Märchen

444. Des Königs Abenteuer

444. Des Königs Abenteuer

In der St. Georgenkirche zu Mühlhausen erblickt man noch manch altertümliches steinernes Bildwerk, das wird gedeutet auf der Stadt Mühlhausen Ursprung, und haben sie dort darüber eine gar verwunderliche Sage.

Vorzeiten war ein König in Thüringen gesessen, der fuhr einstmals auf die Jagd, und da sprangen seine Winde im Dickicht um einen Baumstrunk herum und wollten sich davon nicht wegbringen lassen. Da mußte einer von des Königs Dienern auf den Baumstrunk klettern, der von obenhinein hohl war, und sehen, was darinnen stecke, dieweil die Rüden also bellten. Da fand sich ein kleiner wilder Mann darinnen, den holten sie heraus, und der König freute sich seines Abenteuers, ließ den wilden Mann zu sich in den Wagen sitzen und Jagd Jagd sein. Er nannte seinen eingefangenen wilden Mann Noah, tat ihn in ein Gewölbe und wartete und pflegte sein selbst. Eine Zeit aber, da der König verreisen müssen, spielte sein Sohn Georg den Ball im Schlosse, und der Ball fiel durch ein Loch in das Gewölbe hinab. Da rief der kleine Königssohn hinunter: Wilder Mann Noah, gib mir mein Bällchen heraus! – Darauf antwortete der wilde Mann: Dein Bällchen kann ich dir nicht herausgeben, denn würfe ich’s hinauf, so würde es so weit fliegen, daß du es nimmer wiederfändest. Gehe aber hin in deines Vaters Gemach, hole den Schlüssel und öffne mir, so will ich es dir herausgeben. – Da holte der Prinz im Gemach seines Vaters den Schlüssel, denn niemand konnte sonst das Gewölbe öffnen. Er öffnete es, und der wilde Mann kam heraus, gab ihm das Bällchen und sprach: Du hast mir aus meiner Not geholfen, und wenn du einmal in Not kömmst, so komme in den Wald und rufe mich, so will ich dir auch heraushelfen. – Bald darauf kam der König nach Hause, und sein erster Gang war, sein Abenteuer zu besuchen. Aber wie erschrak er, da er das Gewölbe leer fand, und sein Verdacht, den wilden Mann herausgelassen zu haben, fiel sogleich auf seinen Prinzen. Er ließ ihn vor sich rufen und fragte: Georg, du hast wohl den Schlüssel genommen, das Gewölbe eröffnet und den wilden Mann Noah herausgelassen? – Der kleine Prinz gestand offenherzig, daß er solches getan. Da verstieß der König im Zorn seinen Prinzen, denn sein Abenteuer war ihm lieber als alles. Traurig schied der Prinz aus seines Vaters Hause und irrte als ein armer Knabe umher, bis ihn endlich ein Schäfer zu sich nahm. Dieser Schäfer vermutete bald, daß der Knabe aus keinem geringen Stande sei, und behielt ihn bei sich. Er erzog ihn so weit, daß er ihn bei der Herde brauchen konnte. – Da nun der Schäferknecht Georg die Jünglingsjahre erreicht hatte, fügte es sich, daß er bekannt wurde mit einem hübschgebildeten Mädchen, das er zu seiner Braut ernannte. – Damals hauste in der Gegend ein ungeheuerliches Tier, welches man den Lindwurm nannte, und diesem Lindwurm mußte alle Jahre ein Mensch geopfert werden. Nach alter Meinung war dies Tier eine Verwünschung. Wenn es sein Opfer nicht auf den Tag empfing, brüllte es gleich einem Donnerwetter, welches dem Lande Verderben drohte. Nun kam wieder die Zeit, daß das Volk zusammengerufen ward und das Los geworfen; wen es betraf, mußte das Opfer des Lindwurms werden. Das Los traf gerade die Braut des Schäfers Georg. Da fiel ihm ein, was ihm der wilde Mann versprochen hatte. Er trat vor und bat um Aufschub der Opferung, er wolle den Lindwurm töten oder sich für seine Braut dem Ungeheuer opfern – lief eilend in den Wald und rief den wilden Mann Noah um Hülfe und Beistand an. Da kam der wilde Mann und gab ihm ein Schimmelpferd und ein Schwert und sagte ihm, er solle ein weißes Gewand anziehen, sich auf das weiße Pferd setzen, das Schwert an dem Kopfe des Pferdes herabführen und gerade auf das Ungeheuer losreiten. Dieses würde begierig seinen Nachen weit aufsperren; dann solle Georg das Schwert dem Tiere gerade zum Rachen hineinrennen. – Dieses alles geschah, und so wurde die Braut Georgs wie auch das ganze Land von dem Ungeheuer befreit. Großer Jubel entstand unter dem Volke, und Freude vernahm man überall, so daß Georg zum Ritter geschlagen wurde. Da man nun nach Georgs Herkunft forschte, da gestand er, daß er des Königs Prinz sei, und erzählte sein Schicksal. Da wurde ihm gesagt, sein Vater sei gestorben, und er könne sicher nach Hause gehen und das Reich übernehmen. So war aus des Königs Sohn ein Schäferknecht geworden, aus dem Schäferknecht ein Ritter und aus diesem wieder ein König.

Als nun Georg das Königreich übernommen, reiste er im Lande herum, sein Reich zu besehen und kennenzulernen, auch selbst Abenteuer zu bestehen. Da kam ihm ein Örtchen zu Gesicht, das war eine Ansiedelung um ein Mühlhaus, und das Örtchen hatte noch keine Kirche. Da nun der junge König gern dem lieben Gott seinen Dank abstatten wollte, so erbaute er dieser angesiedelten Gemeinde ein Gotteshaus, das seinen Namen als des Stifters Georg erhielt, und der Baumeister mußte seine ganze Geschichte in Stein bilden. Das ist der Anfang der Stadt Mühlhausen geworden.

*

 

445. Mühlhäuser Brunnen

445. Mühlhäuser Brunnen

Bei und zu Mühlhausen sind Brunnquellen, die sind weit und breit berühmt. Eines dieser Wasser heißt die Breitsülze und entspringt nordwestlich eine halbe Stunde von der Stadt am Herbstberge. Die Sage geht, daß da, wo jetzt das Antoniushospital ist, ein Kloster gestanden habe, darin habe ein Mönch gelebt – andere sagen, der Mönch sei aus Kloster Reifenstein gewesen –, der habe in der Stadt ein heimlich Lieb gehabt, das er nächtlich besuchte, und wobei er durch einen Stein ging, den man noch zeigt. Endlich kam die Sache an den Tag, der Mönch wurde gefangen und auf den Adlerturm gesetzt und saß alldort auf den Tod. Da es nun der Stadt an genügsamem fließenden Wasser gebrach und jener Mönch aufs Wasserleiten sich verstand, so ward ihm die Freiheit geboten, wenn er die Quelle der Breitsülze, welche tiefer liegt als die Stadt, in diese hereinleiten wollte. Der Mönch ging an das schwierige Werk, leitete in lauter Schlangenlinien die Quelle um den Herbstberg, um den Thonberg und den Kalbberg herum, ließ sie einen Weg von siebentausendsechshundertundzehn Schritten machen, fast zwei und eine halbe Stunde, daß es oft scheint, als fließe das Wasser bergauf, und brachte das Wasser glücklich in die Stadt, worauf er seine Freiheit erlangte.

Eine ganz ähnliche Sage geht in Gotha von der Leitung des Flüßchens Leine, welche auch durch einen geschickten Mönch bewirkt wurde.

Wundersam schön ist der Brunnen zu Popperode (Wüstung), abendwärts der Stadt, ein mächtiger Quell und spiegelklar bis zum Grunde. Seine Nymphe spendet unerschöpflich ihren quellenden Segen; sein Wasser speist zwei Teiche und treibt zwölf Mühlen. Zum Dank dafür wird ihm alljährlich unter Reden und frommen Lobgesängen ein Doppelfest der Jugend gefeiert. Dicht am Becken, das unter uralten Lindenbäumen ruht, steht ein getürmtes Lustschlößchen von eigentümlichem Bau, in dessen kühler Halle stand und steht manch guter Spruch. Der schönste und beste dieser Sprüche ward hinweggetüncht und möchte wohl erneut werden:

Ut lymphae Nymphas coronat,
Ad fontem frontem fronde corones.

Von dem Breitsülzenbrunnen geht noch diese Sage. Er ist früher der Brunnen eines Klosters gewesen. Bei dem genannten Kloster stand wie bei den meisten Klöstern eine Kirche, deren angrenzender Turm drei silberne Glocken enthielt. Zur Zeit der Mühlhäuser Kriege wurde das Kloster ganz zerstört, und um die silbernen Glocken nicht in des Feindes Hand kommen zu lassen, versenkte sie ein Mönch in den Brunnen, indem er sagte: Diese Glocken kommen nicht eher zu Tage, bis drei Personen den Brunnen fegen und eine derselben ihren Tod in der Quelle des Brunnens findet.

Vor vielen Jahren träumte dem Schullehrer zu Ammern, er solle nach der Breitsülze gehen, so würde er am Ufer ein Seil finden. An diesem Seile solle er ziehen, so würden drei silberne Glocken heraufkommen. Dreimal träumte der Mann das gleiche, dann machte er sich auf und ging nach der Breitsülze. Je näher er dem Brunnen kam, desto schöner hörte er schon die Silberglocken läuten. Jetzt kam er an und fand alles, wie ihm geträumt hatte. Er zog an dem Seile, und siehe, drei silberne Glocken stiegen empor. Da ritt ein Reiter vorüber, der rief: Guten Morgen, Herr Schullehrer! Guten Morgen! – Ganz freundlich antwortete der Gegrüßte: Schönen Dank! – aber bei diesen Worten versanken die Glocken mit einem grausamen Geräusch und sind nie wieder zu Tage gekommen.

*

 

432. Die Flegler

432. Die Flegler

Im Jahre 1412 erhob sich in der güldnen Aue zuerst ein wüster Volkshaufe, Bauern, Holz- und Waldleute, unter dem Banner des Dreschflegels, der war ihre Fahne, die erkoren einen Schnapphahn zum Führer, Friedrich von Heldrungen, und brausten wie die wilde Jagd über die güldne Aue und den Harz, brachen die Feste Hohnstein und andere Burgen, sengten und brennten, stahlen, raubten und teilten, denn ihr Glaube war, es müsse auf Erden alles gemein sein, daher singt auch ein altes Lied von ihnen, daß sie hätten getobt

als rasend‘ Hund,
gemein! gemein! schrien zu aller Stund.

Die Flegler sangen und pfiffen das alte, gar zu verlockende Lied von der Teilung und Gütergemeinschaft, das sich, wie des Donners Widerschall an Wolken, an den Jahrhunderten bricht – aber auch die Taktschläge zu ihrem Liede blieben nicht aus. Die Ritter verbanden sich, erschlugen die Bäuerlein, wo sie sie fanden, oder ließen die Gefangenen, paarweise gekoppelt wie die Jagdhunde, zu Tode geißeln. Den Haupthahn der Bande erschlug gar einer aus den Fleglern selbst, ein Harzköhler mit einem Schürbaum, wie Untreue ihren eigenen Herrn schlägt.

Wundersam spuken Geschichten und Geschicke bisweilen vor in Jahreszahlen. Nimmt man 1412 und multipliziert: einmal eins ist eins, viermal zwei ist acht, und schreibt es nieder, so hat man achtzehn, zählt man dazu die Ziffern der Jahrzahl, so sind es vier, addiert man deren Nennwert, so macht er acht, diese Zahlen nebeneinandergeschrieben, erscheint die Jahrzahl 1848, da es auch solcher Flegel und Flegler in Menge gab, die sich gebärdeten wie die Rottgesellen, von denen das alte Lied von 1412 sang und sagte. Darum hat Salomo so recht, wenn er sagt: Was ist’s, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist’s, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird, und geschieht nichts Neues unter der Sonnen. Geschieht auch etwas, davon man sagen möchte: siehe, das ist neu? Denn es ist vor auch geschehen in vorigen Zeiten, die vor uns gewesen sind.

*

 

433. Werke der Buße

433. Werke der Buße

Da Ludwig, Graf von Thüringen, den sie den Springer nennen, Sankt Ulrich zu Sangerhausen das getane Gelübde erfüllt hatte, ergriff ihn und seine Frau Adelheid die Reue über die begangene Untat am Pfalzgrafen Friedrich. Eines Karfreitags setzte sie ihm Fleischspeisen vor, und als er sie darüber befragte, warum sie ihn am heiligen Tage, wo sich zieme zu fasten, zur Sünde des Fleischessens verlocken wolle, da erinnerte sie ihn schmerzlich an die genossene noch sündlichere Fleischeslust, um derentwillen ein Meuchelmord begangen worden, und da weinte er mit ihr und gelobte eine Bußfahrt gen Rom, da solle der Papst ihn büßen und auch sie, und seinem Ausspruch wollten sie Folge leisten. Solches geschähe, und Papst Stephan fand auf der Welt keine bessere Buße, als die Ehegatten zu scheiden, ihren Kindern einen guten Teil ihres Erbteiles zu entziehen und selbiges zum Bau und zur Ausstattung zweier Klöster – möglichst weit voneinander – verwenden zu lassen. So begründete Graf Ludwig das Kloster Reinhardsbrunn in einem Thüringerwaldtale und Adelheid das Kloster Oldisleben, beide für Mönche; die letztere verwandelte auch ihre Burg Scheiplitz in ein Jungfrauenkloster und wurde dessen erste Äbtissin, in Oldisleben aber ruht ihre Asche.

Zu Oldisleben fiel 1136 ein Stein vom Himmel, so groß wie ein Menschenkopf. Gespenstige Mönche spuken dort, und rächende Grabsteine bestrafen frevelnde Unbill an ihnen durch Erteilung fünfzeiliger Diplome ins Gesicht von unsichtbarer Hand. Von Schätzen im Kloster Oldisleben ist nicht minder die Rede als von solchen im Kloster Sittichenbach, der alten Zisterzienserabtei, und in Göllingen, wo der heilige Günther begraben liegt.

*

 

434. Geheul und Geschrei

434. Geheul und Geschrei

Zu Frankenhausen, der alten Salzstadt, deren Quellen die Franken behaupteten, als in den frühen Zeiten Sachsen, Franken und Thüringer in diesen Gegenden blutige Kämpfe miteinander hatten, und die von den Franken ihren Namen trägt, ist noch ein Rest der alten Schirmfeste gegen die Sachsen im Hausmannsturm, der Altenburg oder dem alten Frankenhause zu erschauen. Dort war auch ein Zisterziensernonnenkloster zu St. Georg, und in dessen Kirche stand ein Wunderbild der heiligen Jungfrau Maria. Selbiges Bild zeigte ein liebliches Engelantlitz und war sanft gerötet, holdselig zu erblicken in guter und glückseliger Zeit. So aber trübe Zeiten herannaheten, verblich des Bildes Farbe und lieblicher Schimmer, und also geschahe es auch im Jahre 1525, da der wilde Schwarmgeist die Bauern zu hellem Aufruhr nötigte, da sie Burgen und Klöster brachen, ausplünderten und einäscherten. In jener Zeit sind die Klöster Ilfeld, Walkenried, Volkenrode, Kelbra, Sittichenbach, Oldisleben und andere mit ihren herrlichen Kirchen ganz verwüstet worden, bis die Zuchtrute wie ein Wetter des Herrn auf die Raubrotten niederschlug. Das war die Zeit, wo Thomas Münzer den Agitator spielte, und das Volk aufwiegelte, und seine Regenbogenfahne wehen ließ, und deren etwa fehlendes Rot mit dem Blut der gemeuchelmordeten Abgesandten der Fürsten ersetzte. Dem Bauernheer waren aus Frankenhausen und allen Dörfern der Umgegend die Weiber und Kinder der Gideonsstreiter, die in ihrer Verblendung dem Münzer folgten, auch nachgefolgt, die bargen sich in einem Walde, von wo aus sie den Berg über der Stadt sehen konnten, auf dem das Bauernlager aufgeschlagen war. Da nun die Schlacht mit den Herren der gegen das Bauernheer herangezogenen verbündeten Fürsten, dem Kurfürsten Johann und Herzog Georg zu Sachsen, dem Herzog Heinrich zu Braunschweig, Landgraf Philipp zu Hessen, den Harz- und andern Grafen, nachdem die zu gütlichem Vergleich entsandten Botschafter ermordet worden waren, entbrannte, Thomas Münzers lügnerisches Maulwerk, womit er die armen Bauern betört und verrückt gemacht hatte, sich als ein klarer und barer Trug erwies und über siebentausendfünfhundert Bauern mit ihren blutigen Leibern die Walstatt deckten, der ganz in Büffelleder eingenähte Held aber, wie die meisten solcher Maulhelden, in der schimpflichsten Flucht vom Schlachtfelde wich und sich in oder unter ein Bette verkroch, da erscholl von jenem Walde her ein entsetzliches wehklagendes Geheul und Geschrei der unschuldigen Weiber und Kinder jener durch die Aufruhrgelüste des Münzer verführten Bürger und Bauern, die zusahen, wie ihre Väter, Söhne, Brüder, Bräutigame und Freunde ohne Gnade hingeschlachtet wurden. Darnach wurde jenem Wald der Name Geheul und Geschrei und jenem Berge der Name Schlachtberg auf alle Zeiten. Das geschah am Montage nach dem Sonntag, da man in den Kirchen Cantate sang. Die Bauern sangen auch vor der Schlacht, gar ein schönes Lied: Nun bitten wir den Heiligen Geist! – aber der Heilige Geist war ihrem Tun und Treiben so fern, wie fern der Himmel von der Hölle ist, und konnte ihre Bitten nicht erhören.

*

 

435. Der heilige Günther in Göllingen

435. Der heilige Günther in Göllingen

Zwischen Frankenhausen und Sondershausen lagen im Wippertale zwei Klöster, die in den Gauen umher besondern Rufes sich erfreuten, das waren St. Gertrudis zur Kapellen, insgemein Kapellen genannt, das lag unter der Arnsburg zwischen Seege und Günzerode, und St. Wippert in Göllingen. Kapellen soll der Ort gewesen sein, wo im Jahre 1197 die deutschen Fürsten Philipp von Schwaben zum deutschen Kaiser kürten. In Göllingen lebte im eilften Jahrhundert der heilige Günther, welcher ein reicher thüringischer Gaugraf war, der zur Buße seiner Jugendsünden in Hersfeld geistlich wurde und seinen Gau dem heiligen Wippert zum Eigen schenkte und nur Göllingen zum Aufenthaltort sich vorbehielt. Dieser Graf Günther soll ein Sohn des Markgrafen Ekkard gewesen sein und ein Urahnherr der Grafen von Käfernburg und Schwarzburg, deren Nachkommen noch heute Sondershausen und Frankenhausen besitzen und den Namen Günther stets in ihrem Geschlechte fortführen. Günther hatte das Gelübde getan, nimmer Fleisch zu essen, da derselbe nun einst bei einem mächtigen Herrscher zu Gast war und dieser ihm nötigend zusetzte, von einem aufgetragenen gebratenen Pfau zu essen, so rief der fromme Mann Gott an, ihn aus dieser Verlegenheit zu ziehen, und siehe, da bekam der gebratene Pfau in seiner Schüssel Federn, wurde lebendig und flog auf und davon. Dieser fromme Mann und Wundertäter ist fern von Thüringen, im Lande Böhmen, gestorben und hat noch nach seinem Tode viele Wunder getan. Die beiden Klöster im Wippertale hielten gute Freundschaft und Nachbarschaft miteinander und führten heimliche Gänge unter der Erde von Kapellen nach Göllingen, die gegenseitigen Besuche unsichtbar zu machen, welche die Mönchlein und die Nönnlein einander abgestattet haben sollen, wie die Sage geht.

*

 

436. Ursprung der Grafen von Schwarzburg

436. Ursprung der Grafen von Schwarzburg

Viele wollen den Ursprung und die Abkunft der alten Grafen von Schwarzburg vom heiligen Günther nicht gelten lassen. Ein Verwandter und Heerführer des großen Sachsenherzogs Wittekind, genannt Wittekind der Schwarze, soll deren Ahnherr gewesen sein, ebenso jener der Grafen von Gleichen; nach andern sollen wieder jene Brüder von Gleichen, welche die Burgen bei Göttingen hatten und, von dort vertrieben, nach Thüringen kamen und Schloß Gleichen neben Mühlberg und Wachsenburg erbauten, die Stammväter der heutigen Schwarzburger Fürstenhäuser gewesen sein. Noch ein Stück höher hinauf in den nachtdunkeln Schwarzwald der Urgeschichte rückt besagter Ursprung ein dritter Chronist, nämlich bis in die Zeit, da Dietrich von Bern lebte und die Thüringer heftig mit Sachsen und Franken zu streiten kamen. Da habe ein Graf eine Kohlbaude und Meilerstätte auf einem Berge angetroffen und habe auf diesem schwarzen Berg eine Burg erbaut, siehe, da war die Schwarzburg fertig. Nach andern habe Kaiser Lothars sechster Sohn, Gundar, das ist Günther, geheißen, der habe Schloß Käfernburg bei Arnstadt erbaut, und der sei der wahre Stammvater des hohen Geschlechtes, das sich frühzeitig zur Blüte hob und durch die Reihe der Jahrhunderte fortpflanzte, berühmte Klöster gründete, auch Deutschland einen Kaiser gab. Alle Welt weiß von dem Raub der sächsischen Prinzen durch Kunz von Kauffungen, weit minder aber bekannt ist der Raub zweier junger Grafen von Schwarzburg durch Jost Hake, welcher gar ein tapferer Kriegsmann war und im Schmalkaldischen Kriege auch den Grafen Hugo von Mansfeld aus dessen eignem Schlosse zur Nachtzeit gefangen hinwegführte. Erst nach zwei Jahren gab er ihn um tausend Goldgülden wieder frei.

*

 

437. Die Auswanderung der Heiligen

437. Die Auswanderung der Heiligen

Zwischen Sondershausen und Mühlhausen in Thüringen lag das Zisterzienserkloster Volkenrode, früher Folcodesrode geheißen. Darin lebte ein frommer Abt, der hatte einen Traum von drei Jungfrauen aus dem Gefolge der eilftausend, die mit St. Ursula in Köln begraben liegen, zog hin, fand deren Leichname auf und führte sie nach seinem Kloster, wo die heiligen Leiber großer Verehrung teilhaft wurden. Da aber eine Zeit großer Kriegsunruhen kam, so wurden die Kirchenschätze heimlich verborgen, und die drei Jungfrauengerippe bekamen ihre Stelle unterm Dach und wurden vergessen. Solche Vernachlässigung mißfiel aber den heiligen drei Jungfrauen – sie hatten im Leben Theumata, Eleumata und Christantia geheißen – höchlich; sie klopften einigemal stark an ihren Schrein, in dem sie lagen, allein es ward überhört; darauf erschienen sie dem Küster und mahnten ihn, sie an einen schicklicheren Ort als unters Dach zu Katzen und Mäusen zu bringen; allein der Küster verdämmerte den Befehl zu wiederholten Malen. Darauf geschahe es in der Nacht, als die Mönche mit dem Abt im Chor die Matutine sangen, daß drei Jungfrauen in die Kirche traten, gegen den Altar sich verneigten, dann gegen den Abt, dann gegen die Konventualen und dann durch eine Türe in der Kirche, welche stets fest verschlossen gehalten wurde, mitten hindurchgingen. Jeder Mönch glaubte, diese Erscheinung allein erblickt zu haben, und dann offenbarte sich, daß alle sie zugleich gesehen hatten, und da kamen sie auf den Gedanken, ob das nicht die drei Ursulinerinnen gewesen, und gingen auf den Kirchboden hinauf, da lag wohl noch unversehrt der heilige Reliquienschrein, aber ohne die jungfräulichen Gebeine. Da fuhr der Abt gen Köln zur Frau Äbtissin des Klosters und Stifts der heiligen Ursula, und da fanden sich die Körper der Jungfrauen wieder auf derselben Stelle, allwo man sie ausgegraben, und wie zuvor ein Traum dem Abt von Folcodesrode gezeigt, und da wollte der Abt sie wiederhaben, aber die Frau Äbtissin sprach: Nein, hochwürdigster Herr Abt; die lieben Herrinnen sind uns gar sehr willkommen. Hättet Ihr sie besser gehalten, würden sie wohl bei Euch in Thüringen geblieben sein. Als nun der Abt über solch abschlägigen Bescheid sehr bekümmert war, faßte die Frau Äbtissin ein christlich Mitleiden und suchte ihm aus dem Knochengerümpel ein etwas schadhaftes Jungfrauenhaupt, das gab sie ihm als Ersatz, und er zog damit traurig heim.

*

 

438. Der braune Bühel

438. Der braune Bühel

Auf dem Wege von Nordhausen und vom Harze her im Eichsfelde nach Duderstadt liegt ein zuckerhutförmiger Hügel, der das Ansehen hat, als sei er von Menschenhand also pyramidal aufgetürmt, den nennen die Einwohner der umliegenden Dörfer den brunen Büdel – braunen Beutel – hat aber wohl ursprünglich Bühel gelautet, und die Vornehmen nennen ihn den Riesenhügel. Einst stand ein Riese da oben, der sah hinunter in die goldne Mark nach Duderstadt, und gefiel ihm baß, nur drückte ihn etwas in den Schuhen, und schüttete es aus, da war’s der Sand, der Bühel. – Andere sagen spöttlich dem brunen Büdel nach, er stamme unmittelbar vom Himmel, denn derselbe sei einstmals ausgekehrt und durch ein kleines Loch der Kehricht herabgeworfen worden, und das sei der Büdel.

Vom Riesenhügel und seinen Nachbarbergen, dem Sonnenstein und dem Ohmberge, übersieht man einen guten Teil des Eichsfeldes mit vielen alten Burgen, Städten, Dörfern, Klöstern und Kapellen, den Harz- und den Thüringerwald, einen Teil der Rhön, ja selbst bei hellem Himmel in dämmernder Ferne den Teutoburger Wald. Über Duderstadt hinaus schweift der Blick nach jenem Seeburg, von welchem oben die Sage Nr. 387 erzählt.

*

 

43. Die Schwabenschüssel

43. Die Schwabenschüssel

Zu Speier auf dem Domplatz steht auf einem großen Fußgestelle von Quaderstücken auf drei Staffeln ein großer, tiefer, runder steinerner Napf, mag wohl ein Taufbecken sein aus grauen Zeiten, wie eins vor der Klosterkirchenruine zu Paulinenzelle liegt und anderswo dergleichen auch gefunden werden – das hat in seinem Rand eine Schrift, in Messing gegossen, diese besteht aus lateinischen Versen. Dieses Becken nennen sie dort die Schwabenschüssel, niemand weiß, warum. Sie hatten aber zu Speier damit einen sondern Brauch, nämlich wenn ein neugewählter Bischof alldort seinen Einzug halten wollte, so ward er nicht alsbald in die Stadt gelassen, sondern mußte vor dem Tore halten bleiben und zuvor geloben, der Stadt Rechte und Freiheiten nicht anzutasten, vielmehr aufrechtzuerhalten, und das angeloben mit Brief und Siegel, dann öffnete der Rat ihm das Stadttor, aber gleichwohl durften nicht mehr als fünfzig Mann des Gefolges in ihrer Wehr mit dem Bischof einreiten, und dann ward das Tor wieder hinter ihm zugeschlossen. Danach legte der Bischof seinen Ornat an und ward von Rat und Bürgerschaft und seinem Gefolge geleitet und begleitet bis auf den Domplatz an die Schwabenschüssel, dort nahm die Klerisei den neuen Bischof in Empfang und führte ihn unter einen Thronhimmel in den Dom mit großen Zeremonien und Gepränge. Der Bischof aber ließ nun Wein anfahren und in die Schwabenschüssel fließen, so viel als hineinging, und da konnte trinken, wer wollte, und derer, die wollten, waren immer viele, und der Wein floß endlos in den Napf, ein ganzes Fuder oder auch zweie. Da soff sich zum öfteren die Menge toll und voll, und mancher kam weit hergereist zu diesem Trunke, und ward ihm hernach weh und übel von dem vielen Saufen. Davon ist denn das Sprüchwort entstanden, wenn sich einer übersoffen und die Folgen verspürt: Der reist nach Speier. Andere aber deuten das auf die Reise zum kaiserlichen Kammergericht dortselbst, wohin gar mancher reiste, um zu – appellieren.

*