Jules Verne

Fünftes Capitel

Fünftes Capitel

Auf gut Glück!

Die Fahrt des Abraham Lincoln wurde eine Zeit lang von keinem Zwischenfall betroffen. Doch konnte man bei einer Gelegenheit, welche die merkwürdige Geschicklichkeit Ned-Land’s kund gab, erkennen, welches Vertrauen man auf ihn setzen konnte.

Auf der hohen See bei den Falklands-Inseln begegnete die Fregatte am 30. Juni amerikanischen Wallfischfängern, welche keine Kunde vom Narwal geben konnten. Als aber einer derselben, Kapitän Monroe, erfuhr, daß Ned-Land sich an Bord des Abraham Lincoln befand, so erbat er sich dessen Beistand, um auf einen Wallfisch, der in Sicht war, Jagd zu machen. Der Commandant Farragut, dem es erwünscht war, Ned-Land sein Werk verrichten zu sehen, gab ihm die Erlaubniß, sich an Bord des Monroe zu begeben. Und unser Canadier war so glücklich, daß er anstatt eines Wallfischs mit einem Doppelwurf deren zwei harpunierte, indem er den einen in’s Herz traf, des andern nach einigen Minuten Meister ward!

Unstreitig, wenn das Ungeheuer jemals mit Ned-Land’s Harpune zu schaffen bekommt, gehe ich keine Wette zu seinen Gunsten ein.

Die Fregatte fuhr längs der Süd-Ostküste von Amerika mit erstaunlicher Schnelligkeit. Am 3. Juli waren wir am Eingang der Magellanischen Enge, auf der Höhe des Cap de las Virgines. Aber der Commandant Farragut wollte diese gewundene Straße nicht einschlagen, und beschloß, um das Cap Horn zu fahren. Und in der That war es auch nicht wahrscheinlich, daß man in dieser Enge auf den Narwal stoßen werde.

Am 6. Juli, um drei Uhr Abends fuhr der Abraham Lincoln, fünfzehn Meilen südlicher, um das Inselchen, den verlorenen Felsen am äußersten Ende des amerikanischen Continents, welchem holländische Matrosen den Namen ihrer Geburtsstadt Horn gegeben hatten. Nun fuhr man in nordwestlicher Richtung, und die Fregatte lief endlich in das Stille Meer ein. –

»Jetzt Achtung! Augen auf!« riefen wiederholt die Matrosen des Abraham Lincoln.

Und sie öffneten sie über die Maßen weit. Augen und Fernrohre, zwar durch die Perspective der zweitausend Dollars etwas geblendet, blieben nicht einen Augenblick unthätig. Tag und Nacht beobachtete man die Wasserfläche, und die Nachtsichtigen hatten mehr Aussicht das Spiel zu gewinnen.

Ich, auf den das Geld keine Anziehungskraft übte, war darum nicht minder achtsam an Bord. Ich vergönnte mir zum Essen nur einige Minuten, zum Schlafen nur einige Stunden, verließ, unbekümmert um Regen oder Sonnenschein, keinen Augenblick das Verdeck. Bald auf die Schanzverkleidung des Vordercastells, bald auf das Gebälk des hintern gelehnt, folgte ich mit gierigen Blicken dem schaumigen Kielwasser, soweit das Gesicht reichte. Wie oft theilte ich die Aufregung der Officiere, der Mannschaft, wann ein Wallfisch launisch mit schwärzlichem Rücken aus dem Gewässer hervorragte. Dann füllte sich im Augenblick das Verdeck mit Matrosen und Officieren. Jeder beobachtete mit beklommener Brust und trübem Blick das schwimmende Thier. Ich schaute und schaute, daß ich meine Netzhaut abnützte, blind zu werden drohte, während Conseil, stets phlegmatisch, mir mit ruhigem Tone wiederholt zusprach:

»Wenn mein Herr die Güte haben wollte, die Augen weniger aufzureißen, so würde man wohl mehr sehen!«

Aber, vergebliche Aufregung! Der Abraham Lincoln änderte seine Richtung, das signalisirte Thier anzugreifen. Wallfisch oder Pottfisch! es verschwand jedoch bald von einem Hagel von Flüchen begleitet!

Doch das Wetter war fortwährend günstig. Die Fahrt wurde unter besseren Bedingungen weiter verfolgt. Es war damals die üble Jahreszeit des Südens, denn der Juli dieser Zone entspricht unserm Januar in Europa; aber das Meer hielt sich ruhig und gestattete in weitem Umfang die Beobachtung.

Ned-Land zeigte stets hartnäckige Ungläubigkeit; er stellte sich sogar, als beobachte er außer der Zeit, da er auf dem Verdeck sein mußte, gar nicht die Wasserfläche, – wenigstens wenn nicht ein Wallfisch in Sicht war. Und doch hätte seine merkwürdige Sehkraft große Dienste leisten können. Aber der starrköpfige Canadier brachte von zwölf Stunden acht mit Lesen oder Schlafen in seiner Cabine zu. Ich machte ihm oft Vorwürfe über seine Gleichgültigkeit.

»Bah! erwiderte er, ’s ist nichts dran, Herr Arronax, und wäre es so ein Thier, was haben wir für eine Aussicht, es zu Gesicht zu bekommen? Fahren wir nicht so auf’s Gerathewohl? Man hat das unauffindbare Thier, sagt man, auf offener See im Stillen Ocean wieder gesehen, ich glaub’s gern; aber es sind seit jener Begegnung schon zwei Monate verflossen, und will man das Temperament Ihres Narwal beachten, so hält er sich nicht gern lange in denselben Gegenden auf! Er ist fähig, mit erstaunlicher Leichtigkeit seine Stelle zu wechseln. Nun thut, wie Sie, Herr Professor, besser als ich wissen, die Natur nichts Verkehrtes, und sie würde ein seiner Natur nach langsames Thier nicht mit der Fähigkeit rascher Bewegung ausstatten, wenn es nicht derselben bedürftig wäre. Folglich, existirt das Thier, so ist es bereits weit weg!«

Hierauf wußte ich nichts zu erwidern. Offenbar tappten wir wie Blinde. Aber wie sollte man sonst verfahren? Darum hatten wir auch sehr beschränkte Aussichten. Doch zweifelte Niemand am Erfolg, und es war kein Matrose an Bord, der nicht gegen den Narwal und sein baldiges Erscheinen eine Wette eingegangen wäre.

Am 20. Juli durchschnitten wir den Wendekreis des Steinbocks unter’m 105° der Länge, und am 27. desselben Monats den Aequator unter’m hundertundzehnten Meridian. Hierauf nahm die Fregatte eine mehr entschieden westliche Richtung an und drang in die mittleren Gewässer des Stillen Oceans ein. Der Commandant Farragut urtheilte richtig, es sei besser, die tieferen Gewässer aufzusuchen, und sich von den Landstrecken oder Inseln fern zu halten, welche das Thier offenbar zu vermeiden gesucht hatte, »ohne Zweifel, weil es dort nicht Wasser genug hatte«, sagte der Gepäckmeister. Die Fregatte fuhr daher in weiter Entfernung von den Pomotu-, Marquesas- und Sandwich-Inseln, durchschnitt unter’m 132° Länge den Wendekreis des Krebses und wendete sich dann nach den Chinesischen Meeren.

Endlich befanden wir uns auf dem Schauplatz, wo das Ungeheuer zuletzt sich aufgehalten hatte! Da klopften alle Herzen erschrecklich; die ganze Mannschaft gerieth in eine nervöse Aufregung, die sich nicht beschreiben läßt. Man vergaß Essen und Schlafen. Zwanzigmal täglich war eine irrige Schätzung, eine optische Täuschung einiger Matrosen im Stande, unerträglichen Schrecken zu veranlassen, und diese zwanzigfach wiederholten Gemüthsbewegungen hielten uns in einem Zustand so arger Spannung, daß eine Reaction nicht ausbleiben konnte.

Und in der That ließ dieselbe nicht auf sich warten. Drei Monate lang, drei Monate, wo jeder Tag ein Jahrhundert dauerte! Der Abraham Lincoln durchfuhr alle nördlichen Meeresstriche des Stillen Oceans, lief die signalisirten Wallfische an, kreuzte in raschen Wendungen hin und her, hielt plötzlich an, steigerte die Spannung des Dampfes und ließ wieder nach. Schlag auf Schlag mit Gefahr, die Maschine aus gleichem Gang zu bringen. So ließ er keinen Punkt von Japan bis zur amerikanischen Küste undurchsucht. Und es ergab sich nichts, nichts als das unermeßliche, öde Meer! Nichts was einem riesenhaften Narwal, einem unterseeischen Inselchen, einer schweifenden Klippe, noch sonst etwas Uebernatürlichem geglichen hätte.

Da trat also ein Rückschlag ein. Die Entmuthigung bahnte zuerst der Ungläubigkeit den Weg. Es entstand an Bord eine Stimmung, die aus drei Zehntel Scham und sieben Zehntel Zorn bestand. Man war doch »recht einfältig, sich für eine Chimäre gewinnen zu lassen.« Die Berge von Gründen, die seit einem Jahre sich aufgethürmt hatten, stürzten auf einmal zusammen, und jeder dachte nur in den Stunden der Mahlzeit oder des Schlafes die so thöricht geopferte Zeit sich wieder beizubringen.

Mit der dem menschlichen Geist so natürlichen Beweglichkeit warf man sich von einem Extrem in’s andere. Die wärmsten Verfechter der Unternehmung waren nun am ärgsten zum Schmähen bereit. Die Reaction bewegte sich vom untern Schiffsraum bis zum Salon der Officiere, und sicher, wäre nicht der Commandant Farragut so hartnäckig gewesen, so hätte sich die Fregatte wieder entschieden nach Süden gewendet.

Doch konnte dies erfolglose Suchen nicht lange andauern. Der Abraham Lincoln hatte, nachdem er Alles zur Erreichung seines Zweckes gethan, sich nichts vorzuwerfen. Nie hat die Mannschaft eines Schiffes der amerikanischen Marine mehr Geduld und Eifer gezeigt; der Mißerfolg konnte ihr nicht zugeschrieben werden; es blieb nichts übrig als zurückzukehren.

In diesem Sinne machte man dem Commandanten Vorstellungen. Derselbe hielt wacker Stand. Die Matrosen verhehlten nicht ihre Unzufriedenheit, und der Dienst litt dadurch. Ich will nicht sagen, daß an Bord ein Aufruhr entstand, aber der Commandant Farragut fand doch, nachdem er geraume Zeit widerstanden, sich veranlaßt, wie einst Columbus, drei Tage Geduld zu begehren. Wenn im Verlauf von drei Tagen das Ungeheuer sich nicht zeigte, solle der Abraham Lincoln die Heimkehr nach den europäischen Meeren antreten.

Dies Versprechen ward am 2. November gegeben. Es hatte zunächst zur Folge, daß der Muth der Mannschaft sich wieder hob. Der Ocean wurde wieder achtsam beobachtet; die Fernrohre kamen wieder in Thätigkeit. Es war eine letzte Herausforderung an den Riesen-Narwal, der vernünftiger Weise nicht umhin konnte, der Forderung zu entsprechen.

Während der zwei Tage hielt sich der Abraham Lincoln bei schwachem Dampf. Man gab sich alle Mühe, die Aufmerksamkeit des Thieres, falls es sich in dieser Gegend befände, zu wecken, oder seine Gleichgültigkeit zu spornen. Es wurden ungeheure Stücke Speck am Schleppseil ausgeworfen – zu großer Befriedigung der Haifische. Die Boote fuhren in allen Richtungen um den Abraham Lincoln, während er aufbraßte, und ließen keinen Punkt undurchsucht. Aber der Abend des 4. November kam heran, ohne daß das unterirdische Geheimniß sich enthüllte.

Am folgenden Tag, 5. November, lief der strenge Termin ab. Nach diesem Termin mußte der Commandant Farragut, seinem Versprechen gemäß, die Fahrt nach Südosten richten und entschieden die nördlichen Gegenden des Stillen Meeres verlassen.

Dis Fregatte befand sich damals unter’m 31° 15′ nördl. Breite, und 136° 42′ östl. Länge. Die Landschaften Japans waren kaum zweihundert Meilen unter’m Wind entfernt. Die Nacht nahte heran, es schlug schon acht Uhr. Die Mondscheibe, damals im ersten Viertel, war von Gewölk verschleiert. Das Meer unter’m Kiel schlug ruhige Wellen.

In dem Augenblick befand ich mich vorn beim Steuerbord, auf’s Geländer gelehnt. Conseil, der in meiner Nähe stand, schaute vor sich hin. Die Mannschaft, auf den Tauen hockend, forschte am Horizont, der allmälig enger und düsterer ward. Die Officiere, mit ihren Nacht-Lorgnetten bewaffnet, beobachteten die zunehmende Dunkelheit.

Bei Conseil konnte ich wahrnehmen, daß dieser brave Bursche sehr wenig dem allgemeinen Einfluß unterworfen war. Wenigstens sah ich’s so an! Vielleicht wirkte die Neugier einigermaßen auch auf seine Nerven.

»Auf, Conseil, sagte ich, nun ist noch zum letztenmal Gelegenheit, zweitausend Dollars einzustreichen.

– Erlauben nur, mein Herr, zu bemerken, versetzte Conseil, daß ich nie auf diesen Preis mir Rechnung gemacht habe; und die Regierung der Union konnte hunderttausend Dollars versprechen, sie wäre um nichts ärmer geworden.

– Du hast Recht, Conseil. Nach Allem ist’s eine verrückte Sache, in die wir uns zu leichtsinnig hineingestürzt haben. Wie viel Zeit verloren, wie unnütz diese Aufregungen! Jetzt sind’s schon sechs Monate, daß wir daheim in Frankreich sein könnten …

– In meines Herrn kleiner Wohnung, erwiderte Conseil, in meines Herrn Museum! Und ich hätte bereits meines Herrn Fossilien classificirt! Und der Babirussa meines Herrn wäre im Jardin des Plantes in seinem Käfig, und zöge alle Neugierigen von Paris herbei!

– So ist’s, Conseil, und ich denke, unfehlbar spottet man über uns!

– Ganz gewiß wird man sich über meinen Herrn lustig machen, erwiderte ruhig Conseil. Und darf ich’s heraus sagen? …

– Sag’s nur heraus, Conseil.

– Nun, es widerfährt meinem Herrn nur, was er verdient!

– Wirklich!

– Wenn man die Ehre hat, so ein Gelehrter zu sein, wie mein Herr, giebt man sich nicht preis …«

Conseil hatte noch nicht ausgeredet, da ließ sich mitten im allgemeinen Schweigen eine laute Stimme vernehmen. Ned-Land rief:

»Oho! der fragliche Gegenstand unter’m Wind, quer vor uns!«

Sechstes Capitel

Sechstes Capitel

Mit vollem Dampf

Auf diesen Ruf stürzte die gesammte Mannschaft, Commandant, Officiere, Matrosen und Schiffsjungen, hin zum Harpunier, selbst die Ingenieure verließen ihre Maschine, die Heizer ihr Feuer. Es wurde Befehl zum Einhalten gegeben, und die Fregatte fuhr nicht mehr weiter, als ihre Kraft noch reichte.

Es war damals völlig dunkel, und so trefflich des Canadiers Augen waren, so fragte ich doch, wie er nur sehen gekonnt, und was er gesehen. Mein Herz klopfte zum Bersten.

Aber Ned-Land hatte nicht geirrt, und wir alle sahen den Gegenstand, auf den er mit der Hand wies.

Zwei Kabellängen vom Abraham Lincoln entfernt schien das Meer an der Oberfläche beleuchtet. Es war nicht blos ein Phosphoresciren, und man konnte sich nicht irren. Das einige Klafter unter dem Wasserspiegel verborgene Ungeheuer warf den sehr starken, aber unerklärlichen Glanz, von dem schon mehrere Kapitäne berichtet hatten. Diese prächtige Ausstrahlung mußte von dem Träger einer starken Leuchtkraft herrühren. Die auf der Meeresfläche erleuchtete Stelle bildete ein ungeheures sehr langes Oval, in dessen Centrum ein glühender Brennpunkt von unerträglichem Glanz Strahlen warf, die stufenweise schwächer allmälig verloschen.

»Es ist nur eine Anhäufung phosphorescirender Elementartheilchen, rief einer der Officiere.

– Nein, mein Herr, erwiderte ich mit Ueberzeugung. Niemals können die Pholaden und Salpen ein so starkes Licht erzeugen. Dieser Glanz ist seiner Natur nach elektrisch. ….

Uebrigens, sehen Sie, sehen Sie! Es ändert seine Stelle, bewegt sich voran, rückwärts! es stürzt auf uns los!

Allgemeines Geschrei auf der Fregatte.

»Still! rief der Commandant Farragut. Steuer unter’m Wind, ganz! Maschine rückwärts!«

Die Matrosen stürzten sich auf das Steuer, die Ingenieure zu ihrer Maschine.

Der Dampf wurde sogleich gehemmt, und der Abraham Lincoln, drehte sich links, beschrieb einen Halbkreis.

»Steuer rechts! Maschine voran!« rief der Commandant Farragut.

Diese Befehle wurden ausgeführt und die Fregatte entfernte sich rasch von der leuchtenden Stelle.

Ich irre. Sie wollte sich entfernen, aber das Wunderthier näherte sich mit doppelter Geschwindigkeit.

Wir waren außer Athem. Bestürzung weit mehr als Furcht machte uns stumm und unbeweglich. Das Thier ward unser spottend Meister. Es fuhr um die Fregatte herum und umzog sie mit elektrischen Streifen. Darauf entfernte es sich zwei bis drei Meilen, indem es einen phosphorescirenden Streifen hinter sich ließ, wie die Locomotive ihre Dampfwirbel. Es wollte nur aus der Entfernung seinen Anlauf nehmen, und schoß plötzlich vom dunkeln Horizont aus mit erschrecklicher Schnelligkeit auf den Abraham Lincoln los, hielt jedoch in einer Entfernung von zwanzig Fuß auf einmal an, verschwand – nicht durch Untertauchen, denn sein Glanz blieb ungeschwächt – sondern als wäre die Quelle der glänzenden Ausströmung mit einemmale versiegt! Darauf kam es auf der andern Seite des Schiffes wieder zum Vorschein, sei es daß es um dasselbe herum oder darunter herfuhr. Jeden Augenblick konnte ein Zusammenstoß stattfinden, der uns vernichtet hätte.

Ich wunderte mich jedoch über die Manoeuvres der Fregatte. Sie floh, griff nicht an. Sie wurde verfolgt, sollte aber verfolgen, und ich bemerkte dies dem Commandanten. Sein Angesicht, das gewöhnlich so feste Züge hatte, ließ eine unbeschreibliche Bestürzung erkennen.

»Herr Arronax, erwiderte er mir, ich weiß nicht, mit was für einem furchtbaren Geschöpf ich zu thun habe, und ich will nicht unvorsichtig inmitten dieser Dunkelheit meine Fregatte auf’s Spiel setzen. Zudem, wie soll man das Unbekannte angreifen, wie sich dagegen vertheidigen. Warten wir den Tag ab, dann sollen die Rollen wechseln.

– Sie haben, Commandant, über die Natur des Thieres keinen Zweifel mehr?

– Nein, mein Herr, es ist offenbar ein Riesen-Narwal, und dazu ein elektrischer.

– Vielleicht, fügte ich bei, kann man ihm ebensowenig nahe kommen, als wie einem Zitterfisch!

– Ja wohl, erwiderte der Commandant, und wenn das Thier dazu die Kraft eines Blitzschlags besitzt, so ist es sicherlich das fürchterlichste, welches jemals aus des Schöpfers Hand gekommen ist. Deshalb, mein Herr, werde ich vorsichtig sein.«

Die Nacht über blieb die ganze Bemannung auf den Beinen, an Schlaf konnte Niemand denken. Da der Abraham Lincoln sich an Schnelligkeit nicht mit dem Gegner messen konnte, so hielt er sich bei schwachem Dampf und fuhr gemach. Der Narwal dagegen machte es der Fregatte nach, ließ sich auf den Wellen wiegen, und schien entschlossen, den Schauplatz des Kampfes nicht zu verlassen.

Um Mitternacht jedoch verschwand er; oder, richtiger zu sagen, er »verlosch« als wie ein gewaltiger Leuchtwurm. War er geflohen? Man mußte es fürchten, nicht hoffen. Aber sieben Minuten vor ein Uhr Morgens vernahm man ein betäubendes Zischen, gleich dem, welches ein mit äußerster Heftigkeit emporgeschleuderter Wasserstrahl verursacht.

Der Commandant Farragut, Ned-Land und ich befanden uns damals auf dem Vorderdeck und schauten mit gierigen Blicken durch das tiefe Dunkel.

»Ned-Land, fragte der Commandant, Sie haben wohl oft das brausende Zischen der Wallfische gehört?

– Ja, mein Herr, aber noch niemals von solchen Wallfischen, wie der ist, welcher mir zweitausend Dollars verschafft hat.

– Wahrhaftig, Sie haben ein Recht auf den Preis. Aber sagen Sie mir doch, ist dieses Getöse nicht dasselbe, wie es die Wallfische machen, wann sie Wasser aus ihren Luftlöchern ausstoßen?

– Ganz dasselbe, mein Herr, aber dieses ist ohne alle Vergleichung stärker. Ein Irrthum ist dabei nicht möglich. Es gehört also wohl das Thier, welches da in unseren Gewässern sich umhertreibt, zum Wallfischgeschlecht. Mit Ihrer Erlaubniß, mein Herr, fügte der Harpunier bei, werden wir morgen bei Tagesanbruch zwei Worte mit ihm reden.

– Wenn es Lust hat. Sie zu hören, erwiderte ich mit wenig Ueberzeugung.

– Kann ich ihm nur auf vier Harpunenlänge nahe kommen, versetzte der Canadier, so wird’s wohl mich anhören müssen!

– Aber um ihm nahe zu kommen, sagte der Commandant, werd‘ ich ein Wallfischboot Ihnen zur Verfügung stellen müssen?

– Ohne Zweifel, mein Herr.

– Das hieße das Leben meiner Leute auf’s Spiel setzen?

– Und auch das meinige! erwiderte einfach der Harpunier.

Gegen zwei Uhr Morgens zeigte sich die leuchtende Stelle wieder, und zwar ebenso stark, fünf Meilen vom Abraham Lincoln. Trotz der Entfernung, trotz dem Brausen des Meeres und Windes hörte man deutlich die fürchterlichen Schwanzschläge des Thieres, und sogar sein keuchendes Athmen. Es schien, als wenn im Moment, wo der enorme Narwal an der Oberfläche des Meeres athmete, die Luft in seine Lungen dränge, wie der Dampf in die ungeheuern Cylinder einer Maschine von zweitausend Pferdekraft.

»Hm! dacht‘ ich, ein Wallfisch von der Kraft eines Cavallerieregiments, wäre ein hübsches Thier!«

Man blieb bis zum Tag in steter Erwartung zum Kampf gerüstet. Das Geräth zum Fischen war in Bereitschaft. Es wurden die kleinen Geschützstücke geladen, welche eine Harpune eine Meile weit schleudern, und lange Büchsen mit explodirenden Kugeln, welche selbst den stärksten Thieren tödtliche Wunden beibringen. Ned-Land hatte sich darauf beschränkt, seine Harpune, eine fürchterliche Waffe in seiner Hand, bereit zu machen.

Um sechs Uhr begann der Tag zu grauen, und mit dem ersten Schimmer der Morgenröthe verschwand der elektrische Glanz des Narwal. Um sieben Uhr war es völlig Tag geworden, aber ein dichter Morgennebel beschränkte den Horizont, so daß die besten Lorgnetten nicht durchdringen konnten. Das erregte Zorn über die Enttäuschung.

Ich kletterte auf die Stangen des Hintermastes. Einige Officiere saßen schon oben auf den Masten.

Um acht Uhr zog der Nebel schwer über den Wellen und stieg allmälig auf. Der Horizont wurde frei und rein.

Plötzlich, wie am Abend zuvor, ließ Ned-Land sich wieder vernehmen:

»Der fragliche Gegenstand hinten links!« Die Blicke Aller richteten sich dahin.

Dort, eine und eine halbe Meile entfernt, sah man einen langen, schwärzlichen Körper einen Meter über die Wellen emportauchen. Sein Schwanz erregte mit gewaltigen Schlägen einen ungeheuern Wirbel. Blendend weißes, unendlich ausgedehntes Kielwasser bezeichnete in langer Curve die Bahn des Thieres.

Die Fregatte kam demselben nahe, und ich konnte es genau beobachten. Die Berichte des Shannon und der Helvetia hatten die Verhältnisse etwas übertrieben, und ich schätzte seine Länge auf nur zweihundertundfünfzig Fuß. Seine Dicke zu schätzen war schwierig, aber im Ganzen schien mir das Thier in den drei Dimensionen wohl proportionirt.

Während ich das phänomenale Geschöpf beobachtete, schleuderte es aus seinen zwei Luftlöchern zwei Strahlen von Dampf und Wasser, die vierzig Meter hoch stiegen. Dies gab mir über die Art seines Athmens einen bestimmten Begriff. Ich entnahm daraus entschieden, daß es zu den Wirbelthieren gehörte, der Classe der Säugethiere, Gruppe der fischförmigen, Ordnung der wallfischartigen. Ueber die Familie konnte ich mich noch nicht aussprechen. Es gehören die Wallfische, Pottfische und Delphine zu derselben Ordnung, und die Narwal zu Letzteren. Das Weitere hoffte ich mit Gottes und des Commandanten Hilfe bald bestimmen zu können.

Die Mannschaft harrte mit Ungeduld der Befehle ihres Commandanten. Dieser ließ, nachdem er das Thier genau besehen, den Ingenieur rufen. Derselbe kam unverweilt.

»Mein Herr, sagte der Commandant, haben wir den nöthigen Dampf?

– Ja, mein Herr, war die Antwort.

– Gut, heizen Sie stärker, bis zu voller Dampfkraft.«

Dreimaliges Hurrah erschallte. Die Stunde des Kampfes hatte geschlagen. Nach wenigen Augenblicken entströmten schwarze Dampfwolken den beiden Rauchfängen der Fregatte, und das Verdeck zitterte unter den Schauern der Kessel.

Der Abraham Lincoln, von seiner gewaltigen Schraube getrieben, fuhr gerade auf das Thier los. Dieses ließ ihn bis auf halbe Kabellänge gleichgiltig an sich heran kommen; darauf, ohne unterzutauchen, machte es eine Wendung zur Flucht, beschränkte sich jedoch darauf, seine Entfernung zu behaupten.

Dies Verfolgen dauerte etwa dreiviertel Stunden, ohne daß die Fregatte dem Thier nur zwei Klafter abgewann. Es war klar, daß man so es nie erreichen würde.

Der Commandant Farragut drehte wüthend den dichten Büschel unter seinem Kinn.

»Ned-Land!« rief er.

Der Canadier kam.

»Nun, Meister Land? fragte der Commandant, werden Sie mir noch rathen, meine Boote in’s Meer zu lassen?

– Nein, mein Herr, erwiderte Ned-Land, denn dieses Thier läßt sich nur mit seinem Willen fangen.

– Was fangen wir also an?

– Steigern Sie wo möglich die Dampfkraft, mein Herr. Ich meines Theils will, mit Ihrer Erlaubniß, mich auf den Wasserstag verfügen und, sobald wir auf Harpunenlänge kommen, will ich harpunieren.

– Thun Sie das, Ned, erwiderte der Commandant. Ingenieur, rief er sodann, steigern Sie den Dampf.«

Ned-Land begab sich auf seinen Posten. Die Feuer wurden noch mehr geschürt, die Schraube drehte sich dreiundvierzig Mal in der Minute, und der Dampf strömte aus den Klappen. Man constatirte mit dem Log, daß der Abraham Lincoln im Verhältniß von achtzehn Meilen die Stunde fuhr.

Aber das verdammte Thier fuhr mit gleicher Geschwindigkeit.

Noch eine Stunde lang setzte die Fregatte dieses Verfahren fort, ohne eine Klafter zu gewinnen! Das war entmuthigend für einen der schnellsten Dampfer der amerikanischen Marine. Ein stiller Zorn ergriff die Mannschaft; die Matrosen fluchten dem Ungeheuer, das übrigens ihnen zu erwidern verschmähte.

Der Ingenieur wurde abermals gerufen.

»Haben Sie den höchsten Grad des Dampfes? fragte der Commandant.

– Ja, mein Herr, erwiderte der Ingenieur.

– Und Ihre Klappen sind gestellt? …

– Zu sechs Atmosphären und eine halbe.

– Richten Sie dieselben auf zehn.«

»Conseil, sagte ich zu meinem wackern Diener der neben mir stand, weißt Du, daß wir vermuthlich in die Luft springen werden?

– Wie es meinem Herrn beliebt!« erwiderte Conseil.

Nun! Ich gestehe, ich wäre schon zufrieden es zu riskiren.

Die Schnelligkeit des Abraham Lincoln ward demnach gesteigert. Seine Masten zitterten bis auf den Grund, und die Rauchwirbel konnten durch die zu engen Röhren kaum hinausdringen.

Man warf abermals das Log.

»Nun, Steuerer? fragte der Commandant.

– Neunzehn und dreizehntel Meilen, mein Herr.

– Noch stärker feuern!«

Der Ingenieur gehorchte. Das Manometer wies zehn Atmosphären. Aber das Ungeheuer »heizte« ohne Zweifel ebenfalls, denn es fuhr ganz leicht auch seine neunzehn und dreizehntel Meilen.

Welch ein Verfolgen! Die Gemüthsbewegung, welche mein ganzes Wesen ergriff, läßt sich nicht beschreiben. Einigemal konnte man dem Thiere nahe kommen.

»Wir bekommen es! wir bekommen es«, rief der Canadier. Dann, sowie er im Begriff war zu werfen, entwischte es mit einer Schnelligkeit, die mindestens auf dreißig Meilen die Stunde sich schätzen ließ. Und selbst bei unserer höchsten Schnelligkeit erlaubte es sich die Fregatte durch sein Spiel zu höhnen!

Um zwölf Uhr waren wir noch nicht weiter, als um acht. Nun entschloß sich der Commandant Farragut zu directeren Mitteln.

»Ah! sagte er, das Thier fährt schneller, als der Abraham Lincoln! Nun, wir wollen sehen, ob es seinen Spitzkugeln sich entziehen wird. Meister, Mannschaft an das Geschütz vorne!«

Die Kanone des Vorderkastells wurde unverzüglich geladen und aufgeprotzt. Die Kugel wurde abgeschossen, sie fuhr aber einige Fuß über dem Thiere weg, das eine halbe Meile entfernt war.

»Ein Anderer, der’s besser versteht! rief der Commandant, und fünfhundert Dollars, wer die höllische Bestie trifft!«

Ein alter graubärtiger Kanonier mit ruhigem Blick, kalten Gesichtszügen, trat hinzu, richtete und visirte lange. Ein tüchtiger Schuß, und jubelndes Hurrah der Mannschaft.

Die Kugel traf, aber nicht regelrecht; sie glitt an der runden Fläche ab und fuhr zwei Meilen weiter in’s Meer.

»Teufel! schrie der Kanonier wüthend, der Schuft ist sechs Zoll dick gepanzert!

– Verdammt!« rief der Commandant Farragut. Die Jagd ging von Neuem an, und der Commandant sprach zu mir:

»Ich verfolge weiter, und sollte die Maschine platzen!

– Ja, erwiderte ich, und Sie haben Recht!«

Man mochte hoffen, das Thier werde ermüden, und nicht so gleichgiltig sein, wie eine Dampfmaschine. Aber damit war’s nichts. Es verflossen Stunden ohne alles Zeichen von Ermüdung.

Uebrigens muß man anerkennen, daß der Abraham Lincoln mit unermüdlicher Ausdauer kämpfte. Ich schätze, daß er an dem unseligen 6. November mindestens fünfhundert Kilometer lief! Aber es kam die Nacht und hüllte das unruhige Meer in Dunkel.

In dem Augenblick glaubte ich, unsere Expedition sei zu Ende, und wir bekämen das Thier nicht mehr zu Gesicht. Ich irrte. Um zehn Uhr fünfzig Minuten kam die elektrische helle Stelle wieder zum Vorschein, drei Meilen von der Fregatte, so rein und stark, wie in der vorigen Nacht.

Der Narwal schien unbeweglich. Vielleicht schlief er vor Ermüdung, und wiegte sich auf den Wogen? Das wollte der Kommandant benutzen.

Er ertheilte seine Befehle. Der Abraham Lincoln fuhr mit schwachem Dampf vorsichtig, um seinen Gegner nicht zu wecken. Man trifft nicht selten die Wallfische auf offener See in tiefem Schlaf, und greift sie dann mit Vortheil an. Ned-Land hatte manche während des Schlafes harpuniert. Der Canadier begab sich wieder auf seinen Posten am Bugspriet.

Die Fregatte näherte sich geräuschlos, hielt zwei Kabellängen weit von dem Thier an. Man hörte an Bord keinen Athemzug, tiefes Schweigen herrschte auf dem Verdeck. Wir befanden uns keine hundert Fuß von dem glühenden Brennpunkt, dessen Glanz zunahm und die Augen blendete.

In dem Augenblick sah ich am Geländer des Vorderkastells Ned-Land über mir, wie er mit starker Hand die fürchterliche Harpune schwang. Kaum zwanzig Fuß von dem Thiere entfernt, schleuderte er mit kräftigem Arm seine Waffe; ich hörte laut das Anprallen derselben, als habe sie einen harten Körper getroffen.

Die elektrische Zelle erlosch plötzlich, und zwei enorme Wasserstrudel entluden sich auf das Verdeck der Fregatte gleich einem reißenden Strom, warf die Mannschaft zu Boden, zerriß die Bindseile. –

Ein entsetzlicher Stoß schleuderte mich über die Seite in’s Meer.

Siebentes Capitel

Siebentes Capitel

Ein Wallfisch unbekannter Art

So sehr mich dieser unerwartete Fall überraschte, behielt ich doch eine klare Vorstellung dessen, was ich empfand.

Ich wurde anfangs etwa zwanzig Fuß tief hinabgezogen. Ein guter Schwimmer, verlor ich über dem Untertauchen nicht den Kopf. Zwei kräftige Stöße mit den Fersen brachten mich wieder zur Oberfläche empor.

Vor Allem suchten meine Augen die Fregatte. Hatte die Mannschaft mein Verschwinden gemerkt? Hatte der Abraham Lincoln sich umgedreht? Hatte der Kommandant Farragut ein Boot in’s Meer gelassen? Durfte ich auf Rettung hoffen?

Tiefes Dunkel ringsum. Ich sah im Osten eine schwarze Masse verschwinden, deren leuchtende Feuer in der Ferne verloschen. Es war die Fregatte. Jetzt hielt ich mich für verloren.

»Zu Hilfe! Hilfe!« rief ich, indem ich mit verzweifelndem Arm auf den Abraham Lincoln zuschwamm.

Meine Kleider hinderten mich. Sie klebten im Wasser an meinem Leibe, hemmten meine Bewegungen. Ich sank unter! Die Luft ging mir aus …!

»Zu Hilfe!«

Diesen letzten Ruf stieß ich aus. Mein Mund schluckte Wasser! … Wasser. In den Abgrund versinkend zappelte ich … Plötzlich wurden meine Kleider von kräftiger Hand gefaßt, ich fühlte mich ungestüm an die Oberfläche des Meeres emporgezogen, und ich hörte, ja, ich hörte diese Worte mir in’s Ohr gesprochen:

»Wenn mein Herr die große Güte haben will, sich auf meine Schultern zu stützen, wird er viel bequemer schwimmen.«

Ich ergriff mit einer Hand den Arm meines treuen Conseil.

»Du! fragte ich. Du!

– Ich selbst, erwiderte Conseil, und zu meines Herrn Befehl.

– Und der Stoß hat Dich zugleich mit mir in’s Meer geschleudert?

– Keineswegs. Da ich in meines Herrn Dienst stehe, bin ich ihm nachgesprungen.«

Der wackere Bursche hielt dies für natürlich!

»Und die Fregatte? fragte ich.

– Die Fregatte! erwiderte Conseil, indem er sich wieder auf den Rücken legte; ich glaube, mein Herr wird wohl thun, nicht allzuviel auf sie zu rechnen!

– Du meinst?

– Ich meine, im Augenblick, da ich mich in’s Meer stürzte, hörte ich die Leute am Steuer rufen: Die Schraube und das Steuer sind zerbrochen …

– Zerbrochen?

– Ja! durch den Zahn des Ungeheuers. Dies ist der erste Schaden, den der Abraham Lincoln je erlitten. Aber, ein schlimmer Umstand für uns, er ist nicht mehr im Stand, zu steuern.

– Dann sind wir verloren!

– Vielleicht, erwiderte ruhig Conseil. Doch, wir haben noch einige Stunden vor uns, und in einigen Stunden kann man viel zu Stande bringen!«

Die unverwüstliche Kaltblütigkeit Conseils richtete meinen Muth auf. Ich konnte wieder rüstig schwimmen; aber da meine Kleider mir anklebten wie ein bleierner Mantel, so konnte ich nur mit äußerster Mühe aushalten. Conseil bemerkte es.

»Erlaube mir, mein Herr, meinen Schnitt zu machen«, sagte er.

Und er steckte eine Messerklinge unter meine Kleider und zerschnitt sie in einem Zug von oben bis unten. Darauf entledigte er mich rasch derselben, während ich für uns beide schwamm.

Ich leistete dagegen Conseil denselben Dienst, und wir schwammen dann nebeneinander weiter.

Jedoch war die Lage darum nicht minder schrecklich. Vielleicht hatte man auf der Fregatte unser Verschwinden gar nicht gemerkt, und hätten sie’s auch wahrgenommen, so konnten sie, weil ihr Steuer zerbrochen war, nicht unter’m Wind zu uns zurückkommen. Man konnte also nur auf die Boote rechnen.

Conseil urtheilte kalt, dieser Annahme gemäß und machte darnach seinen Plan. Ein Charakter zum Erstaunen! Dieser phlegmatische Bursche war hier wie zu Hause.

Es wurde daher beschlossen, da unsere einzige Aussicht auf Rettung darauf beruhte, daß die Boote des Abraham Lincoln uns aufnahmen, so mußten wir uns darauf einrichten, um so lange wie möglich sie erwarten zu können. Ich beschloß daher, unsere Kräfte getheilt zu verwenden, um sie nicht mit einander zu erschöpfen, und wir machten’s so: Während der eine mit gekreuzten Händen und gestreckten Beinen unbeweglich auf dem Rücken lag, schwamm der Andere und bugsirte ihn vorwärts. In dieser Rolle durfte er nur zehn Minuten bleiben, damit wir durch Ablösen unsere Kräfte sparten, um es einige Stunden, vielleicht bis zu Tagesanbruch, auszuhalten.

Schwache Aussicht auf Rettung! aber die Hoffnung wurzelt tief im Herzen des Menschen. Und dann, es waren unser zwei. Ja, wenn ich alle Täuschung in mir vernichten, wenn ich »verzweifeln« wollte, ich konnte es nicht!

Der Zusammenstoß der Fregatte mit dem Thier hatte sich etwa um elf Uhr Abends begeben. Ich rechnete also, daß wir bis zu Sonnenaufgang acht Stunden zu schwimmen hätten, was mit äußerster Anstrengung durch gegenseitige Ablösung ausführbar war. Das Meer war ziemlich ruhig, machte uns wenig müde.

Gegen ein Uhr Morgens fühlte ich mich äußerst erschöpft. Meine Glieder wurden steif unter heftigen Krämpfen. Conseil mußte mich stützen, und unsere Rettung beruhte nun auf ihm allein. Bald hörte ich den armen Burschen keuchen; er athmete kurz und beklommen. Ich sah ein, daß er nicht lange mehr aushalten konnte.

»Lasse mich! Lass‘ mich! sagte ich zu ihm.

– Meinen Herrn im Stich lassen! Niemals!« erwiderte er. In diesem Moment leuchtete der Mond ein wenig zwischen dem Gewölk hervor, und die Meeresfläche schimmerte in seinen Strahlen. Dieser Eindruck belebte wieder unsere Kräfte. Ich konnte den Kopf aufrichten und am ganzen Horizont umherblicken. Ich sah die Fregatte, etwa fünf Meilen von uns, kaum bemerkbar. Aber von Booten nichts! Ich wollte rufen. Wozu das, in solcher Ferne? Meine geschwollenen Lippen vermochten’s nicht. Ich hörte Conseil wiederholt um Hilfe rufen. Wir hielten ein wenig an und horchten. Es dünkte mir, ein Ruf antworte dem Rufen Conseils.

»Hast Du gehört? stammelte ich.

– Ja! ja!«

Und Conseil stieß nochmals verzweifelten Hilferuf aus. Diesmal war nicht zu zweifeln, eine Menschenstimme antwortete uns! War’s die Stimme eines andern beim Zusammenstoßen verunglückten Opfers? Oder gar ließ ein Boot der Fregatte uns durch’s Sprachrohr den Ruf zugehen?

Conseil nahm seine äußersten Kräfte zusammen, um auf meine Schulter gestützt, sich halb aufzurichten und umherzuschauen; dann sank er erschöpft zurück.

»Was hast Du gesehen?

– Ich habe gesehen … stammelte er, ich habe gesehen … Doch reden wir nicht … nehmen wir alle Kraft zusammen! …« Was hatte er gesehen? … Was für eine Stimme mochte es sein?

Conseil jedoch bugsirte mich fortwährend. Manchmal hob er den Kopf empor, blickte vor sich, rief wieder, um sich kund zu geben, und eine andere Stimme ließ sich immer näher vernehmen. Kaum vermochte ich noch es zu hören, meine Kräfte gingen mir aus; meine Finger spreizten sich; meine Hand versagte mir die Stütze; mein krampfhaft geöffneter Mund füllte sich mit Wasser; ich erstarrte vor Kälte. Zum letztenmal hob ich den Kopf empor, dann versank ich …

In dem Augenblick stieß ein Körper wider mich; ich klammerte mich an. Ich fühlte, daß man mich auf die Oberfläche zog, daß meine Brust wieder aufathmete, dann ward ich ohnmächtig …

Gewiß bin ich durch das kräftige Reiben, womit man mich bearbeitete, bald wieder zu mir gekommen. Ich schlug ein wenig die Augen auf …

»Conseil! stammelte ich.

– Mein Herr hat mir gerufen?« erwiderte Conseil.

In dem Augenblick, beim letzten Mondesstrahl, gewahrte ich eine Gestalt, nicht die Conseil’s, und erkannte sie sogleich.

»Ned! rief ich.

– In eigener Person, mein Herr, um mir meine Prämie zu holen! erwiderte der Canadier.

– Sie sind auch von dem Stoß in’s Meer geschleudert worden?

– Ja, Herr Professor, aber ich war besser d’ran, als Sie, daß ich sogleich auf einem schwimmenden Inselchen festen Fuß fassen konnte.

– Ein Inselchen?

– Ja, oder vielmehr, auf unserm Riesen-Narwal.

– Erklären Sie mir, Ned.

– Ich begriff bald, warum meine Harpune nicht eindringen konnte, und stumpf ward.

– Warum, Ned, warum?

– Weil dies Thier, Herr Professor, von Eisenblech gemacht ist!«

Ich muß hier meinen Geist sammeln, meine Erinnerungen wieder beleben, meine Aussagen selbst controliren.

Die letzten Worte des Canadiers bewirkten in meinem Kopf eine plötzliche Wandlung. Ich klimmte rasch nach oben auf das Geschöpf oder den Gegenstand, der halb unter’m Wasser uns als Zuflucht diente. Ich probirte mit dem Fuß. Offenbar war’s ein harter, undurchdringlicher Körper, nicht der weiche Stoff, woraus die großen Seesäugethiere bestehen. Aber der harte Körper konnte auch eine knochenartige Schilddecke sein, wie bei den urweltlichen Thieren, und ich hätte jetzt das Ungeheuer unter die Reptilamphibien zu zählen, wie die Schildkröten und Alligatoren.

Nein! Der schwärzliche Rücken, auf dem ich mich befand, war glatt, polirt, nicht schuppig. Es ließ, wenn man ihn anklopfte, einen Metallton hören, und so unglaublich es auch war, er schien von eingebolzten Platten gemacht.

Ein Zweifel war nicht mehr möglich. Das Thier, das Ungeheuer, das Naturphänomen, welches die ganze gelehrte Welt, die Einbildungskraft der Seeleute verrückt und irre geleitet hatte, – man mußte es wohl anerkennen, war ein noch erstaunlicheres Wunder, ein Phänomen von Menschenhand.

Die Entdeckung des Daseins eines noch so märchenhaften, mythischen Geschöpfes hätte meine Vernunft nicht in dem Grade überrascht. Daß das Wunderbare von Gott herkommt, ist eine einfache Sache. Aber auf einmal, unter seinen Augen, das Unmögliche geheimnißvoll von Menschenhand verwirklicht zu sehen, das konnte den Geist irre machen!

Doch war es zweifellos, daß wir uns auf dem Rücken einer Art unterseeischen Fahrzeugs befanden, das, soviel ich urtheilen konnte, die Form eines ungeheuern Fisches von Stahl hatte. Ned-Land’s Ansicht darüber war entschieden; und ich konnte nebst Conseil mich nur anschließen.

»Aber dann, sagte ich, hatte dieses Fahrzeug eine Maschine für die Bewegung, und eine Mannschaft, welche sie in Anwendung bringt?

– Offenbar, erwiderte der Harpunier, und demungeachtet hat, seit den drei Stunden, daß ich diese schwimmende Insel bewohne, dieselbe noch kein Lebenszeichen von sich gegeben.

– Das Fahrzeug ist nicht gefahren?

– Nein, Herr Arronax. Es läßt sich von den Wellen schaukeln, ohne selbst sich zu bewegen.

– Wir wissen jedoch, und ohne Zweifel, daß dasselbe eine große Geschwindigkeit hat. Da es nun, um eine solche hervorzubringen, eine Maschine haben muß, und einen Maschinisten, der sie leitet, so schließe ich daraus, ….. daß wir gerettet sind.

– Hm!« sagte Ned-Land mit einigem Rückhalt.

In diesem Augenblick, als wie zum Beweis meiner Folgerung, entstand am hintern Theil dieses seltsamen Fahrapparats ein Brausen, das offenbar von einer Schraube herrührte, und setzte es in Bewegung. Wir hatten nur noch Zeit, uns fest an seinen obern Theil, der etwa achtzig Centimeter über das Wasser emporragte, anzuklammern. Zum Glück war seine Geschwindigkeit nicht übermäßig.

»So lange als es sich horizontal bewegt, brummte Ned-Land, hab‘ ich nichts dagegen zu sagen. Aber wenn es ihm einfällt unterzutauchen, so gäb‘ ich keine zwei Dollars für mein Leben!«

Es wurde daher dringend nothwendig, sich mit den im Schooße dieser Maschine befindlichen Geschöpfen, welcher Art sie auch sein mochten, in Verbindung zu setzen. Ich suchte an seiner Oberfläche nach einer Oeffnung, einer Lucke; aber die aneinanderstoßenden Platten waren festgefügt und wie aus einem Stück.

Zudem ging der Mond eben unter, und ließ uns in tiefem Dunkel. Wir mußten den Tag abwarten, um Mittel in’s Innere des Fahrzeugs zu dringen, ausfindig zu machen.

Also hing unsere Rettung einzig vom Belieben der geheimnißvollen Leiter dieses Apparats ab, und wenn sie untertauchten, waren wir verloren! Diesen Fall ausgenommen, zweifelte ich nicht an der Möglichkeit, mit ihnen in Verbindung zu treten. Und in der That, wenn sie nicht sich ihre Luft selbst bereiteten, so mußten sie nothwendig von Zeit zu Zeit an die Oberfläche des Meeres heraufkommen, um ihren Vorrath von athmungsfähigem Gas zu erneuern. Darum mußte nothwendig eine Oeffnung vorhanden sein, um das Innere des Fahrzeuges mit der Atmosphäre in Verbindung zu setzen.

Die Hoffnung auf Rettung durch den Commandanten Farragut mußte man völlig aufgeben. Wir waren westwärts getrieben, und ich schätzte, daß unsere verhältnißmäßig geringe Geschwindigkeit zwölf Meilen die Stunde betrug. Die Schraube schlug die Wellen mit mathematischer Regelmäßigkeit, und tauchte von Zeit zu Zeit auf, um ihr phophorescirendes Wasser hoch emporzuspritzen.

Gegen vier Uhr Morgens nahm die Schnelligkeit des Fahrzeugs zu. Wir konnten, wenn der volle Wellenschlag uns traf, kaum dem schwindelhaften Fortreißen widerstehen. Zum Glück fand Ned mit der Hand einen auf dem Rücken der Platte eingelassenen Ring, woran wir uns fest anklammern konnten.

Endlich war die lange Nacht vorüber. Ich kann mich nur unvollständig der einzelnen Eindrücke entsinnen. Nur ein Ereigniß tritt mir klar hervor. Während mitunter Meer und Wind ruhig waren, glaubte ich einigemal unbestimmte Töne, eine flüchtige Harmonie ferner Accorde, zu hören. Was für Geschöpfe lebten in diesem seltsamen Fahrzeug? Welche mechanische Kraft bewirkte seine wunderbare Schnelligkeit?

Der Tag erschien, und der Morgennebel umhüllte uns, aber er zertheilte sich bald. Ich schritt zu einer sorgfältigen Untersuchung des Körpers, der oben eine Art Plattform bildete, – als ich fühlte, wie diese allmälig sich senkte:

»He! Tausend Teufel! schrie Ned-Land, und trat mit dem Fuß wider die hallende Platte, so öffnet doch, ungastliche Leute!«

Aber es war schwer, bei den betäubenden Schlägen der Schraube sich vernehmbar zu machen. Zum Glück hielt die Bewegung, welche unterzutauchen drohte, inne.

Plötzlich vernahm man im Innern des Fahrzeugs ein Rasseln heftig gerüttelten Eisenwerks.

Eine Platte öffnete sich, ein Mann kam zum Vorschein, stieß einen sonderbaren Schrei aus, und verschwand sogleich wieder.

Einige Augenblicke darauf erschienen abermals, und zwar schweigend, acht starke Bursche mit verkapptem Angesicht, und zogen uns in ihre fürchterliche Maschine hinein.

Einundzwanzigstes Capitel

Einundzwanzigstes Capitel

Einige Tage auf dem Lande

Es machte doch lebhaften Eindruck auf mich, als ich wieder den Erdboden betrat. Ned-Land probirte den Boden mit dem Fuß, als wolle er ihn in Besitz nehmen. Und doch waren es erst zwei Monate, daß wir, wie der Kapitän Nemo sich ausdrückte, »Passagiere des Nautilus« waren, d. h. in Wirklichkeit Gefangene seines Commandanten.

In einigen Minuten waren wir einen Flintenschuß weit bei der Küste. Der Boden war fast madreporisch, aber einige ausgetrocknete Strombette, worin sich granitene Trümmer fanden, bewiesen, daß die Bildung dieser Insel der Urzeit angehörte. Der ganze Horizont war hinter einem Vorhang staunenswerther Waldung verborgen. Ungeheure Bäume, oft bis zu zweihundert Fuß hoch, reihten sich durch Guirlanden von Lianen an einander, natürliche Hängeketten, welche ein leichter Wind schaukelte. Es waren Mimosen, Ficus, Thok, Hibiscus, Pendacus, Palmbäume, und unter ihrer grünen Wölbung, am Fuß ihres riesigen Stammes wuchsen Orchideen, Hülsengewächse, Farrenkräuter.

Aber der Canadier bemerkte alle diese schönen Musterstücke der Papuasischen Flora gar nicht, gab das Angenehme für’s Nützliche hin. Er bemerkte einen Cocusbaum, schlug einige seiner Früchte ab, zerbrach sie, und wir tranken ihre Milch, aßen ihren Kern, mit einem Vergnügen, das gegen den gewöhnlichen Tisch des Nautilus protestirte.

»Vortrefflich! sagte Ned-Land.

– Ausgesucht, erwiderte Conseil.

– Und ich denke nicht, sagte der Canadier, daß Ihr Nemo etwas dagegen hat, daß wir eine Ladung von Cocos an seinen Bord einführen.«

– Ich glaub’s nicht, erwiderte ich, aber er wird nicht Lust haben sie zu kosten.

– Zu seinem eigenen Nachtheil, sagte Conseil.

– Um so besser für uns! entgegnete Ned-Land.

– Nur ein Wort, Meister Land, sagte ich zum Harpunier, der schon im Begriff war, noch einen Cocosbaum zu plündern. Cocos ist gut, aber bevor wir das Boot damit füllen, wäre es, dünkt mir klug, zu untersuchen, ob nicht andere nicht minder nützliche Producte sich finden. Frisches Gemüse würde der Küche des Nautilus willkommen sein.

– Mein Herr hat Recht, sagte Conseil, und ich schlage vor, drei Plätze in unserem Boot frei zu halten, einen für Obst, einen zweiten für Gemüse, und den dritten für Wildpret, wovon ich noch kein Pröbchen gesehen habe.

– Conseil, man darf an nichts verzweifeln, erwiderte der Canadier.

– So setzen wir unseren Ausflug fort, versetzte ich, aber hüten wir uns vor einem Ueberfall! Obwohl die Insel unbewohnt scheint, so könnten sich doch Leute da finden, die hinsichtlich der Beschaffenheit des Wildprets weniger wählerisch wären, als wir!

– He! He! rief Ned-Land, mit sehr bezeichnender Bewegung der Kinnbacken.

– Ei! Ned! rief Conseil.

– Meiner Treu! entgegnete der Canadier, ich fange an zu begreifen, daß das Menschenfleisch gut schmecken mag!

– Ned! Ned! Was sagen Sie, versetzte Conseil. Sie Menschenfresser! Dann bin ich ja nicht mehr in der Cabine sicher vor Ihnen! Da könnte ich einmal Morgens halb gefressen aufwachen?

– Freund Conseil, ich liebe Sie sehr, doch nicht so arg, um ohne Roth Sie aufzuzehren.

– Darauf verlaß‘ ich mich nicht, erwiderte Conseil. Auf die Jagd! Wir müssen durchaus ein Wildpret zur Befriedigung dieses Kannibalen auftreiben, oder eines schönen Morgens wird mein Herr nur noch einige Stücke seines Dieners finden.«

– Während dieser Unterhaltung drangen wir unter düsterem Gewölbe tiefer in den Wald und durchstreiften ihn zwei Stunden lang in allen Richtungen.

Der Zufall begünstigte das Suchen nach Pflanzennahrung, und eins der nützlichsten Producte der tropischen Zone gewährte uns eine kostbare Speise, die an Bord völlig mangelte.

Ich meine den Brodbaum, der auf der Insel Queboroar sehr reichlich wächst; besonders fiel mir die Varietät ohne Körner auf, welche im Malayischen »Rima« genannt wird.

Dieser Baum unterscheidet sich von den anderen durch einen geraden, vierzig Fuß hohen Stamm. Seine stattlich gerundete, aus großen vielfach gezackten Blättern gebildete Krone läßt den Naturforscher leicht den »Artocarpus« erkennen, welche auf den Maskarenen mit Glück angepflanzt worden ist. Aus seinem grünen Laub ragten große kugelrunde Früchte vom Durchmesser eines Decimeter mit rauher Schale hervor, deren Unebenheiten sechseckige Form zeigten. Die Natur hat die Gegenden, wo kein Getreide wächst, mit diesem nützlichen Nahrungsbaum versehen, welcher ohne alle Pflege acht Monate im Jahre seine Früchte spendet.

Ned-Land kannte diese Frucht wohl. Er hatte sie bei seinen zahlreichen Reisen kennen gelernt, und verstand sich darauf, sie schmackhaft zuzubereiten. Darum regte auch ihr Anblick sein Verlangen an, das er nicht zurückhalten konnte.

»Mein Herr, sagte er zu mir, ich bin des Todes, wenn ich nicht ein wenig Pastete von dieser Brodfrucht koste!

– Koste nur, Freund Ned, koste nach Belieben. Unser Zweck hier ist, Experimente zu machen. Machen Sie nur einen Versuch.

– Das soll nicht lange währen,« erwiderte der Canadier.

Und er zündete mit einem Brennglas ein Feuer an, das mit dürrem Holz lustig aufflackerte. Während dessen sammelte ich nebst Conseil die schönsten Früchte des Baumes. Manche waren noch nicht völlig reif, die enthielten in dicker Schaale ein weißes, wenig faseriges Fleisch, Andere, in großer Anzahl, gelblich und gallertartig, warteten nur, daß man sie einsammelte.

Diese Früchte hatten gar keinen Kern. Conseil brachte Ned-Land ein Dutzend, der sie in dicke Schnitten zerlegte und über Kohlenfeuer setzte. Dabei sagte er wiederholt:

»Sie werden sehen, mein Herr, wie gut dies Brod ist!

– Zumal wenn man lange keins genossen hat, sagte Conseil.

– Es ist kein Brod mehr, fuhr der Canadier fort, es ist eine kostbare Pastete. Sie haben noch nie welche gegessen, mein Herr?

– Nein, Ned.

– Nun, halten Sie sich gefaßt, etwas Saftiges zu verzehren. Schmeckt Ihnen das nicht, so bin ich nicht mehr König der Harpuniere!«

Nach einigen Minuten waren die über’s Feuer gesetzten Früchte völlig mit Kohle umgeben. Darinnen zeigte sich ein weißer Teig, eine zarte Krume von Geschmack gleich der Artischocke.

Ich muß gestehen, dies Brod war vortrefflich, und ich aß es sehr gern.

»Leider, sagte ich, läßt sich diese Speise nicht frisch erhalten, und es scheint mir unnütz, viel davon an Bord zu nehmen.

– Das wäre, mein Herr, rief Ned-Land. Sie reden da, wie ein Gelehrter, ich aber will’s machen, wie ein Bäcker. Conseil, sammeln Sie nur recht viel von dieser Frucht, daß wir sie bei der Rückkehr mit nehmen.

– Und wie wollen Sie dieselben zubereiten? fragte ich den Canadier.

– Ich mache aus ihrem Fleisch einen gegohrenen Teig, der hält sich sehr lange, ohne zu verderben. Wann ich davon brauche, röste ich ihn in der Küche, und dies Gebäck wird Ihnen, trotz eines säuerlichen Geschmackes, vortrefflich munden.

– Dann, Freund Ned, fehlt’s, wie ich sehe, diesem Brod an nichts. …

– Ja, Herr Professor, erwiderte der Canadier, man vermißt dabei etwas Obst oder wenigstens Gemüse!

– Suchen wir also Obst und Gemüse.«

Als wir mit dem Einsammeln fertig waren, machten wir uns auf den Weg, um unsere »Land-Mahlzeit« zu vervollständigen.

Wir suchten nicht vergeblich; um Mittag hatten wir reichlich Bananen gesammelt. Diese kostbaren Erzeugnisse der heißen Zone reifen im ganzen Jahr, und die Malayen, welche sie Pisang nennen, verspeisen sie ungekocht. Nebst diesen Bananen sammelten wir ungeheure Jack von vortrefflichem Geschmack, delikate Mangobeeren und Ananas von unglaublicher Größe. Aber dieses Einsammeln nahm unsere Zeit viel in Anspruch, was wir übrigens nicht zu bedauern hatten.

Conseil hatte Ned stets im Auge. Der Harpunier ging voran, und sammelte während seines Ganges durch den Wald mit sicherem Griff vortreffliches Obst, das seinen Proviant vervollständigen sollte.

»Endlich, Freund Ned, fragte Conseil, wird Ihnen doch nichts mehr mangeln?

– Hm! sagte der Canadier.

– Wie? Sie sind nicht zufrieden?

– Alle diese Pflanzen können ein Mahl nicht vollständig machen, erwiderte Ned. Dieses ist das Dessert. Aber die Suppe? der Braten?

– In der That, sagte ich, Ned hatte uns Cotelettes versprochen, welche mir jetzt in Zweifel gestellt scheinen.

– Mein Herr, erwiderte der Canadier, die Jagd ist nicht nur noch nicht zu Ende, sondern nicht einmal angefangen. Geduld! Wir werden bald endlich ein befiedertes oder behaartes Thier treffen, wo nicht hier, so anderswo. …

– Und wo nicht heute, doch morgen, fügte Conseil bei, denn wir dürfen uns nicht zu weit entfernen. Ich schlage sogar vor, nach unserem Boot zurück zu kehren.

– Wie? schon! rief Ned.

– Wir müssen vor Abend wieder zu Hause sein, sagt‘ ich.

– Aber wieviel Uhr ist’s denn? fragte der Canadier.

– Zwei Uhr wenigstens, erwiderte Conseil.

– Wie auf diesem festen Boden die Zeit rasch verläuft! rief Meister Ned-Land mit Seufzen und Bedauern.

– Marsch!« erwiderte Conseil.

Wir begaben uns also durch den Wald auf den Heimweg, und vervollständigten unsere Ernte, indem wir eine Razzia von Palmkohl machten, die auf den Gipfeln der Bäume zu holen waren, von kleinen Bohnen, und einer vorzüglichen Sorte Yams.

Ueberreich beladen kamen wir beim Boot an. Doch war Ned-Land noch nicht mit dem Vorrath zufrieden. Aber das Schicksal war ihm günstig. Als wir eben einsteigen wollten, bemerkte er einige fünfundzwanzig bis dreißig Fuß hohe Bäume, die zu den Palmen gehörten. Diese, so werthvoll wie der Brodfruchtbaum, werden mit Recht zu den nützlichsten Producten des Malayenlandes gezählt.

Es waren Sagobäume, die ohne Anbau sich wie die Maulbeerbäume durch Sprößlinge und Körner selbst fortpflanzen.

Ned-Land verstand sich darauf, diese Bäume zu behandeln. Er nahm sein Beil, und mit kräftigen Hieben hatte er bald zwei bis drei Bäume auf den Boden gelegt, deren Reife an dem weißen Staub, welcher ihre Blätter bepuderte, zu erkennen war.

Ich sah ihm zu mit dem Blick des Naturforschers. Er schnitt zuerst von jedem Stamm einen Streifen Rinde, welche einen Zoll dick ein Netz von langen Fasern bedeckte, die verwickelte Knoten bilden, von einer Art gummihaltigem Mehl zusammengekittet. Dieses Mehl, Sago genannt, ist eßbar und dient den Einwohnern als ein Haupt-Nahrungsmittel.

Ned-Land beschränkte sich für den Augenblick darauf, die Stämme in Stücke zu zerhauen, wie beim Brennholz, indem er sich vorbehielt das Mehl später heraus zu klauben, dasselbe durchzusieben, um es von den Fasern zu trennen, die Feuchtigkeit an der Sonne verdunsten, und es in Formen hart werden zu lassen.

Endlich, um fünf Uhr Abends, verließen wir mit all‘ unseren Schätzen beladen das Ufer und langten eine halbe Stunde nachher beim Nautilus an. Der enorme Blechcylinder schien verlassen. Wir schafften unsere Vorräthe an Bord, ich begab mich auf mein Zimmer, wo mein Abendessen schon bereit stand. Ich aß und legte mich schlafen.

Am folgenden Morgen, den 6. Januar, nichts Neues an Bord. Kein Geräusch im Inneren, kein Lebenszeichen. Das Boot war neben dem Fahrzeug an derselben Stelle geblieben, wo wir es gelassen hatten. Wir beschlossen, uns nochmals auf die Insel Queboroar zu begeben. Ned-Land hoffte als Jäger glücklicher wie gestern zu sein, und wünschte eine andere Gegend des Waldes zu besuchen.

Bei Sonnenaufgang waren wir schon unterwegs. Das Fahrzeug, durch die Fluth höher gehoben, brachte uns bald zur Insel.

Wir stiegen aus, und hielten es für’s Beste, uns auf den Instinct des Canadiers zu verlassen; wir ließen uns daher von Ned-Land führen, dessen lange Beine uns stets voraus eilten.

Ned-Land ging längs der Küste westwärts, dann wateten wir durch einige Bäche und erreichten die Hochebene, welche von bewundernswerther Waldung umgeben war. Einige Eisvögel streiften längs den Gewässern, ließen uns aber nicht ihnen nahe kommen. Ihre Vorsicht gab zu erkennen, daß sie wußten, wie sie mit den Zweifüßlern unserer Race daran waren, und ich schloß daraus, daß, wenn die Insel nicht bewohnt, sie doch von Menschen besucht sei.

Nachdem wir über eine ziemlich fette Wiese gekommen, gelangten wir an den Rand eines kleinen von Vögeln munter belebten Gehölzes.

»Das sind nur erst Vögel, sagte Conseil.

– Aber es giebt darunter auch eßbare! erwiderte der Harpunier.

– Nein, Freund Ned, entgegnete Conseil; denn ich sehe da nur Papageien.

– Freund Conseil, erwiderte Ned ernsthaft, ein Papagei ist für die, welche nichts anderes zu essen haben, so gut wie ein Fasan.

– Und ich füge bei, sagte ich, daß dieser Vogel, wenn er nur gehörig zubereitet ist, es verdient, daß man um ihn seine Klinge schlägt.«

In der That flatterten unter’m dichten Laubdach dieses Gehölzes eine Menge Papageien von Zweig zu Zweig, die bei besserer Erziehung auch die menschliche Sprache erlernt haben würden. Nunmehr freilich schwatzten sie in Gesellschaft mit Verwandten aller Farben, Kakadu’s, Loris, Kolaos, lasurblauen Papua’s, und einer Mannigfaltigkeit reizenden Geflügels, das im allgemeinen wenig eßbar war.

Doch ein diesen Ländern eigentümlicher Vogel mangelte dieser Sammlung. Aber es war mir vorbehalten, ihn bald darauf zu bewundern.

Nachdem wir ein Stück Wald, der nicht besonders dicht war, durchschritten, gelangten wir an eine mit Gebüsch bewachsene Ebene. Da sah ich prachtvolle Vögel auffliegen, welche durch die Eigenthümlichkeit ihrer langen Federn genöthigt waren, ihren Flug gegen den Wind zu richten. Ihr wellenförmiger Flug, die Anmuth der krummen Linien, welche sie in der Luft beschrieben, ihre schillernden Farben zogen an und entzückten den Blick. Ich erkannte sie leicht.

»Paradiesvögel! rief ich aus.

– Ordnung der Sperlingsartigen … erwiderte Conseil.

– Familie der Rebhühner? fragte Ned-Land.

– Ich glaube nicht, Meister Land. Demungeachtet zähle ich auf Ihre Geschicklichkeit, um eins der reizendsten Erzeugnisse der Tropennatur zu erwischen!

– Man wird’s versuchen, Herr Professor, obwohl ich mehr geübt bin, mit der Harpune, als mit der Flinte umzugehen!«

Die Malayen, welche mit diesem Vogel viel Handel nach China treiben, bedienen sich, um sie zu fangen, verschiedener Mittel, welche wir nicht anwenden konnten. Bald legen sie Schlingen auf die Gipfel hoher Bäume, wo sich die Paradiesvögel vorzugsweise aufhalten. Bald fangen sie dieselben mittelst eines Leimes, der ihre Bewegungen hemmt. Sie gehen sogar so weit, daß sie die Quellen vergiften, wo diese Vögel zu trinken pflegen! Wir waren darauf angewiesen, sie im Flug zu schießen, wobei wir wenig Aussicht hatten, sie zu treffen. Und in der That, wir verbrauchten vergeblich einen Theil unserer Munition.

Gegen elf Uhr Vormittags war der vordere Theil der Berge, welche das Centrum der Insel bilden, durchschritten, und wir hatten noch nichts erlegt. Der Hunger spornte uns. Die Jäger hatten sich auf das Ergebniß ihrer Jagd verlassen, und sie hatten Unrecht. Glücklicherweise gelang Conseil, zu seiner großen Ueberraschung, ein doppelter Schuß, und er sicherte damit das Frühstück. Er erlegte eine weiße Täubin und eine Holztaube. Diese wurden rasch entfiedert, und an einen Bratspieß gesteckt, brieten sie bei einem hellen Feuer von dürrem Holz. Während dessen bereitete Ned die Frucht des Brodfruchtbaumes zu. Darauf wurde das Geflügel bis auf die Knochen verzehrt und vortrefflich befunden. Die Muscatnuß, welche sie gerne fressen, giebt ihrem Fleisch einen feinen Würzgeschmack, macht es zu einem köstlichen Essen.

»Wie wenn die jungen Hühner sich von Trüffeln nährten, sagte Conseil.

– Und jetzt, Ned, was mangelt Ihnen? fragte ich den Canadier.

– Ein vierfüßig Wildpret, Herr Arronax, erwiderte Ned-Land. All‘ dies Geflügel ist nur Beiessen und Zeitvertreib. Darum bin ich auch nicht zufrieden, so lange ich nicht ein Thier für Cotelettes erlegt habe!

– Ich auch nicht, Ned, wenn ich nicht einen Paradiesvogel erhasche.

– So wollen wir unsere Jagd fortsetzen, erwiderte Conseil, aber uns wieder zum Meer hinwenden. Wir sind am ersten Abhang des Gebirgs angekommen, und ich denke, es ist besser, wieder in die Waldgegend uns zu ziehen.«

Es war dies ein vernünftiger Rath, und er wurde befolgt. Nachdem wir eine Stunde gegangen, kamen wir in einen wahren Wald von Sagobäumen. Einige ungefährliche Schlangen flohen unter unseren Tritten. Die Paradiesvögel verloren sich, als wir in die Nähe kamen, und wahrhaftig, schon gab ich die Hoffnung auf, sie zu erreichen, als Conseil, der voran ging, sich plötzlich bückte, und jubelnd zu mir zurück kam, einen prachtvollen Paradiesvogel in der Hand.

»Ah! Bravo! Conseil, rief ich aus.

– Mein Herr ist sehr gütig, erwiderte Conseil.

– Aber nein, lieber Junge. Da hast Du einen Meistergriff gethan. Einen solchen Vogel lebendig und mit der Hand zu fangen!

– Wenn mein Herr es näher untersuchen will, wird er sehen, daß mein Verdienst dabei nicht groß ist.

– Und warum, Conseil?

– Weil der Vogel betrunken ist.

– Betrunken?

– Ja, mein Herr, betrunken von den Nüssen des Muscatbaumes, unter welchem ich ihn gefangen habe. Sehen Sie, Freund Ned, was die Unmäßigkeit für Wunder thut!

– Tausend Teufel! entgegnete der Canadier, was ich seit zwei Monaten an Gin zu mir genommen, verdient nicht einen solchen Vorwurf!«

Inzwischen untersuchte ich den merkwürdigen Vogel, Conseil irrte nicht. Der Paradiesvogel war betrunken von dem Saft, der ihm zu Kopfe stieg, und dadurch seiner nicht mächtig, konnte er nicht stiegen, kaum gehen. Das kümmerte mich aber wenig, und ich ließ ihn seinen Rausch ausschlafen.

Dieser Vogel gehört zu den schönsten der acht Arten, welche man auf Papuasien und den benachbarten Inseln zählt. Der »große Smaragdvogel« ist einer der seltensten. Er war drei Decimeter lang, sein Kopf verhältnißmäßig klein, seine Augen ebenfalls klein nächst der Oeffnung des Schnabels. Seine Färbung aber zeigte Nuancen zum Erstaunen: Der Schnabel gelb, Füße und Krallen braun, die Flügel nußfarbig mit purpurfarbenen Spitzen, Kopf und Hinterhals blaßgelb, die Kehle smaragden, Bauch und Brust kastanienbraun. Zwei lange, sehr leichte Federn mit hornartigem Stiel und äußerst feinem Flaum besetzt, ragten aus seinem Schwanz hervor, die Schönheit des merkwürdigen Vogels zu vollenden, welchem die Eingeborenen den Namen »Sonnenvogel« gegeben haben.

Ich wünsche sehr, dieses prächtige Exemplar des Paradiesvogels nach Paris heim bringen zu können, um es dem Jardin des Plantes zu schenken, der ein lebendiges nicht besitzt.

»Er ist also sehr rar? fragte der Canadier im Ton eines Jägers, der das Wild vom Standpunkt der Kunst aus nicht zu schätzen weiß.

– Sehr rar, wackerer Kamerad, und zudem sehr schwer lebendig zu fangen. Und selbst todt sind diese Vögel noch ein wichtiger Handelsartikel. Darum sind auch die Eingeborenen auf den Gedanken gekommen, solche Vögel zu fabriciren, wie man Perlen oder Diamante nachmacht.

– Wie? rief Conseil, man verfertigt falsche Paradiesvögel?

– Ja, Conseil.

– Und mein Herr weiß, wie die Eingeborenen es machen?

– Sehr wohl. Zur Zeit der Ostpassatwinde verlieren die Paradiesvögel ihre prachtvollen Schwanzfedern. Diese werden von den Fälschern gesammelt und einem zugestutzten Papagei geschickt angepaßt. Dann verstehen sie die Anfügung zu färben, firnissen den Vogel und schicken diese Erzeugnisse ihrer sonderbaren Industrie den Museen und Liebhabern in Europa zu.

– Richtig, sagte Ned, ist’s auch nicht der Vogel, so sind’s doch seine Federn, und in sofern der Gegenstand nicht zum Essen bestimmt ist, sehe ich dabei kein so arges Uebel!«

Waren nun auch meine Wünsche durch den Besitz dieses Vogels erfüllt, so war’s mit den Wünschen des Canadiers nicht ebenso. Zum Glück erlegte Ned-Land gegen zwei Uhr ein stattliches Waldschwein, das die Eingeborenen »Bari-Outang« nennen. Das Thier kam uns erwünscht, um uns mit echtem Vierfüßlerfleisch zu versehen, und wir hießen es willkommen. Ned-Land war stolz auf seinen Schuß, der mit einer elektrischen Kugel augenblicklich tödtete.

Der Canadier weidete es geschickt aus, und nahm davon ein halbes Dutzend Cotelettes zu einem Rostbraten für den Abend. Darauf wurde die Jagd fortgesetzt, bei welcher Ned und Conseil noch Ausgezeichnetes leisten sollten.

Als die beiden Freunde den Wald durchstreiften, scheuchten sie einen Trupp Känguru’s auf, die mit elastischen Sprüngen entflohen. Aber ihre Flucht war doch nicht rasch genug, um sie den elektrischen Kugeln zu entziehen.

»Ei! Herr Professor, rief Ned-Land in der Begeisterung des Jägers, was für ein treffliches Wildpret, geschmort zumal! Welchen Vorrath für den Nautilus! Zwei, drei, fünf liegen auf dem Boden! Und diese Braten werden wir allein verzehren, da die Dummköpfe an Bord keinen Bissen davon bekommen!«

Ich glaube, hätte der Canadier nicht so viel gesprochen, so hätte er mit seiner Freude den ganzen Trupp erlegt! Aber er begnügte sich mit einem Dutzend dieser interessanten Thiere.

Sie gehörten zu der kleinen Sorte, Känguru-Lapin’s genannt, die meist in hohlen Bäumen haust und äußerst schnell ist; sie liefern ein vortreffliches Fleisch.

Wir waren mit den Ergebnissen unserer Jagd sehr zufrieden. Ned nahm in seiner Freude sich vor, den folgenden Tag diese Zauberinsel wieder zu besuchen, um sie ihrer eßbaren Vierfüßler zu berauben. Aber er machte seine Rechnung ohne den Wirth.

Um sechs Uhr Abends waren wir wieder am Ufer angelangt. Unser Boot lag an seiner Stelle am Strande. Der Nautilus ragte zwei Meilen entfernt wie eine lange Klippe aus den Wellen hervor.

Ned-Land machte sich unverzüglich an die Bereitung des Mahles, worauf er sich vortrefflich verstand. Die auf den Rost gebratenen Cotelettes von »Bari-Outang« verbreiteten bald einen angenehmen Geruch in der Luft umher! …

Man halte mir zu gut, daß ich mich gleich dem Canadier durch Rostbraten frischen Wildes begeistern lasse!

Kurz, es war eine vortreffliche Mahlzeit. Zwei Waldtauben vervollständigten noch die Nebengerichte. Die Sagopastete, das Brod von Artokarpus, einige Mango, ein halbes Dutzend Ananas, und der gegohrene Trank aus einigen Cocosnüssen machten uns lustig. Ich glaube sogar, daß die Gedanken meiner wackeren Kameraden nicht mehr ganz klar waren.

»Wenn wir diesen Abend nicht auf den Nautilus zurück können? sagte Conseil.

– Wenn wir nie wieder dahin zurückkehrten?« fügte Ned-Land hinzu.

In diesem Augenblick fiel ein Stein zu unseren Füßen nieder, und brach die Unterredung ab.

Zweiundzwanzigstes Capitel

Zweiundzwanzigstes Capitel

Des Kapitän Nemo Blitzstrahl

Wir richteten, ohne aufzustehen, unsere Blicke nach dem Walde hin; meine Hand hielt inne mit der Bewegung nach dem Munde, die Ned-Land’s fuhr fort ihre Verrichtung zu üben.

»Ein Stein fällt nicht vom Himmel, sagte Conseil, es mußte denn ein Meteorstein sein.«

Es kam ein zweiter, sorgfältig abgerundeter Stein, und schlug Conseil einen Taubenschenkel aus der Hand. Dies gab meiner Bemerkung noch mehr Gewicht.

Wir sprangen mit einander auf, das Gewehr an der Schulter bereit, den Angriff zurück zu werfen.

»Sind’s Affen? rief Ned-Land.

– Fast dasselbe, erwiderte Conseil, Wilde sind es.

– Zum Boot!« sagte ich und eilte nach dem Meeresufer.

Es war in der That nothwendig, den Rückzug anzutreten, denn etwa zwanzig Eingeborene, mit Bogen und Schleudern bewaffnet, zeigten sich am Rande eines Gehölzes, das kaum hundert Schritte weit den Horizont zur Rechten verdeckte.

Unser Boot befand sich zehn Klafter von uns entfernt auf dem Strande.

Die Wilden näherten sich, ohne zu laufen; aber an feindlichen Drohungen fehlte es nicht. Es regnete Steine und Pfeile.

Ned-Land wollte seine Vorräthe nicht im Stich lassen, nahm trotz der drohenden Gefahr sein Schwein und seine Känguru’s mit, und schleppte sie ziemlich rasch fort.

In zwei Minuten waren wir am Strand. In einem Augenblick waren die Vorräthe und Waffen im Boot, dieses im Meer und die Ruder in Thätigkeit. Wir waren noch keine zwei Kabellängen weit, als hundert Wilde mit Geheul und drohenden Geberden bis zum Gürtel in’s Wasser drangen. Ich sah nach dem Nautilus, ob nicht einige Mannschaft auf der Plattform sich zeigen werde. Aber nein. Das enorme Fahrzeug blieb durchaus leer.

Nach zwanzig Minuten waren wir an Bord. Die Lucken standen offen. Nachdem wir das Boot befestigt, begaben wir uns ins Innere hinab.

Ich begab mich in den Salon, woher ich einige Accorde vernahm. Der Kapitän Nemo, über die Orgel gebeugt, war in seine Musik vertieft.

»Kapitän!« sagte ich.

Er hörte mich nicht.

»Kapitän! wiederholte ich, und berührte ihn mit der Hand.

Er fuhr zusammen, wendete sich um und sprach:

»Ah! Sie sind’s, Herr Professor? Nun, haben Sie Glück auf der Jagd gehabt, haben Sie nach Wünschen Kräuter gesammelt?

– Ja, Kapitän, erwiderte ich, aber wir haben leider einen Trupp Zweifüßler herbeigezogen, deren Nähe mir besorglich scheint.

– Was für Zweifüßler?

– Wilde.

– Wilde! erwiderte der Kapitän Nemo in ironischem Ton. Und Sie wundern sich, Herr Professor, daß Sie, sowie Sie einen Fuß an’s Land setzen, Wilde darauf antreffen? Wo giebt’s denn nicht Wilde? Und zudem, sind denn die, welche Sie Wilde nennen, schlimmer, als die Anderen?

– Aber, Kapitän …

– Ich meines Theils, mein Herr, habe überall solche angetroffen.

– Nun, erwiderte ich, wollen Sie sie nicht an Bord des Nautilus haben, so werden Sie wohl thun, einige Vorkehrungen zu treffen.

– Seien Sie ganz ruhig, Herr Professor, es ist kein Grund zu Besorgnissen vorhanden.

– Aber diese Eingeborenen sind zahlreich.

– Wie viel haben Sie gezählt?

– Mindestens hundert.

– Herr Arronax, erwiderte der Kapitän Nemo, der schon wieder in die Tasten der Orgel griff, wann alle Bewohner Papuasiens am Ufer beisammen wären, hätte der Nautilus nichts von ihren Angriffen zu fürchten!«

Die Finger des Kapitäns liefen nun wieder über die Tasten, und ich bemerkte, daß er nur die schwarzen anschlug, was seinen Melodien eine wesentliche schottische Färbung gab. Bald versenkte er sich, meine Anwesenheit vergessend, in sein Träumen, worin ich ihn nicht mehr zu stören trachtete.

Ich begab mich wieder auf die Plattform. Die Nacht war schon angebrochen, denn unter so niedrigen Breitegraden geht die Sonne rasch und ohne Dämmerung unter. Ich konnte nur noch unklar die Insel Queboroar wahrnehmen. Doch bezeigten zahlreiche am Ufer angezündete Feuer, daß die Eingeborenen es nicht zu verlassen gedachten.

Ich blieb so einige Stunden allein, dachte bald an die Eingeborenen – aber ohne sie weiter zu fürchten, da die unverwüstliche Zuversicht des Kapitäns auf mich überging – bald vergaß ich sie in Bewunderung des Glanzes dieser tropischen Nacht. Der Mond glänzte, umgeben von den Sternbildern des Zenith. Ich dachte, dieser treue, gefällige Trabant, werde übermorgen wieder an dieser Stelle erscheinen, um die Wogen zu heben und damit den Nautilus von seinem Korallenlager los machen. Gegen Mitternacht, als ich alles ruhig sah, sowohl auf den düsteren Wogen als unter den Bäumen am Ufer, begab ich mich in mein Schlafgemach und schlief ruhig ein.

Die Nacht verlief ohne Unfall. Die Papuas geriethen ohne Zweifel schon beim Anblick des in der Bai gestrandeten Ungeheuers in Schrecken, denn da die Lucken offen blieben, so hätten sie wohl leicht in’s Innere des Nautilus dringen können.

Um sechs Uhr Morgens, den 8. Januar, stieg ich wieder auf die Plattform. Das Morgendämmerlicht schwand. Die Insel ließ bald durch den zerstreuten Nebel erst ihre Ufer, dann ihre Höhen erkennen.

Die Eingeborenen befanden sich noch immer da, zahlreicher als am Abend zuvor, – wohl fünf bis sechshundert. Einige benutzten die Ebbe, näherten sich auf den Spitzen der Korallen auf kaum zwei Kabellängen dem Nautilus. Ich konnte sie leicht erkennen. Es waren wohl echte Papua’s von athletischem Wuchs, ein schöner Menschenschlag, mit breiter, hoher Stirn, dicker, aber nicht platter Nase, weißen Zähnen. Ihr wolliges, rothes Haar stach gegen die Hautfarbe ab, welche schwarz und glänzend, wie bei den Nubiern war. In den durchstochenen Ohrlappen trugen sie bleierne Gehänge. Im allgemeinen gehen diese Wilden nackt. Ich bemerkte unter ihnen einige Frauen, die von den Hüften bis zum Knie mit einer Krinoline von Kräutern, die von einem Gürtel aus Pflanzen festgehalten wurde, bekleidet waren. Einige Anführer trugen als Zierrath am Hals einen Halbmond, und Halsbänder von rothem und weißem Glas, fast alle waren mit Bogen, Pfeilen und Schildern gewaffnet, und trugen an der Schulter eine Art Netz mit runden Steinen, welche sie vermittelst einer Schleuder geschickt zu werfen verstehen.

Einer dieser Häuptlinge kam ziemlich nahe an den Nautilus heran und forschte aufmerksam. Es mußte ein »mado« von hohem Rang sein, denn er ging umhüllt mit einer Matte von Bananenblättern, die am Rande mit Franzen von grellen Farben geziert waren.

Ich hätte diesen Mann, der ganz nahe heran kam, leicht erlegen können; aber ich hielt für besser, wirkliche Feindseligkeiten abzuwarten. Europäer dürfen die Wilden nicht zuerst angreifen.

Während der ganzen Zeit der Ebbe trieben sich diese Eingeborenen in der Nähe des Nautilus herum, aber ohne Lärm. Ich hörte sie oft das Wort »assai« sprechen, und entnahm aus ihren Geberden, daß sie mich einluden, zu ihnen an’s Land zu kommen; ich glaubte aber diese Einladung ablehnen zu müssen.

An diesem Tag also blieb unser Boot an Bord, zu großem Leidwesen des Meister Land, der gerne seine Vorräthe noch vermehrt hätte. Der geschickte Canadier brachte also seine Zeit damit hin, das Fleisch und Mehl, welches er von der Insel Queboroar geholt hatte, zuzubereiten. Die Wilden begaben sich gegen elf Uhr Vormittags wieder an’s Land, sobald die Korallenspitzen bei steigender Fluth zu verschwinden anfingen. Aber am Ufer sah ich ihre Zahl bedeutend anwachsen. Vermutlich kamen sie von den benachbarten Inseln oder dem eigentlichen Papuasien. Doch hatte ich keine einheimischen Nachen gesehen.

Da wir nichts Besseres zu thun hatten, dachte ich in dem klaren Wasser, wo ich eine Menge Muscheln, Pflanzenthiere und Seepflanzen sah, ein wenig aufzuräumen. Ich rief daher Conseil, und er brachte mir ein kleines leichtes Schaarnetz, wie man beim Austernfang gebraucht.

»Und diese Wilden? fragte mich Conseil. Mit Erlaubniß, sie scheinen nicht sehr schlimm!

– Doch sind’s Menschenfresser, guter Junge.

– Man kann Menschen fressen, und doch ein braver Mann sein, erwiderte Conseil. Eines schließt nicht das andere aus.

– Gut! Conseil, ich gebe zu, daß es brave Menschenfresser geben kann, die ihre Gefangenen mit Anstand verzehren. Doch da ich nicht eben Lust habe gefressen zu werden, wenn auch mit Anstand, so will ich mich hüten, denn der Commandant des Nautilus scheint keine Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen. Doch an’s Werk!«

Wir fingen also an, eifrig zu fischen, und waren eben darin versunken, die heraufgebrachten Gegenstände zu untersuchen, als ein von einem Eingeborenen geschleuderter Stein eine kostbare Muschel in der Hand Conseil’s zerschmetterte.

Ich stieß einen Schrei aus. Conseil fiel über mein Gewehr her, und zielte auf einen Menschen, der zehn Meter entfernt seine Schleuder schwang. Ich suchte ihn abzuhalten.

»Ei was! rief Conseil, sieht mein Herr nicht, daß dieser Kannibale zuerst angegriffen hat?

– Eine noch so kostbare Muschel wiegt ein Menschenleben nicht auf!« erwiderte ich.

Unterdessen hatte sich aber die Lage geändert, ohne daß wir es bemerkt hatten. Etwa zwanzig Piroguen – lange, schmale, aus einem Baumstamm gefertigte Kähne – umgaben den Nautilus, von geschickten Ruderern geleitet, so daß ich sie nicht ohne Unruhe sah.

Offenbar versahen sich diese Papuas von dem langen eisernen Cylinder nichts Gutes, und sie hielten sich anfangs in achtungsvoller Entfernung. Aber allmälig wurden sie keck und versuchten sich näher mit ihm bekannt zu machen. Dies aber gerade war zu verhindern.

Die Piroguen kamen nahe heran und überschütteten den Nautilus mit einem Hagel von Pfeilen.

»Teufel! das hagelt! sagte Conseil, und vielleicht sind die Pfeile vergiftet.

– Ich muß es dem Kapitän melden, sagte ich, und stieg hinab, begab mich in den Salon. Da ich hier Niemand fand, ward ich so kühn, am Zimmer des Kapitäns zu klopfen.

»Herein!« rief er und ich trat ein, fand den Kapitän Nemo ganz in Berechnungen mit algebraischen Zeichen vertieft.

»Ich störe? sagte ich aus Höflichkeit.

– Wirklich, Herr Arronax, erwiderte der Kapitän, aber ich denke, Sie haben wichtige Gründe, mich aufzusuchen?

– Sehr wichtige. Diese Piroguen der Eingeborenen umgeben uns, und in einigen Minuten werden unfehlbar einige hundert Wilde uns angreifen.

– Ah! erwiderte derselbe ruhig, sie sind mit Kähnen gekommen?

– Ja, mein Herr.

– Nun, mein Herr, wir brauchen nur die Lucken zu schließen.

– Allerdings, und ich kam zu dem Zweck …

– Das ist sehr leicht,« sagte der Kapitän. Und er drückte auf einen elektrischen Knopf, wodurch er an seine Mannschaft den Befehl gelangen ließ.

»Nun ist’s schon geschehen, mein Herr, sagte er nach einigen Augenblicken. Unser Boot ist geborgen und die Lucken sind geschlossen. Sie werden wohl nicht besorgen, denk‘ ich, daß diese Leute Eisenwände zertrümmern, welchen die Kugeln Ihrer Fregatte nichts anhaben konnten.

– Nein, Kapitän, aber es giebt noch eine Gefahr.

– Worin besteht die, mein Herr?

– Morgen zu derselben Zeit muß man zur Lufterneuerung des Nautilus die Lucken öffnen …

– Allerdings, mein Herr, weil unser Fahrzeug dergestalt Luft schöpfen muß.

– Wenn nun aber zu der Zeit die Papuas auf der Plattform sind, sehe ich nicht, wie Sie dieselben abhalten können einzudringen.

– Also, mein Herr, Sie nehmen an, daß sie an Bord kommen?

– Ich bin’s überzeugt.

– Nun denn, so mögen sie kommen. Ich habe keinen Grund sie daran zu hindern. Im Grund sind diese Papuas arme Teufel, und ich will nicht, daß mein Besuch der Insel Queboroar nur einem Einzigen dieser Unglücklichen das Leben koste!«

Hierauf wollte ich mich zurückziehen; aber der Kapitän Nemo hielt mich zurück und lud mich ein, neben ihm Platz zu nehmen. Er fragte mich mit Interesse über unsere Ausflüge an’s Land, unsere Jagden, und schien die Leidenschaft nicht zu begreifen, womit der Canadier auf Fleisch versessen war. Darauf berührte die Unterhaltung noch verschiedene Gegenstände, und der Kapitän zeigte sich, ohne sich weiter auszusprechen, doch liebenswürdiger.

Unter anderem kamen wir auf die Lage des Nautilus zu sprechen, der gerade an derselben Stelle fest saß, wo Dumont d’Urville beinahe zu Grunde gegangen wäre. Bei diesem Anlaß sprach er:

»Dieser d’Urville ist einer Ihrer großen Seemänner gewesen. Ihrer einsichtsvollsten Seefahrer. Der arme Gelehrte! Nachdem er muthig die Eisbänke des Südpols, die Korallen Oceaniens, die Kannibalen des Stillen Meeres bestanden hatte, mußte er jämmerlich auf einer Eisenbahn verunglücken!

Bei diesen, Worten schien der Kapitän Nemo von Rührung ergriffen.

Darauf verfolgten wir auf der Karte die Arbeiten des französischen Seefahrers, seine Weltumsegelungen, sein doppeltes Unternehmen nach dem Südpol, welches zur Entdeckung der Landschaften Adelaide und Louis Philipp führte, endlich seine hydrographischen Aufnahmen der Halbinsel Oceaniens.

»Was Ihr d’Urville auf der Oberfläche des Meeres that, sagte darauf der Kapitän Nemo, habe ich in der Tiefe ausgeführt, und leichter, vollständiger. Seine unaufhörlich von den Stürmen umhergeworfenen Schiffe, Astrolabe und Zélée, konnten dem Nautilus nicht gleich kommen mit seinem ruhigen Arbeitscabinet inmitten der Gewässer!

– Doch, Kapitän, sagte ich, in einem Punkt sind d’Urville’s Korvetten und der Nautilus einander gleich.

– In welchem, mein Herr?

– Darin, daß der Nautilus gleich ihnen strandete!

– Der Nautilus ist nicht gestrandet, mein Herr, erwiderte kalt der Kapitän Nemo. Der Nautilus ist für den Meeresgrund gebaut, und die mühseligen Arbeiten, die Manoeuvres, wozu d’Urville genöthigt war, um seine Korvetten wieder flott zu machen, brauche ich nicht vorzunehmen. Mein Nautilus ist durchaus nicht in Gefahr. Morgen, am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde, wird die Fluth ihn ruhig heben und er wird seine Fahrt durch die Meere fortsetzen.

– Kapitän, sagte ich, ich zweifle nicht …

– Morgen, fuhr der Kapitän fort, indem er aufstand, morgen um zwei Uhr vierzig Minuten Nachmittags, wird der Nautilus flott, sein, und unversehrt aus der Straße Torres fahren.«

Nach diesen mit entschiedenem Ton gesprochenen Worten verbeugte sich der Kapitän ein wenig. Das hieß mich verabschieden, und ich begab mich wieder auf mein Zimmer.

Hier traf ich Conseil, der begierig war, das Resultat meiner Unterredung mit dem Kapitän zu erfahren.

»Lieber Junge, erwiderte ich, als ich zu glauben schien, sein Nautilus sei von den Eingeborenen Papuasiens bedroht, hat mir der Kapitän eine ganz ironische Antwort gegeben. Ich habe daher nur das eine zu sagen: Vertraue ihm, und gehe ruhig schlafen.

– Mein Herr bedarf meiner Dienste nicht weiter?

– Nein, mein Freund. Was macht Ned-Land?

– Entschuldigung, mein Herr, erwiderte Conseil, aber Freund Ned bereitet eine Känguru-Pastete, die zum Erstaunen sein wird!«

Ich blieb allein, legte mich zu Bette, schlief aber schlecht. Ich vernahm das Lärmen der Wilden, welche auf der Plattform mit betäubendem Geschrei mit den Füßen stampften. So verging die Nacht, ohne daß die Mannschaft von ihrer gewöhnlichen Unthätigkeit abließ. Sie kümmerte sich um die Anwesenheit dieser Kannibalen so wenig, als die Soldaten eines festen Platzes um die Ameisen, welche über seine Bollwerke laufen.

Um sechs Uhr früh stand ich auf. Die Lucken waren nicht geöffnet worden. Die Luft war daher innen nicht erneuert, aber die für alle Fälle gefüllten Behälter wirkten rechtzeitig und warfen einige Kubikmeter Sauerstoff in die verschlechterte Atmosphäre des Nautilus.

Ich arbeitete bis zu Mittag in meinem Zimmer, ohne den Kapitän Nemo auch nur einen Augenblick zu sehen. Man schien an Bord keine Vorbereitungen zur Abfahrt zu treffen.

Ich wartete noch eine Weile, dann begab ich mich in den großen Salon. Die Wanduhr zeigte zwei Uhr dreißig Minuten. In zehn Minuten mußte die Fluth auf ihrem Höhestand sein, und hätte der Kapitän Nemo nicht ein unbesonnenes Versprechen gegeben, so würde der Nautilus unverzüglich flott sein. Wo nicht, so könnten wohl viele Monate verfließen, ohne daß er die Korallenbank verlassen konnte.

Doch spürte man im Rumpf des Bootes bereits eine Erschütterung als Vorbote. Ich hörte an seiner Verkleidung den rauhen Kalkstein des Korallengrundes kratzen.

Um zwei Uhr fünfunddreißig Minuten erschien der Kapitän Nemo im Salon.

»Wir sind im Begriff abzufahren, sagte er.

– Ah! erwiderte ich.

– Ich habe befohlen die Lucken zu öffnen.

– Und die Papuas?

– Die Papuas? erwiderte der Kapitän mit leichtem Achselzucken.

– Werden die nicht in’s Innere des Nautilus dringen?

– Und wie?

– Durch die geöffneten Lucken.

– Herr Arronax, erwiderte ruhig der Kapitän Nemo, man dringt nicht so durch die Lucken in den Nautilus, selbst wenn sie offen sind.«

Ich sah den Kapitän an.

»Sie verstehen nicht? sagte er.

– Durchaus nicht.

– Nun! so kommen Sie, und werden’s sehen.« Ich begab mich zur Haupttreppe. Hier waren Ned-Land und Conseil in großer Verlegenheit, als sie einige Mann die Lucken öffnen sahen, während draußen wüthendes Geschrei und fürchterlicher Lärm tobte.

Die Läden wurden außen zurück geschlagen. Es zeigten sich zwanzig fürchterliche Gestalten. Aber der erste dieser Eingebornen, welcher die Hand an das Treppengeländer legte, ward durch eine unsichtbare Gewalt zurück geworfen und entfloh mit gräßlichem Geschrei und entsetzlichen Sprüngen.

Zehn seiner Genossen machten’s ihm nach, und hatten das nämliche Schicksal.

Conseil war außer sich. Ned-Land ließ sich von seinem heftigen Temperament fortreißen, stürzte auf die Treppe. Aber sowie er das Geländer mit beiden Händen angefaßt hatte, wurde er gleichfalls zurück geschleudert.

»Tausend Teufel! schrie er auf. Ich bin vom Blitz getroffen!«

Jetzt war mir Alles verständlich. Es war nicht blos ein Geländer, sondern ein Kabel von Metall, ganz mit Elektricität geladen bis zur Mündung an der Plattform. Wer es da anrührte, empfand einen fürchterlichen Stoß, ja ein solcher konnte tödtlich werden, wenn der Kapitän Nemo diesen Conductor mit aller Elektricität, die ihm zu Gebote stand, lud. Man kann mit Wahrheit sagen, daß er zwischen sich und seine Angreifer ein elektrisches Garn gespannt hatte, über welches Niemand ungestraft hinaus kam.

Indessen hatten die Papuas voll Entsetzen sich zurück gezogen. Wir trösteten, halb mit Lachen, und rieben den unglücklichen Ned-Land, der wie ein Besessener fluchte.

Aber in diesem Moment verließ der Nautilus, durch die Wogen der Fluth gehoben, sein Korallenlager, genau in der vierzigsten Minute, wie der Kapitän Nemo bestimmt hatte. Seine Schraube schlug majestätisch langsam die Gewässer. Seine Schnelligkeit nahm nach und nach zu, und er verließ an der Oberfläche fahrend unverletzt und wohlbehalten die gefährliche Straße Torres.

Dreiundzwanzigstes Capitel

Dreiundzwanzigstes Capitel

Fieberträume

Am folgenden Tage, 10. Januar, setzte der Nautilus seine Fahrt fort, aber mit einer merkwürdigen Geschwindigkeit, die ich nicht geringer, als auf fünfunddreißig Meilen die Stunde anschlagen kann. Die Schnelligkeit seiner Schraube war dergestalt, daß ich ihre Umdrehungen nicht beobachten konnte.

Wenn ich daran dachte, daß diese merkwürdige elektrische Kraft, nachdem sie dem Nautilus Bewegung, Wärme, Licht gegeben, ihn auch noch gegen äußere Angriffe schützte und ihn in eine heilige Arche verwandelte, woran kein Uneingeweihter rühren konnte, ohne vom Blitz getroffen zu werden, so war meine Bewunderung ohne Grenzen, und wendete sich vom Apparat sogleich zu dem Meister, der ihn geschaffen hatte.

Wir fuhren gerade westwärts, und am 11. Januar kamen wir am Cap Wassel vorüber, welches unter’m 135° Länge und 10° nördlicher Breite die westliche Spitze des Golfs von Carpentaria bildet. Die Riffe waren noch zahlreich, aber minder dicht bei einander, und auf der Karte mit äußerster Genauigkeit aufgenommen. Der Nautilus vermied leicht die Klippen von Morny links, und die Riffe Victoria rechts unter 130° Länge und dem zehnten Breitegrad, an welchem wir uns streng hielten.

Am 13. Januar kam der Kapitän Nemo in das Meer von Timor, und hatte die Insel dieses Namens unter 122° Länge in Sicht. Diese Insel mit einem Flächeninhalt von sechzehnhundertundfünfundzwanzig Quadrat-Lieues, wird von Radjah’s beherrscht. Diese Fürsten nennen sich Söhne der Krokodile, d. h. ihre Abstammung hat den höchsten Ursprung, wonach ein menschliches Wesen streben kann. Daher wimmeln auch diese schuppigen Ahnen in den Flüssen der Inseln, und sind Gegenstand besonderer Verehrung. Man schützt, verehrt, nährt sie, bietet ihnen junge Mädchen zur Nahrung an, und wehe dem Fremden, welcher Hand an diese heiligen Thiere legt!

Aber der Nautilus bekam nichts mit diesen häßlichen Thieren zu schaffen. Timor war nur einen Augenblick sichtbar, während der Lieutenant seine Lage aufnahm. Ebenso konnte ich die kleine Insel Rotti, welche zu dieser Gruppe gehört, und deren Frauen auf den malayischen Märkten im Rufe außerordentlicher Schönheit stehen, nur oberflächlich ansehen.

Von diesem Punkt aus richtete sich die Fahrt des Nautilus weiter nach Südosten, geradezu nach dem Indischen Ocean. Wohin wollte der Kapitän Nemo uns führen? Nach den Küsten Asiens? Gegen die Gestade Europa’s? Dies wohl schwerlich, da er die bewohnten Continente vermied. Sollte er sich südwärts wenden? Das Cap der guten Hoffnung und Cap Horn umfahren, und dem antarktischen Pol zusteuern? Würde er endlich zu dem Stillen Meer zurückkehren, wo sein Nautilus leichte und ungestörte Fahrt hatte? Die Zukunft sollte uns es offenbaren.

Nachdem wir an den Klippen Cartier, Hibernia, Seringapatam, Scott vorüber gefahren, am 14. Januar waren wir über alle Länder hinaus. Die Schnelligkeit des Nautilus wurde auffallend mäßiger, und sehr launig, schwamm er bald mitten im Wasser, bald auf der Oberfläche.

Während dieser Zeit der Fahrt machte der Kapitän Nemo interessante Experimente über die verschiedenen Temperaturen des Meeres in seinen verschiedenen Schichten. Unter gewöhnlichen Verhältnissen macht man diese Aufnahmen vermittelst sehr complicirter Instrumente, deren Angaben wenigstens zweifelhaft sind, z. B. thermometrische Sonden, deren Gläser oft unter’m Druck der Gewässer zerbrechen; oder Apparate, die sich auf den verschiedenen Widerstand stützen, welchen die Metalle den elektrischen Strömungen entgegen setzen. Diese so gewonnenen Resultate lassen sich nicht hinreichend controliren. Dagegen begab sich der Kapitän Nemo persönlich in die verschiedenen Tiefen hinab, um da die Temperatur aufzusuchen, und sein Thermometer gab, sobald es in Berührung mit den verschiedenen Wasserschichten kam, ihm unmittelbar und sicher den gesuchten Grad an.

So stellte er also, indem er nach einander Tiefen von drei-, vier-, fünf-, sieben-, neun- und zehntausend Meter besuchte, an diesen Stellen seine Beobachtungen an, und das definitive Resultat dieser Untersuchungen bestand darin, daß das Meer eine gleichmäßige Temperatur von vier und einem halben Grad in einer Tiefe von tausend Meter unter allen Breiten hat.

Ich begleitete diese Beobachtungen mit dem lebhaftesten Interesse. Der Kapitän Nemo hatte dafür eine wahre Leidenschaft. Ich fragte mich oft, zu welchem Zweck er diese Beobachtungen anstellte. Zum Besten des Menschengeschlechts? Wahrscheinlich nicht, denn früher oder später mußten seine Arbeiten in irgend einem unbekannten Meere mit ihm zu Grunde gehen! Es sei denn, daß er das Resultat seiner Erfahrungen mir anvertraute. Dieses setzte aber voraus, daß meine seltsame Reise ein Ende nehme; ein solches Ziel konnte ich aber noch nicht wahrnehmen. Wie dem auch sein mag, der Kapitän Nemo machte mich demungeachtet mit einigen Ziffern bekannt, welche er ermittelt hatte, und die das Verhältniß der Dichtheit des Wassers in den Hauptmeeren des Erdballs feststellten. Diese Mittheilung diente zu meiner persönlichen Belehrung, und hatte nichts Wissenschaftliches.

Am 15. Januar während des Vormittags, als ich mit dem Kapitän Nemo auf der Plattform spazieren ging, fragte er mich, ob ich die verschiedenen Grade der Dichtheit kenne, welche die Gewässer des Meeres darbieten. Ich verneinte seine Frage mit dem Beifügen, es mangele der Wissenschaft an strengen Beobachtungen über diesen Punkt.

»Ich habe diese Beobachtungen angestellt, sagte er, und kann die Zuverlässigkeit derselben verbürgen.

– Gut, erwiderte ich, aber der Nautilus ist eine Welt für sich, und die Geheimnisse seiner Gelehrten gelangen nicht bis auf die Erde.

– Sie haben Recht, Herr Professor, sprach er nach einer kleinen Pause. Er ist eine Welt für sich, der Erde so fremd, wie die Planeten, welche diese in ihrer Bahn um die Sonne begleiten, und man wird niemals die Arbeiten der Gelehrten des Saturn oder Jupiter kennen lernen. Indessen, da der Zufall unser Dasein an einander geknüpft hat, so kann ich Ihnen das Resultat meiner Beobachtungen mittheilen.

– Mein Ohr lauscht Ihnen, Kapitän.

– Sie wissen, Herr Professor, daß das Meerwasser dichter ist, als das süße, aber diese Dichtheit ist nicht gleichförmig. In der That, wenn ich die Dichtheit des Süßwassers mit Eins bezeichne, so finde ich ein Achtundzwanzigtausendtheil für die Gewässer des Atlantischen Meeres, ein Sechsundzwanzigtausendtheil für die des Stillen Oceans, ein Dreißigtausendtheil für die des Mittelländischen …

– Ach! dachte ich, er wagt sich in’s Mittelländische?

– Ein Achtzehntausendtheil findet sich im Ionischen Meer, und ein Neunundzwanzigtausendtheil im Adriatischen.«

Offenbar vermied der Nautilus nicht die vielbefahrenen europäischen Meere, und ich schloß daraus, er werde uns – vielleicht in der Kürze – den civilisirten Continenten zuführen. Ich dachte, Ned-Land werde diesen Punkt mit sehr natürlicher Befriedigung vernehmen.

Einige Tage lang brachten wir unsere Zeit mit Experimenten aller Art hin, in Beziehung auf die Grade des Salzgehaltes der Gewässer in verschiedenen Tiefen, ihre Elektrisation, ihre Färbung, ihre Durchsichtigkeit, und in jeder Hinsicht entwickelte der Kapitän Nemo einen Scharfsinn, dem nichts gleich kam, als sein Wohlwollen gegen mich. Darauf sah ich ihn während einiger Tage nicht mehr, und blieb von neuem wie isolirt an seinem Bord.

Am 16. Januar schien der Nautilus, nur einige Meter unter dem Meeresspiegel, einzuschlafen. Sein elektrischer Apparat war nicht mehr in Thätigkeit und seine Schraube unbeweglich; er war dem Belieben der Strömung hingegeben. Ich vermuthete, die Mannschaft sei mit inneren Reparaturen beschäftigt, welche durch die Heftigkeit der mechanischen Bewegungen der Maschine nothwendig geworden.

Ich konnte damals nebst meinen Gefährten eine merkwürdige Erscheinung beobachten. Die Läden des Salons waren offen, und da die Leuchte des Nautilus nicht in Thätigkeit war, so herrschte ein unbestimmtes Dunkel inmitten der Gewässer. Der stürmische und mit dichtem Gewölk bedeckte Himmel ließ in die obersten Schichten des Oceans nur ungenügendes Licht dringen.

In diesem Zustand beobachtete ich das Meer, und die größten Fische kamen mir nur wie Schatten vor, als der Nautilus plötzlich in voller Beleuchtung stand. Ich glaubte anfangs, die Leuchte sei wieder angezündet und werfe ihren elektrischen Glanz in die Masse des Wassers. Ich irrte mich, und erkannte nach einer leichten Beobachtung, worin mein Irrthum bestand.

Der Nautilus schwamm mitten in einer phosphorescirenden Schicht, welche in der damaligen Dunkelheit um so mehr blendend war. Sie kam von Myriaden leuchtender Thierchen, deren Funkeln zunahm, wenn sie an den metallenen Rumpf des Fahrzeuges streiften. Ich nahm damals blitzende Erscheinungen wahr inmitten dieser Streifen, die so sehr mit Licht erfüllt waren, wie strömender Bleiguß im Glühofen, oder Metallmassen in rothweißer Gluth; dergestalt, daß in dieser feurigen Umgebung, welche jeden Schatten auszuschließen schien, in Folge des Gegensatzes manche erleuchtete Theile doch einen Schatten darstellten. Es war nicht mehr die ruhige Bestrahlung unseres gewöhnlichen Lichtes! Es war dabei eine ungewohnte Kraft und außerordentliche Bewegung im Spiel! Man fühlte, es war ein lebendiges Licht!

In der That war es eine unendliche Schaar See-Infusionsthierchen, nachtleuchtend, durchsichtige Gallertkügelchen, mit fadenförmigen Fühlhörnern, wie man ihrer bis fünfundzwanzigtausend in dreißig Kubikcentimeter Wasser gezählt hat. Und ihr Leuchten wurde noch verdoppelt durch den Schimmer, welcher den Medusen, Asterien, Aurelien und anderen phosphorescirenden Zoophyten eigenthümlich ist.

Einige Stunden lang fuhr der Nautilus auf diesen glänzenden Wogen, und unsere Bewunderung stieg noch, als wir die großen Seethiere sich darin ergötzen sahen, wie Salamander. Da sah ich mitten im Feuer, das nicht brannte, zierliche, rasche Delphine, und drei Meter lange Segelträger, die kundigen Vorboten der Stürme; sodann von kleineren bunte Hornfische, Klippfische und tausend andere, die das erleuchtete Element durchstreiften.

Es war ein zauberisch blendender Anblick! Vielleicht erhöhte ein Zustand der Atmosphäre noch die Stärke des Phänomens? War ein Gewitter auf der Oberfläche entfesselt? Doch in dieser Tiefe von einigen Metern spürte der Nautilus dessen Wüthen nicht und schaukelte sich ruhig mitten in stillen Wassern.

So fuhren wir, unaufhörlich von neuen Wundern bezaubert. Conseil beobachtete und classificirte seine Zoophyten, seine Gliederthiere, Mollusken, Fische. Die Tage verflossen rasch, und ich zählte sie nicht mehr. Ned war, wie gewöhnlich bemüht, Abwechselung in das Gewöhnliche zu bringen. Wahrhafte Schnecken waren wir an unser Gehäuse gebannt, und ich behaupte, es ist leicht eine vollendete Schnecke zu werden.

So kam uns also diese Lebensweise leicht und natürlich vor, und wir dachten nicht mehr daran, daß es auf der Erdoberfläche eine andere Lebensweise gebe, als ein Ereigniß uns das Seltsam-Außergewöhnliche unserer Lage zu erneuertem Bewußtsein brachte.

Am 18. Januar befand sich der Nautilus unter’m 105° Länge und 15° südlicher Breite. Das Wetter war drohend, die rauhen Wogen gingen hohl. Von Osten wehte ein starker Wind. Das Barometer kündigte einen nahen Kampf der Elemente an.

Ich kam auf die Plattform im Moment, wo der Lieutenant die Stundenwinkel maß. Ich erwartete, daß er, wie gewöhnlich, die täglich gehörte Phrase sprach. Aber diesmal hörte man statt ihrer eine andere, ebenso unverständliche. Augenblicklich sah ich auch den Kapitän Nemo herauf kommen, der seine bewaffneten Augen sofort nach dem Horizont richtete.

Einige Minuten blieb er unbeweglich, ohne von dem Punkt, den sein Fernrohr betrachtete, zu weichen. Darauf senkte er es und wechselte einige Worte mit dem Lieutenant. Dieser schien in einer Aufregung die er vergeblich zu bemeistern suchte. Der Kapitän Nemo blieb kalt, seiner Bewegung Meister. Er schien übrigens einige Einwendungen zu machen, welchen der Lieutenant durch förmliche Versicherungen antwortete. Wenigstens nahm ich dies aus ihrem Ton und Geberden ab.

Ich hatte sorgfältig in der beobachteten Richtung geschaut, ohne etwas zu bemerken. Himmel und Wasser flossen an einer Linie des Horizonts völlig zusammen.

Unterdessen ging der Kapitän Nemo auf der Plattform von einem Ende bis zum anderen auf und ab, ohne mich anzusehen, vielleicht ohne mich zu sehen. Sein Schritt war sicher, doch weniger regelmäßig, wie gewöhnlich. Bisweilen blieb er stehen und betrachtete mit gekreuzten Armen das Meer. Der Nautilus befand sich damals einige hundert Meilen von der nächsten Küste entfernt!

Der Schiffslieutenant hatte wieder sein Fernrohr zur Hand genommen und forschte unablässig am Horizont, ging hin und her, stampfte mit dem Fuß, in einer Nervenaufregung, die sehr von der kalten Ruhe des Kapitäns abstach.

Uebrigens mußte das Geheimniß nothwendig sich bald aufklären, denn auf Befehl des Kapitäns Nemo verstärkte die Maschine ihre Kraft, daß die Schraube reißend schnell sich drehte.

In dem Augenblick regte der Lieutenant von Neuem die Aufmerksamkeit des Kapitäns an. Dieser blieb stehen und richtete sein Fernrohr nach der bezeichneten Stelle, und beobachtete lange Zeit. Ich meinerseits, sehr ernstlich besorgt, ging in den Salon hinab und holte ein treffliches Fernrohr, das ich gewöhnlich im Gebrauch hatte. Darauf legte ich es auf das Gehäuse der Leuchte, welches vorn auf der Plattform einen Vorsprung bildete, und schickte mich an, die ganze Linie des Himmels und Meeres zu durchlaufen.

Aber mein Auge befand sich noch nicht vor dem Ocularglas, als mir das Instrument hastig aus der Hand gerissen wurde.

Ich wendete mich um. Der Kapitän Nemo stand vor mir, aber ich erkannte ihn nicht, so waren seine Gesichtszüge entstellt. Sein von düsterem Feuer sprühendes Auge verdeckte sich unter den gerunzelten Brauen, seine Zähne waren zur Hälfte sichtbar. Sein straffer Körper, seine geballten Fäuste, sein zwischen die Schultern gezogener Kopf bezeugten den ungestümen Haß, welchen seine Seele athmete: Er rührte sich nicht. Mein Fernrohr, das ihm aus der Hand fiel, rollte zu seinen Füßen.

Hatte ich, ohne es zu wollen, diese zornige Haltung veranlaßt? Bildete sich der unbegreifliche Mann ein, ich hätte ein den Gästen des Nautilus verborgenes Geheimniß entdeckt?

Nein! ich konnte nicht Gegenstand des Hasses sein, denn er sah mich nicht an, und sein Auge blieb unverwandt auf den undurchdringlichen Punkt des Horizonts gerichtet.

Endlich ward der Kapitän Nemo wieder Meister seiner Stimmung. Seine so ergriffenen Züge wurden wieder ruhig, wie gewöhnlich. Er sprach zu seinem Lieutenant einige Worte in der fremden Sprache, dann wendete er sich wieder an mich.

»Herr Arronax, sprach er zu mir in sehr gebieterischem Ton, ich nehme nun eine der Verbindlichkeiten in Anspruch, welche Sie gegen mich eingegangen sind.

– Worum handelt sich’s, Kapitän?

– Sie müssen sich nebst Ihren Gefährten einsperren lassen, bis ich es später statthaft finden werde, Sie wieder in Freiheit zu setzen.

– Sie haben zu befehlen, erwiderte ich, und sah ihn mit festem Blick an. Aber darf ich mir eine Frage erlauben?

– Keine, mein Herr.«

Hierauf hatte ich nicht zu disputiren, sondern zu gehorchen, weil jeder Widerstand unmöglich gewesen wäre.

Ich begab mich hinab in die Cabine, wo Ned-Land und Conseil sich befanden, und theilte ihnen die Verfügung des Kapitäns mit. Man kann sich denken, welchen Eindruck diese Mittheilung auf den Canadier machte. Uebrigens war keine Zeit zu Erörterungen. Vier Mann warteten schon an der Thür, um uns in die Zelle zu führen, wo wir unsere erste Nacht an Bord des Nautilus zugebracht hatten.

Ned-Land wollte protestiren, aber statt einer Antwort schloß sich die Thüre hinter ihm.

»Wird mein Herr uns sagen, was dies bedeutet?« fragte mich Conseil.

Ich erzählte meinen Gefährten, was vorgegangen war. Sie waren ebenso erstaunt, wie ich, wußten aber ebenso wenig etwas weiter.

Indessen versank ich tief in Gedanken, und die befremdliche Besorgniß in den Zügen des Kapitäns Nemo kam mir nicht aus dem Kopf. Ich war unfähig zwei Ideen logisch zu verbinden, und verlor mich in den absurdesten Hypothesen, als ich aus der Spannung meines Geistes durch Ned-Land’s Worte gerissen wurde:

»Sieh da! Das Frühstück ist schon aufgetragen!«

Wirklich war der Tisch gedeckt und versehen. Offenbar hatte der Kapitän den Auftrag dazu zu gleicher Zeit gegeben, als er den Befehl ertheilte, die Fahrt des Nautilus zu beschleunigen.

»Darf ich meinem Herrn etwas anempfehlen? fragte mich Conseil.

– Ja, lieber Junge, erwiderte ich.

– Nun! Mein Herr möge speisen. Es ist klug, denn wir wissen nicht, was sich ereignen kann.

– Du hast Recht, Conseil.

– Leider, sagte Ned-Land, hat man uns nur gegeben, was der Schiffsküchenzettel enthält.

– Freund Ned, versetzte Conseil, was würden Sie denn sagen, wenn das Frühstück ganz ausgeblieben wäre!«

Dieser Grund beseitigte jeden Einwand des Harpuniers. Wir setzten uns zu Tische. Es ging ziemlich still beim Essen her. Ich aß wenig. Conseil that sich Gewalt an, stets aus Vorsorge, und Ned-Land ließ es, trotz allem, nicht an der Thätigkeit seiner Zähne fehlen. Darauf, als das Frühstück beendigt war, lagerte sich jeder in einen Winkel.

In diesem Augenblick erlosch die Kugel, welche die Zelle erleuchtete, und ließ uns in tiefem Dunkel. Ned-Land schlief unverzüglich ein, und zu meinem Staunen verfiel auch Conseil in schweren Schlummer. Als ich darüber grübelte, fühlte auch ich meinen Kopf von Betäubung befallen. Meine Augen, die ich offen halten wallte, schlossen sich trotz meines Widerstrebens. Offenbar waren den Speisen, welche wir genossen, Einschläferungsmittel beigemischt!

Ich hörte noch die Lucken sich schließen. Der Wellenschlag des Meeres, welcher ein leichtes Schwanken hervorrief, hörte auf. Hatte der Nautilus die Meeresoberfläche verlassen?

Unmöglich konnte ich mich des Schlafes erwehren. Mein Athmen wurde schwächer. Ein Gefühl eisiger Kälte durchdrang meine schweren Glieder, die wie gelähmt waren. Meine Augenlider sanken wie bleierne Deckel über meine Augen. Ein leichter Schlummer voll Traumgesichter bemeisterte sich meiner. Darauf verschwanden die Gesichter und ich lag wie völlig vernichtet.

Vierundzwanzigstes Capitel

Vierundzwanzigstes Capitel

Das Korallenreich

Den folgenden Morgen wachte ich mit auffallend freiem Kopfe auf. Zu meiner großen Ueberraschung befand ich mich in meinem Zimmer. Meine Gefährten waren ohne Zweifel ebenso, ohne es zu merken, in ihre Cabine gebracht worden. Was während dieser Nacht vorgegangen war, wußten sie wohl ebenso wenig wie ich.

Ich dachte nun mein Zimmer zu verlassen. War ich wieder frei oder Gefangener? Völlig frei. Ich öffnete die Thüre, ging durch die Gänge, stieg die Leiter im Centrum hinauf. Die am Abend zuvor geschlossenen Lucken waren offen. Ich kam auf die Plattform.

Ned-Land und Conseil warteten da auf mich. Ich fragte sie. Sie wußten nichts. Sie waren so tief im Schlaf versunken, daß sie keine Erinnerung mehr hatten, und gleich mir sehr überrascht, sich wieder in ihrer Cabine zu befinden.

Der Nautilus schien uns ruhig und geheimnißvoll, wie stets. Er schwamm an der Oberfläche der Wellen mit mäßiger Geschwindigkeit. An Bord schien nichts geändert.

Ned-Land beobachtete mit seinem scharfen Blick das Meer. Es war leer. Der Canadier gewahrte nichts Neues am Horizont, kein Segel, kein Land. Ein Westwind wehte stark, und hohe Wellen versetzten das Schiff in merkliches Schwanken.

Der Nautilus hielt sich, nachdem er seine Luft erneuert, in einer durchschnittlichen Tiefe von fünfzehn Meter, so daß er rasch wieder an der Oberfläche erscheinen konnte. Dies geschah während dieses Tages, am 19. Januar, gegen Gewohnheit öfters. Der Lieutenant stieg dann auf die Plattform, und man hörte im Inneren die gewohnte Phrase.

Der Kapitän Nemo erschien nicht. Von den Leuten an Bord sah ich Niemand, als den phlegmatischen Steward, der mich so pünktlich und so schweigsam wie gewöhnlich bediente.

Gegen zwei Uhr befand ich mich im Salon, und war beschäftigt, meine Notizen zu ordnen, als der Kapitän Nemo öffnete und eintrat. Ich grüßte ihn. Er erwiderte kaum vernehmlich meinen Gruß, ohne ein Wort mit mir zu reden. Ich begab mich wieder an meine Arbeit, in Hoffnung, er werde mir vielleicht Auskunft über die Begebenheiten der vorigen Nacht geben. Es geschah nicht. Ich sah ihn an. Sein Aussehen schien ermüdet; seine gerötheten Augen waren nicht durch Schlaf erquickt, seine Gesichtszüge hatten den Ausdruck tiefer Traurigkeit, eines wirklichen Kummers. Er ging hin und her, setzte sich und stand wieder auf, nahm ein beliebiges Buch und legte es gleich wieder hin, befragte seine Instrumente, ohne, wie gewöhnlich, Notizen zu machen, und schien sich nicht einen Augenblick am Platz halten zu können.

Endlich trat er zu mir und sprach:

»Sind Sie Arzt, Herr Arronax?«

Ich war so wenig auf diese Frage gefaßt, daß ich ihn eine Weile ansah, ohne zu antworten.

»Sind Sie Arzt? fragte er nochmals. Manche Ihrer Collegen haben Medicin studirt.

– In der That, sagte ich, bin ich Doctor und in Spitälern bewandert. Ich habe einige Jahre prakticirt, ehe ich beim Museum angestellt ward.

– Gut, mein Herr.«

Meine Antwort hatte offenbar den Kapitän befriedigt. Aber da ich nicht wußte, was er damit wollte, wartete ich auf weitere Fragen, und behielt mir vor, den Umständen gemäß zu antworten.

»Herr Arronax, sprach sodann der Kapitän Nemo, würden Sie die Gefälligkeit haben, einem meiner Leute Ihren Rath zu ertheilen?

– Sie haben einen Kranken?

– Ja.

– Ich bin bereit. Sie zu begleiten.

– Kommen Sie.«

Ich gestehe, daß mein Herz klopfte. Ich weiß nicht, warum ich einen gewissen Zusammenhang zwischen dieser Krankheit eines Mannes von der Besatzung und dem sah, was gestern sich begeben hatte; und dies Geheimniß beschäftigte meine Gedanken wenigstens ebenso, wie der Kranke.

Der Kapitän Nemo führte mich in den hinteren Theil des Nautilus und ließ mich in eine Cabine neben dem Posten der Matrosen treten.

Hier lag auf einem Bett ein Mann von etwa vierzig Jahren, und energischen Zügen, ein echter Angelsachse.

Ich bog mich über ihn. Der Mann war nicht allein krank, sondern verwundet. Sein Kopf, in blutige Leinwand gewickelt, ruhte auf einem doppelten Kissen. Ich nahm die Leinwand hinweg, und der Verwundete starrte mich mit großen Augen an und ließ mich ohne einen einzigen Klagelaut gewähren. Es war eine gräßliche, Wunde. Der Schädel war mit einem stoßenden Werkzeug zerschmettert, das Gehirn lag offen, und die Gehirnsubstanz hatte eine tiefe Verletzung erlitten. Blutklumpen hatten sich in der zerfließenden Masse gebildet, welche an Farbe der Weinhefe glich. Es lag nicht allein eine Quetschung, sondern auch eine Erschütterung des Gehirns vor. Der Kranke athmete langsam und seine Gesichtsmuskeln waren etwas krampfhaft bewegt. Die Entzündung des Gehirns war vollständig und hatte die Lähmung des Gefühls und der Bewegung zur Folge.

Der Puls des Kranken war unterbrochen. Die äußeren Theile des Körpers wurden schon kalt, und ich sah den Tod herannahen, ohne daß es möglich schien, ihn zu hemmen. Ich verband den Unglücklichen, legte die Leinwandumhüllung seines Kopfes wieder zurecht, und begab mich darauf zum Kapitän Nemo.

»Woher kommt die Verwundung? fragte ich.

– Was liegt daran? versetzte der Kapitän ausweichend. Ein Stoß des Nautilus hat einen Hebel der Maschine zerbrochen, und dieser hat den Mann getroffen. Aber was halten Sie von seinem Zustand?«

Ich nahm Anstand mich auszusprechen.

»Sie können reden, sprach der Kapitän. Dieser Mann versteht nicht französisch.«

Ich sah den Verwundeten nochmals an, dann sprach ich:

»Binnen zwei Stunden wird der Mann sterben.

– Ist er nicht zu retten?

– Nein.«

Die Hand des Kapitäns Nemo zuckte krampfhaft, und einige Thränen rannen aus seinen Augen.

Einige Augenblicke beobachtete ich noch den Sterbenden.

Seine Blässe nahm zu bei dem elektrischen Licht, welches auf sein Sterbebett fiel. Ich betrachtete sein verständiges Antlitz, das frühzeitig mit tiefen Runzeln bedeckt war, welche das Unglück, das Elend vielleicht, seit langer Zeit gegraben hatten. Ich trachtete aus den letzten Worten des Sterbenden das Geheimniß seines Lebens zu erlauschen.

»Sie können sich nun zurück ziehen, Herr Arronax,« sprach der Kapitän zu mir.

Ich verließ ihn also im Sterbezimmer und begab mich wieder in mein Zimmer, sehr ergriffen von der Scene. Den ganzen Tag über war ich von bangen Ahnungen gequält. Die Nacht schlief ich unruhig mit häufig unterbrochenen Träumen.

Am anderen Morgen früh begab ich mich auf’s Verdeck. Der Kapitän Nemo war schon da. So wie er mich sah, kam er auf mich zu.

»Herr Professor, sagte er, belieben Sie heute einen Ausflug unter’m Meere mit zu machen?

– Mit meinen Genossen? fragte ich.

– Wenn es Ihnen beliebt.

– Zu Ihrem Befehl, Kapitän.

– So kommen Sie, Ihre Skaphander anzuziehen.«

Vom Sterbenden oder Todten war nicht die Rede. Ich begab mich zu Ned-Land und Conseil, theilte ihnen den Vorschlag des Kapitäns Nemo mit. Conseil nahm eifrigst an, und diesmal zeigte sich auch der Canadier geneigt, sich anzuschließen.

Es war acht Uhr Vormittags. In einer halben Stunde waren wir für diesen wiederholten Gang angekleidet und mit den Apparaten zur Beleuchtung und zum Athmen versehen. Die doppelte Thüre wurde geöffnet, und in Begleitung des Kapitäns Nemo mit einem Gefolge von zwölf Leuten der Mannschaft stellten wir uns in einer Tiefe von zehn Meter auf den festen Grund auf, wo der Nautilus ruhig lag.

Ein sanfter Abhang endigte an einem unebenen Grund etwa fünfzehn Klafter tief. Derselbe war durchaus verschieden von dem, welchen ich bei meinem ersten Ausflug unter’m Stillen Ocean angetroffen hatte. Hier nichts von dem feinen Sand, nichts von unterseeischen Wiesen, kein Meer-Wald. Ich erkannte sogleich die merkwürdige Region, deren Bekanntschaft uns der Kapitän Nemo nun machen ließ. Es war das Korallenreich.

Die Korallen gehören zu den Zoophyten. Die merkwürdige Substanz wurde der Reihe nach dem Mineral-, dem Pflanzen- und dem Thierreich zugezählt. Im Alterthum ein Heilmittel, in neueren Zeiten ein Zierrath, wurde ihr erst 1694 von dem Marseiller Prysonnet definitiv ihre Stelle im Thierreich angewiesen.

Die Koralle ist eine Versammlung kleiner Thierchen, welche in einem Gehäuse zerbrechlicher und steiniger Art beisammen sind. Diese Polypen haben einen einzigen Erzeuger, von dem sie durch Sprossen ausgegangen sind; sie haben eine eigene, gesonderte Existenz und nehmen doch am gemeinsamen Leben Theil. Wir sehen also hier eine Art Socialismus in der Natur. Ich kannte die letzten Arbeiten über diese sonderbaren Zoophyten, welche, während sie Zweige treiben, zum Mineral werden, und es konnte mir nichts angenehmer sein, als einmal einen dieser versteinerten Wälder zu besuchen, welche die Natur auf dem Meeresgrund angepflanzt hat.

Die Apparate Ruhmkorff wurden in Thätigkeit gesetzt, und wir gingen längs einer in Bildung begriffenen Korallenbank, welche eines Tages diesen Theil des indischen Oceans abschließen wird. Neben dem Wege standen unentwirrbare Gebüsche mit durcheinandergeflochtenem Gezweige, welche mit kleinen weißstrahligen Sternblumen bedeckt waren. Nur war’s mit diesem Baumwuchs gerade umgekehrt wie bei den Erdpflanzen: festsitzend an den Felsen sproßten sie alle in der Richtung von oben nach unten.

Indem das Licht inmitten dieser so lebhaft gefärbten Gezweige spielte, erzeugten sich tausend reizende Effecte. Es kam mir vor, als sähe ich diese cylindrischen Röhren unter dem Wellenspiegel zittern. Ich war versucht, diese frischen Blumenkelche mit zarten Staubfäden zu pflücken; aber wenn meine Hand sich den lebenden Blumen näherte, kam sogleich die ganze Colonie in Aufruhr. Die weißen Blumenkronen zogen sich in ihre rothen Gehäuse zurück, die Blumen verschwanden vor meinen Blicken, und das Gebüsch verwandelte sich in einen Block mit steinigen Warzen.

Der Zufall ließ mich hier die kostbarsten Muster von Zoophyten antreffen. Diese Korallen kommen an Werth denen gleich, die man im Mittelländischen Meer an den Küsten Frankreichs, Italiens und der Berberei fischt. Ihre lebhaften Farben rechtfertigen die poetischen Namen »Blutblumen« und »Blutschaum«, welche der Handel ihren schönsten Producten giebt. Die Korallen kosten bis zu fünfhundert Francs das Kilogramm.

Bald wurden die Gebüsche dichter, der Baumwuchs höher. Wahre versteinerte Waldschläge und langes Sparrenwerk einer phantastischen Architektur öffnete sich vor unseren Schritten. Der Kapitän Nemo trat unter eine dunkle Galerie mit sanftem Abfall, die uns hundert Meter tief hinabführte. Das Licht unserer Serpentinen erzeugte mitunter zauberhafte Effecte, wenn es sich an den rauhen Vorsprüngen der natürlichen Bogen oder an den gleich Lüstren herabhängenden Theilen brach. Unter dem Korallengebüsch gewahrte ich noch andere Polypen, die nicht minder merkwürdig sind, Meliten, Iris, Büsche von Korallinen, grün und roth, wahre Algen mit einer Kruste von kalkhaltigem Salz, welche die Naturforscher nach langem Streiten dem Pflanzenreich zugetheilt haben.

Endlich, nach einem Weg von zwei Stunden, hatten wir eine Tiefe von dreihundert Meter erreicht, d. h. die äußerste Grenze, wo die Korallenbildung beginnt. Aber da gab’s nicht mehr einzelne Büsche, noch niedere Schläge. Es war hier ein ungeheurer Wald, mineralischer Hochwuchs, enorme versteinerte Bäume, durch Guirlanden zierlicher Plumaria, dieser See-Lianen, mit einander verbunden. Unter ihrem hohen Gezweig gingen wir frei, und hatten zu unseren Füßen einen förmlichen Teppich von Tubiporen, Meandrinen, Caryophyllen u. a. wie Edelstein glänzende Blumen.

Inzwischen hatte der Kapitän Nemo Halt gemacht. Ich blieb mit meinen Gefährten auch stehen, und als ich mich umwendete, sah ich, daß seine Leute einen Halbkreis um ihn bildeten. Als ich sie genauer betrachtete, nahm ich wahr, daß vier von ihnen einen länglichen Gegenstand auf den Schultern trugen.

Wir befanden uns hier im Mittelpunkt einer geräumigen, lichten Stelle, die von hohem Baumwuchs umgeben war. Unsere Lampen verbreiteten eine Art Dämmerschein, in welchem lange Schatten über den Boden fielen. An der Grenze dieser Lichtung begann wieder tiefes Dunkel.

Ned-Land und Conseil befanden sich neben mir. Wir sahen zu als Zeugen einer merkwürdigen Scene. Der Boden hatte an verschiedenen Stellen leichte mit einer Kalkkruste überzogene Erhöhungen in regelmäßiger Ordnung, als wie von Menschenhand gefertigt.

In der Mitte der Lichtung war auf einem Piedestal roh aufgeschichteter Steinblöcke ein Kreuz von Korallen errichtet.

Auf einen Wink des Kapitäns Nemo trat einer der Männer vor und begann einige Schritte vor dem Kreuz mit einer Hacke, die er von seinem Gürtel nahm, ein Loch zu graben.

Jetzt wurde mir’s klar: Diese Lichtung war ein Friedhof, dies Loch ein Grab, der längliche Gegenstand die Leiche des verstorbenen Mannes. Der Kapitän mit seinen Leuten war damit beschäftigt, den Kameraden an dieser unzugänglichen Stelle des Meeresgrundes zu bestatten.

Inzwischen wurde das Grab langsam fertig. Als es weit, tief und lang genug war, traten die Träger hinzu, und der Leichnam, in weiße Byssus gehüllt, wurde in die nasse Stätte eingesenkt. Der Kapitän Nemo, mit über der Brust gekreuzten Armen, und alle Freunde des Verstorbenen, sanken gleich Betenden auf die Kniee … Meine Gefährten und ich, wir neigten uns in frommer Ehrerbietung.

Darauf wurde das Grab wieder zugeschüttet, so daß es eine leichte Erhöhung bildete.

Hierauf stand der Kapitän mit seinen Leuten wieder auf; dann stellten sie sich nahe um das Grab, bogen alle ihre Kniee und streckten ihre Hand aus zum letzten Abschied …

Sodann begab sich die Leichenbegleitung wieder auf den Heimweg zum Nautilus, unter dem gewölbten Bogengang, inmitten des Baumschlags und längs der Korallengebüsche, stets bergan.

Endlich zeigten sich die Leuchten an Bord des Nautilus. Ihr Lichtschein führte uns bis zu demselben. Um ein Uhr waren wir wieder zurück.

Sobald ich meine Kleidung gewechselt, begab ich mich auf die Plattform, und von Gedanken überwältigt wollte ich mich neben der Leuchte niedersetzen.

Der Kapitän Nemo kam auf mich zu. Ich stand auf und sprach:

»Also, wie ich voraus sah, ist der Mann in der Nacht gestorben?

– Ja, Herr Arronax, erwiderte der Kapitän.

– Und nun ruht er bei seinen Genossen auf dem Korallenfriedhof?

– Ja, vergessen von der Welt, außer uns! Wir graben das Grab, und die Polypen bestatten unsere Todten für ewig!«

Und sein Gesicht mit den Händen bedeckend versuchte der Kapitän vergebens sein Schluchzen zu verbergen. Dann fügte er bei:

»Hier ist unser Friedhof, einige hundert Fuß unter dem Meeresspiegel!

– Ihre Todten ruhen da gewiß friedlich, Kapitän, unangefochten von den Haifischen!

– Ja, mein Herr, erwiderte ernst der Kapitän Nemo, von den Haifischen und den Menschen!«

Drittes Capitel

Drittes Capitel

Wie es meinem Herrn beliebt

Drei Secunden vor Ankunft des Briefes von J. B. Hobson dachte ich ebenso wenig das Einhorn zu verfolgen, als die nordwestliche Durchfahrt zu versuchen. Drei Secunden nachdem ich den Brief des ehrenwerthen Secretärs der Marine gelesen, begriff ich endlich, daß mein wahrer Beruf, das einzige Ziel meines Lebens darin bestehe, das beunruhigende Ungeheuer zu verjagen und die Welt von demselben zu befreien.

Doch ich kam von einer mühevollen Reise erschöpft, nach Ruhe mich sehnend. Ich trachtete nur darnach, meine Heimat wieder zu sehen, meine Freunde, meine kleine Wohnung im Jardin des Plantes, meine theuern und kostbaren Sammlungen! Aber nichts konnte mich zurückhalten. Ich vergaß Alles, Ermüdung, Freunde, Sammlungen, und nahm ohne weiteres Bedenken die Anerbietung der amerikanischen Regierung an.

»Uebrigens, dachte ich, führt jeder Weg nach Europa zurück, und das Einhorn wird wohl so liebenswürdig sein, mich nach den Küsten Frankreichs hin zu ziehen! Dieses respectable Thier wird sich in den Gewässern Europas – zu meinem persönlichen Vergnügen – fangen lassen – und ich will dem naturhistorischen Museum nicht weniger als ein halbes Meter von seiner elfenbeinernen Hellebarde mitbringen.«

Aber einstweilen mußte ich den Narwal im Norden des Stillen Oceans aufsuchen; was ebensoviel war, als für die Rückkehr nach Frankreich den Weg zu den Antipoden einschlagen.

»Conseil!« rief ich ungeduldig.

Conseil war mein Diener. Ein ergebener Bursche, der mich auf allen meinen Reisen begleitete; ein braver Flamländer, den ich lieb hatte, und der mir’s vergalt; phlegmatisch von Natur, regelmäßig aus Grundsatz, dienstbeflissen aus Gewohnheit, ließ er sich durch die überraschenden Fälle im Leben wenig irre machen; mit gewandten Händen zu jedem Dienst geeignet, war er niemals mit seinem Rath zudringlich.

Durch seine Berührungen mit den Gelehrten unserer kleinen Welt des Jardin des Plantes hatte Conseil es dazu gebracht, daß er etwas wußte. Ich hatte in ihm einen Specialisten, der, sehr bewandert in der naturhistorischen Classification, mit der Gewandtheit eines Seiltänzers die ganze Stufenleiter der Verzweigungen, Gruppen, Classen, Unterabtheilungen, Ordnungen, Familien, Gattungen, Untergattungen, Arten und Varietäten auf- und ablief. Aber hier war auch die Grenze seines Wissens. Classificiren war sein Lebenselement, mehr aber verstand er auch nicht. In der Theorie der Classification sehr bewandert, wenig in der Praxis, hätte er, glaub‘ ich, nicht einen Pottfisch von einem Wallfisch unterscheiden können! Und doch, was für ein wackerer, tüchtiger Junge!

Conseil hatte bisher seit zehn Jahren mich überall, wohin mich die Wissenschaft zog, begleitet. Nie hörte man aus seinem Mund eine Bemerkung über die lange Dauer oder die Beschwerden einer Reise. Kein Einwand, wenn er seinen Ranzen zu schnallen hatte für eine Reise in jedes Land, so fern es auch sein mochte, China oder Congo. Er ging hierhin wie dorthin, ohne weiter zu fragen. Uebrigens von trefflicher Gesundheit, die allen Krankheiten trotzte, starken Muskeln, aber ohne Nerven, nicht einen Schein von Nerven, – moralisch, versteht sich.

Dieser Junge war dreißig Jahr alt, und seines Herrn Alter verhielt sich zu diesem, wie zwanzig zu fünfzehn.

Nur einen Fehler hatte Conseil. Entsetzlich förmlich, sprach er mit mir nur in der dritten Person.

»Conseil!« rief ich abermals, während ich mit fieberhafter Eile meine Vorbereitungen zur Abreise begann.

Sicher konnte ich mich auf diesen ergebenen Jungen verlassen. In der Regel fragte ich ihn nie, ob es ihm beliebe, oder nicht, mich auf meinen Reisen zu begleiten; aber diesmal handelte sich’s um eine Expedition, die sich unendlich in die Länge ziehen konnte, eine gefahrvolle Unternehmung zur Verfolgung eines Thieres, das fähig war, eine Fregatte wie eine Nußschale zu zertrümmern! Da galt es zu überlegen, selbst für einen Menschen, den nichts in der Welt in Verlegenheit brachte! Was würde wohl Conseil dazu sagen?

»Conseil!« rief ich zum dritten Mal.

»Mein Herr ruft mir? sprach er im Eintreten.

– Ja, mein Junge. Mache Dich fertig, hilf‘ mir, mich fertig machen. In zwei Stunden reisen wir ab.

– Wie es dem Herrn beliebt, erwiderte Conseil ruhig.

– Kein Augenblick ist zu verlieren. Packe in meinen Koffer all‘ mein Reisegeräthe, Kleider, Hemden, Strümpfe, so viele Du nur kannst, und beeile Dich!

– Und des Herrn Sammlungen? bemerkte Conseil.

– Man wird sich später damit befassen.

– Wie? Die Archiotherium, Hyracotherium, Oreodon, die Cheropotamus und andere Gerippe meines Herrn?

– Man wird sie im Hotel aufheben.

– Und der lebendige Babirussa meines Herrn?

– Man wird ihn in meiner Abwesenheit füttern. Uebrigens werde ich Auftrag geben, unsere Menagerie nach Frankreich zu befördern.

– Wir kehren also nicht zurück nach Paris? fragte Conseil.

– Ja … Gewiß … erwiderte ich ausweichend, aber auf einem Umweg.

– Wie es meinem Herrn beliebt.

– O! es macht wenig aus! Ein nicht ganz directer Weg, das ist Alles. Wir fahren mit auf dem Abraham Lincoln.

– Wie es meinem Herrn beliebt, versetzte Conseil ruhig.

– Du weißt, lieber Freund, es handelt sich um das Ungeheuer … den famosen Narwal … Wir werden die Meere von demselben befreien! … Der Verfasser eines Werkes in zwei Quartbänden über die »Geheimnisse der großen unterseeischen Tiefen« kann nicht umhin, mit dem Commandanten Farragut in See zu stechen. Ein ehrenvoller, aber auch gefahrvoller Auftrag! Man weiß nicht, wohin man sich wenden soll! Diese Thiere können sehr schlimme Laune haben! Aber trotzdem gehen wir! Unser Commandant hat den Kopf auf der rechten Stelle. …

– Was mein Herr thut, das thue ich auch, erwiderte Conseil.

– Und merk‘ Dir wohl! – denn ich will Dir’s nicht verhehlen – ’s ist eine Reise, von der nicht Jeder wieder heimkommt!

– Wie es meinem Herrn gefällt.«

Nach einer Viertelstunde waren unsere Koffer fertig. Conseil hatte es in einem Griff gemacht, und ich war sicher, daß nichts mangelte, denn der Junge verstand die Hemden und Kleider ebenso gut zu ordnen, wie die Vögel und Säugethiere. Wir begaben uns in’s Erdgeschoß, wo ich in dem geräumigen, stets umlagerten Comptoir meine Rechnung berichtigte, den Auftrag ertheilte, meine Kisten mit ausgebalgten Thieren und getrockneten Pflanzen nach Paris zu schicken, und dem Babirussa einen hinlänglichen Credit eröffnete. Darauf stieg ich in Conseil’s Begleitung in einen Wagen, der uns um zwanzig Francs durch Broadway, Fourth Avenue und Katsin-Street zum vierunddreißigsten Pier fuhr, wo ein Fahrzeug uns sammt Wagen und Pferden aufnahm und nach Brooklyn brachte, dem großen Quartier von New-York am linken Ufer des östlichen Flusses, wo wir in einigen Minuten an dem Quai anlangten, bei welchem der Abraham Lincoln aus seinen zwei Rauchfängen schwarze Säulen emporwirbelte.

Unser Gepäck wurde unverzüglich aufs Verdeck der Fregatte gebracht, ich eilte an Bord und fragte nach dem Commandanten Farragut. Ein Matrose führte mich auf’s Vorderverdeck, zu einem Officier von stattlichem Aussehen, der mir die Hand reichte.

»Herr Pierre Arronax? sprach er.

– Der bin ich. Der Commandant Farragut?

– In eigener Person. Seien Sie willkommen, Herr Professor. Ihre Cabine wartet schon auf Sie.«

Ich grüßte, ließ den Commandanten bei seiner Beschäftigung und folgte einem Begleiter in die für mich bestimmte Cabine.

Der Abraham Lincoln war für seine neue Bestimmung trefflich ausgewählt und eingerichtet. Es war eine schnellsegelnde Fregatte mit einem Heizungsapparat, welcher die Dampfkraft bis auf sieben Atmosphären zu steigern gestattete. Dadurch bekam er eine mittlere Geschwindigkeit von achtzehn und dreizehntel Meilen die Stunde; doch war diese beträchtliche Schnelligkeit nicht ausreichend für einen Kampf mit dem Riesenthier.

Die inneren Einrichtungen der Fregatte entsprachen ihren nautischen Vorzügen. Ich war mit meiner Cabine sehr zufrieden; sie lag am hintern Schiffstheil und stieß an das Officierszimmer.

»Wir sind hier wohl aufgehoben, sagte ich zu Conseil.

– So gut, mit Erlaubniß meines Herrn, als der Einsiedler Bernhard in der Muschelschaale.«

Ich überließ es Conseil, unsere Koffer gehörig zu ordnen, und begab mich wieder auf’s Verdeck, um den Vorbereitungen zur Abfahrt zuzusehen.

In diesem Augenblick ließ der Commandant Farragut die letzten Taue lösen, welche den Abraham Lincoln an das Quai fesselten. Also eine Viertelstunde Verspätung, und die Fregatte fuhr ohne mich ab, so daß ich diese außerordentliche, übernatürliche, unwahrscheinliche Expedition verfehlte, deren wahrheitsgetreue Erzählung doch vielleicht auf manche Ungläubige stoßen wird.

Aber der Commandant Farragut wollte nicht einen Tag verlieren, nicht eine Stunde, um in das Meer zu kommen, wo das Thier verspürt worden war. Er ließ seinen Ingenieur kommen.

»Haben wir gehörig Dampf? fragte er ihn.

– Ja, mein Herr, erwiderte der Ingenieur.

Go head,« rief der Commandant Farragut. Auf diesen Befehl, welcher vermittelst eines Apparates mit verdichteter Luft zur Maschine befördert wurde, setzten die Maschinenleute das Rad in Bewegung. Der Dampf zischte, indem er in die Behälter drang. Die langen horizontalen Stempel dröhnten und trieben die Stangen der Welle.

Mit zunehmender Schnelligkeit wurden die Wellen von der Schraube geschlagen und der Abraham Lincoln bewegte sich majestätisch inmitten von hundert Fährten und Tenders voll Zuschauer, die ihm das Geleite gaben.

Die Quais zu Brooklyn und der ganze Theil von New-York, welcher an’s östliche Ufer stößt, waren mit Neugierigen bedeckt. Drei Hurrah’s nach einander hörte man aus der Brust von einer halben Million erschallen. Tausende von Taschentüchern über der dichten Volksmasse geschwenkt, begrüßten den Abraham Lincoln, bis er in die Gewässer des Hudson, an der Spitze der langen Halbinsel, welche New-York bildet, gelangte.

Darauf fuhr die Fregatte in der Richtung von New-Jersey an dem wunderschönen rechten, ganz mit Landhäusern bedeckten Ufer des Flusses zwischen den Forts durch, welche sie mit ihren größten Kanonen begrüßten.

Der Abraham Lincoln erwiderte den Gruß durch dreimaliges Aufziehen der amerikanischen Flagge mit ihren neunundreißig an der Spitze des Hintermastes glänzenden Sternen; hierauf änderte er seinen Lauf, um das mit Baken versehene Fahrwasser in der innern durch die Spitze Sandy-Hook gebildeten Bai zu gewinnen, und fuhr längs dieser sandigen Erdzunge, wo Tausende von Zuschauern ihn nochmals begrüßten.

Das Geleite der Boote und Tenders verließ die Fregatte erst auf der Höhe des Leucht-Bootes, dessen zwei Feuer die Einfahrt in das Seegatt von New-York bezeichnen.

Schlag drei stieg der Lootse in sein Boot und fuhr zu der kleinen Goelette, die ihn unter’m Wind erwartete. Die Feuer wurden geschürt, die Schraube schlug rascher die Wellen; die Fregatte strich längs der gelben niedrigen Küste von Long-Island, und um acht Uhr Abends, nachdem sie die Feuer von Fire-Island nordwestlich aus dem Gesicht verloren, lief sie mit voller Dampfkraft in die dunkeln Wasser des Atlantischen Oceans.

Achtzehntes Capitel

Achtzehntes Capitel

Viertausend Meilen unter’m Stillen Ocean

Am folgenden Morgen, den 18. November, hatte ich mich von meinen Strapazen völlig erholt, und ich begab mich auf die Plateform, als eben der Lieutenant seine tägliche Phrase sprach. Ich dachte mir damals, sie gebe die Beschaffenheit des Meeres an, oder vielmehr sie bedeute: »Wir haben nichts in Sicht.«

Und wirklich, der Ocean war leer; nicht ein Segel am Horizont. Die Spitzen der Insel Crespo waren während der Nacht verschwunden. Das Meer verschlang die Farben des Prisma mit Ausnahme der blauen Strahlen, warf deren Wiederschein in allen Richtungen und nahm eine wunderbare schöne Indigofarbe an.

Ich bewunderte das prachtvolle Aussehen des Oceans, als der Kapitän Nemo erschien. Er schien meine Anwesenheit nicht zu bemerken, und begann eine Reihe von astronomischen Beobachtungen. Als er damit fertig war, stützte er sich mit dem Ellenbogen auf das Gehäuse des Leuchtfeuers und seine Blicke schweiften über den Meeresspiegel.

Inzwischen waren etwa zwanzig Matrosen des Nautilus, lauter kräftige und rüstige Leute, auf die Plattform herauf gekommen. Sie hatten soeben die Fischergarne, welche die Nacht über ausgeworfen waren, herein gezogen. Die Seeleute gehörten augenscheinlich verschiedenen Nationen an, obwohl der europäische Charakter bei allen ausgedrückt war. Ich erkannte, irrte ich nicht, Irländer, Franzosen, einige Slaven, einen Griechen und einen Candioten. Uebrigens waren diese Leute wortkarg, und bedienten sich unter einander der seltsamen Sprache, über deren Ursprung ich nicht einmal eine Vermuthung haben konnte. Ich mußte also verzichten, sie zu fragen.

Die Garne wurden an Bord gezogen. Es waren eine Art Senknetze, weite Taschen, die mittelst einer schwimmenden Stange und eingestrickten Schnur offen gehalten und auf dem Meeresgrund fortgezogen den Boden kehrten und alle Erzeugnisse mit sich fortzogen. Damals förderten sie merkwürdige Musterexemplare jener fischreichen Gegenden zu Tage, auch einige größere, wie Skomber und Thunfische, und eine solche Menge, daß man den Fang auf tausend Pfund schätzen konnte. Ein trefflicher Fang fürwahr, so daß wir an köstlicher Nahrung keinen Mangel hatten. Und solche Fischzüge waren bei der Schnelligkeit des Nautilus und der anlockenden Kraft des elektrischen Lichtes täglich zu wiederholen.

Diese verschiedenen Meeresproducte wurden unverzüglich durch die Lücke in die Vorratskammern hinabgelassen, um theils frisch verspeist, theils aufbewahrt zu werden.

Als der Fischfang beendigt, die Luftvorräthe erneuert waren, dachte ich, der Nautilus werde nun seine unterseeische Fahrt fortsetzen, und ich war im Begriff, mich wieder in mein Zimmer zu begeben, als sich der Kapitän Nemo ohne weiteres, ohne Guten Morgen, Guten Abend, sich zu mir wendete und sprach:

»Sehen Sie diesen Ocean, Herr Professor, wie er mit wirklichem Leben begabt ist! Er schläft mit uns ein, die Sonne weckt ihn mit Liebkosungen wieder auf, und er gewinnt durch sie neues Leben jeden Tag. Es ist ein interessantes Studium, das Spiel seines Organismus zu verfolgen.«

Offenbar erwartete der Kapitän Nemo keine Antwort von mir; er sprach vielmehr mit sich selbst, er dachte laut.

»Ja, sagte er, es findet im Ocean eine wahre Circulation statt, und um sie hervorzubringen, hat der Schöpfer ihm vielfach mehr Wärmestoff, Salz und die kleinen Thierchen gegeben. Der Wärmestoff bringt verschiedene Dichtheit hervor, welche die Ströme und Gegenströmungen verursacht. Die Ausdünstung, in den Nordpolgegenden gleich Null, in den heißen Zonen sehr thätig, ist der Grund einer fortdauernden Wechselströmung der tropischen und polaren Gewässer. Ferner habe ich das Geheimniß der Strömungen von oben nach unten und von unten nach oben wahrgenommen, welche ein wahres Athmen des Oceans bildet. Ich habe bemerkt, wie das Elementartheilchen des Meerwassers, an der Oberfläche erwärmt, wieder in die Tiefe sinkt, bei zwei Grad unter Null seine größte Dichtheit erreicht, dann sich noch weiter abkühlt, wodurch es leichter wird und wieder aufwärts steigt. An den Polen sehen Sie die Folgen dieser Erscheinung, und begreifen, weshalb, nach diesem Gesetz der vorsorgenden Natur, das Gefrieren nur an der Oberfläche des Wassers vorgehen kann!«

Hierauf betrachtete der Kapitän schweigend dieses so vollständig und so unablässig von ihm studirte Meer. Dann fuhr er fort:

»Die Salze sind in beträchtlicher Menge im Meer vorhanden, Herr Professor, und wenn man alles, was dasselbe in aufgelöstem Zustand von Salzen enthält, herauszöge, so würde man eine Masse von vier und einer halben Million Kubik-Lieues bekommen, welche, auf die Erdoberfläche verbreitet, eine zehn Meter dicke Schicht bilden würden. Und glauben Sie nicht, daß diese Salze nur in Folge einer Laune der Natur im Meer vorhanden seien. Nein, sie machen, daß das Meerwasser wieder leicht verdunstet, und verhindern, daß die Winde demselben eine zu große Menge von Dünsten entziehen, welche, indem sie sich im Wasser auflösen, die gemäßigten Zonen in Überschwemmung versetzen würden. Diese bedeutende ausgleichende Rolle spielen die Salze bei dem allgemeinen wirthschaftlichen System des Erdballs!«

Der Kapitän brach hier ab, stand auf, ging einige Schritte auf der Plateform, kam dann wieder zu mir und fuhr fort:

»Was die Infusionsthierchen betrifft, diese Milliarden von Geschöpfen, welche millionenweis in einem Tropfen existiren, von denen achthunderttausend ein Milligramm wiegen, so ist ihre Rolle nicht minder bedeutend. Sie verzehren die Meersalze, gesellen sich die festen Theile des Wassers zu, und indem sie die kalkartigen Bestandtheile in Zusammenhang bringen, verfertigen sie Korallen und Madreporen! Wenn nun dem Wassertropfen seine mineralogische Nahrung entzogen ist, wird er dadurch leichter, steigt wieder zur Oberfläche auf, verschlingt da das durch Verdunstung aufgegebene Salz, wird dadurch schwer, sinkt wieder hinab und führt den Thierchen neue Elemente zum Verzehren zu. Daraus entsteht eine doppelte Strömung, aufwärts und abwärts, stets Bewegung, stets Leben! Das Leben tritt im Ocean innerlich stärker auf, üppiger strömend, unbegrenzter nach allen Richtungen sich verbreitend. Der Ocean, sagte man, ist ein Todeselement für den Menschen, ein Lebenselement für Myriaden Thiere, – und für mich!«

Bei diesen Worten verklärte sich des Kapitäns Angesicht, was in mir eine außerordentliche Rührung hervorrief. Darauf, als wolle er einen schlimmen Gedanken verscheuchen, wendete er sich hastig zu mir und sprach:

»Herr Arronax, wissen Sie, wie tief der Ocean ist?

– Ich weiß wenigstens, Kapitän, was die hauptsächlichen Sondirungen ergeben haben.

– Könnten Sie mir diese angeben, um sie nöthigenfalls zu berichtigen?

– Ich will Ihnen einige mittheilen, erwiderte ich, die mir gerade einfallen. Irre ich nicht, so hat man eine mittlere Tiefe von zweihundert Meter im Norden des Atlantischen Meeres, und von zweitausendfünfhundert Meter im Mittelländischen angetroffen. Die merkwürdigsten Sondirungen sind im Süden des Atlantischen, nächst dem fünfunddreißigsten Grad vorgenommen worden, welche zwölftausend Meter, vierzehntausendeinundneunzig Meter, und fünfzehntausendhundertneunundvierzig Meter ergaben. Ueberhaupt genommen schätzt man, daß, wenn der Meeresgrund nivellirt wäre, seine mittlere Tiefe etwa sieben Kilometer betragen würde.

– Gut, Herr Professor, erwiderte der Kapitän Nemo, wir wollen Ihnen, hoffe ich, mehr zeigen, als dies. Was die durchschnittliche Tiefe in diesem Theil des Stillen Meeres betrifft, so will ich Ihnen zeigen, daß sie nur viertausend Meter beträgt.«

Nach diesen Worten ging der Kapitän Nemo zu der Lücke hin und verschwand die Leiter hinab. Ich folgte ihm nach und begab mich in den großen Saal. Die Schraube fing alsbald ihre Thätigkeit an, und das Log zeigte eine Schnelligkeit von zwanzig Meilen in der Stunde.

Während der folgenden Tage und Wochen war der Kapitän mit Besuchen sehr sparsam. Ich sah ihn nur in seltenen Zwischenräumen. Sein Lieutenant machte regelmäßig die Aufnahme, welche ich dann auf der Karte eingetragen fand, so daß ich die Fahrt des Nautilus genau bestimmen konnte.

Conseil und Land brachten viel Zeit bei mir zu. Conseil erzählte seinem Freunde die merkwürdigen Begebenheiten unseres Spazierganges, und nun that es dem Canadier leid, daß er uns nicht begleitet hatte. Doch hoffte ich, es werde sich noch einmal Gelegenheit ergeben, die Wälder des Oceans zu besuchen.

Fast täglich öffneten sich einige Stunden lang die Läden des Salons, und unsere Augen konnten sich nicht satt sehen an den Geheimnissen der unterseeischen Welt.

Die allgemeine Richtung des Nautilus war südöstlich, und er hielt sich in der Tiefe von hundert bis hundertundfünfzig Meter. Einmal jedoch, ich weiß nicht aus welcher Laune, kam er bis in die zweitausend Meter tiefen Schichten. Das Thermometer zeigte eine Temperatur von 4,25 Grad des Hunderttheiligen, welche Temperatur in dieser Tiefe unter allen Breitegraden gleich zu sein scheint.

Am 26. November, um drei Uhr früh, fuhr der Nautilus unter 172° Länge über den Wendekreis des Krebses. Am 27. hatte er die Sandwichinseln in Sicht, wo der Weltumsegler Cook am 14. Februar 1779 seinen Tod fand. Wir hatten damals seit unserer Abfahrt viertausendachthundertundsechzig Meilen zurückgelegt. Als ich Morgens früh auf die Plateform kam, bemerkte ich, zwei Meilen unter’m Wind, Hawai, die ansehnlichste von den sieben Inseln, welche diesen Archipel bilden. Ich erkannte deutlich ihren angebauten Küstenrand, die verschiedenen Bergketten, welche parallel mit der Küste laufen, und seine Vulkane, welche der Mouma Rea beherrscht, der fünftausend Meter über den Meeresspiegel ragt.

Die Richtung des Nautilus blieb fortwährend südöstlich. Er durchschnitt am 1. December den Aequator, unter 142° Länge, und am 4. desselben Monats, nach einer raschen Fahrt ohne Zwischenfall, bekamen wir die Gruppe der Marquesasinseln zu sehen. In einer Entfernung von drei Meilen, unter 8° 57′ südlicher Breite, und 139° 32′ westlicher Länge, gewahrte ich die Spitze Martin von Nukahiva, der Hauptinsel dieser Frankreich angehörigen Gruppe. Ich sah nur die bewaldeten Berge, welche sich am Horizont abzeichneten, denn der Kapitän Nemo hatte nicht Lust, dem Lande näher zu kommen.

Nachdem wir diese reizenden, unter’m Schutz der französischen Flagge stehenden Inseln verlassen hatten, legte der Nautilus vom 4. bis 11. December etwa zweitausend Meilen zurück. Bei dieser Fahrt stießen wir auf eine ungeheure Menge Kalmar, merkwürdige Mollusken, welche den Tintenfischen nahe kommen. Der Nautilus traf in der Nacht vom 9. zum 10. December auf dieses Molluskenheer; man konnte ihrer Millionen zählen. Sie zogen aus den gemäßigten Strichen nach den wärmeren, indem sie dem Zuge der Häringe und Sardinen folgten. Wir betrachteten sie durch die dichten Glasfenster, wie sie äußerst schnell rückwärts schwammen, mittelst ihrer Bewegungsröhre sich fortbewegten, die Fische und Mollusken verfolgten, indem sie die kleinen fraßen, von den großen gefressen wurden, und in einem unbeschreiblichen Gewimmel die zehn Füße bewegten, welche ihnen die Natur auf den Kopf gesetzt hat. Der Nautilus fuhr, ungeachtet seiner Schnelligkeit, doch mehrere Stunden lang mitten durch diese Truppe, und seine Garne fingen eine ungeheure Menge derselben.

Man sieht, während dieser Fahrt ließ uns das Meer unablässig seine Merkwürdigkeiten reichlich schauen, in unendlicher Abwechselung. Die Scenen und Decorationen änderten sich zu unserer Augenweide, und wir waren dadurch im Stande, nicht nur die Werke des Schöpfers mitten in ihrem Element zu betrachten, sondern auch in die gefürchtetsten Geheimnisse des Oceans zu dringen.

Während des 11. December war ich im großen Saal mit Lesen beschäftigt. Ned-Land und Conseil betrachteten die erleuchteten Gewässer durch die Fenster bei geöffneten Läden. Der Nautilus war unbeweglich. Als seine Behälter gefüllt waren, hielt er sich in einer Tiefe von tausend Meter, einer wenig bewohnten Region des Oceans, wo die großen Fische selten erscheinen.

Ich las eben ein reizendes Buch von Jean Macé, als Conseil mich mit einem sonderbaren Ton unterbrach.

»Herr, kommen Sie doch einen Augenblick, sagte er.

– Was giebt’s da, Conseil?

– Schauen Sie doch, mein Herr.«

Ich stand auf, setzte mich vor das Fenster, und schaute.

Umgeben vom elektrischen Licht schwebte eine große schwärzliche Masse mitten im Gewässer. Ich betrachtete sie aufmerksam, bemüht, die Beschaffenheit dieses riesenhaften Thieres zu erkennen. Da fuhr ein Gedanke plötzlich mir durch den Kopf.

»Ein Schiff! rief ich aus!

– Ja, erwiderte der Canadier, ein rhedeloses Fahrzeug, das untergesunken ist.«

Ned-Land irrte nicht. Wir hatten ein Schiff vor uns, dessen abgehauene Taue noch an ihren Ketten herabhingen. Sein Rumpf schien in gutem Zustand, und der Schiffbruch mußte erst vor wenigen Stunden erfolgt sein. Drei Reststücke der zwei Fuß über dem Verdeck abgehauenen Mäste zeigten, daß dies Schiff in seiner Noth hatte seine Mäste opfern müssen. Aber es hatte sich, auf der Seite liegend, gefüllt. Sein Verdeck zeigte den traurigen Anblick von vier Leichen, die im Tauwerk festgehalten, noch da lagen! Ich zählte deren vier, – vier Männer, von welchen einer am Steuerruder aufrecht stand, – sodann eine Frau, die halb aus der Lücke des Hinterverdecks heraus gekommen, ein Kind in den Armen hielt. Es war eine junge Frau. Ich konnte bei der hellen Beleuchtung durch den Nautilus ihre noch nicht entstellten Züge erkennen. Mit äußerster Anstrengung hatte sie ihr Kind über den Kopf gehoben. Die vier Matrosen sahen schrecklich aus, da sie mit krampfhaften Bewegungen von dem Tauwerk, das sie fesselte, sich loszumachen getrachtet hatten. Nur der Steuerer, mit ernstem Gesicht, ruhig das Steuerruder in der krampfhaften Hand, schien noch seinen Dreimaster zu leiten.

Stumm, mit klopfenden: Herzen starrten wir den hier gleichsam photographirten Schiffbruch an! Schon sah ich mit gierigen Blicken Haifische, vom Menschenfleisch herbeigelockt, heran kommen!

Indessen fuhr der Nautilus um das gesunkene Schiff herum, und ich konnte auf einem Schild lesen:

Florida, Sunderland.

Neunzehntes Capitel

Neunzehntes Capitel

Vanikoro

Dieser fürchterliche Anblick war das Vorspiel zu Katastrophen, welchen der Nautilus auf seiner Fahrt begegnen sollte. Seit er in mehr befahrenen Gegenden sich bewegte, gewahrten wir oft gescheiterte Schiffsrümpfe, welche ganz verfault waren, und mehr in der Tiefe Kanonen, Kugeln, Anker, Ketten, und tausend andere eiserne, von Rost zerfressene Gegenstände.

Inzwischen kamen wir, in ununterbrochener rascher Fahrt auf dem Nautilus isolirt, am 11. December zu dem Pomotou-Archipel, der früher »gefährlichen Gruppe« Bougainville, die sich über fünfhundert Meilen weit von Ost-Süd-Ost nach West-Nord-West hin erstreckt, zwischen 13° 30′ und 23° 50′ südlicher Breite, und 125° 30′ und 151° 30′ westlicher Länge. Dieser Archipel nimmt eine Fläche von dreihundertsiebenzig Quadrat-Lieues ein, und besteht aus etwa sechzig Inselgruppen, worunter die Gruppe Gambier, die unter französischem Protectorat steht. Diese Inseln sind aus Korallen entstanden. Die langsame, aber ununterbrochene Arbeit der Polypen wird sie einst mit einander in Verbindung bringen. Dann wird diese neue Insel später mit den benachbarten Archipelen zusammen wachsen, und von Neuseeland und Neu-Caledonien bis zu den Marquesas wird ein neuer Continent entstehen.

Als ich diese Ansicht dem Kapitän Nemo äußerte, entgegnete er kalt:

»Nicht neuer Continente bedarf’s auf der Erde, sondern neuer Menschen!«

Der Nautilus gelangte weiter auf seiner Fahrt zur Insel Clermont-Tonnère, einer der merkwürdigsten der im Jahre 1822 vom Kapitän Bell auf der Minerva entdeckten Gruppe. Da konnte ich recht studiren, wie die Inseln dieses Oceans aus Madreporen oder Seesternen entstanden sind.

Die Madreporen, welche man ja nicht mit den Korallen verwechseln darf, haben ein mit Kalküberzug bekleidetes Gewebe, und nach Verschiedenheit der Structur desselben hat Milne-Edwards sie in fünf Abtheilungen geordnet. Die kleinen Thierchen, welche diese Polypengehäuse durch Absonderung bilden, leben zu Milliarden im Inneren ihrer Zellen, und was sie an Kalkgebilden absetzen, wird zu Felsen, Rissen, Eilanden, Inseln. Hier bilden sie einen kreisrunden Ring, welcher einen Binnensee umgiebt, der durch Lücken mit dem Meer in Verbindung gesetzt ist; dort gestalten sich Schutzmauern von Riffen gleich denen, welche sich an den Küsten Neu-Caledoniens und verschiedener Pomotou-Inseln finden. An anderen Stellen, wie bei Réunion und St. Moritz, errichten sie ausgezackte Riffe, hohe, gerad aufgebaute Felswände neben unergründlichen Tiefen des Oceans.

Indem wir nur einige Kabellängen weit von den steilen Küsten der Insel Clermont-Tonnère vorüberfuhren, konnte ich das Riesenwerk, welches diese mikroskopischen Arbeiter vollführten, staunend bewundern. Diese Felswände waren speciell das Werk von Madreporenarten, welche mit besonderen Namen Milleporen, Poriten, Mäandrinen genannt werden. Diese Polypen entwickeln sich vorzugsweise in den bewegten Schichten der Meeresoberfläche, und folglich fangen sie ihre unterseeischen Bauten von oben an, und dieselben dringen mit den Trümmern von Ablagerungen, welche die Grundlagen bilden, allmälig immer tiefer. Dies ist wenigstens die Theorie Darwin’s, welche die Bildung der Atolle erklärt, – eine Theorie, welche meines Erachtens den Vorzug vor derjenigen hat, welche von der Annahme ausgeht, die Basis der madreporischen Arbeiten seien Gipfel von Bergen oder Vulkanen, welche einige Fuß unter dem Meeresspiegel sich befänden.

Ich konnte diese merkwürdigen Felswände ganz aus der Nähe beobachten, denn an ihrer senkrechten Seite ließ die Sonde mehr als dreihundert Meter Tiefe erkennen, und in unseren elektrischen Streiflichtern erglänzte der schimmernde Kalkstein.

Conseil fragte mich über die Dauer, seit diese kolossalen Felswände aufgewachsen sein, und gerieth in großes Staunen, als ich ihm sagte, die Gelehrten schlügen diesen Zuwachs auf den achten Theil eines Zolls binnen einem Jahrhundert an.

»Also, um diese Wände aufzubauen, sagte er, bedurfte es …?

– Hundertzweiundneunzigtausend Jahre, mein wackerer Conseil, wodurch die Tage der Bibel sehr lange werden. Uebrigens hat die Braunkohlenbildung, d. h. die Mineralisation der von den Überschwemmungen versunkenen Wälder, eine weit beträchtlichere Zeit erfordert. Aber ich füge bei, daß die in der Bibel als Tage bezeichneten Zeiträume nur Epochen bedeuten, und nicht die Zeit von einem Sonnenaufgang bis zum folgenden, denn laut eben dieser Bibel war die Sonne am ersten Schöpfungstage noch nicht vorhanden.«

Als der Nautilus wieder zur Meeresoberfläche kam, konnte ich die Insel Clermont-Tonnère, die niedrig und bewaldet ist, in ihrer ganzen Ausdehnung überblicken. Ihre madreporischen Felsen wurden offenbar durch Tromben und Stürme zur Fruchtbarkeit gebracht. Einst fiel ein Samenkörnlein, vom Sturmwind aus benachbartem Festland hergetragen, auf Kalkgrund vermischt mit verwesten Theilen von Fischen und Seepflanzen, welche pflanzennährenden Humus bildeten. Eine Kokusnuß trieb auf den Wellen an diese neue Küste. Der Keim wurzelte. Der heranwachsende Baum hemmte die Wasserverdünstung. Es entstand ein Bach. Allmälig nahm die Vegetation zu. Einige Thierchen, Würmer, Insecten kamen auf Baumstämmen, welche der Wind von den Inseln weggetrieben hatte. Es kamen Schildkröten und brüteten ihre Eier aus. Vögel nisteten in dem jungen Baumschlag. Dergestalt kam das animale Leben zur Entwicklung, und angezogen vom Grünen und der Fruchtbarkeit, erschien der Mensch. Also bildeten sich diese Inseln, unermeßliche Werke mikroskopischer Thiere.

Gegen Abend schwand Clermont-Tonnère in der Ferne aus den Augen, und die Fahrt des Nautilus änderte merklich ihre Richtung. Nachdem derselbe unter’m hundertfünfunddreißigsten Grad der Länge den Wendekreis des Steinbocks berührt hatte, wendete er sich nach West-Nord-West, und durchlief nochmals die ganze tropische Zone. So reichlich die Sommersonne ihre Strahlen warf, so hatten wir durchaus nicht von der Hitze zu leiden, denn dreißig bis vierzig Meter unter’m Wasserspiegel stieg die Temperatur nicht über zehn bis zwölf Grad.

Am 15. December ließen wir östlich den reizenden Archipel der Gesellschaftsinseln, und das anmuthige Tahiti. Früh Morgens erblickte ich einige Meilen unter’m Wind die hohen Gipfel dieser Insel. Ihre Gewässer lieferten den Tafeln an Bord köstliche Fische, Makrelen, Bonite und Varietäten einer Meerschlange, Munerophis genannt.

Der Nautilus hatte damals achttausendeinhundert Meilen zurückgelegt. Als das Log neuntausendsiebenhundertundzwanzig Meilen zeigte, fuhr er durch den Archipel von Tonga-Tabou, wo die Mannschaften des Argo, des Port-au-Prince und des Duke of Portland umkamen, und den Archipel der Schifferinseln, wo La Pérouse’s Freund, der Kapitän de Langle, seinen Tod fand. Darauf bekam er den Archipel Viti in Sicht, wo die Matrosen der Union und der Commandant der Aimable Josephine, Kapitän Bureau, von den Wilden erschlagen wurden.

Dieser Archipel, welcher aus einer Anzahl Inseln, Eilande und Klippen besteht, worunter Viti-Levou und Vanoua-Levou bemerkenswerth, liegt zwischen 6° und 20° südlicher Breite, und 174° bis 179° westlicher Länge. Die Gruppe wurde von Tasman im Jahre 1643 entdeckt, dem Jahre der Thronbesteigung Ludwigs XIV., und der Erfindung des Barometer durch Toricelli. Welches von diesen drei Ereignissen der Menschheit nützlicher gewesen, steht zu erwägen. Darauf kamen Cook im Jahre 1714, d’Entrecasteaux 1793, und endlich entwirrte Dumont d’Urville 1827 das ganze geographische Chaos dieses Archipel. Der Nautilus näherte sich der Bai Wailon, dem Schauplatz der fürchterlichen Erlebnisse des Kapitän Dillon, welcher zuerst das Geheimniß von La Pérouse’s Schiffbruch aufklärte. Diese Bai liefert treffliche Austern in reichlicher Menge. Wir genossen sie im Uebermaß, und wenn Meister Ned dabei nicht seine Gefräßigkeit zu bereuen hatte, so kam es daher, weil, die Auster das einzige Gericht ist, welches niemals Verdauungsbeschwerden macht. Und wirklich bedarf es nicht weniger als sechzehn Dutzend dieser Mollusken, um die dreihundertundfünfzehn Gramm Stickstoff zu liefern, welche ein einziger Mensch zur Tagesnahrung braucht. Sie gehören zu der bekannten, in Corsika sehr häufigen Gattung Ostrea lamellosa. Diese Austernbänke, welche bedeutende Anhäufungen bilden, sind im Stande, wenn nicht vielfache Ursachen ihre Zerstörung bewirken, die Baien auszufüllen, denn man zählt in einem einzigen Stück bis zwei Millionen Eier.

Am 25. December schiffte der Nautilus mitten durch den Archipel der Neu-Hebriden, welche 1606 von Quirot entdeckt, 1768 von Bougainville erforscht wurden, und von Cook 1773 ihren jetzigen Namen bekamen. Diese Gruppe besteht hauptsächlich aus neun großen Inseln, die in einer Reihe zwischen 15° und 2° südlicher Breite, und 164° bis 168° Länge liegen. Wir kamen ziemlich nahe bei der Insel Aurou vorbei, welche mir wie eine Masse grüner Waldung vorkam, woraus ein hoher Pik hervorragte.

Es war diesen Tag Weihnachten und Ned-Land schien mir sehr das Christfest zu vermissen, diese Familienfreude, worauf die Protestanten so viel halten.

Seit acht Tagen hatte ich den Kapitän Nemo nicht gesehen, als er am 27. Morgens früh in den großen Salon trat, wie ich eben auf der Karte die Fahrt des Nautilus zu verfolgen beschäftigt war. Der Kapitän trat herzu, legte einen Finger auf einen Punkt der Karte und sprach nur das Wort:

»Vanikoro.«

Dieser Name wirkte magisch. Er bezeichnete die Eilande, wo einst La Pérouse’s Schiffe verloren gingen. Ich stand augenblicklich auf.

»Der Nautilus fährt nach Vanikoro? fragte ich.

– Ja, Herr Professor, erwiderte der Kapitän.

– Und ich könnte die berühmten Inseln besuchen, wo die Boussole und Astrolabe zu Grunde gingen?

– Wenn es Ihnen beliebt, Herr Professor.

– Wann werden wir zu Vanikoro anlangen?

– Wir sind schon da, Herr Professor!«

Ich begleitete den Kapitän Nemo auf die Plateform, wo meine Blicke begierig über den Horizont schweiften.

Nordöstlich kamen zwei vulkanische Inseln von ungleicher Größe zum Vorschein, um welche sich ein Korallenriff von vierzig Meilen Umfang zog. Wir befanden uns vor der eigentlich Vanikoro genannten Insel, welcher Dumont d’Urville den Namen Recherche gab, und gerade vor dem kleinen Hafen Vanou, unter 16° 4′ südlicher Breite und 164° 32′ Länge. Das Land schien von der Küste bis zu den Gipfeln des Innern mit Grün bedeckt, welche der zweitausendachthundertundfünfzig Fuß hohe Kapogo überragt.

Nachdem der Nautilus durch eine enge Fahrt in den äußersten Felsengürtel eingefahren, befand er sich innerhalb der Brandung, wo das Meer dreißig bis vierzig Klafter tief war. Unter dem grünen Schatten üppigen Baumwuchses gewahrte ich einige Wilde, die bei unserer Annäherung eine außerordentliche Bestürzung zeigten. Sie sahen wohl in dem langen schwärzlichen Körper, welcher auf dem Meeresspiegel heran kam, nur ein fürchterliches Seethier, das sie mit Mißtrauen ansahen.

In dem Augenblick fragte mich der Kapitän Nemo, was ich von La Pérouse’s Schiffbruch wisse.

»Was Jedermann weiß, Kapitän, erwiderte ich.

– Und können Sie mir sagen, was Jedermann weiß? fragte er mit etwas ironischem Ton.

– Sehr leicht.«

Ich erzählte ihm, was die letzten Arbeiten Dumont d’Urville’s mitgetheilt hatten, wie ich kurz hier berichten will.

La Pérouse und sein Unterbefehlshaber, Kapitän de Langle, wurden von Ludwig XVI. im Jahre 1788 ausgeschickt, um eine Weltumsegelung vorzunehmen Sie fuhren mit den Corvetten Boussole und Astrolabe ab, kehrten aber nicht wieder zurück.

Im Jahre 1791 rüstete die französische Regierung, die mit Recht um das Schicksal der beiden Corvetten besorgt war, zwei große Meuten aus, Recherche und Espérance, welche am 28. September unter dem Commandanten Bruni d’Entrecasteaux von Brest absegelten. Zwei Monate nachher vernahm man durch die Aussage eines gewissen Bowen, Commandanten des Albermale, daß die Trümmer gescheiterter Schiffe an den Küsten Neu-Georgiens gesehen worden waren. Aber d’Entrecasteaux, der von dieser – zudem ziemlich unbestimmten – Mittheilung nichts wußte, fuhr in der Richtung der Admiralitätsinseln, welche in einem Bericht des Kapitän Hunter als die Gegend des Schiffbruches La Pérouse bezeichnet waren.

Seine Nachforschungen waren fruchtlos. Die Espérance und Recherche fuhren selbst vor Vanikoro vorüber, ohne dort anzuhalten, und überhaupt war diese Fahrt sehr unglücklich, denn sie kostete das Leben des Commandanten, zweier Unterbefehlshaber und einiger Leute von der Bemannung.

Ein alter, im Stillen Ocean sehr bewanderter Kapitän, Dillon, fand zuerst unbestreitbare Spuren der Schiffbrüchigen. Am 15. Mai 1824 fuhr er auf dem St. Patrick bei der Insel Tikopia vorüber, die zu den Neu-Hebriden gehört. Hier kam ein Laskare auf einem Boot, und verkaufte ihm einen silbernen Degengriff mit einer eingegrabenen Inschrift. Derselbe versicherte auch, er habe sechs Jahre zuvor, während eines Aufenthaltes zu Vanikoro zwei Europäer gesehen, welchen Schiffe angehörten, die vor langen Jahren an den Riffen der Insel gescheitert seien.

Dillon vermuthete, daß es sich um die Schiffe La Pérouse’s handle, an deren Verschwinden die ganze Welt Antheil genommen hatte. Er wollte sich nach Vanikoro begeben, wo nach Angabe des Laskaren zahlreiche Reste von dem Schiffbruch her sich finden sollten; aber die Winde und Strömungen verhinderten es.

Dillon kam nach Calcutta zurück, wo er die Asiatische Gesellschaft und die Indische Compagnie für seine Entdeckung zu interessiren wußte. Es wurde ihm ein Schiff, dem er den Namen Recherche gab, zur Verfügung gestellt, und er fuhr am 23. Januar 1827 in Begleitung eines französischen Agenten ab.

Die Recherche warf, nachdem sie an verschiedenen anderen Punkten angehalten, am 7. Juli 1827 vor Vanikoro Anker in dem nämlichen Hafen Vanou, wo der Nautilus eben lag.

Hier sammelte er zahlreiche Reste des Schiffbruchs, eiserne Geräthe, Anker, Steinpöller, eine achtzehnpfündige Kugel, Trümmer von astronomischen Instrumenten, eine bronzene Glocke mit der Inschrift: »Bazin hat mich verfertigt,« welche das Kennzeichen der Gießerei des Arsenals zu Brest um 1785 war. Es war also ferner kein Zweifel mehr statthaft.

Dillon blieb zur Vervollständigung seiner Nachforschungen noch bis zum Oktober auf der Unglücksstätte, darauf verließ er Vanikoro, fuhr über Neuseeland nach Calcutta, wo er am 7. April 1828 ankerte, und kehrte nach Frankreich zurück, wo er von Karl X. höchst freundlich empfangen wurde.

Bereits aber war Dumont d’Urville, ohne daß er von Dillon’s Bemühungen etwas wußte, abgesegelt, um den Schauplatz des Schiffbruchs anderwärts zu suchen. Und in der That hatte man aus Berichten eines Wallfischfängers entnommen, daß sich Medaillen und ein Kreuz des heiligen Ludwig in Händen der Wilden Neu-Caledoniens und der Louisiade befänden.

Dumont d’Urville, Commandant des Astrolabe, war also auf der Fahrt und ankerte, zwei Monate nachdem Dillon Vanikoro verlassen hatte, vor Hobart-Town. Hier bekam er Kunde von den Resultaten der Bemühungen Dillon’s, und erfuhr weiter, ein gewisser James Hobbs, Unterbefehlshaber der Union zu Calcutta, habe bei einer Landung auf einer Insel unter 8° 18′ südlicher Breite und 156° 30′ östlicher Länge, eiserne Stangen und rothe Stoffe in den Händen der Eingeborenen jener Gegenden wahrgenommen.

Dumont d’Urville, etwas verlegen, da er nicht wußte, ob den wenig zuverlässigen Zeitungs-Berichten Glauben beizumessen sei, entschloß sich, Dillon’s Spur zu folgen.

Am 10. Februar 1828 erschien der Astrolabe vor Tikopia, nahm zum Führer und Dollmetscher einen auf dieser Insel seßhaften Deserteur, fuhr weiter nach Vanikoro, das er am 12. Februar in Sicht bekam, hielt sich etwas auf den Riffen auf, und kam erst am 20. im Hafen von Vanou an, wo er ankerte. Am 23. begaben sich einige Officiere auf die Insel und brachten einige unbedeutende Trümmer mit. Die Eingeborenen verlegten sich auf Ausflüchte und Ableugnen, und wollten sie nicht an die Unglücksstätte führen. Dies verkehrte Benehmen ließ glauben, sie hätten die Schiffbrüchigen mißhandelt; und sie schienen in der That Angst zu haben, Dumont d’Urville sei gekommen, um La Pérouse und seine Unglücksgenossen zu rächen.

Doch ließen sie sich am 26. durch Geschenke und beruhigende Versicherungen bestimmen, den Unterbefehlshaber Jacquinot auf die Stätte des Schiffbruchs zu führen.

Daselbst lagen drei bis vier Klafter tief, zwischen den Riffen Pacou und Vanou, Anker, Kanonen, Blöcke, Eisen und Blei, von Kalksteinmasse umgeben. Die Schaluppe und das Wallfischboot des Astrolabe wurden an dieser Stelle entsendet, und es gelang der Bemannung nur nach langen Beschwerden, einen Anker von achtzehn Centnern, eine Kanone von acht, Bleiblöcke und zwei kupferne Steinmörser heraus zu ziehen.

Dumont d’Urville vernahm auf Befragen der Eingeborenen, daß La Pérouse, nachdem er seine beiden Schiffe auf den Riffen der Insel verloren, ein kleineres Fahrzeug bauen ließ, um damit abermals zu Grunde zu gehen. … Wo? wußte man nicht.

Der Commandant des Astrolabe ließ darauf unter einem Buschwerk von Mangobäumen ein Denkmal zum Andenken an den berühmten Seefahrer und seine Genossen errichten. Es bestand in einer einfachen vierseitigen Pyramide auf einer Korallenbasis; und es wurde nichts von Eisen dabei angebracht, was die Begierde der Eingeborenen reizen konnte.

Als darauf Dumont d’Urville abreisen wollte, wurde er durch Krankheiten seiner Mannschaft zurück gehalten, und selbst sehr krank, so daß er erst am 17. März unter Segel gehen konnte.

Inzwischen hatte die französische Regierung, in Besorgniß, Dumont d’Urville habe keine Kenntniß von Dillon’s Arbeiten, die Corvette La Bayonnaise unter dem Commando von Legoarant de Tromelin nach Vanikoro geschickt. Sie kam dort einige Monate nach der Abfahrt des Astrolabe an, und überzeugte sich, daß die Wilden das Grabdenkmal La Pérouse’s unverletzt gelassen hatten.

Dies ist der Inhalt dessen, was ich dem Kapitän Nemo berichtete.

»Also, sagte er, man weiß noch nicht, wo das dritte von den Schiffbrüchigen erbaute Schiff zu Grunde gegangen ist?

– Nein.«

Der Kapitän Nemo, ohne mir zu antworten, winkte mir, ihm in den großen Saal zu folgen. Der Nautilus tauchte einige Meter unter das Wasser, und die Läden öffneten sich.

Ich eilte an das Fenster, und erkannte unter Korallen versenkt, mit Seepflanzen überdeckt, mitten unter zahllosen reizenden Fischen, etliche Trümmer, welche die Suchmaschinen nicht hatten fassen können, lauter Gegenstände gescheiterter Schiffe.

Und während ich diese öden Reste anschaute, sprach der Kapitän Nemo mit ernster Stimme:

»Der Commandant La Pérouse fuhr am 7. December 1785 mit seinen Schiffen Boussole und Astrolabe ab. Er ankerte zuerst in der Botany-Bai, besuchte den Freundschafts-Archipel, Neu-Caledonien, wendete sich dann gegen Santa-Cruz und hielt zu Namouka an, einer Insel der Hapaï-Gruppe. Darauf geriethen seine Schiffe auf die ihm unbekannten Riffe von Vanikoro. Die Boussole, welche voran fuhr, blieb bei der südlichen Küste stecken. Der Astrolabe kam ihr zum Beistand, und scheiterte ebenfalls. Das erstere Schiff ging fast unverzüglich in Trümmer. Das zweite, welches unter’m Wind fest saß, widerstand einige Tage. Die Eingebornen nahmen die Schiffbrüchigen ziemlich gut auf. Diese richteten sich auf der Insel ein und erbauten ein anderes, kleineres Schiff aus den Trümmern der beiden großen. Einige Matrosen blieben freiwillig zu Vanikoro zurück; die anderen, erschöpft und krank, fuhren mit La Pérouse. Sie wendeten sich zu den Salomons-Inseln, und gingen sammt und sonders auf der Ostküste der Hauptinsel dieser Gruppe, zwischen den Cap Deception und Cap Satisfaction zu Grunde!

– Und woher wissen Sie dies? rief ich aus.

– Hier sehen Sie, was ich an der Stelle des zweiten Schiffbruchs gefunden habe!«

Darauf zeigte mir der Kapitän Nemo eine blecherne Büchse, die mit dem Wappen Frankreichs gestempelt und ganz von Salzwasser zerfressen war. Er öffnete sie, und ich sah einen Pack vergilbter, doch noch lesbarer Papiere.

Es waren die Original-Instructionen des Marineministers für den Commandanten La Pérouse, mit Randbemerkungen von der Hand Ludwig’s XVI.

»Ach! ein schöner Tod für einen Seemann! sagte darauf der Kapitän Nemo. Dieses Korallengrab ist eins ruhige Gruft, und gebe der Himmel, daß ich mit meinen Gefährten nie ein anderes bekomme!«