei Tage verloren,“ meinte der Alte. „Der Undurchdringliche zieht sich weit über eine Tagesreise von West nach Ost. In einigen Stunden werden Sie aber die Gegend, durch welche Sie kamen, wieder erkennen.“

Gerade um die Mittagszeit bog er wieder nach Norden ein, und dann sahen wir ostwärts Gebüsch zu unserer rechten Hand. Wir kamen durch eine Sandwüste, welche zu passieren wir eine volle Stunde brauchten. Mitten in derselben lag eine schmale, aber lang gestreckte und vielfach gewundene Lagune, in deren Nähe keine Spur animalischen und vegetabilischen Lebens zu bemerken war. Ihre Ufer erglänzten weiß von dem Salze, welches sich da abgelagert hatte.

„Ah! Ist das nicht die Laguna de Serpiente?“ fragte Pena.

„Ja,“ antwortete der Desierto. „Man hat sie wegen ihrer schlangenartigen Windungen so genannt.“

„Nun kenne ich mich aus. Wir kommen über eine kurze Savanne, dann durch einen großen Wald, hinter welchem ein Camp beginnt, an dessen Rande die Laguna de Bambu liegt. Das Dorf der Mbocovis befindet sich zwischen dem Walde und der Laguna, mehr in der Nähe des ersteren.“

„Das ist richtig. Können Sie sich noch der Gestalt erinnern, welche das Dorf besitzt?“

„Sehr genau, denn sie ist bei den Indianern außerordentlich selten anzutreffen. Die Niederlassung bildet nämlich ein genaues Rechteck.“

„Das ist gut für uns,“ bemerkte ich, „da diese Gestalt uns den Angriff ungemein erleichtert. Hätte das Dorf eine langgestreckte oder überhaupt unregelmäßige Figur, so müßten wir uns zerstreuen und mancher der Bewohner könnte uns entkommen.“

„Der Ort ist von den Jesuitenpatres angelegt worden,“ sagte Pena zu dem Alten; „denn es giebt sogar heute noch eine Kirche da.“

„Eine Kirche?“ fragte der Desierto. „Von der weiß ich nichts.“

„Nun, wenn ich von Kirche spreche, so dürfen Sie freilich nicht an ein mächtiges Gebäude mit hohem Turme denken. Sie ist auch nur eine Hütte, aber die größte und geräumigste des Ortes.“

„Ist ein Kreuz an oder auf diesem Bauwerke zu erblicken?“

„Nein.“

„So ist es auch keine Kirche. Zwar sind viele Mbocovis Christen, aber nur dem Namen und dem Scheine nach. Eine Kirche brauchen sie sicherlich nicht. Gab es einen Priester dort?“

„Nein.“

„So dient das Gebäude gewiß einem ganz anderen Zwecke. Waren Sie drin?“

„Nein. Man erlaubte es mir nicht. Als ich den Wunsch dazu aussprach, erhielt ich die Antwort, die Casa de nuestro Sennor dürfe kein Fremder betreten.“

„Die Casa de nuestro Sennor, also das Haus unsers Herrn.

Das klingt freilich ganz so, als ob es den Zweck eines Gotteshauses habe.“

„Ganz dasselbe dachte auch ich. Es muß aber ein Geheimnis dabei sein.“

„Welches sich vielleicht unschwer erklären läßt,“ fiel ich ein.

„Wieso?“ fragte der Alte.

„Dadurch, daß mit den beiden Worten nuestro Sennor nicht Gott oder Christus, sondern der Sendador gemeint ist.“

„Ah! Wie kommen Sie zu dieser auffälligen Vermutung?“

„Sie ist nicht auffällig, sondern sehr gerechtfertigt. Sennor bedeutet nicht nur Herr, sondern auch Oberhaupt, Gebieter, Befehlshaber, überhaupt eine Person, welche die andern in irgend einer Beziehung überragt.“

„Das ist ganz richtig, aber noch kein Grund, hierbei an den Sendador zu denken.“

„O doch! Es ist fast Gewißheit, daß er seinen Hauptaufenthalt hier hat. Befindet er sich oft und viel hier, so übt er als Weißer und gerade als der Mann, der er ist, gewiß einen größeren Einfluß auf die Roten aus, als selbst der Häuptling derselben. Er hat ihnen durch seine Raubzüge Nutzen gebracht und, wenn auch nur in seiner Weise, Gutes erwiesen. Wir haben ja gehört, daß die Mbocovis überzeugt sind, daß der Sendador sie nie betrogen habe. Ist es da ein Wunder, wenn sie, sich der spanischen Worte bedienend, ihn nuestro Sennor, unser Herr, unser Befehlshaber nennen? Er hat ja auch wirklich bewiesen, daß er ihr Befehlshaber ist.“

„Hm! Ihre Logik hat etwas für sich.“

„Nicht wahr? Es ist doch leicht erklärlich, daß der Sendador den Roten nicht erlaubt, einen Fremden, zumal einen Weißen, sein Haus betreten zu lassen. Vielleicht, ja sehr wahrscheinlich ist in demselben gar manches zu sehen, was auf die verborgene und verbrecherische Wirksamkeit des Sendador ein Licht wirft und überhaupt seine Geheimnisse verrät. Aber ergehen wir uns nicht in Vermutungen, die doch nur unnütz sind. Ich denke, wir werden bald Gelegenheit haben, dieses mysteriöse Haus zu betreten und seinen Zweck und Inhalt kennen zu lernen. Warum wollen wir uns über eine Sache, welche bald klar vor uns liegen wird, unnötigerweise den Kopf zerbrechen?“

Wir hatten mittlerweile den Sand hinter uns gelegt, befanden uns auf der schmalen Savanne und sahen den Wald vor uns liegen. Es war unmöglich, uns demselben unbemerkt zu nähern. Befand sich ein Mbocovi dort, so mußte er uns sehen, darum war es am besten, schnell zu reiten. Wir ließen also unsern Pferden die Zügel schießen und jagten im Galoppe dem Saume der Bäume zu. Dort angekommen, ließ ich halten, sprang aus dem Sattel und suchte nach rechts und links den Boden ab. Es war keine Spur eines erst dagewesenen Menschen zu entdecken, und wir durften also annehmen, daß wir nicht bemerkt worden seien.

„Wie breit ist der Wald?“ fragte ich den Desierto.

„Wenn wir im Schritte reiten, brauchen wir wohl eine Stunde,“ antwortete er.

„Es ist also nun Zeit, vorsichtig zu sein. Sie reiten voran. Ihre Tobas folgen Ihnen, indem sie einzeln hinter einander reiten. Der vorderste von ihnen läßt zwischen sich und Ihnen einen so großen Abstand, daß er Sie nur noch zu erblicken und ein ihm gegebenes Zeichen zu sehen vermag. Rechts von Ihnen reitet Pena, links ich. Wir drei bilden eine gerade Linie und halten auch uns in möglichst größter Gesichtsweite voneinander entfernt. So rücken wir im Schritte vor und suchen das Schnauben der Pferde und jedes laute Geräusch zu vermeiden. Erhebt einer von uns dreien den Arm, so ist das ein Zeichen, daß er etwas Auffälliges bemerkt, und der Zug hat sofort zu stehen und sich unbeweglich zu verhalten, bis das Vorkommnis aufgeklärt ist. Jetzt vorwärts!“

Wir nahmen in der beschriebenen Weise Stellung und ritten weiter. Wir drei, die wir voran waren, hatten die Gegend, soweit unsere Augen reichten, zu durchforschen. Glücklicherweise war der Wald nicht so dicht, daß dies große Schwierigkeit geboten hätte. Der Boden war weich und feucht; also blieben die Huftritte der Pferde fast unhörbar. So kamen wir vorwärts, weiter und weiter. Ich sah, wie sorgfältig der alte Desierto bald nach vorn, bald nach rechts oder links ausschaute; aber es war nichts Verdächtiges zu sehen.

Eine Viertelstunde verging; aus ihr wurde eine halbe. Schon dachte ich daran, anhalten zu lassen, denn vollständig durch den Wald reiten durften wir nicht. Ich wollte vielmehr die andern warten lassen und zu Fuße vorschleichen, um zu rekognoscieren. Da fiel mein Blick auf einen starken Baum, an dessen Stamm ein dünner, glatter, abgebrochener und gerader Ast, der keine Schale mehr hatte, zu lehnen schien. Die regelrechte Lage dieses Astes fiel mir auf. Ich sah schärfer hin und hob sofort den rechten Arm hoch empor. Mein Auge reichte nur bis zu dem Desierto; die andern konnte ich nicht sehen, aber ich bemerkte, daß er sein Pferd anhielt und nach rechts, zu Pena, und rückwärts winkte. Unser Zug hielt also. Kein Laut war zu hören.

Ich stieg ab, band den Zügel um den nächsten Baum und schlich mich dann, hinter jedem Stamme Deckung nehmend, nach dem erwähnten Stamme. Je näher ich kam, desto deutlicher sah ich, daß der betreffende Gegenstand nicht ein Zweig oder Ast, sondern ein geschnitzter Bogen war, wie die dortigen Indianer sie zum Versenden ihrer Pfeile brauchen.

Dann erblickte ich hinter dem dicken Stamme die Kniee eines Menschen, welcher also mit an den Leib gezogenen Beinen dort lag. Jedenfalls ruhte er aus oder schlief sogar, keinesfalls aber konnte er mich gesehen haben, denn sonst hätte er schleunigst nach seinem Bogen gegriffen.

Ich näherte mich also dem Stamme nun direkt, ohne weiter Deckung zu suchen, erreichte ihn mit unhörbarem Schritte, blickte herum und sah einen Indianer, welcher in der angedeuteten Körperstellung dalag und wirklich schlief. Ich bückte mich, kroch auf den Händen zu ihm hin und war ihm nun so nahe, daß er meinen Atem gefühlt hätte, wenn er wach gewesen wäre. Es war ein wohl über sechzig Jahre alter, schwächlicher Mensch, dem sein Köcher als Kopfkissen diente. Im Lendenschurze, welcher seine einzige Kleidung bildete, steckte ein Messer. Ich zog es leise heraus und schob es unter meinen Gürtel.

Es that mir leid, diesem Alten wehe thun zu müssen, aber ich durfte nicht daran denken, ihn auf gewöhnliche Weise zu wecken. Er hätte schreien und dadurch etwa anwesende andere Indianer aufmerksam machen können. Ich legte ihm also die linke Hand an die Kehle, die rechte unter die Achselhöhle, hob ihn empor und trug ihn zu dem Desierto hin. Der Mann zappelte erst ein wenig und hing dann wie leblos in meinen Händen. Er war dürr und so leicht wie ein Kind. Als ich ihn auf den Boden legte und die Hände von ihm nahm, holte er einige Male tief Atem, öffnete dann die Augen und sah mit erschrockenem Blicke zu mir auf, ohne zu wagen, einen Laut von sich zu geben.

„Ein Indianer!“ rief der Desierto halblaut, indem er vom Pferde stieg und Pena einen Wink gab, worauf derselbe herbeikam. „Wo steckte er denn, und was that er?“

„Er lag hinter einem Baume und schlief, bis ich ihn in so unsanfter Weise weckte,“ antwortete ich.

„Sehr gut, daß wir ihn gefunden haben, denn nun werden wir alle gewünschte Auskunft über das Dorf erhalten. Ich werde ihn in seiner Sprache fragen und Ihnen dann die Übersetzung geben.“

Dessen bedurfte es aber nicht, denn der Rote war nun so weit zu sich gekommen, daß er die Situation begriff. Er richtete sich auf dem einen Ellbogen auf, streckte mir den andern Arm bittend entgegen und sagte in spanischer Sprache:

„Gnade, Sennor! Ich bin kein Feind. Ich wollte nur Vögel schießen und schlief darüber ein, weil ich müde war.“

„Sprich leiser!“ gebot ich ihm. „Zu welchem Volke gehörst du?“

„Ich bin ein Mbocovi aus dem Dorfe, welches nicht weit von hier an der Laguna liegt.“

„Meinst du die Laguna de Bambu?“

„Ja. Wollen Sie hin? Ich will Sie hinführen. Aber stechen Sie mich nicht und schießen Sie mich nicht! Man hat mich schon einmal mit einem Giftpfeile hierher geschossen und dann bin ich lange Zeit sehr krank gewesen. Seit dieser Verwundung kriecht mir zuweilen ein Jaguar in den Kopf und brüllt in demselben tagelang. Also schießen Sie mich nicht!“

Er zitterte vor Angst. Es war klar, daß der Alte infolge des Giftpfeiles, welcher ihn in die Schulter getroffen und dort eine tief ausgeschwärte Narbe zurückgelassen hatte, geistesschwach geworden war. Vielleicht wurde er sogar tobsüchtig, wenn der Gedanke über ihn kam, daß sich ein Jaguar in seinem Kopfe befinde. Daß man diese Person ohne Aufsicht in den Wald gelassen hatte, war ein Zeichen, daß die Mbocovis sich ganz sicher fühlten; sie waren überzeugt, daß ihre ausgezogenen Gefährten als Sieger und mit reicher Beute zurückkehren würden. Das Nahen eines Feindes aber hielten sie wohl für ganz ausgeschlossen.

„Ich thue dir nichts,“ versicherte ich ihm. „Du brauchst dich nicht zu ängstigen.“

„Aber Sie haben mich beinahe erdrosselt. Wer sind Sie?“

„Ich bin ein Fremder hier im Lande und will zu euch.“

„Als was? Als Freund oder Feind?“

„Das wird ganz darauf ankommen, ob du mich als Freund oder als Feind behandelst.“

„Ich bin krank und behandle einen jeden, der mir nichts thut, als Freund. Und ich bin ein vornehmer Freund, denn ich war der Hechicero unseres Stammes. Aber seit mich der Giftpfeil getroffen hat, glaubt niemand mehr an mich.“

„Sind noch Leute deines Stammes hier im Walde?“

„Nein, kein einziger.“

„Weiß man, daß du hier bist?“

„Niemand bekümmert sich um mich und niemand giebt mir freiwillig zu essen. Ich muß lange bitten, ehe ich etwas erhalte. Darum wandere ich oft wochenlang im Walde herum und schieße mit dem Bogen Vögel, die ich dann mit diesem Messer zerschneide, um sie roh zu – – –“

Er hielt inne, denn er hatte nach seinem Messer gegriffen und es vermißt. Ich zog es aus dem Gürtel, gab es ihm und sagte:

„Hier ist es. Ich nahm es dir vorhin ab, will es dir aber wieder geben, damit du erkennst, daß ich es gut mit dir meine.“

„Ja, Sie meinen es gut mit mir, sonst hätten Sie mir mein Messer nicht wiedergegeben, ohne welches ich nicht leben kann. Sie sind mein Freund.“

„Ich will es sein und für dich sorgen, daß du nicht mehr zu hungern brauchst, sondern Früchte, Mehl und gebratenes warmes Fleisch bekommst. Sind alle Krieger deines Stammes beisammen?“

Nein, Sennor. Sie sind fort.“

„Wohin?“

„Das weiß ich nicht. Man sagt es mir nicht. Aber ich habe gehört, daß sie mit dem Yerno fort sind, nuestro Sennor zu suchen und dann mit großer Beute zurückzukehren.“

„Kennst du diesen nuestro Sennor?“

„Natürlich!“

„Weißt du, ob er noch einen andern Namen hat?“

„Freilich weiß ich es. Ich bin oft mit ihm, ehe mich der Giftpfeil traf, in den Städten und auf den Estanzias der Weißen gewesen und habe dort die Sprache derselben gelernt. Wenn er einen Raubzug unternehmen wollte, mußte ich den Stamm dazu begeistern. Er versprach mir dafür viel Geld und Gut, hat mir auch viel dafür gegeben; aber nun, da mich der Giftpfeil getroffen hat, hat er mir alles wieder genommen, und ich bekomme nichts mehr.“

„Nun, wie heißt der Mann?“

„Als er ein Kind war, hat sein Priester ihn Geronimo Sabuco getauft. Gewöhnlich aber wird er el Sendador genannt.“

„Weißt du, wo er wohnt?“

„Er ist überall, bald hier und bald dort, am meisten und liebsten aber hier bei uns, wo er ein großes Haus hat.“

„Wird dieses Haus die Casa de nuestro Sennor genannt?“

„Ja, denn es gehört ihm, und er ist unser Sennor.“

„Ist dieses Haus leer?“

„O nein. Es befinden sich Waren darin, welche er von seinen Reisen mitbringt, um sie an uns zu verkaufen oder zu vertauschen, und Sachen, welche sein Anteil von der Beute waren, die wir machten, wenn wir mit ihm gegen die Weißen zogen oder einen von ihnen zum Gefangenen machten und Geld und Sachen erhielten, um ihn freizulassen.“

„So giebt es also bei euch zuweilen weiße Gefangene?“

„Sehr oft. Der Sendador oder sein Schwiegersohn bringen sie. Oder unsere Krieger ziehen mit beiden fort, um Weiße zu fangen.“

„Sind auch jetzt welche da?“ „Ja.“ „Wie viele?“

„Ich kann nicht mehr zählen, seit mich der Giftpfeil traf; ich werde irre.“

„Ist einer dabei, der Pardunna heißt?“ „Zwei sogar, Vater und Sohn aus der Stadt Goya.“ „Heißt ein anderer vielleicht Horno?“

„Ja, Adolfo Horno. Der berühmte Desierto soll entweder ausgeraubt werden oder für ihn bezahlen, aber Sennor Adolfo wird trotzdem nicht freigegeben.“

„Sind auch noch andere da?“

„Mehrere; sie sind erst gekommen. Bruder Jaguar ist dabei.“

„Wo befinden sie sich?“

„Auf der Isleta del Circulo.“

„Dort werden sie bewacht?“

„Ja.“

„Von vielen Wächtern?“

„Nein, denn sie haben keine Waffen. Drei Krieger von uns sind genug, denn die Weißen haben große Angst vor unsern Giftpfeilen.“

„Diese drei Wächter sind stets auf dem Inselchen?“ „Bei Tag und bei Nacht. Sie werden täglich abgelöst.“ „Wie kommt ihr denn aus dem Dorfe auf das Inselchen?“ „Mit dem Boote, welches am Ufer versteckt liegt.“ „Würdest du mir die Stelle zeigen?“ „Ja, weil Sie mir mein Messer wiedergegeben haben.“ „Wie viele Krieger sind da?“

„Ich habe sie nicht gezählt, denn ich kann nicht mehr zählen, seit mich der Giftpfeil traf; aber ich habe gehört, daß zwanzig hier blieben, und zwanzig brachten die Gefangenen.“

„Also zusammen vierzig?“

„Wenn Sie es sagen, muß es richtig sein; ich kann nicht mehr rechnen, denn ich werde irre.“

„Wo befinden sich gegenwärtig diese Krieger?“

An der Nähe des Dorfes, auf dem Camp.“

„Was thun sie dort?“

„Sie üben sich im Pfeilschießen, denn heute ist der Tag, an welchem geschossen wird.“

„Wann hört die Übung auf?“

„Wenn es dunkel geworden ist. Dann wird gegessen und geschlafen.“

„Wo schlafen die Krieger?“

„In den Hütten, weil es jetzt im Freien so viele Stechfliegen giebt.“

„Wann wird die Wache drüben auf dem Inselchen abgelöst?“

„Täglich um die Mittagszeit.“

„Was thun die Wächter des Nachts?“

„Sie sitzen am Feuer und wachen. Zuweilen geht einer von ihnen um die Insel, um sich zu überzeugen, daß die Gefangenen kein Bambusfloß bauen.“

„Also man wird nicht nach dir suchen, wenn du heute, wenn es dunkel geworden ist, nicht in das Dorf kommst?“

„Nach mir zu suchen, fällt niemand ein. Man wäre froh, wenn ich tot wäre.“

„Das ist schlecht von ihnen! Möchtest du nicht lieber bei Leuten wohnen, welche dich lieb haben und dir alles geben, was du nötig hast?“

„Das möchte ich wohl; aber es giebt keine solchen.“

„Es giebt welche. Ich werde dir nachher davon sagen. Vorher möchte ich gern wissen, ob es hier im Walde, und zwar nicht zu weit von dieser Stelle, einen Ort giebt, wo sich hundert Männer und hundert Pferde verstecken können.“

„Einen solchen giebt es nicht. Die Bäume stehen überall zu weit auseinander. Vor wem möchtest du dich denn verstecken?“

„Vor deinen Kriegern. Sie könnten mich für einen Feind halten und auf mich schießen.“

Er sah mich verständnislos an, schüttelte den Kopf und antwortete.

„Fürchte dich nicht; sie bleiben im Dorfe, denn heute ist Übungstag, und niemand kommt in den Wald, denn die Hongos, die es in demselben giebt, sind erst gestern und vorgestern gesammelt worden. Ich sage dir, daß niemand kommt. Und wenn sie alle kämen, so würde ich dich verteidigen und mich lieber töten als dich beleidigen lassen, denn du hast mir mein Messer wiedergegeben.“

Er sagte das im Tone herzlichster Aufrichtigkeit. Wie mußte man dem armen Manne mitgespielt und ihn vernachlässigt haben, wenn ihn eine so kleine Freundlichkeit zu solcher Dankbarkeit begeisterte! Ich antwortete ihm, nachdem ich mich durch wenige deutsche Worte mit dem alten Desierto verständigt hatte:

„Nun, eigentlich brauche ich mich nicht zu fürchten. Ich kann dich viel eher in Schutz nehmen als du mich, denn wir drei sind nicht allein; wir haben Krieger bei uns. Soll ich sie dir zeigen? Soll ich sie herbeirufen?“

„Nein, denn sie werden mich vielleicht mit einem Giftpfeile schießen!“

Er schauderte vor Angst zusammen,

„Das werden sie nicht thun,“ versicherte ich ihm. „Sie werden dir vielmehr zu essen geben, Sachen, welche du seit langer Zeit nicht mehr genossen hast.“

„So laß sie kommen; laß sie kommen, denn ich habe großen Hunger!“

Er hatte unsere Leute noch nicht gesehen, nicht einmal den Vordermann derselben, der in einer solchen Entfernung hielt, daß er gesehen werden konnte. Der alte Desierto gab demselben einen Wink, und nun kamen die Tobas herbeigeritten, um einen Kreis um uns zu bilden. Der Mbocovi betrachtete die bewaffneten Männer mit halb furchtsamen und halb begierigen Blicken. Einer von ihnen mußte Eßwaren auspacken und ihm vorlegen. Er zog sein Messer und begann zu essen wie ein Mensch, der seit Tagen nichts genossen hat. Ich wendete mich indessen an den Desierto:

„Ich werde jetzt mit Pena rekognoscieren gehen. Sprechen Sie nicht ohne Not mit diesem Manne. Am besten ist es, Sie beschäftigen ihn, bis ich zurückkehre, nur mit Essen. Seine Aussagen werden uns von großem Nutzen sein, und ich möchte ihm den Eindruck erhalten, den ich auf ihn gemacht habe. Lassen Sie ihre Leute absitzen, sich aber bereit zur Gegenwehr halten; man kann nicht wissen, was passiert. Hören Sie einen Schuß fallen, so befinde ich mich in Not, und Sie eilen mir schnell zu Hilfe. Es versteht sich ganz von selbst, daß Sie in dem Irren den Gedanken, sich zu entfernen, nicht aufkommen lassen. Hegt er ihn dennoch, so reden Sie ihm in Güte zu. Gewalt aber dürfen Sie nur im Notfalle anwenden.“

Nach dieser Instruktion entfernte ich mich mit Pena. Wir schritten in der Richtung fort, welche wir bei unserem Kommen eingehalten hatten, und zwar in Eile, um so schnell wie möglich zurückkehren zu können.

Ich war überzeugt, daß der Mbocovi uns die reine Wahrheit gesagt hatte, und hielt es also nicht für nötig, allzu vorsichtig zu sein, wodurch wir Zeit verloren hätten. Wir gingen darum raschen Schrittes und so unbesorgt durch den Wald, als ob das Dorf der Mbocovis sich hundert Meilen entfernt von uns befunden hätte. Nach einer Viertelstunde traten die Bäume weiter auseinander und wir erreichten den Saum des Waldes. Vor uns lag das Dorf und hinter demselben die Laguna, deren Ufer mit hohem Bambus, von welchem sie den Namen hatte, dicht bestanden war. Zu Pferde konnte man es in zehn Minuten erreichen. Auch ein guter Fußgänger brauchte nicht viel mehr als dieselbe Zeit.

Das Dorf lag zwischen uns und der Laguna. Es bildete, wie bereits gesagt, ein Rechteck, dessen eine lange Seite uns zugekehrt war. Wir hätten die Hütten nach sechshundert Schritten erreicht. In der Mitte des offenen Platzes, den die Gebäude umschlossen, stand ein Gebüsch, welches jedenfalls eine Quelle beschattete. Auf dem Platze tummelten sich Kinder herum; vor den Thüren saßen Frauen, mit allerlei Arbeiten beschäftigt; ein Mann war nicht zu sehen. Aber draußen, links vom Dorfe, ging es lebhaft zu. Da sprangen die Männer der zurückgelassenen Besatzung lebhaft hin und her, mit kriegerischen Übungen beschäftigt. Einige warfen Lanzen; andere übten sich im Ringen; die meisten aber waren mit Pfeilen und Bogen beschäftigt.

Rechts vom Dorfe weideten die Herden auf dem offenen Camp, gehütet von einigen Männern und vielen Hunden. Darüber strahlte ein blauer, wolkenloser Himmel, über welchen die Flammenblitze der sich neigenden Sonne fluteten.

„Hm!“ brummte Pena. „Mit einem sofortigen Überfalle ist es nichts.“

„Nein. Die Männer haben vergiftete Pfeile bei sich und würden uns gut bedienen. Wir sind ihnen um nur zwanzig, nein, dreißig Mann überlegen; der Angreifer befindet sich da im Nachteile.“

„Aber diese verteufelten Pfeile haben wir nicht bloß jetzt zu befürchten, sondern in jedem Augenblick.“

„Wenn wir offen angreifen, ja.“

„An welche andere Art von Angriff denken Sie denn?“

„Wir müssen List anwenden.“

„List und wieder List! Der Teufel mag sich da genug Pläne ersinnen! Und noch dazu bei jeder anderen Gelegenheit auch einen andern Plan!“

„Eben die Veränderung der Verhältnisse bringt ganz von selbst eine Veränderung des Verhaltens mit sich. Man braucht bloß zuzugreifen.“

„Hat sich sein Zugreifen! Ich kann nachdenken wie ich will, so ersehe ich nur das Eine, daß wir uns auf alle Fälle den Giftpfeilen aussetzen werden müssen.“

„So strengen Sie sich lieber gar nicht an, und überlassen das Plänemachen mir!“

„Nun, Ihnen wird das auch nicht nur so zugeflogen kommen. Oder hätten Sie schon eine Idee?“

„Allerdings. Vor allem müssen wir unsere Gefährten von der Insel holen.“

„Warum das? Können wir nicht warten, bis wir im Besitze des Dorfes sind? Sollen etwa auch sie, die sich nicht im besten Zustande befinden werden, sich den Gefahren des Kampfes aussetzen?“

„Nein; aber es giebt mehrere Gründe, welche mich veranlassen, vor allen Dingen zunächst an sie zu denken. Wir sind doch gekommen, sie zu befreien. Das ist der einzige, wenigstens der Hauptzweck unseres Hierseins. Folglich müssen wir uns bestreben, ihn möglichst schnell zu erreichen. Und dann bringen wir sie durch unsern Angriff auf das Dorf in die größte Gefahr, wenn sie sich noch auf der Insel befinden. Die drei Wärter können leicht auf den Gedanken kommen, die Gefangenen umzubringen, damit diese nicht gegen sie aussagen können.“

„Das ist richtig. Weiter!“

„Ferner kennen die Gefangenen die hiesigen Verhältnisse jedenfalls besser als wir; auf die Aussagen des Irren dürfen wir uns nicht unbedingt verlassen, und so ist es gewiß von großem Vorteile für uns, erst die Gefährten zu befreien und später an den Angriff gegen das Dorf zu denken. Wollen Sie noch mehr Gründe?“

„Ich traue Ihnen zu, daß Sie noch einige vorbringen könnten, aber ich habe genug und muß Ihnen recht geben. Wie aber wollen Sie die Gefangenen von der Insel bringen?“

„Ich habe die Wahl zwischen zwei Wegen. Entweder machen wir erst die Wächter unschädlich, worauf die Bewachten leicht fortgeführt werden können; oder wir holen sie heimlich, ohne daß die Wächter etwas davon merken.“

„Beides ist schwierig. Wenn die Giftwaffen nicht wären!“

„Die sind ungefährlich, wenn wir so rasch und unerwartet über die Roten kommen, daß sie sich derselben gar nicht bedienen können.“

„Aber gerade dieses Über-sie-kommen ist ja das schwerste. Sie haben ein Feuer und sehen also unser Boot kommen. Auch machen sie oft die Runde. Man vermutet sie am Feuer und stößt dann plötzlich auf sie, um eine vergiftete Pfeilspitze in den Leib zu bekommen.“

„Nun, ich will Ihnen keineswegs zureden. Ihr Geist könnte mir später erscheinen und mir vorwerfen, daß ich Sie in einen so giftigen Tod getrieben habe. Ich getraue mir, den Coup ganz allein auszuführen. Nehmen wir uns in acht, so ist es gar nicht möglich, daß einer von uns verwundet wird, eben weil unsere Kugeln weiter fliegen als ihre Pfeile. Wir könnten die Kerle umzingeln und einzeln niederschießen, wie man Krähen von den Bäumen schießt. Aber das will ich nicht. Es soll so wenig wie möglich Blut, vielleicht nicht ein einziger Tropfen, vergossen werden. Morgen früh muß die Geschichte zu Ende sein, damit wir schon am Mittag wieder aufbrechen können.“

„Ich glaube nicht, daß sich die Sache so sehr schnell erzwingen läßt.“

„Und ich bin überzeugt davon. Streiten wir uns jetzt nicht, sondern kehren wir zurück. Wir wissen nun, woran wir sind und daß der Irre uns nicht belogen hat.“

Ich öffnete das Fernrohr und schaute durch dasselbe nach der Lagune. Der dieselbe umgebende Bambusgürtel war so dicht und so hoch, daß ich selbst mit Hilfe des Rohres nichts von der Insel, ja nicht einmal eine glänzende Stelle des Wassers bemerken konnte. Ich mußte mich also heute abend in der Dunkelheit zurechtzufinden suchen, nachdem ich mich vorher bei dem Irren genau erkundigt hatte.

Für jetzt war nichts zu thun, und so traten wir den Rückweg an. Einen so leichten und gefahrlosen Rekognoscierungsgang hatte ich noch nie gehabt. Es war wohl nur ein Zufall gewesen, daß sich auf dieser Seite des Dorfes kein Mensch befunden hatte.

Als wir den alten Desierto mit seinen Tobas erreichten, saß der irre Mbocovi noch immer essend bei ihnen, und ich erfuhr, daß er ohne Aufhören gekaut, aber kein Wort gesprochen hatte. Er nickte mir freundlich, ja fast liebevoll zu, sagte aber nichts, sondern aß weiter.

„Der gute Mann muß wirklich entsetzlichen Hunger gehabt haben,“ meinte der Desierto in deutscher Sprache zu mir. „Er ist von seinen Stammesgenossen vernachlässigt worden, und ich habe Lust, für ihn zu sorgen. Seine Aussagen haben uns Vorteil gebracht, und schon darum möchte ich ihm dankbar sein. Mag unser Angriff auf die Mbocovis ausfallen, wie er wolle, ich nehme mich dieses Mannes an. Er mag mit uns ziehen und fortan zu uns gehören.“

„Daran thun Sie sehr recht, und ich habe das auch nicht anders von Ihnen erwartet. Das, was wir von ihm erfahren haben, ist für uns noch wertvoller, als Sie jetzt denken.“

„So? Haben Sie auf Ihrem jetzigen Gange Gutes erfahren?“

Ich teilte ihm mit, was ich beobachtet hatte, und dann wurde Beratung gehalten. Ich blieb bei meinem Plane, vor dem eigentlichen Angriffe unsere Gefährten zu befreien, aber Pena war dagegen, und der Desierto stimmte ihm bei. So standen die Ansichten zweier gegen meine vereinzelte, und ich mußte mich fügen. Ich that dies, aber nur scheinbar, denn ich war fest entschlossen, nun heimlich auf meine eigene Faust zu handeln.

Der Grund, daß die beiden gegen mich waren, bestand darin, daß es uns so leicht geworden war, die Mbocovis, als sie das Dorf der Tobas überfallen wollten, einmal durch List und das andere Mal durch Umzingelung in unsere Hände zu bekommen. Daraufhin meinte der Desierto:

„Genau so können wir es auch jetzt machen, und ich bin überzeugt, daß es uns gelingen wird. Allem Anscheine nach können wir hier bleiben, ohne daß man uns bemerken wird. Wir warten bis nach Mitternacht und schließen dann das Dorf ein. Halten wir uns außerhalb des Bereiches der Giftpfeile, so kann uns nichts geschehen, während unsere Kugeln von allen Seiten bis in das Dorf fliegen werden. Die Feinde sind, wenn sie nicht nacheinander erschossen werden wollen, gezwungen, sich uns zu ergeben.“

„Es kann auch anders kommen,“ entgegnete ich. „Unsere Freunde befinden sich in der Gewalt der Mbocovis. Wie nun, wenn diese letzteren uns drohen, die ersteren zu töten, falls wir Ernst machen?“

„Aber auf der Isleta del Circulo befinden sich nur drei von ihnen. Vor denen brauchen die Gefangenen nicht bange zu sein.“

„Diese drei sind bewaffnet, die Gefangenen aber nicht!“

„Sie vergessen zu bedenken, daß die drei uns gegenüber ebenso Gefangene sind; sie können die Insel nicht verlassen und befinden sich also in unserer Gewalt. Wir drohen ihnen, sie mit dem Tode zu bestrafen, falls sie unsern Freunden nur ein Haar krümmen. Da werden sie sich hüten, uns Veranlassung zur Rache zu geben.“

„Was Sie da vorbringen, klingt freilich ganz plausibel; aber es können Verhältnisse oder Zufälle eintreten, an welche wir jetzt gar nicht denken. Können wir etwa die ganze Laguna umzingeln?“

„Nein.“

„Dann liegt eben die Möglichkeit vor, daß, wenn wir Ernst machen, die drei auf der Insel befindlichen Roten die gefangenen Weißen töten und dann die Insel auf einem schnell gezimmerten Floß verlassen.“

„Nun, in diesem Falle genügt ein einziger von uns, die Leute im Auge zu behalten und sie beim Landen mit seinen Kugeln zu empfangen.“

„Was nützt uns das? Kann der Umstand, daß wir sie dann leicht töten können, uns darüber beruhigen, daß sie vorher unsere Gefährten ermordet haben? Warum wollen wir den Erfolg ganz allein von unseren Waffen abhängig machen, wobei unbedingt Blut fließen muß, wenn wir es in der Hand haben, durch List und ohne Blutvergießen unsern Zweck zu erreichen? Man muß menschlich sein. Kann ich in schonender Weise ganz an dasselbe Ziel gelangen wie durch Gewaltthätigkeit, so werde ich mich doch unbedingt für die erstere entscheiden.“

„Und den Schaden davon tragen!“ fiel Pena ein. „Ich habe wiederholt gegen Ihre berühmte Humanität geeifert, doch stets umsonst. Und Sie müssen mir zugeben, daß Sie stets, gelinde ausgedrückt, Unannehmlichkeiten davon gehabt haben. Warum sollen immer nur wir menschlich verfahren, während die Roten gegebenen Falles nicht die Schonung hegen würden? Nein! Sie sind überstimmt, und wenigstens dieses Mal will ich auch einen Willen haben. Es kann gar nichts schaden, wenn wir einige Mbocovis wegputzen. Je strenger wir verfahren, desto mehr werden sie sich in Zukunft hüten. Durch Ihre Milde richten Sie nur Schaden an, denn die Roten bleiben dann bei der Meinung, daß sie ungestraft fortfahren können, zu thun, was ihnen beliebt.“

„Das ist ganz richtig!“ stimmte der Alte bei. „Wir müssen ihnen eine Lehre geben, die sie nicht so leicht und so bald vergessen werden. Schonung aber verschlimmert nur die Sache.“

„So bin ich also überstimmt und muß mich Ihnen fügen,“ sagte ich in gleichgültigem Tone. „Vor allen Dingen ist es da nötig, dafür zu sorgen, daß wir nicht bemerkt werden. Wir müssen daher, wenigstens so lange es Tag ist, einen Posten an den Waldesrand setzen, um sofort benachrichtigt werden zu können, falls jemand sich uns nähern will.“

„Ja, das müssen wir thun,“ antwortete der Desierto. „Ich werde zwei von meinen Leuten dazu auswählen.“

„Warum das? Der Posten ist wichtig, und ich denke, es ist am geratensten, daß ich ihn selbst beziehe. Ich nehme den Mbocovi mit. Wir haben das Dorf vor uns liegen, und er kann mir behilflich sein, mich über dasselbe zu orientieren.“

Dagegen war nichts einzuwenden, und so entfernte ich mich mit dem Irren, welcher mir gern folgte und gar nicht daran dachte, sich mir vielleicht durch die Flucht zu entziehen. Als wir den Waldessaum erreichten, setzten wir uns nebeneinander nieder, und ich ließ mir von ihm diejenigen Erklärungen geben, welche ich für nötig hielt. Vor allen Dingen wollte ich erfahren, wo sich das Boot befand; ich hatte ihn nur zu diesem Zwecke mitgenommen. Er zeigte mir den Ort von weitem und beschrieb mir die betreffende Stelle so genau, daß ich überzeugt war, sie selbst in der Dunkelheit nicht verfehlen zu können. Dann legte er sich, vom Essen ermüdet, nieder und begann zu schlafen.

Später kam der Desierto einmal herbei, um sich das Dorf zu betrachten. Das war, als die Sonne sich bereits hinter den Horizont gesenkt hatte und die Schatten des Abends sich über die Gegend legten.

Die Krieger waren in das Dorf zurückgekehrt und in ihren Hütten verschwunden. Der Wilde pflegt früh aufzustehen, und begiebt sich infolgedessen sehr zeitig zur Ruhe. Rechts draußen bei den Herden waren mehrere Feuer angebrannt worden. Die Hirten waren wohl die einzigen, von denen man sich sagen konnte, daß sie wach bleiben würden. Sie hielten aber in solcher Entfernung vom Dorfe, daß von ihnen nichts zu befürchten war.

„Ich glaube, die Roten gehen schon schlafen,“ sagte der Desierto. „Wenn sie erwachen, wird es nicht so friedlich wie jetzt um sie aussehen. Ich denke, es ist überflüssig, daß Sie noch länger hier bleiben, denn es kommt nun gewiß kein Mbocovi in den Wald.“

„Das meine ich auch. Lassen Sie uns also gehen. Wir müssen vor Tagesanbruch wach sein, und so will ich mich niederlegen.“

Der Irre wurde geweckt und folgte uns nach dem Lagerplatze, als ob er stets zu uns gehört habe. Die Tobas hatten sich schon zur Ruhe ausgestreckt. Nur zwei von ihnen sollten wachen und zugleich mit auf den Irren achtgeben. Ich wickelte mich in meine Decke und legte mich ein wenig abseits von den andern, was keinem von ihnen auffiel.

Es war schon düster unter den Wipfeln der Bäume, und bald trat die völlige Dunkelheit ein. Alle schliefen, nur ich nicht. Ein Feuer war nicht angebrannt worden; infolge dessen konnte ich nicht beobachtet werden. Die tiefe Stille des Waldes wurde nur zuweilen durch das Schnauben oder Stampfen eines unserer Pferde unterbrochen, welche in der Nähe angebunden waren.

Nach Verlauf von zwei Stunden weckten die beiden Wächter zwei andere, um sich von ihnen ablösen zu lassen. Ich wickelte mich aus der Decke, nahm den Stutzen und schlich mich fort. Es machte keine Schwierigkeit, die beabsichtigte Richtung zu treffen; nur mußte ich im Gehen die Hände vorhalten, um nicht mit dem Gesichte an die Bäume zu rennen. Ich erreichte den Waldesrand an der Stelle, an welcher ich mit dem früheren Zauberer gesessen hatte.

Über dem Dorfe und in demselben herrschte völlige Finsternis. Draußen bei den Herden brannten die Feuer. Wenn der Mond erschien, mußte mein Werk vollendet sein.

Ich wollte an die Laguna und mußte also das Dorf umgehen. Das that ich in einem solchen Bogen, daß ich nicht auf einen etwaigen Wächter treffen konnte; aber gerade dies erschwerte mir das Orientieren. Glücklicherweise hatte ich daran gedacht und mir die am weitesten auswärts liegende Hütte als Marke genommen.

Zwischen dem Dorfe und der Laguna angekommen, schlich ich mich zu dem ersteren zurück und fand die Hütte. Nun wußte ich die Richtung und ging in schnurgerader Linie dem Bambussaume zu, welcher die Laguna umgab. Wenn ich nicht nach rechts oder links abwich, mußte ich einen schmalen Pfad erreichen, welcher durch das Gebüsch nach dem Wasser führte. Ich fand ihn nicht, war also doch abgewichen. Darum mußte ich mich niederlegen und nach beiden Seiten mit den Händen nach dem Wege suchen, was gar keine Schwierigkeiten hatte, da ein hartgetretener Weg leicht von der weicheren Erde zu unterscheiden ist.

Ich fand ihn bald und tastete mich langsam weiter. Nach fünf Minuten ungefähr sah ich das Wasser vor mir blinken. Gerade mir gegenüber glänzte ein heller Schein. Das war das Feuer, welches auf der Insel brannte. Nun hatte ich ungefähr zwanzig Schritte weit nach rechts durch das Gebüsch zu gehen, um zwei dicht am Wasser stehende Bambusgruppen zu erreichen, unter deren Zweigen, im Schilf versteckt, der Kahn zu finden sein sollte.

Auf diesem Wege wurde der Boden Schritt um Schritt weicher und schließlich so sumpfig, daß ich bis an die Kniee einsank; doch machte mich das nicht bange. Größer war die Gefahr, welche mir seitens der Krokodile drohte. Befand sich so ein Tier am Ufer, so konnte es leicht um mich geschehen sein. Ich verließ mich dabei auf den Geruchssinn, dem die moschusartige Ausdünstung gewiß auffallen mußte.

Endlich hatte ich die beiden Gruppen und stocherte mit dem Gewehrlaufe im Schilf herum, bis ich die Spitze des Bootes fühlte. Es war mit einem Baststricke an das Ufer befestigt. Das Einsteigen ging nur unter Anwendung der größten Vorsicht von statten. Dann untersuchte ich das Boot. Es war groß genug, um sieben oder acht Mann zu fassen, und aus Baumrinde gebaut, also sehr leicht zu regieren. Zwei lange Riemen lagen auf dem Boden. Wegen des Schilfes mußten sie diese Länge haben, damit man sich in das freie Wasser staken konnte. Ich band das Fahrzeug los, setzte mich nieder und stieß mich durch das Schilf, bis ich mich im klaren Wasser befand.

Das Feuer diente mir als Wegweiser; die Insel selbst konnte ich noch nicht erkennen. Ich wußte, daß sie klein und fast kreisrund sei, daher ihr Name, und mußte mich nach der dem Feuer entgegengesetzten Seite halten.

Jetzt konnte ich die Ruder kräftig in Bewegung setzen, hütete mich aber, mit denselben zu plätschern oder laut in das Wasser zu schlagen. Da ich rückwärts saß, so sah ich bald, daß ich einige Begleiter bekam. Mehrere Krokodile fuhren hinter mir her; ihre Köpfe tauchten auch einigemale mir zur Seite auf, doch wagten die Tiere es glücklicherweise nicht, das Boot anzugreifen.

je näher ich der Insel kam, desto vorsichtiger mußte ich sein. Es war ja möglich, daß die drei Wächter sich auf der Runde um die Insel befanden und mich kommen sahen. Als ich mich nun der dunkeln Seite des Eilandes gegenüber befand, wendete ich und ruderte, indem ich die Riemen von mir abstieß. Auf diese Weise saß ich nun mit dem Gesichte der Insel zugekehrt und durfte hoffen, die Nähe einer Gefahr leichter bemerken zu können.

Nun ging es leise dem Ufer zu. Einige Ellen von demselben entfernt, hielt ich an, um zu lauschen und auch die Augen scharf auf dasselbe zu richten. Es war nichts zu hören und zu sehen; darum landete ich. Das Wasser war hier so tief, daß ich mit dem eingesenkten Ruder den Boden nicht erreichte. Der Bambus, welcher auch auf der Insel stand, war nicht dicht; er ließ kahle Stellen zwischen sich, und so war das Landen leicht. Ich legte an, band das Boot fest und stieg aus, hütete mich aber, mich dabei voll aufzurichten. Ich blieb vielmehr noch eine Minute lang in gebückter Stellung halten, um abermals zu lauschen. Erst als ich nichts Verdächtiges zu entdecken vermochte, ging ich vorwärts, aber nicht aufrecht, sondern tief gebückt.

Als ich ungefähr acht oder neun kleine Schritte gethan hatte, raschelte es hinter mir. Ich fuhr schnell herum und sah einen großen, dunklen Körper, welcher sich auf mich warf. Der Anprall war so kräftig, daß ich niederstürzte. Zwei Hände krallten sich mir um den Hals. Ich war auf den Rücken zu liegen gekommen und fühlte ein Knie, welches sich gegen meine Brust stemmte.

Der Kerl, welcher mich da überrumpelt hatte, besaß eine ungewöhnliche Körperkraft. Er drückte mir die Gurgel so zusammen, daß ich keinen Laut ausstoßen konnte; in einigen Sekunden mußte es um meine Besinnung, vielleicht gar um mein Leben geschehen sein. Ich schlug also mit Aufwendung aller Kraft meine Fäuste von unten herauf gegen seine Unterarme; seine Finger glitten für einen Augenblick von meinem Halse; das genügte, ihn nun meinerseits bei der Kehle zu packen. Jetzt hatte ich Luft zum Atmen. Er umschlang mich mit den Armen und drückte mich an sich, daß ich glaubte, er werde mir die Rippen zerbrechen; darum nahm ich alle Kraft zu einem letzten Drucke zusammen; ich fühlte förmlich, daß sein Hals unter meinen Händen nachgab; seine um mich geschlungenen Arme lockerten sich; er ließ los, streckte das noch auf mir liegende Knie und rollte schwer zur Seite.

jetzt ließ ich seinen Hals los, um mich durch den Tastsinn zu informieren, mit wem ich es zu thun gehabt hatte. Es konnte ein Roter sein. Aber der Mann hatte eine kerngesunde Lunge. Kaum war sein Hals frei, so holte er tief und schnaubend Atem und griff wieder nach mir. Bis jetzt war kein Wort gefallen. Es lag im beiderseitigen Interesse, den Kampf so still wie möglich zu Ende zu führen. Nun aber hatte ihn das Bewußtsein, fast überwunden worden zu sein, so ergrimmt, daß er das Schweigen brach und, mich bei der Brust packend, mir heiser zuraunte:

„Hund, roter! Das gelingt dir nicht wieder. Dich habe ich, und dein Boot bekomme ich auch!“

Er wollte mich niederdrücken. Zu meiner frohen Überraschung hatte er deutsch gesprochen, und ich wußte nun, wen ich vor mir hatte. Nur die Plötzlichkeit des Überfalles konnte mich darüber im Unklaren gelassen haben. Überdies hatte ich bis jetzt weder Luft noch Zeit gefunden, mich hören zu lassen. Nun aber hielt ich seine Arme fest, daß er mir nicht wieder nach dem Halse greifen konnte, und antwortete mit gedämpfter Stimme:

„Sind Sie des Teufels, Steuermann? Sie überfallen und würgen den, der Sie retten will!“

Er ließ mich los, schwieg eine Weile und sagte dann, indem ich seine Brust keuchen hörte:

„Himmel! Ist’s möglich! Sie sind es, Sie? Ich habe Sie für einen Roten gehalten!“

„Unsinn! Es war ja ganz unmöglich, zu denken, daß ich ein Indianer sei! Wäre ein Roter so heimlich gekommen und hier an dieser Stelle gelandet? Hätte er nicht vielmehr drüben beim Feuer angelegt?“

„Hm! Das ist richtig!“

„Sie haben mich doch aussteigen sehen?“

„Ja. Ich stand ganz zufällig am Ufer und sah Sie kommen. Da steckte ich mich hinter den Bambus, ließ Sie an mir vorüber und fiel dann über Sie her.“

„Nun, es ist mir und Ihnen noch gut ergangen. Aber, vor allen Dingen, wo befinden sich die drei Wächter?“

„Am Feuer.“

„So sind wir also hier sicher?“

„Ja.“

„Nun, so stehen Sie doch auf!“

Wir saßen nämlich miteinander auf der Erde. Infolge der Überraschung hatte weder er noch ich an das Aufstehen gedacht.

„Ja, stehen wir auf,“ meinte er, indem er sich mit mir erhob. „Mir ist’s ganz dumm im Kopfe, teils noch von Ihren Fingern, teils vor Erstaunen, Sie hier zu treffen. Mensch, Mann, Herr, wie kommen Sie nach hier, nach dieser Insel! So hat der Bruder also doch recht gehabt, daß Sie kommen würden, unbedingt kommen würden, selbst wenn die Mbocovis noch so klug gewesen wären und jede Spur hinter sich vertilgt hätten. Wir andern verneinten das, denn wir wußten ja nicht, ob Sie überhaupt noch lebten. Wir wurden von Tag zu Tag stiller und kleinlauter. Nur der Bruder blieb fest und wollte jede Wette eingehen, daß Sie uns holen würden.“

„Das freut mich von ihm. Wo liegen sie?“

„Gar nicht weit von hier. Kommen Sie, kommen Sie schnell! Wie entzückt werden sie alle sein, wenn ich Sie bringe! Sie sind bewaffnet; nun ist uns geholfen.“

„Ja, die drei Roten sind nun nicht mehr zu fürchten.“

„Sie wissen, daß es drei sind?“

„Ich weiß mehr, weiß alles. Führen Sie mich nur schnell, denn wir dürfen keine Zeit versäumen.“

Die Freude, welche mein Erscheinen hervorbrachte, ist unmöglich zu beschreiben. Ich hatte nur immerfort zu warnen, nicht laut zu werden und die Aufmerksamkeit der Wächter zu erregen. Man umringte mich; man umarmte und küßte mich sogar. Freudenthränen flossen, und die Hände wurden mir so gedrückt, daß ich bitten mußte, daran zu denken, daß auch ich ein fühlendes Wesen sei.

Man bestürmte mich mit Fragen; man wollte alles wissen, alles erfahren, und mir in der Geschwindigkeit alles erzählen. Ich aber bat sie, sich für einstweilen zu beruhigen und damit zufrieden zu sein, daß die Stunde der Erlösung geschlagen habe. Das Boot reichte aus, die Hälfte von ihnen aufzunehmen; darum mußte bestimmt werden, wer zur ersten und wer zur zweiten Abteilung gehören solle.

„Nun Sie da sind,“ sagte Monteso, „habe ich um unsere Rettung keine Sorge mehr. Ich erkläre mich also freiwillig bereit, mit meinen Yerbateros zu warten, bis das Boot zurückkehrt. Die andern mögen voran fahren. Nur bitte ich Sie, mir irgend eine Waffe hier zu lassen, falls die drei Roten es indessen bemerken sollten, daß einige von uns fehlen. Es könnte in diesem Falle zum Kampfe kommen.“

„Gut!“ stimmte ich bei. „Bleiben Sie hier. Ich gebe Ihnen mein Messer und die beiden Revolver; das wird genügen. Beim Landen drüben am Ufer müssen wir uns sehr in acht nehmen. Das Terrain ist sumpfig, und es können Krokodile in der Nähe sein. Ich bin von welchen bis zur Insel verfolgt worden.“

„Diese unglückselige Laguna wimmelt von ihnen,“ sagte der Bruder. „Gäbe es keine Krokodile hier, so wären wir längst frei. Diese Tiere aber und die vergifteten Pfeile der Roten haben uns natürlich in Schach gehalten. Was das Landen betrifft, so fahren wir nicht nach der Stelle, an welcher Sie das Boot gefunden haben. Ich weiß eine andere, welche frei von Gebüsch und vollständig trocken ist. Ich werde Sie auf die Richtung aufmerksam machen. Man kann sie am Tage von hier aus sehen.“

jetzt wurde aufgebrochen. Ich hätte auf der Insel zurückbleiben können, wollte aber mit bei der Landung sein. Als das Boot voll war, ergriff der Steuermann, als der kräftigste, das Ruder, und das Fahrzeug flog trotz seiner Last mit einer Schnelligkeit über das Wasser, welche mehrfach größer war wie diejenige, mit welcher ich vorhin gerudert hatte.

Der Bruder gab die Richtung an, und bald erreichten wir das Ufer. Wie atmeten die Leute auf, als sie es betraten und nun ihrer Freiheit gewiß sein konnten! Ich bat sie, sich möglichst ruhig zu verhalten und auf die Yerbateros zu warten, und kehrte nach der Insel zurück, wo ich an derselben Stelle anlegte.

Die Yerbateros standen dort, zum Einsteigen bereit. Die Hälfte von ihnen befand sich schon im Boote, als mein Blick auf das Feuer fiel und ich bemerkte, daß einer der Roten aufstand und sich von demselben entfernte.

„Er macht die Runde,“ erklärte mir Monteso, den ich auf den Mann aufmerksam machte. „Wollen eilen, damit wir fort sind, wenn er kommt!“

„Hm! Ich denke, wir bleiben doch lieber noch da.“

„Sind Sie des Teufels! Er hält uns mit seinen Pfeilen in Schach. Wir müssen ihm gehorchen.“

„Pah! Auch ich habe allen Respekt vor diesem Gifte; aber vielleicht sind Sie doch ein wenig zu sehr in Angst gewesen. Ich habe Lust, den Mann mitzunehmen.“

„Das werden Sie bleiben lassen!“

„Wollen sehen. Ich kann ihn sehr gut als Parlamentär brauchen. Warten Sie hier. Legen Sie sich auf die Erde, damit er Sie nicht stehen sieht.“

„Sie wollen fort? Wohin?“

Er ergriff meinen Arm, um mich festzuhalten.

„Ihm entgegen. Sie müssen wissen, daß es unbedingt notwendig ist, den Mann unschädlich zu machen. Jedenfalls ist zwischen der Insel und dem Dorfe irgend ein Zeichen verabredet worden. Bemerkt er Ihre Flucht, so giebt er dieses Signal, und wir werden sofort verfolgt. Ein lauter Ruf dringt von hier aus bis in das Dorf, und die Bewohner desselben erwachen und eilen an das Ufer, ehe wir dasselbe erreicht haben. Warten Sie hier! Sie dürfen auf keinen Fall eher fort, als bis ich wieder da bin.“

Ich riß mich los und schlich mich fort. Das Inselchen schien einen Durchmesser von nicht viel über zweihundert Schritte zu haben. Nur das Ufer war mit Bambus bestanden; im Innern wuchsen Gras und zahlreiche wilde Kürbisse, wie ich später hörte. Der Rote war nicht mehr zu sehen. Er kam vom Feuer her nicht direkt auf die Stelle zu, an welcher die Weißen gelagert hatten, sondern er ging rund im Kreise. Da er sich infolgedessen nicht mehr zwischen mir und dem Feuer befand, so konnte ich ihn nicht sehen.

Ich legte mich also auf die Erde nieder und kroch ihm auf Händen und Füßen entgegen, mich immer so hart an das Dickicht haltend, daß er gegen das Feuer an mir vorüber mußte.

Nach kurzer Zeit schon hörte ich ihn kommen. Er gab sich keine Mühe, seine Schritte zu dämpfen. Ich hatte den Lagerplatz passiert, und er schritt auf denselben zu, jedenfalls in der sichern Überzeugung, die Gefangenen dort schlafend zu treffen.

jetzt ging er an mir vorüber, höchstens sechs Schritte entfernt. Ich bekam ihn nur einen kurzen Augenblick zwischen mich und das Feuer, aber das genügte mir, seine Bewaffnung zu sehen. Er hatte keinen Bogen zum schießen, hielt aber in jeder Hand einen Pfeil, zum sofortigen Stich bereit.

Ich durfte ihn nicht bis an den verlassenen Lagerplatz kommen lassen; darum richtete ich mich schnell auf, vier, fünf leise Schritte hinter ihm her – ein Hieb mit dem Gewehrkolben, und er stürzte nieder. Ich trat zuerst zurück, um ihn zu beobachten. Er lag ausgestreckt und regte sich nicht. Nun wagte ich es, mich ihm zu nähern. Die Pfeile waren seinen Händen entsunken; er selbst war entweder tot oder ohnmächtig. Ich hob ihn auf und trug ihn nach dem Ufer.

„Hier ist der Mann, Sennor Monteso,“ sagte ich dem Yerbatero. „Reißen Sie sein Gewand in Streifen, um ihn zu binden, und sorgen Sie dafür, daß er, wenn er erwacht, nicht rufen kann! Ich muß zu den beiden andern.“

„Bleiben Sie! Sie gehen dem sichern Tod entgegen! Es sind nun zwei!“

„Mögen sie es sein! Ich muß auch sie still machen. Wenn er nicht zurückkehrt, suchen sie nach ihm, finden weder ihn noch die Gefangenen und machen Alarm. Wenn das Dorf davon erwacht, kann uns der Überfall desselben nicht gelingen.“

„Überfall? So sind Sie nicht allein hier?“

„Nein. Haben Sie das gedacht?“

„Ja, weil Sie keinen Menschen sonst erwähnten. Ich glaubte, Sie seien in Ihrer Weise unserer Fährte ganz allein gefolgt und wollen uns nun heimlich von hier fortschaffen.“

„O nein. Sie werden die Laguna de Bambu sehr öffentlich verlassen. Also warten Sie noch ein Weilchen!“

Ich entfernte mich, obgleich er mir noch zureden und mich warnen wollte. Eine kurze Strecke ging ich aufrecht; dann legte ich mich lang nieder und kroch in einem Bogen auf das Feuer zu. Es brannte nahe am Ufer. Zwischen ihm und dem Wasser standen einige Bambusse, hinter welche zu kommen ich trachten mußte. Ich erreichte diese Absicht zwar glücklich, aber sehr langsam.

Nun lag ich zehn Schritte von dem Feuer entfernt, hinter mir das Wasser. Der eine Rote kehrte mir den Rücken zu, der andere das Gesicht. Bogen und Köcher lagen ihnen zu Händen; sie waren damit beschäftigt, aus hohlen Bambusgliedern kleine Gefäße zu schneiden.

Das machte meine Aufgabe schwieriger, als ich sie mir gedacht hatte. Ich konnte die zehn Schritte nicht thun, ohne von dem einen Mbocovi gesehen zu werden. Fand er auch keine Zeit, den Bogen zu spannen, so konnte er doch mit einem Pfeile nach mir stechen. Töten wollte ich sie nicht. Die zwei Schüsse hätten übrigens das Dorf aus dem Schlafe geweckt. Was war da zu thun? Wenn ich die kurze Entfernung recht schnell durchsprang, so vergaßen sie vielleicht vor Schrecken, nach den Pfeilen zu greifen. Ich nahm also den Lauf des Stutzens in die rechte Hand und war schon bereit, mich aufzurichten, als mir ein Zufall zu Hilfe kam, welcher in anderem Falle für uns gefährlich, anstatt vorteilhaft gewesen wäre.

Es erschallte nämlich vom Boote her ein zwar unterdrückter, aber doch immerhin am Feuer wahrnehmbarer Angstruf. Die beiden Mbocovis griffen augenblicklich zu den Waffen und sprangen auf. Nur vier, fünf Sekunden lang standen sie lauschend, die Gesichter nach der Gegend gekehrt, aus welcher der Ruf gekommen war, die Rücken also mir jetzt zugewendet. Da sprang ich vor; ein Kolbenschlag, und der eine stürzte zu Boden; der andere hörte den Hieb und drehte sich herum; das Entsetzen machte ihn starr; mit weit aufgerissenen Augen mich anstaunend, empfing er den Hieb, der auch ihn niederstreckte.

jetzt war das erste, die Giftpfeile in Sicherheit zu bringen; erst dann dachte ich an das nächste und rief die Yerbateros herbei, doch nicht so laut, daß man es auch im Dorfe hätte hören können. Monteso kam mit seinen Leuten herbei, einen ausgenommen, welcher bei dem ersten Mbocovi zurückgeblieben war.

„Ist’s möglich?“ fragte er, als er die Roten liegen sah. „Sennor, was soll ich da denken!“

„Daß Sie alle recht verzagt gewesen sind. Fast zwanzig Weiße stecken da gefangen und fürchten sich vor drei roten Männern! Ist so etwas schon einmal da gewesen? Wer schrie denn bei Ihnen?“

„Der Indianer, als er erwachte.“

„Hatten Sie ihm nichts in den Mund gesteckt?“

„Eben wollten wir es thun. Hat es vielleicht geschadet?“

„Nein, sondern genützt. Sorgen Sie aber dafür, daß nicht auch diese beiden schreien, wenn sie je erwachen, falls sie nicht tot sind. Wir müssen sie mitnehmen. Leider faßt das Boot nun nicht alle; ich werde also noch einmal kommen müssen. Binden Sie die Männer und tragen Sie sie nach dem Boote!“

Das geschah in kürzester Zeit; dann wurden die drei Roten in das Fahrzeug gelegt, und ich und Monteso stiegen ein. Die Yerbateros mußten noch warten. Drüben am Ufer waren die übrigen indessen in großer Sorge gewesen, da ich so lange fortgeblieben war. Als wir ihnen die Mbocovis brachten, begriffen sie, daß ich nicht eher hatte zurückkehren können. Ich holte noch die Yerbateros herüber, und dann brachen wir nach dem Walde auf. Die Roten mußten natürlich getragen werden.

In tiefster Stille ging es um das Dorf herum und dann dem Walde zu, an dessen Rande ich anhalten ließ. Obgleich die Insel nicht weit von demselben lag, hatte ich doch über drei Stunden gebraucht, um meinen heimlichen Vorsatz auszuführen.

Bis jetzt war keine Zeit zu Erklärungen gewesen. Nun aber befanden wir uns in verhältnismäßiger Sicherheit, so daß wir weder nötig hatten, außerordentlich vorsichtig zu sein, noch uns zu beeilen. Ja, von Eile konnte gar keine Rede sein, da es nicht in meiner Absicht lag, die Befreiten und die drei Gefangenen durch den finstern Wald nach dem Lager zu führen.

Sie hatten sich niedergesetzt und warteten mit größter Spannung auf das, was ich nun erzählen werde.

„Es sind drei Personen mehr als früher,“ sagte ich. „Ich vermute also, daß sich Sennor Pardunna und sein Sohn aus Goya mit hier befinden?“

„Ja, wir sind da,“ antwortete der Vater, „und bitten Sie, uns zu sagen, wie und womit wir Ihnen danken können. Aber wie können Sie unsere Namen wissen und daß wir uns hier befunden haben?“

„Davon später. Es ist ein dritter fremder Sennor da. Heißt er vielleicht Adolfo Horno?“

„Ja, das ist mein Name,“ antwortete der Genannte.

„So habe ich Ihnen eine wichtige Botschaft zu überbringen.“

„Welche, Sennor?“

„Sie sollen möglichst schnell kommen; das soll ich Ihnen sagen. Daß sie Sie aber sehr lieb hat und mit Sehnsucht auf Sie wartet, das soll ich Ihnen nicht sagen.“

„Wer – – sie?“

„Unica.“

„Uni – – – !“

Das Wort brach ihm auf der Zunge entzwei. Er sprang auf, ergriff meinen Arm und fragte fast atemlos:

„Unica? Sie kommen von ihr? Sie kennen sie?“

„Ich kenne sie so gut, daß sie mit mir nach Deutschland reisen will.“

„Sennor – ah, welch eine Überraschung! Wir haben viel von Ihnen gesprochen, denn Ihre Gefährten erwarteten ihre Rettung nur von Ihnen allein. Wir glaubten Sie zwischen hier und dem Nuestro Sennor-Jesu Cristo, und anstatt dessen sind Sie bei Unica gewesen!“

„Und beim Desierto. Er ist mit seinen Tobas hier, um Sie zu befreien.“

„Er ist hier? Wo? wo? Führen Sie mich zu ihm! Schnell, schnell!“

„Nur Geduld, mein Lieber! Das Führen durch den Wald hat seine Schwierigkeiten, wenn es Nacht und rabenfinster ist. Wir beabsichtigen, das Dorf zu umzingeln. Mitternacht ist schon vorüber, und so will ich lieber die Tobas holen, als Sie zu ihnen führen. Ich gehe. Erschrecken Sie also nicht, wenn plötzlich Männer hier unter den Bäumen erscheinen! Und sorgen Sie dafür, daß die drei Gefangenen nicht trotz ihrer Knebel laut werden!“

Ich suchte und fand den Weg nach dem Lagerplatze, in gerader Linie von Baum zu Baum mich forttastend. Es ist das weit schwieriger, als man vielleicht meinen mag. Ich war doch ein wenig nach der Seite abgekommen und wäre vorübergegangen, wenn nicht das Schnauben eines Pferdes mich auf die Irrung aufmerksam gemacht hätte.

Ich tastete mich von Schläfer zu Schläfer, bis ich den Baum erreichte, unter welchem ich gelegen hatte. Nun that ich, als ob ich erwache. Einer der beiden Wächter verstand leidlich spanisch. Ich sagte ihm, daß es wohl Zeit zum Aufbruche sei und er deshalb den Desierto wecken möge. Nach kurzer Zeit waren alle munter. Wir durften nicht warten, bis das Tageslicht den Wald durchdrang, denn dann wäre es zu spät gewesen; also waren wir gezwungen, den der Pferde wegen so schwierigen Weg nach dem freien Camp zurückzulegen. Dies wäre nicht möglich gewesen, wenn die Bäume nicht so weit auseinander gestanden hätten. Da wir Reservepferde mithatten, so gab es Leute, welche zwei Pferde am Zügel führen mußten. Ich ging mit dem Desierto voran; die uns folgenden blieben durch leise Zurufe, welche von einem zum andern gingen, in Fühlung und Verbindung.

So ging es langsam, sehr langsam weiter, bis wir uns dem Rande des Waldes näherten. Der schmale Mond hatte vorher tief hinter demselben gestanden, war aber indessen so hoch gestiegen, daß er sein Licht auf den Camp und selbst auch ein wenig zwischen die ersten Bäume senden konnte. Da blieb der alte Desierto stehen, deutete vorwärts und sagte leise:

„Halten Sie! Da draußen sitzen Leute!“

„Wie? wo?“ fragte ich. „Ah, wirklich! Wer mag das sein?“

„Es sind keine Roten. Der Kleidung nach sind es Weiße. Wir müssen sie belauschen.“

„Ganz gewiß! Befehlen Sie Ihren Leuten leise, zu halten. Sie, Pena und ich wollen uns dann anschleichen.“

Er gab seinen Befehl, welcher von Mund zu Mund ging; dann krochen wir drei vorwärts bis hinter die vordersten Bäume, in deren Nähe die Befreiten saßen. Sie waren so weit vom Dorfe entfernt, daß sie nicht leise, sondern halblaut sprachen, und so konnten wir ihre Worte ganz leidlich verstehen. Soeben meinte der Bruder:

„Er wird wohl gewußt haben, warum er uns nicht direkt folgte, sondern erst zu dem Desierto ging. Wir haben dadurch freilich länger schmachten müssen, aber er ist gewiß überzeugt gewesen, unsere Rettung dann sicherer bewerkstelligen zu können.“

„Ich habe nicht mehr daran geglaubt, sondern gab auch ihn verloren,“ bemerkte der Yerbatero. „Dieser Deutsche aber ist wie die Katze, welche stets auf die Beine zu stehen kommt. Wir sind von ihm gerettet, aber auch ganz entsetzlich blamiert worden. Kaum betritt er die Insel, so schlägt er die Roten nieder, und wir, die wir so zahlreich und so lange da waren, haben uns gefürchtet, eine Hand gegen sie zu heben.“

„Ja, er wagte sein Leben, während wir um das unsere höchst besorgt waren. Ich wette, daß sich am Abende des heutigen Tages unsere Lage vollständig verkehrt hat, daß die Mbocovis unsere Gefangenen sind, anstatt wir die ihrigen.“

„Das ist sicher!“ stimmte Horn bei. „Wenn der Desierto mit hier ist, so hat er gewiß genug Tobakrieger bei sich, um die wenigen Mbocovis zu bezwingen.“

„Ich bin neugierig, ihn kennen zu lernen.“

„Das glaube ich. Er ist nicht nur ein höchst interessanter, sondern sogar ein für die hiesigen Verhältnisse außerordentlicher Mann, und ich – – –“

Er kam nicht weiter, denn der Desierto hatte ihn an der Stimme erkannt. Er sprang hinter seinem Baume hervor, hinaus und rief:

„Horn, Sennor Adolf! Sie sind es? Mein Himmel, wie kommen Sie hierher? Wer hat Sie denn – – –“

Seine weiteren Worte konnte man nicht deutlich hören, denn rechts von ihm war auch Pena aus seinem Verstecke getreten und rief ebenso erstaunt:

„Der Bruder und der Yerbatero! Welch eine Überraschung! Wir wollen Sie befreien, und Sie sind schon frei! Da ist es nichts mit dem Ruhme, den wir dadurch verdienen wollten.“

„Nicht so laut, Sennores!“ mußte ich warnen. „Dämpfen Sie Ihre Stimmen, denn wenn Sie so schreien, so hört man es im Dorfe.“

jetzt gab es nun freilich ein Durcheinander von Fragen und Antworten. Und nun erst die Betroffenheit Penas und des Desierto, als beide erfuhren, daß ich, während sie schliefen, abwesend gewesen war und meinen Vorsatz ausgeführt hatte. Da der Streich so gut gelungen war, durften sie mich nicht tadeln. Sie mußten sogar gestehen, daß die drei gefangenen Wächter uns von großem Nutzen sein würden.

Nun wurde erzählt, in aller Eile. Über das, was unsere Freunde erlebt hatten, ist nicht viel zu sagen. Sie waren gebunden hierher geschafft und auf der Insel interniert worden. Sie hatten gesehen, daß ihre Waffen nach der Casa de nuestro Sennor geschafft worden waren, wodurch es sich bestätigte, daß dieses Haus nicht nur als Wohnung des Sendador, sondern auch als Aufbewahrungsort für die geraubten Gegenstände diente. Speise und Trank hatten sie nicht erhalten. Die wilden Kürbisse und junge Bambusschößlinge waren ihre einzige Nahrung gewesen, wozu sie das verpestete Wasser der Laguna hatten trinken müssen.

Im übrigen hatten sie nicht zu klagen gehabt, besonders da man ihnen die Kleidung nicht genommen hatte. Dennoch erschraken wir später, als es heller geworden war, über ihr Aussehen. Sie alle ohne Ausnahme glichen Leuten, welche lange Zeit krank gewesen sind. Über den Sendador gab es nur Eine Stimme. Er sollte bestraft und demnach verfolgt werden, selbst wenn er sich in den entferntesten Winkel der Anden verkriechen sollte.

Indessen verging die Zeit, das Licht des Mondes wurde bleicher und bleicher, und wir mußten daran denken, an das Werk zu gehen. Wir mußten auch den Hirten einige Aufmerksamkeit schenken. Es waren ihrer sechs, wie ich durch das Fernrohr gezählt hatte. Also genügten sechs von unsern Reitern, sie festzuhalten.

Übrigens waren unsere Streitkräfte zahlreicher geworden, denn die Befreiten hegten ganz natürlich das Verlangen, sich an der Ausführung unseres Planes zu beteiligen. Wir gaben ihnen, soweit möglich, von unsern Waffen ab, und da wir Pferde für sie mitgebracht hatten, so besaßen sie nun alles, was sie brauchten, um sich uns anzuschließen. Gerade der Umstand, daß wir uns im Besitze von Pferden befanden, war von größtem Vorteile für uns. Die Mbocovis hatten keine, und infolgedessen waren wir ihnen weit überlegen. Wir besaßen eine größere Beweglichkeit, und es war vorauszusehen, daß uns kein einziger von ihnen entkommen werde.

Wir stiegen in den Sattel, um das Dorf zu umstellen. Zwei von den Tobas blieben zurück, um die Reservepferde und die drei gefangenen Roten zu bewachen; auch der Irre wurde ihnen anvertraut. Sechs Tobas erhielten den Auftrag, die Herden und die bei denselben befindlichen Hirten zu umkreisen, damit keiner der letzteren ausbrechen und uns entfliehen könne.

Als wir den Kreis um das Dorf gebildet hatten, war die Entfernung zwischen unsern Gliedern eine solche, daß die Zwischenräume mit den Kugeln leicht und erfolgreich bestrichen werden konnten. Unsere Geschosse reichten bis in die Mitte des Dorfes, während die Pfeile der Mbocovis uns unmöglich treffen konnten.

Es war mittlerweile hell genug geworden. Um möglichst bald zu Ende zu kommen, wollte ich die Bewohner des Dorfes durch einen Schuß wecken, hatte das aber nicht nötig, denn eben als ich losdrücken wollte, erschallte von den Herden her ein lauter, schriller und langgezogener Schrei. Die Hirten hatten uns gesehen und gaben das Alarmzeichen.

Kaum war dies geschehen, so wurde es im Dorfe lebendig. Die Roten kamen aus ihren Hütten; sie bemerkten, daß sie umstellt waren. Die Weiber und Kinder heulten; die Männer holten ihre Waffen herbei.

Wir hörten eine laute, gebieterische Stimme, wohl diejenige des Mbocovi, welcher das Amt des Kommandanten bekleidete. Das Geheul verstummte; es trat tiefe Ruhe ein, und wir sahen einzelne Gestalten zwischen den Hütten erscheinen; sie hatten den Auftrag, zu untersuchen, wer und wie stark wir seien. Bald verschwanden sie wieder, um Bericht zu erstatten. Man schien zu beraten; dann bemerkten wir, daß die Mbocovis sich zerstreuten. Sie hatten den Befehl erhalten, von allen Seiten aus dem Dorfe hervorzubrechen und uns anzugreifen. Das geschah aber nicht etwa in offener und stürmischer Weise, sondern sehr langsam und vorsichtig; sie lagen auf der Erde und kamen uns entgegen gekrochen.

„Lassen wir sie nicht zu weit heran, sonst erreichen uns ihre Pfeile!“ warnte der alte Desierto, welcher neben mir hielt.

Ich brauchte ihm nicht zu antworten, denn unsere Tobas waren ganz derselben Ansicht gewesen und begannen zu feuern. Ihre Schüsse krachten rundum, und zwar nicht vergeblich. Was auf der andern Seite unsers Kreises geschah, konnten wir nicht sehen; aber diesseits flogen uns die Pfeile entgegen, ohne uns jedoch zu erreichen; dann sprangen die Mbocovis auf und flohen in das Dorf zurück, wobei sie mehrere Verwundete mit sich nahmen.

„Jetzt wissen sie, woran sie sind,“ meinte der Alte. „Was nun? Das Dorf zu stürmen, kann uns nicht einfallen. Schicken wir ihnen einen der gefangenen Wächter als Parlamentär?“

„Warten wir noch ein wenig. Vielleicht senden sie selbst uns einen Boten.“

Meine Vermutung bestätigte sich, denn bald erschien ein Roter, welcher eine Bambusstange in der Hand hielt, woran ein Stück weißen Zeuges flatterte. Hinter ihm kamen andere Rote. Er blieb auf halbem Wege stehen, um zu erfahren, ob wir ihn als Unterhändler betrachten und also schonen würden. Wir winkten ihm, und darauf kam er mit seinen Begleitern vollends herbei. Er trug keinerlei Waffe bei sich und schien kein feiger Mensch zu sein, denn er trat hochaufgerichtet auf uns zu und musterte uns mit Blicken, in denen nichts von Furcht zu lesen war. Unweit von uns hielt der Steuermann. Er rief uns in deutscher Sprache zu.-

„Seien Sie nicht allzu höflich mit diesem Kerl! Er gehört zu denen, welche uns hierher transportiert haben, und schien gar nicht damit einverstanden zu sein, daß wir geschont werden sollten. Übrigens spricht er ein leidliches Spanisch.“

Der Rote blickte den Sprechenden an und erschrak. Er erkannte ihn und war betroffen darüber, den Mann, den er als Gefangenen auf der Insel wähnte, hier bei uns zu sehen. Sein nun folgendes Verhalten bewies, daß er glaubte, nur dieser eine sei entkommen; die andern sah er nicht, da sie zu weit von uns hielten. Er hatte seinen Schrecken schnell überwunden und fragte in unhöflichem Tone den Desierto:

„Wer seid Ihr, daß Ihr es wagt, uns zu überfallen? Wir leben mit allen weißen und roten Männern in Frieden.“

„Das ist nicht wahr,“ antwortete der Alte. „Ihr seid Feinde des viejo Desierto.“

„Den kenne ich nicht. Er wohnt weit von hier bei den Tobas, deren Freunde wir sind.“

„Und doch ziehen eure Krieger gegen sie, um sie zu überfallen. Du sagst, ihr lebtet mit den Weißen in Frieden. Und doch nehmt ihr sie gefangen und schleppt sie hierher?“

„Weil sie uns angegriffen haben. Dieser eine von ihnen, welcher dort auf dem Pferde sitzt, muß heute nacht entwichen sein, und die andern werden wir auch frei geben, sobald sie ihr Lösegeld bezahlt haben.“

„Entstelle die Thatsachen nicht. Die Weißen haben nicht euch, sondern ihr habt sie angegriffen.“

„So war der Sendador schuld daran, und das geht uns nichts an. Macht es mit ihm ab; uns aber laßt in Ruhe!“

„Wir werden thun, was uns beliebt, aber nicht, was euch gefällt. Wo befinden sich die Krieger dieses Dorfes?“

„Auf der Jagd.“

„Und wann kehren sie zurück?“

„Schon heute. Nehmt euch also in acht! Wenn sie kommen, so seid ihr verloren, denn ihr habt uns überfallen und mehrere von uns verwundet!“

„Wir fürchten uns nicht vor ihnen und lassen uns von dir nicht einschüchtern. Eure Krieger sind nicht auf der Jagd und werden heute nicht zurückkehren. Vielleicht bekommt ihr sie nie wieder zu sehen. Sie sind von mir besiegt worden.“

„Wer sind Sie denn?“

„Ich bin der viejo Desierto, den sie überfallen wollten. Ich erhielt Kunde von ihrem Vorhaben und bin ihnen mit meinen Leuten entgegengezogen. Wir umringten sie so, wie wir jetzt euch umzingelt haben, und weil wir Schießgewehre besaßen, so mußten sie sich uns ergeben, um nicht alle niedergeschossen zu werden.“

Das Gesicht des Roten wurde erdfarbig. Er betrachtete uns mit ungewissem Blicke, schluckte und schluckte und stieß dann hervor:

„Sie sind wirklich der Desierto?“

„Ich bin es, und die Indianer, welche sich bei mir befinden, gehören zum Stamme der Tobas.“

„Das glaube ich nicht. Wenn der Desierto käme, um uns zu überfallen, so wären nicht so wenige Krieger bei ihm.“

„Ich wußte, daß ich nicht mehr derselben gebrauchte. Ich habe von dem Yerno und auch von eurem Häuptling Venenoso erfahren, daß ihr nur vierzig Männer zählt.“

„Der Yerno ist bei euch und auch Venenoso?“

„Beide. Es ist uns keiner von euch entgangen; sie alle liegen gebunden in unserm Dorfe; sie können euch nicht Hilfe bringen, und wenn ihr euch nicht ergebt, so seid ihr dem Tode geweiht.“

Man sah dem Indianer an, welchen Eindruck das, was er hörte, auf ihn machte. Er schwieg eine ganze Weile, um sich zu sammeln und nachzudenken; dann sagte er in drohendem Tone:

„Selbst wenn alle Ihre Worte die Wahrheit enthalten, brauchen wir uns nicht zu fürchten. Wir ergeben uns nicht.“

„So lebt in einer Stunde keiner von euch mehr! Ihr habt vorhin erfahren, daß eure Pfeile für uns unschädlich sind. Unsern Kugeln aber könnt ihr nicht entgehen.“

„Das mögen Sie versuchen. Sobald Sie auf uns schießen, geben wir den Wächtern ein Zeichen, und diese werden dann die Gefangenen sofort töten. Wollen Sie den Tod der Weißen nicht, so müssen Sie Frieden mit uns schließen und auch unsere Krieger alle herausgeben, die Sie ergriffen haben.“

„Hören Sie, welchen Trumpf er ausspielt?“ fragte ich den Desierto. „Er giebt das Spiel noch nicht verloren, glaubt vielmehr, es zu gewinnen. Wie gut also, daß ich unsere Gefährten während der Nacht von der Insel geholt habe! Hätte ich das nicht gethan, so würden sie jetzt als Geiseln gebraucht, und wir müßten klein beigeben.“

„Hm!“ brummte der Alte. „Das wäre freilich eine verteufelte Geschichte geworden. Glücklicherweise können wir nun diesen Mbocovis die Augen darüber öffnen, daß ihre Berechnung eine falsche ist. Thun Sie das!“

Dieser Aufforderung kam ich nach, indem ich dem Parlamentär antwortete:

„Ihr habt noch weiße Gefangene auf der Insel? Das habe ich nicht für möglich gehalten. Kommt einmal mit bis zum nahen Waldesrande! Ich muß euch etwas zeigen.“

Wir hatten gar nicht weit dorthin. Die Roten folgten und waren nicht wenig erschrocken, als sie da den Irren und die drei gefesselten Wächter erblickten.

„Seht euch nur genau unter uns um!“ forderte ich sie auf. „Von den Leuten, welche sich gestern abend auf der Insel befanden, ist nicht etwa nur einer entkommen, sondern sie sind alle frei. Wir haben sie mitsamt ihren Wächtern herübergeholt. Wie wollt ihr es anfangen, sie zu erschießen?“

Sie suchten, so weit ihre Blicke zu reichen vermochten, unsere Aufstellung ab und überzeugten sich, daß ich ihnen die Wahrheit gesagt hatte. Ihre soeben noch gezeigte Zuversicht verwandelte sich in Kleinmut, zumal der Alte die Aufforderung an sie richtete.

„Jetzt wißt ihr, woran ihr seid. Kehrt also in das Dorf zurück, um euch zu beraten. Ich verlange, daß ihr euch ergebt, und dann soll euch kein Leid geschehen, vielmehr bin ich bereit, eure gefangenen Krieger freizugeben. Ist aber eine halbe Stunde verflossen, ohne daß ihr euch bereit erklärt habt, so schießen wir alles, was da lebt, nieder und stecken das Dorf in Brand.“

„Sennor, so grausam werden Sie doch nicht sein!“ rief der Mbocovi aus.

„Das ist nicht Grausamkeit, sondern gerechte Strafe. Ihr seid Diebe, Räuber und Mörder. Ihr habt als Verbündete des Sendador eine Reihe von Missethaten begangen und müßt dafür genau so büßen, wie er. Er muß sterben, und wenn wir euch nicht nur das Leben, sondern auch die Freiheit schenken, so ist das eine Gnade, deren ihr euch nicht wert gemacht habt. Jetzt geht! Wir haben nicht Lust zu überflüssigen Reden. Ihr habt gesehen, wie wir schießen. Euer Schicksal liegt in euern eigenen Händen; in einer halben Stunde muß es entschieden sein.“

Sie schlichen höchst niedergedrückt von dannen. Wir waren der guten Zuversicht, daß ihre Entscheidung die von uns gewünschte sein werde.

Wir sahen, daß die Roten sich auf dem mitten im Dorfe liegenden Platze versammelten. Es ging dabei sehr ruhig zu. Nach nicht viel über eine Viertelstunde kehrte der Parlamentär zurück und teilte uns mit, daß die Mbocovis beschlossen hätten, sich uns zu ergeben, falls wir neben Freiheit und Leben ihnen auch alles Eigentum lassen wollten.

Darauf konnte natürlich nicht eingegangen werden, da sie in diesem Falle nicht die geringste Strafe getroffen hätte. Er mußte wieder in das Dorf, um zu sagen, daß wir Wort halten und nach zehn Minuten die Feindseligkeiten beginnen würden.

Diese Zeit verging ohne Resultat. Darum forderte der Desierto mich auf, eine Kugel in das Dorf zu schicken, zunächst ohne jemand zu töten.

„Das hilft nichts,“ antwortete ich. „Ein blinder Schuß würde nur schaden, indem er die Ansicht erwecken muß, daß nicht alle unsere Kugeln treffen. Ich werde einen verwunden.“

Ich stieg auf das Pferd und ritt dem Dorfe entgegen, ohne mich aber in den Bereich der Pfeile zu begeben. Man sah mich kommen; der dichte Haufe lichtete sich, und die in der Mitte desselben befindlich gewesenen Krieger wurden sichtbar. Das hatte ich gewollt, da es mir nicht einfallen konnte, auf ein Weib oder gar ein Kind zu schießen. Der Anführer trat zwischen den andern hervor; er erhob die Hand und machte mit derselben eine Bewegung, mit welcher er andeuten wollte, daß wir zu warten hätten, da sie noch nicht einig seien. Mein Pferd stand still, und ich legte den Stutzen an. Der Rote erhob den Arm abermals, weil er glaubte, von mir nicht verstanden worden zu sein. Ich drückte ab, und er ließ den Arm sinken, indem er einen Schrei ausstieß.

Für einige Augenblicke gab es einen Wirrwarr. Alle liefen und schrieen durcheinander. Dann wurde es plötzlich still; eine laute, befehlende Stimme erschallte, und dann kam der Parlamentär auf mich zugerannt.

„Sennor, Sie haben unsern Unterhäuptling in den Arm geschossen!“ rief er mir von weitem zu.

„Das war meine Absicht,“ antwortete ich ihm. „Einstweilen wollte ich ihn nur verwunden; aber die Zeit ist abgelaufen, und wenn ihr euch nicht augenblicklich ergebt, so werden wir töten, anstatt daß wir nur verwunden.“

„Wir ergeben uns, Sennor, wir ergeben uns! Sagen Sie, was wir thun sollen!“

„Eure Krieger werden einstweilen gebunden; sie haben sich bei uns einzustellen, aber einzeln, einer nach dem andern. Wer von ihnen etwa eine Waffe bei sich hat, der wird ohne Gnade erschossen. Die Waffen werden von einigen Frauen gesammelt und uns gebracht. Je williger ihr diesen Befehlen gehorcht, desto besser für euch, denn desto leichter können wir euch Vertrauen schenken.“

Mit diesem Bescheide ging er wieder nach dem Dorfe, und gleich darauf kamen die Männer zu uns heraus, unbewaffnet und einer nach dem andern, wie ich es angegeben hatte. Dann brachten Frauen die vorhandenen Kriegswerkzeuge, welche unter die Tobas verteilt wurden. Die gefesselten Männer erhielten einige Wächter, und nun waren wir Besitzer des Dorfes, denn auch die Hirten hatten dem Beispiele der andern folgen und sich ergeben müssen.

jetzt zeigte sich, welche Macht der Desierto über seine Leute besaß. Keinem von ihnen fiel es ein, zu plündern oder sonst eine Ausschreitung zu begehen. Das Dorf wurde enger eingeschlossen, und dann besichtigten einige von uns die Häuser, um nach etwa noch vorhandenen Waffen zu suchen. Es wurden keine gefunden.

Es verstand sich ganz von selbst, daß Beute gemacht werden sollte. Die Mbocovis mußten bestraft und die Tobas für den Kriegszug entschädigt werden. Nur fragte es sich, was alles unter den Begriff Beute zu fallen habe. Einige verlangten, daß die Häuser alle auszuräumen und den Bewohnern nur die leeren Hütten zu lassen seien. Es gelang mir, diese Leute zu größerer Milde zu bewegen. Es wurde beschlossen, die Herden und den Inhalt der Casa de nuestro Sennor mitzunehmen. Alles andere sollte den Mbocovis verbleiben.

Als wir in das Haus des Sendador drangen, sahen wir dasselbe bis unter das Dach mit Handelswaren und geraubten Gegenständen gefüllt. Auch die Waffen meiner Gefährten wurden gefunden, und die letzteren waren nicht wenig erfreut darüber. Das Gebäude wurde ausgeräumt und der Fußboden desselben tief aufgewühlt; man fand aber keine verborgenen Schätze und auch nichts, wodurch die Schuld des Sendador noch klarer als bisher erwiesen worden wäre.

Ich hatte im stillen gehofft, die mehrerwähnten Zeichnungen hier zu finden, doch blieb dieser Wunsch unerfüllt. Der Sendador war zu klug gewesen, so wichtige Papiere bei den Mbocovis zu lassen.

Über die nun getroffenen Arrangements kann ich weggehen. Der Desierto mußte mir vor dem Scheiden versprechen, so mild wie möglich mit den besiegten Feinden zu verfahren; dann verabschiedeten wir Weißen uns von den Tobas, um den weiten und beschwerlichen Ritt nach der Pampa de Salinas anzutreten. Es war nicht viel nach Mittag, als wir aufbrachen, von den zehn Roten begleitet, welche der Desierto zu diesem Zwecke für uns ausgesucht hatte. – – –

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Der Alte Desierto

Der alte Desierto

Zwei Tage waren seit unserem Aufbruche nach der unheilvollen Katastrophe vergangen; der dritte Tag hatte begonnen, und wir zwei einsamen Menschen marschierten wortlos in der Richtung, für welche wir uns entschlossen hatten, durch die Einsamkeit.

Noch nie im Leben war ich so mißmutig gewesen, wie jetzt, und das gewiß nicht ohne Grund. Bisher stets beritten gewesen, mußte ich mich nun auf meine steif gewordenen Beine verlassen. Die Kameraden waren verloren, und ich war so ziemlich von allem entblößt, was für einen Weg durch die Wildnis nötig ist. Zwar hatte ich meine Waffen gerettet; aber die Munition war mit dem Pferde und mit den Satteltaschen verloren gegangen. Ein Glück nur, daß sich noch eine Anzahl Patronen im Gürtel befanden! Die Mehrzahl derselben, etwa drei Dutzend, war für die Revolver, eine Waffe, welche ich zum Schießen von Wildpret, von dem wir leben mußten, nicht benützen konnte. Auch Pena hatte nur einige Kugeln in dem Beutel und wenig Pulver im Horne.

Wir wanderten durch eine der wildesten Partien des Gran Chaco. Der zur argentinischen Konföderation gehörige Teil desselben leidet allerdings unter dem Regenmangel der subtropischen Zone, doch überschwemmen während und nach der Regenzeit die Flüsse weite Strecken des Landes, und da entwickelt sich eine unvergleichliche Vegetationsfülle. Die Flüsse senden weite Buchten aus, welche den Bayous Nordamerikas oder den Maijehh des oberen Niles zu vergleichen sind. In ihrer Nähe und in derjenigen der Flüsse giebt es Waldungen, welche kaum zu durchdringen sind. Der spanisch sprechende Einwohner nennt sie Monte impenetrabile, undurchdringlichen Wald. Es giebt da nicht nur Bäume, sondern auch meilenweite Dickichte von stacheligen Mimosen und Leguminosen, die nur wenige natürliche Öffnungen frei lassen, welche von den Indianern als Pfade und Wege zu ihren Raub- und Handelszügen benützt werden. Dann kommen dazwischen weite Grasfluren oder unbewässerte, öde Strecken, auf denen man nur selten einen Kaktus oder eine Salzpflanze zu sehen bekommt.

Es giebt ausgedehnte Flächen, welche man mit der arabischen Wüste vergleichen möchte. Man nennt sie Travesias. Der stetig wehende Südwind häuft den Sand zu Hügeln, Medanos genannt, auf; daher fallen sie an der Nordseite steil ab; ihre Umrisse verändern sich beständig, da der Sand an der südlichen Seite aufsteigt und auf der nördlichen herunterfällt. Sie wandern also von Süd nach Nord.

Auch giebt es Stellen, welche wegen ihres Triebsandes höchst gefährlich sind. Als Adolf von Wrede im Jahre 1843 sich auf seiner denkwürdigen Entdeckungsreise in Hadhramaut befand, kam er am Bahr es Ssafy in der Wüste el Ahgaf an eine Stelle, deren Sand er, als er ihn faßte, beinahe unfühlbar fand. Es war ein bis oben an den Rand damit gefüllter Felsenkessel, und dieser Sand war sehr fein, so leicht und widerstand so wenig, daß, als Wrede mit dem Stocke hineinstieß, es ihm vorkam, als ob er ins Wasser stoße. Er legte sich vorsichtig auf den Rand des Felsens und band ein Gewicht an eine lange Schnur. Als er dasselbe in den Sand warf, sank es unter und zog ihm die Schnur aus der Hand. Keiner seiner arabischen Begleiter hatte sich wie er bis an dieses alles verschlingende Grab gewagt. Humboldt zweifelte an der Wahrheit dieser Schilderung, und Leopold von Buch nannte Wrede geradezu einen Lügner, Karl Ritter aber und der berühmte Arabist Fresnel retteten seine Ehre.

Die Araber hatten dem Reisenden erzählt, daß diese Gegend Bahr es Ssafy genannt werde, weil einst ein König Namens Ssafy, welcher vom Beled es Ssaba Wadian mit einem großen Heere kam, um in Hadhramaut einzufallen, den größten Teil seiner Truppen an der erwähnten Stelle verloren habe. Wrede war und blieb lange Zeit ein Märtyrer des Zweifels großer Geographen, welche seine wahren Berichte vom Studiertische aus recensierten. Und doch wissen nicht nur die Bewohner des Hadhramaut, sondern auch die Leute des südlichen Mendoza in Argentinien und die Indianer des Gran Chaco, daß es Gegenden giebt, welche mit tiefen, unergründlichen Triebsandmassen angefüllt sind, in denen Menschen und Tiere wie im Wasser versinken. Solche Stellen werden dort Quadales genannt.

Am Vormittage des dritten Tages kamen wir über eine grasreiche Pampa, welche sich endlos vor uns auszudehnen schien und ganz einer nördlichen Prairie glich, nur daß es eine andere Art des Grases und nicht das mir so bekannte Büffelgras war, durch welches wir bis an den Leib waten mußten. Seine langen Halme waren schmal und leicht; man fühlte sie kaum, und doch ermüdeten sie uns ganz ungewöhnlich. Man dachte dabei unwillkürlich an den Schnee, welcher, so leicht er ist, zu Wehen aufgehäuft, der Kraft einer Lokomotive zu widerstehen vermag.

Pena hatte sein Gewehr geschultert und schritt bahnbrechend voran. Aber als wir schon über eine Stunde lang durch dieses Grasmeer mehr geschwommen als gegangen waren, blieb er stehen, holte tief aufseufzend Atem und sagte:

„Jetzt steigen nun Sie einmal voran, Sennor! Noch eine einzige Stunde so, dann falle ich um. Da lobe ich mir doch die Prairien droben im Norden. Und ich möchte wetten, daß es, wenn wir diese Savanne hinter uns haben, noch viel schlimmer wird. Entweder läuft sie in eine Wüste aus oder in ein stacheliges Mimosenfeld.“

„Das glaube ich nicht,“ antwortete ich, indem ich vorwärts deutete. „Sehen Sie den dunklen Strich ganz draußen am Horizonte? Das ist kein Mimosengebüsch, welches wir wegen seiner geringen Höhe auf eine so weite Entfernung gar nicht sehen könnten, sondern das ist Wald, hoher Wald.“

Er legte die Hand über die Augen, um von der Sonne nicht geblendet zu werden, blickte nach der angedeuteten Richtung und stimmte bei:

„Sie haben recht. Gott sei Dank; es ist Wald. Hoffentlich giebt es da ein Wildbret! Ich habe Hunger. Gestern gab es nur ein armseliges Meerschweinchen für den ganzen langen Tag.

Das ist für zwei so gesunde und kräftige Männer, wie wir sind, zu wenig. Haben Sie nicht auch das Gefühl eines gewissen Nichts in der Gegend Ihres Magens?“

„Und ob! Ich bin im stande und schieße mir einen Papagei, wenn ich nichts anderes finde.“

„Brrrr! Das lassen Sie! Ich weiß sehr genau, wie diese Art von Fleisch schmeckt.“

„Ich bitte um die Beschreibung!“

„Das weichste Stück, die Brust, gleicht dem Sohlenleder; die Schenkelstücke sind trocken und zähe wie ein alter, lederner Kofferüberzug, und an den Flügelblättern müssen Sie ganz genau so kauen, als wenn Sie ein Stück Rhinozeroshaut verspeisen.“

„Dann werde ich mir freilich etwas Besseres wünschen, und wenn es auch nur ein armer Pampashase wäre.“

„Den giebt es hier äußerst selten. Machen Sie vorwärts, daß wir den Wald erreichen!“

Wir stampften weiter, wohl drei Viertelstunden lang, dann zeigte es sich, daß der dunkle Strich, den wir am Horizonte gesehen hatten, wirklich Wald war. Nach kurzer Zeit konnten wir schon die einzelnen Baumarten, Ceibo, Channar, Algaroben und andere unterscheiden. Sonderbarerweise traten diese Bäume sofort als geschlossener Wald auf, ohne vorher durch Büsche eingeleitet zu werden. Als wir uns seinem Rande bis auf ungefähr hundert Schritte genähert hatten, blieb ich überrascht Stehen, denn ich erblickte vor mir den Beweis, daß es hier Menschen, und zwar viele, gegeben hatte.

„Was giebt’s?“ fragte Pena. „Warum stutzen Sie so?“

„Sehen Sie nicht den Strich, der sich längs des Waldrandes quer über unsere Richtung durch das Gras zieht?“

Er hatte diese Fährte noch gar nicht bemerkt, richtete den Blick auf dieselbe und meinte dann:

„Schade, daß sie schon vorüber sind und nicht eben jetzt erst kommen!“

„Wer?“

„Nun, die Hirsche. Natürlich ist’s ein Rudel Hirsche gewesen. Das hätte einen Braten gegeben!“

Er schnalzte mit der Zunge; ich aber antwortete ihm:

„Wenn das eine Rotwildspur ist, so mögen Sie mich, besonders da Sie so hungrig sind, sofort mit Haut und Haar verspeisen.“

„Wer soll es denn gewesen sein, wenn nicht Hirsche?“

„Menschen und zwar viele.“

„Schwerlich, denn in diesem Falle würde die Fährte breiter sein. Und Sie haben die Spur ja noch gar nicht in der Nähe beachtet!“

„Für eine so allgemeine Bestimmung, ob sie von Menschen oder Hirschen gemacht wurde, ist eine genaue Besichtigung gar nicht notwendig. Hirsche haben kleine Hufe, mit denen sie nur leicht auftreten; sie stampfen das Gras nicht nieder, so daß es am Boden liegen bleibt.“

„Meinen Sie, daß Menschen stampfen?“

„Nein. Aber wenn ihrer viele hintereinandergehen, so vollbringt der Hintermann, was der Vordermann unterlassen hat: Es wird eine fest ausgetretene Fährte fertig. Kommen Sie!“

Wir kamen an die Spur, und noch hatte ich mich nicht niedergebückt, um dieselbe zu betrachten, als Pena ausrief:

„Wahrhaftig, Sie haben recht; es waren Menschen. Das ist ein Glück für uns, denn – –“

„Schreien Sie nicht so!“ unterbrach ich ihn. „Noch wissen wir nicht, ob wir uns dieser völlig unbekannten Leute freuen dürfen.“

„Meinen Sie?“ fragte er, nun leiser sprechend. „Wollen doch sehen!“

Er prüfte die Fährte ebenso wie ich und sagte dann:

„Ja, es sind nicht nur zwei oder drei, es sind jedenfalls wenigstens zehn Personen gewesen.“

„Sagen Sie zwanzig, dreißig, vierzig. Ja, ich behaupte, daß hier wohl an die fünfzig Personen gegangen sind und daß sie vor ungefähr zwei Stunden da vorüberkamen.“

„Alle Wetter! Woher wollen Sie das wissen?“

„Warten Sie noch! Es fragt sich besonders, von welcher Farbe diese Leute waren. Warten Sie, ich kann es ganz genau bestimmen!“

„Unmöglich!“

„Es ist nicht unmöglich, sondern im Gegenteile sehr leicht.“

Ich ging eine kleine Strecke auf der Fährte fort, hob einige abgerissene Halme auf, welche festgetreten worden waren, kehrte zurück, um sie ihm zu zeigen und sagte.

„Da lagen auf einer Strecke von kaum dreißig Schritten diese Halme; sie sagen mir alles, was ich wissen muß. Wenn diese Spur jünger und nicht bereits zwei Stunden alt wäre, so würde ich Sie ersuchen, sich mit mir zu bücken, damit wir nicht gesehen werden könnten. Wir haben es nämlich mit Indianern zu thun.“

„Und das haben Ihnen diese Grashalme gesagt?“

„Ja. Sie wissen doch, welcher Unterschied hinsichtlich der Fußbekleidung zwischen Cascarilleros (Rindensuchern) und den Indianern des Gran Chaco stattfindet?“

„Natürlich! Die letzteren gehen barfuß, die ersteren aber nie.“

„Nun, die Leute, welche hier vorüberkamen, waren barfuß, denn den Voranschreitenden sind diese Halme zwischen die Zehen gekommen und abgerissen worden.“

„Ah! Das ist möglich. Aber können diese Halme nicht auch durch Stiefel oder Schuhe oder auf eine andere Weise abgerissen worden sein?“

„Diese hier nicht. Reißen Sie einen Halm ab, oder er mag an Ihrem Fuße, an Ihrem Beine hängen bleiben und ab- oder ausgerissen werden, so bleibt er gerade, glatt und unverletzt, so wie dieser hier.“

Ich riß einen langen Halm ab und zeigte ihm denselben.

„Hier ziehe ich nun den Halm, den ich Ihnen soeben zeigte, zwischen zwei Fingern hindurch, indem ich ihn mit denselben ziemlich fest drücke. Was ist die Folge? Sehen Sie ihn jetzt an!“

„Er bekommt Bruch an Bruch und wird rund; er bleibt nicht mehr gerade, sondern er biegt sich krumm.“

„Ganz richtig! Das ist die Folge davon, daß er sich zwischen meinen Fingern befunden hat. Ganz dasselbe wird stattfinden, wenn ein Halm zwischen zwei Zehen gerät. Indem der Fuß sich vorwärts bewegt, wird der Halm durch die Zehen gezogen und abgerissen; er wird, wie der technische Ausdruck heißt, gerippelt und zieht sich krumm. Sämtliche Halme, welche ich aufgelesen habe, waren gerippelt; sie haben sich also zwischen den Zehen der Leute befunden, welche hier gegangen sind. Diese Leute waren also barfuß, folglich Indianer.“

„Hm!“ meinte er. „Darauf wäre ich nicht gekommen. Sie haben aber jedenfalls recht.“

„Gewiß; wenigstens bin ich überzeugt davon.“

„Woraus schließen Sie aber, daß es so viele Personen gewesen sind?“

„Aus der Festigkeit, welche die Fährte noch jetzt besitzt. Zehn und auch zwanzig Personen, welche hintereinander gehen, treten das Gras nicht in der Weise nieder, daß es so lang liegen bleibend, förmlich in die Erde gedrückt wird, zumal wenn diese Leute barfuß sind.“

„Möglich! Aber wie kommen Sie auf die Zeit von zwei Stunden?“

„Das sagt mir der Grad, in welchem diese Halme welk geworden sind. Freilich, auf die Minuten läßt sich diese Zeit nicht bestimmen; aber ich bin überzeugt, daß meine Schätzung, überhaupt meine Ansicht die richtige ist.“

„Ich muß Ihnen beistimmen. Also Indianer waren es, und zwar fünfzig ungefähr! Nun fragt es sich, in welcher Absicht sie hierher kamen.“

„In kriegerischer. Händler waren es nicht, weil die Fährte beweist, daß die Indianer keine Waren bei sich gehabt haben, denn in diesem Falle wäre die Spur unregelmäßiger und auch breiter ausgetreten. Die Leute haben keine Lasten getragen, auch keine Tiere bei sich gehabt; sie sind frei und ledig gegangen, nur höchstens mit den Waffen in den Händen.“

„Und was thun wir jetzt? Haben wir diese Indianer zu beachten oder nicht?“

„Natürlich haben wir uns sehr um sie zu bekümmern. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn sich ein Zug von räuberischen Wilden mit uns in derselben Gegend befindet. Wir müssen gewärtig sein, daß wir ganz unvermutet auf diese Leute treffen.“

„Das wohl nicht. Sie gehen gerade nach West, wir aber nordwestlich.“

„Ja, hier an dieser Stelle führt die Fährte nach West; aber Sie wissen ebenso gut wie ich, daß man, besonders hier im Chaco, nicht stets eine schnurgerade Linie einhalten kann. Die Roten kennen ihren Weg gewiß sehr genau; sie werden alle Hindernisse vermeiden und umgehen, müssen also oft von der ursprünglichen Richtung abweichen. Haben sie sich weiter von hier mehr rechts gewendet, und wir gehen geradeaus fort, so müssen wir mit ihnen zusammentreffen, was ich natürlich vermeiden möchte. Ich will lieber zwanzig mit Schießgewehren und Tomahawks bewaffneten Sioux begegnen als einem einzigen hiesigen feindlichen Roten, der mich mit einem vergifteten Pfeile leichter und schneller unschädlich macht, als diese zwanzig mit ihren ehrlichen Waffen. Übrigens muß ich unbedingt wissen, was und wohin diese Leute wollen. Bevor ich das nicht erfahren habe, kann ich mich nicht sicher fühlen. Wir müssen ihnen nach.“

„Dann adieu Hirschbraten und Ausruhen! Nur der Hunger bleibt!“

„Es geht mir nicht besser als Ihnen. Bedenken Sie, daß wir einen ausgetretenen Pfad vor uns haben; das Gehen wird uns nicht so ermüden, wie bisher.“

„Das ist aber auch das einzige Gute von der ganzen Sache!“ brummte er mißmutig.

„Seien Sie doch nicht so niedergeschlagen. Wenn wir gar den Mut und die Lebenslust verlieren, so ist’s aus mit uns.“

„Sie haben schon recht, daß Sie mich schelten. Ich bin von dem, was geschehen ist, so deprimiert, wie noch nie im Leben. Es ist, als ob der Satan sein Spiel gehabt habe. Wer soll da noch das alte Vertrauen und die frühere Freudigkeit besitzen?“

„Wir beide natürlich! Denken Sie etwa, daß das Schicksal, dem unsere Freunde verfallen sind, mir gleichgültiger ist als Ihnen? Ich bin länger mit ihnen beisammen gewesen als Sie, und so versteht es sich wohl ganz von selbst, daß die Katastrophe mir ebenso zu Herzen geht, wie Ihnen. Aber das Herz ist etwas anderes als der Kopf. Mag mein Herz mit einem noch so großen Leide beschäftigt sein, sobald es notwendig ist, daß der Kopf in seine Rechte tritt, so muß das erstere einstweilen schweigen. Und unsere Köpfe brauchen wir hier, wenn es überhaupt unsere Absicht ist, sie zu behalten und die Gefährten zu retten, falls sie noch leben.“

Wir waren, während wir zusammen sprachen, der Fährte mit raschen Schritten gefolgt, ich voran und er hinterdrein. Jetzt faßte er mich hinten, hielt mich fest und sagte:

„Bleiben Sie doch einmal stehen und sagen Sie die letzten Worte noch einmal! Ich muß vollständig falsch gehört haben. Wie meinten Sie? Sie geben sie nicht verloren?“

„Ja, so sagte ich.“

Er blickte mich mit einem ganz unbeschreiblichen Erstaunen an, deutete nach der Stirn, und meinte dann:

„So ist es bei Ihnen hier in dieser Gegend nicht richtig! Ich habe Sie für einen geistig gesunden und zuverlässigen Mann gehalten. Aber Sennor, was denken Sie denn eigentlich?“

„Ich denke, daß man den Totenschein eines Menschen nicht eher unterzeichnen darf, als bis man seine Leiche gesehen hat, und selbst dann muß man sich genau überzeugen, ob es auch wirklich die seinige ist.“

„Aber, es versteht sich doch ganz von selbst, daß sie tot sind! Ich glaubte, Sie möchten am liebsten wieder umkehren, um noch länger und eifriger nachzuforschen, als es bisher schon geschehen ist.“

„Und wenn ich das nun wirklich beabsichtigte?“

„So gehen Sie zurück! Machen Sie, was Sie wollen! Ich halte Sie nicht. Ich aber begleite Sie auf keinen Fall; darauf können Sie sich verlassen!“

„Nun, einstweilen folgen wir dieser Fährte. Kommt Zeit, kommt Rat!“

„Aber in dieser Angelegenheit nicht! Die ist vollständig vorüber und abgeschlossen. Sprechen wir nicht mehr davon!“

ich hütete mich, ein weiteres Wort zu sagen, und nahm den unterbrochenen Weg wieder auf. Er führte uns eine Viertelstunde lang immer am Walde hin und bog dann scharf in denselben ein. Es gab da eine Lichtung, einen breiten Streifen, welcher frei von Bäumen den Wald durchschnitt.

„Sie haben vorhin recht gehabt,“ sagte Pena. „Die Roten kennen ihren Weg sehr genau. Man sieht, daß ihnen diese Waldblöße nicht ganz unbekannt gewesen ist, da sie sich so direkt nach derselben gewendet haben.“

„Das ist nur das Eine; das Andere aber ist, daß sie sich nun auf derselben Richtung befinden, welche auch die unserige ist. Hätten wir diese vorhin verfolgt, ohne der Spur nachzugehen, so wäre es uns vielleicht schwer geworden, uns durch den dichten Wald zu arbeiten. Und höchst wahrscheinlich hätte es dann ein Zusammentreffen mit den Roten gegeben, welches für uns verhängnisvoll werden mußte, weil wir nicht auf dasselbe vorbereitet waren.“

Nach kurzer Zeit traten die Bäume näher zusammen, so daß die Blöße schmaler wurde. Die Fährte führte rechts, nahe an den Bäumen hin. Ein plötzliches ängstliches und feines Kreischen von links her ließ mich stehenbleiben. Ein Eichhörnchen kam in höchster Eile über die schmale Lichtung gesprungen, gejagt von zwei Tieren, welche im Eifer der Verfolgung ebensowenig wie der kleine Flüchtling auf uns achteten. Als das Eichhörnchen den diesseitigen Wald erreichte, lief es am Stamme des nächsten Baumes empor, und seine Feinde folgten ihm.

„Zwei Soncho Monas!“ rief Pena. „Das giebt einen guten Braten!“

Er nahm sein Gewehr schußfertig in die Hand und ich that dasselbe. Soncho Mona nennt der Bewohner des Gran Chaco den Rüsselbären, auch Coati genannt. Das Tier liefert nicht nur einen sehr gesuchten Pelz, sondern auch ein außerordentlich zartes und wohlschmeckendes Fleisch.

Das Eichhörnchen hatte einen weit hinausragenden Ast erreicht, flüchtete nach der Spitze desselben und that von dort aus einen kühnen Sprung nach einem niedriger liegenden Aste des nächsten Baumes, indem es sich dabei des Schwanzes als Steuer bediente. Die Coatis langten auf dem Aste an, auf welchem sich das Hörnchen einen Augenblick vorher befunden hatte, wagten aber nicht denselben Sprung zu thun, und blickten dem entkommenen Tierchen enttäuscht nach.

„Sie den hinteren und ich den vorderen!“ sagte Pena.

Ich nickte. Die Schüsse krachten. Der eine Coati stürzte sofort herab; der andere suchte sich anzukrallen, konnte sich aber nicht halten, da er auch ins Leben getroffen war, und folgte dem ersteren nach. Als wir zur Stelle kamen, wo beide lagen, bewegten sie sich schon nicht mehr. Die Tiere haben ein fast so zähes Leben wie der Fuchs, dessen Größe sie auch besitzen; die Kugeln hatten also die richtigen Stellen getroffen.

„Na, da giebt’s ja zu essen,“ meinte Pena vergnügt. „Und was für ein Fleisch! Nun wollen wir freilich von dem Papagei nicht wieder sprechen! Nehmen Sie das Ihrige, und dann wieder weiter!“

jeder nahm seine Beute auf, und dann wurde der Weg fortgesetzt. Nach einiger Zeit traten die Bäume weiter und weiter auseinander, und wir kamen wieder auf eine so hochgrasige Savanne, wie die vorige gewesen war. Der Wald hatte nur in einem langen, schmalen Streifen bestanden. Die Fährte ging geradeaus, wie mit der Schnur gezogen. Das mußte uns jetzt sehr lieb sein, da dieser Umstand es uns ermöglichte, die. Indianer schon aus bedeutender Entfernung zu erblicken. Ich wollte den hinter mir herschreitenden Pena auf diesen Vorteil aufmerksam machen, warf ihm daher einige Worte zu, ohne mich umzusehen, und erhielt eine Antwort, welche ich nicht verstehen konnte. Ich fragte, was er gesagt habe, und verstand auch die nachfolgenden Worte so wenig, daß ich mich nun nach ihm umblickte. Fast hätte ich laut aufgelacht. Der gute Mann hatte den Mund so voll stecken, daß er allerdings nicht deutlich zu sprechen vermochte. Er kaute, als ob es sich um Tod oder Leben handle.

„Machen Sie es wie ich!“ sagte er. „Schneiden Sie Ihren Nasenbären auch an!“

„Danke! Habe keine Lust.“

Wir waren der Fährte, seit wir den Wald hinter uns hatten, vielleicht zwei Stunden lang gefolgt, als wir wieder einen dunklen Streifen vor uns sahen.

„Das ist wieder Wald. Nicht?“ fragte Pena.

„Wald, ja. Vielleicht ruhen die Roten dort unter den Bäumen aus. Sie haben einen Vorsprung von zwei Stunden vor uns, und länger macht kein Indianer Rast, wenn er sich auf einem Raub- und Kriegszuge befindet.“

„Von zwei Stunden ist keine Rede mehr. Bedenken Sie, daß die Roten sich durch das hohe Gras Bahn brechen mußten und also nicht so schnell vorwärts kamen wie wir, die wir einen offenen Weg haben. Die zwei Stunden haben sich auf eine vermindert.“

„Meinen Sie?“

„Ja, man sieht es ja aus der Fährte.“

„Das ist gut! Wenn sie noch lagern, können wir sie beschleichen, um Gewißheit zu erhalten, woran wir mit ihnen sind. Also gehen wir weiter!“

Er wollte voranschreiten; ich faßte ihn am Arme und hielt ihn zurück.

„Halt, Sennor! Wollen Sie in einer halben Stunde tot sein? Sie laufen den Wilden gerade in die Hände!“

„Hm! Sie meinen, daß sie uns sehen?“

„Ja. Der Weg führt schnurgerade nach dem Walde. Wenn die Roten diesseits desselben sitzen, so müssen sie uns von weitem kommen sehen. Wenn wir nur noch dreihundert Schritte thun, sind wir von dort aus deutlich zu erkennen.“

„So wollen Sie wohl hier warten, bis wir annehmen können, daß sie fort sind?“

„Das fällt mir nicht ein. Wir müssen nach dem Walde, aber nicht auf die Fährte. Wir schlagen einen kurzen Bogen, um ihn an einer entfernten Stelle zu erreichen.“

„Da versäumen wir Zeit!“

„Lieber eine Viertelstunde verloren als das Leben!“

Ich wandte mich rechts, um einen Umweg zu machen, und er gab zu, daß ich recht hatte. Wir erreichten den Wald an einem Punkte, welcher nach meiner Schätzung vielleicht zehn Minuten von demjenigen entfernt lag, an welchem die Fährte auf die Bäume stieß.

Diese standen ziemlich weit auseinander, zwischen ihnen nur einige Büsche, so daß es gar keiner Anstrengung bedurfte, vorwärts zu kommen. Wir wendeten uns links, um die Fährte wieder zu erreichen, aber mit größter Vorsicht, da wir bei jedem Schritte vorwärts auf die Roten stoßen konnten. Jeden Baum als Deckung nehmend, kamen wir langsam weiter. Wir hatten schon über die Hälfte der Entfernung zurückgelegt, als wir Stimmen hörten.

„Sie sind noch da!“ sagte Pena. „Jetzt heißt es, sich in acht nehmen! Wollen wir warten, bis sie fort sind, oder schleichen wir uns näher?“

„Das letztere. Ich muß wissen, wer sie sind! Legen Sie sich nieder, und kriechen Sie hinter mir her! Wir müssen es so einrichten, daß wir immer einen oder mehrere Stämme zwischen uns und ihnen haben. Da seitwärts rechts stehen einige Mimosenbüsche. Gelingt es uns, diese unbemerkt zu erreichen, so haben wir gewonnen.“

Wir schoben uns langsam dicht an der Erde hin und erreichten die Mimosen glücklich. Es galt, uns unter ihnen zu verbergen, was keine leichte Aufgabe war. Die Roten saßen nicht weiter als dreißig Schritte von diesem Gesträuch entfernt. Wenn wir die Zweige desselben bewegten, mußten sie es sehen. Dazu kam, daß die Mimosen außerordentlich stachelig waren. Aus diesen Gründen schoben wir uns nur Zoll um Zoll hinein, und es verging von dem Augenblicke, an welchem wir bei ihnen angelangt waren, gewiß fast eine halbe Stunde, bis wir unsern Zweck erreicht hatten. Wir staken so zwischen den engen, dichtbelaubten Büschen, daß wir keine Angst vor Entdeckung zu haben brauchten, falls die Roten nicht einen besonderen Grund fanden, ihre Aufmerksamkeit auf die Mimosen zu richten.

Auf dem Bauche liegend, schoben wir uns so weit vor, daß wir die Indianer sehen konnten. Es standen nur drei Bäume zwischen uns und ihnen, zwischen denen wir aber hindurchblicken konnten. Sie hatten ein Feuer brennen, und der Duft gebratenen Fleisches drang in unser Versteck.

„Ist das nicht ärgerlich?“ flüsterte Pena mir zu. „Ich habe den Rüsselbären roh anbeißen müssen, und diese Wilden machen sich den saftigsten Braten!“

„Der Braten läßt mich sehr gleichgültig. Ich möchte wissen, zu welchem Stamme sie gehören.“

„Das ist schwer zu sagen.“

„Nun, Sie sind doch ein Kenner des Gran Chaco. Sie müssen also die einzelnen Völkerschaften desselben voneinander unterscheiden können.“

„Das kann niemand! Denken Sie etwa, es ist so wie bei den Indianern Nordamerikas? Bei diesen hat freilich jeder Stamm seine besonderen Merkmale, seine eigene Kriegsfarbe. Hier aber ist das anders. Sehen Sie sich diese Kerle an! Wie sind sie gekleidet? Eine weiße Leinwand- oder Kaliko-Hose und ein eben solches Hemd darüber, einen uralten Hut oder irgend einen ähnlichen Fetzen auf dem Kopfe. Sind das Unterscheidungsmerkmale?“

„Allerdings nicht. Wollen also wenigstens hören, was sie sprechen.“

„Ja, dann werde ich Ihnen freilich sagen können, zu welchem Stamme sie gehören. Horchen wir also!“

Die Roten schienen bei sehr guter Laune zu sein, denn sie sprachen sehr munter, aber nicht laut. Nur zuweilen ertönte ein Ruf der Freude oder der Verwunderung, und ein solcher war es gewesen, welchen wir gehört hatten und durch den wir auf sie aufmerksam geworden waren. Pena horchte lange. Interjektionen sind meist das Gemeingut sämtlicher Stämme; darum bilden sie kein Merkmal der Unterscheidung derselben. Dann aber schien einer etwas zu erzählen, was ihn in Eifer versetzte. Er sprach darum vernehmlicher, als bisher geredet worden war, und da flüsterte Pena mir zu:

„Jetzt habe ich es; jetzt weiß ich es. Es sind Mbocovis.“

„Kennen Sie diesen Stamm?“

„Stamm darf man nicht sagen; es ist ein Volk, welches wieder in mehrere Stämme zerfällt. Ich befand mich vor fünf oder sechs Jahren mehrere Monate lang bei einem derselben, in dessen Gebiete vortreffliche Chinchonas, standen. Der Wortschatz dieser Leute ist nicht bedeutend, und ich lernte in der Zeit, so kurz sie war, mich ganz gut ausdrücken; verstehen aber konnte ich sie noch viel besser.“

„Sie sollen das kriegerischeste Volk des Gran Chaco sein?“

„Das ist wahr. Glücklicherweise sind sie nicht zahlreich, und schwinden eben dieses streitlustigen Charakters wegen schnell und immer mehr zusammen.“

„Auch las und hörte ich, daß sie ganz besondere Feinde der Tobas-Indianer seien?“

„Auch das ist richtig. Diese letzteren sind friedfertiger Natur und den Weißen freundlich gesinnt; es giebt sogar welche unter ihnen, die sich seßhaft gemacht haben und einen kleinen Acker bauen, nämlich was man hier so nennt. Aber wenn sie angegriffen werden, so stellen sie ihren Mann. Sie sind der schönste Schlag der Indianer, während die Mbocovis, welche wir vor uns haben, mehr verkommen aussehen. Sie – alle Teufel, wer kommt denn da?“

Er hatte seine Rede unterbrochen und stieß diese letzteren Verwunderungsworte hervor, weil von der uns entgegengesetzten Seite zwei Männer kamen und sich zu den anderen setzten. Der eine war ein Indianer, auch nicht besser gekleidet als die übrigen; aber er trug eine Art Federkrone auf dem Kopfe und eine Flinte in der Hand, während die, welche wir bisher gesehen hatten, nur mit Messern, Lanzen und den gefürchteten Blasrohren bewaffnet waren.

Der andere war ein Weißer, kurz, breit und sehr kräftig gebaut. Ein dichter, schwarzer Vollbart rahmte sein Gesicht ein, welches ein alter, abgegriffener Sombrero beschattete. Auch er trug ein Schießgewehr in der Hand; die Griffe eines Messers und zweier Pistolen blickten aus der breiten, roten Schärpe, welche er als Gürtel um seine Hüften geschlungen hatte.

„Kennen Sie diesen Weißen?“ fragte ich meinen Gefährten.

„Nein, aber seinen Begleiter. Ich habe ihn einmal in Paso de los Torros und das anderemal in Cardovo gesehen. Es ist EI Venenoso, der Häuptling der Mbocovis.“

„Diesen Namen habe ich noch nicht gehört.“

„Weil Sie noch nie hier gewesen sind. Hätten Sie sich nur eine Woche lang am Rio Salado befunden, so hätten Sie gewiß manches über diesen Mann erfahren.“

„EI Venenoso; das heißt zu deutsch doch wohl der Giftige?“

„Ja.“

„Verdient er diesen Namen?“

„Vollständig. Er ist der unversöhnlichste Feind der Weißen, weshalb es mich jetzt wundert, einen solchen in seiner Gesellschaft zu erblicken, und zugleich der größte Spitzbube des Gran Chaco. Blutdürstig wie ein Panther, hält er niemals Ruhe. Man kennt alle seine Thaten; aber er ist so listig und verschlagen, so ungeheuer vorsichtig, daß ihm niemals etwas zu beweisen ist.“

„Besitzt er auch Tapferkeit?“

„Keine Spur. Legen Sie überhaupt den Maßstab eines Sioux oder Apachen nicht an die Indianer des Gran Chaco. Rauben und stehlen, auch morden können sie; aber der Gefahr weichen sie stets aus. Es ist ein verächtliches und verkommenes Geschlecht.“

Die Roten aßen jetzt. Wir sahen schweigend zu, bis sie fertig waren. Dann standen sie auf, griffen zu ihren Waffen, und marschierten fort, ohne sich die Mühe zu geben, das Feuer auszulöschen. Der Häuptling und der Weiße gingen an der Spitze.

„Sie brechen auf,“ sagte Pena. „Gehen wir ihnen gleich nach?“

„Nein. Noch wissen wir nicht genau, ob sie wirklich fortgehen. Ich werde mich ihnen nachschleichen. Warten Sie hier, bis ich zurückkehre!“

Ich kroch unter dem Busche hervor und ging den Roten eine ganze Strecke nach, bis ich überzeugt war, daß sie wirklich den Weitermarsch angetreten hatten. Dann wendete ich mich um. Pena steckte nicht etwa noch unter der Mimose, sondern er saß am Feuer. Er hatte dem Coati das Fell abgezogen, die Keulen desselben an einen Ast gespießt und hielt sie über das Feuer, um sie zu braten.

„Die Roten sind doch brave Leute!“ lachte er. „Sie haben das Feuer nur deshalb nicht ausgelöscht, daß wir uns gleich an dasselbe setzen können. Sind sie fort?“

„Ja. Es wäre für Sie auch gar nicht gut, wenn sie noch da wären. Röstet dieser Mann ganz gemütlich seinen Asado, ohne überzeugt zu sein, ob sie zurückkehren oder nicht!“

„Der Hunger war größer als die Angst. Machen Sie es ebenso wie ich! Einen halben Coati für jetzt und die andere Hälfte für heute abend.“

„Wer weiß, ob wir heute abend zum Essen kommen! Ich muß wissen, wohin diese Mbocovis wollen; darum werden wir ihre Nähe aufsuchen, um sie besser zu belauschen als jetzt. Am Abend können wir uns ihnen weit unbesorgter nähern als am Tage. Vielleicht hören Sie etwas über die Absichten, welche sie verfolgen.“

„Wahrscheinlich! Aber wenn wir heute abend kein Feuer machen dürfen, so werde ich jetzt dafür sorgen, daß ich nicht zu hungern brauche. Ich brate also den ganzen Rüsselbären.“

Ich folgte seinem Beispiele. Nach Verlauf einer Stunde hatten wir gegessen und besaßen mehr als hinreichenden Vorrat für den Abend. Dann brachen wir wieder auf, um den Indianern zu folgen. Eigentlich hätten wir das gar nicht nötig gehabt. Wir wußten nun, woran wir waren, und brauchten uns, streng genommen, nicht weiter um sie zu bekümmern; aber sie gingen den Weg, den auch wir einschlagen mußten, und so waren wir unter allen Umständen gezwungen, uns auch weiter mit ihnen zu beschäftigen.

Ihre Spur war im Walde natürlich nicht so deutlich zu sehen wie draußen in der grasigen Pampa; aber sie war dennoch so leicht sichtbar, daß selbst einer, der nie in seinem Leben eine Fährte gelesen hat, nicht hätte irre werden können.

Diesesmal besaß der Wald eine weit beträchtlichere Ausdehnung als vorher. Es ging fast drei Stunden lang in demselben fort, und er war leider nicht so licht und zugänglich wie zu Anfang. Es trat mehr und mehr Unterholz auf, welches dichter und immer dichter wurde. Uns freilich war es leicht geworden, hindurchzukommen, denn die Roten hatten uns vortrefflich Bahn gebrochen. Aber wir durften das nicht benutzen, sondern mußten unsere Schritte zügeln, um nicht gar auf sie zu stoßen. Wir waren ihnen einigemale so nahe, daß wir ihre Stimmen hörten und das Knacken der zerbrochenen Äste und Zweige vernahmen.

Endlich aber hatte der Wald doch ein Ende. Wir kamen zwischen Büschen hindurch wieder auf Gras, mußten uns hier aber niedersetzen, da wir die Indianer vor uns sahen und, falls sie sich umblickten, auch von ihnen gesehen werden mußten. Erst als sie uns aus den Augen geschwunden waren, setzten wir den Weg fort. Das Gras hörte auf und dann kam eine breite Sandwüste. Der Sand war so kleinkörnig und tief, daß sich die Spuren der Roten auf das deutlichste abgedrückt hatten. Sie zu verlieren, brauchten wir nicht die mindeste Sorge tragen.

Unser Hunger war gestillt; desto mehr meldete sich der Durst. Wir hatten seit früh kein Wasser gefunden. Wo Bäume sind und Gras wächst, muß Wasser sein; das ist gewiß; aber wir waren eben nicht an eine Stelle gekommen, wo es zu haben war. Darum freuten wir uns herzlich, als wir in der Ferne eine Lagune erblickten. Auf reines Wasser war da zwar nicht zu hoffen, aber das giebt es in Gran Chaco außerhalb der Flüsse überhaupt nicht, und ich hatte schon mehr als einmal aus Pfützen getrunken. Aber als wir näher kamen, sahen wir uns enttäuscht. Die Salzpflanzen, welche am Ufer standen, belehrten uns, noch ehe wir das Wasser erreichten, daß es nicht trinkbar sei. Die Lagune war nicht groß. Man konnte das Ufer rundum überblicken. Pena suchte dasselbe mit den Augen ab, und zwar in so eigenartig forschender Weise, daß es mir auffiel und ich ihn fragte:

„Was suchen Sie? Fast möchte man meinen, daß Ihnen dieser Salzsee bekannt sei.“

Er schwieg, noch immer suchend, und antwortete dann:

„Ja, ich täusche mich nicht. Sie ist es!“

„Wer? Was?“

„Die Lagune, an welcher wir damals überfallen wurden. Das ist eine lange, lange Zeit her, als wir, eine ganze Gesellschaft von Rindensuchern, hier lagerten und von den Roten überfallen wurden. Wir schickten die Halunken blutig heim; aber mehrere von uns waren verwundet, und einen hatte ein Giftpfeil getroffen. Wir haben ihn am nördlichen Ufer begraben und, da es keine Steine gab, ihm einen hohen Hügel auf das Grab gebaut. Sehen Sie ihn da drüben liegen?“

Ich folgte mit dem Blicke der Richtung, welche seine ausgestreckte Hand andeutete.

„So kennen Sie also die Gegend?“

„Ja. Es sind zwar Jahre her, aber kein Mensch legt hier die Axt an die Wälder. sie bleiben wie sie waren. Da links geht es nach dem Flusse, wo die Isla de Taboada liegt, und weiter fort nach Santiago. Von rechts kamen wir damals vom Rio Vermejo herunter, und geradeaus geht es nach der Laguna de Carapa.“

„Bezieht sich dieser Name auf den Baum, welcher das Carapafett giebt?“

„Ja. Das ist ein sehr wichtiger Baum. Die Rinde und die Blätter desselben sind ein unschätzbares Mittel gegen das Wechselfieber, und aus den Früchten, welche die Größe eines Hühnereies haben, wird ein butterartiges Fett und das bekannte Tolicuna-Öl gekocht. An jener Lagune sollen große Massen, ganze Wälder ‚ dieses Baumes stehen.“

„Waren Sie einmal dort?“

„Nein. Man weiß, daß die Tobas-Indianer diese Wälder bewohnen und sie eifersüchtig bewachen, sie sind ihnen heilig und ihr größter Häuptling wohnt dort. Es gehen eigentümliche Gerüchte über ihn. Er soll ein Nachkomme der Inkaherrscher sein und eine weiße Farbe wie ein Europäer besitzen. Niemand außer seinem Volke hat ihn jemals gesehen. Ihm soll es zuzuschreiben sein, daß die Tobas-Indianer den Weißen und der Civilisation freundlich gesinnt sind. Ich habe Ihnen heute schon gesagt, daß die Mbocovis mit ihnen in ewiger Feindschaft leben. Diese Kerls werden doch nicht etwa dort einfallen wollen!“

Ich hatte die Mbocovis gezählt; darum antwortete ich:

„Achtundfünfzig Mann gegen einen ganzen Stamm der Tobas? Das wären ihrer doch wohl viel zu wenig!“

„Es kommt darauf an, was sie beabsichtigen und vorhaben. Sie wollen vielleicht heimlich stehlen. Da zieht man nicht mit großer Macht aus.“

„Stehlen? Und ein Weißer befindet sich bei ihnen?“

„Pah! Es giebt mehr weiße Spitzbuben als rote! Es giebt Leute, welche behaupten, daß die Roten das Stehlen erst von den Weißen gelernt haben, und ich werde mich hüten, diesen Menschen ihre Ansicht zu rauben. Denken Sie doch an den Sendador! Der Mann hat mehr auf dem Gewissen als zehn Indianerhäuptlinge. Aber da stehen wir und versäumen die Zeit. Wir wollen machen, daß wir weiter kommen.“

Die Sonne hatte schon über zwei Dritteile ihres Laufes zurückgelegt, als die Wüste ein Ende nahm. Das Gras spitzte erst sehr spärlich, nur hier und da, aus dem dürren Sande hervor; dann bildete es einige Inseln, weiche sich später vereinigten, und endlich gingen wir wieder über eine Prairie, die dritte des heutigen Tages. Die Sonne sank im Westen, als wir wieder Wald vor uns sahen. Pena fragte mich, ob wir auch jetzt wieder, wie schon einmal, den Wald auf einem Umwege erreichen wollten.

„Nein,“ antwortete ich. „Wir bleiben hier, bis es vollständig dunkel geworden ist.“

„Ist es nicht besser, noch vor der Nacht in den Wald zu kommen?“

„Thäten wir das, so fänden wir die Roten nicht. Ich bin überzeugt, daß sie höchstens eine halbe Stunde vor uns sind. Sie haben also soeben erst den Wald erreicht und werden sich beeilen, ein Lager zu finden; das wird natürlich am Rande des Waldes oder doch in der Nähe desselben liegen, so daß es nicht schwer zu entdecken ist.“

„Ich bin mit dieser Berechnung einverstanden; sie ist besser als die meinige.“

Wir setzten uns also nieder, warteten, bis es dunkel geworden war, und brachen dann wieder auf. Schon nach kurzer Zeit zeigte es sich, daß meine Vermutung die richtige gewesen war. Es glänzte uns unter den ersten Bäumen hervor ein lebhaftes Feuer entgegen, und wir erblickten Gestalten, welche sich um dasselbe bewegten. Nun machten wir einen Umweg, indem wir einen Bogen schlugen, um den Roten in den Rücken zu kommen, was uns auch recht gut gelang. Dort lagen wir am Stamme eines Baumes und sahen, hinter demselben vorblickend, dem Lagertreiben zu.

Näher durften wir uns noch nicht wagen, denn es gab noch zu viel Bewegung unter den Roten. Da, wo sie lagerten, stand Wasser in einem ziemlich großen Tümpel, aus welchem es in einem bloß handbreiten Bächlein an mir und Pena vorüberfloß, jedenfalls um baldigst wieder zu versiechen. Wir tranken mit wahrer Wonne das köstliche Naß.

Die Indianer brachten aus ihren zusammengelegten Decken große Fleischstücke hervor, welche sie, wie am Mittag, am Feuer brieten. Während des Essens ging es heiter her, dann aber wickelten sich die Leute in die Decken und legten sich nieder, um zu schlafen.

Zwei thaten dies nicht, nämlich der Häuptling und der Weiße. Sie saßen ein Stück abseits der andern, mit dem Rücken gegen einen Baum, der so nahe hinter ihnen stand, daß sie ihn beinahe mit den Händen erreichen konnten, und unterhielten sich.

„Hinter diese beiden müssen wir kommen,“ sagte ich.

Wir huschten also nach der andern Seite hinüber und schlichen uns dann hinzu. Da ich die Sprache der Mbocovis nicht verstand, so ließ ich Pena voran und hielt mich nur bereit, ihm sofort beizuspringen, falls man ihn sehen sollte.

Aber er machte seine Sache gar nicht übel. Als er den Baum erreicht hatte, legte er die Arme auf die Erde und seinen Kopf darauf, so daß das Gesicht nach unten lag und nicht gesehen werden konnte. Bei dem Scheine des flackernden Feuers, dessen Schatten gespenstisch hin und wieder huschten, hatte er das Aussehen einer Bodenerhöhung, und es gehörte mehr als ein gewöhnlich scharfer Blick dazu, in ihm einen Menschen zu erkennen. So blieb er lange Zeit liegen, während ich geduldig wartete. Ich hörte die Stimmen der beiden Sprechenden und konnte nur dem Tone derselben entnehmen, ob sie sich von etwas Angenehmem oder Unangenehmem unterhielten. Sie sprachen jetzt nicht mehr so angeregt wie vorher, sondern schläfriger; sie machten Pausen. Darum blieb Pena so lange liegen, denn er wollte natürlich nicht eher wieder gehen, als bis er wußte, woran er war, als bis er erfahren hatte, welchen Zweck der Zug hatte.

Endlich, nachdem er seine Stellung fast drei Viertelstunden eingenommen hatte, kam er zurückgekrochen und raunte mir zu:

„Kommen Sie! Ich weiß zwar nicht alles, aber doch genug!“

Wir schoben uns auf Händen und Füßen weit genug zurück, um nicht gesehen zu werden, und erhoben uns dann vom Boden, um nach der Stelle, an welcher wir uns vorher befunden hatten, zurückzukehren.

„Nun,“ sagte ich dort, „ich bin sehr begierig, Ihren Bericht zu hören.“

„Jetzt noch nicht. Nehmen Sie Ihre Gewehre und Ihr Fleisch auf, und folgen Sie mir! Wir dürfen nicht ruhen, sondern müssen sofort aufbrechen, um einen Weißen, der vielleicht gar ein Europäer ist, zu retten!“

Das war genug für mich. Ich schritt hinter ihm drein, ohne ihn weiter zu fragen. Er ging in einem Bogen um das Lager herum bis an den Rand des Waldes und dann immer weiter, diesem letzteren entlang. Dabei hütete er sich, hinaus in die Grasprairie zu treten, wo wir eine sichtbare Spur zurückgelassen hätten, sondern er ging stets unter den ersten Bäumen hin, wo die Bodenvegetation niedriger war und die von unsern Füßen niedergetretenen Stellen sich bis morgen früh jedenfalls wieder aufgerichtet hatten. Freilich ging es in der Dunkelheit nicht so schnell, wie wir gewünscht hätten, aber in den anderthalb Stunden, die es in dieser Weise fortging, hatten wir doch gewiß eine gute Wegstunde zurückgelegt. Dann gelangten wir an eine Lücke, welche unsern Weg rechtwinkelig berührte, und wir lenkten in dieselbe ein, um ihr zu folgen.

„Jetzt dürfen wir sprechen,“ sagte er. „Die Roten werden gleich von dort, wo sie liegen, durch den Wald gehen. Ich aber bin bis hierher gegangen, um ihn von hier aus zu passieren, damit sie nicht etwa morgen unsere Fährte sehen.“

„Wußten Sie denn, daß diese Lücke sich hier befindet?“

„Nein, ich erfuhr es von dem Weißen. Er stellte es dem Giftigen, dem Häuptlinge anheim, einen der beiden Wege, welche er beschrieb, zu wählen, und dieser entschied sich für den ihm nächstgelegenen. Darum nahm ich den andern, also diesen hier.“

„Haben Sie nicht vielleicht eine Bemerkung gehört, aus welcher sich erraten läßt, wer dieser Weiße ist?“

„Leider nicht.“

„Der Häuptling muß ihn aber doch wohl genannt haben!“

„Allerdings, aber er bediente sich eines so eigenartigen Wortes, daß ich gar nicht glauben kann, es sei der Name des Weißen. Wenigstens habe ich noch keinen Menschen gekannt, der so geheißen hat.“

„Wie denn?“

„EI Yerno.“

„Das ist freilich ein sonderbarer Name, denn Yerno heißt doch Schwiegersohn.“

„Allerdings. Jedenfalls lautet der eigentliche Name dieses Mannes anders, und er wird nur von den Rothäuten so genannt. Diese pflegen die Menschen lieber nach einer ihnen in die Augen fallenden oder sonst wichtigen Eigenschaft, als beim richtigen Namen zu nennen.“

„Dann wäre er ihnen also als Schwiegersohn wichtig, und daraus ist zu schließen, daß sein Schwiegervater ein Mann ist, welcher bei den Mbocovis in großem Ansehen steht.“

„Oder ist er der Schwiegersohn eines ihrer Leute!“

„Schwerlich. Dann würden sie dieser Verwandtschaftsbezeichnung nicht eine so große Wichtigkeit beilegen.“

„Nun, dem mag einstweilen sein, wie ihm wolle. Die Hauptsache ist das, was sie vorhaben. Sie wollen nämlich, wie Sie ganz richtig vermuteten, nach der Laguna de Carapa, um die Tobas zu überfallen.“

„Das sind doch Rote! Sie sprachen aber von einem Weißen, der vielleicht gar ein Europäer sei!“

„Allerdings, und damit war jener weiße Häuptling der Tobas gemeint, welcher ein Abkömmling der Inkaherrscher sein soll.“

„Was wollen sie mit ihm?“

„Der Weiße behauptet, daß dieser Häuptling große Schätze besitze. Er ist so kühn gewesen, bis an die Laguna de Carapa zu gehen und sich dort mehrere Tage lauschend umherzuschleichen. Da hat er gehört, daß die Tobas eben jetzt einen Kriegszug gegen die Chiriguanos, von denen sie beleidigt worden sind, unternehmen. Es bleiben nur wenige Krieger an der Laguna zurück, welche er mit den achtundfünfzig Mbocovis leicht überrumpeln zu können meint. Sie sollen aus dem Hinterhalte mit giftigen Pfeilen getötet werden, worauf die Frauen und Kinder leicht ermordet oder gefangen genommen werden können. Von diesen, den Frauen und Kindern, glaubt er durch Drohungen und Folterungen erfahren zu können, wo der weiße Häuptling wohnt, den auch er, wie alle andern Leute, el viejo Desierto, den alten Einsamen oder den alten Einsiedler nannte. Unter diesem Namen ist er nämlich überall bekannt.“

„Und dieser viejo Desierto ist es also, von dem Sie vermuten, daß er ein Europäer und nicht ein Sohn der Inkas sei?“

„Nicht ich, sondern dieser Schwiegersohn sprach die Vermutung aus.“

„Gab er einen Grund dafür an?“

„Ja. Er sagte, daß der Desierto jährlich einmal nach Santiago komme, um dort gewisse Geschäfte abzumachen. Bei einer solchen Gelegenheit hat er ihn getroffen und mit ihm gesprochen. Aus gewissen Äußerungen, welche dabei aus dem Munde des Alten gefallen sind, glaubt er vermuten zu dürfen, daß dieser von europäischer Abstammung sei.“

„So! Das wäre freilich nicht das erste Mal, daß ein Europäer Häuptling eines wilden Stammes wird. Solche Fälle sind schon wiederholt dagewesen. Doch selbst wenn ich nichts davon gehört hätte, daß eine solche Vermutung gehegt wird, wäre ich entschlossen, ihn zu warnen.“

„Ich natürlich auch.“

„Die Roten mögen ihre Duelle immerhin untereinander ausfechten; ich bekümmere mich nicht darum; aber wo es sich um einen Weißen handelt, so fühle ich mich verpflichtet, mich seiner anzunehmen, auch wenn er nicht ein Europäer, sondern ein hiesiger ist. Aber wie den Weg nach der Laguna de Carapa finden!“

„Ich kenne ihn. Der Schwiegersohn hat ihn dem Häuptling so genau beschrieben, und ich habe mir jedes Wort so sorgfältig gemerkt, daß ich gar nicht irren kann.“

„Wie weit ist es bis dorthin?“

„Er gab die Entfernung auf acht Stunden an, von dem heutigen Lager aus.“

„So können wir, wenn der Weg keine allzugroßen Schwierigkeiten bietet, schon am Morgen dort sein. Wann soll der Überfall geschehen?“

„Morgen abend. Der)Schwiegersohn will die Mbocovis bis an eine versteckte Stelle führen, welche sie zu Mittag erreichen, und dann rekognoscieren gehen. Sie sollen seine Rückkehr erwarten und dann, wenn es dunkel geworden ist, mit ihm nach der Laguna aufbrechen.“

„Hat der Schwiegersohn nichts gesagt, was auf seine eigentlichen Verhältnisse schließen läßt?“

„Kein Wort.“

„Auch nichts von dem, dessen Schwiegersohn er ist?“

„Nein – – und doch, jetzt besinne ich mich. Der Giftige fragte ihn, wo sich jetzt sein Suegro befinde, und er antwortete, er sei nach dem Osten gegangen, um ein gutes Geschäft zu machen.“

„Sprach er nicht von der Rückkehr dieses Suegro?“

„O doch. Er bemerkte, daß er wohl bald zu erwarten sei und daß es dann wieder gute Gelegenheit zum Verdienst geben werde, da der Suegro sich am Parana doch jedenfalls nach fremden Reisenden erkundigt habe.“

Was mir gleich bei den ersten Äußerungen Penas, wenn auch nur ziemlich dunkel vorgeschwebt hatte, das wurde jetzt licht.

Aber, Freund, das sagen Sie erst jetzt?“ rief ich aus. „Dieser Suegro ist am Parana gewesen und kommt jetzt zurück. Auf wen paßt das wohl? Wen meinen Sie?“

„Wen ich meine? Zum Henker, ich meine eben gar niemanden! Wen soll ich denn eigentlich meinen?“

„Dieser Suegro ist vielleicht noch weiter gewesen, aus dem Parana in ein kleines Nebenflüßchen gefahren und dann kurz vor uns wieder zurück!“

Er blieb stehen. Ich sah trotz der Dunkelheit, daß er mich groß anstarrte, und erst nach einer Weile stieß er hervor:

„Teufel! Zielen Sie etwa auf Geronimo Sabuco, den Sendador?“

„Natürlich!“

„Das wäre kühn! Sie denken jetzt, ebenso wie ich, natürlich stets an diesen Kerl, und folglich denken Sie auch in diesem Augenblicke an ihn und bringen ihn mit diesem Schwiegersohne, dessen Schwiegervater er gar nicht ist, in Verbindung!“

„Meine Vermutung ist nicht so grundlos, wie Sie meinen! Wissen wir nicht, daß der Sendador einen geheimen Aufenthalt hier im Chaco hat und daß er Indianer als Verbündete besitzt?“

„Allerdings.“

„Daß er, der berühmte Anden- und Pampasführer, Leute über das Gebirge gebracht hat, die niemals wieder gesehen worden sind?“

„Auch das ist richtig.“

„Daß wir ihn infolgedessen in Verdacht gehabt haben und noch haben, daß er diejenigen, die sich ihm anvertrauen, falls er dabei einen Gewinn ersieht, nicht durch die Pampa und über die Anden, sondern irre führt?“

„Wetter noch einmal! Sie steigen mir da ganz gehörig auf das Leder!“

„Ferner, hat nicht der Schwiegersohn gesagt, daß sein Schwiegervater sich am Parana wohl nach fremden Reisenden umgesehen haben werde?“

„Das waren allerdings seine Worte.“

„Und daß es dann wieder gute Geschäfte geben werde?“

Caracho! Es wird hell in mir! Sennor, ich habe wirklich wunder gedacht, was für ein Kerl ich bin; aber mich dahinein zu denken, dazu habe ich mir die Zeit gar nicht genommen; das habe ich gar nicht für nötig gehalten!“

„Ja, so ist es. Ich frug Sie nach Nebensachen, und Sie besannen sich nicht einmal auf solche; jetzt aber stellt es sich heraus, daß dieses scheinbar Nebensächliche und Unwichtige gerade die Hauptsache ist!“

„So meinen Sie wirklich, daß der Sendador der Schwiegervater dieses Schwiegersohnes ist?“

„Ja. Es steht bei mir als Gewißheit da.“

„Man hat doch nie gehört, daß er eine Tochter hat!“

„Wer spricht von Töchtern und Mädchen! Und nun erklärt es sich sehr leicht, daß der Weiße, welcher sich heute bei den Mbocovis befindet, von diesen nur EI Yerno genannt wird. Der Sendador ist für sie der wichtigste Mann, den sie kennen; darum bezeichnen sie andere nach dem Verhältnisse, in welchem sie zu diesem stehen. Er hat, wenn er von seinem Schwiegersohne mit ihnen sprach, diesen jedenfalls stets nur mein Yerno genannt, und nun bezeichnen sie denselben eben ausschließlich nur mit diesem Worte.“

„Es leuchtet mir immer mehr ein, daß Sie recht haben!“

„Und mir leuchtet immer mehr ein, daß ich ganz richtig sprach, als ich sagte, daß noch nicht alles verloren sei. Die Mbocovis wollen die Tobas überfallen, um den alten Desierto zu bekommen; wir aber drehen den Spieß um, indem wir sie überrumpeln, um den Sendador zu fangen!“

„Und nun wollen wir laufen, daß wir vorwärts kommen!“

Ja. Ich war teufelmäßig müde; jetzt aber spüre ich nichts mehr davon. Mit Anbruch des Tages müssen wir an der Laguna de Carapa sein.“

Wir schritten trotz der Dunkelheit aus, als ob wir wochenlang ausgeruht hätten. Es ist erstaunlich, welche Macht der Geist über den schwachen, müden, ja erfahrungsgemäß sogar über den wirklich kranken Körper hat! Meine vorher so steifen Beine waren plötzlich ganz gelenkig und die hohen Stiefel, welche mir zentnerschwer an den Füßen gehangen hatten, waren federleicht geworden.

So ging es durch die Lichtung, welche sich bald verengte und bald verbreiterte, durch den Wald, bis dieser von Baumeshöhe zu niederem Buschwerk niederstieg und sich dann in einzelne Sträucher auflöste, welche nach und nach verschwanden und einem sterilen Sande die Herrschaft überließen.

„Nun müßten wir uns eigentlich mehr rechts halten,“ sagte Pena, „aber ich gehe nicht einmal geradeaus, sondern nach links hinüber, damit die Roten morgen früh ja nicht auf unsere Spur geraten, wenigstens so lange nicht, als sie aus derselben erraten können, daß wir aus demselben Wald gekommen sind, in welchem sie übernachtet haben.“

Der Sand war tief; wir versanken bis über die Knöchel in demselben. Aber obgleich wir über drei Stunden lang durch diese Wüste zu waten hatten, fiel es keinem von uns ein, an Müdigkeit zu denken. Dann kam wieder Gras, diesesmal kurzes, welches uns größere Schnelligkeit erlaubte. Pena bewies, daß er ein guter Cascarillero war, denn ich beobachtete die Sterne und fand, daß er bis jetzt nicht im geringsten von der geraden Linie abgewichen sei. Ich machte ihm eine lobende Bemerkung darüber, und er antwortete in selbstgefälligem Tone:

„Ja, ich muß Ihnen doch beweisen, daß ich wohl nicht ganz der Schulknabe bin, für den Sie mich ansehen werden. Jetzt aber halten wir uns wieder rechts, damit wir auf die richtige Linie kommen, was in anderthalb Stunden der Fall sein wird.“

Als diese Zeit vergangen war, blieb er stehen und sagte:

„Jetzt muß ich Ihnen etwas zumuten, was Sie mir nicht übelnehmen dürfen.“

„Was ist’s?“

„Ziehen Sie Ihre Stiefel aus!“

„Ah, wir befinden uns auf der Marschlinie der Mbocovis?“

„Ja. Sie werden unsere Spur deutlich sehen, denn es kommt bald wieder Sand. Bemerken sie die Eindrücke unseres Schuhwerkes, so wissen sie, daß Weiße dagewesen sind. Ziehen wir es aber aus, so halten sie uns für Indianer.“

„Ein guter Fährtenleser läßt sich dadurch nicht irre machen. Er weiß selbst bei Barfußtapfen diejenigen eines Weißen von denen eines Roten auf den ersten Blick zu unterscheiden.“

„Das wäre viel! Fuß ist doch Fuß!“

„O nein! Erstens setzt der Weiße beim Gehen seinen Fuß aus-, der Rote aber einwärts; das ist die Folge einer Verschiedenheit des Körperbaues, besonders der Beckengegend. Und sodann ist der Rote, eben weil er, wie hier in Südamerika, barfuß geht, oder, wie in Nordamerika leichte, absatzlose Mokassins trägt, fast ausnahmslos mit Plattfuß gesegnet, während der Weiße eine hohe Fußbeuge besitzt. Die Folge davon ist, daß der Barfußtapfen des Roten glatt gedrückt ist, während derjenige des Weißen in der Mitte eine Erhabenheit zeigt. Bei dem ersteren sind die Zehen weniger, weil er mit dem ganzen Fuß auftritt, bei dem letzteren aber mehr eingedrückt, weil er mit Ferse, Zehen und nur dem auswärts liegenden Rande des Fußes schreitet.“

„Wenn Sie es in dieser Weise erklären, so leuchtet es mir freilich ein. Um die Roten irre zu machen, müssen wir also mit einwärts gerichteten Füßen laufen und die Füße platt aufsetzen.“

„Ich glaube nicht, daß die Mbocovis so scharfsinnig sind, auch hierauf zu achten. Sie werden unsere Spur nur daraufhin ansprechen, ob sie barfuß ist oder nicht, und damit basta.“

Wir hatten die Stiefel ausgezogen. Ich hing mir die meinigen auf den Rücken und dachte nun endlich auch an den Coatibraten, den wir ganz vergessen hatten. Wir speisten köstlich im Gehen und kümmerten uns nicht darum, daß wir wieder eine Sandöde zu durchqueren hatten. Diese war viel breiter als die vorige, und der Morgen begann zu dämmern, als wir sie hinter uns bekamen und eine Gegend erreichten, welche aus lehmigem Boden bestand, der allerlei Kräuter und kurzes Strauchwerk trug. In den Ästen dieser Büsche hingen dürre Halme, Grasstengel und anderes Zeug, ein sicheres Zeichen, daß wir uns einem größeren Gewässer näherten, welches zur Regenzeit seine niedrigen Ufer überschwemmte und später beim Zurücktreten diese Hochwasserzeichen an den Sträuchern hängen ließ. Dann trafen wir bald auf Bäume, die ich nicht kannte, auch noch nicht gesehen hatte.

„Das sind die Carapas, von denen die Lagune ihren Namen hat,“ erklärte Pena. „Ich denke, daß wir nun bald das Wasser erreichen werden.“

„Wir brauchen uns nur dahin zu wenden, wo wir den üppigsten Pflanzenwuchs bemerken, und das ist geradeaus.“

„Das denke ich auch. Aber nun wollen wir die Stiefel wieder anziehen; sie noch weiter zu tragen, hat keinen Zweck, und es ist auch nicht notwendig, daß die Roten hier uns mit nackten Füßen sehen.“

„Die Roten – – das bringt mich auf eine Frage, auf welche ich schon längst hätte kommen sollen. Können Sie sich mit den Tobas-Indianern verständigen?“

„Sie etwa?“

„Keine Spur! Ihre Sprache ist mir gerade so unbekannt wie das Innere des Mondes.“

„So bin ich Ihnen doch einmal überlegen. Ich spreche diese Mundart noch besser als diejenige der Mbocovis.“

„So bin ich beruhigt. Wir müssen jeden Augenblick erwarten, Tobas zu begegnen, und wenn wir ihnen nicht erklären könnten, daß wir als Freunde kommen, so wäre wohl gar zu gewärtigen, daß sie ihre Blasrohre auf uns richteten.“

„Vor denen Sie einen gewaltigen Respekt zu besitzen scheinen!“

„Das leugne ich nicht. So ein heimtückischer Pfeil oder Stachelbolzen ist ein Ding, mit welchem man nicht spaßen darf.“

Wir gingen nun langsamen Schrittes weiter, die Augen nach allen Richtungen offen, damit uns nicht etwa die Anwesenheit eines Menschen entgehen könne. Aber es war keiner zu sehen.

Schon befanden wir uns nicht mehr im Freien, sondern unter dem gefiederten Laubdache eines geschlossenen Waldes, welcher ausnahmslos nur aus Carapabäumen bestand. Der Boden desselben war weich, und es befanden sich viele alte und neue, große und kleine Fußspuren in demselben; aber von denen, welche diese Eindrücke hervorgebracht hatten, war kein einziger zu sehen oder zu hören.

Dann sahen wir Wasser schimmern. Wir erreichten das Ufer und sahen die Lagune vor uns liegen. Sie verdiente weit mehr den Namen eines Sees, denn die Wasserfläche dehnte sich weit hinaus nach rechts, links und vorn und ließ kein gegenüberliegendes Ufer erkennen.

„Sonderbar!“ meinte Pena. „Die Zeit, in welcher man wach zu werden pflegt, ist längst vorüber und doch kein einziger Mensch zu sehen!“

„Das verursacht mir weniger Schmerzen als der Umstand, daß wir auch keine Wohnungen entdecken.“

„Wir müssen den Spuren nachgehen!“

„Versuchen Sie es doch einmal! Ihrer sind so viele, und sie laufen so in und nach allen Richtungen durcheinander, daß sie uns unmöglich als Wegweiser dienen können. Wir müssen eben weiter gehen, um zu suchen. Die Hütten liegen auf jeden Fall in der Nähe des Wassers; halten wir uns an dieses, so müssen wir sie finden.“

Aber wir suchten vergeblich. Endlich nach langer Zeit hörten wir ein lautes Zeichen menschlicher Nähe. Der heisere Schrei eines Raubvogels ertönte in der Luft, und gleich darauf krachte ein Schuß.

„Wo war das? Rechts oder links?“ fragte Pena, indem er stehen blieb.

„Links,“ antwortete ich. „Der Schall täuscht zwar im Walde leicht; aber ich glaube mich nicht zu irren.“

Wir wandten uns in die angedeutete Richtung und erreichten einen Gegenstand, welcher meine höchste Verwunderung erregte, da ich so etwas hier in dieser Gegend gar nicht hatte vermuten können. Das war nämlich ein Felsblock, dessen Seite lotrecht wohl an die vierzig Ellen emporstieg.

„Ein Stein!“ sagte Pena. „Hier im Chaco ein Stein! Wie mag der hierher gekommen sein!“

„Sie haben vollständig recht, zu erstaunen. Auch ich hätte es nicht für möglich gehalten. Sollte es ein so riesiger erratischer Block sein? Aber welche ungeheuere Kraft wäre es, die ihn von den fernen Cordilleren bis hierher gewälzt hat?“

„Was ist’s für Gestein?“

„Das kann man nicht sagen, weil der Fels mit einer dicken Schicht von Flechten vollständig überzogen ist. Man muß sie entfernen. Aber jetzt haben wir anderes zu thun. Gehen wir um den Block herum! Vielleicht finden wir jenseits, was wir suchen.“

„Ja, gehen wir! Merken Sie nicht, daß es hier keine Fußspuren giebt?“

„Ja. Das ist auffällig, da in so geringer Entfernung ihrer so zahlreiche zu finden sind. Wollen die Arbeit verkürzen. Gehen Sie rechts und ich links um den Fels. Drüben treffen wir uns.“

Er folgte dieser Aufforderung; auch ich schritt weiter, indem ich den Boden genau untersuchte. Es war wirklich auffällig, daß die Spuren in der Nähe dieses Felsens aufhörten. Ich mußte daran denken, daß der viejo Desierto von den Tobas-Indianern heilig gehalten werde. Ich bog um die erste Ecke – hier dieselbe Erscheinung wie jenseits derselben. Bis auf eine gewisse Entfernung Spuren in Menge, nach dem Felsen hin aber nicht!

Letzterer hatte die Form eines fast regelmäßig viereckigen riesigen Quaders. Seine Länge war gewiß sechzig Ellen, seine Breite annähernd auch so viel. Die Seiten fielen lotrecht ab, und es war ganz unmöglich, daß jemand da hinaufgelangen könne. Die Bäume des Waldes reichten so nahe zu ihm heran, daß sie ihn mit ihren Zweigen berührten. Als ich um die zweite Ecke bog, sah ich Pena um die dritte kommen. Noch waren wir nicht in der Mitte dieser Seite zusammengetroffen, so sagte er:

„Keine einzige Fußspur am Felsen und auch kein anderes Zeichen, daß es hier Leute giebt!“

Ich wollte antworten, nahm aber das Wort von der Zunge zurück; denn ich sah etwas, was mich fast bestürzt machte.

Von links her aus dem Walde kamen nämlich die sehr deutlichen Stapfen zweier Menschen; mir zur Rechten zeigte der Fels einen breiten aber nicht tiefen Spalt, so regelmäßig, wie durch Kunst hineingearbeitet. In diesem Spalte stand eine Algarobe, an deren Stamm diese Stapfen aufhörten, ohne zurückzukehren. Auch Pena sah diese Spuren. Er betrachtete sie, blickte an dem Baume empor, schüttelte den Kopf und sagte:

„Hier sind zwei Menschen gewesen!“ Ganz gewiß! Und zwar Indianer.“

„Sie sind bis an den Baum gekommen und nicht wieder zurückgegangen; nicht wahr, Sennor?“

„So ist es! Wohin müssen sie also sein, menschlicher Logik nach?“

„Hinauf auf den Baum!“

„Auf dem Baume befinden sie sich nicht, denn seine Belaubung bildet zwar nach außen eine dichte, grüne Wand; im Innern dieses Wipfels, welcher einer Laube gleicht, sind aber alle Äste und Zweige so deutlich zu sehen und zu überblicken, daß zwei menschliche Personen unsern Augen unmöglich entgehen könnten.“

„Vielleicht täuschen wir uns in diesen Spuren?“

„Nein. Die Männer sind barfuß gewesen. Der Boden ist feucht, und ihre Stapfen haben sich sehr deutlich abgezeichnet. Die Zehen sind nach dem Baume gerichtet. Hier sehen Sie ganz nahe am Stamme sogar Spuren, welche nur die Eindrücke der Zehen, nicht aber der Fersen zeigen. Das ist ein Zeichen, daß diese Leute hinaufgeklettert sind und, indem sie sich streckten, um mit den Händen den untersten Ast zu erreichen, die Fersen hoben und nur auf den Zehen standen. Hinauf sind sie also ganz gewiß. Und wenn nicht mehr auf dem Baume, so sind sie anderswo, jedenfalls im Felsen.“

„Man sieht doch kein Loch!“

„Das wird verschließbar sein. Betrachten wir uns den Stamm einmal genau! Der Baum ist alt und seine Rinde rauh und zerrissen; aber sehen Sie, daß sie an gewissen Stellen des Stammes und der Äste ganz glatt ist?“

„Ja. An den Ästen da, wo sie aus dem Stamme kommen!“ „Das ist vom Klettern. Wenn diese Stellen so glatt poliert sind, so ist das ein Zeichen, daß der Baum sehr oft erklettert wird. Und nun betrachten Sie sich die Äste! Auch ihre Rinde ist rauh, aber der starke Ast, der erst bis an die Felswand reicht und sich dann umbiegt, ist auch glatt. Folglich haben die Kletterer ihn benutzt, um den Felsen zu erreichen. Was sie gethan haben, können wir auch thun. Also hinauf jetzt!“

Ich überzeugte mich, daß meine Gewehre fest über den Rücken hingen, und langte nach dem untersten Aste empor.

„Gott stehe mir bei!“ sagte Pena. „Sie wollen hinauf? Sie wissen ja gar nicht, wen und was es da oben giebt!“

„O, das weiß ich sehr genau. Da oben wohnt el viejo Desierto, den wir suchen. Die beiden Indianer, welche hinaufstiegen, sind wohl seine Diener und werden sich bei ihm befinden.“

„Wollen wir nicht lieber rufen?“

„Nein. Jedenfalls befindet sich das Indianerdorf in der Nähe. Machten wir Lärm, so kämen die Leute herbei und würden uns wohl einen feindseligen Empfang bereiten, da wir uns in die Nähe dieses Heiligtumes gewagt haben. Ich will mich direkt an den Desierto wenden.“

„Das ist noch gefährlicher als das erstere!“

„Nein. Wenn Sie sich fürchten, so bleiben Sie unten!“

„Fürchten? Fällt mir nicht ein! Ich wollte nur den ungewöhnlichen Umständen Rechnung tragen. Ich werde Sie natürlich nicht allein hinauf lassen und komme also mit!“

Die Algaroben sind sonst nicht allzu hoch; diese aber besaß eine bedeutende Höhe. Der erwähnte glatte Ast stieß ungefähr da an den Felsen, wo sich die Höhenmitte desselben befand, also zwanzig Ellen über dem Erdboden. ich kletterte hinauf, und Pena folgte mir auf dem Fuße. Als wir den Ast erreicht hatten, erblickten wir, was uns von unten entgangen war, einen starken Strick, welcher gerade über und parallel mit ihm an den Stamm und drüben an den Felsen befestigt war, so daß man sich an ihm festhalten konnte, wenn man den kurzen Weg vom Baume nach dem Steine aufrecht gehend und nicht auf dem Aste reitend und rutschend zurücklegen wollte.

„Da sehen Sie,“ sagte ich, „eine ganz praktikable und bequeme Einrichtung! Wer weiß, wie hübsch das Innere dieses äußerlich so verheißungslos aussehenden Felsens ausgestattet ist.“

„Aber wie kommen wir hinein? Es giebt ja keine Thüre!“

„Wir kommen genau so hinein wie die Bewohner. Eine Thüre muß es geben; vielleicht findet man sie, wenn man sie sucht.“

Ich schritt, mich mit der Hand an dem Seile festhaltend, über den Ast hinüber; dort mußte unbedingt der Eingang sein. Der Fels war auch hier mit grauen und grünen Flechten und Moosen überzogen, aus denen, wie es schien, eine dünne, verwitterte Wurzel herunterhing. Flechten haben keine solchen Wurzeln; ein andres Gewächs gab es nicht, zu dem sie hätte gehören können, folglich war mir ihr Zweck sofort klar. Ich ergriff sie und zog an ihr – – wahrhaftig, ich hörte den leisen, unterdrückten Klang einer Glocke!

Ich trat zwei Schritte zurück, um Platz für die Thüre zu lassen, welche jedenfalls nach außen zu öffnen war. Pena stand dicht hinter mir; der Ast war stark genug, mehr als uns beide zu tragen.

Da wurde die Felsenwand geöffnet. Ich sah eine Holzthüre, deren Außenseite künstlich mit den Flechten bekleidet worden war, so daß man sie von ihrer Umgebung nicht zu unterscheiden vermochte. Sie war so hoch und breit, daß zwei Männer neben einander hätten eintreten können.

Der sie öffnete, war ein Indianer. Er trug lange, sehr weite Leinenhosen und eine Ärmelweste, weiter nichts. Waffen sah ich nicht an ihm. Er war überzeugt gewesen, daß ein Kamerad von ihm Einlaß begehre. Als sein Blick aber auf uns fiel, so fehlte nicht viel daran, daß er vor Schreck zusammengebrochen wäre. Er hätte alles andere eher für möglich gehalten, als das Erscheinen zweier fremder, weißer Männer da oben auf dem Baume und vor der Thüre des so sorgfältig und ängstlich gehüteten Geheimnisses. Er wollte sprechen oder gar schreien, brachte aber kein Wort, keinen Laut hervor. Sein Mund stand offen; seine Augen traten weit hervor, und er zitterte am ganzen Körper.

Pena sagte einige Worte, welche ich nicht verstand, zu ihm; er antwortete nicht und starrte uns noch immer an. Da that ich kurz entschlossen drei Schritte vorwärts, schob ihn zurück und trat ein. Pena folgte sofort.

Da endlich erhielt der Indianer die Sprache oder vielmehr seine Stimme zurück, denn was er that, das war kein Sprechen, auch kein Schreien und Rufen, o nein! Es gibt kein Wort, welches die Töne zu bezeichnen vermag, die dieser Mann ausstieß, indem er von uns fort und in das Innere des Felsens hineinrannte. Man denke sich sämtliche Instrumente einer Militärkapelle verstimmt und dann unisono angeblasen, so hat man, nicht etwa den Ton, o nein, aber doch eine kleine Ahnung des Tones, welchen der Entsetzte aus seinen Stimmwerkzeugen preßte. Und dieses Gebrüll bekam in dem engen, dunkeln Gange, in welchem wir uns befanden, eine so verstärkte Resonanz, daß man hätte meinen mögen, es schrien hundert Teufel, welche abgestochen werden sollten, um Hilfe.

„Kommen Sie rasch,“ bat ich Pena. „Hier wollen wir uns nicht empfangen oder gar abfertigen lassen.“

Wir schritten, so schnell es die Finsternis gestattete, vorwärts und gelangten an eine Thüre, weiche ich aufstieß. Was ich erblickte, fesselte mir den Fuß, so daß ich unter der Thüre stehen blieb. Vor mir lag ein kleines Stübchen, dessen Wände schwarz angestrichen und mit weißgemalten Totenköpfen verziert waren. Von der ebenso schwarzen Decke hingen wohl zehn oder zwölf wirkliche Totenköpfe an Schnüren bis zu Manneshöhe hernieder. Linker Hand stand ein schwarz verhangenes Gebetspult mit einem Kruzifix, zwei Totenköpfen und einem brennenden Lämpchen. Rechter Hand sah ich ein wirklich elendes Lager, nur aus harter Streu und weiter nichts bestehend. Und mir gegenüber war eine Thüre gerade in demselben Augenblicke aufgegangen, in welchem ich hüben die meinige öffnete, und vor mir stand ein Mann, dessen Anblick ich nie vergessen werde.

Seine lange, skelettartige Gestalt war in einen schwarzen, talarartigen und bis auf die nackten Füße reichenden Rock gekleidet. Der glänzende Schädel war vollständig kahl, ohne jede Spur von Haar. Die Augen lagen so tief in den Höhlen, daß man denken konnte, man sehe sie gar nicht. Die Wangen waren so eingefallen, daß sie sich im Innern des Mundes fast berührten. Aber der starke, volle, glänzend silbergraue Bart, welcher bis auf den Gürtel niederreichte, war eine Greiseszier, die ihresgleichen suchte. Das Gesicht zeugte von unendlicher Entsagung. In den Zügen lag eine tiefe Traurigkeit, ein überwältigendes Herzeleid, für welches es keine Heilung giebt. Dies sah man, obgleich in diesem Augenblicke der Zorn und die Überraschung die Oberhand über das ausdrucksvolle Mienenspiel besaßen. Er stand wie der drohende Engel des Todes unter der geöffneten Thüre und rief in dumpfem Tone in spanischer Sprache:

„Ihr Verwegenen, ihr seid in diese Wohnung eingedrungen! Wisset, daß ihr verloren seid!“

„Nein,“ antwortete ich in ruhigem Tone. „Wir wissen das weder, noch glauben wir es!“

Er musterte mich mit drohendem Blicke und fuhr dann fort:

„Wer hat euch nach der Laguna de Carapa gebracht?“

„Niemand. Wir haben sie selbst gefunden.“

„Und wer zeigte euch den Weg nach meiner Algaroba?“

„Kein Mensch.“

„Aber ihr seid herauf in diese Wohnung gekommen. Es muß euch doch jemand gesagt haben, daß sie hier liegt?“

„Sie irren. Es hat keiner uns gesagt, daß hier jemand wohnt. Wir haben keinen einzigen Menschen gesehen, also auch mit niemandem sprechen können.“

„Aber ihr habt doch den Baum erklettert! Folglich müßt ihr wissen, daß er die Treppe zum Felsen bildet!“

„Wir sahen Fußstapfen, welche bis an den Baum, aber nicht wieder zurückführten. Er war also erklettert worden. Und da sich niemand auf demselben befand, so mußte es hier oben eine Höhle oder überhaupt einen Ort geben, in welchem diese Leute verschwunden waren.“

„Ich höre, daß ihr sehr verwegene und gefährliche Menschen seid. Ihr kommt an diesen Ort, ergründet auf den ersten Blick dessen Geheimnisse und drängt euch in dieselben ein, ohne um die Erlaubnis zu fragen. Kein Fremder darf erfahren, daß ich hier im Felsen wohne. Wenn es einer weiß, so sagt er es weiter, und das darf nicht sein. Wer sich mit List oder Gewalt eindrängt, den muß ich unschädlich und stumm machen. Ihr werdet diesen Ort lebendig nicht wieder verlassen.“

Er sprach diese Worte, bei denen er drohend die Hand erhob, mit solcher Bestimmtheit aus, daß ich gar nicht daran zweifeln konnte, daß er gewillt sei, sie wahr zu machen. Dennoch antwortete ich in zuversichtlichem Tone:

„Ich denke nicht, daß Sie diesen Vorsatz ausführen werden! Der Ausgang steht uns offen. Wir brauchen nur zu gehen.“

„Ihr würdet nicht weit kommen, denn selbst wenn ihr das Freie erreichtet, so würden meine Krieger euch festnehmen. Ich brauche nur ein Zeichen zu geben, so eilen sie herbei.“

„Es wäre ihnen unmöglich, so schnell hier zu sein, weil sie bei den Chiriguanos sind.“

„Ah! Das weißt du?“

„Ja. Ich weiß, daß sie gegen diese Indianer gezogen sind.“

„So seid ihr Spione, welche sich um unsere Angelegenheiten bekümmern. Ich habe also doch richtig gedacht, als ich euch für gefährliche Menschen hielt. Verlaßt euch nicht auf eure Vermutungen! ja, die meisten meiner Leute sind zwar fort, aber es sind ihrer mehr als genug zurückgeblieben, um euch zu überwältigen!“

„Wir werden uns wehren. Wir haben Waffen!“

„Dazu kommt ihr gar nicht, denn ihr werdet die Algaroba gar nicht erreichen.“

„Weißt du nicht, daß die Thüre noch offen steht?“

Ich zeigte hinter mich. Er lachte kurz auf und antwortete:

„Sie wird sich sofort schließen. Paßt auf!“

Er zog an einer Schnur, welche neben ihm an der Thüre niederhing, und ein Schlag, welcher hinter uns ertönte, gab mir den Beweis, daß die Thüre nun geschlossen worden sei. Wir kannten den Mechanismus nicht und konnten also nicht fliehen. Übrigens lag das letztere gar nicht in unserer Absicht.

„So!“ sagte er. „Ihr seid gefangen. Gebt eure Waffen an mich ab!“

„Meinen Sie? Das werden wir wohl bleiben lassen. Zwei so kräftige Männer, wie wir sind, haben es unter keinem Umstande nötig,- sich einem Einzigen zu ergeben.“

„Ich bin nicht allein. Überzeugt euch!“

Er trat vollends herein und dann zur Seite, damit wir sehen konnten, wer oder was sich hinter ihm befunden hatte. Dort schien eine zweite Stube zu liegen; wenigstens war es kein schmaler Gang, in welchem zwei Indianer standen, in deren einem ich den erkannte, welcher uns geöffnet hatte. Sie hatten jeder ein Blasrohr in der einen und einen winzig kleinen, jedenfalls vergifteten Pfeil in der andern Hand. Das war gefährlich, zumal sie jetzt, da sie unsere Augen auf sich gerichtet sahen, die Pfeile in die Rohre steckten.

„Wenn das alle Ihre Hilfstruppen sind, so sieht es schlecht um Sie aus!“ sagte ich. „Der eine dieser Männer ist vor uns ausgerissen, und der andere wird wohl auch nicht mehr Mut besitzen.“

„Er lief aus Schreck davon, weil es für ihn unmöglich war, sich zu denken, daß fremde Leute an der Thüre sein könnten. Ihr habt denselben Eindruck auf ihn gemacht, welchen eine Gespenstererscheinung selbst auf den mutigsten Mann hervorbringt. Nun diese beiden aber wissen, daß ihr Menschen seid, fürchten sie euch nicht. Also gehorcht, und gebt augenblicklich eure Waffen ab, sonst werdet ihr dazu gezwungen!“

„Hören Sie uns vorher an! Sie haben doch noch gar nicht gefragt, was wir hier wollen.“

„Das brauche ich nicht zu fragen. Ich behandle euch als Eindringlinge, welche ihr seid.“

„Aber wir kommen in ganz freundlicher Absicht!“

„Schweigen Sie! Ich kenne dieses Gelichter. Ein Roter wiegt bei mir mehr als zehn Weiße, die sich im Gran Chaco nur in der Absicht herumtreiben, die Indianer gegen einander aufzuhetzen und dabei ihren Vorteil zu finden. Ich leide und dulde keinen Weißen hier bei uns. Sie alle sind Spitzbuben und noch Schlimmeres. Und wer so verwegen ist wie ihr, der ist doppelt und zehnfach gefährlich!“

„Sie irren sich, in uns wenigstens. Wir kommen, um Ihnen einen dankenswerten Dienst zu erweisen.“

„Lügen Sie nicht!“ fuhr er mich an, indem er sich infolge meiner Ausdrucksweise nun doch veranlaßt sah, mich auch Sie zu nennen. „Sie wollen mich dadurch einschläfern, was Ihnen aber nicht gelingen wird.“

„Ich spreche die Wahrheit. Wir wollen Sie warnen!“

„Warnen?“ lachte er auf. „Das haben Sie ganz und gar nicht nötig. Ich brauche von Leuten Ihres Schlages nicht gewarnt zu werden, denn ich bin mir selbst genug.“

„Wenn dies der Fall ist, so müssen Sie freilich sehr sicher sein, daß Ihnen nicht einmal ein unerwartetes Unglück geschehen kann!“

„Das bin ich auch. Wenn Leute Ihres Schlages mit einer Warnung kommen, so weiß man, woran man ist! Warnen Sie mich vor Ihnen! Das wird das einzig Richtige sein.“

„Aber, Sennor, Sie befinden sich wirklich in Gefahr, von den Mbocovis überfallen zu werden.“

„Danke!“ lachte er höhnisch auf. „Aber diese Lüge ist schlecht erfunden!“

„Es ist die Wahrheit!“ versicherte ich ihn.

„Können Sie es beweisen?“ fragte er.

„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!“

„Lassen Sie das! Ein Mann wie Sie hat keine Ehre, und also kann von einem Ehrenworte keine Rede sein!“

„Herr, Sie beleidigen uns mehr und mehr! Daß Sie uns unfreundlich empfangen, mag durch die Art und Weise unseres Eindringens entschuldigt werden. Worte aber, wie Ihre letzten sind, müssen wir uns verbitten!“

Auch ich war zwei Schritte vorgetreten und befand mich nun so wie er in dem so sehr an den Tod erinnernden Raume. Pena folgte mir und stellte sich neben mich.

„Ereifern Sie sich nicht!“ antwortete der Alte, indem er eine Handbewegung machte, welche seinen Zweifel und auch seine Verachtung aufs deutlichste ausdrückte. „Es wird wohl bei dem bleiben, was ich gesagt habe. Woher wissen Sie denn, daß die Mbocovis mich überfallen wollen?“

„Wir haben sie belauscht.“

Er sah mich von der Seite her an und antwortete:

„Ich bin überzeugt, daß Sie nicht gelauscht haben.“

„Sennor, fast verstehe ich Sie nicht! Sie sind doch der Mann, welchen man el viejo Desierto nennt?“

„Der bin ich allerdings.“

„Nun, so befinden wir uns also am richtigen Orte, denn el viejo Desierto ist es, welcher überfallen werden soll, und zwar von den Mbocovis.“

„O, das glaube ich gern, daß diese Roten diese Absicht haben, denn sie sind unsere allerschlimmsten Feinde. Ich bin auch vollständig überzeugt, daß Sie uns warnen wollen!“

„Nun, dann sehe ich Ihrerseits keinen Grund, uns so zu behandeln, wie Sie es thun! Wenn wir Sie vor einem Überfalle warnen, so ist das doch wohl ein Dienst, für welchen Sie uns Dankbarkeit schulden!“

„Eigentlich, ja! Leider aber bin ich auch überzeugt, daß Sie diesen Dienst nicht mir, sondern sich selbst erweisen wollen. Der Fuchs warnt die Henne vor dem Marder, um sie selbst ,fressen zu können.“

„Sennor!“ rief ich aus, denn ich wurde nun wirklich ärgerlich.

„Pah! Spielen Sie nicht den Zornigen! Ich weiß, woran ich bin! ja, vielleicht würde ich in Ihre Falle gehen; aber unglücklicherweise für Sie wurde mir schon einmal eine ähnliche gestellt; ich ging hinein und hatte dann große Mühe, wieder herauszukommen. Das habe ich mir sehr gemerkt, und darum wird alle Ihre Anstrengung fruchtlos sein!“

„Aber haben Sie denn das Recht, einen Menschen für einen Schurken zu halten und ihm das sogar in das Gesicht zu sagen, weil ein anderer, den Sie unter ähnlichen Verhältnissen kennen lernten, einer war? Ich an Ihrer Stelle würde vorher prüfen.“

„Das ist nicht notwendig. Ich habe Sie gesehen und kenne Sie!“

„Donner und Wetter!“ entfuhr es dem guten Pena. „Das ist stark!“

„Aber wahr!“ antwortete der Alte. „Ich bin Menschenkenner und kann mich auf meine Augen verlassen. Also Sie sind gefangen und haben Ihre Waffen abzugeben. Wollen Sie augenblicklich gehorchen oder nicht?“

„Nein!“ antwortete Pena in sehr bestimmtem Tone.

„Und Sie?“

Diese Frage war an mich gerichtet. Eigentlich hätte ich mich fügen können und auch fügen sollen, denn es mußte sich ja herausstellen, daß wir es ehrlich meinten; aber sein beleidigendes und auch vollständig unmotiviertes Auftreten hatte mich in Zorn versetzt. Und wer sagte mir denn, daß es dann, wenn er zur Einsicht seines Irrtums kam, noch Zeit sein werde, die Mbocovis zurückzuschlagen? Vielleicht sperrte er uns den ganzen Tag ein. Dann kam der Schwiegersohn, überfiel das Indianerdorf, erfuhr die Wohnung des Alten und ich geriet mit diesem in die Hände der Mbocovis. Das mußte vermieden werden, und so konnte es mir also nicht einfallen, mich diesem Manne, welcher in seinem blinden Mißtrauen gar nicht prüfte, freiwillig zu überliefern.

„Nein,“ antwortete ich kurz.

„Sie wollen sich wehren?“

„Ja.“

„Dann sind Sie verloren! Tretet ein!“

Die beiden Indianer kamen herein und richteten ihre Blasrohre auf uns, der eine das seinige auf mich und der andere das seinige auf Pena.

„Nun, haben Sie auch jetzt noch Mut?“ fragte der Alte höhnisch.

Die Situation war freilich gefährlich. Es bedurfte nur eines leisen Hauches in die Rohre, so bekamen wir die vergifteten Pfeile in den Leib; aber ich sah, daß die Roten die Rohre noch nicht an den Mund genommen hatten, und antwortete:

„Gewiß! Versuchen Sie es immerhin, wer die Oberhand behält, wir oder Sie!“

„Natürlich wir! Sehen Sie dieses Messer! Die Spitze desselben ist auch vergiftet. Nur einen kleinen Ritz in Ihre Haut, und Sie sind nicht zu retten!“

Er brachte unter seinem Talar ein Messer hervor, welches er mir entgegenhielt. Unsere Lage war eine ganz und gar eigenartige. Rundum und über uns Totenköpfe, vor uns dieser Mann mit seinem vergifteten Messer und dazu die beiden auf uns gerichteten und so gefährlichen Blasrohre! Aber mochte es Leichtsinn oder etwas anderes sein, es kam mir vor, als ob ich mich schämen müßte, diesem alten Manne und seinen beiden Rothäuten zu gehorchen. Nein, sie sollten sehen, daß wir selbst ihr Gift nicht fürchteten.

„Pah!“ antwortete ich. „Wenn ich will, so wird dieses Ihr Messer Ihnen gefährlicher als mir!“

„Mann, Sie sind wahnsinnig!“

Am Gegenteile! Ich bin sehr bei Sinnen und befinde mich gerade jetzt in derselben guten Laune wie vorhin Sie.“

„So will ich Sie von dieser Laune befreien, Passen Sie auf! Ich zähle bis zwei, und Sie haben Ihre Waffen hier vor mir auf den Boden zu legen. Thun Sie das nicht, so sage ich drei, und meine Leute blasen Ihnen den augenblicklichen Tod in den Leib!“

„Mögen sie blasen! Wollen sehen!“

jetzt starrte er mich ganz betroffen an. Er hielt mich wirklich für nicht recht bei Sinnen. Dann aber drohte er:

„Ganz wie Sie wollen! Also ich beginne. Eins – – zwei – –“

Er kam nicht weiter. Ich hatte nur drei Schritte weit von ihm gestanden. Ich sah, daß die Indianer, welche neben einander standen, die Rohre an den Mund nahmen. Ich sprang blitzschnell zwischen die Rohre hinein, faßte eins mit der Rechten, das andere mit der Linken, riß sie den Indianern aus den Händen, ließ sie fallen, ergriff den einen bei der Brust, schleuderte ihn meinem Gefährten zu und rief:

„Pena, nieder mit diesem!“

Dann schlug ich dem andern Roten die Faust gegen die Schläfe, daß er zusammenbrach, und wendete mich gegen den Alten. Dieser hatte mit Zählen innegehalten. Mein Angriff war ihm so überraschend gekommen, daß er den Mund noch offen hatte; doch erhob er die Hand, in welcher er das Messer hielt. Ich kam von der Seite an ihn, gab ihm einen Hieb auf den Arm, daß er das Messer fallen ließ, faßte ihn mit beiden Händen bei der Kehle, riß ihn nieder und gab ihm die Faust gegen den Kopf, so daß er die Augen schloß und, als ich die Hände wieder von ihm nahm, regungslos liegen blieb.

jetzt sah ich mich nach Pena um. Er kniete auf dem Roten, den ich ihm zugeschleudert hatte, und hielt ihm die Kehle zu.

„Ist er besinnungslos?“ fragte ich.

„Nein,“ antwortete er. „Der Kerl macht nur aus Angst die Augen zu. Soll ich ihn erstechen?“

„Nein. Wir binden sie alle drei. Es wird hier wohl einige Schnüre geben.“

„Ich habe mehrere in der Tasche. Und wenn sie nicht reichen, so schneiden wir die Kleider der Rothäute in Fetzen.“

Er zog einige Schnüre aus der Tasche, und ich half ihm, seinen Indianer so zu binden, daß er sich nicht regen konnte. Dann schlang ich den Lasso los und umwickelte mit demselben den Alten, der nun gewiß kein Glied zu rühren vermochte. Dem zweiten Indianer zogen wir die Jacke aus, welche wir in Streifen schnitten, mit denen nun auch er gebunden wurde.

„So!“ sagte ich, als wir damit fertig waren. „Jetzt sind wir die Herren der Situation.“

„Das hat er freilich nicht für möglich gehalten, und ich selbst auch nicht,“ gestand Pena.

„Nicht? Sie sagten ja auch, daß Sie sich nicht ergeben wollten!“

„Ich dachte, ihn von seinem Verlangen abzubringen, war aber doch, falls er bei demselben blieb, entschlossen, ihm zu gehorchen. Gegen diese Giftpfeile kann man doch nicht aufkommen!“

„Das sagen Sie, während wir soeben das Gegenteil bewiesen haben?“,

„Ja, wie das so schnell gekommen ist und wie es möglich wurde, darüber bin ich mir selbst nicht klar. Aber, was thun wir nun?“

„Wir betrachten uns die anderen Räume, welche es giebt. Wir müssen das schon aus Vorsicht thun, da es möglich ist, daß sich noch andere Leute hier befinden. Vor allen Dingen aber wollen wir nach dem Eingang zurück, um zu sehen, ob wir öffnen können. Nehmen Sie das Licht!“

Wir gingen durch den Gang nach der Thüre; sie war zu; es gab kein Schloß, keine Klinke, keinen sichtbaren Riegel.

„Jetzt sind wir eingeschlossen und können nicht hinaus!“ sagte Pena. „Das kann gefährlich werden!“

„O nein! Selbst wenn wir den Mechanismus nicht entdecken, haben wir den Alten in der Hand, den wir zwingen können, ihn uns zu zeigen. Leuchten Sie einmal in die Höhe, gegen die Decke!“

Er that dies, blickte empor und sagte zugleich:

„Das ist’s! Zwei Drähte, rechts und links einer!“

„Der eine wird zum Öffnen und der andere zum Schließen sein. Der alte Desierto kann beides von seiner Stube aus thun. Versuchen wir es einmal. Die Thüre ging links auf; also muß man, um sie zu öffnen, am linken Drahte ziehen.“

Ich that dies, und die Thüre sprang auf. Wir blickten hinaus nach der Algaroba und hinunter nach dem Stamm derselben. Es war kein menschliches Wesen zu sehen. Dann zog ich an dem rechten Drahte, und die Thüre fiel mit starkem Geräusch zu; sie wurde von einer verborgenen Feder geschlossen. Dem Mechanismus weiter nachzuforschen, gab es keine Zeit. Wir kehrten zurück und sahen, daß es außer der Schnur, an welcher der Alte gezogen hatte, noch eine zweite gab, eine an der rechten Seite der Thüre zum Öffnen und eine an der linken zum Schließen.

Der Indianer, welchen Pena niedergeworfen hatte, war bei Besinnung. Er hatte die Augen offen und folgte uns mit ängstlichem Blicke. Die andern beiden waren noch ohnmächtig. Pena legte dem ersteren einige Fragen vor, erhielt aber keine Antwort.

„Der Kerl schweigt,“ sagte er. „Nun, es ist auch nicht nötig, daß er uns Auskunft giebt. Wir werden schon selbst finden, was wir suchen.“

Wir verließen die Totenkopfstube und gelangten in eine zweite, welche größer war. In derselben stand ein Tisch mit mehreren Stühlen. An den Wänden hingen Waffen der verschiedensten Art, Messer, Pistolen, Flinten, auch zwei Revolver, Pfeile, Köcher, Bogen und Schilde, Blasrohre.

Dann kam ein noch größerer Raum, in welchem eine lange Tafel stand, um die sich gegen zwanzig Stühle reihten. Das Ganze hatte das Aussehen eines Versammlungssaales. Die Tafel hatte natürlich nicht von draußen hereingeschafft werden können, sondern sie war hier oben gezimmert und zusammengesetzt worden.

An diesen Raum stieß ein kleinerer, in welchem ein roh gearbeiteter, verschlossener Schrank stand, daneben ein Tisch, auf welchem ich ein Schreibzeug erblickte. Weiter gehend, kamen wir in eine Küche. Da gab es allerlei Geschirr, nicht nur solches, welches man zum Kochen der Speisen braucht, sondern auch allerlei Geräte, Tiegel, Flaschen- und anderes, was man bei Personen findet, die sich mit Chemie beschäftigen.

„Sollte der Alte ein Apotheker sein?“ meinte Pena.

„Möglich! Wenigstens scheint er zu quacksalbern. Gehen wir weiter!“

„Finden Sie nicht auch sonderbarerweise, daß die Luft in diesen unterirdischen Räumen ausgezeichnet ist? Gar nicht dumpf und moderig, wie man erwarten sollte!“

„Der Alte hat für Ventilation gesorgt. Sehen Sie das runde Loch hier in der Decke? Diese Öffnung geht nach oben.“

„Es muß eine ungeheure Arbeit erfordert haben, diese Gemächer aus dem Felsen zu meißeln!“

„Ja, wenn sie wirklich ausgemeißelt sind. Zu einer solchen Arbeit hätte es vieler Leute und einiger Jahre Zeit bedurft. Dieser Felsen ist – – –“

Ich klopfte an die mit Kalk getünchte Wand.

„Horch! Das ist nicht Felsen, sondern ganz weiches Mauerwerk. Es klingt wie Holz und Lehm. Doch das kann uns wenigstens für jetzt nicht interessieren. Wir müssen weiter gehen.“

Die Wohnung hatte wirkliche Thüren, aus gehobelten Brettern zusammengesetzt und mit Riegeln und Klinken versehen, ein wahres Wunder hier im Gran Chaco und dazu in diesem Felsen!

Im nächsten Raume stand ein hohes Regal mit allerlei Gefäßen, welche zugebunden waren. Auch Flaschen gab es, fest verstöpselt und mit Etiketten versehen. Während Pena leuchtete, nahm ich einige derselben in die Hand, um die Schrift zu lesen. Es waren lateinische Bezeichnungen von Arzneien. Dieser Raum schien die Apotheke des Alten zu sein. Vielleicht war er nicht nur der Anführer, sondern auch der Arzt seiner Indianer. Dem Regale gegenüber stand ein schmaler, sehr fest gearbeiteter Tisch und auf demselben ein Kasten aus starkem Eisenblech, welcher durch drei Hängeschlösser verschlossen war. Ich versuchte, ihn zu heben, doch gelang es mir durch das Aufbieten aller Kraft nicht, ihn auch nur um ein Haar breit fortzurücken. Bei näherer Besichtigung bemerkten wir, daß der Kasten angeschraubt war. Indem Pena seine Hand auf denselben legte, sagte er:

„Das ist’s wohl, was der Schwiegersohn haben will. Ich glaube, daß wir da den Geldschrank des Alten haben.“

Er lachte dabei, denn er hatte im Scherz gesprochen. Ich aber antwortete ihm:

„Sie vermuten jedenfalls das Richtige.“

„Nicht möglich! Ein Geldschrank hier!!“

„Nun, wo ein so kunstvoll gearbeiteter Kasten gefertigt wird, da ist auch Geld zu haben, Papiergeld und silberne Pesos. Sie haben ja gehört, daß der viejo Desierto jährlich einmal nach Santiago geht. Der Schwiegersohn hat es gesagt und ihn dort getroffen.“

„Wofür sollte der Alte das Geld bekommen?“

„Wer weiß es! Geht uns auch gar nichts an, wenigstens vorläufig nicht. Gehen wir jetzt weiter!“

Durch die nächste Thüre kamen wir in einen sehr großen, weiten Raum, welcher einem Vorratsgewölbe glich und dessen Decke von starken, hölzernen Pfeilern getragen wurde. Er hatte eine sehr bedeutende Länge und Breite, so daß der Schein unseres Lichtes nur einen kleinen Teil desselben zu erhellen vermochte.

Dieser Raum war rund an den Wänden mit in Basthüllen eingewickelten und sorgsam verschnürten Paketen bis an die Decke angefüllt. Auch in der Mitte waren lange Reihen dieser Pakete, so daß sie schmale Gänge zwischen sich bildeten, aufgestapelt. Es lagen mehrere einzelne Päcke am Boden. Ich hob einen derselben auf; er war leichter, als seine Größe hatte erraten lassen, und gab ein leises, knirschendes, prasselndes Geräusch.

„Rinden!“ sagte ich. „Gewiß nichts anderes als Rinden.“

„Ah! Sollte der Alte ein Kollege von mir sein? Ein Cascarillero?“

„Warum nicht?“

„Das wäre ja höchst interessant! Aber welch eine ungeheure Menge da aufgestapelt liegt! Das muß doch Tausende von Pesos ergeben!“

„Nun, ihm kann es nicht schwer sein, solche Vorräte zu sammeln. Die Wälder hat er ja in der Nähe, und Arbeitskräfte stehen ihm genug zur Verfügung. Seine Indianer werden für ihn sammeln.“

„Ja. Er hat die Rinde dann nur nach dem Rio Salado zu schaffen und dort ein Floß zu bauen, um sie gut an den Mann zu bringen.“

„Dafür bekommt er Geld, und dieses Geld bringt er mit zurück und legt es in den Geldschrank. So ist das Vorhandensein desselben erklärt. Lassen Sie uns sehen, was es noch weiter giebt!“

„Sollte die Felsenwohnung noch größer sein? Wer hätte das vorhin vermuten können, als wir den kahlen, scheinbar unersteiglichen Stein vor uns liegen sahen! jetzt soll mir jemand sagen, daß es keine Wunder mehr giebt!“

Ich war gerade so erstaunt wie er. Dieser viejo Desierto war jedenfalls ein ganz ungewöhnlicher, ja bedeutender Mensch, welcher an anderer Stelle wohl auch eine andere und bedeutendere Rolle gespielt hätte. Aber wer weiß, was für Schicksale ihn nach dem Gran Chaco getrieben hatten; denn daß er nicht in demselben geboren sei, das hielt ich für gewiß, obgleich er einen solchen Widerwillen gegen Fremde und Weiße gezeigt hatte.

Das nächste Gemach bildete wieder einen Vorratsraum. Die Vorräte bestanden aber nicht in Rindenpaketen, sondern in Sätteln, welche an den vier Wänden hingen. Es waren ihrer wohl über fünfzig vorhanden.

„Sollte dieser Mann Pferde haben?“ fragte Pena.

„Wahrscheinlich! Seine Indianer wird er wohl nicht satteln, um spazieren zu reiten.“

„Aber Indianer des Gran Chaco, und Pferde, und gar solche Sättel!“

„Warum nicht? jetzt traue ich dem Alten alles Ungewöhnliche zu. Man weiß ja, daß die Tobas-Indianer an Gesittung über den anderen roten Völkern stehen. Vielleicht haben sie das zu einem nicht geringen Teile diesem Einsiedler zu verdanken. Suchen wir jetzt weiter! Schau, dort hinten scheint es eine Treppe zu geben!“

Wir sahen keine weitere Thüre; aber in der hinteren Ecke führten Stufen empor, hölzerne Stufen, ganz regelrecht übereinander gefügt. Wir stiegen empor und kamen an eine Thür, welche nur angelehnt war; als wir sie aufstießen, befanden wir uns im Freien.

Die Thür war nicht etwa eine Fallthüre, sondern eine stehende. Über der Treppe war nämlich ein hölzerner Verschlag errichtet, ganz ähnlich den Treppenhäuschen der Schiffskajüten.

Also wir befanden uns im Freien, aber wir hatten nicht etwa einen Ausblick auf den Wald, auf die Umgebung des Felsens, sondern rundumher stieg eine Mauer auf, welche sicher eine Höhe von fünfzehn Ellen hatte. Das aber war es nicht, was unsere Verwunderung zuerst in Anspruch nahm, sondern unser Staunen wurde durch etwas ganz Anderes erregt. Wir befanden uns nämlich in einem – – Garten, ja in einem regelrecht angelegten und sorgfältig gepflegten Garten mit Gemüsebeeten, Beeten, auf denen Melonen gezogen wurden, Beeten mit allerlei Blumen und Blüten. An ihren Rändern standen blühende Rosenstöcke. Ganz im Hintergrunde lag ein hölzernes, schuppenartiges Gebäude, und an jeder Ecke gab es eine Laube.

Wir gingen zwischen den Beeten zunächst nach dem ersteren. Dort fanden wir Hacken, Spaten und Schaufeln, außerdem eine Menge anderer Werkzeuge, welche hier im Garten gar nicht gebraucht wurden. Pena kannte sie. Es waren Ausrüstungsstücke für Rindensucher. Dann gingen wir nach der nächsten Ecke, in die Laube.

In derselben stand eine Bank. Pena setzte sich nieder, legte die Hände zusammen, sah mich an und fragte:

„Hätten Sie das gedacht? Hätten Sie so etwas vermutet?“

„Nein, gewiß nicht.“

„Ich auch nicht. Hier, mitten im wilden Chaco einen Gemüse- und Blumengarten, wie man ihn in Buenos Ayres gar nicht hübscher sehen kann! Das ist wirklich erstaunlich! Das ist ein Wunder!“

„Das Vorhandensein dieser Wohnung ist nicht allzu erstaunlich. Der Alte hat den Felsen auf seinen Streifzügen entdeckt und ihn zu seinem Gebrauche ausgebaut. Aber, daß er einen solchen Garten angelegt hat, das begreife ich freilich nicht. Er ist jedenfalls ein Ascet, der das Leben von der strengsten Seite zu nehmen scheint. Und nun dieser Blumenflor, diese Lauben, und – sehen Sie, diese Aussicht!“

Innerhalb der Laube befanden sich rechts und links von der Mauerecke je eine viereckige, fensterähnliche Öffnung, welche von einem Vorhange grüner Blätter bedeckt waren. Ich schob das Gewinde zur Seite, und wir konnten nun über die Bäume weg weit in die Ferne blicken.

„Auch diese Fenster beweisen, daß er ein Mann von Überlegung ist,“ sagte Pena. „Da sie durch diese Blätter bedeckt werden, kann man sie von unten nicht sehen. Aber wie er rundum auf den Rändern des Felsens eine so hohe Mauer hat errichten können, das ist nicht zu begreifen. Im Gran Chaco giebt es keine Steine.“

„Aber doch Lehm, um Ziegel zu brennen! Wir haben doch vorhin, als wir kamen, gefunden, daß der Boden lehmig ist.“

„Hm! So hat er seine Indianer als Ziegelstreicher und Maurer arbeiten lassen!“

„Höchst wahrscheinlich. Das ist aber vor nun schon langer Zeit gewesen, denn die Flechten und Moose haben auch die Mauer ganz bedeckt, so daß sie von dem eigentlichen Felsen, dem Fundamente, von außen gar nicht zu unterscheiden ist. Gehen wir einmal nach der nächsten Laube. Dort werden wir vielleicht das andere Ufer der Lagune sehen können.“

Wir schritten weiter durch die zwischen den Beeten hinführenden Gänge, welche anstatt des Sandes mit weicher Rindenlohe beschüttet waren, die das Geräusch unserer Schritte dämpfte. Die Laube, welcher wir uns näherten, war so dicht von großblätterigen Winden umrankt, daß wir von weitem nicht in das Innere sehen konnten. Darum erschrak ich fast, als uns aus derselben eine weibliche Stimme entgegentönte:

„Nun, Tio, hast du fortgeschickt? Ich möchte den Vogel doch haben, da ich ihn so gut getroffen habe.“

Diese Stimme klang mild und glockenrein; sie sprach spanisch. Wir beide blieben stehen und sahen einander an.

„Alle Wetter!“ flüsterte Pena. „Eine Sennora!“

„Oder gar Sennorita!“ lächelte ich ihm zu. „Nehmen Sie Ihr Herz in acht.“

„Pah! Mir wird keine gefährlich, weil keine mich mag. Aber eine Frau, ein Mädchen hier! Ich komme aus der Verwunderung gar nicht heraus!“

„Es ist freilich seltsam. Sie ist des Alten Nichte, das heißt ein Wesen, welches ich mir nicht so ganz und gar uralt vorstellen kann.“

„Himmel! Wollen wir vollends hin zu ihr?“

„Natürlich! Sie hat uns ja gehört.“

„Gehen wir lieber zurück! Wir haben nicht das Aussehen von Leuten, welche sich vor einer Dame verbeugen dürfen!“

Fast hätte ich laut gelacht. Dieser wackere Pena fürchtete sich vor einem weiblichen Wesen. Er sah es mir an und fügte hinzu:

„Stellen Sie sich eine junge, saubere Sennorita vor! Was soll die von uns denken, wenn sie uns in diesem Aufzuge erblickt!“

„Nun, so überaus zart und so weiter ist die Dame jedenfalls nicht!“

„Meinen Sie? Warum?“

„Erstens befindet sie sich im Gran Chaco; zweitens lebt sie mitten unter Indianern, und drittens scheut sie den Pulverrauch nicht.“

„Woher wissen Sie das?“

„Sie haben doch auch den Schuß gehört? Sie hat nach dem Raubvogel geschossen und ihn auch getroffen, wie sie soeben sagte.“

„Ja, so ist es. Na, eine Sennora, welche schießt, die wird es uns wohl nicht übelnehmen, daß wir keinen Frack und weiße Handschuhe mit nach dem Chaco gebracht haben. Also, mutig vorwärts!“

„Tio!“ erklang es jetzt wieder aus der Laube. „Warum antwortest du nicht?“

„Weil er es nicht ist, den Sie gehört haben,“ sagte ich, indem ich fünf oder sechs Schritte that, welche mich dem Eingang der Laube nahe brachten. Pena folgte mir. Ich konnte in das kleine, allerliebste Rankenhäuschen blicken. Dort saß ein Mädchen, welches bei meinem Anblicke auf das höchste erschrocken von dem Sitze auffuhr und dabei einen lauten Schreckensruf ausstieß. Pena glaubte, nachdem ich gesprochen hatte, nun auch einige Worte sagen zu müssen, und fragte, indem er sich verneigte, in beruhigendem Tone:

„Sind Sie erschrocken, Sennorita? Fürchten Sie sich nicht! Wir thun Ihnen nichts.“

Die Halbindianerin – denn daß sie das war, sah ich ihr an – hatte die eine Hand an die Pfoste des Einganges gelegt; die andere hielt sie an das Herz. Ich sah sie zittern, so sehr war sie erschrocken.

Sie trug ein ganz einfaches, bis auf den Boden herabfallendes, aus weißem Kattun bestehendes Gewand, eigentlich ein Hemd mit langen Ärmeln, welches über den Hüften von einem Gürtel aus rotem Zeuge zusammengehalten wurde. Das dichte, rabenschwarze Haar hing in zwei dicken Zöpfen weit über den Rücken herab. Ihr Gesicht war bräunlich gefärbt, schön gerundet und zeigte nicht die vorstehenden Backenknochen der indianischen Rasse. Sie hätte sich in Beziehung auf Schönheit mit jeder weißen Porteña messen können.

Daß sie leise zitterte, war wohl nicht eine Folge angeborener Ängstlichkeit. Sie lebte in tiefster Einsamkeit, unter Roten, bei denen sich selten ein Weißer sehen ließ. Sie hielt sich hier für allein, an einem Orte, den ein Fremder unmöglich aufzufinden vermochte. Und nun traten wir beide, die wir allerdings jetzt ein sehr wenig vertrauenerweckendes Aussehen haben mochten, vor sie hin; das mußte auch die Furchtloseste in tiefen Schreck versetzen.

Neben der Stelle, auf welcher sie gesessen hatte, lehnte das abgeschossene Gewehr an der Bank. Ihr kleines Händchen glitt langsam von der Pfoste nieder, griff dann mit einer schnellen Bewegung nach der Flinte, hielt uns dieselbe entgegen, und während die erbleichten Wangen wieder Farbe bekamen und die dunklen Augen zu leuchten begannen, fragte das schöne Mädchen in drohendem Tone:

„Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?“

„Bitte, legen Sie das Gewehr immerhin beiseite!“ antwortete ich. „Wir sind nicht als Feinde gekommen.“

„Haben Sie schon mit meinem Oheim gesprochen?“ fragte sie.

„Natürlich!“

„Ja, es ist richtig,“ sagte sie, indem sie das Gewehr weglegte. „Sie müssen ihn gesehen und mit ihm gesprochen haben, sonst könnten Sie nicht hier sein. Aber warum kommt er nicht mit?“

„Er hat infolge unserer Ankunft schnell einiges zu thun, wird aber bald nachfolgen.“

„Und warum haben Sie nicht unten Ihre Waffen abgelegt?“

„Weil wir beabsichtigen, nicht sofort wieder hinabzugehen, sondern hier zu bleiben. Doch werden wir uns nun jetzt ihrer entledigen, da es scheint, daß der Anblick derselben Ihnen unangenehm ist.“

„Unangenehm?“ fragte sie, indem ein stolzes Lächeln über ihr Gesicht glitt. „Ah, Sie beurteilen mich nach Ihren Frauen! Ich fürchte die Waffen nicht, sondern ich liebe sie und bin im Gebrauch derselben geübt. Sie sind es ja, ohne welche wir nicht leben könnten. Doch, setzen Sie sich!“

Wir lehnten unsere Gewehre an die Mauer, und traten in die Laube, welche Raum für vielleicht sechs Personen bot. Als wir uns ihr gegenüber gesetzt hatten, musterte sie uns mit einem langen, offenen Blicke und sagte dann:

„Mein Tio muß ein großes Vertrauen zu Ihnen hegen, da er Ihnen sein Geheimnis so ganz und gar offenbart. Diesen Garten hat bisher nur ein Einziger betreten dürfen.,

Bei diesen Worten wurde ihr Gesicht plötzlich starr und finster, so daß ich unwillkürlich fragte:

„Und dieser Eine war kein guter Mensch?“

„Woher wissen Sie das?“ fuhr sie auf.

„Ich vermute es.“

„Nein, Sie wissen es!“

„Gewiß nicht!“

„Sie kennen ihn! Sie haben ihn gesehen! Wo befindet er sich?“

Ihre Augen funkelten wie diejenigen der Jaguarete, wenn sie sich auf ihre Beute stürzen will.

„Beruhigen Sie sich, Sennorita! Ich kenne ihn wirklich nicht.“

„Warum sprachen Sie von ihm?“

„Weil Sie selbst seiner erwähnten.“

„Aber Sie behaupteten, daß er kein guter Mensch sei!“

„Weil ich es Ihnen ansah, daß Sie ihn nicht für einen solchen halten.“

Sie warf mir einen erstaunten Blick zu und sagte:

„Haben Sie das in meinem Gesicht gelesen? Nun wohl, Sie haben sich nicht getäuscht. Er ist ein Meineidiger, und – – ich hasse ihn!“

Sie ballte die kleinen Hände und drückte die Lippen fest zusammen. Wir hatten noch nicht zwei Minuten lang miteinander gesprochen, und ich kannte schon das Leid, welches sie in ihrem jungen Herzen trug. Das konnte nur bei so einem Naturkinde möglich sein.

Auch in dieser Laube befanden sich zwei Maueröffnungen. Vor der einen war der Rankenvorhang zur Seite geschoben, so daß man hinaus auf den See blicken konnte; sie deutete hinaus und sprach:

„Aus dieser Gegend müßte er kommen, dort, dem östlichen Ufer der Lagune entlang. Ich habe täglich nach ihm geschaut, aber er ist nicht gekommen. Ich hasse ihn!“

Da täuschte sie sich. Sie liebte ihn noch. Und wenn sie ihn jetzt gesehen hätte, dort drüben an der Lagune, so wäre ihr Gesicht wohl nicht so zornig geblieben, wie es jetzt war.

Wir beide sagten nichts. In sogenannter feiner Gesellschaft hätten wir eine Generalpause vermeiden müssen; hier aber durften wir uns ganz nach unserer Stimmung verhalten. Das Mädchen machte einen ganz eigenen Eindruck auf mich; es war, als ob ihr Herz und ihr ganzes Wesen offen vor mir liege, und doch saß sie als ein Geheimnis vor mir, dessen Enthüllung man unterläßt, weil es einem heimlich graut. Nach einiger Zeit fuhr sie fort, wie nur zu sich selbst sprechend:

„Ja, ich hasse ihn, denn er war ein Weißer.“

„Sie hassen die Weißen, Sennorita?“ fragte ich.

„Ja. Sie lügen alle; sie sind treulos!“

„Vielleicht haben Sie einen oder auch einige kennen gelernt, welche diesen Eindruck auf Sie gemacht haben. Aber es giebt Millionen von Weißen. Meinen Sie, daß sie alle so sind, wie dieser Eine oder diese Einige?“

„Ja, alle sind so! Ich habe sie kennen gelernt, in San Antonio, wohin der Tio mich that, damit ich eine Dame werden solle.“

„Sie sind es geworden, Sennorita!“

Ich glaubte, ihr damit ein Kompliment zu machen, hatte mich aber sehr getäuscht, denn sie blitzte mich an:

„Nein, ich bin keine; ich will keine sein und auch keine werden! Ich wollte eine werden – – wegen ihm; aber er ist nicht gekommen.“

„Also hat es Ihnen in San Antonio nicht gefallen?“

„Nein. Und dennoch wäre ich geblieben, wenn die Menschen gut gewesen wären. Sie waren freundlich, und hinter dem Rücken sprachen sie Schlechtes von einander. Alle waren falsch, und alle waren schlecht. Ich bin entflohen.“

„Wie? Hoffentlich hat der Tio Sie zurückgeholt!“

„Nein; ich bin selbst gekommen.“

„Sie hätten diese weite Reise, welche durch die Wildnis führt, allein unternommen? – Eine Dame, welche – –“

„Ich bin keine Dame!“ unterbrach sie mich zornig. „Nennen Sie mich nicht so! Ich wollte fort, zurück zu meinem Stamme. Man erlaubte es mir nicht. Da fiel es mir ein, daß ich die Herrscherin der Toba bin und daß kein Christ mir etwas zu befehlen hat. Als alle schliefen, nahm ich das Gewehr des Herrn, zu dem der Tio mich gebracht hatte, sein Messer und den Sattel; ich holte sein bestes Pferd und ritt davon. Nach fünf Tagen war ich bei den Meinen angekommen und gehe nicht wieder von ihnen fort!“

Der gute Pena machte ein höchst verblüfftes Gesicht; er war das leibhafte Erstaunen. Er konnte auch nicht damit zurückhalten, sondern fragte:

„Aber, Sennorita, haben Sie denn den Weg gewußt?“

„Ja, ich war ihn schon geritten, als der Tio mich hinbrachte.“

„Und da haben Sie es gewagt, sich zurechtzufinden? Fünf Tage lang!“

„Warum nicht?“

„Wovon haben Sie denn gelebt?“

„Von der Jagd.“

„So können Sie sich also auf Ihr Gewehr verlassen?“

„Ich habe vorhin einen Falken geschossen. Der Tio ging fort, um ihn mir holen zu lassen.“

Er hatte den Diener nicht fortschicken können, da mittlerweile wir gekommen waren. Ich war neugierig, in welchem Verhältnisse sie zu ihm stand, und fragte daher:

„Der Tio hat Sie wohl seit der frühesten Kindheit gepflegt?“ „Nein. Ich lernte ihn erst kennen, als er zu uns kam.“

„So ist er nicht Ihr wirklicher Verwandter?“

„Nein; aber er hört es gern, wenn ich ihn Tio nenne. Er liebt mich so, daß ich ihn Vater nennen möchte; aber das duldet er nicht.“

„Wie lange ist es her, seit er sich hier befindet?“

„Elf Jahre. Ich zählte damals sechs.“

„Wo kam er her?“

„Aus Europa.“

„Wissen Sie das Volk, welchem er angehört?“

„Ja.“

„Wie heißt es?“

„Das darf ich nicht sagen; er hat es mir verboten.“

„Wissen Sie, warum niemand wissen soll, woher er gekommen ist?“

„Nein. Er hat sein Land verlassen, weil diejenigen, welche dort wohnen, ihn töten wollten.“

„Sie nannten sich die Herrscherin der Tobas. Wer ist der Häuptling derselben?“

„Das Volk der Tobas zerfällt in mehrere Stämme, deren jeder einen Häuptling hat. Die Herrscherin über alle aber bin ich, und der Tio regiert sie an meiner Stelle.“

„Wie kommt es, daß kein männlicher Herrscher vorhanden ist?“

„Der vorherige Herrscher war mein Großvater, und dieser ist tot. Der letzte Herrscher aber ist fortgegangen und nicht wiedergekommen.“

„Warum nicht?“

„Ich will es Ihnen erklären. Die Familie der Könige, welche über die Tobas herrschen, ist so alt wie das Volk selbst. Mein Großvater war der letzte Sprosse derselben. Er hatte keinen Sohn, sondern eine Tochter. Nach den Gesetzen der Toba mußte diese die Königin werden, und derjenige, den sie liebte, wurde der Herrscher. Alle Jünglinge des Volkes, welche sich durch Kraft, Tapferkeit oder Klugheit ausgezeichnet hatten, bewarben sich um ihre Gunst, aber sie mochte keinen von ihnen, denn sie liebte einen Weißen, der zu uns gekommen war. Die Ältesten traten zusammen, um zu beraten, und sie machten ihn zu ihrem Herrscher, denn er wurde der Mann meiner Mutter. Als ich geboren war, ging er auf die Jagd und kehrte nicht zurück. Mit ihm war auch das viele Gold verschwunden, welches die Toba aus den Bergen geholt hatten und das den Schatz des Volkes bildete.“

„So ist er vielleicht auf der Jagd verunglückt!“

„Nimmt man viele Pfunde Gold mit, wenn man zur Jagd geht?“

„Allerdings nicht. Aber hat man gesehen, daß er es nahm?“

„Nein.“

„So kann auch ein anderer der Dieb gewesen sein!“

„Nein. Wenn ein Toba das Geld gestohlen hätte, so hätte man später gesehen, daß er reicher geworden sei. Mein Vater war der Dieb, denn er war ein Weißer. Ich antwortete dir, daß niemand wieder von ihm gehört hat. Das ist auch wahr. Gehört hat keiner von ihm; aber gesehen hat ihn einer in einer großen Stadt, welche Montevideo heißt. Der Mann, einer unserer Krieger, war als Führer dorthin gekommen und sah meinen Vater, seinen entflohenen Herrscher, in einem prächtigen Wagen fahren.“

„Menschen sehen einander ähnlich!“

„Er war es, denn der Krieger ist dem Wagen nachgesprungen, der bald darauf vor einem schönen Hause gehalten hat. Als mein Vater ausstieg, trat der Krieger zu ihm und nannte ihn beim Namen. Mein Vater erkannte ihn und nahm ihn mit in das Haus. Er wollte ihm Geld geben, damit er schweige. Der Krieger nahm das Geld nicht; er erfuhr, daß mein Vater ein neues Weib habe, und als er ging, war sein Messer rot.“

„Ah! Was hat er gethan?“

„Was jeder Toba gethan hätte.“

„Herrgott! Deinen Vater hat er erstochen! Graut dir nicht dabei, wenn du daran denkst?“

„Nein. Er war ein Verräter; ihm ist sein Recht geschehen.“

Sie sagte das so kalt, als ob sie von dem fremdesten Menschen spreche. Dann fuhr sie fort:

„Meine Mutter hatte ihn sehr lieb gehabt; als er fort war, wurde sie krank und starb. Nun bin ich die Königin.“

„Und der, den du zum Manne nimmst, wird Herrscher deines Volkes?“

„Ja. Aber die Tobas werden keinen König wieder haben.“

„So willst du dich nicht verheiraten?“

„Nein. Auch er ist fort und kommt nicht wieder. Ich freue mich, daß ich sein Weib nicht geworden bin. Der Tio sagte, ich sei noch zu jung dazu. Er hätte mich auch verlassen, wenn er mein Mann geworden wäre.“

„Wer war er denn?“

„Ein Cascarillero.“

„Jung?“

„Jung und schön, stark und mutig. Alle Mädchen liebten ihn; aber er liebte nur mich, doch auch nur so lange, bis er ging.“

„Vielleicht kehrt er noch zurück?“

„Nein. Die Zeit, welche wir ihm stellten, ist doppelt verflossen.“

„Hat er euch auch bestohlen?“

„Ja.“

„Hm! Ich frage darnach, weil, wenn er in dieser Beziehung ehrlich gewesen wäre, Hoffnung vorhanden sein würde, daß er dennoch treu geblieben ist. Was hat er gestohlen?“

„Geld, viel Geld vom Tio und dem Stamme.“

„Dann wäre er ein ebenso gewissenloser Mensch, wie dein Vater war. Wie lange ist er hier gewesen?“

„Mehrere Jahre. Der Tio fand ihn verwundet in dem Walde und brachte ihn nach der Lagune, um ihn zu heilen. Er gewann ihn lieb und erlaubte ihm, bei uns zu bleiben. Er nahm ihn stets mit, wenn er ging, um Gold zu suchen oder Cascarilla zu sammeln. Dann liebten wir uns, und die Häuptlinge traten zur Beratung zusammen, wie damals bei meiner Mutter. Sie wollten Nein sagen und mich zwingen, einem aus meinem Volke meine Hand zu geben; aber der Tio hatte ihn auch lieb gewonnen und sprach für ihn und mich. Da gaben sie ihre Erlaubnis. Darauf kam die Zeit des Jahres, in welcher wir die Cascarilla nach dem Flusse schaffen. Der Transport erreichte denselben; unsere Leute bauten ein Floß und luden die Cascarilla darauf. Es wurde bemannt, und er machte den Anführer, denn er sollte die Cascarilla nach Santa F6 schaffen, sie dort verkaufen und dann mit dem Gelde zurückkommen. Unsere Ruderer kehrten zurück. Sie hatten ihn bis zum Schiffe begleitet, in welches die Cascarilla übergeladen worden war; er aber ist entflohen.“

„Wenn es so steht, so kannst du nicht behaupten, daß er ein Dieb sei. Er kann verhindert gewesen sein, sein Wort bis jetzt zu halten.“

„Das hoffte ich und glaubte es gern; nun aber ist meine Hoffnung vorüber. Der Tio hat einen Boten nach Santa F6 gesandt und erfahren, daß die Cascarilla verkauft und das Geld dafür ausgezahlt wurde. Ist das nicht der Beweis, daß der Verräter gestohlen hat?“

„Nein. Es ist Krieg in jenen Gegenden, und der Weg nach hier führt durch das Gebiet feindlicher Indianer. Wer weiß, wo er sich befindet, wo er steckt! Wer weiß, ob er noch lebt!“

Sie blickte durch das Fenster hinaus auf den See. Ihre harten, starren Züge, die das Gesicht in den letzten fünf Minuten angenommen hatte, wurden weicher und immer weicher, und in mildem Ton fragte sie:

„Sennor, meinen Sie, ich brauchte noch nicht zu zweifeln?“

„Das ist meine Ansicht. Selbst wenn er nie zurückkehren sollte, haben Sie kein Recht, ihn für einen Lügner, einen Meineidigen und Dieb zu halten. Dieses Recht haben Sie erst dann, wenn Sie beweisen können, daß er noch lebt und sich das fremde Geld unrechtmäßigerweise angeeignet hat.“

„Ich danke Ihnen, Sennor! Sie haben Recht. Mein Herz war hart geworden. Ich will ihn nicht hassen. Vielleicht kommt er noch zurück. Aber sagten Sie nicht, daß der Tio auch in den Garten kommen wolle? Was hat er zu thun? Sie sind seine Gäste, und ich muß Sie doch bewirten.“

Ich nahm, als ob ich es betrachten wolle, ihr Gewehr in die Hand. Es war noch nicht wieder geladen. Das beruhigte mich, denn diesem Mädchen war es zuzutrauen, wenigstens den Versuch zu machen, auf uns zu schießen.

„Er kann noch nicht kommen,“ antwortete ich, indem ich das Gewehr an seinen Platz zurückstellte.

„Warum?“

„Er hat einen großen Fehler begangen, welcher ihn verhindert, so schnell bei Ihnen zu sein.“

„Welchen Fehler?“

„Das sollen Sie hören, und ich hoffe, daß Sie klüger sein werden, als er gewesen ist. Nicht wahr, Ihre Krieger sind auf einem Zuge gegen die Chiriguanos entfernt, und Ihr Dorf liegt unbeschützt gegen Feinde da?“

„Nein, es blieben einige Krieger zurück; die anderen sind alle fort.“

„Das ist sehr wenig. Wenn es nun einem Feinde einfallen sollte, Sie zu überfallen?“

„Den würden wir zurückjagen,“

„Mit nur einigen Männern?“

„Die brauchen wir gar nicht einmal dazu.“

„So! Wer soll denn kämpfen?“

„Wir Mädchen.“

„Ah! Sind die Mädchen Ihres Stammes so kriegerisch?“

„Sie waren es nie, und wir haben auch noch nicht ernstlich gekämpft. Aber seit ich weiß, daß mein Volk keinen König haben wird, sondern nur mich als Königin, habe ich die jungen Mädchen um mich versammelt und mir aus ihrem Kreise die stärksten, gewandtesten und mutigsten zur Leibgarde ausgewählt. Der Tio macht ihren Lehrer, und ich glaube, daß wir ebenso tapfer kämpfen würden wie die Männer.“

„Auch gegen die Mbocovis?“

„Gegen diese erst recht! Sie sollen nur kommen; sie waren es, welche den verwundet hatten, den ich liebe!“

„So sind Sie ihnen eigentlich nicht Rache, sondern Dank schuldig, denn dadurch haben Sie Ihren Geliebten kennen gelernt. Aber ich spreche nicht ohne Absicht von ihnen. Sie haben sich wirklich aufgemacht, um die Laguna de Carapa zu überfallen.“

„Was? Wirklich? Woher wissen Sie das?“

„Wir lagen in ihrer Nähe und hörten sie sprechen.“

Das Mädchen stand langsam und ruhig von ihrem Sitze auf, lehnte sich gegen die Mauer, kreuzte die Arme über die Brust und sagte:

„Das müssen Sie mir ganz genau erzählen, Wort für Wort! Ich muß alles, alles wissen, um dann bestimmen zu können, was geschehen soll!“

Eine andere wäre erschrocken oder sonst erregt von der Bank aufgesprungen und hätte vielleicht geklagt und gejammert. Ganz anders diese hier. Sobald sie erfuhr, daß dem Dorfe eine Gefahr drohe, war sie mit einemmale so kalt und besonnen, wie ein alter Krieger, welcher weiß, daß von seinen Dispositionen der Sieg abhängt.

Ich erzählte ihr den ganzen Hergang bis zu dem Augenblicke, an welchem ich draußen auf dem Baume die Schnur zur Klingel gezogen hatte. Bis hierher hatte sie mich mit keinem Worte unterbrochen, jetzt aber rief sie mir erschrocken zu:

„Das haben Sie gewagt, wirklich gewagt?“

„Ja.“

„Und Sie haben den Tio noch nie gesehen und noch nie mit ihm gesprochen?“

„Ich sah und sprach ihn heute, vorhin zum ersten Male.“

„Sennor, so wundert es mich, daß ich Sie beide vor mir sehe! Erzählten Sie es mir nicht selbst, so würde ich schwören, daß sie tot seien. Damit, daß Sie sich in sein Geheimnis einschlichen, haben Sie Ihr Leben verwirkt.“

„Handhabt er das wirklich gar so streng?“

„Ja. Ich wiederhole Ihnen, es ist ein großes Wunder, daß ich Sie lebend und unverletzt hier sehe.“

„Nun, wenn es nach ihm gegangen wäre, so wären wir allerdings nicht mehr am Leben.“

„Wer ließ Sie ein?“

Ich erzählte ihr den Hergang.

Sie stand mit über der Brust gekreuzten Armen da und hörte mir zu, ohne ein Wort zu sagen, ja ohne eine Miene zu verändern. Nur als ich ihr berichtete, daß wir die drei gefesselt hatten, unterbrach sie mich mit der Frage:

„Aber sie sind nicht tot?“

„Nein; sie leben noch.“

„So fahren Sie fort!“

Sie hörte mir bis zum Ende zu, ohne die geringste Erregung zu zeigen, nur in ihren Augen glänzte ein öfteres Leuchten, welches bewies, daß sie innerlich nicht so ruhig sei wie äußerlich. Als ich dann fertig war, ließ sie die Hände sinken, legte mir die Rechte auf die Achsel und sagte:

„Sennor, der Oheim hatte ganz recht, als er behauptete, daß Sie ein gefährlicher Mensch seien, gefährlich nämlich für Ihren Feind. Zu uns aber sind Sie als Freund gekommen und werden es uns wohl auch bleiben!“

„Ich beabsichtige es allerdings, setze dabei jedoch voraus, daß ich nicht noch fernerhin beleidigt werde.“

„Sie werden kein ähnliches Wort mehr hören.“

„Was aber dann, wenn der Tio sich doch zu neuen Feindseligkeiten entschließt?“

„Ich werde mit ihm sprechen, und er muß nicht nur auf meine Stimme, sondern auch auf diejenige der Vernunft hören.“

„So gehen wir mit.“

„Ja – – oder bleiben Sie hier! Ich will es allein sein, die ihn befreit. Er ist stolz und es ist besser, er sieht Sie nicht als seine Überwinder vor sich stehen.“

„Verlangen. Sie da nicht zu viel, Sennora? Wir kennen die Geheimnisse dieses Schlupfwinkels noch nicht ganz. Wenn wir hier zurückbleiben, können sich allerlei Wolken, von denen wir keine Ahnung haben, über uns zusammenziehen!“

„Nein. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie hier ganz sicher sind, daß Ihnen nichts geschieht, und daß Sie unter meinem Schutze stehen. Ist das genug? Wollen Sie mir vertrauen?“

„Ja, gehen Sie!“

Sie ließ ihr Gewehr liegen und ging. Pena blickte ihr nach, bis sie im Treppenhäuschen verschwunden war, und sagte dann:

„Wettermädchen! So eine Indianerin ist mir freilich noch nicht vorgekommen. Was meinen Sie, daß nun geschehen wird?“

„Sie wird mit dem Alten zurückkehren, und ich glaube, daß er uns um Verzeihung bittet.“

„Hm! So hoch versteigen sich meine Hoffnungen noch nicht. Er wird ein böses Gesicht machen!“

„Nur ein verlegenes. Es ist nicht angenehm, überwunden worden zu sein, nachdem man sich vorher so herrisch benommen hat.“

„Das Mädchen ist weit verständiger als der Alte. Wie sie da stand, so ruhig und stolz. Da sah man es ihr an, daß sie die Königin der Tobas ist!“ sagte Pena.

„Sie können die Erfahrung machen, daß Frauen, welche die Gewohnheit besitzen, die Arme über die Brust zu kreuzen, meist energischen Charakters und festen Willens sind.“

Es verging fast eine halbe Stunde, ehe die Indianerin zurückkehrte. Sie kam nicht allein; der alte Desierto folgte ihr. Der Ausdruck seines Gesichtes war ein eigentümlicher. Scham, Ärger und ein wenig Reue, das war’s, was man in demselben lesen konnte.

„Da bringe ich ihn!“ sagte das Mädchen. „Er hat mir gesagt, daß er Ihnen verzeihen werde.“

Es wollte mir ein Lächeln über die Lippen schlüpfen, aber ich drängte es zurück. Warum sollte ich dem armen Manne nicht wenigstens scheinbar zugeben, daß er es sei, dem zu viel geschehen war? Er machte eine leichte Verbeugung und sagte:

„Unica hat mir mitgeteilt, wie sich die Sache eigentlich verhält. Das konnte ich nicht wissen. Wären Sie ausführlicher gewesen, so hätte ich mich anders verhalten.“

Nun, wir hatten ihm genau dasselbe gesagt wie ihr; er hatte kein Wort weniger erfahren als sie; doch fand er außer dieser keine andere Entschuldigung, und ich erleichterte ihm die Sache dadurch, daß ich ihm antwortete:

„Wir waren ohne Ihre Erlaubnis bei Ihnen eingedrungen; das mußte Ihren Zorn erregen, und so bitten wir nachträglich um Ihre Verzeihung!“

„Die haben Sie, Sennores. Nun aber ist die Hauptsache der Beweis, daß alles, was Sie uns berichten, sich auch so verhält. Wie wollen Sie den liefern?“

„Ja, Sennor, was soll ich Ihnen auf diese Frage antworten? Wenn Sie nicht unsern Worten glauben wollen, so müssen sie eben auf die Thaten warten. Wir warnen Sie, und damit sind wir am Ende unserer Aufgaben angelangt. Glauben Sie uns, dann gut! Glauben Sie uns aber nicht, nun, so können Sie ja warten, bis die Mbocovis kommen und über Sie herfallen!“

„Das letztere werde ich wohl vermeiden!“

„Behalten Sie uns hier, und wenn es sich herausstellt, daß wir die Unwahrheit gesagt haben, so schießen Sie uns eine Kugel durch den Kopf!“

Da flog doch ein kleines, ganz leises Lächeln über sein Gesicht und er antwortete:

„Sie wären mir diejenigen, denen man eine Kugel geben könnte, ohne befürchten zu müssen, daß man vorher selbst erschossen wird! Sennor, so verwegene Männer, wie Sie beide sind, habe ich noch nicht getroffen! Niemals hätte ich es für möglich gehalten, daß mir so etwas geschehen könne! Und noch dazu in meiner eigenen Klause, in Gegenwart zweier Indianer, welche so stark wie die Bären sind! Und dabei bedurfte es nur eines Hauches in die Rohre, so war es aus mit Ihnen! Wehe dem, der Sie zum Feinde hat!“

„Also, wehe den Mbocovis!“

„Betrachten Sie diese wirklich als Ihre Gegner? Was haben sie Ihnen gethan?“

„Nichts.“

„Nun, dann können Sie doch nicht von Feindschaft sprechen!“

„Eigentlich nicht; aber ich habe mich nun einmal auf Ihre Seite geschlagen und werde Ihre Feinde infolgedessen als die meinigen behandeln.“

„So würden Sie unter Umständen noch über die Warnung hinausgehen?“

„Ja; wir sind beide bereit, noch mehr zu thun.“

„Aber Sie haben doch gar kein Interesse dabei?“

Er war noch immer mißtrauisch, wie seine Fragen zeigten. Ich antwortete:

„Das Interesse eines jeden pflichttreuen Menschen, dem es ein Bedürfnis ist, Böses zu verhüten und dem Bedrängten beizustehen.“

„Aber das Recht kann auch auf der Seite der Mbocovis sein! Sie kennen weder sie noch uns!“

„Wir haben erlauscht, daß es sich um einen Raubzug handelt. Sie sollen überfallen und ausgeraubt werden. Man vermutet Reichtümer bei Ihnen und will sie Ihnen abnehmen; da kann doch gar kein Zweifel darüber herrschen, auf welcher Seite sich das Recht befindet.“

„Hm! Wenn Sie wirklich aufrichtig sprechen, so will ich es gern gelten lassen! Sie werden es begreiflich finden, daß ich gern wissen möchte, wer die Männer sind, von deren Verschwiegenheit die Aufrechterhaltung meines Geheimnisses nunmehr abhängig ist.“

„Das sollen Sie erfahren,“ antwortete mein Gefährte. „Ich heiße Pena, aus Porto Allegre, ich bin Cascarillero.“

Als der Alte den Namen des brasilianischen Hafens hörte, erheiterte sich sein Gesicht. Ein Mann, der so weit von hier zu Hause ist, konnte ihm weniger schaden, als ein in der Nähe wohnender. Als er aber den Stand Penas erfuhr, verdüsterten sich seine Züge wieder. Er hatte einen Konkurrenten vor sich, und Konkurrenten ist niemals recht zu trauen.

„Cascarillero!“ sagte er. „In welcher Gegend liegt Ihr Arbeitsfeld?“ fragte er.

„Überall!“

„Halten Sie den Gran Chaco für reich an Rinden?“

„Natürlich!“ antwortete Pena, dem es geheimen Spaß zu machen schien, den Alten zu beängstigen.

„So wollen Sie hier bleiben?“

„Möglich ist es. Es kommt darauf an, ob ich gute Kameraden finde.“

„Da warne ich Sie! Die Indianer des Gran Chaco dulden keine Weißen in ihrer Nähe.“

„Pah! Indianer giebt es überall. Ich habe sie stets da gefunden, wohin ich gekommen bin, ohne sie zu fragen, ob ich bleiben darf oder nicht. Ich mache mein Geschäft nicht von dem Willen der Roten abhängig. Wenn ich in ihrer Nähe einige Bäume abschäle, so können sie es sich ruhig gefallen lassen, denn das macht ihnen keinen Schaden.“

„Und wenn sie es aber doch nicht dulden wollen?“

„Dann habe ich hier eine gute Büchse und ein scharfes Messer, mit denen ich bisher stets zurecht gekommen bin. Und ich glaube nicht, daß man die Roten des Gran Chaco mehr zu fürchten hat als die, welche andere Gegenden bewohnen.“

„Irren Sie sich ja nicht! Hier ist die Heimat der vergifteten Pfeile, gegen welche Ihnen Ihr Gewehr und Ihr Messer gar nichts helfen können!“

„In Brasilien giebt’s diese Pfeile auch, und es hat mich bisher noch keiner getroffen. Wie wir übrigens diese Dinger fürchten, das glauben wir ihnen gezeigt und bewiesen zu haben!“

Der Alte sah, daß seine Worte und indirekten Einwendungen keinen Erfolg hatten, und wandte sich nun zu mir, indem er sich erkundigte:

„Und Sie sind auch Cascarillero?“

„Nein. Wenn es Ihnen recht ist, so können Sie mich einen Viajador nennen.“ Dann gab ich ihm auch meinen Namen an.

„Was, Sie sind ein Deutscher? Dann bin ich ruhig. Ein Landsmann wird doch unmöglich den andern ins Verderben stürzen.“

„Landsmann?“ fragte ich überrascht.

„Jawohl! Ich bin auch ein Deutscher!“

„Was?“ fragte Pena. „EI viejo Desierto ein Landsmann von uns! Wer hätte sich das einbilden können!“

Der Alte sah ihn erstaunt an und fragte:

„Auch Sie ein Landsmann? Das ist doch wohl nicht der Fall! Sie heißen doch Pena!“

„Übersetzen Sie doch einmal das Wort Pena ins Deutsche!“

Bis jetzt hatten wir uns der spanischen Sprache bedient; nun aber antwortete der Alte deutsch:

„Pena kann man übersetzen mit Schmerz, Qual, Sorge, Kummer – –“

„Halt!“ fiel Pena ein. „Das ist’s; so heiße ich. Kummer ist mein Name.“

„Also Sie wohnen in Porto Allegre, sind aber von drüben herüber?“

„Ja, aus Breslau.“

„Und Sie?“ fragte er mich.

„Ich bin Sachse.“

„Gott sei Dank, denn da können Sie nicht – –“

Er hielt erschrocken inne. Er war in den letzten zwei Minuten ein ganz anderer geworden. Seine Stimme klang heller; seine Bewegungen waren lebhafter, jugendlicher, und sein Gesicht hatte einen beinahe glücklichen Ausdruck angenommen. Es war freilich auch eigentümlich, daß drei Deutsche sich im Gran Chaco und zwar an dieser geheimnisvollen Stelle trafen. Die Freude darüber hatte ihn zu einer Äußerung fortgerissen, die er nicht ungeschehen machen konnte. Er hatte zwar genug Besinnung gehabt, die zweite, deutlichere Hälfte zurückzuhalten, aber die ausgesprochenen Worte und die Art und Weise, in welcher er sie hören ließ, konnten uns leicht auf Vermutungen bringen, welche ihm unangenehm sein mußten.

Und, offen gestanden, kaum hatte ich sie gehört, so kam mir der Gedanke, daß er froh sei, zu erfahren, daß unsere Heimatsorte nicht in der Nähe des seinigen lagen. Ich brachte damit die Ausschmückung der Totenkopfstube in Verbindung und konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß es einen sehr, sehr dunklen Punkt in seiner Vergangenheit gebe, der es ihm wünschen lasse, uns in Beziehung auf sein Vorleben ein Unbekannter zu sein. Aber diese Gedanken und Schlüsse kamen nicht etwa langsam, sondern so blitzesschnell, daß ich, als er seine Worte kaum über die Lippen hatte, ihm schon antworten konnte:

„Ja, Gott sei Dank, daß wir Landsleute sind! Denn nun kann kein Mißtrauen mehr herrschen, und wir werden einander nach besten Kräften beistehen!“

Ich sagte das und brachte es so schnell nach seinen unterbrochenen Worten, daß er meinen sollte, wir hätten gar nicht auf dieselben geachtet. Aber Pena war weniger aufmerksam und zartfühlend. Er fragte:

„Dürfen nun auch wir erfahren, woher Sie sind?“

„Na-tür-lich!“ antwortete der Alte in sichtlicher Verlegenheit. „Ich bin, ich – ich bin aus – –“

Er stockte. Dann raffte er sich wie unter einem Entschlusse auf, sah uns einen Augenblick prüfend an und fuhr dann fort:

„Nein, ich will Sie nicht belügen. Ich bin ein Deutscher; ich war ein Deutscher mit Leib und Seele, und das ist mein Unglück gewesen. Damals war ich Däne. Heute gehört meine Heimat zum deutschen Reiche. Heute könnte das nicht geschehen, was – – doch davon wohl später. Kennen Sie die Geschichte Schleswig-Holsteins?“

Wir bejahten.

„Ist Ihnen, als Sie davon lasen oder sprachen, vielleicht auch der Name Winter, Alfred Winter, vorgekommen?“

Ich sann nach, mußte aber verneinen; Pena auch.

„Dieser Winter bin ich. Vielleicht hören Sie meine Geschichte. Jetzt ist dazu nicht Zeit, und wir müssen uns erst kennen lernen. Die Hauptsache ist, daß wir über die Mbocovis sprechen. Vorher aber, Unica, du hast gehört, wer und was diese Herren sind – willst du sie nicht begrüßen?“

Er sagte das in deutscher Sprache zu ihr, und zu meiner lebhaften Verwunderung reichte sie uns die Hand und sagte in derselben Sprache, und zwar ziemlich fließend:

„Sie machen uns eine große Freude und sind uns nun doppelt willkommen!“

„Potztausend!“ rief Pena. „Auch Sie sprechen deutsch, Fräulein Unica? Am Ende erfahren wir, daß Sie keine Indianerin sind, sondern aus München oder Wiesbaden stammen!“

„Das nicht,“ sagte der Alte. „Wie ich mein Deutschland und seine Sprache liebe, so konnte ich nicht eine so lange Reihe von Jahren in dieser Einsamkeit leben, ohne die Laute derselben zu hören. Darum hat Unica mir den Gefallen thun müssen, meine Schülerin zu werden, und sie ist schnell so weit gekommen, daß sie sich auszudrücken vermochte. Später bekam sie noch einen anderen Lehrer, welcher –

Er hielt inne.

„Sprich weiter, Oheim!“ forderte Unica ihn auf.

„Es thut dir wehe!“ „Nein. Und diese Herren wissen schon einiges davon.“ „So hast du es doch nicht hüten können!“ „Ich sagte ihnen, daß ich die Weißen hasse.“

„Ja, hättest du sie nur alle gehaßt und nicht diese Ausnahme gemacht! Sie, meine Herren, sind nämlich nicht die ersten Deutschen, die sich bei mir befinden. Ich traf auf einem Streifzuge einen Verwundeten im Walde und nahm ihn mit zu mir. Er blieb bei mir, und es gelang ihm, sich unser ganzes Vertrauen zu erwerben und uns um vieles, vieles zu betrügen. Daß er ein Deutscher war, hat mir am wehesten gethan.“

„Wie hieß dieser junge Mann?“ fragte ich.

„Wir haben uns das Versprechen gegeben, seinen Namen nicht mehr zu nennen.“

„Aber seinen Heimatsort dürfen Sie aussprechen?“ „Ja. Er war aus Graz.“

„Also ein Deutschösterreicher! Ich möchte Sie bitten, diesen jungen Mann nicht ungehört zu verdammen. Wie lange ist es her, daß der Termin seiner Rückkehr fällig war?“

„Volle sechs Monate.“

„Das ist für die hiesigen Verhältnisse noch lange keine Ewigkeit. Wenn es Jahre wären, wollte ich mir Ihre Erbitterung oder, wenn ich besser so sage, Ihre Enttäuschung oder Hoffnungslosigkeit gefallen lassen. Aber sechs Monate! Von Buenos Ayres bis hierher ist es weit, und der Weg führt durch Gegenden, deren Bevölkerung jetzt aufgeregt ist. Jeder ist gegen jeden. Dabei rechne ich die Indianer gar nicht, durch deren Gebiet dieser junge Grazer zu reisen hat. Was für Begleiter sind denn bei ihm gewesen?“

„Auf der Rückreise? Gar keine, wenn er nicht zufälligerweise welche gefunden hat.“

„Er war also allein? Und da verdammen Sie ihn? Ich habe während meines nur kurzen Rittes quer durch das Land so viel erlebt und erfahren, daß ein anderer, der nicht so viel Glück wie ich besessen hätte, entweder zehnmal zu Grunde gegangen oder zwanzigmal zwischen den Rädern Ihres politischen und sozialen Getriebes mit schweren Verletzungen für lange Zeit verschwunden wäre. Und diesen jungen Mann geben Sie auf, ohne die Beweise seiner Untreue und Unehrlichkeit in den Händen zu haben?“

Unica warf mir einen dankbaren Blick zu; der Alte war verlegen geworden, doch sagte er, indem er den Versuch machte, sich zu entschuldigen:

„Ich habe auf meine Erkundigung erfahren, daß er in Buenos Ayres das Geld erhoben hat.“

„Das glaube ich gern; aber wissen Sie denn, daß er es nicht hat bringen wollen, sondern mit demselben durchgegangen ist?“

„Nein, das weiß ich nicht; aber ich denke es mir, oder vielmehr ich – – dachte es mir.“

„So lassen Sie diesen Gedanken einstweilen fallen, und warten Sie mit seiner Verurteilung, bis Sie sichere Beweise haben. Ich habe schon manchen Menschen kennen gelernt, dessen Mitmenschen ihn moralisch steinigten, und dann stellte es sich heraus, daß er rein war – reiner vielleicht als sie. Ich betrachte selbst den Gestrauchelten, den Gefallenen als einen Mann, der sich wieder erheben kann, der sich früher oder später erheben wird, und halte es für meine Pflicht, ihm die Hand zu reichen, indem ich der Worte des Heilandes gedenke, daß nur derjenige, welcher ohne Fehler ist, den ersten Stein auf den Sünder werfen möge.“

Unica reichte mir die Hand und sagte:

„Herr, ich danke Ihnen! Sie befreien mich von einer großen Qual.“

Der viejo Desierto blickte eine Zeitlang vor sich nieder und sagte dann, indem er meine Worte wiederholte:

„Und dann stellte es sich heraus, daß er rein war – reiner vielleicht als sie! Sie haben recht. Ich will noch nicht urteilen, da ich selbst ein noch schwereres Gericht zu fürchten habe. Ich will von neuem hoffen, daß er doch noch zurückkehrt. Und nun wollen wir diesen Gegenstand fallen lassen und uns mit der Angelegenheit beschäftigen, welche heute für uns die Hauptsache ist, mit dem Überfalle der Mbocovis. Damit das flott von statten gehe, will ich Ihnen eine kleine Anregung bringen, welche Sie hier im Gran Chaco wohl nicht gesucht haben werden. Aber setzen Sie sich nun endlich einmal!“

Er hatte mit dieser letzteren Aufforderung recht, denn seit er erschienen war, hatten wir im Stehen gesprochen. Unica schien zu wissen, was er holen wolle, denn als er sich entfernt hatte, ging sie nach einer anderen Laube und brachte aus derselben ein kleines Tischchen herbei, welches sie in die unserige stellte. Dann kehrte der Alte zurück und brachte – mehrere Weinflaschen und eine volle Cigarrenkiste.

„Ja, da wundern Sie sich wohl!“ sagte er, als er unsere Augen sah. „Wein und Cigarren im Gran Chaco! Der erstere ist natürlich gekauft und per Maultier hierher gebracht worden. Die Cigarren aber sind eigenes Gewächs und auch eigenes Fabrikat.“

„Sie bauen Tabak?“ fragte Pena.

„Ja, und zwar ganz vortrefflichen! Wenn Sie einige Zeit hier bleiben, was ich natürlich sehr hoffe und wünsche, werden Sie sehen, was ich meine Indianer gelehrt habe. Der Rote ist bei weitem nicht der lernfaule Mann, für den er gehalten wird. Stellen Sie ihn nur unter die richtige Leitung, und zeigen Sie ihm, daß Sie seine Menschenrechte achten; dann werden Sie bald sehen, daß er bildungsfähig ist. Wenn Sie ihm allerdings das sogenannte Glück mit Messern und Flinten aufzwingen wollen, so wird er starrköpfig, und das kann ich ihm nicht übelnehmen. Meine Tobas rauchen ihre Cigarren wie die feinsten Gentlemen, und zwar eine Sorte, um welche sie mancher Kenner beneiden würde. Und was die Hauptsache ist, sie bauen den Tabak selbst und machen sich auch die Cigarren selbst. Langen Sie zu, und stecken Sie sich eine an!“

Er hatte vier Gläser gefüllt und hielt uns die Cigarrenkiste hin.

„Ich habe freilich gehört, daß die Tobas sich vor den andern indianischen Stämmen vorteilhaft auszeichnen,“ sagte ich.

„Was heißt auszeichnen! Sie haben eben einen Lehrer gehabt, wie ihn der Rote braucht. Geben Sie den andern Stämmen einen eben solchen, so werden sie bald ebenso vorwärts schreiten. Wir haben jetzt sogar angefangen, Wein zu bauen, und auf einigen Inseln der Lagune, die Sie von hier aus allerdings nicht sehen können und die wir dazu bestimmt haben, weil sie durch ihre Lage gegen Überfälle und Verwüstungen gesichert sind, ziehen wir Kartoffeln und eine Menge Gemüse und Küchengewächse. Sandigen Boden, welcher bekanntlich den besten Cigarrentabak erzeugt, haben wir genug. Das Fertigen der Wickel und das Rollen des Deckblattes habe ich meinen Roten leicht beigebracht, und so brauchen Sie sich nicht zu wundern, daß ich Ihnen eine Cigarre bieten kann, deren ich mich selbst vor Kennern nicht zu schämen brauche. Nun aber erzählen Sie mir einmal ganz ausführlich Ihre Begegnung mit den Mbocovis!“

Pena erzählte Wort für Wort, was er erlauscht hatte. Der Desierto hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen, und sagte dann:

„Also dieser sogenannte Schwiegersohn ist hier gewesen, um zu rekognoscieren! Das muß er sehr klug angefangen haben, denn wir sind wachsam. Der Mann beweist, daß er ein sehr gefährlicher Mensch ist, und so werde ich ihn unschädlich machen.“

„Haben Sie eine Ahnung, wer er ist?“ fragte ich.

„Nein. Sie vielleicht?“

„Ja. Sie kennen wahrscheinlich einen berühmten Andensteiger, welchen man nur EI Sendador zu nennen pflegt?“

„Von dem hat jedermann gehört; gesehen habe ich ihn nicht. Er ist ein Schuft, dem ich mich nicht anvertrauen möchte.“

„Haben Sie Gründe und Veranlassung, dieses Urteil über ihn zu fällen?“

„Mehr als einen Grund! Der Hauptgrund aber ist der, daß er der Teufel der Indianer ist. Er hetzt sie gegen einander auf, um dabei im Trüben zu fischen. Er hetzt sie auch gegen die Weißen. Ganz besonders sind die Mbocovis seine Verbündeten, und ich vermute, daß er bei ihnen seinen eigentlichen Fuchsbau hat, von welchem aus die Ausfallsgänge nach verschiedenen Richtungen gehen. Viele Zeichen, welche mir erst nach und nach aufgefallen sind, lassen mich das vermuten. Er hat auch unter anderen Stämmen Anhänger, mit denen er allerlei schlechte Streiche ausführt, aber die Mbocovis bilden seine Leibbrigade. Warum fragen Sie mich nach ihm? Kennen Sie ihn?“

„Leider! Das ist eine ganze Schreckensgeschichte.“ Und ich erzählte einiges. „Später sollen Sie alles hören. Jetzt müssen wir vor allen Dingen über die Mbocovis schlüssig werden. Nur so viel will ich Ihnen sagen, daß ich diesen Yerno für den Schwiegersohn des Sendador halte.“

„Alle Teufel! Ich wollte, Sie hätten recht!“

„Warum?“

„Weil wir in diesem Falle einen ausgezeichneten Fang machen würden. Gerät der Schwiegersohn des Sendador in meine Hand, so zwinge ich ihn, mir den jetzigen Aufenthalt seines Schwiegervaters zu verraten.“

„Er wird sich hüten!“

„Oho! Ich zwinge ihn! Und sollte ich ihn alle möglichen Qualen erdulden lassen! Dann kann ich den Sendador unschädlich machen. Ich hole ihn mitten unter den Mbocovis heraus!“

„Das wäre ein Unternehmen, dem ich mich sofort anschließen würde. Ich vermute, daß es eine Schar dieser Mbocovis war, denen wir unsere jetzige Lage zu verdanken haben.“

„Welche Lage?“

„Davon später, wie bereits gesagt. Der Schwiegersohn muß unbedingt in unsere Hände geraten. Was Pena und ich dabei thun können, das soll sicher geschehen.“

„Das ist mir lieb, denn ich habe nur dreißig Männer, die, sozusagen, meine Leibgarde bilden und niemals mitgehen, wenn ein Kriegszug unternommen wird. Ich habe sie mit guten Gewehren versehen, und sie haben die alleinige Aufgabe, das Dorf und hier meine Wohnung zu beschützen. Sie sind die kräftigsten und zuverlässigsten Leute des Stammes.“

„Dreißig! Hm! Das könnte gehen, denn die Mbocovis zählen nur achtundfünfzig außer dem Schwiegersohne.“

„Sie meinen, das könnte gehen? Es kommen zwei Feinde auf einen Mann.“

„Und doch möchte ich bei meiner Ansicht bleiben, daß wir uns nicht zu fürchten brauchen,“ entgegnete ich. „Der Angreifende befindet sich stets im Vorteile, weil er die Zeit, den Ort, die Art und Weise wählen kann und es also vermag, sich die vorhandenen Chancen möglichst dienstbar zu machen.“

„So geben Sie mir also recht! Die Mbocovis sind ja die Angreifenden; folglich befinden sie sich Ihren eigenen Worten nach im Vorteile gegen uns.“

„Sie wollen, verstehen Sie wohl, die Angreifer sein. Wir aber drehen den Spieß um und greifen sie an.“

„Ah, so meinen Sie?“

„Natürlich! Oder wollen Sie warten, bis Sie überfallen werden?“

„Warum nicht? Ich weiß ja nun, woran ich bin, und kann sie gebührendermaßen empfangen.“

„Wenn Sie sich den dazu passenden Ort wählen können, so will ich es gelten lassen. Ich kenne Ihre Niederlassung nicht, werde sie mir aber wohl ansehen dürfen. Ist sie groß?“

„Ja, groß und weitläufig.“

„Nun, wie wollen Sie ein solches Terrain vollständig besetzen? Mit dreißig Mann! Wie wollen Sie wissen, an welchem Punkte der Feind erscheinen wird?“

„Diesen Punkt kenne ich sehr genau. Ich kann jeden Feind zwingen, den Angriff gerade dort und nirgends anderswo vorzunehmen.“

„Wieso?“

„Ich habe natürlich für die Sicherheit der Meinen nach Kräften gesorgt, und das Terrain ist ein dazu sehr günstiges gewesen. Es zieht sich nämlich um zwei Seiten des Dorfes eine Bodensenkung, welche ich durch einen Kanal, den ich beliebig öffnen und verschließen kann, mit der Lagune in Verbindung gebracht habe. Die andern Seiten habe ich durch einen breiten, künstlichen Graben geschützt. Öffne ich den Kanal, so ist binnen einigen Stunden das Dorf von einem breiten Wassergürtel umgeben.“

„So! Und der Punkt, von welchem Sie sprachen?“

„Der besteht in einem schmalen Damm, welcher vom Wasser frei bleibt. Über ihn müssen also die Feinde kommen.“

„Haben Sie dabei daran gedacht, daß dieselben sehr wahrscheinlich schwimmen können?“

„Ja.“

„Nun, dann steht es ihnen trotz des Wassers und trotz Ihres Dammes frei, ihren Angriff dorthin zu richten, wohin es ihnen beliebt.“

„Das denken Sie. Aber Sie vergessen die Krokodile.“

„Werden sich welche in dem Graben befinden?“

„Die Mbocovis müssen das wenigstens annehmen. Die Lagune ist reich an diesen Tieren, die ich eben aus diesem Grunde nicht vernichtet habe. Es steht zu erwarten, daß welche in den Graben kommen, und, darauf können Sie sich verlassen, kein Indianer schwimmt durch ein Wasser, von welchem er nicht überzeugt ist, daß es frei von Krokodilen ist.“

„Können die Mbocovis sich nicht eines Ihrer Boote bemächtigen?“

„Nein. Wir werden natürlich dafür sorgen, daß dies nicht geschehen kann.“

„Oder können sie sich nicht schnell ein Floß anfertigen? Der Wald bietet ihnen Material genug dazu.“

„Hm! Daran habe ich freilich nicht gedacht!“

„Nicht? So ist das der schwache Punkt in Ihrer Befestigung. Aber auch angenommen, daß alles nach Ihrem Wunsche gehe, daß der Feind über den Damm komme und Sie ihn mit Ihren Kugeln niederschmettern, so bin ich erstens ganz und gar gegen solch ein Massacre von Leuten, welche doch nur verführt worden sind, und zweitens denke ich, daß es unsere Absicht ist, diesen Schwiegersohn zu fangen. Erschießen Sie ihn, so bringen Sie sich um die Vorteile, welche Sie von seiner Gefangennahme erwarten.“

„Das ist freilich wahr! Sie haben recht.“

„Und noch ein Bedenken, welches sehr wohl zu berücksichtigen ist! Der Yerno war hier, um zu rekognoscieren, Er hat alles nach Wunsch gefunden. Er ist gegangen, um seine Leute zu holen, kommt heute nacht mit ihnen an und findet das Dorf von einem breiten Wassergraben umgeben. Was wird er denken?“

Der Alte antwortete nicht; er fuhr sich mit der Hand hinter die Ohren.

„Er wird,“ sprach ich weiter, „sofort überzeugt sein, daß man seine Absicht auf irgend eine Weise erfahren habe. Natürlich verzichtet er, da er nicht Hunderte von Leuten bei sich hat, auf die Ausführung derselben, zieht sich zurück, und Sie haben das Nachsehen.“

„Das ist freilich wahr!“ wiederholte der Desierto. „Ich muß es also anders anfangen, wenn ich diesen Schwiegersohn haben will. Aber wie?“

„So wie ich es denke. Wir gehen ihm entgegen und überrumpeln ihn an der Stelle, wo er die Dunkelheit erwartet.“

„Wo ist das?“

Pena beschrieb den Ort, dessen Beschreibung er aus dem Munde des Yerno erlauscht hatte.

„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der Alte. „Es ist dort eine tiefe Senkung des Bodens, welche so viel Feuchtigkeit enthält, daß mehrere hohe Bäume und ein ziemlich dichtes Gebüsch dort Nahrung finden. Also da wollen sie sich lagern! ja, dann werden wir sie dort überfallen!“

„Das muß aber höchst vorsichtig geschehen, damit sie uns nicht kommen sehen oder hören. Und da sie doppelt stark sind, so müssen wir gleich im Augenblicke des Überfalles die Hälfte niederschlagen und dann Mann gegen Mann kämpfen.“

„Lieber Freund, das ist fatal! Hier komme ich auf meine Behauptung zurück, daß sie uns überlegen sind. Wenn es Mann gegen Mann geht, so treten die Giftpfeile und vergifteten Messer in ihr Recht, und dann wird, selbst wenn wir siegen, unser Verlust ein bedeutender sein. Wir umzingeln besser das Gebüsch und schießen die Männer nach und nach nieder.“

„Dreißig Mann sollen achtundfünfzig umzingeln?“

&Wir nehmen die Mädchen mit, welche auch ganz vortrefflich mit Pfeil und Bogen umzugehen verstehen.“

„Ein Kampf mit Mädchen gegen Männer! Das klingt fast lustig! Und wie soll das werden? Wir schießen aufs Geratewohl in die Büsche? So verputzen wir einen Zentner Blei und haben keinen Erfolg!“

„Gut! So halten wir sie umschlossen, bis es Tag wird. Dann können wir zielen.“

„Sie aber auch! Sie stecken hinter den Büschen und sind uns also verborgen; wir aber stehen im Freien und werden mit aller Gemächlichkeit über den Haufen geschossen!“

Der Alte stand auf, trat aus der Laube, schritt draußen einigemale auf und ab und rief dann in beinahe komischem Zorne aus:

„Zum Kuckuck mit Ihren Einwänden, Herr! Sie werfen mir ja meine ganze Kriegskunst, auf welche ich mir so viel eingebildet habe, in das Wasser!“

„Sie mag immerhin hineinfallen und drin liegen bleiben! Ihre Verteidigungspläne gehen von einer Ansicht aus, welche sich nicht für alle Fälle oder wenigstens nicht für diesen Fall als richtig erweist. Wenn Sie glauben, ein Kriegskünstler zu sein, so müssen Sie vor allen Dingen den gegebenen Verhältnissen Rechnung tragen.“

„Ich habe geglaubt, dies zu thun.“

„Sie ließen das Eine unberücksichtigt, daß wir den Schwiegersohn unbedingt haben wollen, und zwar lebendig. Auf einen Fernkampf dürfen wir uns also schon aus diesem einen Grunde nicht einlassen, ganz abgesehen von seiner Gefährlichkeit für uns.“

„Also Sie stimmen für den Nahekampf?“

„Ja, weil man sich da der Person dieses Mannes versichern kann. Ich erbiete mich, ihn auf mich zu nehmen, und Sie dürfen überzeugt sein, daß ich ihn bekommen werde. Ich schlage ihn gleich im ersten Augenblicke so nieder, wie ich Sie getroffen habe.“

„Das war ein Hieb, Herr! Ich habe über eine halbe Stunde lang bewußtlos gelegen! Aber wenn ich auch überzeugt bin, daß Sie ihn gleich mit diesem Schlage unschädlich machen und in unsere Gewalt bringen, so sind seine Mbocovis da, welche sich wehren werden. Zwei von ihnen gegen einen von uns! Das ist bedenklich. Ihr Nahekampf gefällt mir ebensowenig wie Ihnen mein Ferngefecht.“

„Es kommt ganz darauf an, wie wir uns arrangieren. Es ist ja gar nicht nötig, daß wir uns in Gefahr begeben. Ich setze den Fall, der Kampf bestände bloß darin, daß wir die Leute einzeln in Empfang nehmen und unschädlich machen.“

„Dieser Fall ist unmöglich.“

„Aber wir können ihn möglich machen. Auf welche Weise, das kann ich nicht sagen. Ich kenne das Terrain ja nicht. Wenn Sie mir das Dorf und die Umgebung desselben zeigen, so kommt mir vielleicht ein Gedanke.“

„Das will ich wohl gern thun, zweifle aber sehr daran, daß sich ein so prachtvoller Gedanke einstellen werde. Daß die Feinde uns einzeln in die Hände laufen, so daß wir sie nur willkommen zu heißen brauchen, das wäre mir freilich das allerliebste!“

„Vielleicht ist’s möglich zu machen.“

„Nie! Sie mögen ja manches erlebt haben, aber dieses Land und diese Verhältnisse kennen Sie nicht!“

„Das ist sehr richtig. Aber wenn Sie mich jetzt umherführen wollen, so lerne ich sie kennen.“

„Wir können sofort aufbrechen, wenn Sie das wünschen. Während wir unsere Wanderung vornehmen, kann Unica den Tisch für Sie bereiten, an den wir bis jetzt noch nicht denken konnten. Sie werden nicht nur ermüdet, sondern hungrig sein. Bitte, kommen Sie!“

Wir leerten unsere Gläser, und mußten uns Cigarren einstecken. Dann verließen wir die Laube, um uns aus dem Garten in die Wohnung zu begeben. Wir gingen denselben Weg, den wir gekommen waren, Unica voran und der Alte hinterher. Er war in der Totenkopfstube für einen Augenblick zurückgeblieben. Als wir an den Eingang kamen und Unica die Thüre geöffnet hatte, sah ich, daß er einen dunkeln, breitrandigen Sombrero auf hatte. Dieser Hut war vorher nicht im Zimmer gewesen; daraus schloß ich, daß sich neben demselben noch ein anderes befinde, dessen Thüre uns nicht sichtbar gewesen war.

Unica schritt mit der Sicherheit der Gewohnheit über den Ast hinüber, faltete drüben den Saum ihres Gewandes fest zusammen und turnte sich mit großer Gewandtheit von Ast zu Ast bis zum Erdboden hinab, wo sie sich sofort entfernte, ohne auf uns zu warten. Als auch wir unten angekommen waren, sagte der Alte:

„Das Dorf besichtigen wir zuletzt. Jetzt will ich Sie zunächst nach dem See führen.“

Wir kamen an die Stelle, wo ich vorher mit Pena am Wasser gestanden hatte, um die Lagune zu überblicken. Von da aus gingen wir nach links weiter, immer am Ufer hin. Der Wald reichte überall bis an das Wasser, so daß wir uns unausgesetzt unter seinem Laubdache befanden. Nach einiger Zeit lag das Ufer plötzlich in einem fast rechten Winkel links ab und kehrte in einem weiten Bogen nach seiner vorherigen Richtung zurück. Dadurch bildete die Lagune einen Busen, in welchem eine ziemlich große Insel lag, die wir, als wir nach unserer Ankunft das Wasser erreichten, für Uferland gehalten hatten. Auch sie war mit Bäumen bestanden. Hinter ihr folgten noch mehrere, aber kleinere Inseln, welche näher am Ufer lagen als die erstere.

Unser Weg wurde jetzt schmal und bildete einen kurzen, brückenartigen Bogen, bei welchem linker Hand der Boden plötzlich abwärts stieg und eine Senkung bildete, die sich fernhin zwischen den Bäumen hindurch weiterzog.

„Das ist der Graben,“ erklärte der Alte, „und wir stehen auf dem verdeckten Kanale, durch den er aus der Lagune gespeist wird. Später werden Sie das besser sehen.“

Wir waren noch nicht viel weiter gekommen, als die Bäume auseinander traten, und wir nun einen weiten Platz vor uns liegen sahen, auf welchem zahlreiche, verschiedengestaltete Hütten standen, zwischen denen sich regsame Menschen bewegten. Eben jetzt war von dorther der Klang einer Trommel zu hören.

„Das ist das Dorf,“ erklärte der Alte.

„Und warum trommelt man?“ fragte ich.

„Der Befehl dazu wurde jedenfalls von Unica gegeben. Sie versammelt die Leute, um ihnen mitzuteilen, daß sie überfallen werden sollen. Bei dieser Gelegenheit wird sie auch Ihre Anwesenheit erwähnen, und Sie werden sich eines höchst feierlichen Empfanges zu erfreuen haben.“

Bei diesen Worten ging ein leichtes, halb spöttisches und halb zufriedenes Lächeln über sein Gesicht. Dann fuhr er fort.

„Jetzt fahren wir nach der Insel. Die müssen Sie sehen.“

Es lagen mehrere größere und kleinere Boote am Ufer. Wir sprangen in eines der letzteren. Pena und ich griffen zu den Rudern und hielten auf die Insel zu, welche vielleicht fünf Minuten lang und halb so breit war. Wir sahen weder Menschen noch Tiere auf derselben. Am Ostrande standen schattige Bäume. Wo dieselben aufhörten, begannen Felder, welche von den Erfolgen des viejo Desierto zeugten. Dieser führte uns nach den Bäumen. Dort erblickten wir, unter den hohen Wipfeln derselben liegend, ein Gebäude, welches aus Ziegeln errichtet und mit Schilf gedeckt war. Aus seinem Firste stieg ein Kreuz empor, und über der Thüre waren in dunklen Buchstaben auf Kalkgrund die Worte Soli Deo Gloria zu lesen.

„Die Kirche,“ erklärte der Alte.

„Wer ist der Priester?“ fragte ich.

„Wir haben natürlich keinen,“ antwortete er. „Die Gemeinde versammelt sich hier, und ich übersetze ein Evangelium oder eine Epistel und lese aus der Postille eine Erklärung. Der gute Wille ist für die That zu nehmen.“

Er zeigte uns die kleinen Felder, welche besser Gärten zu nennen waren; dann fuhren wir nach der nächsten Insel. Dort und auf den anderen weideten Pferde und Rinder.

„Pferde im Chaco sind selten,“ sagte er. „Sie gehen auch leicht an der Moskitoplage zu Grunde. Wir wohnen aber in einer Gegend, wo es viel offenes Land, Sand- oder Grasflächen giebt, und da sind Pferde von großem Nutzen. Die Tiere geben meinen Leuten eine bedeutende Überlegenheit gegen die andern roten Stämme.“

Nun kehrten wir an das Ufer zurück und schritten dem Dorfe zu. Als wir aus dem Boote stiegen, hatte ich einen kleinen, rotbraunen Buben gar nicht beachtet, welcher dort gestanden hatte. Jetzt rannte er, was die Beine nur hergaben, dem Dorfe zu und schrie dabei auf eine so entsetzliche Weise, daß es mir bange um das Kerlchen wurde.

„Was hat der Kleine?“ fragte ich. „Hat er solche Angst vor uns?“

„O nein,“ antwortete der Desierto. „Er ist der Posten, welcher ausgesandt wurde, Ihre Ankunft der Festungskommandantin Unica zu melden. Sie werden eine großartige Parade sehen.“

Er sagte das mit einem Behagen, welches seinem sonst so finsteren Gesichte einen wirklich rührenden Ausdruck gab.

Die ersten Häuser des Dorfes bildeten eine breite Straße. Die Gebäude waren aus Holz, Lehm und Ziegeln errichtet und meist mit Schilf gedeckt. Sie hatten ein sauberes Aussehen. Es gab kein einziges, neben, vor oder hinter welchem nicht ein Gärtchen gelegen hätte. Menschen waren nicht zu sehen. Dieser Umstand erklärte sich sehr bald, als die Häuser weiter auseinander traten und eine Art Ring oder Marktplatz bildeten. Dort war nämlich alles versammelt, was in dem Dorfe lebte und webte. Es waren lauter Frauen, Mädchen und Kinder. Die Männer waren auf dem Kriegszuge abwesend. Einige Greise erblickte ich, welche zu alt und schwach waren, um an demselben teilnehmen zu können.

Alle Personen, welche da standen, wo wir vorüber kamen, verbeugten sich und sagten einen Gruß, den ich nicht verstand. Auf der Mitte des Platzes standen – – zwei Bataillone Militär, Fußtruppen! Das erste Bataillon, welches auch das erste Treffen bildete, bestand aus dreißig kräftigen Indianern, welche in zwei Gliedern standen und ihre Gewehre am Fuße hatten. Der Flügelmann aber trug das seinige umgehängt, weil er die Hände zur Bedienung der Trommel brauchte, welche an seinem Gürtel befestigt war. Sie bestand aus einem Kessel, welcher mit Fell überzogen war.

Das zweite Bataillon war Dameninfanterie und viel stärker als das erstere. Auch diese Amazonen standen in zwei Gliedern, die Köcher hinten, die Blasrohre in der rechten und die Bogen in der linken niedergesunkenen Hand.

Vor diesen beiden taktischen Körpern stand Unica mit umgehängtem Gewehre und einem Blasrohre in der Rechten. Als sie glaubte, daß wir nahe genug seien, schwang sie das Rohr, und der Trommler begann zu wirbeln, was er nur wirbeln konnte. Dann rief die Kommandantin ein lautes Kommandowort, auf welches die Gewehre, Blasrohre und Bogen präsentiert wurden. Dabei schrieen die Truppen ein Wort oder zwei, deren Bedeutung mir höchst unklar war. Der Alte sah es mir an und fragte mich.-

„Verstehen Sie, was sie schreien?“

„Nein.“

„Ich kenne die Sprachwerkzeuge meiner Roten und verstehe also die Worte. Unica hat sie ihnen einigemale vorgesagt, wie ich vermute, und zwar Ihnen zu Ehren, und nun schreit sie jeder und jede, wie es eben gelingen will. Es soll heißen: Deutschland hoch! Hören Sie es nun heraus?“

Die Rotte Korah brüllte noch immer ohne Aufhören. Eine der Silben klang beinahe wie hoch; aber wehe dem armen Deutschland; was war aus ihm geworden! Kein einziger dieser Soldaten, und keine einzige der Amazonen konnte das Wort richtig aussprechen, und je länger sie es schrieen, desto mehr veränderten sie es. Der Doppellaut eu und die Vokale a und o blieben, aber die Konsonanten wurden in die so schwer auszusprechenden indianischen Gaumenlaute verwandelt. Die Zuschauer hielten es für ihre Pflicht, in die Ovation einzustimmen, und endlich heulte die ganze Menge, wobei die Schreier während der Pausen, in denen sie Atem holen mußten, so selbstgefällig fragende Blicke auf uns warfen, als ob sie sagen wollten: „Hört ihr es, wie vortrefflich wir mit eurer Sprache umzugehen verstehen!“

Wir traten zu Unica, um ihr zu danken, und sie gab ein Zeichen, worauf das Gebrüll augenblicklich verstummte.

„Soll ich exerzieren lassen?“ fragte sie.

„Ja, bitte!“ antwortete ich, um sie nicht zu betrüben, denn sie freute sich gewiß darauf, uns zu zeigen, was ihre Truppen leisten konnten.

Sie ließ rechts, links und auch ganz kehrt machen und dann marschieren. Die Truppen befleißigten sich des Gleichschrittes, aber wenn der Erfinder desselben, der alte Dessauer jetzt neben uns gestanden hätte, so wäre er ob dieses so verschiedenen Trampelns ein wenig oder auch ganz aus der Haut gefahren. Endlich standen die Bataillone wieder in der alten Ordnung und ich lobte die prächtigen Evolutionen.

Nun wollte uns der Alte den Graben zeigen, und wir stiegen in denselben hinab. Der natürliche Teil desselben war mit Bäumen bestanden; am künstlich ausgeworfenen standen sie bis an das Ufer heran. Wir schritten da unten weiter, wohl drei Viertelstunden lang, rund um das Dorf; bis wir an die Schleuse kamen und in das Dorf zurückkehrten.

An dem großen Platze desselben, worauf vorhin exerziert worden war, stand ein nach den hiesigen Verhältnissen allerliebstes Häuschen, welches für Unica nach der Anweisung des Alten gebaut worden war. Darin residierte sie mit ihrem Hofstaate, und vor der Thüre desselben war für uns gedeckt.

Das heißt nämlich auf einem langen, roh gezimmerten Tische standen große, thönerne Schalen mit riesigen, dampfenden Fleischmassen, und auf kleineren Schalen gab es Früchte und allerlei Gemüse, welches gar nicht übel zubereitet war. Gabeln und Löffel waren nicht vorhanden; ein Messer hatte jeder mit. Die Stühle bestanden aus Holzteilen, welche durch Lederriemen fest verbunden waren.

Wir nahmen Platz und ließen es uns schmecken, während die sehr loyale Bevölkerung uns zusah. Dabei patrouillierte die Leibgarde gravitätisch auf und ab. Der Tambour ließ seine Künste hören, und bald gesellten sich noch andere Jünger der edlen Musika zu ihm, welche ein Konzert aufführten, bei welchem mir gewiß die Zähne locker geworden wären, wenn ich ihnen Zeit dazu gelassen hätte.

Das Publikum wollte sehen, wie wir aßen. Es drängte sich herbei, bis nahe zum Tisch heran. Zuweilen rief die Königin irgend einen kleinen Liebling zu sich, um ihm einen Bissen in den Mund zu schieben. Ich folgte diesem Beispiele und hatte sehr bald auf jedem Knie ein rotes Knirpslein hocken, welche beiden hoffnungsvollen Zappelmänner sich solche Fleischstücke in den Mund steckten, daß zwar nicht ihnen, destomehr aber mir vor Angst der Atem verging.

Die Leute hatten gehört, daß ihnen ein feindlicher Überfall drohe. Europäer wären da viel zu ängstlich und voller Sorge gewesen, als daß sie es über sich gebracht hätten, hier so ruhig zuzuschauen. Die Tobas aber verhielten sich so unbefangen, als ob sie von dem gegen sie geplanten Angriffe gar nichts wüßten. So können nur Indianer sein.

Der viejo Desierto hatte lange Jahre bei ihnen gewohnt, vermochte es aber doch nicht, seine Abstammung zu verleugnen. Er war voller Unruhe und konnte es kaum erwarten, bis das Essen zu Ende ging. Dann aber ließ er den Leuten wissen, daß jetzt Beratung gehalten werden solle. Die Zuschauer zogen sich sofort zurück; die Musikinstrumente schwiegen, und es trat eine Ruhe ein, als ob das ganze Dorf ausgestorben sei.

Eine Beratung in deutscher Sprache hatte es hier jedenfalls noch nie gegeben. Es war mir trotz der fremdartigen Umgebung so zu Mute, als ob ich mich daheim befände.

„Sie haben nun die Inseln und das Dorf gesehen,“ sagte der Alte. „Sie hofften, daß Ihnen dann ein Gedanke kommen werde. Ist er da?“

„Ja,“ nickte ich. „Es bleibt, wie ich sagte, daß die Feinde uns einzeln in die Hände laufen.“

„Herr, Ihr Wort in allen Ehren, aber das ist unmöglich!“

„Es ist sogar ziemlich leicht. Wenn Pena meiner Meinung ist, hoffe ich zuversichtlich, daß es gelingen wird.“

„Ich?“ fragte der Genannte. „Natürlich bin ich Ihrer Meinung!“

„Langsam! Sie sollen eine gefährliche Rolle dabei spielen!“ „Das wird man gewohnt. Hier zu Lande ist eben alles gefährlich. Machen denn Sie selbst mit?“

„Ja.“

„Nun, da dürfen Sie ja nicht denken, daß ich zurückbleibe. Dabei hoffe ich aber, daß die Rolle, welche Sie mir zugedacht haben, mich nicht von Ihnen trennt.“

„Sie bleiben an meiner Seite und teilen mein Los, mag geschehen, was da wolle.“

„So bin ich befriedigt. Sagen Sie nur, was geschehen soll!“

„Ja, sagen Sie es uns,“ forderte mich auch der Desierto auf. „Ich bin sehr begierig, es zu hören.“

„Nun, die Sache ist eigentlich einfach,“ erklärte ich. „Sie gehen hinüber nach der großen Insel und legen sich mit Ihren dreißig Männern unter die Bäume, nahe an das Ufer; ich aber bringe Ihnen die Mbocovis hinüber, immer fünf oder sechs auf einmal, und Pena hilft mir dabei. Sie haben nichts zu thun, als sie zu empfangen und festzunehmen.“

Der Alte starrte mich an, ob ich das im Ernste sage. Er schien gar nicht zu wissen, wie er meine Worte aufnehmen solle. Endlich rief er aus.

„Die Mbocovis werden sich hüten, sich so auf die Insel liefern zu lassen!“

„Warum nicht!“ sagte Pena. „Sie wissen ja noch gar nicht, wie er es anfangen will!“

„Mag er es immer wie anfangen; sie machen nicht mit. Und warum gerade nach der Insel? Warum nicht hierher?“

„Weil ich einen Grund haben muß, sie zu teilen,“ antwortete ich. „Hierher können sie zugleich kommen, alle mit einander. Wenn sie aber nach der Insel müssen und es ist nur ein einziges, kleines Boot dazu da, so müssen sie sich teilen und werden infolgedessen leichter überwältigt.“

„Aber wie wollen Sie sie denn auf den Gedanken bringen, gerade nach der Insel zu fahren?“

„Ich sage ihnen, daß Sie sich drüben befinden. Sie haben doch gehört, daß es zumeist auf Ihre Person und Ihren Besitz abgesehen ist.“

„So! Daß ich drüben bin? Und das wollen Sie ihnen sagen? Sie haben also die Absicht, mit ihnen zu sprechen?“

„Wie Sie hören! Wir haben doch eingesehen, daß es keinen Kampf geben kann, der nicht uns selbst auch Opfer bringt. Um diese zu vermeiden und um den Schwiegersohn in unsere Hände zu bekommen, müssen wir zur List greifen, die einzig und allein darin besteht, daß wir die Feinde zu trennen suchen, um sie einzeln festnehmen zu können, und daß wir jeden Kampf mit ihnen vermeiden. Überfallen sie das Dorf, so können sie beisammen bleiben, und es wird unbedingt zum Kampfe kommen. Müssen sie aber auf die Insel, so können sie nur einzeln oder vielmehr in kleinen Gruppen hinüber. Begreifen Sie mich?“

„Ja doch! Aber wie wollen Sie ihnen das mit der Insel plausibel machen?“

„Ich sage ihnen, daß Sie alle sich auf diese Eilande begeben haben.“

„Was könnten wir für einen Grund dazu haben?“

„Sie sollen überfallen werden und zwar von den Chiriguanos.“

„Ah, gegen welche meine Leute jetzt gezogen sind! Aber ich kann Ihren Plan doch nicht durchschauen.“

„Er ist sehr durchsichtig, weil einfach. Hören Sie! Pena und ich sind Cascarilleros. Wir sind zu Ihnen gekommen und haben uns mit Ihnen verfeindet. Sie haben uns festgenommen, um uns zu züchtigen. Dabei sind wir von Ihren Tobas vollständig ausgeraubt worden.“

„Warum denn das?“

„Weil wir, um Glauben und Vertrauen zu finden, so thun müssen, als ob wir Ihre Feinde seien und einen großen Haß auf Sie geworfen hätten.“

„Ah so! Weiter.“

„Sie haben uns hier eingesperrt und außerordentlich schlecht behandelt. Inzwischen sind Ihre Leute gegen die Chiriguanos gezogen, von diesen aber geschlagen worden. Ein Bote ist heute gekommen und hat Ihnen das gesagt. Er hat Ihnen auch gemeldet, daß die Chiriguanos nun ihrerseits kommen, um Sie zu überfallen und sich zu rächen. Um sich zu retten, haben Sie mit sämtlichen Bewohnern das Dorf verlassen und sich auf die Insel geflüchtet. Verstehen Sie nun bald?“

„Jawohl! Sie wollen die Mbocovis nach der Insel locken und müssen ihnen also diese Geschichte erzählen.“

„Das wird nicht nur erzählt, sondern auch gethan!“

„Warum?“

„Erstens können die Männer auf den Gedanken kommen, sich zu überzeugen, ob die Geschichte wahr ist, und zweitens wird der Schwiegersohn sich gewiß herbeischleichen, um zu rekognoscieren. Er muß sehen, daß Sie nach den Inseln hinüberziehen!“

„Hm! Viel Arbeit!“

„Das müssen Sie mit in den Kauf nehmen. Bei diesem Umzuge und da Sie nicht wissen, wie die Sache ablaufen kann, sind wir beide, Ihre Gefangenen, Ihnen im Wege. Darum geben Sie uns die Freiheit, behalten aber alles, was Sie uns abgenommen haben. Sie lassen uns sogar durch einige Ihrer Leute aus dem Dorfe und eine Strecke fortbringen. Es schadet gar nichts, wenn uns einer dabei einen Hieb versetzt. Wir armen, ausgeraubten Teufels wandern nun mißmutig und voller Wut auf Sie fort und treffen dabei auf die Mbocovis.“

„Alle Wetter! Jetzt begreife ich Sie!“ rief der Alte. „Der Plan ist kostbar. Sie wollen sich den Leuten anschließen und ihnen helfen, sich an mir zu rächen?“

„So ist es. Der kleine Kahn, welcher uns vorhin getragen hat, muß hier am Ufer liegen. Er faßt im höchsten Falle sechs Personen. Die Mbocovis müssen also zehn- bis zwölfmal hinüber und herüber. So oft ein Trupp kommt, nehmen Sie ihn in Empfang.“

Aber wenn sie schreien, so ist die Sache verraten!“

„Wenn sie schreien, so sind Sie schuld daran. Sie müssen sie eben gleich so fassen, daß keiner schreien kann.“

„So wie Sie mich bei der Gurgel nahmen, nicht wahr! Das kann zehnmal gelingen und beim elftenmale doch nicht. Oder es kommen sechs; fünf von ihnen fassen wir richtig; der Sechste aber bekommt Luft und ruft um Hilfe.“

„Hm! Wenn ich dabei sein könnte! Das geht aber nicht. Wie wäre es denn – hm, ja, wenn Sie sich dazu hergeben könnten!“

„Wozu?“

„Die Kirche ist das einzige Gebäude auf der Insel; sie ist nicht verschlossen. Wenn wir die Mbocovis da hinein lockten!“

„In das Gotteshaus!“

„Warum nicht? Ich halte das für keine Sünde. Denken Sie, wozu im Kriege die Kirchen benutzt werden, und das sind wirkliche, geweihte Gotteshäuser, was aber hier wohl nicht der Fall ist.“

„Sie haben recht! Ich stimme bei.“

„Schön! Die Einzelheiten besprechen wir noch. Ich sagte vorhin, daß die Mbocovis auf den Gedanken kommen könnten, nachzusehen, ob das Dorf wirklich verlassen ist. Es muß also auch verlassen sein. Die Bewohner alle müssen am Abende hinüber auf die kleinen Inseln; Sie aber mit Ihren dreißig Kriegern besetzen die große. Geben Sie bereits jetzt die nötigen Befehle, und dann wollen wir noch einmal hinüberfahren. Ich muß mir einen passenden Landeplatz auswählen.“

„Das wollen wir. Aber Sie betrachten dabei etwas als ganz selbstverständlich, wogegen ich protestieren muß.“

„Was?“

„Daß Sie die Rolle übernehmen, welche die gefährlichste ist.“

„Haben Sie einen andern dazu?“

„Nein.“

„So muß es wohl dabei bleiben. Es fragt sich nur, ob Pena mitgeht.“

„Natürlich gehe ich mit!“ antwortete dieser.

„Ich könnte diese Rolle auch allein spielen, aber ich möchte auf alle Fälle Sie bei mir haben, falls ich Rat und Hilfe brauche.“

„Was den Rat betrifft, so haben Sie mich wohl nicht nötig. Aber in Beziehung auf die Hilfe können Sie sich auf mich verlassen.“

„Ich habe auch noch einen andern Grund. Sie verstehen die Sprache dieser Mbocovis, ich aber nicht. Nur durch Sie kann ich also erfahren, was sie sprechen.“

„Daran soll es nicht fehlen.“

„Aber Sie sind bei den Mbocovis gewesen, als Sie deren Sprache lernten. Es kann sehr leicht einer da sein, der Sie kennt. Darum müssen wir vorsichtig sein. Sie dürfen vorerst gar nicht auf die Mbocovis horchen, sondern müssen sich mit mir zu dem Schwiegersohn halten, mit welchem wir spanisch sprechen. Währenddem wird es sich wohl zeigen, ob jemand Sie kennt. Ist dies nicht der Fall, so verraten Sie mit keinem Worte und keiner Miene, daß Sie die Roten verstehen.“

„Ja, seien Sie ja so vorsichtig wie möglich,“ bat der Alte. „Wenn Sie Ihren Zweck nicht erreichen oder Ihnen gar ein Unglück geschieht, so sind auch wir schlimm daran. Ich wünschte, wir könnten diese Kerle fangen, ohne daß Sie sich in solche Gefahr zu begeben brauchen. Ich werde meine Leute nicht nur gut instruieren, sondern sogar einüben; sie sollen einander bei den Hälsen nehmen, bis sie die Besinnung verlieren, damit sie dann heute abend wissen, wie man zuzugreifen hat. Jetzt wollen wir nach der Insel.“

Der viejo Desierto rief seine Männer herbei und erteilte ihnen die betreffenden Befehle. Diese verbreiteten sie weiter, und so sahen wir die Leute in die Häuser eilen, um ihre Habseligkeiten, deren ein Indianer nur wenige besitzt, nach den Eilanden zu schaffen. Wir aber begaben uns nach dem Ufer und von da nach der großen Insel.

Die sogenannte Kirche bestand nur aus den vier Wänden und dem Dache. Von einer Seite nach der andern zogen sich die Reihen der Bänke, eingerammte Pfähle mit darauf festgebundenen Langhölzern, wie sie der Wald bietet. Vor denselben stand ein aus demselben Materiale gefertigter Tisch, welcher die Kanzel bildete, und hinter ihm ein Stuhl. Das war die ganze Einrichtung. Die Thüre hatte kein Schloß, sondern nur eine ganz gewöhnliche Holzklinke. Die Mauern waren ziemlich stark. Jede Seite besaß eine Fensteröffnung, welche mit einem Laden verschlossen war. Die Einrichtung war meinem Zwecke ganz entsprechend. Sie befriedigte mich so, daß der Alte mir dies ansah, was er durch die Frage bewies:

„Sie sind zufrieden? Denken Sie, daß wir diesen Raum benutzen können?“

„Ja; er ist sehr passend. Ich werde dafür sorgen, daß die Mbocovis hier hereingehen.“

„Wie wollen Sie das anfangen?“

„Da sie einzeln oder nur in kleinen Trupps herüberkommen, müssen sie auf einander warten. Dabei laufen sie, wenn sie sich im Freien aufstellen, Gefahr, von Ihnen gesehen zu werden. Aus diesem Grunde wird es ihnen einleuchten, wenn ich ihnen den Rat gebe, sich hier zusammenzufinden.“

„Was haben wir zu thun?“

„Zehn Mann von Ihnen stecken sich unter die Bänke und schleichen sich dann hinter die Mbocovis, um sie bei der Kehle zu nehmen. Es werden ihrer immer nur fünf sein; sechs faßt der Kahn, und einer muß ja wieder hinüber ans Ufer. Fünf von Ihren Kriegern greifen also von hinten zu, und die andern fünf haben das nötige Material bei der Hand, um sie zu knebeln und zu binden. Übrigens bedarf es nur bei den ersten Ankömmlingen ganz besonderer Vorsicht. Später können Ihre Leute sich vorn an der Thüre aufhalten und jeden Transport in Empfang nehmen. Man wird sie für die schon hier befindlichen Kameraden halten. Ein Hilferuf, wenn er nicht gar zu laut erschallt, kann schwerlich hier hinaus und bis an das Ufer dringen, und die Hauptsache ist, daß Ihre Leute stets nicht eher zugreifen, als bis die Thüre wieder zugemacht worden ist. Auch müssen die Gebundenen so bedroht werden, daß sie es nicht wagen, einen warnenden Laut hören zu lassen, wenn ein neuer Transport hereintritt. Übrigens werde ich es, wenn es immer möglich zu machen ist, so einrichten, daß ich mich mit Pena gleich bei den ersten Fünf befinde. Gelingt mir das, so brauchen Ihre Leute nur auf das zu hören, was ich sage. Es ist scheinbar an die Mbocovis, eigentlich aber an sie gerichtet. Suchen Sie Leute aus, die vielleicht ein wenig Spanisch verstehen!“

„Da habe ich zwei, die Sie leidlich verstehen werden, wenn Sie langsam und deutlich sprechen. Aber warum sollen sich nur zehn Mann hier verstecken? Ich habe ja dreißig!“

„Aus sehr guten Gründen. Erstens genügen zehn Mann vollständig, fünf Feinde zu überwältigen, und zweitens würden dreißig Menschen sich hier nicht so gut verstecken können, wie zehn. Sodann steht auch zu erwarten, daß der &Schwiegersohn sich erst nach der Insel begeben wird, um sich zu überzeugen, daß meine Angaben auf Wahrheit beruhen und daß er seine Leute ohne Gefahr hier auf einander warten lassen kann. Er wird sehen wollen, ob es wirklich an dem ist, daß er sich Ihrer zu bemächtigen vermag. Darum muß er Sie und Ihre übrigen zwanzig Krieger sehen.“

„Bei der Dunkelheit wird er mich nicht erkennen!“

„Sie mit Ihrem Barte und langem, schwarzem Talare sind selbst im Dunkeln zu unterscheiden. Um ihm aber die Sache so leicht wie möglich zu machen, brennen Sie ein Feuer an, um welches Sie sich lagern. Die Stelle dazu müssen Sie so wählen, daß er sich ohne Mühe anschleichen kann und daß er auch zu der Einsicht gelangt, daß Sie sich um die Gegend, in welcher die Kirche steht, gar nicht bekümmern.“

„Sagen Sie mir den passendsten Ort!“

„So kommen Sie heraus!“

Wir verließen die Kirche und ich fand eine Stelle, wo das Feuer, genügend von der Kirche entfernt, angebrannt werden konnte. Der geheimnisvolle Mann blickte nachdenklich vor sich nieder. Pena mochte denken, daß er mit meinen Ratschlägen nicht einverstanden sei, denn er fragte:

„Was machen Sie für ein Gesicht? Können Sie vielleicht bessere und sachgemäßere Anordnungen treffen?“

„Nein, gewiß nicht,“ lautete die Antwort. „Gut ist der Plan, ja, aber auch sehr kompliziert und nicht leicht auszuführen. Den zehn Personen, welche ich in die Kirche postiere, fällt eine schwere Aufgabe zu.“

„Suchen Sie nur Leute aus, welche derselben gewachsen sind! Der Angriff gilt Ihnen und nicht uns. Darum liegt es nur in Ihrem Interesse, sich Mühe zu geben. Uns beide geht die Sache eigentlich nichts an. Wir haben unsern Zweck erreicht und Sie gewarnt und könnten nun unsere Wege gehen. Anstatt dessen aber bleiben wir und nehmen sogar den schwersten und gefährlichsten Teil der Aufgabe auf uns. Es ist kein Spaß, sich unter die Mbocovis zu wagen; das werden Sie zugeben!“

„Freilich! Wenn ich daran denke, so möchte mir himmelangst um Sie werden!“

„Denken Sie nicht an uns, sondern an sich!“ sagte ich ihm. „Und sorgen Sie dafür, daß meine Ratschläge befolgt werden. Ich bin, wie bereits erwähnt, überzeugt, daß der Schwiegersohn, der jetzt mit seiner Schar das Versteck vielleicht erreicht hat, sich nach der Lagune schleicht, um sich umzusehen. Lassen Sie den Umzug nach den Inseln recht auffällig vor sich gehen, so daß er es bemerken muß! Und ferner, da Sie uns ausgeraubt haben, so müssen wir auch äußerlich als Leute erscheinen, die sich als Gefangene in brutalen Händen befunden haben. Wir werden also unsere Anzüge zurücklassen, und Sie müssen für Kleidungsstücke sorgen, mit denen wir uns leidlich bedecken können.“

„Was?“ fragte Pena. „Soll ich mich etwa nur in ein altes indianisches Hemde einwickeln?“

„Ja. Je ärmlicher wir aussehen, desto leichter finden wir Glauben und Vertrauen.“

„Mir auch recht! Soll es Fasching sein, dann bin ich mit der tollsten Verkleidung einverstanden. Ich werde auch meinen Haaren eine Frisur geben, welche Vertrauen erweckt.“

„Keine Überschwänglichkeiten! Es muß alles wahr und nicht gemacht erscheinen.“

„Aber unsere Waffen nehmen wir mit!“

„Nein. Wir haben unsere Fäuste, und gilt es, so genügt ein Griff, um uns in den Besitz von Messern und anderen Waffen zu bringen. Droht uns Gefahr, so ist es natürlich das erste, dem nächststehenden Roten seinen Kneif, seine Pfeile oder was er sonst hat, zu entreißen.“

„Ist diese Maßregel partout notwendig?“

„Ja. Wenn die Tobas uns feindlich behandeln und uns alles nehmen, so werden sie uns doch nicht gerade im Besitze dessen lassen, was für sie den größten Wert besitzt und, wenn sie es uns lassen, ihnen gefährlich werden könnte, nämlich unsere Waffen.“

„Sie haben recht. Wir wagen viel; aber ich denke, daß es gelingen wird.“

jetzt sahen wir Leute am Ufer erscheinen, welche die Boote losmachten, um ihre Habseligkeiten nach den Inseln zu schaffen. Weiter oben lag ein Floß, welches als Fähre für die Tiere diente. Auch dieses wurde in Gebrauch genommen. Es entwickelte sich zwischen dem Ufer und den Eilanden ein sehr reges und bewegtes Leben, welches selbst in größerer Ferne zu sehen war und auffallen mußte. Wir verließen die Insel. Als wir landeten und aus dem Boote stiegen, sagte ich zu dem Alten:

„Nun öffnen Sie die Schleuße!“

Wie? Ich soll das Wasser in den Graben laufen lassen? Sie sagten doch, daß dies Verdacht erregen würde!“

„Den erregt es nur in dem Falle, daß die Mbocovis diese Maßregel auf sich beziehen. Haben sie aber erfahren, daß Sie von den Chiriguanos überfallen werden sollen und vor diesen auf die Inseln geflüchtet sind, so werden sie es als ganz selbstverständlich nehmen, daß Sie Ihre verlassenen Wohnungen durch einen Wasserring vor der Zerstörung schützen wollen.“

Die Schleuße wurde aufgezogen, und das Wasser ergoß sich in einem breiten, starken Strahle in den Graben, so daß ich annahm, daß der Ringgraben sich zwar nicht binnen einigen Stunden, aber doch bis zum Abende gefüllt haben werde.

Nun galt es, den Umzug zu beaufsichtigen, und noch manches andere Nötige zu thun. Unser Plan wurde noch viel ausführlicher durchsprochen, als es bisher möglich gewesen war, wo es sich bloß um die Hauptzüge desselben gehandelt hatte. Alle möglichen Bedenken und Störungen wurden erwogen, um Beschluß zu fassen, was in den einzelnen, unvorhergesehenen Fällen gethan werden sollte. Und dann erhielten die mithandelnden Indianer ihre genauen Instruktionen.

Darüber war die Zeit des Mittages und auch ein ziemlicher Teil des Nachmittages vergangen, und wir, Pena und ich, mußten nun an den Aufbruch denken.

Der Alte besaß einen Vorrat von Stoff zu Anzügen für seine Leute, auch fertig gemachte Stücke, und bot uns diese zur Auswahl an. Ich durfte aber nicht darauf eingehen, da es unserm Zwecke nicht entsprochen hätte, neue Sachen zu tragen. Darum wurden zwei alte Hosen und indianische Hemden herbeigeschafft, und wir begaben uns nach dem Felsen, um uns in der Wohnung des Desierto umzuziehen und dort unsere Waffen aufzubewahren, da sie dort jedenfalls am sichersten lagen.

Als wir dann noch einmal in den Garten gingen, sahen wir wirklich aus wie zwei Menschen, welche der Gefangenschaft entronnen sind. Ich blickte durch eine Maueröffnung hinab zum See und rechts hinüber nach der Uferseite der Richtung, aus welcher wir nach der Lagune gekommen waren. Der Alte stand bei uns und erklärte uns den Weg, welchen wir einschlagen mußten, um nach dem Verstecke der Mbocovis zu gelangen.

„Jammerschade, daß ich um mein Fernrohr gekommen bin!“ sagte ich. „Es würde mir jetzt gute Dienste leisten. Vielleicht könnte ich durch das Rohr den Schwiegersohn entdecken.“

„So kann Ihnen geholfen werden, denn ich habe ein Perspektiv.“

„Wirklich? Das ist vortrefflich! Holen Sie es!“

Er holte mir das Rohr, welches größer und besser als das meinige war, und ich richtete es nach dem Ufer der Lagune. Ich suchte dasselbe einigemale sehr sorgfältig ab, ohne etwas anderes als einige Vögel zu sehen.

„Sie irren,“ meinte der Alte. „Der Yerno ist nicht da. Er wird sich hüten, am Tage nach der Lagune zu kommen, wo er so leicht entdeckt werden kann.“

„Und doch möchte ich darauf wetten, daß er da ist oder daß er dagewesen ist oder auch noch kommt!“

„Geben Sie sich weiter keine Mühe! Es ist vergeblich!“

Ich war auch davon überzeugt und setzte das Rohr ab. Pena nahm es mir aus der Hand und meinte:

„Lassen Sie sehen, ob ich ihn vielleicht erwische! Ich habe zwar kein Geschick dazu, aber ich weiß, daß –“

Er hielt inne, und sein Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an. Man erfährt sehr oft, daß, was dem einen trotz aller Mühe nicht gelingt, dem andern gleich beim ersten Versuche in die Hände läuft. So auch hier. Pena nahm das Rohr vom Auge und sagte in befriedigtem Tone:

„Ich habe ihn! Ich halte das Ding ans Auge, blicke hinein und sehe einen Kerl, welcher im Schilfe am Ufer liegt, gerade vor meinem Glase. Es war, als habe mir ein Unsichtbarer das Rohr gerade auf diese Stelle gerichtet.“

„Wo liegt er?“

Er beschrieb mir die Stelle, und ich fand den Mann. Die Entfernung war zu groß, als daß ich seine Züge hätte erkennen können; aber ein Weißer war es, und auch genau so gekleidet wie der Yerno.

„Er ist’s!“ rief ich erfreut aus. „Ich habe also ganz richtig vermutet. Daß er da ist und sich gerade dort befindet, das erleichtert uns unser Vorhaben außerordentlich. Kommen Sie schnell hinunter! Wir müssen hinüber zu ihm. EI Desierto geht auch mit.“

„Ich?“ fragte der Alte erstaunt. „Sind Sie des Teufels?“

„Nein. Ich erkläre Ihnen die Sache unterwegs! Nehmen Sie zwei Stricke oder Riemen mit, um uns zu binden! Auch das Fernrohr wird mitgenommen.“

Ich ging rasch fort und sie mußten mir folgen. Als wir an der Algarobe hinuntergeklettert waren, konnte ich ihnen sagen, was ich vorhatte. Beide stimmten mir bei. Wir gingen zum Ufer und riefen dort zwei Indianer zu uns. Pena wurde an Händen und Füßen, ich nur an den letzteren gebunden; dann legte man uns beide in das Boot. Der Alte setzte sich zu uns, und die Indianer ergriffen die Ruder. Das Boot verließ den Anlegeplatz, um nach dem Punkte gerichtet zu werden, an welchem der Schwiegersohn lag.

Dieser hatte uns bisher nicht sehen können, da die Insel dazwischen lag; aber als wir um die Spitze derselben kamen, mußte er uns bemerken. Ich lag auf dem Bauche und legte das Fernrohr auf den Rand des Bootes, um zu beobachten, was er thun werde.

Er sah, daß der Lauf des Fahrzeuges gerade nach der Stelle gerichtet war, an welcher er sich befand, und kroch durch das Schilf zurück. Für einige Augenblicke wurde er durch dasselbe verdeckt, und ich verlor ihn aus den Augen. Dann aber sah ich ihn wieder erscheinen. Er richtete sich am Stamme einer Carapa auf und blickte nach uns. Dann legte er die Hände um den Stamm und kletterte an demselben empor. Ich hatte genug gesehen und schob das Fernrohr zusammen, gab es dem Alten und forderte ihn auf:

„Binden Sie mir nun auch die Hände! Der Coup wird gelingen. Er sitzt auf einem Baume.“

„Das ist ja tollkühn von ihm! Wenn wir ihn nun sehen!“

„Der Wipfel des Baumes ist dicht genug, ihn zu verbergen. Er wird hören wollen, was gesprochen wird.“

„Aber er könnte sich doch auch sagen, daß wir ihn gesehen haben und ihn nun fangen wollen!“

„Das ist seiner Ansicht nach unmöglich. Mit dem bloßen Auge konnte man ihn nicht sehen, und daß Sie ein Fernrohr haben, weiß er nicht. Daß er nicht flieht, sondern sich auf dem Baum verbirgt, ist ein Beweis, daß er sich sicher fühlt. Das Boot kommt ihm wichtig genug vor, um es ihn wagen zu lassen, zu bleiben, um erfahren zu können, was es will. Bis jetzt hat er uns zwei nicht sehen können. Nun aber wird er uns bald bemerken.“

Wir näherten uns schnell dem Ufer und stießen an einer Stelle an, welche von seinem Verstecke etwa zwanzig Schritte entfernt war. Er mußte also hören, was gesprochen wurde. Wir hatten es vermieden, dort anzulegen, wo er gelagert hatte. Seine Spur hätte uns auffallen müssen – was er freilich auch nicht berechnet hatte, der Unvorsichtige! – und dadurch wäre unsere unbefangene Handlung gestört worden.

Einer der Roten sprang an das Ufer und band den Kahn am Schilfe fest. Dann wurden wir beide einer nach dem andern ziemlich unsanft herausgewälzt. Der Alte knotete mir die Handfessel auf und sagte laut:

„So, jetzt könnt ihr euch selbst vollends losbinden. Macht euch dann aber schnell von dannen, und wagt es niemals wieder, euch auf dem Gebiete der Tobas sehen zu lassen! Erwischen wir euch wieder, so kommt ihr nicht mit dem Leben davon, wie jetzt. Fort mit euch, ihr Halunken!“

Er gab mir mit dem Ruder einen tüchtigen Hieb; der Rote band das Boot wieder los, sprang hinein, und dann ruderten sie zurück. Ich ballte beide Fäuste und drohte ihnen nach. Dann band ich mir den Riemen von den Füßen und löste auch die Fesseln meines Kameraden. Wir standen auf, reckten die Arme und Beine, befühlten die Stellen, an denen wir gebunden gewesen waren, und thaten überhaupt so, als ob wir lange Zeit gefesselt gewesen wären. Dabei machte ich Pena in leisen Worten auf den Baum aufmerksam, auf welchem der Mann saß. Wir näherten uns demselben, ohne bemerken zu lassen, daß seine zurückgelassene Spur, auf welcher wir jetzt standen, auffallen mußte, und blieben dann stehen, indem wir dem eben hinter der Insel verschwindenden Boote nachblickten.

„Endlich, endlich!“ rief ich aus, indem ich tief Atem holte. Natürlich sprach ich so laut, daß es der auf dem Baume sitzende Yerno hören mußte. „Schon dachte ich, daß es unser Letztes sei! Ich glaubte, daß wir in das Wasser geworfen und ersäuft werden sollten.“

„Ich auch,“ stimmte Pena bei.

„Daß dieser alte Halunke es nicht gethan hat, ist sehr dumm von ihm! Meinst du nicht auch?“

„So wäre es also gescheiter gewesen, wenn uns jetzt die Krokodile hätten, von denen diese verteufelte Lagune wimmelt?“

„Ja, nämlich von seinem Standpunkte aus. Er wäre uns dann für immer los gewesen.“

„Ah, so meinst du es! ja, er wird uns wohl bald wieder zu sehen bekommen!“

„Trotz seiner Drohung, die ich verlache! Hätte ich nur schnell wieder ein Messer und ein Gewehr; die erste Kugel wäre für ihn bestimmt!“

„Und ich ruhe nicht eher, als bis wir ihn samt all seinen roten Dieben weggeputzt haben! Uns auszurauben bis auf den nackten Leib und dann in diese Lumpen zu stecken! Was nun thun und anfangen? Wir können nichts schießen und nichts jagen. Wie wollen wir leben und uns bis zur nächsten Ansiedelung durchfristen? Von Wurzeln leben etwa, wie das liebe Vieh?“

„Was bleibt uns anderes übrig?“

„Der Henker hole den Kerl; wenn nicht, so holen wir ihn selbst! Aber wir müssen fort, sonst bereut er es, uns freigegeben zu haben, und kommt zurück.“

„Aber wohin?“

„Nun, irgend wohin, wo es Menschen giebt, die uns helfen können. Nach dem Rio Salado. Dort giebt es Orte genug.“

Ich blickte nachdenklich vor mir nieder und brummte in den Bart.

„Was sinnst du?“ fragte Pena. „Bist du etwa anderer Meinung?“

„Ja,“ antwortete ich, wie unter einem Entschlusse auffahrend. „Nach dem Salado ist’s zu weit. Wir können unterwegs zehnmal verhungern und verkommen. Was denkst du? Wie wäre es mit den Chiriguanos?“

„Das ist ein guter Gedanke!“ rief Pena erfreut. „Daran hätte ich kaum gedacht! Das ist vortrefflich! Das ist das beste, was wir thun können!“

„Nicht wahr! Wir suchen die Chiriguanos auf und fallen mit ihnen über die Schurken her. Wir holen uns alles wieder, was sie uns genommen haben, und noch mehr, viel mehr dazu!“

„Ja, viel mehr!“ rief Pena triumphierend. „Wenn dieser alte Desierto wüßte, daß wir sein Gespräch mit der Königin belauscht haben! Nun wissen wir, wo er das viele Geld versteckt hat. Das wird natürlich unser. Alles übrige lassen wir den Chiriguanos. Dieser Hund soll dabeistehen, wenn wir seinen Kasten herausholen und aufmachen, gebunden und gefesselt wie wir während dieser Tage! Die Wut soll ihn halb umbringen und das übrige werden unsere Messer besorgen!“

„Nur erst welche haben!“

„O, die bekommen wir! Die Chiriguanos werden uns gerne als Verbündete empfangen und mit Waffen versorgen. Wollen keine Zeit verlieren. Machen wir also, daß wir hier fortkommen.“

„Ja, gehen wir! Wir werden diese Lagune sehr bald wiedersehen, und zwar unter ganz anderen Verhältnissen, als wir sie jetzt verlassen. Der Alte hat uns zwar streng befohlen, uns nur in östlicher Richtung zu halten, und gesagt, daß er uns beobachten lassen werde, aber wir gehen dennoch erst um den See. Es fällt ihm gar nicht ein, uns Aufpasser nachzuschicken; er hat keinen einzigen Mann dazu übrig, wegen des Überfalles, der ihm droht. Freilich weiß er nicht, daß wir alles erfahren haben. Komm fort!“

Wir gingen, indem wir langsamen Schrittes und uns unter den Bäumen haltend, dem Ufer folgten. – –

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The Home Of The Ghost

The home of the ghost

„My dearling, my dearling,
My love child much dear,
My joy and my smile
My pain and my tear!“

so klang das alte, liebe Tennessee-Wiegenlied in die stille Morgenluft hinaus. Es schien, als ob die Zweige der nahen Mandel- und Lorbeerbäume sich dazu im Takte neigten, und Hunderte von Kolibris zuckten wie farbige Funken um die alte Negerin, welche ganz allein am Wasser saß.

Die Sonne hatte sich soeben über den niedrigen Horizont erhoben, und ihre Strahlen strichen wie glänzende Brillantsträhne über das klare Gewässer dahin. Ein Königsgeier zog hoch oben in der Luft seine Kreise; unten am Ufer naschten mehrere Pferde wie gesättigte Feinschmecker von besonders saftigen Halmen des Delicacy-Grases, und auf der Spitze einer Cypresse saß die Drossel Mocking-bird, lauschte mit schief gehaltenem Köpfchen dem Gesange der Negerin und ahmte, als derselbe zu Ende war, die letzten Worte der Strophe mit einem laut schallenden „Mittir-mittir-mittir“ nach.

Über dem Gefieder niedriger Palmen, welche sich im Wasser spiegelten, breiteten hohe Zedern und Sykomoren ihre schützenden Wipfel, unter denen riesige, bunt schillernde Libellen nach Fliegen und anderen kleinen Insekten jagten, und hinter dem nahe am Wasser stehenden Häuschen zankte sich eine Schar von Zwergpapageien um die goldigen Körner des Maises.

Von außen konnte man nicht sehen, aus welchem Materiale das Häuschen erbaut worden war, denn sowohl seine vier Seiten als auch das Dach wurden vollständig überdeckt von dem dichten Gerank der weißen, rotfädigen Passionsblume, deren gelbe, süße, dem Hühnerei gleichende Früchte lebhaft aus der Fülle der gelappten Blätter hervorleuchteten. Das alles machte den Eindruck der Tropen. Man hätte meinen können, sich in einem Thale von Südmexiko oder des mittleren Boliviens zu befinden, und doch lag dieser kleine See mit seiner Passiflorenhütte und seiner südlichüppigen Vegetation nirgends anderswo als – – – inmitten der gefürchteten Llano estakata. Er war das geheimnisvolle Wasser, von welchem so viele gesprochen hatten, ohne es jemals gesehen zu haben.

„My heart-leaf, my heart-leaf,
My life and my star,
My hope and my delight,
My sorrow, my care!“

sang die Schwarze weiter.

„Mikkehr-mikkehr-mikkehr,“ ahmte der Spottvogel die beiden letzten Worte nach.

Aber die Sängerin achtete nicht auf ihn. Sie hatte die Augen auf eine alte Photographie gerichtet, welche sie in den beiden Händen hielt und zwischen den einzelnen Versen küssend an ihren welken Mund führte.

Viele, viele Thränen waren auf das Bild gefallen, und ebenso viele Küsse hatten es so verwischt, daß nur ein sehr scharfes Auge noch zu erkennen vermochte, wen oder was das Bild vorgestellt hatte, nämlich eine Negerin mit einem schwarzen Knäbchen im Arme. Der Kopf des letzteren fehlte ganz; er war hinweggeküßt und von den Thränen hinweggewaschen worden.

„Du sein mein gut, lieb Bob!“ sagte sie in zärtlichem Tone. „Mein Little-Bob, mein Small-Bob. Ich deine Mutter. Missus gut und freundlich gewesen, haben machen lassen ihr Bild, und als Photograph kommen, haben auch machen lassen Bild von Sanna und ihr klein Bob, dann als Missus sterben‘ Massa haben verkaufen Bob, und Mutter Sanna nur noch haben Bild von Bob. Es haben behalten, als selbst verkauft werden; es haben auch behalten, als gut Massa Bloody-Fox sie haben bringen hierher, und es werden behalten ferner, bis alt Sanna sterben und nicht wiedersehen Bob, der wohl sein worden indessen ein groß, stark Nigger und auch nicht haben vergessen sein brav, lieb Mutter Sanna. O, my dearling, my dearling, my joy and my –-.“ Sie hielt inne und erhob lauschend den Kopf, dessen schneeweißes, wolliges Haar seltsam gegen die dunkle Farbe des Gesichtes abstach. Das Geräusch eines Kommenden ließ sich hören. Sie sprang auf, steckte die Photographie in die Tasche ihres Kalikorockes und rief –

„O Jessus, Jessus, wie Sanna sich freuen! Fox kommen endlich wieder. Gut Bloody-Fox wieder da. Ihm gleich geben Fleisch und backen Kuchen von Mais!“

Sie eilte nach dem Häuschen, hatte dasselbe aber noch nicht erreicht, als der Genannte unter den Bäumen erschien. Er sah sehr blaß und angegriffen aus; sein Pferd schwitzte am ganzen Körper und hatte einen müden, stolpernden Gang. Beide mußten ungewöhnlich angegriffen sein.

Welcome, Massa!“ empfing ihn die Alte. „Sanna gleich bringen Essen; Sanna schnell machen!“

„Nein, Sanna,“ antwortete er, indem er sich aus dem Sattel schwang. „Fülle die Schläuche, alle, alle! Das ist das Notwendigste, was jetzt geschehen muß.“

„Warum Schläuche? Für wen? Warum Massa Fox nicht essen? Er doch haben müssen ein sehr groß Hunger!“

„Allerdings habe ich den; aber ich werde mir selbst nehmen, was ich brauche. Du hast keine Zeit dazu. Du mußt die Schläuche füllen, mit denen ich augenblicklich aufbrechen werde.“

„Jessus, Jessus! Schon wieder fort? Warum alt Sanna stets ganz allein lassen mitten in groß, weit Estakata?“

„Weil sonst ein ganzer Zug fremder Einwanderer verschmachten muß. Diese Leute sind von den Geiern irre geführt worden.“

„Warum haben Massa Fox sie nicht besser führen?“

„Ich konnte nicht an sie, denn sie werden von so zahlreichen Geiern umschwärmt, daß ich dem sichern Tode verfallen wäre, wenn ich es gewagt hätte, die Kette zu durchbrechen, welche sie bilden.“

„So werden töten sie die arm, gut Emigrant!“

„Nein. Es kommen kühne und starke Jäger von Norden her, auf deren Hilfe ich mit Sicherheit rechne. Aber was nützt diese Hilfe, wenn kein Wasser vorhanden ist! Die Emigranten würden verschmachten, obgleich sie von den Geiern befreit worden wären. Also Wasser, Wasser, Sanna, und zwar schnell! Ich belade sämtliche Pferde mit den Schläuchen. Nur den Rappen hier muß ich zurücklassen. Er ist zu sehr ermüdet.“

Fox ging nach dem Häuschen und trat durch die von den Passifloren eng umrahmte Thür. Das Innere bestand aus einem einzigen Raume. Die vier Wände waren aus Schilf und aus dem feinem Schlamm des kleinen Sees errichtet und mit langem, trockenem Rohr gedeckt. Über einem aus Erde gebauten Herde öffnete sich der ebenso aus Schilf und Schlamm bestehende Rauchfang, unter welchem ein eiserner Kessel hing. In jeder der drei anderen Wände gab es ein kleines Fenster, weiches von dem Blumengerank frei gehalten wurde.

Unter dem Dache hingen Stücke geräucherten Fleisches und an den Wänden alle Arten von Waffen, welche in dem Westen zu sehen und zu haben sind. Der Fußboden war mit Fellen belegt. Die zwei Bettstellen bestanden aus an Pfählen befestigten Riemen, über welche Bärenfelle gebreitet waren. Den größten Schmuck der Stube bildete die dickzottige Haut eines weißen Büffels, an welcher der Schädel gelassen worden war. Sie hing der Thür gegenüber, und zu beiden Seiten von ihr steckten wohl über zwanzig Messer in der Wand, in deren Horn- oder Holzgriffen verschiedene Zeichen eingeschnitten waren.

Ein Tisch, zwei Stühle und eine Leiter, welche bis zur Decke reichte, bildete das ganze Ameublement des Passiflorenhäuschens.

Bloody-Fox trat zu dem Felle, strich mit der Hand an demselben herab und sagte zu sich:

„Die Uniform des „Geistes“, daneben die Messer der Mörder, die von seiner Kugel fielen –– sechsundzwanzig schon. Wann aber werde ich den entdecken, der mehr als sie alle den Tod verdient? Vielleicht nie! Pshaw, noch hoffe ich, denn der Bösewicht pflegt von seinem Gewissen immer und immer wieder zur Stätte des Verbrechens zurückgetrieben zu werden. Jetzt muß ich eine Viertelstunde lang ruhen.“

Er warf sich auf das eine Lager und schloß die Augen, doch nicht, um zu schlafen. Was für Bilder mochten an der Seele dieses noch so jungen Mannes vorüberziehen!

Nach Verlauf einer halben Stunde kam die Negerin Sanna herein und meldete ihm, daß die Schläuche gefüllt seien. Er sprang vom Lager und hob eins der am Boden liegenden Felle auf. Unter demselben gab es eine kleine, verdeckte Vertiefung, aus der er ein mit Blech ausgeschlagenes Kistchen nahm. Es enthielt Munition, von welcher er den an seinem Gürtel hängenden Beutel füllte. Dann stieg er auf der Leiter zur Decke empor, um sich mit Fleisch zu versehen. Als dies geschehen war, ging er hinaus an den See, an dessen Ufer acht große, mit Wasser gefüllte Lederschläuche lagen, von denen je zwei und zwei durch einen breiten Ledergurt und mehrere Riemen verbunden waren, Mit dem Inhalte dieser Schläuche hatte Bloody-Fox schon manchen verirrten Reisenden vom Tode des Verschmachtens errettet.

Fünf Pferde waren es, welche sich am kleinen See befunden hatten. Eins von ihnen bekam den Reitsattel aufgelegt, welchen Fox dem ermüdeten Rappen abnahm; die anderen bekamen die Schläuche zu tragen, und zwar in der Weise, daß ihnen der Gurt auf den Rücken und rechts und links je ein Schlauch zu liegen kam und die Vorrichtung dann mittels der, Riemen befestigt wurde. Die Pferde wurden aneinandergehängt, das eine mit dem Zügel an den Schwanzriemen des anderen, so daß das Reitpferd als vorderstes kam; dann stieg Bloody-Fox in den Sattel.

Die Negerin hatte bei diesem Arrangement mit kundiger Hand geholfen; es war heute nicht zum erstenmal. Jetzt sagte sie:

„Massa Fox kaum da, schon gleich gehen wieder in Gefahr! Was werden aus alt, arm Sanna, wenn Massa Fox mal werden schießen tot und nicht wiederkommen?“

„Ich komme wieder, hebe Sanna,“ antwortete er. „Mein Leben steht unter einem mächtigen Schutze. Wäre das nicht der Fall, so lebte ich längst nicht mehr; das glaube mir!“

„Aber Sanna stets so ganz allein! Gar niemand haben, mit dem sie reden, als nur Pferd und Papageien und Bild von Little-Bob!“

„Nun, vielleicht bringe ich bei meiner diesmaligen Wiederkehr Gesellschaft mit. Ich treffe mit Männern zusammen, denen ich mein Home gern zeigen werde, obgleich ich es bisher geheim gehalten habe. Es ist auch ein Neger dabei, welcher Bob heißt, gerade so wie dein Dearling-Boy.“

„Nigger Bob? O Jessus, Jessus! Haben er wohl eine Mutter, welche Susanna heißen, aber Sanna genannt werden?“

„Das weiß ich nicht.“

„Sein er verkaufen aus Tennessee nach Kentucky?“

„Ich habe ihn nicht gefragt.“

„Am End es sein mein Little-Boy!“

„Was fällt dir ein! Tausend Niggers heißen Bob. Wie kannst du denken, daß gerade dieser der deinige sei! Mache dir nicht solche Gedanken! Vielleicht bringe ich ihn mit, und dann kannst du mit ihm selbst sprechen. Lebe wohl, Sanna; pflege den Rappen gut!“

„Leben wohl, Massa! O Jessus, Jessus, nun Sanna wieder allein! Bringen mit Nigger Bob, bringen mit!“

Er nickte ihr freundlich zu und setzte dann seine Tropa in Bewegung, mit welcher er schnell unter den Bäumen verschwand.

Die Cypressen, Cedern und Sykomoren am Wasser waren alte Bäume; die Mandel- und Lorbeerbäume aber hatte Bloody-Fox gepflanzt, ebenso das Wäldchen von Kastanien, Mandeln und Orangen, durch welches er jetzt ritt. Dann folgte ein Streifen dichter, schnell wachsender Sträucher, welche bestimmt waren, Wind und Sand von der kleinen Oase abzuhalten. Der junge Mann hatte vom See her schmale Gräben gezogen, um dieses Buschwerk zu bewässern, welches, wo die Feuchtigkeit des Bodens aufhörte, schnell in an der Erde hinkriechende Kaktusarten überging, bis dann die kahle, vegetationslose Sandfläche der Llano folgte.

Hier angekommen, wo er die notwendige Schnelligkeit entfalten konnte, setzte er seine Tropa in Galopp, so daß sie bald als dunkler Punkt am fernen Horizonte verschwand – – – – – – Einen halben Tagesritt im Nordwesten der Passiflorenhütte bewegte sich um die Mittagszeit desselben Tages ein ansehnlicher Reitertrupp in nordöstlicher Richtung durch die Llano estakata. Voran ritt Winnetou mit dem Häuptling der Komantschen, hinter ihnen der Bärenjäger mit Martin, seinem Sohn; dann folgten nebeneinander Ben New-Moon, Porter, Blount und Falser, und den Zug beschlossen die Krieger der Komantschen.

Sie ritten so schweigsam, als ob sie jeden Laut mit dem Leben eines der Ihrigen bezahlen müßten. Die Auge der Hinteren schweiften suchend nach links und rechts oder forschend über den vor ihnen liegenden Horizont, meist aber waren sie auf die beiden Anführer, besonders auf Winnetou gerichtet, welcher so im Sattel saß, daß er zur Seite tief vom Pferde herniederhing, und die Fährte, weicher sie folgten, genau beobachten konnte.

Das war die Spur der Brüder Cortejo, welcher sie bisher gefolgt waren, und von welcher sie sich nach der Murding-Bowl leiten lassen wollten.

Da hielt Winnetou plötzlich sein Pferd an und sprang aus dem Sattel. Dem Boden, welcher aus leichtem Sande bestand, waren weit mehr Spuren aufgedrückt als bisher. Es sah ganz so aus, als ob mehrere Reiter hier ein Ringelrennen abgehalten hätten. Es waren nicht nur Huf-, sondern auch Fußspuren zu sehen. Die Reiter, welche hier gewesen waren, hatten den Sattel verlassen, um irgend eine sichtbare Fährte genau in Augenschein zu nehmen.

Während die anderen hielten, untersuchte Winnetou jeden Schritt breit der aufgewühlten Stelle. Dann ging er langsam und vornüber gebeugt eine ganze Strecke nach rechts hin. Als er zurückkehrte, sagte er zum Häuptling der Komantschen, so daß alle es hören konnten:

„Hier sind die beiden Bleichgesichter auf eine Fährte gestoßen und abgestiegen, um dieselbe zu lesen. Die Spur stammt von fünf Pferden, welche zusammengebunden gewesen sind, eins hinter dem anderen. Hätten mehrere Reiter auf diesen Pferden gesessen, so wären dieselben nicht aneinander gefesselt gewesen; also war es eine Tropa von fünf Tieren mit nur einem Reiter, welcher auf dem vordersten saß. Dieser Reiter ist mit seinem Zuge vor drei Stunden hier vorübergekommen. Die beiden Weißen, welche sich Mexikaner nannten, sind vor zwei Stunden auf seine Spur gestoßen und ihr gefolgt. Mein Bruder der Komantschen mag die Spuren ansehen, deren Kanten teils noch scharf, teils schon eingefallen sind. Er wird auch sagen, daß sie nicht mehr und nicht weniger als mindestens zwei und höchstens drei Stunden alt sind.“

Der Komantsche stieg vom Pferde, um nun seinerseits die Fährte zu untersuchen. Als er das gethan hatte, stimmte er Winnetou vollständig bei.

Nun stieg auch Baumann, der Bärenjäger, ab. Tief zur Erde niedergebückt, bewegte er sich langsam rund um den Platz und dann auch nach rechts hin, und zwar weiter, als Winnetou gekommen war. Dort kauerte er sich nieder, als ob er eine Stelle genauer betrachten wolle. Dann gab er Winnetou einen Wink und sagte, als dieser zu ihm kam, in den Sand deutend:

„Der Häuptling der Apachen wird sehen, daß der Reiter hier abgestiegen ist. Warum mag er das gethan haben?“

Winnetou blickte der Fährte nach rechts hin nach und antwortete:

„Der Mann ist ein Bleichgesicht, wie ich an seinen Füßen sehe. Sein Alter ist das eines jungen Mannes. Er hat Wasser verloren, wie man neben der Spur der Pferde sieht. Von hier an hat dieser Verlust nicht mehr stattgefunden. Also ist er hier abgestiegen, um das Faß oder den Schlauch, den er bei sich gehabt hat und welcher ausgelaufen ist, zu verschließen.“

„Meint mein roter Bruder, daß es nur ein Faß oder Schlauch gewesen sei?“

„Nur eins war es, welches auslief, aber er hat deren acht bei sich gehabt. Zwei werden auf jedes Tier geladen; auf einem Pferde hat er gesessen, fünf aber waren es, folglich haben hinter ihm vier Pferde acht Schläuche getragen.“

„Wozu aber so viel Wasser? Für sich und sein Pferd braucht er es nicht.“

„Nein. Er muß nach einem Orte geritten sein, wo viele es brauchen. Entweder ist er ein Geier, welcher die anderen Raubtiere tränken soll, oder er ist ein ehrlicher Mann, welcher andere ehrliche Leute laben will. Er muß wissen, daß solche Leute vorhanden sind. Wer können diese sein?“

„Vielleicht der Zug der Weißen, welcher überfallen werden soll?“

„Mein Bruder hat wohl das Richtige geraten. Wir wollen uns wieder aufsetzen und den beiden Fährten, welche hier in eine zusammenlaufen, schnell folgen.“

Sie stiegen wieder auf ihre Pferde und ritten in beschleunigtem Tempo den vereinigten Spuren nach, welche nun nicht mehr nach Nordost, sondern genau nach Norden führten.

Es gab nichts als Sand und immer wieder Sand, in welchem sich die Fährte scharf aussprach. Nur hier und da gelangten die Reiter an eine Stelle, an welcher der nackte Fels zu Tage trat; meist aber machte die Llano den Eindruck, als ob sie der Boden eines vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden ausgetrockneten großen Sees sei.

Zuweilen erblickten sie links oder rechts von sich in der Ferne graubräunliche Streifen am Horizonte, welche dort liegende Kaktusstrecken markierten, durch welche niemand reiten konnte.

So ging es weiter und immer weiter.

Die Spuren, denen man folgte, wurden jünger und immer jünger, ein sicheres Zeichen, daß man denen, welchen man folgte, immer näher kam.

Als der Nachmittag fast vergangen war, erreichte die Truppe eine Stelle, an welcher die Spuren sich abermals vervielfachten, doch nicht weil neue dazu gekommen waren, sondern weil hier angehalten worden war. Winnetou stieg vom Pferde, um den Platz zu untersuchen. Er ging eine Strecke weit nach Nord und dann, als er zurückgekehrt war, ebensoweit nach Ost und sagte dann, als er wieder bei den anderen eintraf:

„Der Mann mit dem Wasser ist gerade nach Nord geritten; die beiden Mexikaner haben hier überlegt, ob sie ihm folgen Sollen, sind aber nach Sonnenaufgang geritten. Wem folgen wir?“

„Mein Bruder wird das am besten bestimmen können,“ antwortete der Anführer der Komantschen.

„So will ich meine Meinung sagen. Diejenigen, zu denen der junge Mann will, befinden sich im Norden. Er ist ein guter Mensch, da seine Spur eine andere als diejenige der Mexikaner ist. Wir könnten ihm folgen,‘ um ihn zu warnen. Da aber die Weißen so scharf von seiner Fährte abgebogen sind, muß sich die Murding-Bowl hier in der Nähe befinden. Sie sind hingeritten, um die Geier zu treffen, um sie zu benachrichtigen, daß sie die Spur des Mannes mit dem Wasser gesehen haben. Man wird ihm nacheilen, um ihn zu verhindern, denjenigen, welche er retten will, Wasser zu geben. Seine Fährte ist so jung, daß wir ihn einholen können, bevor es Abend geworden ist. Nun mögen meine Brüder wählen, was wir thun sollen. Wollen wir dem Manne mit dem Wasser folgen, um ihm beizustehen, oder wollen wir nach der Murding-Bowl, um die Geier dort festzunehmen, daß sie ihm nichts anhaben können? Im ersteren Falle werden sie von ihm ablassen, wenn sie uns bei ihm sehen, und uns also vielleicht entgehen. Im letzteren Falle aber ergreifen wir sie wahrscheinlich, und dann steht es uns immer noch frei, ihm nachzureiten und mit ihm zu den weißen Männern zu kommen, welche er aufsuchen will.“

Er hatte ihnen mit diesen Worten die Angelegenheit so klar gemacht, daß eine lange Auseinandersetzung gar nicht notwendig war. Die Komantschen verhielten sich überhaupt schweigend und zuwartend, ihr Anführer ausgenommen. Dieser besprach sich ganz kurz mit den sechs Weißen und erklärte dann dem Apachen:

„Wir werden nach der Murding-Bowl reiten und also der Fährte der beiden Mexikaner folgen. Ist das meinem roten Bruder recht?“

Winnetou nickte zustimmend und lenkte in die nach Osten führende Fährte ein. Hätte er sein Pferd und mit demselben diejenigen seiner Gefährten angestrengt, so wäre es ihm wohl gelungen, die Mexikaner schnell einzuholen; doch lag dies keineswegs in seiner Absicht. Je eher er die beiden erreichte, desto weniger durfte er hoffen, zu erfahren, wo sich die Murding-Bowl befand. Es lag ihm sehr viel daran, diesen Ort zu sehen; darum behielt er einstweilen nur diejenige Schnelligkeit bei, welche, wie aus den Spuren zu ersehen war, die beiden Verfolgten eingehalten hatten. – – – –

Etwas mehr als einen vollen Tagesritt nordöstlich von dem Passiflorenhäuschen entfernt bewegte sich eine lange Schlange, nicht in Windungen, sondern als gerade Linie durch den dort sehr tiefen Sand der Estakata. Das Wort Schlange ist hier bildlich gemeint, denn die langgestreckte Linie bestand aus wohl an die zwanzig Ochsenwagen, welche in gewissen Abständen hintereinander fuhren und von bewaffneten Reitern begleitet wurden.

Die Wagen waren stark gebaut und jeder mit sechs oder acht Ochsen bespannt, welche die schweren Lasten nur langsam vorwärts schleppten. Die Tiere waren müde und außerordentlich erschöpft. Auch den Pferden, auf welchen die Reiter saßen, sah man es an, daß sie die letzteren kaum noch zu tragen vermochten. Die Zungen hingen ihnen aus den Mäulern; ihre Weichen schlugen, und ihre Beine zitterten im Vorwärtsschreiten.

Auch die Wagenführer gingen ermattet neben den stolpernden Stieren her. Sie senkten die Köpfe und schienen kaum die Kraft zu besitzen, ihre riesigen Peitschen schwingen zu können, um die Zugtiere zu einer letzten Anstrengung anzutreiben. Menschen und Tiere machten den Eindruck einer Karawane, welche dem Verschmachten nahe ist.

Nur das Pferd des voranreitenden Führers zeigte eine Frische der Bewegungen, welche auf keine Ermattung schließen ließ. Der Reiter aber saß gerade so schwer nach vorn gebeugt wie die anderen im Sattel, als ob er ebenso wie sie unter dem entsetzlichen Wassermangel zu leiden habe; aber wenn eine der Frauen oder eins der Kinder, welche in den Wagen saßen, einen Klageruf ertönen ließ, so richtete er sich unwillkürlich kräftig auf, und um seinen lippenlosen Mund spielte ein Lächeln teuflischer Befriedigung.

Dieser Mann war kein anderer als Tobias Preisegott Burton, der fromme Missionär der Mormonen, welcher die Aufgabe übernommen hatte, die ihm Anvertrauten dem sicheren Verderben entgegenzuführen.

jetzt gab der vorderste Reiter seinem Pferde die Sporen, daß es ihn durch eine außerordentliche Anstrengung an Burtons Seite brachte.

„Sir,“ sagte er, „es kann nicht länger so fortgehen! Wir Menschen haben seit vorgestern keinen einzigen Schluck bekommen, weil wir das letzte Wasser für unsere Tiere aufheben mußten. Und das ist seit gestern früh zu Ende, da die letzten beiden Fässer ganz unbegreiflicherweise ausgelaufen sind.“

„Das macht die Hitze,“ erklärte Burton. „Die Faßdauben schlossen nicht mehr, weil sie von der Hitze gezogen wurden.“

„Nein, Sir. Ich habe die Fässer untersucht. Solange noch Wasser im Fasse ist, schließen die Dauben fest. Sie sind angebohrt worden, so daß das Wasser während der Nacht leise und unbemerkt auströpfeln konnte. Wir haben einen Menschen unter uns, welcher uns verderben will.“

„Unmöglich! Wer heimlich das Wasser laufen läßt, muß doch selbst verschmachten!“

„Das habe ich mir selbst gesagt, aber dennoch ist es so. Ich habe es für mich behalten und keinem ein Wort gesagt um die allgemeine Sorge nicht zu vergrößern. Ich habe ferner jeden einzelnen heimlich beobachtet, aber nichts gefunden, woraus ich schließen könnte, wer es gewesen ist. Die Tiere verschmachten; sie können kaum mehr vorwärts; die Frauen klagen, und die Kinder schreien nach Wasser – vergeblich, denn es ist kein einziger Tropfen mehr vorhanden. Schaut in die Höhe! Dort oben schweben die Geier, als ob sie wüßten, daß wir ihnen bald zur Beute fallen werden. Seid Ihr auch gewiß, daß wir uns auf dem richtigen Wege befinden?“

Burton selbst war es gewesen, welcher während der Nacht die beiden Fässer angebohrt hatte. Dabei hatte er getrunken und auch seinem Pferde zu trinken gegeben. Ferner hatte er die große Blechkapsel gefüllt, welche, vorsichtig in ein Fell gebunden, hinter seinem Sattel angeschnallt war, damit er nach hereingebrochener Dunkelheit sich und das Pferd heimlich erquicken könne.

„Natürlich!“ antwortete er, indem er auf die Stangen deutete, welche in gewisser Entfernung voneinander im Sande steckten. „Da sehen Sie ja unsere Wegweiser, auf welche wir uns mit Sicherheit verlassen können.“

„Mit Sicherheit? Wir alle haben gehört, daß diese Stangen von den Geiern der Llano zuweilen ausgezogen und in einer Richtung eingesteckt werden, welche den Reisenden zum Tode des Verschmachtens führt.“

„Ja, das ist früher vorgekommen; jetzt aber geschieht es nicht mehr, da man diesen Halunken das Handwerk gelegt hat. Übrigens kenne ich die Gegend sehr genau und weiß, daß es die richtige ist.“

„Ihr sagtet heute früh, wir befänden uns mitten im größten Schrecken der Llano. Warum hat man die Stangen gerade durch diese Gegend gesteckt? Anderwärts kämen wir wohl an eines der großen Kaktusfelder, deren Früchte so viel Feuchtigkeit enthalten, daß wir uns und unsere Tiere laben könnten.“

„Es würde das ein zu bedeutender Umweg sein. Um Euch zu beruhigen, will ich Euch die Versicherung geben, daß wir, wenn wir uns etwas mehr beeilen, am Abend ein solches Feld erreichen werden. Morgen kommen wir dann an eine Quelle, welche all unserer Not ein Ende macht.“

„Wenn wir uns mehr beeilen! Ihr seht ja, daß die Tiere unmöglich schneller vorwärts können!“

„So wollen wir halten, damit sie sich ausruhen können.“

„Nein, nein; das dürfen wir nicht. Halten wir einmal an, so sind sie dann nicht weiter zu bringen. Wenn sie sich einmal gelegt haben, stehen sie sicherlich nicht wieder auf. Wir müssen sie immer und immer antreiben, daß sie weiter wanken, bis wir den Kaktus erreichen, den Ihr erwähntet.“

„Ganz wir Ihr wollt, Sir! Ich schmachte nicht weniger als ihr, doch sehe ich zu meinem Troste, daß kurz vor uns noch andere auf demselben Wege geritten sind. Seht Euch die Spuren an, auf welche wir heute früh gestoßen sind! Das ist ein starker Reitertrupp, der sich schwerlich in diese Richtung wagen würde, wenn die Leute nicht wüßten, daß es die richtige ist. Wir haben nichts, gar nichts zu befürchten. Morgen um diese Zeit ist alles vorüber.“

Er hatte mit diesen Worten sehr recht, denn seiner Meinung nach sollte noch vor der angegebenen Zeit der beabsichtigte Angriff geschehen. Daß der erwähnte Reitertrupp aus seinen Genossen bestand, welche die Stangen in eine falsche Richtung gesteckt hatten, das sagte er freilich nicht. Er lachte heimlich in sich hinein, als der andere sich durch diese zweideutigen Worte beruhigt zeigte. –

. Zwischen dem mehrerwähnten Passiflorenhäuschen und der Murding-Bowl erstreckte sich ein mehrere Stunden langes und fast ebenso breites und undurchdringliches Kaktusfeld. Kein Pferd, kein Reiter konnte da hindurch. Das war der Grund, daß Bloody-Fox diese Richtung niemals eingeschlagen hatte und an die Bowl gekommen war. Er jagte am westlichen Rande dieses Feldes nach Norden. Wäre er dann am nördlichen Rande nach Ost gebogen, so hätte er unbedingt die Bodenvertiefung entdecken müssen, welche bereits so vielen verderblich geworden war. Aber er wußte diejenigen, welche er retten wollte, im Nordost von sich, und darum schlug er, als der Kaktus hinter ihm lag, diese Richtung ein.

Die Sonne brannte glühend hernieder. Er fühlte ihre Wärme belästigend durch seinen Anzug dringen. Seine Pferde schwitzten; aber er gönnte ihnen keine Ruhe. Unausgesetzt den Horizont musternd, ritt er weiter und immer weiter.

Jetzt tauchten da, wo im Nordost der Himmel sich mit der Erde zu vereinigen schien, eine Anzahl zerstreuter, dunkler Punkte auf.

„Das sind die Emigranten!“ rief er erfreut aus. „Ich wußte, daß sie von dorther kommen mußten. Ich treffe wohl gerade zur rechten Zeit auf sie.“

Er trieb sein Pferd durch die Sporen und die ihm folgenden Packtiere durch laute Zurufe an, daß sie im Sturme mit ihm über die Ebene flogen.

Zwar bemerkte er bereits nach kurzer Zeit, daß er nur Reiter aber keine Wagen vor sich habe, aber er glaubte, daß diese Leute den Vortrab der Auswanderer bildeten, und hielt infolgedessen gerade auf sie zu.

Erst als er ihnen ziemlich nahe gekommen war, fiel ihm nicht nur die bedeutende Anzahl dieser Reiter, sondern auch deren Verhalten auf. Sie hatten nun auch ihn bemerkt. Anstatt aber sein Nahen ruhig zu erwarten, teilten sie sich in drei Trupps. Der eine Trupp blieb halten; die beiden anderen ritten nach rechts und nach links ab, Bloody-Fox entgegen, als ob sie ihn umfassen und ihm die Rückkehr abschneiden wollten.

Das mußte ihn natürlich in seiner bisherigen guten Meinung irre machen. Er richtete sich hoch im Sattel auf und überblickte die Situation.

Heavens!“ rief er aus. „Es sind über dreißig Personen. So stark kann doch keine Vorhut von Auswanderern sein 1 Sie haben einige Lastpferde bei sich, welche mit Stangen beladen sind. All devils! Das sind die Llanogeier, denen ich gerade in die Fänge geritten bin! Sie wollen mich fassen. Mit so vielen kann ich es unmöglich aufnehmen. Ich muß also die Flucht ergreifen.“

Er wendete um und jagte zurück. Aber er konnte mit seinen aneinanderhängenden Pferden nicht die gewünschte Schnelligkeit entwickeln, zumal die Tiere bereits ziemlich ermüdet waren. Die Verfolger kamen ihm zusehends näher. Er trieb zwar sein Pferd so viel wie möglich an; es wurde aber durch die an ihm hängenden Lastpferde gehindert. Diese begannen sich zu sträuben. Sie zerrten an den Zügeln und Riemen; sie schlugen hinten und vom aus. Das gab einen Aufenthalt, welcher verhängnisvoll werden konnte, denn die vordersten der Verfolger befanden sich fast schon in Schußweite. Da riß der Schwanzriemen des Reitpferdes, an welchem der Zügel des ersten Lasttieres befestigt war, und die vier Wasser tragenden Rosse brachen seitwärts aus.

„Sie sind verloren, und das Wasser dazu!“ knirschte Fox. „Aber die Bezahlung nehme ich mir sofort.“

Er beruhigte sein Pferd und brachte es zum Stehen. Die Doppelbüchse anlegend zielte er – – ein Schuß, noch einer, und die beiden vordersten seiner Verfolger stürzten von ihren Pferden.

„So, nun vorwärts! jetzt kommen sie mir wohl nicht wieder nahe. Ich kann nun für die Schmachtenden nichts anderes thun, als daß ich Old Shatterhand zu finden suche und ihn auf ihre Fährte bringe.“

Während er diese Worte zornig ausstieß, galoppierte er in nördlicher Richtung davon. Die „Geier“ folgten ihm noch eine Strecke unter wütendem Geschrei; als sie jedoch einsahen, daß sein Pferd jetzt den ihrigen überlegen sei, kehrten sie um, nach der Stelle, an welcher die beiden Erschossenen lagen.

Und abermals ungefähr einen Tagesritt von dem Passiflorenhäuschen entfernt, aber in nördlicher Richtung von demselben, gab es endlich noch einen Reitertrupp, welcher sich nach Süd bewegte. Stark war er nicht durch die Zahl, sondern durch die Intelligenz der Männer, welche ihn bildeten, nämlich Old Shatterhand und seine Begleiter.

Sie folgten einer tief in den weichen Sand getretenen Fährte. Es war diejenige der „Geier“, welche die Richtung nach der Karawane eingeschlagen hatten, um vor derselben die Pfähle auszureißen und in der Richtung nach der Murding-Bowl wieder in den Sand zu stecken.

Old Shatterhand ritt, wie gewöhnlich, voran; er hatte Eisenherz, den jungen Komantschen, neben sich. Jim und Tim Snuffle folgten ihnen. Hinter diesen ritt der Hobble-Frank mit dem dicken Jemmy. Den Schluß bildeten die übrigen.

Old Shatterhand verhielt sich schweigend. Er ließ die Fährte und den Punkt des Horizontes, nach welchem dieselbe zeigte, kaum einen Augenblick aus dem Auge. Nur diese Beobachtung schien ihn zu beschäftigen.

Um so weniger still verhielten sich die anderen, und Frank war der Lauteste von ihnen. Das Gespräch bewegte sich um einen Gegenstand, für den er ein lebhaftes Interesse empfand und über welchen sein Nebenmann eine andere Meinung geäußert zu haben schien, denn der kleine Sachse äußerte in zornigem Tone:

„In wissenschaftlichen Angelegenheeten biste schtets off dem Holzwege oder gar off dem idealen Knüppeldamme; das is doch eene alte Weste! Hättste nich grad mich getroffen, so schtäckste noch heut bis an die schteifen Vatermörder im bornierten Sumpfe und ernährtest deine dunkle Seele mit Sauerampfer und einmarinierten Krötenschenkeln. Waste bist, das habe nur ich aus dir gemacht. Nur meine intellektuelle Buttermilch is es gewesen, durch welche dein schwacher Kopf seine gegenwärtige Geistesschtärke erhalten hat. Darum habe ich das juristikalische Recht, von dir zu verlangen, daß du meine überlegene Rosinante anerkennst. So eene Meenung, wie die deinige, is doch geradezu unerhört! Die Leuchtkugel, welche wir gesehen haben, soll aus dem Firmament gekommen sein! Als ob das Firmament nichts weiter zu thun hätte, als deine dunklen Seelenzuschtände mit glühenden Kugeln und Raketen zu beschtrahlen!“

„So sage uns doch deine Erklärung!“ forderte Jemmy ihn lachend auf.

„Fällt mir gar nich ein!“

„Warum nicht?“

„Weil ich dich dadurch abermals um eenige Grade nach Celsius gescheiter machen würde, ohne daß du es dankbar anerkennst.“

„Oder weil du selbst keine Erklärung weißt!“

„Oho! Ich kann, wie König Salomo, alle Dinge erklären, von der Ceder an bis zum Sirup herunter. Und so eene Leuchtkugel is mir erst recht schnuppe. Sie verdankt ihre Entschtehung eener schwefelhaften Vermählung zwischen dem Phosphor und denjenigen Feuerschwämmen, welche zuweilen …“

Er wurde von einem Ausrufe Old Shatterhands unterbrochen. Dieser letztere deutete mit seiner ausgestreckten Hand nach Süden und sagte:

„Dort kommt ein Reiter, ein einzelner Mann. So ganz allein hier zu reiten, dazu gehört eine große Kühnheit und eine außerordentliche Kenntnis der Llano estakata.“

„Wer mag er sein?“ fragte Tim. „Er scheint sich so schnell wie möglich von außen herum an uns heranschlängeln zu wollen.“

Old Shatterhand hielt sein Pferd an, zog sein Fernrohr aus der Satteltasche, richtete es auf den Reiter, welcher im gestreckten Galopp näher kam, ließ es dann wieder sinken und sagte im Tone der Freude:

„Es ist der Bloody-Fox, der uns so lang entschwunden war. Erwarten wir ihn hier!“

Nach kurzer Zeit erkannte Fox die einzelnen Personen der Truppe. Er schwenkte den Arm zum Gruße und rief bereits von weitem:

„Welch ein Glück, daß ich euch treffe, Mesch’schurs! Ich muß um eure schnelle Hilfe bitten.“

„Für wen?“ fragte Old Shatterhand.

„Für einen Zug von meist deutschen Auswanderern, welche höchst wahrscheinlich noch heute nacht von den Geiern überfallen werden sollen.“

Bei diesen Worten war er herangekommen, hielt sein Pferd an und reichte den Männern die Hand zum Gruße.

„Jedenfalls dieselben, welche wir suchen,“ nickte Old Shatterhand. „Wo sind sie?“

„Im Südost von hier. Sie scheinen gerade auf das große Kaktusfeld zuzuhalten.“

„Das kenne ich nicht.“

„Es ist das größte der ganzen Llano. Ich habe über dreißig Geier gezählt und zwei von ihnen erschossen. Sie haben die Stangen ausgezogen und stecken sie in der Richtung nach dem Kaktus wieder ein. Dort ist kein Hindurchkommen möglich. Daraus kann man mit Sicherheit schließen, daß die Emigranten da ausgelöscht werden sollen.“

„Wie weit haben wir zu reiten, um die Leute einzuholen?“

„Im Galopp über drei Stunden lang.“

Well, dann vorwärts! Wir wollen keine Zeit verlieren. Sprechen können wir auch während des Reitens.“

Nun jagte die kleine Schar wie im Sturme über die Ebene dahin. Bloody-Fox hielt sich an Old Shatterhands Seite und erzählte ihm sein Zusammentreffen mit den „Geiern“ und den Verlust seiner vier Pferde. Der Jäger sah ihn von der Seite an und sagte mit einem bezeichnenden Lächeln:

„Fünf Pferde habt Ihr, Fox? Hm! Hier mitten in der Llano? Ist auch dasjenige dabei, auf welchem da kürzlich der Avenging-ghost an uns vorüberritt?“

„Ja, Sir,“ nickte Fox.

„Dachte es mir!“

„Das Geheimnis ist ja doch nicht mehr festzuhalten, da Ihr auf alle Fälle nun mein Geisternest zu sehen bekommt. Auch werde ich nicht mehr nötig haben, Komödie zu spielen, da es uns nun hoffentlich gelingen wird, die ganze Bande bis auf den letzten Mann auszurotten. Es fehlt mir nur noch einer, einer, einer!“

„Welcher?“

„Der Anführer von damals, als ich allein von allen übrig blieb.“

„Wer weiß, wo seine Gebeine schon längst bleichen. Fox, Ihr seid trotz Eurer Jugend doch ein wahrer Held. Ich habe Respekt vor Euch. Später mögt Ihr uns einmal alles ausführlich erzählen. Schon jetzt aber weiß ich, was für ein Mann Ihr seid und mit welchen Gefahren Ihr siegreich gerungen habt. Aber da Ihr so viele Pferde besitzet und so nach Belieben kommen und verschwinden konntet, so müßt Ihr unbedingt inmitten der Llano estakata einen Platz haben, an welchem es Wasser, Bäume, Gras und Früchte gibt.“

„Den habe ich allerdings. Ich wohne an einem kleinen See jenseits des großen Kaktuswaldes.“

„Ah, gar ein See? So hatte also die alte Überlieferung keine Unwahrheit gesagt! Bitte, beschreibt mir doch einmal den Platz!“

Bloody-Fox that das. Niemand hörte es als Old Shatterhand, und dieser beschloß, dieses Geheimnis jetzt noch nicht preiszugeben.

Nach längerer Zeit erhielten die Pferde die Erlaubnis, langsamer gehen zu dürfen, da man sie nicht allzusehr anstrengen durfte; dann aber mußten sie wieder galoppieren.

Eben als die Sonne unterging, erreichte man die Wagenfährte, der man nun gerade nach Süden zu folgte. Das war nicht schwer, da bald die dünne Sichel des Mondes sich erhob, welche einen genügenden Schein verbreitete. Dann, als man ungefähr noch eine Stunde geritten war, hielt Old Shatterhand plötzlich sein Pferd an, deutete nach vorn und sagte:

„Da sind die Auswanderer. Man sieht ihre Wagenburg. Bleibt hier halten. Ich werde mich einmal anschleichen und euch dann Nachricht bringen.“

Er stieg vom Pferde und huschte fort. Es währte wohl eine halbe Stunde, bevor er zurückkehrte. Dann meldete er:

„Es sind zwölf große Ochsenwagen zu einem Vierecke zusammengeschoben, inmitten dessen die Leute sitzen. Sie haben weder etwas zu essen und zu trinken, noch Material zu einem Feuer. Sie sind von ihrem Führer verraten, sonst müßten sie das alles haben. Die Ochsen liegen stöhnend am Boden; sie sind dem Verschmachten nahe und können morgen früh jedenfalls nicht auf. Das wenige Wasser, welches wir bei uns haben, reicht nicht einmal für die Menschen aus. Um die Tiere zu retten, müssen wir ihnen unbedingt Regen schaffen.“

„Regen?“ fragte Hobble-Frank. „Meenen Sie etwa, daß Sie es hier mitten in der Llano regnen lassen können?“

„Jawohl!“

„Wie? Was? Wirklich? Das geht mir doch fast über die Hutschnur. Sie sind zwar een höchst obligater Mann, aber daß Sie so nach Belieben Wolken hersäuseln können, das hab‘ ich Ihnen, weeß Knöppchen, doch noch nich zugetraut. Wer is denn Ihr Wolkenschieber?“

„Die Elektrizität. Ich habe keine Zeit, Ihnen das jetzt zu erklären. Um Wasser zu machen, brauche ich Feuer, eine möglichst große, brennende Fläche. Bloody-Fox spricht von einem sehr ausgedehnten Kaktusfelde, welches nahe von hier im Süden liegt. Da darf ich hoffen, Ihnen in ganz kurzer Zeit einen gehörigen Platzregen zu fabrizieren. Jetzt aber kommen Sie!“

Er stieg wieder auf und ritt nach der Wagenburg. Die anderen folgten ihm, kopfschüttelnd über den verheißenen Regen und neugierig bezüglich der armen Menschen, zu deren Rettung sie gekommen waren.

Man hatte die Wagen so zusammengeschoben, daß kein Reiter hindurch konnte; aber das Nahen der Retter wurde gehört. Diese stiegen vor der Wagenburg von ihren Pferden. Sie hörten, daß im Innern derselben jemand rief:

„Horcht! Es kommen Menschen. Herrgott, sollten sie Hilfe bringen? Oder sind es Räuber?“

„Wir sind keine Räuber. Wir bringen euch vor allen Dingen Wasser,“ antwortete Old Shatterhand laut. „Kommt her und laßt uns ein!“

Zounds!“ rief eine andere unwillige Stimme. „Sollte etwa gar… wartet ihr anderen, ich werde nachsehen!“

Der Mann kam herbei, lehnte sich über eine Deichsel herüber und fragte:

„Wer seid ihr, Fremde?“

„Man nennt mich Old Shatterhand, und hier sind meine Gefährten, lauter ehrliche Leute.“

„Old Shat…. hole Euch der Teufel!“

Der Mann, welcher die Retter mit dieser Verwünschung empfing, anstatt ihnen entgegenzujauchzen, war kein anderer als Master Tobias Preisegott Burton.

„Ah, Ihr seid es!“ sagte Old Shatterhand, der ihn trotz der Dunkelheit erkannt hatte. „Freut mich außerordentlich, Euch hier zu treffen!“

Aber Burton war schon fort. Er erkannte, daß er keinen Augenblick länger bleiben dürfe. Darum glitt er nach der entgegengesetzten Seite, wo sein Pferd stand, zog schnell eine Deichsel aus dem Wagen, um sich einen Ausgang aus dem Wagenvierecke zu schaffen, warf sich in den Sattel und jagte davon.

Hinter sich hörte er die frohlockenden Rufe der Leute, welche er dem Verderben geweiht hatte.

„Wartet nur!“ knirschte er. „Ich kehre bald zurück, und dann sollen mit euch auch die verloren sein, welche als eure Helfer kommen. Old Shatterhand! Welch einen Fang werden wir machen!“

Er brauchte gar nicht weit zu reiten. Nach einer kleinen Viertelstunde stieß er auf seine Genossen, welche hier auf ihn warteten, damit er sie zum Massenmorde abholen sollte.

Sie zeigten sich keineswegs darüber enttäuscht, daß ein so berühmter Jäger, wie Old Shatterhand zu den Auswanderern gestoßen war. Sie freuten sich vielmehr darüber, weil dadurch die zu erwartende Beute vermehrt wurde. Daß ihr Anschlag mißlingen könne, das hielten sie gar nicht für möglich. Freilich konnten sie ihre Opfer nun nicht ohne Kampf überwältigen, aber siegen mußten sie, wenn sie die Zeit des Morgengrauens erwarteten, wo man dann den Freund vom Feinde besser unterscheiden konnte, als jetzt, während der Nacht.

Die beiden angeblichen Mexikaner befanden sich auch schon bei dieser Schar. Sie hatten in der Murding-Bowl nur einen einzelnen Posten gefunden und waren von demselben hierher geführt worden. Sie erzählten ihr Erlebnis im „singenden Thale“ und richteten damit große Freude an. Es wurde beschlossen, erst die Emigranten zu überwältigen und dann Winnetou aufzusuchen, um ihn und seine Begleiter zu überfallen, was auch eine reiche Beute ergeben mußte.

Daß der Apache schon in der Nähe sein könne, kam ihnen gar nicht in den Sinn. Und doch war er da.

Er war mit seiner Truppe nach der Murding-Bowl gekommen, hatte sie aber leer gefunden. Dieses „Mordbecken“ bestand aus einer schroffen und ziemlich tiefen Bodensenkung, deren Grund stets eine trübe Wasserlache trug. Vielleicht stammte diese Feuchtigkeit von dem nicht allzuweit entfernten See im „Geisterneste“; wenn sie auch trübe war, so bildete sie doch hier inmitten der öden Llano eine große Kostbarkeit, so daß die „Geier“ diesen Ort als feste Station benutzten. So oft sie sich über die Plains zerstreuten, immer kehrten sie wieder nach hier zurück, wo stets einer von ihnen bleiben mußte, um den Nachrichtendienst zu versehen.

Heute war dieser Mann mit den Mexikanern fortgeritten, und darum hatte Winnetou den Platz leer gefunden. Sein scharfes Auge sagte ihm aber bald, wohin er sich zu wenden habe. Er folgte der Fährte dieser drei Männer und entdeckte nach Einbruch des Abends den Platz, an welchem die „Geier“ lagerten.

Seine Leute mußten halten bleiben. Er selbst legte sich auf die Erde und kroch wie eine Schlange auf die Gruppe der Räuber zu. Er sah Burton kommen und sich zu ihnen setzen. Leider durfte er sich nicht so weit an sie wagen, daß er ihre Worte hätte verstehen können; aber es gelang ihm wenigstens, sie zu zählen. Dann kehrte er zurück.

„Dreißig und fünf Geier,“ meldete er. „Morgen um diese Zeit wird ihr Fleisch von den wirklichen Geiern gefressen werden.“

„Was haben sie dort vor?“ fragte Ben New-Moon.

„Sie lauem auf Beute, und diese befindet sich im Norden von hier, denn die Mexikaner ritten nach dieser Richtung und eben jetzt kam von dorther der Bote, welcher meldete, daß der Mord beginnen kann. Meine Brüder werden jetzt mit mir nach Norden reiten, wo wir die Leute sicher treffen, welche getötet und beraubt werden sollen.“

Er stieg wieder auf und ritt zunächst einen ziemlich weiten Bogen, damit er und die Seinigen nicht bemerkt werden könnten; dann bog er wieder in die beabsichtigte Linie ein.

Nach der schon bei Burton angegebenen Zeit sahen sie die Wagenburg vor sich liegen. Jetzt standen Posten vor derselben; Old Shatterhand hatte Vorsichtsmaßregeln getroffen. Als sie von diesen Leuten angerufen wurden, antwortete Winnetou:

„Die weißen Männer dürfen keine Sorge haben. Hier ist Winnetou, der Häuptling der Apachen, welcher ihnen Hilfe, Fleisch und Wasser bringt.“

Seine sonore Stimme war deutlich zu hören. Kaum war das letzte Wort verklungen, so hörte man in dem Innern der Wagenburg den Hobble-Frank freudig ausrufen:

„Winnetou? Da sei Victoria getrommelt und gepfiffen; denn wo der Apache is, da muß ooch der Bärenjäger und sein kleiner Martin sein! Laßt mich ’naus; ich muß sie alle beede angtukah umärmeln! Nee, so eene Weihnachten! Hier mitten in der Sahara und bei fast schtockdunkler Nacht mit meinen besten Freunden zusammenzurennen, da is doch die Freede gar zu groß!“

Er kam über einen Wagen geklettert und von demselben herabgesprungen, blieb aber erstaunt stehen, als er die Schar der Komantschen erblickte.

„Alle Wetter, was is denn das?“ fragte er. „Da hält ja een ganzes Bataillon Kavallerie vor unserer Thüre! Das kommt mir merschtenteels verdächtig vor. Kommen Sie mal ‚raus, Herr Old Shatterhand, und sehen Sie sich mal die Geister an, die allhier zu Pferde nachtwandeln!“

Aber schon hing Martin Baumann an seinem Halse und zugleich schlang auch der Bärenjäger die Arme um ihn. Das gab ein herzliches Frohlocken. Auch Winnetou begrüßte den alten Bekannten erfreut und sagte dann:

„So muß mein Bruder Shatterhand hier sein. Hat er meine Stimme nicht gehört?“

„O doch! Hier bin ich!“ rief der Genannte, welcher mit Hilfe einiger anderer schnell zwei Wagen auseinander geschoben hatte und nun heraustrat, um den roten Freund an seine Brust zu drücken. Die anderen folgten nach, Jemmy, Davy, der Juggle-Fred, Jim und Tim; die ersteren, um die Freunde zu begrüßen, die letzteren, um so schnell wie möglich Winnetou zu sehen. Das gab ein reges Fragen und Antworten, ein Drücken und Schütteln der Hände, aber ohne allen Lärm, wie es die Lage mit sich brachte.

Aber ernst und traurig stand der junge Eisenherz bei seinen Komantschen, welche erstaunt waren, ihn hier zu finden, und erzählte ihnen von der Ermordung ihres Häuptlings, seines Vaters. Sie hörten ihn schweigend an und sagten kein Wort dazu; aber in ihrem Innern war den „Geiern“ der Tod geschworen.

Nachdem die Begrüßung vorüber war, entwickelte sich ein zwar stilles aber höchst geschäftiges Treiben in der Wagenburg und um dieselbe. Sie wurde erweitert, damit auch die Komantschen im Innern Platz finden könnten. Die Geier sollten nicht bereits von weitem sehen, daß sie es jetzt mit einer solchen Zahl von Gegnern zu thun hätten. Auch die Pferde wurden hineingeschafft. Die Komantschen verteilten ihr Fleisch und auch das Wasser, welches sie in ausgehöhlten Flaschenkürbissen mit sich führten, unter die Auswanderer, denn Old Shatterhand versprach, daß man bald größeren Vorrat haben werde. Dennoch reichte es nicht aus, den Durst dieser armen Leute völlig zu stillen.

Es gab noch einzelne interessante und ganz unerwartete Szenen, wie zum Beispiele diejenige, als Ben New-Moon den Juggle-Fred erkannte, welcher ihn damals von der Mörderhand des Stealing-Fox errettet hatte. Bald jedoch herrschte tiefe Stille um die Wagenburg. Zwar schlief keiner, aber diejenigen, welche einander so viel zu erzählen hatten, sprachen nur im Flüstertone, so daß außerhalb der Wagenburg kein Laut zu hören war.

Old Shatterhand hatte das Kommando übernommen. Er saß neben Bloody-Fox, um sich den Lebenslauf desselben und dann vor allen Dingen auch die Gegend, in welcher sie sich jetzt befanden, auf das genaueste beschreiben zu lassen. Es sollte womöglich keiner der „Geier“ entkommen, damit dem Treiben derselben ein für allemal ein Ende gemacht werde.

Ganz besonders interessierte es ihn, zu hören, daß neben der großen südlichen Kaktusstrecke ostwärts noch eine zweite liege, welche zwar weit schmäler aber noch viel länger als die erstere sei. Fox sagte, daß sich zwischen beiden ein ziemlich schmaler Sandstreifen südwärts ziehe, auf welchem man nach seinem „Geisterneste“ gelangen könne.

„Gut!“ sagte Old Shatterhand. „So kann kein einziger dieser Halunken entkommen. Sollten sie unsere Überzahl ja zu früh bemerken, oder sollten sie nach dem ersten Angriffe fliehen, so jagen wir sie zwischen diese beiden Kaktusstrecken hinein und brennen dieselben an. Dadurch erhalten wir zugleich auch Wasser für die Zugtiere, welche nicht verschmachten dürfen.“

„Aber da werden die Geier meinen See erreichen und von da aus entkommen!“

„Nein, Fox, denn Ihr werdet gleich jetzt mit zehn Komantschen dorthin aufbrechen, um die Kerls, welche wir getrieben bringen, dort in Empfang zu nehmen. Sie kommen zur rechten Zeit dort an, denn ich wette, daß der Angriff erst gegen Morgen erfolgt.“

Dieser Plan wurde sofort ausgeführt. Man öffnete die Wagenschanze noch einmal, um Fox mit den Komantschen hindurch zu lassen; dann herrschte wieder die tiefste Ruhe rund umher.

Die Posten standen weit außerhalb der Wagenburg und hatten den Befehl, sich beim Nahen der Feinde schnell und still, zwischen den Rädern hindurchkriechend, in das Innere zurückzuziehen. Dort standen die gesattelten Pferde zur augenblicklichen Verfolgung der Fliehenden bereit, und jeder Reiter hatte seine bestimmte Instruktion erhalten.

So verging die Nacht. Im Osten erwachte ein leiser Dämmerschein, und die Konturen der Wagen und sonstigen Gegenstände traten deutlicher hervor. Es gab keine Spur von Morgennebel. Die Dämmerung wurde heller, und nun sah man die „Geier“ zu Pferde südwärts halten, vielleicht wenig über tausend Schritte entfernt.

Sie hielten ihre Zeit für gekommen und setzten ihre Pferde in Bewegung. Im Galopp kamen sie heran. Sie waren überzeugt, daß hinter den Wagen höchstens ein einziger Wächter munter sei.

Die Posten hatten sich zurückgezogen, und alle Männer standen an der Seite der Wagenburg, von welcher der Angriff kam.

„Schießt nicht auf die Pferde, sondern auf die Reiter!“ gebot Old Shatterhand.

jetzt waren die „Geier“ nur noch hundert, noch achtzig, noch fünfzig Schritte entfernt.

„Feuer!“ rief Old Shatterhand.

Über dreißig Schüsse krachten. Die Schar der Angreifer bildete augenblicklich einen wirren Haufen. Tote und Verwundete stürzten von den Pferden; die ledig gewordenen Tiere rannten weiter. Die anderen wurden von ihren Herren, welche nicht oder nur leicht verwundet waren, zurückgerissen; ihrer waren kaum noch über zehn.

„Hurra, hurra! Old Shatterhand und Winnetou!“ schrie der Hobble-Frank.

Als die „Geier“ nun auch den letzteren Namen hörten und die Höhe ihrer so blitzschnellen Verluste sahen, kehrten sie schnell um und jagten von dannen, nach Süden zu, Master Tobias Preisegott Burton als der Erschrockenste an ihrer Spitze.

„Hinaus! Und jeder an seinen Platz!“ gebot Old Shatterhand.

Zwei Wagen wurden schnell entfernt, so daß alle hindurch konnten. Die Emigranten rannten laut der vorher erhaltenen Weisung auf die Toten und Verwundeten zu. Die anderen alle, welche sich mit den letzteren nicht aufhalten sollten, traten die Verfolgung der Flüchtigen an, mit welcher sie es aber nicht gleich allzu eilig nahmen.

Nur zwei entwickelten die ganze Schnelligkeit ihrer Pferde, indem sie gegen Südwesten sprengten, wo sie die Kaktusfläche in Brand stecken sollten. Diese beiden waren Jim und Tim Snuffie.

Zehn Komantschen ritten ostwärts, um dann nach Süden einzubiegen und den Fliehenden den Weg ostwärts zu verlegen, damit sie gezwungen seien, zwischen die beiden Kaktusfelder einzubiegen. Die anderen, Old Shatterhand und Winnetou an der Spitze, ritten im Trabe nach Süden, hinter den „Geiern“ her, welche galoppierten und ihnen also zu entkommen schienen.

Diese Menschen waren voller Wut, ihren Anschlag in dieser Weise mißglückt zu sehen. Sie jagten still dahin, ohne miteinander zu sprechen. Nur Flüche wurden ausgestoßen. Erst als sie die Murding-Bowl erreichten, hielten sie an.

„Was nun?“ fragte Burton, welcher keuchend auf dem Pferde saß. „Hier können wir nicht bleiben, denn die Hunde sind hinter uns her.“

„Natürlich!“ stimmte Carlos Cortejo bei, welcher ebenso wie sein Bruder unverwundet geblieben war. „Geradeaus durch den Kaktus können wir nicht; also rechts ab. Kommt!“

Sie schlugen die angegebene Richtung ein, sahen da aber bald von fern einen dicken Rauch aufsteigen.

All satans!“ rief Emilio. „Dort sind sie uns zuvorgekommen. Sie haben den Kaktus angebrannt. Zurück also!“

Sie jagten wieder zurück, an der Murding-Bowl vorüber und nach Osten zu. Nach kaum zehn Minuten sahen sie links von sich Old Shatterhand, welcher mit seiner Schar in der Diagonale auf sie ritt. Das erfüllte sie mit Schreck. Sie spornten ihre Pferde auf das äußerste an, um vorüber zu kommen, was ihnen auch gelingen zu wollen schien.

Dann wollten sie seitwärts ausbrechen. Bald aber erkannten sie, daß dies unmöglich sei, denn sie sahen nun auch die zehn Komantschen, welche weit draußen hielten und ihnen den Weg verlegten.

„Heut‘ ist der Teufel los!“ schrie Burton. „Ich glaube gar, dieser Winnetou ist mit dabei. Wenigstens hörte ich seinen Namen rufen. Wir müssen rechts ab, zwischen den Kaktus hinein!“

„Gibt es denn da einen Ausweg und nicht etwa eine Sackgasse?“ fragte Carlos.

„Weiß, es nicht. Bin all mein Lebtage nicht dort hinein gekommen. Es bleibt uns aber nichts anderes übrig.“

„Dann nur schnell, damit das Feuer nicht eher kommt als wir!“

Sie jagten nach rechts, südwärts, gerade dahin, wohin Old Shatterhand sie hatte haben wollen. Und nun gab auch dieser endlich seinem Pferde die Sporen. Links von ihm kamen die zehn Komantschen, rechts die beiden Snuffles, die ihre Aufgabe gelöst hatten, herbei, und nun galoppierten alle hinter den „Geiern“ drein, zwischen die Kaktusfelder hinein, dem fernen „Geisterneste“ zu.

Wohl hatte Carlos Cortejo recht gehabt, vor dem Feuer zu warnen. Es kam herbei, erst zwar langsam, dann aber immer schneller und schneller.

Jahrhundertelang hatten die papierdürren Kaktusreste da gelegen, von Zeit zu Zeit neue Pflanzen treibend. Das gab einen Stoff wie Zunder. Die Flammen leckten erst leise um sich her; dann begannen sie zu laufen, zu springen und schlugen haushoch empor. Bald stand die ganze breite, breite Fläche in hellem, lückenlosem Feuer, dessen Prasseln von weitem wie ein ferner Donner zu hören war. Die aufsteigende Hitze erzeugte einen Luftstrom, welcher immer stärker wurde und sich gar zum Winde erhob. Je mehr das Feuer um sich griff, je weiter es nach Süden schritt und da eine Fläche von verschiedenen englischen Quadratmeilen bedeckte, desto sichtlicher trat das ein, was Old Shatterhand erwartet hatte. Der Himmel verlor sein Blau, wurde erst fahlgelb, dann grau, dunkler und dunkler, und wirklich, da zogen sich schwere, dunkle Massen zusammen, welche nicht aus Rauch bestanden. Der jetzt sehr starke Wind ballte sie zu dichten Wolken, welche nach und nach den ganzen Himmel zu bedecken schienen.

Die Atmosphäre war glühend heiß; der Sand schien zu brennen. Droben begannen Blitze durch die Wolken zu zucken; einzelne Tropfen fielen, mehrere, immer mehr; jetzt, wahrhaftig, jetzt regnete es wirklich, stärker, immer stärker, bis es schließlich buchstäblich goß wie bei einem tropischen Gewitter.

Die Emigranten hatten ihre schwer verwundeten Feinde einfach erschossen, die Habseligkeiten der Toten zu sich genommen und dann die Pferde derselben zusammengetrieben. Nun sollten sie bis zur Rückkehr ihrer Freunde warten, aber – – ohne Wasser! Da sahen sie das Feuer. Sie bemerkten die Wolkenbildung. Sie fühlten die fallenden Tropfen. Sie standen endlich im erquickenden Regen, im Gewittergusse und holten alle vorhandenen Gefäße herbei, um dieselben sich füllen zu lassen. Die fast verschmachteten Stiere bekamen wieder Leben. Sie brüllten vor Freude; sie wälzten sich im Regen; sie erhielten zu saufen; sie waren gerettet, und mit ihnen ihre Herren, welche ohne diese Tiere nicht mit den Wagen weiter gekonnt hätten – – ein Werk Old Shatterhands. –

Kurz nach Anbruch des Tages war Bloody-Fox mit seinen zehn Komantschen bei der Passiflorenhütte angekommen. Sanna erschrak nicht über die Indianer. Sie freute sich, einmal Menschen zu sehen, fragte aber ihren jungen Herrn sogleich nach dem Neger Bob. Er vertröstete sie auf später und begab sich in die Hütte. Als er wieder heraustrat, hatte er das weiße Büffelfell überhängen.

„Timb-ua-ungva – der Geist der Llano!“ rief Eisenherz, welcher sich mit bei dieser Abteilung der Komantschen befand.

Auch die anderen starrten diese Lösung des oft besprochenen Rätsels an, sagten aber nichts. Bloody-Fox stieg wieder auf und ritt mit ihnen weiter, indem er die Oase wieder verließ und draußen an der südöstlichen Ecke des Kaktuswaldes Stellung nahm. Sein Auge blickte forschend nach Norden.

Jetzt erhob sich da oben eine finstere Wand, gegen welche von unten her helle Flammen zuckten.

„Jetzt bringt das Feuer die Geier getrieben,“ sagte er zu Eisenherz. „Vielleicht findet mein roter Bruder darunter einen der Mörder seines Vaters.“

Er nahm das Gewehr zur Hand. Eisenherz that dasselbe.

Die Wolkenwand näherte sich; noch vor ihr kam das Feuer. Die Luft wurde von Minute zu Minute drückender. Ganz heran konnte das Feuer nicht. Es mußte an der Kaktusgrenze stehen bleiben.

„Uff!“ rief einer der Indianer, nach Norden deutend. „Sie kommen!“

Ja, sie kamen, die Geier; aber es waren nur noch drei. Die anderen waren unterwegs von den Verfolgern ausgelöscht worden. Ihre Pferde trieften vor Schweiß; sie selbst konnten sich kaum noch im Sattel erhalten. Eine Strecke hinter ihnen sah man Old Shatterhand und Winnetou, denen die anderen alle folgten. So kam die wilde Jagd näher. Die beiden Letztgenannten strengten ihre Pferde nicht sehr an. Sie wollten die drei letzten „Geier“ für Bloody-Fox und seine Komantschen aufbewahren.

Der erste war Burton, den beiden anderen weit voran. Er sah die Bäume, ein Wunder auf der Llano, und hielt gerade auf sie zu. Fox lenkte auf ihn ein. Als der Mormone ihn erblickte, schrie er auf vor Entsetzen und schlug auf sein Tier ein, daß es seine letzte Kraft anstrengte, die Bäume zu erreichen.

Jetzt kamen die beiden übrigen. Sie mußten nahe an Eisenherz vorüber. Er erkannte sie, die bei der Ermordung seines Vaters beteiligt gewesen waren. Er zog das Gewehr an die Achsel – zwei Schüsse, und sie stürzten von den Pferden. Er ritt zu ihnen hin, um ihnen die Skalpe zu nehmen.

Indessen jagte Bloody-Fox den frommen Burton, den Schlimmsten von allen, vor sich her, auf die Bäume zu, zwischen denselben hin bis vor die Hütte. Vor derselben brach das Pferd zusammen, und Burton flog aus dem Sattel. Im Nu stand Fox neben ihm, riß das Messer aus dem Gürtel und bog sich nieder, um ihm den Todesstoß zu versetzen. Aber er fuhr wieder empor und stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Beim Sturze war Burton der Hut entfallen, und zugleich wurde sichtbar, daß er eine Perücke getragen hatte. Sie hatte sich vom Schädel gelöst und ließ die natürlichen, kurz geschorenen Haare sehen. Sein Gesicht war durch die Anstrengung des Rittes verzerrt und aufgedunsen und seine Augen blickten starr und gläsern zu dem jungen Manne auf – – er hatte den Hals gebrochen. Jetzt erkannte Bloody-Fox den Mörder seiner Eltern. Er hatte bei jenem Überfalle den Namen desselben rufen hören, und dieser Name Fox war das einzige gewesen, was von seinem Gedächtnisse festgehalten worden war. Er hatte ihn immer und immer genannt und ihn darum von Helmers als seinen eigenen bekommen.

Jetzt kamen auch die anderen herbeigestürmt. Sie alle. außer Old Shatterhand, waren ungemein erstaunt, als sie Bloody-Fox in dem weißen Büffelfell erblickten.

„Der Geist – der Geist der Llano – Bloody-Fox ist es – also er, er ist’s gewesen!“ so erschallten die Rufe durcheinander.

Fox achtete nicht darauf. Er deutete auf Burtons Leiche und sagte:

„Da ist er, der Mörder! Darum kam er mir so bekannt vor! Nun ist er tot, und ich werde nie erfahren, wer meine Eltern gewesen sind!“

Ben New-Moon sah den Toten und rief:

„Der Stealing-Fox! Endlich ist er unschädlich gemacht! Schade, daß er den Hals gebrochen hat. Nun muß ich ihm meine Kugel für immer schuldig bleiben!“

„Wohl ihm, daß er tot ist!“ sagte Old Shatterhand ernst. „Mit ihm sind alle Geier ausgelöscht, und nun wird es Ruhe in der Llano geben. Und sollten ja noch einer oder einige existieren, so wird es von hier aus leicht sein, gegen sie auf die Jagd zu gehen. Eine solche Oase konnte niemand hier vermuten.“

Bob war natürlich auch da. Er achtete aber weder auf den Toten noch auf den jetzt entdeckten Geist der Estakata. Sein Auge war auf die Negerin gefallen und das ihrige auf ihn. Sie eilte zu ihm hin und fragte hastig:

„Sein du etwa Neger Bob?“ Und als er nickte, fuhr sie fort: „Heißen deine Mutter Sanna? Haben du schon einmal sehen dieses Bild mit Sanna und ihr klein Smalling-Bob?“

Sie hielt ihm die alte Photographie entgegen. Er warf einen Blick auf dieselbe und flog mit einem Jubelrufe vom Pferde. Sie hielten sich umschlungen und vermochten längere Zeit ihrem Entzücken nur durch unartikulierte Laute Ausdruck zu verleihen.

Es ist nur weniges hinzuzufügen. Die „Geier“ waren besiegt, und eine Abteilung der Komantschen ritt fort, die Emigranten herbeizuholen; diese sollten sich hier am Passiflorensee erholen und dann durch die Llano begleitet werden. Das Feuer verlöschte, als es keine Nahrung mehr fand, und die weite Kaktusfläche lag in Asche tot.

Desto regeres Leben herrschte in und am Geisterneste. Bloody-Fox war der Held des Tages; er mußte seinen ganzen Lebenslauf ausführlich erzählen. Sein Bericht zeigte fast nur düstere Momente. Dennoch sprach er den festen Entschluß aus, für immer hier zu bleiben, um die Llano von „Geiern“ rein zu halten. Sanna und Bob erklärten, ihn nicht verlassen zu wollen.

Seine Erzählung war für die Westmänner so hochinteressant, daß selbst der sonst so sprechselige Hobble-Frank ihn nicht ein einziges Mal unterbrach. Als dann aber der kleine Sachse mit Jemmy und den beiden Snuffies einen Rundgang um den See machte, fragte ihn Tim:

„Nun, Frank, jetzt haben wir uns so schön von außen herum ins Geisterland hineingeschlängelt. Behauptest du noch immer, daß der Geist der Llano estakata ein wirkliches Gespenst sei?“

„Schweigste schtille!“ antwortete der Gefragte. „Habe ich mich hier mal geirrt, so gibt’s doch anderswo höhere Siriusregionen, und was keen Verschtand der Verschtändigen sieht, das sieht jeder Sachse, sobald’s nur geschieht.“

„Ja, Sachsen, und besonders Moritzburg, das ist das höchste der Gefühle!“ lachte Jim.

„Bleib mir mit deinen Gefühlen nur hinter der Fronte, alter Schnuffel! Du kennst mich noch lange nich; aber da wir noch eenige Monate beisammen bleiben wollen, so wirst du mich kennen und verehren lernen. Meine Persönlichkeet reißt jeden endlich doch zur Hochachtung hin. Nich wahr, Jemmy?“

„Allerdings!“ nickte dieser mit einem kleinen ironischen Lächeln.

„Da hört ihr’s beede! Und eegentlich habt ihr mir alles zu verdanken, denn wenn ich nich da droben bei Helmers Home mit Bloody-Fox zusammengetroffen wäre, so hättet ihr den Geist der Llano niemals entdeckt. Diese Anerkennung muß ich unbedingt schon jetzt verlangen. Schpäteren Geschlechtern bleibt’s dann vorbehalten, mich und den Geist in Eisen zu gießen oder in Marmor zu hauen, damit mein Name hier ebenso in goldenen Lettern schtrahlt wie droben im Nationalparke, wo hoffentlich bald die Welt mein Monument beschtaunt!“

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Tokvi Tey

Tokvi-tey

Es war am Nachmittage des darauffolgenden fünften Tages, als die sechs Reiter das Gebiet der Pulverflußquellen hinter sich hatten und nun den Bighornbergen zustrebten.

Die Strecken, die sich von Missouri nach dem Felsengebirge hinziehen, gehören noch heutigen Tages zu den wildesten Teilen der Vereinigten Staaten. Dieses Gebiet besteht fast ganz aus einsamer baumloser Prairie, in welcher der Jäger mehrere Tage lang zu reiten hat, ehe er einen Busch oder eine Wasserquelle findet. Das Land steigt nach Westen zu allmählich an; es bildet bald sanfte Erhöhungen, sodann Hügel, welche immer höher, schroffer und zerklüfteter werden, je weiter man nach Westen kommt; aber der Mangel an Holz und Wasser bleibt sich gleich. Darum wird diese Gegend von den Indianern „Mah-kosietscha“ und von den Weißen „Bad lands“ genannt. Beide Ausdrücke bedeuten das Gleiche, nämlich soviel wie schlechtes Land.

Selbst bedeutende Flüsse, deren Gebiet ein großes ist, wie z.B. der Platte, führen im Sommer nur wenig Wasser mit sich. Weiter im Norden, wo die Quellgebiete des Cheyenne-, Powder-, Tongue- und Big-Horn-Flusses liegen, wird das Land besser. Das Gras ist saftiger; die Büsche treten zu ausgedehnteren Strauchwäldern zusammen, und endlich schreitet der Fuß des Westmannes sogar im Schatten hundert- und noch mehrjähriger Baumriesen dahin.

Dort befinden sich die Jagdgründe der Schoschonen oder Schlangenindianer, der Sioux, Cheyennes und der Arapahoes. Jeder dieser Stämme zerfällt wieder in Unterabteilungen, und da eine jede dieser Abteilungen ihre besonderen Interessen verfolgt, so ist es kein Wunder, daß es einen immerwährenden Wechsel von Krieg und Frieden zwischen ihnen gibt. Und ist der rote Mann ja einmal zu längerer Ruhe geneigt, so kommt Master Bleichgesicht und sticht ihn so lange, erst mit Nadeln, dann mit Messern, bis der Indianer das vergrabene Kriegsbeil wieder hervorsucht und von neuem zu kämpfen beginnt.

Unter diesen Umständen versteht es sich ganz von selbst, daß da, wo die Weidegründe so vieler und verschiedener Stämme und Abteilungen zusammenstoßen, die Sicherheit des Einzelnen eine sehr fragliche, ja höchst gefährdete ist. Die Schoschonen oder Schlangenindianer sind stets erbitterte Feinde der Sioux gewesen, und darum haben die Strecken, welche sich von Dakota aus südlich vom Yellowstoneflusse nach den Big-Hornbergen ziehen, sehr oft das Blut des roten – wohl auch des weißen Mannes getrunken.

Der dicke Jemmy und der lange Davy wußten das sehr genau, und aus diesem Grunde waren sie mit aller Sorge darauf bedacht, möglichst einem Zusammentreffen mit Indianern, gleichviel welchen Stammes, auszuweichen.

Wohkadeh ritt voran, da er ganz dieselbe Strecke bereits auf dem Herwege durcheilt hatte. Er war jetzt mit einer Büchse bewaffnet und trug an seinem Gürtel mehrere Beutel mit all den Kleinigkeiten, welche dem Prairiemanne unentbehrlich sind. Jemmy und Davy hatten ihr Äußeres nicht verändert. Der erstere ritt selbstverständlich seinen hohen Klepper, und der zweite hing seine ewig langen Beine an den Seiten seines kleinen, störrigen Maultieres herab, welches alle fünf Minuten den bekannten Versuch, seinen Reiter abzuwerfen, vergeblich wiederholte. Davy brauchte nur den einen Schuh, rechts oder links, wo es gerade notwendig war, auf die Erde zu setzen, um festen Halt zu haben. Er glich auf seinem Tiere einem jener Bewohner der australischen Inseln, welche ihre an sich höchst gefährlichen Boote mit Auslegern versehen und aus diesem Grunde niemals umkippen können. Davys Ausleger aber waren seine beiden Beine.

Auch Frank trug ganz dieselbe Kleidung, in welcher er von den beiden Freunden zum erstenmal gesehen worden war: Mokassins, Leggins, blauen Frack und Amazonenhut mit langer, gelber Feder. Der kleine Sachse saß ganz ausgezeichnet zu Pferde und machte trotz seines sonderbaren Habits den Eindruck eines recht tüchtigen Westmannes.

Eine Lust war es, Martin Baumann im Sattel sitzen zu sehen. Er ritt wenigstens ebensogut wie Wohkadeh. Er war wie mit dem Pferde verwachsen und hatte jene weit vorgebeugte Haltung, welche dem Tiere die Last erleichtert und den Reiter befähigt, die Anstrengung eines monatelangen Rittes ohne Übermüdung auszuhalten. Er trug einen echten ledernen Trapperanzug, wie überhaupt seine ganze Ausrüstung und Bewaffnung nichts zu wünschen übrig ließ. Er war mit ganzer Seele bei der Aufgabe, welche er zu lösen hatte. Wer ihm in sein frisches Gesicht und sein helles Auge blickte, mußte zu der Ueberzeugung kommen, daß er sich hier in der Prairie ganz in seinem Elemente befinde. Er machte ganz den Eindruck, daß er, obgleich noch halb ein Knabe, nötigenfalls doch als Mann zu handeln verstehen werde. Hätte die schwere Sorge um den gefangenen Vater nicht einen Schatten über ihn geworfen, so wäre er wohl das heiterste Glied des kleinen Trupps zu nennen gewesen.

Lustig war es, den schwarzen Bob zu betrachten. Das Reiten hatte niemals zu seiner Passion gehört, und so saß er in einer geradezu unbeschreiblichen Haltung zu Pferde. Er hatte seine liebe Not mit dem Tiere, und dieses aber auch wieder mit ihm, denn er vermochte es nicht, auch nur zehn Minuten lang einen festen Sitz zu bewahren. Hatte er sich einmal ganz an den Hals des Pferdes vorgeschoben, so brachte ihn jeder Schritt des Tieres um irgend einen Teil eines Zolles nach hinten. So rutschte und rutschte er, bis er sich in der Gefahr befand, hinten herunter zu fallen. Dann schob er sich möglichst weit vor, und die Rutschpartie begann von neuem, wobei er ganz unfreiwilligerweise in Stellungen geriet, welche der Spaßmacher eines Cirkus sich nicht lächerlicher hätte aussinnen können. Er hatte nämlich anstatt des Sattels nur eine Decke aufgeschnallt, weil er infolge früherer Proben wußte, daß es ihm unmöglich sei, sich in dem Sattel zu erhalten; er war bei einem einigermaßen schnellen Tempo immer hinter denselben zu sitzen gekommen. Er hielt die Beine weitab vom Pferde. Wurde ihm gesagt, daß er festen Schluß nehmen solle, so antwortete er stets:

„Warum soll Bob drücken mit den Beinen armes Pferd? Pferd ihm ja nichts zuleid gethan! Bobs Beine sind doch keine Kneipzange!“

Die Reiter hatten den Rand einer nicht sehr tiefen, fast kreisförmigen Bodensenkung erreicht, deren Durchmesser vielleicht sechs englische Meilen betragen mochte. An drei Seiten von kaum merklichen Terrainanschwellungen umgeben, wurde diese Senkung im Westen von einer ansehnlichen Höhe begrenzt, welche von Strauch- und Baumwuchs bestanden zu sein schien. Vielleicht hatte es früher hier eine seeartige Wasseransammlung gegeben. Der Boden bestand aus einem tiefen, unfruchtbaren Sande und zeigte außer wenigen harten Grasbüscheln nur jene grau schimmernde, nutzlose Mugwortvegetation, welche die sterilen Gegenden des fernen Westens kennzeichnet.

Wohkadeh trieb sein Pferd, ohne sich lange zu besinnen, in den Sand hinein. Er nahm die gerade Richtung nach der erwähnten Höhe zu.

„Was für eine Gegend ist dies hier?“ fragte der dicke Jemmy. „Sie ist mir unbekannt.“

„Die Krieger der Schoschonen nennen diesen Ort Pa-are-pap,“ antwortete der Indianer.

„Den See des Blutes. O weh! Da wollen wir ja nicht wünschen, Schoschonen zu begegnen.“

„Warum?“ erkundigte sich Martin Baumann.

„Weil wir sonst verloren wären. Hier an dieser Stelle ist eine Jagdabteilung der Schoschonen von den Weißen bis auf den letzten Mann niedergemetzelt worden, ganz ohne alle Veranlassung. Obgleich seitdem wohl an die fünf Jahre vergangen sind, würden die Stammesangehörigen der Ermordeten doch einen jeden Weißen, welcher das Unglück hätte, in ihre Gewalt zu geraten, ohne Barmherzigkeit töten. Das Blut der Gefallenen schreit nach Rache.“

„Meint Ihr, daß sich Schoschonen in der Nähe befinden, Sir?“

„Ich will es nicht hoffen. Wie ich gehört habe, befinden sie sich jetzt weit nordwärts am Musselschell River in Montana. Ist dies wahr, so sind wir vor ihnen sicher. Wohkadeh wird uns sagen, ob sie indessen südwärts gezogen sind.“

Der Indianer hatte diese Worte gehört. Er antwortete:

„Als Wohkadeh vor sieben Tagen hier vorüber kam, gab es keinen einzigen Krieger der Schoschonen in der Nähe. Nur die Arapahoes hatten ein Lager da aufgeschlagen, wo der Fluß entspringt, welchen die Bleichgesichter den Tongue River nennen.“

„So sind wir sicher vor ihnen. Uebrigens ist die Gegend hier so eben und offen, daß wir auf über eine Meile weit jeden Reiter oder Fußgänger erkennen und also imstande sein würden, unsere Maßregeln zur rechten Zeit zu treffen. Vorwärts also!“

Sie mochten wohl eine halbe Stunde lang in gerader westlicher Richtung geritten sein, als Wohkadeh sein Pferd anhielt.

„Uff !“ rief er aus.

Dieses Wort wird von den Indianern meist als Ausruf der Verwunderung gebraucht.

„Was gibt’s?“ fragte Jemmy.

„Schi-schi!“

Dieses Wort ist aus der Mandanersprache und heißt eigentlich „Füße“, hat aber auch die Bedeutung von Spur oder Fährte.

„Eine Fährte?“ fragte der Dicke. „Von einem Menschen oder einem Tiere?“

„Wohkadeh weiß es nicht. Meine Brüder mögen sie selbst betrachten.“

Good lack! Ein Indsman weiß nicht, ob die Spur von einem Menschen oder von einem Viehzeuge ist! Das ist mir noch niemals vorgekommen! Das muß ja eine ganz und gar eigentümliche Fährte sein. Wollen sie uns doch einmal betrachten. Aber steigt hübsch ab und reitet mir nicht darauf herum, ihr Leute, sonst ist sie dann nicht mehr zu erkennen.“

„Sie wird dann noch immer zu erkennen sein,“ meinte der Indianer. „Sie ist groß und lang; sie kommt weit von Süden her und geht weit nach Norden.“

Die Reiter stiegen ab, um die sonderbare Fährte zu untersuchen. Die Fußstapfen eines Menschen von der Fährte eines Tieres zu unterscheiden, versteht jeder dreijährige Indianerknabe. Daß Wohkadeh sich außer stande sah, diese Unterscheidung zu treffen, war geradezu eine Unbegreiflichkeit. Doch auch Jemmy, als er die Stapfen betrachtet hatte, schüttelte den Kopf, blickte nach links, woher die Fährte kam, dann nach rechts, wohin sie führte, schüttelte abermals den Kopf und sagte dann zu dem langen David Kroners:

„Nun, mein alter Davy hast du in deinem Leben bereits einmal so etwas gesehen?“

Der Gefragte schüttelte bedenklich den Kopf, blickte nach links und rechts, betrachtete die Eindrücke im Sande noch einmal, schüttelte abermals und antwortete dann:

„Nein, noch niemals.“

„Und Ihr, Master Frank?“

Der Sachse beguckte und beguckte die Spur, schüttelte auch und meinte:

„Aus diesen Stapfen werde der Teufel klug!“

Auch Martin und der Neger sprachen sich dahin aus, daß ihnen die Sache sehr rätselhaft vorkomme. Der lange Davy kratzte sich erst hinter dem rechten und sodann hinter dem linken Ohre, spuckte zweimal nacheinander aus, was stets ein Zeichen war, daß er sich in Verlegenheit befinde, und that dann den weisen Ausspruch:

„Aber irgend ein Geschöpf ist hier vorüber gekommen. Wenn das nicht wahr ist, so will ich verurteilt werden, binnen zwei Stunden den alten Mississippi mit samt seinen Nebenflüssen auszutrinken!“

„Schau, wie klug du bist, Alter!“ lachte Jemmy. „Wenn du es nicht sagtest, so wüßten wir wirklich nicht, daß das eine Fährte ist. Also eine Kreatur ist auf alle Fälle hier vorübergelaufen. Aber was für eine? Wie viele Beine hat sie gehabt?“

„Vier,“ antworteten außer dem Indianer die anderen alle. „Ja, das sieht man genau. Also ist’s ein Tier gewesen. Nun aber soll mir irgend einer sagen, mit welcher Art oder Gattung von Vierbeiner wir es zu thun haben!“

„Ein Hirsch ist’s nicht,“ meinte Frank.

„Gott behüte! Ein Hirsch macht Zeit seines Lebens nicht so riesige Eindrücke.“

„Etwa ein Bär?“

„Freilich läßt ein Bär in solchem Sande so große und deutliche Silben zurück, daß sogar ein Blinder sie mit den Fingern lesen könnte; aber diese Fährte stammt auch von keinem Bären. Die Eindrücke sind nicht lang und nach hinten ausgewischt, wie bei einem Sohlengänger, sondern beinahe kreisrund, über eine Handspanne im Durchmesser und gerade eingetreten, wie mit einem Petschaft gestempelt. Sie sind nur wenig nach hinten ausgeworfen und unten am Grunde vollständig eben. Das Tier hat also nicht Zehen oder Krallen, sondern Hufe gehabt.“

„Also ein Pferd?“ meinte Frank.

„Hm!“ brummte Jemmy. „Ein Pferd kanns aber auch nicht gewesen sein. Man müßte da doch wenigstens eine kleine Andeutung der Hufeisen oder, falls das Tier barfüßig gewesen wäre, des Tragrandes und des Strahles finden. Die Fährte ist im höchsten Falle zwei Stunden alt, eine zu kurze Zeit, als daß sich während derselben diese Andeutung hätte verlieren können. Und, was die Hauptsache ist, kann es jemals ein Pferd mit so außerordentlich großen Hufen geben? Wenn wir in Asien oder Afrika wären und nicht in dieser alten, gemütlichen Savanne, so würde ich behaupten, daß ein Elefantengroßvater hier vorübergestampft sei.“

„Ja, gerade so sieht es aus!“ lachte der lange Davy.

„Was? Gerade so sähe es aus?“ fragte Jemmy.

„Ja freilich! Du hast’s ja selbst auch gesagt!“

„So laß dir nur dein Lehrgeld wieder geben! Hast du schon einmal einen Elefanten gesehen?“

„Zwei sogar.“ „Wo?“

„In Philadelphia bei Barnum und jetzt hier, nämlich dich, Dicker!“

„Wenn du einen Witz machen willst, so kaufe dir für zehn Dollars einen besseren, verstanden! Diese Fährte soll einer Elefantenspur ähnlich sehen! Groß genug wären die Stapfen; das gebe ich ja zu; aber ein Elefant würde eine ganz andere Schrittweite haben. Daran hast du nicht gedacht, Davy. Ein Kamel ist’s auch nicht gewesen, sonst würde ich behaupten, du seist vor zwei Stunden hier vorbeigestiegen. Und nun will ich gestehen, daß ich mit meiner Weisheit zu Ende bin.“

Die Männer gingen eine Strecke vorwärts und auch wieder zurück, um die wunderbare Fährte ja ganz genau zu betrachten; aber keiner von ihnen konnte eine nur halbwegs glaubhafte Ansicht äußern.

„Was sagt mein roter Bruder dazu?“ fragte Jemmy.

„Maho akono!“ antwortete der Indianer, indem er mit der Hand eine Bewegung der Ehrfurcht machte.

„Der Geist der Prairie, meinst du?“

„Ja, denn es ist weder ein Mensch noch ein Tier gewesen.“

„Heigh-ho! Eure Geister scheinen entsetzlich große Füße zu haben. Oder leidet der Geist der Prairie auch einmal am Fußrheumatismus und hat Filzschuhe angezogen?“

„Mein weißer Bruder sollte nicht spotten. Der Geist der Prairie kann in allen Gestalten erscheinen. Wir müssen seine Spur mit Ehrfurcht betrachten und wollen still weiter reiten.“

„Nein, das werde ich nicht thun. Ich muß unbedingt wissen, woran ich bin. Ich habe noch niemals eine solche Fährte gesehen und werde ihr also folgen, bis ich weiß, wer sie hinterlassen hat.“

„Mein Bruder wird ins Verderben laufen. Der Geist duldet es nicht, daß man nach ihm forscht.“

„Madneß! Wenn später der dicke Jemmy von dieser Fährte erzählt und nicht sagen kann, von wem sie stammt, so wird er ausgelacht oder gar für einen Lügner erklärt. Für einen guten Westmann ist es geradezu eine Ehrensache, dies Geheimnis aufzuklären.“

„Wir haben nicht Zeit, solche Umwege zu machen.“

„Das verlange ich auch nicht von euch. Wir haben noch vier Stunden bis zum Abend; dann müssen wir lagern. Kennt mein roter Bruder vielleicht die Stelle, an welcher wir Rast machen werden?“

„Ja. Wenn wir geradeaus reiten, so kommen wir an eine Stelle, an welcher die Höhe dort eine Oeffnung hat. Es schneidet ein Thal in dieselbe ein, in welches zur linken Hand, wenn man eine Stunde lang geritten ist, eine Seitenschlucht mündet. In dieser werden wir ruhen, denn dort gibt es Büsche und Bäume, die unser Feuer unsichtbar machen, und auch einen Quell, welcher uns Wasser liefern wird für uns und unsere Tiere.“

„Das ist sehr leicht zu finden. Reitet also weiter! Ich werde dieser Fährte folgen und sodann am Lagerplatze wieder zu euch stoßen.“

„Mein weißer Bruder mag sich warnen lassen!“

„Ach was!“ rief der lange Davy; „Hier ist eine Warnung ganz am unrechten Platze, Jemmy hat vollständig recht. Es wäre eine Schande für uns, diese gradezu unbegreifliche Fährte entdeckt zu haben, ohne zu erforschen, wem dieselbe zuzuschreiben ist. Man sagt, daß es vor der Erschaffung der Erde Tiere gegeben habe, gegen welche ein Büffel sich ausnehmen würde wie ein Regenwurm neben einem Mississippidampfer. Vielleicht ist so ein Untier von damals übrig geblieben und rennt nun hier im Sand herum, um an den Körnern auszuzählen, wie viele Jahrhunderte alt es ist. Ich glaube, Mamma heißt so ein Tier.“

„Mammut!“ verbesserte der Dicke.

„Kann auch sein! Also welche Schande für uns, wenn wir auf so eine vorweltliche Fährte träfen, und nicht wenigstens einer hätte versucht, das Tier zu Gesicht zu bekommen. Ich reite mit, Jemmy!“

„Das geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil wir beide, ohne alle Ueberhebung zu sagen, die meiste Erfahrung besitzen und also gewissermaßen die Anführer sind. Miteinander zugleich dürfen wir uns nicht entfernen. Einer muß zurückbleiben. Lieber mag ein anderer mit mir reiten.“

„Master Jemmy hat recht,“ meinte Martin. „Ich werde mit ihm gehen.“

„Nein, mein junger Freund,“ entgegnete Jemmy. „Ihr seid der allerletzte, den ich einladen möchte, mich zu begleiten.“

„Warum? Ich brenne ja vor Begierde, das unbekannte Tier mit zu entdecken!“

„Das glaube ich gar wohl. In Eurem Alter ist man zu solchen Abenteuern stets bereit. Aber der Ritt ist vielleicht nicht ungefährlich, und wir haben die stillschweigende Verpflichtung übernommen, über Euch zu wachen, um Euch unbeschädigt mit Eurem Vater zu vereinigen. Ich kann es also nicht mit meinem Gewissen vereinigen, Euch mit mir in eine unbekannte Gefahr zu ziehen. Nein, wenn ich nicht allein reiten soll, so mag ein anderer mich begleiten.“

„So gehe ich mit!“ rief der lahme Frank.

„Ja, dagegen will ich nichts haben. Master Frank hat bereits damals in Moritzburg mehrschtenteels mit dem Hausknecht und dem Nachtwächter gekämpft und wird sich also wohl nicht vor einem Mammut fürchten.“

„Ich? Mich fürchten? Kann mir gar nicht einfallen.“

„Also bleibt es dabei. Die anderen reiten weiter, und wir beide schwenken rechts ab. Euer Pferd wird sich aus dem Umwege nicht viel machen, und für meinen Gaul ist das Laufen die größte Passion. Er muß früher, ehe er seine jetzige Pferdegestalt annahm, Schnelläufer oder Briefträger gewesen sein.“

Martin versuchte zwar einige Einwendungen, doch vergeblich. Der lange Davy warnte zur Vorsicht. Wohkadeh beschrieb nochmals die Lagerstelle genau und tadelte Jemmys Vorhaben, durch welches der Zorn des Geistes der Savanne herausgefordert werde. Dann setzten die übrigen den unterbrochenen Ritt fort, während der Dicke mit dem Sachsen nach Norden hin der Fährte folgte.

Da diese beiden einen Umweg vor sich hatten, spornten sie ihre Tiere zu größerer Eile an, und so kam es, daß sie bereits nach kurzer Zeit ihre Gefährten aus den Augen verloren hatten.

Später brach die Fährte von ihrer bisherigen Richtung ab und wendete sich nach Westen, der fernen Höhe zu, so daß nun Jemmy und Frank parallel mit ihren Freunden ritten, allerdings wohl über eine Stunde von ihnen entfernt.

Sie hatten sich bisher schweigend verhalten. Jemmys starkknochiger Gaul hatte seine langen Beine so emsig vor sich geworfen, daß Franks Pferd Mühe gehabt hatte, ihm in dem tiefen Sande zu folgen. Jetzt änderte der Dicke den anstrengenden Trab in langsamen Schritt, und so konnte Frank sich leicht an seiner Seite halten.

Es verstand sich ganz von selbst, daß die Teilnehmer der Expedition sich untereinander vorzugsweise der englischen Sprache bedienten. Jetzt befanden die beiden Deutschen sich allein, und so zogen sie die Muttersprache vor.

„Nicht wahr,“ begann Frank, „das vorhin mit dem Mammut, das ist doch nur eegentlich Spaß gewesen?“

„Natürlich.“

„Ich hab‘ mir’s gleich gedacht, denn solche Mammutersch gibt’s ja heutzutage gar nich mehr.“

„Haben Sie denn schon einmal von diesen vorweltlichen Tieren gehört?“

„Ich? Na und ob! Und wenn Sie mir’s nich zutrauen, da können Sie mich nur riesig dauern. Wissen Sie, der Moritzburger Schulmeester damals, der eegentlich meine geistige Mutter gewesen ist, der hatte was los, besonders in der Pflanzenzoologie. Der kannte jeden Boom, von der Fichte an bis zum Sauerampfer ‚runter, und ooch jedes Tier, von der Seeschlange an bis zum kleensten Schwammb herab. Von dem hab‘ ich damals geradezu massenhaft profitiert.“

„Das freut mich ungemein,“ lachte der Dicke. „Vielleicht kann ich von Ihnen profitieren.“

„Das verschteht sich mehrschtenteels ja ganz von selber. Zum Beischpiel grad übers Mammut kann ich Ihnen die beste authentische Auskunft geben.“

„Haben Sie etwa eins gesehen?“

„Nein, denn damals vor der Erschaffung der Welt bin ich noch gar nich bei der jetzigen Polizei angemeldet gewest; aber der Schulmeester hat das Mammut in alten Handschriften gefunden. Wie groß denken Sie wohl, daß das Ungetüm gewest ist?“

„Bedeutend größer als der Elefant.“

„Elefant? Das zieht noch lange nich! Wenn das Mammut ‚mal über eenen Stein oder über einen Steen gestolpert ist, und es hat niedergeguckt, um den Steen zu betrachten, so ist dieser Stein oder dieser Steen mehrschtenteels eene ägyptische Pyramide gewest. Denken Sie sich nun die Höhe von so eenem Tier! Und wenn sich ihm ‚mal eene Fliege off die Schwanzspitze gesetzt hat, so ist es das erscht nach vierzehn Tagen vorn im Verschtand gewahr geworden. Nun denken Sie sich ‚mal die Länge von so eenem Geschöpf! Unsere jetzige Vemunft ist viel zu schwach für so eene damalige Menagerie. Jetzt, wenn wir was Großartiges sehen wollen, müssen wir ins Hinter-Ochsen-Klee-Gras-Fernrohr gucken. Da ist es wenigstens annähernd sowie damals um die Sündflut herum.“

Jemmy machte ein erstauntes Gesicht.

„Wie?“ fragte er. „Wie heißt dieses Fernrohr?“

„Passen Sie doch auf! Wenn ich eenmal drin bin in der Belehrung, so ist mir jede Schtörung impertinent. Hinter-Ochsen-Klee-Gras-Fernrohr heeßt’s. Können Sie sich das merken? Wenn Sie wirklich een Gymnasiast gewest sind, so müssen Sie doch ooch Unterricht über die Akustik der Fernrohre gehabt haben. Je dunkler der Brennpunkt ist, desto größer sind die Schterne, die man sieht, weil in der Wissenschaft mehrschtenteels das umgekehrte Verhältnis ausgerechnet werden muß. Verschtehen Sie das?“

„Ja,“ nickte der Dicke, der sich Mühe gab, ein ernstes Gesicht zu machen. „Aber jetzt beginne ich zu ahnen, was für ein Fernrohr Sie gemeint haben.“

„Nun, was denn für eens?“

„Gar keins. Sie haben die Bezeichnungen verwechselt. Sie meinten nicht ein Fernrohr, sondern ein Mikroskop.“

„Mikroskop! Ja, ja, richtig! Weil mir das richtige Wort oogenblicklich abwesend war, habe ich derweile das Fernrohr zum Behelf genommen, denn geistesgegenwärtig bin ich allezeit gewest.“

„Und zwar meinten Sie das Hydrooxygengasmikroskop!“

„Natürlich! Das verschteht sich ganz von selber. Aber warum soll ich dänisch reden, wenn ich der deutschen Schprache vollschtändig mächtig bin? Wenn ich sage Hinterochsenkleegrasmikroskop, so verschteht mich ooch een Ungelehrter. Der Schulmeester sagte immer: Man muß sich herablassen zum kindlichen Gemüt, dann erntet man Palmen off sandigem Boden. Sie sehn, ich werfe mit Metafferbeischpielen nur so um mich herum. Das haben Sie davon, daß ich schtets een fleißiger Autopetrefakt gewest bin. Wäre damals nich der Schreit wegen dem Vater Wrangel seinem Leibwort ausgebrochen, so hätt‘ ich’s Nolens Coblenz bis zur Tharandter Forschtakademie gebracht und hätte jetzt nich nötig, mich im wilden Westen herumzutreiben und von den Sioux lahm schießen zu lassen!“

„Ah, Sie sind nicht lahm geboren?“

Frank blickte den Dicken fast zornig an.

„Lahm geboren? Wie könnte das bei eener Persönlichkeit von meiner Ambutation möglich sein! Een lahmer Mensch kann doch nie nich als Forschtläufer een Beamter werden! Nee, ich habe meine gesunden Beene gehabt, so lange ich mich off mich selber besinnen kann. Aber als ich damals mit dem Baumann in die schwarzen Berge kam, um unter den Goldsuchern den Krämerladen zu eröffnen, da kamen zuweilen ooch die Indianer, um ihre Einkäufe zu effektuieren. Mehrschtentheels waren Sioux dabei. Das sind die schlimmsten anthropologischen Wilden, die es nur geben kann, zumal sie bei der geringsten Miene, die man zieht, gleich schtechen oder schießen. Am allerbesten ist, man gibt sich gar nich weiter mit ihnen ab. Guten Tag und guten Weg, adieu, leb wohl! Diesem Passus bin ich schtets getreu gewest, weil ich een Freund von Principern bin; aber eenmal hab‘ ich doch im Charakter eene schwache Schtunde gehabt, und daran hab‘ ich nun eben heute noch zu hinken.“

„Wie ist denn das gekommen?“

„Ganz unverhofft, wie alles kommt, was man vorher nich weeß. Es ist, als wärsch heute, so leibhaftig schteht der betreffende Tag vor meinem geistigen Angesicht. Die Schterne funkelten, und die Bullfrösche brüllten laut im nahen Sumpfe, denn es war leider nich bei Tage, sondern bei Nacht. Baumann war abwesend, um sich in Fort Fettermann mit neuen Vorräten zu versehen; Martin schlief, und der Neger Bob, welcher fortgeritten war, um Schulden einzukassieren, hatte sich noch nich wieder sehen lassen. Nur sein Pferd war ohne ihn ins traute Heim zurückgekehrt. Am anderen Morgen kam er nachgehinkt, mit verschtauchten Gliedern und ohne eenen Pfennig Geld. Er war von unseren sämtlichen Schuldnern hinaus- und nachher vom Pferde ooch noch abgeworfen worden. Das nennt man des Lebens Unverschtand aus erschter Hand genießen. Sie sehen, daß ich sogar in Jamben erzählen kann! Nicht?“

„Ja. Sie sind ein kleines Genie.“

„Das habe ich mir sehr oft selber gesagt, anderen Leuten aber niemals, weil’s niemand glooben wollt. Also die Schterne schtrahlten vom Himmel herab, da klopfte es an unsere Thür. Hier im Westen muß man vorsichtig sein; darum machte ich nich sogleich auf, sondern ich fragte von innen, wer von außen herein wolle. Um die Sache kurz zu machen, es waren fünf Siouxindianer, welche Felle gegen Pulver umtauschen wollten.“

„Sie haben sie doch nicht etwa hereingelassen?“

„Warum nich?“

„Sioux, und mitten in der Nacht!“

„O bitte! Wenn wir eene Uhr gehabt hätten, so wäre es ungefähr halbzwölf gewest. Das war noch nich zu schpät. Ich als Westmann weeß sehr gut, saß man nich allemal zur Visitenschtunde am Platze sein kann, und daß die Zeit unter Umschtänden ungeheuer kostbar sein kann. Die Roten sagten, daß sie noch die ganze Nacht hindurch marschieren müßten, und so appellierte mein gutes, sächsisches Herz an mich – ich ließ sie herein.“

„Welch eine Unvorsichtigkeit!“

„Warum? Furcht habe ich nie gekannt, und ehe ich die Thür öffnete, machte ich die Bedingung, daß sie alle Waffen draußen ablegen müßten. Ich muß zu ihrer Ehre geschtehen, daß sie diesem Verlangen redlich nachgekommen sind. Natürlich aber hatte ich, während ich sie bediente, den Revolver in der Hand, was sie als Wilde mir nich übelnehmen konnten. Ich machte wirklich ein brillantes Geschäft mit ihnen: schlechtes Pulver gegen gute Biberfelle. Wenn Rote und Weiße miteinander handeln, so sind die Roten allemal die Betrogenen. Das thut mir zwar leid, aber ich alleene kanns leider nich ändern. Neben der Thür hingen drei geladene Gewehre. Als die Indsmen gingen, blieb der letzte unter der Thür schtehen, drehte sich nochmals um und fragte mich, ob ich nich vielleicht eenen Schluck Feuerwasser zugeben wolle. Nun ist’s zwar verboten, den Indianern Branntwein zu verabreichen, aber ich hatte, wie gesagt, eenen guten Profit gemacht und war infolgedessen bereit, ihnen den Gefallen zu thun. Ich wandte mich also um und ging nach der hinteren Ecke, in welcher eine Flasche Brandy schtand. In dem Moment, als ich mich mit derselben umdrehte, sah ich den Menschen mit eenem der Gewehre, welches er vom Pflocke gerissen hatte, verschwinden. Natürlich setzte ich schnell die Flasche nieder, ergriff die nächste Büchse und sprang zur Thür hinaus. Selbstverschtändlich trat ich sofort zur Seite, denn im Scheine des Lichtes hätte ich unter der Thür das sicherste Ziel geboten. Da ich so schnell aus dem Lichten in das Dunkel gekommen war, konnte ich nich sofort scharf sehen. Ich hörte rasche Schritte, und dann blitzte es drüben an der Fenz hell auf. Ein Schuß krachte, und ich hatte das Gefühl, als ob jemand mich auf den Fuß geschlagen habe. jetzt sah ich den Roten, welcher sich über die Fenz schwingen wollte. Ich legte an und drückte ab, fühlte aber zu gleicher Zeit eenen so schtechenden Schmerz im Fuße, daß ich zusammenknickte. Die Kugel ging fehl, und das Gewehr war verloren. Nur mit Mühe kam ich in die Hütte zurück. Der Schuß des Indianers war mir in den linken Fuß gegangen. War es wegen der Dunkelheit oder weil der Sioux een fremdes Gewehr gehabt hatte, ich kann heut noch nicht begreifen, wie er diesen Blasrohrschuß hat thun können. Erscht nach Monaten habe ich den Fuß wieder gebrauchen können, aber der Hobble-Frank bin ich geworden. Den Roten aber habe ich mir genau gemerkt. Ich werde sein Gesicht niemals vergessen, und wehe ihm, wenn er mir irgendwo und irgendwann begegnen sollte! Wir Sachsen sind als die urgemütlichsten Germanen bekannt, aber unsere nationalen Vorzüge können uns doch nimmermehr verpflichten, uns nächtlicher Weile, wenn die Schterne vom Himmel schtrahlen, ungeschtraft bestehlen und lahm schießen zu lassen. Ich glaube, der Sioux gehörte zu den Ogallalla, und wenn –– Was haben Sie denn?“

Er unterbrach sich mit dieser Frage, denn der dicke Jemmy hatte sein Pferd angehalten und einen Ruf der Überraschung ausgestoßen. Sie hatten die größte Breite der sandigen Einsenkung hinter sich. Hier gab es eine Stelle mit felsigem Boden, und da, wo dieselbe wieder in den Sand verlief, war Jemmy halten geblieben.

„Was ich habe?“ antwortete er. „Das möchte ich selbst auch fragen. Habe ich denn eigentlich Augen?“

Er blickte ganz verwundert vom Pferde herab auf den Sand hernieder. jetzt sah auch Frank, was sein Gefährte meinte.

„Ist’s denn möglich!“ rief er aus, „die Fährte ist ja plötzlich ganz anders!“

„Freilich! Erst war es die reine Elefantenspur, und jetzt sind’s die deutlichsten Pferdestapfen. Das Tier ist beschlagen gewesen, und zwar mit neuen Eisen, denn die Eindrücke sind außerordentlich scharf, und sowohl der Griff wie auch die Stollen nicht im mindesten abgelaufen.“

„Aber diese Fährte ist ja verkehrt!“

„Das ist’s ja eben, was ich nicht begreifen kann! Bis jetzt lief die Spur vor uns her, und jetzt kommt sie uns direkt entgegen!“

„Ist’s denn auch wirklich dieselbe Fährte?“

„Natürlich! Da hinter uns tritt der Fels zu Tage; aber die Stelle ist kaum zwanzig Fuß breit. Auf dem Felsen ist die Spur unsichtbar. Jenseits desselben kommt sie als Elefantenstapfen von Osten und diesseits kommt sie als deutlicher Pferdehufabdruck von Westen. Blicken Sie um sich! Gibt es etwa noch eine andere Fährte?“

„Nein.“

„Also müssen diese Eindrücke trotz ihrer Verschiedenheit von einem und demselben Tiere stammen. Ich will auch überflüssigerweise absteigen, um mich zu überzeugen, daß kein Irrtum vorliegt.“

Beide stiegen ab. Die genaueste Untersuchung des Bodens ergab dasselbe Resultat: die Elefantenspur hatte sich auf der schmalen, felsigen Stelle in eine Pferdespur verwandelt. Mußte bereits das höchst befremdlich erscheinen, so war der Umstand, daß die beiden Spuren gegeneinander liefen und auf dem Fels zusammenstießen, geradezu verblüffend. Die beiden Männer blickten einander ratlos an und schüttelten die Köpfe.

„Wenn das keine Zauberei ist, so vexiert uns einer,“ sagte Jemmy.

„Vexieren? Wie denn?“

„Ja, das kann ich nicht begreifen!“

„Aber Zauberei gibt’s ja nicht!“

„Nein; abergläubisch bin ich nicht.“

„Das kommt mir vor wie beim Zauberer Philadelphia, der eenen Zwirnknäuel in die Luft geworfen haben und dann an dem Zwirn emporgestiegen sein soll!“

„Da der Elefant von Osten und das Pferd von Westen hierhergekommen ist und beider Spuren hier aufhören, so müßten beide Tiere hier an dieser Stelle an dem Faden emporgeklettert und oben in der Luft verschwunden sein! Das erkläre, wer’s vermag; ich aber bring‘ es nicht fertig!“

„Jetzt möcht‘ ich wohl wissen, was der Moritzburger Lehrer sagen würde, wenn er mit hier wäre!“

„Der würde kein klügeres Gesicht machen, als Sie und ich!“

„Hm! Mit Erlaubnis, geistreich sieht das Ihrige grad‘ nich aus, Herr Jemmy.“

„Und Ihnen sieht man es in diesem Augenblicke auch nicht an, daß Sie ein so talentvoller Autopetrefakt sind. Ich möchte überhaupt den Menschen sehen, welcher dieses Rätsel zu lösen vermag.“

„Aber zu lösen muß es sein, denn der berühmte Archidiakonus hat gesagt: Gebt mir einen festen Punkt in der Luft, so hebe ich jede Thür aus ihren Angeln!“

„Archimedes, meinen Sie!“

„Ja, aber Diakonus war er nebenbei, denn als am Sonnabend nachmittag die feindlichen Soldaten kamen, lernte er grad‘ die Predigt für morgen auswendig und rief ihnen entgegen: Schtört mich nich, und macht leise! Da schlugen sie ihn tot. Darum ist der Punkt in der Luft wieder verloren gegangen.“

„Vielleicht finden Sie ihn wieder. Ich aber fühle mich nicht befähigt dazu, da ich nicht einmal hier diesen Widerspruch zu lösen vermag.“

„Etwas aber müssen wir doch thun!“

„Natürlich! Umgekehrt wird nicht. Wenn es überhaupt eine Erklärung gibt, so liegt sie vor uns, nicht aber hinter uns. Steigen wir also auf, und dann wieder vorwärts!“

Sie ritten weiter, der Pferdespur entgegen. Diese war immerfort ganz deutlich zu erkennen und führte nach ungefähr einer halben Stunde aus dem sandigen Terrain heraus auf besseren Boden. Dort gab es Gras und vereinzeltes Strauchwerk. Der Höhenzug lag nahe. Ein dichter Wald zog sich an ihm empor, unten mit einzelnen Bäumen beginnend und je höher aufsteigend, desto geschlossener werdend. Auch hier war die Spur deutlich zu erkennen; nach einiger Zeit aber gab es einen mit klarem Steingries bedeckten Boden; da hörte sie plötzlich und vollständig auf.

„Das ist die Lösung!“ brummte Frank.

„Unbegreiflich!“ erklärte Jemmy. „Das Pferd muß aus der Luft gekommen und wieder in der Luft verschwunden sein. Oder ist es wirklich der Geist der Savanne gewesen? Dann wollte ich, er käme auf den guten Gedanken, sich einmal sehen zu lassen. Ich möchte doch gar zu gern wissen, wie ein Geist aussieht.“

„Der Wunsch kann erfüllt werden. Sehen Sie sich ihn gefälligst an, meine Herren!“

Diese Worte erklangen in deutscher Sprache hinter dem Busch hervor, an welchem sie halten geblieben waren. Einen Ruf des Schreckens ausstoßend, fuhren die beiden herum. Der, welcher gesprochen hatte, verließ das Gesträuch, welches ihm als Deckung gedient hatte.

Er war von nicht sehr hoher und nicht sehr breiter Gestalt. Ein dunkelblonder Vollbart umrahmte sein sonnverbranntes Gesicht. Er trug ausgefranste Leggins und ein ebenso an den Nähten ausgefranstes Jagdhemd, lange Stiefel, welche er bis über die Knie emporgezogen hatte, und einen breitkrämpigen Filzhut, in dessen Schnur rundum die Ohrenspitzen des grauen Bären steckten. In dem breiten, aus einzelnen Riemen geflochtenen Gürtel steckten zwei Revolver und ein Bowiemesser; er schien rundum mit Patronen gefüllt zu sein. An ihm hingen außer mehreren Lederbeuteln zwei Paar Schraubenhufeisen und vier fast kreisrunde, dicke Stroh- oder Schilfgeflechte, welche mit Riemen und Schnallen versehen waren. Von der linken Schulter nach der rechten Hüfte trug er einen aus mehrfachen Riemen geflochtenen Lasso und um den Hals an einer starken Seidenschnur eine mit Kolibribälgen verzierte Friedenspfeife, in deren Kopf indianische Charaktere eingegraben waren. In der Rechten hielt er ein kurzläufiges Gewehr, dessen Schloß von ganz eigenartiger Konstruktion zu sein schien, und in der Linken eine – – -brennende Cigarre, an welcher er soeben einen kräftigen Zug that, um den Rauch mit sichtlichem Behagen von sich zu blasen.

Der echte Prairiejäger gibt nichts auf Glanz und Sauberkeit. je mitgenommener er aussieht, desto mehr hat er mitgemacht. Er betrachtet einen jeden, der auf sein Äußeres etwas gibt, mit souveräner Geringschätzung. Der größte Greuel ist ihm ein blankgeputztes Gewehr. Nach seiner festen Überzeugung hat kein Westläufer Zeit, sich mit solchem Schnickschnack zu befassen.

Nun sah an diesem jungen fremden Manne alles so sauber aus, als sei er erst gestern von St. Louis aus nach dem Westen aufgebrochen. Sein Gewehr schien vor einer Stunde aus der Hand des Büchsenmachers hervorgegangen zu sein. Seine Stiefel waren makellos eingefettet und die Sporen ohne eine Spur von Rost. Seinem Anzuge war kaum eine Strapaze anzusehen, und wahrhaftig, er hatte sogar seine Hände rein gewaschen.

Die beiden starrten ihn an und vergaßen vor Überraschung, ihm zu antworten.

„Nun,“ fuhr er lächelnd fort, „ich denke, Sie wünschen den Flats-ghost zu sehen? Wenn Sie den meinen, dessen Spur Sie gefolgt sind, so steht er vor Ihnen.“

„Alle Wetter! Da bleibt mir mehrschtentheels gleich sofort der Verschtand schtille schtehn!“ rief Frank aus.

„Ah, ein Sachse! Nicht?“

„Sogar een geborener! Und off alle Fälle sind Sie een reener, unvermischter Deutscher?“

„Ja, ich habe die Ehre. Und der andere Herr?“

„Ooh, aus derselbigen schönen Gegend. Der freudige Schreck ist ihm off die Schprache gefallen. Lange dauern thut’s aber bei ihm nich, so kann er wieder reden.“

Er hatte recht, denn jetzt sprang Jemmy aus dem Sattel und streckte dem Fremden die Hand entgegen.

„Ist’s möglich!“ rief er aus. „Hier am Devils Head einen Deutschen zu treffen! Kaum sollte man es glauben!“

„Meine Überraschung muß doppelt groß sein, denn ich treffe ihrer ja zwei. Und irre ich mich nicht, so ist Ihr Name Jakob Pfefferkorn?“

„Was! Meinen Namen kennen Sie!“

„Ihnen ist’s ja leicht anzusehen, daß Sie der „dicke Jemmy“ sind. Und könnte ich es da nicht erraten, so brauchte ich nur Ihren Klepper anzusehen. Trifft man einen dicken Jäger auf einem solchen Kamelgaule, so ist’s der Jemmy. Und zufälligerweise habe ich erfahren, daß dieser bekannte Westmann eigentlich Jakob Pfefferkorn heißt. Aber wo Sie sind, da kann der lange Davy mit seinem Maultiere nicht fern sein. Oder irre ich mich da vielleicht?“

„Nein; er ist wirklich in der Nähe, gar nicht weit von hier nach Süden, wo das Thal in die Berge geht.“

„Ah! Lagern Sie heut da?“

„Gewiß. Mein Gefährte hier heißt Frank.“

Frank war auch abgestiegen. Er gab dem Fremden die Hand. Dieser betrachtete ihn scharf, nickte ihm dann zu und fragte:

„Wohl gar der Hobble-Frank?“

„Herr Jemineh! Ooch meinen Namen wissen Sie?“

„Ich sehe, daß Sie hinken, und Frank heißen Sie. Da lag die Frage nahe. Sie hausen mit Baumann, dem Bärentöter, zusammen?“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Er selbst. Ich kam mit ihm vor einigen Jahren ein weniges zusammen. Wo befindet er sich jetzt? Daheim? Ich glaube, das ist ungefähr drei Tagesritte von hier?“

„Ganz genau. Aber er ist nich daheim. Er ist den Ogallalla in die Hände gefallen, und wir sind unterwegs, um zu sehen, was wir für ihn thun können.“

„Sie erschrecken mich. Wo ist das geschehen?“

„Gar nich weit von hier, am Devils Head. Sie schleppen ihn mit noch fünf Gefährten hinauf nach dem Yellowstone, um ihn am Grabe des tapferen Büffel zu töten.“

Der Fremde horchte auf.

„Aus Rache jedenfalls?“ fragte er.

„Ja freilich. Haben Sie vielleicht ‚mal von Old Shatterhand gehört?“

„Ich glaube, mich zu besinnen, ja.“

Es spielte dabei ein eigenartiges Lächeln um die Lippen des Sprechers.

„Nun, der hat den tapfern Büffel, den böses Feuer und noch eenen dritten Sioux getötet. Nun sind die Ogallalla unterwegs, um das Grab dieser drei zu besuchen, und dabei ist Baumann ihnen in die Hände gefallen.“

„Wie haben Sie das erfahren?“

Frank erzählte von Wohkadeh und von allem, was seit dem Erscheinen dieses jungen Indianers geschehen war. Der Fremde hörte ihm sehr aufmerksam und sehr ernst zu. Nur manchmal, wenn der Hinkende allzusehr in seinen heimatlichen Dialekt verfiel, flog ein schnelles Lächeln über sein Gesicht. Als der Bericht beendet war, sagte er:

„So trägt also Old Shatterhand eigentlich die Schuld an dem Unglücke, welches dem Bärentöter widerfahren ist. Er hat es auf dem Gewissen.“

„Nein. Was kann der dafür, daß Baumann die Vorsicht außer acht gelassen hat?“

„Nun, streiten wir uns darüber nicht. Es ist sehr brav von Ihnen, daß Sie die Gefahren und Anstrengungen, denen Sie unbedingt entgegengehen, nicht scheuen, um die Gefangenen zu befreien. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen ein gutes Gelingen. Besonders interessiere ich mich für den jungen Martin Baumann. Vielleicht bekomme ich ihn einmal zu sehen.“

„Das kann sehr leicht geschehen,“ sagte Jemmy. „Sie brauchen ja nur mit uns zu gehen oder vielmehr mit uns zu reiten. Wo haben Sie Ihr Pferd?“

„Woher wissen Sie, daß ich kein Waldläufer, sondern beritten bin?“

„Na, Sie tragen ja Sporen!“

„Ach so, das verrät es Ihnen. Mein Pferd befindet sich hier in der Nähe. Ich habe es für die wenigen Augenblicke verlassen, um Sie vorüberreiten zu sehen.“

„Haben Sie denn unser Kommen bemerkt?“

„Freilich. Ich sah Sie bereits vor einer halben Stunde da draußen halten, um sich über die Verschiedenheit der Fährte zu beraten.“

„Wie? Was wissen sie davon?“

„Weiter nichts, als daß es meine eigene Spur ist.“

„Was, die Ihrige?“

„Ja.“

„Alle Teufel! So sind Sie es, der uns vexiert hat?“

„Haben Sie sich wirklich täuschen lassen? Nun das ist ja eine große Genugthuung für mich, einem Westmanne, wie dem dicken Jemmy, ein Schnippchen geschlagen zu haben. Freilich galt das nicht Ihnen, sondern ganz anderen Leuten.“

Der Dicke schien nicht zu wissen, was er von dem Sprecher denken solle. Er betrachtete ihn kopfschüttelnd vom Kopfe bis zu den Füßen herab und fragte sodann:

„Aber wer sind Sie denn eigentlich?“

Der andere lachte belustigt auf und antwortete:

„Nicht wahr, Sie bemerken sofort, daß ich hier im fernen Westen ein Neuling bin?“

„Ja. Den Greenfinch sieht man Ihnen sofort an. Mit Ihrem Sonntagsgewehr können Sie getrost auf Sperlinge gehen, und Ihre Ausrüstung tragen Sie erst seit Tagen auf dem Leibe. Sie müssen in zahlreicher Gesellschaft hier sein und gehören jedenfalls zu einem Trupp Touristenschützen. Wo haben Sie die Eisenbahn verlassen?“

„In St. Louis.“

„Was? So weit im Osten? Unmöglich! Wie lange Zeit befinden Sie sich hier im Westen?“

„Dieses Mal seit acht Monaten.“

„O bitte, nehmen Sie es mir nicht übel! Aber das wollen Sie mir doch nicht etwa im Ernste weismachen!“

„Es kann mir nicht einfallen, Ihnen eine Unwahrheit zu sagen.“

„Pshaw! Und getäuscht wollen Sie uns auch haben?“

„Ja; die Fährte war von mir.“

„Das glaubt kein Gendarm! Ich mache eine Wette, Sie sind Lehrer oder Professor und reiten mit etlichen Kollegen hier herum, um Pflanzen, Steine und Schmetterlinge zu sammeln. Da lassen Sie sich einen guten Rat geben. Machen Sie sich schleunigst aus dem Staube! Hier diese Gegend ist kein Feld für Sie. Das Leben hängt hier nicht stündlich, sondern in jeder Minute an einem Haar. Sie wissen gar nicht, in welcher Gefahr Sie da schweben.“

„O, das weiß ich ganz genau. Hier in der Nähe z. B. lagern über vierzig Schoschonen.“

Heavens! Ist’s wahr?“

„Ja; ich weiß es ganz genau.“

„Und das sagen Sie so in aller Ruhe!“

„Wie soll ich es anders sagen? Meinen Sie, daß die paar Schoschonen zu fürchten seien?“

„Mann, Sie haben keine Ahnung, auf welch einem gefährlichen Gebiete Sie sich befinden!“

„O doch! Da draußen liegt der See des Blutes, und die Schoschonen würden sich freuen, uns oder einen von uns ergreifen zu können.“

„Jetzt weiß ich wirklich nicht, was ich von Ihnen denken soll!“

„Denken Sie, daß ich diesen Roten ebensogut wie Ihnen eine Nase drehen kann. Ich habe schon manchen tüchtigen Westmann getroffen, welcher sich in mir geirrt hat, weil er den landläufigen Maßstab an mich legte. Bitte, kommen Sie!“

Er drehte sich um und schritt langsam zwischen die Büsche hinein. Die beiden folgten, ihre Pferde an den Zügeln führend. Nach ganz kurzer Zeit kamen sie an ein wahres Prachtexemplar von Schierlingstanne, welche wohl über dreißig Meter hoch war, bei diesem Baume eine große Seltenheit. Neben derselben stand ein Pferd, ein prächtiger Rapphengst mit roten Nüstern und jenem Haarwirbel in der langen Mähne, welcher bei den Indianern als sicheres Kennzeichen vorzüglicher Eigenschaften gilt. Sattel und Riemenzeug war von indianischer Arbeit. Hinter dem ersteren war ein Gummimantel aufgeschnallt. Aus einer der Seitentaschen ragte das Futteral eines Fernrohres hervor. An der Erde lag ein schwerer, doppelläufiger Bärentöter vom stärksten Kaliber. Als Jemmy dieses Gewehr erblickte, that er einige rasche Schritte, hob es auf, betrachtete es und rief:

„Dieses Gewehr ist – – es ist – – ah, ich habe es noch nie gesehen, aber ich erkenne es sofort. Die Silberbüchse des Apachenhäuptlings Winnetou und dieser Bärentöter sind die berühmtesten Gewehre des Westens. Der Bärentöter gehört – – –“

Er hielt inne und starrte den Besitzer ganz fassungslos an; dann fuhr er fort:

„Jetzt, jetzt, ah, jetzt geht mir ein Licht auf! Old Shatterhand ist von jedem, der ihn zum erstenmal sah, für ein Greenhorn gehalten worden. Ihm gehört dieses Gewehr, und der Stutzen in Ihrer Hand ist keine Feiertagsrifle, sondern einer von den elf Henrystutzen, die es gegeben hat. Frank, Frank, wissen Sie, wer dieser Mann hier ist?“

„Nein. Ich habe weder sein Taufzeugnis noch seinen Impfschein gelesen.“

„Mensch, lassen Sie den Spaß! Sie stehen jetzt vor Old Shatterhand!“

„Old Shat – – –“

Der Hinkende fuhr um einige Schritte zurück.

„Alle guten Geister!“ stieß er hervor. „Old Shatterhand! Den habe ich mir freilich ganz anders vorgestellt!“

„Ich mir ja auch!“

„Wie denn, Mesch’schurs?“ fragte der Jäger lächelnd.

„Lang und breit wie den Koloß zu Varus!“ antwortete der gelehrte Sachse.

„Ja, von riesenhafter Gestalt,“ stimmte der Dicke bei.

„So sehen Sie, daß mein Ruf größer ist als mein Verdienst. Was von einem an dem ersten Lagerfeuer erzählt wird, das vergrößert man am zweiten um das Drei- und an dem dritten um das Sechsfache. So kommt es, daß man für ein wahres Wunder gehalten wird, während man doch nur das ist, was jeder andere auch.“

„Nein; was man von Ihnen erzählt, das ist – – –“

„Pah!“ unterbrach er ihn kurz und befehlend. „Lassen wir das! Sehen Sie sich lieber mein Pferd an. Es ist eins jener N’gul-itkli, welche nur bei den Apachen zu finden sind. Es ist barfuß. Will ich etwaige Verfolger mystifizieren, so binde ich ihm diese Schilfschuhe an, die in China sehr gebräuchlich sind. Es hinterläßt dann, besonders in sandigem Boden, eine Fährte, welche man für diejenige eines Elefanten halten möchte. Hier am Gürtel habe ich zwei Paar Hufeisen, einfach zum Anschuhen und Festschrauben. Das eine Paar ist wie gewöhnlich gearbeitet, das andere aber verkehrt, mit dem Stollen nach vom. Natürlich wird die Spur dann auch verkehrt, und derjenige, welcher mich verfolgt, glaubt, daß ich in ganz entgegengesetzter Richtung geritten sei.“

„Alle Wetter!“ meinte Frank. „Jetzt endlich wird es tageshell in meiner Intelligenz! Also Vexiereisen sind’s! Was würde der Moritzburger Lehrer dazu sagen!“

„Ich habe nicht die Ehre, diesen Herrn zu kennen, aber ich habe das Vergnügen, Sie beide getäuscht zu haben. An der felsigen Stelle konnte keine Spur zurückbleiben; darum stieg ich dort ab, um die Schilfschuhe mit den Eisen zu vertauschen. Freilich hatte ich keine Ahnung, Landsleute hinter mir zu haben; ich erblickte Sie erst später. Ich traf diese Vorsichtsmaßregel, weil ich aus gewissen Anzeichen auf die Gegenwart feindlicher Indianer schließen mußte. Und diese Vermutung bestätigte sich, als ich an diese Tanne kam.“

„Gibt es da Spuren der Indianer?“

„Nein. Der Baum bezeichnet den Punkt, an welchem ich heute mit Winnetou zusammentreffen will, und – – –“

„Winnetou!“ unterbrach ihn Jemmy. „Ist der Häuptling der Apachen hier?“

„Ja; er ist bereits vor mir angekommen.“

„Wo, wo ist er? Den muß ich unbedingt sehen!“

„Er hat mir hier das Zeichen zurückgelassen, daß er schon da gewesen sei und heute auch wiederkommen werde. Wo er sich unterdessen befindet, weiß ich nicht. Jedenfalls beschleicht er die Schoschonen.“

„Weiß er von ihrer Anwesenheit?“

„Er ist’s, der mich auf sie aufmerksam gemacht hat. Er hat mit dem Messer seine Zeichen in die Rinde des Baumes gegraben. Sie sind mir ganz so verständlich wie jede andere Schrift. Ich weiß, daß er da war und wiederkommen wird, und daß sich vierzig Schoschonen in der Nähe befinden. Das weitere muß ich hier abwarten.“

„Aber wenn die Schoschonen Sie hier entdecken!“

„Pah! Ich weiß nicht, für wen die Gefahr größer ist, ob für mich, wenn sie mich hier finden, oder für sie, wenn ich sie entdecke. An Winnetous Seite habe ich dieses Häufchen Schoschonen nicht zu fürchten.“

Das klang so einfach, so selbstverständlich, daß der Hobble-Frank bewundernd ausrief –

„Vierzig Feinde nich fürchten! Ich bin doch ooch keen Hasenfuß, aber so weit hat’s mein Temperament in der Kühnheit des Charakters doch noch nich gebracht. Veni, vidi, tutti, sagte der alte Blücher, und da gewann er die Schlacht bei Belle-mesalliance; aber zu zween gegen vierzig ist er ooch nich gewesen. Ich begreif‘ das eenfach nich!“

„Die Erklärung ist sehr einfach, mein Lieber; viel Vorsicht, viel List und ein klein wenig Entschlossenheit, wenn sie gebraucht wird. Befindet man sich dazu noch im Besitze von Waffen, auf welche man sich verlassen kann, so ist man unter Umständen selbst vielen überlegen. Hier an diesem Orte sind wir keineswegs sehr sicher. Wollen Sie klug sein, so reiten Sie weiter, damit Sie baldigst zu den Ihrigen stoßen.“

„Und Sie bleiben hier?“

„Bis Winnetou kommt, ja. Dann werde ich mit ihm Ihren Lagerplatz aufsuchen. Wir haben zwar ein anderes Ziel; aber wenn er einverstanden ist, so bin ich bereit, mit nach dem Yellowstone zu reiten.“

„Wirklich, wirklich?“ fragte Jemmy, aufs höchste erfreut. „In diesem Falle möchte ich darauf schwören, daß wir die Gefangenen befreien!“

„Nicht zu zuversichtlich! Ich bin die mittelbare Ursache, daß Baumann sich in Gefahr befindet, und so fühle ich mich verpflichtet, an seiner Befreiung mitzuwirken. Darum – – –“

Er hielt inne, denn Frank hatte einen unterdrückten Ruf des Schreckens ausgestoßen. Er deutete mit der Hand zwischen den Büschen hindurch, hinaus auf die Sandebene, auf welcher ein Trupp berittener Indianer sichtbar geworden war.

„Schnell auf die Pferde und fort!“ riet Shatterhand. „Jetzt sind Sie noch nicht bemerkt worden. Ich komme nach.“

„Die Kerls werden unsere Spur finden!“ sagte Jemmy, indem er schleunigst in den Sattel stieg.

„Nur fort, fort! Das ist die einzige Rettung für Sie!“

„Aber Sie werden ja von ihnen entdeckt!“

„Sorgen Sie sich nicht um mich! Vorwärts, vorwärts!“

jetzt saßen die beiden im Sattel und jagten davon. Shatterhand warf einen forschenden Blick umher. Die beiden hatten ebensowenig wie er in dem Steingrus eine Spur zurückgelassen. Das Geröll zog sich erst breit und dann immer schmäler werdend an der steilen Berglehne empor, bis es sich unter dichten Tannen verlor. Er hing den Henrystutzen an den Sattel, nahm den Bärentöter auf die Schulter und sagte seinem Pferde nur das eine Wort der Apachensprache:

„Peniyil – kommen!“

Als er nun mit großen, möglichst eiligen Schritten die steile Böschung emporzuklettern begann, folgte ihm das Tier wie ein Hund. Man hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß ein Pferd hier hinauf kommen könne, und doch langten beide nach kurzer, aber höchst energischer Anstrengung droben unter den Bäumen an. Er legte dem Tiere die Hand auf den Hals.

„Ischkuhsch – schlafen!“

Sofort legte es sich nieder und blieb da vollständig bewegungslos liegen. Es war indianisch geschult.

Die Schoschonen hatten die Fährte bemerkt. Wäre es diejenige Old Shatterhands gewesen, so hätten sie infolge der verkehrten Hufstellung annehmen müssen, daß die Spur von hier fort nach Osten führe; aber Franks und Jemmys Fährte war zu deutlich; sie konnte gar nicht verkannt werden. Die Schoschonen folgten ihr und kamen sehr rasch näher.

Seit dem Verschwinden der beiden Deutschen waren kaum zwei Minuten vergangen, so befanden sich die Indianer schon an der Schierlingstanne. Einige stiegen ab, um die verschwundenen Spuren zu suchen.

„Ive, ive; mi, mi – hier, hier, vorwärts, vorwärts!“ rief einer.

Er hatte gefunden, was er suchte. Die Roten verschwanden. Shatterhand hörte droben in seinem Verstecke, daß sie den beiden Flüchtigen im Galoppe folgten.

„Jetzt kommt es darauf an, die nötige Klugheit und Schnelligkeit zu entwickeln,“ dachte er. „Jemmy ist gar wohl der Mann dazu.“

Da ließ sein Pferd ein leises Schnauben hören, ein sicheres Zeichen, daß es seinen Herrn auf etwas aufmerksam machen wolle. Das Tier blickte ihn mit großen, klugen Augen an und wendete dann den Kopf zur Seite, bergaufwärts. Der Jäger nahm den Stutzen zur Hand, kniete schußgerecht nieder und hielt den Blick scharf nach oben gerichtet. Die Bäume standen hier so dicht, daß man gar nicht weit sehen konnte. Bald jedoch legte er den Stutzen wieder ab. Er hatte, unter den niedrigsten Aesten nach oben blickend, ein Paar mit Stachelschweinsborsten verzierte Moccassins gesehen, und er wußte, daß der Mann, welcher diese Schuhe trug, sein bester Freund sei. Bald raschelte es in den Zweigen, und der Nahende stand vor ihm.

Er war ganz genau so gekleidet wie Old Shatterhand, nur daß er anstatt der hohen Stiefel Moccassins trug. Auch eine Kopfbedeckung hatte er nicht. Sein langes, dichtes, schwarzes Haar war in einen hohen, helmartigen Schopf geordnet und mit einer Klapperschlangenhaut durchflochten. Keine Adlerfeder schmückte diese indianische Frisur. Dieser Mann bedurfte keines solchen Zeichens, um als Häuptling erkannt und geehrt zu werden. Wer nur einen Blick auf ihn richtete, der hatte sofort die Ueberzeugung, einen bedeutenden Mann vor sich zu haben. Um den Hals trug er den Medizinbeutel, die Friedenspfeife und eine dreifache Kette von Bärenkrallen, Trophäen, welche er sich selbst mit Lebensgefahr erkämpft hatte. In der Hand hielt er ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren. Dies war die berühmte Silberbüchse, deren Kugel niemals ihr Ziel verfehlte. Der Ausdruck seines ernsten, männlich-schönen Gesichtes war fast römisch zu nennen; die Backenknochen standen kaum merklich vor, und die Hautfarbe war ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch.

Das war Winnetou, der Apachenhäuptling, der herrlichste der Indianer. Sein Name lebte in jeder Blockhütte und an jedem Lagerfeuer. Gerecht, klug, treu, tapfer bis zur Verwegenheit, ohne Falsch, ein Freund und Beschützer aller Hilfsbedürftigen, gleichviel ob sie rot oder weiß von Farbe waren, so war er bekannt über die ganze Länge und Breite der Vereinigten Staaten und deren Grenzen hinaus.

Old Shatterhand hatte sich vom Boden erhoben. Er wollte sprechen, wurde aber durch eine Handbewegung Winnetous zum Schweigen aufgefordert. Ein zweiter Wink des Apachen bedeutete ihn, zu horchen.

Von fernher ließen sich monotone Klänge vernehmen. Sie kamen schnell näher. Es waren Molltöne im Vierachteltakte, die zwei ersten Achtel auf der kleinen Terz und das Viertel dann auf der Prime, ungefähr wie cca- cca. Und dann ertönte auf der hohen Quinte e ein schriller Jubelton.

jetzt hörten die beiden Lauscher lautes Pferdegetrappel, und nun waren auch die Laute zu verstehen, welche gesungen wurden. Es war nur das eine Wort: „totsi-wuw, totsi-wuw!“ Es bedeutet so viel wie Skalphaut.

Nun wußte Old Shatterhand, daß die beiden Deutschen nicht entkommen, sondern gefangen genommen worden waren.

Die Schoschonen ritten unten vorüber, nach indianischer Weise einer hinter dem anderen. In der Mitte aber hatten zwei die beiden Gefangenen zwischen sich. Dieselben waren ihrer Waffen beraubt und mit Lassos auf ihre Pferde gebunden. Sie schienen unverwundet zu sein. Vielleicht hatte gar kein Kampf stattgefunden. Vielleicht hatten sie sich, nachdem sie eingeholt worden waren, in der Ueberzeugung, daß Widerstand unnütz sei, freiwillig ergeben.

Keiner der Schoschonen ahnte, daß es in der Nähe einen Lauscher gäbe. Die Gefangenen aber dachten an Old Shatterhand, den sie hier verlassen hatten. Sie blickten um sich, nach rechts, nach links, und auch empor zur Höhe. Shatterhand mußte ihnen ein Zeichen geben, daß er sie sehr wohl bemerke. Dabei wagte er freilich, daß dasselbe auch von einem zufällig emporblickenden Schoschonen gesehen werde. Er trat ein Stück vor, und schwenkte den Hut; als er sah, daß der dicke Jemmy ihn bemerkt habe, trat er schnell wieder zurück.

Die Roten verschwanden. Eine kurze Zeit noch hörte man das monotone „totsi-wuw, totsi-wuw“, dann wurde es still.

Jetzt drehte sich Winnetou um und verließ, ohne ein Wort zu sprechen, die Stelle wieder, an welcher er neben Old Shatterhand gestanden hatte. Dieser wartete ruhig. Nach vielleicht zehn Minuten kehrte der Apache zurück, sein Pferd am Zügel hinter sich führend. Es war wirklich unbegreiflich, wie es dem Tiere gelingen konnte, auf so sehr abschüssigem Boden sich sicher durch den dichten Wald zu winden. Es war ganz von der Art und Farbe wie dasjenige Old Shatterhands, doch verdiente das letztere wohl den Vorzug. Der Häuptling hatte infolge seiner noblen Gesinnung seinem Freunde das bessere von beiden geschenkt.

jetzt standen sie nebeneinander, zwei Männer, welche sich selbst vor einem ganzen Indianerstamm nicht zu fürchten pflegten. Ein forschender Blick in das Gesicht des Apachen belehrte Old Shatterhand, daß er diesem über das Vorkommnis keine ausführliche Belehrung zu geben brauche. Die beiden kannten einander eben so gut, daß sie ihre Gedanken gegenseitig leicht zu erraten vermochten. Darum fragte der Weiße:

„Der Häuptling der Apachen hat den Ort entdeckt, an welchem die Krieger der Schoschonen ihr Lager aufgeschlagen haben?“

„Winnetou ist ihrer Fährte gefolgt,“ antwortete der Gefragte. „Sie sind da, wo vor Zeiten das Wasser aus den Bergen in den See des Blutes geflossen ist, im trockenen Flußbette aufwärts geritten. Dann führt die Spur links über die Höhe in ein Nastla-atahehle (kesselförmiges Thal), wo sie ihre Zelte errichtet haben.“

„Sind es Wohnzelte?“

„Nein, sondern es sind die Zelte des Krieges, drei an der Zahl, in welchen sie alle wohnen. Winnetou hatte ihre Spuren richtig gezählt und dir an den Baum geschrieben, wie viele ihrer sind. In dem mit Adlerfedern geschmückten Zelt wohnt der Anführer. Es ist Tokvi-tey (der schwarze Hirsch), der tapferste Häuptling der Schoschonen. Winnetou hat sein Angesicht von weitem gesehen und ihn an den drei Narben, welche er auf den Wangen trägt, erkannt.“

„Und was hatte mein roter Bruder beschlossen?“

„Winnetou hatte nicht die Absicht, sich den Schoschonen zu zeigen. Er fürchtet sie nicht; aber weil sie sich auf dem Kriegspfade befinden, so würde ein Kampf dann unvermeidlich sein, und er möchte doch keinen von ihnen töten, weil sie ihm nichts gethan haben. Nun aber haben sie die beiden Bleichgesichter gefangen genommen; mein weißer Bruder will dieselben befreien, und so wird Winnetou doch mit ihnen kämpfen müssen.“

Mit solcher Sicherheit sprach der Apache von den Gedanken und Absichten Shatterhands. Dieser fand dies so selbstverständlich, daß er gar keine Bemerkung darüber machte, sondern sich nur erkundigte:

„Hat mein Bruder erraten, wer die Bleichgesichter sind?“

„Winnetou hat die Gestalt des Dicken gesehen und weiß also, daß dieser Jemmy-petahtscheh ist, der dicke Jemmy. Der andere hinkte, als er vom Pferde stieg. Sein Tier war so frisch und sein Anzug ebenso, daß der Mann sich noch nicht lange Zeit im Sattel befinden kann. Er wohnt also in keiner großen Entfernung von hier, und darum wird er wohl Indahisch-schohl-dentschu sein, welchen die Bleichgesichter Hobble-Frank nennen. Er ist der Gefährte des Bärentöters.“

Die Apachen haben kein besonderes Wort für „hinken“. Die vier Worte des Häuptlings bedeuten: „der Mann, welcher schlecht zu Fuße geht“. Er hatte ganz richtig vermutet und damit, wie oft, einen Beweis gegeben, daß der Scharfsinn der Indianer ein außerordentlicher ist.

„Mein roter Bruder hat die Namen der beiden Jäger erraten,“ sagte Old Shatterhand. „Er hat den Hobble-Frank hinken sehen und sich folglich in unserer Nähe befunden, als ich mit ihnen sprach?“

„Ja. Winnetou hatte die Schoschonen beobachtet und gesehen, daß eine Abteilung von ihnen davonritt, in der Richtung nach dem See des Blutes. Da er nun wußte, daß sein weißer Bruder dorthin kommen werde, ritt er über die Höhen und durch den Wald gerade auf den Baum der Zusammenkunft zu. Zuletzt hinderte ihn das Pferd, schnell vorwärts zu kommen und seinen Bruder zu warnen; darum ließ er es stehen und eilte zu Fuß weiter. Von hier oben erblickte er dann seinen Bruder mit den beiden Bleichgesichtern unten stehen. Er sah auch die Schoschonen, welche die Fährte der Weißen bemerkten. Diese letzteren eilten davon und wurden von den Roten, welche ihnen nacheilten, gefangen. Jetzt versteht es sich von selbst, daß Old Shatterhand sie befreien wird, und Winnetou wird ihm dabei zur Seite stehen. Er vermutet auch, daß die beiden Weißen sich nicht allein hier am See des Blutes und am Devils Head befinden. Sie werden auf Old Shatterhands Fährte getroffen sein und sich von ihren Gefährten getrennt haben, um ihr für einige Zeit zu folgen. Mein weißer Bruder wird wissen, wo diese Gefährten sich befinden, und wir werden sie jetzt aufsuchen, damit sie uns behilflich sind, die Gefangenen zu befreien.“

Das war abermals ein Beweis seines ungewöhnlichen Scharfsinns. Old Shatterhand erzählte ihm in kurzen Worten, was er von Jemmy und Frank erfahren hatte. Der Apache hörte aufmerksam zu und sagte dann:

„Ugh! So haben sich die Hunde der Sioux auf die Beine gemacht, um zu erfahren, daß Old Shatterhand und Winnetou nicht dulden werden, daß der Bärentöter den Tod am Marterpfahle sterbe. Wir werden heute den Dicken und den Hinkenden befreien und sodann mit ihnen und ihren Kameraden hinauf nach dem Yellowstone reiten, um den Sioux vom Stamme der Ogallalla zu zeigen, daß Old Shatterhand, welcher damals ihre drei tapfersten Krieger mit der bloßen Faust erschlug, sich jetzt wieder in den Bergen des Toli-tlitsu befindet.“

Dieses viersilbige Wort bedeutet: „gelber Fluß“, also fast genau dasselbe wie Yellowstone River.

Es war Old Shatterhand höchst willkommen, daß Winnetou sich aus freien Stücken bereit zeigte, Baumann zu Hilfe zu eilen. Er sagte:

„Mein roter Bruder hat meinen Wunsch erraten. Wir sind nicht in diese Gegend gekommen, um das Blut der roten Männer zu vergießen; aber wir werden es auch nicht geschehen lassen, daß Unschuldige meine damalige That mit dem Tode büßen. Winnetou mag mir zu denen folgen, welche zu ihrer Rettung ausgezogen sind!“

Sie führten ihre Pferde die steile Böschung vollends hinab, stiegen auf und ritten dann schnell in derselben Richtung fort, welche Jemmy und Frank vorher bei ihrer mißglückten Flucht eingeschlagen hatten.

Es war nicht mehr weit zum Anbruche der Dunkelheit; darum ließen sie ihre Pferde weit ausgreifen. Bald erreichten sie die Stelle, an welcher die Schoschonen die Flüchtigen erreicht hatten. Dort hielten sie für einige Augenblicke an, um die Spuren zu untersuchen.

„Es ist gar nicht gekämpft worden,“ meinte Winnetou.

„Nein. Die beiden Bleichgesichter waren ja nicht verwundet. Hätten sie es für geraten gehalten, sich zu verteidigen, so wären sie den Schoschonen ganz gewiß nicht unverletzt in die Hände gefallen. Sie haben klugerweise eingesehen, daß ein Kampf nur zu ihrem Nachteile ausschlagen könne, und sich also freiwillig ergeben.“

Winnetou machte eine seiner eigenartigen, scharf bezeichnenden Handbewegungen und fragte:

„Klugerweise, sagt mein Bruder? Ich möchte ihn fragen, ob er und Winnetou sich ergeben hätten, wenn sie es gewesen wären, die von den Schoschonen verfolgt wurden!“

„Ergeben? Wir uns? Ganz gewiß nicht!“

„Howgh!“

„Wir hätten gekämpft bis zum Tode, und viele der Schoschonen wären gefallen, ehe man uns ergriffen hätte.“

„Vielleicht hätten wir auch nicht gekämpft. Winnetou möchte den Schoschonen sehen, der ihn und Old Shatterhand ereilen könnte, wenn beide ihre Rappen unter sich haben. Und ist Old Shatterhand nicht ein Meister im Auffinden fremder und im Verbergen seiner eigenen Spuren? Die Schoschonen hätten sein müssen wie Männer, welche der große Geist mit Blindheit geschlagen hat. Keines ihrer Augen hätte unsere Fährte bemerkt. Tapferkeit ist die Zierde eines Mannes; durch Klugheit aber vermag er mehr Feinde zu besiegen als durch den Tomahawk.“

Sie ritten weiter, gerade südwärts, am Fuße des Höhenzuges hin, links von sich die Bodensenkung des einstigen Sees.

„Hat mein Bruder bereits einen Plan zur Befreiung der beiden Weißen erdacht?“ fragte Shatterhand.

„Winnetou braucht keinen Plan; er wird zu den Schoschonen zurückkehren und ihnen die Gefangenen entführen. So denkt er. Diese Schlangenindianer sind gar nicht wert, daß Winnetou ihretwegen über einen Plan nachdenkt. Old Shatterhand hat ja den Beweis erhalten, daß sie kein Hirn in ihren Köpfen haben.“

Shatterhand wußte sogleich, was er meine.

„Ja“, sagte er. „Keiner von ihnen hat daran gedacht, daß die meisten Jäger sich nicht allein hier befinden. Wäre ihnen dieser Gedanke gekommen, so hätten sie jedenfalls einige Kundschafter ausgesandt. Wir haben es also mit Leuten zu thun, deren Klugheit wir gar nicht sehr zu fürchten brauchen. Wäre Tokvi-tey, der Häuptling, in eigener Person bei dieser Abteilung gewesen, so hätten wir ganz sicher jetzt einige Kundschafter vor uns reiten.“

„Sie würden nichts finden, denn Winnetou und Old Shatterhand würden die Augen dieser Männer auf sich ziehen und sie irre leiten.“

jetzt hatten sie die Stelle erreicht, an welcher die Thalschlucht in fast gerader westlicher Richtung in die Höhe schnitt. Dort fanden sie die Spuren der Gesuchten, doch war es bereits so dunkel, daß die Eindrücke nicht mehr genau erkannt werden konnten. Sie bogen nach rechts ab, der Fährte nach.

Die Schlucht war ziemlich breit und auch leicht gangbar. Die beiden Reiter kamen trotz der Dunkelheit schnell vorwärts. Da ihre Pferde barfuß waren, machten die Huftritte derselben so wenig Geräusch, daß dies nur ganz in der Nähe gehört werden konnte.

Da schien es, als ob eine Seitenschlucht sich links abzweige. Die beiden hielten an. Die Schlucht war eng. Konnte es diejenige sein, in welcher die gesuchten vier Personen ihr Lager hatten errichten wollen?

Als sie so still da hielten, scharrte Winnetous Pferd leise den Boden und ließ jenes bezeichnende Schnauben vernehmen, welches stets ein Zeichen ist, daß das Tier etwas Fremdes, vielleicht gar Feindseliges wittert.

„Wir sind auf dem richtigen Wege,“ meinte der Weiße. „Reiten wir links ab. Das Pferd will uns sagen, daß da drin sich jemand befindet.“

Sie mochten ungefähr zehn Minuten langsam vorwärts geritten sein, da machte die Schlucht eine Wendung, und dann, als sie die Krümmung hinter sich hatten, erblickten sie ein Feuer, welches in einer Entfernung von vielleicht hundert Schritten von ihnen brannte. Die Schlucht hatte sich da erweitert und bildete eine von Bäumen bestandene Ausbuchtung, in deren Mitte ein Quell aus dem Boden drang, um sein weniges Wasser aber bald wieder im sandigen Grunde verlaufen zu lassen.

Am Quell traten die Bäume zurück, so daß ein kleiner freier Platz gebildet wurde, auf welchem das Feuer brannte. Die beiden sahen drei Personen an demselben sitzen, deren Gesichtszüge sie wegen der beträchtlichen Entfernung aber nicht zu erkennen vermochten.

„Was meint mein Bruder?“ fragte Winnetou. „Werden es die richtigen sein?“

„Es sind nur drei; wir aber suchen viere. Bevor wir unsere Gegenwart merken lassen, wollen wir einmal sehen, wen wir vor uns haben.“

Er stieg ab, und Winnetou that dasselbe.

„Es genügt, wenn ich allein hingehe,“ sagte Shatterhand.

„Gut! Winnetou wird warten.“

Er nahm die Pferde bei den Zügeln und trat mit ihnen möglichst weit zur Seite, da, wo die Felswand ein weiteres Zurückziehen unmöglich machte. Old Shatterhand huschte vorsichtig vorwärts bis unter die Bäume und schlich sich dann von Stamm zu Stamm weiter, bis er sich hinter dem letzten der Bäume niederlegte und nun die Drei in aller Gemütlichkeit beobachten konnte. Sogar die Worte konnte er verstehen, welche sie miteinander sprachen.

Es war der lange Davy mit Wohkadeh und Martin Baumann. Bob, der Neger, war nicht da. Der gute Schwarze war mit wahrer Begeisterung für den abenteuerlichen Ritt eingenommen. Er fühlte sich als Ritter der Prairie und war überaus beflissen, sich ganz genau als solcher zu verhalten. Darum war er, nachdem er gegessen hatte, vom Feuer aufgestanden und hatte erklärt, daß er für die Sicherheit seines jungen „Massas“ und der anderen beiden „Massers“ wachen werde. Davy hatte ihm vergebens erklärt, daß dies jetzt und hier gar nicht nötig sei.

Anstatt nun den Eingang der Schlucht, woher allem Ermessen nach jede etwaige Gefahr kommen mußte, zu bewachen, war er beflissen gewesen, in gerade entgegengesetzter Richtung zu patrouillieren. Dort hatte er nichts Verdachterregendes bemerkt, und so kehrte er gerade in dem Augenblicke, an welchem Old Shatterhand hinter dem Baume Posto faßte, zu dem Feuer zurück, setzte sich aber nicht nieder, sondern ging weiter.

„Bob,“ sagte Davy. „Bleib doch da! Was soll das Herumstreichen nützen! Es sind ganz gewiß keine Indsmen in der Nähe.“

„Wie Massa Davy das können wissen!“ antwortete Bob. „Indsman kann sein überall, rechts, links, hüben, drüben, oben, unten, hinten, vorn – – –“

„Und in deinem Kopfe!“ lachte der Lange.

„Massa mögen lachen. Bob kennen seine Pflicht. Massa Bob sein groß und berühmt Westmann; er machen kein Fehler. Wenn Indsman kommen, Massa Bob ihn sofort schlagen tot.“

Er hatte sich nämlich eine junge, dürre Fichte abgebrochen und hielt deren wohl zehn Zoll starken Stamm in den gewaltigen Fäusten. Mit dieser Waffe fühlte er sich sicherer als mit der Flinte in der Hand.

Er schritt jetzt in entgegengesetzter Richtung davon.

Old Shatterhand war jetzt überzeugt, die Gesuchten vor sich zu haben; er hätte seine Anwesenheit zu erkennen geben können; aber da Bob gerade nach dem Punkte zuhielt, an welchem Winnetou stand, so war mit Wahrscheinlichkeit ein kleines Intermezzo zu erwarten, und so blieb der Jäger noch ruhig hinter dem Baume liegen.

Er hatte sich nicht verrechnet. Der Neger näherte sich der betreffenden Stelle. Es ist eine alte Erfahrung, daß indianische Pferde sich nicht leicht mit Negern befreunden, was seinen Grund jedenfalls in den Transpirationsverhältnissen hat. Die beiden Rappen rochen Bob von weitem und wurden unruhig. Winnetou hatte die dunkle Hautfarbe des Nahenden bemerkt, und da er von Shatterhand gehört hatte, daß ein Neger sich bei den Gesuchten befinde, so war er jetzt überzeugt, Freunde vor sich zu haben; darum verhielt er sich nicht feindselig, sondern ließ den Schwarzen ruhig herankommen.

Eines der Pferde schnaubte. Bob hörte es. Er blieb stehen und horchte. Ein abermaliges Schnauben brachte ihn zu der Ueberzeugung, daß irgend wer oder irgend was sich in der Nähe befinde.

„Wer da sein?“ fragte er.

Keine Antwort.

„Bob fragen, wer da sein! Wenn nicht antworten, so schlagen Massa Bob tot, wer da sein!“

Abermals keine Antwort.

„Nun, dann sterben müssen all, wer da sein!“

Er erhob den Knüttel und trat näher. Winnetous Hengst sträubte die Mähne; seine Augen funkelten. Er stieg vom empor und schlug mit den Vorderhufen nach Bob. Dieser sah, da er sich jetzt in solcher Nähe befand, eine hohe, riesige Gestalt vor sich. Er bemerkte die funkelnden Augen und hörte das drohende Schnauben; einer der Hufe sauste an seinem Kopfe vorüber und im Niederfallenlassen schleuderte ihn das Pferd zur Seite.

Er war ein mutiger Kerl, aber mit einem solchen Gegner sich einzulassen, das war ihm doch zu gefährlich. Er ließ den Knüttel fallen, riß aus und schrie dabei aus Leibeskräften:

Woe to me! Help, help, help! Er wollen Massa Bob erschlagen! Er wollen Massa Bob verschlingen! Help, help, help!

Die drei am Feuer Sitzenden sprangen auf.

„Was gibt’s?“ fragte Davy

A giant, ein Riese, ein Gespenst, ein Geist wollen Massa Bob erwürgen!“

„Unsinn! Wo denn?“

„Dort, dort am Felsen es sein.“

„Laß dich nicht auslachen, Schwarzer! Gespenster gibt es gar nicht.“

„Massa Bob haben es sehen!“

„Es wird ein seltsam geformter Fels gewesen sein.“

„Nein, es nicht sein Fels!“

„Oder ein Baum!“

„Auch nicht sein Baum. Es sein lebendig!“

„Du hast dich getäuscht.“

„Massa Bob sich nicht täuschen. Gespenst so groß, so, so!“ Dabei streckte er beide Hände möglichst hoch über seinem Kopf empor. „Es haben Augen wie Feuer, sperren ein Maul auf wie Drache und blasen Massa Bob an, daß er hinfallen. Massa Bob haben sehen großen Bart, so groß, so lang!“

jedenfalls hatte er die Mähnenhaare, welche bei dem Rappen sehr lang waren, trotz der Dunkelheit gesehen und hielt sie nun für den Bart des Riesen.

„Du bist nicht bei Sinnen!“ behauptete Davy.

„O, Massa Bob sein bei Sinn, sehr bei Sinn! Er weiß, was er haben sehen. Massa Davy nur gehen hin und es auch ansehen!“

„Nun, so wollen wir doch einmal schauen, welchen Gegenstand der Nigger für einen Riesen oder ein Gespenst gehalten hat!“

Er wollte gehen. Da erklang es hinter ihm:

„Bleibt in Gottes Namen hier, Master Davy! Es handelt sich in Wirklichkeit nicht um ein Gespenst.“

Er fuhr herum und riß sein Gewehr an die Wange. Wohkadeh hielt in demselben Augenblicke sein Gewehr auch schußfertig, und Martin Baumann legte auch das seinige an. Alle drei Läufe waren auf Old Shatterhand gerichtet, welcher sich vom Boden erhoben hatte und hinter dem Baume hervorgetreten war.

Good evening!“ grüßte er. „Thut euer Schießzeug weg, Mesch’schurs! Ich komme als Freund und soll euch vom dicken Jemmy und vom Hobbel-Frank grüßen.“

Da ließ der lange Davy die Büchse sinken, und die anderen folgten seinem Beispiele.

„Uns von ihnen grüßen?“ fragte er. „So habt Ihr sie getroffen?“

„Ja freilich.“

„Wo?“

„Da unten am Rande des Blutsees, bis wohin sie der Elefantenfährte gefolgt waren.“

„Das stimmt. Haben sie denn entdeckt, wer dieser Elefant gewesen ist?“

„Ja, mein Pferd war es.“

„Alle Wetter! Hat es denn gar so riesenhafte Plattfüße, Sir?“

„Nein; es hat vielmehr gar zierliche Hüfchen. Freilich kann ich nicht dafür, daß Ihr die Schuhe hier für die Füße gehalten habt.“

Er deutete auf die vier Schilfsohlen, welche er am Gürtel hängen hatte. Der Lange begriff sogleich, um was es sich handelte:

„Ah, wie gescheit! Schnallt dieser fremde Master seinem Pferde solche Sohlen an, um die Leute, welche dann die Fährte sehen, irre zu machen! Mann, dieser Gedanke ist sehr gut; er ist so ausgezeichnet, als ob ich selbst ihn erfunden hätte!“

„Ja, der lange Davy hat von allen Jägern, welche zwischen den zwei Meeren reiten und laufen, stets die besten Gedanken!“

„Spottet nicht, Sir! So klug wie Ihr seid, bin ich wohl auch. Verstanden?“

Sein Auge flog dabei mit einem geringschätzenden Blicke über die saubere Erscheinung Old Shatterhands.

„Das bezweifle ich gar nicht,“ antwortete dieser. „Und weil Ihr so klug seid, werdet Ihr mir wohl auch sagen können, wer das Gespenst ist, welches Euer guter Bob gesehen hat?“

„Ich will einen Centner Flintenkugeln verzehren, und zwar ohne Butter und Petersilie, wenn es nicht Euer Pferd gewesen ist!“

„Ich meine, daß Ihr es erraten habt.“

„Dies zu erraten, braucht man nicht Gymnasiast gewesen zu sein wie der dicke Jemmy. Aber nun sagt mir doch, wo der Kerl mit dem Frank eigentlich steckt. Warum kommt Ihr allein?“

„Weil sie abgehalten sind, selbst zu kommen. Sie sind von einer Schar Schoschonen zum Abendessen eingeladen worden.“

Der Lange machte eine Bewegung des Schreckens.

Heavens! Wollt Ihr damit vielleicht sagen, daß sie gefangen genommen worden sind?“

„Leider meine ich das.“

„Wirklich? Gewiß? Wahrhaftig?“

„Ja. Sie wurden überfallen und fortgeführt.“

„Von den Schoschonen? Gefangen! Fortgeführt! Das werden wir uns verbitten! Wohkadeh, Martin, Bob, schnell zu Pferde! Wir müssen den Schoschonen augenblicklich nach. Sie müssen die beiden herausgeben, sonst hauen wir sie zu russischem Salat zusammen!“

Er eilte zu den Pferden, welche am Wasser grasten.

Stop, Sir!“ sagte Old Shatterhand. „So schnell bringt Ihr das nicht fertig. Wißt Ihr denn, wo die Schoschonen zu finden sind?“

„Nein; aber ich hoffe, daß Ihr es uns sagen könnt!“

„Und wie viele Personen sie zählen?“

„Personen? Meint Ihr, daß es mir einfallen kann, die Personen zu zählen, wenn es gilt, meinen dicken Jemmy herauszuhauen? Es mögen hundert sein oder nur zwei, das ist egal: heraus muß er!“

„So wartet wenigstens noch ein wenig, bevor Ihr zuschlagt! Ich denke, wir haben uns zunächst noch einiges zu sagen. Ich bin nicht allein. Da kommt ein Kamerad, welcher Euch auch einen guten Abend bieten möchte.“

Winnetou hatte bemerkt, daß Old Shatterhand mit den Männern sprach; darum kam er nun mit den Pferden herbei. Der lange Davy war zwar überrascht, einen Roten in Gesellschaft des Weißen zu sehen, schien aber den Häuptling nicht für besonders achtenswert zu halten, denn er sagte:

„Eine Rothaut! Und auch wie aus dem neuen Ei geschält, gerade wie Ihr. Ein Westmann seid Ihr wohl eigentlich nicht?“

„Nein, eigentlich nicht; das habt Ihr wieder sogleich erraten.“

„Dachte es mir! Und dieser Indsman ist wohl auch ein ansässiger, der sich vom großen Vater in Washington einige Hände voll Land hat schenken lassen?“

„Jetzt täuscht Ihr Euch, Sir!“

„Wohl schwerlich.“

„Ganz gewiß. Mein Gefährte ist nicht der Mann, welcher sich vom Präsidenten der Vereinigten Staaten Land schenken läßt. Er wird vielmehr – – –“

Er wurde von Wohkadeh unterbrochen, welcher einen Ruf freudigen Erstaunens ausstieß. Der junge Indianer war nämlich zu Winnetou getreten und hatte die Büchse in dessen Hand bemerkt.

„Uff, uff!“ rief er aus. „Maza-skamon-za-wakon – die Silberbüchse!“

Der Lange verstand so viel von der Sprache der Sioux, daß er wußte, was Wohkadeh meinte.

„Die Silberbüchse?“ fragte er. „Wo? Ah, hier, hier! Zeigt sie doch einmal her, mein roter Sir!“

Winnetou ließ sie sich aus der Hand nehmen.

„Es ist Maza-skamon-za-wakon,“ rief Wohkadeh. „Dieser rote Krieger ist also Winnetou, der große Häuptling der Apachen!“

„Was? Wie? Unmöglich!“ meinte der Lange. „Aber gerade so wie dieses Gewehr hat man mir die Silberbüchse beschrieben.“

Er blickte Winnetou und Old Shatterhand fragend an. Sein Gesicht hatte in diesem Augenblicke keineswegs den Ausdruck allzugroßer Klugheit.

„Es ist die Silberbüchse,“ antwortete Shatterhand. „Mein Gefährte ist Winnetou.“

„Hört, Mann, macht keinen dummen Spaß mit mir!“

„Pah! Wenn Ihr partout wollt, so nehmt’s meinetwegen für Scherz. Ich habe keine Lust, Euch den Stammbaum des Apachen auf den Rücken zu malen.“

„Das würde Euch auch sehr schlecht bekommen, Sir! Aber wenn dieser rote Gentleman wirklich Winnetou ist, wer seid denn Ihr? In diesem Falle müßtet Ihr ja wohl der – – ,

Er hielt mitten in der Rede inne. Bei dem Gedanken, welcher ihm gekommen war, vergaß er, den Mund zu schließen. Er starrte Old Shatterhand an, schlug dann die Hände zusammen, that einen Luftsprung und fuhr sodann fort:

„Na, da hab‘ ich freilich einen Pudel geschossen, welcher größer als der ausgewachsenste Elefant ist! Beleidige ich da den berühmtesten Westmann, den nur jemals die Sonne beschienen hat! Wenn dieser Indsman Winnetou ist, so seid Ihr kein anderer als Old Shatterhand, denn diese beiden gehören gerade so zusammen wie der dicke Jemmy und ich. Also sagt‘ ist’s richtig, Sir?“

„Ja, Ihr habt Euch nicht getäuscht.“

„So möchte ich vor Freuden gleich alle Sterne vom Himmel herunterlangen und da auf die Bäume setzen, um den Abend, an welchem ich euch kennen lernte, durch eine Illumination zu feiern! Willkommen, Mesch’schurs, willkommen an unserem Lagerfeuer! Verzeiht die Dummheit, welche wir gemacht haben!“

Er streckte beiden die Hände entgegen und drückte ihnen die ihrigen, daß sie hätten aufschreien mögen. Bob, der Neger, sagte gar nichts. Er schämte sich außerordentlich, ein Pferd für ein Gespenst gehalten zu haben. Wohkadeh war bis an die Bäume zurückgetreten. Er stand an einem derselben gelehnt und ließ die Augen mit bewunderndem Ausdrucke auf den beiden Ankömmlingen ruhen, – bei den Indianern ist die Jugend eben gewöhnt, bescheiden zu sein. Wohkadeh hätte geglaubt, den größten Fehler zu begehen, wenn er als gleichberechtigt in der Nähe der anderen stehen geblieben wäre. Martin Baumann betrachtete sich eben so die beiden Männer, von denen er bereits so viele Heldenthaten hatte erzählen hören, sehr genau, freilich nicht aus solcher Entfernung wie der junge Indianer. Er stand da zwei Vorbildern gegenüber, weichen nachzueifern sein heißes Bestreben war, obgleich er nicht hoffen konnte, sie jemals im Leben zu erreichen.

Winnetou hatte sich von Davy die Hand drücken lassen; den drei anderen nickte er grüßend zu. Das war so seine ernste Art und Weise. Old Shatterhand dagegen, heiterem Naturells und ungewöhnlich menschenfreundlich, gab ihnen, sogar dem Neger, die Hand. Das ergriff Wohkadeh in der Weise, daß er die Rechte aufs Herz legte und leise versicherte:

„Wokadeh wird sein Leben gern für Old Shatterhand geben! Howgh!“

Nachdem diese Begrüßung vorüber war, setzten Shatterhand und Winnetou sich mit an das Feuer. Der erstere erzählte. Der letztere sagte kein Wort dazu; aber er nahm seine Pfeife und stopfte sie. Das war für den langen Davy das Zeichen, daß er mit ihnen Kriegskameradschaft rauchen wolle. Natürlich fühlte er sich von Herzen darüber erfreut. Seine Vermutung bestätigte sich, denn Shatterhand erklärte am Schlusse seines Berichtes, daß sie beide, Winnetou und er, bereit seien, heute Jemmy und Frank zu befreien und sodann mit hinauf nach dem Yellowstoneriver zu reiten.

jetzt zündete Winnetou die Pfeife an und erhob sich. Nachdem er den Rauch in die vorgeschriebenen Richtungen geblasen hatte, erklärte er, der Nta-je (ältere Bruder) der neuen Bekannten sein zu wollen, und gab die Pfeife weiter an Shatterhand. Von diesem kam sie an Davy. Als dieser die ceremoniellen Züge gethan hatte, fühlte er sich in großer Verlegenheit. Die beiden berühmten Männer hatten aus ihr geraucht; durfte er sie nun auch den Knaben und sogar dem Neger geben?

Winnetou ahnte die Gedanken des Langen. Er neigte den Kopf nach den drei Genannten und sagte:

„Der Sohn des Bärentöters hat auch bereits den Grizzly erlegt, und Wohkadeh ist der Besieger des weißen Büffels; beide werden große Helden sein; sie sollen die Pfeife des Friedens mit uns rauchen ebenso wie der schwarze Mann, welcher sogar die Verwegenheit gehabt hat, ein Gespenst erschlagen zu wollen.“

Das war ein Scherz, über welchen wohl gelacht worden wäre; aber das Rauchen der Friedenspfeife ist eine Handlung, bei welcher jede solche Heiterkeit vermieden werden muß. Bob freilich fühlte das Verlangen, seine Ehre wiederherzustellen; darum that er, als er zuletzt die Pfeife bekam, einige mächtige Züge, erhob die Hand, spreizte die fünf Finger weit auseinander, als ob er gleich einen fünffachen Schwur ablegen wolle, und rief:

„Bob sein Massa Bob, ein Held und Gentleman! Er sein Freund und Schutz von Massa Winnetou und Massa Old Shatterhand. Er schlagen tot alle ihre Feinde; er thun alles für sie; er – er – – er – – er schlagen zuletzt ganz sich selber tot!“

Das war Freundschaft im Superlativ geschworen! Er rollte dabei die Augen und knirschte mit den Zähnen, um zu zeigen, daß es ihm mit dieser Versicherung ein heiliger Ernst sei. Sie wurde von den Genannten mit Ernst entgegengenommen.

jetzt hatte man gesagt, was zu sagen gewesen war. Einen Plan zu entwerfen, war nicht möglich, da man ja die Situation der Gefangenen noch nicht kannte. Man mußte aufbrechen, um das Lager der Schoschonen aufzusuchen. Hatte man dasselbe rekognosciert, so konnte man entscheiden, was zu thun sei, eher aber nicht.

Natürlich war der lange Davy außerordentlich ergrimmt, seinen Jemmy in der Gewalt der Roten zu wissen, und Martin fühlte große Sorge um seinen Hobble-Frank. Beide waren bereit, ihr Leben an die Befreiung der beiden zu wagen. Wohkadeh sagte nichts als:

„Wohkadeh wußte es, daß die beiden Bleichgesichter unglücklich sein würden. Er hat sie gewarnt; sie aber wollten nicht auf seine Stimme hören.“

„Und daran haben sie recht gethan,“ erklärte Davy. „Wären sie der Elefantenfährte nicht gefolgt, so hätten sie den Häuptling der Apachen und Old Shatterhand nicht gefunden. Sie sind zwar dabei in Gefangenschaft geraten, aber wir werden sie wohl herauseisen, und dann haben wir in diesen beiden neuen Freunden zwei Helfer, wie wir sie uns gar nicht besser wünschen können. Also vorwärts jetzt, zu den Schoschonen! Sie sollen heute den langen Davy kennen lernen!“

Es wurde aufgebrochen. So schnell wie möglich ritten die sechs denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, die beiden Schluchten abwärts. Am Ausgange der Hauptschlucht bogen sie links nach Norden ein. Sie waren da noch nicht weit gekommen, so hielt Winnetou sein Pferd an. Die anderen thaten natürlich sofort dasselbe.

„Winnetou wird voranreiten,“ sagte er. „Meine Brüder mögen mir nicht schneller als im raschen Schritte folgen und dabei alles Geräusch vermeiden. Sie werden alles thun, was Old Shatterhand von ihnen fordert.“

Er stieg ab und beschäftigte sich eine kurze Zeit lang mit den vier Hufen seines Pferdes. Dann setzte er sich wieder auf und galoppierte davon. Das Geräusch, welches sein Pferd dabei verursachte, war kaum zu hören. Es klang nur so leise, so dumpf, wie wenn ein Mensch mit der Faust auf die Erde schlägt. Die übrigen folgten ihm so rasch, wie es sein Wunsch gewesen war.

„Was hat er gemacht?“ fragte Davy.

„Habt Ihr nicht gesehen, daß er eben solche Eisen und Pferdeschuhe an seinem Gürtel hängen hat wie ich?“ antwortete Old Shatterhand. „Er hat seinem Rappen die Schuhe angeschnallt, um nicht gehört zu werden und vielmehr selber zu hören.“

„Warum das?“

„Die Schoschonen, welche Eure Gefährten gefangen genommen haben, sind nicht auf den Gedanken gekommen, daß die beiden Gefangenen wohl Kameraden in der Nähe haben können. Tokvi-tey aber, der Häuptling der Schoschonen, ist klüger und bedächtiger als seine Krieger. Er wird sich sagen, daß zwei Jäger sich nicht allein in diese gefährliche Gegend wagen werden, und so steht zu erwarten, daß er noch nachträglich Kundschafter aussendet.“

„Pah! Das wäre ja ein ganz und gar unnützes Beginnen. Wie wollen diese Kerls uns in dieser Dunkelheit finden? Sie wissen nicht, wo wir sind, und können auch die Spuren nicht sehen.“

„Euer Name ist als der eines guten Westmannes bekannt, und so muß ich mich über Eure Rede wundern, Master Davy; Die Schoschonen haben hier ihre Jagd- und Weidegründe; die Gegend ist ihnen also bekannt. Oder meint Ihr das nicht?“

„Natürlich!“

„Nun so schließt nur weiter! Werden vorsichtige Jäger, wenn sie sich hier befinden, etwa hier im Freien, im Sande des einstigen Sees kampieren?“

„Auf keinen Fall.“

„Sondern wo?“

„Hier zwischen den Bergen.“

„Also in irgend einem Thale oder einer Schlucht. Nun könnt Ihr aber diese ganze weite Strecke abreiten, so werdet Ihr außer dem alten Wasserlaufe, dem die Schoschonen gefolgt sind, keinen anderen Thaleinschnitt finden als denjenigen, in welchem Ihr Euch auch wirklich gelagert hattet. Dort und eben auch nur dort allein seid Ihr also zu suchen.“

„Verteufelt! Ihr habt recht, Sir. Man merkt doch gleich, daß man mit Old Shatterhand reitet!“

„Meinen Dank für dieses Kompliment, welches aber keines ist, denn das, was ich Euch sage, muß sich jeder sagen, der nur einige Monate lang im Westen gelebt hat. Aber noch weiter: Gefährten pflegen sich in Gegenden, wie die hiesige ist, nur auf ganz kurze Zeit zu trennen. Daraus folgt, daß Ihr nicht sehr entfernt von Jemmy und Frank sein konntet; Euer Lager konnte sich also nicht gar weit von hier in der Schlucht befinden, und da es dort eine Seitenschlucht gibt, welche ein jeder verständige Westmann für den Zweck des Lagerns der Hauptschlucht vorzieht, so wissen die Schoschonen ganz genau, wo sie Euch zu suchen haben. Das, was Ihr vorhin für unmöglich hieltet, ist also eigentlich ein Unternehmen, welches gar keine Schwierigkeiten bietet. Das wird der Häuptling der Schoschonen wissen, und das weiß auch Winnetou ganz genau. Darum ist er vorangeritten, um zu verhüten, daß wir von etwaigen Kundschaftern bemerkt werden.“

Davy brummte halblaut vor sich hin und sagte dann:

„Sehr wohl, Sir! Aber nun scheint mir wieder das Unternehmen des Apachen ein ganz aussichtsloses zu sein.“

„Warum?“

„Wie kann er in dieser Dunkelheit etwaige Kundschafter, welche ihm entgegenkommen, bemerken, ohne daß auch sie ihn sehen oder wenigstens hören?“

„So dürft Ihr freilich nicht fragen, wenn von Winnetou die Rede ist. Zunächst hat er ein ausgezeichnetes Pferd, dessen Dressur von einer Vortrefflichkeit ist, von welcher Ihr, wie es scheint, gar keine Ahnung habt. Es hat uns z. B. vorhin am Eingange der Nebenschlucht ganz deutlich gesagt, daß Ihr Euch in derselben befandet, und es wird auch jetzt, zumal wir gegen den Wind reiten, seinen Herrn auf eine sehr ansehnliche Entfernung hin von dem Nahen eines jeden anderen Wesens unterrichten. Sodann kennt Ihr eben den Apachen nicht. Er hat Sinne von der Schärfe eines wilden Tieres, und was Gesicht und Gehör oder Geruch ihm nicht sagen, das merkt er infolge jenes undefinierbaren sechsten Sinnes, welchen nur Leute, die von Jugend auf sich in der Wildnis befanden, besitzen. Es ist eine Art Ahnungsvermögen, eine Art Instinkt, auf welchen jeder, der ihn besitzt, sich so fest verlassen kann wie auf die Augen.“

„Hm, hab‘ auch ein wenig davon !“

„Ich auch; aber mit Winnetou kann ich mich in dieser Beziehung nicht vergleichen. Ferner müßt Ihr in Berechnung ziehen, daß sein Pferd die Schuhe trägt, während die Schoschonen, falls wirklich einige von ihnen unterwegs wären, sich keine Mühe geben werden, lauten Hufschlag zu vermeiden.“

„Oho! Sie werden doch auch vorsichtig sein!“

„Nein, denn sie werden meinen, daß eine solche Vorsicht in diesem Falle nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich sein werde.“

„Warum schädlich?“

„Weil sie dadurch von der notwendigen Schnelligkeit einbüßen würden. Sie nehmen als sicher an, daß Ihr Euch, auf Eure Gefährten wartend, am Lagerplatze befindet. Sie sind also sicher, hier auf niemand zu stoßen, und werden infolgedessen ihren Pferden nicht den mindesten Zwang anthun.“

„Hm, wenn Ihr einem das in dieser Weise klar macht, so muß man Euch unbedingt beistimmen. Ich will Euch in aller Offenheit sagen, daß ich gar manches durchgemacht und manchem gescheiten Kerl ein Schnippchen geschlagen habe; deshalb war ich immer der Meinung, ein recht kluger alter Knabe zu sein. Jetzt aber muß ich vor Euch klein zugeben. Winnetou sagte vorhin, daß wir uns in Euren Willen fügen sollen; er hat Euch also sozusagen als unseren Anführer proklamiert, und das hat mich im stillen so ein klein bißchen wurmen wollen; nun gebe ich zu, daß er recht gethan hat. Ihr seid uns gar gewaltig überlegen, und ich will mich in Zukunft gern unter Euer Kommando stellen.“

„So ist’s nicht gemeint gewesen. In der Prairie haben alle gleiches Recht. Ich maße mir keinen Vorzug an. Jeder dient dem anderen mit seinen Gaben und Erfahrungen, und keiner kann ohne Genehmigung der andern etwas beginnen. So muß es sein, und so werden auch wir es halten.“

Well! das wird sich finden. Was aber werden wir thun in dem Falle, daß wir Kundschaftern begegnen, Sir?“ „Nun, was meint Ihr?“

„Sie laufen lassen?“

„Meint Ihr?“

„Ja. Sie können uns doch nicht schaden. Wir werden gehandelt haben, bevor sie zurückkehren.“

„Das können wir nicht behaupten. Wenn wir sie vorüberlassen, werden sie die verlassene Lagerstätte und das ausgelöschte Feuer finden.“

„Was schadet das?“

„Sehr viel. Sie werden daraus ersehen, daß wir fort sind, um den Gefangenen Hilfe zu bringen.“

„Meint Ihr wirklich, daß sie das denken werden? Können sie nicht ebensogut meinen, daß wir unseren Ritt fortgesetzt haben?“

„Das auf keinen Fall. Leute, welche Gefährten erwarten, die nicht zurückkommen, reiten nicht weiter; das versteht sich ganz von selbst.“

„So würdet Ihr also die Kundschafter unschädlich machen?“

„Jedenfalls.“

„Töten?“

„Nein. Wißt Ihr, Menschenblut ist eine ungeheuer kostbare Flüssigkeit. Winnetou und Old Shatterhand wissen das ganz genau und haben keinen einzigen Tropfen vergossen, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Ich bin ein Freund der Indsmen; ich weiß, wer recht hat, sie oder diejenigen, welche sie immer und immer wieder zwingen, ihre guten Rechte bis aufs Messer zu verteidigen. Der rote Mann kämpft den Verzweiflungskampf; er muß unterliegen; aber ein jeder Schädel eines Indianers, welcher später aus der Erde geackert wird, wird denselben stummen Schrei zum Himmel stoßen, von welchem das vierte Kapitel der Genesis erzählt. Ich schone den Indianer, selbst wenn er mir als Feind entgegentritt, denn ich weiß, daß er von anderen dazu gezwungen wird. Darum kann es mir auch heute nicht einfallen, einen Mord zu begehen.“

„Aber wie wollt Ihr die Schoschonen unschädlich machen, ohne sie zu töten? Einen Kampf wird es, falls sie uns begegnen, auf alle Fälle geben; sie werden sich wehren, mit der Büchse, dem Tomahawk, dem Messer – – – !“

„Pah! Ich wünsche nicht, daß wir mit Feinden zusammentreffen; aber um Eurer Frage willen möchte ich doch, daß sie auf den Gedanken kämen, Kundschafter auszusenden. Ihr würdet dann Gelegenheit haben, zu sehen, wie man sich solcher Leute bemächtigt.“

„Aber wenn’s nun ihrer zu viele sind?“

„Das brauchen wir nicht zu besorgen. Viele würden einander nur selbst hinderlich sein. Mehr wie zwei werden nicht ausgesandt, und – – halt, ich glaube, da kommt Winnetou!“

Ohne daß sie ihn gehört hatten, hielt im nächsten Augenblicke Winnetou vor ihnen.

„Kundschafter!“ sagte er kurz.

„Wie viele?“ fragte Shatterhand.

„Zwei.“

„Gut! Winnetou, Davy und ich, wir bleiben hier. Die anderen reiten schnell hinaus in den Sand; sie nehmen unsere Pferde mit und warten, bis wir rufen.“

Er sprang ab, Davy auch. Winnetou hatte die Zügel seines Pferdes bereits Wohkadeh in die Hand gegeben. In einigen Sekunden waren die drei anderen verschwunden.

„Was thun wir?“ fragte Davy.

„Ihr habt nichts zu thun, als aufzupassen,“ antwortete Shatterhand. „Lehnt Euch hier an den Baum, daß Ihr nicht zu sehen seid. Horch, sie kommen.“

Er und der Apache hatten ihre Gewehre den Gefährten gleich mit den Pferden übergeben.

„Schi darteh, ni owjeh-ich diesen und du jenen!“ sagte der Apache, eine Handbewegung nach rechts und links machend; dann war er nicht mehr zu sehen.

Der lange Davy lehnte sich eng an den erwähnten Baum; kaum zwei Schritte von ihm hatte Shatterhand sich platt auf die Erde gelegt. Die zwei Schoschonen kamen in ziemlich schnellem Tempo heran. Sie sprachen miteinander. Ihr Dialekt bewies, daß sie wirklich Schoschonen seien. Das genügte. Jetzt waren sie da – jetzt vorüber.

Der lange Davy sah, daß Old Shatterhand sich vom Boden erhob und einen kräftigen Anlauf nahm.

„Saritsch – Hund!“ rief einer der beiden Kundschafter; ein weiteres Wort fiel nicht.

Davy sprang vor. Er sah zwei Männer auf einem Pferde oder vielmehr vier Männer auf zwei Pferden sitzen, die beiden Angreifer hinter den Angegriffenen. Die Pferde scheuten; sie schlugen aus, hinten, vorn, bockten zur Seite – vergebens; die beiden berühmten Männer hatten ihre Opfer und auch deren Pferde fest. Nach kurzem Kampfe zwischen Mensch und Tier waren die Angreifer Sieger; die Pferde standen still. Die Schoschonen hatten sich gleich vom ersten Augenblicke an nicht zu wehren vermocht.

Shatterhand sprang ab, den einen Kundschafter in den Armen; dieser war besinnungslos.

„Sarki – fertig?“ fragte er nach rechts hinüber.

„Sarki – fertig!“ antwortete Winnetou herüber.

„Hallo, Leute, kommt herbei.“

Auf diesen lauten Ruf kamen Wohkadeh, Martin und Bob wieder herangeritten.

„Wir haben sie. Sie werden mit den Lariats auf ihre Pferde festgebunden und werden uns begleiten. Auf diese Weise besitzen wir zwei Geiseln, welche uns von Nutzen sein werden.“

Die Schoschonen, denen die Gurgeln zusammengedrückt worden waren, kamen bald wieder zu sich. Sie waren natürlich entwaffnet und an den Händen gefesselt worden. Nun band man sie auf die Pferde, die Hände nach hinten und die Beine unter dem Bauche des Pferdes weg mit dem unzerreißbaren Lasso verbunden. Old Shatterhand sagte ihnen, daß sie beim geringsten Versuche eines Widerstandes getötet werden würden; dann wurde der Ritt fortgesetzt.

Obgleich man die Kundschafter ergriffen hatte, ritt Winnetou wieder voran. Es war das eine Vorsichtsmaßregel, weiche der Apache für unbedingt notwendig hielt.

Nach einiger Zeit wurde der einstige Wasserlauf, welchem man links in die Berge hinein zu folgen hatte, erreicht. Die Reiter folgten ihm. Es wurde kein Wort gesprochen, denn es war ja möglich, daß einer der Kundschafter der englischen Sprache soweit mächtig war, die Worte zu verstehen.

Nach Verlauf einer halben Stunde traf man auf Winnetou, welcher, bisher weit voranreitend, hier halten geblieben war.

„Meine Brüder mögen absteigen,“ sagte er. „Die Schoschonen sind hier durch den Wald nach der Höhe empor. Wir müssen ihnen folgen.“

Das war nun jetzt wegen der Gefangenen, die natürlich auf den Pferden sitzen bleiben mußten, nicht leicht. Unter den Bäumen war es vollständig dunkel. Die Männer mußten mit der einen Hand nach vorwärts tasten und mit der anderen das Pferd nach sich ziehen. Winnetou und Old Shatterhand hatten das Schwierigste übernommen. Sie schritten voran, die Pferde der Gefangenen führend. Jetzt nun zeigte es sich, welchen Wert die beiden Rappen hatten, denn diese liefen hinter ihren Herren wie die Hunde her und ließen trotz des beschwerlichen Weges nicht das leiseste Schnaufen hören, während die anderen Pferde ziemlich weit zu hören waren.

Endlich war diese große Anstrengung überwunden. Der Apache hielt an.

„Meine Brüder sind am Ziele,“ sagte er. „Sie mögen ihre Pferde anbinden und dann helfen, die Gefangenen an die Bäume zu fesseln.“

Diesem Gebote wurde Folge geleistet. Die beiden Schoschonen erhielten, als sie je an einen Baum gebunden waren, Tücher vor den Mund gebunden, daß sie zwar durch die Nase atmen, aber nicht sprechen oder gar rufen konnten. Dann forderte der Apache seine Gefährten auf, ihm zu folgen.

Er führte sie nur wenige Schritte weit. Von da senkte sich die Höhe, welche man von Osten her heraufgekommen war, nach Westen zu ziemlich steil wieder abwärts. Da unten lag der Thalkessel, von welchem Winnetou gesprochen hatte, und von da leuchtete ein ziemlich großes und helles Feuer herauf. Es war natürlich ganz unmöglich, jetzt einen orientierenden Blick hinab zu thun. Man sah den Schein des Feuers, sonst aber nichts; alles andere lag in tiefer Dunkelheit.

„Also da unten sitzt mein Dicker,“ meinte Davy „Was wird er machen!“

„Was ein Gefangener bei den Indianern machen kann -nichts,“ antwortete der junge Baumann.

„Oho! Da kennt Ihr den Jemmy schlecht, my boy! Der hat sich ganz gewiß ausgesonnen, auf welche Weise er ohne Erlaubnis der Roten bereits heute nacht ein wenig spazieren gehen könne!“

„Das dürfte er ohne uns nicht fertig bringen,“ sagte Shatterhand. „Uebrigens weiß er von mir, daß ich kommen werde, und so kann er sich sagen, daß ich Euch jedenfalls mitbringe.“

„Nun, so wollen wir auch keine Zeit verlieren und schnell hinab, Sir!“

„Das müssen wir freilich, leise und vorsichtig, einer immer hinter dem anderen. Einer muß aber bei den Pferden und Gefangenen zurückbleiben, einer, auf den wir uns verlassen können. Das ist Wohkadeh!“

„Uff !“ stieß der junge Indianer hervor, ganz entzückt über das große Vertrauen, welches Shatterhand ihm schenkte.

Weil dieser ihn heute zum erstenmal gesehen hatte, war es wohl eigentlich ein Wagnis, den jugendlichen Indsman allein bei den Gefangenen und Pferden, welche die ganze Habe ihrer Reiter trugen, zurückzulassen; aber die Aufrichtigkeit, mit welcher Wohkadeh Old Shatterhand gesagt hatte, daß sein Leben ihm gehöre, hatte dem ersteren das Herz des letzteren gewonnen. Uebrigens traute Shatterhand dem roten Jünglinge die Kaltblütigkeit zu, welche zu diesem verantwortlichen Posten gehörte.

„Mein junger roter Bruder wird bei den Gefangenen sitzen, das Messer in der Hand,“ sagte er ihm, „und wenn einer der Schoschonen einen Fluchtversuch machen oder nur ein Geräusch verursachen wollte, so wird er ihm das Messer sogleich in das Herz stoßen!“

„Wohkadeh wird es thun!“

„Er wird hier bleiben, bis wir zurückkehren, und den Ort auf keinen Fall verlassen!“

„Wohkadeh würde hier sitzen und verhungern, wenn seine Brüder nicht zurückkehrten!“

Das sagte er in einem Tone, welchem man anhörte, wie sehr ernst es ihm mit diesem Versprechen sei. Er zog sein Bowiemesser hervor und setzte sich zwischen den Gefangenen nieder. Old Shatterhand erklärte diesen, was ihrer warte, wenn sie sich nicht vollständig ruhig verhalten würden, und dann begannen die fünf den beschwerlichen Abstieg.

Die Senkung war, wie bereits erwähnt, eine ziemlich steile. Die Bäume standen eng beisammen, und zwischen ihnen gab es so viel Unterholz, daß die kühnen Leute bei der Vorsicht, welche so nötig war, nur sehr langsam vorwärts kamen. Es durfte kein Geräusch gemacht werden. Das Knicken eines Astes konnte ihre Annäherung verraten.

Winnetou stieg voran. Er war derjenige, dessen Augen bei Nacht am schärfsten waren. Hinter ihm befand sich Martin Baumann. Dann kam der lange Davy, nachher der Neger, Shatterhand machte den letzten.

Über drei Viertelstunden waren vergangen, ehe eine Strecke, zu welcher am Tage höchstens fünf Minuten gebraucht worden wären, zurückgelegt worden war. Jetzt befanden sie sich unten im Thalkessel, am Rande des Waldes, denn die Sohle des Thales bestand aus baumlosem Grasboden. Nur hier und da erhob sich ein einzelner Strauch.

Das Feuer brannte hell, gar nicht auf indianische Weise geschürt. Das war ein Zeichen, daß die Schoschonen sich sehr sicher fühlten.

Während nämlich die Weißen das Holz aufeinander legen, so daß es vom Feuer ganz angegriffen wird, und eine hoch emporlodernde, weithin sichtbare und viel Rauch verbreitende Flamme entsteht, legen die Indianer die Holzscheite so, daß sie wie Halbmesser eines Kreises im Mittelpunkte zusammenstoßen. In diesem Centrum brennt die kleine Flamme, welche dadurch genährt wird, daß die Scheite, je nachdem sie verbrennen, nachgeschoben werden. Das gibt ein Feuer, welches allen Zwecken der Roten genügt, eine kleine, leicht zu verbergende Flamme bildet und so wenig Rauch erzeugt, daß er in einiger Entfernung kaum bemerkt werden kann. Dazu verstehen sie die Art des Holzes so auszuwählen, daß dasselbe beim Verbrennen möglichst wenig Geruch verbreitet. Der Geruch des Rauches ist im Westen außerordentlich gefährlich. Die scharfe Nase des Indsman bemerkt ihn bereits aus sehr, sehr weiter Entfernung.

Das Feuer hier war nach Art der Weißen genährt, und der Geruch gebratenen Fleisches hatte sich über das ganze Thal verbreitet. Winnetou sog die Luft prüfend ein und flüsterte:

„Mokasschi-si-tscheh – Büffelrücken.“

Sem Geruchsinn war so fein, daß er sogar den Körperteil des Tieres, von welchem das Fleisch geschnitten war, bestimmen konnte.

Man sah drei große Zelte stehen. Sie bildeten die Ecken eines spitzwinkeligen Dreieckes, dessen Höhe gerade nach den fünf Lauschern lag. Das ihnen am nächsten stehende Zelt war mit Adlerfedern geschmückt, also dasjenige, welches der Häuptling mit bewohnte. Im Mittelpunkte des Dreieckes brannte das Feuer.

Die Pferde der Roten weideten frei und ungefesselt im Grase. Die Krieger saßen am Feuer und schnitten sich ihre Portionen von dem Braten, welcher an einem Aste über der Flamme briet. Sie waren, ganz der indianischen Sitte entgegen, sehr laut. Der Umstand, zwei Gefangene gemacht zu haben, hatte sie in diese vortreffliche Stimmung versetzt. Trotz der Sicherheit, in welcher sie sich fühlten, hatten sie einige Wachen ausgestellt, welche langsam auf und ab patrouillierten, es aber ihrer Haltung nach für sehr unrecht zu halten schienen, daß sie nicht mit den übrigen am Feuer sitzen durften.

„Eine verteufelte Geschichte!“ brummte Davy „Wie bekommen wir unsere Kameraden heraus? Was meint ihr, Mesch’schurs?“

„Zunächst möchten wir Eure eigene Meinung vernehmen, Master Davy,“ antwortete Shatterhand.

„Die meinige? Zounds! Ich habe gar keine.“

„So habt die Gewogenheit, ein wenig nachzudenken!“

„Wird auch nichts helfen. Ich habe mir die Sache so ziemlich anders gedacht. Diese roten Schlingels haben keinen Verstand. Da hocken sie alle inmitten der Zelte um das Feuer, so daß es gar nicht möglich ist, in eins derselben zu gelangen! Das konnten sie unterlassen!“

„Ihr scheint Bequemlichkeit zu lieben, Sir! Wünscht Ihr vielleicht, daß die Indsmen von den Zelten bis hierher eine Pferdebahn anlegen, um Euch Eueren dicken Jemmy per Achse herzuschicken? ja, dann dürft Ihr nicht nach dem Westen gehen!“

„Sehr richtig! Und ergreifen lassen darf man sich auch

nicht. Wenn man nur wenigstens wüßte, in welchem Zelte die beiden stecken!“

„Natürlich in demjenigen des Häuptlings.“

„So will ich einen Vorschlag machen.“

„Nun?“

„Wir schleichen uns so nahe wie möglich hinan und fallen, sobald sie uns bemerken, über sie her. Dabei erheben wir ein solches Geschrei und machen einen so entsetzlichen Spektakel, daß sie denken, wir seien hundert Personen. Sie werden vor Schrecken davonlaufen. Wir holen die Gefangenen aus dem Zelte und laufen auch davon, natürlich so schnell wie möglich.“

„Das ist Euer Vorschlag?“

„Ja.“

„Habt Ihr noch etwas hinzuzufügen?“

„Nein. Nicht wahr, er gefällt Euch?“

„Ganz und gar nicht.“

„Oho! Meint Ihr, daß Ihr Euch etwas Besseres ausdenken werdet?“

„Ob etwas Besseres, das will ich nicht behaupten, etwas Unverständigeres aber jedenfalls nicht.“

„Sir! Soll das eine Beleidigung sein? Ich bin nämlich der lange Davy!“

„Das weiß ich seit einiger Zeit. Von einer Beleidigung ist keine Rede. Ihr seht von hier aus, daß die Indsmen ihre Waffen handgerecht haben. Sie werden nicht so dumm sein, unsere Zahl so zu überschätzen, wie Ihr es wünscht. Fallen wir über sie her, so werden sie wohl für einen Augenblick verblüfft sein, aber eben nur für einen Augenblick; dann haben wir eine zehnfache Übermacht gegen uns.“

„Ich denke, Ihr fürchtet Euch nicht!“

„Gerade weil ich keinen Angriff riskiere, dessen Ausgang unser sicherer Untergang sein würde, brauche ich mich nicht zu fürchten. Und selbst wenn wir siegten, würde viel, sehr viel Blut fließen, und das kann man vermeiden. Was habt Ihr davon, wenn wir die Gefangenen befreien, und Ihr werdet dabei erschossen? Ist’s nicht besser, einen Weg zu finden, welcher uns ganz ohne Blutvergießen zum Ziele führt?“

„Ja, Sir, wenn Ihr einen solchen Weg fändet, so würde ich Euch freilich loben.“

„Vielleicht ist er bereits gefunden.“

„Dann erklärt Euch schnell. Ich werde mein möglichstes thun.“

„Es kann sein, daß wir Euch gar nicht mitbelästigen. Ich will hören, was der Apache zu meinem Plane sagt.“

Er sprach eine kurze Weile mit dem Häuptlinge, und zwar in der Mundart der Apachen, welche die anderen nicht verstanden; dann wendete er sich wieder an den langen Davy:

„Ja, ich werde mit Winnetou den Streich allein ausführen. Ihr bleibt ganz ruhig hier, sobald wir uns entfernt haben. Selbst wenn wir binnen zwei Stunden uns nicht sehen lassen, geht Ihr nicht von der Stelle und hütet Euch, etwas zu unternehmen. Nur in dem Falle, daß Ihr eine Grille dreimal laut zirpen hört, habt Ihr miteinzugreifen.“

„In welcher Weise?“

„Indem Ihr schnell, aber möglichst leise und unbemerkt nach dem Zelte kommt, welches uns am nächsten liegt. Ich werde mich mit Winnetou zu demselben anschleichen. Im Falle Ihr da von uns gebraucht werdet, werde ich das erwähnte Zeichen abgeben.“

„Könnt Ihr denn das Zirpen der Grille nachahmen?“

„Natürlich! Es ist von sehr großem Vorteile, wenn Jäger die Stimmen gewisser Tiere einstudiert haben. Nur müssen es eben Tiere sein, deren Stimmen gerade zu der Zeit zu hören sind, in welcher man sich der Nachahmung bedienen will. Die Grille zirpt bekanntlich auch des Nachts, also wird es den Schoschonen gar nicht auffallen, wenn sie mein Zirpen hören.“

„Wie aber bringt Ihr dasselbe fertig?“

„Auf sehr einfache Weise, nämlich mit einem Grashalme. Man faltet die Hände in der Weise zusammen, daß die Daumen nebeneinander zu liegen kommen, und klemmt zwischen die letzteren einen Grashalm so ein, daß er straff angespannt ist. Zwischen den beiden unteren Gliedern der Daumen befindet sich eine schmale Lücke, in welcher der Grashalm fibrieren kann. Dadurch wird eine Art Zungeninstrument gebildet. Bläst man nun mit einem kurzen „Frrfrr-frr“ auf den Halm, indem man den Mund fest an die Daumen legt, so entsteht ein Zirpen, welches dem der Grille außerordentlich ähnlich ist. Eine längere Übung gehört freilich dazu.“

Da sagte Winnetou:

„Mein weißer Bruder mag diese Dinge später erklären. jetzt haben wir keine Zeit dazu. Wir wollen beginnen.“

„Gut! Nehmen wir vielleicht unsere Zeichen mit?“

„Ja! Die Schoschonen sollen erfahren, wer bei ihnen gewesen ist.“

Viele Westmänner und auch hervorragende Indianer bedienen sich nämlich eines Zeichens, an welchem man erkennen kann, um wen es sich handelt. Mancher Indianer schneidet sein Zeichen in das Ohr, in die Wange, in die Stirn oder Hand des von ihm Getöteten. Wer dann später die Leiche findet und das Zeichen kennt, der weiß, wer den Toten besiegt und skalpiert hat.

Winnetou und Old Shatterhand schnitten sich einige kurze Zweige von dem nächsten Strauche und steckten sie in ihre Gürtel; sie konnten mit denselben die Zeichen herstellen, welche einem jeden Roten als die ihrigen bekannt waren.

Sodann brachen sie auf, indem sie sich lang auf die Erde legten und sich nun vorwärts bewegten, dem erwähnten Zelte entgegen, welches in einer Entfernung von ungefähr achtzig Schritten vor ihnen lag.

Dieses Anschleichen ist keineswegs eine leichte Sache. Wenn keine bedeutende Gefahr vorhanden ist, und man nicht Ursache hat, keine Spur zurückzulassen, so kann man ja auf Händen und Knieen vorwärts kriechen. Das gibt freilich eine sehr erkennbare Fährte, besonders im Grase. Ist man aber gezwungen, diese zu vermeiden, so geschieht die Fortbewegung nur mittels der Fingerspitzen und Zehen. Da man dabei die Arme und Beine lang ausstrecken muß, damit der Körper ganz nahe an den Erdboden, den er aber ja nicht berühren darf, gehalten werde, so ruht die ganze Last desselben eben nur auf den Finger- und Zehenspitzen. Dies auch nur für eine kurze Zeit auszuhalten, dazu gehört eine ungewöhnliche Körperkraft, Gewandtheit und langjährige Übung. Wie die Schwimmer von einem Schwimmkrampfe sprechen, so reden die Westmänner von einem Anschleichekrampfe, welcher gar nicht weniger gefährlich ist als der erstere.

Er kann ja die Entdeckung und den sicheren Tod zur Folge haben.

Während der Westmann sich auf diese Weise an den Feind schleicht, hat er das betreffende Terrain auf das genaueste zu berücksichtigen und darf keine Hand und keine Fußspitze eher auf den Boden setzen, als bis er die betreffende Stelle genau untersucht hat. Wenn z. B. Hand oder Fuß auf einen kleinen, unbemerkten Zweig trifft, welcher dürr ist und knickt, so kann dieses leise Knicken die schlimmsten Folgen nach sich ziehen. Es gibt geübte Jäger, welche es demselben sofort anhören, ob es von einem Tiere oder einem Menschen verursacht worden ist. Die Sinne des Westmannes werden gezwungenerweise mit der Zeit so außerordentlich scharf, daß er, an der Erde liegend, sogar das Geräusch vernimmt, welches ein laufender Käfer verursacht. Ob ein dürres Blatt freiwillig abgefallen oder von einem verborgenen Feinde unachtsam abgestreift worden ist, das hört er ganz gewiß.

Ein guter Anschleicher wird auch die Zehenspitze seiner Fußbekleidung ganz genau auf die Stelle setzen, welche er vorher mit den Fingerspitzen berührt hat, weil dadurch eine weniger sichtbare Spur entsteht, deren Verwischung sich leichter und bedeutend schneller bewerkstelligen läßt, als wenn sie aus zahlreicheren und auch größeren Eindrücken besteht.

Es ist nämlich sehr häufig notwendig, die Fährte zu verwischen. Der Westmann bedient sich des Ausdruckes „auslöschen“. Hat man sich an ein Lager geschlichen, so beginnt bei der Rückkehr erst der anstrengendste und schwierigste Teil des Unternehmens. Niemand soll erfahren, daß man hier gewesen ist. Darum muß man, indem man sich auf allen Vieren, und mit den Füßen voran, rückwärts bewegt, jeden Eindruck auslöschen, welchen man hervorgebracht hat. Dies geschieht mit der rechten Hand, indem man auf den beiden Fuß- und auf den Fingerspitzen der linken Hand das Gleichgewicht erhält. Wer es einmal versucht, in dieser schwierigen Stellung auch nur eine Minute lang zu verharren, der wird bald einsehen, welche fürchterliche Anstrengung es dem Jäger verursacht, vielleicht stundenlang in derselben zu verbleiben.

So war es auch hier.

Old Shatterhand voran und Winnetou hinter ihm, bewegten sich die beiden langsam in der beschriebenen Weise vorwärts. Der Weiße hatte den Boden Zoll für Zoll tastend zu untersuchen, und der Indianer hatte sich zu bemühen, sich ganz genau in den Eindrücken, weiche der erstere hervorgebracht hatte, zu halten. Darum kamen sie nur äußerst langsam vorwärts.

Das Gras war ziemlich hoch, fast ellenhoch. Dies war einesteils gut, weil es den Körper verbarg, anderenteils aber von Nachteil, weil im hohen Grase eine jede Fährte leichter sichtbar ist.

je weiter sie kamen, desto deutlicher erkannten sie die Einzelheiten des Lagers. Zwischen demselben und ihnen patrouillierte eine Wache langsam hin und her. Wie war es da möglich, unbemerkt an das Zelt zu gelangen?

Die beiden erfahrenen Männer waren in dieser Beziehung gar nicht verlegen.

„Soll Winnetou den Wächter nehmen?“ flüsterte der Häuptling der Apachen.

„Nein,“ antwortete Shatterhand. „Ich kenne meinen Hieb, auf den ich mich verlassen kann.“

Leise, leise wie Schlangen, wandten sie sich durch das Gras, und näher, immer näher kamen sie der Wache. Diese hatte keine Ahnung, daß zwei solche Feinde ihr so nahe seien. Diese letzteren konnten den Mann gegen den Schein des Feuers ziemlich deutlich sehen. Er schien noch jung zu sein und hatte keine andere Waffe bei sich als das Messer in seinem Gürtel und ein Gewehr, welches er bequem geschultert hielt. Er war in Büffelfell gekleidet. Seine Züge konnte man nicht erkennen, da sein Gesicht mit abwechselnd roten und schwarzen Querstrichen – den Kriegsfarben – bemalt war.

Er blickte gar nicht nach den beiden herüber, sondern schien seine Aufmerksamkeit vorzugsweise auf das Lager gerichtet zu haben. Vielleicht interessierte ihn der Duft des Fleisches, welches über dem Feuer briet, mehr, als es für einen Wachtposten geraten ist.

Doch selbst wenn er seinen Blick nach der Stelle, an welcher sich die beiden befanden, gerichtet hätte, so wäre es für ihn unmöglich gewesen, sie zu bemerken, da ihre dunklen Leiber von der ebenso dunklen Grasfläche nicht zu unterscheiden waren. Sie bewegten sich nämlich schlauerweise nur in dem Schatten, welchen das Zelt nach der dem Feuer entgegengesetzten Seite warf.

Und doch waren sie ihm bereits auf acht Schritte nahe!

Er hatte, genau auf derselben Linie hin und her schreitend, in einem geraden Striche das Gras niedergetreten. Ein Angriff auf ihn mußte auf dieser Linie erfolgen, wenn die Spuren davon nicht zu bemerken sein sollten.

jetzt hatte er sich am äußersten Punkte der Linie umgedreht und kam langsam wieder zurück, von rechts nach links gehend – von dem Punkte aus, an welchem sich die beiden befanden, gerechnet. Sie hatten natürlich ihre Gewehre zurückgelassen, um nicht in ihren Bewegungen gehindert zu sein. Er schritt an ihnen vorüber und befand sich nun im Schatten, gerade wie sie.

„Schnell!“ flüsterte Winnetou.

Old Shatterhand richtete sich empor; zwei riesige Sprünge brachten ihn hinter den Indianer, welcher das Geräusch hörte und sich rasch umdrehte. Aber bereits schwebte Shatterhands Faust über ihm. Ein Hieb an die Schläfe, und er brach zusammen.

Mit zwei gleichen Sprüngen stand Winnetou bei ihm.

„Ist er tot?“ fragte er.

„Nein, sondern bloß besinnungslos.“

„Mein Bruder mag ihn binden. Winnetou wird an seine Stelle treten.“

Die Flinte des Schoschonen vom Boden aufnehmend und schulternd, schritt er davon, ganz in der Haltung, welche vorher der Schoschone innegehabt hatte. Von weitem mußte er für denselben gehalten werden. So patrouillierte nun er auf und ab. Das war sehr verwegen, aber gewiß notwendig. Unterdessen war Shatterhand bis zum Zelte des Häuptlings vorgedrungen; der Jäger versuchte die Leinwand ein wenig emporzuschieben, um in das Innere zu schauen; da dies die scharf angespannte Leinwand verhinderte, mußte er erst die Schnur, welche jene mit einer Stange verband, lösen.

Aber das mußte mit äußerster Vorsicht geschehen. Es konnte ja von innen bemerkt werden, und in diesem Falle war alles verloren. Sich fest auf die Erde legend, brachte er die Augen so nahe wie möglich an den Boden. Leise, leise schob er den Rand der Leinwand empor. Jetzt konnte er hineinblicken.

Was er sah, mußte ihn überraschen. Die Gefangenen befanden sich nämlich nicht darin, auch keine der Schoschonen. Nur allein der Häuptling saß auf einem Büffelfelle, rauchte scharf duftenden Kinnikkinnik, welcher aus Tabak und Weidenschale oder Blättern des wilden Hanfes zusammengesetzt wird, und blickte zum halb offenen Zelte hinaus, die belebte Scene, welche um das Lagerfeuer spielte, still betrachtend. Er kehrte Old Shatterhand den Rücken zu.

Dieser wußte gar wohl, was hier zu thun sei, wollte aber doch nicht ohne Einwilligung des Apachen handeln. Darum ließ er die Leinwand wieder nieder, wendete sich vom Zelte ab, raufte einen Grashalm aus und nahm denselben in der vorhin beschriebenen Weise zwischen die beiden Daumen.

Ein leises, einmaliges Zirpen ließ sich hören.

„Tho-ing-kai – die Grille singt!“ erklang die Stimme eines Schoschonen vom Lager her.

Wenn er gewußt hätte, welch eine Grille es war! Das Zirpen war für Winnetou das Zeichen, herbei zu kommen. Der Apache behielt seine langsame, würdevolle Bewegung bei, bis er in den Schatten des Zeltes trat und nun von den Schoschonen nicht mehr gesehen werden konnte. Da legte er das Gewehr ins Gras, ließ sich nieder und schlich sich möglichst rasch zum Zelte hin. Dort angekommen, flüsterte er:

„Warum ruft mich mein Bruder?“

„Weil ich Deine Einwilligung erhalten möchte,“ antwortete Shatterhand ebenso leise. „Die Gefangenen befinden sich nicht in dem Zelte.“

„Das ist nicht gut, denn nun müssen wir zurück und von der anderen Seite nach den anderen Zelten schleichen. Das dauert so lange Zeit, daß es indessen Morgen werden kann.“

„Vielleicht ist das gar nicht nötig, denn Tokvi-tey, der schwarze Hirsch, sitzt drin.“

„Uff ! Der Häuptling selbst! Ist er allein?“

„Ja.“

„So brauchen wir die Gefangenen ja nicht zu holen!“

„Das dachte auch ich. Wenn wir ihren Häuptling gefangennehmen, können wir die Schoschonen zwingen, den dicken Jemmy und den Hobble-Frank frei zu geben.“

„Mein Bruder hat recht. Aber können die Schoschonen vom Feuer aus in das Zelt blicken?“

„Ja! Aber der Schein des Feuers geht nicht bis zu der Stelle des Zeltes, an welcher wir uns befinden.“

„Sie werden aber doch gleich bemerken, daß ihr Häuptling nicht mehr dort sitzt.“

„So werden sie denken, daß er sich in den Schatten zurückgezogen hat. Mein Bruder Winnetou mag bereit sein, mir zu helfen, falls mein erster Griff nicht glücken sollte.“

Das war so leise geflüstert, daß kein Hauch davon im Innern des Zeltes zu hören war.

Jetzt schob Winnetou die Leinwand leise und langsam empor, so weit, daß Old Shatterhand, welcher sich fest an den Boden schmiegte, hineinkriechen konnte. Dies that der kühne Jäger so geräuschlos, daß der „schwarze Hirsch“ unmöglich von der ihm nahenden Gefahr etwas bemerken konnte.

Nun befand Shatterhand sich in dem Zelte, vollständig, mit dem ganzen Körper. Der Apache kroch mit dem halben Körper nach, um nötigenfalls augenblickliche Hilfe bringen zu können. Shatterhand streckte die Rechte aus. Er konnte den Schoschonen gerade erreichen. Ein schneller, kraftvoller Griff nach dem Halse desselben – der schwarze Hirsch ließ die Pfeife fallen und schlug ein-, zweimal mit den Armen in der Luft herum; dann sanken sie ihm herab; der Atem war ihm ausgegangen.

Old Shatterhand zog ihn aus dem Lichtkreise zurück ins Zeltdunkel, legte ihn da nieder und kroch, ihn nach sich ziehend, wieder zum Zelt hinaus.

„Gelungen!“ flüsterte Winnetou. „Mein weißer Bruder hat die Kraft des Bären in seiner Hand. Wie aber bringen wir ihn fort? Wir müssen ihn tragen und doch dabei unsere Spur auslöschen.“

„Das ist freilich ungeheuer schwierig.“

„Und was thun wir mit dem Wächter, welchen wir gefesselt haben?“

„Den nehmen wir auch mit. Je mehr Schoschonen sich in unserer Hand befinden, desto eher geben die Roten ihre beiden Gefangenen frei.“

„So wird mein Bruder den Häuptling tragen, und Winnetou trägt den anderen. Dabei können wir aber die Spuren nicht auslöschen, und darum müssen wir noch einmal zurück.“

„Leider! Es wird dabei viel kostbare Zeit verstreichen, und wir –“

Er hielt inne. Es trat etwas ein, wodurch all ihren Bedenken ein schnelles Ende bereitet wurde. Es war ein lauter, schriller Schrei erklungen.

„Tiguw-ih, tiguw-ih!“ rief eine Stimme. „Feinde, Feinde!“

„Der Wachtposten ist erwacht. Schnell fort!“ sagte Shatterhand. „Wir nehmen ihn mit!“

Schon flog Winnetou in langen Sätzen nach der Stelle hin, an welcher der gefesselte Schoschone lag, riß ihn empor, und rannte mit ihm davon.

Old Shatterhand zeigte hier, welch ein Westmann er war. Die Gefahr lag in seiner größten Nähe, dennoch blieb er noch einige Augenblicke hinter dem Zelte. Er zog die kleinen Ästchen hervor, welche er abgeschnitten hatte, hob die Zeltleinwand nochmals empor und steckte die ersteren in der Weise in den Boden, daß sie sich wie spanische Reiter kreuzten. Erst dann nahm er den Häuptling auf und eilte mit ihm von dannen.

Die Schoschonen hatten nahe um das Feuer gesessen; ihre an die Helligkeit desselben gewöhnten Augen konnten, wie Shatterhand ganz wohl vermutet hatte, sich nicht augenblicklich an das nächtliche Dunkel gewöhnen. Sie waren aufgesprungen und starrten zwar in die Nacht hinaus, konnten aber nichts sehen. Zudem hatten sie nicht unterscheiden können, von welcher Seite der Hilferuf erklungen war. So kam es, daß Winnetou und Old Shatterhand der gefährliche Rückzug vollständig gelang.

Der Apache hatte sogar unterwegs einmal stehen bleiben müssen. Es war ihm unmöglich gewesen, dem Schoschonen mit der Hand den Mund vollständig zu verschließen. Es war dem Gefangenen zwar nicht gelungen, abermals um Hilfe zu rufen, aber er hatte doch ein so lautes Stöhnen hervorbringen können, daß der Apache einen Augenblick stillhalten mußte, um ihm mit der Hand die Gurgel zuzudrücken.

„Alle Wetter, wen bringt ihr da?“ fragte der lange Davy, als die beiden ihre Gefangenen zu Boden geworfen hatten.

„Geiseln,“ antwortete Shatterhand. „Gebt ihnen nur schnell Knebel in den Mund, und der Häuptling muß gefesselt werden.“

„Der Häuptling? Macht Ihr Spaß, Sir?“

„Nein, er ist’s.“

Heavens! Welch ein Streich! Davon wird man noch lange Zeit erzählen! Den schwarzen Hirsch mitten unter seinen Roten herauszuholen! Das können eben nur Old Shatterhand und Winnetou fertig bringen!“

„Jetzt keine unnötigen Reden! Wir müssen fort, hinauf zur Höhe, wo unsere Pferde sind.“

„Mein Bruder braucht sich nicht zu beeilen,“ sagte der Apache. „Wir können hier besser sehen als da oben, was die Schoschonen beginnen werden.“

„Ja, Winnetou hat recht,“ gestand Shatterhand ein. „Es kann den Schoschonen nicht einfallen, hierher zu kommen. Sie wissen nicht, mit wem und mit wie vielen sie es zu thun haben. Sie werden sich darauf beschränken müssen, ihr Lager zu sichern. Erst mit Anbruch des Tages ist es ihnen möglich, etwas zu unternehmen.“

„Winnetou wird ihnen eine Warnung sagen, die ihnen den Mut benimmt, ihr Lager zu verlassen.“

Der Apache nahm seinen Revolver und hielt die Mündung desselben ganz nahe an die Erde. Shatterhand verstand ihn sogleich.

„Halt!“ sagte er. „Sie dürfen den Blitz des Schusses nicht sehen, damit sie nicht wissen, wo wir uns befinden. Ich denke, es wird ein Echo geben, durch welches sie getäuscht werden. Gebt eure Jacken und Röcke her, Mesch’schurs!“

Der lange Davy nahm seinen famosen Gummimantel von der Schulter; auch die anderen befolgten Shatterhands Gebot. Die Kleidungsstücke wurden vorgehalten, und dann drückte Winnetou zweimal ab. Die Schüsse krachten. Sie hallten von den Thalwänden wider, und da der Blitz nicht zu sehen gewesen war, konnten die Schoschonen allerdings nicht wissen, an welcher Stelle geschossen worden war. Sie antworteten mit einem durchdringenden Geheul.

Als sie den Ruf „Tiguw-ih, tiguw-ih – Feinde, Feinde!“ gehört hatten, waren sie, wie bereits erwähnt, vom Feuer aufgesprungen und hatten sich bemüht, nach den Feinden auszuschauen. Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, und dann befanden Shatterhand und Winnetou sich bereits in Sicherheit. Die Roten konnten also niemand sehen.

Es fiel ihnen auf, daß sie nicht angegriffen wurden. Wenn wirklich Feinde vorhanden waren, so hätten diese doch wohl nicht gezögert, über das Lager herzufallen. Der Alarmruf beruhte also wohl auf einem Irrtum. Wer aber hatte ihn ausgestoßen? jedenfalls einer der Wächter. Er mußte gefragt werden. Ihn herbeizurufen, war Sache des Häuptlings. Wie aber kam es, daß dieser so ruhig in seinem Zelte sitzen blieb?

Mehrere der roten Krieger traten an den Eingang des Zeltes. Sie blickten hinein und fanden es leer.

„Der schwarze Hirsch ist bereits fort, die Wache zu befragen,“ sagte einer von ihnen.

„Mein Bruder irrt sich,“ entgegnete ein anderer. „Der Häuptling konnte das Zelt nicht verlassen, ohne von uns gesehen zu werden.“

„Er ist aber nicht hier!“

„Und er kann auch nicht fort sein!“

„So hat ihn Wakon-tonka, der böse Geist, verschwinden lassen!“

Da schob ein alter Krieger die anderen beiseite und sagte-

„Der böse Geist kann töten und Unglück bringen, aber verschwinden lassen kann er keinen Krieger. Wenn der Häuptling nicht aus dem Zelte getreten und dennoch verschwunden ist, so kann er dasselbe nur auf die Weise verlassen haben, daß – – –“

Er hielt inne. Vorher war nur ein Teil des Tuches, welches die Thür bildete, geöffnet gewesen; jetzt hatte man es ganz entfernt, und nun beleuchtete der Schein des Feuers das ganze Innere.

Der Alte trat hinein und bückte sich nieder.

„Uff !“ rief er aus. „Der Häuptling ist geraubt worden!“

Keiner antwortete. Das, was der Alte sagte, war zu unglaublich, und doch durften sie einem so erfahrenen Krieger nicht widersprechen.

„Meine Brüder glauben es nicht?“ sagte er. „Sie mögen herblicken. Hier ist die Leinwand des Zeltes gelockert, und hier stecken die Zweige in der Erde. Ich kenne dieses Zeichen. Es ist das Zeichen von Nonpay-klama, den die Bleichgesichter Old Shatterhand nennen. Er ist hier gewesen und hat uns den schwarzen Hirsch geraubt.“

Da ertönten die zwei Schüsse des Apachen. Das löste die Zungen der Schoschonen. Sie stießen das bereits erwähnte Geheul aus.

„Löscht schnell das Feuer aus!“ gebot der Alte. „Den Feinden darf kein sicheres Ziel geboten werden.“

Man gehorchte ihm, indem man die brennenden Äste schnell auseinanderriß und das Feuer austrat. Da der Häuptling verschwunden war, so ordneten sich die Schoschonen ganz freiwillig dem ältesten Krieger unter. Es wurde also dunkel im Lager. Ein jeder hatte nach seinen Waffen gegriffen, und auf Befehl des Alten bildeten die Krieger rund um die Zelte einen Kreis, um den Feind zu empfangen, von welcher Seite er nur kommen möge.

Es waren vier Posten ausgestellt worden, um das Lager nach den vier Himmelsgegenden zu bewachen. Drei von ihnen hatten sich, als die Schüsse fielen, schleunigst auf die Ihrigen zurückgezogen; der vierte hingegen fehlte. Und dieser war gerade der angesehenste von ihnen, Moh-aw, der Sohn des Häuptlings. Dieses Schoschonenwort bedeutet soviel wie Moskito. Der junge Indianer hatte also schon bewiesen, daß er tapfer sei, daß er stechen könne.

Einer der Waghalsigsten erbot sich, nach ihm zu forschen, und erhielt die Erlaubnis dazu. Er legte sich ins Gras und schlich sich in die Nacht hinaus, in der Richtung, in welcher der Vermißte gesucht werden mußte. Nach einiger Zeit kehrte er mit dem Gewehre des Moskito zurück. Das war ein sicherer Beweis, daß dem Sohne des Häuptlings ein Unglück widerfahren sei.

Der Alte hielt eine kurze Beratung mit den hervorragendsten Kriegern. Es wurde beschlossen, das Zelt, in welchem sich die Gefangenen befanden, ganz besonders zu bewachen, die Pferde in der unmittelbaren Nähe des Lagers anzupflokken und dann den Anbruch des Tages zu erwarten. Dann mußte es sich zeigen, mit wem man es zu thun hatte.

Indessen hatten die Jäger dafür gesorgt, daß die beiden Gefangenen, von denen auch der Häuptling wieder zum Bewußtsein gekommen war, nicht laut werden konnten, und sich dann selbst still und beobachtend verhalten. Es war nichts zu hören als nach einiger Zeit der vom Grase gedämpfte Schritt der Pferde.

„Meine Brüder mögen hören, daß die Schoschonen ihre Pferde zusammensuchen. Sie werden sie nahe bei den Zelten anbinden und dann nicht eher etwas unternehmen, als bis der Tag anbricht,“ sagte Winnetou. „Wir können gehen.“

„Ja, ziehen wir uns zurück,“ stimmte Old Shatterhand bei. „Wir freilich werden nicht bis zum Morgen warten. Der schwarze Hirsch soll baldigst erfahren, was wir von ihm verlangen.“

Er trat zu den Gefangenen, welche entfernt von den anderen gelegen hatten, damit sie nicht hören konnten, was gesprochen wurde. Noch wußte er nicht, daß der gemachte Fang noch wertvoller sei, als er bisher vermutet hatte. Er hob den schwarzen Hirsch vom Boden auf, nahm ihn auf die Schulter und begann, bergan zu steigen. Die anderen folgten ihm, Winnetou den Moskito tragend.

Es wäre für jeden anderen fast unmöglich gewesen, mit einer solchen Last in tiefer Dunkelheit den dicht bewaldeten Bergeshang zu ersteigen. Den beiden schien es ganz und gar nicht beschwerlich zu sein.

Oben angekommen, fanden sie alles in Ordnung. Wohkadeh hatte seine Pflicht gethan.

Der lange Davy wand seinen Lasso los und sagte:

„Gebt her die Kerls! Wir wollen sie bei den anderen anbinden.“

„Nein!“ entgegnete Old Shatterhand. „Wir verlassen diese Stelle.“

„Warum? Meint Ihr, daß wir hier nicht sicher sind?“

„Ja, das meine ich.“

„O, die Schoschonen werden uns gern in Ruhe lassen. Sie sind froh, wenn ihnen nichts geschieht.“

„Das weiß ich ebensogut wie Ihr, Master Davy. Aber wir müssen mit dem Häuptling sprechen, vielleicht auch mit den anderen. Es ist also nötig, ihnen die Knebel abzunehmen, und wenn wir das hier thun, so können sie leicht auf den Gedanken kommen, durch irgend einen Ruf den Ihrigen ein Signal zu geben, welches von hier aus ganz deutlich da unten gehört werden kann.“

„Mein Bruder hat recht,“ sagte der Apache. „Winnetou war heute hier, um die Schoschonen zu beobachten. Er kennt einen Ort, wo er mit seinen Brüdern und den Gefangenen lagern kann.“

„Wir müssen ein Feuer haben,“ bemerkte Old Shatterhand. „Ist das dort möglich?“

„Ja. Man binde die Gefangenen auf die Pferde!“

Dies geschah, und dann setzte sich der kleine Zug in Bewegung, bei Nacht, durch den dichten Wald, Winnetou als Führer voran.

Es versteht sich ganz von selbst, daß dieser Marsch nur höchst langsam vorwärts ging, Schritt um Schritt. Nach einer halben Stunde war eine Strecke zurückgelegt, zu welcher am Tage wohl nur fünf Minuten nötig gewesen wären. Da hielt der Apache an.

Die Gefangenen wußten natürlich nicht, in wessen Hände sie geraten seien, und waren auch über sich selbst im unklaren. Die beiden Kundschafter hatten wegen der Dunkelheit gar nicht sehen können, daß noch zwei Gefangene gemacht worden seien; hinwieder wußten die letzteren von den ersteren nichts, und der Häuptling hatte keine Ahnung, daß er mit seinem Sohne, und dieser vermutete nicht, daß er mit seinem Vater ergriffen worden sei. Aus diesem Grunde wurden sie, als jetzt gehalten wurde, voneinander getrennt, nachdem man sie wieder von den Pferden genommen hatte.

Old Shatterhand befolgte die Politik, dem schwarzen Hirsch nicht merken zu lassen, wie stark der Feind sei, dem er in die Hände gefallen war. Darum traf er die Maßregel, mit dem Häuptling zunächst allein zu verhandeln.

Die übrigen mußten sich zurückziehen. Dann raffte er das am Boden liegende dürre Geäst zusammen, um ein Feuer anzumachen.

Er befand sich mit dem Schoschonen auf einer nur wenige Schritte breiten freien Stelle. Der Apache hatte heute am Tage gesehen, wie gut sie sich zu einem verborgenen Lagerplatze eigne, und sein Ortssinn war ein so außerordentlicher, daß es ihm selbst in dieser Dunkelheit gelungen war, sie aufzufinden.

Sie war natürlich rings von Bäumen umgeben, unter denen Farnkräuter und Dorngesträuch eine ziemlich dichte Einfassung bildeten, welche den Schein des Feuers hinderte, weit zu dringen. Mit Hilfe seines Punks (Prairiefeuerzeug) steckte Old Shatterhand das dürre Zeug leicht in Brand und hieb sich dann mit dem Tomahawk von den rundum stehenden Bäumen die unteren, dürr gewordenen Äste ab, um mit ihnen das Feuer zu unterhalten. Dasselbe hatte nur den Zweck, die Stelle zu beleuchten und brauchte also nicht groß zu sein.

Der Schoschone lag am Boden und beobachtete das Thun des weißen Jägers mit finsteren Blicken. Als Old Shatterhand mit seinen Vorbereitungen zu Ende war, zog er den Gefangenen an das Feuer, richtete ihn in sitzende Stellung empor und nahm ihm den Knebel ab. Der Indianer verriet mit keiner Miene und keinem Atemzuge, daß er sich jetzt erleichtert fühle. Für einen indianischen Krieger wäre es eine Schande, äußerlich merken zu lassen, was er denkt und empfindet. Old Shatterhand setzte sich ihm an der anderen Seite des Feuers gegenüber und betrachtete sich zunächst seinen Feind.

Dieser war sehr kräftig gebaut und trug einen Büffelanzug von indianischem Schnitt, ohne alle Verzierung. Nur die Nähte waren mit Skalphaaren versehen, und am Gürtel trug er wohl gegen zwanzig Skalpe, nicht etwa vollständige Kopfhäute, welche zuviel Platz beansprucht hätten, sondern nur die wie ein Fünfmarkstück großen, wohlpräparierten Wirbelstellen. In dem Gürtel steckte noch das Messer, welches ihm nicht abgenommen worden war.

Sein Gesicht war nicht bemalt, so daß die drei roten Narben auf den Wangen deutlich gesehen werden konnten. Mit unbewegten Zügen saß er da und starrte in das Feuer, dem Weißen keinen Blick gönnend.

„Tokvi-tey trägt nicht die Farben des Krieges,“ begann Old Shatterhand. „Warum. tritt er da gegen friedliche Leute feindlich auf?“

Er erhielt keine Antwort und auch keinen Blick. Darum fuhr er fort:

„Der Häuptling der Schoschonen ist wohl vor Angst stumm geworden, da er mir kein Wort auf meine Frage entgegnen kann?“

Der Jäger wußte recht gut, wie ein Indianer behandelt werden muß. Der Erfolg zeigte sich sogleich, denn der Gefangene warf ihm einen zornblitzenden Blick zu und antwortete:

„Tokvi-tey weiß nicht, was Angst ist. Er fürchtet nicht den Feind und nicht den Tod!“

„Und dennoch verhält er sich gerade so, als ob er sich fürchte. Ein mutiger Krieger malt sich die Farben des Krieges in das Gesicht, bevor er zum Angriff schreitet. Das ist ehrlich, das ist mutig; denn da weiß der Gegner, daß er sich zu verteidigen hat. Die Krieger der Schoschonen aber sind ohne Farbe gewesen; sie haben die Gesichter des Friedens gehabt und dennoch die Weißen angegriffen. So handelt nur ein Feigling! Oder habe ich nicht recht? Findet der schwarze Hirsch ein Wort zu seiner Verteidigung?“

Der Indianer senkte den Blick und sagte:

„Der schwarze Hirsch war nicht bei ihnen, als sie den Bleichgesichtern nachjagten.“

„Das ist keine Entschuldigung. Wäre er ein ehrlicher und mutiger Mann, so hätte er die Bleichgesichter sofort, als sie zu ihm gebracht worden, wieder freigelassen. Ich habe überhaupt noch gar nicht vernommen, daß die Krieger der Schoschonen den Tomahawk des Krieges ausgegraben haben. Sie weiden ihre Herden wie im tiefen Frieden an den Tongue- und Bighorngewässern; sie verkehren in den Wohnungen der Weißen, und doch fällt der schwarze Hirsch Männer an, welche ihn niemals beleidigt haben. Kann er etwas dagegen sagen, wenn ein Tapferer meint, daß nur ein Feigling in dieser Weise handeln könne?“

Es war nur ein halber Blick, welchen der Rote auf den Weißen warf; aber dieser Blick bewies, daß er grimmig erzürnt sei. Dennoch klang seine Stimme ruhig, als er antwortete:

„Bist du vielleicht so ein Tapferer?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte gleichmütig, als ob dieses Selbstlob sich eben auch von selbst verstehe.

„So mußt du einen Namen haben!“

„Siehst du nicht, daß ich Waffen trage? So muß ich auch einen Namen haben.“

„Die Bleichgesichter dürfen Waffen und Namen tragen, auch wenn sie Memmen sind. Die größten Feiglinge unter ihnen haben die längsten Namen. Den meinigen kennst du; also wirst du wissen, daß ich kein Feigling bin.“

„So laß die beiden gefangenen Weißen frei, und kämpfe nachher offen und ehrlich mit ihnen!“

„Sie haben es gewagt, am See des Blutes zu erscheinen; sie werden sterben.“

„Dann stirbst auch du!“

„Der schwarze Hirsch hat dir bereits gesagt, daß er den Tod nicht fürchte; er wünscht ihn sich sogar!“

„Warum?“

„Er ist gefangen genommen worden; er ist ergriffen worden von einem Weißen, geholt worden aus seinem eigenen Wigwam von einem Bleichgesichte; er hat seine Ehre verloren; er kann nicht leben. Er muß sterben, ohne den Kriegsgesang anstimmen zu können. Er wird nicht in seinem Grabe stolz und aufrecht sitzen auf seinem Streitrosse, behängt mit den Skalpen seiner Feinde, sondern er wird im Sande liegen und zerhackt werden von den Schnäbeln stinkender Aasgeier.“

Er sagte das langsam und monoton, ohne daß ein Zug seines Gesichtes sich bewegte, und doch sprach aus jedem Worte ein Schmerz, weicher fast an Trostlosigkeit grenzte.

Und nach seinen Anschauungen hatte er vollkommen recht. Es war eine ungeheure Schande für ihn, aus seinem Zelte, aus der bewaffneten Umgebung seiner Krieger als Gefangener herausgeholt worden zu sein.

Old Shatterhand fühlte eine warme Regung für den Mann, aber er ließ von diesem Mitleid nicht das Geringste merken; das wäre eine Beleidigung gewesen und hätte den Todesgedanken desselben nur noch tiefer Wurzel schlagen lassen. Darum sagte er:

„Tokvi-tey hat sein Schicksal verdient; aber er kann leben bleiben, obgleich er mein Gefangener ist. Ich bin bereit, ihm seine Freiheit wiederzugeben, wenn er den Seinen gebietet, für ihn die beiden Bleichgesichter frei zu geben.“

Es klang wie stolzer Hohn, als der Rote antwortete:

„Tokvi-tey kann nicht mehr leben. Er wünscht zu sterben. Binde ihn getrost an den Marterpfahl. Er darf zwar nicht von den Thaten sprechen, welche seinen Ruhm verbreitet haben, aber er wird trotz aller Todesqualen nicht mit der Wimper zucken.“

„Ich werde dich nicht an den Todespfahl binden. Ich bin ein Christ. Selbst wenn ich ein Tier töten muß, töte ich es in der Weise, daß es keine Qualen zu erdulden hat. Aber du würdest nutzlos sterben. Ich würde trotz deines Todes die Gefangenen aus den Händen der Deinigen befreien.“

„Versuche es! Mich konntest du beschleichen, durch einen hinterlistigen Griff betäuben und im Dunkel der Nacht fortschleppen. Jetzt sind die Krieger der Schoschonen gewarnt. Es wird dir unmöglich sein, die Bleichgesichter zu befreien. Sie haben es gewagt, am See des Blutes zu erscheinen, und werden dies mit einem langsamen Tode büßen müssen. Hast du den schwarzen Hirsch besiegt, so wird er sterben; aber es lebt Moh-aw, sein einziger Sohn, der Stolz seiner Seele, welcher ihn rächen wird. Bereits schon jetzt hat Moh-aw sich das Gesicht mit den Farben des Krieges bestrichen, denn er war dazu bestimmt, den Streich des Todes gegen die gefangenen Bleichgesichter zu führen. Er wird seinen Leib mit ihrem warmen Blute bemalen und dann geschützt sein gegen alle Feindschaft der Bleichgesichter.“

Da raschelte es in dem Gestrüpp. Martin Baumann kam, beugte sich an Old Shatterhands Ohr und flüsterte ihm zu:

„Sir, ich soll Euch sagen, daß der gefangene Wachtposten der Sohn des Häuptlings ist. Winnetou hat es ihm entlockt.“

Diese Kunde kam dem Jäger außerordentlich gelegen. Er antwortete ebenso leise:

„Winnetou mag mir ihn augenblicklich schicken.“

„Auf welche Weise? Der Rote ist gefesselt und kann nicht laufen.“

„Der lange Davy mag ihn tragen und dann hier bei ihm sitzen bleiben.“

Martin entfernte sich. Old Shatterhand wendete sich wieder an den Indianer, indem er antwortete:

„Ich fürchte den Moskito nicht. Seit wann trägt er einen Namen, und wo hörte man von seinen Thaten? Ich brauche nur zu wollen, so nehme ich ihn ebenso gefangen wie dich selbst.“

Dieses Mal konnte er sich doch nicht ganz beherrschen. Es war verächtlich von seinem Sohne gesprochen worden. Seine Brauen zogen sich zusammen; seine Augen leuchteten, und er sagte in zornigem Tone:

„Wer bist du, daß du in dieser Weise von Moh-aw zu reden wagst? Versuche mit ihm zu kämpfen, so wirst du bereits vor seinem Blicke dich in die Erde verkriechen!“

„Pshaw! Ich kämpfe nicht mit Kindern!“

„Moh-aw ist kein Kind, kein Knabe! Er hat mit den Sioux-Oggalla gekämpft und ihrer mehrere bezwungen. Er hat die Augen des Adlers und das Gehör der Nachtvögel. Kein Feind vermag, ihn zu überraschen, und er wird den schwarzen Hirsch, seinen Vater, blutig rächen an den Vätern und Söhnen der Bleichgesichter!“

Da kam der lange Davy herbei geschritten, auf seiner Achsel den jungen Indianer. Er stieg mit seinen ewigen Beinen gleich über das dichteste Gestrüpp, legte den Indianer zur Erde nieder und sagte:

„Da bring‘ ich den Buben. Soll ich ihm den Rücken bläuen, damit er es sich merke, daß mit Männern nicht zu spaßen sei?“

„Vom Schlagen ist keine Rede, Master Davy. Setzt ihn aufrecht und nehmt Platz neben ihm. Auch den Knebel könnt Ihr wieder entfernen. Er ist nicht mehr nötig, denn hier wird gesprochen.“

„Ay, Sir! Ich möchte aber wissen, was der Knabe hier vorbringen könnte.“

Der Lange gehorchte. Als der „Moskito“ aufrecht saß, blickten die beiden Schoschonen sich erschrocken in die Augen. Der Häuptling sagte nichts und bewegte sich nicht; aber trotz seiner dunklen Hautfarbe war zu sehen, daß ihm das Blut aus dem Gesicht gewichen war. Der Sohn vermochte nicht, sich so zu beherrschen.

„Uff !“ rief er. „Auch Tokvi-tey ist gefangen! Das wird ein Heulen geben in den Wigwams der Schoschonen. Der große Geist hat sein Angesicht verhüllt vor seinen Kindern.“

„Schweig!“ donnerte ihn sein Vater an. „Keine Squaw der Schoschonen wird eine Thräne weinen, wenn Tokvi-tey und Moh-aw von den Nebeln des Todes verschlungen werden. Sie haben ihre Augen und Ohren verschlossen gehabt und sind ohne Hirn gewesen wie die Kröte, welche sich ohne Gegenwehr von der Schlange verschlingen läßt. Schande über den Vater und Schande über den Sohn! Kein Mund wird von ihnen sprechen, und keine Kunde wird über sie zu hören sein. Aber mit dem ihrigen wird das Blut der Bleichgesichter fließen. Bereits befinden sich zwei Weiße in den Händen unserer Krieger, und bereits sind die Kundschafter der Schoschonen unterwegs, um den Weg zum neuen Siege zu öffnen. Schande um Schande, und Blut um Blut!“

Da wendete Old Shatterhand sich zu Davy und gab ihm den leisen Befehl:

„Holt alle anderen herbei; nur Winnetou allein soll sich nicht sehen lassen!“

Der Lange stand auf und entfernte sich.

„Nun,“ fragte Old Shatterhand, „sieht der schwarze Hirsch vielleicht, daß ich mich vor dem Blicke seines Sohnes in die Erde verkrieche? Ich will euch nicht beleidigen. Der Häuptling der Schoschonen ist berühmt als tapferer Krieger und weise im Rate der Alten. Moh-aw, sein Sohn, wird in seine Fußstapfen treten und ebenso tapfer und weise sein. Ich gebe beiden die Freiheit gegen die Freiheit der beiden gefangenen weißen Jäger.“

Über das Gesicht des Sohnes zuckte es wie Freude. Er hatte ja das Leben lieb. Sein Vater aber warf ihm darob einen zornigen Blick zu und antwortete:

„Der schwarze Hirsch und der Moskito sind ohne Kampf in die Hände eines elenden Bleichgesichtes gefallen; sie verdienen nicht, länger zu leben; sie wollen sterben. Nur durch ihren Tod können sie die Schande sühnen, welche auf sie gefallen ist. Und so mögen auch die Bleichgesichter sterben, welche bereits gefangen sind, und auch die, welche noch in die Gefangenschaft der Schoschonen gera – – –“

Er hielt inne. Sein Blick ruhte erschrocken auf den zwei Kundschaftern, welche jetzt von Davy, Bob und Martin Baumann herbeigebracht wurden.

„Warum spricht der schwarze Hirsch nicht weiter?“ fragte Old Shatterhand. „Fühlt er, daß die Faust des Schreckes nach seinem Herzen greift?“

Der Häuptling senkte den Kopf und blickte lange wortlos vor sich nieder. Hinter ihm bewegten sich die Zweige, ohne daß er es bemerkte. Old Shatterhand sah den Kopf des Apachen erscheinen und warf ihm einen fragenden Blick zu. Ein leises Nicken war die Antwort. Die beiden verstanden sich auch ohne gesprochene Worte.

„Jetzt sieht Tokvi-tey, daß seine Hoffnung auf neuen Sieg vergeblich ist,“ fuhr Shatterhand fort. „Und dennoch wiederhole ich mein Anerbieten. Ich gebe euch alle augenblicklich frei, wenn ihr mir versprecht, daß die beiden weißen Jäger auch frei sein sollen.“

„Nein, wir sterben!“ rief der Häuptling.

„So sterbt ihr umsonst, denn wir werden trotz eures Todes die Gefangenen befreien.“

„Ja, vielleicht werdet ihr es, denn es scheint so, als ob Manitou uns verlassen habe. Hätte er uns nicht mit Blindheit und Taubheit geschlagen, so wäre es nicht Bleichgesichtern, welche keinen Namen haben, gelungen, den Häuptling der Schoschonen zu ergreifen.“

„Keinen Namen? Willst du unsere Namen hören?“

Er schüttelte verächtlich mit dem Kopfe.

„Ich mag sie nicht hören. Sie taugen nichts. Das ist ja die Schande! Wäre Tokvi-tey von Nonpay-klama besiegt worden, welchen die Bleichgesichter Old Shatterhand nennen, oder von einem Jäger mit ebenso berühmtem Namen, so könnte er sich trösten. Von so einem Krieger überlistet zu werden, ist keine Schande. Ihr aber seid wie die Hunde, welche keinen Herrn haben. Ihr reitet in Gesellschaft eines schwarzen Niggers. Ich mag keine Gnade aus euren Händen!“

„Und wir wollen weder dein Blut noch dich selbst,“ antwortete Old Shatterhand. „Wir sind nicht ausgezogen, um die tapfern Söhne der Schoschonen zu töten, sondern um die Hunde der Ogallalla zu züchtigen. Wollt ihr unsere Freunde nicht freigeben, nun, so wollen wir nicht so feig sein wie ihr. Wir erlauben euch, nach euren Zelten zurückzukehren.“

Er stand auf, trat zu dem Häuptlinge und löste dessen Fesseln. Er wußte, daß er ein gewagtes Spiel beginne; aber er war ein Kenner des Westens und seiner Bewohner und hegte die Ueberzeugung, daß er dieses Spiel nicht verlieren werde.

Der Häuptling hatte seine ganze Selbstbeherrschung verloren. Was dieser Weiße that, war ja ganz unbegreiflich, ganz unsinnig! Er gab seine Feinde frei, ohne seine Freunde dafür herauszubekommen. Shatterhand war nämlich auch zu dem Moskito getreten und löste diesem die Fesseln.

Der schwarze Hirsch starrte ihn ganz fassungslos an. Seine Hand griff nach dem Gürtel und fühlte da das steckengebliebene Messer. Eine wilde Freude glühte in seinen Augen.

„Frei sollen wir sein!“ rief er aus. „Frei! Wir sollen sehen, daß die alten Squaws mit den Fingern auf uns zeigen und dabei erzählen, daß wir von namenlosen Hunden angegriffen und niedergerissen worden sind! Sollen wir in den ewigen Jagdgründen am Boden liegen und Mäuse fressen, während unsere roten Brüder sich an den Lenden niemals sterbender Bären und Büffel laben! Unsere Namen sind befleckt. Kein Feindesblut, nur unser eigenes Blut kann den Fleck wieder herunterwaschen. Es soll fließen in diesem Augenblick, Tokvi-tey wird sterben und die Seele seines Sohnes vor sich hersenden!“

Er riß das Messer aus dem Gürtel, sprang auf seinen Sohn ein und holte aus, diesem die Klinge in das Herz zu stoßen und dann sich selbst zu treffen. Der Moskito bewegte sich nicht. Er war bereit, den Stoß von der Hand des Vaters zu empfangen.

„Tokvi-tey!“ rief es da laut hinter dem Häuptlinge.

Dieser Stimme war nicht zu widerstehen. Den Arm mit dem Messer hoch erhoben, drehte er sich um. Vor ihm stand der Häuptling der Apachen. Der Schoschone ließ den Arm sinken.

„Winnetou!“ rief er aus.

„Hält der Häuptling der Schoschonen Winnetou für einen Coyoten?“ fragte der Apache.

Coyote heißt der wilde Prairiehund und auch der kleine Wolf des Westens. Beide Tiere sind so feig und oft mit der gräßlichsten Räude behaftet, so daß es eine große Schande ist, mit einem Coyoten verglichen zu werden.

„Wer wagt es, das zu sagen!“ antwortete der Gefragte.

„Tokvi-tey hat es selbst gesagt. “

„Nein!“

„Hat er nicht diejenigen, welche ihn besiegten, namenlose Hunde genannt?“

Da ließ der Schoschone das Messer achtlos aus seiner Hand fallen. Es ging ihm eine Ahnung auf.

„Ist Winnetou der Sieger?“

„Nein, aber sein weißer Bruder, welcher hier neben ihm steht.“

Er deutete auf Old Shatterhand.

„Uff! Uff! Uff!“ stieß der schwarze Hirsch hervor. „Winnetous Bruder ist nur Einer. Derjenige, welchen er seinen weißen Bruder nennt, ist Nonparklama, der berühmteste Jäger unter den Bleichgesichtern, die ihn Old Shatterhand nennen. Haben Tokvi-teys Augen die Freude, diesen Jäger hier zu sehen?“

Sein Blick ging fragend zwischen Shatterhand und Winnetou hin und her. Der letztere antwortete:

„Die Augen meines roten Bruders waren ermüdet, und ebenso müde war sein Geist, um nachzudenken. Wer dem Schwarzen Hirsch mit einem einzigen Griff der Faust den Atem nimmt, der kann kein namenloser Hund sein. Hat mein roter Bruder sich das nicht gesagt? Ist mein roter Bruder eine kranke Erdeule, welche man so leicht aus ihrem Neste nehmen kann? Er ist ein berühmter Krieger, und wer ihn aus dem Wigwam holt trotz der Krieger, die ihn bewachen, der muß ein Held sein, der einen großen Namen trägt!“

Der Schoschone fuhr sich mit der Faust nach dem Kopfe und antwortete:

„Tokvi-tey hat ein Hirn gehabt, aber keine Gedanken darin.“

„Ja, hier steht Old Shatterhand, sein Besieger. Braucht mein roter Bruder deshalb in den Tod zu gehen?“

„Nein,“ erklang es unter einem schweren, erlösenden Seufzer. „Er darf leben bleiben.“

„Ja, denn dadurch, daß er freiwillig in die ewigen Gefilde gehen wollte, hat er bewiesen, daß er ein starkes Herz besitzt. Und Old Shatterhand war es, welcher Moh-aw mit einem Schlage seiner Schmetterhand zu Boden schlug. Ist das eine Schande für den jungen, tapferen Krieger?“

„Nein; auch er kann leben.“

„Und Old Shatterhand und Winnetou waren es, welche die Kundschafter der Schoschonen gefangen nahmen, nicht als Feinde, sondern um gegen sie die gefangenen Bleichgesichter umzutauschen. Will mein roter Bruder die Kundschafter verdammen?“

„Nein, denn sonst müßte er sich selbst und auch seinen eigenen Sohn verdammen.“

„Und weiß mein roter Bruder nicht, daß Old Shatterhand und Winnetou die Freunde aller braven roten Krieger sind? Daß sie ihre roten Feinde niemals töten, sondern sie nur kampfunfähig machen, und daß sie nur dann das Leben ihrer Feinde fordern, wenn sie von diesen dazu gezwungen werden?“

„Ja, das weiß Tokvi-tey.“

„So mag er wählen, was er sein will, unser Bruder oder unser Feind! Will er unser Bruder sein, so werden seine Feinde auch die unserigen sein. Wählt er aber das andere, nun so werden wir ihn und seinen Sohn und seine Kundschafter freigeben; aber es wird viel Blut fließen um die Freiheit der beiden bleichen Gefangenen, und die Kinder der Schoschonen werden Ursache haben, ihre Häupter zu verhüllen und Klagelieder anzustimmen in jedem Wigwam und an jedem Lagerfeuer. Er mag also wählen. Winnetou hat gesprochen I“

Es trat eine tiefe Stille ein. Der Eindruck, welchen die Persönlichkeit und die Rede des Apachen gemacht hatte, war ein großer. Tokvi-tey bückte sich nieder, ergriff das Messer, welches ihm entfallen war, stieß die Klinge desselben bis an das Heft in die Erde und antwortete:

„So wie die Schärfe dieses Messers verschwunden ist, so sei verschwunden alle Feindschaft zwischen den Söhnen der Schoschonen und den tapferen Kriegern, welche hier bei ihnen stehen!“

Dann zog er das Messer wieder heraus, hielt die Klinge drohend empor und fuhr fort:

„Und so wie dieses Messer sei die Freundschaft zwischen den Schoschonen und ihren Brüdern. Sie treffe alle Feinde, welche gegen die Vereinten sind. Howgh!“

„Howgh, howgh!“ ertönte es rundum.

„Mein Bruder hat eine kluge Wahl getroffen,“ sagte Old Shatterhand. „Er sehe hier Davy-Honskeh, den berühmten Jäger. Kennt er die Namen der Bleichgesichter, welche als Gefangene in seinem Zelte liegen?“

„Nein.“

„Es ist Jemmy-petahtscheh mit dem hinkenden Frank, welcher der Gefährte Mato-pokas, des Bärentöters, ist.“

„Mato-poka!“ rief der Schoschone überrascht. „Warum hat der Hinkende dies nicht gesagt? Ist nicht Mato-poka der Bruder der Schoschonen? Hat er nicht Tokvi-tey das Leben gerettet, als die Sioux Ogallalla seiner Fährte folgten?“

„Das Leben hat er dir gerettet? Nun, hier erblickst du Martin, seinen Sohn, und Bob, seinen treuen, schwarzen Diener. Sie sind ausgezogen, ihn zu retten, und wir begleiten sie, denn Mato-poka, der Bärentöter, ist in die Hände der Ogallalla gefallen und soll von ihnen getötet werden mit seinen fünf Gefährten.“

Tokvi-tey hielt das Messer noch in der Hand. Er warf es zu Boden, trat mit dem Fuß darauf und rief:

„Die Hunde der Ogallalla wollen den Bärentöter martern? Der große Manitou wird sie vernichten. Ist ihre Zahl eine große?“

„Es sind ihrer nur fünfzig und sechs.“

„Und wenn es ihrer auch tausend wären, so müßten sie zu Grunde gehen. Hier wie dieses Messer werden sie von den Kriegern der Schoschonen zur Erde gestampft werden. Ihre Seelen sollen aus ihren Leibern fahren, und ihre Gebeine sollen bleichen im Sonnenstrahle! Wo sind sie? Wo kann man auf ihre Fährte treffen?“

„Sie sind hinauf in die Berge des Gelbsteinflusses, wo das Grabmal des tapferen Büffels steht.“

„Hat nicht mein Bruder Old Shatterhand den tapferen Büffel und seine zwei Gefährten mit der nackten Faust erschlagen? So sollen auch die fallen, welche es gewagt haben, sich an dem Bärentöter zu vergreifen. Meine Brüder mögen mir hinabfolgen zum Lager meiner Krieger. Dort soll die Pfeife des Friedens geraucht werden, und dort werden die Männer am Beratungsfeuer sitzen, um nachzudenken, auf welchem Wege die Hunde am schnellsten zu erreichen sind!“

Natürlich waren alle bereit dazu. Auch die beiden Kundschafter waren von ihren Fesseln befreit worden, und nun wurden die Pferde herbeigeholt.

„Sir, Ihr seid doch ein verteufelter Kerl!“ raunte der lange Davy Old Shatterhand zu. „Alles, was Ihr beginnt, hat Chic, ist außerordentlich kühn und gelingt doch so vorzüglich, als ob es sich nur um eine Lappalie gehandelt habe. Ich ziehe meinen Chapeau vor Euch!“

Er riß seinen krempelosen Cylinderhut herab und schwenkte ihn so nachdrücklich hin und her, als ob er einen Karpfenteich ausschöpfen wolle.

Es wurde aufgebrochen. Die Pferde hinter sich herziehend, tasteten sich die Jäger wieder nach dem Abhange zurück. Das Feuer war natürlich ausgelöscht worden. Oben an der Thalsenkung angekommen, hielt Tokvi-tey beide Hände an den Mund und schrie in die stille Tiefe hinab:

„Khun, khun, kun-wah-ka – das Feuer, das Feuer, brennt das Beratungsfeuer an!“

Das Echo gab den Ruf vervielfältigt zurück. Er war unten gehört und verstanden worden, denn man vernahm laute Stimmen.

„Hang pa – wer kommt?“ ertönte ein lauter Ruf aus dem Thale empor.

„Moh-aw, Moh-aw!“ antwortete der Sohn des Häuptlings hinab.

Darauf ließ sich ein lautes, jubelndes „ha-ha-hih“ hören, und wenige Augenblicke später war die Flamme des schnell wieder angezündeten Feuers zu sehen. Das war ein sicheres Zeichen, daß die Schoschonen die Stimme des jungen Indianers erkannt hatten, denn im anderen Falle hätten sie sich gehütet, einem etwa nahenden Feinde, der sie durch seine Zurufe zu täuschen beabsichtigte, den Überfall durch die Beleuchtung des Lagers zu erleichtern.

Trotzdem aber wendeten sie die Vorsicht an, den Nahenden einige Leute entgegen zu senden, welche sich überzeugen sollten, daß man wirklich nichts zu fürchten habe.

Als dann der Häuptling mit seiner Begleitung das Lager erreichte, fühlten die Seinen wohl Freude über seine Rückkehr und diejenige seines Sohnes, auch waren sie wohl begierig, zu erfahren, wie es mit dem rätselhaften Verschwinden der beiden zugegangen sei, doch keiner ließ sich davon etwas merken. Natürlich waren sie in höchstem Grade erstaunt, als sie die fremden Bleichgesichter mit ihm ankommen sahen, doch waren sie zu sehr gewöhnt, ihre Gefühle zu verbergen, als daß sie ein Zeichen der Überraschung hätten sehen lassen. Nur der alte Krieger, welcher vorher den Befehl geführt hatte, trat seinem Häuptlinge entgegen und sagte:

„Tokvi-tey ist ein großer Zauberer. Er verschwindet aus seinem Zelte, wie das Wort verschwindet, wenn es gesprochen worden ist.“

„Haben meine Brüder wirklich geglaubt, daß der schwarze Hirsch verschwunden sei, ohne Spur, wie der Rauch, welcher in die Lüfte steigt?“ fragte der Häuptling. „Haben sie nicht Augen gehabt, zu sehen, was geschehen ist?“

„Die Krieger der Schoschonen haben Augen. Sie haben das Zeichen des berühmten weißen Jägers gefunden, daß Schmetterhand mit ihrem Häuptling gesprochen habe.“

Das war eine sehr rücksichtsvolle Umschreibung der Thatsache, daß der „schwarze Hirsch“ durch Old Shatterhand entführt worden war. Der Alte bediente sich dieser Worte aus Achtung vor seinem Anführer.

„Meine Brüder haben richtig vermutet,“ erklärte dieser. „Hier steht Nou-pay-klama, der weiße Jäger, welcher seine Feinde mit der Faust niederschlägt. Und an seiner Seite befindet sich Winnetou, der große Häuptling der Apachen.“

„Uff, uff!“ ertönte es im Kreise.

Bewundernd und achtungsvoll ruhten die Blicke der Schoschonen auf den Gestalten der beiden berühmten Männer, und indem sie ehrerbietig von ihnen zurücktraten, erweiterte sich der Kreis, welcher sich um die Ankömmlinge gebildet hatte.

„Diese Krieger sind gekommen, die Pfeife des Friedens mit uns zu rauchen,“ fuhr der Häuptling fort. „Sie wollten ihre beiden Gefährten befreien, welche dort im Zelte liegen. Sie hatten das Leben des schwarzen Hirsches und seines Sohnes in ihrer Hand und haben es doch nicht genommen. Darum mögen die Krieger der Schoschonen die Fesseln der Gefangenen lösen. Meine Brüder werden dafür die Skalpe vieler Sioux Ogallalla bekommen, welche wie die Mäuse aus ihren Löchern gekrochen sind, um von dem Habicht erwürgt zu werden. Mit Anbruch des Tages werden wir ihrer Fährte folgen. jetzt aber mögen die Krieger sich um das Feuer der Beratung versammeln, um den großen Geist zu fragen, ob er den Kriegszug gelingen lassen werde!“

Keiner sprach ein Wort, obgleich die Kunde, welche sie vernahmen, wohl geeignet war, ihre höchste Teilnahme zu erwecken. Einige von ihnen begaben sich still in das betreffende Zelt, um den Befehl des Häuptlings auszuführen, und brachten bald die beiden Gefangenen an das Feuer geführt.

Diese kamen wankend und unsicheren Schrittes herbei. Die Fesseln hatten so tief eingeschnitten, daß die Cirkulation des Blutes gehindert gewesen war. Es währt dann gewöhnlich längere Zeit, ehe man die betreffenden Glieder vollständig wieder gebrauchen kann.

„Alter Waschbär, was hast du denn für Dummheiten gemacht?“ fragte der lange Davy seinen dicken Freund. „Nur so ein Frosch wie du kann dem Storche geradezu in den Schnabel springen!“

„Mach nur den deinigen zu, sonst springe ich auch dir hinein, und zwar augenblicklich!“ antwortete Jemmy ärgerlich, indem er sich die wunden Handgelenke rieb. „Master Shatterhand wird uns bezeugen können, daß von einer Dummheit keine Rede ist. Wir haben uns ohne Gegenwehr ergeben, weil dies uns die einzige Möglichkeit bot, unser Leben zu retten. Im Falle wir uns verteidigt hätten, wären wir unbedingt ausgelöscht worden. Du hättest es an meiner Stelle ganz ebenso gemacht, zumal die Gewißheit vorhanden war, daß Old Shatterhand uns nicht in dieser Tinte stecken lassen werde.“

„Na, Alter, beruhige dich nur! Es war nicht so bös gemeint, und du weißt ja genau, daß ich mich herzlich freue, dich wieder frei zu sehen.“

„Schön! Aber dir werde ich meine Freiheit wohl nicht zu verdanken haben.“ Und sich an Old Shatterhand wendend, fuhr er fort. „Ganz gewiß seid nur Ihr allein es, Master, dem ich nun so außerordentlich verpflichtet bin. Sagt mir, wie ich es Euch danken kann! Mein Leben hat zwar wenig Wert, denn es ist eben nur des dicken Jemmy Leben, aber ich bin an jedem Augenblicke bereit, es Euch zur Verfügung zu stellen.“

„Nicht mir schuldet Ihr Dank,“ wehrte Old Shatterhand ab. „Eure Gefährten haben brav mitgewirkt. Und vor allen Dingen habt Ihr Euch hier an meinen Bruder Winnetou zu wenden, ohne dessen Hilfe es gar nicht möglich gewesen wäre, so schnell und sicher hier zur Stelle zu sein.“

Der Dicke überflog mit bewunderndem Blicke die schlanke und doch so kraftvolle Gestalt des Apachen. Er bot ihm dann die Hand und sagte:

„Ich habe es gewußt, daß Winnetou nahe sein muß, wenn Old Shatterhand sich sehen läßt. Da ich ein Frosch sein soll, so mag hier dieser Storch, den man den langen Davy nennt, mich auf der Stelle verschlingen, wenn Ihr nicht der bravste Indsman seid, dem ich je meine Hand gegeben habe. Laßt Euch die Eure herzlich drücken; habt tausend Dank, und erlaubt mir, so lange in Eurer Fährte zu reiten, wie es Euch gefällig ist.“

Der Neger Bob war mit einem Ausrufe der Freude zu dem Hobbel-Frank getreten und hatte gesagt:

„Endlich, endlich Masser Bob wieder sehen seinen guten Massa Frank! Masser Bob haben wollen totschlagen all ganz Schoschonenindianer; aber Massa Shatterhand haben wollen mit Massa Winnetou ganz allein machen die Befreiung. Darum die Schoschonen noch einmal sind leben geblieben.“

Er ergriff Franks Hände und streichelte die wunden Stellen derselben mit rührender Zärtlichkeit.

Natürlich wollten Jemmy und Frank vor allen Dingen erfahren, wie ihre Befreiung so schnell und unblutig bewirkt worden sei, und es wurde ihnen in kurzen Worten mitgeteilt. Zu einer ausführlichen Erzählung war keine Zeit, da die Schoschonen sich zum Zwecke der Beratung bereits um das Feuer zu ordnen begannen. – – –

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Oiht E Keh Fa Wakon

Oiht-e-keh-fa-wakon

Wie eine lange, dünne Schlange wand sich der Zug der Schoschonen durch die Blue-Graß-Prairie, welche sich vom Devils Head aus zwischen den Bighorn- und Klapperschlangenbergen nach der Gegend zieht, in welcher der Greyball-Creek seine klaren Wasser in den Bighornfluß ergießt.

Dieses „Blaugras“ kommt im Westen nicht häufig vor. Es wächst hoch und kann auf einem Boden, welcher ihm die nötige Feuchtigkeit bietet, die Höhe eines Mannes erreichen. Es kommt sogar vor, daß es bis an den Kopf eines Reiters reicht, vielleicht noch über denselben hinaus. In diesem Falle bietet es dem Westmanne große Schwierigkeiten, und er handelt klug, wenn er den Pfaden folgt, welche die Büffel in dem dichten Grasmeere ausgetreten haben. Die über ihm zusammenwogenden Halme rauben ihm die so nötige Fernsicht, und es ist bei trübem Wetter oft geschehen, daß erfahrene Jäger, denen ein Kompaß fehlte und denen es unmöglich war, den Stand der Sonne zu bestimmen, nach einem höchst beschwerlichen Ritte am Abende an demselben Orte hielten, von welchem sie am Morgen aufgebrochen waren. Gar mancher ist, indem er so im Kreise ritt, auf seine eigene Fährte gestoßen und hat sie für diejenige eines anderen, wohl gar eines Feindes gehalten. Indem er ihr von neuem folgte, hat er den Kreis mehrere Male beschrieben, bis er zu seinem großen Ärger den unter Umständen gefahrvollen Irrtum erkannte.

Selbst den erwähnten Büffelpfaden zu folgen, ist nicht ganz gefahrlos. Man kann da ganz unerwartet einen Feind aus dem Menschengeschlechte oder Tierreiche vor sich sehen. Plötzlich auf einen alten Büffel, welcher als grimmiger Einsiedler sich von der Herde getrennt hat, zu stoßen, ist ganz ebenso bedenklich, wie wenn man, ohne es vorher geahnt zu haben, auf einen feindlichen Indianer trifft, welcher, sein Gewehr im Anschlage, drei Schritte entfernt vor einem steht. Dann heißt es, blitzschnell handeln. Derjenige, dessen Schuß zuerst fällt, ist der Überlebende. –

Die Schoschonen ritten im Gänsemarsche – einer hinter dem anderen, so daß jedes Pferd in die Spuren des vorhergehenden trat. Diese Ordnung halten die Indianer stets dann ein, wenn sie nicht ganz genau wissen, daß sie sicher sind. Außerdem wird dann die Vorsicht gebraucht, Späher vorauszusenden, die scharfsinnigsten und schlausten Männer des Zuges, deren Augen nicht das gegen den Wind gerichtete Neigen eines Halmes und deren Ohren nicht das leise Knicken eines abbrechenden Zweiges entgeht.

In sich zusammengesunken und weit nach vorne gebeugt, hängt so ein Kundschafter auf seinem Pferde, als ob die Kunst des Reitens ihm etwas ganz und gar Fremdes sei. Seine Augen scheinen geschlossen zu sein; er bewegt kein Glied seines Körpers. Auch sein Gaul bewegt nur wie mechanisch, gewohnheitsmäßig, die Beine. Wer beide aus dem Hinterhalte beobachtet, der glaubt, der Reiter sei im Sattel eingeschlafen. Aber ganz im Gegenteile ist die Aufmerksamkeit des Spähers desto angespannter, je weniger er es merken läßt. So tief seine Augenlider gesenkt sein mögen, sein scharfer Blick dringt doch unter denselben hervor, nach vorn, nach rechts und links.

Ein leiser, leiser Ton läßt sich hören, eben nur für das Ohr eines solchen Spähers wahrnehmbar. Hinter den nahen Büschen kauert ein Feind, welcher sein Gewehr erhoben hat, um es auf den Kundschafter zu richten. Dabei hat er mit dem Kolben den Hornknopf seines Rockes gestreift. Das dadurch entstandene, kaum wahrnehmbare Geräusch ist doch in das Ohr des Spähers gedrungen. Ein kurzer, scharfer Blick nach dem Busche – ein Griff in die Zügel – der Reiter wirft sich aus dem Sattel, bleibt aber mit einem Fuße in demselben und mit einem Arme im Halsriemen des Pferdes hängen, so daß sein Körper vollständig hinter demjenigen seines Tieres verschwindet und von der Kugel des Feindes nicht getroffen werden kann – der Gaul, plötzlich aus seiner scheinbaren Lethargie erwacht, macht zwei, drei Sprünge zur Seite und verschwindet mit seinem Reiter im Dickicht oder hinter schützenden Bäumen. Das ist in nicht zwei Sekunden geschehen, bevor der Feind den Späher genau auf das Korn hat nehmen können. Der erstere hat nun alle Veranlassung, schnell auf seine eigene Sicherheit bedacht zu sein.

Solche Kundschafter ritten auch den Schoschonen in ziemlich weiter Entfernung voran. An der Spitze der Haupttruppe befanden sich Old Shatterhand, Winnetou und der „schwarze Hirsch“. Ihnen folgten die Weißen mit Wohkadeh und Bob.

Der letztere war trotz der Übung, welche ihm der bisherige Ritt geboten hatte, kein besserer Reiter geworden. Die Haut seiner Beine war nicht abgehärtet. Er hatte sich wund geritten und saß nun noch jämmerlicher zu Pferde als vorher. Unter immerwährendem Ah und Oh, Alas und ‚Woe to me rutschte er von einer Seite auf die andere; er ächzte und stöhnte in allen Tönen der chromatischen Tonleiter und versicherte unter den fürchterlichsten Grimassen, daß er den Sioux seine Qualen entgelten lassen werde. Wenn seine Drohungen sich bewahrheiteten, so stand ihnen allen ein grauenvoller Tod am Marterpfahle bevor.

Um weicher zu sitzen, hatte er sich aus abgeschnittenem Blaugras eine Unterlage hergestellt. Da es ihm aber nicht gelang, derselben auf dem Rücken des Pferdes einen festen Halt zu geben, so rutschte sie von Zeit zu Zeit herab und er natürlich mit, so daß er in fast regelmäßigen Zeiträumen auf oder neben ihr zur Erde zu sitzen kam.

Das entlockte selbst den sonst so ernsten Schoschonen ein heiteres Lächeln, und als einer von ihnen, welcher ein wenig englisch verstand, ihn den Sliding-Bob, den Rutsch-Bob nannte, ging das Wort von Mund zu Mund und wurde für ihn zum Spitznamen, dessen sie sich später gelegentlich gern bedienten.

Der westliche Horizont hatte bisher eine ebene Linie gebildet. jetzt begann er, sich stellenweise zu erheben. Berge lagen dort, nicht bläulich und mit unsicheren Konturen, sondern scharf gezeichnet und deutlich gekörpert trotz der weiten Entfernung, welche man noch zu durchreiten hatte, um an ihren Fuß zu gelangen.

In jenen Gegenden ist die Luft oft so rein, daß Punkte, welche in viele Meilen weiter Ferne liegen, so nahe zu sein scheinen, daß man meint, sie in wenigen Minuten erreichen zu können. Und dabei ist die Atmosphäre in der Weise mit Elektricität geschwängert, daß wenn z. B. zwei Menschen sich mit den Händen oder Ellbogen berühren, leichte sicht- und auch fühlbare Funken überspringen. Die Indianer, welche zum sonorischen Sprachstamme gehören, nennen diese Erscheinung Mo-aw-k’un, das ist Moskitofeuer. Diese elektrische Spannung strebt nach Ausgleich, den sie in immerwährenden Entladungen findet. Es wetterleuchtet, ohne daß Wolken vorhanden sind, rundum am ganzen Horizonte, unausgesetzt; oft scheint der ganze Gesichtskreis in Flammen zu stehen, doch wird das Wohlbefinden von Mensch und Tier dadurch nicht im mindesten gestört. Ist die Dunkelheit des Abends hereingebrochen, so bietet dieses immerwährende Leuchten und Glühen einen Anblick, welcher geradezu unbeschreiblich ist, und selbst der an dieses Schauspiel gewöhnte Westmann kann seine Seele, sein Gemüt dem Eindrucke desselben nicht entziehen. Er, der gewöhnt ist, sich nur auf sich selbst zu verlassen, fühlt sich klein und ohnmächtig solchen geheimnisvollen Kräften gegenüber. Er denkt an Gott, dessen er vielleicht seit langer Zeit vergessen, und als fromme Jugenderinnerung steigen in seinem Gedächtnisse die in der Schule so oft gehörten Worte des Psalmisten auf: „Wo soll ich hingehen vor Deinem Geiste, und wo soll ich hinfliehen vor Deinem Angesichte! Führe ich gen Himmel, siehe, so bist Du da; bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist Du auch da; nähme ich Flügel der Morgenröte, so würde doch Deine Hand daselbst mich führen und Deine Rechte mich halten!“ Ganz dasselbe denkt und fühlt auch der Indianer. „Weh-ku-onpeh-ta-wakon-schetscha“, das „Wigwamfeuer des großen Geistes“ nennt der Sioux dieses Wetterleuchten. „Manitou ahnima ahwarrenton,“ zu deutsch „Ich habe Manitou im Blitz gesehen,“ sagt der Yutah-Schlangenflußindianer, wenn er den Seinen berichtet, daß er seinen Weg bei dieser „elektrischen Beleuchtung“ zurückgelegt habe.

Diese elektrischen Entladungen können im Kriegsfalle sehr gefährlich werden. Der Indianer glaubt nämlich, daß derjenige Krieger, welcher des Nachts getötet wird, in den ewigen Jagdgründen in immerwährender Finsternis leben müsse. Darum sucht er jeden nächtlichen Kampf möglichst zu vermeiden, und darum führt er den Angriff am liebsten im ersten Morgenlichte aus. Wer aber im „Feuer des großen Geistes“, im Wetterleuchten stirbt, der ist nicht auf dunklem Pfade in das jenseits gegangen und wird auch dort die Jagd- und Kriegspfade erleuchtet finden. Aus diesem Grunde scheut der Indsman sich nicht, beim Schein zuckender Wetter anzugreifen, und gar mancher, der das nicht wußte oder nicht beachtete, hat seine Unwissenheit oder Unvorsichtigkeit mit Skalp und Leben büßen müssen. –

Der kleine Hobble-Frank hatte dieses bei heiterem Himmel ihm unerklärliche Wetterleuchten noch nie beobachtet. Darum sagte er zu dem dicken Jemmy, hinter welchem er ritt:

„Herr Pfefferkorn, Sie sind drüben in Deutschland ‚mal Gymnasiast gewest und werden sich wohl noch een bißchen off Ihren psychikalischen Unterricht besinnen können. Warum blitzt und leuchtet es denn eegentlich hier so sehre?“

„Es heißt physikalisch und nicht psychikafisch,“ verbesserte der Dicke.

„Dadervon werden Sie wohl gar nich viel mehr verschtehen als ich. Wissen Sie, ich hab‘ ooch meine Meriten; das können Sie mir offs Wort drauf glooben, besonders in der Orthographie und Konterpunktion. Ich weeß ganz genau, wie so een Fremdwort geschrieben wird, und da werd‘ ich’s wohl ooch richtig ausschprechen können. Verschtanden? Ob ich sag‘ psychikalisch oder physikalisch, das ist dem deutschen Kaiser ganz egal. Die Hauptsache ist, daß man das Yxilump richtig ausschpricht.“

„Ypsylon heißt es.“

„Was? Wie? Ich soll nich mal wissen, wie der vorletzte Buchschtabe meines vaterländischen Alphabetes ausgesprochen wird? Wenn Sie mir das nochmal sagen, da kann was drauf erfolgen, was Sie sehre leicht in eene Gemütskrankheit versetzen kann. So was läßt sich een Verehrer der Wissenschaft nich so leicht gefallen. Sie wissen mir off meine Frage keene akademische Antwort zu versetzen, und dadrum versuchen Sie es nun, sich off Schleichwegen heimlich aus der Falle raus zu beißen. Aber wenn Sie denken, daß Ihnen das gelingt, da irren Sie sich mehrschtenteels in mir. Ich bin ganz der Mann, Ihnen zu beweisen, daß der Müllerbursche keen Essenkehrer ist. Ich hab‘ Sie nach dem Wetterleuchten gefragt, aber nich nach dem Yxilump und nach der psychikalischen Geometrie. Können Sie mir Antwort erteilen oder nich?“

„Allemal!“ lachte der Dicke.

„Nun, dann los damit! Also warum wetterleuchtet es hier gar so sehre?“

„Weil viel Elektrizität vorhanden ist.“

„So? Ach? Das nennen Sie eene Antwort? Nun, dazu braucht man wohl ooch keen Gymnasiast gewest zu sein! Ich hab‘ zwar keene Alma Vater besucht, ich bin keen Schtudent gewest und hab‘ ooch niemals kommerschiert und den Alexander gerieben, aber ich weeß doch ganz genau, daß Elektricität vorhanden sein muß, wenn es leuchtet. Jede Wirkung hat ihre Ursache. Wenn eener eene Ohrfeige gekriegt hat, da muß een anderer vorhanden sein, der ihm die Maulschelle gegeben hat. Und wenn es wetterleuchtet, so – so – – so – – –“

„So muß einer da sein, der es angebrannt hat,“ fiel Jemmy ein.

Der Hobbel-Frank war zunächst still, um sich die Worte des Dicken zu überlegen; dann aber brach er zornig los:

„Hören Sie, Herr Pfefferkorn, es ist sehre gut, daß wir noch keene Brüderschaft mitnander gemacht haben, denn jetzt würde ich sie off der Schtelle wieder aufheben, und das wäre doch eene Blamage und een ewiger Schandfleck für Ihr bürgerliches Wappenschild. Glooben Sie denn etwa, daß ich mir von Ihnen meine etymongolische Wortabstammung verderben lasse? Was fallen Sie mir denn eegentlich so in meine schönste Rede? Wenn Sie eenen Satz beenden wollen, so können Sie sich ihn ooch selber anfangen. Merken Sie sich das! Aber wenn ich der Anfänger bin, da schprech‘ ich ooch bis zu Ende, denn nachher ist der Satz mein geistiges und philosophisches Eigentum. Wenn ich in meiner scharfsinnigen, bescheidenen Weise die Elektrizität mit eener Ohrfeige vergleiche, so haben Sie nich das mindeste Recht, sich wie een Räuberhauptmann meines Vergleiches zu bemächtigen. Eenen Pferdeschpitzbuben hängt man off ; das ist so Savannengesetz, und wenn mir eener mit dem mir gehörigen Satz davonrennt, so schieß‘ ich ihn vom Pferde runter. Ich hab‘ eenen famosen Schluß konschtruieren wollen, aber sobald ich mit den richtigen Promissen fertig war, da haben Sie eene ganz falsche Konfusion hinten dran gehängt, und das verletzt mein logisches Zartgefühl off eene schauderhafte Weise. Ich bin ––“

„Prämissen wollten Sie wohl sagen,“ unterbrach Jemmy die geharnischte Rede. „Und Konfusion heißt es auch nicht, sondern Konklusion.“

„So! Sind Sie denn wirklich so Ehen ausgezeichneter Kenner des antiquarischen Schprachsystems? Wenn ‚mal eener in seiner Schuljugend gehört hat, daß Rom off sieben Ziegeln gebaut worden ist, nachher denkt er ooch gleich, daß er der reenste Virtuos in den sämtlichen lateinischen Dialekten ist. Sie schprechen das eegentliche Plattlateinisch; mein Schulmeester in. Moritzburg aber war een Hochlateinischer; bei dem endete sich alles ganz regelrecht off um, cum und dumm. Das ist die bekannte Schprache des Cicero und der schönen Melusine. Sie aber lernen in dem Gymnasium das Lateinische nur nach Knüppelverschen und sagen:

Was man nicht deklamieren kann,
Das sieht man ganz neutral sich an.

Und wenn Sie sich bis hinauf in die Oberprima so ganz neutral verhalten haben, so werden Sie Prairiejäger, thun mit Ihren philologischen Schprachkenntnissen dicke und wollen nich ‚mal meine Promissen und meine Konfusion gelten lassen. Ich habe in meinem ganzen Leben von keener Konklusion gehört, sogar in Moritzburg nich, was doch viel sagen will. Thun Sie also mir und sich selbst den Gefallen, und bleiben Sie bei der Schtange. Es ist die Rede gewest vom Wetterleuchten und von der Elektricität. Sie sagen, es wetterleuchtet wegen der vorhandenen Elektricität. Nun aber frag‘ ich weiter, warum gerade hier in dieser Gegend so viele Elektricität vorhanden ist. Ich hab‘ doch noch nirgends eene solche Masse beisammen gefunden. – Nun, können Sie antworten? jetzt haben Sie die beste Gelegenheit im ganzen Leben, das Examen zu bestehen oder offs schönste ökumenische Konsilium hereinzufallen.“

Der dicke Jemmy lachte laut auf. Darum fragte der gelehrte Sachse:

„Was feixen Sie denn so klarinettenmäßig? Lachen Sie etwa nur vor Verlegenheit, weil ich so eene ganz unerwartete Fertigkeet in der philharmonischen Schprachgewandtheet entwickele? Nun, ich bin sehre neugierig, off welche Weise Sie sich herausbeißen werden, mein bester Herr Pfefferkorn!“

„Ja,“ antwortete Jemmy, „Ihre Frage ist freilich höchst schwierig zu beantworten. An ihr könnte selbst ein Professor sich vergebens abmühen.“

„So! Eene andere Antwort haben Sie also nich?“

„Vielleicht doch.“

„So lassen Sie ‚mal hören! Ich bin ganz Ohrläppchen.“

„Vielleicht ist der Metallreichtum des Felsengebirges an dieser Ansammlung der Elektricität schuld.“

„Der Metallreichtum? Mit dem hat die Elektricität nichts zu thun.“

„O doch! Warum wird sie von dem Blitzableiter angezogen?“

„Sie läuft aber unten wieder ’naus, folglich mag sie gar nichts von ihm wissen, und es wird gar mancher Boom vom Blitz erschlagen, ohne daß er nur das kleenste Stückchen Eisen in der Westentasche stecken hatte. Nee, das kann ich nich gelten lassen. Da müßten zum Beispiel alle Eisengießereien vom Blitz getroffen werden.“

„Oder ist’s, weil wir uns hier dem magnetischen Pole nähern?“

„Wo liegt denn der?“

„Im nördlichen Amerika, allerdings noch eine tüchtige Strecke von hier.“

„So lassen Sie ihn nur immer liegen! Der ist ja ooch ganz unschuldig an diesem Wetterleuchten.“

„Oder staut sich die Elektricität bei der rapid schnellen Erdumdrehung an den riesigen Höhen des Felsengebirges?“

„An so eene archimedische Ansammlung ist nicht zu denken. Die Elektricität ist doch nich so dick wie Sirup; die geht ganz leicht über die Berge hinweg. Nee, Sie haben Ihr Examen nich beschtanden. Ihre Censur ist höchstens Viere Beh.“

. „Nun, wenn Sie der Mann sind, mir eine Censur zu erteilen, so müssen Sie wohl im stande sein, es besser zu machen.“

„Natürlich bin ich das im schtande, denn ich bin in Moritzburg Forschtbeamter gewest und habe dort durch eifriges Fragen und Nachdenken meine angeborene Intelligenz off die allersuperlativste Schpitze getrieben. Ich möcht eegentlich mal wissen, off welche gewichtige Frage ich nich die richtige pneumatische Auskunft erteilen könnte. Ich bin zwar nur Autoviadukt, denn ich habe eben alles merschtenteels ganz von alleene gelernt; aber wenn das Genie eenmal drin im Menschen schteckt, dann ist’s eben nich mal mit Keulen tot zu schlagen. Die Erklärung, welche Sie als verflossener Gymnasiast nich finden, ist ganz eenfach. Mir hat der Moritzburger Schulmeester mal in eener vertraulichen Schtunde, als niemand weiter in absento war, off Diskredit und Ehrenwort mitgeteilt, daß die Elektricität durch Reibung entschteht. Das geben Sie doch zu?“

„Sehr gern.“

„Folglich muß, wo Reibung vorhanden ist, Elektricität entschtehen.“

„Zum Beispiel beim Kartoffelreiben!“

„Lassen Sie Ihre Quartanerwitze beiseite, besonders wenn Sie mit eenem Manne schprechen, der in Beziehung off die künstlichen Wissenschaften zu den hydraulischen Autoritäten gehört l Wenn ich ungeschtört bin, so habe ich eenen sehr bescheidenen und anschpruchslosen Charakter, denn es gibt Oogenblicke, wo der Geist schwach sein muß, aber der Körper schtark und kräftig; doch wenn mal der richtige Moment des Nachdenkens mit dem geeigneten Oogenblicke der höheren Bildung zusammenfällt, nachher schträubt sich mein edles Naturell gegen das gewöhnliche ordinäre Temperament, und die Quellen meiner Kenntnisse fangen an zu schprudeln und zu schpritzen, daß es zum Erschtaunen ist. Ich wundre mich manchmal über mich selber, wenn ich so höre, was für Schätze in mir schtecken. Mit der Elektricität zum Exempel mach‘ ich gar nich viel Federlesens. Dieser ganzen Wissenschaft bin ich weit überlegen. Ich schpiele mehrschtenteels bloß noch mit ihr. Off een bißchen Reibung mehr oder weniger kommt mir’s gar nich mehr an, besonders hier in dieser Gegend. Da gibt es gewaltige Prairien, gewaltige Wälder und gewaltige Berge. Wenn nun der Wind oder gar der Schturrn darüber saust, so entschteht eene ungeheure Reibung. Oder nich?“

„Ja,“ gab Jemmy zu. Er war begierig, die Erklärung des Sachsen zu hören.

„Der Schturm reibt den Boden; die unendlichen Millionen von Grashalmen reiben sich aneinander; die ungezählten Äste, Zweige und Blätter der Bäume reiben sich ebenso. Die Büffel wälzen sich in den Wallows [Fußnote], was großartige Reibung gibt; kurz und gut, es findet in dieser Gegend eene Reibung statt wie sonst nirgendwo, und da ist es ja ganz selbstverständlich, daß sich een ungeheurer Vorrat von Elektrizität anhäufen muß. Da haben Sie also nun die eenfachste, unanfechtbarste Erklärung aus dem kompetentesten Munde. Wollen Sie etwa noch mehr?“

„Nein, nein,“ lachte Jemmy. „Ich habe genug!“

„So nehmen Sie die Aufklärung mit Ernst und ergebener Hochachtung hin. Das Lachen aber muß ich mir verbitten! Wer so viel ohne Ursache lacht, der verrät eene sanguinisch-cholerische Normalexistenz; eene hohle, phrenologische Schädelbildung und een unbedeutendes loyales Rückenmarksystem. Und daß Sie außerdem an eener chronisch-akuten Überlegungsgabe leiden, das haben Sie bewiesen, denn nur Sie ganz alleene waren schuld, daß wir von den Schoschonen gefangen genommen wurden. Wäre uns dieser famose Old Shatterhand nich zu Hilfe gekommen, so hätten wir unbedingt den gefährlichen Salto quartale hinüber in die ewigen Jagdgründe machen müssen.“

Mortale heißt es, nicht quartale!“

„Schweigen Sie! So etwas kommt mir in diesem Vierteljahre nicht wieder vor; darum sage ich quartale. Unser wissenschaftliches Gespräch ist überhaupt jetzt nun finis parterra, denn wir sind den Bergen nahe, und da vom halten unsere Kundschafter. Sie müssen also etwas Wichtiges entdeckt haben.“

Der kleine Pseudogelehrte hatte während seiner ultragelehrten Auseinandersetzungen wenig darauf geachtet, daß indessen eine ganz bedeutende Strecke zurückgelegt worden war. Das Blaugras war verschwunden; an seiner Stelle traten Festuccagräser, reichlich mit duftenden Cumarinhalmen durchmischt, und in nicht großer Entfernung entfaltete sich bereits ein reichlicher Strauchwuchs, über welchen die Wipfel einiger Rot-Ahorne emporragten. Diese Bäume lieben den feuchten Boden und bildeten also ein erfreuliches Zeichen, daß man nach dem heißen Ritte wohl bald auf einen erquickenden Trunk rechnen könne.

Dort bei den Büschen hielten die Kundschaftet. Als der Reiterzug ihnen nahte, winkten sie mit den Händen zur Vorsicht, und einer rief:

„Nambau nambau!“

Dieses Wort bedeutet eigentlich Fuß, hat aber auch die Bedeutung als Fährte. Die Kundschafter wünschten, man solle Vorsicht gebrauchen, damit die von ihnen gefundene Fährte nicht zerstört werde, bevor sie von den Anführern „gelesen“ worden sei.

Wohkadeh beachtete ihre Winke nicht; er ritt zu ihnen hin.

„Wehts toweke!“ rief ihm derjenige, welcher vorher gerufen hatte, unwillig zu.

Das heißt „Junger Mann“ und bedeutete also eine Zurechtweisung. Ein junger Mann handelt wohl nicht so überlegt wie ein bejahrter. Der Ausdruck enthielt einen Tadel, ohne Wohkadeh ernstlich beleidigen zu können. Dennoch antwortete er in ziemlich ernstem Tone:

„Haben meine Brüder die Winter gezählt, seit denen Wohkadeh nun lebt? Er weiß ganz genau, was er thut. Er kennt diese Fährte, denn es sind die Stapfen seiner Füße auch dabei. An diesem Orte lagerte er mit den Sioux Ogallala, bevor sie ihn aussandten, nach den Zelten der Schoschonen zu suchen. Sie sind jedenfalls von hier aus grad nach West geritten, um den Fluß des dicken Hornes zu erreichen, und werden Wohkadeh Zeichen zurückgelassen haben, mit deren Hilfe er ihnen schnell zu folgen vermag.“

Die Stelle, an welcher sie hielten, zeigte Spuren, daß vor einigen Tagen ein ansehnlicher Reitertrupp hier gelagert habe; doch waren diese Zeichen nur für ein außerordentlich geübtes Auge zu erkennen. Das niedergetretene Gras hatte sich vollständig wieder aufgerichtet, doch fehlten den nahen Büschen die Zweigspitzen, welche von den Pferden abgefressen worden waren.

Nach Wohkadehs Erklärung erschien es als zwecklos, sich hier länger aufzuhalten. Darum setzte sich der Zug sogleich wieder in Bewegung.

Zwar stand die Sonne im Zenith, und es war also die Zeit der größten Tageshitze; die Pferde bedurften einer kurzen Ruhe, doch wollte man ihnen diese nicht eher gewähren, als bis Wasser gefunden wurde.

Das bisher ebene Terrain begann nun zu steigen. Von vorn, rechts und links traten langgestreckte Bergesrücken näher heran. Die Reiter folgten einer breiten Senkung, welche sich zwischen den Höhen hindurchwand. Sie war von den bereits erwähnten Gräsern grün. Das Buschwerk zeigte zunächst nur harte Arten, doch traten sehr bald weichere auf, strauchartige Balsampappeln, welche sich hier nicht zu Bäumen zu entwickeln schienen, und wilde Birnen von der Art, welche der Amerikaner Spiked-Hawthorn nennt.

Nun wurden auch die vorher nur vereinzelt stehenden Bäume zahlreicher. Weiße Eschen, Kastanien, Zürgelbäume, Makrocarpa-Eichen, Linden und andere, an deren Stämme purpurrot blühender Osterluzey emporkletterte.

Als der Weg dann hinter einer Höhe scharf nach Norden bog, sahen die Reiter bereits dicht bewaldete Berge vor sich. Dort mußte Wasser zu finden sein. Zwei wild zerklüftete Höhen ragten einander gegenüber ziemlich steil empor. Zwischen sie drängte sich ein schmales Thal hinein, auf dessen Sohle ein schmales Wässerchen sein leises Liedchen murmelte. Sollte man in dasselbe einbiegen oder der bisherigen Richtung folgen?

Old Shatterhand musterte mit scharfem Blicke den Saum des Waldes. Bald nickte er befriedigt vor sich hin und sagte:

„Unser Weg führt hier links in das Thal hinein.“

„Warum?“ fragte der lange Davy

„Seht Ihr nicht den Fichtenast dort im Stamme der Linde stecken?“

„Ay, Sir. Es ist freilich auffällig, daß ein Nadelholz an einem Laubbaume wächst.“

„Es soll ein Zeichen für Wohkadeh sein. Die Sioux haben ihn an dem Lindenstamm in der Weise angebracht, daß er nach dem Thale zeigt. Diese Richtung haben sie also eingeschlagen, und ich denke, daß wir noch auf mehrere solcher Wegweiser treffen werden. Also vorwärts!“

Winnetou war bereits schweigend vorangeritten, nachdem er nur einen kurzen Blick auf die Linde geworfen hatte. Das war so seine Art und Weise; er pflegte zu handeln, ohne viel zu sagen.

Als der Zug eine kurze Strecke zurückgelegt hatte, fand sich eine Stelle, welche sich außerordentlich gut zum Lagern eignete. Hier wurde angehalten. Es gab Wasser, Schatten und vortreffliches Futtergras für die Pferde.

Die Reiter stiegen ab und erlaubten den Tieren zu grasen. Die Schoschonen waren sehr gut mit in der Sonne getrocknetem Fleisch versehen, und die Weißen hatten noch von dem Proviant, welchen sie aus der Wohnung des Bärentöters mitgenommen hatten. Es wurde gegessen, und dann streckten sich die Männer in das Gras oder Moos, sich einem kurzen Schlummer hinzugeben, oder sie saßen in Gruppen zusammen, um sich zu unterhalten.

Der Unruhigste von allen war Bob, der Neger. Da er sich wund geritten hatte, schmerzten ihn die verletzten Stellen.

„Masser Bob sein krank, sehr krank.“ sagte er. „Masser Bob nicht haben mehr seine Haut an den Beinen. Ganze Haut sein fort, sein futsch, und nun kleben Hose an Beinen und thun so weh Masser Bob. Wer sein schuld daran? Die Sioux. Wenn Masser Bob sie finden, dann werden er sie totschlagen, bis sie nicht mehr sein können lebendig! Masser Bob nicht können reiten, nicht sitzen, nicht stehen, nicht liegen. Es sein, als haben Masser Bob Feuer an seinen Beinen.“

„Es gibt ein Mittel,“ sagte Martin Baumann, welcher neben ihm saß. „Such‘ dir Colt’sfoot und leg die Blätter desselben auf die Wunden.“

„Wo aber wachsen Colt’sfoot?“

„Besonders an Waldrändern. Vielleicht ist grad hier welcher zu finden.“

„Aber Masser Bob nicht kennen diese Pflanze. Wie können er sie da finden?“

„Komm! Ich will mit suchen.“

Die beiden wollten sich entfernen. Old Shatterhand hatte ihre Worte gehört und warnte:

„Nehmt euere Gewehre mit. Wir befinden uns hier nicht auf einem Marktplatz des Ostens. Man kann nie wissen, was der nächste Augenblick bringt.“

Martin griff still zum Gewehre, und auch der Neger schulterte seine Muskete.

„Yes!“ sagte er. „Masser Bob mitnehmen auch seine Rifle. Wenn kommt Siou oder wildes Tier, er sogleich erschießen alles, um zu beschützen sein jung Massa Martin. Come on!“

Die beiden schritten langsam am Thalrande hin, um nach der erwähnten Pflanze zu suchen; aber es war kein Huflattich zu sehen. So entfernten sie sich weiter und weiter von dem Lagerplatze. Es war so still und sonnig im Thale. Schmetterlinge gaukelten um die Blumen; Käfer summten und brummten von Ort zu Ort; das Wasser plätscherte so friedlich, und die Wipfel der Bäume badeten sich im Sonnenscheine. Wer hätte da an eine Gefahr denken mögen!

Da blieb Martin, welcher voranschritt, halten und deutete auf eine Linie, welche sich in kurzer Entfernung schnurgerade von dem kleinen Bache durch das Gras nach der Thalwand zog, wo sie unter den Bäumen verschwand.

„Was das sein?“ fragte Bob. „Ein Weg?“

„Ja, ein Weg ist es. Es scheint da jemand regelmäßig aus dem Walde zu kommen, um Wasser zu schöpfen.“

„Es sein also ein Westmann?“

„Hm! Ein Westmann? Hier in dieser Einsamkeit? Das ist unwahrscheinlich.“

„Oder ein Tier?“

„Das will ich eher glauben. Betrachten wir uns einmal die Spur!“

Sie gingen hinzu und nahmen die Fährte in Augenschein. Das Gras war vom Wasser an bis hinüber zu den Bäumen mehrere Fuß breit nicht nur nieder-, sondern so ausgetreten, daß der nackte Boden zum Vorschein gekommen war. Martin und Bob standen also vor einem wirklichen Pfade.

„Das sein kein Tier,“ meinte der Neger. „Hier sein laufen ein Mann mit Stiefeln immer hin und her. Massa Martin werden recht geben Masser Bob.“

Der Jüngling aber schüttelte den Kopf. Er untersuchte den Pfad genau und antwortete:

„Die Sache ist jedenfalls befremdend. Man kann keine Huf- oder Krallenspur erkennen. Der Boden ist so festgetreten, daß man nicht einmal bestimmen kann, zu welcher Zeit diese Fährte zum letztenmal betreten worden ist. Ich möchte wetten, daß nur ein Huftier einen solchen Gang auszutreten vermag.“

„O schön, sehr schön!“ sagte der Neger erfreut. „Vielleicht es sein ein Opossum. Das sein Masser Bob sehr willkommen.“

Das Opossum ist die virginische Beutelratte, welche bis einen halben Meter lang werden kann. Sie besitzt zwar ein zartes, weißes und fettes Fleisch, hat aber einen so eigentümlichen, widrigen Geruch, daß sie von Weißen niemals gegessen wird. Der Neger aber verschmäht sie nicht, und es gibt sogar manchen Schwarzen, welcher leidenschaftlich auf diesen unangenehm duftenden Braten versessen ist. Zu dieser Art von Gastronomen gehörte auch der brave Bob.

„Was fällt dir ein!“ lachte Martin. „Ein Opossum hier! Gehört denn die Beutelratte zu den Huftieren?“

„Wohin Opossum gehören, das sein Masser Bob ganz egal. Opossum sein ein fein delikat Fleisch, und Masser Bob jetzt werden versuchen, ob Opossum sich werden lassen fangen.“

Er wollte fort, der Fährte nach, Martin aber hielt ihn zurück.

„Bleib, und mache dich nicht lächerlich! Von einem Opossum kann hier keine Rede sein; es ist ja viel zu klein, um eine solche Spur auszutreten. Hier handelt es sich um ein großes Tier, wohl gar um ein Elk.“

„Elk, o Elk!“ rief Bob, indem er mit der Zunge schnalzte. „Elk geben viel, viel Fleisch und Talg und Haut. Elk sein gut, sein sehr gut! Bob werden Elk sogleich schießen.“

„Bleib, bleib! Es kann doch kein Elk sein, denn dann wäre hier das Gras abgeäst.“

„So werden Masser Bob nachsehen, was es sein. Vielleicht sein es doch ein Opossum. 0! wenn Masser Bob ein Opossum finden, dann er machen einen großen Schmaus.“

Er lief fort, der Fährte nach, der mit Wald bedeckten Thalwand zu.

„Warte! So warte doch nur!“ mahnte Martin. „Es kann doch wohl ein großes Raubtier sein!“

„Opossum sein Raubtier, fressen Vögel und andere kleine Viehzeug, Masser Bob es fangen.“

Er ließ sich nicht warnen und ging weiter. Der Gedanke an seinen Lieblingsbraten ließ ihn die hier so nötige Vorsicht vergessen. Martin folgte ihm nach, um im Falle einer unangenehmen Überraschung schnell bei der Hand zu sein; aber der Neger war dem jungen Manne immer eine Strecke voran.

So erreichten sie den Waldesrand, wo das Terrain auf dieser Seite des Thales gerade so wie auf der anderen ziemlich steil emporzusteigen begann.

Der Pfad lief schnurgerade zwischen die Bäume hinein und dann zwischen großen Felsenbrocken empor. Er war auch hier so fest, daß eine ausgesprochene Einzelspur gar nicht zu erkennen war.

Immer weit voran, kletterte der Neger die Höhe hinauf. Die Bäume standen ziemlich dicht beisammen, und zwischen ihren Stämmen hatte sich allerlei Unterholz breit gemacht, so daß man wirklich von einem Dickicht reden konnte, durch welches der Wildpfad führte. Da hörte Martin die jubelnde Stimme des Negers:

„Massa kommen, schnell kommen! Masser Bob haben funden das Nest von Opossum.“

Der Jüngling folgte so schnell wie möglich diesem Rufe. Von einem Opossum konnte keine Rede sein und so war zu befürchten, daß der gute Bob sich in eine Gefahr begab, von deren Größe er gar keine Ahnung hatte.

„Bleib stehen, bleib stehen!“ warnte daher Martin mit lauter Stimme. „Unternimm nichts, bis ich komme.“

„O, hier sein schon Loch, die Hausthür zu Nest von Opossum. Masser Bob nun dem Opossum machen seine Visite.“

jetzt erreichte Martin die Stelle, an welcher sich der Neger befand. Es gab da eine Anzahl übereinander getürmter Felsenstücke. Zwei derselben waren gegeneinander gelehnt und bildeten eine Höhle, vor welcher ein aus Haselnuß-, wilden Maulbeersträuchern, Hirn- und Brombeerdornen bestehendes Gestrüpp wucherte. In dieses Gestrüpp war ein Durchgang gebahnt. Die bisher verfolgte Fährte führte hinein, doch zeigten zahlreiche, nach rechts und links führende Fährten, daß der Bewohner der Höhle nicht nur zwischen dieser und dem Wasser verkehre, sondern auch noch anderweite Exkursionen unternehme.

Der Neger hatte sich zur Erde niedergekauert und befand sich bereits mit seinem Vorderleibe im Gestrüpp, um nach der Höhle zu kriechen. Jetzt erkannte Martin zu seinem Schreck, daß seine Befürchtung nicht grundlos gewesen sei. Aus den nun deutlichen Spuren sah er, mit welch einem Tiere er es zu thun habe.

„Um Gottes willen, zurück, zurück!“ rief er. „Das ist die Höhle eines Bären!“

Zu gleicher Zeit faßte er Bob bei den Beinen, um ihn zurückzuziehen. Der Neger aber schien ihn nichtverstanden zu haben, denn er antwortete:

„Warum mich halten? Masser Bob sein tapfer. Er werden besiegen ganzes Nest voll Opossum.“

„Kein Opossum, sondern ein Bär, ein Bär!“

Er hielt den Schwarzen aus Leibeskräften fest. Da ließ sich ein tiefes, zorniges Brummen hören, und zu gleicher Zeit stieß Bob einen Schrei des Schreckens aus.

„Jessus! Ein Vieh, ein Ungetüm! 0 Masser Bob, o Masser Bob!“

Er schob sich blitzschnell aus dem Gestrüpp heraus und sprang empor. Martin sah trotz der dunklen Haut des Schwarzen, daß diesem vor Schreck das Blut aus dem Gesicht gewichen war.

„Ist er noch drin in der Höhle?“ fragte der Knabe.

Bob fuhr mit den Armen in der Luft herum und bewegte die Lippen, brachte aber keine Antwort hervor. Er hatte sein Gewehr fallen lassen. Seine Augen verdrehten sich, und seine Zähne knirschten aneinander.

Da raschelte es im Gestrüpp – der Kopf eines Grizzly, eines grauen Bären, blickte aus demselben hervor. Das gab dem Neger die Sprache wieder.

„Fort, fort!“ schrie er. „Masser Bob hinauf auf Baum!“

Er that einen gewaltigen Sprung vorwärts nach einer dünnen, schlanken Birke und fuhr mit der Schnelligkeit eines Eichhörnchens am Stamme derselben empor.

Martin war leichenblaß im Gesicht geworden, doch nicht aus Angst. Mit einem schnellen Griff raffte er das Gewehr des Negers auf und sprang dann hinter eine starke Blutbuche, welche in der Nähe stand. Er lehnte das Gewehr an den Stamm derselben und griff dann zu seiner eigenen Doppelbüchse, welche an seiner Schulter hing.

Der Bär war langsam zwischen dem Gedorn hervorgetreten. Seine kleinen Augen blickten erst nach dem Neger, welcher mit den Händen an den unteren Ästen der Birke hing, und sodann nach Martin, der ihm entfernter stand. Er senkte den Kopf, öffnete den geifernden Rachen und ließ die Zunge lang hervorhängen. Er schien zu überlegen, gegen welchen der beiden Feinde er sich zunächst wenden solle. Dann richtete er sich langsam und wackelnd auf die Hinterpranken empor. Er war sicherlich acht Fuß hoch und verbreitete jenen penetranten Geruch, welcher den Raubtieren der Wildnis allen mehr oder weniger eigen ist.

Von dem Augenblicke an, an welchem Bob von der Erde aufgesprungen war, bis jetzt, war noch keine Minute vergangen. Als der Neger das riesige Tier in einer Entfernung von kaum vier Schritten von sich so drohend aufgerichtet sah, zeterte er:

For gods sake! Der Bär wollen fressen Masser Bob! Hinauf, hinauf, schnell, schnell!“

Er turnte sich mit krampfhaften Bewegungen immer weiter hinauf. Leider aber war die Birke so schwach, daß sie sich unter der Last des riesigen Schwarzen bog. Er zog die Füße möglichst weit empor und klammerte sich mit Armen und Beinen möglichst fest an, konnte sich aber doch nicht in reitender Stellung erhalten. Der dünne Wipfel des Bäumchens neigte sich nieder, und Bob hing nun an allen Vieren von demselben hernieder wie eine riesige Fledermaus.

Der Bär schien zu begreifen, daß dieser Feind leichter zu besiegen sei als der andere; er wendete sich nach der Birke und bot dadurch Martin seine linke Seite dar. Der junge Mann, welcher halb noch Knabe war, hatte nach der Brust gegriffen. Dort hing unter dem Jagdhemde die kleine Puppy, das blutige Andenken an sein unglückliches Schwesterchen.

„Luddy, Luddy!“ flüsterte er. „Ich räche dich!“

Er legte mit sicherer, nicht zitternder Hand seine Büchse an. Der Schuß krachte, noch einer- – –

Bob ließ vor Schreck los.

„Jessus, Jessus!“ schrie er. „Masser Bob sein tot, quite dead!“

Er stürzte herab, und die Birke schnellte in ihre natürliche Lage zurück.

Der Bär hatte zusammengezuckt, als ob er einen Stoß oder Schlag erhalten hätte. Er sperrte den fürchterlichen, mit gelben Zähnen bewehrten Rachen auf und that noch zwei langsame Schritte weiter. Der Neger streckte ihm beide Arme entgegen und schrie, an der Erde liegen bleibend:

„Masser Bob haben dir nichts wollen thun, haben nur wollen Opossum fangen!“

In demselben Augenblicke stand der kühne Knabe zwischen ihm und der Bestie. Er hatte sein abgeschossenes Gewehr fortgeworfen und die Flinte des Schwarzen ergriffen, deren Lauf er nun auf den Bären richtete. Er und das Tier standen nicht zwei Ellen voneinander. Seine Augen blitzten kühn, und um seinen zusammengepreßten Mund lag jener unerbittliche Zug, welcher deutlich sagte: du oder ich!

Aber anstatt loszudrücken, ließ er das Gewehr sinken und sprang zurück. Er hatte mit scharfem Blicke erkannt, daß dieser dritte Schuß nicht nötig sei. Der Bär stand still. Ein röchelndes Brummen drang aus seiner Kehle, ein brüllendes Stöhnen folgte; ein Zittern durchlief den Körper, die Vorderpranken sanken nieder, ein dunkler Blutstrom quoll über die Zunge, dann brach das Tier zusammen – – ein konvulsivisches Zucken – der Körper wälzte sich halb zur Seite und blieb dann unbeweglich hart neben dem Neger liegen.

Help, Help – Hilfe, Hilfe!“ wimmerte der letztere, noch immer die Arme starr ausgestreckt haltend, als ob er ohne Bewegung und Gelenke sei.

„Mensch, Kerl, Bob!“ zürnte Martin. „Was jammerst du, alter Feigling!“

„Der Bär, der Bär!“

„Er ist ja tot!“

Da zog der Schwarze die Arme an sich, richtete sich in sitzende Stellung auf, ließ seinen Blick in fragender Angst zwischen dem Tiere und Martin hin und her gleiten und wiederholte:

„Tot, tot! Sein das wahr?“

„Natürlich.“

„Auch ganz gewiß wahr?“

„Du siehst es ja! Ich wette, daß beide Kugeln ihm mitten in das Herz gedrungen sind.“

Da schnellte Bob empor; er zeigte, daß alle seine Gelenke sich in bester Ordnung befanden, und rief in frohlockendem Tone:

„Tot, tot sein der Bär! Oh, oh, oh! Masser Bob und Massa Martin haben besiegt das Ungeheuer! Masser Bob hab‘ machen eine Bärenjagd. Oh! was sein Masser Bob für ein kühner und ein berühmter Westmann! All Leut werden sagen, was für ein Mut haben der tollkühn und furchtlos Masser Bob!“

„Ja,“ lachte Martin, „tollkühn bist du gewesen, wie eine reife Zwetschge da grad vor dem Rachen des Bären vom Baume zu fallen!“

Der Schwarze machte ein verwundertes Gesicht.

„Fallen?“ fragte er. „Nicht fallen! Masser Bob sein sprungen dem Bären entgegen. Masser Bob haben wollen ihn nehmen beim Fell und schlagen tot!“

„Bist aber liegen geblieben!“

„Masser Bob ruhig sitzen bleiben, weil er wollen zeigen, daß er sich nicht fürchten vor Bär. Oh! was sein Bär gegen Masser Bob! Bob sein ein Held; er nehmen Bär bei den Ohren und geben ihm Maulschellen so viel, wie Bär gar nicht kann zählen!“

Er bückte sich nieder und griff mit der Linken nach dem kleinen Ohre des erlegten Tieres, allerdings leise und vorsichtig zunächst, um sich zu überzeugen, daß es auch wirklich tot sei; dann aber, als er diese Gewißheit erlangt hatte, schlug er mit der Rechten kräftig auf dasselbe ein.

Da ließen sich laute Stimmen und eilige Schritte hören.

„Alle Teufel, ein Bärenpfad,“ erklang es vom Wasser herauf. „Das kann nur ein riesiger Grizzly sein. Die beiden haben das nicht verstanden und sind dem Tiere ahnungslos entgegengelaufen. Schnell nach!“

Das war die Stimme Old Shatterhands. Der erfahrene Westmann war gleich beim ersten Blicke auf die Spur nicht im Zweifel darüber gewesen, was für ein Tier sie ausgetreten habe.

„Ja, ein Grizzly ist’s,“ hörte man den beistimmenden Ruf des dicken Jemmy. „Vielleicht sind sie alle beide verloren. Vorwärts, hinein in den Wald!“

Das Gewirr auch anderer Stimmen und eilige Schritte waren zu vernehmen.

„Holla!“ rief Martin Baumann den Kommenden entgegen. „Habt keine Sorge um uns. Es ist alles wohlauf.“

Old Shatterhand und Winnetou waren die ersten, welche am Platz erschienen. Nach ihnen kamen Tokvi-tey und der lange Davy, hinter ihnen der dicke Jemmy und der kleine Sachse, gefolgt von der Mehrzahl der Indianer. Die übrigen waren am Lagerplatze zurückgeblieben, da die Pferde natürlich nicht allein gelassen werden durften.

„Wahrhaftig ein Grizzly!“ rief Old Shatterhand beim Anblicke des erlegten Tieres. „Und zwar einer von den größten Dimensionen. Und Ihr lebt, Master Martin! Welch ein großes Glück!“

Er trat zum Bären und untersuchte die Wunde.

„Grad ins Herz getroffen, und zwar aus ganz geringer Entfernung! Das ist ein famoses Jägerstück. Ich brauche natürlich gar nicht zu fragen, wer das Tier erlegt hat.“

Da trat Bob vor und sagte unter einem stolzen, selbstbewußten Grinsen:

„Masser Bob haben besiegt den Bären. Masser Bob sein der Mann, welcher schuld ist, daß Bär haben geben müssen sein Leben.“

„Ihr, Bob? Nun, das klingt gar nicht sehr wahrscheinlich.“

„Oh! es sein wahr, sehr wahr! Masser Bob haben sich hinsetzen vor Bären seiner Nase, damit Bär sehen nur ihn, nicht aber Massa Martin, welcher müssen schießen. Masser Bob haben riskieren sein Leben, damit Massa Martin kann thun einen sichern Schuß.“

Old Shatterhand lächelte. Seinem scharfen, geübten Auge konnte nichts entgehen. Sein Blick fiel auf die grünen Birkenblätter, welche am Boden lagen. Bob hatte sie beim Klettern von den Zweigen gestreift. Einige dieser Zweige waren von ihm geknickt worden und hingen noch an den Ästen.

„Ja, Masser Bob scheint sehr tapfer gewesen zu sein,“ sagte Shatterhand. „Als er den Bären erblickte, kletterte er vor Angst hier auf die Birke, ohne zu bedenken, daß sie zu schwach sei, ihn zu tragen. Sie bog sich nieder, und er fiel herab, da grad vor die Bestie hin. Er wäre sicherlich verloren gewesen, wenn sein junger Herr die Schüsse nicht rechtzeitig abgegeben hätte. Ist es nicht so, Master Baumann?“

Martin mußte bejahend antworten, obgleich es ihm eigentlich leid that, damit einen Tadel gegen den sonst so braven Neger aussprechen zu müssen. Dieser aber suchte sich zu rechtfertigen:

„Ja, Masser Bob sein klettern auf Birkenbaum, damit Bär ihm nachklettern und nichts thun dem guten Massa Martin. Masser Bob haben wollen sich opfern für seinen jungen Herrn.“

Er mußte aber leider sehen und hören, daß dieser Versicherung kein Glauben geschenkt wurde.

Natürlich wollten alle wissen, wie es bei diesem gefährlichen Jagdabenteuer zugegangen sei, und Martin erzählte den Hergang der Sache. Er that dies in einfachen, schlichten Worten, ohne alle Ausschmückung, aber dennoch erkannten die Zuhörer, welch eine Kaltblütigkeit und welchen Mut er dabei entwickelt habe. Es wurde ihm dafür die allgemeinste Anerkennung zu teil.

„Mein lieber, junger Freund“, sagte Old Shatterhand, „ich will Euch gern gestehen, daß selbst der erfahrenste Jäger sich nicht besser hätte benehmen können als Ihr. Wenn Ihr so fortmacht, so gibt das einmal einen Mann, welcher viel von sich reden machen wird.“

Und auch der sonst so schweigsame Winnetou sagte freundlich:

„Mein kleiner, weißer Bruder hat die Entschlossenheit eines alten Kriegers. Er ist ein würdiger Sohn des berühmten Bärentöters. Der Häuptling der Apachen gibt ihm seine Hand.“

Als nun Martin seine Hand in diejenige Winnetous legte, fühlte er eine Regung stolzen Selbstbewußtseins. Die Anerkennung dieser beiden berühmten Männer war ihm eben so viel und noch mehr wert, als wenn er von irgend einem Herrscher einen Orden bekommen hätte.

Der kleine Sachse gab dem dicken Jemmy einen gelinden Rippenstoß und fragte:

„Ist das nich eene famose Heldenthat, he?“

„Gewiß! Ich habe alle Achtung vor dem kleinen Kerl.“

„Und glooben Sie nun, daß er ooch schon andern Bären den Garaus gemacht hat?“

„Sehr gern.“

„Ja, er ist meerschtenteels een sehre braver Bursche. Wer weeß, wie Sie sich an seiner Schtelle benommen hätten. Ich möchte beinahe behaupten, Sie hätten sich vom Bären so ziemlich schtille offfressen lassen.“

„Na, ganz so still hätte ich mich dabei wohl nicht verhalten. Ich habe hier meine alte Büchse nicht zu dem Zwecke, Sperlinge zu schießen, mitgenommen.“

„So! Es fragt sich aber gerade, ob Sie mit dem Schießprügel eenen Schperling treffen thäten. Een Bär ist da schon leichter offs Korn zu nehmen. Haben Sie denn schon mal eenen erschossen?“

„Nicht nur einen.“

„Hören Sie, flunkern Sie mir nur nich etwas vor! Sagen kann mersch leichte.“

„Pah! Ich habe sogar einmal mit einem Bären geschlafen, eine ganze Nacht hindurch, und erst am Morgen gemerkt, was für einen Schlafgesellen ich in meiner Nähe hatte.“

„Das ist ja die allerreenste Unmöglichkeet! So was muß man doch gewahr werden! Hat das Viehzeug denn nich geschnarcht?“

„Nein, geschnauft und geröchelt, aber nicht regelrecht geschnarcht.“

„Hm! Das müssen Sie mir mal erzählen.“

„Heut abend, wenn wir Lager machen. Jetzt ist keine Zeit dazu.“

Den Schoschonen war der Bär eine sehr willkommene Beute. Sein Fleisch gilt als wohlschmeckend; die Schinken sind noch besser, und die Tatzen gelten sogar als Leckerbissen. Nur Herz und Leber werfen die Indianer, welche beides für giftig halten, weg. Ganz besonders willkommen ist ihnen das Bärenfett, aus welchem sie sich eine ölige Flüssigkeit bereiten. Dieses Bärenöl gebrauchen sie zum Anreiben der verschiedenen Farben, mit denen sie sich bemalen, zum Beispiel der Kriegsfarben oder des Ockers, welchen sich die Sioux zum Färben ihrer Haarscheitellinie bedienen. Auch reiben sie sich mit diesem Öle die Haut ein, um sich gegen den Stich und Biß der Moskitos und anderer Insekten zu schützen.

Auf eine fragende Handbewegung des Häuptlings der Schoschonen hatte Martin geantwortet:

„Meine Brüder mögen das Fleisch des Bären nehmen; das Fell aber behalte ich selbst.“

Zwei Minuten später war das Tier aus dem Fell geschält, und das Fleisch wurde geteilt. Während die Mehrzahl der Schoschonen das Wildbret mit ihren haarscharfen Skalpmessern in dünne, breite Streifen schnitten, machten sich die anderen an die vorläufige Zubereitung des Felles. Es wurden alle noch anhaftenden Fleischreste sorgfältig von demselben entfernt, und dann spaltete man mit einem Tomahawk den Schädel des Bären, um zu dem Gehirn zu gelangen, mit welchem die Innenseite der Haut eingerieben wurde.

Dies ging alles so schnell, daß die Arbeit nach kaum einer Viertelstunde beendet war, und die Krieger nach dem Lagerplatze zurückkehren konnten. Das Fell wurde auf eines der Reservepferde, welche die Schoschonen bei sich hatten, gelegt, und das Fleisch wurde in die Koch- und Bratöfen gesteckt.

Öfen? Konnten die Indianer Öfen bei sich haben? Freilich wohl, wenn die ihrigen auch nicht gerade aus Marmor, Porzellan oder Eisen konstruiert waren. Es legte sich nämlich ein jeder sein Fleischstück unter den Sattel; es wurde dann durch das Reiten so weich und gar, daß es dann am Abende mit dem größten Appetit verspeist werden konnte. Einem europäischen Feinschmecker würde freilich eine solche Zubereitungsart nicht sehr appetitlich erscheinen.

Die Mittagsruhe war durch das Jagdabenteuer unterbrochen worden und sollte nicht von neuem begonnen werden. Man brach auf.

Der Weg führte tiefer in das Thal hinein, schlängelte sich zwischen einigen Bergen hindurch und mündete dann in dieselbe breite Niederung, welcher die Truppe vorher gefolgt war. Es zeigte sich, daß man dadurch, daß man dem Wegweiser der Sioux gefolgt war, eine bedeutende Krümmung abgeschnitten hatte. Die Sioux mußten also den Weg, welchen sie eingeschlagen hatten, ganz genau kennen. Sie hatten von Zeit zu Zeit, besonders wenn die Richtung zu verändern gewesen war, ähnliche Wahrzeichen wie das erste zurückgelassen. Jedenfalls waren sie noch lange der Ansicht gewesen, daß Wohkadeh zu ihnen zurückkehren werde.

Im Laufe des Nachmittages gelangte der Reiterzug an ein elliptisch geformtes Thal, welches einen Durchmesser von mehreren Meilen hatte und ringsum von steilen Felswinden umgeben war. In der Mitte dieses Thales erhob sich ein einzelner, kegelförmiger Berg, dessen kahle Seiten weiß im Sonnenlichte glänzten. Auf seinem Gipfel war ein niedriges, breites Steingebilde zu erkennen, welches ziemlich genau die Gestalt einer Schildkröte besaß.

Für den Geologen unterlag es keinem Zweifel, daß es hier einmal einen See gegeben hatte, dessen Ufer von den ringsumliegenden Höhen gebildet worden waren. Die Spitze des Berges, welcher sich jetzt inmitten des Thales erhob, hatte als Insel aus den Fluten geragt.

Es ist durch systematische Beobachtungen als gewiß erwiesen worden, daß eine große Anzahl von Süßwasserseen die Landstrecken von Nordamerika bedeckt hat. Das ist in der Tertiärperiode gewesen. Diese großen Wasseransammlungen haben sich verlaufen, und die einstigen Seen sind zu Thälern geworden, welche den damals lebenden Geschöpfen als Grabstätten dienen. Der Naturforscher, besonders der Paläontolog, kann sich dort mit ungeahnten Schätzen an Fossilien bereichern.

Man findet da die Zähne und Kinnladen des Hippopotamus, welches dem Flußpferde ähnlich gestaltet war, Reste des ungehörnten Rhinozeros und Schildkröten zu Tausenden. Es gibt da die Knochengerüste des wiederkäuenden Schweines, des Hyanodon und sogar einer gewaltigen Tigerart, welche mit säbelförmigen Zähnen bewaffnet war. Heute sagt man allgemein, daß das Pferd in Amerika eingeführt worden sei; aber Nachgrabungen beweisen, daß in der Tertiärzeit mehrere Kamel- und verschiedene Pferdearten in Nordamerika gelebt haben. Eine dieser Pferdespecies hat nur die Größe eines Neufundländers gehabt. Gegenwärtig gibt es auf dem ganzen Erdballe nur etwa zehn Pferdearten, während allein in Nordamerika gegen dreißig fossile Pferdegattungen nachgewiesen worden sind. In jener Urzeit weideten Elefanten an den Ufern der nordamerikanischen Seen, und Schweine wälzten sich im Schlamme, einige Arten nur katzengroß, andere dagegen von der Größe eines Hippopotamus. Auf den jetzt baumlosen Ebenen von Wyoming spendeten Palmen, deren Blätter eine Länge von vier Metern hatten, ihren Schatten. Elefantengroße Geschöpfe wohnten unter diesen Palmen. Die eine Art hatte Hörner zu beiden Seiten der Nase, die andere seitwärts der Augen, eine dritte nur ein einziges Horn oberhalb der Nase.

Wenn der Indianer zufällig auf solche urweltliche Reste stößt, so wendet er sich still und ehrfurchtsvoll ab. Er kann sich das Dasein derselben nicht erklären, und da alles Geheimnisvolle ihm „große Medizin“ ist, so sind ihm diese Reste heilig, und nur zuweilen versuchte er es an der Hand einer Sage, sich das Vorhandensein derselben begreiflich zu machen.

Das Thal also, an dessen Rande jetzt die Reiter hielten, war in jener Zeit auch ein See gewesen. Die Sioux Ogallala hatten ein Zeichen zurückgelassen, durch welches Wohkadeh benachrichtigt werden sollte, daß sie quer durch dasselbe geritten seien; aber Old Shatterhand, welcher jetzt an der Spitze ritt, folgte dieser Weisung nicht, sondern er lenkte sein Pferd nach links, um längs des Fußes der Berge hinzureiten.

„Hier steckt der Zweig,“ sagte Tokvi-tey, indem er nach dem Baume deutete, in dessen Stamm ein fremder Zweig angebracht war. „Das ist das Zeichen der Ogallala. Warum will mein Bruder demselbigen nicht folgen?“

Old Shatterhand hielt sein Pferd an und antwortete:

„Weil ich einen viel besseren Weg weiß. Von jetzt an kenne ich die Gegend sehr genau. Hier dieser Berg ist Pejaw-epoleh, der Berg der Schildkröte. An ihm bin ich bereits dreimal vorüber gekommen, nur nicht von dieser Seite her.“

„Hat es mit diesem Berge vielleicht eine besondere Bewandtnis?“ fragte Jemmy, der Dicke.

„Eigentlich nicht; aber in der Sage der Krähenindianer spielt er eine Rolle; er ist der Berg Ararat dieser Indianer. Auch die Angehörigen der roten Rasse haben das Gedächtnis einer großen Wasserflut, einer Sintflut, aufbewahrt. Die Krähenindianer erzählen, daß, als alle Menschen ertranken, nur ein einziges Paar übrig blieb. Der große Geist rettete es, indem er ihm eine riesige Schildkröte sandte. Die beiden fanden mit all ihrer Habe auf dem Rücken des Tieres Platz und wohnten da, bis die Flut sich zu senken begann. Der Berg, welchen wir hier sehen, ist höher als die anderen rundum; darum ragte er zuerst als Insel aus der Flut. Die Schildkröte kroch auf dieses Eiland, und das Menschenpaar stieg da von ihrem Rücken herab. Die Seele des Tieres kehrte zum großen Geiste zurück; der Körper aber blieb da oben und versteinerte, um als Andenken an das Elternpaar der jetzigen roten Männer zu dienen. Das erzählte mir Schunka-schetscha, der große Hund, ein Krieger der Krähenindianer, mit welchem ich vor mehreren Jahren dort am Berge der Schildkröte lagerte.“

„So wollt Ihr also nicht den Weg einschlagen, welchen die Sioux Ogallala geritten sind?“

„Nein. Ich kenne einen näheren, welcher uns in beträchtlich kürzerer Zeit zum Ziele führt. Die Ogallala wollen nach dem Grabe ihrer toten Krieger. Da uns ihr Ziel bekannt ist, so brauchen wir doch nicht die kostbare Zeit zu verlieren, indem wir ihrer Fährte folgen. Es sind der Zugänge zur Yellowstoneregion nicht sehr viele. Die Ogallala scheinen den kürzesten gar nicht zu kennen. Nach der Richtung, welche sie eingeschlagen haben, ist zu vermuten, daß sie sich nach dem großen Cannon wenden, von da über den Yellowstone gehen, um über den Brückenfluß nach den Feuerlochbergen zu kommen.“

„Da müssen sie ja über die Rocky Mountains hinüber!“

„Allerdings. Nämlich das Grab, an welchem Master Baumann mit seinen Begleitern geopfert werden soll, liegt keineswegs am Yellowstoneriver, sondern am Feuerlochflusse. Um diesen zu erreichen, reiten die Sioux Ogallala einen sehr großen Bogen, einen Halbkreis von wenigstens sechzig Kilometern Halbmesser, und das Terrain, durch welches sie kommen, bietet ihnen so viele und große Schwierigkeiten, daß sie keine ansehnlichen täglichen Strecken zurücklegen können. Der Weg aber, welchen ich einschlage, läuft in fast schnurgerader Linie fort, führt uns nach dem Pelikanflusse und zwischen diesem, nachdem wir ihn überschritten haben, und den Schwefelhügeln nach der Stelle, an welcher der Yellowstonefluß aus dem gleichnamigen See tritt. Von da suchen wir den Brückenfluß auf, in dessen Nähe wir wohl die Spuren der Sioux finden, und reiten dann nach dem oberen Geiserbassin, welches am Feuerlochflusse liegt. Dieser Weg ist zwar auch beschwerlich, bietet uns aber bei weitem nicht die Schwierigkeiten, welche die Feinde zu überwinden haben, und so ist es vielleicht sogar möglich, daß wir noch eher als sie am Ziele ankommen. Dieses letztere wäre für uns außerordentlich vorteilhaft.“

„Wenn das so ist, so wäre es allerdings eine ganz unverantwortliche Dummheit, hinter den Ogallala zu reiten. Es sollte mir ein Gaudium sein, wenn wir eher ankämen als sie. Es ist mir bereits jetzt eine Wonne, an die Gesichter zu denken, welche sie machen würden. Also vorwärts, Sir! Macht Ihr von jetzt an unseren Führer!“

Die beiden hatten sich der englischen Sprache bedient. Als Old Shatterhand nun den Schoschonen in der ihrigen sein Vorhaben erklärte, zeigten auch sie sich mit seiner Absicht vollständig einverstanden und folgten ihm gern in der Richtung, über welche ihr Häuptling sich vorhin so befremdet gezeigt hatte.

Ein längst vertrocknetes kleines Flüßchen hatte vor Zeiten sich von Westen her in das alte Seebassin ergossen und dabei tief in das Ufer eingeschnitten. Sein Bette war sehr schmal und die Mündung so mit dichter Vegetation maskiert, daß ein sehr scharfer Blick dazu gehörte, sie zu entdecken. Old Shatterhand lenkte dahinein sein Pferd. Nachdem die Gestrüppwand durchbrochen war, bot der Pflanzenwuchs keine bedeutenden Schwierigkeiten mehr Man konnte, ohne große Hindernisse zu finden, dem einstigen Wasserlauf entgegenreiten, bis der enge Einschnitt in sogenanntes Undulating-Land mündete. Dieses bestand aus kleinen Prairien, welche durch waldige Hügel voneinander getrennt waren, und da diese Hügel meist eine westöstliche Richtung hatten, so lagen sie der Truppe ganz bequem.

Gegen Abend erreichte dieselbe einen Wasserlauf, welcher zum Gebiete des Bighornflusses zu gehören schien. Ihm entgegenreitend, gelangte man an eine Stelle, welche sich so vortrefflich zum Lagerplatze eignete, daß man hier zu halten beschloß, obgleich die Dunkelheit noch nicht hereingebrochen war.

Der Bach erweiterte sich hier zu einem kleinen, aber nicht tiefen Teiche, an dessen Ufern ein prächtiges Gras zu finden war. In dem klaren, bis auf den Grund durchsichtigen Wasser sah man zahlreiche Forellen stehen, welche Hoffnung auf ein delikates Nachtmahl gaben. Auf der einen Seite stieg das Ufer steil empor; auf der anderen war es eben und von einem sehr dichten Baumwuchse eingefaßt. Zahlreiche am Boden liegende Äste ließen vermuten, daß es im letzten Winter einen ziemlich bedeutenden Schneebruch hier gegeben habe. Dieses Astwerk bildete eine Art Verhau um den Platz, dessen Sicherheit dadurch vergrößert wurde, und da das Holz vollständig dürr war, so brauchte man um genügendes Material zu einem Lagerfeuer keine Sorge zu haben.

„Forellengreifen!“ rief der dicke Jemmy, indem er erfreut von seinem Gaule sprang. „Das soll heut ein wahrer Hochzeitsschmaus werden!“

Er wär‘ am liebsten sofort in das Wasser gesprungen, aber Old Shatterhand hielt Einspruch.

„Nicht so eilig!“ sagte er. „Ein jedes Ding will zur richtigen Zeit und auf die rechte Art und Weise vorgenommen werden. Vor allen Dingen müssen wir dafür sorgen, daß uns die Fische nicht entfliehen können. Holt Holz herbei! Wir müssen zwei Gitter einschlagen.“

Nachdem die Pferde versorgt waren, wurden dünne Äste zugespitzt und zunächst unten am Ausflusse des Teiches eng nebeneinander in den weichen Boden des Baches geschlagen, so daß kein Fisch hindurch zu schlüpfen vermochte. Sodann wurde ein ähnliches Gitter auch oberhalb des Teiches hergestellt, aber nicht am Einflusse des Wassers, sondern noch weiter hinauf, so daß das Gitter vielleicht zwanzig Schritte vom oberen Ende des Teiches entfernt war. Nun war auch hier ein Entkommen der Fische unmöglich.

Der dicke Jemmy begann, seine großen Aufschlagestiefeln auszuziehen. Den Gürtel hatte er bereits abgeschnallt und nebst der Büchse an das Ufer gelegt.

„Du, Kleiner,“ sagte der lange Davy zu ihm, „ich glaube gar, du willst in das Wasser!“

„Natürlich! Das gibt einen Hauptspaß.“

„Das überlaß doch lieber Leuten, welche länger sind als du. Einer, der kaum über einen Stuhl hinweg zu gucken vermag, kann leicht ein wenig unter das Wasser geraten.“

„Würde auch nichts schaden. Ich kann ja schwimmen. Überdies ist der Teich ja gar nicht tief.“

Er trat ganz nahe zum Wasser heran, um sich genau von der Tiefe desselben zu überzeugen.

„Höchstens anderthalbe Elle,“ sagte er.

„Das täuscht. Wenn man auf den Grund blicken kann, so scheint er höher zu liegen, als es in Wirklichkeit der Fall ist.“

„Pah! Komm her und guck hinein! Man sieht ein jedes Steinchen unten und da – – alle Wetter, brrr, puh, puh!“

Er hatte sich zu weit vornüber gebeugt und das Gleichgewicht verloren; mit dem Kopfe voran war er in den Teich gestürzt. Es war gerade hier die tiefste Stelle. Der kleine, dicke Jäger ging unter, kam aber sofort wieder zum Vorschein. Er war ein vorzüglicher Schwimmer und brauchte sich aus dem Bade nichts zu machen; leider aber hatte er den Pelz noch an, und der war natürlich mit ihm unter Wasser gegangen. Sein breitkrämpiger Hut schwamm wie das Blatt einer Victoria regia auf der kühlen Flut.

Heigh-day!“ lachte der lange Davy. „Gentlemen, schaut euch mal die Forelle an, welche da zu fangen ist! Dieser dicke Fisch gibt, wenn wir ihn fangen, viele Portionen.“

Der kleine Sachse hatte in der Nähe gestanden. Auf wissenschaftlichem Gebiete pflegte er sich gern an Jemmy zu reiben; aber er hatte ihn doch lieb, da der Dicke ja ein Deutscher war.

„Herrjerum!“ rief er erschreckt aus, indem er herbeigesprungen kam. „Was haben Sie denn nur gemacht, Herr Pfefferkorn? Warum sind Sie denn da in den Teich gesprungen? Sind Sie etwa sogar ooch naß geworden?“

„Durch und durch,“ antwortete Jemmy lachend.

Er befand sich in keiner Gefahr, denn das Wasser reichte ihm nur bis unter die Arme.

„Durch und durch! Das kann die allerschönste Erkältung geben. Und noch dazu im Pelze! Schteigen Sie nur gleich raus! Den Hut will ich versorgen. Ich fisch‘ ihn da mit dem Aste raus.“

Er ergriff einen langen Ast und angelte mit demselben nach der Kopfbedeckung. Der Ast war ein wenig zu kurz; darum beugte sich der gelehrte „Forstbeamte“ möglichst weit vor.

„Nehmen Sie sich in acht!“ warnte Jemmy, indem er aus dem Wasser stieg. „Ich kann ihn mir ja selber holen; ich bin nun einmal naß.“

„Reden Sie doch nich!“ antwortete Frank. „Wenn Sie meenen, daß ich so dumm bin grad wie Sie, da können Sie mir dauern. So een respektabler Mann wie unsereener weeß sich schon in acht zu nehmen. Ich fall‘ nich ins Wasser. Und wenn der verflixte Hut ooch weiter nüber schwimmt, da dehn‘ ich mich noch een bissel mehr aus und –– o Herr Jemerschneh, da sitz ich wirklich ooch schon in der Patsche! Nee, so was lebt doch nich!“

Er war ins Wasser gefallen. Das sah so possierlich aus, daß alle Weißen lachten; die Indianer aber blieben äußerlich ernst, obgleich sie sich innerlich ganz sicher über die heitere Szene amüsierten.

„Nun, wer ist nicht so dumm wie ich?“ fragt Jemmy, dem die Lachthränen in den Augen standen.

Frank stand im Wasser und machte ein sehr zorniges Gesicht.

„Was gibts denn da zu lachen!“ rief er. „Ich schtehe hier als das Opfer meiner Gefälligkeet, und samaritanischen Nächstenliebe und werde zum Dank für meine Barmherzigkeet ooch noch ausgelacht. Das werde ich mir fürs nächstemal gut merken. Verschtehen Sie mich?“

„Ich lache ja nicht, sondern ich weine! Sehen Sie das nicht? Wenn so ein respektabler Mann wie Sie die Balance verliert,

So ––“

„Schweigen Sie! Foppen laß ich mich nich! Es möchte alles noch sein; aber daß ich sogar den Frack derbei anhabe, das geht mir doch zu nahe. Und dort schwimmt nun mein Amazonenhut ganz brüderlich neben dem Ihrigen. Kastor und Phylax, wie’s in der Mythologie und ooch in der Schternenkunde heeßt. Es ist gradezu – – –“

„Kastor und Pollux heißt es!“ fiel Jemmy ein.

„Sein Sie doch ganz schtille! Pollux! Ich habe als Forschtbeamter so viel mit Jagdhunden zu thun gehabt, daß ich ganz genau weeß, ob es Pollux oder Phylax heeßt. Solche Verbesserungen verbitte ich mir. Die sind bei mir schlecht angebracht. Dennoch will ich das edle Brüderpaar herausfischen. Eegentlich sollt‘ ich den Ihrigen drin lassen. Verdient haben Sie es nich an mir, daß ich mich Ihres Hutes wegen nun noch viel nasser mach‘.“

Er stieg den beiden Hüten nach und brachte sie heraus.

„So,“ sagte er. „Da sind sie gerettet, ohne daß ich off eene Medallge Anspruch mache. Jetzt wollen wir Ihren Pelz ausringen und nachher meinen Frack. Die beeden werden bitterliche Thränen weinen; es tropft schon jetzt.“

Die zwei Verunglückten hatten jetzt so viel mit ihren durchnäßten Anzügen zu thun, daß sie sich zu ihrem Leidwesen nicht an dem nun beginnenden Fischfange beteiligen konnten.

Dieser ging sehr schnell von statten. Eine genügende Anzahl der Schoschonen stiegen am untern Ende des Teiches in das Wasser, bildeten quer über demselben eine eng geschlossene Reihe und trieben, indem sie langsam vorwärts rückten, die Fische aufwärts und aus dem Teiche in den Oberlauf des Baches hinein. An den beiden Ufern des letzteren hatten sich andere Rothäute platt auf den Boden gelegt, mit den Köpfen nach dem Wasser zu, in welches sie mit beiden Armen langen konnten. Den in die Enge getriebenen Forellen war es unmöglich, durch das obere Gitter zu gelangen, und der Rückweg war ihnen auch verlegt. Die Indianer schöpften nun die zusarnmengedrängten Tiere förmlich heraus und warfen sie über ihre Köpfe weg auf das trockene Land. In Zeit von wenigen Minuten war der Fischfang beendet und bot einen so reichlichen Ertrag, daß ein jeder sich vollauf zu sättigen vermochte.

Nun wurden flache Gruben hergestellt und mit Steinen ausgelegt. Die ausgenommenen Fische kamen auf diese Steine zu liegen und wurden mit einer anderen Steinschicht bedeckt, auf welcher man die Feuer anfachte. Als dann nach einiger Zeit die Asche entfernt wurde, waren die Forellen zwischen den heißen Steinen in ihrer eigenen Feuchtigkeit so weich gedämpft, daß das Fleisch beim Anrühren von den Gräten fiel.

So delikat freilich wie in unseren Restaurationen oder vom Tische eines unserer Feinschmecker weg waren die Fische freilich nicht. Es fehlte die Butter und – – – das Salz. Der Indianer genießt fast nie oder doch nur selten Salz. Der Westmann muß leider auf dasselbe auch verzichten. Er kann sich unmöglich mit einem für seine monatelangen Irrfahrten genügenden Vorrate versehen, und das wenige, welches er vielleicht mitnimmt, ist sehr bald in der angesogenen Feuchtigkeit zerflossen.

Nach dem Essen wurden die Pferde noch enger zusammengetrieben und dann die Wachen ausgestellt. Die Schoschonen hielten diese Maßregel für überflüssig, da die Gegend eine so abgelegene war, daß an das Vorhandensein eines feindlichen menschlichen Wesens kaum gedacht werden konnte. Aber Winnetou und Old Shatterhand waren der wohl begründeten Ansicht, daß man zu keiner Zeit und an keinem Orte die notwendige Vorsicht außer acht setzen dürfe, und so wurden zunächst vier Schoschonen, welche später abgelöst werden sollten, nach vier Seiten hinaus in das Finstere geschickt, um das Lager zu bewachen.

Die Posten durften sich natürlich nicht in der Nähe des Feuers aufhalten, damit sie von einem etwa anschleichenden Feinde nicht gesehen werden konnten.

Es brannten, wie bereits erwähnt, mehrere Feuer, und um dieselben gruppierten sich nun die Männer nach Belieben. Natürlich fanden sich die Weißen zusammen. Old Shatterhand, der dicke Jemmy und der kleine Frank waren Deutsche; der lange Davy hatte von seinem dicken Spezial so viel deutsch gelernt, daß er es verstehen, wenn auch nicht sprechen konnte, und da der Vater Martin Baumanns auch aus Deutschland stammte, so war der junge Mann der deutschen Sprache so mächtig, daß man sich derselben beim jetzigen Lagergespräche bedienen konnte.

Eine solche Unterhaltung am Feuer, im Urwalde oder in der Prairie hat ihre ganz eigentümlichen Reize. Da werden die Erlebnisse der Anwesenden erzählt und die Thaten berühmter Jäger berichtet. Wie groß auch die Mühseligkeiten und Beschwerden des Westens sind, man glaubt gar nicht, wie schnell die Kunde von einer mutigen That, einer berühmten Person, einem hervorragenden Ereignisse von Lagerfeuer zu Lagerfeuer fliegt. Haben die Schwarzfüße oben am Mariasflusse das Kriegsbeil ausgegraben, so sprechen die Comanchen am Rio Conchas bereits in vierzehn Tagen davon, und wenn unter den Wallawalahindianern im Washingtonterritorium ein großer Medizinmann auftritt, so wissen die Dakotas des Coteau du Missouri bereits in kurzer Zeit von ihm zu erzählen.

Wie zu erwarten stand, kam die Rede zunächst auf die heutige Heldenthat Martin Baumanns. Dadurch wurde der kleine Sachse an das Versprechen, welches der dicke Jemmy ihm gegeben hatte, erinnert.

„Wie war es denn eegentlich damals, als Sie mit dem Bären geschlafen haben?“ fragte er. „Wie ist das denn gewest und wo hat sich’s ereignet?“

„Meinen Sie etwa, daß ich in dem Bette eines Hotelzimmers mit ihm geschlafen habe?“ lachte der Dicke.

„Fangen Sie schon wieder an, zu beginnen! Ich hab‘ Ihnen schon erklärt, daß ich nich der Mann bin, der sich von Ihnen ungeschtraft foppen läßt. Wenn Sie mich dafür, daß ich unter Einwässerung meines eenzigen Frackes Ihren Hut gerettet habe, für einen Narren halten wollen, so werde ich Ihnen meinen Sekundaner schicken!“

„Sekundant, wollen Sie sagen?“

„Fällt mir nich ein! Ich schpreche meine feine Umgangsschprache nach dem richtigen schtrategischen System, und Sie können Ihr Kauderwelsch ooch reden, wie es Ihnen beliebt. Die Hauptsache ist, daß Sie es ooch an den Mann bringen, der sich’s mit übermenschlicher Geduld gefallen läßt. Übrigens wird an Ihrer sogenannten Bärengeschichte vielleicht gar nich sehre viel sein. Vielleicht hat sich’s gar nich in wahrhaftiger Wirklichkeet ereignet.“

„O doch! Ich kann es beeiden.“

„Nun, wo denn?“

„In einem Quellflusse des Platte-River.“

„Was? Etwa mitten im Flusse drin?“

„Ja.“

„Da haben Sie die ganze Nacht mit eenem Bären geschlafen?“

„Gewiß!“

„Na, das ist die allergrößte Lüge, die gemacht werden kann! Wenn sich das faktisch begeben hätte, so wären Sie beede, nämlich Sie und der Bär, den Sie uns jetzt offbinden wollen, am frühen Morgen als ertrunkene Leichen ans Ufer geschwommen.“

„Ach so, Sie meinen, ich habe im Wasser geschlafen?“

„Natürlich!“

„Nein. So unvorsichtig bin ich freilich nicht. Ich hatte vielmehr mein Nachtquartier auf einer kleinen Insel aufgeschlagen.“

„Ach so l Off eener Insel! Das will ich mir eher gefallen lassen. Das gibt der Sache freilich eene etwas größere Wahrscheinlichkeet. Übrigens ist im Plattefluß fast schtets nur wenig Wasser zu finden.“

„Außer im Frühjahre. Wenn nach einem warmen Regen der Schnee auf den Bergen taut, so kommt es vor, daß der Fluß, dessen Wasser einem kaum bis an die Kniee reichte, in Zeit einer Stunde die hohen Ufer füllt. Dann ist es höchst gefährlich, sich den tosenden, schmutziggelben Fluten anzuvertrauen. Der Strom gleicht dann einem wilden Tiere, welches plötzlich erwacht ist und nach Opfern brüllt.“

„Das läßt sich denken. Und dabei erinnert man sich sofort an die schönen Dichterworte:

„Gefährlich ist’s, den Leim zu wecken;
Verderblich ist des Tigers Zahn.
Und bleibt man in dem Schlamme schtecken,
Hilft keene Gondel und keen Kahn.“

Das war wohl damals ooch der Fall mit Ihnen und dem Bären?“

„Ja, nur daß es nicht Leim, sondern Leu heißen muß, mein bester Frank.“

„Kommen Sie mir nich schon wieder mit so eener grundlosen Ausschtellung. Sie befinden sich da im allergrößten Widerschpruch mit den Koriphäern der Dichtkunst und des musikalischen Generalbasses. Begeben Sie sich doch nicht off höhere Gebiete, in denen Sie unbekannt sind, und erzählen Sie lieber in schlichten und bescheidenen Worten die verschprochene Geschichte.“

Die anderen lachten; darum fuhr der kleine Gelehrte, zu Old Shatterhand gewendet, fort:

„So ist es recht! Lachen Sie den Kerl mal ordentlich aus! Wenn er sieht, daß er sich blamiert, wird er endlich mal offhören, den Dongki-Schottländer zu schpielen.“

„Don Quichote heißt es,“ warf Jemmy ein.

jetzt wurde Frank wirklich zornig. Er stand auf und sagte:

„Schon wieder! Das wird mir zu bunt. Eener, der sich in Moritzburg so wie ich mit der Leihbibliothek beschäftigt hat, den Band zu drei Pfennigen wöchentlich, der hat wohl ooch den Dongki-Schottländer gelesen, und wenn ich mir meine litterarische Bildung hier wieder und wieder verschimpfieren lassen soll, so schtehe ich eenfach off und setze mich zu die Indianersch. Die werden’s besser zu würdigen wissen, wenn een Mann von meinen Qualitäten sich bei ihnen niederläßt. Ist meine Mühe, den dicken Jemmy zu belehren, eene so vergebliche, so wasche ich meine Hände in Unschuld und trage das mir anvertraute Pfund wo andersch hin. Der edle Schwan hat’s gar nich nötig, daß er mit Gänsen und Enten schwimmt. Sein Schicklichkeetsgefühl schträubt sich gegen so eene socialdemokratische Gesellschaftsschtufe. Adjeh, meine Herren!“

Er wollte gehen, ließ sich aber durch das dringende Ersuchen Old Shatterhands bewegen, sich wieder niederzusetzen.

„Nun gut,“ sagte er. „Ihnen zuliebe will ich meinen berechtigten Grimm im schtillen anonym verzehren. Sie haben als Landsmann een gesellschaftliches Recht off meine Person, und das will ich Ihnen doch nich verkümmern. Sie würden sonst vielleicht gar denken, daß ich eene schlechte elterliche Kindererziehung genossen habe. Übrigens bin ich wirklich neugierig off die Bärengeschichte, und wenn der Dicke sie erzählt hat, so werde ooch ich in der Form von Friedrich Gerschtäcker berichten, in welcher Weise ich zum erschtenmal mit eenem Bären zusammengetroffen bin.“

„Was?“ fragte Jemmy erfreut. „Auch Sie haben ein Bärenabenteuer erlebt?“

„Ooch ich? Wundert Sie das etwa? Ich sage Ihnen, daß ich wohl mehr erlebt und durchgemacht habe, als Ihr Verschtand begreifen kann. Aber jetzt fangen Sie nun endlich an! Also im Platte-River war es?“

„Nein, sondern im Medizin-Bow-Flusse, der sich in den Platte ergießt. Es war im April, und ich kam vom Nordpark herab, wo ich eine schlechte Jagd gemacht hatte. Ich war im März von Fort Larania aus hinaufgestiegen und kam nun jenseits herunter, um an dem genannten Quellflusse des Platte nach Bibern zu suchen. Es war nicht sehr kalt, und das wenige Wasser des Flusses trug kein Eis. Trotz mehrtägigen Suchens fand ich keine Spur von Dickschwänzen, und mein Pferd hatte bei schmaler Kost mich und die schweren Fallen umsonst zu tragen. An dem betreffenden Tage hatte sich ein ziemlich lauer Wind erhoben, ein Umstand, welchen ich alter Dummkopf eigentlich hätte beachten sollen. Gegen Abend bemerkte ich mitten im Flußbette eine kleine Insel, welche freilich jetzt keine Insel, sondern eine trockene Erhöhung war, welche eine größere Höhe als die beiden Ufer besaß. Sie bestand aus einem Felsen, an dessen abwärtsgerichtete Seite sich eine lange, spitz zulaufende Sandbank angelegt hatte. Indem ich mir die Insel betrachtete, bemerkte ich auf derselben eine kleine, aus Steinen und Rasen errichtete Hütte, welche jedenfalls von Trappern, die sich hier längere Zeit aufgehalten hatten, errichtet worden war. Das gab einen guten Platz für die Nacht. Ich ritt also durch das hier kaum zwei Fuß hohe Wasser hinüber und machte dabei im Sande der Bank eine Bärenfährte aus, weicher ich am nächsten Morgen folgen wollte. Von dieser Seite war die Insel leicht zugänglich. Ich ritt hinauf, stieg ab, befreite das Pferd von den Fallen und dem Sattel und überließ es ihm, sich nun Futter zu suchen. Ich kannte das Tier genau und wußte, daß es sich nicht weit entfernen werde.“

„Und in der Hütte? War jemand drin?“ fragte Frank.

„Ja,“ nickte Jemmy, verdächtig lächelnd.

„Wer, wer?“

„Als ich hineintrat, saß – denkt Euch mein Erstaunen – der Kaiser von China drin und aß Kürbisbrei mit marinierten Heringen!“

Alle lachten; aber der Hobble-Frank rief zornig:

„Gilt das etwa schon wieder mir?“

„Nein,“ antwortete Jemmy ernsthaft.

„So lassen Sie Ihren Kaiser in Pöckling, wo er hingehört!“ „In Peking, wollen Sie sagen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich gestehen, daß die Hütte leer war, nämlich leer von Geräten und Menschen. Bei näherer Betrachtung aber stieß ich auf Zeichen, welche auf die Anwesenheit von Schlangen schließen ließen. Es gab da allerlei Löcher im Boden und in der Rasenwand. Zwar fürchte ich die Klapperschlange nicht besonders; sie ist bei weitem nicht so gefährlich, wie man meint und schreibt, denn sie flieht den Menschen, auch war es ja noch die Zeit des Winterschlafes; aber es war heute überhaupt nicht kalt, und die von meinem Feuer ausgehende Wärme konnte sehr leicht eins oder einige dieser Tiere aus den Löchern locken, und da eine solche Gesellschaft auf keinen Fall eine angenehme ist, so beschloß ich, außerhalb der Hütte zu bleiben. Es gab angetriebenes Holz genug für ein tüchtiges Feuer, und als ich gehörig nachgelegt hatte, wickelte ich mich in meine Decke und sagte zu mir: gute Nacht, Jemmy!

„Ah, jetzt kommt’s!“ meinte Frank, indem er sich erwartungsvoll die Hände rieb.

„Ja, es wird bald kommen, nämlich das Wasser. Ich schlief nicht gleich ein. Der Wind war stärker geworden und blies verdächtig hohl; er trieb mir das Feuer auseinander; ich konnte nichts dagegen thun und gab mir also keine Mühe, es zu erhalten. Es war bald erloschen, und ich schlief endlich ein. Wie lange ich geschlafen hatte, wußte ich nicht, als ich von einem eigenartigen Geräusch geweckt wurde. Der Wind war zum Sturme geworden; er pfiff und stöhnte in allen Tonarten, und wenn er einmal eine Sekunde lang aussetzte, hörte ich ein dumpfes Rauschen, Brausen und Gurgeln, welches nicht in den Lüften war, sondern um meine Insel erklang. Ich erschrak, sprang auf und ging nach dem Rande meines Eilandes. Es war vollständig vom Wasser umgeben, aus welchem es kaum noch eine Elle hoch emporragte. Der Fluß war plötzlich gestiegen. Der Himmel war unbewölkt, und beim Scheine der Sterne sah ich die Fluten mit reißender Schnelligkeit vorüberschießen. Ich war von ihnen eingeschlossen.“

„Also der reene Campe!“ sagte Frank.

„Campe?“ fragte Jemmy erstaunt. „Wer ist das?“

„Das wissen Sie nich? Schämen Sie sich! Campe war ja derjenige Berühmte, welcher off eener Insel strandete und sich nachher alles selber erfinden mußte. Sodann kamen een paar Eingeborene dazu, die er Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag nannte. Haben Sie das schöne Buch denn nich gelesen?“

„Ja, das habe ich freilich gelesen,“ antwortete Jemmy unter allgemeiner Heiterkeit. „Jetzt weiß ich, was Sie meinen, nämlich den Robinson.“

„Robinson? hm, ja, der war ooch dabei.“

„Natürlich war er auch dabei, er, die Hauptperson!“

„Hauptperson? Hören Sie mal, da irren Sie sich wieder. Die Hauptperson war Campe.“

„Nun, ich will nicht streiten. Strenggenommen ist Campe ja auch eine Hauptperson bei diesem Romane, denn er hat ihn geschrieben.“

„Ja, und wenn er nich mit off der Insel gewest wäre, so hätte er ihn eben nich schreiben können.“

„Gut, aber von einem Montag, Dienstag und Mittwoch habe ich nichts gelesen.“

„Das liegt eben nur wieder an der epidemischen Flüchtigkeet, mit der Sie alles machen. Wie es mir scheint, haben Sie grad die besten Schtellen des Buches überblättert. Campe wird doch nich grad die drei allererschten Wochentage ausgelassen haben. So eene chronologische Zeitverschwendung ist dem braven Manne gar nich zuzutrauen. Bei so eenem dreifachen Wochentagsfehler hätte er gar keenen Verleger für das Buch gefunden. Aber fahren Sie nun fort. Wie haben Sie denn damals den Campe weitergeschpielt?“

„Mit Ergebenheit. Ich konnte meine Lage doch zunächst nicht ändern. Fürs erste hatte ich nichts zu befürchten, denn meine Insel war höher als die Ufer; überschwemmt konnte sie also nicht werden. Erst beim Anbruche des Morgens war es möglich, die Situation zu überblicken. Bis dahin mußte ich mich gedulden. Natürlich aber versetzte mich der Gedanke an mein Pferd in nicht geringe Sorge. War es vom Wasser überrascht worden, so lebte es nicht mehr, und dann war ich vielleicht verloren. Ihr alle wißt ja, was in einer solchen Lage der Verlust des Pferdes für den Westmann zu bedeuten hat. Ich fand in dem Gedanken an den Instinkt des Tieres einigermaßen Beruhigung und kehrte langsam zu meinem Lager zurück. Dabei war es mir, als hätte ich etwas wie eine Gestalt bemerkt, welche bei meinem Nahen im Inneren der Hütte verschwand. Ich beachtete es nicht und legte mich wieder nieder.“

„Jetzt endlich ist der Bär glücklich angekommen! Er wird wohl mehrschtenteels ooch vom Wasser überrascht worden sein. Wenn er nur Ruhe hält! Am besten ist’s, er bleibt schtille in der Hütte liegen; denn wenn er off die Idee kommen sollte, eene Promenade zu machen, so kann’s sehre leicht eene ekliche Schlacht bei Leipzig für Sie werden.“

„Glücklicherweise hat er Ruhe gehalten. Schlafen konnte ich natürlich nun nicht mehr. Ich lag still und glaubte, in den Pausen, während welchen der Wind Atem holte, ein schnaufendes Röcheln zu hören. Kam es aus der Hütte? Hatte ich vorhin recht gesehen? Was für ein Tier war es? Ich hielt es für das beste, mich möglichst weit zu entfernen, nahm die Büchse in die eine und die Decke in die andere Hand und kroch leise nach dem entgegengesetzten Ende der Insel, wo ich mich so niederlegte, daß ich die Hütte im Auge hatte. Ihr könnt euch denken, daß die Zeit bis zum Tagesanbruch mir wie eine Ewigkeit erschien. Endlich aber wurde es im Osten ficht und lichter. Ich konnte erst die Insel, dann die Wasserfläche des Stromes und nachher die Ufer deutlich überblicken. Da bemerkte ich denn Zweierlei, etwas sehr Angenehmes, nämlich mein Pferd weidete drüben am Ufer, von welchem ich herübergekommen war, und etwas weniger Erfreuliches – in der Hütte lag ein Bär, mit dem Hinterkörper am Eingange, mit dem Kopfe nach innen, so daß er mich nicht sehen konnte. Wie gut, daß ich, als er aus dem Wasser auf die Insel gestiegen war, mich am entfernten Inselstrande befunden hatte! Hätte er mich an der Lagerstelle überrascht, so säß‘ ich jetzt wohl nicht hier, um unserem Hobble-Frank dieses Abenteuer zu erzählen.“

„Ja,“ antwortete der Genannte, „höchstens schpukte Ihr abgeschiedener Geist als Geschpenst in der Savanne herum, zur Schtrafe dafür, daß das Gymnasium bei Ihnen nichts gefruchtet hat. Wie haben Sie sich denn nun gegen den Bären benommen?“

„Sehr artig. Ich habe erst nach meiner Büchse gesehen, ob die Ladung in Ordnung war, und mich ihm dann höflich vorgestellt. Ich ging leise bis nahe an die Hütte und rief ihn mit einem „Huzza“ an. Der Kerl hatte wirklich geschlafen. Er war wohl sehr ermüdet gewesen. Wer weiß, wie lange er, vom Strome fortgerissen, mit demselben gekämpft hatte. Als er meine Stimme hörte, drehte er sich nach mir um. Mich erblickend, richtete er sich im Inneren der Hütte auf und erhielt zwei Kugeln von mir. Es war keine Heldenthat, das Tier zu erlegen. Bob hätte das auch gekonnt.“

Der Neger saß nämlich auch mit bei der Gruppe. Er hatte bei seinem Herrn so oft deutsch sprechen gehört, daß, wenn er auch nicht die einzelnen Worte verstand, er doch dem Sinne derselben folgen konnte.

„Oh, oh,“ sagte er, „Masser Bob sein ein sehr gut Westmann! Masser Bob sein tapfer. Er sich nicht fürchten vor Bär. Wenn Masser Bob wieder ein Vieh sehen, dann er es gleich fangen mit Händen!“

„Schön!“ nickte Jemmy. „Also das erste Tier, welches du siehst, fängst du mit den Händen.“

Yes, yes, Massa.“

„Auch wenn es ein Bär ist?“

„Grad dann erst recht, wenn es ein Bär sein. Masser Bob ihm drehen den Kopf auf den Rücken.“

Er streckte die langen Arme aus, spreizte die Finger auseinander, rollte die Augen und zeigte die Zähne, um es anschaulich zu machen, wie er sich auf das Tier stürzen werde. Es sah aus, als ob er es mit Haut und Haar verschlingen wolle.

„Vielleicht ist’s dann ein wirkliches Opossum, was ihm wohl am allerliebsten sein würde,“ bemerkte Old Shatterhand. „Nun aber sagen Sie, Master Jemmy, auf welche Weise Sie hinüber an das Ufer gelangt sind?“

-Auf die allereinfachste Weise: ich bin hinübergelaufen. Bekanntlich verlaufen sich dergleichen Schnellfluten fast ebenso rasch, wie sie gekommen sind. Das Wasser begann, da es kälter wurde, bereits am Nachmittage wieder zu sinken. Ich mußte zwar noch eine Nacht auf der Insel zubringen; aber am anderen Vormittage ging es mir nur noch bis an die Hüften. Ich watete durch und holte mein Pferd herüber, um es wieder mit den Fallen und nun auch mit den Tatzen und dem Felle des Bären zu beladen. Das war freilich eine Last, welche mich zwang, nebenher zu laufen. Das dauerte aber nicht lange, denn kurz vor dem Einflusse des Medizin-Bow-River in den Platte fand ich eine so zahlreiche Biberkolonie, daß ich zu längerem Aufenthalte genötigt war und eine ansehnliche Zahl Felle machte, welche ich bis auf weiteres cachierte.

Sodann konnte ich ledig weiterreiten. – Das war mein Abenteuer, und wenn es nun unserem Master Frank gefällig ist, kann er das seinige erzählen. Hoffentlich ist er ebenso glücklich davongekommen wie ich.“

„Das verschteht sich ganz von selber!“ antwortete der Sachse. „Und zwar habe ich ganz alleene gesiegt, ohne alle Hilfe. Keen Mensch war derbei, nich mal wenigstens een Hund wie damals derjenige, der den Bären angegriffen hat, welcher unserem guten Martin seine arme Luddy verschlang. Eegentlich sollte man, wenn man sich in der Nähe eenes Bären befindet, schtets eenen Hund bei sich haben, der den ersten Anschtoß auszuhalten hat. Aber leider werden in Amerika keene solchen Bärenbeißer offgezogen. Ich hab‘ in Moritzburg eenen solchen Kerl gesehen, den sich der Förschter aus Siebenbürgen, wo es viele Bären gibt, hatte kommen lassen. Der Hund war selber beinahe so groß wie een Bär; aber weil’s in Moritzburg leider keene Bären gibt, so war es natürlich unmöglich, ihn mal off eenen loszulassen. Ich hab‘ erfahren, daß diese Bärenbeißer off gar keen anderes Wild gehen; off Bären aber soll schon ihre Witterung eene gradezu erschtaunliche sein. Sogar off alten Fährten und nach Regenwetter sollen sie untrüglich sein.“

„Pah! das bezweifle ich!“ sagte der lange Davy.

„Was? wollen Sie mich etwa zum Lügner schtempeln? Da können Sie mit mir sehr leicht in eenen Konflikt geraten, bei dem Ihnen die Haare zu Berge schtehen werden. Ich dulde so was eemal nich!“

„Auf einer alten, noch dazu vom Regen ausgewaschenen Spur! Hm!“

Davy. schüttelte den Kopf. Sein dicker Freund warf ihm einen bezeichnenden Blick zu und sagte:

„Sei still, Davy; Du hast unrecht. Die siebenbürgischen Bärenbeißer haben allerdings eine Nase, deren Leistungen ins Unglaubliche gehen. Ich habe, als ich noch Schüler war, so einen Hund kennen gelernt und könnte ein Beispiel erzählen, welches deinen Unglauben sofort kurieren würde.“

„Wirklich?“ fragte Frank erfreut. „Es freut mich sehre, daß Sie mich in Ihren Schutz einschließen. Ich erkenne daran, daß Sie eegentlich und heemlich doch een guter Freund von mir sind. Darum soll Ihnen alles vergeben sein, wenn Sie mir den Gefallen thun, das Beischpiel sogleich zu erzählen.“

„Sehr gern, mein lieber Frank. Ich war bei einem Freunde, dessen Vater Rittergutsbesitzer war und ein bedeutendes Jagdrevier besaß, auf Besuch. Der Herr hatte einen siebenbürgischen Bärenbeißer geschenkt erhalten, konnte ihn aber nicht auf die Probe stellen, weil es keine Bären gab. Der Hund gewöhnte sich schnell an mich und begleitete mich auf allen meinen Spaziergängen. Eines schönen Tages schlenderte ich mit ihm durch das Dorf. Da blieb er vor der Thür eines Bauernhauses halten und gab Laut. Ich konnte mir die Sache nicht erklären; aber weil er nicht von der Thüre wegzubringen war, so öffnete ich dieselbe. Sofort sprang er mit einem weiten Satze nach der Stubenthür und gab wieder Laut. Ich machte auch diese auf – er hinein und ich hinterher. Wer glauben Sie wohl, lieber Frank, daß sich in der Stube befunden hat?“

„Natürlich een Bär.“

„Es gab ja keine dort!“

„So war’s vielleicht eener, der eenem rumziehenden Bärenführer entschprungen ist.“

„Auch nicht.“

„Nun, wer war denn dann anwesend?“

„Nur die alte Großmutter, welche auf dem Kanapee saß und Strümpfe stopfte. Sie erschrak natürlich außerordentlich über den hereinstürzenden Hund und – – –“

„Alle Wetter! Er hat sie doch nich etwa gebissen? Oder hat er ooch Schtrümpfe mit schtopfen wollen?“

„Keins von beiden. Er achtete gar nicht auf die Frau, sondern sprang sofort auf den Tisch, welcher in einer Ecke der Stube stand.“

„Off den Tisch? So een großer Hund! Was hat er denn da gewollt?“

„Das fragte ich mich auch. Nachdem ich mich bei der Frau höflich entschuldigt hatte, trat ich zum Tische, und nun raten Sie, was der Hund da oben gesucht hatte?“

„Irgend een Viehzeug natürlich.“

„Ja und doch auch nein.“

„Was denn für eens?“

„Einen Bären.“

„Was der Kuckuck! Sie sagten doch vorhin das direkte grade Gegenteel von Ihrer jetzigen Behauptung!“

„Ich habe beide Male recht. Nämlich auf dem Tische lag ein altes Buch, welches der Hund mit der einen Pfote festhielt, während er mit der Zunge ein Blatt nach dem anderen umwendete oder vielmehr umleckte, bis er die betreffende Seite gefunden hatte. Dann fing er an zu knurren und zu heulen und biß immer vor sich hin, als ob er ein Raubtier unter sich habe. Es war ein Heidenskandal.“

„Aber ich begreife die Sache gar nich. Een Bärenbeißer off dem Tische, mit eenem Buche! Das ist mir die vollständigste terra in Cognaco.“

Incognito heißt es!“

Cognac heeßt’s! Der gibt den besten Grog. Und wenn Sie dieses Getränk noch nich kennen, so haben Sie eben noch gar nich menschenwürdig gelebt. Also weiter! Was war’s denn für een Buch?“

„Ich sah natürlich nach. Es war ein altes ABC-Buch aus der Zeit vor fünfzig, sechzig Jahren her, mit kleinen Bildern, unter welchen darauf bezügliche Verse zu lesen waren. Und ganz erstaunlicherweise hatte der Hund die Seite aufgeschlagen, auf welcher ein Bienenstock und ein Bär abgebildet waren. Darunter stand der schöne Reim:

„Gar grimmig ist der wilde Bär, Wenn er vom Honigbaum kommt her.“

„Ich war natürlich ganz Verwunderung. Der Hund hatte draußen auf der Straße gerochen, daß hier auf dem Tische die Abbildung eines Raubwildes, auf welches er abgerichtet war, liege, und es für seine Pflicht gehalten, mich darauf aufmerksam zu machen. Natürlich erzählte ich das Vorkommnis, als ich auf das Gut zurückgekehrt war, und der Herr war nicht wenig stolz darauf, einen solchen Hund zu besitzen. Ihr erkennt also, Mesch’schurs, daß unser Hobble-Frank ganz recht gehabt hat, als er vorhin behauptete, daß die Bärenbeißer fast Unglaubliches leisten. Die Geschichte sprach sich natürlich schnell weiter. Sie wurde in verschiedenen Jagdzeitungen abgedruckt, und das betreffende ABC-Buch wurde von einem berühmten Kynologen für fünfzig Thaler gekauft und ging zu immer höherem Preise von Hand zu Hand, bis es schließlich für dreitausend Franken in den Besitz der Pariser Akademie der Künste und Wissenschaften überging. Und da unser Frank vermöge seiner hochgradigen Gelehrsamkeit ganz sicher baldigst ersucht werden wird, dieser Akademie als Mitglied beizutreten, so hat er denn die beste Gelegenheit, in dem berühmt gewordenen Büchlein nachzuschlagen, um sich den Bären zu betrachten, den ich mir damals von dem Hunde habe aufbinden lassen. Jetzt nun bin ich ihn glücklich wieder los geworden. Thank you, Master Frank! Ihr habt ihn mir abgenommen.“

Er machte dem kleinen Sachsen eine ironische Verbeugung. Die Anwesenden brachen in lautes Gelächter aus. Der einstige „Forschtbeamte“ machte zunächst ein ganz verblüfftes Gesicht; dann aber, als er erkannte, daß Jemmy die Geschichte nur erfunden habe, um ihn zu foppen, brach er los:

„Was, ich soll Ihren Bären nun haben? Erlooben Sie es diesem dummen Gedanken ja nich etwa, sich in Ihr obschkures Begriffsvermögen festzusetzen! Ehe Sie im Schtande sind, mir nur eenen eenzigen Bären offzuhängen, hab‘ ich mir selber schon mehr als fuffzig offgebunden. In Beziehung off das aktiv-passive Anlügenlassen bin ich Ihnen weit über. Sie sind ja der reene Münchmeier, und wenn ––“

„Münchhausen heißt es,“ fiel Jemmy ein.

„Wollen Sie gleich off der Schtelle schtille sein, Sie dicker Loobfrosch, Sie! Een Münch, der andere bemeiert, kann eben nur Münchmeier heeßen. Wenn dieser Lügenkönig seit eeniger Zeit zuweilen Münchhausen genannt worden ist, so ist das die mißverschtandene Folge eener idealen Begriffsverwechslung im materialen Zusammenhange mit seinem Geburts- und Heimatsorte. Nämlich nach dem Impfscheine, welcher von ihm noch vorhanden ist, wurde er zur Zeit des schtarken Augusts im Schtädtchen Mühlhausen, Kreisdirektion Sonderschhausen, Regierungsbezirk Schaffhausen geboren, drei Orte, die mit „hausen“ endigen, weil dort die mehrschte Hausenblase verschifft wird. Bei so vielmal „hausen“ ist es gar keen Wunder, daß man diese Endung aus Versehen an das „Münch“ gehängt hat. Unsereener ist aber nich so leicht zu täuschen. Meine historisch weltgeschichtlichen Studien befähigen mich, solche Schpreu vom guten Weizen auszuscheiden, und darum habe ich ooch, noch ehe Sie Ihre Geschichte angefangen hatten, sofort mit meinem angenehmen Scharfblicke erkannt, daß es off eene großartige Lüge und Münchmeierei abgesehen war. Ich hab‘ Sie aber reden lassen, weil ich von jeher een eifriger Bewunderer des parlamentarischen Taktes gewest bin. Ich hab‘ mich großmütig in meine Überlegenheet gehüllt und von oben herunter bemerkt, wie Sie mich von unten herauf angelogen haben. Jetzt aber geb‘ ich meiner Langmut den allerletzten Gnadenschtoß und fordere Sie allen Ernstes off : Geben Sie in Zukunft dem Kaiser, was des Kaisers ist, und dem Frank, was dem Frank gehört, nämlich Anerkennung seiner Schtandeswürde und ergebene Berücksichtigung seiner Persönlichkeet. Nur off diese Weise ist een ferneres Zusammenbleiben zwischen uns beeden möglich, und ich verlange jetzt off der Schtelle von Ihnen vor diesen erwachsenen Zeugen die öffentliche und aktenmäßige Erklärung, ob Sie von jetzt an mich mit Achtung behandeln wollen oder nich. Ich bin das meiner verflossenen Vergangenheet und meiner noch zu erwartenden Zukunft schuldig. Also, wie wird’s, und wie soll’s werden? Reschpekt oder nich?“

Zunächst war es tief still im Kreise. Die sonderbare Rede des kleinen Mannes wirkte um so mehr auf die Lachmuskeln seiner Zuhörer, als sie mit einem ungeheuren Ernste vorgebracht worden war. Die Augen leuchteten voller Lust; die Lungen atmeten voll auf, um loszubrechen, aber man biß die Zähne zusammen, um den fast unüberwindlichen Reiz zum Lachen zu besiegen. Old Shatterhand war der erste, welcher sich einigermaßen in der Gewalt hatte.

Tiefernsten Tones begann Old Shatterhand:

„Aber, lieber Frank, der Scherz war doch wohl ein ziemlich harmloser und auch gar nicht auf Sie allein abgesehen. Wir anderen sind ebenso Zuhörer gewesen wie Sie und haben uns nicht beleidigt gefühlt, sondern die Erzählung als das genommen, was sie war – eine Anekdote, welche uns erheitern sollte. Ihr bekanntes Gerechtigkeitsgefühl wird Ihnen sagen, daß wir von Ihnen ganz unschuldigerweise um diese Heiterkeit gebracht worden sind.“

Der eindringliche Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden, verfehlte seine Wirkung nicht. Frank hatte ein weiches Gemüt- es that ihm wehe, vielleicht zu weit gegangen zu sein. Er antwortete:

„Wenn Sie diese Angelegenheit in dieser Weise darschtellen, so bekommt die Sache freilich eene ganz andere Wendung. Ich habe Sie keineswegs in Ihrem Vergnügen schtören wollen. Aber Sie werden mir ooch zugeben, daß ich ooch Anschpruch off meine anthropologischen Menschenrechte erheben darf.“

„Ganz richtig; aber wir gestehen Ihnen diese Rechte ja ganz gern zu.“

„So? Warum reibt sich da der Dicke schtets an mir?“

„Denken Sie einmal nach, ob Sie ihm nicht vielleicht die Veranlassung dazu geben. Lassen Sie ihm nicht immer Ihre Überlegenheit fühlen?“

„Hm! Sie geben also zu, daß ich ihm wirklich mehrschtenteels überlegen bin?“

„Wenn ich Ihre eigene Ansicht für die richtige halten soll, so muß ich das zugeben.“

„Schön! Das genügt mir vollschtändig. Und da will ich denn voller Einsichtigkeet off die verlangte öffentliche Ehrenerklärung Verzicht leisten. Es soll mir niemand nachsagen, daß ich een Schtörer des allgemeinen Völkerfriedens sei. Hier, Dicker, ist meine Hand! Schlagen Sie ein! Wir wollen in trauter Eenigkeet die Pfade unseres Lebens wandeln. Ich rufe Ihnen mit Schillern zu: Soyongs, Anis, Emma!“

Leider brach bei diesen letzten Worten das lang verhaltene Gelächter kräftig los. Der Kleene sah sich erstaunt im Kreise um.

„Was gibt’s denn schon wieder?“ fragte er.

„Einen Fehler, den Sie gemacht haben, oder vielmehr mehrere Fehler,“ antwortete Jemmy.

„So? Welche denn?“

„Diese Worte sind nicht von Schiller, sondern von dem französischen Dichter Corneille und heißen Soyons amis, Cinna! Es ist also weder von Anis, noch von einer Emma die Rede.“

„Ah? Meenen Sie wirklich? Ich biete Ihnen meine Hand zum großen Versöhnungsfeste, und zum Dank dafür wollen Sie mich abermals korrigieren? Da kann ooch die beste Wasserleitung platzen. Wenn meine Friedfertigkeet in so solenner Weise abgewiesen wird, so mag es bei der Feindschaft bleiben, und ich werde ––“

„O bitte!“ fiel Old Shatterhand vermittelnd ein. „Diesesmal haben Sie sich wirklich geirrt, mein bester Frank. Ich muß Master Jemmy beistimmen, und ich hoffe, daß Sie mir ein gerechtes, unparteiisches Urteil zutrauen!“

„Ja, wenn Sie es sagen, so ergebe ich mich der Übermacht. Sie sind eene authentische Zehlabrität, vor der ich mich gerne beugen will. Selbst een Fürscht und König kann sich irren, und für ganz und gar unfehlbar will ich mich denn doch nich halten. Also hier abermals die Hand, Jemmy. Et in terra pax, Friede sei off der ganzen Erde! Ist es so richtig?“

„Ja, vollständig!“ antwortete der Dicke, indem er in die dargebotene Hand einschlug.

„Schön! Das genügt mir. Sie erkennen mich an, und da soll alles vergeben und vergessen sein.“

„Aber nur unter einer Bedingung!“

„Wie, Sie wollen eene Bedingung machen? Welche denn?“

„Die, daß Sie nun endlich Ihr Bärenabenteuer erzählen.“

„Ganz gern. Ich hab’s versprochen und bin es also schuldig, und wegen eener Schuldigkeet lasse ich mich nich gern mahnen. Es schadet das dem Kredite und ooch der Reputation. Wenn Sie also bereit sind, zuzuhören, so kann ich gleich jetzt gefälligst beginnen. Nämlich die Sache lief ooch nich ganz trocken ab, beinahe wie heute, wo wir beede, nämlich ich und Jemmy, unser Habit am Feuer trocknen müssen, er den Pelz und ich den Frack, vom Amazonenhut gar nicht zu reden. Und das kam folgendermaßen.“

Er kräuselte die Feder seines Hutes zwischen den Fingern, räusperte sich verheißungsvoll und begann:

„Ich befand mich damals noch keene ganze Ewigkeet hier in den Vereinigten Schtaaten, das heeßt, ich war noch ziemlich unerfahren in den hiesigen Angelegenheeten. Damit soll freilich nich gesagt sein, daß ich ungebildet gewest sei, im Gegenteele, ich brachte eene gute Portion körperlicher und geistiger Vorzüge mit; aber es will dennoch alles gelernt sein, und was man noch nich gesehen und betrieben hat, das kann man ooch nich kennen. Darin wird mir een jeder verschtändige Mensch Recht geben. Een Bankier zum Beispiel, und wäre er noch so gescheit, kann nich so mir und dir nichts gleich die Hoboe blasen, und een gelehrter Professor der Experimentalastronomie kann nich ohne Unterweisung in den nötigen Kunstgriffen sofort Weichenschteller werden. Das schicke ich zu meiner Entschuldigung und Verteidigung voraus. – Die Geschichte begab sich unten in der Nähe des Arkansas in Colorado. Ich hatte erscht in verschiedenen Schtädten Verschiedenes getrieben und mir een kleenes Sümmchen geschpart. Damit wollte ich eenen Handel nach dem Westen anfangen, so was man hier zu Lande eenen Pedlar nennt. Warum ooch nich? Bei diesem Geschäft ist viel verdient, und verschtändlich konnte ich mich bereits ganz gut machen, da ich das Englische sehre leicht gelernt hatte. Es war mir leicht begreiflicher Weise nur so hineingeflogen.“

„Ja,“ nickte Jemmy ernsthaft, „bei Ihrer ausgezeichneten Veranlagung ist es kein Wunder, wenn Ihnen eine fremde Sprache sehr bald geläufig wird.“

„Nicht wahr? Mit den Haupt- und Eigenschaftswörtern braucht man sich gar nich viel abzugeben, denn die bleiben ganz von selber im Gedächtnisse kleben; zählen lernt sich ooch sehre bald, was bleibt da noch übrig? Een paar Umschtandswörter, mit denen ooch keene Umschtände gemacht zu werden brauchen, und dann ist man fertig. Ich habe nie nich begreifen können, daß die Jungens in der Schule sich so lange Zeit mit fremden Schprachen abquälen müssen. Es wird, wie ich gloobe, ganz verkehrt angefangen. Ob ich deutsch sage Käse oder französisch Frommasche oder englisch Cheese, das kann doch ganz egal sein. Mir ist in fremden Schprachen eben alles ganz Käse, und so trat ich denn mit eenem hübschen Vorrat von Handelsartikeln meine Reise an und machte so gute Geschäfte, daß ich, als ich in der Gegend von Fort Lyon an den Arkansas kam, alles losgeworden war. Sogar das Wägelchen hatte ich mit Profit verkooft. Nun saß ich zu Pferde, die Büchse in der Hand und die Tasche voller Geld und beschloß mal zum Pläsier weiter ins Land hinein zu reiten. Ich hatte schon damals große Lust, een berühmter Westmann zu werden.“

„Der Sie ja nun auch geworden sind!“ bemerkte Jemmy.

„Na, noch nich ganz. Aber ich denke, wenn wir jetzt off die Sioux losschlagen, so werde ich wohl nich hinter der Front schtehen bleiben wie Hannibal bei Waterloo, und dann ist es ja möglich, daß ich eenen berühmten Namen bekomme. Aber weiter! Colorado war damals erscht vor kurzer Zeit bekannt geworden. Man hatte ergiebige Goldfelder entdeckt, und nun kamen die Proschpecters und Diggers in Menge aus dem Osten. Wirkliche Ansiedler aber gab es nur wenige. Darum war ich eenigermaßen ziemlich erschtaunt, als ich off meinem Ritte ganz plötzlich eene regelrechte Farm vor mir liegen sah. Sie beschtand aus eenem kleenen Blockhause, mehreren Feldern und ziemlich großen Weideplätzen. Das Settlement lag an den Ufern des Purgatorio, und diesem Umschtande war es zuzuschreiben, daß sich Waldung in der Nähe befand. Es gab besonders viele Ahornbäume da, und ich wunderte mich darüber, daß in jedem Boomschtamme unten eene Röhre schteckte, aus welcher der Saft in untergeschtellte Gefäße tropfte. Es war im frühen Jahre, die beste Zeit zur Bereitung des Ahornzuckers. In der Nähe des Blockhauses schtanden lange, breite aber sehr flache hölzerne Bottiche, gefüllt mit dem Safte, welcher da verdampfen sollte. Diesen Umschtand muß ich ganz besonders bemerken, weil er bei meinem Abenteuer eene sonderbare Rolle schpielt.“

„Einem Yankee aber gehörte das Settlement sicherlich nicht,“ sagte Old Shatterhand.

„Warum denken Sie das?“

„Weil ein solcher sicher nach den Goldfeldern gegangen wäre, anstatt als Squatter hier ruhig sitzen zu bleiben.“

„Ganz richtig! Der Mann war aus Norwegen und nahm mich sehre gastfreundlich off. Seine Familie beschtand aus ihm, seiner Frau, zwee Söhnen und eener Tochter, und ich wurde eingeladen, so lange wie möglich zu bleiben. Das that ich denn ooch ganz gern und half mit in der Wirtschaft, wobei den guten Leuten meine angeerbte Intelligenz außerordentlich zu schtatten kam.“

„Sie halfen wohl am Butterfaß?“ scherzte Jemmy.

„Natürlich! Ich konschtruierte ihnen sogar een neues, welches nich geschtampft, sondern gedreht wurde, wie ich es im Osten gesehen hatte. Das heeßt, ich zeichnete es ihnen mit Kreide off den Tisch; machen konnten sie sich’s nachher ja selber. Durch solche Gefälligkeeten und durch meine intelligente Überlegenheet gewann ich das Vertrauen dieser Leute so, daß sie mich sogar ganz alleene off der Farm ließen. Es sollte nämlich bei eenem Nachbar een sogen. house-raising-frolic schtattfinden, und die ganze Familie wollte daran teilnehmen, weshalb meine Anwesenheet ihnen sehr erfreulich war, da ich nun als house-holder zu Hause bleiben und über die schtatischtische Sicherheet der Farm wachen konnte. Sie ritten ab, und ich war Mann für mich alleene. Nachbar wurde dort jeder genannt, der zu Pferde in eenem halben Tage zu erreichen war. Grad so weit lag die betreffende Farm von uns, und so war die Rückkehr meiner Gastfreunde vor Ablauf von zwee Tagen nich zu erwarten.“

„Das war sehr viel Vertrauen, welches man Ihnen schenkte,“ sagte Jemmy.

„Warum? Meenen Sie etwa, daß mir der Gedanke hätte kommen können, mit der Farm auszureißen? Sehe ich etwa wie een unehrlicher Schpitzbube aus?“

„Davon ist keine Rede. Wollte man der Ehrlichkeit eine Statue widmen, so könnten Sie als Modell sitzen, so ganz vertrauenerweckend ist Ihr Aussehen.“

„Das will ich mir ooch ausgebeten haben!“

„Ich meinte es anders. Jene Gegend wurde doch damals, sogar noch heute, von allerlei Gesindel durchzogen. Was hätten Sie als einzelner Mann thun können, wenn zufälligerweise solche Leute zu Ihnen gekommen wären und die Abwesenheit des Besitzers zur Ausübung von Gewaltthätigkeiten benutzt hätten?“

„Was ich gethan hätte? Nehmen Sie mir es nich übel, aber das ist eene sehr sonderbare und närrische Frage. Ich hätte mein Hausrecht gebraucht und sie alle nausgeworfen.“

„Halten Sie das für so leicht? Solchen Menschen kommt es auf eine Kugel nicht an.“

„Mir ooch nich! Wenn Sie mich näher kennen gelernt haben, dann werden Sie sagen, daß man mir nich bloß eene, sondern gleich drei und vier Farmen anvertrauen kann. Ich würde sie schon zu verteidigen wissen. Ich verschtehe mich off alle Arten kriegerischer Schtrategie und off die verschiedenen Kunstgriffe der höheren Gefechtstaktik ganz vortrefflich. Ich hab‘ sogar mal den Froschmäuslerkrieg gelesen und weeß also, eene Schlacht einzuleiten und ooch zu gewinnen. In der Einleitung wie Moltke, im Angriff wie Zieten und in der Verfolgung een wahres Wiesel, so brauche ich mich vor keenem Feind zu fürchten, außer er überfällt mich im Schlafe, ohne daß ich davon gebührenderweise benachrichtigt werde.“

„Das ist’s ja eben, daß man gewöhnlich nicht benachrichtigt wird!“

„Leider ist das wahr, und daß ooch der Bär gekommen war, ohne sich vorher anzusagen, dadurch kam das Abenteuer zu schtande, welches ich erzählen will. Ich muß dabei erwähnen, daß seitwärts vor dem Hause een hoher Hickory schtand. Er war bis hoch hinauf zu den erschten Äschten seiner Rinde beraupt worden. Der Norweger hatte sie, wie er mir erzählte, zum Gelbfärben gebraucht. Nun war der Schtamm außerordentlich glatt, und es gehörte eene große Geschicklichkeet dazu, hinaufzuklettern.“

„Das wird wohl niemand verlangt haben,“ sagte Davy.

„Nee, verlangt hat’s niemand, aber es können sich ungeahnte Begebenheiten ereignen, durch welche sogar der edelste Mensch off so eenen Boom getrieben wird. Sie werden dieses Naturgesetz bereits in wenigen Minuten beschtätigen. Also, um off die Hauptsache zu schprechen zu kommen: ich befand mich ganz alleene off der Farm und dachte darüber nach, mit welcher Beschäftigung ich mir die langen Schtunden der Einsamkeet versüßen könne. Natürlich kam ich dabei off den Gegenstand, dessen Bearbeitung am notwendigsten war, und das war der Lehm. Nämlich drin im Blockhause war die Lehmdiele schadhaft geworden und zwischen den Holzschtämmen, aus denen die Wände beschtanden, die Füllung ausgebröckelt. Das mußte remuneriert werden, und darum hatte sich der Norweger gleich neben der Hausecke eene Lehmgrube angelegt. Sie war ungefähr vier Ellen lang und dreei breit. Welche Tiefe sie hatte, das konnte ich nich sehen, weil sie bis an den Rand gefüllt war. Es schteckten een paar Schtangen drin, mit denen das Zeug gerührt und durcheinander geknetet werden sollte. Welche Freude mußte mein Wirt haben, wenn er bei seiner Heimkehr wenn ooch nich die Diele, aber wenigstens die Wände ausgebessert vorfand! Daran dachte ich mit Vergnügen und beschloß, mich an die Arbeit zu machen.“

„Verstanden Sie denn etwas davon?“ fragte Jemmy.

„Ich bitte Sie, kommen Sie mir doch nich immer mit solchen überflüssigen Fragen in die Quere! Es ist doch wahrhaftig keene Kunscht, een Loch oder eene Fuge mit Lehm zu verschtopfen! Es gibt noch viel schwierigere Gebiete in der Wissenschaft. Ich begann also mit der Schtange zu rühren.

Die Masse schien mir zu dick zu sein, und ich goß also Wasser zu, aber zu viel, denn nun war sie wieder zu dünn. Ich dachte aber, daß sie durch eifriges Kneten eene plaschtischere Kompression annehmen werde, und arbeitete über eene ganze Schtunde lang aus Leibeskräften. Dadurch erlangte der Lehm diejenige Konsequenz, durch welche jeder obrigkeitliche und baupolizeiliche Wunsch befriedigt werden konnte, und ich hatte, um mit der Verschönerungsarbeit beginnen zu können, mir nur noch eene hölzerne Maurerkelle zu schnitzen. Darum wollte ich jetzt hinein ins Haus, denn off dem Herd lag dürres Holz. Ganz begeistert von meinem Vorhaben, bog ich um die Ecke und – – schtand vor wem oder was?“

„Doch vor einem Bären,“ antwortete Jemmy.

„Ja, vor eenem Bären, der sein wohl oben in den Ratonbergen liegendes Asyl verlassen hatte, um sich, ebenso wie ich, eenmal Land und Leute anzusehen. Dieses Ansehen aber war ganz gegen meinen geläuterten Geschmack. Der Kerl machte mir een so verdächtiges Gesicht, daß ich mit eenem Satze, wie ich ihn wohl nie wieder zu schtande bringen werde, zur Seite schprang; aber ebenso rasch fuhr er off mich los. Das gab meinen Gliedern eene ungeahnte Gelenkigkeet, und das Ausreißen erschien mir als eene wahre Wonne. Ich schnellte mich wie een hinterindischer Königstiger nach dem Hickory hin, faßte an und fuhr wie eene Rakete an dem Schtamme hinauf. Man gloobt gar nich, was der Mensch in so eener unsympathischen Situation zu leischten vermag.“

„Jedenfalls waren Sie ein guter Kletterer?“ fragte Old Shatterhand.

„Das weniger, viel weniger sogar. Man sollte wohl annehmen, daß ich als Forschtbeamter genötigt gewest sei, das Klettern zu erlernen, aber leider hat sich meine natürliche Kongeschtion schtets gegen diese Kunscht empört. Wenn ich hoch schteigen muß, zum Beischpiel off eener Leiter, wird mir’s ganz drehend und wirbelig zwischen den Ohren; ich kann’s und kann’s nich zwingen. Aber wenn een Bär dahinter ist, dann fragt man nicht lange, ob sich das Klettern mit der Gesundheet verträgt, sondern man klettert eben, und zwar mit wahrer Leidenschaft, grad so wie ich. Unglücklicherweise war, wie bereits erwähnt, der Schtamm zu glatt. Ich kam nich ganz hinauf bis zu den Äschten, und mit dem Feschthalten schien es ooch seine Schwierigkeeten zu haben.“

„O weh! Das kann gefährlich werden. Sie waren ohne Waffen. Was that denn der Bär?“

„Etwas, was er mit gutem Gewissen hätte unterlassen können –. er kam nämlich nachgeklettert.“

„Ah, so war es glücklicherweise kein Grizzly!“

„Das berührte mich nicht, denn damals war Bär Bär für mich. Ich klammerte mich krampfhaft fescht und schaute herab. Richtig, der Kerl hatte sich unten am Schtamme offgerichtet, umarmte denselben und kam langsam und gemütlich nachgeklettert. Die Sache schien ihm ungeheuern Schpaß zu machen, denn er brummte höchst vergnügt vor sich hin, ungefähr wie eene schnurrende Katze, nur schtärker, oder wie die E-Saite des Violonbasses, wenn sie pizzicato mit den Fingern gerissen wird. Mir aber brummte nich bloß der Kopf, sondern der ganze Körper von der Anschtrengung, mich fescht zu halten. Der Bär kam immer näher. Ich konnte unmöglich länger an meiner Schtelle bleiben; ich mußte weiter hinauf. Kaum aber hatte ich die eene Hand gelöst, um weiter zu greifen, da verlor ich den Halt. Zwar griff ich schnell wieder zu, doch die Anziehungskraft der mütterlichen Erde ließ ihr Opfer nich wieder los. Noch eenen kurzen angschtvollen Schtoßseufzer konnte ich mir geschtatten, dann aber fuhr ich am Schtamme hernieder, mit Vehemenz wie een zwanzigzentneriger Schtahlhammer, mit solcher Wucht off den Bären, daß er ooch mit nunter mußte. Er schoß zu Boden, und ich off ihn druff.“

Der kleine Mann erzählte so lebhaft und drastisch, daß seine Zuhörer ganz Ohr waren und bei der Art und Weise, in welcher er seinen Unfall schilderte, in ein laut schallendes Gelächter ausbrachen.

„Ja, lacht nur!“ brummte er. „Mir war es ganz und gar nich wie Lachen. Ich hatte das Gefühl, als ob alle Teile meines Körpers durcheinander geschtoßen worden seien. Es war mir ganz taub und dumm zu Mute, so daß ich für eenige Sekunden gar nich an das Offschtehen dachte.“

„Und der Bär?“ fragte Jemmy.

„Was der in diesem Oogenblicke für finanzielle Schpekulationen in seinen Gedanken erörtert hat, das kann ich nich wissen. Ich hatte weder die nötige Zeit noch die gehörige Andacht, mich wie Mentor mit Telemach in Zwieschprache mit ihm zu setzen. Vielleicht aber war es ihm grad so salonwidrig zu Mute wie mir, denn er lag ganz ebenso schtille unter mir, wie ich schprachlos off ihm saß. Dann aber raffte er sich plötzlich empor, und das brachte mich zur Erkenntnis meiner persönlichen Verpflichtungen. Ich schprang off und rannte fort – er hinter mir her, ob aus gleicher Angscht wie ich oder in dem heißen Wunsche, die eenmal angeknüpfte Bekanntschaft mit mir fortzusetzen, das weeß ich nich. Eegentlich wollte ich hin nach der Thür und ins Haus hinein. Dazu war aber die Zeit zu kurz und der Bär mir zu nahe. Die Angscht verlieh mir die Schnelligkeet eener Schwalbe; es war, als ob sie mir die Länge meiner Beene verdoppelt und vervierfacht hätte. Ich schoß vorwärts wie eene Flintenkugel, um die Hausecke hinum und – – in die Lehmgrube hinein, grad bis unter die Arme. Ich hatte alles vergessen, Himmel und Erde, Europa und Amerika, alle meine Kenntnisse und den ganzen Lehm; ich schtak drin wie die Schabe im Bäckerteige und – – da that es neben mir eenen gewaltigen slap, wie der Amerikaner sich ausdrückt; ich erhielt eenen Schtoß wie vom Puffer eenes Bahnwagens, und der Lehm flog mir über dem Kopfe zusammen. Das Gesicht war ganz von demselben überzogen; nur das rechte Ooge war frei geblieben. Ich drehte mich um und – – schielte den Bären an, der infolge seines leichtsinnigen Temperamentes vergessen hatte, das Terrain, wie es sich schickt und gehört, zu inschpizieren, und mir also nachgeschprungen war. Nur sein Kopf war zu sehen, aber der sah ooch schauderhaft aus. Wenn meine zwee Gesichtsprofile ebenso belehmt waren wie die seinigen, so konnte freilich keener von uns beeden off die Hochachtung des anderen Anschpruch erheben. Wir blickten uns drei Sekunden lang eenander lieblich an; dann wendete er sich nach links und ich mich nach rechts, jeder in der lobenswerten Absicht, in eene freundlichere Umgebung zu gelangen. Natürlich ging bei ihm das Herausklettern schneller als bei mir. Schon hatte ich Angscht, daß er, der Grube entschprungen, schtehen bleiben werde, um mich zu belagern; aber kaum hatte er festen Fuß gefaßt, so sauste er von dannen nach der Richtung, aus welcher wir gekommen waren, und schwenkte um die Ecke, ohne mich nur eenes eenzigen Blickes zu würdigen. Farewell, big muddy beast!

Hobble-Frank war im Eifer des Erzählens aufgestanden und hatte seinen Bericht mit so entsprechenden Gestikulationen begleitet, daß seine Zuhörer lachten, wie diese einsame Gegend noch nie ein Lachen vernommen hatte. Ob einer auch aufhörte, er mußte immer wieder von neuem anfangen; es war zu komisch.

„Das ist allerdings ein höchst lustiges Abenteuer,“ sagte endlich Old Shatterhand, „und das Beste bei demselben ist, daß es so ungefährlich für Sie ablief, freilich für den Bären leider auch!“

„Für ihn ebenso?“ antwortete Frank. „Oho! Ich bin noch gar nich fertig. Als der Bär um die Ecke verschwunden war, hörte ich een Geräusch, wie wenn irgend een Möbelschtück umgeworfen wird. Ich beachtete es aber nich, sondern war nur bemüht, mich aus der Grube herauszuarbeiten. Das koschtete mich bedeutende Anschtrengung, denn der Lehm war gewaltig zähe, und ich kam nur dadurch frei, daß ich ihn im Besitze meiner Schtiefel ließ. Jetzt mußte ich mir vor allen Dingen das Gesicht reinigen. Ich ging also hinter das Haus, wo een Wässerchen vorüberfloß, dem ich alles freundlich anvertraute, was sich als überflüssig von meiner äußeren Individualität entfernen ließ. Dann eilte ich natürlich nach vom, um an der Fährte zu sehen, nach welcher Richtung sich der Bär entfernt habe. Denn, daß er verschwunden sei, das nahm ich als ganz sicher an. Aber der Kerl war gar nich fort. Er saß dort unter dem Hickoryboome und – – leckte sich höchscht eifrig ab.“

„Den Lehm? Pah!“ meinte Jemmy kopfschüttelnd. „Soweit ich die Eigenheiten dieser Tiere kenne, ist er sofort ins Wasser gegangen.“

„Das fiel ihm gar nich ein, denn er war gescheiter als Sie, Master Jemmy. Der Bär liebt bekanntlich Süßigkeeten. Und ist der Ahornzucker nich ebenso süß wie jeder andere Zucker?“

„Ich verstehe Sie nicht. Erzählen Sie weiter!“

„Nun, ich habe doch die hölzernen Bottiche erwähnt, in denen der Zuckersaft verdunschten sollte. Der Bär war von dem Abenteuer so wenig erbaut gewest, daß er nur daran gedacht hatte, in höchschter Eile davonzukommen. Eener der Bottiche hatte ihm im Wege geschtanden, und er hatte sich gar nich die Zeit genommen, um denselben zu biegen; er hatte im Gegenteele über ihn hinwegschpringen wollen, war aber, da een Bär ja nich wie een Tiger schpringt, nich drüber hinweg, sondern vielmehr hineingeschprungen und hatte ihn von den Unterlagen, auf denen er schtand, herabgerissen. Da der Saft bereits sehre dickflüssig war, so verbreitete er eenen schtarken Zuckergeruch, über welchen das leichtsinnige Tier den Schturz vom Boome, den Schprung in die Grube und mich sofort vergessen hatte. Anschtatt mein „farewell“ zu beherzigen und die darin liegende Warnung zu reschpektieren, hatte sich der Bär unter dem Boome häuslich niedergelassen, um mit allem Behagen die Süßigkeet vom Lehme wegzulecken. Er war so sehr in diese angenehme Beschäftigung vertieft, daß er gar nicht bemerkte, daß ich mich längs der Wand nach der Thür hin schlich und dann in das Haus schlüpfte. Jetzt war ich in Sicherheet und nahm meine Flinte vom Nagel. Sie war natürlich geladen. Da der Bär off den Hinterpranken saß und ich so lange zielen konnte, wie es mir beliebte, konnte ich gar keenen Fehlschuß thun. Die Kugel traf das Tier genau an derjenigen Schtelle, an welcher nach Ansicht der Dichter die zarteren Gefühle schtecken sollen, nämlich grad ins Herz hinein. Der Bär zuckte zusammen, richtete sich weiter off, machte mit den Vorderpranken eenige Geschtikulationen und sank dann tot zu Boden. Er hatte infolge seines Leichtsinnes und seiner Genußsucht offgehört, als lebendes Wesen zu exischtieren. Das Schicksal schreitet schnell, und jeglicher Unverschtand findet seine gerechte Schtrafe, und wem nich schon das Morgenrot zum frühen Tode geleuchtet hat, der kann dann am Nachmittage bereits an der Ahornzuckerkrankheet verscheiden.“

„Das ist eine sehr ernste Nutzanwendung,“ sagte Old Shatterhand. „Sie macht Ihnen alle Ehre. Überhaupt habe ich die Bemerkung gemacht, daß Sie sehr interessant zu erzählen verstehen. Ich habe noch keinen gehört, dem es so wie Ihnen gelungen wäre, den Stoff in ein so geistreiches Gewand zu kleiden.“

„Ist das etwa een Wunder? Denken Sie an die Moritzburger Schulmeester, der sein ganzes, außerordentliches Wissen off mich übertragen hat, und denken Sie ooch an die Leihbibliothek und an die Lieferungswerke, deren treuer Abonnent ich gewest bin! Dazu war ich zweeter Tenor in unserem Gesangvereine und Schpritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr und Rettungsschar. Und ooch schpäter hab‘ ich schtets die Ohren geschpitzt, wo und wenn es was zu lernen gab. Unter solchen Umschtänden wird man klassisch, ohne daß man’s selber merkt, und nur die Devotion, mit welcher man von anderen behandelt wird, bringt eenen zur Erkenntnis, daß man sich weit über den Nullpunkt nach Fahrenheit und Reaumur erhoben hat. Der Geist des Menschen muß nach oben schtreben, denn nur dort zwischen den Schternen hören die zeitlichen und unterirdischen Kalamitäten off. Leider muß sich selbst eene ideale Natur, wie ich bin, mit ordinären Dingen befassen. Das ist der Kampf ums Dasein. Und da thue ich meine Pflicht und fürchte mich sogar vor dem größten Bären nich.“

„Nun, so gar sehr groß ist der Ihrige wohl nicht gewesen. Ein Grizzly kann nicht klettern. Was hatte er für eine Farbe?“

„Sein Fell war schwarz.“

„Und seine Schnauze?“

„War gelb.“

„Ah, so war es nur ein Baribal, vor welchem Sie gar keine Angst zu haben brauchen.“

„Oho! es war ihm anzusehen, daß er Appetit nach Menschenfleisch hatte!“

„Glauben Sie das nicht. Der Baribal frißt viel lieber Früchte als Fleisch. Ich mache mich anheischig, es ohne alle Waffen mit so einem dummguten Tiere aufzunehmen. Einige kräftige Faustschläge, und es würde davonlaufen.“

„Ja, das sind Sie! Sie schlagen ja, wie Ihr Name sagt, eenen Menschen mit der Fauscht nieder. Ich aber bin viel zarter besaitet und möchte es ohne Waffen nich versuchen. Übrigens habe ich damals den Braten aus dem Pelz geschält und den letzteren gewaschen, ganz ebenso wie meinen Anzug, welcher durch den Lehm ganz feuerfescht geworden war. Die Reparatur der Wände ließ ich sein; ich mochte mit dem Inhalte der Grube nichts zu thun haben. Aber als der Norweger mit seiner Familie zurückkehrte, lagen die Bärenschinken im Pökel, und ich wurde außerordentlich gelobt, denn ich hütete mich gar wohl, sämtliche Umschtände des fatalen Abenteuers an die Öffentlichkeet gelangen zu – – halt! Was läuft da?“

Er war, wie bereits erwähnt, während des Erzählens von seinem Platze aufgestanden. Einige Steintrümmer lagen nahe hinter ihm, auf welche er getreten war. Dadurch hatte er ein Tierchen aufgescheucht, dessen Aufenthalt unter den Steinen gewesen war. Es kam heraus, huschte blitzschnell über den Platz hinweg und fuhr in die Öffnung eines hohlen Baumstumpfes, welcher in der Nähe stand. Die Bewegungen des Tieres waren so schnell gewesen, daß man nicht hatte sehen können, zu welcher Gattung es gehörte.

Einer war wie elektrisiert von dem kleinen Vorkommnisse, nämlich der Neger Bob. Er sprang auf, rannte nach dem Baumstumpfe hin und rief:

„Ein Vieh, ein Vieh, haben hier laufen, haben sich verstecken in Loch! Masser Bob haben sagen, daß er fangen mit Händen das erste Tier, was er sehen. Masser Bob wird holen Vieh aus Baum heraus.“

„Vorsicht, Vorsicht!“ warnte Old Shatterhand. „Du weißt ja gar nicht, was für ein Tier es gewesen ist!“

„O, es sein nur so klein!“

Er zeigte mit den beiden Spitzfingern die Länge des Tieres an.

„Ein kleines Geschöpf kann unter Umständen gefährlicher werden als ein großes.“

„Ein Opossum sein nicht gefährlich.“

„Hast du denn gesehen, daß es ein solches war?“

„Ja, ja. Masser Bob haben sehen Opossum ganz deutlich. Es sein fett, sehr fett und geben einen Braten sehr delikat, o, sehr delikat!“

Er schnalzte mit der Zunge und leckte die Lippen, als ob er den Braten bereits vor sich habe.

„Und ich denke, du irrst dich. Ein Opossum ist nicht so behend, wie dieses Tierchen war.“

„Opossum auch schnell laufen, sehr schnell. Warum Massa Shatterhand nicht gönnen Neger Bob den guten Braten!“

„Nun, wenn du gar so überzeugt bist, dich nicht geirrt zu haben, so thue, was du willst. Uns aber bleibe mit dem Gerichte vom Leibe!“

„Sehr gern vom Leibe bleiben! Masser Bob geben keinem Menschen vom Opossum. Er essen den Braten allein, ganz allein. Jetzt aufpassen! Er ziehen Opossum aus Loch heraus!“

Er streifte den rechten Ärmel empor.

„Nicht so, nicht so!“ sagte Old Shatterhand. „Du mußt das Tier mit der Linken ergreifen und in die Rechte das Messer nehmen. Sobald du die Beute ergriffen hast, ziehst du sie heraus und kniest schnell darauf. Dann kann das Tier sich nicht bewegen und wehren, und du schneidest ihm schnell die Kehle durch.“

„Schön! Das sein sehr schön! Masser Bob werden es so machen, denn Masser Bob sein ein großer Westmann und ein berühmter Jäger.“

Er streifte nun den linken Ärmel auf, nahm das Messer in die rechte Hand und griff dann in das Loch hinein, erst vorsichtig und zögernd, bis er, als er nichts fühlte, den Arm weiter hinter schob. Dann aber ließ er plötzlich das Messer fallen, stieß einen lauten Schrei aus, zog heftige Grimassen und fuchtelte mit dem freien, rechten Arme in der Luft herum.

„Heigh-ho, heigh-ho!“ rief er jammernd. „Das thun weh, sehr weh!“

„Was denn? Hast du das Tier?“

„Ob Masser Bob es haben? Nein, sondern es haben den Massa Bob.“

„O weh! Hat es sich in deine Hand verbissen?“

„Sehr, ganz sehr verbissen!“

„So zieh; zieh nur!“

„Nein, denn das thun sehr weh!“

„Aber drin lassen kannst du die Hand doch auch nicht. Wenn so ein Tier sich einmal verbissen hat, so läßt es nicht wieder los. Also zieh! Und wenn du es heraus bringst, so greifst du schnell auch mit der anderen Hand zu, um es festzuhalten, während ich ihm den Gnadenstoß versetze.“

Er zog sein langes Messer aus dem Gürtel und trat zu Bob an den Baum. Der Schwarze zog jetzt den Arm zurück, freilich nur sehr langsam und unter Zähnefletschen und schmerzlichem Wimmern. Das Tier ließ wirklich nicht los und wurde also bis an die Öffnung des Loches gezogen. Jetzt that der Neger noch einen raschen Ruck. Das Tier kam heraus und hing mit dem Gebiß an seiner linken Hand. Er erfaßte es mit der Rechten schnell am hinteren Körperteile, in der Erwartung, daß Old Shatterhand nun schnell das Messer gebrauchen werde. Aber anstatt dieses zu thun, sprang der Genannte schleunigst zurück und rief:

„Ein Skunk, ein Skunk! Fort, fort, ihr Leute!“

Mit diesem Namen wird das amerikanische Stinktier bezeichnet. Es ist ein etwa 40 cm langes, zu den marderartigen Raubtieren gehörendes Säugetier, hat einen fast ebenso langen zweizeilig behaarten Schwanz und eine aufgeschwollene Nase an dem spitzen Kopfe. Das Fell ist schwarz und mit zwei schneeweißen, an den Seiten getrennt fortlaufenden und auf der Schulter zusammenfließenden Längsstreifen versehen. Es lebt von Eiern, kleinen Tieren, wird aber auch dem Hasen gefährlich, geht nur des Nachts auf Raub aus und bringt die übrige Zeit in Erdlöchern und hohlen Bäumen zu.

Dieses Tier verdient seinen lateinischen Namen Mephitis mit vollem Rechte. Es hat nämlich unter dem Schwanze eine Hohldrüse, aus welcher es, wenn es angegriffen wird, zu seiner Verteidigung eine außerordentlich schlecht riechende, scharfe, gelb ölige Flüssigkeit ausspritzt. Der Gestank derselben ist wahrhaft furchtbar und haftet mehrere Monate lang an den Kleidern, welche von dieser Flüssigkeit getroffen wurden. Da das Skunk den Feind aus ziemlicher Entfernung mit diesem mephitischen Safte zu treffen vermag, so hält sich jeder, welcher das Tier genau kennt, möglichst entfernt von ihm; denn wer von dem Safte getroffen wird, kann sehr leicht in die Lage kommen, wochenlang von aller menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.

Also anstatt eines Opossum hatte Bob ein solches Stinktier gefangen. Die anderen Männer waren alle von ihren Plätzen aufgesprungen und eilten davon.

„Wirf es weg! Schnell, schnell!“ rief der dicke Jemmy dem Neger zu.

„Masser Bob nicht kann wegwerfen,“ jammerte der Schwarze. „Es haben sich einbeißen in seine Hand und –-oh, au –- au, oh! Faugh, o shamefulness, pfui Teufel! Jetzt haben es Masser Bob anspritzen. 0 Tod, o Hölle, o Teufel! Wie stinken Masser Bob! Kein Mensch kann aushalten! Masser Bob müssen ersticken. Fort, fort mit Tier, mit Pestilenzviehzeug!“

Er wollte es von der Hand abschütteln, aber es hatte sich so in dieselbe verbissen, daß alle seine Mühe vergeblich war.

„Wart! Masser Bob dich schon herunter bekommen, du swine-fell, du stinking racker!“

Er holte mit der rechten Faust aus und versetzte dem Tier einen kräftigen Hieb auf den Kopf. Dieser Hieb betäubte den Skunk, trieb aber die Zähne desselben noch tiefer in die Hand des Negers. Vor Schmerz laut brüllend, riß dieser sein Messer vom Boden empor und schnitt dem Tiere die Gurgel durch.

„So!“ rief er. „Jetzt haben Masser Bob gesiegt. Oh, Masser Bob sich nicht fürchten vor keinem Bären und vor keinem smelling beast. Alle Massers herkommen und sehen, wie Masser Bob haben tot gemacht ein reißend Tier!“

Aber sie hüteten sich wohl, ihm zu nahe zu kommen, denn er verbreitete einen so entsetzlichen Geruch, daß sich alle, die doch sehr entfernt von ihm standen, die Nase zuhielten.

„Nun, warum nicht kommen?“ fragte er. „Warum nicht feiern Sieg mit Masser Bob?“

„Kerl, bist du toll!“ antwortete der dicke Jemmy. „Wer kann dir zu nahe kommen! Du duftest ja noch viel schlimmer als die Pest!“

„Ja, Masser Bob riechen sehr schlecht. Masser Bob es selber auch schon merken! Oh, oh, wer kann aushalten diesen Duft!“

Er machte ein schreckliches Gesicht.

„Wirf doch das Vieh weg!“ rief Old Shatterhand.

Bob versuchte, dieser Weisung nachzukommen; es gelang ihm nicht.

„Zähne sind zu tief in Masser Bobs Hand. Masser Bob können nicht aufmachen Maul von Vieh!“

Er zog und zerrte unter Ach und Oh an dem Kopfe des Skunks herum, aber vergeblich.

Thunder-storm!“ schrie er zornig. „Skunk können doch nicht ewig hängen bleiben an Hand von Masser Bob! Sein denn niemand da, kein gut, liebevoll Mensch, der wollen helfen armen Masser Bob?“

Das erbarmte den Sachsen. Sein mitleidiges Herz gab ihm das Wagnis ein, den Neger von seinem toten Feinde zu erlösen. Er näherte sich ihm, allerdings nur sehr langsam und sagte:

„Höre, liebster Bob, ich will’s mal versuchen. Du duftest mir zwar sehre nach Geruch, aber meine Menschlichkeet wird’s wohl überwinden. Aber ich mach‘ die Bedingung, daß du mich nich etwa berührst!“

„Masser Bob nicht kommen an Massa Frank!“ beteuerte der Neger.

„Nun gut! Doch ooch deine Kleeder dürfen nich an die meinigen kommen, sonst duften wir zu zweet, und ich will dir dieses ehrenvolle Recht doch lieber alleene überlassen.“

„Massa Frank nur kommen! Masser Bob sich ganz sehr in acht nehmen!“

Es war wirklich eine Art von Heldentum zu nennen, daß der kleine Sachse jetzt zu dem Schwarzen trat. Winnetou, Old Shatterhand, Jemmy und Davy, die sonst so kühnen Männer, wagten es nicht. Streifte Frank nur leise eine Stelle an Bobs Kleidung, welche von der Flüssigkeit getroffen war, so verfiel er dem Schicksal eines Ausgestoßenen, wenn er es nicht vorzog, sich für immer seiner Kleidung zu entäußern.

je näher er kam, desto stärker und widerlicher wurde der Gestank, welcher ihm fast den Atem nahm. Aber er hielt tapfer aus.

„Nun, schtreck mir mal den Arm entgegen, Schwarzer!“ gebot er. „Gar zu nahe an dich heran will ich mich doch nich wagen.“

Bob gehorchte diesem Befehle, und der Sachse faßte mit der einen Hand die obere und mit der anderen die untere Kinnlade des Tieres, um den Neger zu befreien. Es gelang ihm das nur durch Aufbietung aller seiner Kräfte. Er mußte das Maul des Skunks geradezu aufbrechen und sprang dann eiligst wieder zurück. Es war ihm ganz schwindelig, als ob er umfallen müsse, so infernalisch roch der Neger.

Dieser war sehr froh, nun befreit zu sein. Seine Hand blutete zwar, aber er achtete nicht sogleich darauf, sondern rief:

„So, jetzt Masser Bob zeigt haben, wie mutig er sein. Glauben nun alle weiß und rot Massers, daß schwarzer Neger sich nicht fürchten?“

Er kam während dieser Worte auf die anderen zu. Da aber hob Old Shatterhand sein Gewehr empor, richtete es auf Bobs Brust und befahl:

„Bleib‘ stehen, sonst schieße ich dich nieder!“

„O Himmel! Warum wollen totschießen arm gut Masser Bob?“

„Weil du uns ansteckst, wenn du uns berührst. Lauf schnell fort, am Wasser abwärts hin, möglichst weit, und wirf alle deine Kleider von dir ab.“

„Kleider abwerfen? Massa Bob soll hergeben sein schön Kalikorock und schön Hosen und Weste?“

„Alles, alles! Dann kommst du zurück und setzest dich da in den Teich, so daß dir das Wasser bis an den Hals geht. Also schnell! je länger du zögerst, desto länger behältst du den Gestank an dir.“

„Welch ein Unglück! Mein schön Anzug! Massa Bob ihn waschen, und dann nicht mehr riechen!“

„Nein, Massa Bob wird mir gehorchen, sonst schieße ich ihn augenblicklich nieder. Also – eins – zwei – und -drrrr – – – !“

Er schritt mit erhobenem Gewehr auf den Neger zu.

„Nein, nein!“ schrie dieser. „Nicht totschießen! Massa Bob laufen fort, schnell, sehr schnell!“

Er verschwand eiligst im Dunkel der Nacht. Natürlich war die Drohung Old Shatterhands nicht ernst gemeint gewesen; sie bildete aber das beste Mittel, den Neger zum schnellen Gehorsam zu bringen. Er kehrte bald zurück und mußte sich in das Wasser des Teiches setzen, um sich unaufhörlich abzuwaschen. Als Seife erhielt er dazu ein dickes Gemengsel von Bärenfett und Holzasche, welche letztere ja bei den Feuern überflüssig vorhanden war.

„Wie schade um schön Fett vom Bären!“ klagte er. „Massa Bob konnten einreiben sein Haar mit diesem Fett und sich machen viel schöne Löckchen. Massa Bob sein ein fein ringlet-man, aber doch kein geborener Nigger, denn er können Löckchen flechten, so lang, so sehr lang!“

„Wasch dich nur!“ lachte Jemmy. „Denke jetzt nicht an deine Schönheiten, sondern an unsere Nasen!“

Der Schwarze verbreitete nämlich, trotzdem er sich seines Anzuges entledigt hatte und obgleich er im Wasser saß, einen penetranten Geruch.

„Aber,“ fragte er, „wie lange müssen Massa Bob hier sitzen und waschen?“

„Solange wir hier bleiben, also bis morgen früh.“

„Das können Massa Bob nicht aushalten!“

„Du wirst gezwungen werden, es auszuhalten. Eine andere Frage ist, ob die übriggebliebenen Forellen es aushalten werden. Ich weiß nicht, ob die Fische Geruchsnerven besitzen, aber wenn es der Fall ist, so werden sie über den Besuch, den du ihnen jetzt machst, nicht sehr erfreut sein.“

„Und wann darf Massa Bob seinen Anzug holen, um auch ihn zu waschen?“

„Gar nicht. Der bleibt liegen, wo er liegt, denn er ist unbrauchbar geworden.“

„Aber was wird da arm Massa Bob nun anziehen?“

„Ja, das ist freilich eine schlimme Angelegenheit! Es gibt keinen Ersatz für dein Habit. Du wirst also wohl dich in das Grizzlyfell wickeln müssen, welches Martin heute erbeutet hat. Vielleicht finden wir droben zwischen den Felsengebirgen das übrig gebliebene Magazin eines urweltlichen marchand tailleur, woraus du dich mit Strümpfen und einem Havelock versehen kannst. Bis dahin aber wirst du in unserem Zuge aber die Nachhut bilden, denn wenigstens während der nächsten acht Tage darfst du uns nicht sehr nahe kommen. Also wasch nur fleißig, wasch! Denn je mehr du reibst, desto eher verliert sich der Geruch.“

Und Bob rieb aus Leibeskräften. Nur sein Kopf ragte aus dem Wasser hervor, und es war wirklich lustig zuzusehen, was für Grimassen er schnitt.

Die anderen waren indessen an das Lagerfeuer, an welchem sie vorher gesessen hatten, zurückgekehrt. Natürlich bildete zunächst das so tragikomisch abgelaufene Abenteuer den Gegenstand der Unterhaltung. Dann wurde der lange Davy gebeten, eines seiner Erlebnisse zu erzählen. Er gab diesem Wunsche Folge und berichtete von einer Zusammenkunft mit einem alten Trapper, welcher als Schießvirtuos bekannt gewesen war. Nachdem er einige Kunststücke dieses Mannes beschrieben hatte, fügte er die Bemerkung hinzu:

„Aber das ist alles nichts. Es gibt noch weit bessere Schützen. Ich kenne zwei, welche von niemand übertroffen werden, und diese beiden sitzen hier bei uns. Ich meine Winnetou und Old Shatterhand. Bitte, Sir, wollt Ihr uns nicht irgend einen von Euch ausgeführten Kapitalstreich erzählen? Ihr habt ja so viel erlebt, daß Ihr nur mit dem Ärmel zu schütteln braucht, so fallen die Abenteuer zu Hunderten heraus.“

Diese letzten Worte waren an Old Shatterhand gerichtet. Dieser antwortete nicht sofort. Er holte tief Atem, als ob er etwas in der Luft Liegendes durch den Geruchssinn prüfen wolle.

„Ja, der Kerl dort im Wasser duftet noch ganz gehörig,“ sagte Jemmy.

„O, ihm galt mein Atemzug nicht,“ antwortete Old Shatterhand, indem er einen prüfenden Blick seitwärts auf sein Pferd richtete, welches aufgehört hatte zu grasen und die Luft prüfend durch die Nüstern sog.

„So riecht Ihr etwas anderes?“ fragte Davy.

„Nein; aber ich denke, daß ich vielleicht verhindert sein werde, euch ein Abenteuer von mir bis zu Ende zu erzählen.“

„Warum?“

Anstatt direkt zu antworten, wandte Old Shatterhand sich zunächst halblaut zu Winnetou:

„Teschi-ini!“

Das heißt auf deutsch „paß auf !“ Da die anderen die Sprache der Apachen nicht verstanden, so wußten sie nicht, was er meinte. Winnetou nickte und griff nach seiner Büchse, welche er neben sich liegen hatte. Er zog sie ganz nahe an sich heran.

Old Shatterhands Pferd wendete den Kopf schnaubend nach dem Feuer. Seine Augen funkelten.

„Isch-hosch-ni!“ rief er dem Tiere zu, und es legte sich sofort in das Gras nieder, ohne ferner ein Zeichen von Unruhe merken zu lassen.

Da auch Old Shatterhand jetzt seinen Stutzen ganz an sich heranzog, so fragte Jemmy, welchem das Verhalten dieser beiden Männer aufgefallen war:

„Was habt Ihr, Sir? Euer Pferd scheint etwas zu wittern?“

„Es riecht den Duft des Negers, weiter nichts,“ versuchte der Gefragte ihn zu beruhigen.

„Aber ihr beide greift zu den Waffen!“

„Weil ich mit Euch von dem Hüftenschusse sprechen will. Ihr habt doch wohl bereits von demselben gehört?“

„Natürlich!“

Aber Frank meinte, obgleich jetzt englisch gesprochen worden war, in seinem sächsischen Deutsch:

„Hören Sie, Master Shatterhand, da werden Sie sich wohl mehrschtenteels eenes falschen Ausdruckes bedient haben!“

„Wieso?“

„Das heeßt nämlich nich Hüftenschuß, sondern Hexenschuß. Wer den bekommt, der geht sehre gebückt und lahm, denn es liegt ihm jämmerlich im Kreuze und in den Hüften, aber trotzdem ist der Ausdruck Hüftenschuß een orthographisch-medizinisch ganz falscher.“

Old Shatterhand ließ es sich, während Frank sprach, nicht merken, daß er ebenso wie Winnetou den jenseits des Baches und Teiches liegenden Waldesrand und die wirr unter- und übereinanderliegenden Trümmer des Windbruches mit scharfem Blicke absuchte. Er hatte seinen Hut so weit in die Stirn gezogen, daß die Augen tief im Schatten lagen und man nicht genau zu sehen vermochte, nach welcher Richtung und auf welchen Gegenstand sie gerichtet waren. Dennoch antwortete er im unbefangensten Tone:

„Bitte, mein bester Frank, ich weiß gar wohl, was Hexenschuß ist. Es war aber ein anderer Schuß von mir gemeint.“

„Ach so! Nun, welcher denn?“

„Der Hüftenschuß, wie ich sagte. Damit meine ich den Schuß, bei welchem man das Gewehr nicht wie gewöhnlich anlegt, sondern es nur bis an die Hüfte erhebt.“

„Da kann man doch gar nicht zielen!“

„Es ist allerdings schwierig, sich die dazu nötige Fertigkeit anzueignen, und es gibt gar manchen guten Westmann, welcher sein Ziel niemals fehlt, aber beim Hüftenschuß regelmäßig vorüberschießt.“

„Wozu hat man da den Hüftenschuß erfunden? Es ist doch besser, man zielt in der gewöhnlichen Weise, in der man des Treffens sicher ist.“

„Nein! Es gibt Lagen, in denen man ohne die erwähnte Fertigkeit des Todes sein würde.“

„Das ist mir aber unbegreiflich.“

„So will ich es Euch erklären.“

Sein Auge fuhr nochmals mit scharfem Bücke nach der bereits erwähnten Gegend hinüber; dann fuhr er fort:

„Der Hüftenschuß wird nämlich bloß vorgenommen, wenn man sitzt oder am Boden liegt, um den Gegner nicht wissen zu lassen, daß man überhaupt zu schießen beabsichtigt; denkt Euch einmal, es befänden sich feindliche Indianer in der Nähe, welche die Absicht hätten, uns zu überfallen. Sie senden ihre Kundschafter aus, welche sich anschleichen, um zu erfahren, wie stark wir sind, ob unser Lagerplatz ihren Absichten günstig sei, und ob wir die nötige Vorsicht nicht aus dem Auge lassen. Diese Kundschafter kommen auf Händen und Füßen herbeigekrochen –“

„Aber sie müssen doch von unseren ausgestellten Posten bemerkt und entdeckt werden!“ warf Frank ein.

„Das ist nicht so gewiß, wie Ihr denkt. Ich zum Beispiel habe mich bis in das Zelt Tokvi-teys geschlichen, obgleich er Posten ausgestellt hatte und trotzdem das Terrain aus einer flachen Grasebene bestand. Hier aber stehen rundum Bäume, welche das Anschleichen außerordentlich erleichtern, und unsere Posten sind, wie Ihr ja gehört habt, in dem Wahne, daß es hier gar keine Feinde geben könne. Sie werden also wohl nicht gar zu aufmerksam sein. Doch weiter! Die Kundschafter haben sich an unseren Posten vorübergeschlichen. Sie liegen am Rande des Waldes, hinter oder zwischen dem vom Windbruche aufgehäuften Holzgewirr, und beobachten uns. Gelingt es ihnen, zu den Ihrigen zurückzukehren, so sind wir vielleicht verloren; wir werden angegriffen, ohne es geahnt zu haben, und also vernichtet. Das beste Gegenmittel ist, die Kundschafter unschädlich zu machen –“

„Also sie erschießen?“

„Ja! Im Princip bin ich gegen alles Blutvergießen; aber in einem solchen Falle wäre es ja Selbstmord, wenn man den Feind schonen wollte. Man muß ihm die Kugel geben und zwar so, daß sie tötet.“

„Tkih akan – sie sind nahe,“ flüsterte der Häuptling der Apachen.

„Teschi-schi-tkih – ich sehe sie,“ antwortete Old Shatterhand.

„Naki – zwei!“

„Ha-oh – ja!“

„Schi-ntsage, ni-akaya – nimm du diesen, und ich nehme jenen!“

Dabei ließ der Apache seine Hand von links nach rechts gleiten.

„Tayassi – in die Stirn,“ nickte Old Shatterhand.

„Sagt uns doch, Sir, was für Heimlichkeiten ihr miteinander habt?“ fragte der lange Davy.

„Nichts Ungewöhnliches! Ich sagte dem Häuptling in der Sprache der Apachen, daß er mir beistehen solle, Euch zu erklären, was es mit dem Hüftenschuß für eine Bewandtnis hat.“

„Na, das weiß ich schon. Mir ist er freilich nie gelungen, so sehr ich mich geübt habe. Und um auf Eure vorigen Worte zurückzukommen, so müßte man doch die Kundschafter gesehen haben, bevor man sie erschießen kann.“

„Natürlich!“

„In der Dunkelheit des Dickichts da drüben?“

„Ja!“

„Sie werden sich aber hüten, so weit aus demselben herauszukommen, daß man sie sehen kann!“

„Hm! Ich wundere mich über Eure Worte, denn ich habe Euch für einen tüchtigen Westmann gehalten.“

„Na, hoffentlich bin ich auch kein Grünschnabel!“

„So müßt Ihr wissen, daß die Kundschafter nicht hinter dem Dickicht versteckt bleiben können. Wenn sie uns sehen und beobachten wollen, so müssen sie doch wenigstens die Augen, also einen Teil des Gesichtes, hervorstrecken.“

„Und das wollt Ihr sehen?“

„Gewiß.“

„Alle Wetter! Ich habe freilich gehört, daß es Westmänner gebe, welche die Augen eines anschleichenden Feindes in dunkler Nacht zu entdecken vermögen. Da unser dicker Jemmy zum Beispiel behauptet es auch zu können; aber er hat noch keine Gelegenheit gehabt, es mir zu beweisen.“

„Nun, was das betrifft, so kann ganz unerwartet die Gelegenheit kommen, diesen Beweis zu liefern.“

„Sollte mich freuen! Ich habe die Sache für unmöglich gehalten; aber wenn Ihr mir sagt, daß es wahr sei, so glaube ich es.“

Shatterhand musterte den Waldesrand abermals, nickte befriedigt vor sich hin und antwortete:

„Habt Ihr vielleicht einmal des Nachts im Meere die Augen einer Tintorera, eines Haifisches, glänzen sehen?“

„Nein!“

„Nun, diese Augen sieht man ganz deutlich. Sie haben einen phosphoreszierenden Glanz. Jedes andere, auch das Menschenauge, besitzt denselben Glanz, allerdings nicht in dieser Stärke. Und je mehr des Nachts die Sehkraft eines Auges angestrengt ist, desto deutlicher ist dasselbe trotz der Dunkelheit zu bemerken. Befände sich zum Beispiel jetzt da drüben in dem Gebüsch ein Kundschafter, welcher uns beobachtete, ich würde seine Augen sehen und Winnetou ebenso.“

„Das wäre stark!“ meinte Davy. „Was sagst du dazu, mein alter Jemmy?“

„Ich denke, daß ich auch nicht blind bin,“ antwortete der Gefragte. „Zum Glück sind wir hier vor einem solchen Besuche sicher. Es ist immerhin eine heikle Sache, in die Lage zu kommen, in welcher ein guter Hüftenschuß notwendig ist. Nicht wahr, Sir?“

„Ja,“ nickte Old Shatterhand. „Schaut her, Master Frank! Also gesetzt, da drüben befindet sich ein feindlicher Kundschafter, dessen Augen ich zwischen den Blättern glänzen sehe. Ich muß ihn natürlich töten, sonst riskiere ich mein eigenes Leben. Aber wenn ich, wie man es gewöhnlich macht, das Gewehr an die Wange lege, so sieht er doch, daß ich schießen will, und zieht sich augenblicklich zurück. Vielleicht hat er gar bereits seinen Lauf auf mich gerichtet und feuert seinen Schuß eher ab, als ich den meinigen. Das muß ich vermeiden, indem ich eben den Hüftenschuß in Anwendung bringe. Bei demselben sitzt man ruhig und scheinbar unbefangen da, wie ich jetzt. Man greift zur Büchse, welche eng an der rechten Seite liegt, und hebt sie langsam ein wenig empor, als ob man etwas nachsehen oder nur mit ihr spielen wolle. Man senkt, so wie ich jetzt, den Kopf, als ob man abwärts blicke, hat aber das Auge im Schatten der Hutkrämpe und hält den Blick scharf auf das Ziel gerichtet, wie gesagt, geradeso wie Winnetou und ich jetzt.“

So wie er in Worten erklärte, so that er auch, und der Apache ebenso.

„Man drückt den Kolben mit der rechten Hand fest an die Hüfte und den Lauf an das Knie, greift mit der linken nach rechts hinüber und legt sie oberhalb des Schlosses an das Gewehr, welches dadurch eine höchst sichere Lage erhält, legt den Zeigefinger der rechten Hand an den Drücker, richtet den Lauf so, daß die Kugel nahe über den Augen, also in die Stirn des Kundschafters einschlagen muß, ein Zielen, welches allerdings gelernt sein will, und drückt los – – da!“

Sein Schuß blitzte auf, und in demselben Augenblicke krachte auch derjenige des Apachen. Beide sprangen dann blitzschnell vom Boden auf. Winnetou schnellte, sein Gewehr von sich werfend und das Messer aus dem Gürtel reißend, wie ein Panther über den Bach hinüber und in das Dickicht hinein.

„Uhvai Vunun! Uhvai pa-ave! Uhvai umpare! – die Feuer aus! Nicht bewegen! Nicht sprechen!“ rief Old Shatterhand im Utahdialekte der Schoschonen.

Zugleich warf er, indem er mit dem bestiefelten Fuße in das Feuer, an welchem er gesessen hatte, fuhr, die Brände desselben in den Teich. Dann sprang er dem Apachen nach.

Die Schoschonen waren ebenso wie die Weißen bei dem Knall der beiden Schüsse emporgesprungen. Die geistesgegenwärtigen roten Krieger befolgten, als sie Old Shatterhands Ruf hörten, im Augenblicke seinen Befehl, indem sie die Brände ins Wasser schleuderten. Im Nu herrschte tiefe Dunkelheit, und doch waren seit den Schüssen kaum vier oder fünf Sekunden vergangen.

Auch das Gebot, still zu sein, wurde berücksichtigt, nur von einem nicht, nämlich von dem im Wasser sitzenden Neger, um dessen Kopf die Feuerbrände flogen und zischend in der Flut verlöschten.

„Jessus, Jessus!“ schrie er auf. „Wer haben da schießen? Warum werfen Feuer auf arm Masser Bob? Soll Masser Bob verbrennen und versaufen? Soll er werden gekocht wie Karpfen? Warum es dunkel werden? Oh, oh, Masser Bob sehen gar niemand mehr!“

„Schweig, Dummkopf!“ rief Jemmy ihm zu.

„Warum soll Masser Bob schweigen? Warum jetzt nicht–“

„Still! Sonst wirst du erschossen! Es sind Feinde hier!“

Von diesem Augenblicke an war „Masser Bobs“ Stimme nicht mehr zu hören. Er saß bewegungslos im Wasser, um seine teure Gegenwart dem Feinde ja nicht zu verraten.

Stille war es rundum. Nur ein zeitweiliges Hufstampfen oder das Schnauben eines Pferdes ließ sich hören. Die so unerwartet aus ihrer Sicherheit aufgeschreckten Männer hatten sich eng zusammengedrängt. Die Indianer sprachen kein Wort; die Weißen aber flüsterten einander leise Bemerkungen zu.

„Was ist denn los? Was ist denn geschehen, Herr Pfefferkorn?“ fragte der Hobble-Frank. „Die zwee Beeden brauchten doch gar nich zu schießen. Wir hätten die Erklärung ooch ohne die Schüsse verschtanden. Oder sollten in Wirklichkeet sich feindselige Wesen in unserer Nähe befinden?“

„Ganz gewiß. Was Old Shatterhand als bloßes Beispiel darstellte, das fand in Wirklichkeit statt. Er hat einen oder wohl gar mehrere Kundschafter gesehen.“

„Alle Teufel! Das kann zuweilen für uns äußerscht gefährlich werden! Es müssen mehrere Kerls gewest sein, sonst hätte der Apache nich ooch mit geschossen. Was ist da zu thun?“

„Wir müssen ruhig warten, bis die beiden zurückkehren.“

„Hm! Die sind übers Wasser nüber! So eene unvorsichtige Verwegenheet! Wenn sie nun da drüben von den Kundschaftern erwischt und um ihr bißchen irdisches Dasein gebracht werden!“

„Pah! Diese zwei Männer wissen ganz genau, was sie thun. Zunächst ließ Old Shatterhand die Feuer auslöschen, damit niemand auf uns zielen könne, falls außer den beiden Erschossenen noch mehr Feinde vorhanden sein sollten.“

„So denken Sie also, daß die Kerls wirklich erschossen worden sind?“

„Ich will sogar mitwetten, daß die genau in die Stirne getroffen wurden.“

„Das wäre mehr als schtark! Das wäre sogar schtärker und am schtärksten! Was da für Oogen dazu gehören! Und nun suchen sie drüben wohl, ob der Feind in größerer Menge angezogen kommt?“

Ehe Jemmy antworten konnte, ertönte Old Shatterhands laute Stimme:

„Ein Feuer wieder anbrennen! Haltet euch aber fern von demselben, damit ihr nicht gesehen werdet.“

Jemmy und Davy knieten nieder, um diesen Befehl zu erfüllen, und zogen sich dann schleunigst in die Dunkelheit zurück.

„Erscht wird das Feuer ausgelöscht und nun wieder angebrannt. Wozu denn aber? Ich kann das nich begreifen!“ flüsterte Frank dem Dicken zu.

„Das ist auch nicht notwendig,“ antwortete dieser. „Darauf, daß gerade Sie es begreifen sollen, ist es wohl auch gar nicht angefangen.“

„Aber eenen Zweck muß es doch haben!“

„Allerdings. Unsere beiden Anführer haben das Terrain erst im Dunkel abgesucht und jedenfalls weiter nichts Verdächtiges gefunden. Nun wollen sie wohl tiefer in den Wald hinein. Da werden sie einen weiten Kreis um das Lager beschreiben, und indem sie auf dem Boden hinkriechen und dabei immer gegen das Feuer blicken, kann ihren scharfen, geübten Augen nichts Verdächtiges entgehen.“

„So also ist’s gemeent! Hören Sie mal, mein lieber Herr Pfefferkorn, tüchtige Kerls sind diese zwee Beeden! Zu dem, was sie können und was sie wagen, gehört wirklich mehr als Zuckerwassertrinken! Ich gloobe nich, daß ich’s zu schtande brächte. Aber wenn’s zum Kampfe kommt, da schtelle ich meinen Mann; das können Sie mir gern und dreiste glooben!“

„Ich hoffe das, da Sie es jedenfalls gut verstehen, mit Ihrem Gewehre umzugehen.“

„Na, und ob und wie! Aber sehen Sie doch mal hin nach dem Teiche! Da sitzt der Bob noch immer. Er hat den Kopf so tief niedergezogen, daß ihm das Wasser bis an den Mund geht. Der will nich erschossen sein und doch ooch nich ertrinken.“

„Er mag allerdings keine geringe Besorgnis fühlen. Schau! Da kommen sie!“

Im Scheine des Feuers waren Winnetou und Old Shatterhand zu sehen, welche zurückkehrten, jeder mit einem Gewehre in der Hand und einem Indianer auf der Schulter. Die anderen wollten sich um sie drängen, aber Old Shatterhand sagte:

„Jetzt gibt es keine Zeit zu Auseinandersetzungen. Diese beiden Toten werden auf Reservepferde gebunden und dann brechen wir auf. Es sind zwar nur die beiden hier am Lager gewesen, aber man kann nicht wissen, wie viele hinter ihnen stehen. Also schnell.“

Beide Leichen hatten ein rundes Loch in der Stirn und auch ein solches im Hinterkopfe. Die Kugeln waren ihnen also durch den Kopf gegangen, ganz wie Old Shatterhand zu Winnetou gesagt hatte: „Tayassi – in die Stirn.“

Die anderen waren wohl auch vortreffliche Schützen, eine so unglaubliche Sicherheit des Schusses aber setzte sie in das größte Erstaunen, und die Schoschonen flüsterten heimlich miteinander und warfen abergläubische Blicke auf die beiden berühmten Männer.

Der Aufbruch wurde schnell und still vorbereitet. Natürlich mußte das Feuer wieder verlöscht werden; dann setzten Winnetou und Shatterhand sich an die Spitze des Zuges, und der nächtliche Ritt begann.

Wohin er gehen solle, das fragte niemand. Man verließ sich auf die beiden Führer. Das Thal wurde bald so eng, daß einer hinter dem anderen reiten mußte. Dieser Umstand und die gebotene Vorsicht ließen kein Gespräch aufkommen.

Natürlich hatte man den Neger nicht im Wasser sitzen lassen. Er saß ohne Kleidung auf seinem Gaule und mußte am Ende des Zuges reiten, weil er das duftende Vermächtnis des Stinktieres noch sehr merklich an sich trug. Er hatte vom langen Davy dessen alte, zerfetzte Santillodecke, welche demselben als Sattel diente, erhalten und sie sich wie einen Südseeinsulanerschurz um die Hüften gewickelt. Er war mit sich und seinem Schicksale zerfallen, und sein immerwährendes leises Vorsichhinbrummen ließ vermuten, daß er allerhand trüben und zornigen Gedanken Audienz gebe.

So ging es in möglichster Stille und möglichster Schnelligkeit stundenlang fort, erst durch das enge Thal, dann eine breite, kahle Berglehne empor, drüben wieder hinab, über eine vielfach gewundene, schmale Prairie, und als der Tag endlich zu grauen begann, stieg vor den Reitern ein steiler Paß zwischen hohe, dunkel bewaldete Berge hinein. Dort, am Fuße der letzteren, blieben die beiden Führer halten und stiegen von ihren Pferden. Die anderen folgten diesem Beispiele.

Die beiden Leichen wurden von den Pferden genommen und auf die Erde gelegt. Die Schoschonen bildeten einen weiten Kreis um die Stelle. Sie wußten, daß jetzt eine Untersuchung beginnen werde, deren Schwierigkeit sie sehr gut kannten. Hier durften zunächst nur die Häuptlinge sprechen; die gewöhnlichen Krieger mußten es abwarten, ob man sie mit zu Rate ziehen werde oder nicht.

Die Toten waren nach indianischer Weise teils in Zeug und teils in Leder gekleidet. Ihr Alter war kaum mehr als zwanzig Jahre.

„Das dachte ich mir,“ sagte Old Shatterhand. „Nur unerfahrene Krieger öffnen, wenn sie ein feindliches Lager beschleichen, die Augen so vollständig, daß deren Leuchten so gut bemerkt werden kann. Ein schlauer Kundschafter aber versteckt das Auge halb unter Lid und Wimper. Dann ist es selbst für unsereinen schwer, seinem Blicke mit dem unserigen zu begegnen. Aber zu welchem Stamme gehören sie?“

Diese Frage war an Jemmy gerichtet.

„Hm!“ brummte dieser. „Werdet Ihr glauben, Sir, daß Euere Frage mich verlegen macht?“

„Ich glaube es, denn ich kann sie in diesem Augenblicke selbst auch nicht beantworten. Auf einem Kriegszuge befinden sie sich; das ist sicher, denn die Kriegsfarben in ihren Gesichtern sind zwar ziemlich verwischt, aber doch vorhanden. Schwarz und rot! Die Farben der Ogallala. Aber die Kerls scheinen doch keine Sioux zu sein. Aus ihrer Kleidung ist nichts zu ersehen. Durchsuchen wir doch einmal ihre Taschen!“

Dieselben waren vollständig leer. Trotz sorgfältigsten Suchens war nicht die geringste Kleinigkeit zu finden. Bei jeder Leiche hatte gestern abend ein Gewehr gelegen. Auch diese wurden untersucht. Sie waren geladen, zeigten aber kein Merkmal, aus welchem man auf die Stammesangehörigen der Erschossenen hätte schließen können.

„Vielleicht sind sie ganz ungefährlich für uns gewesen,“ bemerkte der lange Davy. „Sie sind zufällig in die Gegend gekommen, in welcher wir lagerten, und haben uns zu ihrer eigenen Sicherheit beschleichen müssen. In diesem Falle wären sie fortgegangen, ohne uns ein Leid zu thun, und dann bedaure ich sehr, daß sie ihr Leben haben geben müssen.“

Old Shatterhand schüttelte den Kopf und antwortete:

„Ihr wollt ein Westmann sein, Master Davy? Wenn Ihr wirklich einer seid, so kann man von Euch verlangen, daß Ihr gelernt habt, folgerichtig zu denken.“

„Nun, Sir, ich meine, daß ich meine fünf Sinne beisammen habe.“

„Wirklich? Na, ich will nicht daran zweifeln. Aber der Ort, an welchem wir lagerten, war so beschaffen, daß man nicht zufällig an ihn gelangt. Diese Leute hier sind unserer Spur gefolgt.“

„Das beweist noch nichts gegen sie!“

„Nein. Aber sie haben ganz vorsichtigerweise alles von sich gethan, was auf ihren Stamm schließen lassen könnte. Das ist verdächtig. Sie waren mit Gewehren, aber nicht mit Munition versehen. Das ist noch verdächtiger, denn ohne Pulver und Blei entfernt kein Indianer sich von seiner Horde. Sie gehören unbedingt zu einer Truppe, deren Kundschafter sie sind.“

„Hm! vielleicht haben sie nicht einmal Pferde gehabt.“

„Nicht? Seht Euch doch einmal die Lederhose dieses einen an. Sind nicht die Beine an den inneren Seiten aufgerieben? Wovon soll das sein, wenn nicht vom Reiten!“

„Von früher her vielleicht.“

Old Shatterhand kniete nieder und hielt seine Nase an die Hose. Dann sagte er, wieder aufstehend:

„Riecht einmal dieses Beinkleid an! Der Pferdegeruch ist nicht zu verkennen; da er aber in der Wildnis schnell vergeht, so will ich um viel mitwetten, daß diese beiden Roten noch gestern zu Pferde gesessen haben.“

Da trat Wohkadeh, welcher bisher in respektvoller Entfernung gestanden hatte, herbei und sagte:

„Die berühmten Männer mögen Wohkadeh erlauben, ein Wort zu sprechen, obwohl er noch jung und unerfahren ist!“

„Sprich immerhin,“ nickte Old Shatterhand ihm wohlwollend zu.

„Wohkadeh kennt zwar nicht diese roten Krieger, aber er kennt das Jagdhemde des einen.“ .

Er bückte sich nieder, hob den Saum des Jagdhemdes empor, deutete auf einen Schnitt, welcher sich in demselben befand, und erklärte:

„Wohkadeh hat sein Totem (Zeichen) hineingeschnitten, denn es sollte ihm gehören.“

„Ah! Das ist ein ganz wunderbares Zusammentreffen. Vielleicht erfahren wir nun Genaueres.“

„Wohkadeh kann nichts Sicheres sagen, aber er vermutet, daß diese beiden jungen Krieger zum Stamme der Upsarocas gehören.“

So nennen sich die Krähenindianer.

„Welchen Grund hat mein junger Bruder zu dieser Vermutung?“ fragte Old Shatterhand.

„Wohkadeh war dabei, als die Upsarocas von den Sioux Ogallala bestohlen wurden. Wir kamen von dem langgestreckten Berge her, welchen die Bleichgesichter den Rücken des Fuchses nennen, und gingen über den nördlichen Arm des Cheyenneflusses, da, wo derselbe sich zwischen dem dreifachen und dem Inyancara-Berge hindurchwindet. Während wir zwischen dem Berge und dem Flusse hinritten, bogen wir um die Ecke eines Waldes und sahen viele rote Männer, welche im Wasser badeten. Es war ein heißer Tag. Die Ogallalas hielten eine kurze Beratung. Die Badenden waren Upsarocas, also Feinde von ihnen. Es wurde beschlossen, ihnen die größte Schande anzuthun, welche einem roten Krieger widerfahren kann ––“

„Alle Teufel!“ rief Old Shatterhand. „Sie haben ihnen doch nicht etwa die größten Heiligtümer, ihre Medizinbeutel, rauben wollen?“

„Mein weißer Bruder hat es erraten.“

„So weiß ich nun alles, was du erzählen willst. Aber sprich nur weiter!“

„Die Sioux-Ogallala ritten unter den Bäumen hin bis zur Stelle, an welcher die Pferde der Upsarocas weideten. Dort lagen deren Kleider und Waffen, dazu auch die Medizinen, die sonst kein Krieger vom Halse nimmt. Die Ogallala stiegen ab und schlichen sich hinzu. Da ein Gebüsch zwischen dem Orte und dem Flusse war, so gelang es ihnen leicht, den Diebstahl auszuführen, denn sie konnten von den Badenden nicht bemerkt werden.“

„Hatten diese denn keine Wache zurückgelassen?“

„Nein. Sie konnten nicht vermuten, daß ein Trupp feindlicher Ogallala dahin kommen könne, wo damals die Rosse der Upsarocas weideten. An den Waffen vergriffen die Sioux sich nicht, denn sie hatten ja selbst welche; aber die vorhandene Munition und einige Kleidungsstücke nahmen sie mit. –“ Wohkadeh schwieg einen Augenblick.

„Dann?“ – frug Old Shatterhand.

„Dann,“ fuhr Wohkadeh fort, „stiegen sie wieder auf ihre Pferde, ergriffen ihre Tiere und galoppierten mit denselben davon. Später gaben sie die schlechten frei und behielten die guten für sich. Als die Beute geteilt wurde, bekam Wohkadeh dieses Jagdhemd für sich. Er aber wollte kein Dieb sein, sondern er schnitt sein Totem hinein und warf es dann heimlich weg.“

„Wann war das?“

„Zwei Tage vorher, ehe ich von den Ogallala als Kundschafter gegen die Krieger der Schoschonen ausgesandt wurde.“

„Also ganz kürzlich erst. Sechs Tage später trafst du mit Jemmy und Davy zusammen. Jetzt ist mir alles klar, und es ist für uns ein großes Glück, daß wir diese beiden Upsaroca bemerkt und getötet haben. Hat Wohkadeh die Badenen gezählt?“

„Nein, aber es waren weit mehr als zehn.“

„Sie haben sich möglichst schnell mit neuen Pferden und neuer Munition versehen und sind den Dieben nach. Dabei wurde von ihnen dieses weggeworfene Jagdhemd gefunden, welches der rechtmäßige Eigentümer wieder an sich nahm.“

„Es kann aber auch anders sein,“ warf Jemmy ein. „Kann nicht irgend ein ganz unbeteiligter Mensch das Hemd gefunden und angezogen haben?“

„Nein, denn in diesem Falle hatte er sein eigenes Kleidungsstück darunter. Dieser Tote hier aber hat unter demselben eine alte, zerfetzte Jacke auf dem Leibe, der man es wohl ansieht, daß sie nur als Aushilfe dienen mußte. Es gibt keine größere Schande für einen Indsman, als wenn ihm sein Heiligtum gestohlen wird. Er darf sich nicht eher wieder bei den Seinen sehen lassen, als bis er es sich wiedergeholt oder an seiner Stelle ein anderes geraubt und also den Besitzer desselben getötet hat. Der Indianer, welcher auszieht, um einen verlorenen Medizinsack zu ersetzen, entwickelt eine beinahe wahnsinnige Verwegenheit. Es ist ihm ganz gleich, ob er einen Freund oder einen Feind tötet, und so bin ich vollständig überzeugt, daß wir gestern abend einer außerordentlichen Gefahr entgangen sind. Wie nun, bester Jemmy, wenn wir uns auf Eure Augen hätten verlassen müssen?“

„Hm!“ antwortete der Dicke, indem er mit der Hand unter den Hut fuhr, um sich verlegen zu kratzen. „In diesem Falle lägen wir irgendwo in aller Ruhe, aber ohne Skalp und Leben. Ich verstehe zwar auch, des Nachts ein Auge zu erkennen, aber gestern war ich so überzeugt, daß kein feindliches Wesen in der Nähe sei, und habe mich also um dergleichen gar nicht bekümmert. Ihr meint also wohl, daß die Upsarocas hinter uns her sind?“

„Jedenfalls folgen sie uns. Jetzt nun erst recht, da wir zwei der Ihrigen getötet haben.“

„Das wissen sie wohl nicht genau.“

„Sie werden jedenfalls das Blut finden. Es mag zwar wenig aus den Wunden geflossen sein, aber doch so viel, daß es heute am Tage bemerkt wird.“

„So müssen wir also für heute abend auf einen Überfall vorbereitet sein.“

„Sie mögen kommen,“ meinte der lange Davy. „Wohkadeh sagt, sie seien über zehn gewesen; sagen wir zwanzig, so sind wir ihnen mehr als doppelt überlegen.“

„So rechne ich nicht,“ entgegnete Old Shatterhand. „Wenn wir es zu einem nächtlichen Überfalle kommen lassen, so fließt Blut, mag das nun das unserige oder das ihrige sein. Siegen würden wir sicher, aber einige von uns müßten doch wohl diesen Sieg mit dem Leben bezahlen. Das können wir vermeiden. Was sagt mein roter Bruder dazu?“

Diese Worte waren an Tokvi-tey, den Häuptling der Schoschonen gerichtet. Er blickte eine Weile sinnend vor sich nieder und fragte dann:

„Wollen meine weißen Brüder nicht eine Beratung halten? Die roten Krieger beginnen nichts, bevor sie nicht die Meinung der Erfahrenen gehört haben.“

„Das werden wir ja auch; aber zu einer Beratung, wie die roten Krieger sie gewöhnt sind, haben wir keine Zeit. Sind die Upsarocas jetzt Feinde der Schoschonen?“

„Nein. Sie sind die Feinde der Sioux-Ogallala, welche auch unsere Feinde sind. Wir haben gegen sie nicht das Beil des Krieges ausgegraben; aber ein Krieger, welcher eine Medizin sucht, ist der Feind aller Menschen. Man muß sich gegen ihn verwahren wie gegen ein wildes Tier. Meine weißen Brüder mögen klug sein und Vorkehrungen zu unserer Sicherheit treffen!“

jetzt warf Old Shatterhand einen fragenden Blick auf Winnetou, welcher bis jetzt noch kein Wort gesprochen hatte. Es war wirklich zum Verwundern, wie gut sich diese beiden verstanden. Ohne daß Old Shatterhand irgend einem Plane Worte gegeben hatte, erriet Winnetou seine Gedanken, denn der Apache antwortete:

„Mein Bruder beabsichtigt das Richtige.“

„Einen Bogen rückwärts reiten?“

„Ja. Winnetou stimmt bei.“

„Das freut mich. In diesem Falle sind wir nicht die Angegriffenen, sondern die Angreifer, und da es am Tage geschieht, so werden die Upsarocas sehen, wie sehr wir ihnen überlegen sind. Vielleicht ergeben sie sich uns freiwillig.“

„Werden sich hüten!“ meinte Jemmy.

„Ich hoffe es dennoch. Es kommt ganz darauf an, wie wir es anfangen. Wenn ich mich nicht irre, so erreicht man von, hier aus in zwei Stunden einen Ort, welcher sich ganz ausgezeichnet zur Ausführung meines Planes eignet.“

„So wollen wir hier nicht unnötig die Zeit versäumen. je länger wir hier bleiben, desto weniger Muße haben wir dort, uns vorzubereiten. Was aber fangen wir mit diesen Toten an?“

„Die Skalpe dieser beiden Krieger gehören Old Shatterhand und dem Häuptling der Apachen, von denen sie getötet wurden,“ antwortete Tokvi-tey.

„Ich bin ein Christ. Ich skalpiere nicht,“ sagte der erstere.

Und Winnetou antwortete mit einer abweisenden Handbewegung:

„Der Häuptling bedarf nicht des Skalpes dieses Knaben, um seinen Namen berühmt zu machen. Diese Toten sind unglücklich genug, da sie ohne ihr Heiligtum nach den ewigen Jagdgründen gegangen sind. Man soll nicht auch noch ihre Seelen töten, indem man ihnen die Skalplocke nimmt. Sie mögen ruhen unter Steinen, mit ihren Gewehren, denn sie sind als Krieger gestorben, welche den Mut gehabt haben, sich an das Lager ihres Feindes zu wagen.“

Das hatte der Anführer der Schoschonen nicht erwartet. Er fragte mit allen Zeichen des Erstaunens:

„Meine Brüder wollen denen, welche nach ihrem Leben trachteten, ein Begräbnis geben?“

„Ja,“ antwortete Old Shatterhand. „Wir werden ihnen ihre Gewehre in die Hand geben, sie aufrecht setzen, mit den Gesichtern nach der Gegend der heiligen Steinbrüche, und dann Steine auf sie legen. So ehret man die Krieger. Wenn dann ihre Brüder kommen, um uns zu verfolgen, so werden sie erkennen, daß wir nicht ihre Feinde, sondern ihre Freunde sind.“

„Meine beiden berühmten Brüder thun, was ich nicht begreife!“

„Würdest du dich nicht freuen, wenn du die Deinen so begraben fändest?“

„Tokvi-tey würde sich sehr freuen und daraus erkennen, daß die Feinde edle Krieger seien.“

„So zeig‘, daß auch du ein edler Krieger bist, und gebiete deinen Männern, Steine zu holen, mit denen wir die Hügel errichten!“

Das Begriffsvermögen der Schoschonen reichte nicht aus, sich in die Ansichten der beiden Männer hineinzudenken, doch hegten sie vor ihnen eine solche achtungsvolle Scheu, daß sie sich nicht weigerten, dem ausgesprochenen Wunsche zu entsprechen.

Die beiden Gefallenen wurden in sitzende Stellung aufgerichtet, einer rechts und der andere links vom Eingange des Passes, mit den Gesichtern nach Nordost gerichtet. Sie erhielten ihre Gewehre in die Hände und wurden dann mit Steinen bedeckt. Als diese Arbeit beendet war, wurde wieder aufgebrochen. Vorher aber sagte Winnetou zu Old Shatterhand:

„Der Häuptling der Apachen wird hier zurückbleiben, um die Ankunft der Upsarocas zu beobachten. Der junge Sohn des Bärentöters mag an seiner Seite sein.“

Das war eine Auszeichnung für Martin Baumann, welche dieser sehr wohl zu würdigen verstand. Es erfüllte ihn mit freudigem Stolz, zu dieser Bevorzugung auserwählt worden zu sein. Diese beiden blieben also zurück, und die anderen ritten unter Old Shatterhands Führung weiter.

jetzt, da es Tag war, ging der Ritt bedeutend schneller vor sich als während der vergangenen Nacht. Zuweilen eben, meist aber bergan, führte der Paß tief zwischen langgezogene Höhen hinein. Nach Verlauf von zwei Stunden, also der angegebenen Zeit, traten die Höhen zu einem Cannon zusammen, eng, hoch, und fast lotrecht emporsteigend. Der Paß war nur so breit, daß drei Reiter nebeneinander Platz finden konnten. Es war ganz unmöglich, zu Fuße, viel weniger aber zu Pferde, an den Seiten emporzuklimmen. Da blieb Old Shatterhand halten. Er deutete in den schnurgerade fortlaufenden Cannon hinein und erklärte:

„Wenn die Upsarocas kommen, werden wir sie hier eindringen lassen. Die Hälfte von uns bleibt unter der Anführung Tokvi-teys und Winnetous hier versteckt zurück und bricht, sobald ich mein Gewehr abschieße, hinter dem Feinde in die Enge ein. Die andere Hälfte postiert sich mit mir an den Ausgang des Passes. Auf diese Weise wird der Feind vollständig eingeschlossen und hat nur die Wahl, entweder elend niedergeschossen zu werden oder sich freiwillig zu ergeben.“

Das leuchtete allen ein. Das Terrain war ganz zur Ausführung dieses Planes geeignet.

„Die Upsarocas müßten aber doch geradezu mit Ruten gepeitscht werden, wenn sie so dumm wären, in die Falle zu gehen,“ sagte der dicke Jemmy.

„Sie werden natürlich nicht sofort hineinschlüpfen,“ antwortete Old Shatterhand. „Sie werden hier halten und sich beraten. Da ist nun freilich die Hauptsache, daß sie durch nichts auf die Anwesenheit unserer Krieger aufmerksam gemacht werden. Diese müssen sich also hier so gut verstecken, daß es unmöglich ist, sie zu bemerken. Tokvi-tey ist ein tapferer und auch kluger Krieger. Er wird seine Befehle geben. Und wenn nachher Winnetou kommt, weicher ja auch mit hierbleiben soll, so führen zwei Männer, auf welche ich mich wohl verlassen kann, den Befehl.“

Das schmeichelte dem Häuptling der Schoschonen. Es stand zu erwarten, daß er sehr besorgt sein werde, das auf ihn gesetzte Vertrauen nicht zu täuschen. Er blieb mit dreißig seiner Leute zurück und begann sofort, das Terrain zu rekognoszieren, um die geeigneten Maßregeln zu ergreifen. Glücklicherweise war der Boden so felsig, daß an eine erkennbare Fährte gar nicht gedacht werden konnte, und rückwärts des Cannons stand der Wald so dicht, daß es nicht schwer erschien, ein gutes Versteck zu finden.

Old Shatterhand durchritt mit den anderen den Cannon. Dieser war so kurz, daß man, am Eingange desselben stehend, den Ausgang recht wohl sehen konnte. Dort, wo er plötzlich wieder zum breiten Passe wurde, bestand der Boden aus Humuserde, aus welcher riesige Bäume zum Himmel ragten. Zwischen den Stämmen derselben lagen zahlreiche zerstreute Felsstücke.

Hatten die Leute erwartet, daß Old Shatterhand hier sofort anhalten werde, so hatten sie sich getäuscht. Er ritt vielmehr weiter und ließ dabei sein Pferd kurbettieren, um eine recht deutliche, auffällige Fährte zurückzulassen.

„Aber, Sir,“ sagte der dicke Jemmy, „ich denke, wir sollen hier am Ausgange der Schlucht bleiben!“

„Ja, das werden wir freilich. Aber folgt nur vorher noch eine Strecke, und sorgt dafür, daß wir eine gute Spur machen 1 Eigentlich solltet Ihr gar nicht fragen, Master Jemmy. Was ich thue, das ist ja ganz selbstverständlich.“

Er ritt wohl noch eine ziemliche Viertelstunde weiter. Dann hielt er an, wendete sich zu den anderen um und fragte.

„Nun, Mesch’schurs, wißt ihr, warum ich so weit vorgeritten bin?“

„Etwa wegen wahrscheinlicher Kundschafter?“ antwortete Jemmy.

„Ja. Die Upsarocas werden sich nicht eher in den Paß wagen, als bis sie sich durch Kundschafter überzeugt haben, daß das vor ihnen liegende Terrain sicher ist. Ich vermute, daß diese Kundschafter an einen Hinterhalt denken und also äußerst vorsichtig sein werden. Wir lassen unsere Gegenwart nicht merken, stellen ihnen auch kein Hindernis, welches nicht ganz notwendig ist, in den Weg, und warten dann das übrige ruhig ab.“

„Und was thun wir jetzt?“

„Jetzt kehren wir zum Ausgange des Cannons zurück, natürlich aber nicht auf dieser Fährte, sondern wir biegen hier zur Seite in den Wald hinein. Folgt mir nur!“

Die Seitenwände des Passes bildeten hier eine nicht sehr steile Böschung, welche von den Pferden unschwer erklommen werden konnte. Old Shatterhand ritt den Seinigen voran, ein gutes Stück der Steilung hinan, und dann bog er nach dem Ausgange des Cannons zurück. Als er sein Pferd anhielt, befand sich seine Schar parallel mit dem Ende der Schlucht auf halber Höhe oben. Von hier aus konnte man selbst zu Pferde in wenigen Sekunden hinunter gelangen und den Ausgang besetzen.

Die Reiter stiegen von den Pferden und banden dieselben an die Bäume. Sie selbst nahmen in Gruppen, wie die Personen sich beliebig zusammenfanden, in dem weichen Moose Platz. Natürlich waren es die Weißen, welche zunächst beieinander saßen. Nur Wohkadeh hatte sich ihnen angeschlossen; von den Schoschonen wagte sich keiner in ihre unmittelbare Nähe.

„Ob wir lange werden warten müssen?“ meinte Jemmy.

„Das können wir uns so ziemlich sicher ausrechnen,“ antwortete der Anführer. „Die Upsarocas werden bei Anbruch des Tages nach ihren beiden Kundschaftern geforscht haben. Bis sie entdecken, was am Lager geschehen ist, können sie wohl zwei Stunden zubringen. Da angekommen, wo wir die beiden Grabhügeln errichtet haben, werden sie dieselben öffnen und untersuchen. Nehmen wir an, sie brauchen dazu und zur Beratung, die sie dann sicher halten werden, eine Stunde, so haben wir in Summa drei Stunden. Wir haben von dem Lagerplatze bis hierher fünf Stunden gebraucht. Wenn die Feinde ebenso schnell oder ebenso langsam reiten wie wir, werden sie also acht Stunden nach Tagesanbruch hier sein. Wir haben also von jetzt an noch ungefähr fünf Stunden Zeit.“

„O weh! Was fangen wir während dieser kleinen Ewigkeit nur an?“

„Da brauchen Sie gar nich erst zu fragen!“ antwortete der Hobble-Frank. „Wir schprechen een bißchen von der Kunscht und von den Wissenschaften. Das ist das beschte, was man thun kann. Das bildet den Kopf, veredelt das Herz, macht das Temperamente sanft und gibt dem natürlichen Charakter diejenige Festigkeet, welche notwendig ist, wenn man in den Schtürmen des Lebens nich mit allen Winden davonfliegen will. Off die Kunscht und off die Wissenschaft lasse ich eemal nichts kommen. Diese beeden sind mein tägliches Brot, mein Anfang und mein Ende, mein – – brrr! Was ist denn das hier eegentlich für een infamer Geruch? Das riecht doch noch viel schlimmer, als ob hier eene geschtorbene Leiche nich richtig eingescharrt worden wäre! Oder – – hm!“

Er blickte sich um und gewahrte den Schwarzen, welcher hinter dem Baume lehnte, unter welchem der Sachse saß.

„Willst du gleich fort, du Sakkerment!“ schrie er ihn an. „Wie kannst du dich da an meinen Boom randrücken! Denkst du etwa, ich habe meine Nase vom Maskenverleiher geborgt? Geh fort, Zuave, und konzentriere dich nach Afrika! Unsere Nerven aber sind zu sehre kultiviert für dich. Nelken, Reseda und Blümelein Vergißmeinnicht, das lass‘ ich mir gefallen. Aber Skunk mag ich selbst der feinsten Dame nich ins smelling-bottle raten!“

„Masser Bob riechen gut, sehr gut!“ verteidigte sich der Neger. „Masser Bob nicht stinken. Masser Bob haben sich waschen in Wasser, mit Asche und Fett vom Bären. Masser Bob sein ein fein, nobel Gentleman!“

„Was? Du willst e Mann von hoher, wohlriechender Geburt sein! Wart, Bursche, meine Atmosphäre sollst du mir nich verrealinjurieren!“

Er ergriff seine Büchse, legte auf Bob an und drohte:

„Wenn du nich gleich verschwindest, so schieße ich dir beede Kugeln fünfmal um den schwarzen Leib herum!“

„Jessus, Jessus! Nicht schießen, nicht schießen!“ schrie der Schwarze. „Masser Bob gehen bereits fort. Masser Bob setzen sich weit fort!“

Er zog sich schleunigst nach einem entfernten Ort zurück, wo er sich schmollend und leise räsonnierend niedersetzte.

Der kleine Sachse brachte seinen Vorschlag, über Kunst und Wissenschaft zu reden, nochmals zu Gehör; aber Old Shatterhand antwortete ihm:

„Ich glaube, wir können unsere Zeit auf eine heilsamere Weise benutzen. Wir haben in der vergangenen Nacht nicht geschlafen. Legt euch alle aufs Ohr und versucht, ein Nickerchen zu halten. Ich werde wachen.“

„Sie? Warum denn grad Sie? Sie haben doch ebensowenig wie wir sich in Mosjeh Orpheus‘ seinen Armen gewiegt.“

„Morpheus heißt es!“verbesserte Jemmy.

„Kommen Sie mir schon wieder so! Warum verdefendiert mich denn keen anderer nich, als nur immer Sie alleene! Was Sie nur mit Ihrem Morpheus wollen! Ich weeß es ganz genau, wie es heeßen muß. Ich war ja Mitglied vom Gesangverein, der Orpheus hieß. Wenn man sich da mal so richtig ausgesungen hatte, besonders wenn nich viele Pausen bei den Noten waren, da schlief sich’s hinterher ganz wunderbar. So een Gesangverein ist das beste Mittel gegen schlaflose Nachtgedanken, und darum muß es eben Orpheus heeßen.“

„Gut, lassen wir’s dabei!“ lachte der Dicke, indem er sich lang ins Moos streckte. „Ich will lieber schlafen, als mit ihnen solche gelehrte Nüsse aufknacken.“

„Dazu fehlen Ihnen eben die Haare off den Zähnen. Wer nichts gelernt hat, der kann ooch nichts. Schlafen Sie also immer fort; die Weltgeschichte erleidet keene Einbuße dabei.“

Und als er nun keinen anderen fand, den er von seiner geistigen Überlegenheit überzeugen konnte, machte er es sich auch bequem und versuchte ein Schlummerchen zu thun. Von Old Shatterhand aufgefordert, folgten die Schoschonen diesem Beispiele, und bald schliefen alle außer dem Anführer. Sogar die Pferde legten sich oder ließen müde die Köpfe hängen. Das hatte nicht das Aussehen, als ob nach wenigen Stunden sich hier eine blutige Scene abspielen könne.

Old Shatterhand stieg von der Höhe hinab, durchschritt langsam den Cannon und blickte sich jenseits desselben forschend um. Er lächelte befriedigt, denn es war hier keine Spur zu bemerken, welche angedeutet hätte, wo Tokvi-tey sich mit seinen Leuten befand. Der Schoschone hatte also seine Maßregeln sehr gut getroffen.

Nun kehrte er wieder zurück und setzte sich am Ausgange der Schlucht auf einen Stein. Mit auf die Brust gesenktem Kopf saß er stundenlang unbeweglich da. Woran dachte der berühmte Jäger? Vielleicht ließ er die Tage seines vielbewegten Lebens wie ein hochinteressantes Panorama an sich vorüberziehen.

Da ließ sich der Hufschlag eines Pferdes vernehmen. Old Shatterhand stand auf und lauschte um die Ecke des Felsens. Martin Baumann kam geritten; da konnte Shatterhand sich zeigen.

„Ist Winnetou auch da?“ fragte er.

„Ja. Er wurde von Tokvi-tey angerufen und ist bei ihm geblieben, da Sie es so gewünscht haben. Auch ich soll zu ihnen zurückkehren.“

„Das ist mir recht. Der Apache scheint Ihnen sein Wohlwollen zu widmen. Nehmen Sie das in acht, junger Freund! Es gibt keinen zweiten, der Ihnen hier im Westen so zu nützen vermag wie der Häuptling, dem auch ich so viel verdanke.“

„Keinen zweiten?“ fragte der Jüngling lächelnd. „Sind nicht Sie es, dem wir alle bereits so sehr viel zu danken haben?“

„Pah ! Kleinigkeit! Im Grunde genommen, trage doch ich die Schuld an der Gefangenschaft Ihres Vaters. Ich hoffe aber, daß Sie ihn frei und wohlbehalten wiedersehen werden. Doch jetzt haben wir anderes zu besprechen. Haben Sie die Upsarocas gesehen? Doch, was frage ich so überflüssig! Es versteht sich ja ganz von selbst, daß Sie sie gesehen haben.“

„Ganz von selbst? Wie nun, wenn sie gar nicht gekommen wären?“

„Pah! jetzt wollen Sie mich auf die Probe stellen,“ lachte der Jäger höchst belustigt. „Wenn sie sich noch nicht hätten sehen lassen, wären Sie noch nicht da, denn Winnetou verläßt seinen Posten sicherlich nicht eher, als bis er weiß, woran er ist. Und wenn er überzeugt wäre, daß sie überhaupt nicht kommen, so würde er nicht bei den Schoschonen bleiben, sondern mir dieselben bereits gebracht haben. Sie sehen, wenn auch der Examinand dem Examinator zuweilen eine Frage vorlegt, so ist sie doch meist überflüssig. Also, wie viele Upsarocas haben Sie gezählt?“

„Sechzehn und zwei ledige Pferde.“

„So habe ich also ganz richtig kalkuliert. Die beiden Pferde haben den Toten gehört.“

„Zwei ritten eine ziemlich weite Strecke als Kundschafter voran. Man sah, daß sie sich genau nach unserer Fährte richteten.“

„Gut, sie werden bald diejenigen kennen lernen, von denen diese Fährte zurückgelassen wurde.“

„Wir hielten uns unter Bäumen gut versteckt und ließen sie verhältnismäßig weit herankommen. Dann folgten wir ihnen im Galopp nach, um einen großen Vorsprung zu erlangen. Vorher aber konnten wir noch bemerken, daß sich ein besonders riesiger Kerl bei der Truppe befand. Er schien der Anführer zu sein, denn er ritt den anderen um einige Pferdelängen voran.“

„Konnten Sie die Art der Bewaffnung erkennen?“

„Sie hatten alle Gewehre.“

„So ist es gut. Jetzt werden Sie meine Botschaft an Winnetou genau ausrichten. Im Cannon hier haben nur drei Pferde nebeneinander Platz. Ich bitte also den Apachen, vom Gebrauche der Pferde abzusehen. Sobald die Feinde in den Cannon verschwunden sind, mag er ihnen schnell zu Fuße folgen.“

„Sind sie uns da nicht überlegen?“

„Nein, sondern wir im Gegenteile ihnen.“

„Aber sie reiten uns leicht nieder!“

„Haben Sie sich auch bereits mit taktischen Gedanken getragen? Während die Upsarocas nur drei Pferde breit reiten können, ist es uns, wenn wir zu Fuße sind, möglich, fünf Mann nebeneinander zu postieren. Das thun wir folgendermaßen: die ersten fünf setzen sich einfach platt zur Erde; die zweiten fünf knieen hinter ihnen. Hinter diesen stehen die dritten fünf in gebückter Haltung, und dann folgen die vierten fünf in aufrechter Stellung. So können zwanzig Mann genau und sicher zielen, ohne einander zu inkommodieren. Die übrigen stehen als Reserve hinter ihnen. Auf diese Weise erhalten die sechzehn Upsarocas, wenn sie sich nicht ergeben, von vorn und hinten zusammen vierzig Schüsse, natürlich nicht auf einmal. Es hat nämlich eine Reihe nach der anderen zu feuern, da immer nur drei Feinde getroffen werden können. Auch ist darauf zu rechnen, daß wir die reiterlosen Pferde niederzuschießen haben werden, wenn sie nicht Unheil in unseren Reihen anrichten sollen. Sagen Sie das dem Apachen, und fügen Sie auch dazu, daß ich ganz allein mit den Feinden verhandeln will. Es soll sich kein anderer darauf einlassen. Wann denkt Winnetou, daß sie hier sein werden?“

„Er rechnet eine Stunde für ihren Aufenthalt bei den Gräbern-“

„Also ganz wie ich.“

„Und zwei Stunden bis hierher. Da wir beide aber nur anderthalb Stunden geritten sind, so dürfen wir erwarten, daß weit über eine Stunde vergehen wird, bevor sie hier ankommen.“

„Ich vermute ebenso. Aber dennoch müssen wir uns fertig halten. Reiten Sie jetzt zurück!“

Martin wendete sein Pferd und trabte davon. Old Shatterhand stieg zu den Gefährten empor, welche noch schliefen, und weckte sie. Er teilte ihnen seinen Plan mit und bestimmte, daß Davy, Jemmy, Frank, Wohkadeh und einer der Schoschonen das erste, sitzende Glied bilden sollten. Auch den übrigen zeigte er ihre Plätze an und führte sie hinab, um die beabsichtigte Evolution mit ihnen einzuüben. Es kam ja sehr viel darauf an, daß dieselbe ebenso exakt wie blitzschnell ausgeführt werde. Er selbst wollte vor seinen Leuten stehen, zwischen ihnen und den Feinden, um mit denselben verhandeln zu können. Zu diesem Zwecke schnitt er sich einige lange, grüne Äste ab, welche ja in der ganzen Welt, selbst bei den wildesten Völkern, als Parlamentärflagge gebraucht werden.

Nach einigen Wiederholungen klappte alles ganz ausgezeichnet. Dann, als er überzeugt war, daß seine Leute ihre Pflicht erfüllen würden, zog er sich mit ihnen wieder in das Versteck zurück.

jetzt wurde ihnen die Zeit des Wartens länger als vorher. Aber sie verging doch endlich auch, und dann hörten die Harrenden den Schall der Huftritte eines Pferdes.

„Das scheint nur ein einziger Kundschafter zu sein, welcher vorausgesandt worden ist, um nachzusehen, ob die Passage ohne Gefahr ist,“ sagte Jemmy.

„Das wäre sehr günstig für uns,“ antwortete Old Shatterhand. „Wären es zwei, so würde einer die Meldung nach rückwärts bringen, während der andere wahrscheinlich hier unten wartete. Ihn hätten wir unschädlich zu machen, ohne daß es von den Seinigen bemerkt wird.“

Jemmy hatte recht. Es war nur ein Reiter, welcher langsam unten aus dem Cannon hervorkam und da halten blieb, um sich vorsichtig umzuschauen. Er bemerkte weder rechts noch links ein Anzeichen, daß ein Feind vorhanden sei, und sah dagegen die gerade fortlaufende Fährte, für deren Deutlichkeit Old Shatterhand so wohlweislich gesorgt hatte. Er beruhigte sich dabei aber doch nicht ganz, sondern ritt noch eine bedeutende Strecke weiter.

„Alle Wetter!“ sagte Jemmy. „Er wird doch nicht etwa bis zur Stelle reiten, an welcher wir vom Wege abgebogen sind! Dann wäre es verraten, daß wir uns hier befinden.“

„In diesem Falle kommt er nicht zu seinen Leuten zurück,“ sagte Old Shatterhand.

„Wie aber wollt Ihr das fertig bringen, ohne Lärm zu machen?“

„Mit dem da.“

Dabei deutete er auf seinen Lasso.

„Dann müßte ihn die Schlinge unbedingt gerade am Halse treffen und ihm denselben zuschnüren, daß er nicht schreien kann. Das ist aber ein verteufelt schweres Kunststück. Werdet Ihr es fertig bringen, Sir?“

„Habt keine Sorge. Streckt alle zehn Finger aus und sagt mir, welchen ich mit dem Lasso fassen soll! Aber von hier oben aus kann man nicht sehen, wie weit er reitet. Ich muß hinab. Verhaltet euch indessen ruhig, und wenn ihr mich leise pfeifen hört, so kommt ihr schnell nach!“

Er nahm den Lasso von der Schulter, über welche er gehangen hatte und legte ihn, indem er schnell die Steilung hinabglitt, in wurfgerechte Schlingen. Unten angekommen, sah er zu seiner Beruhigung den Upsaroca wieder rückwärts kommen und fand gerade noch Zeit, sich hinter einem der daliegenden großen Felsbrocken niederzuducken. Der Mann kam im Trab an ihm vorübergeritten und verschwand hinter der Ecke des engen Cannons.

Old Shatterhand gab das verabredete Zeichen, und seine Leute kamen herbei. Sie brachten ihm seine beiden Gewehre und auch die grünen Zweige mit, welche er, um gegebenen Falls beim Lassowerfen nicht von ihnen gehindert zu sein, bei ihnen hatte liegen lassen müssen.

Er trat an die Ecke und lugte hinter derselben hervor. Der Upsaroca hatte das Ende des Cannons erreicht und verschwand dort. Eine Minute später nun war seine ganze Schar zu sehen, welche im Trab in die Enge einbog. Old Shatterhand ließ sie bis über die Hälfte der Schlucht herbei. Dann zog er den Revolver und feuerte den verabredeten Schuß in dieselbe hinein. Der Schall brach sich vielfältig an den engen, steilen Wänden und gelangte mit zehnfacher Stärke an die Ohren des Apachen und seiner Schar. Sie stürmten in die Schlucht hinein, hinter den Upsarocas her, von denen sie gar nicht bemerkt wurden. Die letzteren hatten, als sie den Schuß hörten, ihre Pferde sofort pariert. Nun sahen sie Old Shatterhand und seine Leute vorn hereindringen und die bereits beschriebene, schußfertige Stellung einnehmen.

Der Anführer der feindlichen Indianer war, wie Martin Baumann bereits berichtet hatte, eine wirklich herkulische Gestalt. Er saß wie ein Kriegsgott zu Pferde. Die weiten Lederhosen hingen an den Nähten voller Flechten, gefertigt aus dem Haare der von ihm erlegten Feinde. Die starkledernen Beinschützer, welche vom Sattel bis herab zu den Steigbügeln reichten, waren mit langen Streifen von Menschenhaut verziert. Auf der breiten Brust trug er über dem hirschledernen Jagdrocke eine Art Panzer, welcher aus schuppenförmig übereinander befestigten Skalptellern bestand. Im Gürtel steckte neben allerlei notwendigen Gegenständen ein großes Jagdmesser und ein riesiger Tomahawk, welcher nur von der Faust eines so athletisch gebauten Menschen geschwungen werden konnte, und auf dem Kopfe saß der Schädel eines Kuguar, von welchem das in lange, dicke Seile gedrehte Fell desselben herniederhing. Das Gesicht dieses Mannes war mit schwarzer, roter und gelber Farbe bemalt, und in der Rechten hielt er eine schwere Büchse, aus welcher er gar manchen tödlichen Schuß abgefeuert hatte.

Dieser Mann erkannte sofort, daß die ihm entgegenstarrenden Gewehrläufe den Waffen seiner Schar in diesem Augenblicke überlegen seien.

„Zurück!“ rief er mit tiefer Stimme, deren Ton förmlich durch den Cannon donnerte.

Dabei riß er sein Pferd empor und warf es auf den Flechsen herum. Die Seinen thaten dasselbe. Da aber erblickten sie nun Winnetous Schar, deren Gewehre ihnen gerade so entgegenstarrten wie die am anderen Ende des Cannons.

„Wakon schitscha – schlechte Medizin!“ schrie er erschrocken. „Kehrt abermals um! Dort steht ein Mann, welcher das Zeichen des Redners in der Hand hat. Unsere Ohren werden hören, was er uns sagen will.“

Er drehte sein Roß wieder herum und ritt langsam auf Old Shatterhand zu. Die Seinigen folgten ihm. Diesen Vorteil ließ der kluge Apache sich nicht entgehen. Er folgte ebenso und nahm so nahe hinter den Upsarocas Stellung, daß diese nun eng eingeschlossen waren.

Old Shatterhand that keinen einzigen entgegenkommenden Schritt. Der Upsaroca musterte ihn mit furchtlosem Bücke und fragte:

„Was will das Bleichgesicht hier? Warum stellt er sich mir und meinen Kriegern in den Weg?“

Old Shatterhand hielt den Blick mit lächelnder Miene aus und antwortete:

„Was will der rote Mann hier? Warum verfolgt er mich und meine Krieger?“

„Weil ihr zwei unserer Brüder getötet habt.'“

„Sie kamen als Feinde zu uns, und Feinde macht man unschädlich.“

„Woher weißt du, daß wir deine Feinde sind?“

„Weil ihr eure Medizin verloren habt.“

Die Brauen des Riesen senkten sich tief herab.

„Wer hat es dir gesagt?“

„Ich weiß es, weil die beiden Krieger, welche an unseren Kugeln starben, ihre Medizinen nicht bei sich hatten.“

„Du hast recht geraten. Ich bin nicht mehr, der ich war. Ich habe mit der Medizin auch meinen Namen verloren. Jetzt heiße ich Oiht-e-keh-fa-wakon, der Tapfere, welcher Medizin sucht. Laß uns vorüber, sonst töten wir euch!“

„Ergebt euch, sonst seid ihr es, welche getötet werden!“

„Dein Mund spricht stolze Worte. Wie aber sind deine Thaten?“

„Du kannst sie sofort erfahren. Blicke vor und hinter dich! Ein Wink von mir, und mehr als fünfmal zehn Kugeln schlagen in deine kleine Schar.“

„Das ist nicht tapfer, sondern feig. Viele stinkige Coyoten töten den stärksten Büffel. Was wären deine Hunde gegen meine Krieger, wenn ihr uns nicht eingeschlossen hättet. Ich allein würde die Hälfte von euch niederschlagen.“

Er zog seinen schweren Tomahawk und schwang ihn drohend.

„Und ich allein würde deine ganze Schar in die ewigen Jagdgründe senden!“ sagte Shatterhand ruhig.

„Ist vielleicht Ithanka (Großmaul) dein Name?“

„Ich kämpfe nicht mit meinem Namen, sondern mit meiner Hand.“

Da leuchtete das Auge des Upsaroca auf.

„Willst du das an mir wahr machen?“ fragte er.

„Ich fürchte dich nicht, sondern lache über deine leeren Worte!“

„So warte, bis ich mit meinen Kriegern gesprochen habe! Dann sollst du erfahren, ob Oiht-e-keh-fa-wakon nur redet und nicht auch handelt.“

Er wendete sich zu seinen Leuten zurück und sprach leise mit denjenigen von ihnen, welche seine gedämpfte Stimme zu erreichen vermochte. Dann kehrte er sich wieder zu Old Shatterhand und fragte:

„Weißt du, was ein Muh-mohwa ist?“

„Ich weiß es.“

„Wohlan! Wir brauchen Skalpe zur Medizin. Vier Männer sollen den Muh-mohwa kämpfen, du mit mir und einer deiner roten Männer mit einem meiner Krieger. Siegen wir, so töten und skalpieren wir euch alle; siegt aber ihr, so nehmt ihr uns Skalp und Leben. Hast du Mut?“

Er sprach diese Frage in höhnischem Tone aus. Old Shatterhand antwortete augenblicklich und mit lächelndem Munde:

„Ich bin bereit. Leg‘ deine Hand in die meinige zum Zeichen, daß deine Worte gelten.“

Er streckte ihm die Hand entgegen. Das hatte der Riese nicht erwartet, darum zögerte er unwillkürlich, einzuschlagen.

Muh-mohwa nämlich ist ein der Utahsprache entnommener Ausdruck und heißt wörtlich „Hand am Baum“. Dieser Kampf wird bei manchen Stämmen als eine Art Gottesgericht in Scene gesetzt. Zwei Männer werden durch starke Riemen mit einer Hand an einen Baumstamm gebunden und erhalten in die andere Hand die verabredete Waffe, Tomahawk oder Messer. Die Riemen sind so befestigt, daß sie den Kämpfern erlauben, sich im Kreise um den Stamm zu bewegen. Da die beiden mit den Gesichtern gegeneinander stehen müssen, so ist der eine mit der rechten und der andere mit der linken Hand angebunden. Derjenige, welcher die Rechte zum Kampfe frei hat, ist also gewöhnlich im Vorteile. In der Regel endet dieser wirklich schreckliche Kampf, bei welchem die Gegner sich zerfleischen, nur mit dem Tode des einen. Doch gibt es auch mildere Formen desselben.

Der Upsaroca war vollständig überzeugt, durch seine Aufforderung sich in den größten Vorteil zu setzen. Er war ja hier in dem Cannon, im Fall er sich nicht ergab, mit all den Seinen verloren. Durch den Muh-wohwa aber befreite er sich nicht nur aus dieser augenblicklichen Bedrängnis, sondern er gelangte auch in den sichern Besitz der Skalpe aller seiner Feinde, in deren Hand er sich befand. Er war vollständig überzeugt, dem Weißen überlegen zu sein, und da er als zweiten den stärksten und gewandtesten seiner Leute auswählen wollte, so stand zu erwarten, daß auch dieser seinen Gegner besiegen werde. Um aber in dieser letzteren Beziehung ganz sicher zu gehen, sagte er:

„Du willst es wagen? Der große Geist hat dir den Verstand verwirrt. Kennst du die Bedingung, daß der Kampf zwischen den beiden Siegern zu Ende geführt werden muß, wenn vorher von jeder Partei einer siegt?“

Old Shatterhand durchschaute ihn, denn den sichtbaren Körperverhältnissen nach stand zu erwarten, daß der „Tapfere, welcher Medizin sucht“, nicht nur zuerst, sondern auch, falls der andere Upsaroca je besiegt werden sollte, auch dann beim Entscheidungskampfe als Sieger hervorgehen werde. Dennoch gab er schnell bereit die Antwort:

„Ich willige ein.“

Der Gigant blickte ihn halb erstaunt, halb triumphierend an, streckte ihm nun schnell die Hand entgegen und sagte:

„So gib deine Hand her! Du versprichst mir, und ich verspreche dir im Namen unserer Krieger, daß wir und sie in die Bedingungen willigen. Keiner der Partei, deren Kämpfer besiegt werden, darf sich weigern, sich töten zu lassen.“

„Ich verspreche es. Und damit du alle Sicherheit habest, werden wir die Pfeife des Schwures darüber rauchen.“

Er deutete dabei auf die mit Kolibribälgen geschmückte Friedenspfeife, welche an seinem Halse hing.

„Ja, wir werden sie rauchen,“ stimme der Riese bei, indem ein grimmig höhnisches Lächeln über seine scharf ausgewirkten Züge glitt. „Aber diese Pfeife des Schwures wird nicht eine Pfeife des Friedens sein, denn wir werden kämpfen, und nach dem Kampfe werden euere Skalpe unsere Medizinstangen schmücken, und euer Fleisch soll von den Geiern zerrissen und verschlungen werden.“

„Vorher werden wir sehen, ob deine Fäuste ebenso stark und tapfer wie deine Worte sind,“ bemerkte Old Shatterhand.

„Oiht-e-keh-fa-wakon ist noch nie besiegt worden!“ antwortete der Upsaroca stolz.

„Aber er hat sich doch seine Medizin rauben lassen. Wenn sein Augen heute nicht schärfer sind als dort am Wasser, wo sie ihm gestohlen wurde, so wird mein Skalp auf meinem Haupte bleiben.“

Das war eine scharfe Zurechtweisung, denn der Verlust der Medizin ist das Schlimmste mit, was einem Indianer geschehen kann. Der Rote fuhr auch sofort mit der Hand abermals nach der Waffe, doch Old Shatterhand zuckte die Achsel und warnte ihn:

„Laß jetzt die Hand davon! Du wirst ja sehr bald zeigen können, wie tapfer du bist. Jetzt aber wollen wir diesen Ort verlassen, um uns einen anderen zu suchen, welcher zum Muh-mohwa geeigneter ist. Meine Brüder werden sich ihre Pferde holen, und die Upsarocas reiten als unsere Gefangenen in unserer Mitte.“

Er gab Winnetou einen Wink, und der Apache kehrte mit seiner Abteilung nach dem Orte zurück, an welchem die Pferde derselben zurückgelassen worden waren. Als sie dann sehr bald angeritten kamen, holte auch die andere Abteilung die ihr gehörigen Tiere herbei. Auf diese Weise befanden sich die Krähenindianer bis zum Aufbruche keinen Augenblick lang ohne Aufsicht, so daß es also für sie unmöglich war, die Flucht zu ergreifen. Jetzt wurden sie in die Mitte genommen, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Old Shatterhand hatte den Seinigen den leisen Befehl gegeben, ja nicht etwa seinen Namen und denjenigen des Apachen zu verraten. Die Upsarocas sollten einstweilen nicht wissen, mit welchen Gegnern sie zu kämpfen haben würden. Solange sie die Überzeugung besaßen, aus dem beabsichtigten Kampfe als Sieger hervorzugehen, dachten sie wohl nicht daran, gegen die Verabredung zu handeln.

Der dicke Jemmy hielt sich an Old Shatterhands Seite. Er war mit dem Verhalten desselben nicht ganz einverstanden.

„Nehmt’s nicht übel, Sir, daß ich ein Bedenken ausspreche,“ sagte er. „Ihr habt gegen diese Roten als nobler Kerl gehandelt; aber eine solche Noblesse ist da wohl am unrechten Platze.“

„Warum? Glaubt Ihr etwa, daß der Indianer kein Verständnis für eine edelmütige Gesinnung habe? Ich habe gar viele Rote kennen gelernt, an denen die Weißen in dieser Beziehung sich ein Beispiel nehmen könnten.“

„Das mag wohl sein. Ausnahmen gibt es ja stets und überall. Aber diesen Krähenindianern ist nicht zu trauen. Sie wollen neue Medizinen haben, und in einem solchen Falle sind Rücksichten von ihrer Seite nicht zu erwarten. Wir hatten sie so schön in unseren Händen. Sie konnten weder vor- noch rückwärts. Es war uns ein Leichtes, sie auszulöschen, wie man einige arme Zündhölzer ausbläst. Nun aber seid Ihr zu dem verteufelten Muh-mohwa gezwungen, und wer sagt Euch, daß dieser Riese Euch nicht niederschlagen oder niederstechen werde!“

„Pah! Ihr seid doch sonst kein so blutdürstiger Mann. Welchen Grund habt Ihr, zu bereuen, daß wir diese Leute nicht getötet haben? Es wäre für uns, die wir ihnen so sehr überlegen waren und sie in eine Falle gelockt hatten, in der sie sich nicht bewegen und nicht verteidigen konnten, keine Ehre, sondern eine Schande gewesen, sie niederzuschießen. Dabei will ich auch gar nicht davon sprechen, daß wir Christen, aber keine Heiden sind.“

„Hm! Recht habt Ihr freilich, als Christ sowohl wie auch als Mensch überhaupt. Aber mußten wir sie denn überhaupt töten? Sie waren gezwungen, sich zu ergeben, und da stand es uns doch frei, ein humanes Abkommen mit ihnen zu treffen.“

„Sie hätten sich nicht ergeben, eben weil sie neue Medizinen suchen. Der Kampf wäre unvermeidlich gewesen. Und da es mir nicht einfallen kann, Menschen abzuschlachten, denen Gott ganz dieselben Rechte wie mir verliehen hat, so habe ich es vorgezogen, auf den Vorschlag des Riesen, den ich überhaupt kenne, einzugehen.“

„Wie? Der Kerl ist Euch bekannt?“

„Ja. Erinnert Ihr Euch vielleicht der Bemerkung, welche ich machte, als wir am Berge der Schildkröte vorüberritten? Ich erzählte, daß ich an diesem Berge einmal mit dem Upsaroca-Krieger Schunka-schatscha gelagert habe. Er erzählte mir viel von seinem Stamme. Dabei erwähnte er mit großem Stolze seines berühmten Bruders Kanteh-pehta, zu deutsch: Feuerherz.“

„Meinte er etwa den großen, berühmten Medizinmann der Krähenindianer?“

„Denselben. Er erzählte mir die Thaten dieses seines Bruders und beschrieb mir auch die Person desselben. Er schilderte ihn mir als einen wahren Riesen von Gestalt, dem das linke Ohr fehle. Kanteh-pehta hat einst im Kampfe mit den Sioux Ogallala einen Tomahawkhieb bekommen, welcher ihm das Ohr vom Kopfe trennte und ihn dann noch tief in die Achsel verwundete. Nun seht Euch doch einmal diesen gigantischen Upsaroca an! Ihm fehlt das linke Ohr, und aus der Haltung seines linken Armes ersehe ich, daß er da einmal verletzt worden sein muß.“

„Alle Wetter! Das wäre freilich ein ganz besonderes Zusammentreffen! Aber dann bangt mir doch um Euch, Sir. Ihr seid zwar der tüchtigste Kerl, den es nur geben kann; aber dieser Kanteh-pehta ist noch nie besiegt worden. An Körperstärke ist er Euch unbedingt überlegen, während ich freilich überzeugt bin, daß er es in Beziehung auf die Gewandtheit mit Euch nicht aufzunehmen vermag. Wenn man mit dem einen Arme an den Baum gebunden ist, gibt die Stärke, aber wohl nicht die Gewandtheit den Ausschlag, und darum meine ich, daß man eher auf ihn als auf Euch wetten kann.“

„Nun,“ lächelte Old Shatterhand, „wenn Ihr so besorgt um mich seid, so gibt es ein sehr einfaches Mittel, mich vom sicheren Untergange zu retten.“

„Welches ist das?“

„Ihr kämpft an meiner Stelle mit der Krähe.“

„Heigh-ho! Das fällt mir freilich nicht ein! Ich habe sonst gar keine zarten Nerven, aber dem Tode geradezu in die Arme zu laufen, das ist doch nicht nach meinem Geschmack. Übrigens habt Ihr die Suppe eingebrockt, Sir, und nun mögt Ihr sie auch mit Appetit genießen. Ich wünsche Euch von ganzem Herzen eine gesegnete Mahlzeit!“

Er hielt sein Pferd um einige Längen zurück, um die unangenehme Offerte nicht noch einmal zu bekommen. An seiner Stelle dirigierte Winnetou seinen Rappen an Old Shatterhands Seite.

„Mein weißer Bruder hat Kanteh-pehta, den Medizinmann der Upsarocas erkannt?“ fragte er.

„Ja,“ nickte der Gefragte. „Und die Augen meines roten Bruders waren ebenso scharf wie die meinen?“

„Die Krähe hat nur ein Ohr. Winnetou hat ihr Gesicht noch nie gesehen; aber der Tapfere, welcher Medizin sucht, kann den Häuptling der Apachen nicht täuschen. Ich habe vernommen, was mein Bruder mit ihm gesprochen hat, und bin bereit zum Kampfe.“

„Ich habe allerdings auf den Häuptling der Apachen gerechnet, denn ich möchte keinem anderen diese Ehrensache anvertrauen.“

„Wird mein Bruder die große Krähe töten?“

Also bei Winnetou gab es nicht den mindesten Zweifel darüber, daß Old Shatterhand Sieger sein werde.

„Nein,“ antwortete der Gefragte. „Die Upsaroca sind Feinde der Sioux Ogallala. Wenn wir sie schonen, werden sie unsere Verbündeten sein.“

„So mag auch der andere leben bleiben. Man soll von Winnetou nicht sagen, daß sein weißer Bruder gnädiger gesinnt sei als er.“

Der Trupp hatte von dem Cannon aus vielleicht eine englische Meile zurückgelegt, als das Thal plötzlich sich erweiterte. Die Reiter gelangten an eine kleine, rings von Bergen eingeschlossene Prairie, wie es dort so viele gibt. Es gab da hageres Gras und einzelne Büsche. Nur ein einziger Baum war auf der Ebene zu sehen. Es war eine ziemlich hohe Linde von der Gattung, welche wegen ihrer großen, weißhaarigen Blätter von den Indianern sonorischer Zunge Muh-mangatusahga, d. i. Weißblattbaum, genannt wird.

„Mawa – dort!“ sagte der Anführer der Krähenindianer, indem er nach dem Baume deutete.

„Howgh!“ nickte Winnetou, indem er sein Pferd im Galopp der Linde zulenkte.

Die anderen folgten nach dem Orte, an welchem der Zweikampf vor sich gehen sollte.

Die Spannung, in welcher sich alle befanden, war natürlich keine geringe, wenn auch keiner sich das merken ließ. Die größte innerliche Ruhe fühlten gerade diejenigen Drei, welche wußten, daß sie zu den Kämpfenden gehören würden, Winnetou, Old Shatterhand und Oiht-e-keh-fa-wakon, denn ein jeder von ihnen war überzeugt, daß er siegen werde.

Alle sprangen ab. Die Pferde wurden frei gelassen, und die Reiter lagerten sich, indem sie einen Kreis bildeten. Ein Fremder, welcher jetzt herbeigekommen wäre, hätte wohl nicht gedacht, daß hier Feinde einander gegenübersaßen, da den Upsarocas ihre Waffen gelassen worden waren. Old Shatterhand hatte darauf verzichtet, sie ihnen abzufordern. Auch in dieser Beziehung hatte er wirklich ritterlich oder, wie der Amerikaner sich ausdrückt, gentlemanlike gehandelt.

Er holte so viel, wie er von seinem kleinen, in der Satteltasche aufbewahrten Tabaksvorrate brauchte, herbei, nahm die Pfeife vom Halse und stopfte sie. Dann stellte er sich in die Mitte des Kreises und sprach.-

„Der Krieger macht nicht viele Worte, sondern er spricht in Thaten. Meine Brüder wissen, was hier geschehen soll; ich brauche es ihnen nicht zu sagen. Wir töteten die Krieger der Upsarocas nicht, obgleich ihr Leben sich in unseren Händen befand. Wir haben sie geschont, um ihnen zu zeigen, daß wir sie auch dann nicht fürchten, wenn wir ohne alle Vorteile Mann gegen Mann mit ihnen kämpfen. Sie haben uns zum Muh-mohwa aufgefordert, und wir nahmen ihre Forderung an. Sie sitzen als freie Männer bei uns, mit den Waffen in ihren Händen, obgleich sie eigentlich unsere Gefangenen sind. Wir erwarten, daß auch sie ohne Tücke und Hinterlist an uns handeln wie wir gegen sie. Sie werden uns das versprechen, indem sie die Pfeife des Schwures mit uns rauchen. Ich habe gesprochen, und nun mögen auch sie reden.“

Er setzte sich. Der „Tapfere, welcher Medizin sucht“, erhob sich und antwortete:

„Der weiße Mann hat uns aus der Seele gesprochen. Wir brauchen nicht hinterlistig zu sein, denn wir werden siegen. Aber er hat vergessen, die Bedingungen des Kampfes festzusetzen. –“

„Die Kämpfer,“ fuhr er nach einer kleinen Pause weiter, „werden mit der einen Hand an den Baum gebunden, so daß sie sich ihre Gesichter zeigen. Sie erhalten ihre Messer in die andere Hand und kämpfen mit denselben gegeneinander. Nur diese eine Hand darf gebraucht werden; jede andere Kampfweise ist verboten. Doch wer das Messer nicht mehr halten kann, dem ist es erlaubt, sich mit der Faust weiter zu verteidigen. Wer am Baume niederstürzt und auf seinen Leib fällt, der ist besiegt, mag er tot sein oder noch leben. Wer nur in die Kniee stürzt, darf sich wieder erheben. Vier Männer kämpfen, je zwei gegeneinander, erst ich gegen dieses Bleichgesicht, und sodann einer meiner Leute gegen einen der roten Krieger. Doch können die beiden letzteren auch vor uns kämpfen. Gehören die beiden Sieger verschiedenen Parteien an, so haben sie dann miteinander zu ringen und den Kampf z)i entscheiden. Den Gefährten des Siegers gehört das Leben und alles Eigentum der besiegten Partei, und keiner, dessen Leben verfallen ist, darf sich weigern, sich töten zu lassen. Die Krieger der Upsarocas sind bereit, auf diese Bedingungen die Pfeife des Schwures zu rauchen. Und damit der Kampf ein ehrlicher sei, und keiner mehr als der andere durch ein besseres Kleid geschützt werde, sollen die vier Männer mit entblößtem Oberleibe miteinander kämpfen. Ich habe gesprochen.“

Er setzte sich. Old Shatterhand trat abermals in den Kreis und erklärte:

„Wir sind mit allen Bedingungen der Upsarocas einverstanden. Und damit die Besiegten keine Waffen haben, mit denen sie sich der Tötung widersetzen können, so werden alle anwesenden Krieger alle ihre Waffen ablegen und an einem Orte zusammenthun, der von einem Schoschonen und einem Upsaroca bewacht wird. Jetzt werde ich die Pfeife des Friedens in Brand stecken. Sie wird heute eine Pfeife des Schwures sein, und auf ihrem Rauche mögen die Seelen der Besiegten nach den ewigen Jagdgründen schweben, um später die Seelen der Sieger dort als Sklaven zu bedienen.“

„Hau, hau!“ ertönte es zustimmend im Kreise.

Old Shatterhand zog sein „Punks“ hervor und brannte den Tabak an. Den Rauch an sich ziehend, blies er denselben gegen den Himmel, gegen die Erde und nach den vier Himmelsgegenden aus und gab dann dem Anführer der Upsarocas die Pfeife. Dieser that dieselben sechs Züge und erklärte, daß das Abkommen hiermit beschworen und besiegelt sei. Die anderen beteiligten sich an dem Schwure, indem reihum ein jeder einen Zug that. Dann wurde die Pfeife an einem ziemlich entfernten Orte mit der Mundspitze in die Erde gesteckt, und alle legten die Waffen dabei nieder.

Nun trat der Upsaroca, seines Sieges gewiß, zum Baume, warf die Oberkleider ab und sagte:

„Jetzt kann es beginnen. Ehe die Sonne um eines Messerrückens Breite weiter nach Westen gerückt ist, wird der Skalp eines weißen Hundes an meinem Gürtel hangen!“

jetzt erst war zu erkennen, wie riesenstark der Mann sein müsse. Er besaß eine wahre Bärenmuskulatur. Gerade darum war das, was jetzt geschah, der Bewunderung wert. Nämlich Martin Baumann, der junge Sohn des Bärenjägers, sprang vor und rief in zornigem Tone:

„Die Weißen sind es, denen Ihr Euer Leben zu verdanken habt, und dennoch nennst du sie Hunde! Du bist nicht wert, daß ein erfahrener Krieger mit dir kämpft. Wohlan, hier steht ein junger weißer Hund, der sich nicht fürchtet, dir seine Zähne zu zeigen, obgleich du der stärkste Krieger deines Stammes bist. Ehe die Sonne so weit vorgerückt ist, wie du sagtest, wird die Haut der großschnabeligen krächzenden Krähe vom Hunde zerrissen sein!“

Seine Wangen waren gerötet, und seine Augen leuchteten. Er warf den Jagdrock ab.

„Uff, uff!“ ertönte es bewundernd im Kreise.

Er war der jüngste unter den Anwesenden‘. Darum war der Eindruck, den sein mutiges Auftreten machte, ein außerordentlicher.

„Deh mehtsih – er ist ein Tapferer!“ entfuhr es selbst dem riesigen Upsaroca.

„Sehr bray,“ sagte Old Shatterhand. „Das wird Euch nicht vergessen sein, mein lieber, junger Master. Aber Ihr wißt, daß ich es bin, der aufgefordert wurde, und darum muß ich bitten, es mir zu überlassen, zu beweisen, daß ein „weißer Hund“ sich nicht vor einer Krähe zu fürchten braucht.“

„Aber er ist’s ja gar nicht wert, daß ein Mann wie Ihr mit ihm kämpft,“ warf Martin ein. „Und wenn Ihr etwa meint, daß ich diesen Koloß zu scheuen habe, so denkt daran, daß ich schon gar manchen Grizzly erlegt habe!“

„Jawohl ist es Euch anzusehen, daß Ihr zu dem gefährlichen Gang gar gern bereit seid; aber begnügt Euch immerhin einstweilen mit dem Erfolge, welcher in unserer Bewunderung Eueres Mutes besteht! Ich würde ja als Feigling gelten, wenn ich in diese Stellvertretung willigte.“

„Das kann ich freilich nicht bestreiten, und darum will ich mich Euerem Willen fügen; aber ich bin es nicht gewohnt, mich einen Hund nennen zu lassen!“

Er zog den Jagdrock wieder an und trat zurück. Der Riese gab einem der Seinigen einen Wink. Dieser trat vor, entkleidete seinen Oberkörper und sagte:

„Hier steht Makin-oh-punkreh, der hundertfache Donner. Er machte seinen Schild aus der Haut seiner Feinde, und über vierzig Skalps wurden von ihm genommen. Wer wagt es, vor sein Messer zu treten?“

„Ich, Wohkadeh, werde den hundertfachen Donner zum Schweigen bringen. Ich kann mich keiner Skalpe rühmen; aber ich habe den weißen Büffel getötet und werde heute meinen Gürtel mit der ersten Kopfhaut schmücken. Wer fürchtet den Donner? Er ist der feige Gesell des Blitzes und erhebt seine Stimme erst dann, wenn die Gefahr vorüber ist!“

„Uff, uff l“ rief es abermals rundum, als der junge Indianer, der diese Worte sprach, hervortrat.

„Geh zurück!“ höhnte der hundertfache Donner. „Ich kämpfe mit keinem Kinde. Der Hauch meines Mundes würde dich töten. Lege dich ins Gras und träume von deiner Mutter, die dich noch mit Kammas zu füttern hat!“

Die Grabindianer, welche die verachtetsten Roten sind, suchen in den öden Gegenden, in denen sie ein bedauernswertes Dasein führen, nach einer zwiebelartigen Wurzel, welche in halb verfaultem Zustande von ihnen zu einem ekelhaften Kuchen, dem sogen. Kammaskuchen geformt wird. Selbst Hunde verschmähen, davon zu fressen. Also enthielten die Worte des „Donners“ eine große Beleidigung für den wackeren Wohkadeh.

Bevor dieser letztere antworten konnte, trat Winnetou vor. Er gab dem jungen Indianer einen Wink, zurückzutreten, welchen dieser aus Achtung vor dem berühmten Manne sofort befolgte, und sprach:

„Den beiden Kriegern der Upsarocas ist bereits ihr Urteil gesprochen. Wer hat auf ihre stolzen Reden sich zum Kampfe gemeldet? Zwei Knaben, von denen wir alle überzeugt sind, daß sie Sieger sein würden, denn sie haben bereits den weißen Büffel und den grauen Bären besiegt und würden die beiden Krähen mit einem Drucke der Hand erwürgen. Aber wir wollen thun, als ob wir die Krähen für wirkliche Krieger halten. Sie sollen mit Männern kämpfen. Der hundertfache Donner hat jetzt zum letztenmal gerollt.“

Da fragte der Genannte zornig:

„Wer bist du, der du solche Worte sprichst? Hast du einen Namen? An deinem Gewande ist kein einziges Haar eines Feindes zu sehen. Hast du nur gelernt, die Dschotunka zu blasen, so gehe hin und thue es; aber ein Messer gehört nicht in deine Hand. Du würdest dich nur selbst verletzen.“

„Meinen Namen werde ich deiner Seele nennen, wenn sie dir aus dem Leib entweicht. Dann wird sie jammern vor Entsetzen und sich nicht in die jenseitigen Jagdgefilde wagen. Sie wird wohnen in den Klüften der Berge, um vor Angst mit den Winden zu heulen und mit den Lüften zu klagen!“

„Hund!“ schrie der Donner. „Du wagst es, die Seele eines tapferen Kriegers zu schmähen! Du sollst die Strafe augenblicklich empfangen. Wir beide werden zuerst kämpfen, noch vor dem anderen Paare, und dein Skalp soll keinen Platz bei meinen Trophäen erhalten. Ich werde ihn den Ratten vorwerfen und deinen Namen, den du mir zu sagen verweigert hast, soll kein Ohr eines Kriegers hören!“

„Ja, kämpfen wir zuerst. Es mag beginnen!“ beantwortete Winnetou diese Rede.

Er entkleidete sich, während der „hundertfache Donner“ nach seinem Messer winkte. Es wurde ihm gebracht.

jetzt wurde ein weiter Kreis um die Linde gebildet. Aller Augen hingen mit prüfendem Blicke an den Gestalten der beiden Gegner. Der Upsaroca war nicht höher, aber viel breiter und kräftiger gebaut, als der schlanke Winnetou. Die Krähenindianer bemerkten das mit Genugthuung. Sie waren überzeugt, daß Winnetou unterliegen werde. Sie hatten freilich keine Ahnung, daß sie den berühmten Häuptling der Apachen vor sich hatten. Die anderen, welche das wußten, waren zwar einigermaßen um ihn besorgt, als sie den kräftigen Körper des Upsaroca erblickten, glaubten aber, sich bei dem Rufe, in welchem er stand, beruhigen zu dürfen.

jetzt trat der dicke Jemmy herbei. Er hatte einige Riemen, wie sie ein jeder Westmann bei sich führt, in der Hand und sagte zu Winnetou:

„Also Ihr habt den ersten Gang, mein bester Sir. Es mag als gutes Omen dienen, wenn Ihr von der Hand eines Freundes an den Baum gefesselt werdet. Vorher aber mögen alle sich überzeugen, daß diese beiden Riemen von ganz gleicher Qualität sind.“

Die Riemen gingen von Hand zu Hand und wurden genau untersucht. jetzt mußte bestimmt werden, welcher von beiden mit der rechten und welcher mit der linken Hand angebunden werden solle. Zwei verschieden lange Grashalme bildeten die Lose. Winnetou zog den kürzeren und befand sich infolgedessen im Nachteil, da er mit der Rechten gefesselt wurde und ihm also die gewöhnlich weniger geübte Linke frei blieb. Die Upsarocas begrüßten diesen für sich günstigen Umstand mit einem frohen „Uh-ah – sehr gut, sehr gut!“

Nun wurden die Riemen den beiden Kämpfern in Schlingenform um die Handgelenke gezogen und dann so locker um den Stamm des Baumes befestigt, daß sie leicht zu drehen waren. Es kommt beim Muh-mohwa vor, daß die Gegner sich viertelstundenlang und noch länger um den Baum treiben, ehe der erste Stich erfolgt. Fließt dann aber Blut, so geraten sie gewöhnlich so hitzig aneinander, daß der Kampf sehr bald entschieden ist.

Jetzt standen sie bereit, der eine auf dieser, der andere auf jener Seite des Baumes.

Der hinkende Frank befand sich als Zuschauer neben dem dicken Jemmy.

„Hören Sie, Herr Pfefferkorn,“ sagte er, „das ist eene Situation, bei welcher es eenem eiskalt über die Haut läuft. Denn nich alleene diese beeden riskieren ihr Leben, sondern wir das unserige ooch. In diesem Momente hab‘ ich unter meiner Schkalplocke een Gefühl, als ob sie mir so ganz successiverweise schon bereits in die Höhe gezogen würde. Ich danke eegentlich sehre schöne für das Verschprechen, uns geduldig abschlachten zu lassen, wenn unsere beeden Champions besiegt werden!“

„Pah!“ antwortete Jemmy. „Mir ist zwar auch nicht ganz wohl zu Mute, aber ich denke, daß wir uns auf Winnetou und Old Shatterhand verlassen können.“

„Freilich schient es so, denn der Apache macht een so ruhiges Gesicht, als ob er eenen Grünsolo mit zehn Matadoren in der Hand hätte. Aber schtille! Der hundertfache Donner beginnt zu schprechen.“

Der Genannte hatte jetzt sein Messer in die Hand bekommen.

„Schihscheh – komm her!“ rief er dem Apachen auffordernd zu. „Oder soll ich dich um den Baum jagen, bis du vor Angst tot zusammenbrichst, ohne daß mein Messer dich getroffen hat?“

Winnetou antwortete ihm nicht. Er wendete sich an Old Shatterhand und sagte in der Sprache der Apachen, die sein Gegner nicht verstand:

„Schi din Ida sesteh – ich werde ihm die Hand lähmen.“

Da erklärte Old Shatterhand laut, indem er auf Winnetou zeigte:

„Dieser unser Bruder hat sein Herz vor den Gedanken des Mordes verschlossen. Er wird seinen Feind besiegen, ohne ihm einen Tropfen Blutes zu nehmen.“

„Uff, uff, uff !“ riefen die Upsarocas.

Der „hundertfache Donner“ antwortete auf Old Shatterhands Erklärung in höhnischem Tone:

„Dieser Euer Bruder ist vor Angst wahnsinnig geworden. Die Qual soll ihm abgekürzt werden.“

Er bewegte sich einen Schritt vorwärts, so daß der Stamm des Baumes sich nun nicht mehr zwischen beiden befand. Das Messer fest in der Faust, hielt er das Auge mit einem wahren Raubtierblick auf Winnetou gerichtet. Dieser aber schien ihn gar nicht zu beachten. Er blickte scheinbar ganz gleichgültig in die Ferne, und sein Gesicht war so ruhig und unbewegt, als ob es sich jetzt um etwas ihm sehr Gleichgültiges handle. Aber Old Shatterhand bemerkte gar wohl, daß jeder Muskel und jede Sehne seines roten Kampfgenossen bereit war, dem erwarteten Angriffe zu begegnen.

Der Upsaroca ließ sich täuschen. Er sprang ganz plötzlich auf Winnetou ein und erhob den Arm zum tödlichen Stoße. Aber anstatt zurückzuweichen, kam der Apache ihm ebenso blitzschnell entgegen. Mit gewaltigem Stoße rannte er dem Feinde die Faust mit dem Messerhefte in die Achselhöhle. Diese ebenso kühne wie kraftvolle und wohlgelungene Parade hatte den Erfolg, daß der Upsaroca zurückgeworfen wurde und sein Messer fallen ließ. Ein Griff des Apachen, der das seinige auch wegwarf, und ein Schrei des Roten – Winnetou hatte ihm die Hand verrenkt und stieß ihm im nächsten Augenblicke die geballte Faust so in die Magengrube, daß er hintenüber stürzte und, mit der Hand am Baumstamme hängend, auf den Rücken zu liegen kam.

Der Upsaroca lag einen Augenblick bewegungslos, und das war genügend für den Apachen. Sein Messer vom Boden aufraffen, sich mit einem schnellen Schnitt durch den Riemen vom Baume befreien und auf den Feind niederknieen, das war für ihn das Werk nur einer Sekunde.

„Bist du besiegt?“ fragte er.

Der andere antwortete nicht. Er atmete keuchend, teils von dem Stoße, den er erhalten hatte, teils auch aus Grimm und Todesangst.

Das war alles so gedankenschnell gegangen, daß die einzelnen Bewegungen des Apachen mit den Augen fast gar nicht voneinander zu unterscheiden gewesen waren. Kein Laut ließ sich rund im Kreise hören, und als der kleine Sachse ein jubelndes Hurra rufen wollte, gebot Old Shatterhand ihm durch eine so gebieterische Armbewegung Schweigen, daß er nur die erste Silbe dieses Wortes hören ließ, die zweite aber nicht aussprach.

„Stich zu!“ knirschte der Upsaroca, indem er einen Blick glühenden Hasses in das Gesicht des über ihn gebeugten Apachen warf und dann die Augen schloß.

Aber Winnetou erhob sich, schnitt den Riemen des Besiegten durch und sagte:

„Stehe auf! Ich habe versprochen, dich nicht zu töten, und ich halte mein Wort.“

„Ich mag nicht leben; ich bin besiegt!“

Da trat Oiht-e-keh-fa-wakon zu ihm heran und gebot ihm in zornigem Tone:

„Erhebe dich! Dir wird das Leben geschenkt, weil dein Skalp für den Sieger keinen Wert hat. Du hast dich gehalten wie ein Knabe. Aber noch stehe ich hier, um für uns zu kämpfen. Ich werde zweimal siegen, und während wir uns in die Skalpe der Feinde teilen, kannst du zu den Wölfen der Prairie gehen, um bei ihnen zu wohnen. Die Heimkehr zu dem Wigwam ist dir verboten!“

Der „hundertfache Donner“ stand auf und griff nach dem ihm entfallenen Messer.

„Der große Geist hat nicht gewollt, daß ich siege,“ sagte er. „Zu den Wölfen gehe ich nicht. Hier habe ich ein Messer, um das Leben zu enden, welches ich nicht geschenkt haben mag. Vorher aber will ich sehen, ob du besser als ich zu siegen verstehst.“

Er entfernte sich langsam eine kurze Strecke und setzte sich dort in das Gras. Es war ihm anzusehen, daß es ihm Ernst damit war, die Schande, besiegt worden zu sein, nicht zu überleben.

Kein Blick aus den Augen der Seinen fiel auf ihn. Desto hoffnungsvoller sahen sie auf ihren Anführer, der seine mächtige Gestalt an den Stamm lehnte und Old Shatterhand aufforderte:

„Komm herbei, und laß uns losen!“

„Ich lose nicht,“ antwortete dieser. „Man mag mich mit der Rechten anbinden.“

„Wohl, weil du schneller sterben willst?“

„Nein, sondern weil ich glaube, daß deine Linke schwächer ist als die Rechte. Ich will keinen Vorteil über dich haben. Du bist verwundet worden.“

Er deutete auf die linke Achsel des Roten, über welche sich eine breite Narbe zog. Sein Gegner konnte diesen Edelmut nicht begreifen; er maß ihn mit einem Blicke größten Erstaunens und antwortete:

„Willst du mich beleidigen! Sollen die Deinen, wenn ich dich getötet habe, sagen, daß dies nicht geschehen wäre, wenn du mir nicht diese Gnade erwiesen hättest? Ich verlange, daß du mit mir losest.“

„Nun wohl; ich bin bereit.“

Das Los entschied nach Old Shatterhands Willen, nämlich zu Gunsten seines Gegners, dessen linke Hand gefesselt wurde. Nach wenigen Augenblicken standen sich die beiden gegenüber, und wer die Muskeln des Riesen sah, welche sich wie langgezogene Knäuel um seine Glieder ballten, dem mußte um Old Shatterhand bange werden.

Dieser aber zeigte denselben äußerlichen Gleichmut wie vorhin Winnetou.

„Du kannst beginnen,“ forderte ihn der Upsaroca auf. „Ich werde dir den ersten Stoß erlauben. Drei Stöße werde ich nur abwehren, dann aber wirst du von meinem ersten Stoße fallen.“

Da lachte Old Shatterhand kurz auf. Er stieß sein Messer in den Stamm der Linde und antwortete:

„Und ich verzichte ganz auf diese Waffe. Dennoch wirst du gleich beim ersten Angriffe fallen. Wir haben keine Zeit zu einem langen Spiel. Sei also aufmerksam, denn ich beginne!“

Er erhob den Arm wie zum Schlage und sprang auf seinen Gegner ein. Dieser ließ sich durch die Finte täuschen und stieß nach ihm. Aber der Weiße war gedankenschnell wieder zurückgewichen, so daß der Stoß fehl ging. Eine abermalige blitzschnelle Bewegung Old Shatterhands – seine Faust traf den Gegner an die Schläfe; der Riesenleib desselben wankte einen Augenblick und krachte dann mit lautem Schlag auf die Erde nieder.

„Da liegt er, mit dem ganzen Körper am Boden! Wer hat gesiegt?“ rief Old Shatterhand.

Hatten vorhin, als der „hundertfache Donner“ besiegt worden war, die Upsarocas sich ruhig verhalten, so brachen sie jetzt in ein Geheul aus, welches klang, als ob es aus tierischen Kehlen käme. Die anderen erhoben ein lautes Freudengeschrei.

Hatte irgend einer vielleicht erwartet, daß die Krähenindianer im Falle ihres Unterliegens eine schleunige Flucht versuchen würden, so bewahrheitete sich dies jetzt nicht. Hielten sie sich wirklich durch ihren Schwur gebunden, oder waren sie viel zu bestürzt, um einen so schnellen Entschluß fassen zu können, keiner von ihnen machte eine Bewegung, welche auf die Absicht schließen ließ, sich dem Tode zu entziehen, der nach der vorausgegangenen Vereinbarung ihnen allen nun gewiß zu sein schien.

Old Shatterhand zog sein Messer aus dem Stamme und schnitt sich los. Die weißen Jäger traten zu ihm, um ihn und sich zu beglückwünschen. Auch die befreundeten Indianer priesen das Lob der beiden Sieger, waren aber auf das schleunigste bemüht, zu ihren Waffen zu kommen, um den Upsarocas jeden etwa beabsichtigten Widerstand und auch die Flucht zur Unmöglichkeit zu machen.

Diese aber hatten ihr Geheul eingestellt, gingen nach der Stelle, an welcher der „Donner“ saß, und ließen sich still bei ihm nieder. Selbst derjenige von ihnen, welcher mit bei den Waffen gestanden hatte, schloß sich ihnen an, obgleich es ihm nicht schwer gewesen wäre, auf eines der Pferde zu springen und davonzureiten.

Old Shatterhand trat wieder zu dem „Tapferen, welcher Medizin sucht“. Derselbe kam eben aus seiner Betäubung wieder zu sich. Er öffnete die Augen und sah, daß der Sieger ihm den Riemen durchschnitt. Es bedurfte einiger Zeit, ehe er zum Verständnisse der Situation gelangte. Dann aber sprang er von der Erde auf. Er starrte Old Shatterhand mit einem ganz unbeschreiblichen Blicke an. Die Augen schienen ihm aus ihren Höhlen treten zu wollen, und seine Stimme klang heiser, als er stockend fragte:

„Ich – – lag – – am Boden! Hast du mich denn besiegt?“

„Ja! Oder hast du nicht selbst die Bedingung ausgesprochen, daß derjenige, welcher mit dem Körper zur Erde zu liegen kommt, für besiegt gelten solle?“

Der Rote betrachtete sich. Trotz seiner Größe bot er jetzt ein Bild des tiefsten Erschreckens.

„Ich bin doch nicht verwundet!“ rief er aus.

„Weil ich dich nicht töten wollte. Ich steckte ja mein Messer in den Baum.“

„So hast du mich mit der bloßen Hand niedergeschlagen?“

„Ja,“ lächelte Old Shatterhand. „Ich hoffe, daß du mir das nicht übel nehmen wirst. Es ist das für dich besser, als wenn ich dich niedergestochen hätte.“

Aber der Upsaroca war ganz und gar nicht im stande, jetzt mit zu scherzen. Es war ein Blick größter Ratlosigkeit, welchen er auf die Seinen warf. Dann nahmen seine scharfen Züge den Ausdruck starrer Resignation an.

„Besser wäre es, du hättest mich getötet!“ klagte er. „Der große Geist hat uns verlassen, weil uns unsere Medizinen gestohlen worden sind. Der Krieger, welcher skalpiert wird, kann nie in die ewigen Jagdgründe gelangen. Warum sind die Squaws unserer Väter nicht gestorben, ehe wir geboren wurden!“

Der vorher so stolze und siegesgewisse Mann war jetzt kleinmütig und verzagt wie ein Kind. Er wankte dahin, wo die Seinen saßen, um sich zu ihnen zu setzen, drehte sich aber noch einmal um und fragte:

„Erlaubt ihr uns, das Sterbelied zu singen, bevor ihr uns tötet?“

„Bevor ich dir antworte, will ich dir eine Frage geben. Komm!“

Old Shatterhand führte ihn zu den Upsarocas, deutete auf den „hundertfachen Donner“ und fragte:

„Willst du jetzt noch diesem Krieger zürnen?“

„Nein. Er konnte nicht anders. Der große Geist hat es so gewollt. Wir haben unsere Medizinen verloren.“

„Ihr werdet sie oder noch viel bessere wiedererhalten.“

Sie alle blickten erstaunt zu ihm empor.

„Wo sollen wir sie finden?“ fragte ihr Anführer. „Hier, da wir sterben müssen? Oder in den ewigen Jagdgründen, in die wir nicht gelangen können, weil wir unsere Skalpe verlieren?“

„Ihr sollt euch Skalpe und euer Leben behalten. Ihr hättet uns getötet, wenn wir unterlegen wären; wir aber sind nur scheinbar auf euere Bedingungen eingegangen. Wir sind Christen und morden keinen unserer Brüder. Steht auf! Geht hin, nehmt eure Waffen und eure Pferde! Ihr seid frei und könnt reiten, wohin es euch beliebt!“

Aber keiner machte eine Miene, dieser Aufforderung Folge zu leisten.

„Du sagst das als Beginn der Qualen, mit denen ihr uns foltern werdet,“ sagte der „Tapfere, welcher Medizin sucht“. „Wir werden dieselben ertragen, ohne daß du einen Laut der Klage aus unserem Munde vernimmst.“

„Du irrst dich. Ich spreche im Ernste. Zwischen den Upsarocas und den Kriegern der Schoschonen ist das Beil des Krieges vergraben.“

„Aber ihr wißt, daß wir euch töten wollten!“

„Es ist euch nicht gelungen, und darum dürsten wir nicht nach eurem Blute. Wir haben keinen von uns an euch zu rächen. Kanteh-pehta, der berühmte Medizinmann der Upsarocas ist unser Freund. Er kann mit den Seinen unangefochten in seine Wigwams zurückkehren.“

„Uff ! Du kennst mich?“ fragte der Genannte erstaunt.

„Dir fehlt das Ohr, und ich erblickte hier diese Narbe; daran habe ich dich erkannt.“

„Woher weißt du, daß ich diese Zeichen an mir trage?“

„Von deinem Bruder Schunka-schetscha, dem großen Hunde(, der mir von dir erzählte.“

„Auch diesen kennst du also?“

„Ja. Ich bin einst mit ihm zusammen gewesen.“

„Wann? Wo?“

„Vor mehreren Sommern. Am Berge der Schildkröte haben wir uns getrennt.“

Da sprang der Medizinmann, der sich bereits niedergesetzt hatte, schnell wieder auf. Seine Züge nahmen einen ganz anderen Ausdruck an. Seine Augen verloren den starren, resignierten Blick und begannen zu leuchten.

„Täuscht mich dein Wort oder mein Ohr?“ rief er aus. „Wenn du die Wahrheit sagst, so bis du Non-parklama, den die Weißen Old Shatterhand nennen!“

„Der bin ich allerdings.“

Beim Klange dieses Namens erhoben auch die anderen Upsarocas sich vom Boden. Sie schienen auf einmal ganz andere Menschen zu sein.

„Wenn du dieser berühmte Jäger bist,“ rief ihr Anführer, „so hat der große Geist uns noch nicht verlassen. Ja, du mußt es sein, denn du hast mich mit der Faust niedergeschlagen. Von dir besiegt worden zu sein, ist keine Schande. Ich darf leben, ohne daß die Squaws auf mich deuten.“

„Und auch der hundertfache Donner, der ein tapferer Krieger ist, braucht sich nicht zu schämen, besiegt worden zu sein, denn derjenige, gegen den er kämpfte, ist Winnetou, der Häuptling der Apachen.“

Die Augen der Upsarocas suchten mit wirklich ehrfurchtsvollem Blicke die Gestalt Winnetous. Dieser trat herbei, reichte dem „hundertfachen Donner“ die Hand entgegen und sagte:

„Mein roter Bruder hat die Pfeife des Schwures mit mir geraucht; er wird nun auch das Calummet des Friedens mit uns rauchen, denn die Krieger der Upsarocas sind unsere Freunde. Howgh!“

Der „Donner“ ergriff die Hand und antwortete:

„Der Fluch des bösen Geistes ist von uns gewichen. Old Shatterhand und Winnetou sind die Freunde der roten Männer. Sie werden unsere Skalpe nicht von uns fordern.“

„Nein, ihr seid frei,“ wiederholte Old Shatterhand die bereits einmal gegebene Versicherung. „Wir werden euch geben anstatt euch etwas zu rauben. Wir kennen die Männer, welche euch eure Medizinen raubten. Wenn ihr uns folgen wollt, so werden wir euch zu ihnen führen.“

„Uff ! Wer sind die Diebe?“

„Eine Schar der Sioux-Ogallala, deren Ziel die Berge des Gelbsteinflusses sind.“

Diese Nachricht regte die Beraubten gewaltig auf. Ihr Anführer rief in grimmigem Tone:

„Die Hunde der Ogallala sind es gewesen! Hong-peh-tekeh, der schwere Moccassin, ihr Häuptling, hat mich verwundet und mir das Ohr genommen, ohne daß ich mich rächen konnte. Ich habe den großen Geist gebeten, mich auf seine Fährte zu bringen, aber mein Wunsch ist nie in Erfüllung gegangen.“

Da trat Wohkadeh, welcher in der Nähe gestanden und alles gehört hatte, herbei und sagte:

„Du befindest dich auf seiner Fährte, denn Hong-peh-tekeh ist der Anführer der Ogallala, welche wir verfolgen.“

„So hat der große Geist ihn endlich in meine Hand gegeben. Wer aber ist dieser junge, rote Krieger, welcher mit dem hundertfachen Donner kämpfen wollte und jetzt so genaue Nachricht über die Sioux-0gallala weiß?“

„Es ist Wohkadeh, ein wackerer Sohn der Numangkake,“ antwortete Old Shatterhand. „Er wurde von den Ogallala gezwungen, mit ihnen zu reiten, und war auch dabei, als sie euch eure Medizinen raubten. Er wich dann von ihnen und hat uns bereits sehr große Dienste geleistet.“

„Und was wollen die Sioux in den Bergen des Gelbsteinflusses?“

„Wir werden es euch erzählen, wenn wir das Lagerfeuer angebrannt haben. Dann mögt ihr euch beraten, ob ihr mit uns reiten wollt.“

„Wenn ihr euch auf der Fährte der Ogallala befindet, um gegen sie zu kämpfen, so werden wir mit euch reiten. Sie haben uns unsere Medizinen gestohlen. Wohkadeh wird uns erzählen, wie das geschehen ist. Kanteh-pehta ist der berühmteste Medizinmann der Upsarocas. Daß er sich seine große Medizin hat rauben lassen, hat ihn in Schimpf und Schande gebracht, und er wird nicht eher ruhen, als bis es ihm gelungen ist, sich zu rächen. Meine Brüder mögen das Feuer der Beratung anbrennen. Wir dürfen keine Zeit verlieren, und meine Krieger wissen, welche große Ehre es für sie ist, mit so berühmten Männern reiten zu dürfen!“

So waren abermals Feinde in Freunde umgewandelt worden, und mit der Zahl der Teilnehmer wuchs die Hoffnung, daß das erst so schwierig scheinende Unternehmen gelingen werde. – –

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Am P’a Wakon Tonka

Am P’a-wakon-tonka

„Der Senat und das Haus der Repräsentanten der Vereinigten Staaten beschließen, daß der Landstrich in den Territorien Montana und Wyoming, nahe dem Ursprunge des Yellowstone-River liegend, hierdurch von jeder Besiedelung, Besitznahme oder Verkauf unter den Gesetzen der Vereinigten Staaten ausgenommen und als ein öffentlicher Park oder Lustplatz zum Wohle und Vergnügen des Volkes betrachtet werden soll. Jedermann, der sich diesen Bestimmungen zuwider dort niederläßt oder von irgend einem Teile Besitz ergreift, soll als Übertreter des Gesetzes angesehen und ausgewiesen werden. Der Park soll unter die ausschließliche Kontrolle des Sekretärs des Inneren gestellt werden, dessen Aufgabe es sein wird, sobald als thunlich solche Vorschriften und Anordnungen zu erlassen, als er zur Pflege und Erhaltung desselben notwendig erachtet.“

So lautet ein vom Vereinigten Staatenkongreß am 1. März 1872 angenommenes Gesetz, durch welches den Bürgern der Vereinigten Staaten und den Bewohnern aller übrigen Länder ein Geschenk gemacht wurde, von dessen Größe man damals noch gar keine Ahnung hatte.

Über den erwähnten Landstrich, welcher heute der Nationalpark der Vereinigten Staaten genannt wird, durchzogen vor der angegebenen Zeit die allerseltsamsten Gerüchte die östlichen Staaten. Nur den wildesten Indianern bekannt und kaum in einzelnen Teilen von einem kühnen, einsamen Trapper gesehen, war diese Gegend in das tiefste Geheimnis gehüllt. Was einer dieser Fallensteller erzählte, das wurde, auf das phantastischste ausgeschmückt, weiter getragen. Brennende Prairien und Berge, kochende Quellen, Vulkane, welche flüssiges Metall auswürfen, Seen und Flüsse, mit Öl anstatt mit Wasser gefüllt, versteinerte Wälder mit versteinerten Indianern und Tieren sollten dort zu finden sein.

Erst Professor Hayden, welcher eine Expedition nach jener wunderbaren Region unternahm, brachte genaue Auskunft über dieselbe, und er wußte allerdings ganz Außerordentliches zu berichten. Ihm ist es zu danken, daß das oben angeführte Gesetz erlassen wurde.

Der Nationalpark umfaßt ein Gebiet von 9500 Quadratkilometern. Dort entspringen der Yellowstone-, Madison-, Gallatin- und der Schlangenfluß. Mächtige Gebirgsketten durchziehen das Gebiet. Eine reine und stärkende Luft umzieht die Höhen, und Hunderte von kalten und heißen, chemisch verschieden zusammengesetzten Quellen bieten durch ihre wunderbare Heilkraft den Kranken Genesung und Erneuerung der gesunkenen Lebenskraft. Geiser, mit denen diejenigen Islands kaum zu vergleichen sind, werfen ihre Wasserstrahlen mehrere hundert Fuß hoch empor; Berge, ganz aus natürlichem Glase bestehend und in allen Farben schillernd, glänzen in den Strahlen der Sonne. Schluchten, wie so schauerlich keine andere Gegend sie aufzuweisen hat, scheinen eingeschnitten zu sein, um einen Einblick in die Eingeweide der Erde zu gestatten. Der Erdboden bildet Blasen, welche sich heben und senken; oft scheint er nur zolldick zu sein, so daß der Reiter sein entsetztes Pferd nur mühsam vorwärts bringt. Riesige Löcher öffnen sich, gefüllt mit kochendem Schlamm, welcher langsam auf und nieder steigt. Es ist ganz unmöglich, nur eine Viertelstunde weit zu gehen, ohne auf irgend ein staunenswertes Naturwunder zu stoßen. Gibt es doch nur der Geiser und heißen Quellen über zweitausend. Während an einer Stelle siedendes Wasser dem Boden entströmt, perlt in nächster Nähe ein heller, kalter Quell hervor. Gute und böse Geister, Engel und Teufel scheinen unter der Oberfläche gegeneinander zu kämpfen. Staunt man jetzt das Erhabene an, so weicht man wenige Schritte weiter vor dem Schrecklichen zurück. Hat man an der einen Stelle eine Riesenfontäne bewundert, welche tausend Fuß hoch über dem Flußniveau an den Wänden des Cannons emporsteigt, so schreitet man dann über Felder von Karneolen, Moosachaten, Chalcedon, Opalen und anderen Halbedelsteinen, deren Wert ein geradezu ungeheuerer ist.

Und dort zwischen den Bergen des Felsengebirges schlummern herrliche Seen. Der größte und schönste derselben ist der Yellowstonesee, welcher mit Ausnahme des Titikakasees der höchstgelegene große See der Erde ist, denn er liegt fast achttausend Fuß hoch über dem Meeresspiegel.

Sein Wasser ist sehr schwefelhaltig, seine tiefen Einschnitte wimmeln von riesigen Forellen, deren Fleisch einen ganz eigenartigen, aber sehr guten Geschmack besitzt. Die ihn umgebenden Wälder sind reich an Hochwild, Elentieren, Bären. An den Ufern entspringen unzählige heiße Quellen, aus denen die Dämpfe der Unterwelt hervorpfeifen, laut und schrill, wie aus den Ventilen einer Lokomotive.

Ein ängstliches Gemüt kommt da sehr leicht auf den Gedanken, diesem Gebiete zu entweichen. Die im Inneren der Erde ruhelos arbeitenden Gewalten machen sich hier gar zu sehr bemerklich. Man fühlt sich nicht mehr sicher auf der Erde. Es ist, als müsse die ganze meilenweite Gegend im nächsten Augenblicke entweder versinken oder als gigantischer, feuerspeiender Krater weit über die Spitzen der Rocky Mountains emporgehoben werden – beide Fälle gleich unangenehm für denjenigen, der mit versinken oder mit emporgeschleudert werden soll.

Da, wo der Yellowstonefluß aus dem See tritt und das Ufer des letzteren sich südwestlich nach der Stelle hinzieht, an welcher der Bridge-Creek einmündet, brannten einige Feuer. Man hatte sie angebrannt, weil es dunkel geworden war, nicht aber weil sie zur Bereitung des Abendessens gebraucht worden wären. In letzterer Beziehung hatte die Natur sehr freundlich Sorge getragen.

Ellenlange Forellen, im kalten Seewasser gefangen, wurden im heißen Wasser gesotten, welches nur wenige Fuß entfernt aus dem Boden hervorkochte. Der kleine Sachse bildete sich nicht wenig darauf ein, am Nachmittag ein wildes Schaf geschossen zu haben. Es gab infolgedessen gekochtes Schöpsenfleisch voran und Forellen als Dessert. Die heiße Quelle war von so geringem Umfang, daß sie geradezu als Kochtopf diente, und das abfließende Wasser hatte dadurch einen solchen Bouillongeschmack, daß es mit den wenigen vorhandenen Lederbechern geschöpft und mit großem Appetit getrunken wurde.

Die Gesellschaft war, ganz wie Old Shatterhand es vorhergesagt hatte, über den Pelikan- und den Yellowstonefluß herüber gekommen, wollte morgen vormittag über den Bridge-Creek und dann gerade westlich nach dem Feuerlochflusse reiten. Dort arbeitete der Geiser, welcher von den Indianern K’un-tui-temba, d. i. Höllenmaul genannt wird und in dessen Nähe das Häuptlingsgrab als Ziel des weiten Rittes lag.

Dieser war weit schneller von statten gegangen, als man vorher hatte denken können. Obgleich das Ziel sich bereits in ziemlicher Nähe befand, waren noch volle drei Tage bis zum Vollmonde, und Old Shatterhand war der Überzeugung, daß die Sioux-Ogallala unmöglich bereits hier sein könnten. Er bemerkte im Laufe des Gespräches:

„Sie können kaum Bottelers Range erreicht haben, und wir sind also vor ihnen sicher. Laßt immerhin die Feuer brennen, bis nachher der Mond hinter den Bergen aufsteigt. Andere menschliche Wesen als die Sioux haben wir nicht zu erwarten. Wir haben gar nichts zu befürchten.“

„Und wie ist von Bottelers Range sodann der Weg herauf, Sir?“ fragte Martin Baumann.

„Wollt Ihr ihn vielleicht reiten, junger Freund?“

Martin bemerkte den forschenden Blick nicht, welchen Old Shatterhand bei dieser Frage auf ihn warf, antwortete aber dennoch mit einer kleinen, nicht ganz zu beherrschenden Verlegenheit:

„Ich interessiere mich natürlich für denselben, weil mein Vater ihn zu reiten hat. Ich habe gehört, daß er sehr gefährlich sein soll.“

„Das will ich nicht behaupten. Man hat natürlich die Nähe der Geiser und sodann diejenigen Stellen zu vermeiden, an welchen die Erdrinde so dünn ist, daß man beim Betreten derselben durchbrechen würde. Man reitet von Bottelers Range im Thale des Flusses aufwärts, an erloschenen Vulkanen vorüber. Nach vier bis fünf Stunden gelangt man in den unteren Cannon, welcher eine halbe Meile lang und wohl tausend Fuß tief in den Granit geschnitten ist. Nach abermals fünf Stunden erreicht man einen Berg, von dessen Spitze zwei parallele Felsenmauern fast dreitausend Fuß tief herniederlaufen. Das wird die Rutschbahn des Teufels genannt. Drei Stunden später gelangt man an die Mündung des Gardinerflusses, dem man nun aufwärts zu folgen hat, weil man am Yellowstone-River nicht mehr vorwärts kann. Dann reitet man an den Washburnebergen und dem Cascade-Creek entlang, welch letzterer wieder nach dem Yellowstone führt. Er mündet zwischen den oberen und unteren Fällen desselben, und man befindet sich somit an dem Rande des großen Cannon, welcher wohl das größte Wunder des Yellowstonebassins bildet.“

„Kennt Ihr dieses Wunder, Sir?“ fragte der dicke Jemmy.

Auch diesem Frager warf Old Shatterhand einen heimlich forschenden Blick zu, bevor er antwortete:

„Ja. Er ist wohl über sieben deutsche Meilen lang und mehrere tausend Fuß tief. Die Wände fallen geradezu lotrecht in die Tiefe, und nur ein völlig schwindelfreier Mensch darf es wagen, nach dem Rande hinzukriechen, um in die schauerliche Tiefe zu blicken, in welcher der vorher zweihundert Fuß breite Fluß wie ein dünner Faden erscheint. Und doch ist es dieser Faden gewesen, welcher sich im Verlaufe von Jahrtausenden so tief in die Felsen eingeschnitten hat. Die Wogen brausen unten an den massiven Steinmauern mit fürchterlicher Schnelligkeit dahin, droben aber ist von ihrem Wüten nichts zu hören. Kein Sterblicher kann da hinab, und wenn er es könnte, er vermöchte doch nicht, nur eine Viertelstunde es auszuhalten. Es würde ihm an der Luft fehlen. Das Wasser des Flusses ist warm, sieht wie Öl aus, besitzt einen ekelhaften Schwefel- und Alaungeschmack und verbreitet einen Gestank, der nicht zu ertragen ist. Geht man am Cannon aufwärts, so erreicht man die unteren Fälle des Flusses, wo dieser sich aus einer Höhe von vierhundert Fuß in die grauenvolle Tiefe stürzt. Eine Viertelstunde weiter aufwärts fällt der Strom abermals weit über hundert Fuß herab. Von diesen oberen Fällen bis hierher würde ein Reiter ungefähr neun Stunden brauchen. Das macht also von Bottelers Range aus zwei tüchtige Tagesritte, welche wir den Sioux Ogallala voraus sind. Genau kann diese Rechnung allerdings nicht sein; aber einige Stunden mehr oder weniger sind ja nicht von Belang. Es genügt uns, zu wissen, daß unsere Feinde noch nicht hier sein können.“

„Und wo werden sie sich morgen um diese Zeit befinden, Sir?“ fragte Martin Baumann.

„Am oberen Ausgange des Cannons. Habt Ihr einen Grund, das so genau wissen zu wollen?“

„Einen direkten nicht; aber Ihr könnt Euch denken, daß ich den Vater in Gedanken begleite. Wer weiß, ob er noch lebt.“

„Ich bin ganz überzeugt davon.“

„Die Sioux können ihn getötet haben!“

„Mit diesem Gedanken braucht Ihr Euch nicht zu sorgen. Die Ogallala wollen ihre Gefangenen nach dem Häuptlingsgrabe bringen, und das werden sie auch thun; darauf könnt Ihr Euch verlassen. Je später die Unglücklichen getötet werden, desto länger dauern die Qualen, welche sie zu erdulden haben, und darum fällt es den Sioux gar nicht ein, sie ihnen durch einen früheren Tod abzukürzen. Ich kenne diese roten Kerls sehr genau, und wenn ich Euch sage, daß Euer Vater jedenfalls noch lebt, so könnt Ihr es glauben.“

Er wickelte sich in seine Decke, legte sich nieder und that, als ob er schlafen wolle. Unter den nicht ganz geschlossenen Lidern hervor aber beobachtete er Martin Baumann, den dicken Jemmy und den Hobble-Frank, welche leise und angelegentlich flüsterten, genau.

Nach einiger Zeit erhob der Dicke sich von seinem Platze und schlenderte langsam und scheinbar unbefangen nach der Seite hin, in welcher die Pferde graseten. Sofort stand auch Old Shatterhand auf und folgte ihm heimlich. Er sah, daß Jemmy sein Pferd, welches nur angehobbelt war, anpflockte, und trat nun schnell auf ihn zu.

„Master Jemmy, was hat Euer Gaul verbrochen, daß er nicht frei fressen soll?“ fragte er ihn.

Der einstige Gymnasiast wendete sich erschrocken zu ihm um.

„Ah, Ihr seid es, Sir? Ich hielt Euch doch für eingeschlafen.“

„Und ich hielt Euch bis jetzt für einen ehrlichen Kerl!“

„Alle Teufel! Meint Ihr etwa, daß ich es jetzt nicht mehr bin?“

„Fast scheint es so!“

„Warum?“

„Aus welchem Grunde erschrakt Ihr so, als ich jetzt hierher kam?“

„Aus dem einfachen Grunde, aus welchem ein jeder erschrickt, der bei Nacht ganz unerwartet angeredet wird.“

„Der müßte ein ziemlich schlechter Westmann sein. Ein braver Jäger bewegt sich unter Umständen selbst dann nicht, wenn ganz unerwartet vor seinem Ohr ein Schuß abgefeuert wird.“

„Ja, wenn dabei die Kugel ihm durch den Kopf geht, so bewegt er sich allerdings nicht mehr!“

„Pah! Ihr wißt genau, daß es hier kein feindliches Wesen gibt! Es sollte niemand merken, daß Ihr Euer Pferd angepflockt habt.“

Der Dicke verbarg seine Verlegenheit hinter einem zornigen Tone:

„Jetzt, Sir, begreife ich Euch nicht. Kann ich denn mit meinem Pferde nicht mehr machen was mir beliebt?“

„Ja, aber heimlich braucht Ihr es nicht zu thun!“

„Von Heimlichkeit ist keine Rede. Unter den Pferden der Upsarocas befinden sich einige Schläger. Mein Gaul ist bereits einmal verletzt worden. Damit das nicht wieder geschehen möge, habe ich ihn angepflockt; er soll diese störrige Gesellschaft gar nicht aufsuchen können. Ist das eine Sünde, so hoffe ich, daß ich Vergebung finde.“

Er wendete sich ab, um zum Lager zurückzukehren. Old Shatterhand aber legte ihm die Hand auf die Schulter und bat:

„Bleibt noch einen kurzen Augenblick, Master Jemmy. Es kann nicht meine Absicht sein, Euch zu beleidigen; aber ich glaube Veranlassung zu haben, Euch zu warnen. Daß ich das unter vier Augen thue, mag Euch zeigen, wie hoch ich Euch schätze.“

Jemmy schob seinen Hut nach vom, kratzte sich hinter dem Ohre, wie es sonst sein Freund Davy zu thun pflegte, wenn er sich in Verlegenheit befand, und antwortete:

„Sir, wenn ein anderer mir das sagte, so würde ich ihm ein wenig mit der Faust im Gesicht herumlaufen; von Euch aber will ich die Warnung annehmen. Also, wenn Ihr einmal geladen habt, so drückt in Kuckucks Namen los!“

„Schön! Welche Heimlichkeiten habt Ihr mit dem Sohne des Bärenjägers?“

Es dauerte eine kleine Weile, bevor Jemmy antwortete:

„Heimlichkeiten? Ich mit dem? Dann sind diese Heimlichkeiten so sehr heimlich, daß ich selbst von ihnen nicht das Geringste weiß.“

„Ihr flüstert immer miteinander!“

„Er will sich in der deutschen Sprache üben.“

„Das kann er auch laut thun. Ich habe bemerkt, daß er in letzter Zeit viel besorgter um seinen Vater ist als vorher. Er befürchtet, daß er von den Ogallala getötet worden sei, und ich gebe mir vergebliche Mühe, ihm das auszureden. Ihr habt vorhin gehört, daß er wieder davon anfing. Ich befürchte, daß er sich mit Gedanken trägt, welche zwar seiner Kindesliebe, nicht aber seiner Einsicht Ehre machen. Wißt Ihr vielleicht etwas davon?“

„Hm! Hat er Euch etwas davon gesagt, Sir?“

„Nein.“

„Nun, zu Euch hat er doch jedenfalls mehr Vertrauen, als zu mir. Wenn er gegen Euch schweigt, so wird er gegen mich nicht mitteilsamer sein.“

„Mir scheint, Ihr sucht eine direkte Antwort zu umgehen?“

„Fällt mir nicht ein!“

„Er hält sich seit gestern von mir und Winnetou zurück, und Ihr reitet stets mit ihm. Ich habe geglaubt, daraus folgern zu müssen, daß er Euch zu seinem Vertrauten gemacht hat.“

„Ich sage Euch, daß Ihr Euch da sehr irrt, obwohl Ihr sonst ein außerordentlich scharfsinniger Mann seid.“

„Also er hat Euch wirklich nichts mitgeteilt, woraus zu folgern wäre, daß er etwas beabsichtigt, was ich nicht billigen könnte?“

„Alle Teufel! Ihr stellt da ja ein wirkliches Examen mit mir an. Bedenkt, Sir, daß ich kein Schulknabe bin! Wenn mir jemand über seine Familienverhältnisse und Herzensangelegenheiten eine Mitteilung macht, so bin ich nicht berechtigt, einem anderen darüber Rede zu stehen.“

„Gut, Master Jemmy! Das, was Ihr jetzt sagtet, war zwar eine Grobheit, hat aber seine Richtigkeit. Ich will also nicht weiter in Euch dringen und genau so thun, als ob ich nichts bemerkt hätte. Geschieht aber etwas, was einen von uns in Schaden bringt, so weise ich alle Verantwortlichkeit von mir ab. Wir sind fertig.“

Er wendete sich ab und ging, nicht nach dem Lager hin, sondern nach der entgegengesetzten Seite. Er hatte sich über Jemmy geärgert und wollte seinen Unmut durch einen kurzen Gang zur Ruhe bringen.

Der Dicke schlenderte langsam nach seinem Feuer hin und brummte dabei leise vor sich hin:

„Ein verteufelt scharfes Auge hat dieser Mann! Wer konnte meinen, daß er etwas gemerkt habe. Recht hat er, vollständig recht, und ich wollte, ich hätte ihm alles sagen können; aber ich habe mein Wort gegeben, zu schweigen, und darf es nicht brechen. Besser wäre es, ich hätte mich mit dieser Sache gar nicht abgegeben. Aber der kleine Bärenjäger wußte so schön zu bitten, und da ist mir altem, dickem Waschbären das Herz mit dem Verstande davongelaufen. Na, hoffentlich nimmt die Angelegenheit ein gutes Ende!“

Als Old Shatterhand sich vorhin vom Feuer entfernt hatte, war von den Zurückbleibenden ein leises Gespräch über denselben Gegenstand geführt worden.

„O weh!“ hatte der lange Davy dem Sohne des Bärenjägers zugeflüstert. „Da geht Shatterhand fort! Wohin?“

„Wer weiß es!“

„Ich bin es vielleicht, der es weiß. Mir scheint, er hat gar nicht geschlafen. Wenn einer in dieser Weise aufsteht, so ist er nicht aus dem Schlafe erwacht. Er hat uns wohl gar beobachtet.“

„Warum sollte er das? Wir haben ihm ja keine Veranlassung zum Mißtrauen gegeben.“

„Hm! Ich freilich nicht, aber Ihr. Ich habe mich sehr wohl gehütet, viel mit Euch zu reden, wenn ich wußte, daß er es bemerken könne. So auch vorhin. Jemmy aber hält sich so unausgesetzt zu Euch, daß ein jeder annehmen muß, daß Ihr irgend eine Heimlichkeit mit ihm habt. Auch Old Shatterhand ist es wohl aufgefallen. Nun ist er dem Jemmy nach und wird sehen, daß dieser unsere Pferde anpflockt, damit wir sie nachher, wenn wir uns fortschleichen wollen, nicht lange Zeit zu suchen brauchen. Wenn er das wirklich sieht, so ist unsere Absicht mehr als halb verraten.“

„Ich werde sie dennoch ausführen!“

„Ich habe Euch gewarnt und warne Euch auch noch jetzt!“

„Aber bedenkt doch, mein lieber Davy, daß es mir ganz unmöglich ist, noch volle drei Tage zu warten! Ich sterbe vor Sorge um den Vater.“

„Old Shatterhand hat Euch aber doch erklärt, daß die Gefangenen noch leben müssen!“

„Er kann sich sehr leicht irren.“

„So können wir es auch nicht ändern.“

„Aber ich habe Gewißheit und kann mich danach richten. Wünscht Ihr etwa, daß ich Euch Euer Wort zurückgebe?“

„Besser für mich wäre es vielleicht.“

„Das sagt Ihr, dem ich ein so großes Vertrauen geschenkt habe,“ bemerkte Martin in vorwurfsvollem Tone. „Habt Ihr denn vergessen, daß Ihr und Jemmy die ersten waret, welche mir ihre Hilfe anboten? Nun aber kann ich mich nicht mehr auf euch verlassen.“

„Zounds! Das ist ein Vorwurf, den ich nicht auf mir sitzen lassen darf. Ich habe mich von meiner Zuneigung zu Euch hinreißen lassen, Euch das Versprechen zu geben, und Ihr sollt mir nicht nachsagen, daß ich es nicht halte. Ich reite also mit; aber ich mache eine Bedingung!“

„Laßt hören! Ich erfülle sie, wenn es mir möglich ist.“

„Wir belauschen die Sioux-Ogallala nur, um zu erfahren, ob Euer Vater noch lebt.“

„Ja, einverstanden.“

„Wir machen nicht etwa auf unsere eigene Faust einen Versuch, ihn zu befreien.“

„Auch da bin ich Eurer Meinung.“

„Schön! Ich kann es mir lebhaft vorstellen, wie es in Eurem Herzen aussehen mag. Ihr steht eine reelle Angst um Euren Vater aus. Das rührt mein altes, gutes Gemüt, und ich begleite Euch. Aber sobald wir gesehen haben, daß er noch lebt, kehren wir um und reiten den anderen nach. Wenn Ihr nur nicht auf den Gedanken gekommen wäret, den Hobble-Frank mitzunehmen!“

„Er hat es verdient, daß ich diese Rücksicht auf ihn nehme.“

„Aber ich denke, daß er uns mehr schaden als nutzen werde.“

„O, Ihr irrt Euch in ihm. Er ist trotz aller seiner Eigenheiten ein mutiger und auch gewandter Kerl.“

„Das mag sein; aber er hat ein ganz entschiedenes Pech. Was er am besten anzufangen meint, das gelingt ihm am allerwenigsten. Solche Unglücksvögel sind die besten Geschöpfe, aber man muß sie meiden.“

„Ich habe es ihm nun einmal versprochen und will ihm nicht das Herzeleid anthun, mein Wort zurückzunehmen. Er hat in Freud‘ und Leid treu bei uns ausgehalten, und es ist eine Art Belohnung für ihn, wenn ich ihn mitnehme.“

„Und Wohkadeh? Geht er noch mit?“

„Ja. Wir haben so innige Freundschaft geschlossen, daß es ihm unmöglich ist, zurückzubleiben, während ich diesen Ritt unternehme.“

„So ist also alles in Ordnung, und es handelt sich nur darum, unbemerkt fortzukommen. Freilich wird es morgen früh eine große Sorge um uns geben, wenn wir verschwunden sind, aber ich denke, der Neger wird den Auftrag ausrichten. Da kommt Jemmy.“

Der Dicke kam herbei und setzte sich zu ihnen.

„Nicht wahr, Old Shatterhand hegt Mißtrauen?“ fragte Davy.

„Ja. Er hat mich inquiriert wie einen Spitzbuben,“ brummte der Dicke mißmutig.

„Du hast aber doch nichts gestanden?“

„Versteht sich ganz von selbst. Aber sauer ist es mir freilich geworden. Ich habe meine Zuflucht sogar zur Grobheit nehmen müssen. Das nahm er mir übel und ging fort.“

„Und er hat gesehen, daß du unsere Pferde anpflocktest?“

„Ich hatte es nur erst mit dem meinigen gethan. Er war mir glücklicherweise zu schnell nachgekommen. Laßt uns aber jetzt schweigen, damit wir sein Mißtrauen einschläfern. Da kommt nun auch der Mond. Wir wollen das Feuer auslöschen und uns dann unter die Bäume legen. Da gibt es Schatten, und man bemerkt unsere Entfernung nicht sogleich.“

„Gut, daß wir Mondschein haben; da finden wir wenigstens den Weg.“

„Er ist uns deutlich vorgezeichnet, immer am Flusse hinab. Einerseits ist es mir gar nicht lieb, daß wir gezwungen sind, die Gefährten zu täuschen, andererseits aber kann es ihnen auch nichts schaden. Früher hatten auch wir ein Wort zu sagen; jetzt aber sind Old Shatterhand und Winnetou die Kommandanten. Jemmy und Davy werden nur so nebenbei einmal um ihre Ansicht gefragt. Da ist es eigentlich ganz an der Zeit, ihnen zu zeigen, daß wir auch noch zu den Westmännern gehören, die einen Plan entwerfen und ihn auch ausführen können. jetzt nun zur Ruhe. Sie darf für uns nicht lange währen.“

Das Feuer wurde ausgelöscht. Auch die Flammen, an denen die Indianer gesessen hatten, brannten nicht mehr. Die Gespräche waren verstummt. Old Shatterhand legte sich, als er zurückgekehrt war, neben Winnetou in das Gras. Nun war es still ringsum. Nur das schrille Pfeifen der dem Erdinnern entströmenden Dämpfe ließ sich in regelmäßigen Zwischenräumen hören.

Es verging weit über eine Stunde, da regte es sich leise unter den Bäumen, wo Frank, Jemmy, Davy, Martin und Wohkadeh sich zusammen gelagert hatten.

„Meine Brüder mögen mir folgen,“ flüsterte der junge Indianer. „Es ist Zeit. Wer eher geht, der kommt eher an.“

Sie griffen nach ihren Waffen und sonstigen Sachen und schlichen sich leise unter den Bäumen dahin, den Pferden zu. Jemmy fand das seinige leicht; die anderen mußten erst gesucht werden; aber den scharfen Augen Wohkadehs gelang es schnell, die vier Tiere von den anderen zu unterscheiden.

Ohne ein leichtes Geräusch ging das freilich nicht ab. Darum blieben die fünf Flüchtlinge, als sie die Pferde beisammen hatten, eine kleine Weile lauschend stehen, um zu beobachten, ob ihr Verschwinden bemerkt worden sei.

Als es aber dort bei den Schlafenden ruhig blieb, führten sie die Pferde, deren Hufschlag durch das Gras gedämpft wurde, langsam fort.

Freilich, ganz unbemerkt entkamen sie nicht. Obgleich an die Nähe eines Feindes nicht gedacht werden konnte, waren doch einige Wachen, die sich von Zeit zu Zeit abzulösen hatten, ausgestellt worden. Für die Nacht war dies schon wegen den wilden Tieren im Walde notwendig. An einem dieser Wachtposten kamen sie vorüber.

Es war ein Schoschone. Er hörte sie kommen, wußte natürlich, daß die vom Lager her Nahenden Freunde sein mußten, und machte daher keinen Lärm. Der Schein des Mondes, welcher sich zwischen einzelnen Zweigen hindurch herniederstahl, erlaubte ihm, die Pferde zu sehen. Daß sich Männer mit ihren Tieren entfernen wollten, das erregte seine Verwunderung.

„Was haben meine Brüder vor?“ fragte er.

„Schau mich an! Erkennst du mich?“ antwortete Jemmy, nahe an ihn herantretend, so daß seine Gestalt deutlich zu bemerken war.

„Ja. Du bist Jemmy-petahtscheh.“

„Sprich leise, damit keiner der Schläfer geweckt werde. Old Shatterhand sendet uns aus. Er weiß, wohin wir gehen. Ist dir das genug?“

„Meine weißen Brüder sind unsere Freunde. Ich darf sie nicht hindern, die Befehle des großen Jägers auszuführen.“

Sie gingen weiter. Als sie so entfernt vom Lager waren, daß kein Huftritt dort mehr gehört werden konnte, stiegen sie auf, suchten die lichtere Nähe des Seeufers auf und trabten längs desselben hin, um den Ausfluß des Yellowstoneriver zu erreichen und demselben in nördlicher Richtung zu folgen.

Der Schoschone hielt den Vorfall für so einfach und selbstverständlich, daß er sich gar nicht die Mühe gab, später dem ihn ablösenden Posten eine Mitteilung darüber zu machen. So blieb die Entfernung der fünf kühnen oder vielmehr leichtsinnigen Deserteure unbemerkt, bis der Tag graute.

Um diese frühe Zeit sollte aufgebrochen werden. Daher erhoben sich, als die ersten Vogelstimmen in den Zweigen ertönten, alle von ihren Lagerorten. Da bemerkte Old Shatterhand zunächst, daß Martin Baumann fehlte. Da ihm sofort die gestrige Befürchtung zurückkehrte, forschte er nach Jemmy, und bald stellte es sich heraus, daß nicht nur dieser auch fehlte, sondern ebenso Davy, Frank und Wohkadeh nicht mehr vorhanden waren. Wie man sich dann sogleich überzeugte, hatten sie zu Pferde das Lager verlassen.

Nun erst jetzt meldete sich der Schoschone, welcher gestern abend die Wache gehabt hatte, und erzählte Old Shatterhand, welche Erklärung ihm von Jemmy gemacht worden war.

Winnetou stand dabei und konnte sich trotz seines sonstigen Scharfsinnes die Absicht, in welcher die Fünf sich so heimlich entfernt hatten, nicht denken.

„Sie sind den Sioux-Ogallala entgegen,“ erklärte ihm Old Shatterhand.

„So haben sie ihr Hirn verloren,“ zürnte der Apache. „Sie werden nicht nur der Gefahr, welcher sie entgegenreiten, nicht entgehen, sondern auch unsere Anwesenheit verraten. Warum aber wollen sie den Sioux begegnen?“

„Um zu erfahren, ob der Bärentöter noch lebe.“

„Ist er tot, so vermögen sie doch nicht, ihm das Leben zurückzugeben, und lebt er noch, so werden sie ihm Unglück bringen. Winnetou kann diesen großen Fehler den zwei kühnen Knaben verzeihen; die beiden alten, weißen Jäger aber sollten am Pfahle aufgestellt werden, den Squaws und Kindern zum Spotte!“

Da kam Bob, der Neger, herbei. Der Skunkgeruch war noch nicht ganz von ihm gewichen, so daß keiner der Leute ihn gern in seiner Nähe duldete. Er trug immer noch nur die alte Pferdedecke, welche der lange Davy ihm geschenkt hatte. Des Nachts, wenn es kühl wurde, hatte er sich bisher in das Fell des von Martin Baumann erlegten Bären gewickelt.

„Massa Shatterhand suchen Massa Martin?“ fragte er.

„Ja. Kannst du mir Auskunft erteilen?“

„O, Masser Bob sein ein sehr kluger Masser Bob. Er wissen, wo Massa Martin sein.“

„Nun wo?“

„Sein fort, zu Sioux-Ogallala, zu sehen gefangen Massa Baumann. Massa Martin haben Masser Bob alles sagen, damit Masser Bob dann Massa Shatterhand wiedersagen.“

„Also doch ganz so, wie ich dachte!“ sagte Old Shatterhand. „Wann wollen sie zurückkommen?“

„Wann sie haben sehen Massa Baumann, dann kommen uns nach an Fireholefluß.“

„Hast du sonst noch einen Auftrag?“

„Nein. Masser Bob weiter nichts wissen.“

„Dein guter Massa Martin hat da eine Dummheit gemacht; ich glaube, es kann ihm dabei an den Kragen gehen.“

„Was! Massa Martin an den Kragen? Da Masser Bob sich setzen sofort auf Pferd, um ihm nachreiten und erretten!“

Er wollte eiligst fort, hin zu den Pferden.

„Halt!“ befahl ihm Old Shatterhand. „Du bleibst! Du darfst zu der ersten Dummheit nicht noch eine zweite fügen, welche noch größer sein würde.“

„Aber Masser Bob doch müssen retten sein lieb gut Massa Martin!“ rief der treue Schwarze. „Masser Bob schlagen tot all ganz Sioux-Ogallala!“

„Ja, so wie du zum Beispiel auch den Bären totschlugst, als du vor Angst auf die Birke klettertest.“

„Ogallala sein kein Bär. Masser Bob sich nicht fürchten vor Ogallala!“

Er streckte seine großen Fäuste drohend aus und machte eine Miene, als ob er gleich zehn Ogallala verschlingen wolle.

„Nun gut, ich will es einmal mit dir versuchen, weil du deinen jungen Herrn so hebst. Mache dich bereit, in wenigen Minuten mit uns zu reiten!“

Und zu Winnetou, bei welchem jetzt der Häuptling der Upsarocas und der Häuptling der Schoschonen mit Moh-aw, seinem Sohne, standen, fuhr er fort:

„Mein Bruder wird den Ritt fortsetzen und mich am K’untui-temba, dem Maule der Hölle, erwarten. Mit mir aber werden reiten die fünfzehn Krieger der Upsarocas mit ihrem Häuptlinge und Moh-aw mit fünfzehn Kriegern der Schoschonen. Wir müssen diesen fünf vorwitzigen Menschen augenblicklich folgen, um sie zu retten, wenn sie sich in Gefahr befinden. Wann wir dem Häuptlinge der Apachen folgen werden, das weiß ich nicht. Auch kann ich nicht vorher bestimmen, von welcher Seite ich nach dem Maule der Hölle kommen werde. Mein Bruder mag nach beiden Seiten Männer senden, welche aufzupassen haben, denn es ist nun möglich, daß die Sioux eher am Grabe der Häuptlinge sind als ich mit meinen Kriegern.“

Nur wenige Minuten später galoppierte Old Shatterhand mit seinen Begleitern in derselben Richtung fort, in welcher die fünf Unvorsichtigen gestern abend das Lager verlassen hatten. Ob, wo, wann und unter welchen Umständen er sie einholen werde, das konnte er freilich nicht wissen.

Sie hatten natürlich einen weiten Vorsprung vor ihm. Der Ritt war zwar wegen der Nacht und ihrer Unbekanntschaft mit dem Terrain nur langsam vorwärts gegangen, aber dennoch lag beim Anbruch des Tages der Yellowstonesee bereits in bedeutender Entfernung hinter ihnen, und nun konnten sie die Pferde besser ausgreifen lassen.

Jemmy und Davy fühlten sich heute ganz in ihrem Elemente. Sie waren diejenigen, auf welche sich die drei anderen verlassen mußten, während in letzter Zeit nur wenig nach ihren Meinungen gefragt worden war. Und wenn sie die Gegend, in welcher sie sich befanden, auch gar nicht kannten, so verließen sie sich auf ihre Erfahrung und Gewandtheit und waren vollständig überzeugt, daß ihr Rekognitionsritt einen guten Ausgang finden werde.

Zu sehen gab es, als es hell geworden war, genug, ja mehr, als für den Zweck ihres Rittes eigentlich nützlich war. Die Scenerie des Flusses und seiner Ufer war eine so außerordentlich interessante, daß es keinem von ihnen gelang, die Ausrufe der Bewunderung, welche ihnen über die Lippen wollten, zurückzuhalten.

Das Thal des Flusses war zunächst ziemlich breit und bot zu beiden Seiten reiche Abwechselung. Bald stiegen die Höhen allmählich herab zu den Ufern, und bald strebten sie steilan zum Himmel empor; aber mochte die Formation sein, welche sie wollte, allüberall machten sich die Wirkungen unterirdischer Gewalten geltend.

Vor wer weiß wie vielen Menschheitsaltern ist diese Gebirgsregion ein See gewesen, welcher einen Flächenraum von vielen Tausend Quadratmeilen gehabt hat. Dann begannen unter seinen Wassern vulkanische Mächte ihre Thätigkeit. Es hob sich der Boden; er spaltete sich, und aus diesen Spalten schoß glühende Lava hervor, welche im kühlen Wasser des Sees zu Basalt erstarrte. Es öffneten sich ungeheure Krater, heißes Gestein wurde aus ihnen emporgetrieben und verband sich mit anderen Mineralien zu verschiedenartigen Konglomeraten, um den Boden zu bilden, auf welchem die zahlreichen heißen Mineralquellen ihre Niederschläge ablagern konnten. Dann hob eine gewaltige Ansammlung unterirdischer Gase mit unmeßbarer Gewalt den ganzen Boden dieses Sees empor, so daß seine Wasser abfließen mußten. Sie rissen sich tiefe Rinnen in die Erde. Loses Erdreich und weiches Gestein wurde fortgespült. Kälte und Wärme, Sturm und Regen halfen mit, alles, was nicht Widerstand zu leisten vermochte, zu zerstören, zu entfernen, und nur die harten, erstarrten Lavasäulen hielten aus.

So grub sich das Wasser zu einer Tiefe von tausend Fuß in die Erde ein; es fraß alles Weiche weg; es wusch die Felsen tiefer und tiefer aus, und so wurden die großartigen Cannons und die Wasserfälle gebildet, welche zu den Wundem des Nationalparkes gehören.

Da ragen dann die vulkanischen Ufer hoch empor, vielfach zerrissen und zerklüftet, vom Regen ausgewaschen, und bilden Formen, welche sich keine Phantasie zu erdenken vermag. Da glaubt man die Ruine einer alten Ritterburg zu sehen. Man kann die leeren Fensterhöhlen sehen, den Wartturm und die Stelle, an welcher die Zugbrücke über den Graben ging. Nicht weit davon ragen schlanke Minarets empor. Man meint, der Muezzin müsse auf den Söller treten und die Gläubigen zum Gebete rufen. Gegenüber öffnet sich ein römisches Amphitheater, in welchem Christensklaven mit wilden Tieren gerungen haben. Daneben steigt eine chinesische Pagode frei und kühn zur Höhe, und weiterhin am Flusseslaufe steht eine hundert Fuß hohe Tiergestalt, so massiv, so unzerstörbar scheinend, als sei sie dem Götzen eines vorsündflutlichen Volkes errichtet gewesen.

Und das alles ist Täuschung. Die vulkanischen Eruptionen haben die Massen geliefert, welche vom Wasser zu Gestalten gemeißelt wurden. Und wer diese Produkte elementarer Kräfte betrachtet, fühlt sich als einen mikroskopischen Wurm im Staube und hat allen Stolz vergessen, der ihn vorher beherrschte.

So ging es auch Jemmy, Davy und Martin Baumann, als sie am Morgen dem Laufe des Flusses folgten. Sie wurden nicht müde, ihrer Bewunderung Ausdruck zu geben. Was Wohkadeh fühlte und dachte, das war nicht zu erfahren; er sprach es nicht aus.

Natürlich benutzte der gute Hobble-Frank diese Gelegenheit, sein wissenschaftliches Licht leuchten zu lassen; aber heute fand er in dem dicken Jemmy keinen bereitwilligen Hörer, denn dieser hatte alle seine Aufmerksamkeit in den Augen konzentriert und forderte endlich den kleinen Sachsen gar in zornigem Tone zum Schweigen auf.

„Na, dann gut!“ antwortete der einstige „Forschtbeamte“. „Was hilft’s der Menschheet, daß sie diese Wunder erblickt, wenn sie sich weigert, sie sich erklären zu lassen! Da hat der große Dichter Gellert sehre recht, indem er sagt: Was hilft der Kuh Muschkate! Ich will also meine Muschkate und meinen Sempf ooch für mich behalten. Man kann im Gymnasium gewest sein und doch vom Yellohschtohne nichts verschtehn. Ich aber wasche von heute an meine Hände in lauter Unschuld. Da weeß ich wenigstens, woran ich bin!“

Da, wo der Fluß sich in einem ziemlich weiten Bogen nach Westen wendet, traten zahlreiche heiße Quellen zu Tage, welche ihre Wasser sammelten, um ein ansehnliches Flüßchen zu bilden, welches sich zwischen hohen Felsen hindurch in den Yellowstone ergoß. Es schien, als ob man das Ufer des letzteren von hier an nicht mehr direkt verfolgen könne, und darum bogen die Fünf links ein, um dem Laufe des heißen Flüßchens zu folgen.

Hier gab es weder Baum noch Strauch. Es war alle Vegetation erstorben. Die heiße Flüssigkeit hatte ein schmutziges Aussehen und roch wie faule Eier. Es war kaum zum Aushalten. Und doch wurde es nicht eher anders und besser, als bis sie nach einem stundenlangen, beschwerlichen Ritte die Höhe erreichten. Hier gab es auch klares, frisches Wasser, und bald zeigten sich Büsche, später sogar Bäume.

Von einem wirklichen Wege war natürlich keine Rede. Die Pferde hatten sich oft auf weite Strecken hin über Felsbrocken weg zu arbeiten, welche das Aussehen hatten, als sei ein Berg vom Himmel gestürzt und hier unten in lauter Stücke zerbrochen.

Diese Trümmer hatten oft eine wunderbare Gestalt, und oft blieben die fünf Reiter halten, um ihre Meinung über dieselbe auszutauschen. Dabei verging die Zeit, und es war bereits mittag, als sie erst die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten.

Da erblickten sie von weitem ein ziemlich großes Haus. Es schien eine in italienischem Stile gebaute Villa zu sein, an welche sich ein mit einer hohen Mauer umgebener Garten lehnte. Ganz erstaunt blieben sie halten.

„Ein Wohnhaus hier am Yellowstone! Das ist doch gar nicht möglich!“ sagte Jemmy.

„Warum soll das nicht möglich sein?“ antwortete Frank. „Wenn off dem Sankt Bernhardt een Hostiz ist, so kann hier doch vielleicht ooch eens errichtet worden sein. Die Menschenmöglichkeet ist überall vorhanden.“

„Hospiz heißt es, aber nicht Hostiz,“ bemerkte Jemmy.

„Fangen Sie nich etwa mit mir an! Haben Sie vorhin von meinen mineralischen Kenntnissen nischt profitieren wollen, so brauchen Sie mir jetzt Ihre zweifelhafte Weisheet ooch nich auszukramen! Sind Sie denn vielleicht schon mal off dem Sankt Bernhardt gewest?“

„Nein.“

„So schweigen Sie also ganz schtille! Nur wer da droben wohnt, kann drüber reden. Aber sehen Sie doch mal genauer nach dem Hause hin! Schteht da nich een Mensch grad vor dem Thore?“

„Allerdings. Wenigstens scheint es so. Aber jetzt ist er weg. Es wird wohl nur ein Schatten gewesen sein.“

„So? Da blamieren Sie sich wieder mal mit Ihren optischen Erfahrungen. Wo es eenen menschlichen Schatten gibt, da muß es unbedingt ooch eenen Menschen geben, der diesen Schatten geworfen hat. Das ist die bekannte Lehre von Pythagorassen seiner Hypotenuse off den zwee Kathedern. Und wenn der Schatten weg ist, so muß entweder die Sonne verschwunden sein oder derjenige, der den Schatten geworfen hat. Die Sonne ist aber noch da, folglich ist der Kerl fort. Wohin, das werden wir bald merken.“

Sie näherten sich dem Bauwerke schnell, und da erkannten sie freilich, daß es nicht von Menschenhänden errichtet, sondern ein Werk der Natur war. Die scheinbaren Mauern bestanden aus blendend weißem Feldspat. Mehrere Öffnungen konnten von weitem leicht für Fenster gehalten werden. Eine weite, hohe Thüröffnung war auch vorhanden. Wenn man durch dieselbe blickte, so sah man eine Art weiten Hofes, welcher durch natürliche Felsencoulissen in mehrere verschieden große Abteilungen geschieden wurde. In der Mitte dieses Hofes sprudelte ein Quell aus der Erde hervor und schickte sein klares, kaltes Wasser gerade zum Thore heraus.

„Wunderbar!“ gestand Jemmy. „Dieser Ort eignet sich prächtig zu einer Mittagsrast. Wollen wir hinein?“

„Meinswegen,“ antwortete Frank. „Aber wir wissen noch gar nich, ob der Kerl, der da drin wohnt, vielleicht een schlechter Mensch ist.“

„Pshaw! Wir haben uns getäuscht; von einem Menschen ist hier gar keine Rede. Zum Überflusse will ich auch vorher einmal rekognoszieren.“

Er ritt, die Büchse schußfertig haltend, langsam durch das Thor und blickte sich im Hofe um. Dann drehte er sich um und winkte.

„Kommt herein! Es ist keine Seele hier.“

„Das will ich ooch hoffen,“ meinte Frank. „Mit abgeschiedenen Seelen, die ooch een geisterhaftes Dasein off der Erde fristen, habe ich keeneswegs gern was zu thun.“

Davy, Martin und Frank folgten Jemmys Aufforderung. Wohkadeh aber blieb noch vorsichtig halten.

„Warum kommt mein roter Bruder nicht?“ fragte der Sohn des Bärentöters.

Der Indianer zog die Luft bedächtig durch die Nase und antwortete:

„Bemerken meine Brüder nicht, daß es hier sehr nach Pferden riecht?“

„Natürlich muß es nach ihnen riechen. Wir haben ja die unserigen mit.“

„Dieser Geruch kam bereits aus der Thür, als wir noch vor ihr hielten.“

„Es ist hier weder ein Mensch noch ein Tier zu sehen, auch keine Spur von beiden.“

„Weil der Boden aus hartem Stein besteht. Meine Brüder mögen vorsichtig sein.“

„Es gibt hier keinen Grund zu irgend einer Befürchtung,“ erklärte Jemmy. „Kommt, wir wollen uns erst auch noch weiter hinten umsehen.“

Anstatt ihn das allein thun zu lassen und sich dadurch den Rückzug offen zu halten, folgten sie ihm, eng nebeneinander reitend, nach den hintersten Felsenabteilungen.

Da erscholl plötzlich ein Geheul, daß es schien, als ob die Erde bebe. Eine ganz bedeutende Anzahl von Indianern brach aus dem Hintergrunde hervor, und im Nu waren die vier unvorsichtigen Männer umzingelt.

Die Roten waren nicht zu Pferde, aber außerordentlich gut bewaffnet. Ein langer, hagerer, aber sehniger Kerl, durch den Kopfputz als Häuptling gekennzeichnet, rief den Weißen in gebrochenem Englisch zu:

„Ergebt euch, sonst nehmen wir euch die Skalpe!“

Es waren ganz gewiß wenigstens fünfzig Indianer. Die vier Überraschten sahen ein, daß jede Gegenwehr nur verderblich sein könne.

„Alle Teufel!“ stieß Jemmy in deutscher Sprache hervor. „Da sind wir ihnen gerade in die Hände geritten. Es sind Sioux, jedenfalls diejenigen, welche wir belauschen wollten. Aber noch gebe ich nichts verloren. Vielleicht ist durch List etwas zu erreichen.“

Und zu dem Häuptlinge gewendet, fuhr er in englischer Sprache fort:

„Ergeben sollen wir uns? Wir haben euch ja nichts gethan. Wir sind Freunde der roten Männer.“

„Das Kriegsbeil der Sioux-Ogallala ist gegen die Bleichgesichter gerichtet,“ antwortete der Lange. „Steigt ab und legt eure Waffen von euch! Wir warten nicht.“

Fünfzig Paar Augen waren finster auf die Weißen gerichtet, und fünfzig rotbraune Hände lagen an den Messern. Old Shatterhand und Winnetou hätten sich wohl nicht ergeben; aber der lange Davy war der Erste, der von seinem Maultiere stieg.

„Thut ihm den Willen,“ sagte er zu seinen Gefährten. „Wir müssen Zeit gewinnen. Die Unsrigen kommen ganz gewiß, um uns zu befreien.“

. Da stiegen die anderen auch ab und übergaben ihre Waffen. Dabei nahm der Hobble-Frank Gelegenheit, dem dicken Jemmy einen Rippenstoß zu versetzen und ihm zornig zuzurufen:

„Das kommt davon, wenn man off dem Gymnasium nich mal gelernt hat, wie das Wort Hostiz geschrieben wird! Warum reiten Sie denn da herein! Wären Sie doch draußen geblieben. Nun haben uns die Kanallgen bei der Parabel!“

Da bekam er selbst von einem Indianer einen noch viel derberen Rippenstoß. Der Rote hielt ihm das Messer vor das Gesicht und gebot:

„Schweig! Sonst –– !“

Er machte die Bewegung des Stechens. Frank hielt sich sofort die Hand vor den Mund, zum Zeichen, daß er keine Lust habe, mit dem Messer Bekanntschaft zu machen.

Wohkadeh war nicht mit hereingekommen, wie bereits erwähnt wurde. Er sah von draußen, daß seine Gefährten umzingelt wurden, und trieb sofort sein Pferd zur Seite, um nicht durch die Eingangsöffnung gesehen zu werden. Dann sprang er ab, legte sich auf den Boden und schob den Kopf nur so weit vor, daß die Augen Freiheit bekamen, in den Hof zu blicken.

Was er sah, erfüllte ihn mit Bestürzung. Er erkannte den Häuptling. Es war Hong-peh-te-keh, der schwere Mokassin, der Anführer der Sioux-Ogallala. Er erkannte auch die anderen. Es waren die sechsundfünfzig Ogallala, zu denen er gehört hatte und denen er entflohen war. Der Weiße, der ihnen hier in die Hände fiel, in der Nähe des Häuptlingsgrabes, war sicherlich verloren, wenn ihm nicht von außen her Rettung wurde.

Was sollte er thun? So fragte sich der wackere Wohkadeh. Schnell nach dem See zurückreiten, um Old Shatterhand mit den Seinen zu holen? Nein. Es kam ihm ein besserer Gedanke. Derselbe war zwar außerordentlich kühn, gab aber doch wenigstens eine kleine Hoffnung auf Erfolg. Er wollte hinein zu den Ogallala; er wollte riskieren, von ihnen in Stücke zerrissen zu werden. Er mußte sie belügen. Begriffen die Weißen seine Absicht, ohne daß er sie ihnen zu erklären brauchte, und richteten sie ihre Aussagen danach ein, so war es möglich, einen Erfolg zu erzielen.

Er bedachte sich nicht länger. Es war ein wahres Heldenstück, welches auszuführen er sich vorgenommen hatte; aber was würden Winnetou und Old Shatterhand, seine beiden Ideale, sagen, wenn sie davon hörten l

Dieser Gedanke verdoppelte seine Kühnheit. Er stieg auf sein Pferd und ritt in den Hof, die unbefangenste Miene zeigend, die es nur geben kann.

Soeben sollten die vier Gefangenen gefesselt werden. Zwei, drei Lançaden seines Pferdes, und er hielt vor ihnen.

„Uff !“ rief er mit lauter Stimme. „Seit wann schlingen die Krieger der Sioux-Ogallala Fesseln um die Hände ihrer besten Freunde? Diese Bleichgesichter sind die Brüder Wohkadehs!“

Sein plötzliches Erscheinen erregte allgemeines Staunen. Doch machte sich das letztere nur durch einige halblaute, kurze Ausrufe Luft. Der „schwere Mokassin“ zog die Brauen finster zusammen, musterte mit stechendem Blicke die ganze Erscheinung des jungen Kriegers und antwortete:

„Seit wann sind die weißen Hunde die Brüder der Ogallala?“

„Seit sie Wohkadeh das Leben gerettet haben.“

Der Häuptling bohrte seinen Blick förmlich in denjenigen Wohkadehs. Dann fragte er:

„Wo ist Wohkadeh bisher gewesen? Warum ist er nicht zurückgekehrt zur richtigen Zeit, als er ausgesendet wurde, nach den Kriegern der Schoschonen zu spähen?“

„Weil er gefangen wurde von den Hunden der Schoschonen. Diese vier Bleichgesichter aber haben für ihn gekämpft und ihn gerettet. Sie haben ihm einen Weg gezeigt, welcher schnell und leicht nach dem Yellowstone führt, und sind mit ihm gekommen, die Pfeife des Friedens mit dem schweren Mokassin zu rauchen.“

Die Lippen des Häuptlings umzuckte ein höhnisches Lächeln.

„Steig vom Pferde und tritt zu deinen weißen Brüdern!“ gebot er. „Du bist unser Gefangener, gerade wie sie.“

Der kühne rote Knabe machte ein sehr erstauntes Gesicht. Er antwortete:

„Wohkadeh der Gefangene seines eigenen Stammes? Wer gibt dem schweren Mokassin das Recht, einen Krieger seiner Nation gefangen zu nehmen?“

„Er nimmt sich dieses Recht selbst. Er ist der Anführer dieses Kriegszuges und kann thun, was ihm beliebt.“

Da nahm Wohkadeh sein Pferd hoch in die Zügel, gab ihm die Fersen in die Weichen und zwang es, eine volle, schnelle Kreiswendung auf den Hinterbeinen zu machen. Da es dabei mit den Vorderhufen ausschlug, mußten diejenigen Sioux-Ogallala, welche sich zu nahe an ihn herangedrängt hatten, von ihm zurückweichen. Er bekam Platz. Jetzt legte er die Zügel auf den Hals des Pferdes, so daß er auch die linke Hand frei bekam, ergriff seine Büchse, so daß er sie schußfertig in den Händen hielt, und sagte:

„Seit welcher Zeit dürfen die Häuptlinge der Sioux-OgalIala thun, was ihnen beliebt? Wozu sind die Versammlungen der alten Väter da? Wer gibt den Häuptlingen ihre Macht? Wer will einen tapferen Krieger der Ogallala zwingen, einem Häuptling zu gehorchen, welcher die Söhne seines eigenen Stammes wie Nigger behandelt? Wohkadeh ist ein junger Mann. Es gibt tapferere, weisere und berühmtere Krieger in seinem Stamm; aber er hat den weißen Büffel getötet und trägt die Adlerfedern in seinem Schopfe. Er ist kein Sklave. Er läßt sich nicht gefangen nehmen, und wer ihn beleidigt, der wird mit ihm kämpfen müssen!“

Das waren stolze Worte, und sie gingen nicht verloren. Die Häuptlinge der Indianer besitzen keineswegs eine erbliche Macht. Ihnen ist nicht die Gewalt eines europäischen Fürsten gegeben. Sie können keine Gesetze machen und keine Verordnungen erlassen. Sie sind aus der Reihe der Krieger gewählt, weil sie sich entweder durch Tapferkeit oder Klugheit oder irgend eine andere Eigenschaft vor den übrigen ausgezeichnet haben. Niemand ist wirklich gezwungen, ihnen zu gehorchen. Selbst wenn ein Häuptling einen Kriegszug veranstalten will, ist die Heeresfolge eine ganz freiwillige. Jeder, dem es beliebt, kann daheim bleiben, wodurch er freilich das Mißfallen der anderen erregt. Auch während des Kriegszuges kann ein jeder zu jeder Zeit zurücktreten. Der Einfluß und die Macht des Häuptlings beruht nur allein auf dem Eindrucke, welchen seine Persönlichkeit macht. Er kann beliebig abgesetzt werden.

Der „schwere Mokassin“, welcher seinen Namen dem Umstande verdankte, daß er sehr große Füße hatte und also eine große Spur trat, war als ein strenger, eigenwilliger Mann bekannt. Zwar hatte er sich bedeutende Verdienste um den Stamm erworben, aber seine Hartnäckigkeit, sein Stolz hatten demselben auch sehr oft geschadet. Er war hart, grausam und blutdürstig. In Beziehung auf den Anhang, welchen er besaß, zerfiel der Stamm in zwei Abteilungen, in solche, welche seine Anhänger waren, und solche, welche entweder offen oder heimlich gegen ihn agitierten.

Dieser Zwiespalt wurde auch jetzt offenbar, als Wohkadeh gesprochen hatte. Mehrere der Sioux ließen anerkennende, zustimmende Ausrufe hören. Der Häuptling warf ihnen einen grimmigen Blick zu, gab einigen seiner treuen Anhänger ein Zeichen, auf welches sie sofort nach dem Eingang eilten, um denselben zu besetzen, damit Wohkadeh nicht entfliehen könne, und antwortete sodann:

„Jeder Sioux-Ogallala ist ein freier Mann. Er kann thun, was ihm beliebt. Da hat Wohkadeh ganz recht. Aber sobald ein Krieger zum Verräter an seinen Brüdern wird, hat er das Recht verloren, ein freier Mann zu sein.“

„Meinst du, daß ich ein Verräter bin?“

„Ich meine es!“

„Beweise es!“

„Ich werde es beweisen vor der Versammlung dieser Krieger.“

„Und ich werde vor dieselbe treten als freier Mann, mit den Waffen in der Hand, und mich verteidigen. Und wenn ich bewiesen habe, daß der schwere Mokassin mich ohne Ursache beleidigt hat, wird er mit mir kämpfen müssen.“

„Ein Verräter tritt nicht vor die Versammlung mit den Waffen in der Hand. Wohkadeh wird die seinigen abgeben. Ist er unschuldig, so erhält er sie wieder.“

„Uff ! Wer will sie mir nehmen?“

Der junge Mann warf einen kühnen, herausfordernden Blick rund umher. Er sah, daß mehrere Gesichter Teilnahme für ihn zeigten. Die meisten aber blieben kalt.

„Niemand wird sie dir nehmen,“ antwortete der Häuptling. „Du selbst wirst sie ablegen. Und wenn du das nicht thust, so wirst du eine Kugel erhalten.“

„Ich habe zwei Kugeln in meinem Gewehre.“

Er schlug bei diesen Worten mit der Hand an den Kolben seiner Büchse.

„Wohkadeh hat, als er von uns ging, kein Gewehr besessen. Wo hat er diese Flinte her? Sie wurde ihm von den Bleichgesichtern geschenkt, und diese verschenken nur dann etwas, wenn sie Nutzen davon haben. Wohkadeh hat ihnen also Dienste geleistet und nicht sie ihm. Wohkadeh ist ein Mandane. Es hat ihn keine Squaw der Sioux geboren. Wer unter diesen tapferen Kriegern will für ihn sprechen, bevor er auf meine Anklage geantwortet hat?“

Keiner regte sich. Der „schwere Mokassin“ warf dem Jüngling einen triumphierenden Blick zu und gebot ihm:

„Steig also vom Pferde und gib die Waffen ab! Du sollst dich verteidigen und dann werden wir das Urteil fällen. Durch deinen Widerstand beweisest du nur, daß du nicht unschuldig bist.“

Wohkadeh sah recht wohl ein, daß er sich fügen müsse. Er hatte sich bis jetzt geweigert, um Eindruck auf diejenigen zu machen, welche dem Häuptlinge nicht wohlgesinnt waren.

„Wenn du das meinst, so will ich mich fügen,“ sagte er. „Meine Sache ist gerecht. Ich kann Eurem Spruch in Ruhe entgegensehen und ergebe mich also bis dahin in Eure Hände.“

Er stieg ab und legte seine Waffen zu den Füßen des Häuptlings nieder. Dieser sagte einigen der ihm Nahestehenden ein leises Wort, und sogleich zogen sie Riemen hervor, um Wohkadeh zu binden.

„Uff!“ rief er zornig. „Habe ich gesagt, daß ich Euch die Erlaubnis auch dazu gebe?“

„Diese Erlaubnis nehme ich mir,“ antwortete der Häuptling. „Bindet ihn und legt ihn in eine Ecke ganz allein, damit er nicht mit diesen Bleichgesichtern sprechen oder ihnen winken kann!“

Was hätte Widerstand geholfen? Er hätte die Sache nur verschlimmert; darum ergab sich Wohkadeh in sein Schicksal. Er wurde an Händen und Füßen gefesselt, so daß er sich nicht bewegen konnte, und in eine Ecke niedergelegt. Damit ihm ja nicht etwa der Gedanke an Flucht beikomme, mußten zwei Sioux sich bei ihm niedersetzen.

Ein alter Krieger trat zu dem Häuptling und sagte zu ihm:

„Es gingen der Winter viel mehr über mein Haupt als über das deinige; darum darfst du mir nicht zürnen, wenn ich dich frage, ob du wirklich Gründe hast, Wohkadeh für einen Verräter zu halten.“

„Ich will dir antworten, weil du der älteste der Krieger bist, die bei mir sind. Ich habe keinen eigentlichen Grund als nur den einen, daß eines dieser gefangenen Bleichgesichter, nämlich das jüngste, dem Bärentöter, welcher da hinten bei den Pferden liegt, sehr ähnlich sieht.“

„Kann das ein Grund sein?“

„Ja. Ich werde es dir beweisen.“

Er trat zu den Gefangenen, welche, ohne ihm helfen zu können, gesehen und gehört hatten, was Wohkadeh so nutzlos für sie wagte. Leider verstand weder Jemmy noch Davy die Sprache der Sioux in der Weise, daß sie alles, was Wohkadeh vorgebracht hatte, wußten.

Der schlaue Häuptling nahm eine weniger harte Miene an und sagte:

„Wohkadeh hat, bevor er von uns ging, eine That begangen, über welche wir beraten müssen. Daher ist er einstweilen gefangen genommen worden. Zeigt es sich, daß die Bleichgesichter ihn damals noch nicht gekannt haben, so werden sie ihre Freiheit wieder erhalten. Welche Namen tragen die weißen Männer?“

„Wollen wir sie ihm sagen?“ fragte Davy seinen dicken Freund.

„Ja,“ antwortete Jemmy. „Vielleicht bekommen sie da ein wenig Respekt vor uns.“

Und sich an den Häuptling wendend, fuhr er fort:

„Ich heiße Jemmy-petahtscheh, und dieser lange Krieger ist Davy-honskeh. Du wirst diese Namen bereits gehört haben.“

„Uff!“ erklang es im Kreise der dabeistehenden Sioux.

Der Häuptling warf ihnen einen strafenden Blick zu. Auch er war überrascht, diese so viel genannten Jäger in seiner Gewalt zu haben, ließ sich aber nicht das Geringste davon merken.

„Der schwere Mokassin kennt eure Namen nicht,“ antwortete er. „Und wer sind diese beiden Männer?“

Er hatte sich mit seiner Frage, welche Frank und Martin betraf, wieder an Jemmy gewendet. Davy flüsterte diesem zu:

„Um Gottes willen, nenne die Namen nicht!“

„Was hat das Bleichgesicht dem anderen zu sagen?“ fragte der Häuptling in strengem Tone. „Es mag derjenige antworten, den ich gefragt habe!“

Jemmy mußte sich zu einer Unwahrheit entschließen. Er nannte den ersten besten Namen, der ihm einfiel und gab Frank und Martin für Vater und Sohn aus.

Der Blick des Häuptlings glitt forschend von dem einen der Genannten zu dem anderen, und ein höhnisches Lächeln ging über sein Gesicht. Doch sagte er in ziemlich freundlichem Tone:

„Die Bleichgesichter mögen mir folgen.“

Er schritt nach dem hinteren Teile des Hofes zu.

Das scheinbare Haus war jedenfalls früher ein ungeheueres Felsenstück gewesen, aus Feldspat bestehend und von weicheren Teilen durchsetzt. Diese letzteren waren vom Regen ausgewaschen worden, und während der Spat diesem und dem Wetter widerstanden hatte, war ein Gebilde entstanden, welches einem langen, von hohen Mauern umschlossenen Hofe glich, der durch Querwände in mehrere Abteilungen zerlegt wurde.

Die hinterste derselben war die größte. Sie bot so viel Raum, daß sämtliche Pferde der Ogallala darin Platz gefunden hatten. In einem Winkel lagen sechs Weiße, auch an Händen und Füßen gebunden. Sie befanden sich in einem höchst bedauerlichen Zustande. Die Kleider hingen ihnen in Fetzen von dem Leibe. Die Handgelenke waren von den Fesseln wund gescheuert. Die Gesichter starrten von Schmutz, und Haar und Bart hing in einem ganz unbeschreiblichen Zustande um den Kopf. Die Wangen waren eingefallen, und die Augen lagen tief in den Höhlen, eine Folge von Hunger und Durst und von erlittenen anderen Qualen.

Dorthin brachte der Häuptling die neuen Gefangenen. Während sie herbeigeschritten waren, hatte Martin zu Jemmy leise gesagt:

„Wohin wird er uns führen? Vielleicht zu meinem Vater?“

„Möglich. Aber um Gottes willen nicht merken lassen, daß Ihr ihn kennt, sonst ist alles verloren.“

„Hier liegen gefangene Bleichgesichter,“ sagte der Häuptling. „Der schwere Moccassin kennt ihre Sprache nicht genau. Er weiß also nicht, wer sie sind. Die weißen Männer mögen zu ihnen treten, um sie zu fragen, und es mir sodann sagen.“

Er führte die Vier nach dem Winkel. Jemmy, welcher wußte, daß Baumann ein geborner Deutscher war und daß der Sioux unmöglich ein Wort dieser Sprache verstehen konnte, trat rasch vor und sagte:

„Hoffentlich finden wir hier den Bärentöter Baumann. Lassen Sie sich um Gottes willen nicht merken, daß Sie Ihren Sohn kennen. Hier hinter mir steht er. Wir kamen zu Ihrer Rettung, gerieten aber selbst in die Hände der Roten, doch haben wir die Gewißheit, daß wir samt Ihnen bald wieder frei sein werden. Haben Sie den roten Schuften Ihren Namen genannt?“

Baumann antwortete nicht. Der Anblick seines Sohnes raubte ihm die Sprache. Erst nach einer Weile stieß er mühsam hervor:

„O mein Gott! Welche Wonne, und zugleich auch welches Herzeleid! Die Sioux kennen mich und auch die Namen meiner Gefährten.“

„Schön! Hoffentlich werden wir hier bei Ihnen interniert. Da werden Sie alles Weitere erfahren.“

Obgleich der Häuptling keine Silbe verstand, war er doch ganz Ohr. Er schien aus dem Tonfall den Inhalt der Worte erraten zu wollen. Mit scharfem Auge blickte er zwischen Baumann und dessen Sohne hin und her. Seine Beobachtung blieb erfolglos. Martin hatte sich so in der Gewalt, daß er ein ganz gleichgültiges Gesicht zeigte, obgleich der Jammer, weichen er beim Anblicke seines Vaters empfand, ihm die Thränen in die Augen treiben wollte.

Der Hobble-Frank hätte fast eine Unvorsichtigkeit begangen. Es war ihm, als ob das Herz ihm brechen müsse. Er machte eine Bewegung, als ob er sich auf Baumann werfen wolle; doch der lange Davy ergriff ihn am Arme, hielt ihn zurück und warf ihm einen zornigen Blick zu.

Leider hatte der Häuptling das bemerkt. Er fragte Jemmy:

„Nun, haben sie dir ihre Namen genannt?“

„Ja. Aber du weißt sie ja auch bereits.“

„Ich dachte, sie hätten mich belogen. Du wirst mit deinen Gefährten auch hier bleiben.“

Die bis jetzt von ihm gezeigte halbe Freundlichkeit wich aus seinem Gesichte. Er winkte die Ogallala herbei, welche mitgekommen waren. Diese leerten die Taschen der Gefangenen und legten ihnen sodann Fesseln an.

„Prächtig!“ brummte Jemmy, indem er den letzten Inhalt seiner Taschen verschwinden sah. „Es ist nur zu verwundern, daß sie uns nicht auch die Kleider abnehmen. Das ist doch sonst so Rothautart.“

Die neuen Gefangenen wurden zu den alten auf die Erde gelegt. Der Häuptling entfernte sich und ließ einige Wächter zurück.

Die Beklagenswerten getrauten es sich nicht, laut zu sprechen. Sie flüsterten sich, was sie sich zu sagen hatten, einander zu. Baumann, der Sohn, war gerade neben seinem Vater zu liegen gekommen, ein Umstand, welcher von beiden natürlich zum Austausche aller hier möglichen Zärtlichkeiten ausgenutzt wurde.

Nach einiger Zeit trat ein Sioux herbei, entfernte einem der früheren Gefangenen die Fesseln von den Beinen und gebot ihm, ihm zu folgen. Der Mann konnte nicht gehen. Er wankte mühsam neben dem Roten her.

„Was wird man mit ihm wollen?“ fragte Baumann, so daß Jemmy es hörte.

„Den Verräter wird er machen sollen,“ antwortete dieser. „Ein wahres Glück, daß ich und auch meine Gefährten noch nichts von der Hilfe, die wir erwarten, gesagt haben.“

„Erwähnt haben Sie es aber doch.“

„Das ist nicht gefährlich. Hüten wir uns, dem Manne, sofern er zurückkehrt, irgend eine wichtige Mitteilung zu machen. Wir müssen uns erst überzeugen, daß wir ihm trauen können.“

Jemmy hatte ganz richtig vermutet. Der Mann war zu dem Häuptlinge geführt worden, der ihn mit finsterem Blicke empfing. Der Ärmste konnte sich nicht auf den Füßen erhalten. Er mußte sich auf die Erde setzen.

„Weißt du, welches Schicksal dich erwartet?“ wurde er von dem Häuptlinge gefragt.

„Ja,“ antwortete der Gefragte mit matter Stimme. „Ihr habt es uns doch oft genug gesagt.“

„Nun, sage es auch mir!“

„Wir sollen getötet werden.“

„Ja, der Tod ist euch sicher, der qualvollste Tod. Ihr sollt Martern ausstehen, wie noch niemals ein Bleichgesicht ausgestanden hat, dem Grabe zu Ehren, auf welchem ihr sterben werdet. Was würdest du geben, wenn diese Qualen dir erspart blieben?“

Der Weiße antwortete nicht.

„Wenn du dein Leben retten könntest?“

„Ist es denn zu retten?“ fragte der Mann hastig.

„Ja.“ „Was muß ich da thun? Was verlangst du von mir?“

Der Gedanke, sich retten zu können, brachte seine geschwächten Lebensgeister in Aufregung. Seine Augen bekamen Glanz, und seine matt zusammengesunkene Gestalt richtete sich auf.

„Es ist ganz wenig, was ich von dir verlange,“ antwortete der Häuptling. „Du sollst mir einige Fragen beantworten.“

„Gern, gern!“ stieß der Mann freudig hervor.

„Aber du mußt die Wahrheit sagen, sonst wirst du unter verzehnfachten Qualen sterben müssen. Hast du die Hütte des Bärentöters gekannt, welche er bewohnte?“

„Ja.“ „Bist du drin gewesen?“

„Ja. Wir alle fünf waren mehrere Tage bei ihm, bevor wir den Ritt in die Berge unternahmen.“

„So weißt du auch, wer bei ihm wohnte?“ „Natürlich.“ „So sage es.“ „Er hatte seinen Sohn und – –“

Der Mann stockte. Es kam ihm doch der Gedanke, daß die Auskunft, welche man von ihm forderte, vielleicht von größter Wichtigkeit für die Betreffenden sei.

„Warum sprichst du nicht weiter?“ fragte der „schwere Moccassin“ in strengem Tone.

„Warum fragst du mich?“

„Hund!“ fuhr der Häuptling auf. „Weißt du, was du bist? Der Wurm, den ich zertrete! Sprich noch eine einzige so freche Frage aus, so gebe ich dich meinen Kriegern als Zielscheibe ihrer Messer! Ich will das, wonach ich frage, wissen. Sagst du es mir nicht, so erfahre ich es von einem anderen!“

Der Weiße war bei diesen zornigen Worten zusammengezuckt wie ein Hund, welchem sein Herr die Peitsche zeigt. Körperlich halb tot und geistig gefoltert, hatte er nicht mehr die Kraft des Widerstandes. Er wagte nur noch die Frage:

„Und du wirst mir das Leben und die Freiheit schenken, wenn ich dir alles sage?“

„Ja. Ich habe es gesagt, und ich halte mein Wort. Also, bist du bereit, mir die volle Wahrheit einzugestehen?“

„Ja,“ erklärte der beklagenswerte, von dem Versprechen verblendete Mann.

„So antworte! Hat der Bärentöter einen Sohn?“

„Ja. Er heißt Martin.“

„Ist es das junge Bleichgesicht, welches jetzt mit bei euch liegt?“

„Ja, er ist es.“

„Uff! Die Augen des schweren Moccassin sind scharf. Kennst du auch die anderen weißen Männer?“

„Nur den einen, welcher hinkt. Er wohnte mit bei dem Bärentöter und heißt Hobble-Frank.“

Der Häuptling sah eine Weile sinnend vor sich hin. Dann fragte er:

„Was du sagst, ist die Wahrheit?“

„Ja; ich kann es beschwören.“

„So ist es gut. Wir sind fertig.“

Der Ogallala, welcher den Weißen herbeigeholt hatte, erhielt einen Wink. Er ergriff ihn beim Arme, um ihn empor zu ziehen und fort zu führen. Da aber fragte der Weiße:

„Du hast mir das Leben und die Freiheit versprochen. Wann erhalte ich die letztere?“

Da grinste ihm das Gesicht des Häuptlings mit grimmigem Lachen entgegen.

„Du bist ein weißer Hund, dem man nicht Wort zu halten braucht,“ antwortete er. „Du wirst ebenso sterben wie die anderen, denn du bist – –“

Er hielt inne. Es schien ihm plötzlich ein Gedanke gekommen zu sein, denn sein Gesicht nahm einen ganz anderen, viel freundlicheren Ausdruck an, und nun fuhr er fort:

„Du hast mir zu wenig gesagt.“

„Ich weiß nicht mehr.“

„Das ist eine Lüge!“

„Ich kann nicht mehr sagen, als ich weiß.“

„Haben die Bleichgesichter, welche vorhin gebracht wurden, mit dem Bärentöter gesprochen?“

„Ja.“

„Was?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wenn du weißt, daß sie gesprochen haben, mußt du auch wissen, was geredet worden ist.“

„Nein, denn sie redeten in einer Sprache, welche ich nicht verstehe, und sprachen überhaupt sehr leise.“

„Weißt du nicht, wie sie mit Wohkadeh zusammengetroffen sind?“

„Ich weiß gar nicht, wer Wohkadeh ist.“

„Und weißt du, ob sie sich allein in dieser Gegend befinden, oder ob noch andere Bleichgesichter vorhanden sind?“

„Auch davon weiß ich nichts.“

„Nun, das ist es, was ich wissen will und was du erfahren sollst. Frage sie aus. Wenn du es erfahren kannst, so will ich dich frei geben. Du sollst uns auf dem Rückwege begleiten, und wenn wir in Gegenden kommen, wo sich Bleichgesichter befinden, werden wir dich zu ihnen bringen. Jetzt kannst du gehen; heute abend, wenn wir den Lagerplatz erreicht haben und die Bleichgesichter alle schlafen, sollst du mir erzählen, was du erfahren hast.“

Der Mann wurde wieder zu seinen Mitgefangenen gebracht, an seinen Platz gelegt und an den Füßen gefesselt.

Die anderen schwiegen, und auch er verhielt sich still. Es war ihm gar nicht wohl zu Mute. Er war ein ganz braver Kerl. Wenn er über das Verhalten des Häuptlings nachdachte, erschien es ihm als gar nicht sehr wahrscheinlich, daß derselbe sein Wort halten werde. Er begann einzusehen, daß er sich hatte überlisten lassen. Er hätte gar nichts sagen sollen. je länger er nachdachte, desto mehr sah er ein, daß er dem „schweren Moccassin“ nicht trauen dürfe, und daß es seine Pflicht sei, Baumann zu sagen, was er mit dem Häuptling gesprochen habe.

Der Bärentöter kam ihm zuvor. Als eine lange Weile vergangen war, fragte er:

„Nun, Master, Ihr verhaltet Euch so schweigsam! Es versteht sich ganz von selbst, daß wir gespannt sind, zu erfahren, was man von Euch gewollt hat; bei wem waret Ihr?“

„Beim Häuptling.“

„Konnte es mir denken. Was wünschte er denn von Euch?“

„Ich will es Euch aufrichtig sagen. Er wollte wissen, wer Martin und Frank seien, und ich sagte es ihm, weil er mir die Freiheit versprach.“

„O weht Das war eine Dummheit, wie Ihr sie größer gar nicht machen konntet. Also Ihr habt es ihm gesagt. Wie steht es aber nun mit der Freiheit?“

„Die soll ich erst erhalten, wenn ich noch erfahren habe, wie die anderen Masters mit einem gewissen Wohkadeh zusammengetroffen sind, und ob sich noch mehrere Weiße hier in der Gegend befinden.“

„So! Und Ihr glaubt, daß der Kerl sein Versprechen halten wird?“

„Nein. Nachdem ich über die Sache nachgedacht habe, bin ich der Überzeugung, daß er mich betrügen will.“

„Daran thut Ihr klug. Und weil Ihr so aufrichtig seid, wollen wir Euch die Dummheit verzeihen. Übrigens dürft Ihr nicht meinen, daß Ihr uns hättet aushorchen können. Wir ahnten, was Ihr bei dem Häuptlinge solltet und hätten uns gegen Euch gewiß sehr schweigsam verhalten.“

„Was aber soll ich antworten, wenn er mich wieder fragt?“

„Das will ich Euch sagen,“ antwortete Jemmy. „Ihr sagt, daß wir Wohkadeh gerettet haben, als er bei den Schoschonen gefangen war, und mit ihm hierher geritten sind, um ihn sicher zu den Seinigen zu bringen. Andere Weiße als wir sind nicht da. Überhaupt haben wir außer uns selbst weder einen weißen noch einen roten Menschen gesehen. Das ist die ganze Antwort, die Ihr gebt. Und wenn er Euch doch übertölpeln will, so geht nicht auf den Leim. Von uns habt Ihr viel eher Rettung zu erwarten als von ihm.“

„Wie so?“

„Da fragt Ihr mich für jetzt zu viel. Vielleicht gewinne ich so viel Vertrauen zu Euch, daß ich Euch recht bald eine angenehme Mitteilung mache.“

Damit war die Angelegenheit einstweilen zur Ruhe gesprochen.

Die Gefangenen hatten nicht den freien Gebrauch ihrer Glieder. Ihre einzige Bewegung bestand darin, daß sie sich von der einen Seite auf die andere wälzen konnten. Das benutzte Jemmy, um neben Baumann zu liegen zu kommen. Es gelang ihm, und als er nun rechts und Martin links von dem Bärentöter lagen, konnten sie diesem alles erzählen und ihm auch ihre Hoffnung mitteilen, daß die jetzige Gefangenschaft nur eine kurze sein werde.

Indessen hatte der Häuptling die hervorragendsten seiner Krieger zu sich rufen und sodann Wohkadeh holen lassen. Als der letztere in die Hofabteilung trat, in welcher sich die Sioux befanden, saßen sie in einem Halbkreise, dessen Mitte der Häuptling einnahm. Der Gefangene mußte sich ihnen gegenüberstellen. Zu seinen beiden Seiten nahmen zwei Wächter Platz, welche ihre Messer in den Händen hatten.

Dieser letztere Umstand war für Wohkadeh höchst bedenklich. Es war aus demselben zu ersehen, daß sich seine Angelegenheit für ihn verschlimmert habe. Dennoch aber sah er dem Verhöre in aller Ruhe entgegen.

Nachdem die Augen der Anwesenden ihn mit finsteren Blicken eine Weile beobachtet hatten, begann der Häuptling:

„Wohkadeh mag nun erzählen, was er seit dem Augenblicke, an welchem er uns verließ, erlebt hat.“

Wohkadeh folgte der Aufforderung. Er brachte das Märchen vor, daß er von den Schoschonen bemerkt und gefangen genommen worden, von den gefangenen Weißen aber befreit worden sei. Er erzählte das möglichst im Tone der Wahrheit, mußte aber doch bemerken, daß man ihm keinen Glauben schenkte.

Als er geendet hatte, verlor niemand ein Wort darüber, ob man ihm glaube oder nicht. Der Häuptling fragte:

„Und wer sind diese vier Bleichgesichter?“

Wohkadeh nannte zunächst Jemmys und Davys Namen und stellte es als eine Ehre für die Sioux hin, daß so berühmte Jäger zu ihnen gekommen seien.

„Und die beiden anderen?“

Diese Frage brachte Wohkadeh freilich nicht in Verlegenheit. Er hatte sich bereits überlegt, was er sagen solle. Er nannte Franks Namen und gab Martin für den Sohn desselben aus. Der Häuptling zuckte mit keiner Miene, fragte aber:

„Hat Wohkadeh vielleicht erfahren, daß der Bärentöter einen Sohn hat, welcher Martin heißt?“

„Nein.“

„Und daß bei ihm ein Mann wohnt, welcher Hobble-Frank genannt wird?“

„Nein!“

Er behielt seine äußere Ruhe bei, obgleich er jetzt innerlich überzeugt war, daß sein Spiel nun ein verlorenes sei. Jetzt aber donnerte der Häuptling los:

„Wohkadeh ist ein Hund, ein Verräter, ein stinkender Wolf! Warum lügt er noch? Denkt er vielleicht, wir wissen nicht, daß Frank und der Sohn des Bärenjägers sich als Gefangene bei uns befinden? Wohkadeh hat diese beiden und auch die anderen herbeigeholt, um die Gefangenen zu retten. Er soll nun auch ihr Schicksal teilen. Die Versammlung wird heute am Lagerfeuer beraten, welch eines Todes er sterben soll. Jetzt aber mag er so fest gebunden werden, daß die Riemen sein Fleisch durchschneiden!“

Er wurde fortgeführt und wirklich so fest geschnürt, daß er hätte laut aufschreien mögen. Nach kurzer Zeit band man ihn aufs Pferd, denn es sollte aufgebrochen werden.

Dasselbe geschah auch mit den anderen Gefangenen, doch kam er nicht in die Nähe derselben, sondern er wurde fern von ihnen gehalten und bekam zwei Krieger als besondere Bedeckung.

Es war traurig anzusehen, wie armselig und matt Baumann und seine fünf Schicksalsgenossen in ihren Fesseln zu Pferde saßen. Wären sie nicht mit den Füßen angebunden gewesen, so wären sie vor Erschöpfung von den Tieren gestürzt.

Davy flüsterte darüber seinem Jemmy einige mitleidige Worte zu. Der Dicke antwortete:

„Nur kurze Zeit Geduld, Alter! Ich müßte mich sehr irren, wenn Old Shatterhand nicht bereits in unserer Nähe wäre. Was wir erst jetzt eingesehen haben, nämlich daß wir die schrecklichsten Dummköpfe sind, das hat er jedenfalls bereits heute früh gewußt. Jedenfalls kommt er uns mit einer Anzahl Roter nach, und da habe ich denn gesorgt, daß er auf unsere Fährte kommt.“

„Wieso?“

„Schau her! Ich habe mir da einen Fetzen vom Pelz gerissen und mit Hilfe der Zähne in kleine Stückchen zerzaust. Da drin, wo wir gelegen haben, habe ich ein solches Stückchen zurückgelassen, und während des Rittes werde ich von Zeit zu Zeit eins fallen lassen. Sie bleiben liegen, denn es geht kein Wind. Kommt Old Shatterhand nach diesem verteufelten Gebäude, so findet er ganz gewiß das Pelzstückchen, und wie ich ihn kenne, wird er sofort wissen, daß in dieser Sommerhitze nur der dicke Jemmy mit einem Pelze dort gewesen sein kann. Er wird weiter suchen, die anderen Stücke finden und also erfahren, welche Richtung wir eingeschlagen haben. Das ist für ihn mehr als genug.“

Der Zug der Sioux folgte nicht der Richtung des Flusses. Für sie wäre das ein Umweg gewesen. Sie ritten nach den Höhen zu, welche den Namen „Elefantenrücken“ tragen, und wendeten sich dann in gerader Richtung nach der langgezogenen Höhenfolge, welche die Wasserscheide zwischen dem Atlantischen Oceane und dem Stillen Meere bildet.

Der dicke Jemmy hatte nicht ganz unrecht vermutet, als er meinte, daß Old Shatterhand sich vielleicht bereits in der Nähe befinde. Die Sioux waren kaum drei Viertelstunden hinter den Höhen verschwunden, so kam er mit seinen Schoschonen und Upsarocas von Norden her geritten, ganz genau auf der Linie, welche die Pferde der fünf Deserteure gegangen waren.

Er ritt mit dem Häuptlingssohne der Schoschonen und dem Medizinmanne der Upsarocas voran. Sein Auge hing fest an der Erde. Ihm entging nicht das Mindeste, was darauf deuten konnte, daß hier Menschen geritten seien. Und in Wahrheit hatte er sich seit heute früh nicht für einen einzigen kurzen Augenblick über die Spur der Fünf in Zweifel befunden.

Beim Anblicke des scheinbaren Bauwerkes stutzte er zunächst, doch antwortete er auf eine Frage des Medizinmannes sogleich:

„Ich besinne mich. Das ist kein Haus, sondern ein Felsen. Ich bin bereits drin gewesen, und es sollte mich wundem, wenn diejenigen, welche wir suchen, nicht auch hineingegangen wären, um sich den Ort zu betrachten. Es ist –- alle Teufel!“

Er sprang, indem er diesen Ruf ausstieß, vom Pferde und begann, den harten Basaltfelsen zu untersuchen. Es war genau die Stelle, wo seine Richtung auf die Richtung, welche die Sioux eingeschlagen hatten, traf.

„Hier sind viele Leute geritten, und zwar vor kaum einer Stunde,“ sagte er. „Ich will nicht befürchten, daß es die Sioux gewesen sind! Und doch, wer soll sonst als sie in solcher Zahl hier gewesen sein! Das Haus kommt mir verdächtig vor. Teilen wir uns, um es zu umringen.“

Er voran, jagten sie im Galopp vorwärts. Das Felsengebäude wurde eingeschlossen, und Old Shatterhand begab sich zunächst ganz allein hinein. Er hinterließ, nur wenn er einen Schuß abgäbe, sollten die anderen nachkommen.

Es dauerte eine ziemlich lange Zeit, bevor er herauskam. Seine Miene war sehr ernst und bedenklich. Er sagte:

„Ich würde meinen roten Brüdern gerne gestatten, sich diese interessante Felsenbildung anzuschauen, welche das Aussehen hat, als ob sie von Menschenhänden errichtet worden sei; aber wir haben keine Zeit zu verlieren, denn die weißen Männer sind mit Wohkadeh von den Sioux gefangen genommen und vor einer Stunde fortgeführt worden.“

„Weiß das mein weißer Bruder genau?“ fragte Feuerherz, der Medizinmann der Upsarocas.

„Ja. Ich habe alle ihre Spuren gesehen und sehr genau gelesen. Der dicke Jemmy hat mir ein Zeichen zurückgelassen, und ich hoffe, wir werden deren noch mehrere finden. Er wird uns auf die Richtung aufmerksam machen wollen, welche die Sioux eingeschlagen haben.“

Er zeigte den kleinen Pelzfetzen hin, den er gefunden hatte. Es waren nur fünf oder sechs Haare daran, ein fast sicheres Zeichen, daß das Stückchen von dem kahlen Pelze des Dicken stamme.

„Was gedenkt Shatterhand zu thun?“ fragte der Rote. „Will er den Ogallala auf dem Fuße folgen?“

„Ja, und zwar sofort.“

„Werden wir, wenn wir zu Winnetou zurückkehren, sie nicht ebenso sicher am Flusse des Feuerloches treffen?“

„Ja, wir würden sie treffen; aber es steht zu befürchten, daß sie bis dahin die Gefangenen getötet haben.“

„Sie werden dieselben aufheben bis zum Tage des Vollmondes.“

„Den Bärentöter und seine fünf Gefährten, ja; aber unsere Freunde sind ihres Lebens nicht so lange sicher. Ganz besonders der brave Wohkadeh schwebt in großer Lebensgefahr. Sie werden ihn als Verräter behandeln. Ich ahne, daß sie sehr Schlimmes mit ihm vorhaben. Wir müssen ihnen also auf dem Fuße nach. Oder denken meine roten Brüder anders?“

„Nein,“ antwortete der Riese. „Wir freuen uns, auf die Fährte der Ogallala so bald gestoßen zu sein. Der schwere Moccassin ist ihr Anführer, und es gelüstet mich, ihn in meine Hand zu bekommen. Reiten wir!“

Sein Gesicht hatte einen Ausdruck, an welchem man deutlich merkte, daß der Anführer der Sioux-Ogallala eines sehr schlimmen Todes sterben werde, falls er in seine Hände geraten sollte.

Old Shatterhand setzte sich wieder an die Spitze des Zuges, und der Ritt wurde fortgesetzt, aber nun in westlicher anstatt in östlicher Richtung.

Da es schwer gewesen war, der Fährte der fünf Deserteure zu folgen, hatte Old Shatterhand mit seinen Begleitern bereits seit früh sehr langsam reiten müssen. Dasselbe war auch jetzt der Fall. Der Boden bestand ganz aus vulkanischem Gestein. Von einer wirklichen Hufspur war keine Rede. Kleine Steinchen, welche unter den Tritten der Pferde zermalmt worden waren, bildeten die einzigen und dazu sehr unsicheren Anhaltspunkte für den Scharfsinn Old Shatterhands. Da galt es, höchst genau aufzupassen, und so war er gezwungen, sehr langsam zu reiten.

Daß er trotz aller Schwierigkeit genau auf der Fährte der Ogallala blieb, wurde durch mehrere Pelzstückchen bewiesen, welche man fand. Selbst die Upsarocas und die Schoschonen, im Verfolgen einer Fährte außerordentlich geübt, warfen sich Blicke zu, in welchen die deutlichste Bewunderung des berühmten Jägers lag.

Nach einiger Zeit lenkte die Richtung mehr rechts, also südwestlich ab. Man erreichte den Fuß der Höhen, welche die Wasserscheide bilden. Wer da oben hält, der kann rechts unten die Rinnen sehen, welche ihre Wasser durch den Yellowstone und Missouri dem Mississippi, also dem mexikanischen Golf zuführen, während links im Thale die Wasser in den Snakefluß gehen, um das Stille Weltmeer aufzusuchen.

Hier war die Gegend nicht mehr kahl wie bisher. Es gab Humusboden, und die einzelnen Bäche, welche da flossen, waren nicht mit Schwefel geschwängert; sie hatten ein frisches, gesundes Wasser, welches der Vegetation Nahrung bot. Darum gab es hier Gras, Büsche und Bäume, und nun wurde auch die Fährte deutlicher, als sie bisher gewesen war.

Leider aber konnte man ihr nicht lange mehr folgen, denn der Nachmittag neigte sich seinem Ende entgegen. Darum mußten die Pferde möglichst ausgreifen, um den Umstand, daß die Spur hier gut zu lesen war, vor Einbruch der Dunkelheit noch möglichst ausnutzen zu können.

Die Höhe der Wasserscheide wurde erreicht. Dann ging es drüben wieder hinab, zwischen Felsenbrocken und Sträuchern hindurch, ein ziemlich beschwerlicher, stellenweise sogar gefährlicher Ritt, woraus sich aber die Indianer gar nichts machten.

Dann brach der Abend herein. Man mußte auf der Fährte bleiben, und da diese jetzt nicht mehr zu erkennen war, so wurde gehalten.

Waren die Männer bisher schweigsam gewesen, so wurden sie am Lagerplatze nicht beredter. Sie hatten das Gefühl, vor entscheidenden Ereignissen zu stehen. In einer solchen Lage wird der Mensch schweigsam.

Ein Feuer wurde nicht angebrannt. Old Shatterhand hatte aus der Frischheit der Fährte ersehen, daß die Ogallala kaum zwei englische Meilen vor ihnen waren. Hatten sie sich gelagert, so konnte man ihnen, ohne es zu wissen, so nahe gekommen sein, daß sie das Feuer bemerken und also erfahren mußten, daß sie verfolgt wurden.

jeder wickelte sich schweigend in seine Decke und legte sich zur Ruhe, nachdem die Wachen ausgestellt waren. Aber kaum graute der Morgen, kaum waren die einzelnen Gegenstände voneinander zu unterscheiden, so wurde aufgebrochen.

Die Spuren der Ogallala waren heute noch zu lesen. Nach vielleicht einer Stunde erklärte Old Shatterhand, daß die Sioux gestern gar nicht gelagert hätten. Sie hatten jedenfalls nicht ruhen wollen, als sie den Feuerlochfluß erreicht hatten.

Das war kein gutes Zeichen, denn es bewies, daß sie dort etwas vorhatten, was schnell geschehen sollte. Leider aber konnten die Verfolger die Schnelligkeit ihrer Pferde nicht ausnutzen, denn der Pflanzenwuchs hörte bald wieder auf, und an Stelle des weichen Bodens trat der harte, vulkanische Fels zu Tage.

Da war es nun ganz unmöglich, eine Spur zu entdecken. Old Shatterhand meinte ganz richtigerweise, daß die Sioux-Ogallala bis hierher wohl dieselbe Richtung eingehalten hatten, der sie dann später gefolgt sein würden, und so hielt er sich immer in gerader Linie.

Er erkannte bald, daß er sich in dieser Vermutung nicht geirrt habe. Es stiegen vor ihm die Feuerlochberge empor, hinter denen sich die berühmten Geiserbassins in immerwährender, grandioser Thätigkeit befinden. Da gab es wieder Pflanzenwuchs, sogar Wald, welcher an dieser Stelle meist aus dunklen Fichten bestand.

Sie erreichten einen schmalen Wasserlauf, welcher sich durch weichen Grasboden schlängelte, und gerade da, wo sie auf denselben traten, war der Boden von vielen Pferdehufen zerstampft. Die Hufeindrücke zogen sich längs des Wassers hin, und es war deutlich zu erkennen, daß die Sioux da ihre Pferde getränkt hatten. Also war die Fährte glücklich wieder gefunden, und von jetzt an bis hinauf zur Höhe behielt sie eine solche Deutlichkeit, daß ein Irrtum gar nicht möglich war.

Ein offener Weg führte nicht hinauf. Man mußte unter Bäumen reiten. Diese standen so weit auseinander, daß sie keine Hindernisse boten. Aber gerade der Ritt im Walde ist für den Westmann am gefährlichsten. Es kann hinter dem nächsten Baum ein Feind verborgen sein, von dessen Gegenwart er keine Ahnung hat.

Wie leicht war es möglich, daß die Ogallala auf den Gedanken gekommen waren, daß sie verfolgt würden. Man konnte doch nicht wissen, welch ein Geständnis sie den Gefangenen durch Gewalt oder List abgelockt hatten. Hatten sie die Ahnung, verfolgt zu sein, so waren sie jedenfalls so klug gewesen, die geeigneten Maßregeln zu treffen, und die allerbeste derselben bestand im Legen eines Hinterhaltes.

Darum schickte Old Shatterhand einige Schoschonen voran, welche das Terrain abzusuchen hatten und sich, sobald sie etwas Verdächtiges bemerken würden, auf den Haupttrupp zurückziehen sollten.

Glücklicherweise erwies diese Vorsicht sich als unnötig. Daran war das Abkommen schuld, welches der dicke Jemmy mit dem Gefangenen, welcher von dem Häuptlinge der Ogallala den Auftrag erhalten hatte, seine Mitgefangenen zu verraten, getroffen hatte.

Da die Gefangenen, abgesehen von Wohkadeh, auch während des Rittes in schlauer Absicht nicht voneinander getrennt worden waren, so hatten sie miteinander sprechen können. Die stillschweigende Erlaubnis dazu hatte der Häuptling erteilt, damit sein vermeintlicher Verbündeter Gelegenheit erhalten könnte, alles, was er ihm berichten sollte, von ihnen zu erfahren.

Dann am Abende hatte der „schwere Moccassin“ ihn so unauffällig wie möglich von den anderen trennen lassen und sich zu ihm gesellt, um ihn auszufragen. Der Mann hatte die Antworten gegeben, welche ihm von Jemmy anbefohlen worden waren, und dabei auch die Versicherung gegeben, daß außer Wohkadeh und den vier Weißen kein einziger Mensch nach dem Yellowstone gekommen sei.

Das hatte der Häuptling geglaubt und infolgedessen alle Vorsichtsmaßregeln für überflüssig gehalten.

So kam es, daß Old Shatterhand mit seinen Indianern die Höhe erreichte, ohne auf irgend ein Hindernis zu treffen.

Auch diese Höhe trug dichten, hochstämmigen Wald; darum konnte man nicht in das jenseitige Thal hinabblicken, obgleich die diesseitige Wand desselben ziemlich steil abzufallen schien.

Unter den Bäumen hinreitend, hörten sie ein ganz eigentümliches, dumpf brausendes Geräusch, welches bald von einem schrillen Pfeifen unterbrochen wurde, und darauf ertönte ein Zischen, gerade so, wie wenn bei einer Lokomotive die überflüssigen Dämpfe abgelassen werden.

„Was ist das?“ fragte Moh-aw, der Sohn des Schoschonenhäuptlings, erstaunt.

„Jedenfalls ein Geiser,“ antwortete Old Shatterhand.

Da den Indianern das Wort Geiser ein vollständig unbekanntes ist, so bediente er sich des Ausdruckes War-p‘ eh-pejah, Warmwasserberg, und der junge Schoschone verstand ihn sofort.

jetzt senkte sich das Terrain abwärts, erst langsam, dann aber schnell, so daß es nicht leicht war, sich auf den Pferden zu erhalten.

Darum stiegen die Reiter ab und gingen zu Fuß, die Tiere hinter sich her führend.

Die Spuren der Ogallala waren auch jetzt noch zu erkennen, doch sah Old Shatterhand es ihnen an, daß sie bereits von gestern stammten.

Bereits einige hundert Fuß tief war man gekommen; da hatte der Wald so plötzlich ein Ende, daß sein Rand eine scharfe Linie bildete. Doch ein Stück weiter abwärts reichte er bis ganz hinab auf die Sohle des Thales.

jetzt war der Blick über das letztere frei, und was das Auge hier sah, das war allerdings erstaunlich, in Beziehung sowohl auf die Naturscene als auch auf die lebendige Staffage derselben.

Das obere Thal des Madison, welcher hier den sehr bezeichnenden Namen Feuerlochfluß führt, ist wohl die bewunderungswerteste Region des Nationalparkes. Viele Meilen lang und stellenweise zwei und sogar drei Meilen breit, enthält es Hunderte von Geisern und heiße Quellen. Es gibt da Fontänen, welche ihre Strahlen mehrere hundert Fuß emporschleudern. Schwefelige Gerüche entströmen den zahlreichen Spalten des Erdbodens, und die Luft ist stets mit heißem Wasserdampfe geschwängert.

Schneeweißer Sinter, welcher den Überzug oder vielmehr die Stürze, den Deckel unterirdischer Kochtöpfe bildet, glänzt grell im Sonnenscheine. An anderen Stellen wieder besteht die Erdoberfläche nicht aus einem festen Boden, sondern aus dickflüssigem, übelriechendem Schlamm, dessen Temperatur eine sehr verschiedene ist. Hie und da erhebt sich der Erdboden plötzlich in Haubenform, steigt langsam, blasenartig empor und zerplatzt sodann, ein weites, unergründlich tiefes Loch zurücklassend, aus welchem die Strahlen des Dampfes so hoch emporschießen, daß es dem Auge schwindelt, welches ihnen in diese Höhe folgt. Diese Blasen und Löcher entstehen und vergehen, bald hier, bald dort. Sie sind also wandernd. Wehe dem, der auf eine solche Stelle gerät!

Soeben hatte er noch festen Boden unter sich; da beginnt dieser plötzlich heiß zu werden und sich zu erheben. Nur ein todesmutiger Sprung, die schleunigste, augenblicklichste Flucht vermag Rettung zu bringen.

Aber während man der einen Blase entflieht, steigt sofort eine zweite, dritte, vor und neben einem auf. Man steht eben auf einer ganz dünnen Kruste, welche die fürchterlichen Tiefen des Erdinnern wie die leicht zerreißbare, papierartige Masse eines Wespennestes bedeckt.

Und wehe ebenso dem, welcher den erwähnten Schlamm von weitem für eine Masse hält, welche ihn tragen kann! Er sieht zwar aus, wie ein sumpfiger Moorboden, durch welchen man noch zu gehen vermag; aber er ist nur gehalten von vulkanischen Dämpfen, welche ihn tragen, wie beim Fleischkochen der graubraune Schaum von dem Wasser gehalten und bewegt wird.

Überall gibt der Boden unter dem Fuß nach, und die Stapfen füllen sich sofort mit einer dicken, grüngelben, stinkenden, höllischen Flüssigkeit.

Überall rauscht, kocht, brodelt, pfeift, zischt, braust und stöhnt es. Riesige Flocken von Wasser und Schlamm fliegen umher. Wirft man einen schweren Stein in so eine entstehende und wieder vergehende Öffnung, so ist es, als ob die Geister der Unterwelt sich beleidigt fühlten. Die Wasser und der Schlamm kommen in eine furchtbare, wahrhaft diabolische Aufregung; sie steigen empor; sie wallen über, als ob sie den Verbrecher ins grauenhafte Verderben ziehen wollten.

Das Wasser dieser Hexenkessel ist ganz verschieden gefärbt, milchweiß, knallrot, azurblau, schwefelgelb, oft auch hell wie Glas. Obenauf sieht man große weiße, seidenartige Fäden oder einen dicken bleifarbenen Schleim, welcher jeden hineingehaltenen Gegenstand in wenigen Minuten zolldick überzieht, um eine feste, dauernde, fast unzerstörbare Masse zu bilden.

Es kommt vor, daß das Wasser eines solchen Loches im schönsten Grasgrün schimmert. Plötzlich öffnen sich an den Seiten kleine Ventile, und nun schießen aus denselben in allen Nuancen des Regenbogens gefärbte Strahlen durch das grüne Wasser.

Man möchte alle Sekunden ein „Herrlich! Unvergleichlich! Himmlisch!“ rufen, wenn das alles nicht gar so angsterregend, so höllisch wäre.

Also an diesem Feuerlochflusse war Old Shatterhand mit seinen Kriegern angekommen. Die Letzteren wollten unter den Bäumen hervortreten; er aber hielt sie durch einen lauten Ausruf zurück. Er deutete nach dem jenseitigen Ufer des Flusses, und da sahen sie allerdings ein, daß es geratener sei, jetzt noch in der Verborgenheit des Waldes zu verweilen.

Das Thal war hier vielleicht nur eine halbe englische Meile breit. Oberhalb der Stelle, an welcher Old Shatterhand hielt, traten die Ufer so eng zusammen, daß der Fluß kaum Raum genug zu haben schien, seine schmutzig gefärbten, heimtückisch glitzernden Wellen hindurchzuzwingen. Unterhalb war ganz dasselbe der Fall. Von der einen Enge bis zu der anderen war die Entfernung nicht größer als kaum eine englische Meile.

Der Fluß, dessen Wasser von den sich in ihn ergießenden heißen Quellen natürlich eine alles tierische Leben tötende Wärme besitzt, rauschte ganz nahe der Thalwand hin, an welcher Old Shatterhand hielt. Diese war, wie bereits erwähnt, mit Wald bedeckt und zwar steil, aber doch gangbar. Die gegenüberliegende Wand aber stieg, wie nach dem Maurerlot emporgetrieben, senkrecht in die Höhe. Sie bestand aus schwarzem, oben türmchenähnlich zerklüftetem Gesteine und bog sich ziemlich weit zurück, so daß sie von der einen Flußenge bis zur anderen die Linie eines Kreisausschnittes bildete. Aber das Thal wurde durch dieses Zurücktreten der Felsenwand keineswegs erweitert, denn an dem dunklen Felsen stieg, gerade Old Shatterhand gegenüber, ein Gebild herab oder auch hinauf, dessen breiter Fuß beinahe bis an das jenseitige Ufer des Flusses reichte.

Dieses Gebild – denn es gibt wohl kaum ein anderes, besseres Wort zur Bezeichnung des Gegenstandes – also dieses Gebild war so wunderbar, auf den ersten Anblick so unbegreiflich, daß man hätte meinen mögen, sich in einer Zauberwelt zu befinden, in welcher Feen und Elfen und andere unirdische Wesen ein geheimnisvolles Dasein leben.

Es war ein. terrassenförmiger Aufbau, so zart gegliedert und phantastisch verziert, als bestehe er aus frischgefallenem Schnee und den feinsten Eiskrystallen.

Die unterste, umfangreichste Terrasse schien aus dem feinsten Elfenbein geschnitten zu sein. Ihr Rand war mit Zieraten bekleidet, welche von weitem wie die Kunstwerke eines phantasiereichen Bildhauers erschienen. Sie bildete ein mit Wasser gefälltes, halbkreisförmiges Bassin, aus welchem die zweite Terrasse aufstieg, glitzernd, wie mit Goldkörnern durchsetzter Alabaster. Diese zweite Terrasse hatte einen geringeren Durchmesser als die erste. Und ebenso trat die dritte hinter der zweiten zurück. Wie aus zart gezupfter, weißer Watte bestehend, hob sie sich schlank und jungfräulich aus der zweiten empor.

Der Stoff, aus welchem sie bestand, war so luftig und duftig, daß man meinen konnte, sie vermöge nicht die mindeste Last zu tragen. Und doch erhoben sich auf und über ihr noch sechs solcher Terrassen, jede aus einem Bassin bestehend, welches sein Wasser aus der nächst höheren empfing, um es der nächst unteren entweder in schlanken, dünnen Strahlen, in einem fein zerteilten Staubregen, in welchem die Sonne ihre Strahlen brach, oder in breiteren Abflüssen, welche ein schleierartiges Gewebe zu bilden schienen, mitzuteilen.

So lehnte dieses Naturwunder sich schlank, strahlend und schneeglänzend an die dunkle Felsenwand, wie das aus Schneeflocken gewobene Kleid eines aus anderen Welten stammenden Wesens. Und doch war dieses Kleid von denselben Händen gefertigt, welche den schwarzen Basalt emporgetürmt und die Schlammvulkane durch die Erdrinde getrieben hatten.

Man brauchte nur empor zur Spitze dieser wunderbaren Pyramide zu blicken, da sah man sofort, wodurch sie gebildet worden war. Dort stieg nämlich gerade jetzt ein hoher Wasserstrahl auf, der sich oben schirmartig ausbreitete und dann als Regen rundum niedersank. Dabei war jenes Brausen zu hören, welches vorhin Moh-aw nicht hatte begreifen können. Diesem Wasserstrahle folgten pfeifende, zischende, stöhnende Dämpfe, und es war als ob die Erde unter der Gewalt dieser Eruption zerbersten werde.

Die Wasser des Geisers hatten sich diese Pyramide gebaut. Die feinen, leichten Bestandteile, welche der Strahl mit nach oben nahm, setzten sich beim Niederfallen fest und arbeiteten auch jetzt noch immerfort an dem wundersamen Gebilde. Das heiße Wasser floß von einer Terrasse auf die andere herab und wurde allmählich abgekühlt, so daß die einzelnen Bassins, von oben herab gerechnet, eine immer niedrigere Temperatur zeigten. Unten endlich überströmte die krystallene Flüssigkeit das niederste Bassin und floß nach kurzem Laufe in den Feuerlochfluß.

Wie ein Teufel neben einem Engel, so lag neben der herrlichen Gestalt dieser Pyramide ein weites, fast kreisrundes, dunkles, wallartiges Gebilde von schmutzigem Aussehen. Dieser Wall bestand aus einer festen Masse, auf welcher sich Reste vulkanischer Gebilde erhoben, welche die verschiedensten Gestalten besaßen. Es war, als habe ein Riesenkind mit Basaltstücken gespielt, dieselben in die abenteuerlichsten Formen gedrückt und gebogen und sie dann auf den runden Wall befestigt.

Dieser letztere hatte einen Durchmesser von vielleicht fünfzig Fuß und bildete die natürliche Ummauerung eines Loches, dessen dunkel gähnender Rachen nichts Gutes verhieß.

Das war die Krateröffnung eines Schlammvulkanes. Sie verengerte sich einwärts, um sich dann wieder zu erweitern. Sie hatte also, wenn man von oben hineinblickte, genau die Gestalt, als wenn man in zwei Trichter blickt, welche mit den dünnen Enden vereinigt werden.

Sobald es in dem herrlichen Feengeiser zu rauschen und zu brausen begann, stieg auch nebenan in dem finsteren Krater der Schlamm empor. Und wenn droben der Strahl des Wassers und des Dampfes sich zerteilt hatte, sank auch die brodelnde Oberfläche des Schlammes in die Tiefe zurück. Es war klar, Geiser und Schlammvulkan standen in innigster Verbindung zu einander. Die Geister der Unterwelt schieden die auszuschleudernden Massen, führten das krystallene Wasser dem Geiser zu und ließen die zurückbleibenden Excremente des Erdinnern in das Schlammloch rinnen.

„Das ist P’a-wakon-tonka (das Teufelswasser),“ sagte Old Shatterhand, indem er auf das Schlammloch deutete.

„Kennst du es?“ fragte Feuerherz.

„Ja. Ich bin bereits hier gewesen!“

„Und vorhin wußtest du nicht, wohin wir kommen würden?“

„Weil ich den Weg, welchen wir geritten sind, noch nie zurückgelegt habe. Ich bin damals da oben herabgekommen und längs des Flusses abwärts geritten. Da habe ich das Wasser des Teufels kennen gelernt. Jetzt lagern die Sioux-Ogallala dort. Warum reiten sie nicht weiter? Sie wollen doch nach dem Grabe der Häuptlinge, welches weiter oben liegt. Sie müssen irgend eine Absicht haben!“

Nämlich nahe am Rande des Schlammkraters lagen die Ogallala. Man konnte sie ganz deutlich sehen. Sogar die einzelnen Gesichter waren voneinander zu unterscheiden.

Die Pferde liefen oberhalb dieser Stelle herum oder lagen ruhend am Boden. Zu grasen gab es nichts, denn der Boden brachte keinen einzigen Halm hervor.

Ganz in der Nähe lagen mehrere zentner- und noch mehr schwere Steine. Auf diesen saßen die Gefangenen, jeder auf einem derselben. Man hatte ihnen die Hände auf den Rücken gebunden und mit Lassos ihre Füße an die Steine befestigt. So saßen sie bereits seit gestern abend, eine Stellung, welche ihnen außerordentliche Qualen bereiten mußte.

Eben jetzt, als Old Shatterhand seine Aufmerksamkeit auf die Ogallala richtete, kam Bewegung in sie. Sie erhoben sich aus ihrer liegenden Stellung und setzten sich in einen Kreis zusammen, in dessen Mitte der Häuptling Platz nahm.

Der Medizinmann der Upsarocas, welcher neben Old Shatterhand stand, hielt die Hand an die Augen, um besser sehen zu können, hielt den Blick nur kurze Zeit auf die Ogallala gerichtet und sagte dann im Tone des Grimmes:

„Dort sitzt er, inmitten seiner Hunde, der schwere Moccassin. Er wird eine Beratung mit ihnen halten.“

„Du kennst ihn, deinen Feind, und wirst also wohl genau wissen, ob er es auch wirklich ist,“ antwortete Old Shatterhand.

„Wie könnte ich ihn verkennen! Sieh‘ seine lange, hagere Gestalt und sein Gesicht! Er hat mir das Ohr geraubt, ich werde ihm alle beide nehmen. Sein Tomahawk ist mir in die Schulter gedrungen; mein Messer aber wird ihm in das Herz reichen!“

Natürlich waren auch die Gefangenen deutlich zu erkennen. Old Shatterhand sah Jemmy, Davy, Martin und den Hobble-Frank. Baumann und die anderen kannte er nicht. Wohkadeh war abseits an einen Stein gefesselt und zwar in einer Stellung, als ob ihm alle Glieder verrenkt werden sollten.

Zu ihm trat einer der Sioux, band ihn vom Steine los und führte ihn in den Kreis.

„Sie wollen ihn verhören,“ sagte Old Shatterhand. „Vielleicht halten sie Gericht über ihn und haben die Absicht, ihm die Strafe an diesem Orte zu geben. Ah, ich möchte hören, was jetzt gesprochen wird!“

„Warum sollen die Ogallala überhaupt mit ihm sprechen dürfen?“ stieß der Medizinmann hervor. „Wir wollen hinab und hinüber. Der Tomahawk soll sie alle fressen!“

„So schnell geht das nicht,“ warf Old Shatterhand ein. „Mein roter Bruder mag bedenken, daß wir noch tüchtig zu klettern haben, bevor wir diese Steilung hinab und an den Fluß kommen. Sie sehen uns ja, sobald wir unter den Bäumen hervortreten. Ehe wir den Fluß erreichen und ihn durchschwimmen, haben sie ihre Maßregeln getroffen.“

„Hat mein weißer Bruder einen besseren Plan?“

„Ja! Wir müssen ganz plötzlich über sie kommen, ganz ungeahnt. Denn ich befürchte, daß sie die Gefangenen lieber töten als in unsere Hände kommen lassen werden. Hier hinab können wir nicht; da bemerken sie uns. Dort unten aber tritt der Wald bis an den Fluß. Wir können also unbemerkt bis an das Ufer. Wenn wir vorsichtig sind, werden sie uns gar nicht sehen, denn die Bassinwand des Geisers ist dann zwischen ihnen und uns.“

„Mein Bruder hat recht. So soll es geschehen. Aber ich mache eine Bedingung.“

„Welche?“

„Keiner darf den Häuptling der Ogallala töten. Ich habe eine Rache mit ihm, und er gehört mir!“

Old Shatterhand blickte sinnend vor sich nieder. Dann hob er den Kopf und sagte, indem seine Brauen sich zusammenzogen:

„Dort sind über fünfzig Feinde. Es wird sehr viel Blut fließen, und doch möchte ich das vermeiden. Aber es ist ganz unmöglich, sie in die Hand zu bekommen, ohne mit ihnen zu kämpfen.“

Der Neger Bob, welcher während des Rittes sich immer am Ende des Zuges gehalten hatte, war nach vorn gekommen, um sich die Ogallala anzusehen. Da Old Shatterhand mit dem Indianer in dessen Sprache redete, verstand der Schwarze nicht, was gesagt wurde. Er trat jetzt herbei, deutete hinab und sagte –

„Dort Massa Baumann und auch jung Massa Martin t Will Massa Shatterhand sie frei machen?“

„Ja!“

„Oh, oh! Sehr gut sein das, sehr gut! Neger Bob wird mithelfen frei machen. Neger Bob wird gleich hinunter und über Wasser hinüber. Masser Bob sich nicht fürchten vor Ogallala. Masser Bob sein stark und kühn. Er sie schlagen alle tot!“

Er wollte wirklich fort. Old Shatterhand hielt ihn zurück. Er nahm das Fernrohr aus der Satteltasche und richtete es auf die Sioux. Eben jetzt wurde Martin Baumann losgebunden und auch in den Kreis geführt und neben Wohkadeh gestellt. Old Shatterhand hatte durch das Glas die Gesichter so nahe vor sich, daß er die Lippenbewegungen der Sprecher sah. Es war, als ob die Sioux kaum zwanzig Schritte von ihm entfernt seien.

Der Häuptling sprach zu Martin Baumann, mit der Hand nach dem Schlammkrater deutend. Old Shatterhand sah ganz deutlich, daß Martin totenbleich wurde. Zu gleicher Zeit ertönte ein schriller Schrei, wie ihn die menschliche Kehle nur im Augenblicke des größten Entsetzens ausstoßen kann.

Einer der Gefangenen hatte ihn ausgestoßen, der alte Baumann. Old Shatterhand sah, daß der arme Mann aus allen Kräften an seinen Fesseln zerrte. Das, was der Häuptling gesagt hatte, mußte etwas geradezu Fürchterliches sein.

Und das war es auch, etwas so Teuflisches, daß ein Vater wohl aus Angst um seinen Sohn einen solchen Schrei ausstoßen konnte.

Die Sioux-Ogallala waren gestern erst nach Einbruch des Abends auf der Höhe des Geiserflusses angekommen. Sie hatten erwartet, daß der „schwere Moccassin“ da unter den Bäumen des Waldes Lager machen werde, aber sie hatten sich verrechnet. Trotz der Dunkelheit und trotz der Beschwerlichkeit des Abstieges bestimmte er, daß noch über den Fluß gesetzt werden solle.

Er kannte die Gegend; er war bereits mehreremal hier gewesen, und in seinem Hirn brütete ein Gedanke, noch finsterer und unheimlicher als der Schlammkrater, welcher da unten im Dunkel der Nacht seine scheußlichen Massen hob und senkte.

Voransteigend und sein Pferd am Zügel führend, zeigte er den Seinen den Weg. Auch die Gefangenen mußten mit hinab, was natürlich außerordentliche Schwierigkeiten bereitete, da sie nicht von den Tieren losgebunden werden durften. Schließlich gelangten doch alle glücklich unten am Ufer an.

An dieser Stelle war das Wasser des Feuerlochflusses nicht heiß, sondern nur warm. Man konnte hindurch, ohne sich Schaden zu thun. je zwei Sioux nahmen das Pferd eines Gefangenen zwischen sich, und dann ging es hinüber. Am Schlammkrater wurde Halt gemacht.

Die Gefangenen wurden an die dort liegenden großen Steine gefesselt und Wächter bei ihnen aufgestellt; dann legten sich die anderen nieder, ohne von dem Häuptlinge Auskunft erhalten zu haben, warum er hier Lager machte, im Gestank des Kraters, und wo es weder Gras noch Wasser für die Pferde gab.

Bei Anbruch des Morgens wurden die letzteren eine Strecke abwärts geführt, wo, wie der Häuptling wußte, eine reine Quelle aus dem Felsen strömte. Nach Rückkehr der Leute, die das besorgten, zog jeder ein Stück getrocknetes Büffelfleisch hervor, um zu frühstücken. Jetzt nun erklärte der „schwere Moccassin“ seinen Leuten mit leiser Stimme, was er in Beziehung auf Wohkadeh und den jungen Baumann beschlossen habe.

Alle hielten den ersteren für einen Verräter. Er hatte zwar nichts gestanden, aber in ihren Augen war er überführt. Daß Martin an demselben Schicksale teilnehmen solle, machte ihnen nicht die geringsten Bedenken. Die Gefangenen waren alle dem Tode gewidmet, und je mehr Abwechselung bei ihrer Hinrichtung angebracht wurde, desto interessanter war es ja.

Zunächst galt es, sich an den Qualen, welche die bloße Verkündigung des Urteiles den Gefangenen bereiten mußte, zu weiden. Darum wurde ein Kreis gebildet und zunächst Wohkadeh vorgeführt.

Er wußte natürlich, daß ihm der sichere Tod beschieden war, aber er glaubte keineswegs, daß das Urteil bereits jetzt an ihm vollzogen werden solle. Er war überzeugt, daß Old Shatterhand und Winnetou sehr bald erscheinen würden, und stellte sich getrosten Mutes vor seine Richter hin.

Die Verhandlung wurde mit lauter Stimme geführt, damit auch die anderen Gefangenen, soweit sie die Sprache der Sioux verstanden, alles hören sollten.

„Hat Wohkadeh sich besonnen, ob er weiter leugnen oder den Kriegern der Ogallala alles gestehen will?“ fragte der Häuptling.

„Wohkadeh hat nichts Böses gethan und also auch nichts zu gestehen,“ antwortete der Gefragte.

„Wohkadeh lügt. Wollte er die Wahrheit erzählen, so würde sein Urteil ein sehr mildes sein!“

„Mein Urteil wird dasselbe sein, gleichviel ob ich schuldig oder unschuldig bin. Ich muß sterben!“

„Wohkadeh ist jung. Die Jugend hat einen kurzen Gedanken. Sie weiß oft nicht genau, was das, was sie thut, zu bedeuten hat. Darum sind wir bereit, Milde walten zu lassen; aber derjenige, welcher falsch gehandelt hat, muß aufrichtig sein!“

„Ich habe nichts zu sagen!“

Da ging ein höhnisches Lächeln über das Gesicht des Häuptlings. Er fuhr fort:

„Ich kenne Wohkadeh. Er wird uns dennoch alles, alles sagen!“

„Ihr werdet vergebens darauf warten.“

„So ist Wohkadeh ein Feigling. Er fürchtet sich. Er hat den Mut, Böses zu thun, aber es fehlt ihm der Mut, es einzugestehen. Wohkadeh ist trotz seiner Jugend ein altes Weib, welches vor Angst heult, wenn es von einer Fliege gestochen wird!“

Wohl kannte der Häuptling den jungen Mann. Seine Worte erreichten ihren Zweck.

Kein Indianer läßt sich einen Feigling nennen, ohne sofort zu zeigen, daß er mutig sei. Von früher Jugend an an Entbehrungen, Anstrengungen und allerhand Schmerzen gewöhnt, achtet er den Tod nicht. Er ist ja überzeugt, nach dem Tode sofort in die ewigen Jagdgründe zu gelangen. Er ist also, falls er ein Feigling genannt wird, bereit, das Gegenteil zu beweisen und dabei selbst sein Leben auf das Spiel zu setzen. So auch Wohkadeh. Kaum hatte der Häuptling die Beleidigung ausgesprochen, so antwortete er rasch:

„Ich habe den weißen Büffel getötet. Alle Sioux-Ogallala wissen das!“

„Aber keiner von ihnen war dabei. Keiner hat gesehen, daß du ihn wirklich tötetest. Du hast das Fell gebracht, das wissen wir; weiter nichts!“

„Gibt der Büffel sein Fell freiwillig her?“

„Nein! Aber wenn er gestorben ist, so liegt er auf der Prairie. Wohkadeh kommt dazu, nimmt ihm die Haut, trägt sie heim und sagt dann, daß er ihn getötet habe. Der Büffel aber war von selbst verendet.“

„Das ist eine Lüge!“ rief Wohkadeh, in höchstem Grade erzürnt über diese neue Beleidigung. „Kein verendeter Büffel liegt in der Prairie. Die Geier und Koyoten fressen ihn auf.“

„Und der Koyot bist du!“

„Uff !“ rief Wohkadeh, an seinen Riemen zerrend. „Wäre ich nicht gefesselt, so wollte ich dir zeigen, ob ich ein feiger Prairiewolf bin oder nicht!“

„Du hast es bereits gezeigt. Du bist ein Feigling, denn du fürchtest dich, die Wahrheit zu sagen!“

„Ich habe nicht aus Angst geleugnet!“

„Warum denn?“

„Aus Rücksicht für die anderen, welche sich in Eurer Hand befinden.“

„Uff ! Also jetzt gestehst du ein, daß du schuldig bist?“

„Ja!“

„So erzähle, was du gethan hast!“

„Was soll ich erzählen? Das ist mit wenigen Worten gesagt. Ich bin nach dem Wigwam des Bärentöters gegangen, um zu erzählen, daß er von Euch gefangen genommen worden ist. Dann sind wir aufgebrochen, ihn zu befreien.“

„Wer?“

„Wir fünf. Der Sohn des Bärentöters, Jemmy, Davy, Frank und Wohkadeh.“

„Weiter niemand?“

„Nein!“

„So hat wohl Wohkadeh die Bleichgesichter sehr lieb gewonnen?“

„Ja! Einer unter ihnen ist mehr wert, als hundert Sioux-Ogallala.“

Der Häuptling ließ seinen Blick im Kreise herumgleiten und freute sich heimlich über den Eindruck, welchen die letzten Worte des roten Jünglings bei den Ogallala hervorgebracht hatten. Dann fragte er:

„Weißt du, was du gewagt hast, uns das zu sagen?“

„Ja! Ihr werdet mich töten!“

„Aber unter tausend Martern!“

„Ich fürchte sie nicht.“

„Sie mögen sofort beginnen. Bringt den Sohn des Bärentöters herbei!“

jetzt wurde, wie auch Old Shatterhand gesehen hatte, Martin herbeigeführt und neben Wohkadeh gestellt.

„Hast du gehört und verstanden, was Wohkadeh gesagt hat?“ fragte ihn der Häuptling.

„Ja,“ antwortete Martin ruhig.

„Er hat euch geholt, damit ihr die Gefangenen befreien solltet. Fünf Mäuse ziehen aus, um fünfzig Bären zu fressen! Die Dummheit hat euer Hirn verzehrt; sie mag euch nun auch ganz verzehren. Ihr werdet sterben!“

„Das wissen wir!“ lächelte Martin Baumann. „Kein Mensch kann ewig leben bleiben!“

Der Häuptling verstand ihn nicht sogleich. Dann aber begriff er den Sinn dieser Worte, denn er antwortete:

„Ich meine, daß ihr sterben werdet von unserer Hand!“

„Ich glaube, daß das Eure Absicht ist!“

„Was du jetzt nur glaubst, sollst du sehr bald als Wahrheit erkennen. Hofft ihr etwa noch auf eine Gelegenheit, uns zu entkommen? Die soll euch genommen werden. Ihr werdet heute schon sterben, jetzt, sogleich!“

Er blickte die beiden scharf an, um zu sehen, welche Wirkung seine Worte hervorbringen würden. Wohkadeh verhielt sich so, als ob er sie gar nicht gehört habe; Martin aber veränderte die Farbe seines Gesichtes, obgleich er sich die größte Mühe gab, seinen Schreck zu verbergen.

„Der schwere Moccassin sieht, daß ihr große Freunde seid,“ fuhr der Häuptling fort. „Er will euch die Freude machen, miteinander zu sterben.“

Er hatte geglaubt, die Bestürzung der beiden zu vermehren. Aber Wohkadeh sagte unter einem heiteren Lächeln:

„Du bist besser, als ich dachte! Ich fürchte den Tod nicht. Kann ich mit meinem weißen Freunde sterben, so wird er mir sogar süß sein.“

„Süß?“ hohnlachte der Häuptling. „Ja, süß soll er sein. Ihr sollt seine Süßigkeiten auskosten, langsam, ganz und gar. Und weil eure Liebe eine so seltene ist, so sollt ihr auch auf eine ganze seltene Weise in die ewigen Jagdgründe gehen!“

Er stand auf, trat aus dem Kreise und ging zu der Umwallung des Schlammkraters.

„Das ist euer Grab!“ sagte er. „In wenigen Augenblicken soll es euch empfangen!“

Er deutete in die Tiefe, aus welcher der stinkende Brodem emporstieg.

Das hatte niemand erwartet. Das war mehr als unmenschlich. Martin wurde totenbleich. Sein Vater stieß jenen Angstschrei aus, welchen Old Shatterhand und seine Begleiter drüben, jenseits des Flusses, gehört hatten. Er zerrte mit aller Gewalt an seinen Fesseln.

Baumann hatte vom ersten Augenblicke seiner Gefangenschaft an bis jetzt mit keinem Worte und mit keiner Miene gezeigt, wie unglücklich er sich fühle. Er war zu stolz, sich das merken zu lassen. jetzt aber, als er hörte, was seinem Sohne drohte, war es mit all seiner Selbstbeherrschung vorüber.

„Das nicht, das nicht!“ rief er. „Werft mich in den Krater, mich, mich, nur ihn nicht, ihn nicht!“

„Schweig!“ herrschte der Häuptling ihm zu. „Du würdest heulen vor Entsetzen, wenn du den Tod deines Sohnes sterben solltest!“

„Nein, nein, keinen Laut sollt Ihr hören, keinen einzigen f“

„Du wirst bereits heulen, wenn ich dir diesen Tod beschreibe. Meinst du, daß wir deinen Knaben und den Verräter Wohkadeh einfach in diesen Schlund werfen werden? Da irrst du dich sehr. Der Schlamm steigt und sinkt so regelmäßig, wie die Flut des Meeres, welche dem Laufe des Mondes folgt, wie man mir gesagt hat. Man weiß den Augenblick genau, an welchem der Schlamm kommt, und auch den, an welchem er wieder geht. Man weiß auch sehr genau, wie hoch er steigt. Wir werden den Verräter und deinen Knaben an Lassos binden und sie in das Loch werfen. Aber sie werden nicht hinabfallen, denn die Lassos halten sie. Sie werden so tief hinabhängen, daß ihnen der Schlamm nur bis an die Füße steigt. Beim nächsten Male lassen wir sie weiter hinab, daß ihnen der Schlamm bis an die Kniee reicht. So werden sie tiefer und tiefer sinken, und ihre Körper werden langsam von unten nach oben in dem heißen Schlamme braten. Hast du nun noch Lust, für deinen Sohn dieses Todes zu sterben?“

„Ja, ja!“ antwortete Baumann. „Nehmt mich an seiner Stelle; nehmt mich!“

„Nein! Du sollst mit den anderen am Grabe der Häuptlinge am Marterpfahle enden. Und jetzt sollst du zusehen müssen, wie dein Sohn im Pfuhle versinkt!“

„Martin, Martin, mein Sohn!“ schrie der Vater in verzweiflungsvollem Tone.

„Vater, mein Vater!“ antwortete dieser weinend.

„Schweig!“ raunte Wohkadeh ihm zu. „Wir wollen sterben, ohne ihnen die Freude zu machen, den Schmerz auf unserem Angesicht zu sehen.“

Baumann riß an seinen Fesseln, hatte aber nur den Erfolg, daß sie ihm fast bis auf die Knochen in das Fleisch schnitten.

„Hörst du, wie er heult und jammert!“ rief ihm der Häuptling zu. „Schweig, und freue dich vielmehr, denn du sollst alles deutlicher sehen können als wir. Man löse die Gefangenen von den Steinen und binde sie auf ihre Pferde, damit sie hoch sitzen und alles besser betrachten können. Die beiden Knaben aber bindet steif und tragt sie nach dem Loche!“

Dieser Befehl wurde sofort ausgeführt. Mehrere Sioux ergriffen Wohkadeh und Martin, um ihnen noch mehr Riemen anzulegen, und auch der übrige Teil der Weisung wurde schnell befolgt.

Baumann preßte die Zähne fest zusammen, um sich keinen Jammerlaut entschlüpfen zu lassen. Er saß jetzt mit den anderen hoch zu Roß.

„Schrecklich!“ knirschte Davy, indem er sich an Jemmy wandte. „Die Hilfe kommt gewiß, für die beiden braven Burschen aber jedenfalls zu spät. Wir beide sind schuld an ihrem Tode. Wir hätten nicht einwilligen sollen.“

„Hast recht, und – – horch!“

Der heisere Schrei eines Geiers war erschollen. Die Ogallala beachteten es nicht.

„Das ist Old Shatterhands Zeichen,“ flüsterte Jemmy. „Er hat oft davon gesprochen und uns den Schrei auch vorgemacht.“

„Herrgott! Wenn er es wirklich wäre!“

„Der Himmel gebe, daß ich mich nicht täusche! Vermute ich richtig, so wäre Old Shatterhand unserer Fährte gefolgt und käme von da drüben herab. Schau hinüber nach dem Walde! Siehst du nichts?“

„Ja, ja!“ antwortete Davy. „Ein einzelner Baum wird bewegt. Ich sehe die Spitze schütteln. Das geschieht nicht von selbst; dort sind also Menschen!“

„Jetzt sehe ich es auch! Aber weg davon mit dem Blicke, daß die Ogallala nicht aufmerksam werden!“

Und mit lauter Stimme rief er in deutscher Sprache nach dem Krater hin:

„Master Martin, seid getrost! Die Hilfe ist schon da. Soeben haben die Freunde uns ein Zeichen gegeben!“

Er vermied es kluger Weise, einen Namen zu nennen, weil derselbe von den Ogallala verstanden worden wäre.

„Was hat dieser Hund zu bellen!“ zürnte der Häuptling. „Hat er auch Lust, in dem Schlamm zu sterben?“

Glücklicherweise begnügte er sich mit dieser Zurechtweisung.

„Ist’s wahr, ist’s wahr?“ flüsterte Baumann in deutscher Sprache dem Dicken zu.

„Ja! Da drüben im Walde stecken sie.“

„Da kommen sie dennoch zu spät. Ehe sie den Fluß erreichen und herüberkommen, ist’s vorbei. Sie werden ja auf alle Fälle von den Feinden bemerkt!“

„Pah! Shatterhand wird es schon so einrichten, daß er seinen Zweck erreicht.“

Die Gefangenen hielten auf ihren Pferden so eng nebeneinander, daß sie sich selbst im Flüstertone verstehen konnten. Die Hände waren ihnen auf den Rücken gebunden und die Füße durch einen Riemen vereinigt worden, welcher unter dem Bauche der Pferde hinwegging.

„Du, Davy,“ flüsterte Jemmy, „unsere Tiere werden nicht am Zügel gehalten; darum sind wir eigentlich schon halb frei. Getraust du dir, dein altes Maultier trotz der Fesseln zum Gehorchen zu bringen?“

„Hab‘ keine Sorge! Ich nehme es zwischen die Beine, daß es eine Lust sein wird!“

„Mein alter Klepper wird auch gehorchen. Halt! Hilf Himmel! Da geht es los! Die Hilfe kommt zu spät – zu spät!“

Nämlich in diesem Augenblicke begann die Erde unter den Hufen der Pferde erst leise und dann stärker zu beben, und ein rollendes Brausen kam wie aus unterirdischer Ferne herbei. Der Geiser wollte seine Thätigkeit beginnen.

Zwar hatten sich die Pferde seit gestern abend ganz leidlich an dieses Beben des Erdbodens gewöhnt; da sie aber jetzt ihre Reiter trugen, zeigten sie sich unruhiger, als wenn sie ledig gewesen wären.

Der Häuptling hatte sich vorhin über die Umfassung des Schlammkraters gebeugt und seinen Lasso hinabgelassen, um auszumessen, wie tief die beiden dem Tode Geweihten zu hängen kommen müßten. Dann waren zwei Lassos je an einen festen Vorsprung des hohen Kraterrandes befestigt worden und die anderen Enden hatte man Martin und Wohkadeh so unter den Armen hindurch befestigt, daß gerade und genau die beabsichtigte Tiefe erreicht wurde.

Als jetzt das Brausen begann, traten alle zurück. Nur zwei blieben am Krater stehen, um, sobald der Schlamm sich hob, die beiden Verurteilten hinabgleiten zu lassen.

Es waren Augenblicke der fürchterlichsten Spannung; für die beiden Baumanns aber wurden sie zu schrecklichen Ewigkeiten.

Und Old Shatterhand? Warum kam er nicht?

Sein Blick hatte in größter Spannung jede Bewegung der Ogallala beobachtet. Als er sah, daß Wohkadeh und Martin nach dem Kraterrande geschleppt wurden, war ihm alles klar.

„Man will sie langsam im Schlamme sterben lassen,“ sagte er zu den Indianern. „Wir müssen augenblicklich helfen. Schnell, eilt unter den Bäumen dort hinab, wo der Wald bis an den Fluß geht; setzt hinüber und jagt jenseits im Galopp hinauf! Heult dabei, so laut ihr könnt, und stürzt mit aller Macht auf die Ogallala ein!“

„Willst du nicht mit?“ fragte der riesige Medizinmann.

„Nein; ich darf nicht. Ich muß hier bleiben, um dafür zu sorgen, daß vor eurem Erscheinen keinem unserer Brüder ein Leid geschieht. Fort, fort! Es ist kein Augenblick zu verlieren!“

„Uff! Vorwärts!“

Im nächsten Augenblicke waren die Schoschonen und Upsarocas verschwunden. Der schwarze Bob blieb bei Old Shatterhand zurück. Dieser gebot ihm:

„Komm, faß diese Fichte mit an! Wir wollen sie schütteln!“

Die Hand an den Mund legend, stieß er den Schrei aus, welchen Jemmy und Davy gehört hatten. Er bemerkte, daß sie heraufblickten, und wußte nun, daß sie sein Zeichen verstanden hatten.

„Warum Baum schütteln?“ fragte Bob.

„Um ihnen ein Zeichen zu geben. Man will Wohkadeh und deinen jungen Herrn in den Krater werfen, um sie zu töten. Dort liegen sie gefesselt am Rande desselben.“

„Was! Oh, oh! Massa Martin töten? Wann? Wohl gleich?“

„In einer Minute wohl schon!“

Da ließ der Schwarze das Gewehr fallen, welches er in den Händen hielt.

„Massa ermorden! Das nicht sollen; das nicht dürfen! Masser Bob das nicht erlauben. Masser Bob sie totschlagen alle, alle! Bob gleich hinüber!“

Er rannte fort.

„Bob, Bob!“ rief Old Shatterhand ihm nach. „Zurück, zurück! Du verdirbst sonst alles!“

Aber der Schwarze hörte nicht auf ihn. Es hatte eine wahre Wut sich seiner bemächtigt. Sein junger Herr sollte ermordet werden! Das konnte er nicht zugeben! Lieber wollte er selber sterben. Vor einem Bären hatte er sich nicht als Held gezeigt; aber wenn es seinen „Massa“ galt, dann konnte er ein rasender Roland sein.

Er dachte nicht daran, daß ihm das Gewehr entfallen war; er dachte nur daran, so schnell wie möglich hinüberzukommen. Als guter Schwimmer wußte er, daß man, um an einer gewissen Stelle drüben zu landen, oberhalb derselben hüben in das Wasser gehen muß. Er sprang also nicht den lichten Uferhang hinab, gerade auf das Wasser zu, sondern er eilte in weiten Sprüngen unter den Bäumen flußaufwärts hin und schnellte erst dann, als er seiner Meinung nach weit genug nach oben gekommen war, unter den Bäumen hervor.

Ein schwarzer, glatter Felsen führte da scharf zum Wasser hinab. In seiner Eile setzte Bob sich nieder und rutschte, als ob er Schlitten fahren wolle, diesen Felsen hinab und in das ölige, mit schmutzig flockigem Schaum bedeckte Wasser hinein.

Dabei fühlte er etwas Hartes, was an seinen Körper stieß. Es war ein starker Ast, der sich hier im Ufergrunde festgestochen hatte.

„Oh, oh!“ jubelte er. „Masser Bob kein Gewehr. Ast sein Gewehr, sein Keule!“

Er riß ihn aus dem Schlamme und begann nun gewaltig auszustreichen.

Der brave Bursche wurde von den Ogallala gar nicht bemerkt. Während der Rutschpartie war sein schwarzer Körper von dem dunklen Gestein nicht zu unterscheiden gewesen, und nun im Wasser stachen sein Kopf und seine Schultern so wenig von der schmutzigen Fläche ab, daß selbst andere Augen als diejenigen der Ogallala nicht auf ihn aufmerksam geworden wären. Die letzteren hielten übrigens jetzt ihre Blicke nach dem Schlammkrater gerichtet; auf etwas anderes achteten sie nicht.

jetzt, eben als das unterirdische Rollen und Brausen begann, sah Old Shatterhand seine roten Verbündeten dort nach der abwärts liegenden Enge zu in das Wasser reiten. Die Katastrophe war da.

Er lehnte seinen Henrystutzen an den Stamm des Baumes, hinter welchem er stand, und nahm den zweiläufigen, schweren Bärentöter empor. Auf diese beiden Gewehre konnte er sich verlassen.

Hundert andere hätten jetzt vor Aufregung gezittert; dieser Mann aber blieb so ruhig, als ob er beabsichtige, im Freundeskreise nach einer Scheibe zu schießen.

Drüben traten die Sioux vom Krater zurück. Nur zwei von ihnen blieben stehen.

Da hob der Häuptling den Arm. Ob er vielleicht ein lautes Kommandowort sprach, konnte Old Shatterhand nicht hören, da das Brausen stärker geworden war; aber was diese Armbewegung zu bedeuten hatte, das wußte Shatterhand genau – den Martertod Martins und Wohkadehs.

Er nahm den Kolben an die Wange. Zweimal blitzte der Bärentöter schnell hintereinander auf; dann warf der Schütze ihn weg und griff zum Stutzen, um bereit zu sein, wenn er auch ihn brauchen sollte. Er selbst hatte wohl das Krachen seiner beiden Schüsse gehört, den Sioux-Ogallala aber war dasselbe entgangen, denn es dröhnte unter ihnen wie rapid aufeinanderfolgende Donnerschläge.

„Hinein mit ihnen!“ hatte der Häuptling der Ogallala mit lauter Stimme befohlen und dabei den Arm erhoben.

Die zwei seiner Leute, welche diesen Befehl auszuführen hatten, thaten schnell die paar Schritte, welche sie von den an der Erde liegenden Gefangenen entfernt standen. Martins Vater stieß einen Angstschrei aus, welcher herzzerreißend gewirkt hätte, wenn er gehört worden wäre. Im nächsten Augenblicke mußte ja sein Sohn im Schlunde des Kraters verschwinden.

Aber, was war das! Die zwei Vollstrecker der schrecklichen Exekution bückten sich nicht nur, um die Gefangenen zu ergreifen, sondern sie fielen sogar neben sie nieder und blieben bei ihnen liegen.

Der Häuptling brüllte etwas, was nicht zu verstehen war, denn droben stiegen Wasser und Dampf schrill pfeifend aus der Öffnung des Geisers empor, und hier unten ertönte es wie dumpfe Kanonenschläge aus dem Krater des Schlammvulkanes.

Der „schwere Moccassin“ sprang hinzu, bückte sich über die beiden Leute und schlug mit der Faust auf sie ein – sie bewegten sich nicht. Er faßte den einen an der Schulter und riß ihn halb empor. Ein Paar unbewegliche, seelenlose Augen starrten ihm entgegen, und er sah zwei Löcher im Kopfe des Mannes, eins hüben und das andere drüben. Er ließ den Mann erschrocken fallen und ergriff den anderen, um auch an diesem ganz dieselbe Bemerkung zu machen.

Er fuhr empor, als hätte er einen Geist erblickt, und wendete sich nach den Seinen zurück. Sein Gesicht war verzerrt. Er hatte das Gefühl, als ob ihm unter dem mit Adlerfedern geschmückten Schopfe die Haut vom Schädel gezogen werde.

Die Sioux konnten sein Verhalten und dasjenige ihrer beiden Krieger nicht begreifen. Sie traten herbei. Mehrere von ihnen bückten sich zu den letzteren nieder und waren dann ganz ebenso ein Bild des Entsetzens wie ihr Anführer.

Und nun kam noch ein anderes hinzu, was ihnen nicht minder schrecklich erschien. Das Pfeifen und Zischen des Geisers war jetzt fast erstorben, so daß das Ohr nun wieder andere Töne zu vernehmen vermochte. Und da ließ sich denn vom Flusse her ein Gebrüll vernehmen, welches aus der Kehle eines Löwen oder Tigers zu kommen schien.

Aller Augen wendeten sich dorthin. Sie sahen eine schwarze, riesengroße Gestalt herbeigesprungen kommen, welche einen langen, starken Astknorren in den Fäusten schwang. Diese Gestalt triefte von dem schmutzigen, gelbgrünen Schaume des Flusses und war von einer ganzen Masse verworrener Binsen und halb verfaulten Schilfes behangen.

Der brave Bob, welcher sich durch eine ganze Halbinsel dieser am Ufer hangenden Pflanzenrudera hatte arbeiten müssen, hatte sich nicht die Zeit genommen, diesen Schmuck von sich abzustreifen. Er bot also einen Anblick, der ihn kaum als ein irdisches Wesen erscheinen ließ. Dazu sein Gebrüll, seine rollenden Augen, das starke, leuchtende Gebiß, welches er zeigte – es war wirklich kein Wunder, daß die Ogallala für den Augenblick ganz starr standen.

Und da warf er sich auch schon auf sie, brüllend und mit der Keule um sich schlagend wie ein Herkules. Sie wichen vor ihm zurück. Er drang durch ihren Haufen und stürzte auf den Häuptling zu.

„Massa Martin! Wo sein lieb gut Massa Martin?“ schrie er keuchend. „Hier Masser Bob, hier, hier! Er vernichten ganz Sioux! Er zerschmettern all ganz viel Ogallala!“

„Hurra! Das ist Bob!“ rief Jemmy. „Der Sieg ist da! Hurra, hurra!“

Und zugleich ließ sich von abwärts her ein vielstimmiges Geheul vernehmen, ein indianisches Kriegsgeheul. Dasselbe wird bekanntlich in der Weise hervorgebracht, daß die Wilden ein markerschütterndes langgedehntes, in der Fistelstimme liegendes Jiiiiiiiiiiih schreien und sich dabei, mit der einen Hand trillernd, auf die Lippen schlagen.

Dieser wohlbekannte, Gefahr verkündende Kriegsruf weckte die Sioux aus ihrem starren Schrecken. Einige sprangen vor und bückten nach abwärts des Flusses, woher das Geheul erscholl. Sie sahen die Upsarocas und Schoschonen, welche im Galopp herangesprengt kamen. Im höchsten Grade bestürzt, nahmen sie sich gar nicht die Zeit, diese Feinde zu zählen und folglich zu bemerken, daß sie sich vor so einer kleinen Anzahl derselben gar nicht zu fürchten brauchten. Der unerklärliche Tod ihrer beiden Kameraden, das Erscheinen des wie ein wahrer Satan aussehenden und dreinschlagenden Bob und nun das Nahen feindlicher Indianer, das alles brachte bei ihnen einen geradezu panischen Schrecken hervor.

„Fort, fort! Rettet euch!“ brüllten sie und stürzten zu ihren Pferden.

jetzt nahm Jemmy seinen alten Gaul fest zwischen die Schenkel.

„Macht euch frei! Schnell, schnell, den Rettern entgegen!“ schrie er laut.

Und schon schoß seine langbeinige Kreatur von dannen, das Maultier mit dem langen Davy hinterher. Franks Pferd folgte augenblicklich, ganz ohne daß der Reiter es durch irgend eine Bewegung dazu aufgefordert hätte; die Pferde waren durch das Zittern der Erde, durch Bobs Gestalt und das Kriegsgeheul so aufgeregt worden, daß kein Sioux sie hätte zu halten vermocht.

Wirklich keiner? 0 doch, es gab einen, nämlich den Häuptling Hong-peh-te-keh. Er hatte von Bob einen so kräftigen Keulenhieb erhalten, daß er zusammengebrochen war. Zu seinem Glücke hatte das der Schwarze nicht zu einem zweiten Hiebe, der wohl tödlich geworden wäre, benutzt, sondern er war, seinen jungen Herrn am Boden liegen sehend, zu demselben niedergekniet, um sich, alles andere vergessend, seiner anzunehmen.

„Mein gut, gut Massa Martin!“ rief der treue, aber wenig umsichtige Schwarze. „Hier sein tapfer Masser Bob! Er schnell schneiden die Riemen von Massa Martin.“

Der Häuptling hatte sich aufgerichtet und zog schon das Messer, um den Neger niederzustechen; da hörte er das Geheul der Feinde und sah, daß die Seinigen sich auch bereits zur Flucht wendeten, während seine bisherigen Gefangenen davonjagten, um zunächst aus der Nähe der Ogallala zu kommen.

Er erkannte, daß er unter diesen Umständen gezwungen sei, auch zu fliehen; aber allen und jeden Vorteil aufzugeben, dazu war er der Mann doch nicht. Sich nach seinem Pferde stürzen und im Sattel sitzen, das war für ihn die Sache eines Augenblickes. Ein Glück, daß seine Leute alle die Gewehre an den Sattelknöpfen befestigt hatten! Er drängte sein Pferd an Baumann heran, dessen Tier in diesem Augenblicke scheute und mit allen Vieren in die Luft ging. Ein rascher Griff in die Zügel desselben, ein schriller, durchdringender Schrei, durch welchen er sein eigenes Roß anspornte, und er jagte davon, flußaufwärts, Baumanns Pferd und dessen Reiter mit sich fortreißend – – – – – – – – – – – – – – – –

Die Sioux-Ogallala waren vollständig überzeugt, daß der Oberlauf des Flusses für sie frei sein werde. Ihrer Ansicht nach hatten sie keineswegs zu befürchten, daß sie dort Feinde treffen würden. Wenn sie das Grab der Häuptlinge erreichten, so waren sie geborgen, denn das Terrain, in welchem dasselbe lag, bot ihnen vortreffliche Deckung selbst gegen einen noch viel stärkeren Feind als sie gegen sich zu haben glaubten. Sie sollten aber bald einsehen, daß sie sich da in einem großen Irrtum befanden, welcher für sie verhängnisvoll werden mußte.

Wie bereits erwähnt, hatte Winnetou gestern früh, bevor Old Shatterhand von dem Gelbsteinsee aufgebrochen war, von diesem die Weisung erhalten, mit den bei ihm zurückbleibenden Kriegern nach dem „Maule der Hölle“ zu reiten und ihn dort zu erwarten. Der Häuptling der Apachen war diesem Gebote getreulich nachgekommen.

Tokvi-tey, der Anführer der Schoschonen, welcher sich bei ihm befand, hatte gleich nach Old Shatterhands Entfernung aufbrechen wollen, aber der Apache war dagegen gewesen.

„Meine Brüder mögen hier noch halten bleiben,“ sagte er. „Unsere Pferde mögen noch grasen, denn auf dem Pfade, welchen wir einschlagen, wird es kein Futter für sie geben.“

„Kennst du diesen Weg genau?“ fragte der Schoschone.

„Winnetou kennt alle Prairien und Wasser, alle Berge und Thäler vom Meere des Südens bis hinauf zum Saskatschewan.“

„Aber je eher wir aufbrechen, desto eher sind wir am Ziele!“

„Da hat mein Bruder ganz richtig gesprochen; aber zuweilen ist es nicht gut, wenn man vor der Zeit am Ziele anlangt. Wir werden am Maule der Hölle anlangen noch bevor die Sonne hinter den Wasser speienden Bergen in ihr Wigwam niedersteigt. Winnetou weiß, was er thut. Die tapferen Krieger der Schoschonen können sich auf ihn verlassen. Sie mögen jetzt ihr Fleisch gemächlich verzehren. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er das Zeichen zum Aufbruche geben.“

Er warf seine Silberbüchse über und entfernte sich, zwischen den Bäumen des Urwaldes verschwindend. Er liebte es nicht, Entschlüsse, welche er einmal gefaßt hatte, ohne triftige Gründe aufzugeben. Tokvi-tey mußte sich fügen.

Die Indianer bereiteten ihr Frühstück und unterhielten sich dabei über den nichts weniger als klugen Streich, welchen der Sohn des Bärenjägers mit seinen vier Begleitern begangen hatte.

Ihr Frühmahl war längst vorüber, als der Apache wiederkehrte. Er suchte sein Pferd auf und stieg in den Sattel. Ein Wink seiner Hand genügte, den Schoschonen wissen zu lassen, daß der Ritt jetzt begonnen werden solle. Sie folgten ihm, einer hinter dem andern reitend und sich dabei Mühe gebend, eine so wenig wie möglich sichtbare Fährte zu hinterlassen.

War Winnetou selbst nach indianischen Begriffen ein sehr schweigsamer Mann, so schien er heute noch weniger als gewöhnlich geneigt zu sein, sich für einen redseligen Mann halten zu lassen. Er hielt sein Pferd so im Gang, daß er den Schoschonen stets eine gewisse Strecke voraus war, und sie respektierten den berühmten Krieger so hoch, daß keiner es wagte, sich ihm zu nähern. Selbst Tokvi-tey, obgleich selbst Häuptling, hielt sich in achtungsvoller Entfernung hinter ihm.

So schlängelte sich der Reiterzug still und lautlos zunächst durch den Wald, dessen dichtes Blätterdach von keinem direkten Sonnenstrahle durchdrungen wurde. Es herrschte hier jenes Halbdunkel, welches in hohen, Gott geweihten Domen die Seele zur Andacht stimmt.

Die gewaltigen Stämme ragten wie riesige Säulen empor. Kein niederes Buschwerk stand hindernd im Wege. Die Vogelstimmen, welche den Anbruch des Tages begrüßt hatten, waren verstummt, und nur zuweilen ging durch die Einsamkeit ein knackendes oder prasselndes Geräusch, durch welches aber die Stille des Waldes nur hervorgehoben wurde.

Dann plötzlich öffnete sich eine kurze, grasige Prairie. Der Wald brach in einer scharfen Linie ab und bereits nach kurzer Zeit wurde der Boden steinicht, so daß nur hier oder da ein armer Halm aus einer Ritze blickte.

Winnetou ließ sein Pferd langsamer gehen, wartete, bis Tokvi-tey ihn eingeholt hatte, deutete nach Westen, wo blaugraue Wolken sich zu erheben schienen, und sagte:

„Das sind die Berge des Feuerlochflusses, hinter ihnen öffnet sich das Maul der Hölle.“

Dem Schoschonen war es sehr lieb, daß der Apache das Schweigen gebrochen hatte. Auch er wußte natürlich, daß Schweigsamkeit eine der größten Zierden des Kriegers ist; aber selbst den mürrischesten Indsman kann einmal die Lust zu einem kleinen Speech anwandeln, und in dieser Lage befand sich Tokvi-tey.

Er hatte bereits früher viel über Old Shatterhand gehört; nun war er mit demselben auf eine so wundersame Weise bekannt geworden und hatte sich durch den Augenschein überzeugen können, daß das Gerücht die Eigenschaften und Thaten des berühmten Mannes keineswegs in übertreibender Weise geschildert habe. Er, der viel ältere Mann, widmete dem Deutschen eine Verehrung, wie er sie noch für keinen Menschen empfunden hatte. Zu dieser Verehrung gesellte sich eine Scheu, wie man sie nur für höhere Wesen hat, und doch, trotz der Schranke, welche diese Scheu zwischen ihm und Old Shatterhand errichtete, fühlte er sich mächtig zu dem gewaltigen Jäger hingezogen – er liebte ihn. Die milde, ruhige Freundlichkeit, die immer gleiche, rücksichtsvolle Güte des Mannes, welcher seine Feinde mit der Faust niederzuschlagen pflegte, hatte demselben wie alle Herzen so auch dasjenige des Häuptlings der Schoschonen gewonnen.

Schon längst hatte Tokvi-tey von Winnetou etwas Näheres über Old Shatterhand erfahren wollen. Der Apache war ja derjenige, welcher die beste Auskunft über ihn zu erteilen vermochte, aber grad die Unzertrennlichkeit dieser beiden Freunde machte es schwierig, einmal unter vier Augen mit dem einen über den andern zu sprechen.

Heute nun war Old Shatterhand abwesend, und diese Gelegenheit wollte Tokvi-tey benutzen, den Mund des Apachen zu öffnen. Darum freute er sich darüber, daß der letztere ihn jetzt an seine Seite kommen ließ. Er folgte mit seinem Blicke dem ausgestreckten Arme Winnetous und sagte:

„Tokvi-tey hat jene Gegend noch nie betreten, aber sein Ohr hat oft vernommen, was die alten, grauhaarigen Krieger der Schoschonen von ihr erzählen. Hat mein Bruder auch davon gehört?“

„Nein.“

„Tief unter diesen Bergen und Schluchten liegt ein Häuptling begraben, dessen Seele nicht in die ewigen Jagdgründe gelangen kann, obgleich er der tapferste Krieger war und viele Zelte mit den Skalps der von ihm erlegten Feinde geschmückt hatte. Sein Name ist K’un-p’a. Mein Bruder wird ihn gehört haben?“

„Nein. Ein berühmter Häuptling dieses Namens ist dem Apachen nicht bekannt. K’un-p’a heißt in der Sprache der Schoschonen das Feuerwasser, welches die Yankees Brandy oder Whisky nennen.“

„Ja, Feuerwasser bedeutet auch der Name jenes Häuptlings, denn er hat seine Seele und seinen ganzen Stamm an die Bleichgesichter verkauft, welche ihm Feuerwasser dafür gegeben haben. Er hatte das Beil des Krieges gegen sie ausgegraben, um sie von der Erde zu vertilgen. Seine Krieger waren zahlreicher als die ihrigen; sie aber hatten Feuerwaffen und – Feuerwasser. Ihr Häuptling bat um eine Unterredung mit ihm. Die beiden trafen sich an einer Stelle, welche sich zwischen den Kriegslagern befand. Während sie verhandelten, gab der Häuptling der Bleichgesichter dem roten Krieger Feuerwasser zu trinken. Es war noch nie ein Tropfen davon über seine Lippen gekommen. Er trank und trank, bis der böse Geist des Feuerwassers über ihn kam. Da verriet er, um mehr davon zu bekommen, seine Krieger. Sie wurden alle getötet, so daß nicht ein einziger entkam.“

„Und ihr Häuptling?“ fragte Winnetou.

„Er blieb allein übrig. Er war der Verräter, darum töteten ihn die weißen Männer nicht. Sie versprachen ihm noch mehr Feuerwasser, wenn er sie nach den Weidegründen seines Stammes führen wolle. Er that es. Die Wigwams seines Stammes standen da, wo jetzt die wasserspeienden Berge stehen. Das Thal des Feuerlochflusses war damals der glücklichste Weidegrund des Landes. Das Gras neigte seine Spitzen über dem Reiter zusammen, und auf den Büffelpfaden wandelten die Bisons in unzählbaren Scharen. Dorthin führte K’un-p’a die Bleichgesichter. Sie fielen über die roten Männer her und töteten sie nebst allen ihren Frauen und Kindern. Der Häuptling saß dabei und trank Feuerwasser, bis es ihm aus dem Munde brannte. Da brüllte er vor Schmerz laut auf und wandte sich in schrecklichen Qualen hin und her. Sein Geheul klang über die Prairien und Wälder hinweg bis hinauf zu den Spitzen des Gebirges jenseits des Gelbsteinsees. Dort wohnte der große Geist der roten Männer. Er kam herbei und sah, was geschehen war. Er ergrimmte in schrecklichem Zorne. Er schlug mit seinem Tomahawk eine Spalte in die Erde, viele Tagereisen tief, und stürzte K’un-p’a hinab. Dort unten liegt nun der Verräter seit vielen hundert Sonnen. Wenn er sich in seinen nie endenden Schmerzen von einer Seite auf die andere wirft und dabei seine brüllende Stimme erhebt, so zittert die ganze Gegend des Gelbsteinsees bis hinüber zum Schlangenflusse, und aus Spalten und Löchern dringt sein Jammergeheul. zur Erde empor. Das Feuerwasser strömt kochend aus seinem Munde; es füllt alle Klüfte und Ritzen der Tiefe; es dampft und braust zur Höhe; es wirbelt und sprudelt aus allen Schlünden; es qualmt und stinkt aus allen Höhlen, und wenn dann ein einsamer Krieger vorüber reitet, die Erde unter den Hufen seines Pferdes zittern und bersten sieht, die kochende Flut erblickt, welche auf zu den Wolken steigt, und das Gebrüll vernimmt, welches aus tausend Mäulern der Tiefe erschallt, so gibt er seinem Tiere die Fersen und entflieht, denn er weiß, unter ihm wütet K’un-p’a, der vom großen Geiste Verfluchte.“

Wenn der Schoschone erwartet hatte, daß Winnetou zu dieser Schilderung irgend eine Bemerkung machen werde, so hatte er sich geirrt. Der Apache blickte still vor sich hin. Um seinen Mund spielte ein kaum bemerkbares Lächeln. Darum fragte Tokvi-tey:

„Was sagt mein Bruder zu dieser Erzählung?“

„Daß noch niemals eine so bedeutende Schar der bleichen Krieger an den Fluß des Feuerloches gekommen ist.“

„Kann mein Bruder das behaupten?“

„Ja.“

„Aber das ist vor vielen hundert Sonnen geschehen; damals hat mein roter Bruder noch gar nicht gelebt.“

„Und Tokvi-tey, der Häuptling der Schoschonen, war auch noch nicht vorhanden. Wie also kann er wissen, was damals geschehen ist?“

„Er hat es gehört. Die Alten haben es ihm erzählt, und diese wissen es von den Urvätern ihrer Urväter.“

„Aber als diese Urväter lebten, gab es noch keine Bleichgesichter bei den roten Männern. Ich habe das von einem gehört, der es ganz genau weiß, von meinem weißen Bruder Old Shatterhand. Als ich mit ihm zum erstenmal am Flusse des Feuerloches war, hat er mir erklärt, wie die Löcher entstanden sind, aus denen die kalten und heißen Wasserstrahlen steigen. Er hat mir gesagt, wie die Berge und Thäler, die Cannons und Abgründe entstanden sind.“

„Weiß er es denn?“

„Sehr genau.“

„Aber er ist nicht dabei gewesen!“

„Dessen bedarf es nicht. Wenn ein Krieger die Spur eines Fußes sieht, so weiß er, daß hier ein Mann gegangen ist, und doch ist er nicht dabei gewesen. Solche Spuren hat der große Geist zurückgelassen und Old Shatterhand versteht es, diese Spuren zu lesen.“

„Ugh!“ rief der Schoschone verwundert.

„Höre ihn selbst sprechen! Dann wirst du dich noch viel mehr wundern. Ich habe in stillen Nächten an seiner Seite gesessen und seinen Worten gelauscht; es sind Worte des großen, guten, allmächtigen Geistes gewesen, Worte der Liebe und Milde, der Versöhnung und Erbarmung. Seit ich sie gehört habe, thue ich so wie Old Shatterhand – ich töte keinen Menschen, denn alle sind Kinder des großen Geistes, welcher seine Söhne und Töchter glücklich machen will.“

„So sind die weißen Männer auch seine Kinder?“

„Ja.“

„Uff! Warum verfolgen sie ihre roten Brüder? Warum rauben sie ihnen ihr Land? Warum jagen sie sie von Ort zu Ort? Warum sind sie voller List, Heimtücke und Betrug gegen sie?“

„Um dem Häuptlinge der Schoschonen diese Frage zu beantworten, müßte ich viele Stunden sprechen. Dazu gibt es keine Zeit. Ich will ihn nur fragen: Sind alle roten Männer gut?“

„Nein. Es gibt gute und böse unter ihnen.“

„Nun, so ist es auch mit den Bleichgesichtern; auch unter ihnen gibt es gute und böse. Old Shatterhand gehört zu demjenigen Stamme der Bleichgesichter, welcher noch niemals das Kriegsbeil gegen die roten Krieger geschwungen hat.“

„Wie heißt dieser Stamm?“

„Es ist der Stamm der Deu-scheh, welcher weit im Osten jenseits des großen Wassers wohnt.“

„Er ist dessen Häuptling?“

„Nein. Die Krieger der Deu-scheh haben mehrere Häuptlinge, welche Kön-ig genannt werden; der oberste Häuptling aber wird Kai-sa genannt. Er ist ein alter, kluger, tapferer Krieger, der in allen Kämpfen gesiegt und doch niemals einen Skalp genommen hat. Sein Haar ist weiß wie der Schnee der Berge; seine Jahre sind fast nicht zu zählen, aber seine Gestalt ist noch hoch und stolz, und sein Roß zittert vor Freude, wenn er in den Sattel steigt. Sein Arm ist stark und sein Befehl ohne Widerspruch; aber in seinem Herzen wohnt die Liebe, und in seiner Hand glänzt der Stab des Friedens. In seinem Wigwam verkehren die Häuptlinge aller Völker, und sein Rat wird geachtet vom Aufgang bis zum Niedergange der Sonne.“

„Und wie heißt dieser große Häuptling?“

„Wi-he-lem. Du wirst dieses Wort nicht verstehen, denn es gehört der Sprache der Deu-scheh und bedeutet so viel wie mächtiger Beschützer.“

„Warum aber ist Old Shatterhand nicht bei seinem Stamme geblieben?“

„Weil er gewünscht hat, die roten Männer kennen zu lernen. Dann wird er wieder nach dem Wigwam der Seinen zurückkehren.“

„Wird mein roter Bruder mir sagen, wo er ihn zum erstenmale gesehen hat?“

„Das war am Rio Gila, weit von hier gegen Mittag, wo die Pferde der Apachen weiden. Die Hunde der Komanchen waren aus ihren Löchern gekrochen, um die tapferen Krieger der Apachen anzubellen. Da hielten die Häuptlinge einen großen Rat, und am andern Morgen zogen zehnmal zehn mal sechs Apachen aus, um sich die Skalpe der Komanchen zu holen. Winnetou war noch jung. Er wurde ausersehen, die Fährte der Komanchen zu suchen, denn sein Auge war scharf und sein Ohr hörte den Lauf des Käfers im Grase. Er erhielt zehn Krieger, welche mit ihm ritten, und es gelang ihm, die Spur des Feindes zu finden. Auf dem Rückwege sah er einen Rauch aufsteigen und schlich hinzu, um zu sehen, welche Männer an dem Feuer zu finden seien. Es waren fünf Bleichgesichter. Die Apachen standen mit den Weißen in Feindschaft; darum beschloß Winnetou, sie zu überfallen und sich mit ihren Skalpen zu schmücken. Der Überfall gelang den roten Männern, aber zu ihrem eigenen Schaden. Die Bleichgesichter wurden überrumpelt, aber sie waren tapfer, sie wehrten sich. Einer von ihnen war hinter einen Baum gesprungen und schoß einen Roten nach dem andern nieder. So starben vier Bleichgesichter, aber auch die zehn Apachen, welche mit Winnetou waren. Endlich waren nur noch das tapfere Bleichgesicht und Winnetou übrig. Der Weiße warf sein Gewehr weg und stürzte sich auf den Roten. Er riß ihn zu Boden und entwand ihm die Waffen. Winnetou war verloren; er lag unter dem Weißen und konnte sich nicht bewegen, denn dieser letztere war stark wie ein grauer Bär. Der Apache riß sein Jagdhemd auf und bot dem Feinde die nackte Brust.

Dieser aber warf das Messer weg, stand auf und reichte Winnetou die Hand. Sein Blut war geflossen, denn Winnetou hatte ihn in den Hals gestochen, und dennoch schonte er das Leben des Apachen. Dieses Bleichgesicht war Old Shatterhand. Seit jener Zeit sind beide Männer Brüder gewesen, und sie werden Brüder bleiben, bis der Tod sie voneinander trennt.“

„Und seid ihr seit jener Zeit stets beisammen gewesen?“

„Nein. Old Shatterhand ist in sein Land gereist; aber so oft er wieder in die Prairie kam, hat er sofort seinen roten Bruder aufgesucht. Beide haben einander das Leben viele, viele Male gerettet, beide haben gegenseitig voneinander und miteinander gelernt, und jeder von ihnen würde sofort und gern sein Leben lassen, wenn der andere es von ihm forderte. Mehr denn zehnmal zehnmal haben beide viele, viele Feinde gegen sich gehabt; sie sind oft von einem ganzen Stamme verfolgt worden; sie sind eingeschlossen worden von überlegenen Scharen, aber wenn sie beisammen sind, fürchten sie keinen Feind und fürchten nicht eine große Zahl der Feinde. Noch keiner hat sie überwinden können. Und seit Winnetou seinen Bruder Old Shatterhand gefunden hat, ist ihm die Erkenntnis gekommen, daß der große Geist die Liebe ist, daß unser guter Manitou traurig sein Haupt verhüllt, wenn seine Söhne sich untereinander zerfleischen. Der Schöpfer der Erde hat seinen Sohn Je-su gesandt, um seinen roten und weißen Kindern wissen zu lassen, daß Friede sein soll in allen Ländern. Das Kriegsbeil soll vergraben sein und das Calumet der Versöhnung geraucht werden von Ort zu Ort, von Stamm zu Stamm. Der Häuptling der Schoschonen wird das nicht begreifen; er mag, wenn er es erfahren will, selbst mit Old Shatterhand sprechen. Winnetou hat keinen Mund zu dieser Rede; aber er reitet von Nord nach Süd, von Ost nach West, von Stamm zu Stamm, um durch sein Beispiel zu lehren und zu zeigen, daß die roten und weißen Kinder des großen Geistes in Liebe und Frieden bei einander wohnen können, wenn sie nur wollen. Wenn die roten Männer erst gelernt haben, untereinander einträchtig zu sein, dann wird ihnen die Achtung der Bleichgesichter zu teil, und sie werden stark genug sein, den Brudermord aus ihren Weidegründen zu verbannen. Tokvi-tey, der Häuptling der Schoschonen, mag über meine Worte nachdenken. Ich lasse ihn allein.“

Er spornte sein Pferd an, um den Vorsprung, welchen er bisher eingehalten hatte, wieder zu erlangen, und gab denselben auch während des ganzen weiteren Rittes nicht wieder auf.

Seine Voraussagung, daß die Pferde unterwegs keine Weide finden würden, erfüllte sich. Das Terrain blieb von jetzt an felsig und unfruchtbar. Es bildete, im ganzen genommen, eine Ebene; aber zahlreiche Senkungen und scharfe Einschnitte veranlaßten die Reiter zu zeitraubenden Umwegen. Die Sonne brannte heiß hernieder, und die Pferde mußten geschont werden, da es im Bereiche der Möglichkeit lag, daß man morgen gezwungen sein werde, alle ihre Kräfte in Anspruch zu nehmen. Darum wurde nur im Schritt geritten, und man kam den bereits erwähnten westwärts liegenden Höhen nur langsam näher.

So verging der Vor- und auch der größte Teil des Nachmittags, und die Sonne hatte bereits das letzte Viertel ihres Tagebogens erreicht, als man den östlichen Fuß der Feuerlochberge erreichte.

Der Felsen ging nach und nach in Grasland über, und als der Boden mehr zu steigen begann, gab es hier und da einen kleinen Wasserlauf, an dessen Ufern sich Büsche in einem kühlenden Luftzuge wiegten.

Winnetou hielt auf ein Thal zu, welches rechtwinkelig durch die Berge schnitt. Die Seiten desselben waren, je weiter man kam, desto dichter mit Bäumen bestanden, und nach kurzer Zeit wurde ein kleines Frischwasserbecken erreicht, an dessen Ufer Winnetou vom Pferde sprang. Er nahm dem Tiere Sattel und Zäumung ab und trieb es dann in die Flut, damit es sich nach dem anstrengenden Ritte erquicken möge. Die andern Reiter folgten seinem Beispiele.

Es wurde dabei kein Wort gesprochen. Niemand fragte ihn, ob er hier zu lagern denke. Er hatte sich nicht gesetzt, sondern er stand, auf seine Büchse gelehnt, am Wasser. Das war für die anderen genug, zu wissen, daß er bald wieder aufbrechen werde.

Nach kurzer Zeit kam sein Pferd freiwillig aus dem Wasser und auf ihn zu. Er sattelte es, stieg auf und ritt davon. Er hielt es gar nicht für notwendig, sich nur einmal umzuschauen, ob die Krieger ihm auch folgten; es verstand sich das ja ganz von selbst.

Das Thal wurde desto enger, je steiler es zur Höhe stieg. Es war durch einen Wasserlauf gebildet worden, dessen Ursprung oben auf der Höhe lag. Dort oben angekommen, befanden die Reiter sich im wilden Walde, welchen noch kein menschlicher Fuß betreten zu haben schien.

Der Apache aber kannte seinen Weg genau. Er ritt in größter Sicherheit, als ob er einen gebahnten Pfad vor sich sehe, unter den hohen Bäumen weiter, erst scharf bergan, dann eben fort und endlich jenseits des Kammes zwischen zerstreut umher liegenden, riesigen Felsenbrocken zu Thale nieder.

Da ertönte so plötzlich, daß die Pferde scheuten, vor ihnen ein fürchterlicher Krach, als ob eine gewaltige Dynamitexplosion stattgefunden habe; es folgten eine Reihe Schüsse, wie von starken Festungsgeschützen; dann rollte es wie ein fortlaufendes Pelotonfeuer, welches sich in ein Knattern, Prasseln, Sausen und Zischen auflöste, als ob davor den überraschten Reitern ein Riesenfeuerwerk abgebrannt werde.

„Uff!“ rief Tokvi-tey. „Was ist das?“

„Das ist K’un-tui-temba, das Maul der Hölle,“ antwortete Winnetou. „Mein Bruder hat die Stimme des Maules vernommen. Er wird es sogleich auch speien sehen.“

Nur wenige Schritte ritt er weiter; dann blieb er halten und wendete sich rückwärts zu den roten Kriegern:

„Meine Brüder mögen herbeikommen. Da unten hat sich das Höllenmaul geöffnet.“

Er zeigte hinunter in den Abgrund, welcher sich vor ihnen öffnete, und die Indianer eilten zu ihm.

Sie hielten, wie sie nun sahen, vor einer senkrecht mehrere hundert Fuß abfallenden Felsenwand, und unten lag das Thal des Feuerlochflusses. Gerade vor ihnen, am jenseitigen Ufer, stieg aus dem Erdboden eine wohl zwanzig Fuß im Durchmesser haltende Wassersäule ungefähr fünfzig Fuß senkrecht empor, und in dieser Höhe bildete sie einen beinahe kugelförmigen Knauf, aus welchem zahlreiche armstarke und noch stärkere Wasserstrahlen einzeln weit über hundert Fuß gen Himmel schossen. Das Wasser war heiß, denn eine Hülle von halb durchsichtigem Brodem umgab die gigantische Fontäne, welche oben regenschirmartig auseinander ging.

Gerade hinter diesem Wanderwerke der Natur trat die Uferwand zurück und bildete einen tief ausgeschnittenen Felsenkessel, auf dessen hinterem Rande scheinbar die untergehende Sonne lag. Ihre Strahlen fielen auf die Wassersäule, welche dadurch als eine geradezu unbeschreibliche Kalospinthechromokrene in den herrlichsten Farben leuchtete und brillierte. Wäre der Standpunkt der Beschauer ein anderer gewesen, so hätten sie tausend in den Fluten und um dieselben umher zuckende Regenbogen sehen können.

„Uff, uff!“ ertönte es aus fast einem jeden Munde, und der Häuptling der Schoschonen wendete sich fragend an Winnetou:

„Warum nennt mein Bruder diesen Ort K’un-tui-tempa, das Maul der Hölle? Sollte derselbe nicht lieber T’ab-tuitempa genannt werden, der Mund des Himmels?“

„Nein, das wäre sehr falsch.“

„Warum? Tokvi-tey hat noch niemals etwas so Herrliches gesehen.“

„Mein Bruder darf sich nicht täuschen lassen. Alles Böse scheint zuerst schön zu sein; ein kluger Mann aber urteilt erst, nachdem er das Ende abgewartet hat.“

Die Augen der entzückten Indianer hingen noch staunend an dem prächtigen Bilde, da that es plötzlich einen ähnlichen Donnerschlag wie vorhin, und augenblicklich änderte sich die Scene. Die Wassersäule fiel in sich selbst zusammen; einige Augenblicke wurde das Erdloch frei, aus welchem sie sich erhoben hatte; man hörte einen dumpfen, rollenden Ton, und dann stieß das Loch in einzelnen Rucken braungelbe Dampfringe aus. Diese Rucke folgten sich schneller und schneller, bis sie sich zu einem schrillen Zischen vereinigten; die einzelnen Ringe verbanden sich zu einer häßlichen Rauchsäule, und dann wurde eine dunkle, schlammartige Masse ausgeschleudert, welche beinahe gerade so hoch stieg wie vorher die Fontäne und einen entsetzlichen Gestank verbreitete. Einzelne feste Körper flogen weit über die flüssigen Massen hinaus, und wenn das geschah, so ertönte ein dumpf brüllendes Knurren, wie man es in Menagerien von hungrigen Raubtieren hört, kurz ehe sie gefüttert werden. Diese Ausbrüche erfolgten stoßweise, einer nach dem anderen, und in den Zwischenpausen erklang aus dem Loche ein Wimmern und Stöhnen, als ob da unten in der Tiefe die Seelen der Verdammten ihren Aufenthalt hätten.

„Kats-angwa, schrecklich!“ rief Tokvi-tey, indem er sich die Nase zuhielt. „An diesem Geruche könnte der tapferste Krieger sterben.“

„Nun,“ fragte Winnetou lächelnd, „will mein Bruder auch jetzt noch dieses Loch den Mund des Himmels nennen?“

„Nein, Möchten alle Feinde der Schoschonen dort unten begraben sein! Wollen wir nicht lieber weiter reiten?“

„Ja, aber wir werden gerade da unten am Maule der Hölle unser Lager aufschlagen.“

„Uff! Ist das nötig?“

„Ja. Old Shatterhand hat es uns geboten, und so müssen wir es thun. Die Hölle hat für heute zum letztenmale gespieen; sie wird die Nasen der Schoschonen nicht wieder belästigen.“

„So wollen wir dir folgen; sonst aber wären wir ihr lieber fern geblieben.“

jetzt führte der Apache seine Begleiter ein Stück längs der Felsenkante hin bis dahin, wo das Ufer aus weicherem Gestein und erdigem Boden bestanden hatte. Hier waren die verborgenen Kräfte bis herauf zur Höhe thätig gewesen. Ein vor Jahrhunderten hier vorhandener Krater hatte die ganze Uferwand verschlungen; das weiche Erdreich war nachgerutscht und bildete eine Halde, welche ziemlich dicht mit halbverfaulten Baumstämmen und einzelnen Felsbrocken besäet war.

Dieser Bergrutsch war steil und sah keineswegs so ungefährlich aus. Es gab da zahlreiche schwefelgelb geränderte Löcher, aus denen Wasserdämpfe emporstiegen, ein sicheres Zeichen, daß das Terrain ein unterhöhltes sei.

„Hier will mein Bruder hinab?“ fragte Tokvi-tey den Apachen.

„Ja. Es gibt keinen anderen Weg als diesen.“

„Werden wir nicht einbrechen?“

„Wenn wir unvorsichtig wären, könnte das sehr leicht geschehen. Winnetou hat, als er mit Old Shatterhand hier war, diesen Ort genau untersucht. Es gibt Stellen, an denen die Rinde der Erde nicht dicker ist, als die Breite deiner Hand. Aber Winnetou wird voranreiten. Sein Pferd ist klug und wird nicht dahin treten, wo es eine Gefahr gibt. Meine Brüder können mir getrost folgen.“

„Aber hat nicht Old Shatterhand geboten, daß wir an diesem Ufer Kundschafter aussenden sollen, die ihm Nachricht von uns zu geben haben? Wollen wir das nicht thun, bevor wir über den Fluß setzen?“

„Wir werden es gar nicht thun. Die Ogallala werden eher hier ankommen als Old Shatterhand. Schauen wir nach ihnen aus, so haben wir genug gethan.“

Er trieb sein Pferd über den Rand des Bergsturzes und ließ es da, ohne daß er abstieg, langsam zur Tiefe klettern. Die Indianer folgten ihm zaudernd; aber als sie sahen, wie vorsichtig sein Pferd, bevor es einen Schritt that, vorher mit dem Hufe den Boden untersuchte, vertrauten sie sich seiner Führung an.

„Meine Brüder mögen weit auseinander reiten,“ gebot er, „damit die Erde immer nur die Last eines einzigen Reiters zu tragen habe. Wenn das Pferd einzubrechen droht, muß der Mann es augenblicklich mit dem Zügel emporreißen und nach rückwärts werfen.“

Glücklicherweise kam kein einziger in diese Gefahr. Zwar wurden mehrere sehr hohl klingende Stellen passiert, aber der Zug gelangte glücklich unten am Flusse an.

Das Wasser hatte hier eine mehr als gewöhnliche Wärme; die Oberfläche war blaugrün schillernd und ölig, während eine Strecke weiter aufwärts die Wellen rein und durchsichtig an das Ufer schlugen. Dort wurden die Pferde in den Fluß getrieben, welchen sie mühelos überschwammen. Dann lenkte Winnetou wieder abwärts gerade auf das „Maul der Hölle“ zu.

Die Eruption dieses letzteren war vorüber. Als die Reiter dort ankamen und sich vorsichtig dem Rande des Loches näherten, konnten sie in eine gegen hundert Fuß betragende, dunkle Tiefe blicken, in welcher es vollständig still und ruhig war. Nichts als die umhergeschleuderten Schlammassen verriet, daß vor wenigen Minuten die Hölle hier thätig gewesen sei.

Jetzt zeigte Winnetou nach dem bereits erwähnten, hinter dem „Maule der Hölle“ liegenden Felsenkessel und sagte:

„Dort liegt das Grab der Häuptlinge, an welchem Old Shatterhand die drei berühmtesten Krieger der Sioux Ogallalla besiegte. Meine Brüder mögen mir dorthin folgen!“

Die Sohle dieses Kessels bildete beinahe eine Kreisfläche von dem ungefähren Durchmesser einer halben englischen Meile. Die Wände besaßen eine solche Steilheit, daß an ihnen unmöglich emporzukommen war. Viele Löcher, mit heißem Schlamm oder dampfendem Wasser gefüllt, machten das Passieren höchst unsicher, und kein Hälmchen Gras, kein noch so kleines, dürftiges Pflänzchen war zu sehen.

Gerade auf dem Mittelpunkt dieses Thales war ein künstlicher Hügel errichtet. Er bestand, wie man leicht sehen konnte, aus Steinen, losgebrochenen Schwefelstücken und Schlamm, welch letzterer jetzt eine harte, spröde Masse bildete. Seine Höhe betrug vielleicht fünfzehn Fuß, seine Breite zehn und seine Länge zwanzig Fuß. In der Spitze steckten mehrere Bogen und Lanzen. Sie waren mit allerlei Kriegs- und Todeszeichen geschmückt gewesen, die aber nun in Fetzen hingen.

„Hier,“ sagte Winnetou, „sind begraben der tapfere Büffel und böses Feuer, welcher der stärkste Krieger der OgalIalla war. Dennoch hat Old Shatterhand beide mit einem Schlage seiner Faust getötet. Sie sitzen auf ihren Pferden, die Gewehre auf dem Knie, den Schild in der Linken und den Tomahawk in der Rechten. Der Name des dritten Kriegers wurde nicht genannt, weil er seine Medizin nicht mehr besaß. Und da oben hielt Shatterhand auf seinem Pferde, bevor er zum Todeskampfe herunterkam, und schoß einen Ogallalla nach dem anderen wund. Er wollte sie nicht töten, und sie konnten ihn mit ihren Kugeln nicht erreichen, denn der große Geist der Bleichgesichter schützte ihn.“

Bei diesen Worten zeigte er rechts nach der Felsenwand, aus welcher in der Höhe von vielleicht vierzig Fuß ein Vorsprung ragte, auf welchem mehrere mannshohe Felsenstücke lagen. Von ihm zog sich eine Reihe ähnlicher aber viel kleinerer Vorsprünge abwärts bis auf den Boden herab, mit deren Benutzung man mühsam hinaufsteigen konnte. Aber wie Old Shatterhand zu Pferde hatte hinaufkommen können, das konnte nur einem so kühnen Reiter, wie er war, erklärlich sein.

Die Schoschonen stießen Rufe des Erstaunens aus. Hätte ein anderer als Winnetou es gesagt, und wäre es nicht gerade von Old Shatterhand erzählt worden, so hätten sie den Sprecher als einen Lügner verachtet.

Ihr Häuptling schritt langsam um das Grab, maß die Dimensionen desselben und fragte sodann Winnetou:

„Wann denkt mein Bruder, daß die Sioux Ogallalla am Feuerlochflusse ankommen werden?“

„Vielleicht heut abend schon.“

„So sollen sie das Grabmal ihrer Häuptlinge zerstört finden. Der Staub derselben soll in alle Winde zerstreut und ihre Knochen sollen in das Maul der Hölle geworfen werden, damit ihre Seelen unten in der Tiefe jammern müssen mit K’un-p’a, dem vom großen Geiste Verfluchten! Nehmt eure Tomahawks und reißt den Hügel ein! Tokvi-tey, der Häuptling der Schoschonen, wird der erste dabei sein.“

Er stieg vom Pferde und ergriff seinen Tomahawk, um das Werk der Zerstörung zu beginnen.

„Halt!“ gebot da Winnetou. „Hast du die drei Toten, welche du schänden willst, erlegt?“

„Nein,“ antwortete der Gefragte verwundert.

„So laß die Hand von ihrem Grabe! Sie gehören Old Shatterhand. Er hat ihnen ihre Skalpe gelassen und sie sogar mit begraben helfen. Ein tapferer Krieger kämpft nicht mit den Knochen der Toten. Die roten Männer finden ein Wohlgefallen daran, die Gräber ihrer Feinde zu schänden; der große Geist aber will, daß die Toten ruhen sollen, und Winnetou wird ihre Gräber beschützen!“

„Du willst mir verbieten, die Hunde der Ogallalla in das Maul der Hölle zu werfen?“

„Ich verbiete dir nichts, denn du bist mein Freund und Bruder. Willst du aber Hand an dieses Grab legen, so mußt du vorher mit mir kämpfen. Tötest du mich, dann magst du thun, was dir beliebt; dann aber wird auch Old Shatterhand kommen und Rechenschaft von dir fordern. So weit aber kommt es nicht, denn Winnetou, der Häuptling der Apachen, kennt keinen, der ihn besiegen könnte. Meine Brüder haben das Grab der Häuptlinge gesehen, und werden mir nun zurück zum Lagerplatze folgen!“

Er -wendete sein Pferd und ritt davon, wieder nach dem „Maule der Hölle“ zurück. Auch dieses Mal sah er sich nicht um, ob sie ihm folgen würden oder nicht.

So hatte noch kein „Freund“ mit Tokvi-tey gesprochen. Der Schoschone war erzürnt; aber er wagte es doch nicht, dem Apachen zu widerstehen. Er brummte ein mürrisches „Ugh!“ vor sich hin und folgte ihm. Die Seinen ritten schweigend hinter ihm her. Das entschiedene Auftreten Winnetous hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht.

Der Abend begann hereinzubrechen, als der Apache nicht weit vom „Maule der Hölle“ hielt und vom Pferde stieg. Dort lief trotz der Nähe dieses Ortes ein kalter Quell aus dem Felsen, quer über das Thal und dann in den Fluß. Die Stelle hatte gar nichts, was sie besonders zur Lagerstätte geeignet hätte; aber Winnetou mußte wissen, warum er gerade hier und nirgends anders die Nacht zubringen wollte. Er pflockte sein Pferd an, rollte seine Santillodecke als Kopfkissen zusammen und streckte sich nahe am Felsen zur Ruhe aus. Die Schoschonen folgten seinem Beispiele.

Sie saßen leise plaudernd bei einander. Ihr Häuptling hatte sich, seinen Groll gegen Winnetou vergessend, neben diesem niedergelegt. Es wurde vollständig finster; mehrere Stunden vergingen, und es schien, daß der Apache schlafe. Da aber stand er plötzlich auf, ergriff sein Gewehr und sagte zu Tokvi-tey:

„Meine Brüder mögen ruhig liegen bleiben. Winnetou wird auf Kundschaft gehen.“

Er verschwand im Dunkel der Nacht. Die Zurückbleibenden wollten nicht schlafen, bevor sie das Ergebnis seines waghalsigen Ganges vernommen hatten; aber sie mußten lange warten, denn Mitternacht war nahe, als er zurückkehrte. Er meldete allen vernehmlich und in seiner einfachen Weise:

„Hong-peh-te-keh, der schwere Mokassin, lagert mit seinen Leuten am Teufelswasser. Er hat den Bärentöter mit dessen fünf Gefährten bei sich und auch unsere Brüder gefangen, welche uns heut in der Nacht verlassen haben. Old Shatterhand wird in der Nähe sein. Meine Brüder mögen schlafen. Winnetou wird mit Tokvi-tey sich, wenn der Morgen anbricht, noch einmal nach dem Wasser des Teufels schleichen. Howgh!“

Er legte sich nieder. Seine Nachricht war eine aufregende, doch ließ keiner sich das merken. Die Schoschonen nahmen an, daß der nächste Morgen die blutige Entscheidung bringen werde. Wer von ihnen würde am Abend noch leben? Sie fragten sich das nicht. Sie waren tapfere Krieger und – schliefen ruhig ein. Natürlich aber waren Wachen ausgestellt worden.

Noch graute der Morgen kaum, so weckte Winnetou den Häuptling der Schoschonen und schritt mit ihm am Flusse hinab. Sie waren gewohnheitsmäßig so vorsichtig, jede mögliche Deckung zu benutzen, doch wußte Winnetou, daß dies nicht eigentlich nötig sei. Die Sioux verließen jedenfalls ihren Lagerort nicht eher, als bis der Tag vollständig angebrochen war.

Vom „Maule der Hölle“ bis zum „Wasser des Teufels“ war es vielleicht eine englische Meile. Als die beiden so nahe an den letzteren Ort gelangt waren, daß nun die größte Vorsicht geboten war, hatte der Morgen sich bereits so gelichtet, daß man alles genau und deutlich erblicken konnte.

Der Fluß machte unweit des Lagers der Feinde eine Krümmung. Dort hinter der Felsenecke stehend, konnten die beiden Häuptlinge die Sioux beobachten. Diese letzteren holten eben ihre Pferde herbei, welche, wie früher erwähnt, unterhalb des Lagers getränkt worden waren, und nahmen dann ihr Mahl ein.

Winnetou richtete seinen Blick nach der Höhe des rechten Flußufers, von woher Old Shatterhand kommen mußte, wenn er sich nicht vielleicht schon diesseits befand.

„Uff !“ sagte er leise. „Old Shatterhand ist da.“

„Wo?“ fragte Tokvi-tey.

„Da droben auf dem Berge.“

„Da kann man ihn ja doch nicht sehen. Dort steht ja dichter Wald.“

„Ja, aber sieht mein Bruder denn nicht die Krähen, welche über den Bäumen schweben? Sie sind aufgestört worden. Und von wem? Nur allein von Old Shatterhand. Er wird im Walde abwärts reiten und unterhalb der Sioux, wo sie ihn nicht sehen können, über den Fluß gehen. Dann greift er sie an und treibt sie am Wasser aufwärts. Zu derselben Zeit müssen wir am „Maule der Hölle“ stehen, damit sie nicht weiter können und in das Thal des Häuptlingsgrabes getrieben werden. Mein Bruder mag schnell kommen, denn wir haben nicht viel Zeit übrig.“

Die beiden kehrten eilig zurück. Winnetou hatte im allgemeinen ganz richtig vermutet, wenn er auch das Einzelne nicht wissen konnte.

Als sie bei den Ihrigen angekommen waren, erhielten diese von dem Apachen die nötigen Weisungen und machten sich kampfbereit. Der Feind sollte zwischen zwei Feuer genommen werden.

jetzt ertönte von unten herauf ein fürchterliches Krachen.

„Das Teufelswasser erhebt seine Stimme,“ erklärte Winnetou. „Nun wird auch bald der Mund der Hölle speien. Reitet ein Stück zurück, daß es euch nicht trifft!“

Er wußte von früher, daß die beiden Krater in Verbindung miteinander standen, und wich eine genügende Strecke zurück. Er hörte bald, daß die Eruption des Teufelswassers aufgehört hatte, und infolgedessen vernahm er das Kriegsgeschrei der dreißig Schoschonen und Upsarocas, welche sich in diesem Augenblicke auf die Sioux warfen.

Was er vorausgesagt hatte, trat jetzt ein, das „Höllenmaul“ begann zu speien, gerade wie gestern gegen Abend, als er angekommen war. Unter Donnern und Zischen stieg die Wassersäule empor, und ihre oben auseinander gehenden Strahlen flossen in weitem Umkreise nieder. Dadurch entstand für Winnetou und die Seinen eine prächtige Deckung, denn die herbeistürmenden Sioux konnten nun die hinter der Riesenfontäne haltenden Schoschonen nicht sehen. Winnetou trieb sein Pferd möglichst weit zur Seite, um stromabwärts blicken zu können. Er sah die Feinde kommen, flüchtig, einer ohne Ordnung hinter oder neben dem andern, von einem geradezu panischen Entsetzen gejagt.

„Sie kommen!“ rief er. „Wenn ich das Zeichen gebe, brechen wir hinter dem speienden Maule hervor und lassen sie nicht zwischen demselben und dem Flusse aufwärts. Sie müssen links hinein in das Thal des Grabes. Aber schießt nicht. Der Schreck allein treibt sie hinein!“

jetzt waren die vordersten Sioux ganz in der Nähe. Sie wollten wirklich flußaufwärts weiter. Da aber brach Winnetou hinter der Fontäne hervor. Sein, „Jiiiiiüi!“ gellte schrill durch die Morgenluft, und die Schoschonen stimmten ein. Die Sioux sahen sich den Weg verlegt und warfen ihre Pferde eine Viertelwendung herum. Sie suchten ihre Rettung in dem Felsenkessel.

Hinter diesen ersten, vordersten Feinden zeigte sich eine dicht zusammengedrängte Gruppe von mehreren Reitern, über welche der Apache nicht sofort klug werden konnte. Es war ein aus Sioux und Weißen bestehender, in fliegendem Galopp daherfegender Knäuel. Den Kein desselben bildete der Häuptling der Ogallalla, Baumann, der Bärentöter und Hobble-Frank, der gelehrte Sachse.

Die auf die Pferde gefesselten Gefangenen hatten sich, wie bereits erwähnt, ihren Befreiern entgegengewendet. Da ertönte ein mehrstimmiger Schrei. Martin Baumann, Wohkadeh und der Neger Bob, welcher die beiden ersteren losgeschnitten hatte, hatten ihn ausgestoßen, als sie sahen, daß der Häuptling der Sioux Baumann mit sich fortriß. Frank hörte den Schrei und sah sich um. Sein Blick fiel auf den Sioux, und er erkannte, in welcher Gefahr sich sein lieber Herr befand. Er warf, trotz seiner Fesseln, nur mit Hilfe des Schenkeldruckes augenblicklich sein Pferd herum und hielt es vor dem Neger an.

„Schneide mich los, Bob! Schnell, schnell!“ rief er.

Bob gehorchte diesem Befehle. Frank warf sich vom Pferde, riß einem der beiden von Old Shatterhand erschossenen Sioux den Tomahawk aus dem Gürtel, schwang sich blitzschnell wieder in den Sattel und jagte davon, dem feindlichen Häuptlinge nach.

Bob hatte kein Pferd. Martin und Wohkadeh hätten keine Hilfe bringen können, da ihre Glieder zu sehr von den Fesseln verletzt waren. Sie konnten nur schreien. Dadurch machten sie Jemmy aufmerksam. Er blickte hinter sich und rief entsetzt seinem langen Freunde zu:

„Davy, zurück! Der Sioux entführt uns Baumann!“

Da stand Bob auch schon vor ihnen und zerschnitt ihre Fesseln. Jemmy entriß ihm das Messer und galoppierte dem Sachsen nach, Davy ohne Waffen hinter ihm her.

Jetzt brausten die Schoschonen und Upsaroca heran und vorüber, den Freunden und Feinden nach, und zu gleicher Zeit gelangte Old Shatterhand, Bobs zurückgelassenes Pferd neben sich am Zügel führend, an das diesseitige Ufer. Niemand hatte in der Verwirrung auf ihn geachtet, ihm aber war nichts entgangen.

„Hier dein Pferd und Gewehr, braver Bob,“ rief er, ihm Zügel und Büchse zuwerfend. „Befreie die noch Gefesselten; dann kommt ihr uns gemächlich nach.“

Sein vorhin abgeschossenes Gewehr während des Reitens ladend, stürmte er weiter. Er hatte bisher dazu keine Zeit gehabt, denn sofort nach den beiden Schüssen, als er überzeugt war, daß seine Kugeln getroffen hatten, war es sein Bestreben gewesen, schleunigst an das linke Ufer des Flusses zu kommen.

Nun bot die zwischen dem „Maule der Hölle“ und dem „Wasser des Teufels“ liegende Strecke dieses Ufers ein mehr als kriegerisches Bild. Sioux Ogallalla, Upsarocas, Schoschonen und Weiße schrieen aus Leibeskräften. Von den Fliehenden nahm keiner auf den andern Bedacht; jeder wollte nur sich selbst retten. Die Freunde jagten an den Feinden vorüber, ohne diese zu belästigen, denn der einzige Gedanke der ersteren war, Baumann zu befreien.

Old Shatterhand stand hoch in den Bügeln, den Stutzen übergeworfen und die Doppelbüchse in der Hand. Er war der hinterste; aber sein Pferd berührte mit dem Leibe fast die Erde, und so erreichte er die Upsarocas und fünfzehn Schoschonen.

„Langsamer!“ rief er ihnen zu, indem er an ihnen vorüberflog. „Habt nur acht, die Sioux zu treiben. Da oben hält Winnetou und läßt sie nicht vorüber. Es darf keiner entkommen. Aber tötet sie nicht!“

So ging es weiter, an Freunden und Feinden vorüber. Die Hufe seines Pferdes „verschlangen“ den Weg. Es galt, den bereits erwähnten Knäuel zu erreichen, bevor da ein Unglück geschah.

Das Pferd des kleinen Sachsen war kein edler Renner; aber Frank brüllte so entsetzlich und bearbeitete es mit dem Stiele seines Tomahawk in der Weise, daß es dahinraste, als ob es Flügel habe. Lange konnte es das freilich nicht aushalten; das war vorauszusehen.

Es gelang ihm, den Häuptling der Sioux-0gallalla einzuholen. Er trieb sein Pferd an die Seite desselben, holte mit dem Tomahawk zum Schlage aus und rief:

„Schonka, ta ha na, deh peh – Hund, komm her! Mit dir ist’s aus!“

„Tschi-ga schi tscha lehg-tscha!“ antwortete der Häuptling hohnlachend – „armseliger Zwerg! Schlag einmal zu!“

Er wendete sich zu Frank herüber und parierte dessen Hieb mit der bloßen Faust in der Weise, daß er mit derselben von unten herauf gegen die Faust des Sachsen schlug, Wodurch die Waffe aus Franks Hand geprellt wurde. Dann riß er das Messer aus dem Gürtel, um den einstigen „Forschtbeamten“ vom Pferde zu stechen.

„Frank, nehmen Sie sich in acht!“ rief Jemmy, welcher hinter ihnen sein Pferd antrieb, um heranzukommen.

„Haben Sie nur keene Angst!“ schrie der Kleine zurück. „Mich murkst so leicht kee Roter ab.“

Er hielt sein Pferd um einen Schritt zurück, so daß er nicht getroffen wurde, und schnellte sich dann mit einem kühnen Schwunge aus dem Sattel und hinüber auf das Pferd des Ogallalla, den er sofort umschlang, um ihm die Arme an den Leib zu drücken.

Der Häuptling brüllte laut auf vor Wut. Er suchte seine Arme zu befreien, aber es gelang ihm nicht, denn Frank hielt aus Leibeskräften fest.

„So ist’s recht!“ rief Jemmy. „Laß nicht los! Ich komme schon.“

„Da schputen Sie sich een bißchen! So eenen Kerl zu zerquetschen, das is keene Kleenigkeet!“

Das war natürlich alles blitzschnell geschehen, viel schneller, als man es zu erzählen vermag. Der Ogallalla hielt in der Rechten sein Messer und in der Linken den Zügel von Baumanns Pferd. Er bäumte sich im Sattel empor; er wand sich nach rechts und links – vergeblich! Er vermochte nicht, sich aus Franks Umschlingung zu befreien.

Baumann war gefesselt; er konnte nichts zu seiner Befreiung thun; aber er ermunterte Frank, fest zu halten. Dieser antwortete, obgleich er vor Anstrengung keuchte:

„Schon gut! Ich umschlängle ihn wie eene Boabab conschtrictor und laß nich eher locker, als bis die Lunge platzt.“

Der Ogallalla hatte jetzt sein Pferd nicht mehr in der Gewalt; es lief langsamer. Dadurch gelang es Jemmy, es einzuholen. Auch Davy gelangte nahe heran. Der Dicke trieb sein Pferd neben dasjenige Baumanns und durchschnitt mit Bobs Messer die Fesseln des letzteren.

„Hallo, gewonnen!“ rief er ihm zu. „Reißen Sie dem Roten die Zügel aus der Hand!“

Baumann versuchte es, hatte aber nicht die Kraft dazu. Jemmy wollte ihm das Messer geben, konnte aber nicht, denn einige vor ihnen herfliehende Sioux hatten bemerkt, in welcher Lage sich ihr Häuptling befand. Zwei von ihnen fielen den Dicken wütend an, und der dritte machte Miene, sich auf Frank zu werfen, welcher seine Arme nicht zur Verteidigung frei hatte. Da gab Davy seinem Pferde einen Fausthieb zwischen die Ohren, daß es in einigen Lançaden vorwärts schoß und er sich nun neben diesem Indianer befand. Er packte denselben am Kragen des Jagdwamses, riß ihn aus dem Sattel und schleuderte ihn auf die Erde.

„Hurra! Halleluja!“ rief der Hobble-Frank. „Das war Rettung im letzten Teele des Oogenblickes! Aberscht nun nehmen Sie rasch ooch da den Häuptling bei der Parabel, denn ich kann es nich alleene mehr dermachen!“

„Gleich!“ antwortete der Lange.

Er streckte beide Arme nach dem Roten aus, um auch ihn aus dem Sattel zu ziehen; da aber that es vor ihnen einen so fürchterlichen Knall, daß die Pferde erschrocken zurück- und aneinanderprallten. Davy hatte Mühe, sich im Sattel zu erhalten. Jemmy, welcher alle Kräfte aufbieten mußte, die beiden Roten von sich abzuwehren, wurde vom Pferde geschleudert, und Baumann, dem Bärentöter, erging es ebenso.

Die wirre Reitergruppe war jetzt vor dem Maule der Hölle angelangt; die Wasserfontaine hatte sich gesenkt und die Schlammsäule war unter der Detonation, vor welcher die Pferde scheuten, emporgestiegen. Teile der heißen, schmutzigen Masse wurden weit umhergeschleudert.

Das Pferd des Häuptlings war vor Schreck in die Häksen gesunken, raffte sich aber wieder auf und jagte, sich nach links wendend, auf den Fluß zu, gerade als Old Shatterhand die sich am Boden wälzende Gruppe erreichte.

Dieser letztere hatte zwar die Absicht, dem braven Frank zu helfen, mußte aber davon abstehen, da er sah, daß die beiden Wilden sich von ihren Pferden herab- und auf Jemmy geworfen hatten, um ihn zu töten. Der lange Davy hatte zu viel mit seinem scheu gewordenen Pferde zu thun, als daß er seinem dicken Freunde hätte beistehen können, und so sah Old Shatterhand sich gezwungen, denselben aus der Todesgefahr zu befreien. Er hielt sein Tier an, sprang ab und betäubte die beiden Ogallalla mit zwei Schlägen seines Gewehrkolbens.

Winnetou hielt mit seinen Schoschonen noch immer die zwischen dem „Maule der Hölle“ und dem Flusse liegende Strecke besetzt. Er hatte die Aufgabe, die Sioux Ogallalla hier nicht vorüber zu lassen, sondern sie in den Thalkessel des Häuptlingsgrabes zu treiben. Das war ihm gelungen. Die flüchtigen Roten hatten, als sie seine Schar erblickten, sich nach dem Thale gewendet. Der Verlauf des Erzählten war ein so ungemein schneller gewesen, daß der Apache gar nicht Zeit gefunden hatte, selbsthandelnd mit einzugreifen. Und jetzt nun wurde er durch die umhergeschleuderten Schlammmassen absolut verhindert, vorzudringen. Es gab nur einen einzigen, dessen er sich anzunehmen vermochte, den Hobble-Frank. Er sah, daß derselbe, noch immer fest hinter dem Häuptlinge sitzend und diesen mit beiden Armen umklammernd, von dem erschreckten Pferde dem Flusse entgegengetragen wurde, und zwar so rasenden Laufes, daß es für einen rettenden Helfer wohl kaum möglich war, vor der Katastrophe am Ufer anzukommen. Dennoch trieb der Apache sein Tier in dieser Richtung vorwärts, und mehrere Schoschonen folgten ihm.

Der Häuptling der Sioux erkannte, daß die Gefahr, in welche er durch die Umschlingung des kleinen Sachsen gebracht worden war, jetzt ihren höchsten Grad erreicht hatte. Wut und Angst verdoppelten seine Kräfte. Er zog seine Arme unter denen Franks hoch empor, ein gewaltiger Ellenbogenstoß nach beiden Seiten, und der Sachse mußte ihn freigeben.

„Stirb!“ brüllte der Rote und holte mit dem Messer aus, um, von vom nach hinten stoßend, dem wackern Kleinen die Klinge in den Leib zu bohren.

Dieser aber bog sich schnell so weit zur Seite, daß der Stoß fehlging. Frank hatte keine Waffe mehr. Er dachte an den Fausthieb Old Shatterhands. Mit der linken Hand den Feind an der Kehle packend, holte er mit der geballten Rechten aus und traf mit ihr die Schläfe des Ogallalla mit solcher Gewalt, daß er selbst das Gefühl hatte, als ob seine eigene Faust zerschmettert sei. Der Getroffene sank mit dem Körper nach vorn.

Aber da war auch schon der Fluß erreicht. Das Pferd schoß in einem hohen, weiten Bogen vom Ufer ab in die Flut hinein, und beide Reiter wurden über den Kopf des Tieres hinausgeschleudert.

Das Pferd fühlte sich frei. Es that einige Ruderschläge, wendete sich dann langsam um und kehrte an das Ufer zurück.

jetzt kam Winnetou dort an. Er sprang ab und legte seine Büchse an, um schußfertig zu sein, falls zwischen den beiden Abgeschleuderten ein Kampf im Wasser beginnen sollte. In diesem Falle wollte er den Ogallalla durch eine Kugel unschädlich machen.

Zunächst war von beiden nichts zu sehen. Nur Franks Amazonenhut trieb in der Nähe des Ufers. Ein Schoschone holte ihn mit Hilfe der Lanze heraus. Dann kam ein Stück weiter unten, aber ziemlich entfernt vom Ufer, der mit Federn geschmückte Schopf des Indianers zum Vorscheine. Dann tauchte in einiger Entfernung davon Frank auf. Er sah sich um, erblickte den Kopf des Wilden und schwamm in schnellen Stößen auf denselben zu. Der Rote war nicht leblos, sondern wohl nur halb betäubt. Er wollte fliehen; aber der kleine Sachse stieß wie ein raubgieriger Hecht schnell auf ihn zu, schnellte sich ihm auf den Rücken, ergriff ihn mit der Linken bei den Haaren und begann, ihm mit der rechten Faust die Seite der Stirn zu hämmern. Der Ogallalla verschwand und Frank mit ihm. Ein Strudel bildete sich über ihnen; Blasen stiegen auf, ein Arm des Sioux ließ sich sehen, um sofort wieder zu verschwinden; dann wurden die beiden Beine des „Forschtbeamten“ und die Schöße seines Frackes für einen Augenblick sichtbar – es fand ein jedenfalls entsetzliches Ringen unter dem Wasser statt. Es war für Winnetou unmöglich, in dasselbe einzugreifen. Old Shatterhand, Jemmy, Davy und Baumann erschienen am Ufer. Der erstere warf schnell Waffen und Oberkleider ab, um in das Wasser zu springen. Da aber tauchte der Hobble-Frank empor, sah sich hustend und pustend nach allen Seiten um und rief:

„Ist er noch unten?“

Er meinte natürlich den Ogallalla; er fuhr, ohne eine Antwort vom Ufer her abzuwarten, wieder in die Tiefe nieder. Als er nach wenigen Augenblicken wieder an der Oberfläche erschien, hielt er mit der Linken den besiegten Feind bei den Haaren gefaßt und kam langsam nach dem Ufer geschwommen.

Er wurde mit lautem Jubel empfangen, schrie aber noch lauter als die andern:

„Seien Sie nur schtille! Mir ist der Hut schpurlos in die Wicken gegangen. Gibt’s vielleicht unter den geehrten Anwesenden eenen, der ihn hat schwimmen sehen?“

„Nein,“ wurde ihm geantwortet.

„Das ist schtark! Soll ich etwa wegen dem Ogallalla hier meinen Schtraußfederschapoh einbüßen? Das ist doch die Geschichte gar nich wert! Och, dort sehe ich ihn merschtenteels! Der Schoschone hat ihn off dem Koppe. Dem werde ich gleich als Gerichtsvollzieher off die Treppe schteigen!“

Er eilte zu dem Indianer, um sich den Schmuck seines Hauptes geben zu lassen. Nachher erst war er bereit, von den Kameraden die Ausdrücke ihrer Anerkennung entgegen zu nehmen.

Er hatte den feindlichen Anführer besiegt und glaubte, sich als Hauptheld des heutigen Tages fühlen zu dürfen.

„Anschtrengung hat’s gekostet,“ sagte er. „Aber das ist unsereenem ganz egal. Fendi, findi, fundi, so hat Cäsar zu Suleiman Pascha gesagt, und bei mir geschieht so was mit ganz derselbigen Leichtigkeet.“

Veni vidi, vici heißt es,“ fiel Jemmy ein. „Zu Deutsch: ich kam, ich sah, ich siegte.“

„Schweigen Sie ergebenst, Herr Jakob Pfefferkorn! Schteigen Sie mal dem Roten hinten off; schpringen Sie mit ihm vom Pferd ins Wasser, und schprengen Sie ihm mal da unten den Faden des Daseins entzwee, nachhero habe ich nichts dagegen, wenn Sie ihre apothekerlateinischen Sprachmücken schpielen lassen. Eher aber nich! Was geht mich denn Ihr kam und sah und siegte an! Bei mir hat’s ja geheeßen ich schprang, ich schwamm, ich tauchte ihn unter, und das ist eben, in das echte Latein des Puma Nompilius übersetzt, mein ganz richtiges Fendi, findi, fundi!“

Jemmy lachte laut. Er hatte Lust, eine Entgegnung hören zu lassen; aber Old Shatterhand kam ihm im ernsten Tone zuvor:

„Bitte, keine solchen Streitigkeiten! Unser braver Frank hat heut bewiesen, daß er ein tüchtiger, ja ein verwegener Westmann ist. Er hat den Häuptling besiegt. Was das bedeutet, werden Sie erst später einsehen. Ihm allein werden wir es zu verdanken haben, wenn es uns nun gelingt, Blutvergießen zu vermeiden, hier, lieber Frank, haben Sie meine Hand. Sie sind ein prächtiger Kerl!“

Der Sachse ergriff die Hand des berühmten Jägers und antwortete, indem eine Freudenthräne in sein Auge trat:

„Dies Wort aus Ihrem Munde freut mich königlich. Alexander Hauboldt sagt so schön in seinem Kosmos: „Dem Helden flicht die Nachwelt Malvenkränze, und die Aurikeln blühn oft nur im Lenze.“ Wenn die schpätere Generation mal hier eenen cararischen Marmorsteen errichtet, da wird bei den Namen der anderen Schtreiter ooch der meinige mit eingemeißelt sein, und mein Geist steigt dann in schtillen Nächten nieder und freut sich, daß er nich ganz umsonst gelebt hat und in das Wasser des Feuerlochflusses geschprungen ist. Friede meiner Asche!“

Es wäre kein Wunder gewesen, wenn diejenigen der Anwesenden, welche deutsch verstanden, ihm mit einem heiteren Lachen geantwortet hätten; aber dies geschah nicht. Er war einmal ein eigenartiges Kerlchen und wirklich seelensgut. Die Rührung, welche er fühlte, teilte sich den andern mit; sie blieben ernst, und Winnetou gab ihm auch die Hand und sagte:

„Ni’nte ken ni scho – du bist ein tüchtiger Mann!“

Dann gab der Apache Old Shatterhand durch eine seiner sprechenden Handbewegungen das Zeichen, daß er ihm hier das weitere überlasse, stieg auf sein Pferd und ritt mit seinen Schoschonen am jetzt wieder ruhigen „Maul der Hölle“ vorüber nach dem Eingange des Thalkessels, in dessen Hintergrunde sich die entkommenen Sioux gesammelt hatten.

Er traf da, den Eingang bewachend, den Medizinmann der Upsarocas und Moh-aw, den Sohn des Häuptlinges der Schoschonen mit ihren Kriegern. Als der riesige Medizinmann hörte, daß sein Todfeind, der „schwere Mocassin“, besiegt am Flusse liege, jagte er schleunigst nach der betreffenden Stelle hin. Er kam gerade recht, zu sehen, daß derselbe unter Old Shatterhands Bemühung wieder zur Besinnung gelangte und sorgfältig gefesselt wurde. Er sprang vom Pferde, riß sein Messer aus dem Gürtel und rief:

„Das ist der Hund der Sioux Ogallalla, welcher mir das Ohr genommen hat. Er soll mir dafür bei lebendigem Leibe seinen Skalp geben!“

Er wollte auf ihn niederknieen, um ihm die Kopfhaut zu nehmen, wurde aber von Old Shatterhand daran verhindert. Dieser sagte:

„Der Gefangene ist das Eigentum unseres weißen Bruders Hobble-Frank. Kein anderer darf sich an ihm vergreifen.“

Es entstand ein Wortwechsel, welchen Old Shatterhand in seiner bekannten Energie siegreich beendete. Der Upsaroca zog sich, wenn auch murrend, zurück.

jetzt nun folgte eine Szene, welche jeder Beschreibung spottet. Baumann, der Bärentöter, zu dessen Befreiung der Zug unternommen worden war, hatte den Hobble-Frank an sein Herz gezogen. Beide weinten heiße Freudenthränen.

„Dir, du treuer Mensch, habe ich gewiß zum größten Teile meine Rettung zu verdanken,“ sagte der Bärentöter. „Wie aber ist es dir möglich gewesen, eine so große Schar meiner Befreier zusammenzubringen?“

Frank wies alles Verdienst von sich ab, machte ihn darauf aufmerksam, daß man jetzt keine Zeit zu langen Erzählungen und Erklärungen habe, und schloß daran, indem er flußabwärts deutete, den Fingerzeig:

„Dort kommen andere, welche viel mehr Dank verdienen als ich. Ich habe weiter nichts als meine Pflicht gethan.“

Baumann sah seine fünf Gefährten, welche mit ihm von den Sioux gefangen genommen worden waren, kommen. Vor ihnen ritten Martin, sein Sohn, Wohkadeh und Bob. Er eilte ihnen entgegen. Als der Neger seinen Herrn erblickte, sprang er vom Pferde, lief auf ihn zu, sank vor ihm auf die Knie; ergriff seine Hände und rief weinend:

„O Massa, mein lieb, gut Massa Baumann! Endlich, endlich haben Masser Bob wieder sein von Herzen geliebten Massa! Nun Masser Bob gleich gern sterben vor Wonne. Nun Masser Bob singen und springen vor Freude und platzen und zerspringen vor Entzücken! 0, Masser Bob sein froh, sein glücklich, sein selig!“

Baumann hob ihn auf und wollte ihn in die Arme ziehen. Bob aber wehrte sich dagegen und erklärte:

„Nein, Massa, nicht umarmen Masser Bob, denn Bob haben getötet schlimm Stinktier und sein noch immer nicht ganz gut von Geruch.“

„Ach was, Stinktier! Du bist zu meiner Rettung ausgezogen, und ich muß Dich umarmen!“

Nun erst ließ der entzückte Neger sich diesen Dank seines Herrn gefallen. Dann aber sanken Vater und Sohn sich in die Arme.

Die Anwesenden wendeten sich diskret ab. Die Wonne, welche diese beiden in diesem Augenblicke empfanden, war ihnen heilig.

„Mein Kind, mein Sohn!“ rief Baumann immer wieder. „Wir besitzen uns von neuem, und nichts soll uns wieder trennen. Was habe ich ausgestanden! Und was hast auch du seit gestern erduldet! Schau, wie deine Arme von den Fesseln zerschnitten sind t“

„Die deinigen noch mehr, noch viel mehr! Doch das wird wieder heilen, und du soffst bald wieder gesund und kräftig sein. jetzt mußt du vor allem denen Dank sagen, welche ihr Leben wagten, dich zu retten. Mit Wohkadeh, meinem Freunde, hast du bereits seit gestern sprechen können, mit Jemmy und Davy ebenso. Hier aber ist Old Shatterhand, der Meister unter ihnen allen. Er und Winnetou sind es, denen das Gelingen unseres Unternehmens zu verdanken ist. Unser ganzes Leben würde nicht reichen, das quitt zu machen, was wir ihnen schuldig sind.“

„Ich weiß es, mein Sohn, und es betrübt mich, daß ich jetzt nichts anderes vermag, als nur einfach Dank zu sagen.“

Er streckte Old Shatterhand beide Hände entgegen, wobei ihm noch immer die Thränen über die gebräunten, eingefallenen Wangen perlten. Old Shatterhand drückte ihm leise die von den Fesseln verwundeten Hände, zeigte dann zum Himmel empor und sagte im herzlichsten Tone:

„Danken Sie nicht den Menschen, lieber Freund, sondern danken Sie unserem Herrgott da oben, welcher Ihnen die Kraft gegeben hat, den unbeschreiblichen Jammer zu überstehen. Er ist es ja, der uns geleitet und beschützt hat, so daß wir gerade noch zur rechten Zeit hier eingetroffen sind. Uns haben Sie nicht Dank zu sagen. Wir sind nur seine Werkzeuge gewesen; zu ihm aber wollen wir alle unser Gebet emporsenden, wie es in unserem schönen, deutschen Kirchenliede heißt:

Ich rief den Herrn in meiner Not:

Ach Gott, vernimm mein Schreien! Da half mein Helfer mir vom Tod Und ließ mir Trost gedeihen. Drum dank‘, ach Gott, drum dankich dir! Ach, danket, danket Gott mit mir; Gebt unserm Gott die Ehre!“

Er hatte seinen Hut abgenommen und die Worte langsam, laut und innig wie ein Gebet gesprochen. Auch die andern hatten ihre Häupter entblößt, und als er geendet hatte, erklang aus jedem Munde ein frommes, kräftiges „Amen!“

Der am Boden liegende, gefesselte Häuptling der Sioux hatte diesen Vorgang mit staunendem Blick beobachtet. Er wußte nicht, wie er sich denselben deuten sollte. Zu seinem Vorteile jedenfalls nicht – so dachte er – denn nach seiner Ansicht war er nun unwiderruflich einem qualvollen Martertode verfallen.

Er wurde vom Boden aufgehoben, um dahin getragen zu werden, wohin sich nun alle begaben, nach dem Eingange zum Thale des Häuptlingsgrabes, wo Winnetou mit den Schoschonen und Upsarocas ihrer wartete. Dort wurde er niedergelegt.

Old Shatterhand ritt mit dem Apachen eine kleine Strecke in den Thalkessel hinein, um die Feinde und die Anordnungen, welche diese getroffen hatten, zu überblicken. Man sah, daß sie einige wenige Worte miteinander wechselten. Beide verstanden sich ja so gut, daß es langer Auseinandersetzungen zwischen ihnen gar nicht bedurfte. Dann kehrten sie zurück.

Tokvi-tey trat auf sie zu und fragte: „Was gedenken meine Brüder nun zu thun?“

„Wir wissen,“ antwortete Old Shatterhand, „daß unsere roten Brüder ebensogut eine Stimme haben wie wir. Darum werden wir die Pfeife der Beratung rauchen. Vorher aber will ich mit Hong-peh-te-keh, dem Häuptling der Sioux OgalIalla sprechen.“

Er stieg wieder vom Pferde, ebenso Winnetou. Es wurde ein Kreis um den Gefangenen gebildet. Old Shatterhand trat zu dem letzteren und sagte:

„Der schwere Moccassin ist in die Hände seiner Feinde geraten, und auch die Seinigen sind verloren, denn sie sind von den Felsen und von uns eingeschlossen. Sie vermögen nicht zu fliehen und werden von unseren Kugeln sterben, wenn der Häuptling der Ogallalla nicht etwas thut, um sie zu retten.“

Er hielt inne, um zu sehen, ob der „schwere Moccassin“ ein Wort sagen werde, da dieser aber sich geschlossenen Auges und still verhielt, so fuhr er fort:

„Mein roter Bruder mag mir sagen, ob er meine Worte verstanden hat!“

Der Rote öffnete die Augen, warf ihm einen haßerfüllten Blick zu und spuckte aus. Das war seine Antwort.

„Glaubt der Häuptling der Ogallalla ein räudiges Tier vor sich zu haben, daß er auszuspucken wagt?“

„Wakon kana – alte Frau!“ knirschte der Gefragte.

Das war eine große Beleidigung für Old Shatterhand und sämtliche Anwesende. Vielleicht hatte der Ogallalla die Absicht, den Zorn seiner Feinde so zu reizen, daß er von ihnen in vorschnellem Grimme getötet wurde und so dem langsamen Martertode entging. Aber Old Shatterhand antwortete ruhig lächelnd:

„Der schwere Moccassin ist blind geworden. Er kann einen starken Krieger nicht von einem altersschwachen Weibe unterscheiden. Darum habe ich Mitleid mit ihm.“

„Kot-o pun-krai schonka – tausend Hunde!“ zischte der Gefangene.

Es gibt fast keine größere Beleidigung für einen tapfern roten Krieger, als wenn ihm jemand versichert, daß er Mitleid mit ihm habe. Darum war der Indianer so ergrimmt über Old Shatterhands letzte Worte, daß er ihm als gleichwertige Beleidigung eine tausendfache Hündischkeit in das Angesicht schleuderte.

Einige der umstehenden Roten ließen ein zorniges Murren hören. Old Shatterhand warf ihnen einen strengen Blick zu und bückte sich dann nieder, um zu aller Erstaunen und ganz besonders zur höchsten Verwunderung des Gefangenen dessen Fesseln zu lösen.

„Der Häuptling der Ogallalla soll erkennen,“ sagte er, „daß weder ein altes Weib noch ein Hund, sondern ein Mann zu ihm redet. Er mag sich vom Boden erheben!“

Der Indianer stand auf. So sehr er gewöhnt war, seine Züge zu beherrschen, er konnte doch die Verlegenheit nicht verbergen, in welcher er sich befand. Anstatt auf seine beleidigenden Worte mit Fußtritten und Faustschlägen zu antworten, machte man ihn von den Fesseln frei! Das konnte er nicht begreifen. Er war sehr geneigt, Old Shatterhand für wahnsinnig zu halten.

„Öffnet den Kreis!“ befahl dieser den umstehenden Kriegern.

Diese traten näher zusammen, so daß der Sioux in das Innere des Thalkessels blicken konnte. Er sah die Seinen hinter dem Häuptlingsgrabe halten. An ihren Bewegungen war zu erkennen, daß sie sich lebhaft berieten. Sein Auge leuchtete auf. Er war nicht mehr gefesselt und besaß einen hohen Ruhm als unübertrefflicher Läufer. Konnte er nicht davonspringen? Im günstigen Falle erreichte er seine Sioux; im ungünstigsten wurde er erschossen, und das war doch immer besser als der Martertod.

Old Shatterhand hatte dieses Aufleuchten des Blickes gar wohl bemerkt. Er sagte:

„Der schwere Moccassin gedenkt, uns zu entfliehen. Er mag das unterlassen. Sein Name sagt uns, daß er eine große Fährte mache, unsere Füße aber sind leicht wie die Schwingen der Schwalbe, und unsere Kugeln verfehlen niemals ihr Ziel. Er mag mich anschauen und mir sagen, ob er mich kennt!“

„Hong-peh-te-keh blickt keinen lahmen Wolf an!“ knurrte der Wilde.

„Ist Old Shatterhand ein lahmes Tier? Steht dort nicht Winnetou, der Häuptling der Apachen, dessen Name berühmter ist als irgend einer der Sioux Ogallalla und aller anderen Siouxvölker?“

„Uff !“ entfuhr es dem Gefangenen.

Diese beiden Männer vor sich zu haben, hatte er nicht erwartet. Während sein Blick von dem einen zum anderen flog, zeigte sich ein nicht zu unterdrückender Ausdruck der Ehrfurcht in seinem Gesichte. Old Shatterhand fuhr fort, die, welche er nannte, mit der ausgestreckten Hand bezeichnend:

„Und noch mehrere ebenso tapfere Krieger stehen da. Der Häuptling der Ogallalla erblickt da Tokvi-tey, den Anführer der Schoschonen, und Moh-aw, seinen starken Sohn. Neben ihnen steht Kanteh-pehta, der unüberwindliche Medizinmann der Upsaroca. Da drüben erblickst du Davy-honskeh und Jemmy-petahtscheh. Soll ich dir den berühmten Namen jedes einzelnen nennen? Nein. Ich habe keine Lust dazu. Du wirst – – –“

Er hielt in seiner Rede inne, denn in diesem Augenblicke that es ganz in der Nähe einen so plötzlichen Knall, daß die Pferde sich aufbäumten und auch die sonst so furchtlosen Krieger erschraken. Ein lang gezogener, brüllender Ton, wie der meilenweit vernehmbare Schall eines Nebelhornes, erklang durch das Thal, und die Erde begann sich unter den Füßen der erschrockenen Männer zu bewegen. Aus den auf der Thalsohle zerstreuten Schlammlöchern stiegen Dämpfe auf, hier graublau, dort schwefelgelb, blutrot oder rußig dunkel. Diesen Dämpfen folgten festere Massen. Die Stellen, an denen dieselben emporgeschleudert wurden, waren gar nicht zu zählen. Die Luft war förmlich verdunkelt von höllischem Brodem und den umher- und durcheinander fliegenden Schlammgeschossen, welche einen fast erstickenden Geruch verbreiteten.

Es war unmöglich, zwanzig oder dreißig Schritte weit zu sehen. Ein jeder hatte mit sich selbst zu thun, von den heißen, ausgeworfenen Massen nicht getroffen zu werden. Es trat eine unbeschreibliche Verwirrung ein. Die Pferde rissen sich los und galoppierten davon; die Menschen schrieen und fuhren wirr durcheinander. Im Hintergrunde des Thalkessels erscholl das Angstgeheul der Sioux-Ogallalla. Auch ihre Pferde hatten sich frei gemacht und stürmten, von ihrem Instinkte geführt, dem Ausgange des Thales zu. Dabei stürzten viele von ihnen in die Löcher, deren Schlamm sich augenblicklich über ihnen schloß. An den am Ausgange des Thales haltenden Weißen und Roten vorüberjagend oder gar sich zwischen ihnen hindurch Bahn brechend, verdoppelten sie den Wirrwarr, der geradezu unbeschreiblich war.

Old Shatterhand hatte anfänglich seine Kaltblütigkeit bewahrt. Gleich bei dem ersten Knall hatte er den Häuptling der Sioux mit kräftiger Faust ergriffen, um ihn festzuhalten und an der Flucht zu hindern. Aber er hatte dann die Hand wieder von ihm lassen müssen, um vor einem der gefährlichen Fluggeschosse zur Seite zu springen. Dabei war er mit dein dicken Jemmy zusammengerannt. Dieser stürzte, wollte sich an Old Shatterhand festhalten und riß diesen mit nieder.

Und gerade jetzt kamen die Pferde der Sioux herbeigestürmt; da war es geraten, zunächst nur an sich selbst zu denken.

Der schwere Moccassin, der Häuptling der Sioux, hatte sich vor Schreck gar nicht gegen den Griff Old Shatterhands zu wehren versucht; dann aber, als er sich wieder frei fühlte, dachte er an seine Flucht. Einen schrillen, triumphierenden Schrei ausstoßend, schoß er davon, thaleinwärts zu. Aber er kam nicht weit. Er mußte an Bob vorüber. Dieser holte blitzschnell mit dem umgekehrten Gewehre aus und traf ihn mit dem Kolben an den Kopf, wurde aber durch die Gewalt des Hiebes selbst zu Boden gerissen. Er wollte sich schnell aufraffen, wurde aber von einem der scheuen Pferde getreten, so daß er wieder niedersank.

„Häuptling reißen aus! Ihm nach, ihm nach!“ brüllte er laut.

Der „schwere Moccassin“ taumelte, von Bobs Hieb halb betäubt, einige Augenblicke hin und her, dann eilte er davon, aber nicht ohne verfolgt zu werden.

Martin, der Sohn des Bärenjägers, hatte den Ruf des Negers gehört. Er sah den Häuptling fliehen und sprang demselben nach. Sollte der Peiniger seines Vaters entkommen? Nein! Die Glieder des wackeren Jünglings waren von den Fesseln verletzt; er hatte auch keinerlei Waffe bei sich; dennoch aber flog er, alle seine Kräfte einsetzend, hart hinter dem Flüchtigen her.

Dieser nahm sich gar nicht Zeit, zurückzublicken. Er glaubte sich unverfolgt und verwendete seine ganze Aufmerksamkeit auf den Weg, welchen er einzuschlagen hatte. Er wollte nach dem Kraale zu. Aber gerade in dieser Richtung lagen die meisten Schlammlöcher; er bog daher rechts ein, der Thalwand zu, um sich derselben entlang leichter und gefahrloser in Sicherheit zu bringen.

Aber er hatte sich geirrt. Auch dort gab es so viele offene dampfende und qualmende Stellen, daß er wiederholt gezwungen war, auszuweichen. Oft hatte er bereits den Fuß zum Sprunge erhoben, da bemerkte er, daß der scheinbar feste Boden eine zähflüssige, unergründlich tiefe Masse sei, deren Umarmung er nur dadurch entgehen konnte, daß er sich augenblicklich zur Seite warf. Bodenrisse öffneten sich so schnell vor ihm, daß er, da es zu spät war, anzuhalten, sich nur in weiten Sätzen, wie man sie nur in der Todesangst zu machen wagt, über sie hinweg retten konnte.

Der Häuptling war im Laufen und Springen noch von keinem überwunden worden, jetzt aber verspürte er die Folgen des Kolbenhiebes. Sein Kopf wurde schwer; vor den Augen brannte es glühend rot; die Lunge versagte ihm den Dienst, und die Beine begannen zu ermatten. Er wollte einen Augenblick ausruhen und bückte sich jetzt zum erstenmal um. Wie durch einen blutigen Nebel erkannte er, daß ein Verfolger sich ganz nahe hinter ihm befand; aber er sah nicht die Gesichtszüge desselben, sah nicht einmal, daß der Betreffende nur fast noch eine Knabe war.

Entsetzt floh der „schwere Moccassin“ weiter. Er hatte keine Waffe bei sich und hielt den Verfolger für bewaffnet. Wohin sollte er vor demselben fliehen? Vor sich, hinter sich und zur linken Hand neben sich wußte er geöffnete Schlünde, die ihn zu verschlingen drohten. Zur Rechten hatte er die senkrecht aufsteigende Felsenwand. Seine Kräfte waren fast zu Ende. Er sah sich verloren.

Da erblickte er eine stufenartige Hervorragung des Felsens, schräg über derselben eine zweite, dritte, vierte und noch mehrere. Das waren die Felsen, auf denen Old Shatterhand sich damals zu Pferde emporgerettet hatte. Hier und nur hier allein konnte auch er jetzt Rettung finden. Er strengte seine letzten Kräfte an und schnellte sich von Stufe zu Stufe höher.

Ebenso plötzlich, wie die Schlammlöcher vorhin ihre Thätigkeit begonnen hatten, hörten sie jetzt auf. Die Luft wurde klar; man konnte wieder so deutlich sehen wie vorher.

Da erklang ein lauter Angstschrei durch das Thal. Der Neger Bob war es, der ihn ausstieß.

„Massa Martin! Mein gut Massa Martin! Häuptling ihn töten wollen, Masser Bob aber ihn retten.“

Er deutete nach der bereits beschriebenen Felsenkanzel und stürzte dann eiligen Laufes auf dieselbe zu. Man sah die beiden Genannten auf Tod und Leben miteinander ringen. Der Sioux hatte Martin mit gewaltigen Armen gepackt und versuchte, ihn in die Tiefe zu schleudern. Aber er war ja ermattet und beinahe betäubt; es gelang dem gewandten, mutigen Knaben, sich ihm immer wieder zu entwinden. Bei einer solchen Gelegenheit wich Martin so weit wie möglich zurück, holte aus und rannte mit aller Macht auf den Häuptling ein. Dieser verlor das Gleichgewicht, griff konvulsivisch mit beiden Händen in die Luft, verlor den Boden unter den Füßen und stürzte, ein Angstgebrüll ausstoßend, von dem Felsen herab und in das unten gähnende Schlammloch hinein, dessen grauenvoller Rachen ihn sofort verschlang.

Das hatten alle gesehen, die sich in dem Thalkessel befanden. Im vorderen Teile desselben erscholl lautes Jubelgeschrei, im Hintergrunde dagegen das Geheul der Sioux-Ogallalla, welche hatten zusehen müssen, daß ein Knabe ihren berühmten Häuptling überwand. Das war eine nie auszulöschende Schande für sie.

All dieses Geschrei und Geheul aber wurde von Bobs Stimme durchdrungen. Der Neger schnellte von Stein zu Stein empor, unartikulierte Töne des Jubels und Entzückens ausstoßend, und riß dann, oben angekommen, den Sieger in seine Arme.

„Braver Junge!“ meinte Jemmy. „Mir hat das Herz gebebt um ihn. Ihnen nicht auch, Frank?“

„Na, mir erscht recht!“ antwortete der Sachse, sich eine Freudenthräne aus dem Auge wischend. „Ich hätte aus purer Herzensangst gleich Sirup schwitzen können. Nun aber ist alles gut. Das verwegene Kerlchen hat gesiegt, und mit den Ogallalla werden wir jetzt keenen Summs mehr machen. Wir zwingen sie, ihre Nacken unter das kulinarische Joch zu beugen.“

„Kulinarisch? Was fällt Ihnen ein? Das ist – – –“

„Schweigen Sie ergebenst!“ unterbrach der Kleine ihn in strengem Tone. „In eenem solchen Oogenblicke schtreite ich mich nicht mit Ihnen, sonst könnte es Ihnen sehr leicht ergehen wie dem Tischler mit dem Winkelmaß, den der Wolf mit samt dem ganzen Großherzogtum Polen fraß. Ich sehe es kommen, daß die Sioux sich ergeben müssen. Dann wird hier een allgemeiner Völkerfrieden geschlossen, an dem ooch wir beede teilnehmen müssen. Geben Sie mir Ihre Hand! Seid verschlungen, Millionen! Et in terra Knax!“

Er schüttelte dem über diese neue sprachliche Konfusion lachenden Dicken die Hand und eilte dann davon, um Martin Baumann, welcher mit Bob von dem Felsen herabgestiegen kam, zu beglückwünschen.

Auch die anderen thaten dies mit Ausdrücken freudigster Anerkennung. Dann wendete Old Shatterhand sich laut an die Versammelten:

„Mesch’schurs, versucht jetzt nicht, die Pferde zurückzuholen; sie sind uns sicher genug. Auch den Sioux sind die ihrigen davongegangen. Diese Leute müssen einsehen, daß sie, selbst wenn wir sie nicht hier eingeschlossen hätten, ohne ihre Tiere verloren wären. Sie können sich nur retten, indem sie sich uns ergeben. Dazu kommt der Eindruck der hier thätigen unterirdischen Gewalten, der Tod ihres Anführers und – was ich in aller Bescheidenheit sage – die Anwesenheit von Winnetou und Old Shatterhand nebst so vielen anderen berühmten Jägern und Kriegern. Bleibt hier zurück! Ich werde mich mit Winnetou zu ihnen begeben. In einer halben Stunde wird es entschieden sein, ob Menschenblut vergossen werden soll oder nicht.“

Er schritt mit dem Häuptling der Apachen dem Grabmale zu, hinter welchem sich die Sioux befanden. Das war ein außerordentlich kühner Gang, den nur zwei Männer wagen konnten, welche wußten, daß schon ihr bloßer Name den Feind in Schreck versetzen werde.

Jemmy und Davy sprachen leise miteinander. Sie beschlossen, das Beste zu thun, was sie jetzt überhaupt vornehmen konnten, nämlich die Friedensbestrebungen Old Shatterhands zu unterstützen.

Die verbündeten Indianer waren natürlich wenig geneigt, den Feind zu schonen. Der „Bärenjäger“ Baumann hatte mit seinen fünf Gefährten so Schreckliches erduldet, daß diese sechs Männer wohl auch nach Rache verlangten. Old Shatterhand aber war es zuzumuten, daß er sich jeder Grausamkeit nötigenfalls mit den Waffen widersetzen werde. Das konnte zu betrübenden Scenen führen, und dem mußte vorgebeugt werden.

Darum versammelten die beiden Freunde die Anwesenden alle um sich, und Jemmy hielt eine Rede, in welcher er seine Ansicht erklärte, daß Milde und Versöhnung das Vorteilhafteste für beide Lager sei. Es war freilich vorauszusehen, daß im Falle eines Kampfes die Sioux vernichtet würden; aber wie viele Menschenleben mußten dabei geopfert werden! Und dann war es sicher, daß sämtliche Stämme der Sioux die Kriegsbeile ausgraben würden, um sich an den Urhebern dieses ebenso unmenschlichen wie nutzlosen Blutbades zu rächen. Er schloß seine Rede mit den Worten:

„Die Schoschonen und Upsaroca sind tapfere Krieger, und kein anderer Stamm kommt ihnen gleich. Aber die Sioux sind gegen sie wie Sand in der Wüste. Wenn es zum Vergeltungskriege kommt, so werden viele Väter, Mütter, Frauen und Kinder der Schlangen- und Krähenindianer ihre Söhne, Männer und Väter beweinen. Bedenkt, daß ihr selbst euch in unseren Händen befunden habt! Old Shatterhand und Winnetou haben Tokvi-tey und seinen Sohn Moh-aw mitten aus ihrem Lager geholt und auch Oiht-e-keh-fa-wakon und den hundertfachen Donner am Baume besiegt. Wir hätten alle ihre Krieger vernichten können, haben es aber nicht gethan, denn der große Geist liebt seine Kinder und will, daß sie als Brüder einträchtig bei einander wohnen sollen. Meine roten Brüder mögen einmal versuchen, wie wohl es thut, verziehen zu haben. Ich habe gesprochen!“

Diese Rede machte einen tiefen Eindruck. Baumann war bereit, von aller Rache abzusehen; seine geretteten Gefährten stimmten ihm bei. Die Indianer gaben auch, wenn auch nur im stillen, dem Sprecher recht. Sie lebten sicher nicht mehr, wenn Old Shatterhand sie hätte vernichten wollen. Nur einer war mißvergnügt über Jemmys Worte, der Anführer der Upsaroca.

„Der schwere Moccassin hat mich verwundet,“ sagte er. „Sollen die Sioux das nicht büßen?“

„Der Moccassin ist tot. Der Schlamm hat ihn und seinen Skalp verschlungen. Du bist gerächt.“

„Aber die Ogallalla haben uns unsere Medizinen gestohlen!“

„Sie werden sie euch zurückgeben müssen. Du bist ein starker Mann und würdest viele von ihnen töten; aber der gewaltige Bär ist stolz; er verschmäht es, die kleine, feige Ratte zu zermalmen.“

Diese Vergleichung brachte die beabsichtigte Wirkung hervor. Der riesige Medizinmann fühlte sich geschmeichelt. Er war ja Sieger, mochte er seine Feinde töten oder ihnen verzeihen. Er schwieg.

Bald kehrten Old Shatterhand und Winnetou zurück, zum freudigen Erstaunen aller an der Spitze der Ogallalla, welche ihnen in einer langen Einzelreihe folgten, ihre Waffen auf einen Haufen zusammenlegten und dann still zurücktraten. Damit erklärten sie ohne alle Worte, daß sie es für unmöglich hielten, sich selbst durch den tapfersten Widerstand zu retten.

Die Beredsamkeit Old Shatterhands und Winnetous hatte diesen Sieg errungen. Die Sioux standen mit gebeugten Häuptern und betrübten Mienen da. Der Schlag war plötzlich und so gewaltig über sie gekommen, daß sie sich von ihm betäubt fühlten.

jetzt nun trat Jemmy hervor und erzählte Old Shatterhand von seiner Rede und ihrer Wirkung. Der Deutsche drückte ihm dankbar die Hand. Er war hoch erfreut darüber und rief den Ogallalla zu:

„Die Krieger der Sioux haben uns ihre Waffen übergeben, weil ich ihnen versprach, daß ihr Leben geschont werden solle. Die Bleichgesichter, Schoschonen und Upsaroca wollen ihnen noch mehr schenken als nur das Leben. Der schwere Moccassin ist tot und mit ihm die beiden Krieger, welche sich an Wohkadeh und dem Sohne des Bärenjägers vergriffen. Das mag genug sein. Die Krieger der Ogallalla mögen ihre Waffen zurücknehmen; ihre Pferde werden wir ihnen suchen helfen. Es soll Friede sein zwischen ihnen und uns. Wir wollen dort am Grabe der Häuptlinge mit ihnen der Toten gedenken, welche vor Sonnen von meiner Hand gefallen sind. Das Beil des Krieges mag zwischen ihnen und uns vergraben werden. Dann verlassen wir den Fluß des Feuerloches, um zurückzureiten nach ihren Jagdgründen, wo sie erzählen können von guten Menschen, welche es verschmähen, ihre Feinde zu töten, und von dem großen Manitou der Weißen, dessen Gebot es ist, daß seine Kinder sogar ihre Feinde lieben sollen!“

Die Sioux waren ganz starr vor Erstaunen über die glückliche Wendung ihres Schicksales. Sie getrauten sich kaum, daran zu glauben; als sie aber ihre Waffen zurückerhielten, stürmten sie voller Dankbarkeit auf den berühmten Jäger ein.

Auch der Medizinmann gab sich bald zufrieden, als er erfuhr, daß alle geraubten Medizinen noch vorhanden seien. Sie wurden den Upsaroca, zurückgegeben.

Die Pferde hatten sich nicht weit entfernt. Es war leicht, sie einzufangen. Dann wurden die beiden von Old Shatterhand erschossenen Sioux herbeigeholt und in der Nähe der Häuptlinge begraben.

Der Tag wurde mit ernsten Leichenfeierlichkeiten verbracht und dann verließen die Leute alle das ungesunde Thal, um den gesünderen Wald aufzusuchen, in welchem man sich von den gehabten Anstrengungen erholen wollte.

Als dann am Abend die Lagerfeuer brannten und Freunde und Feinde versöhnt bei einander saßen, um sich befriedigt über die erlebten Abenteuer zu unterhalten, sagte Frank zu Jemmy:

„Das Beste von unserem Drama ist der Schluß. Vergeben und vergessen. Ich bin mein Lebtage keen großer Freund von Mord und Totschlag gewesen, denn was du nich willst, daß man dir thu, das trau auch keenem Andern zu und laß den armen Warrn in Ruh, denn er fühlt’s grade so wie du ! Wir haben gesiegt; wir haben den Göttern gezeigt, daß wir Helden sind, und nun bleibt nur noch eens zu thun. Wollen Sie?“

„Ja, was denn?“

„Was sich liebt, das neckt sich. Wir haben uns schtets nur deshalb gekampelt, weil wir uns eegentlich von Herzen gut sind. Wollen uns also unsere Liebe geschtehen und Brüderschaft miteinander machen. Da, schlag ein, alter Schwede! Topp?“

„Ja, topp, topp und zum drittenmale topp!“

„Schön! jetzt bin ich befriedigt und weeß, daß der Heemritt ohne Schtörung unserer sympathetischen Disharmonie schtattfinden wird. Endlich, endlich ist er in Erfüllung gegangen, der schöne Versch aus der Freude, schöner Götterfunken:

Deine Zauber binden wieder,
Was der Unverschtand geteelt;
Frank und Jemmy sind nun Brüder;
Unsre Feindschaft ist geheelt!“

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Bloody Fox

Der Geist der Llano Estakata

Bloody-fox

Zwei Männer kamen am Wasser dahergeritten, ein Weißer und ein Neger. Der erstere war sehr eigentümlich gekleidet. Er trug indianische Schuhe und Lederhosen, dazu einen einst dunkelblau gewesenen, jetzt aber sehr verschossenen Frack, mit Patten, hohen Achselpuffen und blank geputzten Messingknöpfen. Die langen Schöße hingen flügelartig rechts und links an den Seiten des Pferdes hernieder. Auf dem Kopfe saß ein riesiger, schwarzer Amazonenhut, welchen eine gelb gefärbte, unechte Straußenfeder schmückte. Bewaffnet war der kleine schmächtige Mann mit einer Doppelbüchse, welche ihm über die Schulter hing, mit einer Messer und zwei Revolvern, die er im Gürtel trug. An dem letzteren hingen mehrere Beutel, wohl zur Aufnahme der Munition und allerhand notwendiger Kleinigkeiten bestimmt; jetzt aber schienen sie ziemlich leer zu sein.

Der Schwarze war eine riesige, breitschulterige Figur. Auch er trug Mokassins und dazu indianische Leggins von jener Art, welche aus zwei voneinander getrennten Hosenbeinen bestehen, so daß man eigentlich Haut gegen Haut auf dem Pferde sitzt. Das ist aber freilich nur dann von Vorteil, wenn man ohne Sattel reitet. Zu dieser Bekleidung des Unterkörpers wollte freilich diejenige des Oberkörpers nicht recht passen, denn sie bestand aus dem Waffenrocke eines französischen Dragoneroffiziers. Dieses Kleidungsstück war wohl bei der französischen Invasion nach Mexiko gekommen und hatte sich dann auf unbekannten Umwegen auf den Leib des Schwarzen verirrt. Der Rock war dem herkulischen Neger viel zu kurz und viel zu eng; er konnte nicht zugeknöpft werden, und darum konnte man die breite, nackte Brust des Reiters sehen, welcher wohl deshalb kein Hemd trug, weil es im Westen keine Wäscherinnen und Plätterinnen gibt. Dafür aber hatte er ein großes, rot und weiß kariertes Tuch um seinen Hals gebunden und vom zu einer riesigen Schleife zusammengezipfelt. Der Kopf war unbedeckt, damit man die unzähligen kleinen, fettglänzenden Löckchen, die er sich anfrisiert hatte, sehen und bewundern könne. Bewaffnet war der Mann auch mit einem Doppelgewehre, außerdem mit einem Messer, einem irgendwo entdeckten Bajonette und einer Reiterpistole, deren Geburtsjahr jedenfalls auf Anno Tobak zu setzen war.

Beritten waren beide gut. Es war den Pferden anzusehen, daß heute ein weiter Weg hinter ihnen liege, und doch schritten sie noch so munter und kräftig aus, als ob sie ihre Reiter kaum stundenlang getragen hätten.

Die Ufer des Baches waren saftig grün bewachsen, doch nur in einer gewissen Breite. Über dieselbe hinaus gab es dürre Yuccas, fleischige Ajaren und vertrocknetes Bärengras, dessen wohl 15 Fuß hohe Stengel verblüht waren.

„Schlechte Gegend!“ sagte der Weiße. „Im Norden hatten wir es besser. Nicht wahr, Bob?“

Yes,“ antwortete der Gefragte. „Massa Frank haben recht. Hier es Masser Bob nicht sehr gefallen. Wenn nur bald an Helmers Home kommen, denn Masser Bob haben Hunger wie ein Walfisch, welcher Haus verschlingt.“

„Der Walfisch kann kein Haus verschlingen,“ erklärte Frank dem Schwarzen, „denn seine Gurgel ist zu eng dazu.“

„Mag Gurgel aufmachen, wie Masser Bob sie aufmacht, wenn er ißt! Wie weit es noch sein bis Helmers Home?“

„Das weiß ich nicht genau. Nach der Beschreibung, welche uns heute früh gemacht wurde, müssen wir bald am Ziele sein. Schau, kommt dort nicht ein Reiter?“

Er deutete nach rechts über das Wasser hinüber. Bob hielt sein Pferd an, legte die Hand über die Augen, um sie gegen die im Westen tiefstehende Sonne zu beschatten, öffnete nach seiner Weise den Mund sehr weit, um noch besser sehen zu können, und antwortete nach einer Weile:

„Ja, es sein ein Reiter, ein kleiner Mann, auf großem Pferd. Er kommen hierher zu Masser Bob und Massa Frank.“

Der Reiter, von welchem die Rede war, kam in scharfem Trabe herbei, hielt aber nicht auf die beiden zu, sondern schien ihnen vom quer über ihre Richtung kommen zu wollen. Er that gar nicht so, als ob er sie sehe.

„Sonderbarer Kerl!“ brummte Frank. „Hier im wilden Westen ist man doch froh, einen Menschen zu sehen; diesem scheint aber gar nichts an unserer Begegnung zu liegen. Entweder ist er ein Menschenfeind, oder hat er kein gutes Gewissen.“

„Soll Masser Bob ihn einmal rufen?“

„Ja, rufe ihn. Deine Elefantentrompete wird er eher hören, als mein Zephyrsäuseln.“

Bob hielt beide Hände hohl an den Mund und schrie aus vollem Halse:

„Hallo, hallo! Halt, warten! Warum ausreißen vor Masser Bob!“

Der Neger hatte allerdings eine Stimme, welche ganz geeignet war, einen Scheintoten in das Leben zurückzubringen. Der Reiter parierte sein Pferd. Die beiden beeilten sich, ihn zu erreichen.

Als sie in seine Nähe gelangten, erkannten sie, daß sie keinen Mann von kleiner Statur, sondern einen kaum dem Knabenalter entwachsenen Jüngling vor sich hatten. Er war genau so wie die bekannten kalifornischen Cow-boys ganz in Büffelkuhleder gekleidet, und zwar in der Weise, daß alle Nähte mit Fransen versehen waren. Auf dem Kopfe trug er einen breitkrempigen Sombrero. Eine breite, rotwollene Schärpe umschlang statt des Gürtels seine Hüften und hing an seiner linken Seite herab. In dieser Schärpe steckten ein Bowiemesser und zwei mit Silber ausgelegte Pistolen. Quer vor sich auf den Knieen hielt er eine schwere, doppelläufige Kentuckybüchse, und vorn zu beiden Seiten des Sattels waren nach mexikanischer Weise Schutzleder angebracht, um die Beine zu bedecken und vor Pfeilschüssen oder Lanzenstößen zu bewahren.

Sein Gesicht war von der Sonne tief gebräunt und trotz seiner Jugend von Wind und Wetter gegerbt. Von der linken Seite der Stirn ging ihm eine blutrote, zwei Finger breite Wulst quer bis auf das rechte Auge herab. Das gab ihm ein äußerst kriegerisches Aussehen. Überhaupt machte er keineswegs den Eindruck eines jungen, unerwachsenen und unerfahrenen Menschen. Die schwere Büchse so leicht in der Hand, als ob sie ein Federkiel sei, das dunkle Auge groß und voll auf die beiden gerichtet, saß er stolz und fest wie ein Alter auf dem Pferde, welches sich unter ihm nicht bewegen zu können schien.

Good day, my boy!“ grüßte Frank. „Bist du in dieser Gegend bekannt?“

Very well,“ antwortete er, indem er ein leises, ironisches Lächeln sehen ließ, wohl darüber, daß der Frager ihn du genannt hatte.

„Kennst du Helmers Home?“

Ay!

„Wie lange reitet man noch bis hin?“

„Je langsamer, desto länger.“

Zounds! Du scheinst sehr kurz angebunden zu sein, mein Junge!“

„Weil ich kein Mormonenpfarrer bin.“

„Ach so! Dann entschuldige! Du zürnst mir wohl, daß ich dich du genannt habe?“

„Fällt mir nicht ein! Mit der Anrede mag es ein jeder halten, wie er will, nur muß er sich dann auch die meinige gefallen lassen.“

„Schön! So sind wir also einig. Du gefällst mir sehr. Hier ist meine Hand. Nenne mich auch du und antworte mir nun aber, wie es sich schickt und gehört. Ich bin hier fremd und muß nach Helmers Home. Hoffentlich zeigst du mir nicht einen falschen Weg.“

Er reichte dem Jünglinge die Hand hinüber. Dieser drückte sie ihm, überflog Frack und Amazonenhut mit einem lächelnden Blicke und antwortete:

„Ein Schuft, wer andere in die Irre führt! Ich habe es an mir erfahren! Ich reite soeben nach Helmers Home. Wenn ihr mir folgen wollt, so kommt!“

Er setzte sein Pferd wieder in Bewegung und die beiden folgten ihm, vom Bache abbiegend, so daß der Ritt nunmehr nach Süd gerichtet war.

„Wir wären dem Wasser gefolgt,“ bemerkte Frank.

„Es hätte euch auch zu dem alten Helmers geführt,“ antwortete der Knabe, „aber in einem sehr weiten Bogen. Anstatt in drei Viertelstunden wäret ihr in zwei Stunden bei ihm angekommen.“

„So ist es ja sehr gut, daß wir dich getroffen haben. Kennst du den Besitzer dieses Settlements?“

„Sogar sehr gut.“

„Was ist er für ein Mann?“

Die beiden Reiter hatten ihren jungen Wegweiser in die Mitte genommen. Er warf einen forschenden Blick auf sie und antwortete:

„Wenn ihr kein gutes Gewissen habt, so geht nicht zu ihm, sondern kehrt lieber um.“

„Warum?“

„Er hat ein sehr scharfes Auge für jede Schuftigkeit und hält sehr streng auf ein reines Haus.“

„Das gefällt mir von dem Manne. Wir haben also nichts von ihm zu befürchten.“

„Wenn ihr brave Kerls seid, nein. Dann ist er ganz im Gegenteile euch zu jedem Dienste erbötig.“

„Ich höre, daß er einen Store führt?“

„Ja, aber nicht um des Gewinnes halber, sondern nur um den Westmännern, welche bei ihm verkehren, gefällig zu sein. Er führt in seinem Laden alles, was ein Jäger braucht, und er verkauft es zum billigstmöglichen Preise. Aber einer, der ihm nicht gefällt, wird selbst für teures Geld nichts von ihm erhalten.“

„So ist er ein Original?“

„Nein, aber er bemüht sich auf alle Weise, jenes Gelichter von sich fern zu halten, welches den Westen unsicher macht. Ich brauche ihn euch gar nicht zu beschreiben. Ihr werdet ihn schon kennen lernen. Nur eins will ich euch noch von ihm sagen, was ihr freilich nicht verstehen und worüber ihr sogar wohl lachen werdet: Er ist ein Deutscher von echtem Schrot und Korn. Damit ist alles gesagt.“

Frank stand in den Bügeln auf und rief:

„Was? Das soll ich nicht verstehen? Darüber soll ich sogar lachen? Was fällt dir ein! Ich freue mich sogar königlich darüber, hier am Rande der Llano estakata einen Landsmann zu finden.“

Das Gesicht des Führers war ein sehr ernstes; selbst sein zweimaliges Lächeln war so gewesen, als ob er wirklich zu lachen gar nicht verstehe. Jetzt blickte er mit milden, freundlichen Augen zu Frank herüber und fragte:

„Wie? Ein Deutscher bist du? Ist’s wahr?“

„Jawohl! Natürlich! Siehst du mir das denn nicht sofort an?“

„Nein! Du sprichst das Englische nicht wie ein Deutscher und hast ganz genau das Aussehen eines Yankee-Onkels, welcher von seinen sämtlichen Neffen zum Fenster hinausgeworfen worden ist.“

Heavens! Was fällt dir ein! Ich bin ein Deutscher durch und durch, und wer das nicht glaubt, dem renne ich die Flinte durch den Leib!“

„Dazu genügt das Messer auch. Aber wenn es so ist, so wird der alte Helmers sich freuen, denn er stammt auch von drüben herüber.“

„Aus Deutschland?“

„Ja, und er hält gar große Stücke auf sein Vaterland und seine Muttersprache.“

„Das glaube ich! Ein Deutscher kann beide nie vergessen. Nun freue ich mich doppelt, nach Helmers Home zu kommen. Eigentlich konnte ich mir denken, daß er ein Deutscher ist. Ein Yankee hätte sein Settlement Helmers Range oder so ähnlich genannt; aber Helmers Home, dieses Namens wird sich nur ein Deutscher bedienen. Wohnst du in seiner Nähe?“

„Nein! Ich habe weder eine Range noch eine Home als mein Eigentum. Ich bin wie der Vogel in der Luft oder wie das Tier im Walde.“

„Also ein armer Teufel?“

„Ja!“

„Trotz deiner Jugend! Hast du keine Eltern?“

„Keinen einzigen Verwandten.“

„Aber einen Namen besitzest du!“

„Ja freilich. Man nennt mich Bloody-fox.“

„Bloody-fox? Das deutet auf ein blutiges Ereignis.“

„Ja, meine Eltern wurden mit der ganzen Familie und der sämtlichen Gesellschaft ermordet, drin in der Llano estakata; nur ich allein bin übrig geblieben. Man fand mich mit klaffendem Schädel. Ich war ungefähr acht Jahre alt.“

„Herrgott! Dann bist du wirklich das, was ich sagte, ein armer Teufel. Man überfiel euch, um euch auszurauben?“

„Ja, natürlich.“

„So rettetest du nichts als das Leben, deinen Namen und die schreckliche Erinnerung!“

„Nicht einmal das. Helmers fand mich im Kaktus liegen, nahm mich auf das Pferd und brachte mich heim zu sich. Ich habe monatelang im Fieber gelegen, und als ich erwachte wußte ich nichts mehr, gar nichts mehr. Ich hatte selbst meinen Namen vergessen, und ich kann mich selbst heute noch nicht auf denselben besinnen. Nur der Augenblick des Überfalls ist mir klar im Gedächtnisse geblieben. Ich wäre glücklicher, wenn auch das mir entschwunden wäre, denn dann würde nicht das heiße Verlangen nach Rache mich wieder und immer wieder durch die schreckliche Wüste peitschen.“

„Und warum hat man dir den Namen Bloody-fox gegeben?“

„Weil ich über und über mit Blut bedeckt gewesen bin und während meiner Fieberphantasien oft den Namen Fuchs genannt habe. Man hat daraus schließen zu müssen geglaubt, daß er der meinige sei.“

„So wären deine Eltern also Deutsche gewesen?“

„Jedenfalls. Denn ich verstand, als ich wieder zu mir kam, kein englisches und auch kein deutsches Wort. Ich konnte mich überhaupt gar keiner Sprache bedienen. Aber während ich das Englische eben langsam lernte, wie einer, der es noch nicht kann, wurde mir das Deutsche so schnell, ja so plötzlich geläufig, daß ich es unbedingt schon vorher gesprochen haben mußte. Helmers ist mir wie ein Vater gewesen. Er wohnte damals noch nicht in seinem jetzigen Settlement. Aber es hat mich nicht bei ihm gelitten. Ich habe hinaus gemußt in die Wildnis wie der Falke, dem die Geier die Alten zerrissen haben, und der nun um die blutige Stätte kreisen muß, bis es ihm gelingt, auf die Mörder zu stoßen. Sein scharfes Auge muß und wird sie entdecken. Mögen sie hundertmal stärker sein als er, und mag er sein Leben geben müssen, er wird es gern verlieren, denn sein Tod wird auch der ihrige sein!“

Er knirschte hörbar mit den Zähnen und nahm sein Pferd so scharf in die Zügel, daß es hoch empor stieg.

„So hast du die Schmarre auf der Stirn von damals her?“ fragte Frank.

„Ja,“ antwortete er finster. „Doch, sprechen wir nicht weiter davon! Es regt mich zu sehr auf, und dann müßt ihr gewärtig sein, ich stürme von euch fort und lasse euch allein nach Helmers Home reiten.“

„Ja, sprechen wir lieber von dem Besitzer desselben. Was ist er denn drüben im alten Lande gewesen?“

„Forstbeamter. Ich glaube, Oberförster.“

„Wie – wa – wa – was!“ rief Frank. „Ich auch!“

Bloody-fox machte eine Bewegung der Überraschung, betrachtete sich den Sprecher abermals genau und sagte dann:

„Du auch? Das ist ja ein höchst erfreuliches Zusammentreffen!“

„Ja, ich habe ganz dieselbe Karriere gehabt. Aber wenn er die schöne Anstellung eines Oberförsters gehabt hat, warum hat er sie denn aufgegeben?“

„Aus Ärger. Ich glaube, die betreffende Waldung befand sich im Privatbesitz, und sein Patron war ein stolzer, rücksichtsloser und jähzorniger Herr. Beide sind auf- und auseinander geraten, und Helmers hat ein schlechtes Zeugnis erhalten, so daß er keine Wiederanstellung fand. Da ist er denn so weit wie möglich fortgegangen. Siehst du da drüben das Rot- und Schwarzeichengehölz?“

„Ja!“ antwortete Frank, indem er in die angegebene Richtung blickte.

„Dort treffen wir wieder auf den Bach, und hinter dem Walde beginnen Helmers Felder. Bisher hast du mich ausgefragt; nun will einmal ich einige Erkundigungen aussprechen. Wird nicht dieser brave Neger Sliding-Bob genannt?“

Da that Bob im Sattel einen Sprung, als ob er sich vom Pferde schnellen wolle.

„Ah! oh!“ rief er. „Warum schimpfen Massa Bloody-fox gut, brav Masser Bob?“

„Nicht schimpfen und nicht beleidigen will ich dich,“ antwortete der Jüngling. „Ich glaube, ich bin ein Freund von dir.“

„Warum da nennen Masser Bob grad so, wie haben Indianer ihn genannt, weil Masser Bob damals immer rutschen von Pferd herab! jetzt aber Masser Bob reiten wie ein Teufel!“

Um zu zeigen, daß er die Wahrheit gesagt habe, gab er seinem Pferde die Sporen und galoppierte davon, gerade auf das erwähnte Gehölz zu. Auch Frank war über die Frage des jungen Mannes erstaunt.

„Du kennst Bob?“ sagte er. „Das ist doch beinahe unmöglich!“

„O nein! Ich kenne auch dich.“

„Das wäre! Wie heiße ich denn?“

„Hobble-Frank.“

Good lack! Das ist richtig! Aber, Boy, wer hat dir das gesagt? Ich bin doch all mein Lebtag noch nicht hier in dieser Gegend gewesen.“

„O,“ lächelte der Jüngling, „man wird doch einen so berühmten Westmann kennen, wie du bist.“

Frank blies sich auf, daß ihm der Frack zu eng werden wollte, und sagte:

„Ich? berühmt? Auch das weißt du schon?“

„Ja!“

„Wer hat es dir gesagt?“

„Ein früherer Bekannter von mir, Jakob Pfefferkorn, welcher gewöhnlich nur der dicke Jemmy genannt wird.“

„Alle Wetter! Mein Spezial! Wo hast du den getroffen?“

„Vor einigen Tagen eben am Washita Fork. Er erzählte mir, daß ihr euch verabredet habt, euch hier in Helmers Home zu treffen.“

„Das ist richtig. Kommt er denn?“

„Ja! Ich bin eher aufgebrochen und komme direkt von oben herunter. Er wird jedenfalls bald nachfolgen.“

„Das ist herrlich; das ist prächtig! Also er hat dir von uns erzählt?“

„Er hat mir eueren ganzen Zug nach dem Yellowstone berichtet. Als du mir vorhin sagtest, daß du auch Forstmann gewesen seist, wußte ich sogleich, wen ich vor mir habe.“

„So wirst du mir nun glauben, daß ich ein guter Deutscher bin?“

„Nicht nur das bist du, sondern ein guter, herzensbraver Kerl überhaupt,“ lächelte der junge Mann.

„So hat der Dicke mich also nicht schlecht gemacht?“

„Ist ihm gar nicht eingefallen! Wie könnte er seinen braven Frank verleumden!“

„Ja, weißt du, wir haben uns zuweilen ganz außerordentlich über Dinge gestritten, welche zu begreifen eine Gymnasialbildung nicht ganz hinreichend ist. Er hat aber glücklicherweise eingesehen, daß wir einander überlegen sind, und so kann es nun auf der ganzen Welt keine besseren Freunde, als uns, geben. – Aber da ist Bob, und da ist das Gehölz. Wie nun weiter?“

„Über den Bach hinüber und zwischen den Bäumen hindurch; das ist die genaue Richtung. Reiter, wie Bob einer ist, brauchen keinen gebahnten Weg.“

„Ja, richtig!“ stimmte der Neger stolz bei. „Massa Bloody-fox haben sehen, daß Masser Bob reiten wie ein Indianer. Masser Bob machen mit durch dick und dünn.“

Sie setzten über das Wasser, ritten durch das Wäldchen, woran kein Unterholz sie hinderte, und kamen dann zwischen eingezäunten Mais-, Hafer- und Kartoffelfeldern hindurch.

Hier gab es stellenweise den fruchtbaren, schwarzen Sandboden des texanischen Hügellandes, welcher reiche Ernten gibt. Das Wasser des Baches erhöhte den Wert des Settlementes und floß ganz nahe an dem Wohnhause vorüber, hinter welchem sich die Stallungen und Wirtschaftsgebäude befanden.

Das Haus war aus Stein gebaut, lang, tief und ohne Oberstock, doch enthielten die Giebelseiten je zwei kleine Dachstuben. Vor der Thüre standen vier riesige Postoaks mit bis zur Spitze kerzengeraden Stämmen, von welchen weitschattende Äste ausgingen, unter denen mehrere einfache Tische und Bänke angebracht waren. Man sah es auf den ersten Blick, daß rechts vom Eingange der Wohnraum, und links von demselben der von Bloody-fox erwähnte Laden lag.

An einem der Tische saß ein ältlicher Mann, welcher, die Tabakspfeife im Munde, den drei Ankömmlingen forschend entgegenblickte. Er war von hoher, derber Gestalt, wetterhart im Gesicht, welches ein dichter Vollbart umrahmte, ein echter Westmann, dessen Händen es anzusehen war, daß sie wenig geruht, aber viel geschafft und gearbeitet hatten.

Als er den Führer der beiden Fremden erkannte, stand er auf und rief ihm bereits von weitem entgegen:

Welcome, Bloody-fox! Lässest du dich endlich wieder einmal sehen? Es gibt Neuigkeiten.“

„Von woher?“ fragte der Jüngling.

„Von da drüben.“

Er deutete mit der Hand nach Westen.

„Was für welche? Gute?“

„Leider nicht. Es hat wahrscheinlich wieder einmal Hyänen in den Plains gegeben.“

Die Llano estakata wird nämlich von dem englisch sprechenden Amerikaner Staked Plain genannt. Beide Bezeichnungen haben aber ganz denselben wörtlichen Sinn.

Diese Nachricht schien den jungen Mann förmlich zu elektrisieren. Er schwang sich aus dem Sattel, trat schnell auf den Mann zu und sagte:

„Das mußt du mir sofort erzählen!“

„Es ist wenig genug und läßt sich sehr bald sagen. Vorher aber wirst du doch so höflich sein, diesen beiden Gentlemen mitzuteilen, wer ich bin.“

„Das ist ebenso bald gesagt. Du bist Master Helmers, der Besitzer dieser Farm, und diese Herren sind gute Freunde von mir, Master Hobble-Frank und Masser Sliding-Bob, die dich aufsuchen wollen, um vielleicht etwas von dir zu kaufen.“

Helmers betrachtete die beiden Genannten und bemerkte:

„Will sie erst kennen lernen, ehe ich mit ihnen handle. Habe sie noch nie gesehen.“

„Du kannst sie ruhig bei dir aufnehmen; ich habe sie ja meine Freunde genannt.“

„Im Ernste oder aus Höflichkeit?“

„In vollem Ernste.“

„Nun, dann sind sie mir willkommen.“

Er streckte Frank und auch dem Neger die Hand entgegen und lud sie ein, sich niederzusetzen.

„Erst die Pferde, Sir,“ sagte Frank. „Ihr wißt ja, was die erste Pflicht eines Westmanns ist.“

„Wohl! Aus eurer Sorge für die Tiere ersehe ich, daß ihr brave Bursche seid. Wann wollt ihr wieder fort?“

„Wir sind vielleicht gezwungen, einige Tage hier zu bleiben, da wir gute Kameraden erwarten.“

„So führt die Pferde hinter das Haus, und ruft nach Herkules, dem Neger. Der wird euch in allem gern zu Diensten sein.“

Die beiden folgten dieser Aufforderung. Helmers blickte ihnen kopfschüttelnd nach und sagte zu Bloody-fox:

„Sonderbare Kerle hast du mir da gebracht! Einen französischen Rittmeister mit schwarzer Haut und einen Gentleman von vor fünfzig Jahren mit ostrich-feather-hat. Das fällt selbst hier im fernen Westen auf“

„Laß dich nicht irre machen, Alter! Ich will dir nur einen einzigen Namen nennen; dann wirst du ihnen trauen. Sie sind gute Bekannte von Old Shatterhand, den sie hier erwarten.“

„Was? Wirklich?“ rief der Farmer. „Old Shatterhand will nach Helmers Home kommen?“

„Ja, gewiß!“

„Von wem hast du das? Von den beiden?“

„Nein, sondern von dem dicken Jemmy Pfefferkorn.“

„Auch den hast du getroffen? Ich bin ihm nur zweimal begegnet, möchte ihn aber gern einmal wiedersehen.“

„Das wirst du bald. Er kommt auch hierher. Er gehört zu der Gesellschaft, welche die beiden bei dir erwarten.“

Helmers sog schnell einigemal an seiner Pfeife, die ihm ausgehen wollte; dann rief er, indem sein Gesicht vor Freude glänzte:

„Welch eine Nachricht! Old Shatterhand und der dicke Jemmy! Das ist eine Freude und eine Ehre, die ich zu würdigen weiß. Ich muß nun gleich zu meinem alten Bärbchen laufen, um ihr mitzuteilen, daß ––“

„Halt!“ unterbrach Bloody-fox den Farmer, indem er ihn, der forteilen wollte, am Arme festhielt, „erst will ich hören, was sich dort auf den Plains begeben hat!“

„Ein Verbrechen natürlich,“ antwortete Helmers, indem er sich wieder zu ihm wandte. „Wie lange warst du nicht bei mir?“

„Fast zwei Wochen.“

„So hast du auch die vier Familien nicht bei mir gesehen, welche über die Llano wollten. Sie sind seit über einer Woche fort von hier, aber nicht drüben angekommen. Burton, der Trader, ist von drüben herüber. Sie müßten ihm begegnet sein.“

„Sind die Pfähle in Ordnung gewesen?“

„Eben nicht. Hätte er die Wüste nicht seit zwanzig Jahren so genau kennen gelernt, so wäre er verloren.“

„Wo ist er hin?“

„Er liegt eben in der kleinen Stube, um sich auszuruhen.

Er war bei seiner Ankunft halb verschmachtet, hat aber trotzdem nichts genossen, um nur gleich schlafen zu können.“

„Ich muß zu ihm. Ich muß ihn trotz seiner Müdigkeit wecken. Er muß mir erzählen!“

Der junge Mann eilte ganz erregt fort und verschwand im Eingange des Hauses. Der Farmer setzte sich wieder nieder und rauchte seine Pfeife weiter. Mit der Verwunderung über die Eilfertigkeit des Jünglings fand er sich durch ein leichtes Kopfschütteln ab; dann nahm seine Miene den Ausdruck behaglicher Genugthuung an. Der Grund derselben war sehr leicht aus den Worten zu erkennen, welche er vor sich hin murmelte:

„Der dicke Jemmy! Hm – – – ! Und gar Old Shatterhand! Hm – – – ! Und solche Männer bringen nur tüchtige Kerls mit! Hm – – – ! Es wird eine ganze Gesellschaft kommen! Hm – – – ! Aber ich wollte es doch meinem Bärbchen sagen, daß – – –“

Er sprang auf, um die erfreuliche Neuigkeit seiner Frau mitzuteilen, blieb aber doch stehen, denn soeben kam Frank um die Ecke des Hauses auf ihn zu.

„Nun, Master, habt Ihr den Neger gefunden?“ fragte ihn Helmers.

„Ja,“ antwortete Frank. „Bob ist bei ihm, und so kann ich ihnen die Pferde überlassen. Ich muß vor allen Dingen wieder zu Euch, um Euch zu sagen, wie sehr ich mich freue, daß ich einen Kollegen gefunden habe.“

Er sprach englisch. Es war überhaupt bisher alles in englischer Sprache gesprochen worden.

„Einen Kollegen?“ fragte der Farmer. „Wo denn?“

„Hier! Euch meine ich natürlich.“

„Mich? Wieso?“

„Nun, Bloody-fox hat mir gesagt, daß Ihr Oberförster gewesen seid.“

„Das ist richtig.“

„So sind wir also Kollegen, denn auch ich bin ein jünger der Forstwissenschaft gewesen.“

„Ah! Wo denn, mein Leber?“

„In Deutschland, in Sachsen sogar.“

„Was! In Sachsen? So sind Sie ein Deutscher? Warum sprechen Sie da englisch! Bedienen Sie sich doch Ihrer schönen Muttersprache!“

Dies sagte Helmers deutsch, und sofort fiel Hobble-Frank ein:

„Mit größtem Vergnügen, Herr Oberförschter! Wenn es sich um meine angeschtammte Mutterschprache handelt, dann mache ich keene Schperrenzien, sondern gehe off der Schtelle mit droff ein. Sie werden es sofort der Reenheit oder der Reinheet meines syntaxischen Ausdruckes anhören, daß ich in derjenigen Gegend Deutschlands existiert habe, in welcher bekanntlich das gelenkigste und hochgeläutertste Deutsch geschprochen wird, nämlich in Moritzburg, bei der Residenzschtadt Dresden, wissen Sie, wo das Schloß mit dem Bildnisse Augusts des Schtarken und den berühmten Karpfenteichen sich befindet. Ich begrüße Sie also im Namen der edlen Forschtkultur und hoffe, Sie sehen es sofort ein, daß Sie es in mir mit eenem hervorragenden ingenium magnam sine mixtura Clementius zu thun haben!“

Sonderbar! Wenn Frank sich des Englischen bediente, so war er ein ganz verständiges und bescheidenes Männchen; aber sobald er begann, sich deutsch auszudrücken, erwachte die Erkenntnis seiner Selbstherrlichkeit in ihm.

Helmers wußte zunächst nicht, was er denken solle. Er drückte ihm die so freundlich dargebotene Hand, gab keine direkte Antwort, lud den Herrn „Kollegen“ ein, sich niederzusetzen, und versuchte, dadurch Zeit zu gewinnen, daß er sich in das Haus begab, um eine Erfrischung herbeizuholen. Als er zurückkehrte, hatte er zwei Flaschen und zwei Biergläser in der Hand.

„Sapperment, das ist günstig!“ rief Frank. „Bier! Ja, das laß ich mir gefallen! Beim edlen Gerschtenschtoff öffnen sich am leichtesten die Schleusen männlicher Beredsamkeet. Wird denn hier in Texas ooch schon welches gebraut?“

„Sehr viel sogar. Sie müssen wissen, daß es in Texas vielleicht über vierzigtausend Deutsche gibt, und wo der Deutsche hinkommt, da wird sicherlich gebraut.“

„Ja, Hopfen und Malz, Gott erhalt’s! Brauen Sie die liebe Gottesgabe selber?“

„Nein! Ich lasse mir, so oft es paßt, einen Vorrat aus Coleman City kommen. Prosit, Herr Frank!“

Er hatte die Gläser gefüllt und stieß mit Frank an. Dieser aber meinte:

„Bitte, Herr Oberförschter, genieren und fürchten Sie sich nich! Ich bin een höchst leutseliger Mensch; darum brauchen Sie mich nich Herr Frank zu titulieren. Sagen Sie ganz eenfach immer nur Herr Kollege! Da kommen wir beede gleich am besten weg. Ich habe die fürschtlich epidemische Hofetikette niemals nich recht leiden gekonnt. Ihr Bier is nich übel. Warum wollen wir uns also den Appetit oder vielmehr den Trinketit mit überschpannten und off die Schpitze geschraubten Neujahrschgratulationen verderben. Meenen Sie nich ooch?“

„Ganz recht!“ nickte Helmers lachend. „Sie sind der Mann, der mir gefallen kann.“

„Natürlich! Etwas herablassend und liberal muß jeder sein, der den richtigen, intelligenten Verschtand sich angebildet hat. Was mich betrifft, so is mir das bei meiner fachmännischen Begabung gar nich schwer gefallen; aber wo haben denn Sie eegentlich schtudiert?“

„In Tharandt.“

„Hab‘ mir’s gleich gedacht, denn Tharandt is der Alba Vater für die Forschtpraktikanten der ganzen Welt.“

„Wollten Sie etwa sagen, Alma mater?“

„Nee, ganz und gar nich. Versuchen Sie es nich etwa, mir an meinem klassisch hebräischen Latein herumzumäkeln, wie früher der dicke Jemmy es zu seinem eegenen Schaden that? Wenn Sie das thun, da könnte unser schönes, penetrantes Verhältnis sehr leicht eene schlimme Wendung nehmen. Unsereener is ja Koryphäe und darf also so etwas nich dulden. Wo schteckt denn eegentlich unser guter Bloody-fox?“

„Er ist zu einem Gast von mir gegangen, um eine Erkundigung einzuziehen. Wo haben Sie ihn getroffen?“

„Draußen am Bache, ungefähr eene Schtunde von hier.“

„Ich dachte, Sie wären längere Zeit beisammen gewesen.“

„Das is nich im mindesten nötig. Ich habe so etwas anziehend Sympathetisches an mir, daß ich immer sehr schnell mit aller Welt befreundet werde. Der Psycholog nennt das die Sympolik der Geschmacks- und der Gefühlsorgane, was leider nich jedermann gegeben is. Der junge Mann hat mir bereits seinen ganzen Lebenslauf off das geheimnisvollste anvertraut. Ich widme ihm die ganze Teilnahme meines öffentlichen Herzens und hoffe, daß unsere junge Bekanntschaft für ihn eene wirkliche Kalospinthechromohelene des Glückes werde. Wissen Sie nichts Näheres über ihn?“

„Wenn er Ihnen seinen ganzen Lebenslauf erzählt hat, nein.“

„Wovon lebt er denn eigentlich?“

„Hm! Er bringt mir zuweilen einige Nuggets. Daraus schließe ich, daß er irgendwo einen kleinen Goldfund gemacht habe.“

„Das will ich ihm gönnen, zumal er een Deutscher zu sein scheint. Es muß schrecklich sein, nich zu wissen, unter dem wievielsten Äquator die erschte Lebenswiege der betreffenden Persönlichkeet geschtanden hat. Wir zwee beede, Sie und ich, kennen dieses hippokratische Leiden freilich nich. Wir wissen glücklicherweise, wohin sich unsere heimatsvolle Sehnsucht zu richten hat, nämlich nach Deutschland – – dahin, dahin, wie Galilei so schön in seinem Mingnonliede singt.“

„Sie meinen wohl Goethe?“

„Nee, ganz und gar nich! Ich weeß gar wohl zwischen Goethe und Galilei zu unterscheiden. Goethe gehört eener ganz anderen höhern Volksschule an. Er hätte solche gefühlvolle Reime gar nich fertig gebracht. Galilei aber mit seinem Fernrohre und seiner Sehnsucht nach elegischen Kometen hat das richtige Tirolerheimweh getroffen, indem er dichtete:

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, Ums Schindeldach die jungen Schtörche ziehn? Der Loobfrosch flötet abends im Geschträuch, Und Lunas Bild schtrahlt aus dem nahen Teich. Dort ist’s gemütlich, drum dorthin Schteht mir die Nase und schteht mir der Sinn!“

Er hatte sich von seinem Sitze erhoben, die Verse deklamiert und mit Gesten begleitet. Jetzt sah er den Farmer erwartungsvoll an. Dieser mußte sich die größte Mühe geben, ernsthaft zu bleiben. Da er kein anerkennendes Wort sagte, fragte Frank verdrießlich:

„Es scheint, daß die Poesie keenen Eindruck off Sie macht. Haben Sie denn gar so een nüchternes Temperament?“

„Nein, nein! Ich schwieg nur aus Verwunderung darüber, daß Sie die Worte des Dichters so genau und so lange Zeit behalten können.“

„Das is weiter nichts. Was ich lese, das merk‘ ich mir. Und habe ich’s ja vergessen, so verbessere ich’s. Off diese Weise kann der Applaus gar nich ausbleiben.“

„So sind Sie ja ein geborener Dichter!“

„Ja, viel wird nicht daran fehlen I“

„So beneide ich Sie. Ich habe einmal zwei volle Tage lang meinen Kopf gemartert, um zwei Reime zu einem Geburtstagsgedichte fertig zu bringen – vergebens; ich konnte nicht Heureka! rufen.“

„Hören Sie, gebrauchen Sie das Wort nich falsch! Es is eene arabische Beschwörungsformel und bedeutet off deutsch: Der Teufel is los! Mit solchen Zaubereien muß man sehr vorsichtig sein, denn man weeß ja gar nich, was daraus entschtehen kann. Denken Sie nur daran, wie es dem berühmten Dschengischan mit seinen dreihundert Schpartanern ergangen is!“

„Wie denn?“ fragte der Farmer, neugierig, was jetzt kommen werde.

„Er lag mit ihnen hinter dem Engpaß von Gibraltar, den die Tscherkessen erschtürmen wollten. Weil er so wenig Leute hatte, ließ er die berühmte Hexe von Endor kommen, um ihm zu helfen. Er setzte sich mit ihr und seinen Schpartanern um den Kessel herum, in welchen allerlee Kräuter und Elefantenfüße geworfen wurden. Jedenfalls is da een Versehen vorgekommen, denn plötzlich zerschprang der Kessel und Dschengischan flog mit sämtlichen Schpartanern in die Luft. Er war der Höchste von allen und sah bei dieser Gelegenheet, daß die Erde sich unter ihm um ihre Achse drehte. Da rief er off hebräisch aus: 0 sancta Complicius, zu deutsch: Und sie bewegt sich doch!“

Da konnte Helmers sich nicht mehr halten. Er sprang empor und stieß ein schallendes Gelächter aus. Daß der Hobble-Frank in seinem Fracke und dem Amazonenhute diesen Gallimathias mit solchem Ernste vorbrachte, war gar zu spaßhaft.

„Was lachen Sie denn?“ fragte Frank beleidigt. „Glooben Sie denn etwa, weil ich Ihr Kollege bin, können Sie mir ungeschtraft – – –“

Er wurde glücklicherweise unterbrochen, sonst hätte er eine donnernde Philippika losgelassen. Bloody-fox trat nämlich jetzt wieder aus dem Hause und kam auf die beiden zu. Er blickte dem Hobble-Frank in das vor Zorn hochrote Gesicht und fragte:

„Was gibt es denn? Worüber räsonnierest du?“

Er sprach deutsch, weil er hörte, daß Frank sich derselben Sprache bediente. Dieser antwortete:

„Worüber ich zürne? Darüber, daß dieser mein Kollege mich auslacht. Und warum lacht er mich aus? Weil er nichts von der sekundären Weltgeschichte verschteht. Ich gebe mir die schönste antike Mühe, ihm die antediluvianischen Konschtellationen der tscherkessischen Kriegsgeschichte zu erklären, aber er hat nich den mindesten Sinn für das Verhältnis zwischen der Taktik und Schtrategie des Mittelalters.“

„Taktik? Strategie?“ fragte der junge Mann ganz verblüfft.

„Jawohl! Natürlich! Kennst du es?“

„Nein!“

„So will ich es dir erklären. Die richtige Taktik schteht zur richtigen Schtrategie grad in demselben Verhältnisse wie die Geometrie zur Archimetik, nämlich Radius mal Radius minus ix is gleich dem Quadrate der Hippodromuse mit zwee Kathedern im Lehrzimmer der Obersekunda. Kannst du das begreifen?“

„Nein,“ antwortete Bloody-fox, sehr der Wahrheit gemäß.

„Das kann ich mir freilich denken, denn zu solchen genialen Schpekulationen gehört een angeborener Menschenverstand und sodann eene fleißige Ausbildung der internationalen Seelenkräfte. Wem’s weder angeboren noch anerzogen is, der kann es eben nich begreifen. Du geschtehst das wenigstens ein und bleibst ernst dabei. Der Kollege aber kapiert es nich und lacht mich aus. Was soll ich von ihm denken? Er kennt mich nich. Ich bin geboren nach dem alten griechischen Sprichworte inter sacrum et saxum stat = im heiligen Staate Sachsen, und bin nich gewöhnt, über mich lachen zu lassen. Überlege dir die Sache und ––“

„Schön! Ich werde es mir sehr gern überlegen,“ unterbrach ihn Bloody-fox. „Jetzt aber habe ich keine Zeit dazu. Ich kann jetzt nur an die armen Menschen denken, welche in der Llano estakata ermordet worden sind.“

Er hatte wohl von dem dicken Jemmy genug erfahren, um zu wissen, wie der Hobble-Frank zu behandeln sei. Darum hütete er sich, demselben zu widersprechen und brachte einen Gegenstand zur Sprache, welcher ihn interessieren und von der Strafpredigt abbringen mußte. Er erreichte seine Absicht, denn Frank vergaß sofort seinen Zorn und fragte:

„Menschen sind ermordet worden? In der Llano? Wann denn?“

„Das weiß man nicht. Sie sind vor über acht Tagen von hier fort, aber nicht jenseits der Wüste angekommen. Folglich sind sie zu Grunde gegangen.“

„Vielleicht doch nicht. Sie werden wohl in anderer Richtung geritten sein, als sie ursprünglich beabsichtigt haben.“

„Eben das ist es ja, was ich befürchte. Von hier aus ist es nur in einer einzigen Richtung möglich, über die gefährlichen Plains zu gelangen. Diese Strecke ist ebenso gefährlich wie zum Beispiele die Sahara oder die Wüste Gobi. Es gibt in der Llano estakata keine Brunnen, keine Oasen und auch keine Kamele, welche viele Tage lang zu dürsten vermögen. Das macht diese Strecke so fürchterlich, obgleich sie kleiner ist als die große afrikanische oder asiatische Wüste. Es gibt keinen gebahnten Weg. Darum hat man die Richtung, in welcher der Ritt allein möglich ist, mit Pfählen abgesteckt, wovon die Wüste ihren Namen erhalten hat. Wer über diese Pfähle hinausgerät, der ist verloren; er muß den Tod des Verschmachtens sterben. Hitze und Durst verzehren ihm das Hirn; er verliert die Fähigkeit des Denkens und reitet so lange im Kreise herum, bis sein Pferd unter ihm zusammenbricht und er dann nicht weiter kann.“

„So darf er nicht den abgesteckten Weg verlassen, meinst du wohl?“ fragte Helmers, welcher sah, daß Frank den Kopf schüttelte.

„Ja, das wollte ich sagen,“ antwortete dieser.

„Diese Vorsicht beobachtet auch jedermann. Es gibt nur sehr, sehr wenige, welche die Llano so genau kennen, daß sie sich auch ohne Pfähle zurecht zu finden vermögen. Aber wie nun, wenn von schlechten Menschen die Pfähle falsch gesteckt werden?“

„Das wäre ja teuflisch!“

„Gewiß, aber dennoch kommt es vor. Es gibt Verbrecherbanden, deren Mitglieder die Pfähle aus der Erde ziehen und in falscher Richtung wieder befestigen. Wer ihnen nun folgt, der ist verloren. Die Pfähle hören plötzlich auf; er befindet sich inmitten des Verderbens und kann keine Rettung finden.“

„So reitet er längs der Pfähle zurück!“

„Dazu ist’s zu spät, denn er befindet sich bereits so tief in der Estakata, daß er das Grasland nicht mehr zu erreichen vermag, bevor er verschmachtet. Die Räuber brauchen ihn gar nicht zu töten. Sie warten einfach, bis er verschmachtet ist, und rauben dann seinen Leichnam aus. So ist es bereits oft geschehen.“

„Aber kann man sie denn nicht unschädlich machen?“

Eben, als Helmers antworten wollte, wurde seine Aufmerksamkeit durch einen sich langsam nähernden Mann in Anspruch genommen, dessen Ankunft erst jetzt, als er um die Ecke des Hauses trat, bemerkt wurde. Er war durchaus in schwarzes Tuch gekleidet und trug ein kleines Päckchen in der Hand. Seine lange Gestalt war sehr schmal und engbrüstig, sein Gesicht hager und spitz. Der hohe Chapeau claque, welcher ihm tief im Nacken saß, gab ihm, zumal er eine Brille trug, im Verein mit dem dunklen Anzuge das Aussehen eines Geistlichen.

Er trat mit eigentümlich schleichenden Schritten näher, griff leicht an den Rand seines Hutes und grüßte:

Good day, Mesch’schurs! Komme ich vielleicht hier richtig zu John Helmers, Esquire?“

Helmers betrachtete sich den Mann mit einem Blicke, aus welchem zu ersehen war, daß er kein großes Wohlgefallen an ihm fand, und antwortete:

„Helmers heiße ich, ja, aber den Esquire könnt Ihr getrost weglassen. Ich bin weder Friedensrichter, noch liebe ich überhaupt dergleichen Titulaturen. Das sind doch nur faule Äpfel, mit denen sich ein Gentleman nicht gern bewerfen läßt. Da Ihr meinen Namen kennt, so darf ich vielleicht auch den Eurigen erfahren?“

„Warum nicht, Sir! Ich heiße Tobias Preisegott Burton und

bin Missionar der Heiligen des jüngsten Tages.“ –

Er sagte das in einem sehr selbstbewußten und salbungsvollen Tone, welcher aber keineswegs den beabsichtigten Eindruck auf den Farmer machte, denn dieser meinte achselzuckend:

„Ein Mormone seid Ihr also? Das ist keineswegs eine Empfehlung für Euch. Ihr nennt Euch die Heiligen der letzten Tage. Das ist anspruchsvoll und überhebend, und da ich ein sehr bescheidenes Menschenkind bin und für Eure Selbstgerechtigkeit nicht den mindesten Sinn habe, so wird es am besten sein, Ihr schleicht in Euren frommen Missionsstiefeln sogleich weiter. Ich dulde keinen Proselytenmacher hier im Settlement.“

Das war sehr deutlich, ja sogar beleidigend gesprochen. Burton aber behielt seine verbindliche Miene bei, griff abermals höflich an den Hut und antwortete:

„Ihr irrt, Master, wenn Ihr meint, daß ich beabsichtige, die Bewohner dieser gesegneten Farm zu bekehren. Ich spreche bei Euch nur vor, um mich auszuruhen und meinen Hunger und Durst zu stillen.“

„So! Na, wenn Ihr nur das wollt, so sollt Ihr haben, was Euch nötig ist, vorausgesetzt natürlich, daß Ihr bezahlen könnt. Hoffentlich habt Ihr Geld bei Euch!“

Er überflog die Gestalt des Fremden abermals mit einem scharfen, prüfenden Blicke und zog dann ein Gesicht, als ob er etwas nichts weniger als Angenehmes gesehen habe. Der Mormone erhob den Blick gen Himmel, räusperte sich einigemal und erklärte:

„Zwar bin ich keineswegs übermäßig mit Schätzen dieser sündigen Welt versehen, aber Essen, Trinken und ein Nachtlager kann ich doch bezahlen. Freilich hatte ich nicht auf eine solche Ausgabe gerechnet, da mir gesagt wurde, daß das Haus John Helmers ein außerordentlich gastliches sei.“

„Ah? Von wem habt Ihr das denn erfahren?“

„Ich hörte es in Taylorsville, von woher ich komme.“

„Da ist Euch die Wahrheit gesagt worden; aber man scheint vergessen zu haben, hinzuzufügen, daß ich unentgeltliche Gastfreundschaft nur an solchen Leuten übe, welche mir willkommen sind.“

„So ist das bei mir wohl nicht der Fall?“

„Nein, gar nicht.“

„Aber ich habe Euch doch nichts gethan!“

„Möglich! Doch wenn ich Euch genau betrachte, ist es mir, als ob mir von Euch nur Übles geschehen könne. Nehmt es mir nicht übel, Sir! Ich bin ein aufrichtiger Kerl und pflege einem jeden genau nur das zu sagen, was ich von ihm denke. Ihr habt ein Gesicht – – ein Gesicht – – hm, wenn man es erblickt, so juckt es einem in der Hand. Man pflegt das ein – ein – ein Ohrfeigengesicht zu nennen.“

Selbst jetzt that der Mormone nicht, als ob er sich beleidigt fühle. Er griff zum drittenmal an den Hut und sagte in mildem Tone:

„Es ist in diesem Leben das Schicksal der Gerechten, verkannt zu werden. Ich bin nicht schuld an meinem Gesichte. Wenn es Euch nicht gefällt, so ist das nicht meine, sondern Eure Sache.“

„So! Aber sagen braucht Ihr es Euch nicht zu lassen. Wenn jemand mir so aufrichtig mitteilte, daß mein Gesicht ihm nicht gefalle, so würde er im nächsten Augenblicke meine Faust in dem seinigen fühlen. Es gehört ein großer Mangel an Ehrgefühl oder – wie Ihr vielleicht meint – eine noch größere Verschlagenheit dazu, so etwas ruhig hinzunehmen. Übrigens will ich Euch sagen, daß ich gegen Euer Gesicht an und für sich eigentlich gar nichts habe, sondern nur die Art und Weise, wie Ihr es in der Welt herumtragt, die behagt mir nicht. Und sodann kommt es mir ganz so vor, als ob es gar nicht Euer wirkliches Gesicht sei. Ich vermute sehr, daß Ihr eine ganz andere Miene aufsteckt, wenn Ihr Euch mit Euch allein befindet. Übrigens will mir auch noch anderes an Euch nicht recht gefallen.“

„Darf ich bitten, mir zu sagen, was Ihr meint?“

„Ich sage es Euch, auch ohne daß Ihr mich darum bittet. ich habe nämlich sehr viel dagegen, daß Ihr aus Taylorsville kommt.“

„Warum? Habt Ihr Feinde dort?“

„Keinen einzigen. Aber sagt mir doch einmal, wohin Ihr wollt?“

„Hinauf nach Preston am Red River.“

„Hm! Da geht wohl der nächste Weg hier bei mir vorüber?“

„Nein, aber ich hörte so viel Liebes und Gutes von Euch, daß es mich im Herzen verlangt hat, Euch kennen zu lernen.“

„Das wünscht ja nicht, Master Burton, denn es könnte Euch nicht gut bekommen! Kommt Ihr denn zu Fuß hierher?“

„Ja.“

„Ihr seid nicht im Besitze Eures Pferdes?“

Meines Pferdes? Ich habe keines.“

Oho! Versucht doch ja nicht, mir das weiszumachen! Ihr habt das Tier hier irgendwo versteckt, und ich vermute sehr, daß es kein ganz ehrenhafter Grund ist, der Euch dazu veranlaßt hat. Hier reitet jeder Mann, jede Frau und jedes Kind. Ohne Pferd gibt es in dieser Gegend kein Fortkommen. Ein Fremder, welcher sein Pferd versteckt und dann leugnet, eins zu besitzen, führt sicherlich nichts Gutes im Schilde.“

Der Mormone schlug die Hände beteuernd zusammen und rief:

„Aber, Master Helmers, ich schwöre Euch zu, daß ich wirklich kein Roß besitze. Ich gehe auf den Füßen der Demut durch das Land und habe noch nie in einem Sattel gesessen.“

Da erhob sich Helmers von der Bank, trat zu dem Manne hin, legte ihm die Hand schwer auf die Achsel und sagte:

„Mann, das sagt Ihr mir, wirklich mir, der ich so lange Jahre hier an der Grenze lebe? Meint Ihr denn, ich sei blind?“

„Ich sehe ja, daß Ihr Euch die Wolle von den inneren Seiten Eurer Hose geritten habt. Ich sehe die Sporenlöcher in Euren Stiefeln, und – – –“

„Das ist kein Beweis, Sir!“ fiel der Mormone ihm in die Rede. „Ich habe die Stiefeln alt gekauft; die Löcher waren bereits darin.“

:So! Wie lange Zeit tragt Ihr sie denn nun bereits?“

Seit zwei Monaten.“

„Dann wären die Löcher längst mit Staub oder Schmutz gefüllt. Oder macht Ihr Euch etwa das Vergnügen, sie täglich neu auszubohren? Es hat in letzter Nacht geregnet; eine so weite Fußwanderung hätte Eure Stiefel über und über beschmutzt. Daß sie so sauber sind, wie ich sehe, ist ein sicherer Beweis, daß Ihr geritten seid. Übrigens duftet Ihr nach Pferd, und da, da schaut einmal her! Wenn Ihr wieder einmal die Sporen in die Hosentasche steckt, so sorgt dafür, daß nicht ein Rad davon außen am Saume hängen bleibt!“

Er deutete auf das messingene Sporenrad, welches aus der Tasche hervorsah.

„Diese Sporen habe ich gestern gefunden,“ verteidigte sich der Mormone.

„So hättet Ihr sie lieber liegen lassen sollen, da Ihr sie ja doch nicht braucht. Übrigens braucht es mich ja gar nichts anzugehen, ob Ihr reitet oder mit Schusters Fregatte segelt. Meinetwegen könnt Ihr auf Schlittschuhen durch die Welt laufen. Wenn Ihr bezahlen könnt, so sollt Ihr Essen und Trinken haben; dann aber macht Euch wieder fort. Über die Nacht kann ich Euch nicht behalten. Ich nehme nur Leute, welche keinen Verdacht erregen, bei mir auf.“

Er trat an das offene Fenster, sagte einige halblaute Worte hinein und kehrte dann wieder an seinen Platz zurück, wo er sich niederließ und sich scheinbar gar nicht weiter um den Fremden bekümmerte.

Dieser setzte sich an den nächsten Tisch, legte sein Bündel auf denselben, faltete kopfschüttelnd die Hände und senkte ergeben das Haupt, ruhig wartend, was man ihm bringen werde. Er hatte ganz das Aussehen eines Mannes, welchem ein unverdienter Schmerz bereitet worden war.

Hobble-Frank hatte der kurzen Unterhaltung mit Interesse zugehört; jetzt nun, da sie beendet war, beachtete er den Mormonen nicht weiter. Ganz anders aber verhielt sich Bloody-fox.

Dieser hatte gleich beim Erscheinen des Fremden die Augen weit geöffnet und dann den Blick nicht wieder von ihm gewendet. Er hatte sich nicht niedergesetzt gehabt und war willens gewesen, die Farm zu verlassen; sein Pferd stand ja noch neben ihm. Jetzt griff er sich nach der Stirn, als ob er sich vergeblich bemühe, sich auf etwas zu besinnen. Dann ließ er die Hand sinken und nahm langsam dem Farmer gegenüber Platz, so daß er den Mormonen genau beobachten konnte. Er gab sich Mühe, sich nichts merken zu lassen; aber ein scharfer Beobachter hätte dennoch bemerken können, daß er innerlich in ganz ungewöhnlicher Weise beschäftigt sei.

Da trat eine ältliche, wohlbeleibte Frau aus der Thür. Sie brachte Brot und ein gewaltiges Stück gebratene Rindslende herbei.

„Das ist meine Frau,“ erklärte Helmers dem Hobble-Frank in deutscher Sprache, während er mit dem Mormonen englisch gesprochen hatte. „Sie versteht ebensogut deutsch wie ich.“

„Das freut mich ungeheuer,“ meinte Frank, indem er ihr die Hand reichte. „Es is gar lange Zeit her, daß ich zum letzten Male mit eener Lady mich um die deutsche Muttersprache herumbewegte. Seien Sie mir also hoch willkommen und gebenedeiet, meine scharmante Frau Helmers. Hat Ihre Wiege sich vielleicht ooch im Vater Rheine oder in der Schwester Elbe geschaukelt?“

„Wenn auch das nicht,“ antwortete sie lächelnd. „Man pflegt selbst drüben in der Heimat die Wiegen nicht in das Wasser zu stellen. Aber eine geborene Deutsche bin ich doch.“

„Na, das mit dem Rheine und der Elbe war natürlich nich so wörtlich gemeent. Sie müssen das als een poetisch humanes Metafferbeischpiel nehmen. Ich hab meinen erschten wonnevollen Atemzug in der Nähe von Elbflorenz gethan, was der mathematische Geograph nämlich Dresden nennt. Da is es bei den dortigen Kunstschätzen keen Wunder nich, wenn unsereener sich gewöhnt hat, in der höheren lyrischen Ausdrucksweise zu schweben. Wenn Schiller im Gange nach der Hammerschmiede so schön singt, der Menschheit Würde ist euch in alle beeden Hände gegeben, so sind wir Sachsen ganz besonders gemeent, denn uns hat das Herz des Dichters gehört, weil seine Frau, eene gewisse geborene Barbara Uttmann, ooch eene née Sächsin war. Trotzdem achte ich jede andere Deutsche ebenso, und so bitte ich Sie herzlich, Ihre gastlichen Flügel um mein freundliches Individuum zu schlagen. Den Dank, Dame, vergesse ich nich – -was sich übrigens bei meinem exquisiten Kulturschtandpunkte ganz von selbst verschteht.“

Die gute Frau wußte wirklich nicht, was sie dem eigentümlichen Kerlchen antworten sollte. Sie sah ihren Mann fragend an, und dieser kam ihr in ihrer Verlegenheit zu Hilfe, indem er ihr erklärte:

„Dieser Herr ist ein sehr lieber Kollege von mir, ein brav geschulter Forstmann, welcher drüben sicher eine gute Karriere gemacht hätte.“

„Ganz gewiß!“ fiel Frank schnell ein. „Die höhere, intensive Forschtwissenschaft war die Leiter, off welcher ich mit Armen und Beenen emporgeklimmt wäre, wenn mich nich mein Fatum hinten angepackt und herüber nach Amerika gezogen hätte. Ich habe es glücklicherweise nich zu bereuen, daß ich der Schtimme des Schicksales mein musikalisches Gehör geschenkt habe. Ich bin von den zwölf Musen emporgehoben worden off diejenige Zinne der subtellurischen Gesittung, off welcher dem Eingeweihten alles Niedrige wurscht und schnuppe is. Von diesem Standpunkte aus konschtatiere ich, daß die Frauen es sind, die uns den himmlischen Ambrosius im Neckar kredenzen, mit welchem Bilde ich mich natürlich off Ihr Bier und Ihre gebratene Lende beziehe. Darum wollen wir sofort die Klinge ziehen und uns der freundlichen Gaben erbarmen, welche wir Ihrer liebenswürdigen Loyalität zu verdanken haben. Ich hoffe, wir werden uns schnell kennen lernen, meine ergebenste Frau Helmers!“

„Das bin ich überzeugt!“ nickte sie ihm zu.

„Jawohl, natürlich! Hochgebildete Leute werden von ihrem angeborenen Inschtinkte sofort zusammengeführt. Was unter den Wolken liegt, das kümmert uns nichts. Übrigens ist mein Bier jetzt alle; könnte ich noch eens bekommen?“

Sie nahm sein Glas, um ihm das Gewünschte zu holen. Bei dieser Gelegenheit brachte sie für den Mormonen Brot, Käse, Wasser und ein kleines Gläschen voll Brandy mit. Er begann sein frugales Mahl, ohne sich darüber zu beschweren, daß er kein Fleisch erhalten hatte.

Da kam Bob der Neger herbei.

„Masser Bob sein fertig mit Pferden,“ meldete er. „Masser Bob auch mit essen und trinken!“

Da fiel sein Blick auf den „Heiligen der letzten Tage“. Er blieb stehen, fixierte den Mann einige Augenblicke und rief dann:

„Was sehen Masser Bob! Wer hier sitzen! Das sein Massa Weller, der Dieb, welcher haben gestohlen Massa Baumann all sein viel Geld!“

Der Mormone fuhr von seinem Sitze auf und starrte den Schwarzen erschrocken an.

„Was sagst du?“ fragte Frank, indem er auch aufsprang. „Dieser Mann soll jener Weller sein?“

„Ja, er es sein. Masser Bob ihn ganz genau kennen. Masser Bob ihn haben damals sehr gut ansehen.“

Lack-a-day! Das würde ja eine allerliebste Begegnung sein! Was sagt denn Ihr dazu, Master Tobias Preisegott Burton?“

Der Mormone hatte seinen augenblicklichen Schreck überwunden. Er machte eine verächtliche Armbewegung gegen den Neger und antwortete:

„Dieser Schwarze ist wohl nicht recht bei Sinnen? Ich verstehe ihn nicht. Ich weiß nicht, was er will!“

„Seine Worte waren doch deutlich genug. Er nannte Euch Weller und sagte, daß Ihr seinen Herrn, einen gewissen Baumann, bestohlen hättet.“

„Ich heiße nicht Wellen“

„Vielleicht habt Ihr einmal so geheißen?“

„Ich heiße jetzt und hieß auch zu aller Zeit Burton. Der Nigger scheint mich mit irgend jemand zu verwechseln.“

Da trat Bob drohend auf ihn zu und rief:

„Was sein Masser Bob? Masser Bob sein ein Neger, aber kein damned Nigger. Masser Bob sein ein coloured Gentleman. Wenn Massa Weller noch einmal sagen Nigger, so Masser Bob ihn schlagen nieder mit Faust, wie Massa Old Shatterhand es ihm hat zeigen!“

Da stellte sich Helmers zwischen die beiden und sagte:

„Bob, keine Thätlichkeit! Du klagst diesen Mann eines Diebstahles an. Kannst du Beweise bringen?“

„Ja, Bob Beweise bringen. Massa Frank auch wissen, daß Massa Baumann sein bestohlen worden. Er können Zeuge sein.“

„Ist das wahr, Master Frank?“ „Ja,“ antwortete der Gefragte. „Ich kann es bezeugen.“ „Wie ist es denn bei dem Diebstahle zugegangen?“

„In folgender Weise: Mein Gefährte Baumann, welcher von denen, die ihn kennen, kurzweg der Bärenjäger genannt wird, hatte droben in der Nähe des Platte River einen Store angelegt, und ich war sein Gefährte und Kompagnon. Das Geschäft ging anfangs sehr gut, da es viel von den Goldgräbern besucht wurde, welche sich damals in den Black Hills zusammengezogen hatten. Wir nahmen viel Geld ein, und es lag oft eine bedeutende Menge von Münzen und Nuggets bei uns verborgen. Eines Tages mußte ich eine Rundtour zu den Diggers unternehmen, um Schulden einzutreiben. Als ich am dritten Tage zurückkehrte, hörte ich, daß Baumann indessen bestohlen worden sei. Er hatte sich mit Bob allein befunden und einen Fremden über Nacht behalten, dessen Name Weller gewesen war. Am anderen Morgen war mit diesem das ganze Geld verschwunden gewesen, und die Verfolgung hatte nichts genützt, weil durch ein inzwischen eingetretenes Gewitter die Fährte des Diebes verwischt worden war. Es hat sich bisher keine Spur des Mannes finden lassen, obgleich wir während der Zeit, welche indessen vergangen ist, uns oft nach diesem guten Master Weller erkundigt haben. Jetzt behauptet Bob, ihn in diesem Heiligen des jüngsten Tages zu erkennen, und ich möchte nicht annehmen, daß er sich irrt. Bob hat offene Augen und ein sehr gutes Personengedächtnis. Er versicherte damals, sich den Menschen so genau angesehen zu haben, daß er ihn selbst unter einer Verkleidung sofort erkennen werde. Das, Master Helmers, ist es, was ich in dieser Angelegenheit zu sagen habe.“

„Also Ihr selbst habt den Dieb damals nicht gesehen?“ „Nein.“

„So seid Ihr freilich nicht imstande, dem Neger zu bezeugen, daß wir den Dieb wirklich vor uns haben. Bob steht mit seiner Behauptung allein. Was da zu machen ist, werdet Ihr ebensogut wissen, wie ich.“

„Masser Bob es genau wissen, was zu machen sein!“ rief der Neger. „Masser Bob schlagen den Spitzbuben tot. Masser Bob sich nicht irren, sondern ihn sehr gut erkennen.“

Er wollte Helmers zur Seite schieben, um an den Mormonen zu kommen; der Farmer aber hielt ihn zurück und sagte:

„Halt! Das wäre eine Gewaltthätigkeit, welche ich auf meinem Grund und Boden nicht dulden kann.“

„Gut, dann Masser Bob warten, bis Spitzbube sein fort von Grund und Boden; dann aber ihn aufknüpfen am nächsten Baum. Masser Bob hier sitzen und gut aufpassen, wenn fortgehen der Dieb; er ihn sicherlich nicht aus den Augen lassen!“

Er setzte sich nieder, doch so, daß er den Mormonen im Auge hatte. Man sah ihm an, daß es ihm mit seiner Drohung völlig Ernst sei. Burton musterte mit ängstlichem Blicke die riesige Gestalt des Negers und wendete sich dann an Helmers:

„Sir, ich bin wirklich unschuldig. Dieser schwarze Master verkennt mich ganz und gar, und ich hoffe, daß ich mich auf Euren Schutz verlassen kann.“

„Verlaßt Euch nicht zu sehr auf mich,“ lautete die Antwort. „Es sind keine genügende Beweise erbracht, und mich geht der Diebstahl überhaupt nichts an, weil ich keinerlei amtliche Eigenschaft besitze. Infolgedessen könnt Ihr ruhig sein, solange Ihr Euch hier befindet. Ich habe Euch aber bereits gesagt, daß Ihr Euch baldigst von dannen machen sollt. Was dann geschieht, das ist mir gleichgültig. Ich kann Master Bob das Recht nicht bestreiten, diese Angelegenheit unter vier Augen mit Euch zu ordnen. Zu Eurer ganz besonderen Beruhigung will ich gern noch versichern, daß ich nicht vor Entsetzen in Ohnmacht fallen werde, falls ich Euch morgen unter irgend einem Baume begegnen sollte, dessen stärkster Ast Euch zwischen Hals und Binde geraten ist.“

Damit war die Sache für einstweilen abgethan. Der Mormone wendete sich seinem Mahle wieder zu, aber er aß möglichst langsam und mit bedeutenden Pausen, um die ihm gewährleistete Sicherheit möglichst lange zu genießen. Bobs rollende Augen ließen kaum einen Augenblick von ihm, und Bloody-fox, welcher sich äußerlich ganz passiv verhalten hatte, fixierte ihn noch ebenso wie vorher. Der junge Mann mußte ein ganz eigenartiges Interesse an dem angeblichen Mormonen finden.

jetzt war jeder mit dem Essen und mit seinen eigenen Gedanken so beschäftigt, daß die Unterhaltung vollständig stockte. Und als später Frank das vorher abgebrochene Gespräch über die Llano estakata wieder in Fluß bringen wollte, wurde er durch das abermalige Erscheinen eines Ankömmlings daran verhindert.

„Euer Haus scheint ein sehr besuchtes zu sein, Master Helmers,“ sagte er. „Dort kommt schon wieder ein Horsemann, der es auf Euch abgesehen hat.“

Der Wirt wendete sich rückwärts, um nach dem Reiter zu sehen. Als er denselben erkannte, sagte er in lebhaftem Tone:

„Das ist einer, den ich stets willkommen heiße, ein tüchtiger Kerl, auf den man sich in jeder Beziehung verlassen kann.“

„Wohl ein Trader, wie es scheint, der bei Euch seine verkauften Waren erneuern will?“

„Meint Ihr das, weil er zu beiden Seiten des Sattels so große Taschen hängen hat?“

„Ja.“

„So irrt Ihr Euch. Er ist kein Händler, sondern einer unserer vorzüglichsten Scouts, den Ihr kennen lernen müßt.“

„Vielleicht ist mir sein Name bekannt.“

„Wie er eigentlich heißt, weiß ich nicht. Man nennt ihn allgemein den Juggle-Fred, und er hat noch nie etwas gegen diesen Namen eingewendet.“

„Ein eigentümlicher Name 1 Warum hat er denselben erhalten?“

„Weil er Hunderte von Kunststücken zu machen versteht, über welche man in das größte Erstaunen geraten kann. Die dazu gehörigen Apparate führt er eben in den Euch auffälligen Taschen bei sich.“

„Also ein reisender Taschenspieler, welcher bei Gelegenheit den Führer und Pfadfinder macht?“

„Grad umgekehrt: Ein ausgezeichneter Fährtenläufer, welcher seine Gesellschaft gelegentlich mit Kunststücken unterhält. Wer ihm eine Bezahlung für die letzteren bieten wollte, würde ihn außerordentlich beleidigen. Er scheint mit berühmten Prestidigitateurs gereist zu sein und ist auch der deutschen Sprache vollständig mächtig. Warum er nach dem Westen gekommen ist und auch da verbleibt, während er anderswo durch seine Fingerfertigkeit ein steinreicher Mann werden könnte, das weiß ich nicht, geht mich auch nichts an, doch bin ich überzeugt, daß Ihr Euer Wohlgefallen an ihm haben werdet.“

„Das ist sehr wahrscheinlich, weil er des Deutschen mächtig ist. Sagt ihm nur gleich, daß er sich dieser Sprache hier bedienen kann!“

„Natürlich erfährt er das sofort. Seht ihn Euch nur genau an, besonders seine Augen, welche verschiedene Farben haben. Er ist two-eyed.“

Derjenige, über welchen diese Bemerkungen gemacht wurden, war jetzt nahe herangekommen. Er hielt, nur noch eine kurze Strecke von dem Hause entfernt, sein Pferd an und rief:

„Hallo, alter Lodging-uncle, hast du noch Raum für einen armen Needy-wretch, der seine Zeche nicht bezahlen kann?“

„Für dich ist zu jeder Zeit Platz vorhanden,“ antwortete Helmers. „Komm nur heran; steige vom Ziegenbock herab, und mache es dir bequem. Du wirst dich in angenehmer Gesellschaft befinden.“

Der einstige Taschenspieler überflog die Anwesenden mit prüfendem Blicke und meinte:

„Will es hoffen! Unseren Bloody-fox kenne ich bereits. Der Schwarze macht mir keine Sorge. Der andere kleine Gentleman im Frack und Ladieshut scheint auch kein übler Kerl zu sein. Und der dritte dort, der in den Käse beißt, als ob er eine Igelhaut verzehren müsse, nun, hm, den werde ich wohl noch kennen lernen.“

Es war doch eigentümlich, daß auch dieser Mann sofort ein Mißtrauen gegen den Mormonen äußerte. Er trieb sein Pferd vollends heran und sprang aus dem Sattel. Indem er den Wirt wie einen alten Freund mit beiden entgegengestreckten Händen auf das herzlichste begrüßte, konnte Frank ihn genau betrachten.

Dieser Juggle-Fred war eine selbst hier im fernen Westen auffallende Erscheinung. Das erste, was man an ihm bemerkte, war ein bedeutender Höcker, welcher seine sonst wohlgegliederte Gestalt verunzierte. Sein Körper war von mittlerer Größe und sehr kräftig gebaut, nicht kurzleibig, engbrüstig und langarmig, wie es bei den meisten Buckeligen der Fall zu sein pflegt. Sein rundes, volles, glatt rasiertes Gesicht war tief gebräunt, aber auf der linken Seite arg zerrissen, als ob da einmal eine fürchterliche Wunde kunstwidrig zusammengeflickt worden sei. Und sonderbarerweise waren seine Augen ganz auffallend verschieden gefärbt, denn das linke war vom schönsten Himmelblau, während das rechte die tiefste Schwärze zeigte.

Er trug hohe Büffelkalbstiefel von braunem Leder mit großräderigen mexikanischen Sporen, schwarze Lederhose mit eben solcher Weste und darüber ein blusenartiges Wams von starkem, blauem Tuchstoffe. Um seine Lenden war ein breiter Ledergürtel geschnallt, welcher einer sogen. Geldkatze glich und neben den Patronen, dem Messer und einem Revolver, von bedeutendem Kaliber, allerhand Kleinigkeiten enthielt, deren ein Westmann so notwendig bedarf. Weit über die Stirn herein, so daß man diese gar nicht sehen konnte, saß eine ziemlich neue Bibermütze, von welcher der präparierte Schwanz des betreffenden Tieres hinten bis über den Nacken hernieder hing. Hätte der Mann den Höcker nicht gehabt, so wäre seine Erscheinung eine kräftig angenehme, ja vielleicht eine imponierende gewesen.

Sein Pferd war von Helmers scherzhafterweise als Ziegenbock bezeichnet worden, und dieser Vergleich konnte nicht ein ganz grundloser genannt werden. Das Tier war eine außerordentlich hochbeinige und scheinbar sehr abgetriebene Kreatur. An dem nackten Schwanzstummel, welchen es jetzt tief gesenkt hielt, saßen nur noch einige wenige kurze Haare, die eine außerordentliche Anhänglichkeit für die Stelle haben mußten, welcher sie vor langen Jahren entsprossen waren. Ob das Roß einst ein Rappe, ein Brauner oder ein Fuchs gewesen sei, das vermochte man jetzt nicht mehr zu bestimmen, denn sein Körper war an vielen Stellen vollständig kahl, und da, wo Haare noch vorhanden waren, zeigten sie ein so unbestimmtes Grau, als ob der alte Hengst bereits zur Zeit der Völkerwanderung von irgend einem Sueven oder Gepiden geritten worden sei. Von einer Mähne war keine Spur vorhanden. Der unverhältnismäßig große Kopf hing so weit nieder, daß das Maul beinahe die Erde berührte, und schien die langen, dicken und kahlen Eselsohren kaum tragen zu können, welche wie riesige Lederfutterale sich liebevoll bis an die Unterkiefer schmiegten. Dazu hielt das Tier die Augen geschlossen, als ob es schlafe, und wie es so bewegungslos da stand, war es ein unübertreffliches Bild der Dummheit und bemitleidenswertesten physischen Vermögenslosigkeit.

Nachdem der Besitzer dieses Pferdes dem Wirte die Hände gedrückt hatte, fragte er:

„Also Platz hast du für mich? Ob aber auch ein Essen?“

„Natürlich! Setze dich nur her! Hier ist noch Fleisch genug für dich.“

„Danke! Habe mir gestern den Magen verdorben. Rind ist mir heute zu schwer. Ein junges Huhn wäre mir lieber. Kannst du eins schaffen?“

„Warum nicht. Schau her! Da laufen die Backhühnchen in Masse herum.“

Er deutete auf zwei Völkchen junger Hühner, welche unter dem Schutze ihrer mütterlichen Glucken in der Nähe der Tische umhertrippelten, um die herabfallenden Brocken aufzupicken.

„Schön!“ nickte Fred. „Ich bitte um eins. Deine Housewife mag es mir vorrichten.“

„Dazu hat sie keine Zeit. So ein Ding zu rupfen, ist nicht nach ihrem Geschmacke. Und die Mägde sind in die Maisfelder gegangen.“

„Wer spricht denn vom Rupfen! Das mute ich niemand zu.“

„Soll das Huhn etwa mit den Federn gebraten oder gebacken werden?“

„Mann, was denkst du von mir! Kennst du mich so Schlecht, daß ich dir wie ein Mann vorkomme, welcher nicht weiß, wie man einem Huhne die Federn nimmt? Wenn aber du es noch nicht wissen solltest, so will ich es dir zeigen.“

Er nahm sein Doppelgewehr vom Sattelknopfe, wo er es hängen hatte, legte auf eins der Hühnchen an und drückte ab. Als der Schuß krachte, bewegte sein Pferd nicht einmal eins der geschlossenen Augenlieder. Es schien so stocktaub zu sein, daß es selbst einen in solcher Nähe abgegebenen Schuß nicht hören konnte.

Das Huhn war tot zusammengebrochen. Der Mann hob es auf und zeigte es vor. Es hatte zu aller Erstaunen nicht eine einzige Feder mehr und konnte sofort ausgenommen und gebacken werden.

All devils!“ lachte Helmers. „Dieses Mal hast du mich doch überrumpelt. Konnte es mir doch denken, daß es wieder auf eines deiner Kunststücke abgesehen war. Aber wie hast du das denn angefangen?“

„Mit dem Fernrohre.“

„Unsinn! Hast ja mit der Büchse geschossen.“

„Allerdings. Aber vorher habe ich Euch aus der Ferne durch mein Taschenteleskop beobachtet und auch das junge Hühnervolk bemerkt. Natürlich traf ich sogleich Vorbereitung, mich als Tausendkünstler bei Deinen heutigen Gästen einzuführen.“

„Darf man diese Vorbereitung kennen lernen?“

„Warum nicht? Es ist ja nur Spielerei. Lade einen tüchtigen Schuß grobe Iron-filings anstatt der Kugel oder des Schrotes, und ziele so, daß die Ladung den Vogel von hinten nach vorn überfliegt, so werden die Federn, falls sie nicht bereits zu stark sind, vollständig abrasiert und abgesengt. Du siehst, man braucht nicht die schwarze und weiße Magie studiert zu haben, um ein sogenannter Zauberkünstler zu sein. Übrigens galt es nur, mich mit Effekt bei diesen Gentlemen hier einzuführen; das Hühnchen mag ich nicht. Ich halte mich lieber auch an Deinen Lendenbraten. Hoffentlich ist es erlaubt, mich mit herzusetzen?“

„Natürlich! Diese beiden Gentlemen sind Freunde von mir, gute Bekannte von Old Shatterhand, den sie hier erwarten!“

„Old Shatterhand?“ fuhr der Juggle-Fred auf. „Ist das wahr?“

„Ja. Auch der dicke Jemmy will kommen.“

Heigh-day! Das ist ja eine Nachricht, wie man sie gar nicht besser hören kann! Habe diesen Old Shatterhand längst einmal zu sehen gewünscht, wenn auch nur so von weitem, denn gegen den muß unsereiner in der Ferne bleiben. Daß dieser Wunsch mir jetzt erfüllt werden kann, ist mir lieber, als ob ich eine Goldbonanza entdeckt hätte. Es freut mich unendlich, daß ich grad zur richtigen Zeit hierher gekommen bin.“

„Ebenso wird es Dich freuen, wenn du erfährst, daß dieser Sir ein Deutscher ist. Er heißt Frank und ist ein Kollege von ––“

„Frank?“ unterbrach ihn der Zauberkünstler. „Etwa gar der Hobble-Frank?“

„Sapperment!“ rief da der kleine Sachse. „Sie kennen also meinen Namen? Wie is das eegentlich die Möglichkeit?“

Er hatte deutsch gesprochen; darum antwortete der Juggle-Fred in derselben Sprache:

„Darüber brauchen Sie sich gar nicht zu wundern. Früher waren andere Zeiten; da geschahen gute und schlimme Heldenthaten in Menge hier im fernen Westen, und bei den mangelhaften Verbindungen, welche es gab, kam die Kunde davon nur sehr langsam vorwärts. Aber jetzt, wenn einmal etwas Hervorragendes geleistet wird, fliegt die Nachricht davon im Nu von den Seen bis Mexiko und vom alten Frisco bis nach New York. Ihr kühner Zug nach dem Yellowstonepark ist bereits weit bekannt, und Ihre Namen sind es natürlich auch. In jedem Fort, in jedem Settlement, an jedem Lagerfeuer, an welchem wenigstens zwei bei einander saßen, wurde von Ihrem Ritte und den einzelnen Personen, welche an demselben teilnahmen, erzählt, und so dürfen Sie sich nicht wundern, daß ich Ihren Namen kenne. Ein Fallensteller, welcher hoch droben am Spotted-Tail-Wasser mit Moh-aw, dem Sohne Tokvi-teys, gesprochen hatte und jetzt tief herab nach Fort Arbukle gekommen war, hat allen, die er traf, und zuletzt auch mir die Geschichte so ausführlich erzählt, wie er sie selbst gehört hatte.“

„Hören Sie,“ meinte Hobble-Frank, „wer weeß, was da alles vom Spotted-Tail-Wasser bis zum Fort Arbukle an die Geschichte gehängt worden is. Da wird aus eener Maus een Eisbär, aus eenem Regenwurm eene Riesenschlange und aus eenem bescheidenen Biberjäger zuletzt gar een hoch berühmter Hobble-Frank. Ich will’s ja gern zugeben, daß mir die reenen Herkulesse und Minotaurusse gewesen sind, aberst mehr, als wahr is, das laß ich mir nich gern nachsagen. Den Helden ziert die Tugend der rückhaltlosesten Bescheidenheit. Darum muß ich alles hinzugefügte offs schtrengste von mir abweisen und mich mit dem Krönungsmantel meiner eegenen persönlichen Würde und Vorzüglichkeet begnügen. Wenn man das nich thäte, so getraute es sich zuguterletzt keen Mensch mehr mit unsereenem zu schprechen und zu reden. Darum habe ich den Beschluß gefaßt, so herablassend und populär wie möglich zu sein, und ich hoffe, daß Sie das bei meinen berühmten Kenntnissen und Begebenheeten doppelt anerkennen werden. Weiter will ich an dieser Schtelle und zu dieser Schtunde gar nichts sagen, denn schon Nebukadnezar, welcher der Gott des Donners bei den alten Deutschen war, hat gesagt: Reden is bloß Silber, Schweigen aber is een Fufzigmarkschein!“

Fred machte ein ziemlich verblüfftes Gesicht und blickte Helmers fragend an. Dieser raunte ihm die erklärenden Worte „ein liebenswürdiges Original“ zu, worauf der Jugglemann nun wußte, wie er sich zu verhalten habe. Darum sagte er, indem er die treuherzigste und unbefangenste Miene zeigte:

„Es bedarf gar keiner Erklärung von Ihrer Seite. Ich habe bereits von dem erwähnten Berichterstatter vernommen, welch ein Ausbund von Bescheidenheit Sie sind. Das stellt natürlich Ihre Vorzüge in ein dreifach helles Licht und verzehnfacht mein Vergnügen, Sie hier kennen zu lernen. Ich wünsche von ganzem Herzen, als Freund von Ihnen an- und aufgenommen zu werden. Bitte, geben Sie mir Ihre Hand!“

Der streckte Frank die Hand entgegen. Dieser aber zog die seinige schnell zurück und antwortete:

„Halt, mein Bester, nich gar zu eilig! Was die Freundschaft betrifft, so nehme ich sie sehr ernst, denn sie is dasjenige der tragischen Temperamente, off welchem das erhabene Wohlbefinden der chemisch sophistischen Geistesbeziehungen aller irdischen Harmonie beruht. Ich habe da sehre trübe Erfahrungen gemacht und werde mich in Zukunft nur erst nach langer und eingehender Prüfung mit eener Seele vereinigen, die sich mit der wahren und wirklichen Bildung zusammengeschmolzen hat. Die Halbbildung verursacht doch nur unreenes Blut. Wenn ich mir eenmal een Möbelmang koofe, so muß es ooch von echtem Nußboom sein. Und grad so is es in Beziehung off das seelisch animalische Gebiet der freundschaftlichen Depressionen. Ehe wir nun uns also Schmollis und Vizudit nennen, muß ich Sie erscht genauer kennen lernen.“

„Ganz wie Sie wollen, Master Frank! Ich gebe Ihnen im allgemeinen sehr recht, zweifle aber auch keinen Augenblick daran, daß wir uns recht bald innig zugethan sein werden.“

„Das möchte ich vielleicht ooch glooben, denn ich habe da von Herrn Helmers erfahren, daß Sie een weitgereister und kunstsinniger Mann sind. Sie sollen ja der reenste Bosco sein!“

„Bosco? Haben Sie von diesem Künstler gehört?“

„Nur gehört? Gesehen habe ich ihn sogar und mit ihm gesprochen!“

„Ah! Wo denn?“

„Nun, Sie wissen vielleicht, daß er in der Nähe von Dresden gewohnt hat, wo er dann bei seinem Tode ooch gestorben is. Dort kannte ihn jedermann. Er kam ooch zuweilen nach Moritzburg, um sich die dortigen Ledertapeten und Hirschgeweihe im Jagdschlosse anzusehen. Wissen Sie, es gibt dort Geweihe von 24 bis 50 Enden und sogar eenen gradezu menschtrösen Sechsundsechzigender. Nachher pflegte er schtets im Gasthofe á la Quarte zu schpeisen. Ich war ooch oft da, weil ich dort mit dem Schulmeester, dem Nachtwächter und dem Hausknechte unser akademisch-Iinguistisch-phänomentales Kränzchen abhielt. Wir waren vier durschtige Geister, die nach Höherem schtrebten und Verlangen trugen, aus den halluzinatorischen Rhomboiden des Alltaglebens in eene lichtere Vivisektion empor zu schweben. Dort nun traf ich ooch eenmal mit dem berühmten Bosco zusammen. Er saß vorn und ich hinten, aberst unsere Regenschirme schtanden höchst vertraulich nebeneinander. Ich ging eher fort als er und vergriff mich falsch, denn ich kriegte seinen seidenen Parapluie in die Hand und ließ dafür meinen scharlachwollenen mit blauer Kante liegen. Er bemerkte es noch zur richtigen Zeit und rief mir zu: „Dummkopf, machen Sie doch die Augen auf! Meinen Sie etwa, daß ich Ihr feuerrotes Vizinaldach nach Dresden schleppen soll!“ Ich wechselte natürlich die Verwechselung sofort wieder um, sagte eenige entschuldigende, geistreiche Worte, machte ihm eene tiefe, höfliche Referende und schwenkte mich befriedigt zur Thüre hinaus. Dem Laien mögen seine Worte vielleicht nich grad übermäßig höflich vorkommen; der Eingeweihte aberst weeß sehr genau, daß so een großer Geist nur in geflügelten Worten schpricht, an welche een intermeetierend sensitiverer Maßschtab gelegt werden muß. Sie als gebildeter Erdenbürger und geographisch politischer Schutzverwandter werden das begreifen und mir das Testimonikum pauperenzia geben, daß ich mit dem allergrößten Rechte schtolz off diese Abendunterhaltung mit dem großen Künstler sein kann.“

„Gewiß, das bestätige ich,“ nickte der Juggle-Fred.

„Schön! ich danke Ihnen! Aus dieser Ihrer einschtimmigen Bereitwilligkeet zur Befestigung meiner angeschtammten Ehre und Remuneration ersehe ich mit scharfem Bücke, daß die Natur Sie ooch mit eenigen Gaben bedacht hat, welche noch zur schönsten Entwickelung kommen können, wenn Sie sich entschließen wollen, die westgotisch-byzantinische Loofbahn zu betreten, welche ich mit siegreichen Schritten zurückgelegt habe. Wenn Ihr geistiges Ahnungsvermögen vielleicht eenmal in eener philosophischen Attitüde schtecken bleiben sollte, so wenden Sie sich nur getrost an mich; ich werde Ihnen mit Vergnügen beischpringen und Sie sofort von der niederträchtigen Philomele befreien.“

„Philomele? Wieso?“

„Wissen Sie nich was Philomele is?“

„O doch. Es ist der dichterische Name für die Nachtigall.“

„Nachtigall? Sind Sie denn bei Troste! Was hat denn die Nachtigall mit der Hölle zu thun? Philomele war der Höllenhund, welchen der Cerberus zwischen seinen Beenen totgedrückt hat.“

„Ach so!“ meinte Fred, welcher sich anstrengen mußte, sein Lachen zu verbeißen. „Und wer war denn der Cerberus?“

„Das wissen Sie ooch nich? Nun, da können Sie von mir freilich gewaltig profitieren. Der Cerberus war eener von den beeden Dioskuren, welche die Schutzpockenimpfung erfunden haben. Der andere Dioskur war derjenige, welcher nach der Schlacht an der Alma sagte: jedem ein Ei, aber dem braven Silbermann zwei, denn er hat die Ziehharmonika erfunden! Solche Oogenblicke aus der vergangenen Weltgeschichte ––“

„Sie meinen wohl nicht die Ziehharmonika,“ fiel Fred ein. „Silbermann war ein Orgelbauer, welcher in Frauenstein in Sachsen geboren wurde.“

„Ganz richtig, ganz richtig! Aber eben weil er Orgelbauer war, is es ihm so leicht geworden, die Ziehharmonika zu erfinden. Er hat die erschte zu Napoleon gebracht, um sie ihm zu schenken; der aber hat ihn mit derselbigen schtolz wie een dummer Schpanier abgewiesen. Schpäter aber mußte er es bitter bereuen. Er wurde in der Völkerschlacht bei Cannä gefangen und von den Engländern nach der Felseninsel St. Helena geschafft. Unterwegs sagte er zum alten Derfflinger, der ihm alleene treu geblieben war: Als ich Silbermann mit seiner Ziehharmonika aus Kalkutta wies, habe ich meine Kaiserkrone weggeworfen.

jetzt konnte Fred sich nicht länger halten. Er brach in ein schallendes Gelächter aus, und Helmers fiel herzlich in dasselbe ein.

„Was gibt es denn zu lachen?“ fragte Hobble-Frank, halb erstaunt und halb zornig.

„Sie sind ja der reine Konfusionsrat!“ antwortete Fred.

„O bitte sehr! Es heeßt Kommissionsrat. Aberst der bin ich nich. Ich mache überhaupt nie eenen Anspruch auf Titulaturen, die mir nich gehören.“

„Das meine ich nicht. Ich wollte nur sagen, daß Sie die entgegengesetztesten Daten und Personen der Weltgeschichte miteinander verwechseln.“

„Was? Ich? Wie? Verwechseln? Wieso denn? Wollen Sie die Gewogenheet haben, mir das zu beweisen?“

„Sehr gern. Fulton, der Schöpfer der heutigen Dampfschiffahrt, hatte Napoleon seine Erfindung angeboten, war aber von demselben nicht berücksichtigt worden. Darum sagte später der Kaiser, als er dieses Fehlers gedachte: Als ich Fulton aus den Tuilerien wies, habe ich meine Kaiserkrone weggeworfen. Silbermann aber hat gar nicht zur damaligen Zeit gelebt.“

„So! Ach so! Meenen Sie! Wie schön Sie sich das zurecht gelegt haben! Aber mir, dem Hobble-Frank, dürfen Sie mit solchem Krimskrams nich kommen. Ich habe meine Weitgeschichte fest im Sacke! Nich mal mit eenem halben Ooge darf sie mir herausgucken. Es is ganz unmöglich, daß ich mich irren kann. Das mögen Sie sich für alle Zukunft merken, wenn wir wirklich gute Freunde werden wollen. Eene Blamage dulde ich nich, denn das geht mir gegen den Schtrich. Ich weeß ganz genau, daß die Weltgeschichte das Allerhöchste is, was die Menschheit zu leisten vermag, und schtimme dem alten Solon bei, der die Chladnischen Klangfiguren entdeckt hat und noch schterbend ausrief: Die Weltgeschichte is das Oberappellationsgericht mit drei Advokaten! Darum habe ich mich mit dem eisernsten Fleiß grad off die Weltgeschichte gelegt. Ich habe den Leuniß gelesen und den Robinson, Pierer’s Konversationslexikon und den Kladderadatsch, Sohrs Atlas und den alten Schäfer Thomas. Off diese Weise bin ich erscht mit Verschtand so langsam um die Weltgeschichte herumgegangen und habe mich nachher so successive hineingeschlichen, bis ich endlich grad im Mittelpunkte schtecken blieb. Ihr aber wollt mit allen Beenen zugleich und off eenmal hineinschpringen und bleibt infolgedessen schon am Rande kleben. Die Weltgeschichte muß sehr pfiffig angepackt werden. Sie darf gar nichts merken, daß man sich groß mit ihr abgeben will, sonst wird sie scheu und wirft eenen aus dem Sattel. Ich hab’s richtig angefaßt und sitze fest. Ihr aber liegt unten und denkt trotzdem, wunder was Ihr leisten könnt. Und was den Silbermann betrifft, so bin ich als geborener und anhänglicher Sachse sein Landsmann und muß also am allerbesten wissen, wie es sich mit seiner Ziehharmonika verhalten hat. Und mit Fulton dürfen Sie mir erst recht nich kommen. Den kenne ich inwendig und ooch auswendig. Er is der Dichter des schönen Abendliedes von der goldenen Abendsonne, welches drüben in Deutschland jedes Schulkind singen lernt. Der erste Vers lautet:

Wer hat dich, du schöner Wald, Offgebaut so schön?
Nie kann, wenn die Büchse knallt, Deinen Glanz ich sehn!

Und jetzt nach diesem Alibibeweise werden Sie so rechtlich denkend sein, mir zuzugeben, daß ich Sie in den Wissenschaften überflügelt habe und Ihnen ganz besonders in der Weltgeschichte überlegen bin. Nich?“

„Ja, wir geben es zu,“ lachte Fred. „Sogar in der Dichtkunst sind Sie unser Meister. Sie haben es in derselben, wie ich eben hörte, so weit gebracht, die Anfänge dreier Volkslieder in einer einzigen Strophe zu bringen.“

„O, das is gar nich schwer. Bei mir kommen die Jamben eben nur so gesäuselt. Ich gloobe nich, daß ich mich in Beziehung off die Künste und Wissenschaften vor eenem anderen zu verstecken brauche. Ich habe sogar schon off dem Kamme geblasen. Doch will ich mich nich etwa überheben. Das sind angeborene Vorzüge, off welche sich een bescheidener Charakter nichts einbildet, und darum nehme ich es Ihnen ooch gar nich etwa übel, wenn Sie sich mal von Ihrem Irrtume hinreißen lassen, zu denken, daß Sie gescheiter sind, als ich es bin. Da habe ich gern Nachsicht, denn ich weeß doch, wer ich bin, und denke im Schtillen bei mir: Ubi bene, ibi patria, zu deutsch: Ohne Beene kann man nich aus dem Vaterlande. Und da ich so glücklich aus dem meinigen gekommen bin, so muß ich doch also een Kerl sein, der, sozusagen, Arme und Beene, Hände und Füße hat.“

„Ja, das sind Sie, und das haben Sie. Am allermeisten aber gefällt mir an Ihnen, daß Sie meinen Lehrmeister gekannt haben.“

„Bosco? Er is Ihr Meester gewesen?“

„Ja, obgleich dieser Ausdruck etwas nach Handwerk klingt. Ich habe mehreren seiner berühmten Kollegen assistiert und mit ihnen fast ganz Europa und Nordamerika bereist.“

„Und was sind Sie denn vorher gewesen?“

„Erst besuchte ich das Gymnasium, wo ich – – –“

„O weh!“ fiel Frank ihm in die Rede. „Das is keene Empfehlung für Sie.“

„Warum?“

„Weil ich eene schtarke Idiosympathie gegen alles habe, was Gymnasiast gewesen is. Diese Leute überheben sich. Sie glooben nich, daß een Forschtbeamter ooch een Koryphäus werden kann. Ich habe das schon wiederholt erfahren. Natürlich aberst is es mir schtets kinderleicht geworden, diese Leute zu überzeugen, daß ich der Mann bin, mit Gigantenschritten über sie hinwegzuschteigen. Also so eene kleene Art von Schtudium haben Sie ooch durchgemacht?“

„Ja. Vom Gymnasium weg widmete ich mich auf den Rat meiner Gönner hin der Malerei und besuchte die Akademie. Ich hatte recht gute Anlagen, aber leider keine Ausdauer. Ich ermüdete und stieg von der wirklichen Kunst zu einer sogenannten herab – ich wurde Kunstreiter.“

„O wehe! Da können Sie mir freilich leid thun!“

„Ja, ja,“ nickte der Juggle-Fred ernst. „Ich war ein flotter Kerl, aber ohne Kraft und inneren Halt. Mit einem Worte, ich war leichtsinnig. Tausend und tausend Male habe ich es bereut. Was könnte ich heute sein, wenn ich es fest gewollt hätte!“

„Nun, die Begabung haben Sie wohl noch heute. Fangen Sie wieder an!“

„Jetzt? Wo die jugendliche Elastizität verloren gegangen ist? Übrigens habe ich hier eine Aufgabe zu lösen, weiche mich im Westen festhält.“

„Darf man erfahren, welche Aufgabe das ist?“

„Ich spreche nie davon und will Ihnen nur sagen, daß ich eine Person finden will und finden muß, nach welcher ich bisher vergeblich gesucht habe.“

„So könnte es Ihnen nur Nutzen bringen, wenn Sie mir sagen wollten, von welcher Person Sie reden.“

„Das ist mein Geheimnis.“

„Schade, sehr schade! Ich werde in den nächsten Tagen mit Leuten zusammenkommen, welche fast jeden Winkel des Westens kennen. Von ihnen könnten Sie Rat und That erwarten. Ich denke dabei natürlich an Old Shatterhand, an den dicken Jemmy, den langen Davy, an Winnetou, welcher ––“

„Winnetou?“ fiel Fred ein. „Meinen Sie den berühmten Apachenhäuptling?“

„Ja!“

„Ach richtig! Den müssen Sie ja auch kennen, weil er sich an jenem gefährlichen Ritte beteiligt hat. Also auch mit ihm treffen Sie zusammen?“

„Gewiß!“

„Wo?“

„Das hat er nur mit Old Shatterhand besprochen. Vermutlich aber wird es jenseits der Llano estakata sein.“

„Hm! Dann hoffe auch ich, ihn zu sehen. Ich will nämlich über die Staked Plains.“

„Allein?“

„Nein! ich bin von einer Gesellschaft engagiert, welche ich hinüber und dann noch bis EI Paso führen soll.“

„So sind es keine Westmänner, da sie eines Führers bedürfen?“ fragte Helmers.

„Nein. Es sind Yankees, welche hinüber wollen, um drüben in Arizona ein gutes Geschäft zu machen.“

„Doch nicht etwa in Diamanten?“

„Ja, grad in dieser Ware. Sie scheinen bedeutende Summen bei sich zu führen, um die Steine an Ort und Stelle billig einzukaufen.“

Helmers schüttelte den Kopf und fragte dann:

„Glaubst du denn an diese Diamantenfunde?“

„Warum nicht?“

„Hm! Ich meinerseits halte die ganze Geschichte für einen riesigen Humbug.“

Er hatte ganz recht. Zu jener Zeit tauchten plötzlich Gerüchte auf, daß in Arizona Diamantfelder entdeckt worden seien. Es wurden Namen von Personen genannt, welche durch glückliche Funde in wenigen Tagen steinreich geworden seien. Man zeigte auch Diamanten, wirkliche und zum Teil sehr kostbare Diamanten vor, welche dort gefunden worden sein sollten. Dieses Gerücht ging durch die ganze Breite des Kontinentes im Laufe einiger Wochen, ja einiger Tage. Die Diggers von Kalifornien und der nördlichen Distrikte verließen ihre einträglichen Diggins und eilten nach Arizona. Aber schon hatte sich die Spekulation des Feldes bemächtigt. Es waren in aller Eile Gesellschaften gebildet worden, welchen Millionen zur Verfügung standen. Die Diamantfelder sollten angekauft werden, damit man die Ausbeute derselben im großen betreiben könne. Kein Klaim sollte abgegeben werden. Agenten flogen hin und her, mit Demantproben in der Hand, welche man an den betreffenden Stellen nur so aufgelesen haben wollte. Sie schürten aus allen Kräften, und in kürzester Zeit wurde das Diamantfieber hochgradiger, als das Goldfieber es jemals gewesen war.

Vorsichtige Leute aber hielten ihre Taschen zu, und der Rückschlag, welchen sie vorhersagten, trat auch sehr bald ein. Der ganze, große Schwindel war von einigen wenigen, aber höchst „smarten“ Yankees in Szene gesetzt worden. Sie waren aufgetaucht, ohne daß man sie kannte und sie verschwanden wieder, ohne daß man sie inzwischen kennen gelernt hatte. Mit ihnen waren natürlich auch die Millionen verschwunden. Die Aktionäre fluchten vergeblich. Die meisten leugneten, Aktien besessen zu haben; sie wollten sich nicht auch noch auslachen lassen. Die so schnell berühmt gewordenen Diamantfelder lagen wieder öde wie vorher, und die ge- und enttäuschten Goldgräber kehrten nach ihren Diggins zurück, um dort zu finden, daß sich indessen andere da eingenistet hatten, welche klüger gewesen waren als sie. Damit war die Sache zu Ende, und niemand sprach mehr von ihn

Es war kurz nach Beginn dieses Diamantfiebers, daß die bisher geschilderten Szenen sich vor der Thüre von Helmers Home abspielten. Der Farmer gehörte zu denen, welche dem Gerüchte keinen Glauben schenkten. Der Juggle-Fred hingegen meinte:

„Ich will jetzt noch nicht an der Wahrheit zweifeln. Hat man anderswo Diamanten gefunden, warum sollten nicht auch in Arizona welche liegen. Mich freilich gehen sie nichts an. Ich habe anderes zu thun. Was sagen denn Sie dazu, Master Frank? Das Urteil eines Mannes von Ihrem Scharfsinne, Ihren Erfahrungen und Kenntnissen kann uns nur maßgebend sein.“

Hobble-Frank antwortete geschmeichelt:

„Es freut mich, daß Sie sich vertrauensvoll an mich wenden, denn bei mir sind Sie an die eegentlich richtige Schmiede gekommen. Bei dieser Gelegenheet könnte ich prächtig mit meinen mineralogisch idealen Kenntnissen glänzen. Ich könnte Ihnen entwickeln, wie der Diamant aus Luft, Kreide, Kochsalz und Glas entschteht, wodurch er nämlich durchsichtig wird, aberst ich weeß, daß Sie zu wenig Vorschtudien gemacht haben, um meinen eleganten, provisorischen Konschtruktionen folgen zu können. Ihr Geist is nich genug an solche plastische Schpektralmethoden gewöhnt und könnte leicht Halluzinationen an den Oogen und Ohren bekommen. Ich könnte Ihnen ooch sagen, wie der Diamant geschliffen wird, indem man nämlich von alten Zündholzschachteln das Sandpapier abreißt und ihn damit nach und nach abreibt; aber ooch das erfordert eene unmangelhafte Behendigkeit des Begriffsvermögens. Darum will ich ohne alle Umschweife den Ochsen an den Hörnern aus dem Schtalle ziehen, aus welchem Gleichnisse Sie ersehen werden, daß Sie dasjenige, was Sie wissen wollen, gleich hören werden. Ich bin nämlich der Ansicht, daß es um den Diamant freilich eene ganz schöne Sache is; aber es gibt außer ihm noch andere Sachen, die ebenso hübsch sind. Im Oogenblicke des Heeßhungers is mir eene geräucherte thüringer Servelatwurscht lieber als der größte Diamant. Und habe ich Durscht, so kann ich ihn mit keenem Brillanten löschen. Und kann der Mensch etwa mehr, als sich satt essen und satt trinken? Ich bin mit mir und mit meinem Schicksale leidlich gut zufrieden. Ich brauche keene Edelschteene nich. Oder sollte ich sie etwan zum Schtaate an meinen Amazonenhut hängen? Da habe ich eene Feder droff, und die genügt vollschtändig. Also, wenn ich wüßte, daß ich drüben in Arizona eenen Edelschteen finden thäte, so groß wie ungefähr das Heedelberger Faß oder wenigstens wie een ausgewachsener Kürbis von drei Zentnern Schwere, da ginge ich hinüber und holte mir ihn. Kleener aberst möchte ich ihn schon gar nich haben; das wäre mir viel zu deschpektierlich. Nun aberst gar nich zu wissen, ob man überhaupt was findet, und wenn man eenen findet, so is es een Knirps, so groß wie een Mohnkörnchen, nee und nein, da bringt mich keen Mensch nach die Diamantfelder. Also eenen, welcher drei Zentner wiegt, oder gar nichts; das is so meine unmaßgebliche Meenung und jeder vernünftige Mensch wird mir da freudig beistimmen. Wir sind Deutsche und brauchen keene Diamanten, denn een jeder von uns hat eenen Edelschteen in seiner Brust, nämlich das treue, deutsche Herz, von welchem der Dichter sagt:

Kein Demant ist, der diesem gleicht, So weit der liebe Himmel reicht.

Und wer von Ihnen mir da widerschprechen will, der mag es doch mal versuchen; ich aber rate ihm nich dazu, weil er seine Gliedmaßen hier in der Gegend hübsch langsam zusammenlesen müßte.“

„Brav gesprochen!“ rief Helmers, indem er dem kleinen Sachsen die Hand reichte. „Es ist wohl ganz undenkbar, daß ich jemals wieder in das Vaterland zurückkehren werde. Ich bekomme es niemals wieder zu sehen, aber mein Herz fliegt stündlich hinüber. Ihr habt sehr recht mit dem Edelsteine, und darum soll es uns gar nicht einfallen, uns um die Diamanten zu bekümmern, welche in Arizona gefunden worden sein sollen. Deine Gesellschaft, Fred, welche du hinüberführen sollst, wird wohl nicht die besten Geschäfte machen. Es wäre jedenfalls besser gewesen, wenn diese Leute mit ihrem vielen Gelde zu Hause geblieben wären. Sie können es sehr leicht los werden, ohne einen einzigen Diamanten dafür zu erhalten. Kluge Kerls scheinen es überhaupt nicht zu sein.“

„Warum?“

„Weil sie es sich merken lassen, daß sie bedeutende Mittel bei sich führen. Das ist stets und überall nicht wohlgethan, hier aber noch dümmer als anderswo.“

„Also die Leute wollen nachkommen? Wann werden sie hier eintreffen?“

„Morgen nach Mittag, wie ich vermute. Sie hatten noch zwei Packpferde zu kaufen, wozu wenigstens ein halber Tag gehört. Darum bin ich vorausgeritten, um die Zeit bis morgen lieber bei dir zuzubringen.,“

„Daran hast du sehr wohlgethan, alter Freund. Wie viel Personen sind es denn?“

„Es sind ihrer sechs, von denen einige ein etwas grünes Aussehen und Benehmen haben, was mir aber natürlich sehr gleichgültig ist. Sie scheinen aus New Orleans zu kommen und sich einzubilden, daß sie mit Millionen wieder dorthin zurückkehren werden. Sie benehmen sich etwas übermütig, doch geht mich das nichts an. Sie bezahlen mich, und alles übrige kann mir sehr gleichgültig sein.“

„Werden sie denn den Weg zu mir finden?“

„Sicher, denn ich habe ihnen denselben so genau beschrieben, daß sie gar nicht irren können. Ah, Bob, was gibt es?“

Diese letztere Frage galt dem Neger.

Der Tag hatte sich nämlich indessen zur Rüste geneigt, und die Dämmerung, welche in jenen Gegenden eine außerordentlich kurze ist, war hereingebrochen. Es war bereits so düster, daß man nicht mehr sehr weit zu sehen vermochte. Bob und Bloody-Fox hatten trotz des sehr anregenden Gespräches den Mormonen stets im Auge behalten. Dieser war bemüht gewesen, sich so zu stellen, als ob er gar nicht auf das Gespräch achte, und da die anderen wohl der Meinung waren, daß ein Mormone, dessen ganzes Wesen ihn als Yankee erschienen ließ, die deutsche Sprache wenig oder gar nicht verstehe, so hatten sie so laut gesprochen, daß es ihm möglich war, jedes Wort zu verstehen.

Zu den Überschwenglichkeiten des Hobble-Frank hatte er keine Miene verzogen, und das war ganz geeignet, den Glauben zu verstärken, daß er überhaupt nichts verstehe. Aber sobald die Rede auf die Diamantfelder gekommen war, war er auf seiner Bank langsam und unmerklich näher gerückt. Und als dann der Juggle-Fred von den sechs Männern sprach, welche er durch die Llano estakata führen sollte, hatten seine Züge den Ausdruck großer Spannung angenommen. Bei der Bemerkung, daß diese sechs viel Geld bei sich zu führen schienen, hatte ein Lächeln der Befriedigung um seine dünnen Lippen gespielt, was aber wegen der eingetretenen Dämmerung nicht zu bemerken gewesen war.

Zuweilen hatte er den Kopf erhoben, als ob er horche, und seinen Blick ungeduldig nach der Gegend gerichtet, aus welcher er gekommen war. Er wußte, daß er sich so ziemlich als einen Gefangenen zu betrachten habe, denn die Augen des Negers blieben beständig auf ihn gerichtet. Auch daß der Bloody-Fox ihn scharf fixierte, bemerkte er. Es wurde ihm von Minute zu Minute unheimlicher. Er mußte an die Drohung des Negers denken, und er traute dem Schwarzen die Ausführung derselben zu.

jetzt nun, da es fast dunkel geworden war, schien es ihm möglich zu sein, sich schnell auf und davon machen zu können, was später sicher viel schwieriger auszuführen war, da Bob wohl bei völliger Dunkelheit irgend eine Maßregel ergreifen werde, welche geeignet war, ihn nicht entkommen zu lassen. Darum langte er jetzt nach dem Päckchen, welches er mitgebracht hatte, und zog es allmählich zu sich heran. Er wollte dann plötzlich aufspringen und mit schnellen Sprüngen um die Ecke des Hauses biegen. War er einmal hinter dem dort stehenden Gesträuch verschwunden, so hatte er irgend welche Verfolger wohl kaum mehr zu fürchten.

Aber er hatte sich in Bob verrechnet. Dieser war wie die meisten Neger, welche einen einmal gefaßten Entschluß mit größter Beharrlichkeit zu verfolgen pflegen. Der Schwarze hatte wohl bemerkt, daß der Mormone sich des Päckchens zu versichern strebte und erhob sich, eben als der letztere aufspringen wollte, so schnell von seinem Sitze, daß er Helmers fast umgerissen hätte. Daher die Frage des Wirtes an ihn, was es denn gebe. Bob antwortete:

„Masser Bob haben sehen, daß Dieb fort wollen. Greifen schon nach Paket. Wollen schnell entspringen. Masser Bob aber ihn auf anderem Grund und Boden niederschlagen, darum mit ihm gehen und ihn nicht aus den Augen lassen.“

Er setzte sich auf das äußerste Ende der Bank, so daß er sich, obgleich der Mormone am anderen Tische saß, ganz nahe bei demselben befand.

„Laß den Kerl lieber laufen!“ mahnte der Wirt. „Er ist es vielleicht gar nicht wert, daß du so auf ihn achtest.“

„Massa Helmers haben recht. Er es nicht wert sein, aber Geld es wert sein, welches er haben gestohlen. Er nicht fortkommen, ganz gewiß nicht ohne Begleitung von Masser Bob!“

„Wer ist denn eigentlich dieser Kerl?“ fragte der Juggle-Fred leise. „Er hat mir gleich im ersten Augenblick nicht gefallen. Er hat ganz das Aussehen eines Wolfes, welcher im Schafskleide umherläuft. Als ich ihn erblickte, war es mir ganz so, als ob ich diese scharfe, spitze Physiognomie schon einmal gesehen haben müsse, und zwar unter Umständen, ,welche nicht günstig für ihn sprechen.“

Helmers erklärte ihm, weshalb Bob es so nachhaltig auf den Verdächtigen abgesehen habe, und fügte hinzu:

„Auch Bloody-Fox scheint sich mehr, als er merken lassen will, mit dem Manne zu beschäftigen. Oder nicht?“

Well!“ antwortete der junge Mann. „Dieser Heilige der letzten Tage hat mir etwas gethan, und zwar etwas sehr Schlimmes.“

„Wirklich? Was denn? Warum stellst du ihn nicht zur Rede?“

„Weil ich nicht weiß, was es gewesen ist.“

„Das wäre doch sonderbar. Wenn du so überzeugt bist, daß er dir etwas so Böses zugefügt hat, so mußt du doch auch wissen, was es ist.“

„Eben das kann ich nicht sagen. Ich habe mir fast das Gehirn zermartert, um mich zu erinnern, aber vergebens. Es ist mir, als ob ich das Entsetzliche geträumt und die Einzelheiten des Traumes wieder vergessen habe. Und wegen einer solchen unbestimmten, nebelhaften Ahnung kann ich mich doch nicht an den Kerl machen.“

„Das begreife ich nicht. Was ich weiß, das pflege ich zu wissen. Von nebelhaften Ahnungen ist bei mir niemals die Rede. Übrigens ist es dunkel geworden. Gehen wir hinein in die Stube?“

„Nein, denn das Haus ist diesem Kerl verboten, und ich muß ihn beobachten. Darum bleibe ich hier. Vielleicht fällt es mir doch noch ein, was ich mit ihm auszugleichen habe.“

„So will ich wenigstens für genügende Beleuchtung sorgen, damit er sich nicht dennoch davonschleichen kann.“

Er ging in das Haus zurück und kehrte bald mit zwei Lampen wieder. Diese bestanden sehr einfach aus blechernen Petroleumkannen, aus deren Öffnungen ein starker Docht hervorsah. Glascylinder und Schirm gab es nicht dabei. Dennoch reichten die beiden dunkel lodernden und stark qualmenden Flammen vollständig aus, den Platz vor der Thür zu erleuchten.

Eben als der Wirt die Lampen an zwei Baumäste gehängt hatte, ließen sich Schritte hören, welche sich von daher näherten, wo die Maisfelder lagen.

„Meine Hands kommen heim,“ sagte Helmers.

Unter „Hand“ versteht der Amerikaner jede männliche oder weibliche Person, welche sich in seinem Dienst befindet. Er hatte sich geirrt. Als der Nahende in den Lichtkreis trat, sah man, daß er ein Fremder sei.

Er war ein langer, starker, vollbärtiger Kerl, vollständig mexikanisch gekleidet, doch ohne Sporen, was hier auffallen mußte. Aus seinem Gürtel blickten die Griffe eines Messers und zweier Pistolen hervor, und in der Hand trug er eine schwere, mit silbernen Ringen verzierte Büchse. Als seine dunklen Augen mit scharfem, stechendem Blicke über die einzelnen Personen der Gruppe flogen, machte er den Eindruck eines physisch starken, aber auch rohen Menschen, von welchem man zarte Regungen nicht erwarten dürfe.

Als sein Blick über das Gesicht des Mormonen streifte, zuckte er auf eine eigentümliche Weise mit der Wimper. Niemand als nur der Mormone bemerkte das. Es war jedenfalls ein Zeichen, welches diesem letzteren galt.

Buenas tardes, Sennores!“ grüßte er. „Ein Abend bei bengalischer Beleuchtung? Der Besitzer dieser Hacienda scheint ein poetisch angelegter Mann zu sein. Erlaubt, daß ich mich für eine Viertelstunde bei Euch ausruhe, und gebt mir einen Schluck zu trinken, wenn überhaupt hier etwas zu bekommen ist.“

Er hatte in jenem spanisch-englischen Mischmasch gesprochen, dessen man sich an der mexikanischen Grenze häufig zu bedienen pflegt.

„Setzt Euch nieder, Sennor!“ antwortete Helmers in demselben Jargon. „Was wollt Ihr trinken? Ein Bier oder einen Schnaps?“

„Bleibt mir mit Eurem Bier vom Leibe! Ich mag von solcher deutschen Brühe nichts wissen. Gebt mir einen kräftigen Schnaps, aber nicht zu wenig. Verstanden?“

Seine Haltung und sein Ton waren diejenigen eines Mannes, welcher nicht gewohnt war, mit sich scherzen zu lassen. Er trat ganz so auf, als ob er hier zu gebieten habe. Helmers stand auf, um das Verlangte zu holen und deutete auf die Bank, wo er dem Fremden Platz gemacht hatte. Dieser aber schüttelte den Kopf und sagte:

„Danke, Sennor! Hier sitzen schon viere. Will lieber dem Caballero Gesellschaft leisten, welcher da so einsam sitzt. Bin die weite Savanne gewohnt und habe es nicht gern, so eng bei einander zu kleben.“

Er lehnte sein Gewehr an den Stamm des Baumes und setzte sich zu dem Mormonen, den er mit einem leichten Griffe an den breiten Rand seines Sombrero grüßte. Der Heilige des jüngsten Tages erwiderte den Gruß in ganz derselben Weise. Beide thaten, als ob sie einander vollständig fremd seien.

Helmers war in das Haus getreten. Die anderen verschmähten aus natürlicher Höflichkeit, ihre Blicke in auffälliger Weise auf den Fremden zu richten. Das gab demselben die willkommene Gelegenheit, dem Mormonen zuzuraunen:

„Warum kommst du nicht? Du weißt doch, daß wir Nachricht haben wollen.“

Er sprach dabei das reinste Yankee-Englisch.

„Man läßt mich nicht fort,“ antwortete der Gefragte.

„Wer denn?“

„Dieser verdammte Nigger da.“

„Der kein Auge von dir verwendet? Was hat er denn?“

„Er behauptet, daß ich seinem Herrn Geld gestohlen habe, und will mich lynchen.“

„Mit dem ersteren kann er das Richtige getroffen haben; das letztere aber mag er sich aus dem Sinne schlagen, falls er es nicht riskieren will, daß wir ihm mit unseren Peitschen sein schwarzes Fell blutrot färben. Gibt es etwas Neues hier?“

„Ja. Sechs Diamond-boys wollen mit bedeutenden Summen über die Llano.“

„Alle Teufel! Sollen uns willkommen sein! Werden ihnen ‚mal in die Taschen gucken. Bei der letzten, armseligen Gesellschaft war ja gar nichts zu finden. Doch still! Helmers kommt.“

Der Genannte kehrte mit einem Bierglase voll Schnaps zurück. Er stellte es vor den Fremden und sagte:

„Da, wohl bekomme es, Sennor! Habt heut‘ wohl einen weiten Ritt hinter Euch?“

„Ritt?“ antwortete der Mann, indem er fast den halben Inhalt des Glases hinuntergoß. „Habt Ihr keine Augen? Oder vielmehr, habt Ihr zu viele Augen, so daß Ihr seht, was gar nicht vorhanden ist? Wer reitet, muß doch ein Pferd haben!“

„Gewiß.“

„Nun, wo ist denn das meinige?“

„Jedenfalls da, wo Ihr es gelassen habt.“

Válgame Dios! Ich werde doch wohl mein Pferd nicht 30 Meilen weit zurücklassen, um bei Euch einen Brandy zu trinken, der nicht für den Teufel taugt!“

„Laßt ihn im Glase, wenn er Euch nicht schmeckt! Übrigens besinne ich mich nicht, von 30 Meilen gesprochen zu haben. So wie Ihr hier vor mir sitzt, seid Ihr ein Mann, der jedenfalls ein Pferd hat. Wo es steht, das ist nicht meine Sache, sondern die Eurige.“

„Das denke ich auch. Ihr habt Euch überhaupt um mich nicht zu bekümmern. Verstanden!“

„Wollt Ihr mir das Recht bestreiten, mich um diejenigen zu bekümmern, welche hier auf meiner einsamen Farm einkehren?“

„Fürchtet Ihr Euch etwa vor mir?“

„Pah! Ich möchte denjenigen Menschen sehen, vor welchem John Helmers sich fürchtet!“

„Das ist mir lieb, denn ich möchte Euch nur fragen, ob ich in Eurem Hause für diese Nacht ein Lager bekommen kann.“

Er warf bei diesen Worten einen lauernden Blick auf Helmers. Dieser antwortete:

„Für Euch ist kein Platz vorhanden.“

„Caracho! Warum nicht?“

„Weil Ihr selbst gesagt habt, daß ich mich nicht um Euch zu bekümmern habe.“

„Aber ich kann doch nicht noch in der Nacht bis zu Eurem nächsten Nachbar laufen, bei welchem ich erst morgen mittag ankommen würde!“

„So schlaft im Freien! Der Abend ist mild, die Erde weich und der Himmel die vornehmste Bettdecke, welche es nur geben kann.“

„So weist Ihr mich wirklich fort?“

„Ja, Sennor. Wer mein Gast sein will, muß sich einer größeren Höflichkeit befleißigen, als Ihr uns gezeigt habt.“

„Soll ich Euch etwa, um in irgend einem Winkel schlafen zu dürfen, zur Begleitung der Guitarre oder Mandoline ansingen? Doch, ganz wie Ihr wollt! Ich brauche Eure Gastfreundschaft nicht und finde überall einen Platz, an welchem ich vor dem Einschlafen darüber nachdenken kann, wie ich mit Euch reden werde, wenn wir uns einmal anderswo begegnen sollten.“

„Da vergeßt aber ja nicht, bei dieser Gelegenheit auch mit an das zu denken, was ich Euch darauf antworten würde!“

„Soll das eine Drohung sein, Sennor?“

Der Fremde erhob sich bei diesen Worten und richtete seine hohe, breite Gestalt gebieterisch dem Wirte gegenüber auf.

„O nein,“ lächelte dieser furchtlos. „Solange ich nicht zum Gegenteile gezwungen werde, bin ich ein sehr friedlicher Mann.“

„Das will ich Euch auch geraten haben. Ihr wohnt hier beinahe am Rande der Llano des Todes. Da erfordert die Vorsicht, daß Ihr mit den Leuten möglichst Frieden haltet, sonst könnte der Geist der Llano estakata einmal ganz unerwartet den Weg zu Euch finden.“

„Kennt Ihr ihn etwa?“

„Habe ihn noch nicht gesehen. Aber man weiß ja, daß er am liebsten aufgeblasenen Leuten erscheint, um sie in das jenseits zu befördern.“

„Ich will Euch nicht widersprechen. Vielleicht sind alle diejenigen, welche man, vom Geiste durch einen Schuß in die Stirn getötet, in der Llano gefunden hat, einst aufgeblasene Wichte gewesen. Aber eigentümlich ist es doch, daß diese Kerls alle Räuber und Mörder gewesen sind.“

„Meint Ihr?“ fragte der Mann in höhnischem Tone. „Könnt Ihr das beweisen?“

„So leidlich. Man hat ohne eine einzige Ausnahme bei diesen Leuten stets Gegenstände gefunden, welche früher solchen gehörten, die in der Llano ermordet und ausgeraubt worden waren. Das ist doch Beweis genug.“

„Wenn das so ist, so will ich Euch freundschaftlich warnen: Macht ja nicht einmal hier auf Eurer abgelegenen Farm einen Menschen kalt, sonst könntet Ihr auch einmal mit einem Loche in der Stirn gefunden werden.“

„Sennor!“ fuhr Helmers auf. „Sagt noch ein solches Wort, so schlage ich Euch nieder. Ich bin kein Mörder, sondern ein ehrlicher Mann. Viel eher könnte man denjenigen einer solchen That für fähig halten, der sein Pferd versteckt, um die Meinung zu erwecken, daß man es nicht mit einem Bravo, sondern mit einem armen, ungefährlichen Manne zu thun habe.“

„Gilt das etwa mir?“ zischte der Fremde.

„Wenn Ihr es Euch annehmen wollt, so habe ich nichts dagegen. Ihr seid heut bereits der zweite, der mir vorlügt, kein Pferd zu besitzen. Der erste ist dieser Heilige der letzten Tage. Vielleicht stehen eure beiden Pferde bei einander. Vielleicht stehen auch noch andere Pferde und auch noch Reiter dabei, um auf eure Rückkehr zu warten. Ich sage Euch, daß ich in dieser Nacht mein Haus bewachen und morgen mit Tagesanbruch die Umgegend säubern werde. Da wird es sich höchst wahrscheinlich zeigen, daß Ihr sehr gut beritten seid!“

Der Fremde ballte beide Fäuste, erhob die rechte zum Schlage, trat um einen Schritt näher an Helmers heran und schrie-

„Mensch, willst du etwa sagen, daß ich ein Bravo sei? Sage es mir deutlich, wenn du Mut hast; dann erschlage ich –“

Er wurde unterbrochen.

Bloody-fox hatte diesem Manne weniger Aufmerksamkeit geschenkt als dessen Gewehre. Als der Fremde sich erhoben hatte und dem Baume nun den Rücken zukehrte, stand der Jüngling auf und trat an den Stamm, um das Gewehr genau zu betrachten. Sein bisher gleichgültiges Gesicht nahm einen ganz anderen Ausdruck an. Seine Augen leuchteten, und ein Zug eiserner, gnadenloser Entschlossenheit legten sich um seinen Mund. Er wendete sich zu dem Fremden und legte demselben, ihn in der Rede unterbrechend, die Hand auf die Achsel.

„Was willst du, Junge?“ fragte der Mann.

„Ich will dir an Helmers‘ Stelle Antwort geben,“ antwortete Bloody-fox in ruhigem Tone. „Ja, du bist ein Bravo, ein Räuber, ein Mörder. Nimm dich vor dem Geiste der Llano in acht, den wir den Avenging-ghost nennen, weil er jeden Mord mit einer Kugel durch die Stirn an dem Mörder zu rächen pflegt.“

Der Riese trat mehrere Schritte zurück, maß den Jüngling mit einem erstaunt verächtlichen Blicke und lachte dann höhnisch auf:

„Knabe, Bursche, Junge, bist du toll? Ich zerdrücke dich doch mit einem einzigen Griffe meiner Hände zu Brei!“

„Das wirst du bleiben lassen! Bloody-fox ist nicht so leicht zu zermalmen. Du hast geglaubt, Männern gegenüber unverschämt sein zu können. Nun kommt ein Knabe, um dir zu beweisen, daß du gerad‘ so wenig zu fürchten bist wie ein toter Mensch. Betrachte dich von diesem Augenblicke an als Leiche! Die Mörder der Llano werden vom Avenging-ghost mit dem Tode bestraft. Du bist ein Mörder, und da der Geist nicht anwesend ist, werde ich seine Stelle vertreten. Bete deine letzten drei Pasternoster und Ave Marias; du hast vor dem ewigen Richter zu erscheinen!“

Diese Worte des jungen Mannes, welcher noch ein halber Knabe war, machten einen außerordentlichen Eindruck auf die Anwesenden. Er kam ihnen ganz anders vor als vorher. Sein Auftreten war noch mehr als dasjenige eines erwachsenen Mannes. Er stand da, stolz aufgerichtet, mit drohend erhobenem Arme, blitzenden Augen und einem unerschütterlichen Entschluß in den festen Zügen – ein Bote der Gerechtigkeit, ein Vollstrecker des gerechten Strafgerichtes.

Der Fremde war, trotzdem er den Jüngling fast um Kopfeslänge überragte, bleich geworden. Doch faßte er sich schnell, stieß ein lautes Gelächter aus und rief:

„Wahrhaftig, er ist verrückt! Ein Floh will einen Löwen verschlingen! So etwas hat noch niemand gehört! Mensch, beweise es doch einmal, daß ich ein Mörder bin!“

„Spotte nicht! Was ich sage, das geschieht, darauf kannst du dich verlassen! Wem gehört das Gewehr, welches da am Stamme des Baumes lehnt?“

„Natürlich mir.“

„Seit wann ist es dein Eigentum?“

„Seit über zwanzig Jahren.“

Trotz seines vorigen Gelächters und seiner geringschätzigen Worte machte die jetzige Haltung des Knaben einen solchen Eindruck auf den starken Mann, daß ihm gar nicht der Gedanke kam, ihm die Antwort zu verweigern.

„Kannst du das beweisen?“ fragte Bloody-fox weiter.

„Kerl, wie soll ich das beweisen? Kannst du etwa den Beweis des Gegenteils erbringen?“

„Ja. Diese Büchse gehörte dem Sennor Rodriguez Pinto auf der Estanzia del Meriso drüben bei Cedar Grove. Er war vor zwei Jahren mit seinem Weibe, seiner Tochter und drei Vaqueros hüben in Caddo-Farm auf Besuch gewesen. Er verabschiedete sich dort, kehrte aber niemals heim. Kurze Zeit darauf fand man die sechs Leichen in der Llano estakata, und die Spuren im Boden verrieten, daß die Pfähle versteckt, also in falsche Richtung geordnet worden waren. Diese Büchse war die seinige; er trug sie damals bei sich. Hättest du behauptet, sie während der angegebenen Zeit von irgend wem gekauft zu haben, so wäre die Sache zu untersuchen. Da du aber behauptest, sie bereits zwanzig Jahre zu besitzen, so hast du sie nicht von dem Schuldigen gekauft, sondern bist selbst der Mörder und als solcher dem Gesetze der Llano estakata verfallen.“

„Hund!“ knirschte der Fremde. „Soll ich dich zermalmen! Dieses Gewehr ist mein Eigentum. Beweise es doch, daß es diesem Haziendero gehört hat!“

„Sogleich!“

Er nahm das Gewehr vom Stamme des Baumes weg und drückte an einer der kleinen Silberplatten, welche in den unteren Teil des Kolbens eingelegt waren. Sie sprang auf und unter ihr zeigte sich ein zweites Plättchen mit dem vollständigen Namen, den er vorher genannt hatte.

„Schaut her!“ sagte er, das Gewehr den anderen zeigend. „Hier ist der unumstößliche Beweis, daß dieses Gewehr Eigentum des Haziendero war. Er hat es mir einigemale geborgt; daher kenne ich es so genau. Es ist höchst gefährlich für einen Mörder, einen geraubten Gegenstand, dessen Eigentümlichkeiten ihm unbekannt sind, mit sich umherzutragen. Ich will euch nicht fragen, ob ihr diesen Mann für den Mörder haltet. Ich selbst, ich halte ihn für denselben, und das genügt. Seine Augenblicke sind gezählt.“

„Die deinigen auch!“ schrie der Fremde, indem er auf ihn einsprang, um ihm das Gewehr zu entreißen.

Aber Bloody-fox trat blitzschnell einige Schritte zurück, schlug die Büchse auf ihn an und gebot:

„Stehen bleiben, sonst trifft dich die Kugel. Ich weiß genau, wie man mit solchen Leuten umzuspringen hat. Hobble-Frank, Juggle-Fred, legt auf ihn an, und wenn er sich bewegt, so schießt ihr ihn sofort nieder!“

Die beiden Genannten hatten im Nu ihre Gewehre erhoben und auf den Fremden gerichtet. Es handelte sich hier um das Prairiegesetz, welches nur einen einzigen, aber vollständig genügenden Paragraphen hat; da gibt es für einen braven Westmann kein Zaudern.

Der Fremde sah, daß Ernst gemacht wurde. Es handelte sich um sein Leben; darum stand er bewegungslos.

Bloody-fox senkte jetzt das Gewehr, da die beiden anderen Büchsen den Mann auf seiner Stelle hielten, und sagte:

„Ich habe dir dein Urteil gesprochen, und es wird sofort vollstreckt werden.“

„Mit welchem Rechte?“ fragte der Fremde mit vor Grimm bebender Stimme. „Ich bin unschuldig. Und selbst wenn ich schuldig wäre, brauche ich es mir nicht gefallen zu lassen, von solchen hergelaufenen Leuten gelyncht zu werden, am allerwenigsten aber von einem Kinde, wie du bist.“

„Ich werde dir zeigen, daß ich kein Kind bin. Ich will dich nicht töten, wie ein Henker den Delinquenten tötet. Du sollst Auge in Auge mir gegenüberstehen, jeder mit seinem Gewehre in der Hand. Deine Kugel soll ebensogut mich treffen können, wie dich die meinige treffen wird. Es soll kein Mord, sondern ein ehrlicher Kugelwechsel sein. Wir setzen Leben gegen Leben, obgleich ich dich sofort niederschießen könnte, da du dich in meiner Hand befindest.“

Der junge Mann stand in aufrechter, selbstbewußter Haltung vor dem Fremden. Sein Ton war ernst und bestimmt, und doch klangen seine Worte so gelassen, als sei ein solcher Zweikampf auf Leben und Tod etwas ganz Einfaches und Alltägliches. Er imponierte allen Anwesenden, den einzigen ausgenommen, an den seine Worte gerichtet waren. Oder ließ dieser den Eindruck nicht merken, welchen das Verhalten seines Gegners auf ihn hervorbrachte? Er schlug ein lautes, höhnisches Gelächter auf und antwortete:

„Seit wann führen denn hier an der Grenze unreife Knaben das große Wort? Denke nicht etwa, daß ich mich wegen deines Mutes oder deiner Umsicht in deiner Hand befinde! Wenn diese Männer nicht da gewesen wären, um ihre Läufe auf mich zu richten, hätte ich dich bereits abgewürgt, wie man einem fürwitzigen Sparrow den Kopf abdreht. Bist du wirklich so verrückt, dich mit mir messen zu wollen, so habe ich nichts dagegen. Mache dich aber ja darauf gefaßt, heute dein letztes Wort gesprochen zu haben! Meine Kugel hat noch nie gefehlt. Du kannst auf Gift wetten, daß sie auch dir den Weg zur Hölle zeigen wird! Aber ich halte dich und die anderen bei dem, was dein großes Maul gesprochen hat. Ich verlange einen ehrlichen Kampf und dann ein freies und offenes Feld für den Sieger!“

„Du sollst beides haben,“ antwortete Bloody-fox.

„Hast du mich auch recht verstanden? Wenn du von meiner Kugel gefallen bist, darf ich gehen, wohin es mir beliebt, und keiner hat das Recht, mich zurückzuhalten!“

„Oho!“ rief da Helmers. „So haben wir nicht gewettet. Selbst wenn du Glück im Schusse haben solltest, sind wohl noch einige Gentlemen da, welche dann ein Wort mit dir zu sprechen haben. Ihnen wirst du Rede stehen müssen.“

„Nein, so nicht!“ fiel Bloody-fox ein. „Der Mann gehört mir. Ihr habt kein Recht an ihm. Ich allein bin es, der ihn herausgefordert hat, und ich habe ihm mein Wort gegeben, daß der Kampf ein ehrlicher sein werde. Dieses Versprechen müßt Ihr halten, wenn ich falle. Es soll nach meinem Tode nicht heißen, daß mein Versprechen keinen Wert gehabt habe.“

„Aber, Boy, bedenke doch – – – !“

„Es ist nichts, gar nichts zu bedenken!“

„Soll dich ein notorischer Schuft ungestraft niederschießen können?“

„Wenn es ihm gelingt, ja, denn es ist mein Wille gewesen, mich mit ihm zu schießen. Es ist wahr, er gehört unbedingt zu den Staked Plain Vultures und sollte eigentlich ohne langes Gerede mit Knütteln erschlagen werden. Aber so eine Henkerei widerstrebt mir, und wenn ich ihn eines anderen und besseren Todes würdige, so muß diese außerordentliche Vergünstigung auch nach meinem Tode Wirkung haben. Ihr versprecht mir also jetzt mit Wort und Handschlag, daß er sich ungehindert entfernen kann, falls er mich erschießt!“

„Wenn du nicht anders willst, so müssen wir es thun; aber du gehst mit dem Vorwurf von der Erde, durch deine ungerechtfertigte Milde dafür gesorgt zu haben, daß dieser Schurke sein Handwerk auch fernerhin betreiben kann!“

„Nun, was das betrifft, so bin ich sehr, sehr ruhig. Er hat gesagt, daß seine Kugel niemals fehle. Wollen sehen, ob die meinige wohl im Laufe steckt, um ein Loch nur in die Luft zu machen. Sage also, Kerl, auf welche Distanz wir uns schießen wollen!“

„Fünfzig Schritte,“ antwortete der Fremde, an welchen die letztere Aufforderung gerichtet war.

„Fünfzig!“ lachte Bloody-fox. „Das ist nicht allzu nahe. Du scheinst deine Haut ganz außerordentlich lieb zu haben. Aber es soll dir doch nichts nützen. Weißt du, ich will dir die freundschaftliche Mitteilung machen, daß ich ganz genau so wie der Avenging-ghost zu zielen pflege, nämlich nach der Stirn. Nimm also die deinige in acht! Ich befürchte, du wirst an dem heutigen gesegneten Tage einige Lot Blei durch den Verstand bekommen. Ob du das vertragen wirst, das ist nicht meine Sache, sondern die deinige.“

„Immer schneide auf, Knabe!“ knirschte sein Gegner. „Ich habe erhalten, was ich wünschte, das Versprechen des ungehinderten Weges. Machen wir die Sache kurz. Gib mir mein Gewehr!“

„Wenn die Vorbereitungen getroffen sind, sollst du es haben, eher nicht, denn es ist dir nicht zu trauen. Der Wirt mag die Distanz abmessen, fünfzig Schritte. Haben wir Posto gefaßt, so mag Bob sich mit der einen Lampe zu dir, Hobble-Frank sich mit der anderen zu mir stellen, damit wir beide einander genau sehen können und ein sicheres Ziel haben. Dann gibt Juggle-Fred dir dein Gewehr in die Hand, Helmers mir das meinige. Helmers kommandiert, und von diesem Augenblick an können wir beide ganz beliebig schießen, jeder zwei Kugeln, denn unsere Gewehre sind doppelläufig.“

„Avancieren wir dabei?“ fragte der Fremde.

„Nein! Du hast die Distanz bestimmt, und dabei hat es zu bleiben. Wer seinen Platz verläßt, bevor die Kugeln gewechselt worden sind, der wird von dem, welcher ihm das Licht hält, niedergeschossen. Zu diesem Zwecke werden Bob und Frank ihre gespannten Pistolen oder Revolver bereit halten.

Erschossen wird auch derjenige von uns beiden, dem es einfallen sollte, sich zu entfernen, bevor sein Gegner die beiden Schüsse abgefeuert hat.“

„Schön! So sein sehr schön!“ rief Bob. „Masser Bob sofort geben Schuft eine Kugel, wenn er wollen laufen!“

Er zog die Waffe aus dem Gürtel und zeigte sie unter drohendem Grinsen dem Fremden.

Die anderen erklärten sich mit den Bedingungen Bloody-fox‘ einverstanden, und die Vorbereitungen wurden sofort getroffen. Sie waren damit alle so beschäftigt, daß es keinem einfiel, auf den frommen Tobias Preisegott Burton besonders acht zu geben. Diesem schien die Szene jetzt ganz gut zu behagen. Er rückte langsam von seinem Platze nach der Ecke der Bank und zog die Füße unter dem Tische hervor, so daß er am passenden Augenblicke die Beine sofort zur Flucht benutzen konnte.

Jetzt hatten die beiden Gegner ihre Plätze eingenommen, fünfzig Schritte voneinander entfernt. Neben dem Fremden stand der Neger, in der Linken die Lampe und in der Rechten die Reiterpistole, welche er schußbereit hielt. Bei Bloody-fox stand Hobble-Frank mit seiner Lampe und in der anderen Hand den Revolver, nur der Form wegen, da es sich voraussehen ließ, daß er nicht in die Lage kommen werde, ihn gegen den jungen, ehrlichen Mann zu gebrauchen.

Helmers und Juggle-Fred hielten die beiden geladenen Gewehre bereit. Es war selbst für diese kampfgewohnten Leute ein Augenblick höchster Spannung. Die beiden im Luftzuge wehenden Flammen beleuchteten mit rußigrotem, flackerndem Scheine die beiden Gruppen. Die Männer standen still, und doch schien es bei dem unruhigen Lichte, als ob sie sich unausgesetzt bewegten. Es war unter diesen Umständen sehr schwer, ein ruhiges Ziel zu nehmen, besonders da die Beleuchtung nicht zureichend war, die Kimme des Visieres oder gar das noch weiter vom Auge entfernte Korn zu erkennen.

Bloody-fox stand in einer so unbefangenen, ja harmlosen Haltung da, als ob es sich um eine Partie Kricket handle. Sein Gegner aber befand sich in anderer Stimmung. Juggle-Fred, welcher ihm das Gewehr zu überreichen hatte und also nahe bei ihm stand, sah das gehässige Leuchten seiner Augen und das ungeduldige Zittern seiner Hände.

„Seid ihr fertig?“ fragte jetzt Helmers.

„Ja,“ antworteten beide, wobei der Fremde bereits die Hand nach seiner Büchse ausstreckte.

Er hatte jedenfalls die Absicht, Bloody-fox, wenn auch nur um eine halbe Sekunde, mit dem Schusse zuvorzukommen.

„Hat einer von euch für den Fall seines Todes noch eine Bestimmung zu treffen?“ erkundigte sich Helmers noch.

„Der Teufel hole deine Neugierde!“ rief der aufgeregte Fremde.

„Nein,“ antwortete der Jüngling desto ruhiger. „Ich sehe es diesem Kerl an, daß er mich nur infolge eines Zufalles treffen würde. Er zittert ja, In diesem Falle würdest du in meiner Satteltasche finden, was zu wissen dir nötig ist. Und nun mach, daß wir zu Ende kommen!“

„Na, denn also hin mit den Büchsen! Gebt Feuer!“

Er reichte Bloody-fox das Gewehr hin. Der junge Mann nahm es gleichmütig hin und wiegte es in der rechten Hand, als ob er die Schwere desselben taxieren wolle. Er that gar nicht so, als ob sein Leben an einem kurzen Augenblicke hänge.

Der andere hatte seine Büchse dem Juggle-Fred fast aus der Hand gerissen. Er gab seine linke Seite vor, um ein möglichst schmales Ziel zu bieten, und legte an. Sein Schuß krachte.

Halloo! Dash!“ brüllte der Neger. „Masser Bloody-fox sein nicht troffen! Oh fortune! Oh bleasure! Oh delight!“

Er sprang mit gleichen Beinen in die Luft, tanzte um seine eigene Achse und gebärdete sich vor Freude wie ein Besessener.

„Willst du Ruhe halten, Kerl!“ donnerte Helmers ihn an. „Wer soll denn da zielen, wenn du die Lampe in dieser Weise schwingst!“

Bob sah augenblicklich ein, daß sein Verhalten grad demjenigen, dem er den Sieg wünschte, zum Schaden gereiche. Er stand plötzlich kerzengerade und rief –.

„Masser Bob jetzt still halten! Masser Bob nicht zucken! Massa Bloody-fox schnell schießen!“

Aber der andere hatte sein Gewehr nicht von der Wange genommen. Er drückte ab – auch dieser Schuß ging fehl, obgleich Bloody-fox noch immer so da stand wie vorher, ihm die ganze Breite seines Körpers bietend und die Büchse in der Rechten wiegend.

Thousand devils!“ fluchte der Fremde.

Er stand einige Augenblicke ganz starr vor Betroffenheit. Dann stieß er noch ein Kraftwort aus, welches nicht wiedergegeben werden kann, und that einen Sprung zur Seite, um zu entfliehen.

Stop!“ rief der Neger. „Ich schießen!“

Man hörte die That zu gleicher Zeit mit dem Worte. Er drückte ab. Aber nicht sein Schuß allein war gefallen.

Der kurze Augenblick, während dessen sein Gegner vor Schreck unbeweglich gewesen war, hatte Bloody-fox genügt, sein Gewehr empor zu nehmen. Er drückte so schnell ab, als ob er gar nicht zu zielen brauchte, drehte sich dann auf dem Absatze um, griff in den Munitionsbeutel, um der Gewohnheit jener Gegend gemäß den abgeschossenen Lauf sofort wieder zu laden und sagte:

„Er hat es! Geh hin, Frank! Du wirst mitten in seiner Stirn das Loch sehen.“

Er kehrte dem Platze, an welchem sein Gegner gestanden hatte, den Rücken zu, und seine Stimme klang so ruhig, als ob er soeben etwas ganz Alltägliches verrichtet habe.

Frank und Helmers eilten nach der Stelle, an welcher der Fremde niedergestürzt war. Bloody-fox folgte ihnen langsam, nachdem er geladen hatte.

Dort ertönte die triumphierende Stimme des Negers:

Oh courage! Oh bravery! Oh valour! Masser Bob hat totschießen all ganz Spitzbuben! Hier liegen der Mann und sich nicht bewegen von der Stelle. Sehen Massa Helmers und Massa Frank, daß Old Bob ihn haben treffen in die Stirn? Es sein ein Loch vom hinein und hinten wieder heraus l Oh, Masser Bob sein ein tapfer Westmann. Er überwinden tausend Feinde mit Leichtigkeit.“

„Ja, du bist ein außerordentlich guter Schütze!“ nickte Helmers, welcher bei dem Toten niedergekniet war und denselben untersuchte. Wohin hast du denn eigentlich gezielt?“

„Masser Bob zielen genau nach Stirn und ihn auch dort treffen. Oh, masser Bob to be a giant, a hero: masser Bob to be invincibe, to be unconquerable and impregnable!

„Schweig, Schwarzer! Du bist weder ein Held noch ein Riese oder gar ein Unüberwindlicher. Du hast gar nichts gethan, was ein Beweis von Mut sein könnte. Du hast auf einen Fliehenden geschossen und dazu gehört gar nichts. Übrigens ist es dir gar nicht eingefallen, deine alte Haubitze auf die Stirn dieses Mannes zu halten. Da, schau seine Hose an! Was erblickst du da?“

Bob leuchtete nieder und betrachtete die Stelle, auf welche Helmers deutete.

„Das sein ein Loch, ein Riß,“ antwortete er.

„Ja, ein Riß, welchen deine Kugel gemacht hat. Du hast durch das Hosenbein geschossen und willst nach der Stirn gezielt haben! Schäme dich! Und dabei betrug die Entfernung keine sechs Schritte!“

„Oh, oh! Masser Bob sich nicht schämen müssen! Masser Bob haben treffen in Stirn. Aber Massa Bloody-fox auch schießen und treffen nur in Hose. Masser Bob haben schießen ausgezeichnet, viel besser als Massa Bloody-fox!“

„Ja, das kennen wir! Aber welch ein Schuß! Bloody-fox, das macht dir wirklich keiner nach! Ich habe dich gar nicht zielen sehen!“

„Ich kenne mein Gewehr,“ antwortete der junge Mann bescheiden, „und wußte, daß es genau so kommen werde, denn der Kerl war zu erregt. Er zitterte. Das ist allemal eine Dummheit, zumal wenn das Leben an nur zwei Schüssen hängt.“

Der Mann war tot. Das runde, scharfrandige Loch saß ihm mitten auf der Stirn. Die Kugel war hinten herausgegangen.

„Genau so, wie der Geist der Llano estakata schießen soll,“ meinte Juggle-Fred in bewunderndem Tone. „Wahrhaftig, das ist ein Meisterschuß! Der Kerl hat seinen Lohn empfangen. Was thun wir mit seiner Leiche?“

„Meine Leute mögen sie einscharren,“ antwortete Helmers. „Einen Getöteten vor sich zu haben, ist kein erfreulicher Anblick, denn selbst der ärgste Schurke bleibt doch immerhin ein Mensch; aber Gerechtigkeit muß sein, und wo das Gesetz keine Macht hat, da ist man eben gezwungen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Und hier ist zudem von einem Orte der Lynchjustiz gar keine Rede, denn Bloody-fox hat ihm die gleichen Chancen gelassen. Es ist bewiesen, daß er ein Mörder ist, Gott sei seiner Seele gnädig! Und nun wollen wir –– was ist’s? Was gibt es denn?“

Bob hatte nämlich einen lauten Ruf ausgestoßen. Er war der einzige, dessen Augen jetzt nicht auf den Toten gerichtet gewesen waren.

Heigh-ho!“ antwortete der Schwarze. „Massa Helmers einmal dorthin sehen!“

Er streckte den Arm nach der Gegend aus, in welcher die Tische und Bänke standen. Dort war es jetzt finster, da die beiden Lampenträger sich hier bei der Gruppe befanden.

„Warum? Was ist dort?“

„Nichts, gar nichts sein dort. Wenn Massa Helmers und alle anderen Massas hinsehen, dann sie gar nichts sehen, denn er sein fort.“

Egad! Der Mormone ist entflohen!“ antwortete Helmers, indem er von der Leiche emporsprang. „Schnell nach! Sehen wir, ob wir ihn erwischen!“

Die Gruppe löste sich augenblicklich auf. Jeder rannte nach der Richtung, in welche ihn der Zufall oder die momentane Vermutung trieb. Nur einer blieb zurück – – Bloody-fox. Er stand bewegungslos und horchte in das Dunkel des Abends hinaus. So blieb er, bis die Männer wiederkehrten, um, wie vorauszusehen gewesen war, zu melden, daß sie keine Spur des Gesuchten bemerkt oder gefunden hätten.

Well, dachte es mir!“ nickte er. „Wir sind dumm gewesen.

Vielleicht ist dieser fromme Mormone ein noch viel gefährlicherer Mensch, als der Tote hier jemals gewesen ist. Ich habe ihn gesehen, weiß aber nicht wo, werde aber dafür sorgen, daß ich ihn wiedersehe und zwar sehr bald! Good evening, Mesch’schurs!“

Er hob das Gewehr auf, welches dem Toten entfallen war, und schritt zu seinem Pferde.

„Willst du fort?“ fragte Helmers.

Yes. Ich wollte ja schon längst weiter und habe mit diesem Fremden hier wohl eine kostbare Zeit versäumt. Die Büchse nehme ich mit, um sie den Erben des rechtmäßigen Besitzers zuzustellen.“

„Wann sehe ich dich wieder?“

„Wann es nötig ist. Nicht eher und nicht später.“

Er stieg auf und trabte davon, ohne jemand die Hand gereicht zu haben.

„Ein sonderbarer junger Mensch,“ meinte der Juggle-Fred, indem er den Kopf schüttelte.

„Lassen wir ihn!“ antwortete Helmers. „Er weiß stets, was er thut. Ja, er ist jung, aber er nimmt es mit manchem Alten auf, und ich bin überzeugt, daß er über kurz oder lang diesen Master Tobias Preisegott Burton und vielleicht auch noch andere beim Kragen hat!“ –-

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