Märchen

387. Graf Isang

387. Graf Isang

Der letzte Besitzer der Burg Schweckhausen hatte eine sehr schöne Tochter, Bertha genannt, um diese warb Graf Isang, welcher ein wilder und wüster Ritter war, dessen Schloß zwischen Bernshausen und Seeburg stand. Auch er war der letzte seines Geschlechts und hatte schon viele Untaten getan, die sich gar nicht niederschreiben lassen. Die schöne Bertha wollte gar nichts von der Werbung des Grafen Isang wissen, aber da dessen Mutter eine gewaltige Zaubrerin war, so verwünschte sie das Mägdlein, daß es im Burghain nachts so lange umgehen und seufzen sollte: Hilf mir! hilf mir!, bis jemand zu ihr sagen würde: Helfe dir der liebe Gott! Aber auch damit solle sie noch nicht erlöst sein, sondern der Sohn zweiter Ehe einer Frau, der als Pfarrer studiert habe und noch ein reiner Jüngling geblieben sei, wenn er seine erste Predigt tue, der könne Bertha erlösen. Da hat nun die arme Bertha fort und fort spuken müssen die längste Zeit.

Der Graf Isang wurde aber von nun an nur immer ärger und schlimmer und häufte Schuld auf Schuld, Sünden auf Sünden. Da brachte ihm eines Tages sein Koch einen silberweißen Aal, es war aber eine weiße Schlange, und der Graf war begierig, davon zu essen, und verbot, daß irgend jemand von der Dienerschaft es wage, auch von dem weißen Aal genießen zu wollen. Da nun der Graf von der Schlange gegessen hatte und hinab in den Hof kam, da hörte er viele Stimmen, und hörte die Tiere sprechen, und verstand ihre Sprache. Aber erfreuend war es nicht, was Graf Isang hörte. Die Hennen gackerten: Packe, packe, packe dich! – Der Hahn schlug mit den Flügeln und krähte den Grafen an: Flieh, flieh, flieh, flieh! – Die Tauben gurrten: Die Burg, die Burg, die Burg geht unter! – Gänse und Enten schnatterten durcheinander: Graf Isang, Graf Isang! Es ist alle, alle, alle. Wo dein Haus heute stand, ist morgen Wasser, Wasser, Wasser, Wasser! – Dem Grafen rieselte es kalt durchs Gebein, da er die Tiere also reden hörte. Da stürzte sein Diener atemlos herbei und rief: Hört Ihr’s, Herr? Hört Ihr’s, was die Hunde heulen und winseln? Auf, auf, auf! Das Haus soll im Hui, im Hui versinken, verschwinden! – Und da entbrannte der Graf im jähen Zorn und zog sein Schwert aus der Scheide und schrie: Selbst Hund! Hatte ich nicht allen verboten, vom weißen Aal zu essen, nun hast du’s doch getan und hörst den Unsinn und schwatzest ihn gleich nach! Fahre zur Hölle, du Teufelsrabe! Du Unsinnskrächzer! – und damit spaltete der Graf dem Diener den Kopf und ritt aus der Burg hinaus nach dem Städtchen Gieboldehausen zwischen Göttingen und Nordheim zu. Hinter ihm sank unter Erdbeben und Donnerkrachen seine Burg in den Boden, und an ihre Stätte trat ein tiefer See. Graf Isang aber trat in ein Kloster zu Gieboldehausen und büßte reuig seine Sünden ab und machte reiche Schenkungen von seinem Erbe. Auch die arme Bertha von Schweckhausen hat hernachmals, doch nach langer Zeit, durch einen außerordentlich tugendhaften jungen Pfarrer ihre Erlösung gefunden.

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388. Der Glockensee

388. Der Glockensee

Zwischen Northeim und Uslar liegt der Flecken Moringen; dort ist in einem Garten ein kleiner See, den nennen sie den Opferteich. Vor alten Zeiten haben Tempelherrn zu Moringen einen Sitz und Klosterhof gehabt. In noch frühern Zeiten wurde unter alten Eichen, die in des Teiches Nähe standen, Gericht gehalten, und die Schuldigbefundenen wurden als Sühnopfer der Gerechtigkeit tot oder lebendig in den Teich gestürzt, daher sein Name Opferteich. Derselbige Teich ist nicht groß, aber sehr tief und wird durch unterirdische Quellen unterhalten, sichtbaren Zufluß hat er nicht.

Als das Tempelhaus noch stand, ließen die Klosterbrüder eine neue Glocke gießen und in dem Kirchturm aufhängen. Aber sie ließen selbige Glocke nicht erst taufen, wie doch allgemeiner Brauch war, denn die Templer taten manches, und manches taten sie nicht, das beiderseits ihnen bösen Ruch machte. Als daher zur Christmette die Glocke zum ersten Male geläutet wurde, tat sie einen schrillen Klang und fuhr zum Schalloch heraus gerade in den kleinen tiefen See hinab, und da liegt sie noch bis heute, und der See hat von ihr den zweiten Namen Glockensee erhalten. In jeder Christnacht läutet die Glocke eine ganze Stunde lang, und bei hellem Wetter sieht man sie bisweilen im Grunde liegen und grüngoldig heraufschimmern. Kein Fisch kann im See leben, und lebt keiner darin, wegen der Glocke. – Bei Ricklingen, ohnweit Hannover, ist ein unergründlicher mit Wasser gefüllter Erdspalt, eine wahre Teufelskutte, in die hat der Teufel eine ganze Kirche gestürzt, deren Glocken man noch Ostern und Pfingsten läuten hört.

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38. Straßburger Schießen und Zürcher Brei

38. Straßburger Schießen und Zürcher Brei

Im Zeughaus zu Straßburg wird ein eherner Topf gezeigt, den sandte einstmals die Stadt Zürch voll Brei dahin, den sie in Zürch gekocht und der noch warm in Straßburg ankam, das begab sich also. Die Straßburger hielten großes Freischießen und luden dazu ein alle Nachbarstädte am Rhein, in der Rheinpfalz, im Elsaß und in der Schweiz, die kamen auch durch Gesandte zahlreich und nahmen teil am Feste; am weitesten hatten freilich die Schützen von Zürch, drei Tagereisen. Da war zu Zürch ein wackerer Kumpan, der hieß Hans im Weerd, und sann ein lustig Stücklein aus. Wir wollen gen Straßburg zu Wasser fahren, da brechen wir kein Rad und fällt uns kein Roß, und wollen das tun, so Gott will, in einem Tag, und einen heißen Brei, den wir allhier gekocht, den Straßburgern mitbringen. Dieser Rat fand großen Beifall, alles ward vorgerichtet und gerüstet, der Brei wurde in einer Nacht gekocht, kam in einen warmen Topf von Erz, und der Topf wurde in heißen Sand gestellt, und nun ging es schnell zu Schiff, als die Sterne noch glänzten. Vom Schiffe wehten lustig die Wimpel mit Zürchs Farben, weiß und blau, und munter flog es über der Limmat rasche Wellen rasch dahin. Von der Limmat lenkten die fröhlichen Schweizerschützen in die Aar, vorüber an mancher fährlichen Stelle, und aus der Aar in den Rhein, am Höllenhaken kühn vorbei durch Strudel und Klippen. Da das glückhafte Schifflein gen Rheinfelden kam, wohin schon Kunde von seiner Fahrt gelangt, ward zur Mauer herab ein Korb voll edlen Weines zum Morgentrunk herabgelassen und unverweilt eingenommen. Als die Basler Glocke elf schlug, war es erst um zehn Uhr, und das glückhafte Schiff mit seinen Zürchern nahte schon der Brücke. Da schallte von aufgestellter Mannschaft und drängendem Volk herzlichfroher Bundesgruß entgegen, und die Geschütze krachten, aber wie ein Pfeil schoß das Schiff, getrieben von den Ruderschlägen stets sich ablösender kräftiger Ruderer, immer rheinabwärts, und vorn im Schiff am Steuer stand lugenden und sorgenden Blickes der Hans im Weerd, und mitten im Schiff saß Kasper Thomann, der Zürcher erwählter Obmann und Sprecher beim Schützenfeste. So ging es weiter und immer weiter, an Neuenburg vorbei, an Breisach vorbei, durch die hundert Inseln und Werder und Riede im Rhein. Wohl sank der Abend nieder, wohl tauchte hinter der Vogesen blauer Bergkette das glühende Rad der Sonne unter, aber was leuchtete dort weit, weit her über die unermeßliche Stromtalfläche, eine rote Feuersäule? Im Sonnenscheidekuß flammte Unser Frauen-Münsters Turmriese, und der Jubel der Schiffer grüßte das leuchtende ferne Ziel. Aber immer noch liegen Stunden zwischen dem Ziele und dem Schiffe – der Tag schwindet, die Nacht bricht an, hell und rund steht der Mond am Abendhimmel, das Münster taucht empor, wie ein Geisterschiff, von der Schützenmatte her dringt dumpfer Lärm des Volksgewimmels; jetzt beginnen auch die im Schiff zu blasen mit hellen Zinken und Posaunen, Pfeifen und Drommeten – jetzt endlich ist Straßburg erreicht, und am Guldenturm legt das Schifflein an. Jubel begrüßt die nimmermüden Stromfahrer, die das nie Dagewesene vollbracht, in einem Tage gefahren die unendlichen Strecken, und der Brei im Topfe noch warm, gerade noch so recht mundrecht. Das war ein gar festliches Begrüßen, mit Musik und Fahnen wurden die werten Zürcher Gäste auf die Maurerstube geleitet zum herzlichen Willkommen und frohen Mahle. Von da brachte man die Zürcher, nachdem der Brei verzehrt war, in den güldnen Hirsch zur Rast, und am andern Tage beim Schießen wurden sie hoch geehrt vor allen Gästen, und der Topf blieb aufbewahrt für ewige Zeiten.

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389. Der Heinrichswinkel

389. Der Heinrichswinkel

Nicht weit hinter dem Harzstädtlein Gittelde, das manche auch Gattelde schreiben und Gittel sprechen, und das in alten Zeiten Chatila geschrieben ward, nach der Staufenburg zu, da liegt der merkwürdige Raum, auf welchem des Sachsenherzog Heinrich des Finklers Vogelherd stand, als ihn die Abgesandten des Reichs aufsuchten und die Kaiserkrone ihm darboten. Dort saß Heinrich mit seinem Gemahel im lauschigen Winkel einer grünen Laube, und als er die Gesandten nahen sah und wußte nicht, was sie wollten, da winkte er ihnen mit der Hand, zu warten, bis er sein Netz zusammengezogen habe. Der Fleck heißt noch bis auf den heutigen Tag der Heinrichswinkel. Bei Gittelde hatte der Herzog eine kleine Burg, deren ehemalige Stelle man noch zeigt und die Burg nennt, nahe dabei ist eine Wiese, die heißt der Kaisergarten, Heinrich legte dort einen Garten an. Rundum hatte Heinrich außer diesen seinen Lieblingsorten Jagdhäuser, so eines auf dem Berge, der die spätere Staufenburg trug, eins in Gittelde, eins in Seesen, eins zu Herzberg, eins zu Scharzfeld, eins zu Schildberg, eins auf dem Harzburgberge. Eine andere Anhöhe hieß die Vogelsburg und lag über einem Ort, der Hernachmals Vogelsbeck benannt wurde. Alldort erlegte Junker Heinemann von Gittelde einen Bären, der den Herzog hart bedrängte, ward hoch belobt und belohnt, und Heinrich erbaute an dem Ort eine Kapelle, und die Priester mußten darin beim Messedienst vor dem Altar auf das Fell des Bären wie auf einen Teppich treten. – Die Staufenburg ist Hernachmals durch den Kaiser Heinrich I. gar stattlich auf- und ausgebaut worden, und er hat sie als einen Lieblingssitz betrachtet. Hernachmals in spätern Zeiten hat sich auf der Staufenburg noch mancherlei Geheimnisvolles zugetragen, und ihre Mauern sahen nacheinander der Liebe Wonnen und der Liebe Pein im vollsten Maße, so daß sie für Herzog Heinrich von Braunschweig, der seine Eva von Trott droben wohnen hatte und barg, selbst gar ein traulicher Heinrichswinkel geworden. – Auf einer Felsklippe ist noch ein Frauenfuß tief eingedrückt zu sehen, dort stand oft lange ein schönes Weib mit sehnsuchtsvollem Blick und schaute dem Kommen des Liebsten entgegen. Man will sie auch noch jetzt erblicken mit goldgelbem, fliegendem Ringelhaar, wie die alten deutschen Meister ihre schönsten Marienbilder malten.

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390. Das Teufelsloch zu Goslar

390. Das Teufelsloch zu Goslar

Im Dom zu Goslar hat man lange an einem Pfeiler einige Ellen hoch von der Erde unvertilgbare Blutflecken gezeigt. Im Jahre 1063 kam Kaiser Heinrich IV. nach Goslar, da erhob sich zwischen dem Bischof Horzilo von Hildesheim und dem Abt Widerad von Fulda ein heftiger Rangstreit um den Vorsitz, um die Ehrenstelle. Dieser Streit ging so weit, daß die erbitterten Gegner gegenseitig Bewaffnete in die Kirche bestellten, die ihnen den erstrebten Sitz erkämpfen sollten, und wirklich gedieh es durch des Teufels Anstiften dahin, daß in der Kirche mit den scharfen Waffen gekämpft wurde und das Blut an die Pfeiler umherspritzte und zur Kirchtüre hinaus auf den Kirchhof floß. Daran hatte der Teufel ein herzinniges Wohlgefallen. Er stieß ein Loch in die Wand und stellte sich den Kämpfenden dar, feuerte sie an und empfing die Seelen derer, die in diesem gottlosen und verruchten Kampfe fielen. Als endlich das Morden aufhörte, welches durch die drei Weihnachtsfeiertage gedauert haben soll, andere sagen, es sei vor Pfingsten gewesen, und der Priester am Altare intonierte: Hunc diem gloriosum fecisti!, da steckte der Teufel seinen Kopf durch das von ihm gemachte Mauerloch, streckte seine feuerrote Zunge armslang heraus und plärrte mit grober und lauter Stimme: Hunc diem bellicosum ac cruentum ego feci! – Hernachmals haben sie das Loch zumauern wollen, allein es blieb offen. Vergebens ward es mit Weihwasser besprengt und ward der Mörtel mit Weihwasser angemacht; wenn es auch zu war, der letzte Stein fiel immer wieder heraus, gerade wie beim Loch auf der Frankfurter Mainbrücke. Endlich wurden Baumeister vom Herzog von Braunschweig erbeten, die mauerten in das Teufelsloch eine schwarze Katze ein und sprachen beim Einsetzen des letzten Steines: Willst du nicht festsitzen in Gottes Namen, so sitze fest in des Teufels Namen! Da hielt auch dieser Stein, aber einen Riß bekam die Mauer doch wieder, und der ist auch nicht wieder wegzubringen gewesen.

Vor dem altertümlichen Rathaus auf dem Markte zu Goslar steht ein mächtig großes metallenes Schallbecken, das soll ein Werk des Teufels sein. Wer um Mitternacht daranschlägt, soll ihn rufen. Ob er kommt, weiß man nicht so ganz sicher. Es hat einen wunderbaren Klang, und wird an dasselbe geschlagen, wenn Feuer in der Stadt ausbricht, so dient es anstatt einer Sturmglocke.

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391. Der Rammelsberg und der Rammberg

391. Der Rammelsberg und der Rammberg

Vom erzreichen Rammelsberge bei Goslar gehen viele Sagen. Es soll mehr Holz in ihm verbaut sein als in der ganzen Stadt Goslar. Kaiser Otto II. hatte einen Jäger, der hieß Ramm, und dieser Jäger hatte eine Frau, die hieß Gosa. Diesem Paare, das er sehr schätzte, schenkte der Kaiser das ganze Gebiet am Harzwald, darinnen heute Goslar und der Rammelsberg liegen, und auch weiter hinaus, über Andreasberg und Harzgerode hin, und es gründete daselbst Städte und begann den Bergbau. Nach dem Jäger wurde der eine Erzberg Rammelsberg genannt und nach der Frau Gosa der Fluß Gose, desgleichen die Stadt Goslar und deren berühmtes Bier, die Gose, wem sie schmeckt. An der St. Augustinerkapelle auf dem Frankenbergischen Kirchhofe ist des Paares Leichenstein zu erblicken. Der Jäger trägt ein erhobenes Schwert über sich in der Hand, Frau Gosa eine Krone. Der Jäger Ramm war es, der zuerst die Spur des Bergsegens entdeckte. Er verfolgte ein Wild, konnte zu Pferde nicht durch das Dickicht des Waldes dringen, band das Pferd an einen Baum und verfolgte jenes weiter zu Fuße. Als er zurückkam, hatte das Pferd mit den Hufen gescharrt und edle Erzgesteine zutage gefördert. Diese brachte Ramm dem Kaiser mit.

Als der Bergbau sich anhub, hatte der Teufel auch eine Grube, die war ausschließlich sein und sehr silberreich. Woher hätte er sonst auch das viele Geld nehmen sollen, das er denen verschaffen mußte, die sich ihm verschrieben. Er ließ daher drauf und drein arbeiten und bezahlte die Knappschaft wöchentlich gleich den andern Gewerken. Da aber alle Ausbeute, welche der Rammelsberg lieferte, gemeinsam verkauft wurde, welches man alldort die Kommunion nannte, und der Erlös dann unter die Grubenherren geteilt wurde, so ließen sich einstmals die übrigen Gewerken beigehen, den Teufel zu beschuppen, worüber er so böse wurde, daß er seine ganze Grube zusammenwarf und unzugänglich machte, und wurden bei tausend Menschen vom einbrechenden Gestein erschlagen. Dieser verfallene Ort heißt noch bis heute die Teufelsgrube.

Oben auf dem Gipfel des namenverwandten Rammberges über Harzgerode liegen viele Felsblöcke umher verstreut, das nennt man die Teufelsmühle. Einem Windmüller stand seine Mühle nicht hoch und frei genug, er wünschte sich eine dort hinauf, der es nie am Wind fehlen solle. Der Teufel versprach ihm solch ein Werk vom allervortrefflichsten Bau. Die wolle er in einer Nacht bauen und vor dem ersten Hahnenkraht vollenden, dafür solle nach dreißig Jahren angenehmen Lebens die Müllerseele des Teufels sein. Gleichwohl verrechneten sich bei diesem Kontrakt beide Kontrahenten. Der Teufel brachte zwar die Mühle fertig, allein da er sie dem Müller zeigte, entdeckte dieser, daß noch ein Mühlstein fehle; eilend fuhr der Teufel von dannen, diesen Stein zu holen, aber wie er wiederkehrte, da krähte schon der Hahn auf der untern Mühle. Darüber bekam der Teufel einen solchen Zorn – es mußte ihm schrecklich viel an der Müllerseele liegen –, daß er mit dem Stein gleich das ganze neue Werk zusammenbrach, Flügel, Räder und Wellen in Splitter knickte und die Steine bis fast aufs Fundament über den ganzen Gipfel des Rammberges verstreute. Der Müller war gescheit genug, seine Seele jetzt Gott zu befehlen, und begehrte nimmer wieder eine Mühle auf der gefährlichen Höhe.

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378. Wittekinds Grab und Gedächtnis

378. Wittekinds Grab und Gedächtnis

Da Wittekind, der große Sachsenheld, der, solange es ihm nur möglich war, die Freiheit seines Volkes gegen Kaiser Karls Unterdrückung schirmte, gestorben war, so fand er sein erstes Begräbnis zu Engern in dem Stift, was er selbst begründet und erbaut, doch ward seinem Gebein, wie ihm selbst im Leben, wenig Ruhe beschieden. Denn hernachmals wurde es von Engern in einen schlechten Kasten nach Herford gebracht, und hernach aber nach Engern, doch wurde sein Gebein gleich dem eines Heiligen verehrt, auch sein Andenken in so hohen Ehren gehalten, wie kaum ein anderes eines deutschen Fürsten und Helden aus so früher Zeit, denn vormals ließen alle Fürsten zu Sachsen mit Stolz ihren Namen bis zu Wittekind zurückführen, ebenso die alten Herzoge zu Bayern, zu Schwaben, die Kapetinger in Frankreich, die Herrscher Oldenburgs und Dänemarks, Savoyens und andere. Da wollten alle Wittekinder sein. Kaiser Karl IV. hat des Helden Grabmal hoch geehrt und erneuern lassen. Es war darauf eine Schrift in Kreuzesform und des Helden Bild nach uralter Art mit perlengezierten Schuhen, Purpurtunika mit edelstein- und sternenbesäetem Überwurf, gar köstlich, und einem Hute, der einer Krone ähnlich.

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37. Die Münsteruhr

37. Die Münsteruhr

Zu Straßburg im Münster ist ein kostbar und verwunderungswürdiges Uhrwerk, das seinesgleichen in der ganzen Welt nicht hat. Hoch und stolz, ein wundersames figurenreiches Gebäu, steht es da vor Augen, aber leider steht es eben und geht schon längst nicht mehr. Im Piedestal zeigt sich neben einem Himmelsglobus ein Pelikan, darüber erhebt sich ein Kalender, in dessen Mitte die Erdkugel ersichtlich ist, zu beiden Seiten stehen der Sonnengott und die Mondgöttin, welche mit ihren Pfeilen Tages- und Nachtstunden zeigen. Schildhalter an den vier Winkeln des Kalendariums lassen Wappen erblicken. Darüber fuhren in Wagen, von verschiedenen Tiergespannen gezogen, die sieben Planetengötter als Tagesboten, jeden Tag zeigte sich sanft vorrückend ein anderes Gespann, stand in der Mitte zur Mittagsstunde und gab dann allmählich dem nachfolgenden Raum. Darüber ein großer Viertelstundenzeiger und zur Seite vier Gebilde, die Schöpfung, Tal Josaphat, Jüngstes Gericht und Verdammnis. Zur Rechten des Beschauers steht ein freier Treppenturm am Uhrgebäu, zur Linken ein ähnlicher von anderer Form mit Göttergestalten, auf der Spitze ein großer Hahn, welcher die Stunden krähte und mit den Flügeln schlug. Am Sockel der Türme halten zwei große aufrechtsitzende Löwen je einer den Helm mit dem Kleinod, der andere das Wappenschild Straßburgs. Recht in der Mitte ist das riesiggroße mannigfach verzierte und mit kunstvollem Triebwerk versehene Zifferblatt, umgeben von den Bildern der vier Jahreszeiten, darüber steht: Dominus Lux Mea-Quem Timeo. Den Zeiger bildet ein geschlängelter Drache, dessen Zungenpfeil auf die Stundenzahl deutet. Über dem Zifferblatte zeigte ein kleinerer Kreis mit der Mondesscheibe genau des Mondes wechselnde Zeiten. Darüber zeigten sich zwischen Schildhaltern und Wappenfiguren wandelnde Gestalten der Menschenalter, welche an die offen hängenden Viertelstundenglocken anschlugen, über ihnen hängt die Stundenglocke; nach jedem Viertelstundenschlage trat der Tod hervor, die Stunde zu schlagen, aber da begegnete ihm die Gestalt unsers Heilands und wehrte ihm, erst wenn die Stunde voll war, durfte der Tod sein Stundenamt üben. Hoch empor über allem diesen hob sich noch eine gotische Krone mit den freistehenden Gestalten der vier Evangelisten, die Tiere der Offenbarung neben sich, und über diesen standen zwei musizierende Engel, dahinter aber barg sich gar ein schönes klangvolles Glockenspiel, auch ist noch manch anderes künstliches Bildwerk an der Münsteruhr zu sehen und sind auch gedankenvolle Sprüche daran zu lesen. Dieses herrlichen Werkes Meister hieß Isaak Habrecht, der hatte gar lange gesonnen Tag und Nacht und gearbeitet unermüdlich, bis er es vollendet, und bis es durch seinen lebendigen Gang alle Welt zum Erstaunen hinriß. Da es nun vollbracht war, so gedachte der Meister, auch anderswo seine unvergleichliche Kunst zu üben, da blies der böse Feind dem Rate der Stadt Straßburg schlimmen Neid in das Herz, und sollte seine Stadt solch Wunderwerk nur einzig und allein haben. Und weil die Herren im Rate glaubten, wenn sie dem Meister Habrecht auch verböten, der Stadt Weichbild zu verlassen, werde er Straßburg dennoch den Rücken kehren, so wurden sie miteinander eins, ihn des Augenlichtes zu berauben. Das ward dem Meister angesagt, und wie er es vernahm, schauderte ihm, und sprach: Nur einmal noch muß ich mein Uhrwerk sehen, möcht etwan noch was daran bessern, denn ich’s später nicht mehr vermag, wenn ich nicht sehend bin. Das wurde ihm vergönnt, und dann stieg der Meister zu seinem künstlichen Bau hinauf und trat hinein und schaffte was darin, eine kurze Weile. Und hernach haben sie auf dem Rathaus den Meister des Augenlichts beraubt. Aber siehe – da stockte mit einem Male das Uhrwerk. Christus und der Tod und die Alter der Menschen wandelten nicht mehr, das Glockenspiel verstummte, der Hahn krähte nicht, die Uhrglocken tönten nicht, der Zeigerdrache zeigte nicht, die Götter fuhren nicht mehr – alles stand. Bald aber nach der grausamen Tat wurden Meister Habrechts geblendete Augen aufgetan zum ewigen Licht – und vergebens sendete der Rat nach Künstlern umher, die das Uhrwerk wieder in Gang bringen sollten. Viele kamen, viele probten und pösselten daran und darin herum, keiner bracht’s in Gang, von alter Zeit zu neuer Zeit, immer wieder – sie verdarben mehr, als sie gut machten, und so steht im Münster das Uhrwerk heute noch, wunderbar anzuschauen, aber ungangbar, und die Zeiger zeigen noch Tag und Stunde, an denen so grauenhafte undankvolle Untreue an dem kunstreichen Meister verübt ward.

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379. Der Soester Schatz

379. Der Soester Schatz

Nicht weit von Soest in Westfalen lag ein altes zerstörtes Haus, Mauerreste eines Burgstalles etwa, darinnen sollte, so ging die Sage, ein großer Schatz in eiserner Truhe verborgen liegen, bewacht von einer verwünschten Jungfrau und einem schwarzen Hunde. Es müsse und werde einst, so meldete die Sage weiter, ein fremder Edelmann kommen, den nie eines Weibes Brust gesäugt, der werde die Jungfrau erlösen, den Schatzkasten gewinnen und mit einem feurigen Schlüssel ihn erschließen. Trotz dieser bestimmt ausgesprochenen Vorhersagung wagten sich aber doch unterschiedliche Schatzgräber, fahrende Schüler, Teufelsbanner und solche Vaganten mehr an des Schatzes Hebung, jedoch vergeblich, denn sie sahen so seltsame Gesichte und erhielten zumeist so übeln Willkommen, daß ihnen die Lust, wiederzukehren, auf immer verging. Einst geschah es, daß ein junges Mädchen aus einem nahen Dorfe ein paar Geißen hütete und ganz zufällig in den Hof des alten Gemäuers kam, da trat unversehens eine Jungfrau auf das Kind zu und fragte, was es da zu schaffen habe. Das Mägdlein sagte, es suche Beeren und Kirschen für sich und Futter für seine Ziegen. Da zeigte die Jungfrau auf ein Körbchen voll Kirschen und sagte: So nimm dort von den Kirschen, komme aber nicht wieder, damit dir nicht Übels begegnet. Das Kind erschrak, furchtsam griff es nach den Kirschen und nahm nur sieben Stück und eilte aus dem Gemäuer. Als es die Kirschen draußen essen wollte, waren sie in das reinste Gold verwandelt. Die Jungfrau aber soll das Los zahlreicher Schwestern teilen, sie soll noch immer unerlöst sein.

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380. Die Königstochter

380. Die Königstochter

In Oberhessen ist ein Berg gelegen, heißt der Christenberg, darauf stand vorzeiten ein Schloß, darin ein König wohnte, welcher nur eine einzige Tochter hatte, welche wundersam begabt war. Dieser König hatte einen Feind, welcher mit Heeresmacht kam und ihn in seinem Schlosse belagerte. Eines Tages blickte die Tochter hinaus, da sahe sie einen Wald sich gegen das Schloß bewegen und rief:

Vater, gebt Euch gefangen!
Der grüne Wald kommt gegangen!

Nun hieß aber auch der Feind des belagerten Königs Grünewald, und so hatte der Tochter Rede einen Doppelsinn. Da sie nun so klug und verständig war, sandte ihr Vater sie dem Feinde entgegen, damit sie mit ihm unterhandle. Und da unterhandelte sie, daß sie freien Abzug haben solle und mitnehmen, soviel sie auf einem Esel fortbringen könne. Darauf setzte sie ihren Vater auf den Esel, packte dem letztern auch noch nebenbei ein Ziemliches an Schätzen auf und zog von dannen, indem sie den Esel leitete. Als sie eine gute Strecke so fortgegangen war, war sie müde und der Esel noch mehr, da hielt sie an einer hübschen Stelle an und sprach: Hier wolle mer ruhen. Als sie nun geruht hatten und weiterkamen, erreichten sie durch Wildnisse das Gebirge und fanden einen Flecken. Da sagte die Tochter: Hier hat’s Feld! – Und sind allda geblieben und haben sich ein Schloß gebaut und haben das Hatzfeld genannt, und von jenem Ort der Rast empfing das Dorf Wollmar den Namen.

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