Roman

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Tom warf sich wieder auf das Sofa und preßte die Hände an seine pochenden Schläfen. Die Ellbogen auf das Knie gestützt, wiegte er sich laut stöhnend hin und her.

»Ich habe vor einer erbärmlichen Negerin gekniet,« murmelte er mit verbissener Wut. »Schon vorher glaubte ich den äußersten Grad von Erniedrigung erreicht zu haben – aber das war nichts im Vergleich. Nun – eine Gewißheit bleibt mir wenigstens – es ist freilich nur ein leidiger Trost – tiefer kann ich nicht noch fallen, eine größere Schmach giebt es nicht.«

Doch das war eine voreilige Behauptung.

Als er um zehn Uhr an jenem Abend die Leiter im Gespensterhaus erklomm, sah er bleich und schwach aus, und ihm war elend zu Mute. Roxy hatte ihn kommen hören; sie stand an der Stubenthür und wartete auf ihn.

Das zweistöckige Blockhaus lag unbenutzt da, seit vor einigen Jahren das Gerücht entstanden war, es sei darin nicht geheuer. Niemand wollte mehr dort wohnen, bei Nacht vermied man die Gegend ängstlich, auch am hellen Tage machten die meisten Leute lieber einen weiten Bogen, um nicht in die Nähe des gefürchteten Gespensterhauses zu kommen. Mit der Zeit war es in Verfall geraten und drohte einzustürzen, da man keinerlei Ausbesserung vornahm; es stand etwa dreihundert Meter von Querkopf Wilsons Haus entfernt, als letztes Gebäude nach dieser Seite hin, dazwischen war nichts als unbebautes Land.

Tom folgte Roxy in die Stube hinein. In einer Ecke lag eine Schütte reines Stroh, auf dem sie schlief; ihre ärmlichen, aber sauber gehaltenen Kleidungsstücke hingen an der Wand, eine Blechlaterne warf hier und da kleine Lichtflecke auf den Boden, einige alte leere Kisten, die verstreut umherstanden, ersetzten die Stühle. Nachdem sie beide Platz genommen hatten, begann Roxy:

»Ich mach‘ kein langes Federlesen und komm‘ jetzt gleich zur Sache; vom Geld reden wir nachher – ich hab’s nicht eilig. Was glaubst du wohl, daß ich dir sagen will?«

»Nun du – du – o Roxy, mache mir’s doch nicht so schwer. Schieß los und sage, daß du irgendwie dahinter gekommen bist, in welche Klemme ich mich gebracht habe durch thörichten Leichtsinn und Ausschweifung.«

»Leichtsinn – Ausschweifung – i bewahre! Das ist rein gar nichts im Vergleich zu dem, was ich weiß.«

Tom starrte sie mit offenem Munde an: »Aber Roxy, was soll denn das heißen?«

Sie stand auf und blickte düster und erbarmungslos, wie das Schicksal selbst, auf ihn herab.

»Ich will dir’s sagen – und ’s ist die lauterste Wahrheit. Du bist so wenig mit dem alten Massa Driscoll verwandt wie ich selbst – daß du’s nur weißt.« Ihr Auge flammte auf in wildem Triumph.

»Was!«

»Jawohl – und damit ist’s noch nicht genug. Du bist ein Nigger – als Sklave geboren und nichts anderes als ein Nigger und Sklave bis zu dieser Stunde. Wenn ich den Mund aufthu‘, verkauft dich der alte Massa Driscoll nach dem Süden, flußabwärts, bevor noch zwei Tage um sind.«

»Was faselst du da, du erbärmliche alte Hexe, es ist eine verdammte Lüge!«

»Die reine Gotteswahrheit ist’s – meiner Seel‘, ich lüge nicht. Glaub‘ mir’s nur – du bist mein Sohn

»Du Teufelsweib!«

»Und der arme Junge, den du heut‘ gestoßen und geschlagen hast, der ist Percy Driscolls Sohn und dein Herr!«

»Du Ungeheuer!«

»Sein Name ist Tom Driscoll und du heißt Valet de Schamber, ’nen Familiennamen hast du nicht, weil den kein Neger hat!«

Tom sprang auf, griff nach einem Holzscheit und hob es drohend empor, aber seine Mutter lachte nur höhnisch.

»Setz‘ dich hin, du Gelbschnabel,« sagte sie. »Glaubst du, ich fürcht‘ mich vor dir und deinesgleichen? Wenn du könntest, jagtest du mir ’ne Kugel in’n Rücken – das säh‘ dir ganz gleich – ich kenn‘ dich durch und durch. Bring‘ mich nur um – dir nützt’s doch nichts – alles ist aufgeschrieben und in sichern Händen. Der Mann, der’s in Verwahrung hat, weiß auch, wer der Rechte ist, an den er sich halten muß, wenn mir ein Leids geschieht. – Du meine Güte, denkst du denn, deine Mutter ist ebenso erzdumm wie du? Das bilde dir nur nicht ein. Jetzt setz‘ dich dorthin, betrag‘ dich anständig und steh‘ nicht eher wieder auf, bis ich dir’s sage!«

Tom war wie rasend vor ohnmächtiger Wut. Eine Weile tobte er noch und stürmte im Zimmer umher, endlich schien er zu einem festen Entschluß zu kommen.

»Es ist alles nur Unsinn und Faselei,« sagte er so bestimmt er konnte. »Gehe nur hin und versuche es, mich zu verderben; ich habe nichts mehr mit dir zu schaffen.«

Ohne ein Wort der Erwiderung nahm Roxy die Laterne vom Nagel und schritt nach der Thür. Der kalte Angstschweiß trat Tom auf die Stirne.

»Komm wieder, Roxy, komm wieder!« jammerte er. »Es war nicht mein Ernst, ich will es nie mehr sagen, ich nehme alles zurück? Sei nur gut, Roxy, und bleibe hier.«

Das Weib stand einen Augenblick still und befahl dann in strengem Ton:

»Eins muß jetzt ganz aufhören, Valet de Schamber. Du darfst mich nicht mehr Roxy nennen, als wärest du meinesgleichen. So reden Kinder nicht mit der Mutter. Du sagst Ma oder Mammy zu mir, wie sich’s gehört – wenigstens wenn niemand dabei ist. – Sag’s!«

Mühsam brachte Tom das Wort heraus.

»So ist’s recht. Vergiß das nicht wieder, sonst soll dir’s übel bekommen. Also – du hast eben versprochen, du wirst es nie mehr Lüge und Unsinn nennen? Nun gut – ich warne dich: hör‘ ich’s noch einmal aus deinem Munde, so hast du’s zum letztenmal gesagt. Auf der Stelle geh‘ ich dann zum Richter Driscoll, sag‘ ihm, wer du bist und geb‘ ihm die Beweise. Glaubst du mir das alles, Schamber?«

»O,« stöhnte Tom, »ja, ich glaube es – ich weiß es nur zu gut!«

Roxys Triumph war vollständig, das stand außer Frage. Zwar hätte sie ihre Behauptung keinem Menschen gegenüber beweisen können, und die schriftliche Aufzeichnung war ganz erlogen, aber sie wußte, mit wem sie es zu thun hatte und der Erfolg entsprach vollkommen ihrer Erwartung.

Im Bewußtsein ihres herrlichen Sieges nahm sie mit stolzer Haltung wieder auf der alten Kiste Platz, als wäre es ein Thron.

»Nun also, Schamber, – reden wir jetzt von Geschäften; mit der Narretei ist’s aus. Du kriegst fünfzig Dollars monatlich – davon zahlst du die Hälfte deiner alten Mammy. Heraus damit!«

Aber Tom hatte auf der Gotteswelt nichts als sechs Dollars. Die gab er ihr und versprach, vom neuen Monat an ihre Forderung zu erfüllen.

»Wie groß sind deine Schulden, Schamber?«

»Fast dreihundert Dollars,« sagte Tom schaudernd.

»Wie denkst du sie zu bezahlen?«

Tom stöhnte laut. »Das weiß ich nicht; was fragst du mich nach so schrecklichen Dingen?«

Aber sie ließ sich nicht abweisen und trieb ihn immer mehr in die Enge, bis er sich zu einem Geständnis bequemte. Vor vierzehn Tagen, während alle Welt glaubte, er sei in St. Louis, hatte er einen förmlichen Raubzug gegen seine Mitbürger unternommen. Er war verkleidet umhergeschlichen und hatte allerlei Wertsachen aus Privathäusern entwendet. Die Beute, welche er fortschickte, genügte aber noch nicht, um soviel Geld dafür zu lösen, als er brauchte, und doch getraute er sich, bei der Aufregung, die in der Stadt herrschte, jetzt nicht, das Wagnis zu wiederholen.

Seine Mutter billigte das Unternehmen und bot ihm ihre Hilfe an, allein das erschreckte ihn nur. Mit ängstlichem Stammeln brachte er endlich die Bitte vor, sie möge die Stadt verlassen. Er würde sich dann wohler und sicherer fühlen und den Kopf höher halten können. Zu seiner freudigen Ueberraschung unterbrach sie ihn, als er noch weitere Gründe anführen wollte, und erklärte sich mit diesem Vorschlag ganz einverstanden. Sie sagte, es wäre ihr einerlei, wo sie wohnte, wenn sie nur das Kostgeld regelmäßig ausgezahlt erhielte; doch werde sie nicht weit fortgehen, und einmal im Monat nach dem Gespensterhaus kommen, um ihr Geld in Empfang zu nehmen.

»Seit vielen langen Jahren hab‘ ich dich verabscheut, aber jetzt hass‘ ich dich nicht mehr so arg,« sagte sie. »Alles hatt‘ ich für dich gethan – dich ausgetauscht, dir ’ne gute Familie und ’nen vornehmen Namen gegeben, dich zu ’nem reichen, weißen Herrn gemacht, der seine Kleider im Laden kauft – und was war mein Dank? – Verachtet hast du mich immerzu, mich vor den Leuten gescholten und geschmäht, mich fort und fort dran erinnert, daß ich ’ne Negerin bin – und – und –«

Sie brach in Schluchzen aus und konnte nicht weiter reden.

»Aber,« sagte Tom, »ich wußte doch nicht, daß du meine Mutter bist, und übrigens – –«

»Sei nur still davon, man kann’s nicht mehr ändern, ich will’s vergessen. Doch, gieb acht, daß du mich nie mehr daran erinnerst,« fügte sie drohend hinzu, »sonst geht dir’s schlecht.«

Als sie sich trennten, sagte Tom noch im süßesten Ton, der ihm zu Gebote stand: »Mammy, hättest du vielleicht nichts dagegen, mir zu sagen, wer mein Vater war?«

Wenn er geglaubt hatte, die Frage würde sie in Verlegenheit setzen, so irrte er sich gewaltig. Roxy richtete sich stolz empor.

»Ich soll was dagegen haben?« erwiderte sie. »Nein, ganz und garnichts. Du brauchst dich deines Vaters nicht zu schämen, das sag‘ ich dir. Er gehörte zu den vornehmsten Leuten der ganzen Stadt, zu den besten Familien von altvirginischer Herkunft. Das Geschlecht ist allerwege so gut wie die Driscolls und Howards.« Sie warf sich noch mehr in die Brust und fuhr mit Nachdruck fort: »Kannst du dich noch auf Oberst Cecil Burleigh Essex besinnen, der im selben Jahr starb, wie der Pappy von deinem jungen Herrn Tom Driscoll? Alle hohen Beamten, Freimaurer und Aeltesten der Kirchen kamen und folgten ihm zu Grabe; so ’ne schöne Leiche hat die Stadt noch nie zu sehen bekommen. – Das war der Mann.«

Sie sprach mit so hohem Selbstgefühl und war so begeistert von der Erinnerung, daß ihr ganzer Jugendreiz auf einmal zurückkehrte und ihre Haltung eine stattliche Würde annahm, die man fast königlich hätte nennen können, wäre die Umgebung nur ein wenig besser damit im Einklang gewesen.

»Kein anderer Neger hier am Ort ist so hochgeboren wie du. Nun geh‘ deiner Wege und trag‘ den Kopf so hoch wie du willst – du hast das Recht dazu, verlaß dich drauf.«

Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

In der folgenden Nacht schreckte Tom von Zeit zu Zeit plötzlich aus dem Schlafe auf, und sein erster Gedanke war: »Welches Glück, es ist nur ein Traum!« Aber jedesmal fiel er stöhnend wieder in die Kissen zurück und murmelte: »Ein Nigger! Ich bin ein Nigger! O, wäre ich doch tot!«

Als er im Morgengrauen munter wurde, wiederholte sich diese entsetzliche Qual abermals, und er beschloß, dem trügerischen Schlafe nicht mehr zu vertrauen; er wollte wach bleiben und mit sich zu Rate gehen. Allerlei bittere Gedanken stiegen in ihm auf und wanderten ziellos hierhin und dorthin. »Warum sind Neger und Weiße erschaffen worden? Was hat der erste ungeborene Neger verschuldet, daß er zu seinem Fluch in die Welt gesetzt wurde? Weshalb macht man einen so grauenvollen Unterschied zwischen den Weißen und Farbigen? … Wie hart erscheint mir des Negers Geschick heute morgen! – und doch ist bis gestern abend ein solcher Gedanke noch nie in meinen Kopf gekommen.« So sann er ächzend und seufzend wohl über eine Stunde lang.

Dann kam ›Schamber‹, um in unterwürfiger Haltung zu melden, daß das Frühstück bald fertig wäre. ›Tom‹ wurde feuerrot, als er sah, wie der junge vornehme Weiße vor ihm, dem Neger, im Staube kroch und ihn Massa nannte.

»Geh‘ mir aus den Augen,« schrie er ihn an, und als jener sich entfernt hatte, murmelte er: »Eigentlich hat mir der arme Kerl nichts zu Leide gethan, aber sein Anblick ist mir unerträglich. Er ist ja der junge Herr Driscoll, und ich bin ein – o, wäre ich doch tot!«

 

Ein großer vulkanischer Ausbruch in den Tropen, bei dem die Erde bebt, Staubwolken die Luft verdunkeln und die Fluten sich emportürmen, verwandelt die Landschaft ringsum bis zur Unkenntlichkeit. Die Niederung wird zur Hochfläche, Berge zu Thälern; wo sich die Wüste dehnte, glänzt ein See, und statt grüner, lachender Wiesen, sehen wir eine dürre Steppe. Auf ähnliche Weise hatte die furchtbare Katastrophe, welche über Tom hereingebrochen war, seine bisherige Umgebung in moralischer Beziehung verändert: Was ihm bisher als niedrig gegolten, ward zu den Wolken erhoben, und was er für unantastbar angesehen, lag, unter der Asche früherer Herrlichkeit begraben, in Trümmern vor ihm.

Tagelang wanderte er an einsamen Orten umher, tief in Gedanken versunken und bemüht, seinen verlorenen Halt wiederzufinden. Es wollte ihm nicht gelingen. Wenn er einen Bekannten traf, wich plötzlich seine lebenslange Gewohnheit auf geheimnisvolle Weise von ihm – er streckte nicht unwillkürlich die Hand aus, um des Freundes Hand zu schütteln – sein Arm hing schlaff herab. Es war der ›Neger‹ in ihm, der ihn an seine Niedrigkeit mahnte, er wurde rot und schämte sich. Drückte ihm dann der weiße Freund die Hand, so war der ›Neger‹ in ihm überrascht und verwirrt. Ganz von selbst trat der ›Neger‹ demütig beiseite und machte dem weißen Raufbold oder Bummler auf der Straße Platz. Und als Rowena, die Geliebte seines Herzens, die er im stillen anbetete, ihn einlud, ins Haus zu kommen, stammelte der Neger in ihm eine verlegene Entschuldigung, denn er fürchtete sich, mit hochgebietenden weißen Leuten an einem Tische zu sitzen, wie ihresgleichen. Der ›Neger‹ in ihm schlich ängstlich lauernd umher und argwöhnte Mißtrauen oder die Gefahr der Entdeckung in jedem Wort, jeder Miene und Gebärde. So fremdartig und verändert war Toms Benehmen, daß es den Leuten auffiel und sie sich umdrehten und ihm nachsahen, wenn er vorüber war. Dann wandte auch er den Blick – ganz gegen seinen Willen, aber er konnte nicht anders – und sah den verwunderten Ausdruck in diesem oder jenem Gesicht. – Von namenloser Furcht gepackt, suchte er, so rasch er konnte, die Einsamkeit auf. Wie ein gehetztes Wild floh er über Berg und Thal. »Der Fluch, der auf Ham lastet, verfolgt mich,« dachte er bei sich selber.

Am meisten waren ihm die Mahlzeiten verhaßt. Der ›Neger‹ in ihm schämte sich, mit den Weißen zusammen zu speisen, ihm bangte fortwährend davor, entdeckt zu werden. »Was ist denn mit dir los?« fragte Richter Driscoll einmal, »du machst ja ein so erbärmliches Gesicht wie ein Nigger.« Da erwiderte Tom, er fühle sich unwohl und stand rasch vom Tische auf. So mag es dem heimlichen Mörder zu Mute sein, wenn der Ankläger spricht: »Du bist der Mann!«

Vor der zärtlichen Besorgnis und den Liebkosungen seiner angeblichen ›Tante‹ hatte er ein wahres Grauen und wich ihnen so viel wie möglich aus. Gegen seinen vermeintlichen ›Onkel‹ erwachte ein förmlicher Haß in seinem Herzen, der immer mehr zunahm; denn Tom sagte sich: »er ist ein Weißer und ich bin sein Eigentum, sein Haustier, seine Ware; er kann mich verkaufen, so gut wie seinen Hund.«

Eine ganze Woche lang bildete sich Tom ein, daß sein Charakter von Grund aus verändert sei. Doch er kannte sich selber schlecht. Zwar hatten seine Ansichten in mancher Beziehung eine völlige Wandlung erfahren, die sich nie wieder rückgängig machen ließ, aber die Hauptzüge seines Charakters waren sich doch gleich geblieben und konnten nicht anders werden. Unter dem Einfluß einer großen geistigen und moralischen Erschütterung hatte es zwar äußerlich den Anschein gewonnen, als habe er mit seinem bisherigen Treiben völlig gebrochen, aber, als sich nach einer Weile der Sturm legte, verfiel er wieder in die alten Sitten und Gewohnheiten. Allmählich kehrte er auch zu seiner leichtfertigen und oberflächlichen Gesinnung und Redeweise zurück, und keiner seiner Bekannten hätte in ihm irgend einen Zug entdecken können, der ihn von dem nichtsnutzigen Tom aus früherer Zeit unterschied.

Es stellte sich bald heraus, daß jener Beutezug, den er unternommen hatte, doch ergiebiger gewesen war, als er zu hoffen gewagt. Der Ertrag genügte, um seine Spielschulden zu bezahlen, und so ging die Gefahr einer Enthüllung seines Thuns und der abermaligen Vernichtung des Testaments glücklich vorüber. Mit seiner Mutter kam er ziemlich gut aus. Zwar vermochte sie noch nicht, ihn zu lieben, weil, wie sie es ausdrückte, ›nichts an ihm war‹, aber ihrer Natur nach brauchte sie irgend jemand, den sie beherrschen konnte, und dazu war er gut genug. Durch ihren starken Charakter und ihr streitbares, gebieterisches Wesen erregte sie Toms Bewunderung, obgleich er mehr Proben davon erhielt, als er zu seiner Annehmlichkeit bedurfte. In der Regel bestand aber ihre Unterhaltung aus allerlei Klatsch und Geschwätz über die Privatangelegenheiten der besten Familien von Dawson, in deren Küchen sie regelmäßig ihre Ernte hielt, so oft sie zur Stadt kam. Das gefiel Tom, denn es war ganz nach seinem Geschmack. Sie stellte sich immer pünktlich ein, um die Hälfte seines Monatsgeldes zu holen; bei dieser Gelegenheit trafen sie jedesmal im Gespensterhaus zusammen und plauderten eine Weile. Auch in der Zwischenzeit machte sie ihm ab und zu dort einen Besuch.

Manchmal fuhr Tom nun auch wieder auf ein paar Wochen nach St. Louis, und eines Tages unterlag er abermals der Versuchung zum Glücksspiel. Er gewann eine Menge Geld, verlor es aber wieder und noch eine beträchtliche Summe obendrein, die er versprach, so bald als möglich aufzutreiben.

Zu dem Zweck plante er einen neuen Beutezug in Dawson. Seine Räubereien an einem fremden Orte zu unternehmen, kam ihm nicht in den Sinn, denn er hätte sich nicht in ein Haus hineingewagt, ohne daß er die Aus- und Eingänge genau kannte und mit den Gewohnheiten der Familie vertraut war.

Am Mittwoch vor der Ankunft der Zwillinge begab er sich verkleidet in das Gespensterhaus, nachdem er seiner Tante Pratt geschrieben hatte, er käme erst in zwei Tagen. Dort hielt er sich bei seiner Mutter versteckt, und ging erst am Freitag früh, ehe es hell wurde, nach dem Driscollschen Hause. Durch die Hinterthür gelangte er in sein Zimmer, wo er den Spiegel und sonstige Toilettengegenstände benützen wollte. Er trug einen Anzug von seiner Mutter, nebst schwarzem Schleier und Handschuhen und unter dem Arm ein Bündel mit Mädchenkleidern, die er zu dem Streifzug anzulegen dachte. Jetzt dämmerte der Morgen: er war mit der Verkleidung fertig und wollte eben das Zimmer verlassen, als er durch das Fenster drüben Querkopf Wilson sah, der ihn ohne Zweifel ebenfalls erblickt hatte. Nun übte er sich, um Wilson zu täuschen, eine Weile in allerlei Schritten und graziösen Stellungen vor dem Spiegel, trat dann rasch in den Hintergrund, legte die erste Verkleidung wieder an, wartete noch geraume Zeit und ging dann die Treppe hinunter und zur Hinterpforte hinaus. Er wollte auf dem Schauplatz seiner beabsichtigten Thaten Umschau halten. Doch war ihm unbehaglich zu Mute. Zwar glaubte er nicht, daß Wilson, wenn er noch auf der Lauer war, ein armes, altes Weib beachten werde, das früh am Morgen aus der Hinterthür des Nachbarhauses kam, deshalb hatte er Roxys Kleid wieder angezogen und schlich in gebückter Haltung einher. Wie aber, wenn nun Wilson doch Verdacht geschöpft hätte und ihm heimlich folgte? – Bei dem Gedanken wurde es Tom bald heiß bald kalt; er beschloß den Raubzug aufzugeben und eilte auf den verborgensten Wegen nach dem Gespensterhaus zurück. Seine Mutter war fort, doch kam sie im Laufe des Vormittags wieder und brachte die Nachricht von der großartigen Empfangsfeierlichkeit bei Patsy Cooper. Leicht überredete sie ihren Sohn, daß dies eine besondere Fügung des Himmels sei, die sie sich gar nicht besser wünschen könnten. So unternahm Tom doch noch den Streifzug und brachte reichliche Beute mit, während alle Bewohner bei Frau Cooper waren. Durch den Erfolg ermutigt, wurde er so tollkühn, daß er den Raub nur rasch seiner Mutter übergab, die in einem Hintergäßchen auf ihn wartete, und dann selbst dem Empfang der Zwillinge beiwohnte. Auch dort im Hause vermehrte er seine Beute noch um verschiedene Wertsachen.

 

Nach dieser langen Abschweifung sind wir jetzt wieder an dem Punkt unserer Erzählung angekommen, bei dem wir Querkopf Wilson verließen. Er saß an jenem Freitag-Abend zu Hause, wartete auf die Ankunft der Zwillinge und zerbrach sich den Kopf über das Mädchen, das er am Morgen in Tom Driscolls Schlafzimmer gesehen hatte. Soviel er aber auch hin und her riet und nachsann und sich verwunderte, er brachte es doch nicht heraus, wer das leichtsinnige Geschöpf wohl sein könnte.

Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Als die Zwillinge eingetroffen waren, kam die Unterhaltung gleich in Fluß; man plauderte lebhaft und behaglich, und der neu geschlossene Freundschaftsbund befestigte sich mehr und mehr. Auf Verlangen holte Wilson seinen Kalender herbei und las den Brüdern ein paar Stellen vor, denen sie aufrichtigen Beifall spendeten. Dies freute den Verfasser so sehr, daß er ihnen gern die Bitte gewährte, eine Handvoll Blätter mitnehmen und zu Hause lesen zu dürfen. Auf ihren weiten Reisen hatten sie die Erfahrung gemacht, daß es drei Arten giebt, sich die Gunst eines Schriftstellers zu erwerben, welche eine Stufenleiter gegenseitiger Anerkennung bilden: Erstens: man sagt ihm, man habe eins seiner Bücher gelesen. Zweitens: man versichert, man kenne seine sämtlichen Werke. Drittens: man bittet ihn um sein neuestes Buch im Manuskript. 1 Auf die erste Art gewinnt man seine Achtung, auf die zweite seine Bewunderung und auf die dritte erobert man sein ganzes Herz. Die Zwillinge waren beflissen gewesen, gleich die beste von diesen Methoden anzuwenden.

Nicht lange, so wurde ihr Gespräch unterbrochen. Der junge Tom Driscoll trat ein und ließ sich vorstellen. Als die Brüder aufstanden und ihm die Hand schüttelten, that er, als sähe er sie zum erstenmal. Aber das war nur Schein, er hatte sie schon bei der Empfangsfeier von weitem erblickt, während er das Haus bestahl. Auf die Brüder machte er den Eindruck eines hübschen Menschen mit glattem Gesicht und geschmeidigen, aalgleichen Bewegungen, die nicht ungraziös waren. Angelo fand seine Augen schön, Luigi sah einen verschleierten und listigen Ausdruck darin. Angelo gefiel die freie Ungezwungenheit seiner Art zu sprechen, Luigi fand sie nicht gerade angenehm. Angelo hielt ihn für einen ganz netten jungen Mann, Luigi war noch nicht mit sich einig darüber. Toms erster Beitrag zu der Unterhaltung bestand in einer Frage, die er wohl schon hundertmal im fröhlichsten, gutmütigsten Ton an Wilson gerichtet hatte. Sie verursachte diesem stets ein etwas peinliches Gefühl, denn sie berührte eine geheime Wunde; diesmal aber gab sie ihm einen ordentlichen Stich ins Herz, weil die Fremden zugegen waren.

»Nun, wie steht’s mit der Anwaltspraxis? Hast du schon einen Prozeß geführt?«

Wilson biß sich auf die Lippen und erwiderte so gleichgültig wie möglich: »Nein – noch nicht.«

Als Richter Driscoll den Zwillingen Wilsons Lebensgeschichte erzählte, hatte er seine Rechtsgelehrsamkeit aus zarter Rücksicht beiseite gelassen.

»Wilson ist nämlich Advokat, meine verehrten Herren,« erklärte Tom mit verbindlicher Miene, »doch praktiziert er im Augenblick nicht.«

Der Spott kränkte Wilson, aber er nahm sich zusammen und sagte, ohne seine Erregung blicken zu lassen:

»Ganz richtig – ich praktiziere nicht. Mir ist noch kein Prozeß übertragen worden, und ich habe mir mein Brot zwanzig Jahre lang mühselig mit der Durchsicht von Rechnungsbüchern verdienen müssen. Nicht einmal in dieser Beschäftigung bekam ich hier am Orte so viele Aufträge, als ich gewünscht hätte. Aber, daß ich die Rechtswissenschaft gründlich studiert und nichts versäumt habe, um mich zu einem tüchtigen Anwalt auszubilden, ist nicht minder wahr. In deinem Alter, Tom, hatte ich bereits meinen Beruf erwählt, und wäre jederzeit imstande gewesen, ihn auszuüben. Vielleicht wird mir nie die Gelegenheit dazu geboten, tritt aber der Fall noch ein, so soll es an mir nicht fehlen, denn ich habe meine Rechtsstudien alle die Jahre her ununterbrochen fortgesetzt.«

Tom hatte den Hieb wohl gefühlt, aber er ließ sich nicht einschüchtern. »Bravo,« rief er, »gesprochen wie ein Mann – das gefällt mir. Wie wär’s, wenn ich dich zu meinem Geschäftsträger machte,« fuhr er lachend fort. »Deine Rechtspraxis und meine Geschäfte würden sich so ziemlich die Wage halten, meinst du nicht auch, David?«

»Es giebt allerlei Geschäfte –« versetzte Wilson. Er dachte an das Fräulein in Toms Zimmer, und hatte schon vor, den jungen Menschen wegen seines heimlichen und verwerflichen Treibens zur Rede zu setzen, doch kam er wieder davon zurück. »Nein,« unterbrach er sich, »was ich sagen wollte, ist kein Gegenstand für eine allgemeine Unterhaltung.«

»Dann lassen wir es besser auf sich beruhen. Du wolltest mir gewiß noch einen zweiten Rippenstoß geben, reden wir lieber von etwas anderem: Was macht denn dein geheimnisvolles Steckenpferd neuerdings? Weißt du, deine ›Protokolle‹, wie du sie nennst. Wilson hat nämlich den Plan, das gewöhnliche Fensterglas aus der Mode zu bringen und durch Scheiben zu ersetzen, die mit Abdrücken fettiger Finger verziert sind. Er wird steinreich werden, wenn er seine Erfindung an alle gekrönten Häupter Europas zum Schmuck für ihre sämtlichen Paläste verkauft. – Zeige uns doch einmal deinen Schatz, David.«

Wilson brachte drei Glasplättchen herbei. »Ich bitte die Herren, sich mit der rechten Hand durchs Haar zu fahren, wodurch sich etwas von der natürlichen Fettigkeit den Fingern mitteilt – und jede einzelne Fingerspitze der Reihe nach auf das Glas zu drücken. Alle feinen Linien in der Haut zeichnen sich dann genau darauf ab und verwischen sich nicht wieder, wenn sie nicht durch die Berührung mit einem rauhen Gegenstand ausgelöscht werden. Du zuerst, Tom!«

»Ich dächte, du hättest den Abdruck meiner Finger schon ein- oder zweimal genommen.«

»Ja? aber beim letztenmal warst du noch ein kleiner Junge von etwa zwölf Jahren.«

»Das stimmt. Seitdem habe ich mich natürlich ganz verändert, und die gekrönten Häupter sollen ja wohl die mannigfachsten Verzierungen auf ihre Fensterscheiben bekommen.«

Er fuhr sich mit der Hand durch sein kurzgeschorenes Haar und drückte dann jeden Finger einzeln auf das Glas. Angelo benützte ein anderes Plättchen zu dem gleichen Zweck, und zuletzt Luigi ein drittes. Nun fügte Wilson noch Namen und Datum bei und bewahrte die Glasplättchen wieder auf.

»Eigentlich wollte ich nichts sagen,« meinte Tom lachend, »aber, wenn dir’s auf Verschiedenartigkeit ankommt, so hast du jetzt eben ein Glas unnütz vergeudet. Die Fingerabdrücke des einen Zwillings sind genau wie die des anderen.«

»Was geschehen ist, ist geschehen,« sagte Wilson und nahm wieder Platz, »mir ist’s so wie so lieber, wenn ich sie beide habe.«

»Aber, wie steht’s denn, David,« fuhr Tom fort, »früher hast du doch auch aus der Hand gewahrsagt, wenn du die Abdrücke nahmst? – Er ist nämlich ein Allerweltsgenie – eine Größe ersten Ranges, ein tiefsinniger Gelehrter, der hier am Ort verkümmert, ein Prophet, der nur so viel gilt, wie alle Propheten im Vaterlande – hier fragt kein Mensch nach seiner Weisheit und man nennt seinen Schädel ein Museum voll komischer Einfälle – nicht wahr, David, so ist’s! Doch einerlei – er wird schon noch sein Glück machen – ein gläsernes Glück mit Fettabdrücken – hahaha! Wirklich, die Wahrsagerei ist famos – lassen Sie ihn nur einmal Ihren Handteller betrachten! Wer für sein Geld nicht genug hat, bekommt es an der Kasse zurückbezahlt. Er liest, was drin geschrieben steht, als wäre es ein Buch und sagt einem nicht nur sechs Dutzend Dinge voraus, die geschehen werden, sondern auch fünfzig oder sechzigtausend, die nicht eintreffen. Komm, David, zeige den Herren, was für einen wunderbaren Tausendkünstler unsere Stadt besitzt, ohne daß wir es ahnen.«

Für Wilson war dies spöttische und nicht sehr rücksichtsvolle Geschwätz eine arge Pein, und das that den Zwillingen in der Seele weh. Sie urteilten ganz richtig, daß sie ihm die größte Wohlthat erweisen würden, wenn sie die Sache ernsthaft behandelten und Toms Neckereien unbeachtet ließen, deshalb sagte Luigi:

»Wir haben auf unsern Reisen öfters Beispiele von Handwahrsagerei erlebt und uns selbst davon überzeugt, wie erstaunliche Dinge sie zu leisten vermag. Sie ist eine Wissenschaft – wie sollte man sie wohl anders nennen, und zwar eine der tiefsinnigsten. – Im Orient zum Beispiel –«

»Dies Taschenspielerkunststück eine Wissenschaft!« – rief Tom mit verwunderter, ungläubiger Miene. »Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein.«

»Mein völliger Ernst. Vor vier Jahren hat man uns unser Schicksal aus der Hand geweissagt, als ob es dort geschrieben stände.«

»So meinen Sie also wirklich, daß etwas an der Sache ist?« fragte Tom, dessen Unglaube schon zu wanken begann.

»Versteht sich,« fiel jetzt Angelo ein. »Die Schilderung unserer Charaktere zum Beispiel stimmte in allen Einzelheiten; wir hätten kaum noch etwas hinzuzufügen gewußt. Auch wurden mehrere denkwürdige Thatsachen aus unserer Vergangenheit enthüllt, von denen keiner der Anwesenden das Geringste wissen konnte.«

»Das ist ja die reinste Zauberei,« rief Tom mit immer wachsendem Interesse. »Und was man Ihnen von der Zukunft vorausgesagt hat, ist auch eingetroffen?«

»Im allgemeinen ja – so ziemlich,« sagte Luigi. »Zwei oder drei der Hauptereignisse jedenfalls; das allerwichtigste sogar noch im selben Jahre. Auch von den unbedeutenden Prophezeiungen haben sich einige bereits erfüllt, und die andern großen oder kleinen können mit der Zeit noch wahr werden – vielleicht gehen sie auch nie in Erfüllung, doch gestehe ich, daß mich das mehr überraschen würde, als wenn das Gegenteil eintritt.«

Die Worte machten einen tiefen Eindruck auf Tom, aller Mutwillen war ihm vergangen.

»Höre, David,« sagte er im Ton der Entschuldigung, »du mußt nicht etwa denken, daß ich deine Wissenschaft herabsetzen wollte; es machte mir nur Spaß, dich ein wenig damit aufzuziehen. Bitte, laß dir doch einmal ihre Handflächen zeigen. Nicht wahr, du thust mir den Gefallen.«

»Jawohl, gern, wenn du es wünschest; aber, du weißt ja, ich habe nie Gelegenheit gehabt, mich ganz mit der Kunst vertraut zu machen und will auch nicht als Sachverständiger gelten. Wenn ein vergangenes, wichtiges Ereignis sehr deutlich in den Linien der Hand geschrieben steht, kann ich es meist erkennen, aber, was geringfügiger ist, entgeht mir oft – natürlich nicht immer, jedoch häufig. Wenn es aber gilt, in der Zukunft zu lesen, so bin ich meiner Sache nicht recht sicher. Ich spreche beinahe, als ob ich die Handwahrsagerei lebhaft betreibe, doch das ist durchaus nicht der Fall. In den letzten sechs Jahren habe ich kaum ein halbes Dutzend Hände untersucht. Die Leute fingen an, sich darüber lustig zu machen, und da ließ ich die Kunst einschlafen, um dem Gerede ein Ende zu machen. Wenn es Ihnen recht ist, Graf Luigi, will ich einmal einen Versuch mit Ihrer Vergangenheit machen – glückt mir der, dann – doch nein, an die Zukunft will ich mich überhaupt nicht wagen; das sollte wirklich nur ein ganz Kundiger thun.«

Als er Luigis Hand nahm, sagte Tom: »Warte einen Augenblick, David, – sieh noch nicht hin! Hier, Graf Luigi, ist Papier und Bleistift. Schreiben Sie die Prophezeiung auf, von der Sie sagten, es sei die allerwichtigste gewesen und sie habe sich noch im nämlichen Jahr erfüllt. Dann geben Sie mir den Zettel, damit ich sehen kann, ob David das Erlebnis in Ihrer Hand entdeckt.«

Luigi schrieb eine Zeile, faltete das Papier zusammen und reichte es Tom mit den Worten: »Wenn er es findet, werde ich Sie auffordern, das Geschriebene vorzulesen.«

Nun begann Wilson seine Untersuchung von Luigis Handfläche. Er folgte den Lebenslinien, den Herz- und Kopflinien und beobachtete auch alle die feineren und zarteren Merkmale und Verzweigungen genau, die sich spinnwebartig nach allen Seiten ausbreiteten. Dann befühlte er den fleischigen Ballen am Daumen, merkte auf dessen Form, strich von der Wurzel des kleinen Fingers bis zum Handgelenk hinunter, untersuchte jeden Finger besonders nach Größe, Gestalt und Verhältnis zu den anderen, auch ihre natürliche Lage im Zustand der Ruhe. Die Anwesenden schauten seinem Verfahren mit der größten Spannung zu, sie steckten die Köpfe zusammen, beugten sich über Luigis Hand, und keiner unterbrach die Stille mit einem Laut. Schließlich wiederholte Wilson die Untersuchung noch einmal von Anfang an und verkündete zugleich das Ergebnis.

Er entwarf eine genaue Schilderung von Luigis Charakter und Gemütsart, beschrieb seine Geschmacksrichtung, seine Zu- und Abneigungen, seine natürlichen Anlagen und Absonderlichkeiten, so daß Luigi oft die Lippen zusammenkniff und die andern lachten. Beide Zwillinge erklärten jedoch, daß jeder Zug richtig sei und alle Angaben zuträfen.

Hierauf ging Wilson zu Luigis Lebensgeschichte über. Er verfuhr dabei nur zögernd und mit großer Vorsicht; langsam strich er mit den Fingern über die Hauptlinien der inneren Hand und hielt zuweilen bei einem Kreuzpunkt oder einem besonderen Kennzeichen still, um die ganze Stelle sorgfältig zu durchforschen. Einige Thatsachen aus Luigis Vergangenheit, die er aufzählte, erwiesen sich als richtig, und die Untersuchung ward fortgesetzt. Auf einmal sah Wilson überrascht in die Höhe.

»Hier stoße ich auf ein Ereignis, von dem Sie vielleicht nicht wünschen würden – –«

»Sprechen Sie es nur aus,« sagte Luigi gutmütig, »es wird mich nicht in Verlegenheit bringen, verlassen Sie sich darauf.«

Aber Wilson zögerte noch immer und schien nicht recht zu wissen, was er thun sollte.

»Es ist wirklich eine zu heikle Sache,« sagte er endlich. »Ich möchte sie lieber aufschreiben oder Ihnen ins Ohr flüstern, damit Sie selbst entscheiden, ob man davon reden soll oder nicht.«

»Das wird am besten sein,« versetzte Luigi, »schreiben Sie es nieder.«

Wilson warf einige Worte auf ein Stück Papier, das er Luigi reichte. Dieser las sie für sich und sagte dann zu Tom:

»Sehen Sie nach, was auf Ihrem Zettel steht, Herr Driscoll.«

Tom las laut:

»Man prophezeite mir, daß ich einen Menschen umbringen würde. Der Spruch ging in Erfüllung, noch ehe das Jahr vorüber war.«

»Nun lesen Sie auch dies!«

» Sie haben jemand umgebracht, ob es aber ein Mann, eine Frau oder ein Kind ist, kann ich nicht ermitteln,« las Tom mit Verwunderung. »Aber, das ist ja unerhört, das geht über alle Begriffe,« rief er in großer Erregung. »Die eigene Hand eines Menschen ist sein ärgster Todfeind – sie führt ein Verzeichnis über die schlimmsten und verborgensten Geheimnisse seines Lebens und ist stets bereit, sie dem ersten besten Schwarzkünstler, der des Weges kommt, treulos zu verraten. Warum lassen Sie denn aber auch Ihre Hand ansehen, wenn etwas so Schreckliches darin geschrieben steht?«

»O, das macht mir nichts aus,« versetzte Luigi gelassen. »Ich hatte meine guten Gründe, den Mann zu töten und bereue es keineswegs.«

»Weshalb thaten Sie es denn?«

»Es war ein Ding der Notwendigkeit.«

»Ich will Ihnen sagen, wie es kam, da mein Bruder mit der Sprache zögert,« rief jetzt Angelo eifrig. »Er tötete ihn, um mir das Leben zu retten; es war eine edle That, die das Licht nicht zu scheuen braucht.«

»Gewiß nicht, gewiß nicht,« bestätigte Wilson, »wer so etwas um seines Bruders willen vollbringt, darf sich dessen wohl rühmen.«

Luigi schüttelte den Kopf. »Es klingt zwar alles sehr schön, was ihr da sagt, aber mit der Selbstlosigkeit, dem Heldentum und Edelmut ist’s nicht weit her. Vergeßt nur nicht, daß ich Angelos Leben retten mußte, weil sonst auch meines bedroht war. Würde der Mann mich etwa nicht umgebracht haben, nachdem er meinen Bruder getötet hatte? Also habe ich mir selbst das Leben gerettet.«

»Ja, so sprichst du immer,« rief Angelo, »aber ich kenne dich und glaube, du hast gar nicht an dich selbst gedacht. Die Waffe, mit der Luigi den Mann getötet hat, bewahre ich als Andenken und will sie Ihnen einmal zeigen. Sie hat durch dies Ereignis noch an Interesse gewonnen, aber schon ehe sie in Luigis Hände kam, hatte sie ihre Geschichte. Ein großer indischer Prinz, der Gaikowar von Baroda, in dessen Familienbesitz sie sich seit zwei oder drei Jahrhunderten befand, hat sie Luigi geschenkt. Schon manchem, der jenem Hause feindlich gesinnt oder lästig war, mag damit der Garaus gemacht worden sein. Es ist ein absonderliches Ding, ganz anders geformt als ein gewöhnliches Dolchmesser. Ich will Ihnen gleich eine Zeichnung davon machen.« Er nahm ein Blatt Papier und warf rasch eine Skizze hin. »So ungefähr sieht es aus – die breite, mörderische Klinge ist scharf wie ein Rasiermesser. Die Namen oder Abzeichen seiner Besitzer sind der Reihe nach darin eingegraben. Luigis Namen und unser Wappen ließ ich selbst in lateinischer Schrift hinzufügen. Ganz eigentümlich ist auch der Griff; er besteht aus massivem, spiegelglattem Elfenbein, ist rund, vier bis fünf Zoll lang und so dick wie das Handgelenk eines starken Mannes. Das Ende ist abgeplattet, damit der Daumen darauf ruhen kann, wenn man das Dolchmesser emporhebt, um zuzustoßen. Der Gaikowar zeigte uns, wie man es handhaben muß, als er es Luigi gab, und noch in derselben Nacht stieß ihm mein Bruder einen seiner Leute mit dem Messer nieder. Die Scheide ist mit prachtvollen Edelsteinen von großem Werte reich verziert und würde Ihnen vielleicht noch besser gefallen als die Waffe selbst.«

Als Tom das hörte, dachte er bei sich: »Wie gut, daß ich hergekommen bin; ich hätte das Dolchmesser um einen Pappenstiel verkauft, weil ich die Edelsteine für gewöhnliches Glas hielt.«

»Erzählen Sie doch weiter,« bat Wilson, »wir sind begierig, etwas von dem Ueberfall zu erfahren. Wie ging es denn dabei zu?«

»Das Messer war einzig und allein schuld daran. Ein eingeborener Diener schlich sich des Nachts in unser Zimmer im Palast, um es zu stehlen, ohne Zweifel wegen der kostbaren Steine auf der Scheide, die ein ganzes Vermögen wert sind. Es lag unter Luigis Kopfkissen und wir waren beide im Bett. Ich schlief, Luigi aber wachte, und beim düstern Schein des Nachtlichts, das im Zimmer brannte, glaubte er die Umrisse einer Gestalt zu erkennen, die sich dem Lager näherte. Er zog das Messer aus der Scheide und rüstete sich zur Gegenwehr. Decken und Betttücher brauchte er nicht erst zurückzuschlagen, denn bei der großen Hitze hatten wir keine. Plötzlich richtete sich jener Eingeborene neben dem Bette auf und beugte sich über mich; in seiner erhobenen Rechten funkelte ein Dolch, mit dem er nach meiner Kehle zielte. Doch rasch packte Luigi den Mann am Handgelenk, warf ihn zu Boden und stieß ihm das scharfe Messer ins Genick. – Das ist die ganze Geschichte.«

Die Zuhörer holten tief Atem, und man sprach noch eine Weile über den schrecklichen Vorfall. Dann griff Wilson nach Toms Hand.

»Laß doch einmal sehen, Tom,« sagte er, »ob bei dir nicht irgend eine kleine, verborgene Heimlichkeit zu entdecken wäre. Zufällig habe ich deine Handfläche noch nie besichtigt. – Oho! –«

Tom hatte ihm rasch die Hand entzogen und sah ganz bestürzt aus.

»Er wird ordentlich rot,« rief Luigi.

»So?« erwiderte Tom heftig und warf ihm einen bösen Blick zu, »aber doch wenigstens nicht, weil ich ein Mörder bin!«

Luigis dunkle Augen flammten; ehe er jedoch etwas thun oder sagen konnte, rief Tom schon mit ängstlicher Hast: »O, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, ich habe das gar nicht sagen wollen, es fuhr mir nur so heraus. Es thut mir wirklich sehr, sehr leid – nicht wahr, Sie verzeihen mir?«

Wilson kam ihm zu Hilfe und suchte die Sache friedlich beizulegen, so gut er konnte. Das gelang ihm auch vollkommen, so weit es die Zwillinge betraf; denn ihnen war die unangenehme Lage, in die Wilson durch die rohen Worte seines Gastes geraten war, peinlicher als die Beleidigung selbst. Auf Tom hatte aber Wilsons Vermittlung keine so günstige Wirkung. Zwar stellte er sich möglichst unbefangen, und man merkte ihm auch äußerlich keine Verstimmung an, aber im Grunde grollte er doch den drei Zeugen seiner Unhöflichkeit. Es verdroß ihn, daß sie überhaupt zugegen gewesen waren und seine Worte beachtet hatten, und dabei vergaß er fast, sich über seinen eigenen Mangel an Lebensart zu ärgern. Doch bald geschah etwas, wodurch seine Gemütsverfassung wieder behaglicher und menschenfreundlicher wurde. Die Zwillinge fingen nämlich unter sich Streit an; es war zwar nur ein unbedeutender Wortwechsel, aber sie erhitzten sich doch in kurzer Zeit gewaltig gegen einander. Tom hatte große Freude daran und that was er konnte, um das Feuer zu schüren, natürlich mit Vorsicht, und indem er sich den Anschein gab, als wünsche er es zu dämpfen. Bald entfachte sich die Glut mit seiner Hilfe mehr und mehr, und vielleicht hätte er im nächsten Augenblick die Genugthuung gehabt, die Flamme emporlodern zu sehen, wäre der Auftritt nicht durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen worden. Diese Störung kam ihm ebenso ungelegen, wie sie Wilson angenehm war.

Der neue Ankömmling, dem Wilson die Thür öffnete, war ein gutmütiger, handfester und ungebildeter Irländer von mittleren Jahren, Namens John Buckstone, ein großer Politiker im kleinen, der an allen öffentlichen Angelegenheiten einen hervorragenden Anteil nahm. Gerade jetzt war die Stadt in voller Aufregung wegen der herrschenden Meinungsverschiedenheit über den Genuß berauschender Getränke. Die Rum-Partei kämpfte einen erbitterten Kampf mit der Anti-Rum-Partei. Buckstone gehörte zu ersterer und war abgesandt worden, um die Zwillinge aufzusuchen und sie einzuladen, einer Massenversammlung der Rum-Partei beizuwohnen. Er richtete seine Botschaft aus und fügte hinzu, daß die Bundesbrüder sich schon in der großen Halle des Markthauses versammelten. Luigi folgte der Aufforderung bereitwillig, Angelo dagegen nur zögernd, denn er liebte weder ein großes Gedränge, noch konnte er den starken, amerikanischen Branntwein vertragen. Auch neigte er dem Mäßigkeitsverein zu.

Als die Zwillinge sich mit Buckstone entfernten, schloß sich ihnen Tom Driscoll unaufgefordert an. Schon von weitem konnte man die lange Reihe der Fackeln hin- und herschwanken sehen, die sich die Hauptstraße hinunter bewegten; die Pauken dröhnten, die Zimbeln schmetterten, die Querpfeifen quiekten, und fernes Hurrahgeschrei schallte an ihr Ohr. Eben stiegen die letzten Teilnehmer am Zuge die Treppe des Markthauses hinauf, als die Zwillinge sich dem Gebäude näherten; sie fanden die Halle schon dicht gedrängt voll von Menschen, die Fackeln rauchten und überall herrschte Lärm und Begeisterung.

Buckstone führte die Brüder auf die Rednerbühne, wohin ihnen Tom Driscoll gleichfalls folgte, und stellte sie dem Präsidenten vor, während die Menge sie mit lautem Zuruf willkommen hieß. Als der Lärm sich etwas gelegt hatte, forderte der Vorsitzende die Anwesenden auf: »die erlauchten Gäste damit zu begrüßen, daß wir sie alsbald zu Mitgliedern unserer glorreichen Vereinigung – dem Paradies der Freien und dem Verderben der Sklaven – durch allgemeines Handaufheben erwählen.«

Dieser rednerische Erguß öffnete die Schleusen der Begeisterung von neuem; die Wahl erfolgte mit Einstimmigkeit und donnerndem Beifall. Dann vernahm man stürmische Rufe: »Feuchtet sie an! Feuchtet sie an! Sie sollen uns Bescheid thun!«

Jedem Zwilling wurde ein Glas Whisky gereicht. Luigi schwenkte es in der Luft und setzte es dann an die Lippen, während Angelo das seinige hinstellte. Wieder erhob sich ein Geschrei.

»Was soll das bedeuten? Was ist mit dem andern los? Warum will der Blonde uns nicht zutrinken? Wie sollen wir das verstehen?«

Der Vorsitzende zog Erkundigungen ein und erstattete der Versammlung Bericht:

»Wir haben einen unglücklichen Irrtum begangen, meine Herren. Es stellt sich heraus, daß Graf Angelo Capello unsere Ueberzeugung nicht teilt. Er ist eigentlich ein Mäßigkeitsvereinler und hat gar nicht die Absicht gehabt, Mitglied bei uns zu werden. Deshalb wünscht er, daß wir über seine Wahl noch einmal abstimmen. Ich bitte die Herren, dies in Erwägung zu ziehen.«

Nun entstand ein gellendes Gelächter, in das sich lautes Murren und Pfeifen mischte; doch gelang es dem Präsidenten durch den kräftigen Gebrauch der Glocke die Ruhe einigermaßen wiederherzustellen. Ein Mann aus der Menge ergriff das Wort und sagte, daß der Mißgriff zwar sehr zu bedauern sei, doch ließe er sich unmöglich bei der heutigen Zusammenkunft wieder gut machen. Nach den Statuten könne das erst in der nächsten, regelmäßigen Sitzung geschehen. Er wolle keinen Antrag stellen, da das nicht erforderlich sei, doch wünsche er, den Herrn Grafen im Namen des Hauses um Entschuldigung zu bitten und ihn zu versichern, daß die ›Söhne der Freiheit‹ alles thun würden, um ihm seine zeitweilige Mitgliedschaft so angenehm wie möglich zu machen.

Die Rede wurde mit schallendem Beifall aufgenommen. »Ganz einverstanden!« tönte es von allen Seiten. »Mäßigkeitsvereinler oder nicht – er ist doch ein guter Kerl! Laßt ihn leben! Bringt ihm ein Hoch aus, leert die Gläser!«

Auf der Rednerbühne wurden Gläser herumgereicht, man trank auf Angelos Gesundheit und die ganze Versammlung brüllte im Chor:

Hoch soll er leben,
Hoch soll er leben,
Hoch soll er leben.
Dreimal hoch!!!

Tom Driscoll trank auch; es war sein zweites Glas, denn er hatte Angelos Glas geleert, sobald dieser es hinstellte. Der doppelte Trunk machte ihn sehr lustig, sogar unbändig ausgelassen; er begann sich aufs lebhafteste an allem zu beteiligen, was geschah und sich besonders beim Pfeifen und Johlen, sowie durch allerlei schnöde Bemerkungen hervorzuthun.

Der Präsident, der eben eine Ansprache beginnen wollte, stand noch vorn an der Rampe, ihm zur Seite die Zwillinge. Die wunderbare Aehnlichkeit der beiden Brüder brachte Tom Driscoll darauf, einen Witz zu machen; er trat vor und wandte sich mit trunkener Dreistigkeit an die Versammlung:

»Jungens,« rief er, »ich stelle den Antrag: der da soll schweigen und das lebendige Vielliebchen neben ihm eine Rede vom Stapel lassen.«

Der komische Vergleich der Zwillinge mit einem Vielliebchen gefiel den Anwesenden, die in ein donnerndes Gelächter ausbrachen. Luigis feuriges Gemüt ertrug jedoch die Beleidigung, die ihm in Gegenwart von vierhundert Fremden angethan wurde, nicht mit Gelassenheit. Seine ganze Natur empörte sich dagegen, die Sache ruhig hinzunehmen, ohne auf der Stelle Wiedervergeltung zu üben. Kochend vor Wut trat er mit ein paar Schritten hinter den ahnungslosen Witzbold, holte aus und versetzte ihm mit wahrer Riesenkraft einen so gewaltigen Fußtritt, daß Tom geradeswegs über die Rampe hinweggeschleudert wurde und den ›Söhnen der Freiheit‹ in der vorderen Reihe auf die Köpfe fiel.

Selbst in völlig nüchternem Zustand ist es keinem Menschen angenehm, wenn er ganz harmlos dasteht und plötzlich so ein lebendiges Wurfgeschoß auf ihn losgelassen wird. Wer aber einen Rausch hat, kann dergleichen gar nicht vertragen. Die ›Söhne der Freiheit‹, auf deren Köpfen Tom landete, hatten alle schon etwas über den Durst getrunken, es gab überhaupt in der ganzen Versammlung kaum jemand, der nicht zu tief ins Glas geschaut hatte. So wurde denn Tom mit Entrüstung sofort auf die Köpfe der nächsten Reihe weiterbefördert, die ihn wieder auf die Hintermänner ablud und zugleich mit den vorderen ›Söhnen der Freiheit‹, von denen er auf sie geworfen worden war, eine wütende Schlägerei begann. Das ging so weiter, von einer Bank zur andern, bis Tom, auf seinem stürmischen Fluge durch die Luft, die Thür erreichte. Hinter ihm tobten, rauften, fluchten und wetterten alle in wildem Durcheinander. Eine Reihe brennender Fackeln nach der andern wurde bei dem Handgemenge auf den Boden geworfen, und bald erscholl noch lauter als der betäubende Lärm der Präsidentenglocke, als das Gebrüll der zornigen Stimmen und das Krachen der zertrümmerten Bänke, der entsetzliche Schreckensruf: » Feuer!«

Sogleich hörte der Kampf auf, das Fluchen verstummte; einen Augenblick herrschte lautlose Stille, nichts regte sich, wo eben noch der Sturm gerast hatte. Im nächsten Moment aber kam mit einem Schlage wieder Leben und Thatkraft in die Menge. Es entstand ein Wogen, Drängen und Schwanken hierhin und dorthin. Wer konnte, suchte einen Ausweg durch Thür oder Fenster, das Gewühl wurde bald weniger dicht und die Massen lichteten sich.

So schnell war die Feuerwehr wohl noch nie zur Hand gewesen; sie brauchte freilich nicht weit zu gehen, denn ihr Standquartier war in einem Anbau des Markthauses. Von ihren zwei Abteilungen hatte eine die Spritze, die andere Haken und Feuerleitern zu verwalten. Eine Hälfte jeder Abteilung gehörte zur Rum-Partei, die andere Hälfte zur Anti-Rum-Partei, das hielt man damals für recht und billig. Die Anti-Rum-Leute, die gerade im Quartier herumlungerten, waren zahlreich genug, um die Leitern und Spritzen zu bedienen. In zwei Minuten hatten sie ihre Helme und roten Hemden angelegt, denn ohne die Berufsuniform rückten sie niemals aus.

Als nun die Massenversammlung im oberen Stock über Hals und Kopf durch die lange Reihe der Fenster sprang und sich auf das Dach der Arkaden flüchtete, empfingen die Retter sie mit einem mächtigen Wasserstrahl, der einige vom Dach herunterspülte und die übrigen fast ersäufte. Aber immerhin war das Wasser dem Feuer vorzuziehen, deshalb sprangen fortwährend neue Scharen durch die Fenster und wurden erbarmungslos so lange durchweicht, bis das Haus sich völlig geleert hatte. Dann stiegen die Feuerwehrleute in den Saal hinauf und überfluteten ihn mit einer Wassermasse, die genügt hätte, um ein vierzigmal so großes Feuer zu löschen. Eine so schöne Gelegenheit sich zu zeigen, kommt für die Feuerwehr einer kleinen Stadt selten vor und muß gut ausgenützt werden. Alle anständigen und urteilsfähigen Bürger des Ortes versicherten sich deshalb nicht mehr gegen Feuerschaden, sondern gegen die Feuerwehr.

  1. Wohlverstanden – im Manuskript! Leute, die den Autor um sein gedrucktes Buch angehen, pflegen von diesem und seinem Verleger scheel angesehen zu werden. M. T.

Dreizehntes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Am Freitag abend lag Richter Driscoll schon um zehn Uhr im Bett und schlief; beim ersten Morgengrauen aber war er wieder auf und ging mit seinem Freunde Pembroke Howard auf den Fischfang. Die beiden hatten ihre Knabenjahre in Virginien verlebt, als dieser Staat noch der wichtigste in der ganzen Union war, und sie sprachen nie anders als mit stolzer Zärtlichkeit vom ›Alten Virginien‹. Jeder, der dorther stammte, wurde in Missouri als ein höheres Wesen angesehen, zumal, wenn er seine Abkunft von einer der ersten Familien jenes berühmten Freistaates nachweisen konnte. Die Howards und Driscolls gehörten zu diesen Bevorzugten, die sich für den Adel des Landes hielten. Sie gehorchten einem ungeschriebenen Gesetz, das so streng festgehalten und befolgt wurde, wie nur irgend ein Artikel der gedruckten Gesetzessammlung. Jeder Nachkomme dieser vornehmsten Gesellschaft der Südstaaten war ein geborener Edelmann und hatte keine höhere Pflicht im Leben, als das große Erbteil der Väter zu bewahren und seine Ehre lauter und unbefleckt zu erhalten. Dem Standesgesetz mußte er unverbrüchlich Folge leisten; wich er auch nur um Haaresbreite davon ab, so war es aus mit ihm und seinem Ansehen bei den Genossen. Verlangte das Gebot der Ehre Dinge, die mit seiner Religion nicht im Einklang standen, so mußte die Religion schweigen. Die Ehre ging allem anderen vor, weder religiöse noch sonstige Pflichten kamen dagegen in Betracht. Jenes Gesetz bestimmte genau, worin die Ehre des Edelmannes bestand und in welchen Punkten sie sich von dem unterschied, was das kirchliche Bekenntnis, das bürgerliche Gesetz sowie Sitte und Brauch aller niedrigeren Erdenbewohner, in deren Adern kein altvirginisches Blut floß, für den Inbegriff der Ehre erklärt.

Wenn allgemein anerkannt wurde, daß Richter Driscoll der vornehmste Bürger von Dawson war, so galt Pembroke Howard als der zweite dem Range nach. Man nannte ihn gewöhnlich den ›großen Anwalt‹ – diesen Titel hatte er sich wohl verdient. Die beiden Freunde standen im gleichen Alter, sie waren angehende Sechziger.

Daß Driscoll ein Freidenker war und Howard ein strenger, eifriger Presbyterianer, that der Wärme ihrer Gefühle für einander keinen Abbruch. Beide Männer sahen ihre Ueberzeugung als ein persönliches Eigentum an, das sie weder fremdem Lob und Tadel, noch irgend welchen Verbesserungsvorschlägen zu unterbreiten wünschten, und kämen diese selbst von seiten ihrer Freunde.

Nachdem sie den Tag über gefischt hatten, fuhren sie in ihrem Boot den Fluß hinunter. Sie unterhielten sich gerade über Volkswirtschaft und andere hohe Dinge, als ihnen von der Stadt her ein Mann im Kahn entgegengerudert kam und sie folgendermaßen anredete:

»Wissen Sie’s schon, Herr Richter, daß einer von den neuen Zwillingen Ihrem Neffen gestern abend einen Fußtritt gegeben hat?«

»Was – hat er ihm gegeben?«

»Ich sag’s ja – einen Fußtritt.«

Der alte Richter erblaßte, seine Augen begannen zu funkeln: einen Moment war er sprachlos vor Zorn, dann stammelte er: »Nun – und was weiter? Erzählen Sie mir alles.«

Das that der Mann. Als er fertig war, schwieg der Richter einen Augenblick; er sah im Geiste, wie Tom mit Schimpf und Schande über die Rampe flog, dann sagte er, als spräche er laut mit sich selber: »Hm – ich kann es nicht verstehen. Ich lag zu Hause im Schlaf. Er hat mich nicht geweckt. Glaubte vermutlich, er sei Manns genug, seine Sache ohne meine Hilfe zu führen.« – Driscolls Züge erheiterten sich vor stolzer Freude bei dem Gedanken. »Es ist mir lieb,« fuhr er mit wohlgefälligem Behagen fort, »da zeigt sich das echte, alte Blut – was meinst du, Pembroke?«

Howard lächelte in eherner Ruhe und nickte beistimmend mit dem Haupte.

»Aber vor Gericht hat Tom über den Zwilling gesiegt,« nahm der Mann, welcher die Nachricht gebracht hatte, wieder das Wort.

Der Richter sah ihn verwundert an.

»Vor Gericht? – Wie meint Ihr das?«

»Nun, Tom hat gegen ihn eine Anklage wegen thätlicher Beleidigung erhoben. Der Richter Robinson hat die Verhandlung geleitet.«

Der alte Driscoll sank plötzlich in sich zusammen, als hätte ihn der Schlag gerührt. Howard sprang herzu, fing den Ohnmächtigen in seinen Armen auf und bettete ihn sorgfältig auf den Boden des Bootes. Während er ihm Wasser ins Gesicht spritzte, rief er dem Unglücksboten zu:

»Rasch, fahren Sie weiter, damit er Sie nicht mehr hier findet, wenn er zum Bewußtsein kommt. Sie haben schon Schaden genug angerichtet mit Ihren unbesonnenen Reden. Wie konnten Sie nur so rücksichtslos sein und mit der abscheulichen Verleumdung mir nichts, dir nichts herausplatzen!«

»Es thut mir herzlich leid, Herr Howard, ich würde es auch gewiß nicht gesagt haben, wenn ich mir’s recht überlegt hätte. Aber eine Verleumdung ist es nicht, sondern die reinste Wahrheit.«

Er ruderte fort. Bald darauf kam der alte Richter wieder zu sich und sah den Freund, der sich teilnehmend über ihn beugte, mit jammervollen Blicken an.

»Sage, daß es erlogen ist, Pembroke – es kann doch nicht wahr sein!« flüsterte er mit schwacher Stimme.

Die Antwort erfolgte sogleich im kräftigsten Brustton:

»Du mußt doch so gut wie ich wissen, daß es eine Lüge ist, alter Freund. Fließt denn nicht das beste Blut Altvirginiens in seinen Adern?«

»Gott lohne dir’s, daß du so sprichst,« entgegnete der alte Herr voll Innigkeit. »O, Pembroke, es hat mir solchen Stoß gegeben!«

Howard verließ seinen Freund nicht, er brachte ihn heim und ging mit ihm ins Haus. Es war schon dunkel und Zeit zum Abendbrot, aber der Richter dachte nicht an Essen und Trinken. Sein einziger Wunsch war, aus Toms Munde zu hören, daß alles auf Verleumdung beruhe und Howard sollte bei der Erklärung zugegen sein. Tom wurde gerufen und erschien auch sogleich, lahm, zerschlagen und in höchst unglücklicher Verfassung. Sein Onkel hieß ihn sich setzen.

»Man hat uns dein Abenteuer erzählt, Tom,« sagte er, »und uns zum Ueberfluß noch eine hübsche Lüge aufgetischt. Die sollst du mir jetzt gleich zu Schanden machen, daß kein Stäubchen davon übrig bleibt. Welche Maßregeln hast du getroffen? Wie steht deine Sache? Sprich!«

»Sie steht gar nicht mehr,« antwortete der arglose Tom, »es ist alles vorüber. Ich ging mit ihm vor Gericht und klagte. Querkopf Wilson hat ihn verteidigt, es war sein erster Prozeß, den er aber verlor. Robinson hat den elenden Hund wegen thätlicher Beleidigung um fünf Dollars gestraft.«

Howard und der Richter waren gleich bei den ersten Worten aufgesprungen – sie wußten beide nicht warum. Nachdem sie einander eine Weile mit ausdruckslosen Mienen angestarrt hatten, nahm Howard voll stummer Trauer wieder Platz. Des Dichters Zorn aber brach in hellen Flammen aus.

»Du erbärmlicher Wicht, du Hund, du Scheusal!« schrie er. »Das wagst du mir ins Gesicht zu sagen! Ist es möglich, daß ein Glied meiner Familie, ein Mensch, dem unser Blut in den Adern fließt, einen Schlag erhält und aufs Gericht läuft, um den Schimpf zu sühnen? Antworte mir!«

Tom ließ den Kopf hängen, sein Schweigen war die beredteste Antwort. Der Onkel starrte ihn mit einem Ausdruck an, in dem sich Scham und ungläubiges Staunen mischten. Er litt zum Erbarmen; endlich fragte er:

»Welcher von den Zwillingen war es?«

»Graf Luigi.«

»Hast du ihm eine Herausforderung geschickt?«

»N–nein,« stammelte Tom.

»Du wirst es noch diesen Abend thun. Howard wird sie ihm bringen.«

Tom wurde jämmerlich zu Mute, und man sah es ihm an. Er drehte seinen Hut fort und fort in der Hand und der Blick des Onkels verfinsterte sich immer mehr, während Sekunde auf Sekunde verrann.

»O bitte, Onkel, verlange das nicht von mir,« stammelte er endlich in kläglichem Ton. »Er ist ein blutgieriger Teufel – ich wäre außer stande – wirklich – ich fürchte mich vor ihm.«

Dreimal öffnete der alte Driscoll den Mund und schloß ihn wieder, ehe er der Sprache mächtig war, dann donnerte er:

»Ein Feigling in meiner Familie! Ein Driscoll und solche elende Memme! O, was habe ich gethan, um diese Schmach zu verdienen!«

Er wiederholte die Klage fort und fort in herzbrechendem Ton, während er nach seinem Schreibpult in der Ecke wankte. Aus einer der Schubladen nahm er ein Papier heraus und riß es in kleine Stücke, die er achtlos im Zimmer verstreute, während er tiefbekümmert und seufzend hin- und herging. Endlich sagte er:

»Jetzt habe ich es zum zweitenmal zerfetzt und zerrissen – mein Testament. Wieder hast du mich gezwungen, dich zu enterben, du verächtlicher Sohn deines edeln Vaters. Geh‘ mir aus den Augen! Geh‘ – damit ich dir nicht ins Gesicht speie!«

Der junge Mann ließ sich das nicht zum zweiten Mal sagen Nun wandte sich der Richter zu Howard:

»Nicht wahr, du bist mein Sekundant, alter Freund?«

»Natürlich.«

»Da ist Papier und Tinte. Schreibe die Herausforderung, verliere keine Zeit.«

»Der Graf soll sie in Händen haben, ehe eine Viertelstunde um ist,« versetzte Howard.

 

Tom war das Herz zentnerschwer. Der Verlust seines Vermögens und seiner Selbstachtung hatte ihn ganz zu Boden gedrückt. Kummervoll schlich er zur Hinterthür hinaus und wanderte durch die Dunkelheit. Er überlegte, ob es ihm wohl möglich sein würde, des Onkels Gunst zurück zu gewinnen, wenn er von nun an seinen Lebenswandel aufs sorgfältigste überwachte und besserte. Sollte er den Onkel nicht bewegen können, das Testament, in dem er ihn so freigebig bedacht hatte, und das eben vor seinen Augen vernichtet worden war, noch einmal aufzusetzen? – Warum denn nicht? Er hatte ja diesen Triumph schon einmal erlebt, und was ihm damals gelungen war, konnte auch wieder glücken. Auf der Stelle wollte er sich ans Werk machen und seine ganze Thatkraft einsetzen, bis er den Sieg abermals davontrug. Mochte seine Bequemlichkeit auch noch so sehr darunter leiden und er sein leichtsinniges und ungebundenes Leben zeitweilig aufgeben müssen – sein Entschluß war gefaßt. »Zuerst,« nahm er sich vor, »will ich mit meiner Beute von neulich alle Schulden bezahlen, und dann muß ich dem Glücksspiel entsagen und zwar ohne weiteres. Es ist mein schlimmstes Laster, wenigstens in meinen Augen, weil es am leichtesten ans Licht kommt, wenn die Gläubiger ungeduldig werden. Dem Alten war es damals zu viel, zweihundert Dollars für mich an sie auszuzahlen. Zuviel – lächerlich! Mich hat es sein ganzes Vermögen gekostet. Aber gewisse Leute sehen alles immer nur von ihrem Standpunkt aus. Wüßte er, wie tief ich jetzt in Schulden stecke, das Testament wäre zum Kuckuck gegangen, ohne daß erst noch ein Duell dabei zu helfen brauchte. Dreihundert Dollars! Was für ein Haufen Geld! Aber zum Glück braucht er nie etwas davon zu erfahren. Sobald es bezahlt ist, bin ich frei – und dann rühre ich keine Karte wieder an. Wenigstens nicht so lange er lebt, darauf will ich schwören. Ich weiß, dies ist meine letzte Gelegenheit mich zu bessern – doch ich setze es durch. Käme ich hernach noch einmal zu Falle, so wäre ich verloren.«

Vierzehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

In trübselige Selbstbetrachtung versunken, schlich Tom durch den Heckenweg an Querkopf Wilsons Haus vorbei und weiter, zwischen Zäunen und unbebautem Land, bis zum Gespensterhaus. Dort kehrte er unter vielen Seufzern und mit kummerschwerem Gemüt wieder um. Er sehnte sich nach fröhlicher Gesellschaft. Sollte er zu Rowena gehen? Das Herz hüpfte ihm im Leibe bei dem Gedanken, aber gleich darauf verging ihm die Lust, denn er fürchtete, den verhaßten Zwillingen zu begegnen.

Als er sich jetzt der bewohnten Seite von Wilsons Hause näherte, bemerkte er, daß drinnen im Zimmer Licht brannte. Das war doch ein Hoffnungsstrahl. Andere Leute ließen es ihn bisweilen fühlen, daß er nicht willkommen sei, aber Wilson behandelte ihn immer rücksichtsvoll. Bei einem höflich verbindlichen Empfang ist man wenigstens vor Kränkung sicher, selbst wenn die Begrüßung nicht gerade herzlich klingt.

Gleich darauf vernahm Wilson Fußtritte vor seiner Schwelle und ein starkes Räuspern. »Das wird wohl der unbesonnene junge Thor sein,« dachte er; »der arme Kerl, er findet heute gewiß wenig Ansprache, nachdem er die Dummheit begangen hat, einen Fall thätlicher Beleidigung vor Gericht zu bringen.«

Es ward schüchtern angeklopft. »Herein!«

Tom trat ins Zimmer und sank ohne ein Wort zu sagen auf den nächsten Stuhl.

»Du siehst ja ganz verzweifelt aus, mein Junge,« redete ihn Wilson freundlich an. »Nimm dir’s nicht so zu Herzen, versuche den Fußtritt zu vergessen.«

»O jemine! das ist es nicht, David,« rief Tom in kläglichem Ton, »sondern ganz etwas anderes. Viel tausendmal schlimmer – ja millionenmal schlimmer als das – du kannst mir’s glauben.«

»Nicht möglich, Tom! Hat etwa Rowena –«

»Mir den Laufpaß gegeben? Nein – aber der Alte ist wütend.«

»Aha,« dachte Wilson, dem das geheimnisvolle Mädchen im Schlafzimmer wieder einfiel, »man wird wohl bei Driscolls hinter seine Schliche gekommen sein!« Dann fuhr er laut mit ernster Miene fort:

»Ich gestehe, daß es Ausschweifungen giebt –«

»Ach was – von Ausschweifungen ist keine Rede. Er verlangte, daß ich mich mit dem verdammten Italiener schlagen sollte und ich weigerte mich.«

»Natürlich mußte er die Sache so ansehen,« sagte Wilson bedächtig; »ich verstehe nur nicht, warum er nicht gleich gestern abend für das Nötige gesorgt hat, und wie er zugeben konnte, daß du einen solchen Fall vor Gericht brachtest, gleichviel ob vor oder nach dem Duell. Das sieht ihm gar nicht ähnlich. Wie ist es nur zugegangen?«

»Ganz einfach – er hat keine Silbe davon gewußt. Als ich gestern abend nach Hause kam, schlief er schon.«

»Und du hast ihn nicht aufgeweckt? – Wie unrecht war das!«

Also, selbst hier fand Tom nur schlechten Trost. Er rückte unruhig auf dem Stuhl hin und her. »Ich konnte es nicht über mich bringen, es ihm zu sagen. Er ging bei Tagesanbruch mit Pembroke Howard auf den Fischfang, und ich dachte, man würde die Zwillinge ins Loch stecken. Daß sie für solche Niederträchtigkeit mit einer lumpigen Geldstrafe fortkämen, hätte ich mir nicht träumen lassen. Warf man sie aber ins Stadtgefängnis, so waren sie entehrt, und ein Duell mit solchen Leuten würde Onkel weder von mir gefordert noch überhaupt gestattet haben.«

»Wahrhaftig, Tom, ich muß mich in deiner Seele schämen! Wie hast du nur so gegen deinen guten alten Onkel handeln können? Da meine ich’s doch weit besser mit ihm als du. Wäre ich über alle Umstände unterrichtet gewesen, so würde ich dafür gesorgt haben, daß die Sache nicht vor Gericht kam, bis ich sie ihm gemeldet hatte, damit er standesgemäß verfahren konnte.«

»Ist das dein Ernst?« rief Tom mit lebhafter Ueberraschung. »Und es war doch dein erster Rechtsfall; auch weißt du sehr wohl, daß Onkel überhaupt nicht vor Gericht gegangen wäre. Dann hättest du noch lange auf einen Prozeß warten können. Und trotzdem hättest du das wirklich gethan?«

»Ganz gewiß.«

Tom sah ihn eine Weile an, dann schüttelte er mitleidig den Kopf.

»Meiner Treu, du wärst es imstande gewesen. Querkopf Wilson, ich glaube wahrhaftig, du bist der thörichtste Mensch, der mir je vorgekommen ist.«

»Sehr verbunden.«

»Keine Ursache.«

»Also, dein Onkel hat verlangt, du sollst dich mit dem Italiener schlagen und du willst nicht! Du entarteter Sprößling eines ehrenwerten Stammes, schämst du dich denn gar nicht?«

»O, das ist mir alles ganz einerlei, nun das Testament zerrissen ist.«

»Sage mir die Wahrheit, Tom – hat Herr Driscoll sonst keinen Grund zur Unzufriedenheit mit dir, als daß du aufs Gericht gegangen bist und dich nicht schlagen willst?«

Bei dieser Frage beobachtete Wilson den jungen Menschen genau, aber Tom verzog keine Miene und entgegnete gelassen:

»Nein, er hat keine andere Klage gegen mich, sonst wäre er gestern damit herausgerückt, denn er war in nichtswürdiger Laune. Er hatte die beiden Hansnarren in der Stadt herumkutschiert, um ihnen alle Sehenswürdigkeiten zu zeigen, und als er nach Hause kam, konnte er seines Vaters alte, silberne Uhr nicht finden, die immer nachgeht und auf die er so große Stücke hält. Er hatte sie zuletzt vor drei oder vier Tagen in der Hand gehabt und wußte nicht, wo sie hingeraten sein könne. Als ich dazu kam, war er schon in großer Aufregung und wurde ganz wütend über meine Aeußerung, daß sie wahrscheinlich nicht verlegt, sondern gestohlen wäre. Er nannte mich einen Dummkopf, was mir ein Beweis war, daß er selbst schon an die Möglichkeit gedacht hatte, aber es sich nicht eingestehen wollte, weil bei verlorenen Sachen eher eine Wahrscheinlichkeit ist, daß sie sich wiederfinden, als bei gestohlenen.«

Wilson pfiff vor sich hin. »Da kommt also noch einer auf die Liste.«

»Noch einer – was für einer?«

»Noch ein Diebstahl.«

»Ein Diebstahl?«

»Jawohl. Die Uhr ist nicht verloren, sie ist gestohlen. In der Stadt ist wieder ein förmlicher Raubzug gehalten worden, ganz auf dieselbe geheimnisvolle Art, wie schon früher einmal.«

»Unmöglich!«

»Es steht felsenfest. Hast du selbst gar nichts vermißt?«

»Nein. Das heißt, ich konnte meinen silbernen Bleistifthalter nicht finden, den ich von Tante Pratt zum letzten Geburtstag geschenkt bekam –«

»Der ist gewiß gestohlen, du sollst es sehen.«

»Bewahre! Als mein Onkel so böse wurde, weil ich sagte, die Uhr wäre gestohlen, ging ich in mein Zimmer hinauf und sah nach meinen Sachen. Da fehlte mir der Bleistifthalter, aber ich hatte ihn nur verlegt und fand ihn wieder.«

»Und sonst vermissest du wirklich nichts?«

»Wenigstens nichts von Belang. Ein einfacher Goldring, der etwa drei Dollars wert ist, war mir verschwunden, aber er wird gewiß bald zum Vorschein kommen, wenn ich noch einmal nachsehe.«

»Ich bin überzeugt, daß du ihn nicht wiederfindest. Der Dieb hat ihn gestohlen. – Herein!«

Der Friedensrichter Robinson, Buckstone und Jim Blake, der städtische Polizeibeamte, traten ins Zimmer. Nachdem sie Platz genommen hatten, drehte sich die Unterhaltung eine Zeitlang zweck- und ziellos um das Wetter und ähnliches, bis Wilson sagte:

»Denken Sie sich, die Liste der Diebstähle, die in unserer Stadt begangen worden sind, hat sich abermals um zwei vermehrt. Herrn Driscolls alte silberne Uhr ist verschwunden, und Tom sagt mir eben, daß er einen goldenen Ring vermißt.«

»Es ist eine abscheuliche Geschichte,« meinte Robinson, »die mit jedem Tage schlimmer wird. Bei den Hankses, den Dobsons, den Pelligrews, den Ortons, den Grangers, den Hales, den Füllers, den Holcombs, kurz, bei sämtlichen Leuten, die in Patsy Coopers Nachbarschaft wohnen, ist allerlei entwendet worden. Theelöffel, Schmuckgegenstände und sonstige Wertsachen, die sich leicht mitnehmen lassen. Es liegt auf der Hand, daß der Dieb die Gelegenheit benützt hat, um die unbewachten Häuser zu plündern, als alle Welt bei dem Empfang war, und die Neger am Zaun herumlungerten, weil sie auch etwas zu sehen bekommen wollten. Patsy ist ganz trostlos darüber, um der Nachbarn willen und besonders auch wegen ihrer fremden Mieter. Vor Kummer über den Schaden der andern findet sie kaum Zeit, ihre eigenen Verluste zu beklagen.«

»Wir haben es ohne Zweifel noch immer mit dem alten Dieb von neulich zu thun,« sagte Wilson.

»Konstabler Blake ist anderer Meinung.«

»Und ich habe recht,« sagte Blake. »Bei den früheren Malen war es ein Mann; das weiß die Polizei aus sicheren Anzeichen, obgleich sie seiner nicht habhaft geworden ist, aber diesmal ist’s eine Frau.«

Wilson mußte sogleich wieder an das geheimnisvolle Mädchen denken, das ihm fortwährend im Sinne lag; es war jedoch von einer andern Person die Rede.

»Jawohl,« fuhr Blake fort, »eine alte Frau mit krummem Rücken und einem Deckelkorb am Arm. Sie ist ganz schwarz gekleidet und hat einen dichten Schleier vorgebunden. Gestern sah ich sie in das Fährboot steigen; sie wird wohl in Illinois zu Hause sein. Mag sie aber wohnen, wo sie will, ich werde sie schon ausfindig machen, davor ist mir nicht bange.«

»Wie kommen Sie denn darauf, sie für die Diebin zu halten?«

»Nun, erstens habe ich sonst niemand im Verdacht und zweitens hat mir ein Karrenmann, ein Neger, der gerade des Weges fuhr, gesagt, er hätte sie in verschiedene Häuser hineingehen sehen, und in jedem von diesen Häusern war gestohlen worden.«

Gegen diese schlagenden Beweise fand niemand etwas einzuwenden. Alle schwiegen eine Weile nachdenklich, dann sagte Wilson:

»Ein Gutes ist doch dabei. Den kostbaren indischen Dolch des Grafen Luigi kann die Diebin weder verkaufen noch versetzen.«

»Du meine Güte,« rief Tom, »ist der auch gestohlen?«

»Jawohl.«

»Das nenne ich einen guten Fang! Aber weshalb kann sie das Messer weder verkaufen noch versetzen?«

»Weil die Zwillinge ihren Verlust überall den Pfandleihen: und der Polizei angezeigt haben. Als sie gestern abend von der Versammlung der ›Freiheitssöhne‹ zurückkamen, waren inzwischen eine Menge Diebereien ruchbar geworden und Tante Patsy war außer sich vor Sorge, es möchte ihnen auch etwas abhanden gekommen sein. Sie entdeckten auch gleich, daß das Dolchmesser verschwunden war. Der Fang war wohl gut, aber der alten Frau kann er wenig nützen, weil man sie ohne Frage festnehmen wird.«

»Ist denn eine Belohnung ausgesetzt worden?« fragte Buckstone.

»Ja, fünfhundert Dollars für Rückgabe des Messers und außerdem noch fünfhundert für Einbringung des Diebes.«

»Was für eine dumme Idee,« rief der Konstabler. »Der Dieb wird sich wohl hüten, jemand mit dem Dolch zu schicken oder ihn selbst zurückzubringen, um sich erwischen zu lassen. Und welcher Pfandleiher würde sich wohl nicht die Gelegenheit zu nutze machen – –«

Niemand beobachtete Tom in diesem Augenblick, sonst hätte die aschgraue Farbe seines Gesichts jedem auffallen müssen. »Ich bin verloren,« dachte er verzweiflungsvoll. »Wie soll ich meine Schulden bezahlen? Für meine übrige Beute bekomme ich kaum die Hälfte der Summe. Ich weiß weder aus noch ein – ich bin rettungslos zu Grunde gerichtet und zwar auf immer. Was fange ich nur an?«

»Urteilen Sie nur nicht zu schnell,« sagte Wilson zu Blake. »Ich habe selbst gestern um Mitternacht einen Plan für die Zwillinge ersonnen; um zwei Uhr morgens war er fix und fertig. Die Eigentümer werden ihr Dolchmesser zurückbekommen, und dann sollen Sie, Herr Blake, auch erfahren, wie wir es bewerkstelligt haben.«

Diese Aeußerung erregte große Neugier.

»Spannen Sie uns doch nicht so auf die Folter, Wilson!« sagte Buckstone. »Ich gestehe, es wäre mir sehr lieb, wenn Sie uns im Vertrauen mitteilen wollten – –«

»Das würde ich gern thun, hätte ich nicht mit den Zwillingen verabredet, daß wir den Plan geheim halten wollen. Aber, verlassen Sie sich darauf, es wird nicht drei Tage dauern, bis sich jemand um die Belohnung bewirbt. Dann sollen Sie sowohl den Dieb als das Messer zu sehen bekommen.«

Dem Konstabler ging die Sache sehr im Kopfe herum. »Wir wollen’s hoffen,« sagte er enttäuscht; »möglich wäre es ja am Ende. Aber, wie Sie’s anstellen wollen, weiß ich wirklich nicht, das geht über mein Verständnis.«

Etwas weiteres schien nun niemand mehr über den Gegenstand sagen zu wollen. Das Gesprächsthema war erschöpft. Nachdem alle eine Weile geschwiegen hatten, kündigte der Friedensrichter dem erstaunten Wilson an, daß er sowohl wie Buckstone und der Konstabler, Bevollmächtigte der demokratischen Partei seien und gekommen wären, um ihn zu bitten, bei der bevorstehenden Bürgermeisterwahl als Kandidat aufzutreten. Noch nie zuvor war Wilson überhaupt von irgend welcher Partei einer Aufmerksamkeit gewürdigt worden; so betrachtete er denn den gegenwärtigen Antrag als einen Schritt vorwärts, als eine Anerkennung seines ersten öffentlichen Auftretens und war hoch erfreut, daß er sich endlich an den städtischen Arbeiten und Angelegenheiten beteiligen sollte. Er nahm die Kandidatur mit Dank an: die Abgesandten entfernten sich wieder, und Tom Driscoll folgte ihnen.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

Im Staate Missouri, auf dem rechten Ufer des Mississippi, liegt die Stadt, welche der Schauplatz dieser Geschichte ist. Sie heißt Dawson, und man muß von St. Louis bis dahin noch sechs Stunden mit dem Dampfboot stromabwärts fahren.

Der Ort bestand im Jahre 1830 aus einer Anzahl freundlicher ein- oder zweistöckiger, weißgetünchter Häuser, die über und über mit einem Gewirre von Schlingrosen, Jelängerjelieber und vielfarbigen Winden bedeckt waren. Zu jeder dieser hübschen Heimstätten gehörte auch ein Vorgärtchen mit weiß angestrichenem Staketenzaun. Dort blühten Goldlack, Stockrosen, Federnelken, Balsaminen und anders altmodische Blumen in üppiger Fülle, während auf den Fensterbrettern Holzkästen mit Moosrosen prangten und Geranien in Blumentöpfen ihr feuriges Rot mit der zarteren Farbe der Schlingrosen mischten, die an der Mauer in die Höhe kletterten. Wenn draußen auf dem Blumenbrett neben Kästen und Töpfen noch Raum war, so lag – falls die Sonne schien – sicher eine Katze da. Lang ausgestreckt, schlief sie in wohligem Behagen mit einer Pfote an der Nase und wärmte sich den weichen Pelz. Dies war der offenkundigste Beweis und ein unfehlbares Zeichen, daß in dem Hause Glück und Zufriedenheit wohnten; natürlich mußte die Katze aber gut gefüttert, wohl versorgt und in Ehren gehalten sein. Eine Familie, die sich keine Katze hält, kann in vollkommener Gemütlichkeit leben, aber welches Mittel hat sie, es vor der Welt kund zu thun?

Auf beiden Seiten war der gepflasterte Bürgersteig in der ganzen Länge der Straßen am äußeren Rand mit Akazien eingefaßt, deren Stämme eine hölzerne Schutzvorrichtung hatten. Die Bäume spendeten im Sommer Schatten und im Frühling süßen Duft, wenn sie ihre reichen Blütensträuße aufthaten. Das Geschäftsleben der Stadt beschränkte sich ganz auf die Hauptstraße, die etwas vom Fluß entfernt, mit diesem in gleicher Richtung lief. In jedem ihrer Häuserviertel ragten zwei oder drei mehrstöckige, steinerne Warenhäuser hoch über die aus Holz gebauten, dazwischen liegenden Kaufläden empor. Erhob sich ein Windstoß, so wurden die schwingenden Aushängeschilder längs der ganzen Straße knarrend hin- und herbewegt. Die blau und weiß gestreifte schräge Stange mit dem Becken, war das Abzeichen der Barbierläden in Dawson, und an einer Ecke stand hoch aufgerichtet ein unangestrichener Pfahl, der von oben bis unten mit allerlei Blechwaren, Töpfen, Tiegeln und Pfannen bekränzt war, die im Winde laut klapperten, um anzuzeigen, daß hier der erste Klempner der Stadt sein Geschäft betrieb.

Das klare Wasser des Stromes bespülte die vordersten Häuser des Ortes, welcher sich dann einen Abhang hinaufzog und sich immer weiter zerstreute. Die letzten Gebäude reichten bis an den Fuß der steil emporragenden Berge, die bis zum Gipfel dicht bewaldet waren und die Stadt im Halbkreis umgaben.

Viele Dampfboote kamen etwa jede Stunde stromaufwärts und -abwärts vorbeigefahren. Die Schiffe der kleinen Cairo- und der kleinen Memphislinie legten immer an, aber die großen Dampfer von New-Orleans hielten nur gelegentlich, um Grüße zu tauschen oder Passagiere und Frachtgüter aufzunehmen. Ebenso machten es die zahlreichen Fahrzeuge, die von rechts und links aus den Nebenflüssen kamen – aus dem Illinois, dem Missouri, dem oberen Mississippi, dem Ohio, dem Monongahela, dem Tennessee, dem Roten Fluß, dem Weißen Fluß und wie sie alle heißen. Diese Dampfer waren nach den verschiedensten Orten unterwegs und versorgten mit ihrer Ladung sämtliche Gemeinwesen am Ufer des Mississippi. Durch ein neunfach wechselndes Klima, von den nördlichen Fällen bei St. Anthony, bis in das glühend heiße New-Orleans hinunter, brachten sie allen Anwohnern, was zu ihrer Notdurft und jeder nur erdenklichen Bequemlichkeit erforderlich war.

Die Bewohner von Dawson hielten sich Sklaven, welche die einträgliche Schweinezucht besorgen und das fruchtbare Getreideland ringsum bebauen mußten. Es war eine ruhige, wohlhäbige und zufriedene Stadt, vor fünfzig Jahren erbaut und in zwar langsamem, aber stetigem Wachstum begriffen. Ihr angesehenster Bürger, Jork Leicester Driscoll, zählte etwa vierzig Jahre und war Richter am Bezirksgericht. Stolz auf seine vornehme, altvirginische Abkunft, strebte er stets, es seinen Vorfahren gleich zu thun, nicht nur in betreff der Gastlichkeit, sondern auch durch sein etwas förmliches, würdevolles Wesen. Er war freigebig und gerecht, auch genoß er die größte Hochachtung und Liebe seiner Mitbürger. Sein ganzes Trachten ging dahin, ein Edelmann zu sein ohne Furcht und Tadel. Das war seine einzige Religion, der er unverbrüchlich treu blieb. Von Haus aus wohlhabend, vermehrte er seinen Besitz noch mit der Zeit, und es fehlte ihm und seiner Frau nur eines, um ganz glücklich zu sein: sie hatten keine Kinder. Je mehr Jahre dahinflossen, um so sehnlicher wünschten sie einen solchen Schatz ihr eigen zu nennen, aber der Segen blieb aus und ihr Verlangen ward nicht erfüllt.

Im Hause dieses Ehepaares lebte noch Frau Rahel Pratt, Herrn Driscolls verwitwete Schwester, gleichfalls kinderlos und tief bekümmert darüber. Die Frauen waren gute einfache Menschen, die ihre Pflicht thaten und ihren Lohn in einem ruhigen Gewissen und der Anerkennung ihrer Gemeindegenossen fanden. Sie gehörten zur presbyterianischen Kirche, während der Richter ein Freidenker war.

Ein anderer Abkömmling aus einer der ersten Familien von Alt-Virginien war Pembroke Howard, der Rechtsanwalt, etwa vierzigjährig und unverheiratet, ein wackerer, stattlicher Herr, der streng auf Ehre und Ansehen hielt und in aller Höflichkeit bereit war, jeden, der an irgend etwas, das er gesagt oder gethan hatte, den geringsten Anstoß nahm, vor seine Klinge zu fordern oder ihm mit jeder beliebigen Schieß- oder Hiebwaffe Genugthuung zu geben. Er stand bei aller Welt in Gunst und war der beste Freund des Richters.

Ferner erwähnen wir den Oberst Cecil Burleigh Essex, auch einen furchtbar vornehmen Herrn aus den Südstaaten, aber mit ihm haben wir weiter nichts zu schaffen.

Percy Northumberland Driscoll, ein um fünf Jahre jüngerer Bruder des Richters, war verheiratet. Seiner Ehe entsproßten auch mehrere Kinder, die aber leider von Masern, Kroup und Scharlachfieber befallen wurden und dadurch dem Doktor Gelegenheit gaben, seine wirksamen, vorsintflutlichen Arzneimittel anzuwenden. Da wurden die Wiegen wieder leer. Uebrigens war der Bruder des Richters ein wohlhabender Mann, auch ein kluger Kopf in spekulativen Geschäften, und sein Besitzstand wuchs.

Am ersten Februar 1830 wurden in seinem Hause zwei Knäblein geboren, eins gehörte ihm und das andere einer seiner Sklavinnen, der zwanzigjährigen Roxana, meist Roxy genannt. Diese stand schon am selben Tage wieder auf und hatte alle Hände voll zu thun, denn sie mußte beide Neugeborenen versorgen. Frau Percy Driscoll starb, ehe noch eine Woche um war, und die Pflege und Wartung der Kleinen wurde ausschließlich Roxy anvertraut. Sie konnte dabei ganz nach eigenem Gutdünken verfahren, denn Herr Driscoll vertiefte sich bald wieder in seine Geschäftsangelegenheiten und ließ sie thun, was sie wollte.

Im Laufe desselben Monats Februar hatte sich auch ein neuer Einwohner in Dawson niedergelassen. Dies war David Wilson, ein junger Mann von schottischer Abstammung, der aus seiner Geburtsstadt im Staate New-York nach jener abgelegenen Gegend gewandert kam, um sein Glück zu suchen. Er hatte eine höhere Bildungsanstalt durchgemacht und dann noch mehrere Jahre auf einer der Rechtsschulen Neuenglands studiert. Fünfundzwanzig Jahre alt, nicht hübsch, mit sandfarbenem Haar und einem Gesicht voll Sommersprossen, machte er doch einen angenehmen Eindruck. Seine klugen blauen Augen schauten offen und freimütig drein und sie konnten zuweilen recht schalkhaft zwinkern.

Seine Laufbahn in Dawson wäre gewiß gleich beim Anbeginn vom Glück begünstigt gewesen, hätte er nicht schon am ersten Tage eine unselige Bemerkung gemacht, welche die Leute gegen ihn einnahm. Er befand sich eben im Gespräch mit mehreren Bürgern, deren Bekanntschaft er gemacht hatte, als ein unsichtbarer Hund ein so widerwärtiges Gekläff, Geknurre und Geheul begann, daß man sein eigenes Wort kaum verstehen konnte. Da sagte der junge Wilson vor sich hin, wie jemand, der laut zu denken pflegt:

»Wenn mir doch die Hälfte von dem Hund gehörte!«

»Weshalb denn?« fragte einer.

»Damit ich den Teil, der mein wäre, umbringen könnte.«

Die Leute sahen ihm neugierig forschend und ängstlich ins Gesicht, aber sein Ausdruck verriet ihnen nichts – sie fanden keine Erklärung darin. Einer nach dem andern schlich beiseite, als ob es ihm unheimlich würde in Wilsons Nähe. Unter sich kamen sie dann wieder zusammen und besprachen den Vorfall mit einander.

»Der scheint mir ein Narr zu sein,« sagte einer.

»Er ist ein Narr, verlaßt euch drauf,« meinte ein anderer.

»Wie einfältig, zu sagen, er wollte, daß ihm der Hund zur Hälfte gehörte,« fiel der dritte ein. »Was glaubt er denn, der Tropf, daß aus dem Rest des Tieres wird, wenn er seinen Anteil umbringt? Meint er etwa, es wird am Leben bleiben?«

»Natürlich muß er das gedacht haben, sonst wäre er der größte Schafskopf. Hätte er vorausgesehen, daß wenn er seine Hälfte umbrächte, der andere Teil auch stürbe, so müßte er auch wissen, daß man ihn dafür ganz ebenso verantwortlich machen würde, als ob er die fremde Hälfte statt seiner eigenen tot geschlagen hätte. – Nun – habe ich recht oder unrecht?«

»Versteht sich, ganz recht,« erscholl es einstimmig und dann bestätigte jeder einzelne, was er von ihm hielt.

»Meiner Ansicht nach ist der Mensch nicht bei Sinnen,« sprach der erste.

»Jedenfalls hat er einen Knacks,« ließ sich der zweite hören.

Nummer drei sagte: »Ein rechter Einfaltspinsel!«

»Freilich,« bestätigte Nummer vier, »das Muster von einem Hansnarren.«

»Ich halte ihn für einen echten Dämelack,« äußerte Numero fünf. »Wer anderer Meinung ist, dem bleibt es unbenommen, aber, das ist meine Auffassung.«

»Ganz einverstanden, werte Herren,« versicherte Numero sechs. »Ein Esel, wie er im Buche steht. Ja, ich glaube, es ist nicht zu viel behauptet, wenn ich sage, daß er der größte Querkopf ist, den ich im Leben gesehen habe. Ja, ja, – ein Querkopf, wie es keinen zweiten giebt – und dabei bleibt’s.«

So war denn Wilsons Urteil gesprochen. Die Geschichte flog wie ein Lauffeuer durch die Stadt, sie war in aller Munde. Ehe noch eine Woche verging, hatte er seinen Taufnamen verloren und hieß statt dessen nur noch der ›Querkopf‹. Mit der Zeit wurde er allgemein geschätzt und beliebt, aber der Spitzname hatte sich schon so fest eingenistet, daß er ihn nicht wieder los wurde. Er war nun einmal von Anfang an für einen Narren erklärt worden und der Spruch ließ sich weder drehen noch wenden. Zwar hatte die Bezeichnung bald keine feindselige oder unfreundliche Bedeutung mehr, aber sie haftete ihm dauernd an, volle zwanzig Jahre lang.

Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Hätte der Mensch immer Gelegenheit zum Morden, wenn ihn Mordlust überfällt, so kämen viele an den Galgen.

Querkopf Wilsons Kalender.

Auf der Eisenbahn. Vor fünfzig Jahren, in meiner Knabenzeit, drangen in unser entlegenes, schwach bevölkertes Mississippi-Tal sagenhafte Gerüchte von einer Genossenschaft berufsmäßiger Mörder, die in Indien hausen sollte, einem Lande, das uns tatsächlich ebenso fern lag wie die Sterne, die droben am Himmel funkelten. Man erzählte, es gäbe dort eine Sekte, deren Mitglieder sich Thugs nennten und zu Ehren eines Gottes, dem sie dienten, den Wanderern an einsamen Orten aufzulauern und sie umzubringen pflegten. Jeder hörte diesen Geschichten gern zu, aber man glaubte sie nicht, oder doch nur mit Vorbehalt. Man nahm an, daß sie sich auf dem weiten Wege bis zu uns lawinenartig vergrößert hätten, auch waren sie bald wieder verschollen. Da erschien Eugène Sues ›Ewiger Jude‹ und machte eine Zeitlang viel von sich reden. Eine Figur des Romans ist ›Feringhea‹, der furchtbare, geheimnisvolle Inder, ein Häuptling der Thugs, glatt, listig und todbringend wie eine Schlange. Durch ihn wurde das Interesse für die Thugs von neuem erweckt, aber nach kurzer Zeit schlief es abermals ein und zwar auf immer.

Dies mag wohl auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, doch war es der natürliche Lauf der Dinge, wenigstens auf unserer Halbkugel. Was man von den Thugs wußte, stammte der Hauptsache nach aus einem Regierungsbericht, von dem in Amerika schwerlich jemals etwas verlautet ist. Man pflegt dergleichen amtliche Schriftstücke nicht ohne weiteres in Umlauf zu setzen; nur gewissen Leuten läßt man sie zukommen, und ob diese sie lesen ist noch sehr die Frage. Ich selbst habe vor einigen Tagen zum allererstenmal von diesem Bericht gehört und ihn mir zu verschaffen gewußt. Er fesselt mich ungemein und macht jene alten Märchen aus meinen Knabenjahren zur Wirklichkeit.

Major Sleeman, der in Indien diente, hat das Thug-Buch, von dem ich rede, im Jahr 1839 abgefaßt. Es wurde 1840 in Kalkutta herausgegeben, ein dicker, plumper Band, der uns zwar keine hohe Meinung vom damaligen Stand der Buchdruckerkunst beibringt, aber vielleicht als Erzeugnis einer amtlichen Druckerei aus alter Zeit und fernen Landen gar nicht so übel war. Dem Major fiel die Riesenaufgabe zu, Indien von den Thugs zu befreien und er hat sie mit siebzehn Gehilfen, die unter seiner Oberleitung standen, glücklich vollbracht. Die Reinigung der Augiasställe war nichts dagegen.

Damals schrieb Hauptmann Valencey in einer Zeitung, die in Madras erschien: »Wenn der Tag kommt, an dem jenes weit verbreitete Uebel in Indien ausgerottet und nur noch dem Namen nach bekannt ist, wird dies viel dazu beitragen, die britische Herrschaft im Orient auf ewige Zeiten zu befestigen.«

Er hat die Größe und Schwierigkeit des Werkes, durch dessen Vollendung sich England ein unsterbliches Verdienst erworben hat, in keiner Weise überschätzt.

Von dem Vorhandensein der furchtbaren Sekte waren die britischen Behörden schon seit 1810 unterrichtet, doch ahnte kein Mensch ihre weite Ausdehnung; man legte ihr nur geringe Bedeutung bei und erst 1830 wurden systematische Maßnahmen zu ihrer Unterdrückung getroffen. Damals war es Major Sleeman gelungen, den Thug-Häuptling Eugène Sues in seine Gewalt zu bekommen, und der furchtbare Feringhea ließ sich bewegen Kronzeuge zu werden. Die Enthüllungen, die er machte, waren so ungeheuerlicher Art, daß sie Sleeman ganz unglaublich schienen. Er hatte in dem Wahn gelebt, er kenne sämtliche Verbrecher in seinem Bezirk und hatte die schlimmsten höchstens für Diebe und Spitzbuben gehalten. Feringhea machte dem Major jedoch klar, daß er die ganze Zeit über von Scharen berufsmäßiger Mörder umgeben gewesen sei, die ihre Opfer in seiner nächsten Nähe begruben. Sleeman hielt das für Hirngespinste, aber Feringhea sagte: »Komm und siehe selbst!« Er führte ihn an eine Grube, in der hundert Leichname lagen, erzählte ihm alle näheren Umstände ihrer Ermordung und nannte die Namen der Thugs, welche die Tat vollbracht hatten. Sleeman traute seinen Augen kaum; er nahm einige von jenen Thugs gefangen und stellte Einzelverhöre mit ihnen an, nachdem er Sorge getragen, daß sie sich nicht unter einander verständigen konnten. Auf die unbeglaubigten Aussagen eines Inders wollte er sich nicht verlassen. Aber, o Schrecken! die gesammelten Zeugnisse ergaben nicht nur, daß Feringhea die Wahrheit geredet hatte, sondern lieferten zugleich den Beweis, daß die Banden der Thugs in ganz Indien ihr furchtbares Gewerbe trieben. Nun tat die Regierung ernstliche Schritte zur Vertilgung der Sekte und man verfolgte sie zehn Jahre lang mit unerbittlicher Strenge, bis sie gänzlich ausgerottet war. Eine Räuberbande nach der andern wurde gefangen, vor Gericht gestellt und bestraft. Ueberall spürte man die Thugs in ihren Schlupfwinkeln auf und machte Jagd auf sie. Die Regierung brachte alle ihre Geheimnisse ans Licht und ließ die Namen sämtlicher Mitglieder der Banden, sowie den Geburtsort und Wohnplatz jedes einzelnen aufs genauste verzeichnen.

Die Thugs waren Anbeter des Gottes Bhowanee, dem sie alle Wanderer opferten, welche ihnen in die Hände fielen. Die Sachen der Getöteten behielten sie jedoch für sich: dem Gotte war nur an dem Leichnam etwas gelegen. Bei der Aufnahme in die Sekte fanden feierliche Zeremonien statt; jeder neue Bekenner wurde unterwiesen, wie er die Erdrosselung mit dem heiligen Tuch zu vollziehen habe, doch war ihm erst nach langer Uebung gestattet, selbständig handelnd vorzugehen. Nur ein erfahrener Würger war im stande, die Erdrosselung so rasch zu bewerkstelligen, daß der dem Tode Geweihte auch keinen Laut mehr von sich geben konnte; jeder dumpfe Schrei, jedes Stöhnen, Seufzen oder Schnappen nach Luft mußte verhindert werden. In einem Augenblick schlang sich das Tuch um den Hals des Opfers, es ward plötzlich zusammengezogen, der Kopf fiel lautlos nach vorn, die Augen traten aus ihren Höhlen und alles war vorüber. Vornehmlich gaben die Thugs wohl acht, daß sie auf keinen Widerstand stießen, auch forderten sie ihr Opfer meist auf sich niederzusetzen, weil sich das Geschäft so am bequemsten verrichten ließ.

Alle Zustände und Einrichtungen Indiens waren den Thugs ausnehmend günstig: Eine öffentliche Fahrgelegenheit gab es nicht, man konnte auch kein Gefährt mieten. Der Reisende mußte zu Fuß gehen, wenn er nicht einen Ochsenwagen benutzen oder sich ein Pferd für die Gelegenheit kaufen konnte. Sobald er die Grenze seines kleinen Fürstentums überschritten hatte, war er unter Fremden; dort kannte ihn niemand, er blieb unbeachtet, kein Mensch vermochte mehr anzugeben, wohin er seine Schritte gelenkt hatte. Weder in Städten noch Dörfern pflegte der Reisende einzukehren; er hielt außerhalb derselben Rast und schickte seine Diener in den Ort, um Lebensmittel zu kaufen. Einzelne Höfe gab es nicht; auf der öden Strecke zwischen zwei Dörfern fiel der Wanderer dem Feinde leicht zur Beute, besonders da er meist bei Nacht weiterzog, um der Hitze zu entgehen. Unterwegs gesellten sich häufig Fremdlinge zu ihm und boten ihm an, zu gegenseitigem Schutz die Fahrt gemeinsam fortzusetzen; das waren meistens Thugs, wie der Wanderer bald zu seinem Verderben erfuhr. Die Güterbesitzer, die eingeborene Polizei, die kleinen Fürsten, die Dorfrichter und Zollwächter steckten oft mit den Räubern unter einer Decke, gewährten ihnen Schutz und Obdach und lieferten ihnen die Reisenden aus, um Anteil an der Beute zu haben. Dadurch ward es der Regierung zuerst fast unmöglich gemacht die Uebeltäter zu fangen, weil die wachsamen Freunde ihnen zur Flucht verhalfen. Und so zogen denn handeltreibende Leute aus allen Kasten und Ständen, paarweise oder in Gruppen, schutzlos, bei schweigender Nacht, auf den Pfaden des weiten Ländergebiets einher, Kostbarkeiten, Geld, Juwelen, kleine Seidenballen, Gewürze und allerlei Waren mit sich führend – es war ein Paradies für die Thugs.

Bei Eintritt des Herbstes pflegte die Genossenschaft ihre zum voraus verabredeten Zusammenkünfte zu halten. Um sich untereinander zu verständigen brauchten die Thugs, selbst wenn sie aus den verschiedensten Gebieten stammten, keine Dolmetscher wie andere Völker. Sie hatten ihre eigene Sprache und geheime Zeichen, an denen sich die Genossen erkannten; alle waren untereinander befreundet, selbst die Unterschiede der Kaste und Religion traten in den Hintergrund, wo Hingebung an den Beruf ins Spiel kam. Der Moslem und der Hindu aus höherer oder niederer Kaste, standen sich als Thugs gleich Brüdern treulich zur Seite.

War eine Bande versammelt, so ward Gottesdienst gehalten und man wartete auf die Omen. Das Geschrei verschiedener Tiere hatte eine gute oder schlechte Vorbedeutung, wie jedermann wußte. Erfolgte ein böses Omen, so gab man das Vorhaben auf und die Leute gingen wieder nach Hause.

Schwert und Tuch galten als heilige Symbole der Thugs. Das Schwert beteten sie daheim an, ehe sie zur Versammlung gingen, und das Tuch, mit dem sie ihre Opfer würgten, verehrten sie gemeinschaftlich. Meist verrichtete der Häuptling der Bande die religiösen Zeremonien selbst, nur die Kaets beauftragten damit gewisse angestellte Erwürger, Chaurs genannt. Diese Kaets hielten so streng an ihren gottesdienstlichen Gebräuchen fest, daß es nur dem Chaur gestattet war, die geheiligten Gefäße und was sie sonst dabei benützten, anzurühren.

Zwei charakteristische Merkmale sind dem Raubsystem der Thugs besonders eigen: die größte Vorsicht, Ausdauer und Geduld bei Verfolgung der Beute und gänzliche Erbarmungslosigkeit im Moment der Tat.

Vor allem richteten sie ihr Augenmerk darauf, daß sie an Zahl der Reisegesellschaft, welcher ihr Angriff galt, mindestens vierfach überlegen waren. Offene Feindseligkeiten vermieden sie und überfielen ihre Opfer nur, wenn diese nichts Böses ahnten. Oft reisten sie tagelang in ihrer Gesellschaft und suchten durch allerlei Künste ihr Vertrauen und ihre Freundschaft zu gewinnen. Sobald ihnen dies gelungen war, gingen sie an ihr eigentliches Geschäft: Zuerst wurden ein paar Thugs vorausgeschickt, um bei dunkler Nacht den günstigsten Schauplatz für die Ermordung zu wählen und die Gräber zu graben. Wenn die übrigen den Ort erreichten, ward unter dem Vorwand, etwas zu rasten und eine Pfeife zu rauchen, Halt gemacht. Man schlug der Gesellschaft vor, sich niederzusetzen. Auf einen Wink des Hauptmanns nahmen einige Thugs den Reisenden gegenüber Platz, andere setzten sich neben sie und fingen ein Gespräch mit ihnen an, während die geübtesten Würger sich, des verabredeten Zeichens harrend, in ihrem Rücken aufstellten. Dies Zeichen war gewöhnlich irgend eine alltägliche Bemerkung: »Bringt den Tabak,« oder etwas derart. Oft verging noch eine beträchtliche Zeit, nachdem jeder der Handelnden seinen bestimmten Platz eingenommen hatte; der Hauptmann wartete erst, ob auch alles ganz sicher sei. Unterdessen spann sich die Unterhaltung einförmig weiter; düstere Gestalten huschten im Hintergrund hierhin und dorthin bei dem ungewissen Dämmerschein; die Nacht war still und friedlich und die Reisenden überließen sich arglos der angenehmen Ruhe, ohne zu ahnen, daß die Todesengel sie von allen Seiten umgaben. Jetzt war der Augenblick da; das verhängnisvolle Wort: »Bringt den Tabak,« wurde gesprochen. Sofort entstand eine rasche aber lautlose Bewegung. Im gleichen Moment hielten die Männer, welche neben den Reisenden saßen, ihre Hände fest, die vor ihnen ergriffen ihre Füße und taten einen kräftigen Ruck, während ein Mörder jedem Opfer von hinten das Tuch um den Kopf schlang und zuzog – der Kopf des Erdrosselten sank auf die Brust, das Trauerspiel war zu Ende. Nun wurden die Leichen ausgeplündert, und in den Gräbern verscharrt; darauf packte man die Beute zusammen, die mitgenommen werden sollte. Nachdem dann die Thugs noch zum Schluß dem Gotte Bhowanee ihren frommen Dank dargebracht hatten, zogen sie weiter, um noch mehr heilige Taten zu verrichten.

Aus Major Sleemans Bericht ergibt sich, daß die Reisenden meist in kleiner Anzahl beisammen waren, in der Regel nicht mehr als zwei, drei oder vier. Die Thugs dagegen zogen in Banden von zehn, fünfzehn, fünfundzwanzig, vierzig, sechzig, hundert, hundertfünfzig, zweihundert, zweihundertundfünfzig Mann umher, ja, es wird sogar eine Bande von dreihundertzehn Mann erwähnt. Bei solcher starken Ueberzahl kann man ihren Fang nicht besonders groß nennen, wenn man bedenkt, daß sie durchaus nicht wählerisch waren, sondern wo und wie sie konnten jeden umbrachten, ob reich oder arm, oft sogar Kinder. Manchmal töteten sie auch Frauen, aber das galt für sündhaft und brachte Unglück. Die günstige Jahreszeit für ihre Raubzüge dauerte sechs bis acht Monate. In einem solchen Jahrgang töteten zum Beispiel die sechs Banden von Bundelkund und Gwalior, welche zusammen 712 Köpfe zählten, 210 Menschen. Die Thugs von Malwa und Kandeisch waren 702 Mann stark und mordeten 232. Die Kandeisch- und Berar-Banden, 963 Mann, brachten 385 Leute um.

Bettler gelten in Indien für heilig, und manche Banden schonten ihr Leben, andere dagegen mordeten nicht nur sie, sondern sogar den Fakir, diesen Inbegriff aller Heiligkeit, der nichts als Haut und Knochen ist, sich Staub und Schmutz auf das buschige Haupthaar streut und seinen nackten Körper über und über mit Asche bepudert, daß er aussieht wie ein Gespenst. Mancher Fakir verließ sich jedoch allzu fest auf seine unverletzliche Heiligkeit. Von einem solchen Fall wird uns in Sleemans Buch unter andern Großtaten Feringheas berichtet. Er war einmal mit vierzig Thugs ausgezogen und sie hatten schon neununddreißig Männer und eine Frau getötet, ehe der Fakir zum Vorschein kam.

»Wir näherten uns Doregow,« lautete der Bericht, »trafen auf drei Brahminen, dann auf einen Fakir zu Pferde, der sich ganz mit Zucker bekleistert hatte, um die Fliegen herbeizulocken, von denen er über und über bedeckt war. Wir jagten ihn fort und töteten die drei andern.

»Hinter Doregow stieß der Fakir nochmals zu unserer Gesellschaft und zog mit uns bis Raojana; wir begegneten sechs Hindus, die von Bombay nach Nagpore wollten. Den Fakir vertrieben wir durch Steinwürfe, töteten die sechs Leute in ihrem Lager und begruben ste im Gebüsch.

»Am nächsten Tage stellte sich der Fakir wieder ein; erst in Mana wurden wir ihn los. Hinter dem Orte trafen wir drei Sepoys und hatten fast den Platz erreicht, der zu ihrer Ermordung bestimmt war, als der Fakir abermals erschien. Nun endlich riß uns die Geduld und wir gaben Mithoo, einem unserer Gefährten, fünf Rupien, daß er ihn umbringen und die Sünde auf sich nehmen sollte. Alle vier wurden erdrosselt, also auch der Fakir. In seinem Gepäck fanden sich zu unserer Ueberraschung dreißig Pfund Korallen, dreihundert fünfzig Schnüre kleine Perlen, fünfzehn Schnüre große Perlen und ein vergoldetes Halsband.«

Ob wohl Mithoo, der allein die Sünde trug, sich die unerwartete Beute ganz aneignen durfte, oder ob er sie mit den Gefährten teilen mußte und nur die Sünde für sich behielt? – Wie schade, daß der Regierungsbericht uns gerade diesen interessanten Umstand verschweigt!

Feringhea fürchtete sich selbst nicht vor den Mächtigen der Erde. Einen Elefantentreiber des Rajahs von Oodeypore erdrosselte er ohne weiteres. Er hat auf jenem Raubzug nicht weniger als hundert Männer und fünf Frauen umgebracht.

Unter den Unglücklichen, welche den Thugs zum Opfer fielen, waren Personen jeden Standes und Ranges; nur den Weißen taten sie nichts zu Leide. Die Liste verzeichnet:

Eingeborene, Soldaten, Fakirs, Bettler, Träger des heiligen Wassers, Zimmerleute, Hausierer, Schneider, Schmiede, eingeborene Polizisten, Kuchenbäcker, Stallknechte, Pilger, Chuprassies, Weber, Priester, Bankiers, Schatz-Träger, Kinder, Kuhhirten, Gärtner, Ladenbesitzer, Palankin-Träger, Landleute, Ochsentreiber, Diener, die Beschäftigung suchten, Frauen, die sich verdingen wollten, Schafhirten, Bogenschützen, Aufwärter, Bootsleute, Händler, Grasmäher.

Selbst einen fürstlichen Koch verschonten sie nicht, ebenso wenig den Wasserträger des Herrschers über alle Fürsten und Könige, des Generalgouverneurs von Indien. Ja, eine Bande war sogar grausam genug, armen, herumziehenden Komödianten das Leben zu nehmen, und trotzdem sie auf demselben Raubzug auch noch einen Fakir und zwölf Bettler töteten, beschützte sie ihr Gott Bhowanee: Sie wollten einen Mann im Walde erdrosseln, während gerade viele Leute in der Nähe vorbeigingen, zogen aber die Schlinge nicht fest genug, und der Mann stieß einen lauten Schrei aus. Da ließ Bhowanee im gleichen Augenblick ein Kamel durch das Dickicht brechen, dessen Gebrüll den Angstschrei übertönte, und ehe der Mann den Mund wieder öffnen konnte, war sein Atem entflohen.

Die Kuh ist in Indien ein so heiliges Tier, daß schon ihren Hirten zu töten für frevelhaft gilt. Das wußten die Thugs recht gut, aber bisweilen war ihr Blutdurst so groß, daß sie dennoch einige Kuhhirten umbrachten. Ein Thug, der solche Missetat verübt hatte, bekennt:

»Unser Glaube verbietet das aufs strengste; es kann nur Unheil daraus entstehen. Ich lag nachher zehn Tage am Fieber darnieder. Tötet man einen Mann, der eine Kuh führt, so bringt es Unglück; hat er keine Kuh bei sich, dann schadet es nichts.« Ein anderer Thug, der bei dieser Gelegenheit die Füße des Opfers gehalten hatte, fürchtete für sich keine schlimmen Folgen, »weil das Mißgeschick für solche Tat immer nur den Erwürger selbst, nicht seine Gehilfen bedroht, und wenn er deren auch hundert gehabt hätte.«

Während vieler Menschenalter durchwanderten Tausende von Thugs Indien in allen Richtungen. Ihr Räuberhandwerk war zu einem Beruf geworden, der sich vom Vater auf den Sohn und Enkel forterbte. Von sechzehn Jahren an konnte ein Knabe schon Mitglied der Verbindung werden, und siebzigjährige Greise waren noch in voller Tätigkeit.

Was fesselte die Leute aber an ihr Mordgeschäft, worin bestand der Reiz desselben? Teils trieb sie offenbar Frömmigkeit, teils Beutegier dazu, aber das Hauptinteresse scheint doch das Vergnügen an der Jagd selbst gewesen zu sein, die Mordlust, welche auch dem weißen Manne im Blute steckt. Meadows Taylor schreibt in seinem Roman: ›Bekenntnisse eines Thug‹:

»Wie leidenschaftlich liebt ihr Engländer nicht die Jagd! Ganze Wochen und Monate widmet ihr diesem aufregenden Zeitvertreib. Um Tiger, Panther, Büffel oder Eber zu töten, strengt ihr eure ganze Tatkraft an, ja ihr setzt selbst das Leben aufs Spiel. Wir Thugs aber verfolgen ein weit edleres Wild!«

Vielleicht liegt hierin wirklich der Schlüssel des Rätsels, das die Entstehung und Verbreitung der furchtbaren Sekte umgibt. Dem Menschengeschlecht im großen und ganzen ist die Mordgier eigen, es ergötzt sich am Töten lebender Geschöpfe wie an einem Schauspiel. Wir weißen Leute sind nur etwas verfeinerte Thugs, denen ihr dünner Anstrich von Zivilisation wie ein lästiger Zwang erscheint. Als Thugs haben wir uns vor noch gar nicht so langer Zeit an den Metzeleien der römischen Arena ergötzt und später an dem Feuertod, welcher zweifelhaften Christen durch rechtgläubige Christen auf öffentlichem Marktplatz bereitet wurde. Noch jetzt gehen wir mit den Thugs in Spanien oder in Nimes zu den blutigen Greueln der Stiergefechte hinaus. Keiner unserer Reisenden, welches Geschlechts oder welcher Religion er auch sein mag, hat je der Anziehungskraft der spanischen Arena zu widerstehen vermocht, wenn sich ihm Gelegenheit bot, dem Schauspiel beizuwohnen. Auch zur Jagdzeit sind wir fromme Thugs: wir hetzen das harmlose Wild und töten es mit Wonne. Aber einen Fortschritt haben wir doch gemacht. Zwar ist er nur winzig und kaum der Rede wert, so daß wir nicht nötig hätten besonders stolz darauf zu sein, aber es ist immerhin ein Fortschritt zu nennen, daß es uns nicht mehr Freude macht, hilflose Menschen niederzumetzeln oder zu verbrennen. Von diesem höheren Standpunkt aus können wir mit selbstgefälligem Schaudern auf die indischen Thugs herabsehen; auch dürfen wir zuversichtlich hoffen, daß einst der Tag erscheinen wird, an dem unsere Nachkommen in künftigen Jahrhunderten mit ähnlichen Gefühlen auf uns herabschauen.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Der Kummer ist sich selbst genug; aber um eine Freude voll und ganz zu genießen, muß man jemand haben, mit dem man sie teilen kann.

Querkopf Wilsons Kalender.

Wir fuhren mit dem Nachtzug von Bombay nach Allahabad. In Indien ist es Landessitte, das Reisen am Tage möglichst zu vermeiden; dabei ist nur der Uebelstand, daß man sich zwar die beiden Sofas ›sichern‹ kann, wenn man sie vorausbestellt, aber man erhält keinerlei Fahrkarte oder Marke, durch welche man sein Eigentumsrecht zu beweisen vermag, falls dasselbe in Zweifel gezogen wird. Das Wort ›besetzt‹ erscheint am Fenster des Coupés, aber für wen weiß niemand. Kommt mein Satan mit meinem Barney an, ehe ein anderer Diener zur Stelle ist, legen sie meine Betten auf die beiden Sofas und stehen Wache bis wir eintreffen, dann geht alles gut. Verlassen sie aber den Posten um eine Besorgung zu machen, so können sie bei der Rückkehr finden, daß unsere sämtlichen Bettstücke auf die oberen Schlafbretter befördert worden sind, und ein paar andere Dämonen das Lager ihrer Herren auf unsern Sofas bereitet haben, vor denen sie Wache halten.

Dieses System lehrt uns Höflichkeit und Rücksicht üben, doch gestattet es auch unberechtigte Uebergriffe. Ein junges Mädchen pflegt einer älteren Dame, wenn diese später kommt, den Sofaplatz einzuräumen, den die Dame meist mit freundlichem Danke annimmt. Aber bisweilen geht es dabei auch anders zu. Als wir im Begriff waren Bombay zu verlassen, lagen die Reisetaschen meiner Tochter auf ihrem Sofaplatz. Da kam im letzten Augenblick eine amerikanische Dame mittleren Alters in das Coupé gestürmt, hinter ihr die mit dem Gepäck beladenen eingeborenen Träger. Sie schalt, brummte, knurrte und versuchte sich möglichst unausstehlich zu machen, was ihr auch gelang. Ohne ein Wort der Erklärung warf sie Reisekorb und Tasche meiner Tochter auf das obere Brett und pflanzte sich breit auf das Sofa hin. Bei einem unserer Ausflüge verließen wir, Smythe und ich, auf einer Station unser Coupé, um etwas auf und ab zu gehen; als wir zurückkamen, fanden wir Smythes Betten im Hängebrett, und ein englischer Kavallerie-Offizier lag lang und bequem ausgestreckt auf dem Sofa, wo Smythe noch soeben geschlafen hatte.

Es ist abscheulich, daß dergleichen unsereinem Spaß bereitet, aber wir sind nun einmal so geschaffen. Wäre das Mißgeschick meinem ärgsten Feinde zugestoßen, es hätte mir kein größeres Vergnügen machen können. Wir freuen uns alle, wenn es andern Leuten schlecht geht, ohne daß wir Unbequemlichkeiten davon haben. Smythes Aerger machte mich so glücklich, daß ich gar nicht einschlafen konnte, weil ich mich in Gedanken zu sehr daran ergötzte. Er glaubte natürlich, der Offizier hätte den Raub selber begangen, während ihn der Diener zweifellos ohne Wissen seines Herrn ausgeführt hatte. Den Groll über diesen Vorfall bewahrte Smythe getreulich im Herzen; er schmachtete nach einer Gelegenheit, sich dafür an irgend jemand schadlos zu halten, und dies Verlangen ward ihm bald darauf in Kalkutta erfüllt. Von dort unternahmen wir eine vierundzwanzigstündige Fahrt nach Dardschiling. Da aber der Generaldirektor Barclay alle Vorkehrungen getroffen hatte, damit wir es unterwegs recht bequem haben sollten – wie Smythe versicherte – so beeilten wir uns nicht allzusehr auf den Zug zu kommen. Im Bahnhof herrschte, wie gewöhnlich in Indien, ein entsetzliches Gewühl, ein unbeschreiblicher Lärm und Wirrwarr. Der Zug war übermäßig lang, denn sämtliche Eingeborene des Landes reisten irgendwohin; die Bahnbeamten wußten nicht, wo ihnen der Kopf stand und wie sie alle die aufgeregten Leute, die sich verspätet hatten, noch unterbringen sollten. Wo das für uns bestimmte Coupé war, konnte uns niemand sagen; keiner hatte Befehl erhalten dafür zu sorgen. Das war eine große Enttäuschung, auch hatte es ganz den Anschein als würde die Hälfte unserer Gesellschaft zurückbleiben müssen; da kam Satan spornstreichs angerannt, um zu melden, daß er ein Coupé gefunden habe, in dem noch ein Hängebrett und ein Sofa leer waren. Dort hatte er unser Gepäck hineingeschafft und uns das Lager bereitet. Wir stiegen eilends ein. Der Zug war gerade im Fortfahren, und die Schaffner schlugen eine Waggontür nach der andern zu, als ein Beamter des ostindischen Zivildienstes, unser guter Freund, atemlos gelaufen kam. »Ueberall habe ich nach Ihnen gesucht,« rief er. »Wie kommen Sie hierher? Wissen Sie denn nicht –«

Indem fuhr der Zug ab, und der Schluß des Satzes entging uns. Jetzt kam für Smythe die Gelegenheit seinen Racheplan auszuführen. Er nahm sofort seine Betten vom Schlafbrett, tauschte sie gegen diejenigen aus, welche herrenlos auf dem Sofa mir gegenüber lagen und begab sich seelenvergnügt zur Ruhe. Gegen zehn Uhr nachts hielten wir irgendwo und ein großer Engländer, der wie ein hoher Militär aussah, stieg bei uns ein. Wir taten, als schliefen wir. Trotz der verdunkelten Lampen war es aber hell genug, daß wir sehen konnten, welche Ueberraschung sich in seinen Zügen malte. Hoch aufgerichtet stand er da, starrte sprachlos auf Smythe herab und versuchte die Lage der Dinge zu begreifen. Nach einer Weile sagte er:

»Nein, so was!« – weiter nichts.

Aber es war mehr als genug und leicht verständlich. Es sollte heißen: »So was ist doch unerhört! Eine solche Unverschämtheit ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen.«

Er setzte sich auf seinen Koffer; wir aber schielten wohl zwanzig Minuten lang mit halbgeschlossenen Augen zu ihm hinüber und beobachteten, wie ihn die Bewegung des Zuges rüttelte und schüttelte. Sobald wir an eine Station kamen, erhob er sich; wir hörten ihn noch im Fortgehen murmeln: »Ich muß ein leeres Sofa finden, sonst warte ich bis zum nächsten Zuge!«

Bald darauf kam sein Diener, um das Gepäck zu holen.

So war denn Smythes alte Wunde geheilt und sein Rachdurst gestillt. Aber schlafen konnte er ebensowenig wie ich; unser Wagen war ein ehrwürdiger, alter Kasten voller Schäden und Gebrechen. Die Tür ins Waschkabinett zum Beispiel schlug fortwährend an und spottete aller unserer Bemühungen sie zu befestigen. Als der Morgen dämmerte, standen wir wie zerschlagen auf, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Auch jener Engländer war auf der Station ausgestiegen und wir hörten, wie jemand zu ihm sagte:

»Also haben Sie Ihre Fahrt doch nicht unterbrochen?«

»Nein,« lautete die Antwort, »der Schaffner konnte mir ein Coupé anweisen, das zwar bestellt aber nicht besetzt worden war. Ich bekam einen großen Salonwagen für mich ganz allein, wahrhaft fürstlich, versichere ich Ihnen. Ein solcher Glücksfall ist mir noch nie begegnet.« Natürlich war das unser Wagen. Wir siedelten sogleich mit der ganzen Familie dahin über. Den Herrn Engländer lud ich jedoch ein zu bleiben, was er auch annahm. Ein sehr liebenswürdiger Mann, Oberst bei der Infanterie. Daß Smythe ihm sein Lager geraubt hat, erfuhr er nicht; er glaubt, Smythes Diener hätten es ohne Wissen seines Herrn getan. Man half ihm zu dieser Ueberzeugung und störte ihn nicht darin.

In Indien werden die Züge ausschließlich von Eingeborenen bedient, auch alle Stationsbeamten – außer an Hauptplätzen – sind Eingeborene, desgleichen die Polizisten und die Angestellten im Post- und Telegraphendienst. Lauter sehr freundliche und gefällige Leute. Eines Tages war ich aus dem Schnellzug gestiegen, um mich mit Entzücken an dem Schauspiel zu werden, das jede große Station in Indien bietet. Die bunten Scharen der Eingeborenen, welche auf dem breiten Perron rastlos durcheinander wirbelten, fesselten mich dergestalt, daß ich alles andere darüber vergaß. Als ich mich umwandte sah ich, daß mein Zug soeben zum Bahnhof hinausfuhr. Ich wollte mich ruhig hinsetzen, um den nächsten Zug abzuwarten, wie ich es zu Hause getan hätte; an eine andere Möglichkeit dachte ich nicht. Da trat ein eingeborener Beamter, der eine grüne Flagge in der Hand hielt, höflich auf mich zu: »Wollten Sie nicht mit dem Zuge weiter?« fragte er.

Als ich dies bejahte, ließ er seine Flagge wehen, der Zug kam zurück, und er half mir mit solcher Ehrerbietung einsteigen, als wäre ich der Generaldirektor selber gewesen. Ein gutherziges Volk, diese Hindus! Unfreundliche, mürrische Mienen, welche Bosheit und schlechte Gemütsart verraten, sind eine solche Seltenheit, daß es mir oft vorkam, als müsse ich die Mordgeschichten der Thugs geträumt haben. Freilich wird es auch unter den Indern schlechte Menschen geben, aber jedenfalls in großer Minderzahl. Eins ist gewiß: es ist das interessanteste Volk in der ganzen Welt und dabei unerklärlich und unbegreiflich in seinem Wesen wie kein anderes. Sein Charakter, seine Geschichte, seine Religion, seine Sitten sind voller Rätsel, die nur noch unverständlicher werden, wenn man uns Aufschluß darüber gibt. Weshalb und auf welche Weise so seltsame Dinge wie die verschiedenen Kasten, die Thugs, die Suttis entstanden sein können, geht über unsere Begriffe.

Für die Sitte der Witwenverbrennung hat man zum Beispiel folgende Erklärung: Eine Frau, die ihr Leben freiwillig hingibt, wenn ihr Gatte stirbt, wird augenblicklich wieder mit ihm vereinigt, und sie genießen fortan im Himmel zusammen ewige Freuden; die Familie errichtet ihr ein Denkmal oder einen Tempel und hält ihr Andenken in hohen Ehren. Der Opfertod der Frau verleiht auch allen ihren Angehörigen eine besondere Auszeichnung in den Augen des Volkes, die sich dauernd auf ihre Nachkommenschaft vererbt. Bleibt sie dagegen am Leben, so erwartet sie Schmach und Schande; wieder verheiraten kann sie sich nicht, die Familie verachtet sie und sagt sich von ihr los; freundlos und verlassen fristet sie ihr jammervolles Dasein.

Daß sie es vorzieht solchem Elend durch den Tod zu entfliehen, ist sehr begreiflich. Aber was der Ursprung dieser seltsamen Sitte ist, bleibt trotzdem ein Rätsel. Vielleicht wurde sie auf Befehl der Götter eingeführt; aber haben diese auch bestimmt, daß man eine so grausame Todesart wählen sollte? Hätte ein sanfterer Tod nicht dieselben Dienste getan? Kein Mensch weiß darauf eine Antwort.

Man wäre geneigt anzunehmen, daß die Witwen sich überhaupt nicht freiwillig verbrennen ließen, sondern es nur nicht wagten sich der öffentlichen Meinung zu widersetzen. Dieser Standpunkt läßt sich jedoch unmöglich festhalten; er stimmt nicht mit den geschichtlichen Tatsachen überein. Major Sleeman erzählt in einem seiner Bücher einen höchst charakteristischen Fall:

Als er im März 1828 die Verwaltung am Nerbuddastrom übernahm, beschloß er kühn, dem Zug seines mitleidigen Herzens zu folgen und die Suttis auf eigene Verantwortung in seinem Bezirk zu verbieten. Daß sie acht Monate später auf Befehl der Ostindischen Regierung gänzlich untersagt werden würden, konnte er nicht voraussehen. Am 24. November – einem Dienstag – starb Omed Sing Opaddia, das Haupt einer der angesehensten und zahlreichsten Brahminenfamilien der Gegend, und eine Abordnung seiner Söhne und Enkel erschien vor Sleeman, mit der Bitte, der alten Witwe zu gestatten sich mit der Leiche ihres Gemahls verbrennen zu lassen. Der Major drohte jedoch, jeden streng zu bestrafen, der seinem Befehl zuwider handeln und der Selbstverbrennung der Witwe Vorschub leisten würde. Er stellte eine Polizeiwache am Nerbudda-Ufer auf, wo die fünfundsechzigjährige Witwe schon seit dem frühen Morgen bei ihrem Toten saß und wartete. Als die abschlägige Antwort eintraf, blieb sie Tag und Nacht am Rande des Wassers sitzen, ohne zu essen und zu trinken.

Am folgenden Morgen wurde die Leiche ihres Gemahls in einer etwa acht Quadratfuß breiten und drei bis vier Fuß tiefen Grube in Anwesenheit von mehreren tausend Zuschauern verbrannt. Hierauf watete die Witwe nach einem nackten Felsen im Bette der Nerbudda; alle Fremden hatten sich zerstreut, nur ihre Söhne und Enkel blieben in ihrer Nähe, wahrend die übrigen Anverwandten des Majors Haus umringten, um ihn zu überreden, sein Verbot zurückzunehmen. Die Witwe widerstand allen Bitten der Ihrigen, die sie sehr liebten und ihr Leben zu erhalten wünschten, sie verweigerte jede Nahrung und blieb auf dem nackten Felsen sitzen, der sengenden Sonnenhitze bei Tag und der strengen Kälte bei Nacht ausgesetzt, nur mit einem dünnen Stück Zeug über der Schulter. Am Donnerstag setzte sie, zum Beweis, daß nichts sie von ihrem Vorhaben abbringen könne, die Dhadscha, einen groben, roten Turban auf und brach ihre Armbänder in Stücke, wodurch sie gesetzlich für tot galt und auf immer aus ihrer Kaste ausgeschlossen war. Hätte sie jetzt noch das Leben erwählen wollen, so konnte sie nie mehr zu ihrer Familie zurückkehren. Sleeman wußte sich keinen Rat. Wenn sich die Frau zu Tode hungerte, so war ihre Familie beschimpft und die Aermste starb unter langsameren Qualen, als wenn man ihr gestattete sich zu verbrennen. Als der Major sie am vierten Tage nach dem Tode ihres Mannes noch mit der Dhadscha auf dem Kopfe an derselben Stelle sitzen fand, redete er sie an. Sie sagte ihm mit großer Gelassenheit, daß sie entschlossen sei, ihre Asche mit der ihres verstorbenen Gatten zu mischen; sie würde geduldig seine Erlaubnis abwarten, überzeugt, Gott werde ihr Kraft geben, ihr Dasein bis dahin zu fristen, obgleich sie weder essen noch trinken wolle. Dann blickte sie nach der Sonne, die eben über der Nerbudda aufging und sagte ruhig: »Meine Seele weilt schon fünf Tage lang bei der meines Gatten, in der Nähe jener Sonne, nur meine irdische Hülle ist noch übrig, und ich weiß, du wirst bald gestatten, daß sie sich in jener Grube mit seiner Asche vermischt, weil es nicht in deinem Wesen und Brauch ist, die Qual einer armen, alten Frau mutwillig zu verlängern.«

Sleeman versicherte ihr, es sei sein Wunsch und seine Pflicht sie zu retten und zu erhalten. Er wolle den Ihrigen die Schmach ersparen für ihre Mörder zu gelten. Doch sie erwiderte, deswegen sei sie unbesorgt. Ihre Kinder hätten alles mögliche getan, um sie zu bewegen unter ihnen zu leben. »Hatte ich eingewilligt, so würden sie mich geliebt und geehrt haben, das weiß ich. Doch übergebe ich sie alle deiner Obhut und gehe zu meinem Gatten Omed Sing Opaddia, mit dessen Asche die meinige sich schon dreimal auf dem Scheiterhaufen vermischte.«

Dies bezog sich auf die Seelenwanderung. Sie waren nach ihrer Ueberzeugung schon dreimal als Mann und Weib auf Erden gewesen. Seit sie ihre Armbänder zerbrochen und den roten Turban aufgesetzt hatte, hielt sie sich für bereits gestorben, sonst hatte sie nicht so unehrerbietig sein können, den Namen ihres Gatten auszusprechen. Es war das erstemal in ihrem Leben, daß sie dies tat, denn in Indien nennt keine Frau, aus welchem Stande sie auch sei, jemals den Namen ihres Mannes.

Sleeman hoffte noch immer sie zu überreden. Er drohte ihr, die Regierung werde die steuerfreien Güter, von denen ihre Familie so lange gelebt habe, einziehen; auch werde kein Stein den Platz bezeichnen, wo sie sterbe, im Fall sie auf ihrem Entschluß beharre. Bliebe sie aber am Leben, so solle eine glänzende Wohnung unter den Tempeln ihrer Ahnen für sie gebaut und eine schöne Summe zu ihrem Unterhalt bestimmt werden. Aber sie lächelte nur, streckte den Arm aus und sagte: »Mein Puls hat lange aufgehört zu schlagen, mein Geist ist entwichen; ich werde bei dem Verbrennen nicht leiden. Wenn du einen Beweis willst, so laß Feuer bringen und sieh, wie es diesen Arm verzehrt, ohne daß es mir Schmerz verursacht.«

Da der Major erkannte, daß alle seine Bemühungen vergebens waren, ließ er die Oberhäupter der Familie rufen und erklärte ihnen, er werde gestatten, daß sich die Witwe verbrennen dürfe, wenn sie sich alle durch eine feierliche Urkunde verpflichten wollten, in ihrer Familie nie wieder eine Sutti zu halten. Sie gingen darauf ein und die Schrift ward aufgesetzt und unterzeichnet. Als man der Witwe am Sonnabend gegen Mittag den Beschluß verkündete, zeigte sie sich hocherfreut. Um drei Uhr waren die Zeremonien des Badens vorüber, und in der Grube brannte ein helles Feuer. Fast fünf Tage hatte die Frau ohne Speise und Trank zugebracht; als sie vom Felsen ans Ufer kam, netzte sie erst ihr Tuch im Wasser des heiligen Stromes, denn ohne diese Vorsichtsmaßregel wäre sie durch jeden Schatten, der auf sie fiel, verunreinigt worden. Von ihrem ältesten Sohn und einem Neffen gestützt schritt sie nach dem Feuer hin, eine Entfernung von etwa 150 Metern.

Wachen waren aufgestellt, und niemand durfte sich auf fünf Schritt nähern. Sie kam mit ruhigem freudevollem Gesicht herbei, blieb einmal stehen, schaute aufwärts und sagte: »Warum hat man mich fünf Tage von dir, mein Gatte, entfernt gehalten?« Als sie zu den Wachen kam, blieben ihre Begleiter zurück; sie schritt noch einmal um die Grube, hielt einen Augenblick inne und wahrend sie ein Gebet murmelte, warf sie einige Blumen ins Feuer. Dann trat sie ruhig und standhaft bis an den Rand, stieg mitten in die Flamme, setzte sich nieder und lehnte sich zurück als ruhe sie auf einem Lager; ohne einen Schrei auszustoßen oder ein Zeichen des Schmerzes von sich zu geben, wurde sie vom Feuer verzehrt.

Das ist schön und großartig! Es erfüllt uns mit Ehrfurcht und Hochachtung. Was der altgewohnten Sitte ihre unwiderstehliche Macht verlieh war die Riesenkraft eines Glaubens, welcher durch immer neue Todesopfer lebendig erhalten wurde. Aber, wie die ersten Witwen dazu kamen, die Sitte einzuführen, bleibt in Dunkel gehüllt.

Sleeman sagt, daß bei der Witwenverbrennung gewöhnlich einige Musikinstrumente spielten, aber nicht, wie man gemeinhin glaubt, um das Geschrei der Märtyrerin zu ersticken, sondern um zu verhüten, daß ihre letzten Worte gehört werden; denn diese galten für prophetisch, und wenn sie Unglück weissagten, hielt man es für besser, daß die Lebenden darüber in Unkenntnis blieben.

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Er hatte viel mit Aerzten zu tun gehabt und sagte: Es gibt nur ein Mittel um gesund zu bleiben, man muß essen was einem nicht schmeckt, trinken, was man nicht mag und tun, was man lieber bleiben ließe.

Querkopf Wilsons Kalender.

Es war eine lange Reise, zwei Nächte und anderthalb Tage von Bombay ostwärts nach Allahabad, aber sehr interessant und nicht ermüdend. Das heißt, zuerst fühlte ich mich höchst unbehaglich, aber daran waren die ›Pyjamas‹ schuld. Dieser lästige Nachtanzug besteht aus Jacke und Beinkleidern; er ist entweder von Seide oder aus einem rauhen, kratzigen, dünnen Wollstoff, der einem die Haut reibt wie Sandpapier. Die Hosen haben Elefantenbeine und eine Elefantentaille, keine Knöpfe am Bund, sondern eine Schnur, um die überflüssige Weite zusammenzuziehen; die lose Jacke wird vorn zugeknöpft. In einer warmen Nacht sind einem die Pyjamas zu heiß, und man friert darin, wenn die Nacht kalt ist. Ich wollte nicht gegen die Sitte verstoßen und versuchte es mit dem Kleidungsstück, aber es war mir unerträglich, ich mußte es wieder ablegen. Der Unterschied zwischen Tag- und Nachtanzug ist nicht groß genug. In einem Nachthemd fühlt man sich wohlig und erfrischt, von beengendem Zwang erlöst, frei und ungebunden. Statt dessen hatte ich die erstickende, bedrückende, aufreibende und quälende Empfindung, angekleidet im Bette zu liegen. Während der warmen Hälfte der Nacht bekam ich von der rauhen Wolle ein solches Jucken auf der Haut, daß ich wie gekocht und im Fieber dalag; verfiel ich auf kurze Zeit in Schlaf, so peinigten mich Träume, wie die Verdammten sie haben mögen – oder haben sollten. In der kalten Hälfte der Nacht fand ich aber keine Zeit zum Schlafen, weil ich genug damit zu tun hatte, mir wollene Decken zu stehlen. Aber was nützen wollene Decken unter solchen Umständen? Je mehr man aufeinander häuft, um so fester korkt man die Kälte ein, daß sie nicht heraus kann. Die Beine werden einem zu Eisklumpen und man weiß genau, wie es sein wird, wenn man eines Tages im Grabe liegt. Sobald ich einen Augenblick zu Verstande kam, entledigte ich mich der Pyjamas und genoß mein Leben fortan auf vernünftige und behagliche Weise.

Der Tag fängt auf dem Lande in Indien früh an. Endlos dehnt sich die vollkommen flache Ebene im grauen Dämmerlicht nach allen Seiten aus. Schmale, festgetretene Fußpfade durchziehen sie überall; nur von Zeit zu Zeit ragt auf der ungeheuern Fläche eine Gruppe gespenstischer Bäume empor, zum Zeichen, daß da ein Dorf liegt. Auf den Pfaden sieht man allenthalben braune, hagere, nackte Männergestalten und schlanke Frauen, die an ihr Tagewerk eilen; die Frauen mit kupfernen Wassergefäßen auf dem Kopf, die Männer mit der Hacke in der Hand. Uebrigens ist der Mann nicht ganz nackt, einen weißen Lappen hat er immer um; dies Lendentuch ist eine Art Binde, ein weißer Strich auf seiner braunen Person, wie der Silberbeschlag, der mitten um ein Pfeifenrohr läuft. Trägt er noch einen luftigen, bauschigen Turban, dann ist das der zweite Strich. »Ein Mensch, dessen Kleidung aus einem Turban und einem Taschentuch besteht,« so beschreibt Miß Gordon Cumming sehr richtig den Eingeborenen.

Den ganzen Tag lang fährt man durch die einförmige, staubfarbene Ebene, an den verstreuten Baumgruppen und den Lehmhütten der Dörfer vorbei. Daß Indien nicht überall schön ist, läßt sich nicht leugnen, und doch übt es einen unwiderstehlich bestrickenden Zauber aus. Woher das kommt ist schwer zu sagen; man hat nur das unbestimmte Gefühl, daß es der uralte, geschichtliche Boden ist, dem dieser Reiz entspringt. Die Wüsten Australiens und die starren Eisfelder Grönlands besitzen keine solche Macht über uns; wir sehen sie in ihrer ganzen Kahlheit und Häßlichkeit, weil sie keine ehrwürdige Geschichte haben, die uns von menschlichen Leiden und Freuden in längst vergangenen Jahrhunderten erzählt.

Auf der langen Fahrt bis Allahabad kamen wir nur an Dörfern vorbei, die innerhalb verfallener Mauern lagen. Ein solches indisches Dorf ist nicht schön; ein Teil der schmutzfarbenen Lehmhütten ist meist vom Regen verwittert, so daß sie vermoderten Ruinen gleichen. Auch Viehherden und Ungeziefer leben innerhalb der Mauern, wie mir scheint, denn ich sah dort Kühe und Ochsen ein- und ausgehen, und so oft ich einen der Dorfbewohner gewahrte, juckte er sich. Letzteres ist zwar nur ein Indizienbeweis, aber ich glaube, daß er schwerlich trügt.

Mich interessierten die indischen Dörfer, weil ich in Major Sleemans Büchern allerlei darüber gelesen hatte. Er schildert die Teilung der Arbeit, die unter der Bevölkerung herrscht. Der Grund und Boden Indiens, sagt er, bestehe aus lauter einzelnen Feldern, die zu den Dörfern gehören. Neun Zehntel der ganzen Einwohnerschaft sind Ackerbauer und wohnen in den Dörfern. Doch hält sich jedes Dorf auch gewisse bezahlte Arbeiter, Handwerker und andere Leute zum allgemeinen Dienst, deren Geschäft in der Familie bleibt und sich von Vater auf Sohn weiter erbt. Solche Berufsarten sind: Priester, Grobschmied, Zimmermann, Rechnungsführer, Waschmann, Korbflechter, Töpfer, Wächter, Barbier, Schuhmacher, Klempner, Zuckerbäcker, Weber, Färber u. a. m. Zu Sleemans Zeit gab es auch viele Hexen, und aus praktischen Gründen ließ niemand seine Tochter gern in eine Familie heiraten, zu der keine Hexe gehörte. Man brauchte ihre guten Dienste, um die Kinder vor dem Unheil zu schützen, das ihnen sonst die Hexen der Nachbarfamilien ohne Zweifel angetan hätten.

Der Beruf der Hebamme blieb stets in der Familie des Korbflechters. Seiner Frau gehörte das Amt, mochte sie etwas davon verstehen oder nicht. Ihre Einnahme war nicht so groß: für einen Knaben erhielt sie 25 Cents, und halb so viel für ein Mädchen. Die Geburt einer Tochter kam unerwünscht, wegen der furchtbaren Kosten, die sie mit der Zeit verursachen würde. Sobald sie alt genug war, um der Sitte gemäß Kleider tragen zu müssen, galt es für eine Schande, wenn die Familie sie nicht verheiratete. Den Vater brachte jedoch die Heirat der Tochter an den Bettelstab, denn er mußte, nach altem Herkommen, beim Hochzeitsgepränge und dem Festschmaus alles verausgaben, was er besaß und entlehnen konnte, so daß er vielleicht nie wieder im stande war sich emporzuarbeiten.

Aus Furcht vor solchem unvermeidlichen Ruin tötete man in früherer Zeit viele Mädchen gleich nach der Geburt, bis England die grausame Sitte mit eiserner Strenge abschaffte. »Bei dem Spiel der Dorfkinder,« sagt Sleeman, »hörte man niemals Mädchenstimmen.« Schon aus dieser gelegentlichen Bemerkung läßt sich entnehmen, wie allgemein der Mädchenmord in Indien verbreitet war.

Das Hochzeitsgepränge besteht nach wie vor im Lande, weshalb auch noch hie und da neugeborene Mädchen umgebracht werden, aber ganz heimlich, weil die Regierung sehr wachsam ist und jede Uebertretung des Gesetzes mit strengen Strafen bedroht.

In einigen Teilen Indiens gibt es in den Dörfern noch drei besondere Angestellte. Erstens den Astrologen, der dem Bauer sagt, wann er säen und pflanzen, eine Reise machen oder ein Weib nehmen soll, wann er ein Kind erwürgen, einen Hund entlehnen, auf einen Baum steigen, eine Ratte fangen und seinen Nachbar betrügen darf, ohne die Rache des Himmels auf sein Haupt zu ziehen. Auch die Träume legt er ihm aus, falls der Mann nicht klug genug ist, sie sich selbst aus der Mahlzeit zu erklären, die er vor Schlafengehen zu sich genommen hat. Die beiden andern Angestellten sind der Tiger- und der Hagelbeschwörer. Ersterer hält die Tiger fern, wenn er kann und bezieht auf alle Fälle sein Gehalt; letzterer beschützt das Dorf vor Hagelschlag oder gibt an, aus welchem Grund sein Geschäft mißlungen sei und läßt sich denselben Lohn bezahlen, mag der Hagel kommen oder ausbleiben. Wer in Indien seinen Lebensunterhalt nicht verdienen kann, muß wirklich auf den Kopf gefallen sein.

Auch die Gewerkvereine und der Boykott sind alte indische Einrichtungen. Es gibt eben nichts, was nicht dort seinen Ursprung hätte. »Die Straßenkehrer,« sagt Sleeman, »zählen zur niedrigsten Kaste; alle andern Kasten verachten sie und ihr Amt, aber sie selbst sind stolz darauf und dulden keine Eingriffe in ihr Monopol. Das Recht, in einem gewissen Stadtteil die Straßen zu kehren, gehört einem bestimmten Mitglied der Kaste an; wagt sich ein anderes Mitglied in diesen Bezirk, so wird es ausgestoßen – niemand darf mehr aus seiner Pfeife rauchen oder aus seinem Kruge trinken – der Missetäter kann die Wiederaufnahme in die Kaste nur dadurch erlangen, daß er für sämtliche Straßenkehrer ein Festmahl veranstaltet. Beleidigt ein Hausbesitzer den Straßenkehrer seines Bezirks, so bleibt aller Abfall und Kehricht solange bei ihm liegen, bis er den Mann wieder versöhnt hat, kein anderer Straßenkehrer getraut sich den Schmutz fortzuschaffen. Die Bürger der Städte müssen sich von diesen Leuten oft unglaublich viel gefallen lassen; ja die Tyrannei, welche die Innung der Straßenkehrer ausübt, ist noch heutigen Tages eins der größten Hindernisse aller sanitären Reformen in Indien. Zwingen kann man diese Menschen nicht, denn kein Hindu oder Muselmann würde ihre Arbeit verrichten, und sollte es ihm das Leben kosten; nicht einmal prügeln würde er den widerspenstigen Straßenkehrer, um sich nicht zu verunreinigen.«

Allahabad bedeutet die ›Stadt Gottes‹. Das Hindu-Viertel habe ich nicht gesehen; der englische Teil der Stadt hat schöne, breite Alleen und auf Raumersparnis ist gar keine Rücksicht genommen. Alle Einrichtungen lassen auf Luxus und Bequemlichkeit schließen; mir scheint, die Leute führen dort ein so heiteres, sorgloses Leben, wie man es nur bei einem guten Gewissen haben kann, wenn diesem ein genügendes Konto auf der Bank zur Seite steht.

Am Morgen nach unserer Ankunft in Allahabad stand ich in aller Frühe auf und ging auf der Veranda, die rings um das Haus läuft, an den schlafenden Dienern vorbei, die bis über die Ohren in ihre wollenen Decken gewickelt, vor der Tür ihrer Herren lagen. Ich glaube, kein indischer Diener schläft jemals in einem Zimmer. Vor einer Tür sah ich einen Hindu kauern. Die gelben Schuhe seines Herrn waren geputzt und bereit gestellt; nun hatte er nichts mehr zu tun als zu warten, bis er gerufen würde. Es war bitter kalt, aber der Mensch blieb geduldig und regungslos wie ein Steinbild auf demselben Fleck. Ich konnte es kaum mit ansehen. Gern hätte ich zu ihm gesagt: »Stehe doch auf und mache dir Bewegung, um dich zu erwärmen, was hockst du da in der Eiseskälte, das verlangt niemand von dir.« Allein mir fehlten die Wörter. Die einzige Redensart, die mir einfiel war »Jeldy jow,« und was sie bedeutete, wußte ich nicht. So ging ich denn notgedrungen stumm vorbei, entschlossen nicht mehr an den Menschen zu denken; aber seine nackten Beine und Füße kamen mir nicht aus dem Sinn und zwangen mich immer wieder, die Sonnenseite zu verlassen und bis zu dem Punkt zurückzugehen, wo ich ihn sehen konnte. Eine Stunde verging, ohne daß er seine Stellung auch nur im geringsten veränderte. Ob das Sanftmut und Geduld, Seelenstärke oder Gleichgültigkeit verriet, will ich nicht entscheiden; aber der Anblick quälte mich und verdarb mir den ganzen Morgen. Nach zwei Stunden riß ich mich endlich aus seiner Nähe los; mochte er sich nun allein weiter kasteien so viel er wollte. Bis dahin war er um keines Haares Breite von seinem Platz gewichen; ich sehe ihn noch immer deutlich vor mir und werde die Erinnerung wohl ewig mit mir herumtragen. Wenn ich von der Geduld und Ergebung der Inder bei ungerechter Behandlung, in Schmerz und Unglück lese, so steigt sein Bild vor mir auf. »Jeldy jow!« (mach daß du weiter kommst!) ruft man dem Inder in seiner Not seit ungezählten Jahrhunderten zu. Hätte ich es nur damals auch gesagt, es wäre gerade das Richtige gewesen; aber leider war mir, wie gesagt, die Bedeutung des Wortes entfallen.

Im Morgenlicht unternahmen wir eine lange zum Teil wunderschöne Fahrt nach der Festung. Der Weg führte unter hohen Bäumen an Häusergruppen und am Dorfbrunnen vorbei, wo man zu andern Tageszeiten malerische Scharen von Eingeborenen fortwährend lachend und schwatzend hin- und hergehen sieht. Diesmal trafen wir sie bei ihren Waschungen; die kräftigen Männer ließen das klare Wasser reichlich über die braunen Körper strömen, ein erfrischender Anblick, der meinen Neid erregte, denn die Sonne hatte sich schon an ihr Geschäft gemacht, den Tag über tüchtig in Indien einzuheizen. Viele Hindus nahmen ein solches Morgenbad; die Frühstückstunde nahte heran, und kein Hindu darf essen, ehe er die vorgeschriebene Waschung beendet hat.

Als wir in die heiße Ebene kamen, wimmelte es auf allen Pfaden von Wallfahrern und Wallfahrerinnen. Hinter der Festung, wo die heiligen Ströme Ganges und Jumna ineinander fließen, sollte eine der großen religiösen Messen Indiens gehalten werden. Eigentlich gibt es drei heilige Ströme; der dritte fließt zwar unter der Erde und niemand hat ihn gesehen, aber das schadet nichts, wenn man nur weiß, daß er da ist. Die Pilger stammten aus den verschiedensten Gegenden Indiens; einige waren monatelang unterwegs gewesen; arm, hungrig und abgemattet, waren sie bei Staub und Hitze geduldig weiter gewandert, von unerschütterlichem Glauben und Vertrauen gestützt und aufrecht erhalten. Jetzt strahlten alle vor Glück und Zufriedenheit, denn bald winkte ihnen der reichste Lohn für ihre Mühsal. Sie sollten Läuterung von jeder Sünde und Unreinheit in dem heiligen Wasser finden, welches alles was es berührt, sogar Totes und Verwestes, rein machen kann. Wie wunderbar ist doch die Kraft eines Glaubens, welcher Alte und Schwache, Junge und Leidende treibt, ohne Zaudern und ohne Klage die unerhörten Anstrengungen einer solchen Reise, samt allen Entbehrungen, die sie mit sich bringt, geduldig auf sich zu nehmen! Ob es aus Furcht geschieht oder aus Liebe, weiß ich nicht, aber was auch immer der Beweggrund sein mag, die Sache selbst ist für uns kühle Verstandesmenschen vollkommen unbegreiflich. Nur wenige auserlesene Naturen unter den Weißen besäßen einen ähnlichen Opfermut; wir übrigen wissen genau, daß wir außer stande wären, uns dazu aufzuschwingen. Da wir aber alle die Selbstaufopferung gern im Munde führen, so darf ich hoffen, daß wir wenigstens groß genug denken, um sie bei dem Hindu würdigen zu können.

Jedes Jahr strömen zwei Millionen Eingeborene zu dieser Messe herbei. Wie viele die Reise antreten und unterwegs vor Alter, Mühsal, Krankheit und Mangel sterben, weiß niemand. Alle zwölf Jahre ist ein besonderes Gnadenjahr, und die Pilger kommen in noch größeren Massen gezogen, das ist schon seit undenklichen Zeiten so gewesen. Man sagt übrigens, daß es für den Ganges nur noch ein zwölftes Jahr geben wird, dann soll dieser heiligste aller Flüsse seine Kraft verlieren und erst nach Jahrhunderten werden die Pilger wieder zu seinen Ufern wallfahrten, wenn die Brahminen verkünden, daß er seine Heiligkeit wiedergewonnen hat. Was die Priester damit bezwecken, daß sie sich diese Goldmine verschließen, kann ich nicht sagen. Aber mir ist nicht bange, sie, werden wohl wissen was sie tun. Ehe man sich’s versieht werden sie dem Volk der Inder eine Ueberraschung bereiten, welche beweist, daß sie ihren Vorteil nicht aus den Augen gelassen haben, als sie auf den Marktwert des Ganges verzichteten.

Wir begegneten vielen Eingeborenen, welche heiliges Wasser aus den Flüssen geholt hatten. Man bietet es in ganz Indien zum Verkauf aus, auch soll es oft bei Hochzeiten becherweise verteilt werden.

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Die Festung ist ein ungeheueres, altes Gebäude und hat in religiöser Beziehung Erlebnisse der mannigfaltigsten Art zu verzeichnen. In dem großen Hof steht seit über zweitausend Jahren ein Monolith mit einer buddhistischen Inschrift. Vor dreihundert Jahren wurde die Festung von einem mohammedanischen Kaiser erbaut und nach dem Ritus seiner Religion eingeweiht; auch ein Hindutempel mit unterirdischen Gängen voller Heiligtümer und Götzenbilder befindet sich daselbst, und seitdem die Festung den Engländern gehört, besitzt sie eine christliche Kirche. So ist für das Seelenheil aller gesorgt.

Von den hohen Wällen schauten wir auf die heiligen Flüsse hinab, die sich an diesem Punkt vereinigen. Das Wasser des blaßgrauen Jumna sieht klar und rein aus, der schlammige Ganges aber ist trübe, gelb und schmutzig. Auf der schmalen, gebogenen Landzunge zwischen den Flüssen erhob sich eine Zeltstadt mit zahllosen, wehenden Wimpeln und großen Scharen von Pilgern. Man hatte Mühe dorthin zu gelangen, aber interessant war es, sobald man unten ankam, wenn auch sehr unruhig. Eine ganze Welt bewegte sich dort in rastloser, lärmender Tätigkeit, teils mit religiösen, teils mit kaufmännischen Angelegenheiten beschäftigt. Die Mohammedaner fluchen und verkaufen, während die Hindus kaufen und beten, denn die Messe ist zugleich ein Jahrmarkt und ein religiöses Fest. Eine Unmenge von Leuten badete, betete und trank das heilige Wasser; kranke Pilger kamen von weither im Palankin, um durch ein Bad Heilung von ihrem Uebel zu finden oder an den gesegneten Ufern zu sterben und sicher in den Himmel zu kommen. Auch viele Fakirs waren da; sie hatten sich ganz mit Asche bestreut und ihr Haar mit Kuhdünger zusammengeklebt, denn die Kuh und alles was von ihr stammt ist heilig. Der gute Hindubauer malt oft die Wand seiner Hütte mit dem Dünger an oder formt daraus allerlei Figuren, mit denen er den Estrich des Fußbodens verziert. In den Zelten saßen auch ganze Familien bei einander, die schrecklich und wunderbar bemalt waren und nach ihrer Stellung und Gruppierung zu urteilen, die Angehörigen großer Gottheiten vorstellten. Ein heiliger Mann saß dort schon Wochen lang nackt auf spitzen Eisenstäben und schien sich gar nichts daraus zu machen. Ein anderer Heiliger stand den ganzen Tag auf einem Fleck und hielt seine abgezehrten Arme regungslos in die Höhe; er soll das schon seit Jahren tun. Neben jedem dieser frommen Büßer lag ein Tuch am Boden, auf das milde Spenden gelegt wurden; selbst die ärmsten Leute gaben eine Kleinigkeit in der Hoffnung, das Opfer werde ihnen Segen bringen. Zuletzt kam noch eine Prozession nackter, heiliger Männer singend vorbeigezogen – da riß ich mich los und ging meiner Wege.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Es gibt einen alten goldenen Spruch, welcher lautet: »Wohl dir, wenn du beim Aufstieg zum Hügel des Glücks keinem Freunde begegnest.«

Querkopf Wilsons Kalender.

Zunächst wurden wir von Bekannten nach einem Dschain-Tempel mitgenommen; er war nicht groß und mit vielen flatternden Wimpeln geschmückt, die an Flaggenstangen befestigt sind; auf den Zinnen des Daches stehen ringsum eine Unmenge kleiner Götzenbilder. In der Mitte des innern Raumes sagte ein einsamer Dschain laut seine Gebete her und ließ sich durch unsere Gegenwart in keiner Weise stören. Seine Andacht galt einem kleinen, sitzenden, rosig gefärbten Götzen, der sich etwa zwölf Fuß vor ihm befand und einer schlecht geformten Wachsfigur glich. Mr. Gandhi, der dem Kongreß der Weltreligionen in Chicago als Abgeordneter beigewohnt hat, setzte uns die Lehren der Dschaina in trefflichem Englisch auseinander, aber was er sagte ist meinem Gedächtnis entschwunden. Ich weiß nur noch, daß sich ihre religiösen Vorstellungen in erhabene Formen kleiden, und grobe Sinnlichkeit ihnen fremd ist. Wie sich das mit der Anbetung des rohen Götzenbildes vereinbaren läßt, kann ich nicht erklären. Vermutlich stellt dieses ein Wesen dar, das nach vielhundertjährigen Seelenwanderungen, bei stetiger Zunahme an Frömmigkeit und Tugend, zuletzt zu einem Heiligen, einer Art Gottheit geworden ist, welche die Anbetung stellvertretend entgegennimmt, um sie der Himmelsbehörde zu übermitteln. So denke ich es mir wenigstens.

Von dort begaben wir uns nach Mr. Premchand Roychands Bungalow im Love Lane, Byculla, wo ein indischer Fürst, der kürzlich von der Kaiserin Viktoria zum Ritter des indischen Sternordens ernannt worden war, die Abgesandten der Dschaina empfangen wollte, welche ihm wegen dieser hohen Ehre ihre Glückwünsche darbrachten. Selbst der größte indische Fürst verschmäht die Auszeichnung nicht; er erläßt seinen Untertanen die Steuern und gibt viel Geld aus zur Verbesserung der öffentlichen Zustände, wenn er dafür die Ritterwürde erlangen kann. Alljährlich verleiht die Kaiserin verschiedenen einheimischen Fürsten zum Lohn für ihre Verdienste den Stern von Indien und teilt zugleich Kanonen an sie aus, welche sie beim Salutschießen abfeuern dürfen. Ein keiner Fürst hat drei oder vier Kanonen, die ihm den Ehrengruß bringen, und mit der Bedeutung des Fürsten nimmt auch die Zahl seiner Kanonen zu, bis auf elf Stück, ja vielleicht haben manche noch mehr, aber das weiß ich nicht bestimmt. Mir ist gesagt worden, daß wenn ein vier Kanonen-Fürst die fünfte erhält, seine Umgebung sehr darunter leidet, denn solange ihm die Sache noch neu ist, möchte er bei jeder Gelegenheit Salutschüsse haben, und die ohrenzerreißende Musik will gar kein Ende nehmen. Wie viele Kanonen so große Herrscher wie der Nizam von Hyderabad und der Gaikawar von Baroda haben, vermag ich, wie gesagt, nicht anzugeben.

Als wir das Bungalow betraten, fanden wir die große Halle im Erdgeschoß bereits voller Menschen, und noch immer kamen neue Wagen vorgefahren. Die Versammlung bot ein hübsches Schauspiel; alles funkelte und blitzte wie bei einem Feuerwerk, so bunt waren die Kostüme und so glänzend die Farben. Ganz besonders merkwürdig fand ich die Ausstellung der verschiedenen Turbans. Ihre wunderbare Mannigfaltigkeit erklärte sich dadurch, daß die Mitglieder der Dschaina-Gesandtschaft aus allen Teilen Indiens stammten und jeder einen Turban trug, wie er in seiner Gegend Sitte war.

Ich würde dort gern eine Konkurrenz-Ausstellung von christlichen Trachten und Kopfbedeckungen veranstaltet haben. Dazu hätte ich nur alle indische Herrlichkeit aus einer Hälfte des Raumes zu entfernen und diese mit Christen aus Amerika, England und den Kolonien anzufüllen brauchen, welche Hüte und Kleider trugen, wie sie vor zwanzig, vierzig, fünfzig Jahren Mode waren oder wie man sie heutzutage hat. Es wäre eine greuliche Sammlung gewesen, ein Anblick von ausgesuchter Scheußlichkeit. Auch die weiße Gesichtsfarbe hatte ihr Teil dazu beigetragen. Sie kommt uns zwar nicht gerade unleidlich vor, solange wir uns unter lauter Weißen befinden, sehen wir sie aber zusammen mit einer Menge brauner oder schwarzer Gesichter, so wird uns augenblicklich klar, daß nur die Gewohnheit sie erträglich macht. Eine schwarze oder braune Haut ist fast immer schön, eine weiße nur sehr selten. Will man sich hiervon überzeugen, so braucht man nur an einem Wochentage in Paris, New York oder London eine Straße hinunterzugehen – nicht gerade im vornehmsten Viertel – und sich zu merken, wie vielen Menschen mit gutem Teint man auf einer etwa meilenlangen Strecke begegnet. Neben dunkeln Gesichtern sehen die weißen ausgewaschen, ungesund, oft förmlich gespensterhaft aus. Schon als Knabe hatte ich daheim, zur Sklavenzeit vor dem Bürgerkrieg, Gelegenheit gehabt diese Beobachtung zu machen. Wahrhaft bewundernswert erschien mir aber die prächtige schwarze Haut der südafrikanischen Zulus aus Durban, die wie Atlas glänzte. Ich sehe sie noch vor mir, diese schwarzen Athleten, wie sie mit den Rickschas vor dem Hotel auf Kundschaft warteten. Die schönen Gestalten waren nur wenig verhüllt durch die leichte Sommerkleidung, deren schneeiges Weiß das tiefe Schwarz der Neger um so mehr hervortreten ließ. In Gedanken vergleiche ich jene Zulu-Gruppe mit den Bleichgesichtern, die soeben an meinem Fenster in London vorübergehen:

Erste Dame: Gesichtsfarbe: neues Pergament.

Zweite: Altes Pergament.

Dritte: Weiß und rot; sehr hübsch.

Ein Mann: Graues Gesicht mit roten Flecken.

Ein anderer Mann: Ungesunde, schuppige Haut.

Mädchen: Blaßgelb mit Sommersprossen.

Alte Frau: Weißlichgrau. Metzgerbursche: Stark gerötetes Gesicht.

Gelbsüchtiger Mann: Helle Senffarbe.

Aeltere Dame: Farblose Haut mit zwei großen Muttermälern.

Aelterer Mann (dem Trunk ergeben): Kartoffelnase in einem welken, von feuerroten Falten durchzogenen Gesicht.

Gesunder junger Herr: Schöner, frischer Teint.

Kranker junger Herr: Weiß, wie ein Gespenst.

Die Hautfarbe unzähliger Menschen ist nur eine matte, charakterlose Abschattierung dessen, was wir fälschlich ›weiß‹ zu nennen pflegen. Manche Gesichter sind mit Pusteln bedeckt oder tragen sonstige Zeichen eines ungesunden Blutes, während andere grell abstechende Narben und Flecken haben. Im Gesicht des weißen Mannes läßt sich nichts verbergen; durch alle erdenklichen Zufälligkeiten werden seine Reize beeinträchtigt. Die Damen schminken und pudern sich, brauchen Schönheitswasser, Arsenik, und mancherlei Mittel um die Haut zu glätten; sie streicheln und schmeicheln, sie schmieren und wirtschaften an ihr herum und geben sich unsägliche Mühe sie zu verschönern. Alles umsonst. Doch liefern ihre Anstrengungen uns den besten Beweis, welche geringe Meinung sie von der Beschaffenheit der Haut im allgemeinen haben. Was sie sich nachzuahmen bestreben, gewahrt die Natur nur sehr, sehr wenigen. Von hundert Personen haben neunundneunzig gewiß einen schlechten Teint, und wie lange vermag der Hundertste, dem ein guter verliehen ist, sich denselben zu erhalten? Höchstens zehn Jahre.

Nein, der Zulu ist entschieden im Vorteil. Er hat von Anfang an seine schöne Gesichtsfarbe und behält sie, solange er lebt. Und wie angenehm und wohltuend für das Auge ist erst das bestimmte, glatte, fleckenlose Braun des Inders; es braucht keine Farbe zu scheuen, es paßt zu allen und erhöht ihren Reiz. Daß sich der Durchschnittsteint des Weißen mit dieser wundervollen, köstlichen Färbung auch nur entfernt vergleichen ließe, davon kann gar keine Rede sein.

Doch kehren wir zum Bungalow zurück. Am prächtigsten gekleidet waren einige Kinder. Von den leuchtenden Farben ihrer kostbaren Stoffe und den Edelsteinen, mit denen sie behangen waren, ging ein förmlicher Strahlenglanz aus. Man hielt sie für Mädchen, und doch waren es Knaben, Natsch-Tänzer von Beruf. Einzeln, zu zweien oder zu vieren standen sie auf und tanzten und sangen zu den unheimlichen Klängen der Begleitung. Ihre Stellungen und Bewegungen waren höchst anmutig und kunstvoll, aber die Stimmen scharf und unangenehm und die Melodien größtenteils sehr eintönig.

Nicht lange, so erhob sich draußen ein lautes Hurra und Jubelrufen. Es galt dem Fürsten, der mit Gefolge seinen feierlichen Einzug hielt. Er war ein stattlicher Herr in wundervollem Kostüm, bedeckt mit Schnüren von Perlen und Edelsteinen; unter letzteren befanden sich einige Smaragde von erstaunlicher Größe, die in ganz Bombay wegen ihrer Schönheit und Kostbarkeit berühmt sind; das Auge konnte sich gar nicht satt daran sehen. Auch der kleine Prinz, der den Fürsten begleitete, war eine strahlende Erscheinung.

Langwierige Zeremonien fanden nicht statt. Der Fürst schritt mit ernster Würde und Majestät auf seinen Thron zu, neben welchem der des Prinzen stand. Feierlich saßen die beiden da, während sich rechts und links von ihnen das Gefolge gruppierte. Es war das getreue Abbild einer Schaustellung, wie wir sie oft in Büchern beschrieben finden. Seit Salomo einst die Königin von Saba empfing und seine Schätze vor ihr ausbreitete, haben die Fürsten aller Zeiten es für ihre Pflicht gehalten, sich mit solchem Gepränge zu zeigen.

Der Führer der Dschaina-Abordnung verlas seine Glückwunschadresse und steckte sie dann in ein schön verziertes Silberrohr, das er dem Fürsten ehrfurchtsvoll überreichte, worauf dieser es ohne weiteres einem seiner Beamten einhändigte. Ich will die Adresse hier mitteilen, denn es ist interessant zu sehen, wofür die Untertanen eines indischen Fürsten unter der heutigen englischen Herrschaft ihrem Monarchen alles zu danken haben. Zur Zeit seines Großvaters, vor anderthalb Jahrhunderten, als sich England noch nicht in die indische Verwaltung einmischte, hätte man sich bei der Dankadresse sehr kurz fassen können. In jenen Tagen der Freiheit würde das Volk dem Fürsten gedankt haben:

  1. Daß er nicht aus bloßer Laune zu viele seiner Untertanen erschlagen habe.
  2. Daß er sie nicht durch Erhebung willkürlicher Abgaben gänzlich ausgesogen und der Hungersnot preisgegeben habe.
  3. Daß er nicht unter nichtigem Vorwand die Reichen getötet und ihr Vermögen eingezogen habe.
  4. Daß er die Angehörigen des Königshauses nicht getötet, geblendet, eingekerkert oder verbannt habe, um seinen Thron gegen Verschwörungen zu sichern.
  5. Daß er sich nicht habe bestechen lassen, irgend einen seiner Untertanen heimlich den Banden berufsmäßiger Thugs zu überliefern, damit sie ihn im Hinterhof des Fürstenschlosses nach Belieben ermorden und ausplündern konnten.

Das waren die gebräuchlichsten Maßregeln der Fürsten in alter Zeit; aber diese sowohl wie einige andere, nicht minder harte, sind unter der englischen Herrschaft schon längst abgeschafft worden. Bessere Mittel und Zwecke sind seitdem an ihre Stelle getreten, wie uns die Glückwunschadresse der Dschaina sofort beweisen wird. Dieselbe lautete:

»Allergnädigster Fürst! – Wir, die unterzeichneten Mitglieder der Dschaina-Gemeinde von Bombay, nähern uns Eurer Hoheit mit aufrichtiger Freude, um wegen der kürzlich erfolgten Ernennung Eurer Hoheit zum Ritter des erhabenen Sternordens von Indien, unsere herzlichsten Glückwünsche darzubringen. Vor zehn Jahren durften wir Eure Hoheit unter Umständen in dieser Stadt willkommen heißen, welche in der Geschichte Ihrer Herrschaft eine denkwürdige Episode bezeichnen; denn ohne die Besonnenheit und Großmut, welche Eure Hoheit in den Verhandlungen zwischen dem Palitana Dunbar und der Dschain-Gemeinde an den Tag legten, hätte der versöhnliche Geist unseres Volkes keine Frucht tragen können. Das war der erste Schritt Eurer Hoheit bei Uebernahme der Verwaltung, durch welchen Sie sich nicht nur die dankbare Anerkennung der Dschain-Gemeinde, sondern auch der Regierung von Bombay gesichert haben. Nachdem nun Eure Hoheit zehn Jahre lang alle Erfahrung, Kraft und Fähigkeit in den Dienst der Verwaltung gestellt hat, ist Eurer Hoheit verdientermaßen die erhabene und ehrenvolle Auszeichnung der Ernennung zum Ritter des Sternordens zu teil geworden, den kein anderer Fürst vom Range Eurer Hoheit, soviel wir wissen, je zuvor erhalten hat. Wir können Eurer Hoheit die untertänige Versicherung geben, daß wir auf diese Ehrenbezeigung aus der Hand Ihrer Majestät, unserer gnädigsten Kaiserin und Königin, nicht weniger stolz sind als Eure Hoheit selbst. Wir verdanken Eurer Hoheit während dieser zehn Jahre die Einrichtung vieler Faktoreien, Schulen, Hospitäler und dergleichen im Staate, und wir hoffen, daß Eure Hoheit noch lange mit Weisheit und bewährter Umsicht über das Volk herrschen werde, um die vielen von Eurer Hoheit gütigst angebahnten Reformen auch künftig in Gnaden zu fördern. Indem wir nochmals unsere wärmsten Glückwünsche aussprechen, verharren wir als Eurer Hoheit untertänigste Diener.«

Faktoreien, Schulen, Hospitäler, Reformen! Das sind die Sachen, welche die Fürsten Indiens neuerdings unterstützen und wofür sie Orden und Kanonen erhalten!

Auf die Adresse antwortete der Fürst kurz und bündig, dann unterhielt er sich noch ein paar Augenblicke mit dem einen oder andern der Gäste auf Englisch und mit mehreren Beamten in einer indischen Sprache; zuletzt wurden, wie gewöhnlich, Kränze verteilt und die Festlichkeit war zu Ende.