Märchen

33. Der Mühlenbär

33. Der Mühlenbär

Im Elsaß, in der Gegend von Niederbronn und Gunthershof, liegt eine Mühle, in der sollte es gar nicht richtig sein, ein Bär sollte in ihr spuken. Wenn ein Mühlarzt zugereist kam oder aber am Werk etwas verbrochen war und ein solcher berufen werden mußte, blieb keiner länger denn eine Nacht in der Mühle, denn das Gespenst litt sie nicht, und zuletzt drohte ihr Verfall und dem Müller Verarmung, denn es blieb auch kein Mahlbursche. Da kam eines Tages ein frischer kecker Klapperbursche dahergewandert, sagte sein Müllersprüchlein ohne Anstoß her und bot um guten Lohn und gute Kost seine Dienste an. Der Müller war froh, daß wieder einer kam, nahm ihn gern in Dienst und hieß ihn die nächste Nacht mahlen. Der neue Bursch hatte schon von dem Mühlspuk gehört, fürchtete sich nicht, ließ sich gegen Mitternacht vom Glöcklein wecken, schüttete frisch auf, tat einen guten Zug aus der Bulle und legte sich auf ein paar Mehlsäcke, zu schlafen, neben sich legte er aber die scharfgeschliffene Mühlbarte. Er war noch nicht ganz eingeschlafen, als die Türe der Meisterstube, die herein in das Werk führte, aufging und ein schwarzer Zottelbär in die Mühle getreten kam. Er schnoperte und griff erst am Beutelkasten herum, ging zum Scheidekasten, schritt die Treppe hinauf an die Trommel und wurde jetzt den neuen Mahlburschen gewahr, der, die Hand am Beile, die ganze Zeit über den Bären beobachtet hatte, denn die Laterne brannte hell. Jetzt reckte der Bär mit Gebrumm die eine Tatze nach dem Burschen aus, der, nicht faul, hob das Beil, hieb zu, und die Tatze lag am Boden. Laut auf heulte der Bär und stürzte in die Meisterstube zurück. Als man am andern Morgen das Frühmahl einnahm, fehlte die Müllerin; sie lag im Bette, und fehlte ihr der rechte Vorderarm, da holte der Bursche die Tatze, und die Tatze war der Vorderarm, und die Müllerin war eine unholde Hexe. Solchen Hexenspuk mit Müllerinnen, die auch als Katzen erscheinen und arge Teufeleien treiben, erzählt man sich auch viel in Thüringen und Sachsen.

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339. Jungfrau Lorenz

339. Jungfrau Lorenz

In der Nähe von Tangermünde war früher ein großer und weitausgedehnter Forst, dieser war Eigentum einer Jungfrau des Namens Lorenz. Der Wald war also groß, daß seine Herrin, als sie eines Tages in demselben lustwandelnd sich erging, sich verirrte und sich nimmer zurechtfinden konnte. Drei Tage lang irrte sie verzweifelnd in dem Waldesdickicht umher, nährte sich von Beeren und trank aus Rieselbächen. Sie glaubte schier, nie wieder des Waldes Ende zu finden und darinnen sterben zu müssen, so sehr sie auch den Himmel anrief, ihr Hülfe zu senden. Siehe da, als sie am dritten Tage wieder recht inbrünstig gebetet hatte, erschien ein Hirsch, der hatte ein Geweih wie Elche so groß und nahte ihr ganz zahm, neigte sich vor ihr und schaufelte sie, ehe sie sich’s versah, mit seinem mächtigen Geweih vom Boden empor und auf seinen Rücken und trug sie fort, immerfort durch den weiten Wald, sanft und recht wie stolz auf seine Last, bis sie endlich den Wald sich lichten und beim Heraustritt die Tore von Tangermünde vor sich liegen sah. So kam Jungfrau Lorenz wieder in ihrer Heimat an und erfüllte sogleich ein Gelübde. Sie schenkte einen guten Teil des Waldes der Nikolaikirche zu Tangermünde, ließ ihr Bildnis von Holz auf einem Hirschgeweih künstlerisch ausarbeiten und in der Kirche aufstellen mit der Verordnung, daß dasselbe bewahrt bleiben solle für alle Zeiten, und solange von der Kirche noch ein Stein auf dem andern stehe. Die Kirche blieb stehen und steht heute noch, und das Bild wird heute noch gezeigt, obschon die Stürme der Zeit so vieles brachen und änderten. Aus der Kirche wurde ein Lazarett, all ihre Bilderzier wurde entfernt oder zertrümmert, nur das Bildnis der Jungfrau Lorenz überdauert alles. Sie selbst scheint dasselbe unsichtbar zu schützen, Gepolter und unheimlicher Lärm entsteht, wann jemand nur wagt, an den Zacken des Hirschgeweihes etwas aufzuhängen. Der ganze Landstrich zwischen den Dörfern Grobleben und Bölsdorf, den die Jungfrau Lorenz an die Kirche schenkte, und in welchem jetzt kein Wald mehr ist, heißt noch immer das Lorenzfeld.

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340. Der Geiger im Chorrock

340. Der Geiger im Chorrock

Nahe bei Tangermünde liegen zwei Dörfer ohnweit voneinander, Ost- und Westheeren, und zwischen beiden liegt die gemeinsame Kirche. Der Pfarrer an dieser Kirche war aber vor langer, langer Zeit ein lustiger Bruder, dem die volle Flasche lieber war als der leere Kelch und die Fiedel lieber als die Orgel. Er verstand selbst gar schön und lustiglich die Geige zu spielen und gönnte seinen Beichtkindern die Tanzfreude viel mehr, als seine Herren Confratres im geistlichen Amte zu tun pflegen. So spielte er auch einstmals am heiligen Pfingstfeste seinen Pfarrkindern auf seiner Fiedel zum Pfingstreigen auf, der sich unter der hohen Linde lustig drehte. Es zog ein schweres Gewitter auf, doch die Frohen achteten dessen nicht. Der Dorflinde dichtes Laubdach bot lange Schutz gegen fallenden Regen. Der Donner begann zu rollen, aber der Lärm der Freude ließ ihn überhören. Warum hätten die Dirnen und Bursche nicht tanzen und jauchzen und sich freuen sollen, solange ihr Pfarrer es ihnen nicht verwehrte? Plötzlich zuckte ein entsetzlicher langer Wetterstrahl an der Linde nieder, ein fürchterlicher Donnerschlag krachte über den Tanzenden, streckte zwölf tanzende Paare tot nieder und warf den geigenden Pfarrer in den Staub, verwandelte seine Fiedel samt dem Bogen in Splitter und schlug ihm die rechte Hand ab oder den ganzen Arm. Der geigte nimmer wieder zum Tanze. – In Schlesien ist Ähnliches geschehen, daß der Blitz eine ganze Tanzgesellschaft erschlug.

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341. Der Altmarkstädte Name und Ruhm

341. Der Altmarkstädte Name und Ruhm

Die Stadt Stendal galt ehedem als die Hauptstadt der Altmark und ist auch heute noch die bedeutendste unter diesen Städten, steht immer noch obenan. So lebt noch ein alter Reim im Volke von den sieben Städten der Altmark, der singt und sagt etwas von deren Bewohnern:

De Stendaler drinken gerne Win,
De Gardeleger wöllen Jonker sin,
De Tangermünder hebben den Mot,
De Soltwedler hebben det Got,
De Seehuser det sind Ebentur, (Abenteurer)
De Werbner geben den Weiten dhur, (den Weizen teuer)
De Osterberger wollten sich reken
Und deden den Bullen vor den Bären steken.

Stendal lag in seinen ersten Anfängen in einem steinigen Tale, nach alter Weise Sten-dal geschrieben. Die Wärme dieser sonnigen Bergabhänge begünstigte den Weinbau, der sich zu hoher Blüte hob, seit unter Albrecht dem Bären Rheinländer eingewandert waren, die ihn pflegten; es war naturgemäß, daß sie nicht allen Wein ihren Nachbarländern zuführten, sondern ihn auch gern selbst tranken. Gardelegen hingegen wurde durch Brauereien reich; sein Bier hieß Garlei. Die Stadt Tangermünde bewährte Mut und Treue in schweren Kämpfen; Salzwedel war Hansestadt und mehrte ihren Reichtum durch blühenden Handel. Den Seehausern ward nachgeredet, daß sie allerdings gern auf der See gehaust und die Insel der Glückseligkeit gesucht hätten, obschon vergebens. Werben nutzte die Fruchtbarkeit seiner Gegend, in der Wische genannt, zu lebhaftem Getreidehandel, und den Osterburgern begegnete ein unvergeßner Lalenstreich. Sie hielten eine Herde Ochsen, welche auf die Stadt zukamen, für eine Bärenherde und rüsteten sich mit Spießen, Mistforken, Stangen und Heugabeln zu kräftiger Abwehr.

Stendal vor allem rühmt sich der Erbauung durch Kaiser Heinrich den Städtegründer; oft soll er dort residiert haben, noch wird das Haus gezeigt in dem ältesten Teile der Stadt.

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342. Hunde verschmähen Brot

342. Hunde verschmähen Brot

Es geht ein gemeines Sprüchwort, wenn man von einem recht geringschätzig redet: Er ist so schlecht, daß kein Bettler einen Pfennig und kein Hund ein Stück Brot von ihm nimmt. Das schreibt sich her von den durch den Fluch der Kirche Gebannten. In der Altmark war ein reicher Graf des Namens Heinrich, manche sagen von Gardelegen, andere von Osterburg. Der war ein schlimmer Herr von Jugend auf und machte auch dem Hochstift Magdeburg viel zu schaffen. Da tat ihn endlich der Erzbischof dieses Hochstifts in den Bann. Des lachte und spottete Graf Heinrich über die Maßen und däuchte ihm lächerlich – allein bald fühlte er mehr und mehr die entsetzliche Wucht des Kirchenbannes. Als ihm die Türen der Kirchen und Kapellen verschlossen blieben, als in seinem Gebiet keine Glocke mehr läutete, als die Menschen ihn mieden, seine Diener von ihm zogen, keine Hand sich regte, ihm auch nur einen Trunk Wasser zu bieten, da ward ihm wunderlich zu Sinne. Die Menschen sind unvernünftig, sprach er, da lob‘ ich mir die Tiere. Wahrlich, ich glaube, die Hunde haben mehr Vernunft. Und nahm Brot und lockte die Hunde und brach ihnen das Brot – aber die Hunde nahmen es nicht, mocht‘ er es ihnen vorwerfen oder in der Hand reichen. Da erkannte der Graf, was es mit dem Bann Schweres auf sich habe, bereute seine Sünden und büßte sie, indem er gelobte, zu Stendal einen herrlichen Dom zu bauen. Da ward sein Bann gelöst und der Dom zu Stendal erbaut, schön und kunstvoll.

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343. Die Rolandsäulen

343. Die Rolandsäulen

Fast im ganzen Harzgebiet, im Braunschweigischen und Hannoverischen und ebenso in der Altmark und in der Mark Brandenburg werden in vielen Orten und Flecken, selbst in Dörfern auf offenen Plätzen Rolandbilder, gleichwie zu Bremen, angetroffen, Rolandssäulen geheißen, deren Gestaltung sehr oft edel und schön, häufig aber auch grotesk, buntbemalt und höchst lächerlich erscheint. Sie sind uralten Ursprunges und stellen den Helden Roland, den Vetter und Paladin Karl des Großen, dar als einen Schirmherrn der Gerechtigkeit, daher fehlt dem Roland fast nie das Schwert. Karl der Große soll, wie die Sage geht, die Aufstellung dieser Bildsäulen von Stein oder Holz angeordnet haben, wenn sie nicht Nachklang aus urfrüher Zeit sind, in die keine geschriebene Kunde hinaufreicht. Die urältesten dieser Säulen werden nicht mehr gefunden, die vorhandenen tragen allzumal in ihrer mittelalterlich-ritterlichen oder antik-römischen Gestaltung, wo sie einem Kriegsgott ähnlich sehen, das Gepräge spätern Ursprunges. In vielen Orten der Marken sind die alten Rolandbilder verstümmelt, zertrümmert, ja sogar begraben worden.

Zu Stendal, wie auch zu Brandenburg, zu Prenzlau u. a. stehen berühmte Rolandsäulen. Der Roland zu Stendal ist absonderlich riesig und grotesk, wohl der größeste. Seine Waden sind mannsdick, sein Schwert ist zwölf Ellen lang. Am Hinterkastell hat des Künstlers Laune ein lachendes Schalksgesicht angebracht; die Leute nennen es den Eulenspiegel. Manchmal schon hat der Roland, wenn gesamte oder vereinzelte Narrheit es ihm allzubunt machte, sich herumgedreht oder doch wenigstens den Kopf gewendet. Anno achtundvierzig soll das am letzten geschehen sein.

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344. Die wüsten Türme

344. Die wüsten Türme

Sowohl die Domkirche als die Marienkirche zu Stendal haben jede zwei schöne Türme, doch dient stets nur einer davon als Glockenturm, und der andere, der keine Glocken trägt, wird der wüste Turm genannt. Die Sage geht, daß beide wüsten Türme durch einen unterirdischen Gang miteinander verbunden seien, der unter dem Domhof, der Hallstraße und dem Markt hinstreiche, und die Hallstraße soll absonderlich ihren Namen daher haben, daß es unter ihr hallt und hohl klingt. Lange Zeit aber ward dieser Gang für ungangbar gehalten, und man wußte nicht mit Gewißheit, ob dem also sei, daß er von einem wüsten Turme zum andern führe. Da erwachte die Neigung, der Sache und Sage auf den Grund zu kommen. Ein Missetäter, der auf den Tod gefangen saß, sollte den Gang beschreiten und, wenn er dies glückhaft vollende, nicht zu Stendal gehangen werden, sondern ein Stück Geld bekommen, sich dafür anderswo hängen zu lassen, wo es ihm selbstbeliebig sei. Man hing ihm ein Grubenlicht an die Mütze und eine Trommel um, ließ ihn vom wüsten Turm des Domes in den Gang steigen und befahl ihm, zu trommeln, damit man ohngefähr höre, wo er stecke. Dies geschah pünktlich, man vernahm den dumpfen Trommelschall unter der Erde ganz gut längs des ganzen Domhofes und in der Hallstraße – aber mitten in derselben hörte die Trommel mit einem Male auf – alle war’s. Niemals kam der Trommler wieder zum Vorschein, und niemand wagte, ihm nachzugehen. Nur die Geister der alten Chor- und Stiftsherren, vielleicht auch regulierter Chorfrauen wandeln von einem der wüsten Türme zum andern, und sie werden es ohne Zweifel gewesen sein, die dem Eindringling in ihr geheimnisvolles Reich den Weg plötzlich abschnitten.

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345. Die goldne Laus

345. Die goldne Laus

Zu Bismark oder nicht gar weit davon ist im Jahre 1350 ein Kreuz vom Himmel gefallen, welches alsbald, sowie es erhoben ward, Wunder tat. Man erbaute ihm daher eine besondere Kirche, weihete sie der Himmelskönigin und nannte sie Zum heiligen Kreuze. Den Teufel verdroß das sehr, daß so viele Andachten zum heiligen Kreuz geschahen, und um das Kreuz zu höhnen, schuf er ein ungeheuerliches Getier in Gestalt einer Laus und setzte es über dem Kirchengewölbe in den Turm, da sahen es die Leute, absonderlich die Wallfahrer, wie Gold blitzen und mit den Füßen zappeln, und dadurch wurde die Andacht vom heiligen Kreuze abgelenkt, denn eine goldne Riesenlaus sah man nirgend anderswo, heilige Kreuze aber allenthalben. Aber was an Mehrung des Zulaufs und der Opferspenden das Kreuz nicht tat, das tat nun die Laus, deswegen wurde dieselbe von einer goldnen Spange umfangen und an einer goldnen Kette festgehalten und empfing zu ihrer Speise täglich ein Pfund Fleisch. An jedem Wallfahrtstage wurde den Gläubigen die Laus von oben her, vom Gewölbe, gezeigt; sie war so groß wie eine Taube, und unten an der Kirchturmmauer war sie in ihrer natürlichen Größe abgebildet. Jetzt steht die Kirche Zum heiligen Kreuz schon längst nicht mehr, auch das heilige Kreuz selbst ist verschwunden, aber die Trümmer der Kirche liegt noch einsam in der Feldflur bei Bismark, nach Stendal zu, der Weg dahin, der alte Wallfahrerweg, heißt noch die heilige Gegend. Auch die Laus ist verschwunden, aber ihr Name blieb an der Trümmer haften, die heißt noch bis heute die goldne oder auch die verwünschte Laus.

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330. Solis-welte

330. Solis-welte

In der Altmark liebt man Ursprungssagen aus frühesten Zeiten. Julius Cäsar gründete nach dortiger Sage in Deutschland den Planetengöttern zu Ehren sieben Städte, dahin ja auch die magdliche, dem Planeten Venus geweihte Stadt Magdeburg deutet. Die dem Sonnengotte Sol geweihte Stadt aber liegt in der Altmark, hieß früher Soliswelte – das sollte vom alten Wort Welle, die bogenförmige Laube, also Hütte, oder von dem jüngern Wort Wellermauer, eine Lehmwand, abzuleiten sein, wer es glauben will – und heute heißt sie Salzwedel. Andere sagen, daß, wie den Isistempel bei Gardelegen, Drusus hier einen Solistempel gegründet habe. Das Götterbild des Phoibos Apollon stand noch, als Karl der Große das Heidentum brach und die alten Tempel zerstörte.

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331. Stock voll Dukaten

331. Stock voll Dukaten

Zu Salzwedel ist einmal ein Mann gewesen, der hatte von einem andern hundert Dukaten geliehen, hatte aber keine Lust, dieses Gold wieder zurückzuzahlen. Er habe es ihm ja schon gegeben, sagte er zu dem Mahnenden, sooft dieser kam, und so ward er endlich verklagt. Nun gebrauchte der böse Schuldner sich dieser List. Er ließ einen Spazierstock hohl drehen, barg in diesen das Röllchen mit den hundert Dukaten fest, daß es nicht klapperte, und kam mit diesem Stock auf das Rathaus, wo er seinen Gläubiger schon nebst dem Richter seiner harrend fand. Nach Reden und Gegenreden schritt der Richter zur Eidesabforderung, dazu war der treulose Mann bereit, er drückte geschwinde dem Gläubiger seinen Stock zum Halten in die Hand, weil er die rechte Hand emporheben und die linke auf ein Kruzifix über einem Evangelienbuch legen mußte, und schwur frech und sicher, was jetzt die Wahrheit war, daß er die hundert Dukaten vollwichtig und vollgezählt in des Gläubigers Hände zurückgegeben habe. Somit war die Sache abgetan, der Gläubiger ging traurig und beschämt, der Schuldner aber triumphierend nach Hause, nur war es schade, daß er nicht auch nach Hause kam, denn unterwegs ereilte den Meineidigen das schwere Gericht des allsehenden Gottes. Er stieß auf einen Müllerwagen, dessen Pferden sandte der Herr ein paar Hornissen auf den Hals, daß sie wütend wurden und durchgingen und den Mann umstießen und den Wagen über ihn hinwegrissen; zwei Räder gingen über ihn und gaben ihm den Armsündertod des Gerädertwerdens ohne Zeremonie und zwei über den Stock und sprengten ihn auf, da fielen die hundert Dukaten heraus, und der offenbare Betrug fiel auch mit heraus und kam ans Licht. Hernachmals ist diese Geschichte in der Katharinenkirche auf der Neustadt zu Salzwedel abgebildet worden.

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