Roman

Kapitel 45

 

45

 

Jim beriet sich kurz mit dem Polizeioffizier, bevor er sich von Lord Creith an die Stelle führen ließ, wo Joan verschwunden war.

 

»Ich glaube, es war hier!«

 

Jim sprach mit dem Beamten, aber dieser schüttelte den Kopf.

 

»Dabei kann ich Ihnen nicht helfen – es könnte zu großen Unannehmlichkeiten für mich führen. Ich kann Ihnen nur beispringen, wenn Sie meine Hilfe brauchen.«

 

»Das genügt mir«, sagte Jim.

 

In der Mauer befand sich ein kleines Tor. Jim ging darauf zu und klopfte.

 

Nach einiger Zeit öffnete sich ein Guckloch, und ein braunes Gesicht erschien in der Öffnung.

 

»Der Scherif ist nicht zu Hause«, sagte die Sklavin.

 

»Öffne, du Rose von Saron«, erwiderte Jim liebenswürdig. »Ich komme von dem Pascha und bringe Neuigkeiten für den Scherif.«

 

Die Frau zögerte.

 

»Ich darf nicht öffnen«, entgegnete sie, aber Jim spürte, daß sie unentschlossen war, und zog daraus sofort Vorteil.

 

»Ich bringe Nachricht von Hamon«, flüsterte er. »Geh zum Scherif und sage ihm das.«

 

Das Guckloch wurde geschlossen. Jim sah sich nach Lord Creith um, der neben ihm stand und ein sorgenvolles Gesicht machte.

 

»Es ist besser, Sie warten drüben bei dem Franzosen.«

 

»Aber wenn sie hier in dem Haus ist, werde ich darauf bestehen, daß –«

 

»Wenn überhaupt etwas zu machen ist, werde ich es erreichen«, sagte Jim grimmig. »Und Sie helfen mir am besten damit, daß Sie nicht dazwischentreten.«

 

Gleich nachdem sich der Lord widerwillig entfernt hatte, wurden die Riegel zurückgezogen. Ein Schlüssel drehte sich im Schloß, das Tor wurde ein wenig geöffnet, und Jim trat ein. Er stand auf dem quadratischen Hof, den er schon vor vielen Jahren einmal gesehen hatte, und blickte zu dem alten, verkommenen Brunnen und der verfallenen Veranda mit den verblaßten Polsterstühlen hinüber.

 

Als aber ein Mann dort erschien, ging er schnell quer über den Hof und stieg eilig zur Veranda hinauf.

 

»Sadi Hafis, du mußt mir helfen«, sagte er.

 

Bei dem Klang dieser Stimme schrak der Maure zusammen.

 

»Großer Gott!« sagte er atemlos. »Ich wußte nicht, daß du in Tanger bist, Milaka!«

 

Sein an und für sich blasses Gesicht schien noch farbloser zu werden.

 

»Was kann ich für Sie tun, mein lieber Captain Morlake?« fragte er dann in vorzüglichem Englisch. »Es ist wirklich eine Überraschung für mich – warum haben Sie denn Ihren Namen nicht gesagt?«

 

»Weil du mich dann nicht hereingelassen hättest. Wo ist Lady Joan Carston?«

 

Bestürzung zeigte sich auf Sadis Gesicht.

 

»Lady Joan Carston? Ich kann mich nicht auf den Namen besinnen. Ist es eine Dame von der Britischen Gesandtschaft?«

 

»Wo ist die junge Dame, die vor einer halben Stunde hier hereingelockt wurde? Ich warne dich, Sadi Hafis! Ich werde dieses Haus nicht ohne sie verlassen!«

 

»So wahr der allmächtige Gott lebt«, protestierte Sadi heftig, »ich weiß nicht, wo die Dame ist, und beim Paradiese Allahs, ich habe sie nicht gesehen. Warum sollte sie denn auch in meinem ärmlichen Hause sein, da sie doch offenbar von hohem englischen Adel ist?«

 

»Wo ist Lady Joan Carston?« wiederholte Jim nachdrücklich. »Bei Gott, Sadi, ich rate dir, mir jetzt endlich Antwort zu geben, oder ich frage einen toten Mann um Auskunft!«

 

Im Nu hatte er eine Pistole gezogen. Der Glanz der Waffe schien Sadi einen Augenblick zu blenden, denn er schloß die Augen und blinzelte.

 

»Das ist ein gewaltsamer Überfall!« rief er aufgeregt auf arabisch. »Ich werde es dem Konsulatsgericht melden –«

 

Jim stieß ihn zur Seite und trat in die fliesenbelegte Halle. Links befand sich eine Tür, die offenbar in Sadis Rauchzimmer führte, denn es roch nach Haschisch und Tabak. In der einen Ecke des Raumes war eine eiserne Wendeltreppe, auf der man in das obere Geschoß gelangen konnte. Sie war eine Merkwürdigkeit in dieser primitiven orientalischen Umgebung. Ohne Zögern eilte Jim hinauf. Mit einem Schrei sprang ein Mädchen, das dort gesessen hatte, auf und verhüllte das Gesicht mit einem Schleier.

 

»Wo ist die englische Dame?« fragte Jim schnell.

 

»O Herr«, sagte sie zitternd, »ich habe keine englische Dame gesehen.«

 

»Wer ist sonst noch hier?«

 

Er eilte durch den halbdunklen Raum und zog die Vorhänge von drei Schlafplätzen zur Seite, aber Joan war nicht da. Dann stürzte er die Treppe wieder hinunter. Er wußte, bevor Sadi noch feuern konnte, was sich ereignen würde, denn er hatte das unverzeihliche Verbrechen begangen, in den Harem eines orientalischen Großen einzudringen.

 

»Steck deine Pistole ein, oder du wirst sterben!« rief er.

 

Sadi feuerte nach der Stelle, wo Jim gestanden hatte, aber als dieser dann unerwartet wieder hinter einer Säule erschien, hob er die Hände in die Höhe. Im nächsten Augenblick warf sich Jim auf ihn und nahm ihm die Waffe ab.

 

»Nun – wo ist Joan Carston?«

 

»Ich sagte dir schon, daß ich es nicht weiß.«

 

Vor der Tür sammelte sich eine Schar furchtsamer Diener. Jim warf die Tür schmetternd ins Schloß und schob die Riegel vor.

 

»Wo ist Joan Carston?«

 

»Sie ist fortgegangen«, erwiderte Sadi dumpf.

 

»Du lügst – sie hatte noch keine Zeit fortzugehen.«

 

»Sie war nur eine Minute hier, dann ging sie in die Straße der Schulen – ein Tor führt von meinem Hause dorthin.«

 

»Mit wem ist sie fortgegangen?«

 

»Das weiß ich nicht.«

 

Jim stand drohend vor ihm, und seine Augen sprühten Zorn.

 

»Sadi«, sagte er langsam und nachdenklich, »kennst du Zafuri? Gestern abend erzählte er mir, daß er deinen Kopf abschlagen wird, weil du ihn bei der Regierung verraten hast. Auch hast du Geld von ihm genommen, um Gewehre für ihn zu kaufen, und du hast das Geld für dich verbraucht. Wenn du mir jetzt die Wahrheit sagst, werde ich dir das Leben retten.«

 

»Mir ist schon so oft gedroht worden, Milaka«, entgegnete Sadi wieder kühner. »Und was ist mir geschehen? Ich bin noch immer am Leben. Und ich erkläre dir noch einmal, ich weiß nichts von dieser Dame.«

 

»Du hast doch eben gesagt, daß sie hier im Hof war und daß man sie durch die Tür dort in die Straße der Schulen gebracht hat! Wer hat sie mitgenommen?«

 

»So wahr Allah lebt, das weiß ich nicht!« rief Sadi.

 

»Das wirst du büßen, Sadi Hafis!«

 

Donnernd warf er die Tür ins Schloß und ging aus dem Haus über den Hof. Er sah, daß Sadi wenigstens insofern die Wahrheit gesagt hatte, als noch eine andere Tür nach der engen Straße führte. Dann erinnerte er sich plötzlich daran, daß Joans Vater Leute gesehen hatte, die eine schwere Kiste trugen. Nachforschungen ergaben, daß vier Männer in der nächsten Straße den Kasten auf einen Wagen geladen hatten, der schon den ganzen Morgen dort gewartet hatte. Ein Kameltreiber, der in der Nähe geruht hatte, bestätigte diese Angabe und sagte, daß sich in dem Kasten etwas bewegt habe. Er habe die Männer nach dem Inhalt gefragt, und sie hätten geantwortet, daß sie Hühner trügen.

 

Jim eilte durch die Menge, die sich auf dem Markt angesammelt hatte, und verschwand unter den Leuten. Zehn Minuten später sah Lord Greith ein großes Auto in schnellstem Tempo die Straße entlangrasen: Jim saß am Steuer.

 

»Ich fand den Wagen vor dem Hotel d’Angleterre«, rief er atemlos. »Gott weiß, wem er gehören mag.«

 

Lord Creith sprang schnell hinein.

 

Jim fuhr die Straße nach Fes entlang. Er konnte die Spuren des Wagens noch zehn Meilen von Tanger entfernt verfolgen.

 

»Dort steht der Wagen ja«, sagte er plötzlich.

 

Die Leute hatten ihn stehengelassen, aber die Kiste stand noch darauf. Jim hielt an. Er sah sofort, daß sie leer war; der Deckel lag im niedrigen Gestrüpp an der Seite des Weges.

 

Als er in die Kiste sah, fand er da einen weißen Schuh.

 

»Er gehört Joan!« rief Lord Creith, als Jim ihm den Fund zeigte.

 

Kapitel 46

 

46

 

Joan Carston schlenderte langsam hinter ihrem Vater her. Sie gingen gerade an einer Gartenmauer vorbei, als sich eine Tür öffnete. Einen Augenblick hielt Joan an, um in den Hof zu sehen. Zuerst war sie sehr enttäuscht, aber im Eingang erschien eine Frau, die sie freundlich anlächelte, die Tür aufhielt und eine einladende Handbewegung machte, als ob hier etwas Schönes zu sehen sei. Joans Neugierde erwachte, und sie trat ein. Plötzlich wurde aber das Tor hinter ihr zugeschlagen, eine große, schwarze Hand bedeckte ihren Mund, und sie wurde von der Türschließerin festgehalten.

 

Bevor ihr zum Bewußtsein kam, was eigentlich geschah, kamen vier Männer auf sie zu, banden ihre Füße mit einem Tuch zusammen und legten ihr ein großes Baumwollbündel auf das Gesicht, das sie am Sehen und Atmen hinderte.

 

Sie sah ein, daß es zwecklos war zu kämpfen, und blieb ruhig liegen, als ihr auch die Hände zusammengeschnürt wurden. Man hob sie auf, nahm die Baumwolle von ihrem Gesicht und band ihr ein Seidentuch um den Mund. Dann wurde sie in einen großen Kasten gelegt und hochgehoben.

 

Die Luft in dem Gehäuse war drückend. Joan fürchtete zu ersticken und versuchte, mit ihrem Kopf den Deckel zu heben. Aber er war von außen fest verschlossen. Sie schien eine Ewigkeit getragen zu werden, dann fühlte sie einen kleinen Stoß, als ob der Kasten auf eine Unterlage gestellt würde. Der Wagen fuhr an, und seine Geschwindigkeit nahm immer mehr zu. Offenbar hatte der Fahrer große Eile, denn er verlangsamte die Fahrt nicht einmal, als es über einen unebenen, holprigen Weg ging. Alle Glieder schmerzten Joan, und sie war daran, das Bewußtsein zu verlieren.

 

Sie mußte wohl auch ohnmächtig geworden sein, denn als sie wieder zu sich kam, lag sie an der Straßenseite. Wagen und Kasten waren verschwunden, die Fesseln an Händen und Füßen gelöst, und die vier Leute, die sie gefangengenommen hatten, beugten sich über sie. Einer von ihnen stellte sie auf die Füße und sagte auf arabisch etwas zu ihr, das sie nicht verstand. Sie schüttelte den Kopf, um ihm klarzumachen, daß sie die Sprache nicht beherrsche. Dann sah sie ein paar Maulesel, die auf sie zu warten schienen. Der größte Mann trug sie zu einem der Tiere und setzte sie in den Sattel. Dann führte er es einen steilen Abhang hinab, der im rechten Winkel von der Straße abbog. Seine Gefährten folgten.

 

Sie hatte furchtbare Kopfschmerzen und konnte kaum ihre Gedanken sammeln. Entsetzlicher Durst quälte sie, und ihre Kehle war ausgetrocknet. Aber der Weg, den sie auf dem Maultier zurücklegen mußte, war nicht lang. In einer Talsenke stand ein Haus mit einem flachen Dach, das von einer hohen, weißen Mauer umgeben war, und die Leute geleiteten sie auf dem Maultier durch das enge Tor.

 

Im Hof blühten viele Blumen in prächtigen Farben, und in der Mitte plätscherte ein Springbrunnen. Sie wartete, während ihre Begleiter die Türen fest verschlossen. Dann wurde ihr bedeutet, daß sie absteigen solle. Man führte sie zum Haus und klopfte an die Tür. Es wurde sofort geöffnet, und ein Mädchen zeigte sich im Eingang. Sie zog Joan herein und brachte sie in einen länglichen Raum. Der Boden war mit schäbigen Teppichen bedeckt, und im Hintergrund stand ein großer, bequemer Diwan.

 

Oben in den Wänden waren Fenster angebracht, durch die helles Licht hereinfiel. Nach den Beschreibungen, die sie gelesen hatte, nahm Joan an, daß sie sich im Harem eines maurischen Hauses befand. Aber sie sah keine anderen Frauen; auch das Mädchen, das sie hereingeführt hatte, verschwand wieder und schloß die Tür.

 

Joan setzte sich auf die Ecke des Diwans und versuchte nachzudenken. Sie mußte der Gefahr tapfer entgegentreten.

 

Die Entführung war so glatt gegangen, daß sie vorbereitet gewesen sein mußte. Aber woher konnten die Leute nur wissen, daß sie durch das Tor gehen würde? Sie mußten tagelang gewartet haben, um ihren Plan zur Ausführung zu bringen. Und wer wollte sie in seine Gewalt bringen?

 

Als sich die Tür öffnete, sprang Joan auf. Das Mädchen trat wieder herein und brachte auf einem großen Messingtablett einheimisches Brot, Früchte und eine braune Flasche mit klarem Wasser. Ein reichverzierter Becher stand daneben. Als sich das Mädchen wieder entfernt hatte, goß Joan Wasser in den Becher und trank gierig. Sie betrachtete die Nahrung zuerst argwöhnisch, aber dann faßte sie Mut und aß von dem Brot.

 

Am anderen Ende des Raumes trat ein Mann durch die Tür und beobachtete sie einige Zeit, ohne daß sie etwas von seiner Anwesenheit ahnte. Schließlich machte er sich durch ein Räuspern bemerkbar, und Joan fuhr entsetzt in die Höhe.

 

»Sie sind es?«

 

Ralph Hamon lächelte gemein.

 

»Das ist ein unerwartetes Vergnügen.«

 

Plötzlich erkannte sie die Zusammenhänge.

 

»Sie also stecken hinter allem?« sagte sie langsam. »Deshalb haben Sie uns zu dieser Reise eingeladen?«

 

»Ja, ich war so frei. Ich wollte Sie ein wenig aus der Nähe dieses Morlake entfernen. Wenn es überhaupt noch eine Gerechtigkeit in England gibt, hat man diesen Menschen verhaftet, denn er hat einen Mord auf dem Gewissen. Sie wissen wahrscheinlich, daß Ihr Gatte in der Nacht vor Ihrer Abreise getötet wurde und daß es Morlake war, der ihn erschossen hat.«

 

Sie warf ihm einen verächtlichen Blick zu.

 

»Sie selbst haben Farringdon getötet – Captain Welling erzählte es mir, bevor ich abfuhr.«

 

Wenn Sie die Absicht hatte, ihm einen Schrecken einzujagen, so hatte sie vollen Erfolg. Sein Gesicht sah plötzlich fahl und verstört aus.

 

»Sie wollen mich nur bluffen!« rief er heiser. »Warum soll denn ausgerechnet ich diesen Säufer erschossen haben?«

 

»Captain Welling hat mir ganz klar gesagt, daß Sie der Mörder sind«, entgegnete sie kühl. »Und Jim Morlake wird bald auf Ihrer Spur sein!«

 

Er nahm sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

 

»Was – ich ein Mörder?« fragte er düster. »Nun, mehr als henken können sie mich auch nicht. Ich wollte Ihnen eigentlich etwas sagen, aber Sie haben mein Programm umgestoßen, Joan. Ich kann leicht erfahren, ob Morlake in Tanger ist.«

 

»Ich habe nicht gesagt, daß er in Tanger ist, davon weiß ich nichts.«

 

Seine Züge erheiterten sich.

 

»Ich werde es bald herausbringen«, wiederholte er dann und verließ den Raum durch eine von einem Vorhang verborgene Tür.

 

Einige Minuten später kam das maurische Mädchen zurück und führte Joan in einen Raum auf der Rückseite des Hauses. Aus glasierten Klinkern war hier eine Badewanne in den Fußboden eingemauert, und das Mädchen gab Joan ein Zeichen, sich zu entkleiden. Über der Lehne eines etwas wackligen Stuhls hingen Kleider, wie sie maurische Frauen trugen. Zuerst sträubte sich Joan, aber das Mädchen zeigte bedeutungsvoll auf die Tür, und Joan vermutete, daß man Gewalt anwenden würde, wenn sie Widerstand leistete. Sie entkleidete sich deshalb unter den wachsamen Augen des Mädchens und stieg ins Bad.

 

Ihre Kleider wurden entfernt, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als danach das arabische Kostüm anzulegen.

 

Die Dunkelheit brach schon herein, als Ralph Hamon zu ihr zurückkehrte.

 

»Ihr Freund Morlake hat eine böse Geschichte angerichtet die maurischen Behörden sind hinter ihm her, aber er hat es ja selbst so gewollt. Ein Mann, der so gut mit den Sitten des Landes vertraut ist wie er, sollte es sich doch zweimal überlegen, bevor er versucht, in den Harem eines maurischen Großen einzudringen. Sie werden sich vielleicht dafür interessieren, daß er Sie heute nachmittag gesucht hat.«

 

»Alles, was Sie mir von ihm sagen, interessiert mich sehr.«

 

Sein Gesicht verfinsterte sich.

 

»Ich glaube, es ist besser, wenn Sie die Dinge von einer anderen Seite betrachten, Joan, und vor allem den Tatsachen Rechnung tragen, wie sie nun einmal sind. Es wird eine große Veränderung in Ihrem und in meinem Leben geben.«

 

Er setzte sich neben sie auf den Diwan, aber sie stand auf.

 

»Ich werde jetzt endlich das Leben führen, von dem ich schon so lange geträumt habe.«

 

»Glauben Sie denn nicht, daß die Gerechtigkeit Sie auch hier erreichen wird?«

 

»Gerechtigkeit!« sagte er ironisch. »In diesem Bergland gilt nur das Gesetz des Stärkeren und die Freundschaft des Häuptlings, der den Distrikt regiert. Meine liebe Joan, ich werde Ihnen vielleicht sogar den größten Dienst erweisen – Sie werden das Leben kennenlernen – ein Leben, das wenigstens lebenswert ist.«

 

»Was soll das heißen?«

 

»Sie werden mich heiraten. Sie werden Arabisch lernen. Ich bringe es Ihnen bei, und dann lesen wir zusammen die Gedichte von Hafis. Sie werden erstaunt sein, welche Freuden Ihnen das Leben erschließt.«

 

»Reden können Sie ganz gut«, unterbrach sie ihn. »Sie sind wirklich ein sonderbarer Mensch. Ich weiß nicht, wieviel Morde Sie begangen haben, aber einen haben Sie sicher auf dem Gewissen, und wahrscheinlich ist Ihr ganzer Reichtum auf ein schreckliches Verbrechen gegründet.«

 

Er war sprachlos vor Wut und Furcht, als sie ihm diese Worte ins Gesicht schleuderte.

 

»Ich bin kein gemeiner Mörder«, stieß er hervor. Sein Gesicht zuckte. »Ich bin überhaupt kein Mörder, hören Sie? Ich – ich habe zwar viel getan, aber ein Mörder bin ich nicht.«

 

»Wer hat denn Ferdie Farringdon getötet?« fragte sie kalt.

 

Er hob den Blick, und sie las Sorge und Furcht darin.

 

»Ich weiß nicht – vielleicht habe ich es –, ich wollte ihn ja nicht töten … ich wollte – ich weiß jetzt nicht mehr, was ich beabsichtigte. Ich wollte eigentlich Morlake erschießen – ich fuhr mit meinem Wagen bis an den Ort und ging dann zu Fuß.«

 

Er bedeckte die Augen mit der Hand, als ob er eine schreckliche Erscheinung bannen wollte. Dann verließ er den Raum.

 

Sie sah ihn an diesem Abend nicht wieder, aber als sie auf dem Diwan saß und vor sich hinträumte, hörte sie plötzlich, wie die Tür geöffnet wurde. Sie richtete sich auf und sah die junge Araberin, die einen langen, blauen Mantel über dem Arm trug und ihn über Joans Schultern hängte. Der zweite Teil der Reise sollte also beginnen.

 

Wohin würde sie führen? Sie vertraute darauf, daß Jim Morlake ihr irgendwo begegnen und ihr helfen würde.

 

Kapitel 37

 

37

 

»Eine Dame wünscht Sie zu sprechen«, sagte der Butler leise.

 

Jim schloß daraus, daß ein ungewöhnlicher Besuch gekommen war.

 

»Wer ist es denn?«

 

»Lady Joan.«

 

Jim sprang auf.

 

»Warum haben Sie die Dame nicht sofort hereingebeten?«

 

»Sie wollte nicht hereinkommen. Sie ist draußen und fragte mich nur, ob sie Sie sprechen könne.«

 

Jim eilte hinaus. Joan stand am Flußufer, hatte die Hände auf dem Rücken und schaute ins Wasser. Als sie seine Schritte hörte, wandte sie sich um.

 

»Ich möchte gern mit Ihnen sprechen. Wollen wir über den Fluß gehen? Ich bin auf dem Heimweg, und Sie könnten mich bis zu der Baumgruppe dort begleiten.«

 

Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander her.

 

»Ich habe Sie neulich auf No Man’s Hill so plötzlich verlassen«, sagte Joan endlich. »Ich glaube, daß ich es Ihnen schuldig bin, meine Geschichte zu Ende zu erzählen.«

 

Dann berichtete sie ihm mit fast denselben Worten alles, was sie ihrem Vater mitgeteilt hatte. Er lauschte bestürzt.

 

»Die Trauung könnte annulliert werden«, erwiderte er.

 

»Mein Vater hat mir das auch gesagt, und vermutlich erscheint Ihnen die Sache sehr einfach. Aber für mich bedeutet es, daß ich vor Gericht aussagen muß und daß diese ganze böse Geschichte Punkt für Punkt erörtert wird.« Sie zitterte. »Ich glaube, das könnte ich nicht. Ich bin feige, wissen Sie.«

 

»Ich habe Sie nie dafür gehalten. Nein, Joan, man ist noch nicht feige, weil man vor den Häßlichkeiten des Lebens zurückschreckt. Sie wollen verreisen, nicht wahr?«

 

»Ich möchte eigentlich nicht fort, aber ich glaube, für meinen Vater ist es gut. Das Winterklima hier bekommt ihm nicht. Zuerst dachte ich, daß eine hinterhältige Absicht Hamons dabei sei, aber er geht ja nach Amerika. Er ist gerade bei meinem Vater, um sich zu verabschieden.«

 

»Deshalb habe ich wohl auch den Vorzug, mit Ihnen zusammen zu sein?« fragte er lachend..

 

Aber sie protestierte energisch.

 

»Nein, ich wäre unter allen Umständen gekommen, ich mußte Ihnen doch noch diese Aufklärung geben.«

 

»Wie geht es denn Farringdon?«

 

»Besser. Ich sollte eigentlich dankbar dafür sein, aber ich kann es nicht. Heute habe ich ihn gesehen, er ging hinter dem Haus spazieren.«

 

»Hat er sich schon wieder soweit erholt?« fragte er verwundert. »Würde er Sie denn wiedererkennen?«

 

»Ich habe das Gefühl, daß er mich schon erkannt hat. Der Doktor sagte zu Mrs. Cornford, daß sich solche Fälle mit erstaunlicher Schnelligkeit bessern können. Was soll ich nur tun, Jim?«

 

Er mußte an sich halten, um sie nicht in die Arme zu schließen. Er liebte sie, aber bisher war ihm noch nicht zum Bewußtsein gekommen, wie sehr er sie liebte. Sie war die Erfüllung seiner Wünsche und Träume, um ihretwillen hätte er sein ganzes Leben geändert.

 

Als sie ihn ansah, senkte sie den Blick schnell, als ob sie in seinen Augen etwas von dem Feuer erkannt hätte, das in ihm brannte. Er legte die Hand auf ihre Schulter, und sie empfand diese Berührung wie eine zarte Liebkosung. Langsam schritten sie dem Wald zu, und sie lehnte sich immer näher an ihn, bis ihre Wange seinen Ärmel berührte.

 

*

 

Ralph Hamon hätte Lord Creith eben Lebewohl gesagt und war in den Park gegangen, um Joan zu suchen, als er die beiden plötzlich erblickte. Wie vom Blitz getroffen blieb er stehen. Selbst aus dieser Entfernung war es unmöglich, die stattliche Gestalt und das schöne Gesicht Jim Morlakes zu verkennen. Noch weniger waren die Beziehungen der beiden zueinander mißzuverstehen.

 

Sein Herz schlug wild vor ohnmächtiger Wut. Sicher bestand eine Verbindung zwischen Joan und Morlake! Als Lydia ihm von dieser Verlobung erzählt hatte, war er mit lächelnder Miene darüber weggegangen, aber jetzt zweifelte er nicht mehr im geringsten daran. Er eilte über den Abhang zu dem niedrigen Gehölz, um sie einzuholen. Er wußte nicht, was er tun oder sagen würde, aber er mußte sie finden und seinem Zorn freien Lauf lassen.

 

Als er den niederen Wald erreicht hatte, hielt er einen Augenblick an, hörte Schritte und sah gleich darauf einen Fußgänger. Es war Farringdon, den er im Haus von Mrs. Cornford so schwer krank gesehen hatte.

 

Hamon war nicht wenig erstaunt, diesem Mann hier zu begegnen, der seiner Meinung nach im Bett liegen mußte. Farringdon kam näher. Hamon versteckte sich und beobachtete ihn genau. Der junge Mann war nachlässig gekleidet. Er sprach im Gehen mit sich selbst, und Hamon strengte sich an, zu verstehen, was er sagte, aber es war unmöglich. In einiger Entfernung folgte er ihm, da er annahm, daß er dasselbe Ziel hatte wie er selbst.

 

Jim erlebte die schönsten Augenblicke seines Daseins. Alle Sorgen wichen von ihm, alle Pläne zerrannen, aller Ehrgeiz schwand vor diesem neuen, unerwarteten Glück. Schweigend ging er mit Joan durch den Wald, und die ganze Welt um sie her war versunken. Endlich hielt Joan an und setzte sich auf einen Baumstumpf.

 

»Wohin gehen wir?« fragte sie, und er wußte, daß sich ihre Frage nicht auf die Gegenwart allein bezog.

 

»Wir gehen ins Glück, früher oder später«, erwiderte er, ließ sich an ihrer Seite nieder und zog sie an sich. »Wir wollen alle Verstrickungen lösen, alle Hindernisse aus dem Weg schaffen, alle Pfade ebnen.«

 

Sie lächelte und bot ihm die Lippen.

 

In diesem Augenblick hörten sie ein leises, hämisches Lachen hinter sich. Jim löste sich sanft von Joan und wandte sich um.

 

»Ein liebliches Idyll im Wald! Ein angenehmer Anblick für einen Gatten – seine eigene Frau in den Armen eines anderen!«

 

Farringdon stand mit verschränkten Armen dicht vor ihm, und seine Augen glühten fiebrig. Joan sprang entsetzt auf.

 

»Er weiß es!«

 

Farringdon hörte ihren Ausruf.

 

»Er weiß es …!« äffte er sie nach. »Und ob er es weiß! Du bist also meine Joan?« Er nahm seinen Hut schwungvoll ab. »Ich freue mich sehr, Sie zu treffen, Mrs. Farringdon! Es ist schon lange her, daß wir durch die heilige Ehe miteinander verbunden wurden! Das ist also meine Joan! Ich habe all diese Jahre von dir geträumt, aber nie warst du so schön wie in Wirklichkeit. Weißt du es …« Er deutete mit zitterndem Finger auf sie. »Es begegnete mir ein Mädchen, das hätte ich heiraten können, und ich würde es geheiratet haben, wenn ich damals nicht diese verdammte Dummheit begangen hätte. Du warst das große Hindernis in meinem Leben. Nur durch den Trunk kam ich darüber hinweg!«

 

Er ging auf sie zu, packte sie am Arm und zog sie zu sich.

 

»Du kommst jetzt mit mir!« erklärte er und lachte rauh.

 

Im nächsten Augenblick wurde er weggestoßen und fiel taumelnd nieder. Jim bückte sich, um ihm wieder auf die Füße zu helfen, aber Farringdon schlug seine Hände zur Seite und stürzte sich mit einem Wutschrei auf ihn.

 

»Verdammter Hund!« schrie er. Aber in Jims starken Armen war er wie ein schwaches Kind.

 

»Sie sind krank, Farringdon«, sagte er liebenswürdig. »Es tut mir leid, daß ich Ihnen weh getan habe.«

 

»Lassen Sie mich los! Lassen Sie mich los! Sie ist meine Frau … Ich laufe ins Dorf und sage es allen … Du kommst jetzt mit mir, Joan Carston, hörst du? Du bist mit mir verheiratet, bis der Tod uns scheidet!«

 

Er riß sich aus Jims Griff los, taumelte zurück und atmete schwer. Sein Gesicht war wutentstellt, und seine Augen hatten einen wilden Ausdruck.

 

»Ich habe jetzt etwas, wofür ich leben kann – und das bist du! Du kamst doch, um mich zu sehen, nicht wahr? Du wirst wiederkommen, Joan – aber allein!«

 

Plötzlich drehte er sich um und lief wie ein Besessener den Pfad hinunter, bis er aus ihrem Gesichtskreis entschwand. Jim wandte sich zu ihr, und sie versuchte zu lächeln.

 

»Ach, Jim!«

 

Es schmerzte ihn, zu fühlen, wie sie vor Angst und Aufregung zitterte, als sie in seinen Armen lag.

 

»Es geht mir schon wieder besser«, sagte sie nach einer Weile. »Gott sei Dank, daß wir am nächsten Sonnabend abfahren!«

 

Er nickte.

 

»Farringdon hat entweder wieder getrunken oder er ist ganz verrückt geworden.«

 

»Glaubst du, daß er in unser Haus kommen wird?« fragte sie ihn ängstlich, nahm sich dann aber zusammen und überwand ihre Aufregung. »Ich sagte dir ja, daß ich feige bin. Ich beginne die Frauen zu verstehen, die ihre Männer ermordet haben. Es ist fürchterlich, daß ich das sagen muß, aber es ist so.«

 

Es fiel beiden schwer zu sprechen, denn sie waren zu sehr von ihren eigenen Gedanken erfüllt. Als sie in die Nähe des Herrenhauses kamen, stellte Joan plötzlich eine Frage.

 

»Jim, was warst du eigentlich, bevor du Einbrecher wurdest?«

 

»Ein achtbares Mitglied der Gesellschaft. Eine Zeitlang war ich im diplomatischen Dienst.«

 

»In Marokko?«

 

»In Marokko, in der Türkei und anderen asiatischen Ländern. Ich gab meine Stellung auf – nun ja, weil ich genügend Privatvermögen besaß und weil ich eine neue abenteuerliche Aufgabe fand.«

 

»Aber du darfst deine jetzige Tätigkeit nicht fortsetzen. Wirst du mir schreiben?«

 

Er zögerte.

 

»Ach, ich habe ganz vergessen – du weißt ja gar nicht, wohin du schreiben sollst. Mein Vater läßt die ganze Post an den Englischen Klub in Cadiz schicken. Willst du dir das bitte merken? Auf Wiedersehen!«

 

Sie reichte ihm beide Hände.

 

Hamon beobachtete die beiden aus einiger Entfernung, und er knirschte mit den Zähnen, als Morlake Joan in die Arme nahm und küßte.

 

Kapitel 38

 

38

 

Noch bevor Joan außer Sicht war, hatte Jim einen Entschluß gefaßt und wandte sich ohne Zögern zu Mrs. Cornfords Haus.

 

Farringdon mußte Joan die Freiheit wiedergeben. Jim wollte versuchen, den jungen Mann zu veranlassen, seine verrückten Ideen aufzugeben.

 

Mrs. Cornford öffnete ihm die Tür, und er sah ihr sofort an, daß etwas Ungewöhnliches geschehen war.

 

»Ich hoffe, daß ich nicht ungelegen komme?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich freue mich über Ihren Besuch«, erwiderte sie und führte ihn in das kleine Wohnzimmer.

 

Er wußte bald, warum sie so beunruhigt war, denn er hörte schon durch die Tür das Toben des Kranken.

 

»Alle meine Hoffnungen sind zerstört«, sagte sie. »Ich hoffte, daß ich in Creith bleiben könne, aber das hängt alles von Mr. Farringdon ab.«

 

»Will er fortgehen?«

 

»Nein, er will es nicht, aber ich muß ihn darum bitten. Er führt sich heute wie ein Besessener auf. Vor ein paar Minuten kam er nach Hause und war so außer sich, daß ich einen fürchterlichen Schrecken bekam.«

 

»Kann ich ihn einmal sehen?«

 

»Heute hätte es keinen Sinn. Vielleicht morgen oder übermorgen. Er hat sich in sein Zimmer eingeschlossen. Ich wollte ihm eben eine Tasse Tee bringen, aber er ließ mich nicht hinein.«

 

Farringdon tobte immer lauter. Jim sah sich um und erhob sich halb von seinem Stuhl, aber sie legte begütigend die Hand auf seinen Arm.

 

»Lassen Sie ihn jetzt allein.«

 

»Würden Sie mir verzeihen, wenn ich eine sehr persönliche, ich möchte fast sagen zudringliche Frage an Sie richte?«

 

Sie antwortete nicht, aber ihre Augen ermutigten ihn.

 

»Sie haben einmal ein großes Vermögen verloren?«

 

»Ja. Mein Mann verschwand vor einigen Jahren spurlos, und als seine Angelegenheiten geregelt wurden, stellte sich heraus, daß ich keinen Penny besaß, obwohl man allgemein vermutete, daß er reich gewesen war. Er war exzentrisch veranlagt. Manchmal war es schwer, seinen Aufenthalt festzustellen. Es ist auch möglich, daß ich damals schlechte Ratgeber hatte, denn ich unterließ es, Nachforschungen nach ihm anstellen zu lassen. Ich verließ mich damals auf Mr. Harnon.«

 

»Hamon?« wiederholte er schnell. »War es Hamon, der Ihnen den Rat gab, nicht nach Ihrem Mann zu suchen? Sagen Sie mir bitte, wann Ihr Gatte verschwand!«

 

»Es ist fast elf Jahre her.«

 

Jim machte eine schnelle Bewegung.

 

»In welchem Monat war es?«

 

»Im Mai hörte ich zum letztenmal von ihm. Damals erhielt ich jenen Brief, den Sie mir so liebenswürdig von Mr. Hamon zurückholten.«

 

»Wollen Sie ihn mir einmal zeigen?^

 

Sie brachte ihm das Schreiben, und er las es zweimal durch.

 

»Der Name Ihres Gatten war John Cornford?«

 

»Warum fragen Sie? Haben Sie ihn gekannt?«

 

»Nein – ich hatte nur vor vielen Jahren ein ganz merkwürdiges Erlebnis, eine Woche nach dem Verschwinden Ihres Mannes. Aber es mag vielleicht nicht richtig sein, die beiden Ereignisse miteinander in Verbindung zu bringen. Haben Sie vielleicht ein Bild von ihm?«

 

Sie nickte und brachte ihm eine Fotografie.

 

Kein Muskel in seinem Gesicht verriet, wie sehr er erschrak.

 

Er hatte das Bild eines gutaussehenden Mannes von etwa vierzig Jahren vor sich, der mit der Welt zufrieden zu sein schien.

 

Aber er sah zugleich das Gesicht eines sterbenden Matrosen, den er in der Portsmouth Road gefunden und der ihm vor seinem Tod eine furchtbare Geschichte erzählt hatte.

 

John Cornford war also der unbekannte Seemann, der in einem namenlosen Grab in Hindhead ruhte. Seit zehn Jahren verfolgte Jim den Mann, der an seinem Tod schuldig war, und immer hatte er vergeblich versucht, Beweise zu bringen, um ihn der Gerechtigkeit auszuliefern.

 

»Kennen Sie ihn?« fragte sie ängstlich.

 

»Ich habe ihn gesehen«, sagte er schlicht. Der Ton seiner Stimme ließ sie die Wahrheit ahnen.

 

»Ist er tot?«

 

»Ja, er ist tot, Mrs. Cornford.«

 

Sie sank in ihren Stuhl zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

 

Jim glaubte, daß sie weinte, aber bald sah sie wieder auf.

 

»Ich habe es schon immer gefühlt, aber das ist die erste sichere Nachricht, die ich darüber erhalte. Können Sie mir etwas Genaueres erzählen?«

 

»Ich möchte Sie bitten, sich noch etwas zu gedulden«, erwiderte er zögernd. »Würden Sie mir das Bild überlassen?«

 

Sie nickte.

 

»Ich muß noch etwas erwähnen. Bevor Ihr Mann starb, gab er mir tausend Pfund, die ich seiner Frau aushändigen sollte –« Er sah Erstaunen und Zweifel in ihrem Gesicht. »Bedenken Sie bitte, Mrs. Cornford, daß ich seinen Namen nicht kannte.«

 

»Sie haben seinen Namen nicht gekannt?« fragte sie verwirrt.

 

»Die Geschichte ist zu lang, um sie Ihnen jetzt erzählen zu können, aber vertrauen Sie mir. Ich werde Ihnen das Geld sofort herüberschicken.«

 

Er war schon gegangen, bevor sie die Frage stellen konnte, wie John Cornford ihm eine Summe von tausend Pfund für eine Frau übergeben konnte, ohne ihren Namen gekannt zu haben.

 

Kapitel 39

 

39

 

Julius Welling erschien in der Registratur von Scotland Yard, und der Beamte beeilte sich, nach seinen Wünschen zu fragen. Dieser weißhaarige Mann erschien hier selten persönlich; wenn er sich aber zeigte, war gewöhnlich jemand in schwerer Bedrängnis.

 

»Sagen Sie mir doch bitte, ob mich mein Gedächtnis im Stich läßt, Sergeant. Die Einbrüche des Schwarzen begannen doch vor etwa zehn Jahren?«

 

Eine Schublade glitt lautlos auf, und eine Reihe von Karten ging durch die geübte Hand des Mannes.

 

»Ja, in diesem Monat werden es zehn Jahre.«

 

»Gut. Geben Sie mir jetzt noch die Liste aller Morde, die ein Jahr vorher begangen wurden.«

 

Eine andere Schublade öffnete sich, und ein Stoß von fünfzig großen Blättern wurde Welling überreicht. Er drehte sie nacheinander um und las dabei:

 

»Addams, John, gehenkt. Bonfield, Charles, geisteskrank. Brasfield, Dennies, gehenkt – alles bekannte Fälle.«

 

Welling sah alle Karten durch, bis er zu der letzten kam.

 

»Mann, unbekannt, vermutlich Mord, Täter unbekannt –«

 

Seine Augen öffneten sich weit.

 

»Das ist er!« rief er aufgeregt und las laut vor.

 

»Ein Mann, offensichtlich ein Matrose, wurde an der Ecke von Punch Bowl, Hindhead, bewußtlos mit schweren Wunden und einem Schädelbruch aufgefunden. Er wurde von einem Radfahrer, dessen Name nicht genannt werden kann (D.D.V.S. VI, siehe Bestimmungen über ausländische diplomatische Beamte, Absatz 970), gefunden. Der Unbekannte verschied bald nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus. Alle Stationen wurden benachrichtigt. Das Bild des Verstorbenen wurde veröffentlicht. Trotzdem konnte seine Identität nicht festgestellt werden.«

 

Welling schaute über seine Brille.

 

»Was bedeutet die Abkürzung hier?«

 

»Diplomatischer Dienst der Vereinigten Staaten – VI ist die Nummer der Abteilung. Die Vorschriften enthalten die Bestimmungen über die Behandlung ausländischer Diplomaten in diesem Land. Ich habe sie zufällig erst gestern wieder in der Hand gehabt.«

 

»Und wie lauten sie?«

 

»Wenn sie im Auftrag ihrer Regierung und mit Wissen der unsrigen handeln, dürfen sie in der Ausübung ihres Amtes nicht gestört werden, es sei denn, daß sie unter dem Verdacht der Spionage stehen.«

 

Captain Welling rieb sich die Nase.

 

»Daraus geht also hervor, daß der Radfahrer im diplomatischen Dienst einer fremden Regierung war. Als er gefragt wurde, ob er etwas über die Person des Verstorbenen aussagen könne, zeigte er vermutlich dem Polizeiinspektor seinen Paß, und dieser Beamte erwähnte nachher in Übereinstimmung mit den Vorschriften den Namen des Fremden in dem Bericht nicht.«

 

»Ja, das stimmt.«

 

»Dann muß ich den dortigen Polizeiinspektor also persönlich aufsuchen.«

 

Spät am Nachmittag kam Welling nach Hindhead und begab sich sofort zum Polizeirevier, um seine Nachforschungen fortzusetzen.

 

»Der Polizeiinspektor, der damals den Bericht schrieb, ist vor einigen Jahren pensioniert worden«, sagte der diensthabende Beamte. »Wir haben eine eigene kleine Registratur, aber der Name des Mannes, den Sie suchen, wird auch nicht darin zu finden sein.«

 

»Wie hieß denn der Inspektor?«

 

»Mr. Sennett. Er lebt jetzt in Basingstoke. Ich kann mich sogar noch genau an den Tag erinnern, an dem der Matrose gefunden wurde. Ich hatte gerade Dienst und brachte den Mann ins Hospital.«

 

»Ich möchte gern die Stelle sehen, wo er gefunden wurde. Können Sie sich noch darauf besinnen?«

 

»Ich kann sie Ihnen genau zeigen.«

 

Sie fuhren in einem Polizeiauto hinaus und kamen an einer tiefen Talsenke vorbei, die in jener Gegend als das ›Teufelsloch‹ bekannt ist. Gleich darauf hielt der Beamte den Wagen an und zeigte auf eine einsame, grasbewachsene Stelle an der Seite der Straße. Welling stieg aus und starrte lange auf den Schauplatz der Tragödie, die sich vor Jahren hier abgespielt hatte.

 

»Haben Sie den Platz damals persönlich untersucht?«

 

»Ja.«

 

»Haben Sie Anzeichen eines Kampfes bemerkt – irgendeine Waffe?«

 

»Nein. Ich hatte den Eindruck, daß man den Mann erst nach der Tat hierhergebracht hatte.«

 

»Das klingt sehr vernünftig. Wem gehört das Haus dort?«

 

Der Inspektor sagte, daß es das Eigentum eines Arztes sei.

 

»Wie lange lebt er schon hier?«

 

»Ungefähr zwanzig Jahre. Er ließ das Haus selbst bauen.«

 

Wieder wanderten die Blicke des Detektivs umher.

 

»Und jenes Haus? Es scheint leer zu stehen.«

 

»Ach, das ist ein kleines Landhaus, das einem Anwalt gehörte. Er ist vor einigen Jahren gestorben. Seitdem ist es nicht wieder bewohnt worden.«

 

»Wie lange hat er es denn gehabt?«

 

»Nur ein paar Jahre.«

 

»Und wer wohnte vor ihm dort?«

 

»Vorher –« der Beamte zog die Stirn kraus. »Ja, jetzt weiß ich es wieder, es gehörte einem gewissen Hamon.«

 

»Ralph Hamon?«

 

»Ja. Er ist jetzt Millionär. Damals war er noch nicht so reich. Er wohnte gewöhnlich im Sommer hier.«

 

»So, so!« meinte Welling liebenswürdig. »Ich möchte mir das Haus einmal ansehen.«

 

Der Pfad, der den Hügel hinaufführte, war zugewachsen. Das Haus machte einen ausgestorbenen Eindruck, die Fenster waren geschlossen.

 

»Wie lange hat der Anwalt hier gelebt?«

 

»Es hat ihm wohl gehört, aber ich glaube, er hat es nie bewohnt. Hamon verkaufte das Haus seinerzeit mit Einrichtung und allem.«

 

Welling versuchte, einen Fensterladen zu öffnen und hatte auch nach einiger Zeit Erfolg. Die Fenster waren blind vom Schmutz, und es war unmöglich, ins Innere zu sehen.

 

»Ich muß hinein«, sagte er, hob seinen Stock und stieß klirrend eine Scheibe ein. Er stieg durch das Fenster.

 

Er kam in ein einfach möbliertes Schlafzimmer. In allen Räumen lag dichter Staub, aber die Einrichtung war noch gut erhalten. Auf der Rückseite des Hauses lag eine ziemlich große Küche, deren Fenster schwer vergittert waren.

 

Er machte ein Fenster auf und schlug die Läden zurück.

 

»Hier werde ich wohl finden, was ich suche«, meinte er. »Sehen Sie den Flecken dort?«

 

»Ich kann nichts sehen«, sagte der Beamte verwundert.

 

»Können Sie nicht erkennen, daß ein Teil der Wand hier überstrichen ist?«

 

Die Küche war weiß getüncht, und man konnte deutlich die unregelmäßig übermalte Stelle sehen.

 

»Hier haben wir es wieder«, rief Welling plötzlich.

 

Mit seinem Taschenmesser kratzte er die Farbe vorsichtig ab.

 

»Einmal kommt jeder Mord ans Tageslicht.«

 

»Mord?« fragte sein Begleiter erstaunt.

 

Statt jeder Antwort zeigte Welling auf einen birnenförmigen Flecken, den er eben freigekratzt hatte.

 

»Das ist Blut.«

 

Er wischte mit einem Taschentuch den Staub vom Tisch und untersuchte die Platte Zoll für Zoll.

 

»Sehen Sie, hier ist sie beschädigt worden. Fühlen Sie das? Ich bin der Ansicht, daß der unbekannte Matrose in diesem Raum erschlagen wurde«, sagte Welling.

 

»Aber Mr. Hamon hätte das doch wissen müssen?«

 

»Wahrscheinlich wohnte er zu der Zeit nicht hier«, erwiderte der Detektiv, und der Beamte nahm dies auch als eine vollständige Entlastung des früheren Besitzers des Hauses an.

 

»Natürlich haben Sie damals nicht daran gedacht, dieses Haus zu durchsuchen und festzustellen, wie der arme Matrose sein Ende fand«, meinte Welling ein wenig ironisch. »Ich weiß jetzt alles, was ich wissen muß. Lassen Sie das zerbrochene Fenster wieder zunageln. Wenn jemand das Haus beziehen will, soll er sich erst bei mir melden.«

 

Später besuchte er noch den pensionierten Inspektor in Basingstoke und bekam dort die Bestätigung seiner Annahme. Der Beamte hatte die Visitenkarte des Radfahrers aufgehoben, der sich ihm damals zu erkennen gegeben hatte. Er zeigte sie Welling.

 

›Major James L. Morlake, Konsulat der Vereinigten Staaten in Tanger‹ stand darauf.

 

Mit einem zufriedenen Lächeln gab der Captain die Karte zurück. Nun blieb nur noch das Geheimnis zu lösen, warum Hamon so sehr hinter jenem Dokument her war.

 

Kapitel 4

 

4

 

James Morlake saß im Schatten einer großen Buche. Eine Zeitung lag auf seinen Knien, aber er las nicht. Seine Augen schweiften über die weite Fläche des Stroms. Plötzlich hörte er ein Geräusch, wandte sich um und sah einen Mann auf der Straße, der ihn von dort aus beobachtete.

 

Er schaute nur kurz hin und betrachtete dann wieder den Fluß.

 

Hamon kam langsam auf ihn zu.

 

»Es ist lange her, seit ich Sie das letztemal gesehen habe«, begann er. »Ich wußte nicht, daß Sie hier in der Nähe wohnen.«

 

Jim Morlake sah ihn an und gähnte.

 

»Ich hätte Ihnen eine Karte schicken sollen«, erwiderte er gelangweilt. »Wenn ich geahnt hätte, daß Sie heute morgen kommen würden, hätte ich sogar die Dorfmusik bestellt und ein paar Fahnen herausgehängt.«

 

Hamon nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu ihm.

 

»Ich möchte Ihnen dieses Haus abkaufen, Morlake –«

 

»Mr. Morlake«, verbesserte Jim. »Wir wollen doch immer daran denken, daß wir Gentlemen sind.«

 

»Ich will Ihnen also dieses Haus abkaufen, und Sie können abreisen. All Ihre bösen Anschläge gegen mich und Ihr böses Gerede will ich Ihnen vergeben … Sie wissen, was ich meine – aber innerhalb einer Woche müssen Sie das Land verlassen.«

 

Morlake lachte leise vor sich hin, und Hamon, der ihn noch nie hatte lachen sehen, war über diese Veränderung seiner sonst so verschlossenen Züge erstaunt.

 

»Sie scheinen eben erst vom Himmel gefallen zu sein oder sonst irgendwie nach langjähriger Abwesenheit auf die Erde zurückgekommen, da Sie sich plötzlich derartig um mein Leben und Wohlergehen kümmern. Übrigens werden Sie wirklich zu korpulent, und die dicken Säcke unter den Augen machen Sie auch nicht hübscher! Sie müßten einmal zum Arzt gehen!«

 

Hamon neigte sich vor.

 

»Wenn ich nun Ihren Nachbarn erzählen würde, wer Sie sind?« fragte er langsam. »Oder wenn ich zur Polizei ginge und dort mitteilte, daß Mr. Morlake – ein übler amerikanischer Verbrecher ist?«

 

»So übel ist er gar nicht«, meinte Morlake und schaute Hamon vergnügt an.

 

»In der letzten Zeit ist wieder eine ganze Reihe von Einbrüchen verübt worden, und zwar von einem Verbrecher, den man den Schwarzen nennt – haben Sie schon mal von dem gehört?«

 

Morlake lächelte.

 

»Ich lese niemals Zeitungen. Sie bringen so viel, was für einen Landedelmann uninteressant ist.«

 

»Für einen Landedelmann!«

 

Jetzt mußte Mr. Hamon lachen. Er zog seine Brieftasche heraus und entnahm ihr ein dickes Paket Banknoten.

 

»Hier ist Ihr Reisegeld«, sagte er, als Morlake die Scheine nahm. »Für Ihren Herrensitz und das Gut werde ich Ihnen morgen noch ein Angebot machen. Ihr Preis –«

 

»Ist hunderttausend Pfund. Ich würde diese schäbige Summe, die Sie mir da geben, als Anzahlung nehmen, wenn nicht die Nummer jedes einzelnen Scheins von Ihnen notiert wäre und irgendein Detektiv nicht schon darauf wartete, mich zu verhaften, wenn ich das Zeug einsteckte. Der Preis, für den ich verkaufe, ist hunderttausend Pfund, Hamon. Zahlen Sie ihn, wie ich ihn bezahlt haben will, und ich werde Sie in Ruhe lassen! Diese hunderttausend Pfund bezahlen Sie für einen Monat Ruhe!«

 

Er schleuderte die Banknoten ins Gras.

 

»Einen Monat – was meinen Sie denn mit einem Monat?«

 

»Damit meine ich die Zeit, die in diesem Lande zwischen der Verurteilung und der Hinrichtung eines Mannes vergehen muß!«

 

Kapitel 40

 

40

 

Creith House befand sich in jener Unruhe und Unordnung, die überall dort herrschen, wo eine längere Reise angetreten werden soll. Der Lord freute sich wie ein Schuljunge auf die Fahrt, aber Joan war dem Zusammenbruch nahe. Die Erlebnisse der letzten Tage hatten sie bis aufs äußerste erschöpft. Am Abend faßte sie den Entschluß, zu Ferdie zu gehen und sich mit ihm auseinanderzusetzen. Die Lage mußte geklärt werden.

 

Lord Creith sah sie die Treppe herunterkommen.

 

»Gehst du noch aus?« fragte er bestürzt. »Aber Joan, du kannst doch nicht so spät noch fortgehen! Es ist sehr stürmisch!«

 

»Ich möchte nur bis ans Parktor gehen.«

 

Es tat ihr leid, daß sie ihn belügen mußte.

 

»Ich werde dich begleiten.«

 

»Nein, danke, ich möchte lieber allein sein.«

 

*

 

Mrs. Cornford hatte einen bösen Abend mit ihrem Patienten gehabt, und der Arzt, der in aller Eile gerufen worden war, hielt seinen Zustand für bedenklich.

 

»Ich fürchte, der Mann ist reif fürs Irrenhaus. Morgen werde ich Doktor Truman aus Little Lexham mitbringen, damit er ihn untersucht.«

 

»Glauben Sie wirklich, daß er den Verstand verloren hat?«

 

»Unheilbare Trinker verfallen gewöhnlich mit der Zeit dem Wahnsinn. Können Sie mir sagen, ob er sich irgendwie stark aufgeregt hat?«

 

»Soviel ich weiß, nicht. Er stand heute morgen auf, ging in den Garten und war eigentlich sehr vernünftig. Aber heute nachmittag« – sie zeigte auf eine leere Whiskyflasche – »habe ich dies im Garten gefunden. Ich weiß nicht, wie er dazu gekommen ist. Wahrscheinlich hat er wieder einen Jungen aus dem Dorf zum ›Roten Löwen‹ geschickt.«

 

Der Doktor schaute die Flasche an.

 

»Da hätten wir ja die Erklärung«, sagte er. »Ich glaube, unser Freund wird jetzt lange Zeit keinen Tropfen Alkohol mehr bekommen. Am liebsten würde ich ihn gleich von hier fortbringen lassen, aber ich kann leider jetzt keinen Krankenwagen mehr bekommen. Passen Sie diese Nacht noch gut auf ihn auf.«

 

Farringdon schrie und tobte, aber man konnte kaum etwas verstehen.

 

»Joan, Joan!« brüllte er in Zwischenräumen.

 

»Diese Joan muß irgendeine Rolle gespielt haben«, meinte der Arzt. »Haben Sie eine Ahnung, wer sie sein könnte?«

 

»Nein.«

 

Sie hatte zwar einen leisen Verdacht, aber sie hütete sich, ihn auszusprechen.

 

Der Doktor ging, und gleich darauf erschien Joan.

 

»Sie dürfen nicht zu ihm hinein«, erklärte Mrs. Cornford, als Joan ihr sagte, warum sie gekommen war.

 

»Aber ich muß mit ihm sprechen!«

 

Ihr Mut sank, als sie die wütenden Schreie und die fast unmenschliche Stimme aus dem Nebenzimmer hörte.

 

»Geht es ihm so schlecht?« fragte sie leise.

 

»Ja, so schlimm war es noch nie.«

 

»Sie können ja auch nicht verstehen, warum ich mit ihm sprechen muß«, sagte Joan mit einem schwachen Lächeln. »Vielleicht erzähle ich es Ihnen später einmal.«

 

Sie griff nach ihrem Mantel.

 

»Es war töricht von mir, noch herzukommen«, gestand sie. »Nein, begleiten Sie mich nicht, ich kann meinen Weg allein finden. Bitte, bringen Sie mich auch nicht an die Tür.«

 

Sie verließ das Haus. Zur linken Seite sah sie ein erleuchtetes Fenster – Farringdons Schlafzimmer. Sie trat näher und hörte wieder die schrecklichen Flüche und Schreie des Kranken. Sie schauderte, zog ihren Mantel dichter zusammen und schlich davon. Aber gleich darauf erkannte sie im Dunkeln undeutlich die Gestalt eines Mannes. Sie drückte sich in den Schatten des Gebüsches. Er kam langsam und geräuschlos näher, als ob er nicht bemerkt werden wollte. Sie hätte ihn an der Schulter berühren können, so nahe ging er an ihr vorbei. Neugierig wartete sie, um zu entdecken, wer dieser Besucher von Mrs. Cornford sein könne.

 

Zu ihrem größten Erstaunen klopfte er nicht, sondern hielt vor dem Fenster des Krankenzimmers an und machte sich am Laden zu schaffen. Es war ein französisches Fenster, das man von unten nach oben schieben konnte. Der Mann öffnete es mit einer Hand, und sie stand starr vor Schrecken, konnte keinen Schritt tun und nicht einmal schreien, als ein Revolver in seiner Hand aufblitzte. Sie schaute nur entsetzt auf die Maske, die sein Gesicht verhüllte.

 

»Jim!« rief sie schwach.

 

Im gleichen Augenblick feuerte der Mann zweimal, Farringdon schrie laut auf und stürzte tot zu Boden.

 

Kapitel 41

 

41

 

Joan hörte einen Schreckensruf im Haus und wollte in ihrem ersten Impuls Mrs. Cornford zu Hilfe eilen. Aber noch ein anderer hatte die Schüsse gehört. Eine Polizeipfeife schrillte. Ein Mann eilte an die Haustür.

 

»Was ist hier los?« fragte er mit scharfer Stimme.

 

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Mrs. Cornford erregt. »Es muß etwas Furchtbares passiert sein, ich fürchte, Mr. Farringdon hat sich erschossen.«

 

Joan wartete, zitternd vor Furcht. Was sollte sie tun? Wenn sie zugab, daß sie Zeugin des Verbrechens war, mußte sie auch den Mörder beschreiben. Verzweifelt schlich sie aus dem Garten.

 

Glücklicherweise war niemand in der Halle, als sie zu Hause ankam, und es gelang ihr, unbemerkt ihr Zimmer zu erreichen. Sie taumelte zum Bett und warf sich erschöpft nieder.

 

»Jim! Jim!« schluchzte sie wild auf. »Warum hast du das getan?«

 

Spät in der Nacht wurde an ihre Tür geklopft, und sie hörte die Stimme ihres Vaters.

 

»Schläfst du schon, Joan? Es ist etwas Schreckliches passiert. Darf ich hineinkommen?«

 

Sie öffnete ihm die Tür.

 

»Kannst du kein Licht machen?« fragte er und wollte den Schalter andrehen, aber sie hinderte ihn daran.

 

»Ich habe große Kopfschmerzen. Was gibt es denn?«

 

»Farringdon ist ein Unglück zugestoßen. Er ist erschossen worden. Einige Leute glauben sogar, daß er sich selbst erschossen hat, aber Welling ist anderer Ansicht.«

 

»Ist Mr. Welling hier?« fragte sie ängstlich.

 

»Ja, er kam heute abend von London zurück. Er ist unten und möchte dich sprechen. Er erzählte mir eben, daß du gerade eine Minute vor der Schießerei Mrs. Cornfords Wohnung verlassen hast …«

 

Sie atmete schwer.

 

»Ich komme gleich nach unten«, sagte sie leise.

 

Welling war am Abend nach Creith zurückgekommen, hatte sein Gepäck im ›Roten Löwen‹ abgestellt und war gerade auf dem Weg nach Wold House, als er die Schüsse und Schreie hörte.

 

»Es ist ganz bestimmt ein Mord«, erklärte er Lord Creith. »Ich fand das Fenster offen, und außerdem wurde keine Waffe im Zimmer gefunden. Den einzigen Anhaltspunkt für die Entdeckung des Täters bieten die Fußspuren vor dem Fenster.«

 

»War Farringdon schon tot, als Sie ihn fanden?«

 

»Ja. Er starb sofort. Die beiden Schüsse gingen durch das Herz und wurden so schnell hintereinander abgefeuert, daß ich nur eine einzige Detonation hörte. Der Täter hat eine Schnellfeuerpistole benutzt. Haben Sie eine Ahnung, warum Lady Joan gerade zu der Zeit Mrs. Cornford besuchte?«

 

»Nein, das weiß ich nicht. Sie ist sehr befreundet mit ihr, und wahrscheinlich wollte sie sich nach dem Befinden Ferdie Farringdons erkundigen. Aber da kommt sie selbst.«

 

Joan sah sehr bleich aus, und schwere Schatten lagen unter ihren Augen. Mr. Welling, der Hamon dauernd beobachten ließ, wußte von dem Geheimnis der kleinen Kirche im Wald bei Ascot, und er konnte sich Joans Erregung daher leicht erklären.

 

»Der Lord hat Ihnen schon erzählt, daß Farringdon ermordet wurde?«

 

Sie nickte langsam.

 

»Sie müssen ganz in der Nähe des Hauses gewesen sein, als die Schüsse fielen. Haben Sie etwas gehört?«

 

»Nein.«

 

»Haben Sie jemand gesehen?«

 

»Nein.«

 

»Haben Sie wirklich niemand im Garten oder auf der Straße gesehen?« fragte Welling noch einmal. »Mrs. Cornford sagte mir doch, daß Sie noch keine Minute fort waren, als die Schüsse fielen.«

 

»Ich habe nichts gesehen und nichts gehört«, erwiderte sie, ohne den Blick vom Teppich zu erheben.

 

»Vielleicht haben Sie die Schüsse bei dem Heulen des Sturmes überhört.« Welling rieb sich erregt die Nase. »Sie kennen diesen Farringdon natürlich nicht?« Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: »Vielleicht ist es auch besser, daß Sie ihn nicht kennen. Es würde uns viele Unannehmlichkeiten und Mühen ersparen; außerdem würde es auch nicht zur Aufklärung des Falles beitragen.«

 

Auf dem Heimweg versuchte Welling, dieses neue Rätsel zu lösen. Wer mochte Farringdon erschossen haben? Wer hatte einen Grund, ihn zu erschießen? Wer hatte Vorteile davon, wenn dieses nutzlose Leben zerstört wurde? Nur – Joan Carston.

 

War seine Schlußfolgerung wirklich richtig? Konnte es nicht auch Lord Creith gewesen sein? Welling mußte sich auf die Hilfe der Ortspolizei verlassen. Im Augenblick stand ihm nur ein Sergeant zur Verfügung.

 

Man hatte bei der ersten Durchsuchung nichts gefunden, und Welling entschloß sich, Jim Morlake aufzusuchen. Als er sich Wold House näherte, konnte er kein Licht entdecken, und das Gartentor stand weit offen. Das gab ihm zu denken. Mit einer Taschenlampe leuchtete er den Weg entlang. Auf der Auffahrt innerhalb des Parks erkannte er frische Radspuren. Die Garage stand seitlich vom Haus. Welling folgte einer spontanen Eingebung und wandte sich dorthin. Die Tore waren geöffnet, und das Innere war leer.

 

Der Butler öffnete auf sein Klingeln.

 

»Möchten Sie Mr. Morlake sprechen?« fragte er. »Es tut mir leid, er ist ausgefahren.«

 

»Wie lange ist er denn schon fort?«

 

»Es mag ungefähr eine halbe Stunde sein. Ich war sehr erstaunt darüber, denn er hatte mir schon Auftrag gegeben, ihn morgen früh zu wecken. Binger ist auch in die Stadt zurückgekehrt.«

 

»Hat er Ihnen gesagt, daß er wegfahren wollte?«

 

Der Butler schüttelte den Kopf.

 

»Er ist in größter Eile aufgebrochen, denn er hat seine Pfeife und seinen Tabaksbeutel im Zimmer zurückgelassen, was er sonst nie tut. Außerdem muß er durch das Fenster gestiegen sein, denn ich war in der Halle.«

 

Als Welling Jims Arbeitszimmer betrat, stand das Fenster noch auf. Er drehte das Licht an und untersuchte den Fußboden.

 

»Er ist also Hals über Kopf davongefahren?« fragte er liebenswürdig. »Vor einer halben Stunde? – Würden Sie mich einmal allein lassen? Ich will telefonieren.«

 

Zuerst sprach er mit der Horsham-Polizeistation.

 

»Halten Sie einen schwarzen Zweisitzer an. Der Herr, der den Wagen steuert, heißt Morlake. Ich möchte nur, daß Sie ihn anhalten, nicht festnehmen. Sie verstehen, wie ich es meine?«

 

»Um was handelt es sich denn, Captain Welling?«

 

»Um Mord!« erwiderte der Beamte lakonisch.

 

Kapitel 42

 

42

 

Joan Carston schlief in der Nacht nicht; sie saß am Fenster und schaute unverwandt nach Wold House hinüber. Wenn doch nur das Licht aus seinem Fenster zu ihr herüberleuchten würde! Wenn sie nur den Klang seiner Stimme in diesen dunklen und stürmischen Stunden hören könnte! Ihr Herz sehnte sich nach ihm. Wie glücklich war sie doch gewesen, ohne es gewußt zu haben!

 

Als der Tag heraufdämmerte, kam ihr zum Bewußtsein, daß sie heute Creith verlassen sollte, aber sie konnte jetzt unmöglich fortgehen – sie mußte warten, falls Jim sie brauchen würde. Sie verurteilte ihn nicht; sie versuchte auch nicht, sich die Beweggründe seiner Handlungsweise klarzumachen. Sie konnte sich nur mit den Tatsachen abfinden und mußte sich ins Unvermeidliche fügen.

 

Am Morgen nach einem heißen Kaffee fühlte sie sich etwas erfrischt und ging ins Freie hinaus. Der Wind wehte kalt und scharf. Wasserlachen standen auf den Wegen. Dieses trübselige Wetter spiegelte nur die Stimmung in ihrem Innern wider. Ohne daß sie es wußte, ging sie die Auffahrt entlang, bis sie ans Parktor kam. Dort blieb sie stehen, faßte die kalten Eisenstangen mit den Händen und schaute durch das Gitter ins Leere.

 

Dann sah sie nach dem kleinen Haus von Mrs. Cornford hinunter und schauderte. Schnell wandte sie sich ab und ging zurück. Aber kaum hatte sie ein paar Schritte getan, als jemand sie anrief.

 

Sie entdeckte Welling.

 

»Waren Sie auch die ganze Nacht auf?« fragte sie. Er sah übernächtig aus, und seine Schuhe waren beschmutzt.

 

»Ich schließe aus Ihren Worten, daß Sie selbst nicht viel geschlafen haben«, erwiderte er. »Aber ich will Ihnen keinen Vorwurf machen. Der Wind blies diese Nacht so heftig, daß man nicht zur Ruhe kam. Ist Lord Creith schon aufgestanden?«

 

»Ja, ich glaube.«

 

»Sie haben in der letzten Zeit viel Aufregungen gehabt«, meinte der Detektiv, als er neben ihr herging. »Das ist doch ein sehr merkwürdiger Fall – wirklich sehr sonderbar. Haben Sie übrigens beobachtet, daß Morlake immer breite, amerikanische Schuhe trägt?«

 

»Nein, ich kann mich auf keine Einzelheiten seiner Kleidung besinnen«, sagte sie schnell, um Jim nicht durch eine unfreiwillige Aussage zu schaden.

 

»Es ist aber eine Tatsache, daß er amerikanische Schuhe trägt«, erwiderte Welling. »Er hat überhaupt keine anderen, ich habe nämlich sein Haus durchsucht –«

 

»Ist er fort?«

 

»Spurlos verschwunden! Man kann es nicht anders nennen. Das ist das Schlimmste bei diesen klugen und gewitzten Menschen: Wenn sie verschwinden, dann tun sie es so gründlich, daß man von ihnen keine Spur mehr findet. Ein gewöhnlicher Verbrecher würde seine Visitenkarte an jedem Meilenstein zurücklassen.«

 

Er wartete, ob sie etwas entgegnen würde. Aber erst nach einer Pause nahm sie allen Mut zusammen, um eine Frage zu stellen.

 

»Welche Bedeutung haben die breiten Schuhe?«

 

»Ich kann es Ihnen ja sagen. Der Mann, der Farringdon ermordete, trug spitze Schuhe.«

 

Sie wandte sich blitzschnell zu ihm um.

 

»Meinen Sie – daß Jim Morlake nicht der Täter war?« fragte sie zitternd. »Captain Welling, wollen Sie mir eine Falle stellen, um mich zu einer Aussage zu zwingen?«

 

»Ich bin zu allem, auch dazu, fähig«, gestand er und schüttelte traurig den Kopf. »Es gibt keine Lüge und keine Arglist, die ich nicht anwenden würde, Lady Joan. Aber diesmal bin ich vollständig ehrlich. Die Fußspuren, die wir auf dem Beet unter dem Fenster gefunden haben, zeigen deutlich, daß der Täter französische Schuhe trug, die vorne spitz zulaufen. Auch die Pistole, mit der er Farringdon erschoß, hat ein viel schwereres Kaliber als irgendeine Waffe in Morlakes Besitz. Ich kenne alle seine Waffen und könnte schwören, daß er nie die Pistole besaß, mit der Farringdon getötet wurde. Sie glaubten wohl, daß es Morlake war?«

 

»Ja, das dachte ich. Ich war Augenzeugin, als Farringdon erschossen wurde«, sagte sie mit einem plötzlichen Entschluß.

 

»Das wußte ich. In dem weichen Boden konnte ich Ihre Fußabdrücke deutlich sehen. Glauben Sie, daß der Mann mit den spitzen Schuhen von Ihrer Gegenwart wußte? Übrigens noch eine Frage – haben Sie sein Gesicht gesehen? Trug er eine schwarze Maske?«

 

»Ja.«

 

»War er auch von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet wie Mr. Morlake? Ich dachte es mir doch«, meinte er, als sie nickte. »Das kann natürlich Zufall gewesen sein, aber ich glaube nicht daran. Vielleicht können Sie mir noch eine kleine Mitteilung machen, die wir dringend brauchen«, sagte er und blieb stehen. »Wer trägt in Creith außer Ihrem Vater noch spitze, französische Schuhe?«

 

Kapitel 32

 

32

 

Marborne hatte eine neue Forderung an Hamon gestellt und nur fünfhundert Pfund erhalten. Sofort schickte er ein zweites Schreiben, erfuhr aber, daß Hamon weggefahren sei. Er hielt das für einen Vorwand, ging selbst in Hamons Wohnung und fragte den Butler aus. Miss Hamon war auch nicht da; sie war mit dem Elfuhrzug nach dem Festland abgereist. Der Butler glaubte, daß sie mindestens eine Woche fortbleiben werde.

 

Obgleich die Nacht sehr kühl war, öffnete Marborne das Fenster in seinem Zimmer, um auf den Verkehr in Cambridge Circus hinabzusehen. Die Kinofassade in der Nähe war grell beleuchtet. Er saß lange und schaute zu, wie das Publikum zu den Vorstellungen strömte.

 

Plötzlich eilte ein großer, starker Mann quer über die Straße, da der Verkehr auf dem Fahrdamm im Augenblick nicht allzu stark war. Das mußte ein Fremder sein. Marborne beobachtete ihn einige Zeit. Der Mann schien nicht genau zu wissen, wo er sich hinwenden solle. Zuerst ging er an den Häusern des Platzes entlang, dann kam er zurück und stand unentschlossen auf einer der Verkehrsinseln, wo das Licht einer großen Bogenlampe auf ihn fiel. Er mochte Seemann sein, denn er trug einen wollenen Sweater, eine dicke Tuchjacke und eine Sportmütze. Als Marborne ein elegantes Auto im Verkehr verfolgte, das vor dem Theater hielt, verlor er ihn aus den Augen und dachte nicht mehr an ihn.

 

Er schloß das Fenster, nahm ein Spiel Karten aus einer Schublade und begann eine Patience, um seine Nervosität zu bekämpfen. Er hörte Geräusche, Klopfen und Flüstern und wußte doch, daß alles nur Einbildung war. Schließlich setzte er den Hut auf, da er die Einsamkeit nicht länger ertragen konnte, und ging die Shaftesbury Avenue zum Piccadilly Circus entlang. Dort blieb er stehen und beobachtete eine Weile den Verkehr.

 

Dann machte er noch einen kleinen Spaziergang und ging schließlich zum Cambridge Circus zurück. Er fühlte sich jetzt etwas wohler. Plötzlich sah er den großen, fremdartig aussehenden Matrosen wieder. Sein bleiches Gesicht und sein dünner, schwarzer Schnurrbart fielen ihm auf. Er stand in der Nähe, als Marborne aufschloß, kam auf ihn zu und zog die Mütze.

 

»Entschuldigen Sie«, sagte er mit einem gutturalen Akzent, »sind Sie Mr. Marborne?«

 

»Ja, das ist mein Name.«

 

»Ich habe dies hier für Sie abzugeben.« Er reichte ihm ein großes Kuvert. »Es ist von Mr. Hamon, aber ich muß erst sicher sein, daß Sie wirklich Mr. Marborne sind.«

 

»Kommen Sie doch mit nach oben«, erwiderte Marborne schnell. Hamon hat wieder Geld geschickt, dachte er vergnügt. Dieser dicke Brief konnte nur Geld enthalten; Hamon hatte allerdings manchmal merkwürdige Boten. Er öffnete die Tür und ließ den Mann eintreten, der lautlos hinter ihm die Treppe heraufgestiegen war.

 

»Sie sind also Mr. Marborne?« fragte der Fremde, als sie im Zimmer waren. Er sprach nur gebrochen englisch. »Dies ist für Sie. Wollen Sie bitte öffnen und mir den Empfang bestätigen?«

 

Marborne zerschnitt die Schnur und riß den Umschlag auf. Eine Sekunde lang wandte er dem Besucher den Rücken zu, und Ahmet, der Mauleseltreiber, zog ein gekrümmtes Messer aus jeder Tasche. Mit einem unterdrückten Schrei stieß er nach dem Mann.

 

Marborne wußte selbst nicht, warum er plötzlich aufschaute. In dem Spiegel über dem Kamin sah er das Blitzen der beiden Messer und drehte sich blitzschnell um. Im nächsten Augenblick hob er den Tisch auf und schleuderte ihn gegen den Mörder. Als er nach seinem Revolver griff, ging plötzlich das Licht aus. Marborne hörte Schritte bloßer Füße auf der Treppe und eilte hinter dem Mann her, fiel dabei aber über den Tisch. Als er das Licht wieder angedreht hatte, waren Treppe und Gang unten leer; auch auf der Straße war nichts von dem fremden Matrosen zu sehen. Nachdem er die Tür zweimal abgeschlossen hatte, ging Marborne in seine Wohnung zurück, goß sich ein großes Glas Whisky ein und trank es aus.

 

»Dieses Schwein!« sagte er atemlos und untersuchte den Brief.

 

Es lag nur geschnittenes Zeitungspapier darin. So war es also gemeint!

 

Er dachte klar und kühl über seine Lage nach. Das war also der wirkliche Hamon, der sich durch nichts abhalten ließ, das verlorene Dokument wiederzubekommen.

 

Marborne saß eine halbe Stunde lang und brütete vor sich hin, dann erhob er sich, zog Rock und Weste aus, legte auch das Oberhemd ab und schließlich das Unterhemd. An seiner linken Seite war auf dem bloßen Körper eine kleine Tasche aus Seide mit vielen Streifen von Heftpflastern befestigt. Er klebte noch zwei neue darüber und zog sich wieder an. Dann untersuchte er seinen Revolver sorgfältig und steckte ihn in die Hüfttasche. Jetzt war nur eins zu tun, und das mußte gleich getan werden. Vor allem mußte er sofort das Haus verlassen, bevor der Mörder, der auf ihn lauerte, sich von seinem Schrecken erholt hatte. Er zog den Mantel an, nahm einen schweren Spazierstock, in dem ein Gummiknüppel verborgen war, und ging hinunter.

 

Jim Morlake war die Lösung all seiner Schwierigkeiten, er konnte ihn auch gegen Gefahren schützen. Als er die Tür geschlossen hatte, schaute er nach links und rechts, aber wie er erwartet hatte, war nichts von dem fremden Matrosen zu entdecken.