Märchen

Der Zaunkönig

Gebrüder Grimm

Der Zaunkönig

In den alten Zeiten, da hatte jeder Klang noch Sinn und Bedeutung. Wenn der Hammer des Schmieds ertönte, so rief er: »Smiet mi to! Smiet mi to!« Wenn der Hobel des Tischlers schnarrte, so sprach er: »Dor häst! Dor, dor häst!« Fing das Räderwerk der Mühle an zu klappern, so sprach es: »Help, Herr Gott! Help, Herr Gott!«, und war der Müller ein Betrüger und ließ die Mühle an, so sprach sie hochdeutsch und fragte erst langsam: »Wer ist da? Wer ist da?«, dann antwortete sie schnell: »Der Müller! Der Müller!«, und endlich ganz geschwind: »Stiehlt tapfer, stiehlt tapfer, vom Achtel drei Sechter.«

Zu dieser Zeit hatten auch die Vögel ihre eigene Sprache, die jedermann verstand, jetzt lautet es nur wie ein Zwitschern, Kreischen und Pfeifen und bei einigen wie Musik ohne Worte. Es kam aber den Vögeln in den Sinn, sie wollten nicht länger ohne Herrn sein und einen unter sich zu ihrem König wählen. Nur einer von ihnen, der Kiebitz, war dagegen; frei hatte er gelebt, und frei wollte er sterben, und angstvoll hin und her fliegend rief er: »Wo bliew ick? Wo bliew ick?« Er zog sich zurück in einsame und unbesuchte Sümpfe und zeigte sich nicht wieder unter seinesgleichen.

Die Vögel wollten sich nun über die Sache besprechen, und an einem schönen Maimorgen kamen sie alle aus Wäldern und Feldern zusammen, Adler und Buchfinke, Eule und Krähe, Lerche und Sperling, was soll ich sie alle nennen? Selbst der Kuckuck kam und der Wiedehopf, sein Küster, der so heißt, weil er sich immer ein paar Tage früher hören läßt; auch ein ganz kleiner Vogel, der noch keinen Namen hatte, mischte sich unter die Schar. Das Huhn, das zufällig von der ganzen Sache nichts gehört hatte, verwunderte sich über die große Versammlung.

»Wat, wat, wat is den dar to don?« gackerte es, aber der Hahn beruhigte seine liebe Henne und sagte: »Luter riek Lüd!«, erzählte ihr auch, was sie vorhätten. Es ward aber beschlossen, daß der König sein sollte, der am höchsten fliegen könnte. Ein Laubfrosch, der im Gebüsche saß, rief, als er das hörte, warnend: »Natt, natt, natt! Natt, natt, natt!«, weil er meinte, es würden deshalb viel Tränen vergossen werden. Die Krähe aber sagte: »Quark ok!«, es sollte alles friedlich abgehen.

Es ward nun beschlossen, sie wollten gleich an diesem schönen Morgen aufsteigen, damit niemand hinterher sagen könnte: »Ich wäre wohl noch höher geflogen, aber der Abend kam, da konnte ich nicht mehr.« Auf ein gegebenes Zeichen erhob sich also die ganze Schar in die Lüfte. Der Staub stieg da von dem Felde auf, es war ein gewaltiges Sausen und Brausen und Fittichschlagen, und es sah aus, als wenn eine schwarze Wolke dahinzöge. Die kleinern Vögel aber blieben bald zurück, konnten nicht weiter und fielen wieder auf die Erde. Die größern hielten’s länger aus, aber keiner konnte es dem Adler gleichtun, der stieg so hoch, daß er der Sonne hätte die Augen aushacken können. Und als er sah, daß die andern nicht zu ihm herauf konnten, so dachte er: Was willst du noch höher fliegen, du bist doch der König, und fing an sich wieder herabzulassen. Die Vögel unter ihm riefen ihm alle gleich zu: »Du mußt unser König sein, keiner ist höher geflogen als du.«

»Ausgenommen ich«, schrie der kleine Kerl ohne Namen, der sich in die Brustfedern des Adlers verkrochen hatte. Und da er nicht müde war, so stieg er auf und stieg so hoch, daß er Gott auf seinem Stuhle konnte sitzen sehen. Als er aber so weit gekommen war, legte er seine Flügel zusammen, sank herab und rief unten mit feiner, durchdringender Stimme: »König bün ick! König bün ick!«

»Du unser König?« schrien die Vögel zornig. »Durch Ränke und Listen hast du es dahin gebracht.« Sie machten eine andere Bedingung, der sollte ihr König sein, der am tiefsten in die Erde fallen könnte. Wie klatschte da die Gans mit ihrer breiten Brust wieder auf das Land! Wie scharrte der Hahn schnell ein Loch! Die Ente kam am schlimmsten weg, sie sprang in einen Graben, verrenkte sich aber die Beine und watschelte fort zum nahen Teiche mit dem Ausruf: »Pracherwerk! Pracherwerk!« Der Kleine ohne Namen aber suchte ein Mäuseloch, schlüpfte hinab und rief mit seiner feinen Stimme heraus: »König bün ick! König bün ick!«

»Du unser König?« riefen die Vögel noch zorniger. »Meinst du, deine Listen sollten gelten?« Sie beschlossen, ihn in seinem Loch gefangenzuhalten und auszuhungern. Die Eule ward als Wache davorgestellt; sie sollte den Schelm nicht herauslassen, so lieb ihr das Leben wäre. Als es aber Abend geworden war und die Vögel von der Anstrengung beim Fliegen große Müdigkeit empfanden, so gingen sie mit Weib und Kind zu Bett. Die Eule allein blieb bei dem Mäuseloch stehen und blickte mit ihren großen Augen unverwandt hinein.

Indessen war sie auch müde geworden und dachte: Ein Auge kannst du wohl zutun, du wachst ja noch mit dem andern, und der kleine Bösewicht soll nicht aus seinem Loch heraus. Also tat sie das eine Auge zu und schaute mit dem andern steif auf das Mäuseloch. Der kleine Kerl guckte mit dem Kopf heraus und wollte wegwitschen, aber die Eule trat gleich davor, und er zog den Kopf wieder zurück. Dann tat die Eule das eine Auge wieder auf und das andere zu und wollte so die ganze Nacht abwechseln. Aber als sie das eine Auge wieder zumachte, vergaß sie das andere aufzutun, und sobald die beiden Augen zu waren, schlief sie ein. Der Kleine merkte das bald und schlüpfte weg.

Von der Zeit an darf sich die Eule nicht mehr am Tage sehen lassen, sonst sind die andern Vögel hinter ihr her und zerzausen ihr das Fell. Sie fliegt nur zur Nachtzeit aus, haßt aber und verfolgt die Mäuse, weil sie solche böse Löcher machen. Auch der kleine Vogel läßt sich nicht gerne sehen, weil er fürchtet, es ginge ihm an den Kragen, wenn er erwischt würde. Er schlüpft in den Zäunen herum, und wenn er ganz sicher ist, ruft er wohl zuweilen: »König bün ick!«, und deshalb nennen ihn die andern Vögel aus Spott Zaunkönig.

Niemand aber war froher als die Lerche, daß sie dem Zaunkönig nicht zu gehorchen brauchte. Wie sich die Sonne blicken läßt, steigt sie in die Lüfte und ruft: »Ach, wo is dat schön! Schön is dat! Schön! Schön! Ach, wo is dat schön!«

Der Zaunkönig und der Bär

Gebrüder Grimm

Der Zaunkönig und der Bär

Zur Sommerszeit gingen einmal der Bär und der Wolf im Wald spazieren. Da hörte der Bär so schönen Gesang von einem Vogel und sprach: „Bruder Wolf, was ist das für ein Vogel, der so schön singt?“ Das ist der König der Vögel“, sagte der Wolf, „vor dem müssen wir uns neigen“; es war aber der Zaunkönig. „Wenn das ist“, sagte der Bär, „so möcht ich auch gerne seinen königlichen Palast sehen, komm und führe mich hin!“ „Das geht nicht so, wie du meinst“, sprach der Wolf, „du mußt warten, bis die Frau Königin kommt.“ Bald darauf kam die Frau Königin und hatte Futter im Schnabel und der Herr König auch, und wollten ihre Jungen atzen. Der Bär wäre gerne nun gleich hinterdrein gegangen, aber der Wolf hielt ihn am Ärmel und sagte: „Nein, du mußt warten, bis Herr und Frau Königin wieder fort sind.“ Also nahmen sie das Loch in acht, wo das Nest stand, und trabten wieder ab. Der Bär aber hatte keine Ruhe, wollte den königlichen Palast sehen, und ging nach einer kurzen Weile wieder vor. Da waren König und Königin richtig ausgeflogen. Er guckte hinein und sah fünf oder sechs Junge, die lagen darin. „Ist das der königliche Palast?“ rief der Bär, „das ist ein erbärmlicher Palast! Ihr seid auch keine Königskinder, ihr seid unehrliche Kinder!“ Wie das die jungen Zaunkönige hörten, wurden sie gewaltig bös und schrien: „Nein, das sind wir nicht, unsere Eltern sind ehrliche Leute, Bär, das soll ausgemacht werden mit dir.“ Dem Bär und dem Wolf ward angst, sie kehrten um und setzten sich in ihre Höhlen. Die jungen Zaunkönige aber schrien und lärmten fort, und als ihre Eltern wieder Futter brachten, sagten sie: „Wir rühren kein Fliegenbeinchen an, und sollten wir verhungern, bis ihr erst ausgemacht habt, ob wir ehrliche Kinder sind oder nicht; der Bär ist dagewesen und hat uns gescholten.“ Da sagte der alte König: „Seid nur ruhig, das soll ausgemacht werden.“ Flog darauf mit der Frau Königin dem Bären vor seine Höhle und rief hinein: „Alter Brummbär, warum hast du meine Kinder gescholten? Das soll dir übel bekommen, das wollen wir in einem blutigen Krieg ausmachen.“ Also war dem Bären der Krieg angekündigt und ward alles vierfüßige Getier berufen, Ochs, Esel, Rind, Hirsch, Reh, und was die Erde sonst alles trägt. Der Zaunkönig aber berief alles, was in der Luft fliegt; nicht allein die Vögel groß und klein, sondern auch die Mücken, Hornissen, Bienen und Fliegen mußten herbei.

Als nun die Zeit kam, wo der Krieg angehen sollte, da schickte der Zaunkönig Kundschafter aus, wer der kommandierende General des Feindes wäre. Die Mücke war die listigste von allen, schwärmte im Wald, wo der Feind sich versammelte, und setzte sich endlich unter ein Blatt auf den Baum, wo die Parole ausgegeben wurde. Da stand der Bär, rief den Fuchs vor sich und sprach: „Fuchs, du bist der schlaueste unter allem Getier, du sollst General sein und uns anführen.“ „Gut“, sagte der Fuchs, „aber was für Zeichen wollen wir verabreden?“ Niemand wußte es. Da sprach der Fuchs: „Ich habe einen schönen, langen, buschigen Schwanz, der sieht aus fast wie ein roter Federbusch; wenn ich den Schwanz in die Höhe halte, so geht die Sache gut, und ihr müßt darauf los marschieren; laß ich ihn aber herunterhängen, so lauft, was ihr könnt!“ Als die Mücke das gehört hatte, flog sie wieder heim und verriet dem Zaunkönig alles haarklein.

Als der Tag anbrach, wo die Schlacht sollte geliefert werden, hu, da kam das vierfüßige Getier dahergerannt mit Gebraus, daß die Erde zitterte; der Zaunkönig mit seiner Armee kam auch durch die Luft daher; die schnurrte, schrie und schwärmte, daß einem angst und bange ward; und gingen sie da von beiden Seiten aneinander. Der Zaunkönig aber schickte die Hornisse hinab, sie sollte sich dem Fuchs unter den Schwanz setzen und aus Leibeskräften stechen. Wie nun der Fuchs den ersten Stich bekam, zuckte er, daß er das eine Bein aufhob, doch ertrug er’s und hielt den Schwanz noch in der Höhe; beim zweiten Stich mußte er ihn einen Augenblick herunterlassen; beim dritten aber konnte er sich nicht mehr halten, schrie und nahm den Schwanz zwischen die Beine. Wie das die Tiere sahen, meinten sie, alles wäre verloren, und fingen an zu laufen, jeder in seine Höhle. Und die Vögel hatten die Schlacht gewonnen.

Da flogen der Herr König und die Frau Königin heim zu ihren Kindern und riefen: „Kinder, seid fröhlich, eßt und trinkt nach Herzenslust, wir haben den Krieg gewonnen!“ Die jungen Zaunkönige aber sagten: „Noch essen wir nicht, der Bär soll erst vors Nest kommen und Abbitte tun und soll sagen, daß wir ehrliche Kinder sind.“ Da flog der Zaunkönig vor das Loch des Bären und rief: „Brummbär, du sollst vor das Nest zu meinen Kindern gehen und Abbitte tun und sagen, daß sie ehrliche Kinder sind, sonst sollen dir die Rippen im Leib zertreten werden!“ Da kroch der Bär in der größten Angst hin und tat Abbitte. Jetzt waren die jungen Zaunkönige erst zufrieden, setzten sich zusammen, aßen und tranken und machten sich lustig bis in die späte Nacht hinein.

Der wunderliche Spielmann

Gebrüder Grimm

Der wunderliche Spielmann

Es war einmal ein wunderlicher Spielmann, der ging durch einen Wald mutterselig allein und dachte hin und her, und als für seine Gedanken nichts mehr übrig war, sprach er zu sich selbst ‚mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen guten Gesellen herbeiholen.‘ Da nahm er die Geige vom Rücken und fiedelte eins, daß es durch die Bäume schallte. Nicht lange, so kam ein Wolf durch das Dickicht dahergetrabt. ‚Ach, ein Wolf kommt! nach dem trage ich kein Verlangen,‘ sagte der Spielmann: aber der Wolf schritt näher und sprach zu ihm ‚ei, du lieber Spielmann, was fiedelst du so schön! das möcht ich auch lernen.‘ ‚Das ist bald gelernt,‘ antwortete ihm der Spielmann, ‚du mußt nur alles tun, was ich dich heiße.‘ ‚O Spielmann,‘ sprach der Wolf, ‚ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.‘ Der Spielmann hieß ihn mitgehen, und als sie ein Stück Wegs zusammen gegangen waren, kamen sie an einen alten Eichbaum, der innen hohl und in der Mitte aufgerissen war. ‚Sieh her,‘ sprach der Spielmann, ‚willst du fiedeln lernen, so lege die Vorderpfoten in diesen Spalt.‘ Der Wolf gehorchte, aber der Spielmann hob schnell einen Stein auf und keilte ihm die beiden Pfoten mit einem Schlag so fest, daß er wie ein Gefangener da liegen bleiben mußte. ‚Warte da so lange, bis ich wiederkomme,‘ sagte der Spielmann und ging seines Weges.

Über eine Weile sprach er abermals zu sich selber ‚mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen andern Gesellen herbeiholen,‘ nahm seine Geige und fiedelte wieder in den Wald hinein. Nicht lange, so kam ein Fuchs durch die Bäume dahergeschlichen. ‚Ach, ein Fuchs kommt!, sagte der Spielmann, ’nach dem trage ich kein Verlangen.‘ Der Fuchs kam zu ihm heran und sprach ‚ei, du lieber Spielmann, was fiedelst du so schön! das möchte ich auch lernen.‘ ‚Das ist bald gelernt,‘ sprach der Spielmann, ‚du mußt nur alles tun, was ich dich heiße.‘ ‚O Spielmann,‘ antwortete der Fuchs, ‚ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.‘ ‚Folge mir,‘ sagte der Spielmann, und als sie ein Stück Wegs gegangen waren, kamen sie auf einen Fußweg, zu dessen beiden Seiten hohe Sträuche standen. Da hielt der Spielmann still, bog von der einen Seite ein Haselnußbäumchen zur Erde herab und trat mit dem Fuß auf die Spitze, dann bog er von der andern Seite noch ein Bäumchen herab und sprach ‚wohlan, Füchslein, wenn du etwas lernen willst, so reich mir deine linke Vorderpfote.‘ Der Fuchs gehorchte und der Spielmann band ihm die Pfote an den linken Stamm. ‚Füchslein,‘ sprach er, ’nun reich mir die rechte,‘ die band er ihm an den rechten Stamm. Und als er nachgesehen hatte, ob die Knoten der Stricke auch fest genug waren, ließ er los, und die Bäumchen. fuhren in die Höhe und schnellten das Füchslein hinauf, daß es in der Luft schwebte und zappelte. ‚Warte da so lange, bis ich wiederkomme,‘ sagte der Spielmann und ging seines Weges.

Wiederum sprach er zu sich ‚Zeit und Weile wird mir hier im Walde lang; ich will einen andern Gesellen herbeiholen,‘ nahm seine Geige, und der Klang erschallte durch den Wald. Da kam ein Häschen dahergesprungen. ‚Ach, ein Hase kommt!‘ sagte der Spielmann, ‚den wollte ich nicht haben.‘ ‚Ei, du lieber Spielmann,‘ sagte das Häschen, ‚was fiedelst du so schön, das möcht ich auch lernen.‘ ‚Das ist bald gelernt,‘ sprach der Spielmann, ‚du mußt nur alles tun, was ich dich heiße.‘ ‚O Spielmann,‘ antwortete das Häslein, ‚ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.‘ Sie gingen ein Stück Wegs zusammen, bis sie zu einer lichten Stelle im Wald kamen, wo ein Espenbaum stand. Der Spielmann band dem Häschen einen langen Bindfaden um den Hals, wovon er das andere Ende an den Baum knüpfte. ‚Munter, Häschen, jetzt spring mir zwanzigmal um den Baum herum,‘ rief der Spielmann, und das Häschen gehorchte, und wie es zwanzigmal herumgelaufen war, so hatte sich der Bindfaden zwanzigmal um den Stamm gewickelt, und das Häschen war gefangen, und es mochte ziehen und zerren, wie es wollte, es schnitt sich nur den Faden in den weichen Hals. ‚Warte da so lang, bis ich wiederkomme,‘ sprach der Spielmann und ging weiter.

Der Wolf indessen hatte gerückt, gezogen, an dem Stein gebissen, und so lange gearbeitet, bis er die Pfoten frei gemacht und wieder aus der Spalte gezogen hatte. Voll Zorn und Wut eilte er hinter dem Spielmann her, und wollte ihn zerreißen. Als ihn der Fuchs laufen sah, fing er an zu jammern und schrie aus Leibeskräften ‚Bruder Wolf, komm mir zur Hilfe, der Spielmann hat mich betrogen.‘ Der Wolf zog die Bäumchen herab, biß die Schnüre entzwei und machte den Fuchs frei, der mit ihm ging und an dem Spielmann Rache nehmen wollte. Sie fanden das gebundene Häschen, das sie ebenfalls erlösten, und dann suchten alle zusammen ihren Feind auf.

Der Spielmann hatte auf seinem Weg abermals seine Fiedel erklingen lassen, und diesmal war er glücklicher gewesen. Die Töne drangen zu den Ohren eines armen Holzhauers, der alsbald, er mochte wollen oder nicht, von der Arbeit abließ, und mit dem Beil unter dem Arme herankam, die Musik zu hören. ‚Endlich kommt doch der rechte Geselle,‘ sagte der Spielmann, ‚denn einen Menschen suchte ich und keine wilden Tiere.‘ Und fing an und spielte so schön und lieblich, daß der arme Mann wie bezaubert dastand, und ihm das Herz vor Freude aufging. Und wie er so stand, kamen der Wolf, der Fuchs und das Häslein heran, und er merkte wohl, daß sie etwas Böses im Schilde führten. Da erhob er seine blinkende Axt und stellte sich vor den Spielmann, als wollte er sagen ‚wer an ihn will, der hüte sich, der hat es mit mir zu tun.‘ Da ward den Tieren angst, und liefen in den Wald zurück, der Spielmann aber spielte dem Manne noch eins zum Dank und zog dann weiter.

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

Gebrüder Grimm

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein. Sie hatte sie so lieb, wie eben eine Mutter ihre Kinder liebhat. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter holen. Da rief sie alle sieben herbei und sprach: »Liebe Kinder, ich muß hinaus in den Wald. Seid inzwischen brav, sperrt die Türe gut zu und nehmt euch in acht vor dem Wolf! Wenn er hereinkommt, frißt er euch mit Haut und Haaren. Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn gleich erkennen.«

Die Geißlein sagten: »Liebe Mutter, wir wollen uns schon in acht nehmen, du kannst ohne Sorge fortgehen.« Da meckerte die Alte und machte sich getrost auf den Weg.

Es dauerte nicht lange, da klopfte jemand an die Haustür und rief: »Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht!« Aber die Geißlein hörten an der rauhen Stimme, daß es der Wolf war. »Wir machen nicht auf«, riefen sie, »du bist nicht unsere Mutter. Die hat eine feine und liebliche Stimme, deine Stimme aber ist rauh. Du bist der Wolf!«

Da ging der Wolf fort zum Krämer und kaufte sich ein großes Stück Kreide. Er aß es auf und machte damit seine Stimme fein. Dann kam er zurück, klopfte an die Haustür und rief: »Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht!«

Aber der Wolf hatte seine schwarze Pfote auf das Fensterbrett gelegt. Das sahen die Kinder und riefen: »Wir machen nicht auf! Unsere Mutter hat keinen schwarzen Fuß wie du. Du bist der Wolf!«

Da lief der Wolf zum Bäcker und sprach: »Ich habe mir den Fuß angestoßen, streich mir Teig darüber!«

Als ihm der Bäcker die Pfote bestrichen hatte, lief er zum Müller und sprach: »Streu mir weißes Mehl auf meine Pfote!« Der Müller dachte, der Wolf wolle jemanden betrügen, und weigerte sich. Aber der Wolf sprach: »Wenn du es nicht tust, fresse ich dich!« Da fürchtete sich der Müller und machte ihm die Pfote weiß.

Nun ging der Bösewicht zum dritten Mal zu der Haustür, klopfte an und sprach: »Macht auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist heimgekommen und hat jedem von euch etwas aus dem Wald mitgebracht!«

Die Geißlein riefen: »Zeig uns zuerst deine Pfote, damit wir wissen, daß du unser liebes Mütterchen bist.«

Da legte der Wolf die Pfote auf das Fensterbrett. Als die Geißlein sahen, daß sie weiß war, glaubten sie, es wäre alles wahr, was er sagte, und machten die Türe auf.

Wer aber hereinkam, war der Wolf! Die Geißlein erschraken und wollten sich verstecken. Das eine sprang unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel, das siebente in den Kasten der Wanduhr. Aber der Wolf fand sie und verschluckte eines nach dem andern. Nur das jüngste in dem Uhrkasten, das fand er nicht.

Als der Wolf satt war, trollte er sich fort, legte sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum und fing an zu schlafen.

Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Walde wieder heim. Ach, was mußte sie da erblicken! Die Haustür stand sperrangelweit offen, Tisch, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben, Decken und Polster waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder, aber nirgends waren sie zu finden. Sie rief sie nacheinander bei ihren Namen, aber niemand antwortete. Endlich, als sie das jüngste rief, antwortete eine feine Stimme: »Liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten!«

Da holte die Mutter das junge Geißlein aus seinem Versteck heraus, und es erzählte ihr, daß der Wolf gekommen wäre und die anderen alle gefressen hätte. Ihr könnt euch denken, wie da die alte Geiß über ihre armen Kinder geweint hat!

Endlich ging sie in ihrem Jammer hinaus, und das jüngste Geißlein lief mit. Als sie auf die Wiese kamen, lag der Wolf immer noch unter dem Baum und schnarchte, daß die Äste zitterten. Die alte Geiß betrachtete ihn von allen Seiten und sah, daß in seinem vollen Bauch sich etwas regte und zappelte. Ach, Gott, dachte sie, sollten meine armen Kinder, die er zum Nachtmahl hinuntergewürgt hat, noch am Leben sein?

Da mußte das Geißlein nach Hause laufen und Schere, Nadel und Zwirn holen. Dann schnitt die alte Geiß dem Bösewicht den Bauch auf. Kaum hatte sie den ersten Schnitt getan, da streckte auch schon ein Geißlein den Kopf heraus. Und als sie weiterschnitt, sprangen nacheinander alle sechs heraus. Sie waren alle heil und gesund, denn der Wolf hatte sie in seiner Gier ganz hinuntergeschluckt.

Das war eine Freude! Da herzten sie ihre liebe Mutter und hüpften wie Schneider bei einer Hochzeit. Die Alte aber sagte: »Jetzt geht und sucht große Steine, damit wollen wir dem bösen Tier den Bauch füllen, solange es noch im Schlafe liegt.«

Da schleppten die sieben Geißlein in aller Eile Steine herbei und steckten ihm so viele in den Bauch, als sie nur hineinbringen konnten. Dann nähte ihn die Alte in aller Geschwindigkeit wieder zu, so daß der Wolf nichts merkte und sich nicht einmal regte.

Als er endlich ausgeschlafen war, machte er sich auf die Beine. Und weil ihm die Steine im Magen großen Durst verursachten, wollte er zu einem Brunnen gehen und trinken. Als er aber anfing zu laufen, stießen die Steine in seinem Bauch aneinander und zappelten. Da rief er:

»Was rumpelt und pumpelt

In meinem Bauch herum?

Ich meinte, es wären sechs Geißelein,

Doch sind’s lauter Wackerstein.»

Und als er an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er mußte jämmerlich ersaufen.

Als die sieben Geißlein das sahen, kamen sie eilig herbeigelaufen und riefen laut: »Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!« Und sie faßten einander an den Händen und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.

Der Wolf und der Mensch

Gebrüder Grimm

Der Wolf und der Mensch

Der Fuchs erzählte einmal dem Wolf von der Stärke des Menschen, kein Tier könnte ihm widerstehen, und sie müßten List gebrauchen, um sich vor ihm zu erhalten. Da antwortete der Wolf ‚wenn ich nur einmal einen Menschen zu sehen bekäme, ich wollte doch auf ihn losgehen.‘ ‚Dazu kann ich dir helfen,‘ sprach der Fuchs, ‚komm nur morgen früh zu mir, so will ich dir einen zeigen.‘ Der Wolf stellte sich frühzeitig ein, und der Fuchs brachte ihn hinaus auf den Weg, den der Jäger alle Tage ging. Zuerst kam ein alter abgedankter Soldat. ‚Ist das ein Mensch?‘ fragte der Wolf. ‚Nein,‘ antwortete der Fuchs, ‚das ist einer gewesen.‘ Danach kam ein kleiner Knabe, der zur Schule wollte. ‚Ist das ein Mensch?‘ ‚Nein, das will erst einer werden.‘ Endlich kam der Jäger, die Doppelflinte auf dem Rücken und den Hirschfänger an der Seite. Sprach der Fuchs zum Wolf ’siehst du, dort kommt ein Mensch, auf den mußt du losgehen, ich aber will mich fort in meine Höhle machen.‘ Der Wolf ging nun auf den Menschen los, der Jäger, als er ihn erblickte, sprach ‚es ist schade, daß ich keine Kugel geladen habe,‘ legte an und schoß dem Wolf das Schrot ins Gesicht. Der Wolf verzog das Gesicht gewaltig, doch ließ er sich nicht schrecken und ging vorwärts: da gab ihm der Jäger die zweite Ladung. Der Wolf verbiß den Schmerz und rückte dem Jäger zu Leibe: da zog dieser seinen blanken Hirschfänger und gab ihm links und rechts ein paar Hiebe, daß er, über und über blutend, mit Geheul zu dem Fuchs zurücklief. ‚Nun, Bruder Wolf,‘ sprach der Fuchs, ‚wie bist du mit dem Menschen fertig worden?‘ ‚Ach,‘ antwortete der Wolf, ’so hab ich mir die Stärke des Menschen nicht vorgestellt, erst nahm er einen Stock von der Schulter und blies hinein, da flog mir etwas ins Gesicht, das hat mich ganz entsetzlich gekitzelt: danach pustete er noch einmal in den Stock, da flog mirs um die Nase wie Blitz und Hagelwetter, und wie ich ganz nah war, da zog er eine blanke Rippe aus dem Leib, damit hat er so auf mich losgeschlagen, daß ich beinah tot wäre liegen geblieben.‘ ‚Siehst du,‘ sprach der Fuchs, ‚was du für ein Prahlhans bist: du wirfst das Beil so weit, daß dus nicht wieder holen kannst.‘

Der Wolf und der Fuchs

Gebrüder Grimm

Der Wolf und der Fuchs

Der Wolf hatte den Fuchs bei sich, und was der Wolf wollte, das mußte der Fuchs tun, weil er der schwächste war, und der Fuchs wäre gerne des Herrn los gewesen. Es trug sich zu, daß sie beide durch den Wald gingen, da sprach der Wolf ‚Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf.‘ Da antwortete der Fuchs ‚ich weiß einen Bauernhof, wo ein paar junge Lämmlein sind, hast du Lust, so wollen wir eins holen.‘ Dem Wolf war das recht, sie gingen hin, und der Fuchs stahl das Lämmlein, brachte es dem Wolf und machte sich fort. Da fraß es der Wolf auf, war aber damit noch nicht zufrieden, sondern wollte das andere dazu haben und ging, es zu holen. Weil er es aber so ungeschickt machte, ward es die Mutter vom Lämmlein gewahr und fing an entsetzlich zu schreien und zu bIäen, daß die Bauern herbeigelaufen kamen. Da fanden sie den Wolf und schlugen ihn so erbärmlich, daß er hinkend und heulend bei dem Fuchs ankam. ‚Du hast mich schön angeführt,‘ sprach er, ‚ich wollte das andere Lamm holen, da haben mich die Bauern erwischt und haben mich weich geschlagen.‘ Der Fuchs antwortete ‚warum bist du so ein Nimmersatt.‘

Am andern Tag gingen sie wieder ins Feld, sprach der gierige Wolf abermals ‚Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf.‘ Da antwortete der Fuchs ‚ich weiß ein Bauernhaus, da backt die Frau heut abend Pfannkuchen, wir wollen uns davon holen.‘ Sie gingen hin, und der Fuchs schlich ums Haus herum, guckte und schnupperte so lange, bis er ausfindig machte, wo die Schüssel stand, zog dann sechs Pfannkuchen herab und brachte sie dem Wolf. ‚Da hast du zu fressen,‘ sprach er zu ihm und ging seiner Wege. Der Wolf hatte die Pfannkuchen in einem Augenblick hinuntergeschluckt und sprach ’sie schmecken nach mehr,‘ ging hin und riß geradezu die ganze Schüssel herunter, daß sie in Stücke zersprang. Da gabs einen gewaltigen Lärm, daß die Frau herauskam, und als sie den Wolf sah, rief sie die Leute, die eilten herbei und schlugen ihn, was Zeug wollte halten, daß er mit zwei lahmen Beinen laut heulend zum Fuchs in den Wald hinauskam. ‚Was hast du mich garstig angeführt!, rief er, ‚die Bauern haben mich erwischt und mir die Haut gegerbt.‘ Der Fuchs aber antwortete ‚warum bist du so ein Nimmersatt.‘

Am dritten Tag, als sie beisammen draußen waren und der Wolf mit Mühe nur forthinkte, sprach er doch wieder ‚Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf.‘ Der Fuchs antwortete ‚ich weiß einen Mann, der hat geschlachtet, und das gesalzene Fleisch liegt in einem Faß im Keller, das wollen wir holen.‘ Sprach der Wolf ‚aber ich will gleich mitgehen, damit du mir hilfst, wenn ich nicht fort kann.‘ ‚Meinetwegen,‘ sprach der Fuchs, und zeigte ihm die Schliche und Wege, auf welchen sie endlich in den Keller gelangten. Da war nun Fleisch im Überfluß, und der Wolf machte sich gleich daran und dachte ‚bis ich aufhöre, hats Zeit.‘ Der Fuchs ließ sichs auch gut schmecken, blickte überall herum, lief aber oft zu dem Loch, durch welches sie gekommen waren, und versuchte, ob sein Leib noch schmal genug wäre, durchzuschlüpfen. Sprach der Wolf ‚lieber Fuchs, sag mir, warum rennst du so hin und her, und springst hinaus und herein?‘ ‚Ich muß doch sehen, ob niemand kommt,‘ antwortete der Listige, ‚friß nur nicht zuviel.‘ Da sagte der Wolf ‚ich gehe nicht eher fort, als bis das Faß leer ist.‘ Indem kam der Bauer, der den Lärm von des Fuchses Sprüngen gehört hatte, in den Keller. Der Fuchs, wie er ihn sah, war mit einem Satz zum Loch draußen: der Wolf wollte nach, aber er hatte sich so dick gefressen, daß er nicht mehr durch konnte, sondern stecken blieb. Da kam der Bauer mit einem Knüppel und schlug ihn tot. Der Fuchs aber sprang in den Wald und war froh, daß er den alten Nimmersatt los war.

Der Vogel Greif

Gebrüder Grimm

Der Vogel Greif

S isch einisch e Chönig gsi, woner gregiert hat und wiener gheisse hat, weiß i nümme. De het kei Sohn gha, nummene einzige Tochter, die isch immer chrank gsi, und kei Dokter het se chönne heile. Do isch em Chönig profizeit worde, si Tochter werd se an Öpfle gsund esse. Do lot er dur sis ganz Land bchant mache, wer siner Tochter Öpfel bringe, daß se se gsund dar chönn esse, de müesse zur Frau ha und Chönig wärde. Das het au ne Pur verno, de drei Söhn gha het. Do säit er zum

elste ‚gang ufs Gade ufe, nimm e Chratte (Handkorb) voll vo dene schöne Öpfle mit rote Bagge und träg se a Hof; villicht cha se d, Chönigstochter gsund dra esse und de darfsche hürote und wirsch Chönig.‘ De Kärle hets e so gmacht und der Weg under d, Füeß gno. Woner e Zitlang gange gsi isch, begegnet es chlis isigs Manndle, das frogt ne, was er do e dem Chratte häig, do seit der tJle, denn so het er gheisse, ‚Fröschebäi.‘ Das Manndle säit druf ’no es sölle si und blibe,‘ und isch witer gange. Ändle chunt der Üle fürs Schloß un lot se anmelde, er hob Öpfel, die d, Tochter gsund mache, wenn so dervo ässe tue. Das het der Chönig grüsele gfreut und lot der tJle vor se cho, aber, o häie! woner ufdeckt, so heter anstatt Öpfel Fröschebäi e dem Chratte, die no zapled händ. Drob isch der Chönig bös worde, und lot ne zum Hus us jage. Woner häi cho isch, so verzelter dem Ätte, wies em gange isch. Do schickt der Ätte der noelst Son, de Säme gheisse het; aber dem isch es ganz glich gange wie im tJle. Es isch em halt au es chlis isigs Manndle begegnet, und das het ne gfrogt, was er do e dem Chratte häig, der Säme säit ‚Seüborst,‘ und das isigs Manndle säit ’no es söll si und blibe.‘ Woner do vor es Chönigsschloß cho isch, und säit, er heb Öpfel, a dene se d, Chönigstochter gsund chönn esse, so händ se ne nid welle ine lo, und händ gsäit, es sig scho eine do gsi und heb se füre Nare gha. Der Säme het aber aghalte, er heb gwüß dere Öpfel, se solle ne nume ine lo. Ändle hend sem glaubt, un füre ne vor der Chönig. Aber woner er si Chratte ufdeckt, so het er halt Seüborst. Das het der Chönig gar schröckele erzürnt, so daß er der Säme us em Hus het lo peütsche. Woner häi cho isch, so het er gsäit, wies em ga nge isch. Do chunt der jüngst Bueb, dem händse nume der dumm Hans gsäit, und frogt der Ätte, ob er au mit Öpfel goh dörf. ‚Jo,‘ säit do der Ätte, ‚du wärst der rächt Kerle derzue, wenn die gschite nüt usrichte, was wettest denn du usrichte.‘ Der Bueb het aber nit no glo ‚e woll, Ätte, i will au goh.‘ ‚Gang mer doch ewäg, du dumme Kerle, du muest warte, bis gschiter wirsch,‘ säit druf der Pitte und chert em der Rügge. Der Hans aber zupft ne hinde am Chittel, ‚e woll, Ätte, i will au goh.‘ ‚No minetwäge, so gang, de wirsch woll wieder ome cho,‘ gitt der Ätte zur Antwort eme nidige Ton. Der Bueb hat se aber grüsele gfreut und isch ufgumpee. ‚Jo‘ tue jetz no wiene Nar, du wirsch vo äim Tag zum andere no dümmer,‘ säie der Pitte wieder. Das het aber im Hans nüt gmacht und het se e siner Freud nid lo störe. Wils aber gli Nacht gsi isch, so het er dänkt, er well warte bis am Morge, er möcht hüt doch nümme na Hof gcho. Z, Nacht im Bett het er nid chönne schloffe, und wenn er au ne ihli igschlummert isch, so hets em traumt vo schöne Jumpfere, vo Schlößern, Gold und Silber und allerhand dere Sache meh. Am Morge früe macht er se up der Wäg, und gli drufe bchuntem es chlis mutzigs Manndle, eme isige Chläidle, un frogt ne, was er do e dem Chratte häig. Der Hans gitt em zur Antwort, er heb Öpfel, a dene d, Chönigstochter se gsund äße sött. ‚No,‘ säit das Manndle, ‚es sölle söttige (solche) si und blibe.‘ Aber am Hof händ se der Hans partu nit welle ine lo, denn es sige scho zwee do gsi und hebe gsäit, se bringe Öpfel, und do heb äine Fröschebäi und der ander Seüborst gha. Der Hans het aber gar grüsele aghalte, er heb gwöß kene Fröschebäi, sondern von de schönste Öpfle, die im ganze Chönigreich wachse. Woner de so ordele gredt het, so dänke d‘ Törhüeter, de chönn nid lüge, und lönde ine, und se händ au rächt gha, denn wo der Hans si Chratte vor em Chönig abdeckt, so sind goldgäle Öpfel füre cho. De Chönig het se gfreut, und lot gli der Tochter dervo bringe, und wartet jetzt e banger Erwartig, bis menem der Bericht bringt, was se für Würkig to hebe. Aber nid lange Zit vergot, so bringt em öpper Bricht: aber was meineder, wer isch das gsi? d‘ Tochter selber isch es gsi. So bald se vo dene Öpfel ggäße gha het, isch e gsund us em Bett gsprunge. Wie der Chönig e Freud gha het, chame nid beschribe. Aber jetz het er d‘ Tochter dem Hans nid welle zur Frau ge un säit, er müeß em zerst none Wäidlig (Nachen) mache, de ufem drochne Land wäidliger geu as im Wasser. Der Hans nimint de Betingig a und got häi und verzelts, wies eme gangen seig. Do schickt der Ätte der Üle is Holz, um se söttige Wäidlig z‘ mache. Er hat flißig gewärret (gearbeitet) und derzue gpfiffe. Z‘ Mittag, wo d‘ Sunne am höchste gstande isch, chunt es chlis isigs Manndle und frogt, was er do mach. Der Üle gitt em zur Antwort ‚Chelle (hölzernes Gerät).‘ Das isig Manndle säit ’no es sölle si und blibe.‘

Z‘ Obe meint der Üle, er heb jetz e Wäidlig ginacht, aber woner het welle isitze, so sinds alles Chelle gsi. Der anner Tag got der Säme e Wald, aber s‘ isch em ganz gliche gange wie im Üle. Ain dritte Tag got der dumm Hans. Er schafft rächt flißig, daß es im ganze Wald tönt vo sine chräftige Schläge, derzue singt er und pfift er rächt lustig. Da chunt wieder das chli Manndle z‘ Mittag, wos am heißeste gsi isch, und frogt, was er do mach. ‚E Wäidlig, de uf em drochne Land wäidliger got as uf em Wasser,‘ und wenn er dermit fertig seig, so chom er d, Chönigstochter zur Frau über. ‚No,‘ säit das Manndle, ‚es söll e so äine ge und bliebe.‘ Z, Obe, wo d, Sunne aber z, Gold gange isch, isch der Hans au fertig gsi mit sim Wäidlig und Schiff und Gscher. Er sitzt i und ruederet der Residenz zue. Der Wäidlig isch aber so gschwind gange wie der Wind. Der Chönig hets von witen gseh, will aber im Hans si Tochter nonig ge und säit, er müeß zerst no hundert Haase hüete vom Morge früeh bis z, Obe spot, und wenn em äaine furt chömm, so chömm er d, Tochter nit über. Der Hans isch e des z‘ friede gsi, und gli am andre Tag got er mit siner Herd auf d, Wäid und paßt verwändt uf, daß em keine dervo laufe. Nid mänge Stund isch vergange, so chunt e Magd vom Schloß und säit zum Hans, er söll ere gschwind e Haas ge, so hebe Wisite über cho. Der Hans hett aber woll gmerkt, wo das use will, und säit, er gäb e keine, der Chönig chön denn morn siner Wisite mit Haasepfäffer ufwarte. D, Magd het aber nid no glo und am 2ind fot so no a resniere. Do säit der Hans, wenn d‘ Chönigstochter selber chömm, so woll er ene Haas ge. Dat het d, Magd im Schloß gsäit, und d‘ Tochter isch selber gange. Underdesse isch aber zum Hans das chli Manndle wieder cho und frogt der Hans, was er do tüej. ‚He, d o müeß er hundert Haase hüete, daß em käine dervo lauf, und denn dörf er d‘ Chönigstochter hürote und wäre Chönig.‘ ‚Guet,‘ säit das Manndle, ‚do hesch e Pfifle, und wenn der äine furtlauft, so pfiff nume, denn chunt er wieder ume.‘ Wo do d‘ Tochter cho isch, so gitt ere der Hans e Haas is Fürtüchle. Aber wo se öppe hundert Schritt wit gsi isch, so pfift der Hans, und der Haas springt ere us em Schäubele use und, was gisch was hesch, wieder zu der Herd. Wo’s Obe gsi isch, so pfift de Haasehirt no emol und luegt, ob alle do sige, und treibt se do zum Schloß. Der Chönig het se verwunderet, wie au der Hans im Stand gsi seig, hundert Haase z, hüete, daß em käine dervo glofe isch; er will em aber d, Tochter äine weg nonig ge, und säit, er müeß em no ne Fädere us d, Vogelgrife Stehl bringe. Der Hans macht se grad uf der Wäg und marschiert rächt handle vorwärts. Z, Obe chunt er zu neme Schloß, do frogt er umenes Nachtlager, denn sälbesmol het me no käine Wirtshüser gha, das säit em der Herr vom Schloß mit vele Freude zue und frogt ne, woner he well. Der Hans git druf zur Antwort ‚zum Vogelgrif.‘ ‚So, zum Vogelgrif, me säit ame, er wuß alles, und i hane Schlössel zue nere isige Gäldchiste verlore: ehr chöntet doch so guet si und ne froge, woner seig.‘ ‚Jo frile,‘ säit der Hans, ‚das wili scho tue.‘ Am Morgen früe isch er do witer gange, und chunt unterwägs zue mene andere Schloß, i dem er wieder übernacht blibt. Wo d, Lüt drus verno händ, daß er zum Vogelgrif well, so säge se, es sig im Hus ne Tochter chrank, und se hebe scho alle Mittel brucht, aber es well kais aschlo, er söll doch so guet si und der Vogelgrif froge, was die Tochter wieder chön gsund mache. Der Hans säit, das weller gärn tue, und goht witer. Do chunt er zue emne Wasser, und anstatt eme Feer isch e große große Ma do gsi, de alle Lüte het müesse übere träge. De Ma het der Hans gfrogt, wo sie Räis ane geu. ‚Zum Vogelgrif,‘ säit der Hans. ‚No, wenn er zue ume chömt,‘ säit do de Ma, ’sö froget ne an, worum i all Lüt müeß über das Wasser träge.‘ Do säit der Hans ‚jo, min Gott jo, das wili scho tue.‘ De Ma het ne do uf d, Achsle gno und übere träit. Ändle chunt do der Hans zum Hus vom Vogelgrif, aber do isch nume d‘ Frau dehäime gsi und der Vogelgrif sälber nid. Do frogt ne d, Frau, was er well. Do het ere der Hans alles verzelt, daß ere Fädere sölt ha us s, Vogelgrife Stehl, und denn hebe se emene Schloß der SchIüssel zue nere Gäldchiste verlore, und er sött der Vogelgrif froge, wo der Schlüssel seig; denn seig eme andere Schloß e Tochter chrank, und er söt wüße, was die Tochter chönt gsund mache; denn seig nig wid vo do es Wasser und e Ma derbi, de d, Lüt müeß übere träge, und er möcht au gern wüsse, worum de Mall all Lüt mueß übere träge. Do säit di Frau ‚ja lueget, mi guete Fründ, s, cha käi Christ mit em Vogelgrif rede, er frißt se all; wenn er aber

wänd, so chönneder under sis Bett undere ligge, und z,Nacht, wenn er rächt fest schloft, so chönneder denn use länge und em e Fädere usem Stehl riße; und wäge dene Sache, die ner wüße söttet, will i ne sälber froge.‘ Der Hans isch e das alles z, friede gsi und lit unders Bett undere. Z, Obe chunt der Vogelgrif häi, und wiener i d, Stube chunt, so säit er ‚Frau, i schmöke ne Christ.‘ ‚Jo,‘ säit do d, Frau, ’s‘ isch hüt äine do gsi, aber er isch wieder furt;‘ und mit dem het der Vogelgrif nüt me gsäit. Z, mitzt e der Nacht, wo der Vogelgrif rächt geschnarchlet het, so längt der Hans ufe und rißt em e Fädere usem Stehl. Do isch der Vogelgrif plötzle ufgjuckt und säit ‚Frau, i schmöke ne Christ, und s‘ isch mer, s‘ heb me öpper am Stehl zehrt.‘ Do säit d‘ Frau ‚de hesch gwüß traumet, und i ho der jo hüt scho gsäit, s‘ isch e Christ do gsi, aber isch wieder furt. Do het mer allerhand Sache verzellt. Si hebe ime Schloß der Schlüssel zue nere Gäldchiste verlore und chönnene numme finde.‘ ‚O die Nare,‘ säit der Vogelgrif, ‚de Schlüssel lit im Holzhus hinder der Tör undere Holzbig.‘ ‚Und denn het er au gsäit, imene Schloß seig e Tochter chrank und se wüße kais Mittel für se gsund z‘ mache.‘ ‚O die Nare,‘ säit der Vogelgrif, ‚under der Chällerstäge het e Chrot es Näscht gmacht von ere Hoore, und wenn se die Hoor wieder het, so wers se gsund.‘ ‚Und denn het er au no gsäit s, sig amene Ort es Wasser un e Ma derbi, der müeß all Lüt drüber träge.‘ ‚O de Nar,‘ säit de Vogelgrif, ‚täter nome emol äine z, mitzt dri stelle, er müeßt denn käine me übere träge.‘ Am Morgen frue isch der Vogelgrif uf gstande und isch furt gange. Do chunt der Hans underem Bette füre und het e schöne Fädere gha; au het er ghört, was der Vogelgrif gsäit het wäge dem Schlüssel und der Tochter und dem Ma. D, Frau vom Vogelgrif het em do alles no nemol verzellt, daß er nüt vergäße, und denn isch er wieder häi zue gange. Zerst chunt er zum Ma bim Wasser, de frogt ne gli, was der Vogelgrif gsäit heb, do säit der Hans, er söll ne zerst übere träge, es well em,s denn däne säge. Do träit ne der Ma übere. Woner däne gsi isch, so säit em der Hans, er söllt nume äinisch äine z, mitzt dri stelle, er müeß denn käine me übere träge. Do het se de Ma grüsele gfreut und säit zum Hans, er well ne zum Dank none mol ume und äne trage. Do säit der Hans näi, er well em die Müeh erspare, er seig sust mit em z’friede, und isch witer gange. Do chunt er zue dem Schloß, wo die Tochter chrank gsi isch, die nimmt er do uf d, Achsle, denn se het nit chönne laufe, und träit se d, Chellerstäge ab und nimmt das Chrotenäscht under dem underste Tritt füre und gits der Tochter i d, Händ, und die springt em ab der Achsle abe und vor im d, Stäge uf, und isch ganz gsund gsi. Jetz händ der Vater und d, Mueter e grüsliche Freud gha und händ dem Hans Gschänke gmacht vo Gold und Silber: und was er nume het welle, das händ sem gge. Wo do der Hans is ander Schloß cho isch, isch er gli is Holzhus gange, und het hinder der Tör under der Holzbige de Schlüssel richtig gfunde, und het ne do dem Herr brocht. De het se au nid wenig gfreut und het dem Hans zur Belohnig vill vo dem Gold gge, das e der Chiste gsi isch, und sust no aller derhand für Sache, so Chüe und Schoof und Gäiße. Wo der Hans zum Chönig cho isch mit deme Sache alle, mit dem Gäld und dem Gold und Silber und dene Chüene, Schoofe und Gäiße, so frogt ne der Chönig, woner au das alles übercho heb. Do säit der Hans, der Vogelgrif gäb äin, so vill me well. Do dänkt der Chönig, er chönt das au bruche und macht se au uf der Wäg zum Vogelgrif, aber woner zue dem Wasser cho isch, so isch er halt der erst gsi, der sid em Hans cho isch, und de Ma stellt e z, mitzt ab und goht furt, und der Chönig isch ertrunke. Der Hans het do d, Tochter ghürotet und isch Chönig worde.

Der Vogel Greif

Gebrüder Grimm

Der Vogel Greif

(Schwyzerdütsch/ Aargau Dialekt)

Sisch einisch e Chönig gsi, woner gregiert hat und wiener gheisse hat, weiß i nümme. De het kei Son gha, nummene einzige Tochter, die isch immer chrank gsi, und kei Dokter het se chönne heile. Do isch em Chönig profizeit worde, si Tochter werd se an Öpfle gsund esse. Do lot er dur sis ganz Land bchant mache, wer siner Tochter Öpfel bringe, daß se se gsund dra chönn esse, de müesse zur Frau ha und Chönig wärde.

Das het au ne Pur verno, de drei Sön gha het. Do säit er zum elste »gang ufs Gade ufe, nimm e Chratte (Handkorb) voll vo dene schöne Öpfle mit rote Bagge, und träg se a Hof; villicht cha se d´ Chönigstochter gsund dra esse, und de darfsche hürote und wirsch Chönig.« De Kärle hets e so gmacht, und der Weg under d´ Füeß gno. Woner e Zitlang gange gsi isch, begegnet em es chlis isigs Manndle, das frogt ne was er do e dem Chratte häig, do seit der Uele, denn so het er gheisse, »Fröschebäi.« Das Manndle säit druf »no es sölle si und blibe«, und isch witer gange. Ändle chunt der Uele fürs Schloß, un lot se amelde, er heb Öpfel, die d´ Tochter gsund mache, wenn so dervo ässe tue. Das het der Chönig grüsele gfreut und lot der Uele vor se cho, aber, o häie! woner ufdeckt, so het er anstatt Öpfel Fröschebäi e dem Chratte, die no zapled händ. Drob isch der Chönig bös worde, und lot ne zum Hus us jage.

Woner häi cho isch, so verzelter dem Ätte wies em gange isch. Do schickt der Ätte der noelst Son, de Säme gheisse het; aber dem isch es ganz glich gange wie im Uele. Es isch em halt an es chlis isigs Manndle begegnet, und das het ne gfrogt was er do e dem Chratte häig, der Säme säit »Seüborst«, und das isigs Manndle säit »no es söll si und blibe«. Woner do vor es Chönigsschloß cho isch, und säit, er heb Öpfel, a dene se d´ Chönigstochter gsund chönn esse, so händ se ne nid welle ine lo, und händ gsäit es sig scho eine do gsi, und heb se füre Nare gha. Der Säme het aber aghalte, er heb gwüß dere Öpfel, se solle ne nume ine lo. Ändle hend sem glaubt, un füre ne vor der Chönig. Aber woner si Chratte ufdeckt, so het er halt Seüborst. Das het der Chönig gar schröckele erzürnt, so daß er der Säme us em Hus het lo peütsche.

Woner häi cho isch, so het er gsäit wies em gange isch. Do chunt der jüngst Bueb, dem händse nume der dumm Hans gsäit, und frogt der Ätte ob er au mit Öpfel goh dörf. »Jo,« säit do der Ätte, »du wärst der rächt Kerle derzue, wenn die gschite nüt usrichte, was wettest denn du usrichte«. Der Bueb het aber nit no glo »e woll, Ätte, i will au goh.« »Gang mer doch ewäg; du dumme Kärle, du muest warte, bis gschiter wirsch« säit druf der Ätte, und chert em der Rügge. Der Hans aber zupft ne hinde am Chittel, »e woll, Ätte, i will au goh«. »No minetwäge, so gang, de wirsch woll wieder ome cho«, gitt der Ätte zur Antwort eme nidige Ton. Der Bueb hat se aber grüsele gfreut, und isch ufgumpee. »Jo, tue jetz no wiene Nar, du wirsch vo äim Tag zum andere no dümmer«, säit der Ätte wieder.

Das het aber im Hans nüt gmacht, und het se e siner Freud nid lo störe. Wils aber gli Nacht gsi isch, so het er dänkt, er well warte bis am Morge, er möcht hüt doch nümme na Hof gcho. Z´ Nacht im Bett het er nid chönne schloffe, und wenn er au ne ihli igschlummert isch, so hets em traumt vo schöne Jumpfere, vo Schlößern, Gold und Silber, und allerhand dere Sache meh.

Am Morge früe macht er se uf der Wäg, und gli drufe bchuntem es chlis mutzigs Manndle, eme isige Chläidle, un frogt ne was er do e dem Chratte häig. Der Hans gitt em zur Antwort, er heb Öpfel, a dene d´ Chönigstochter se gsund äße sött. »No«, säit das Manndle, »es sölle söttige (solche) si und blibe«. Aber am Hof händ se der Hans partu nit welle ine lo, denn es sige scho zwee do gsi, und hebe gsäit se bringe Öpfel, und do heb äine Fröschebäi und der ander Seüborst gha. Der Hans het aber gar grüsele aghalte, er heb gwöß kene Fröschebäi, sondern von de schönste Öpfel, die im ganze Chönigrich wachse. Woner de so ordele gredt het, so dänke d´ Törhüeter de chönn nid lüge, und lönde ine, und se händ au rächt gha, denn wo der Hans si Chratte vor em Chönig abdeckt, so sind goldgäle Öpfel füre cho. De Chönig het se gfreut, und lot gli der Tochter dervo bringe, und wartet jetzt e banger Erwartig, bis menem der Bricht bringt, was se für Würkig tho hebe. Aber nid lange Zit vergot, so bringt em öpper Bricht: aber was meineder wer isch das gsi? d´ Tochter sälber isch es gsi. So bald se vo dene Öpfel ggäße gha het, isch e gsund us em Bett gsprunge. Wie der Chönig e Freud gha het, chame nid bschribe.

Aber jetz het er d´ Tochter dem Hans nid welle zur Frau ge, und säit er müeß em zerst none Wäidlig (Nachen) mache, de ufem drochne Land wäidliger geu as im Wasser. Der Hans nimint de Betingig a, und got häi, und verzelts wies em gangen seig.

Do schickt der Ätte der Uele is Holz um se söttige Wäidlig z´ mache. Er hat flißig gewärret (gearbeitet), und derzue gpfiffe. Z´ Mittag, wo d´ Sunne am höchste gstande isch, chunt es chlis isigs Manndle, und frogt was er do mach. Der Uele gitt em zur Antwort »Chelle (hölzernes Gerät)«. Das isig Manndle säit »no es sölle si und blibe«. Z‘ Obe meint der Uele er heb jetz e Wäidlig gmacht, aber woner het welle isitze, so sinds alles Chelle gsi.

Der anner Tag got der Säme e Wald, aber s‘ isch em ganz gliche gange wie im Uele.

Ain dritte Tag got der dumm Hans. Er schafft rächt flißig, daß es im ganze Wald tönt vo sine chräftige Schläge, derzue singt er und pfift er rächt lustig. Da chunt wieder das glich Manndle z´ Mittag, wos am heißeste gsi isch, und frogt was er do mach. »E Wäidlig, de uf em drochne Land wäidliger got as uf em Wasser«, und wenn er dermit fertig seig, so chom er d´ Chönigstochter zur Frau über. »No«, säit das Manndle, »es söll e so äine ge und blibe«.

Z´ Obe, wo d´ Sunne aber z´ Gold gange isch, isch der Hans au fertig gsi mit sim Wäidlig und Schiff und Gscher. Er sitzt i, und ruederet der Residenz zue. Der Wäidlig isch aber so gschwind gange wie der Wind. Der Chönig hets vo witen gseh, will aber im Hans si Tochter nonig ge, und säit er müeß zerst no hundert Hase hüete vom Morge früeh bis z´ Obe spot, und wenn em äine furt chömm, so chömm er d´ Tochter nit über. Der Hans isch e des z‘ friede gsi, und gli am andre Tag got er mit siner Heerd auf d´ Wäid und paßt verwändt uf daß em keine dervo lauf. Nid mänge Stund isch vergange, so chunt e Magd vom Schloß, und säit zum Hans er söll ere gschwind e Has ge, se hebe Wisite über cho. Der Hans hett aber woll gmerkt wo das use will, und säit er gäb e keine, der Chönig chön denn morn siner Wisite mit Hasepfäffer ufwarte. D´ Magd het aber nid no glo, und am Änd fot so no a resniere. Do säit der Hans wenn d´ Chönigstochter sälber chömm, so well er ene Has ge. Dat het d´ Magd im Schloß gsäit, und d´ Tochter isch sälber gange.

Underdesse isch aber zum Hans das chli Manndle wieder cho, und frogt der Hans was er do tüej. He, do müeß er hundert Hase hüete, daß em käine dervo lauf, und denn dörf er d´ Chönigstochter hürote und wäre Chönig. »Guet«, säit das Manndle, »do hesch es Pfifle, und wenn der äine furtlauft, so pfiff nume, denn chunt er wieder ume.« Wo do d´ Tochter cho isch, so gitt ere der Hans e Has is Fürtüchle. Aber wo se öppe hundert Schritt wit gsi isch, so pfift der Hans, und der Has springt ere us em Schäubele use, und, was gisch was hesch, wieder zu der Heerd. Wo´s Obe gsi isch, so pfift de Hasehirt no emol, und luegt ob alle do sige, und treibt se do zum Schloß. Der Chönig het se verwunderet wie au der Hans im Stand gsi seig hundert Hase z´ hüete, daß em käine dervo glofe isch; er will em aber d´ Tochter äine weg nonig ge, und säit er müeß em no ne Fädere us d´ Vogelgrife Stehl bringe.

Der Hans macht se grad uf der Wäg und marschiert rächt handle vorwärts. Z´ Obe chunt er zu neme Schloß, do frogt er umenes Nachtlager, denn sälbesmol het me no käine Wirtshüser gha, das säit em der Herr vom Schloß mit vele Freude zue und frogt ne woner he well. Der Hans git druf zur Antwort »zum Vogelgrif«. »So, zum Vogelgrif, me säit ame er wuß alles, und i hane Schlössel zue nere isige Gäldchiste verlore; ehr chöntet doch so guet si, und ne froge woner seig.« »Jo frile«, säit der Hans, »das wili scho tue.«

Am Morge früe isch er do witer gange, und chunt unterwägs zue mene andere Schloß, i dem er wieder übernacht blibt. Wo d´ Lüt drus verno händ daß er zum Vogelgrif well, so säge se es sig im Hus ne Tochter chrank, und se hebe scho alle Mittel brucht, aber es well kais aschlo, er söll doch so guet si, und der Vogelgrif froge was die Tochter wieder chön gsund mache. Der Hans säit, das weller gärn tue, und goht witer.

Do chunt er zue emne Wasser, und anstatt eme Feer isch e große große Ma do gsi, de alle Lüt het müesse übere träge. De Ma het der Hans gfrogt wo sie Räis ane geu. »Zum Vogelgrif«, säit der Hans. »No, wenn er zue ume chömet,« säit do de Ma, »sö froget ne an, worum i all Lüt müeß über das Wasser träge.« Do säit der Hans »jo, min Gott jo, das wili scho tue.« De Ma het ne do uf d´ Achsle gno und übere träit.

Ändle chunt do der Hans zum Hus vom Vogelgrif, aber do isch nume d´ Frau dehäime gsi, und der Vogelgrif sälber nid. Do frogt ne d´ Frau, was er well. Do het ere der Hans alles verzelt, daß ere Fädere sött ha us s´ Vogelgrife Stehl, und denn hebe se emene Schloß der Schlüssel zue nere Gäldchiste verlore, und er sött der Vogelgrif froge, wo der Schlüssel seig; denn seig eme andere Schloß e Tochter chrank, und er söt wüße was die Tochter chönt gsund mache; denn seig nig wid vo do es Wasser und e Ma derbi, de d´ Lüt müeß übere träge, und er möcht au gern wüsse worum de Ma all Lüt müeß übere träge. Do säit di Frau »ja lueget, mi guete Fründ, s´ cha käi Christ mit em Vogelgrif rede, er frißt se all; wenn er aber wänd, so chönneder under sis Bett undere ligge, und z´ Nacht, wenn er rächt fest schloft, so chönneder denn ufe länge und em e Fädere usem Stehl riße, und wäge dene Sache die ner wüße söttet, will i ne sälber froge«. Der Hans isch e das alles z´ friede gsi, und lit unders Bett undere.

Z´ Obe chunt der Vogelgrif häi, und wiener i d´ Stube chunt, so säit er »Frau, i schmöke ne Christ«. »Jo,« säit do d´ Frau, »s´ isch hüt äine do gsi, aber er isch wieder furt«; und mit dem het der Vogelgrif nüt me gsäit. Z´ mitzt e der Nacht, wo der Vogelgrif rächt geschnarchlet het, so längt der Hans ufe, und rißt em e Fädere usem Stehl. Do isch der Vogelgrif plötzle ufgjuckt und säit »Frau, i schmöke ne Christ, und s´ isch mer, s´ heb me öpper am Stehl zehrt«. Do säit d´ Frau »de hesch gwüß traumet, und i ho der jo hüt scho gsäit, s´ isch e Christ do gsi, aber er isch wieder furt. Do het mer allerhand Sache verzellt. Si hebe ime Schloß der Schlüssel zue nere Gäldchiste verlore und chönnene numme finde.« »O die Nare«, säit der Vogelgrif, »de Schlüssel lit im Holzhus hinder der Tör undere Holzbig.» «Und denn het er au gsäit, i me ne Schloß seig e Tochter chrank, und se wüße kais Mittel für se gsund z´ mache.» «O die Nare«, säit der Vogelgrif, »under der Chällerstäge het e Chrot es Näscht gmacht von ere Hoore, und wenn se die Hoor wieder het, so wers se gsund.« »Und denn het er au no gsäit s´ sig amene Ort es Wasser un e Ma derbi, der müeß all Lüt drüber träge.« »O de Nar«, säit de Vogelgrif, »täter nome emol äine z´ mitzt dri stelle, er müeßt denn käine me übere träge.«

Am Morgen frue isch der Vogelgrif uf gstande, und isch furt gange. Do chunt der Hans underem Bette füre, und het e schöne Fädere gha; au het er ghört was der Vogelgrif gsäit het wäge dem Schlüssel und der Tochter und dem Ma. D´ Frau vom Vogelgrif het em do alles no nemol verzellt, daß er nüt vergäße, und denn isch er wieder häi zue gange.

Zerst chunt er zum Ma bim Wasser, de frogt ne gli, was der Vogelgrif gsäit heb, do säit der Hans, er söll ne zerst übere träge, es well em´s denn däne säge. Do träit ne der Ma übere. Woner däne gsi isch, so säit em der Hans er söllt nume äinisch äine z´ mitzt dri stelle, er müeß denn käine me übere träge. Do het se de Ma grüsele gfreut, und säit zum Hans er well ne zum Dank none mol ume und äne trage. Do säit der Hans näi, er well em die Müeh erspare, er seig sust mit em z’friede, und isch witer gange.

Do chunt er zue dem Schloß, wo die Tochter chrank gsi isch, die nimmt er do uf d´ Achsle, denn se het nit chönne laufe, und träit se d´ Chellerstäge ab und nimmt das Chrotenäst under dem underste Tritt füre, und gits der Tochter i d´ Händ, und die springt em ab der Achsle abe und vor im d´ Stäge uf, und isch ganz gsund gsi. Jetz händ der Vater und d´ Mueter e grüsliche Freud gha und händ dem Hans Gschänke gmacht vo Gold und Silber, und was er nume het welle, das händ sem gge.

Wo do der Hans is ander Schloß cho isch, isch er gli is Holzhus gange, und het hinder der Tör under der Holzbige de Schlüssel richtig gfunde, und het ne do dem Herr brocht. De het se au nid wenig gfreut und het dem Hans zur Belohnig vill vo dem Gold gge, das e der Chiste gsi isch, und sust no aller derhand für Sache, so Chüe und Schoof und Gäiße. Wo der Hans zum Chönig cho isch mit dene Sache alle, mit dem Gäld und dem Gold und Silber, und dene Chüene, Schoofe und Gäiße, so frogt ne der Chönig woner au das alles übercho heb. Do säit der Hans, der Vogelgrif gäb äin so vill me well. Do dänkt der Chönig er chönt das au bruche, und macht se au uf der Wäg zum Vogelgrif, aber woner zue dem Wasser cho isch, so isch er halt der erst gsi, der sid em Hans cho isch, und de Ma stellt e z´ mitzt ab, und goht furt, und der Chönig isch ertrunke. Der Hans het do d´ Tochter ghürotet und isch Chönig worde.

Der undankbare Sohn

Gebrüder Grimm

Der undankbare Sohn

Es saß einmal ein Mann mit seiner Frau vor der Haustür, und sie hatten ein gebraten Huhn vor sich stehen und wollten das zusammen verzehren. Da sah der Mann, wie sein alter Vater daherkam, geschwind nahm er das Huhn und versteckte es, weil er ihm nichts davon gönnte. Der Alte kam, tat einen Trunk und ging fort. Nun wollte der Sohn das gebratene Huhn wieder auf den Tisch tragen, aber als er danach griff, war es eine große Kröte geworden, die sprang ihm ins Angesicht und saß da, und ging nicht wieder weg; und wenn sie jemand wegtun wollte, sah sie ihn giftig an, als wollte sie ihm ins Angesicht springen, so daß keiner sie anzurühren getraute. Und die Kröte mußte der undankbare Sohn alle Tage füttern, sonst fraß sie ihm aus seinem Angesicht; und also ging er ohne Ruhe in der Welt hin und her.

Der Trommler

Gebrüder Grimm

Der Trommler

Eines Abends ging ein junger Trommler ganz allein auf dem Feld und kam an einen See, da sah er an dem Ufer drei Stückchen weiße Leinewand liegen. »Was für feines Leinen,« sprach er und steckte eins davon in die Tasche. Er ging heim, dachte nicht weiter an seinen Fund und legte sich zu Bett. Als er eben einschlafen wollte, war es ihm, als nennte jemand seinen Namen. Er horchte und vernahm eine leise Stimme, die ihm zurief: »Trommeler, Trommeler, wach auf.« Er konnte, da es finstere Nacht war, niemand sehen, aber es kam ihm vor, als schwebte eine Gestalt vor seinem Bett auf und ab. »Was willst du?« fragte er. »Gib mir mein Hemdchen zurück,« antwortete die Stimme, »das du mir gestern abend am See weggenommen hast.« »Du sollst es wiederhaben« sprach der Trommler, »wenn du mir sagst, wer du bist.« »Ach,« erwiderte die Stimme, »ich bin die Tochter eines mächtigen Königs, aber ich bin in die Gewalt einer Hexe geraten und bin auf den Glasberg gebannt. Jeden Tag muß ich mit meinen zwei Schwestern im See baden, aber ohne mein Hemdchen kann ich nicht wieder fortfliegen. Meine Schwestern haben sich fortgemacht, ich aber habe zurückbleiben müssen. Ich bitte dich, gib mir mein Hemdchen wieder.« »Sei ruhig, armes Kind,« sprach der Trommler, »ich will dirs gerne zurückgeben.« Er holte es aus seiner Tasche und reichte es ihr in der Dunkelheit hin. Sie erfaßte es hastig und wollte damit fort. »Weile einen Augenblick,« sagte er, »vielleicht kann ich dir helfen.« »Helfen kannst du mir nur, wenn du auf den Glasberg steigst und mich aus der Gewalt der Hexe befreist. Aber zu dem Glasberg kommst du nicht, und wenn du auch ganz nahe daran wärst, so kommst du nicht hinauf.« »Was ich will, das kann ich,« sagte der Trommler, »ich habe Mitleid mit dir, und ich fürchte mich vor nichts. Aber ich weiß den Weg nicht, der nach dem Glasberg führt.« »Der Weg geht durch den großen Wald, in dem die Menschenfresser hausen,« antwortete sie, »mehr darf ich dir nicht sagen.« Darauf hörte er, wie sie fortschwirrte.

Bei Anbruch des Tages machte sich der Trommler auf, hing seine Trommel um und ging ohne Furcht geradezu in den Wald hinein. Als er ein Weilchen gegangen war und keinen Riesen erblickte, so dachte er: »Ich muß die Langschläfer aufwecken,« hing die Trommel vor und schlug einen Wirbel, daß die Vögel aus den Bäumen mit Geschrei aufflogen. Nicht lange, so erhob sich auch ein Riese in die Höhe, der im Gras gelegen und geschlafen hatte, und war so groß wie eine Tanne. »Du Wicht,« rief er ihm zu, »was trommelst du hier und weckst mich aus dem besten Schlaf?« »Ich trommle,« antwortete er, »weil viele Tausende hinter mir herkommen, damit sie den Weg wissen.« »Was wollen die hier in meinem Wald?« fragte der Riese. »Sie wollen dir den Garaus machen und den Wald von einem Ungetüm, wie du bist, säubern.« »Oho,« sagte der Riese, »ich trete euch wie Ameisen tot.« »Meinst du, du könntest gegen sie etwas ausrichten?« sprach der Trommler, »wenn du dich bückst, um einen zu packen, so springt er fort und versteckt sich, wie du dich aber niederlegst und schläfst, so kommen sie aus allen Gebüschen herbei und kriechen an dir hinauf. Jeder hat einen Hammer von Stahl am Gürtel stecken, damit schlagen sie dir den Schädel ein.« Der Riese ward verdrießlich und dachte: »Wenn ich mich mit dem listigen Volk befasse, so könnte es doch zu meinem Schaden ausschlagen. Wölfen und Bären drücke ich die Gurgel zusammen, aber vor den Erdwürmern kann ich mich nicht schützen.« »Hör, kleiner Kerl,« sprach er, »zieh wieder ab, ich verspreche dir, daß ich dich und deine Gesellen in Zukunft in Ruhe lassen will, und hast du noch einen Wunsch, so sags mir, ich will dir wohl etwas zu Gefallen tun.« »Du hast lange Beine,« sprach der Trommler, »und kannst schneller laufen als ich, trag mich zum Glasberge, so will ich den Meinigen ein Zeichen zum Rückzug geben, und sie sollen dich diesmal in Ruhe lassen.« »Komm her, Wurm,« sprach der Riese, »setz dich auf meine Schulter, ich will dich tragen, wohin du verlangst.« Der Riese hob ihn hinauf, und der Trommler fing oben an nach Herzenslust auf der Trommel zu wirbeln. Der Riese dachte: »Das wird das Zeichen sein, daß das andere Volk zurückgehen soll.« Nach einer Weile stand ein zweiter Riese am Weg, der nahm den Trommler dem ersten ab und steckte ihn in sein Knopfloch. Der Trommler faßte den Knopf, der wie eine Schüssel groß war, hielt sich daran und schaute ganz lustig umher. Dann kamen sie zu einem dritten, der nahm ihn aus dem Knopfloch und setzte ihn auf den Rand seines Hutes; da ging der Trommler oben auf und ab und sah über die Bäume hinaus, und als er in blauer Ferne einen Berg erblickte, so dachte er, »das ist gewiß der Glasberg,« und er war es auch. Der Riese tat noch ein paar Schritte, so waren sie an dem Fuß des Berges angelangt, wo ihn der Riese absetzte. Der Trommler verlangte, er sollte ihn auch auf die Spitze des Glasberges tragen, aber der Riese schüttelte mit dem Kopf, brummte etwas in den Bart und ging in den Wald zurück.

Nun stand der arme Trommler vor dem Berg, der so hoch war, als wenn drei Berge aufeinandergesetzt wären, und dabei so glatt wie ein Spiegel, und wußte keinen Rat, um hinaufzukommen. Er fing an zu klettern, aber vergeblich, er rutschte immer wieder herab. »Wer jetzt ein Vogel wäre,« dachte er, aber was half das Wünschen, es wuchsen ihm keine Flügel. Indem er so stand und sich nicht zu helfen wußte, erblickte er nicht weit von sich zwei Männer, die heftig miteinander stritten. Er ging auf sie zu und sah, daß sie wegen eines Sattels uneins waren, der vor ihnen auf der Erde lag, und den jeder von ihnen haben wollte. »Was seid ihr für Narren,« sprach er, »zankt euch um einen Sattel und habt kein Pferd dazu.« »Der Sattel ist wert, daß man darum streitet,« antwortete der eine von den Männern, »wer darauf sitzt und wünscht sich irgendwohin, und wärs am Ende der Welt, der ist im Augenblick angelangt, wie er den Wunsch ausgesprochen hat. Der Sattel gehört uns gemeinschaftlich, die Reihe, darauf zu reiten, ist an mir, aber der andere will es nicht zulassen.« »Den Streit will ich bald austragen,« sagte der Trommler, ging eine Strecke weit und steckte einen weißen Stab in die Erde. Dann kam er zurück und sprach: »Jetzt lauft nach dem Ziel, wer zuerst dort ist, der reitet zuerst.« Beide setzten sich in Trab, aber kaum waren sie ein paar Schritte weg, so schwang sich der Trommler auf den Sattel, wünschte sich auf den Glasberg, und ehe man die Hand umdrehte, war er dort. Auf dem Berg oben war eine Ebene, da stand ein altes steinernes Haus, und vor dem Haus lag ein großer Fischteich, dahinter aber ein finsterer Wald. Menschen und Tiere sah er nicht, es war alles still, nur der Wind raschelte in den Bäumen, und die Wolken zogen ganz nah über seinem Haupt weg. Er trat an die Türe und klopfte an. Als er zum drittenmal geklopft hatte, öffnete eine Alte mit braunem Gesicht und roten Augen die Türe; sie hatte eine Brille auf ihrer langen Nase und sah ihn scharf an, dann fragte sie, was sein Begehren wäre. »Einlaß, Kost und Nachtlager,« antwortete der Trommler. »Das sollst du haben,« sagte die Alte, »wenn du dafür drei Arbeiten verrichten willst.« »Warum nicht?« antwortete er, »ich scheue keine Arbeit, und wenn sie noch so schwer ist.« Die Alte ließ ihn ein, gab ihm Essen und abends ein gutes Bett. Am Morgen, als er ausgeschlafen hatte, nahm die Alte einen Fingerhut von ihrem dürren Finger, reichte ihn dem Trommler hin und sagte: »Jetzt geh an die Arbeit und schöpfe den Teich draußen mit diesem Fingerhut aus, aber ehe es Nacht wird, mußt du fertig sein, und alle Fische, die in dem Wasser sind, müssen nach ihrer Art und Größe ausgesucht und nebeneinandergelegt sein.« »Das ist eine seltsame Arbeit,« sagte der Trommler, ging aber zu dem Teich und fing an zu schöpfen. Er schöpfte den ganzen Morgen, aber was kann man mit einem Fingerhut bei einem großen Wasser ausrichten, und wenn man tausend Jahre schöpft? Als es Mittag war, dachte er: »Es ist alles umsonst, und ist einerlei, ob ich arbeite oder nicht,« hielt ein und setzte sich nieder. Da kam ein Mädchen aus dem Haus gegangen, stellte ihm ein Körbchen mit Essen hin und sprach: »Du sitzest da so traurig, was fehlt dir?« Er blickte es an und sah, daß es wunderschön war. »Ach,« sagte er, »ich kann die erste Arbeit nicht vollbringen, wie wird es mit den andern werden? Ich bin ausgegangen, eine Königstochter zu suchen, die hier wohnen soll, aber ich habe sie nicht gefunden; ich will weitergehen.« »Bleib hier,« sagte das Mädchen, »ich will dir aus deiner Not helfen. Du bist müde, lege deinen Kopf in meinen Schoß und schlaf. Wenn du wieder aufwachst, so ist die Arbeit getan.« Der Trommler ließ sich das nicht zweimal sagen. Sobald ihm die Augen zufielen, drehte sie einen Wunschring und sprach »Wasser herauf, Fische heraus.« Alsbald stieg das Wasser wie ein weißer Nebel in die Höhe und zog mit den andern Wolken fort, und die Fische schnalzten, sprangen ans Ufer und legten sich nebeneinander, jeder nach seiner Größe und Art. Als der Trommler erwachte, sah er mit Erstaunen, daß alles vollbracht war. Aber das Mädchen sprach: »Einer von den Fischen liegt nicht bei seinesgleichen, sondern ganz allein. Wenn die Alte heute abend kommt und sieht, daß alles geschehen ist, was sie verlangt hat, so wird sie fragen: »Was soll dieser Fisch allein?« Dann wirf ihr den Fisch ins Angesicht und sprich: ‚er soll für dich sein, alte Hexe.‘ Abends kam die Alte, und als sie die Frage getan hatte, so warf er ihr den Fisch ins Gesicht. Sie stellte sich, als merkte sie es nicht, und schwieg still, aber sie blickte ihn mit boshaften Augen an. Am andern Morgen sprach sie: »Gestern hast du es zu leicht gehabt, ich muß dir schwerere Arbeit geben. Heute mußt du den ganzen Wald umhauen, das Holz in Scheite spalten und in Klaftern legen, und am Abend muß alles fertig sein.« Sie gab ihm eine Axt, einen Schläger und zwei Keile. Aber die Axt war von Blei, der Schläger und die Keile waren von Blech. Als er anfing zu hauen, so legte sich die Axt um, und SchIäger und Keile drückten sich zusammen. Er wußte sich nicht zu helfen, aber mittags kam das Mädchen wieder mit dem Essen und tröstete ihn. »Lege deinen Kopf in meinen Schoß,« sagte sie, »und schlaf, wenn du aufwachst, so ist die Arbeit getan.« Sie drehte ihren Wunschring, in dem Augenblick sank der ganze Wald mit Krachen zusammen, das Holz spaltete sich von selbst und legte sich in Klaftern zusammen; es war als ob unsichtbare Riesen die Arbeit vollbrächten. Als er aufwachte, sagte das Mädchen: »Siehst du, das Holz ist geklaftert und gelegt; nur ein einziger Ast ist übrig, aber wenn die Alte heute abend kommt und fragt, was der Ast solle, so gib ihr damit einen Schlag und sprich: ‚der soll für dich sein, du Hexe.‘ Die Alte kam, »siehst du,« sprach sie, »wie leicht die Arbeit war, aber für wen liegt der Ast noch da?« »Für dich, du Hexe,« antwortete er und gab ihr einen Schlag damit. Aber sie tat, als fühlte sie es nicht, lachte höhnisch und sprach: »Morgen früh sollst du alles Holz auf einen Haufen legen, es anzünden und verbrennen.« Er stand mit Anbruch des Tages auf und fing an das Holz herbeizuholen, aber wie kann ein einziger Mensch einen ganzen Wald zusammentragen? Die Arbeit rückte nicht fort. Doch das Mädchen verließ ihn nicht in der Not, es brachte ihm mittags seine Speise, und als er gegessen hatte, legte er seinen Kopf in den Schoß und schlief ein. Bei seinem Erwachen brannte der ganze Holzstoß in einer ungeheuern Flamme, die ihre Zungen bis in den Himmel ausstreckte. »Hör mich an,« sprach das Mädchen, »wenn die Hexe kommt, wird sie dir allerlei auftragen, tust du ohne Furcht, was sie verlangt, so kann sie dir nichts anhaben, fürchtest du dich aber, so packt dich das Feuer und verzehrt dich. Zuletzt, wenn du alles getan hast, so packe sie mit beiden Händen und wirf sie mitten in die Glut.« Das Mädchen ging fort, und die Alte kam herangeschlichen, »hu! mich friert,« sagte sie »aber das ist ein Feuer, das brennt, das wärmt mir die alten Knochen, da wird mir wohl. Aber dort liegt ein Klotz, der will nicht brennen, den hol mir heraus. Hast du das noch getan, so bist du frei und kannst ziehen, wohin du willst. Nur munter hinein.« Der Trommler besann sich nicht lange, sprang mitten in die Flammen, aber sie taten ihm nichts, nicht einmal die Haare konnten sie ihm versengen. Er trug den Klotz heraus und legte ihn hin. Kaum aber hatte das Holz die Erde berührt, so verwandelte es sich, und das schöne Mädchen stand vor ihm, das ihm in der Not geholfen hatte, und an den seidenen, goldglänzenden Kleidern, die es anhatte, merkte er wohl, daß es die Königstochter war. Aber die Alte lachte giftig und sprach: »Du meinst, du hättest sie, aber du hast sie noch nicht.« Eben wollte sie auf das Mädchen losgehen und es fortziehen, da packte er die Alte mit beiden Händen, hob sie in die Höhe und warf sie den Flammen in den Rachen, die über ihr zusammenschlugen, als freuten sie sich, daß sie eine Hexe verzehren sollten.

Die Königstochter blickte darauf den Trommler an, und als sie sah, daß es ein schöner Jüngling war, und bedachte, daß er sein Leben daran gesetzt hatte, um sie zu erlösen, so reichte sie ihm die Hand und sprach: »Du hast alles für mich gewagt, aber ich will auch für dich alles tun. Versprichst du mir deine Treue, so sollst du mein Gemahl werden. An Reichtümern fehlt es uns nicht, wir haben genug an dem, was die Hexe hier zusammengetragen hat.« Sie führte ihn in das Haus, da standen Kisten und Kasten, die mit ihren Schätzen angefüllt waren. Sie ließen Gold und Silber liegen und nahmen nur die Edelsteine. Sie wollte nicht länger auf dem Glasberg bleiben, da sprach er zu ihr: »Setze dich zu mir auf meinen Sattel, so fliegen wir hinab wie Vögel.« »Der alte Sattel gefällt mir nicht,« sagte sie, »ich brauche nur an meinem Wunschring zu drehen, so sind wir zu Haus.« »Wohlan,« antwortete der Trommler, »so wünsch uns vor das Stadttor.« Im Nu waren sie dort, der Trommler aber sprach: »Ich will erst zu meinen Eltern gehen und ihnen Nachricht geben, harre mein hier auf dem Feld, ich will bald zurück sein.« »Ach,« sagte die Königstochter, »ich bitte dich, nimm dich in acht, küsse deine Eltern bei deiner Ankunft nicht auf die rechte Wange, denn sonst wirst du alles vergessen, und ich bleibe hier allein und verlassen auf dem Feld zurück.« »Wie kann ich dich vergessen?« sagte er und versprach ihr in die Hand, recht bald wiederzukommen. Als er in sein väterliches Haus trat, wußte niemand, wer er war, so hatte er sich verändert, denn die drei Tage, die er auf dem Glasberg zugebracht hatte, waren drei lange Jahre gewesen. Da gab er sich zu erkennen, und seine Eltern fielen ihm vor Freude um den Hals, und er war so bewegt in seinem Herzen, daß er sie auf beide Wangen küßte und an die Worte des Mädchens nicht dachte. Wie er ihnen aber den Kuß auf die rechte Wange gegeben hatte, verschwand ihm jeder Gedanke an die Königstochter. Er leerte seine Taschen aus und legte Hände voll der größten Edelsteine auf den Tisch. Die Eltern wußten gar nicht, was sie mit dem Reichtum anfangen sollten. Da baute der Vater ein prächtiges Schloß, von Gärten, Wäldern und Wiesen umgeben, als wenn ein Fürst darin wohnen sollte. Und als es fertig war, sagte die Mutter: »Ich habe ein Mädchen für dich ausgesucht, in drei Tagen soll die Hochzeit sein.« Der Sohn war mit allem zufrieden, was die Eltern wollten.

Die arme Königstochter hatte lange vor der Stadt gestanden und auf die Rückkehr des Jünglings gewartet. Als es Abend ward, sprach sie: »Gewiß hat er seine Eltern auf die rechte Wange geküßt und hat mich vergessen.« Ihr Herz war voll Trauer, sie wünschte sich in ein einsames Waldhäuschen und wollte nicht wieder an den Hof ihres Vaters zurück. Jeden Abend ging sie in die Stadt und ging an seinem Haus vorüber: er sah sie manchmal, aber er kannte sie nicht mehr. Endlich hörte sie, wie die Leute sagten: »Morgen wird seine Hochzeit gefeiert.« Da sprach sie: »Ich will versuchen, ob ich sein Herz wiedergewinne.« Als der erste Hochzeitstag gefeiert ward, da drehte sie ihren Wunschring und sprach: »Ein Kleid so glänzend wie die Sonne.« Alsbald lag das Kleid vor ihr und war so glänzend, als wenn es aus lauter Sonnenstrahlen gewebt wäre. Als alle Gäste sich versammelt hatten, so trat sie in den Saal. Jedermann wunderte sich über das schöne Kleid, am meisten die Braut, und da schöne Kleider ihre größte Lust waren, so ging sie zu der Fremden und fragte, ob sie es ihr verkaufen wollte. »Für Geld nicht,« antwortete sie, »aber wenn ich die erste Nacht vor der Türe verweilen darf, wo der Bräutigam schläft, so will ich es hingeben.« Die Braut konnte ihr Verlangen nicht bezwingen und willigte ein, aber sie mischte dem Bräutigam einen Schlaftrunk in seinen Nachtwein, wovon er in tiefen Schlaf verfiel. Als nun alles still geworden war, so kauerte sich die Königstochter vor die Türe der Schlafkammer, öffnete sie ein wenig und rief hinein:

»Trommler, Trommler, hör mich an«

hast du mich denn ganz vergessen?

hast du auf dem Glasberg nicht bei mir gesessen?

habe ich vor der Hexe nicht bewahrt dein Leben?

hast du mir auf Treue nicht die Hand gegeben?

Trommler, Trommler, hör mich an.«

Aber es war alles vergeblich, der Trommler wachte nicht auf, und als der Morgen anbrach, mußte die Königstochter unverrichteter Dinge wieder fortgehen. Am zweiten Abend drehte sie ihren Wunschring und sprach: »Ein Kleid so silbern als der Mond.« Als sie mit dem Kleid, das so zart war wie der Mondschein, bei dem Fest erschien, erregte sie wieder das Verlangen der Braut und gab es ihr für die Erlaubnis, auch die zweite Nacht vor der Türe der Schlafkammer zubringen zu dürfen. Da rief sie in nächtlicher Stille

»Trommler, Trommler, hör mich an«

hast du mich denn ganz vergessen?

hast du auf dem Glasberg nicht bei mir gesessen?

habe ich vor der Hexe nicht bewahrt dein Leben?

hast du mir auf Treue nicht die Hand gegeben?

Trommler, Trommler, hör mich an.«

Aber der Trommler, von dem Schlaftrunk betäubt, war nicht zu erwecken. Traurig ging sie den Morgen wieder zurück in ihr Waldbaus. Aber die Leute im Haus hatten die Klage des fremden Mädchens gehört und erzählten dem Bräutigam davon; sie sagten ihm auch, daß es ihm nicht möglich gewesen wäre, etwas davon zu vernehmen, weil sie ihm einen Schlaftrunk in den Wein geschüttet hätten. Am dritten Abend drehte die Königstochter den Wunschring und sprach: »Ein Kleid flimmernd wie Sterne.« Als sie sich darin auf dem Fest zeigte, war die Braut über die Pracht des Kleides, das die andern weit übertraf, ganz außer sich und sprach: »Ich soll und muß es haben.« Das Mädchen gab es, wie die andern, für die Erlaubnis, die Nacht vor der Türe des Bräutigams zuzubringen. Der Bräutigam aber trank den Wein nicht, der ihm vor dem Schlafengehen gereicht wurde, sondern goß ihn hinter das Bett. Und als alles im Haus still geworden war, so hörte er eine sanfte Stimme, die ihn anrief

»Trommler, Trommler, hör mich an«

hast du mich denn ganz vergessen?

hast du auf dem Glasberg nicht bei mir gesessen?

habe ich vor der Hexe nicht bewahrt dein Leben?

hast du mir auf Treue nicht die Hand gegeben?

Trommler, Trommler, hör mich an.«

Plötzlich kam ihm das Gedächtnis wieder. »Ach,« rief er, »wie habe ich so treulos handeln können, aber der Kuß, den ich meinen Eltern in der Freude meines Herzens auf die rechte Wange gegeben habe, der ist schuld daran, der hat mich betäubt.« Er sprang auf, nahm die Königstochter bei der Hand und führte sie zu dem Bett seiner Eltern. »Das ist meine rechte Braut,« sprach er, »wenn ich die andere heirate, so tue ich großes Unrecht.« Die Eltern, als sie hörten, wie alles sich zugetragen hatte, willigten ein. Da wurden die Lichter im Saal wieder angezündet, Pauken und Trompeten herbeigeholt, die Freunde und Verwandten eingeladen wiederzukommen, und die wahre Hochzeit ward mit großer Freude gefeiert. Die erste Braut behielt die schönen Kleider zur Entschädigung und gab sich zufrieden.