Märchen

63. Hatto, Heriger und Willigis

63. Hatto, Heriger und Willigis

Drei Namen der ältesten Erzbischöfe von Mainz hat die Sage des Volkes insonderheit von Mund zu Mund bis auf die späte Nachwelt getragen.

Hatto war gar ein strenger Herr, zornigen, treulosen Gemütes, ohne Furcht vor Gott und ohne Liebe zu den Menschen. Er war es, der durch schändlichen Verrat den edlen Grafen Adalbert von Babenberg in das Lager König Ludwigs IV. lockte, welcher denselben enthaupten ließ. Wenn Bischof Hatto eine Rede bekräftigen wollte, so soll er immerdar das Wort im Munde geführt haben: Sollen mich die Mäuse fressen, wenn’s nicht wahr ist. Nun trug sich’s zu, daß unter Hattos Regierung eine große Not und Teurung entstand, daß die Leute Hunde und Katzen aßen und viele Hungers starben. Und da war des Bettelns und Gabenheischens in dem Bischofhof zu Mainz kein Ende, und meinte Hatto, es sei am besten, das arme Volk käme eilend von der Welt, so hungere es nicht mehr, und er bliebe ungeplagt. Ließ daher alle Armen der Stadt in eine Scheune draußen vor dem Tore entbieten, als wolle er ihnen eine Mahlzeit zurichten lassen, und als alle darinnen waren, ließ er das Scheunentor verschließen und die Scheune an allen vier Ecken anzünden. Da nun die Eingesperrten gar ein jämmerliches Geschrei erhoben, so sagte der grausame Bischof: Hört ihr, wie meine Kornmäuse pfeifen? Nun wird der Bettel wohl ein Ende haben, sollen mich die Mäuse fressen, wenn’s nicht wahr ist! – Und siehe, da sprang eine Schar Mäuse aus dem Brand der Scheune hervor und an den Bischof hinan, die bissen ihn, und ihm graute. Als er nach Hause kam und sich zur Tafel setzte, liefen Mäuse auf der Tafel herum, fraßen von seinen Speisen, fielen in seinen Becher und bissen ihn in die Hände. Über seiner Lagerstatt und unter ihr und in ihr waren Mäuse und quälten ihn mit wütenden Bissen – da erkannte Hatto schaudernd das Gericht Gottes. Nun stand bei Bingen im Rheinstrom eine Wasserburg, dahin enteilte der Bischof, dort sicher zu sein, denn über das Wasser, meinte er, würden die Mäuse nicht kommen. Aber ehe er noch in das Schiff trat, waren schon die Mäuse drin, und da half kein Totschlagen, denn sie verkrochen sich, und ganze Scharen Wassermäuse kamen, die schwammen mit dem Schiff in die Wette nach der Turminsel bei Bingen. Auf einem großen Rheinfloß waren nicht so viele Menschen als Mäuse in und um Bischof Hattos Schiff. Und als er in dem Turme war, da fielen sie ihn an und bissen ihn und fraßen ihn bei lebendigem Leibe, und er litt brennende Höllenschmerzen von den zahllosen Bissen und verfluchte seine Seele zu allen Teufeln. Und die Teufel ließen nicht allzu lange auf sich warten, sie kamen dahergefahren im lichterlohen Brande und nahmen seine Seele und, was vom Leib die Mäuse übriggelassen hatten, und warfen es in den Schlund des Ätna. Und wo an einer Wand oder auf einer Tafel der Name des Bischofs Hatto zu lesen war, den nagten die Mäuse ab, selbst sein Gedächtnis zu vertilgen. Seitdem heißt der Rest von Hattos Wasserburg im Rhein bei Bingen der Mäuseturm. – Eine ähnliche Sage von einem Mäuseturm geht auch in der Provinz Posen, der steht im Goplosee.

Ein frommerer Mann war Erzbischof Heriger, auch streng, aber gerecht. Einst kam gen Mainz ein Mensch, der rühmte sich großer Dinge. Himmel und Hölle habe er durchwandert, und im Paradiese habe er gesessen. Da nun Heriger nach der Hölle Gelegenheit fragte, so antwortete der falsche Prophet, die Hölle liege rings von dichten undurchdringlichen Wäldern umgeben, des lachte Heriger und sprach: In diesen Wäldern mag wohl gute Saumast gefunden werden. Aber sage an, was du im Himmel gesehen? – Im Himmel, antwortete der Sohn des Vaters der Lügen, da habe ich Christus sitzen sehen an großer Tafel, Sankt Johannes war sein Mundschenk – und Christus bewirtete alle Heiligen mit köstlichem Wein, und Sankt Petrus nahm sich des Kochens an und des Bratens, da gab es Essen in Fülle. Darauf sagte Bischof Heriger: Bessern Schenken als Sankt Johannes konnte sich Christus nicht erkiesen, denn dieser Gottesjünger trank nie Wein, während unsere Schenken viel trinken, aber Petrus kann doch nicht Koch im Himmel sein, da er des Himmels Pförtner ist. Doch sage an, welche Ehren dir im Himmel zuteil wurden? Welche Speise, welchen Trank ließ der Herr des Himmels dir reichen? An welchem Ort hast du gesessen? – Ich vermaß mich nicht, mich unter die seligen Himmelsgäste zu setzen, erwiderte der Lügner, sondern ich hielt mich heimlich in einem Winkel der Küche und nahm ein Leberlein oder Stückchen Lunge, das aß ich ungesehen. So hast du gestohlen in dem Himmel und konntest an dem heiligen Ort von deiner Art nicht lassen! rief der Bischof, und der Himmel sendet dich uns, daß wir dich dafür strafen. Ließ alsobald den Lügner an den Schandpfahl binden und mit Ruten stäupen, dann aber gehen, wohin er wollte.

Erzbischof Willigis war ein gelehrter und frommer Mann und von Herzen demütig. Er war von niederer und geringer Herkunft, sein Vater war ein armer Rademacher. Das machte ihm Neid bei den adeligen Domherren, die ihre Ahnenproben ablegen mußten und beschwören, die malten ihm heimlich Räder an die Türen und Wände seines Bischofhofes, zu Schmach und Schimpf, und spotteten: Das ist unsers Bischofs Ahnenwappen. Willigis aber, der fromme Mann, nahm sich das mitnichten als eines Spottes an, er ließ über seiner Bettstätte ein hölzernes Pflugrad aufhängen und in seine Gemächer weiße Räder in rote Wappenfelder malen und dazu einen Reim setzen, der lautete: Willigis, Willigis, denk, woher du kommen sid. Und nachher haben dem frommen Willigis zum Gedächtnis alle nach ihm kommenden Erzbischöfe dieses Rad als Wappenzeichen beibehalten, und Stadt und Bistum Mainz haben es angenommen und beibehalten bis auf den heutigen Tag.

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630. Der Dresdner Mönch

630. Der Dresdner Mönch

Zu Dresden hat vorzeiten ein Barfüßerkloster gestanden, welches Heinrich der Erlauchte, Markgraf zu Meißen, neben seinem Schlosse erbaute, das nannte man auch das Paraptenkloster wegen der Holzschuhe oder Sandalen, so jenesmals die Mönche trugen. Das Kloster hat mit dem Schlosse durch einen Gang in Verbindung gestanden und stand an der Stelle, wo man es heutiges Tages den Taschenberg nennt. Als das Kloster im Laufe der Zeit eingegangen war, ist noch ein Barfüßer übriggeblieben und hat umhergespukt in grauer Kutte, mit einer Laterne in der einen Hand und unterm Arme etwas tragend, und dieses Etwas war sein Kopf. Warum und wodurch der Mönch selbigen seinen Kopf von der rechten Stelle verloren, weiß niemand mehr, er machte aber auf diese Weise eine Art Nachtrunde, zeigte sich zuerst in der Nähe des Schlosses, umwandelte dann die Wälle und Bastionen der Altstadt und kam auch in die Stadt. Nur in der Mitternachtstunde geschahe das, und die Schildwachen wurden seiner gewohnt; niemand erfuhr von ihm ein Leid, niemand sähe klar, woher der Mönch kam und wo er verschwand. Wenn er mehrere Male kurz hintereinander erblickt wurde, hat es jedesmal den Tod einer Person des kurfürstlichen Hauses vorbedeutet oder sonst ein Unglück. Im Jahre 1698 am 5. Oktober zeigte er sich an allen Toren, vornehmlich aber am Pirnaischen, hatte aber auch schon vier und ein halbes Jahr früher, am 22. April 1694, sich lebhaft sehen lassen. Damals starb (am 27. April) Kurfürst Johann Georg IV. zu Dresden an den Kindesblattern. Im Jahre 1698 aber schlug zu Dresden am 9. November das Gewitter unter einem Regensturm und Schneegeplödere in den Schloßturm und entzündete denselben; tags darauf aber starb Herzog Johann Georg zu Sachsen-Eisenach auch an den Kindesblattern, und wurde von vielen die Mönchserscheinung für ein Vorzeichen gehalten. Es soll solche Mönchserscheinung niemals etwas Gutes bedeutet haben oder bedeuten.

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631. Der Rosenkranz

631. Der Rosenkranz

Zu Pirna an der Elbe, wo der Ablaßprediger Johannes Tetzel geboren ward, hatte eine fromme Jungfrauenhand bei einem Kirchenfeste einen blühenden Rosenkranz oder -zweig an die Wand gehangen und dabei ein Gelübde getan und einen Wunsch ausgesprochen, der mit dem Gelübde eng verbunden war. Der Kranz war längst verdorrt, aber doch nicht hinweggetan worden, niemand achtete seiner. Da geschah es im Jahr 1634, daß ein steinaltes Mütterlein in der Kirche saß und im heißen Gebet mit Gott rang. Du gnadenreicher Gott, mochte die Greisin beten, hast die Wünsche und Bitten erfüllt, die ich nun vor siebenzig Jahren in diesem deinen Tempel an dein Herz gelegt. O so erfülle mir noch einen Wunsch, gib mir ein Zeichen deiner Gnade und Barmherzigkeit, behüte dieses unser Städtlein vor des wilden Krieges Wüten, schenke ihm Frieden und mir einen sanften, seligen Tod! Und siehe, wie das Mütterlein seine Augen nach dem welken Rosenkranze richtete, den seine Hand vor siebenzig Jahren an jene Stelle gehangen, siehe – da grünte der Kranz und trieb neue junge Knospen, die zu Rosen ausblüheten, das Mütterlein aber ging ein zum ewigen Frieden. Und ward auch sein letzter Wunsch erfüllt und genau zu derselbigen Zeit in Pirna zwischen dem Kaiser und Kursachsen ein Friedensschluß durch Abgesandte beraten und beredet.

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626. Das wütende Heer auf dem Erzgebirge

626. Das wütende Heer auf dem Erzgebirge

Auf dem Schreckenberge, dem Scheibenberge und nach dem Kamm des Erzgebirges hinauf hat die wilde Jagd auch ihr Wesen und hetzt mit Hallo, Hörnerblasen und Hundegebell durch Luft und Kluft. Von Wiesenthal wollte eines Abends ein alter Priester frühzeitig nach Annaberg fahren; der Weg führte ihn lange hart an der sächsischen und böhmischen Grenze hin durch lauter Wald bis zum Städtlein Weipert, und der geistliche Herr fuhr zu sehr früher Zeit. Da erhob sich im tiefen Walde ein mächtig Jagdgetön, es schallte und knallte, es sauste und brauste – und waren doch weder Holzleute noch Jäger zu erblicken. Da nun der Priester ängstlich wurde ob des noch nie vernommenen Lärmens und den Fuhrmann fragte, was dieses Getöse sei und zu bedeuten habe, so antwortete dieser: Sorget Euch nicht, hochwürdiger Vater; es ist das wütende Heer, das tut uns nichts, wenn wir in Gottes Namen fahren! Und fuhr redlich hin.

Ein edler Junker des Namens Rudolf von Schmertzing, Erbsaß auf dem Hammergut Dörßel, hatte am Abend zu Annaberg manchen guten Trunk getan, wie Ritter Hermann von Hellerstein bei Treffurt in Creuzburg, und ritt in gleicher Verfassung ganz allein seines Weges nach Hause. Er ließ Buchholz links liegen, Dörßel rechts, ritt durch Schlettau und wollte durch die Unter-Scheibner Räume den Weg nach den Scheibner Mühlen zu nehmen, da hörte er auf den zum Fichtelberge hinansteigenden Höhen Jagdlärm von Hörnern und Hunden und ritt diesem lange nach, bis er endlich verirrt war und sein Pferd in einem Sumpfe stak. Mit Mühe gelang es ihm, sich selbst herauszuarbeiten und ein Vorwerk zu erreichen, wo er Leute gewann, die mit Seilen und Stangen das Pferd aus dem Moraste zogen.

Zu einem Manne, der am Wielenauer Berge mit einem Pferde arbeitete, ist ein angeschirrtes fremdes weißes Pferd ganz plötzlich gelaufen gekommen und hat sich selbst zu dem einen Pferde gespannt, da ging die Arbeit gar merklich rasch vonstatten, aber den Ackermann befiel eine bange Ahnung, und er wußte nicht, was er tun sollte; da es nun Mittagszeit war, so wollte er ausspannen, aber das andere fremde Pferd ging durch und riß das seinige mit sich fort, und rannen auf den nahen Tümpfel zu. Der erschrockene Ackermann rannte mit, hing sich an sein Pferd, fluchte und betete, da riß endlich jenes Pferd sich los und sprang mitten in den Tümpfel hinein, und jener behielt sein Pferd – in großer Bestürzung.

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627. Kreuz und Kelch

627. Kreuz und Kelch

Unter Annaberg liegt am Flüßchen Zschopau die kleine Stadt Wolkenstein und über ihr das gleichbenamte Schloß auf hohem Fels. In dieses Felsen schroffe Wand gewahrt der Wanderer ein großes Kreuz und einen Kelch tief eingehauen, und es geht die Sage, daß zu jener Zeit, als die Hussitenschlacht bei Aussig im Jahre 1426, welche für Sachsen so verderblich war, erfolgte, der Feind in das Sachsenland eingebrochen sei und auch das Erzgebirge verheerend überschwemmt habe. Da haben sie auch das Städtlein Wolkenstein berannt und eingenommen und sodann die Burg gestürmt, in welcher ein Priester die Besatzung zu mannhafter Verteidigung anfeuerte. Er hielt ein Kreuz in seiner Hand statt des Schwertes und kämpfte mit dem Schwert des Wortes für den alten Glauben. Als nun endlich auch Burg Wolkenstein überwältigt war und der mutige Priester in der Feinde Gewalt, da bedrängte ihn der Hussitenführer, überzugehen zu den Brüdern des Kelchs und dadurch sein Leben zu retten. Aber der Priester blieb unerschütterlich standhaft, er wollte seinem alten Glauben leben und sterben. Letzteres widerfuhr ihm schnell genug; die Feinde stürzten ihn samt seinem Kreuze die senkrechten Felsen von Wolkenstein herab, daß im jähen Sturz des Frommen Gebeine zerschmetterten, und schwangen jubelnd von der Mauer dicht darüber das Banner des Kelchs. Hernachmals, als die Hussiten die Gegend wieder verlassen, haben fromme Hände zum Andenken des Märtyrers das Kreuz und den Kelch tief in den Felsen eingegraben.

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628. Des Fahnenjunkers Sprung

628. Des Fahnenjunkers Sprung

An der Elbe linkem Ufer über Meißen liegt auf einem aussichtreichen Berge die Trümmer der Burg Scharfenberg, welche Burg schon Kaiser Heinrich I.

erbaut und Kaiser Otto I. vollendet haben soll. Die Burg war nach und nach ein Lehen mehrerer namhafter Ritterfamilien, so der Vitzthume von Eckstädt, derer von Schleinitz und von Miltitz, deren einer, Haubold, bald nach dem Dreißigjährigen Kriege die Burg ganz neu baute. Aber im August 1783 ward sie durch einen Blitzstrahl entzündet und durch die Flamme zur Ruine. Im Dreißigjährigen Kriege lag eine Besatzung auf der Burg, da geschähe ein Überfall des Feindes und überwältigte die schwache Bemannung der Burg. Der Fahnenjunker, der sein Banner ergriffen hatte, zog sich kämpfend zurück, jeden Schritt verteidigend, einer nach dem andern seiner Kameraden fiel. Fest hielt er die Fahne, endlich stand er noch ganz allein, von einem wildandringenden Feind umgeben. Solange ich lebe, sollt ihr die Fahne nicht haben! rief er aus, und im höchsten Augenblick der Gefahr, wo der Kampf bis in ein Zimmer des Oberschosses sich gezogen, stieß der Sturm einen Fensterflügel des Zimmers auf, in dem der Fahnenjunker sich nur noch schwach verteidigte. Das nahm er als einen Wink von oben, stieß mit der Wucht des Fahnenspeeres noch zwei Feinde nieder, kehrte sich schnell, die Fahne voraus, nach dem Fenster und sprang, sich Gott befehlend, in den tiefen Abgrund. Und ein Wunder trug ihn samt seiner Fahne unversehrt zum Grunde. Hernach hat sich die Sage verbreitet, der Ritter an der Hauptseite des Schlosses Scharfenberg, der eine Wappenfahne hält, solle diesen mutigen Kämpfer vorstellen und sein Andenken verewigen.

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62. Das goldne Mainz

62. Das goldne Mainz

Mainz, die uralte Römerstadt nahe dem Zusammenströmen des Rhein und Main, von welch letzterm sie den Namen hat, wurde auch, gleich der aurea Roma, golden genannt, und eine angebaute Berghöhe über der Stadt empfing den Namen die goldne Luft. Viele haltlose Fabeln sind aufgebracht worden, wovon der Name der Stadt herzuleiten, während doch nichts näher lag als der Nachbarstrom. Die Römer gründeten dort Werke, deren Trümmer noch sichtbar sind, deren Name noch forthallt. Ein noch dauerbareres Werk, das Christentum, in Mainz eingeführt und befestigt, führte die Stadt zu hoher Blüte. Winfried Bonifazius wurde der erste Erzbischof zu Mainz, durch ihn und seinen mächtigen Einfluß ward der Grund gelegt, daß der Erzbischofsstuhl in dieser Stadt der bedeutendste in Deutschland wurde, und daß der Erzbischof von Mainz später zugleich des Reiches Kurfürst, der erste Mann nach dem Kaiser war. Doch soll Winfried nicht allezeit die Pracht und Macht gutgeheißen haben, die in der Kirche immer höher stieg, sondern vielmehr gesagt und geklagt haben: Vordessen waren die Priester golden und bedienten sich hölzerner Kelche, in unsern Zeiten aber bedienen sich hölzerne Priester goldner Kelche – und Spruch wie Sache vererbten sich so fort durch alle kommenden Zeiten, nicht nur im goldnen Mainz.

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629. Hans Jagenteufel

629. Hans Jagenteufel

Zu Dresden ging am 13. Oktober 1644 Sonntags früh eine Frau mit ihrer Tochter in die Heide und lasen Eicheln auf bis mittags elf Uhr. Da sie zur Predigt läuten hörten, ging die bereits verheiratete Tochter von der Mutter hinweg und nach der Stadt zurück. Es regnete stark, und eine Viertelstunde später befand sich die Mutter in einem Waldgründchen links der Radebergischen Straße in der Nähe der Stelle, wo man es das verlorene Wasser nennt. Da hörte sie den Schall eines stark geblasenen Jägerhorns, dann einen krachenden Fall, wie wenn ein Baum fiele, glaubte Förster nahe und barg ihr Eichelsäcklein im Gebüsch; darauf hörte sie noch einmal den Hornschall und sah gleich darauf einen Jäger ohne Kopf auf einem Grauschimmel mit aller Jagdwehr, Hirschfänger und Hifthorn, im langen grautuchenen Rock, gestiefelt und gespornt. Er ritt anfänglich etwas geschwinde, dann langsam und still vorüber, und sie konnte ihm ziemlich weit nachsehen. Hierauf setzte sie ihr Eichelsuchen fort und ging erst am Nachmittage nach Hause. Neun Tage später ging dieselbe Frau allein in die Heide, sammelte wieder Eicheln, setzte sich der Radebergischen Straße rechts am Fürstenberge ins Gebüsch und begann einen Apfel zu schälen, da scholl hinter ihr eine Stimme: Habt Ihr den Sack voll? Seid Ihr nicht gepfändet worden? Ihr habt wohl gute Förster? – Sie antwortete: Die Förster sind fromm, sie haben mir nichts getan. Ach Gott, bis mir Sünder gnädig! – Da sie nun zur Seite aufwärts sähe, erblickte sie denselben Mann, aber ohne Pferd, an ihrer Seite, der hatte den Kopf mit bräunlichem Kraushaar unterm Arm und sprach: Ihr tut wohl, daß Ihr um Vergebung der Sünden bittet, mir hat es also gut nicht werden sollen, und die Förster tun wohl, wenn sie den Armen nicht allzu scharf sind. Dadurch kam ich vor hundertundeinunddreißig Jahren in die Verdammnis. Mein Vater – o daß ich ihm nachgefolgt wäre – hieß Hans Jagenteufel, wie ich, sein einziger Sohn. Wir waren beide hier Förster. Sage den Menschen, sie sollen Buße tun! Große Strafe wird Gott über Dresden verhängen, zwei neue Heere werden kommen, eins ist schon im Anzüge. Gott droht mit einem so großen Sterben, daß an Totengräbern Mangel sein wird. Saget es, daß die Menschen abstehen sollen von ihren Lastern. Dann wird Gott das nächste Jahr segnen mit Früchten aller Art. Wollet Ihr das ansagen? Gebt mir die Hand darauf! – Das heftig erschrockene Weib stand verstummt und zitternd. Wollet Ihr es sagen? fragte noch einmal der Mann, und sie stammelte ein: Ja! – So gebt mir die Hand darauf! – Und sie tat es in Gottes Namen, und die Hand des Mannes war kalt wie Schnee, und sie zuckte zurück mit unsäglichem Grauen. Der Mann aber sprach wieder: Fürchtet Euch nicht! Euch scheint meine Hand kalt anzufühlen, mir aber brennt sie ewiglich und ohn Ende – ich quäle niemand – oh – ich bin selbst gequält! – und damit verschwand Hans Jagenteufels ruheloser Geist. – Wohl verkündete die Frau die gehabte Erscheinung, aber die Menschen haben sich wenig gebessert und sind selbst Jagenteufel geblieben nach allen Lüsten.

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620. Geist Mützchen

620. Geist Mützchen

Bei Freiberg ist ein Gehölz, das heißt der heimische Busch, und in demselben hauste vordessen ein Kobold, den die Leute Mützchen nannten und damit an den bekannten Kobold Hütchen erinnerten. Geist Mützchen gehörte zu jenen gespenstigen Hockelmännchen, die sich den Reisenden und solchen Leuten, die im Walde Geschäfte hatten, aufhockten und sich weite Strecken tragen ließen, bis die Leute ganz abgemattet waren und fast odemlos umsanken. Wenn sie ihn nun fast nicht mehr tragen konnten, hüpfte er von ihrem Rücken plötzlich weg, schnellte auf einen Baum und schlug ein schmetterndes Gelächter auf. Dies arge Possenspiel trieb Geist Mützchen absonderlich im Jahre 1573, und sind viele Personen durch sein Aufhockeln krank geworden. Mützchen glich in allem dem Geist Osschaert im Wanslande und machte gar wunderliche Grimassen, wenn es ihm beliebte, sich erblicken zu lassen. Eine Butterhökerin fand einen prächtigen Käse im heimischen Busch. Des Fundes froh und überrechnend, was sie dafür lösen werde, legte sie ihn in ihren Tragkorb, da wurde der Korb so schwer, so schwer, daß sie endlich von der Last niedergezogen ward und in die Kniee sank und den Korb abwarf, da rollte ein Mühlstein aus dem Korbe und in die Büsche, und aus den Büschen schaute Mützchen mit gellendem Gelächter, daher man auch von einem hell und grell Lachenden zu sagen pflegt: Der lacht wie ein Kobold. Den Namen aber hatte Mützchen von seiner Nebelkappe, die ihn unsichtbar machte, und wenn er sie abtat, so sah man ihn, und dann setzte er sie oft plötzlich wieder auf und war im Nu verschwunden, davon ist das Sprüchwort entstanden, wenn jemand etwas sucht und es an einem Orte gesehen zu haben überzeugt ist und es nun doch nicht finden kann, daß man sagt: Ja, da sitzt es und hat Mützchen auf – nämlich der Zwerglein unsichtbar machendes Nebelkäppchen.

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621. Gottes Gericht

621. Gottes Gericht

Sankt Benno, der Slaven Apostel, der im Heiligental bei Meißen die Frösche stumm machte, war ein Mann Gottes und Bischof zu Meißen vierzig Jahre hindurch und tat mächtige Wunder. Da regierte Markgraf Otto zu Meißen, der machte die Güter der Kirche sich zu eigen, denn er meinte, der Kirche gehöre kein irdisches Gut, sie solle sich am himmlischen genügen lassen. Sankt Benno stellte dem Markgrafen freundlich vor, daß er mit solchem Tun sich versündige, und er solle der Kirche zurückgeben, was er ihr genommen, oder den gerechten Richter fürchten, der alles Unrecht sehe und räche. Diese Rede mißfiel dem Markgrafen Otto über die Maßen, er hob die Hand und schlug hin und gab dem Bischof einen derben Backenstreich. Da rief Sankt Benno: Diesen Schlag wird Gott heute übers Jahr an dir, Markgraf, rächen! – Der Markgraf aber lachte und spottete: Du bist wohl des Herrgotts geheimer Rat und Himmelreichskanzler, Bischof? – Der Bischof schwieg und kränkte sich, und begann von dem Tage an zu kränkeln, und starb bald darauf mit frommem Gebet, und ward als ein Heiliger verehrt und betrauert. – Als das Jahr 1106 herum war und der Tag wiederkam, war der Markgraf frisch und gesund, und war ihm nichts Übles widerfahren, und gedachte, da der Tag fast herum war, des Bischofs und dessen drohender Prophezeiung, und sagte: Wo bleibt nun Bennos Weissagung? Sie ist in den Topf gefallen. Kaum hatte der Markgraf das Wort gesprochen, so durchschlug ihm des jähen Todes Hand Mark und Bein, daß er plötzlich zu Boden stürzte und nur noch schrie: Helft! Helft! Da war aber kein Helfer da und keine Hülfe mehr, es riß ihn die allgewaltige Hand des Todes vor das Gericht Gottes.

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