Erzählungen

Erzaehlungen Kapitel 12

Ein Brudermord

Es ist erwiesen, daß der Mord auf folgende Weise erfolgte:

Schmar, der Mörder, stellte sich gegen neun Uhr abends in der mondklaren Nacht an jener Straßenecke auf, wo Wese, das Opfer, aus der Gasse, in welcher sein Büro lag, in jene Gasse einbiegen mußte, in der er wohnte.

Kalte, jeden durchschauernde Nachtluft. Aber Schmar hatte nur ein dünnes blaues Kleid angezogen; das Röckchen war überdies aufgeknöpft. Er fühlte keine Kälte; auch war er immerfort in Bewegung. Seine Mordwaffe, halb Bajonett, halb Küchenmesser, hielt er ganz bloßgelegt immer fest im Griff. Betrachtete das Messer gegen das Mondlicht; die Schneide blitzte auf, nicht genug für Schmar; er hieb mit ihr gegen die Backsteine des Pflasters, daß es Funken gab; bereute es vielleicht; und um den Schaden gutzumachen, strich er mit ihr violinbogenartig über seine Stiefelsohle, während er, auf einem Bein stehend, vorgebeugt, gleichzeitig dem Klang des Messers an seinem Stiefel, gleichzeitig in die schicksalsvolle Seitengasse lauschte.

Warum duldete das alles der Private Pallas, der in der Nähe aus seinem Fenster im zweiten Stockwerk alles beobachtete? Ergründe die Menschennatur! Mit hochgeschlagenem Kragen, den Schlafrock um den weiten Leib gegürtet, kopfschüttelnd, blickte er hinab.

Und fünf Häuser weiter, ihm schräg gegenüber, sah Frau Wese, den Fuchspelz über ihrem Nachthemd, nach ihrem Manne aus, der heute ungewöhnlich lange zögerte.

Endlich ertönt die Türglocke vor Weses Büro, zu laut für eine Türglocke, über die Stadt hin, zum Himmel auf, und Wese, der fleißige Nachtarbeiter, tritt dort, in dieser Gasse noch unsichtbar, nur durch das Glockenzeichen angekündigt, aus dem Haus; gleich zählt das Pflaster seine ruhigen Schritte.

Pallas beugt sich weit hervor; er darf nichts versäumen. Frau Wese schließt, beruhigt durch die Glocke, klirrend ihr Fenster. Schmar aber kniet nieder; da er augenblicklich keine anderen Blößen hat, drückt er nur Gesicht und Hände gegen die Steine; wo alles friert, glüht Schmar.

Gerade an der Grenze, welche die Gassen scheidet, bleibt Wese stehen, nur mit dem Stock stützt er sich in die jenseitige Gasse.

Eine Laune. Der Nachthimmel hat ihn angelockt, das Dunkelblaue und das Goldene. Unwissend blickt er es an, unwissend streicht er das Haar unter dem gelüpften Hut; nichts rückt dort oben zusammen, um ihm die allernächste Zukunft anzuzeigen; alles bleibt an seinem unsinnigen, unerforschlichen Platz. An und für sich sehr vernünftig, daß Wese weitergeht, aber er geht ins Messer des Schmar.

»Wese!« schreit Schmar, auf den Fußspitzen stehend, den Arm aufgereckt, das Messer scharf gesenkt. »Wese! Vergebens wartet Julia! « Und rechts in den Hals und links in den Hals und drittens tief in den Bauch sticht Schmar. Wasserratten, aufgeschlitzt, geben einen ähnlichen Laut von sich wie Wese.

»Getan«, sagt Schmar und wirft das Messer, den überflüssigen blutigen Ballast, gegen die nächste Hausfront. »Seligkeit des Mordes! Erleichterung, Beflügelung durch das Fließen des fremden Blutes! Wese, alter Nachtschatten, Freund, Bierbankgenosse, versickerst im dunklen Straßengrund. Warum bist du nicht einfach eine mit Blut gefüllte Blase, daß ich mich auf dich setzte und du verschwändest ganz und gar. Nicht alles wird erfüllt, nicht alle Blütenträume reiften, dein schwerer Rest liegt hier, schon unzugänglich jedem Tritt. Was soll die stumme Frage, die du damit stellst?«

Pallas, alles Gift durcheinanderwürgend in seinem Leib, steht in seiner zweiflügelig aufspringenden Haustür. »Schmar! Schmar! Alles bemerkt, nichts übersehen.« Pallas und Schmar prüfen einander. Pallas befriedigt’s, Schmar kommt zu keinem Ende.

Frau Wese mit einer Volksmenge zu ihren beiden Seiten eilt mit vor Schrecken ganz gealtertem Gesicht herbei. Der Pelz öffnet sich, sie stürzt über Wese, der nachthemdbekleidete Körper gehört ihm, der über dem Ehepaar sich wie der Rasen eines Grabes schließende Pelz gehört der Menge.

Schmar, mit Mühe die letzte Übelkeit verbeißend, den Mund an die Schulter des Schutzmannes gedrückt, der leichtfüßig ihn davonführt.

Erzaehlungen Kapitel 13

Betrachtung (1913)

Kinder auf der Landstraße

Ich hörte die Wagen an dem Gartengitter vorüberfahren, manchmal sah ich sie auch durch die schwach bewegten Lücken im Laub. Wie krachte in dem heißen Sommer das Holz in ihren Speichen und Deichseln! Arbeiter kamen von den Felder und lachten, daß es eine Schande war.

Ich saß auf unserer kleinen Schaukel, ich ruhte mich gerade aus zwischen den Bäumen im Garten meiner Eltern.

Vor dem Gitter hörte es nicht auf. Kinder im Laufschritt waren im Augenblick vorüber; Getreidewagen mit Männern und Frauen auf den Garben und rings herum verdunkelten die Blumenbeete; gegen Abend sah ich einen Herrn mit einem Stock langsam spazieren gehn und paar Mädchen, die Arm in Arm ihm entgegenkamen, traten grüßend ins seitliche Gras.

Dann flogen Vögel wie sprühend auf, ich folgte ihnen mit den Blicken, sah, wie sie in einem Atemzug stiegen, bis ich nicht mehr glaubte, daß sie stiegen, sondern daß ich falle, und fest mich an den Seilen haltend aus Schwäche ein wenig zu schaukeln anfing. Bald schaukelte ich stärker, als die Luft schon kühler wehte und statt der fliegenden Vögel zitternde Sterne erschienen.

Bei Kerzenlicht bekam ich mein Nachtmahl. Oft hatte ich beide Arme auf der Holzplatte und, schon müde, biß ich in mein Butterbrot. Die stark durchbrochenen Vorhänge bauschten sich im warmen Wind, und manchmal hielt sie einer, der draußen vorüberging, mit seinen Händen fest, wenn er mich besser sehen und mit mir reden wollte. Meistens verlöschte die Kerze bald und in dem dunklen Kerzenrauch trieben sich noch eine Zeitlang die versammelten Mücken herum. Fragte mich einer vom Fenster aus, so sah ich ihn an, als schaue ich ins Gebirge oder in die bloße Luft, und auch ihm war an einer Antwort nicht viel gelegen.

Sprang dann einer über die Fensterbrüstung und meldete, die anderen seien schon vor dem Haus, so stand ich freilich seufzend auf.

»Nein, warum seufzst Du so? Was ist denn geschehen? Ist es ein besonderes, nie gut zu machendes Unglück? Werden wir uns nie davon erholen können? Ist wirklich alles verloren?«

Nichts war verloren. Wir liefen vor das Haus. »Gott sei Dank, da seid Ihr endlich!« – »Du kommst halt immer zu spät!« – »Wieso denn ich?« – »Gerade Du, bleib zu Hause, wenn Du nicht mitwillst.« – »Keine Gnaden!« – »Was? Keine Gnaden? Wie redest Du?«

Wir durchstießen den Abend mit dem Kopf. Es gab keine Tages- und keine Nachtzeit. Bald rieben sich unsere Westenknöpfe aneinander wie Zähne, bald liefen wir in gleichbleibender Entfernung, Feuer im Mund, wie Tiere in den Tropen. Wie Kürassiere in alten Kriegen, stampfend und hoch in der Luft, trieben wir einander die kurze Gasse hinunter und mit diesem Anlauf in den Beinen die Landstraße weiter hinauf. Einzelne traten in den Straßengraben, kaum verschwanden sie vor der dunklen Böschung, standen sie schon wie fremde Leute oben auf dem Feldweg und schauten herab.

»Kommt doch herunter!« – »Kommt zuerst herauf!« – »Damit Ihr uns herunterwerfet, fällt uns nicht ein, so gescheit sind wir noch.« – »So feig seid Ihr, wollt Ihr sagen. Kommt nur, kommt!« – »Wirklich? Ihr? Gerade Ihr werdet uns hinuterwerfen? Wie müßtet Ihr aussehen?«

Wir machten den Angriff, wurden vor die Brust gestoßen und legten uns in das Gras des Straßengrabens, fallend und freiwillig. Alles war gleichmäßig erwärmt, wir spürten nicht Wärme, nicht Kälte im Gras, nur müde wurde man.

Wenn man sich auf die rechte Seite drehte, die Hand unters Ohr gab, da wollte man gerne einschlafen. Zwar wollte man sich noch einmal aufraffen mit erhobenem Kinn, dafür aber in einen tieferen Graben fallen. Dann wollte man, den Arm quer vorgehalten, die Beine schiefgeweht, sich gegen die Luft werfen und wieder bestimmt in einen noch tieferen Graben fallen. Und damit wollte man gar nicht aufhören.

Wie man sich im letzten Graben richtig zum Schlafen aufs äußerste strecken würde, besonders in den Knien, daran dachte man noch kaum und lag, zum Weinen aufgelegt, wie krank auf dem Rücken. Man zwinkerte, wenn einmal ein Junge, die Ellbogen bei den Hüften, mit dunklen Sohlen über uns von der Böschung auf die Straße sprang.

Den Mond sah man schon in einiger Höhe, ein Postwagen fuhr in seinem Licht vorbei. Ein schwacher Wind erhob sich allgemein, auch im Graben fühlte man ihn, und in der Nähe fing der Wald zu rauschen an. Da lag einem nicht mehr soviel daran, allein zu sein.

»Wo seid Ihr?« – »Kommt her!« – »Alle zusammen!« – »Was versteckst Du Dich, laß den Unsinn!« – »Wißt Ihr nicht, daß die Post schon vorüber ist?« – »Aber nein! Schon vorüber?« – »Natürlich, während Du geschlafen hast, ist sie vorübergefahren.« – »Ich habe geschlafen? Nein so etwas!« – »Schweig nur, man sieht es Dir doch an.« – »Aber ich bitte Dich.« – »Kommt!«

Wir liefen enger beisammen, manche reichten einander die Hände, den Kopf konnte man nicht genug hoch haben, weil es abwärts ging. Einer schrie einen indianischen Kriegsruf heraus, wir bekamen in die Beine einen Galopp wie niemals, bei den Sprüngen hob uns in den Hüften der Wind. Nichts hätte uns aufhalten können; wir waren so im Laufe, daß wir selbst beim Überholen die Arme verschränken und ruhig uns umsehen konnten.

Auf der Wildbachbrücke blieben wir stehn; sie weiter gelaufen waren, kehrten zurück. Das Wasser unten schlug an Steine und Wurzeln, als wäre es nicht schon spät abend. Es gab keinen Grund dafür, warum nicht einer auf das Geländer der Brücke sprang.

Hinter Gebüschen in der Ferne fuhr ein Eisenbahnzug heraus, alle Coupées waren beleuchtet, die Glasfenster sicher herabgelassen. Einer von uns begann einen Gassenhauer zu singen, aber wir alle wollten singen. Wir sangen viel rascher als der Zug fuhr, wir schaukelten die Arme, weil die Stimme nicht genügte, wir kamen mit unseren Stimmen in ein Gedränge, in dem uns wohl war. Wenn man seine Stimme unter andere mischt, ist man wie mit einem Angelhaken gefangen.

So sangen wir, den Wald im Rücken, den fernen reisenden in die Ohren. Die Erwachsenen wachten noch im Dorfe, die Mütter richteten die Betten für die Nacht.

Es war schon Zeit. Ich küßte den, der bei mir stand, reichte den drei Nächsten nur so die Hände, begann den Weg zurückzulaufen, keiner rief mich. Bei der ersten Kreuzung, wo sie mich nicht mehr sehen konnten, bog ich ein und lief auf Feldwegen wieder in den Wald. Ich strebte zu der Stadt im Süden hin, von der es in unserem Dorfe hieß:

»Dort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht!«

»Und warum denn nicht?«

»Weil sie nicht müde werden.«

»Und warum denn nicht?«

»Weil sie Narren sind.«

»Werden denn Narren nicht müde?«

»Wie könnten Narren müde werden!«


Endlich gegen 10 Uhr abends kam ich mit einem mir von früher her nur flüchtig bekannten Mann, der sich mir diesmal unversehens wieder angeschlossen und mich zwei Stunden lang in den Gassen herumgezogen hatte, vor dem herrschaftlichen Hause an, in das ich zu einer Gesellschaft geladen war.

»So!« sagte ich und klatschte in die Hände zum Zeichen der unbedingten Notwendigkeit des Abschieds. Weniger bestimmte Versuche hatte ich schon einige gemacht. Ich war schon ganz müde.

»Gehen Sie gleich hinauf?« fragte er. In seinem Munde hörte ich ein Geräusch wie vom Aneinanderschlagen der Zähne.

»Ja«.

Ich war doch eingeladen, ich hatte es ihm gleich gesagt. Aber ich war eingeladen, hinaufzukommen, wo ich schon so gerne gewesen wäre, und nicht hier unten vor dem Tor zu stehn und an den Ohren meines Gegenübers vorüberzuschauen. Und jetzt noch mit ihm stumm zu werden, als seien wir zu einem langen Aufenthalt auf diesem Fleck entschlossen. Dabei nahmen an diesem Schweigen gleich die Häuser rings herum ihren Anteil, und das Dunkel über ihnen bis zu den Sternen. Und die Schritte unsichtbarer Spaziergänger, deren Wege zu erraten man nicht Lust hatte, der Wind, der immer wieder an die gegenüberliegende Straßenseite sich drückte, ein Grammophon, das gegen die geschlossenen Fenster irgendeines Zimmers sang, – sie ließen aus diesem Schweigen sich hören, als sei es ihr Eigentum seit jeher und für immer.

Und mein Begleiter fügte sich in seinem und – nach einem Lächeln – auch in meinem Namen, streckte die Mauer entlang den rechten Arm aufwärts und lehnte sein Gesicht, die Augen schließend, an ihn.

Doch dieses Lächeln sah ich nicht mehr ganz zu Ende, denn Scham drehte mich plötzlich herum. Erst an diesem Lächeln also hatte ich erkannt, daß das ein Bauernfänger war, nichts weiter. Und ich war doch schon Monate lang in dieser Stadt, hatte geglaubt, diese Bauernfänger durch und durch zu kennen, wie sie bei Nacht aus Seitenstraßen, die Hände vorgestreckt, wie Gastwirte uns entgegentreten, wie sie sich um die Anschlagsäule, bei der wir stehen, herumdrücken, wie zum Versteckenspielen und hinter der Säulenrundung hervor zumindest mit einem Auge spionieren, wie sie in Straßenkreuzungen, wenn wir ängstlich werden, auf einmal vor uns schweben auf der Kante unseres Trottoirs! Ich verstand sie doch so gut, sie waren ja meine ersten städtischen Bekannten in den kleinen Wirtshäusern gewesen, und ich verdankte ihnen den ersten Anblick einer Unnachgiebigkeit, die ich mir jetzt so wenig von der Erde wegdenken konnte, daß ich sie schon in mir zu fühlen begann. Wie standen sie einem noch gegenüber, selbst wenn man ihnen schon längst entlaufen war, wenn es also längst nichts mehr zu fangen gab! Wie setzten sie sich nicht, wie fielen sie nicht hin, sondern sahen einen mit Blicken an, die noch immer, wenn auch nur aus der Ferne, überzeugten! Und ihre Mittel waren stets die gleichen: Sie stellten sich vor uns hin, so breit sie konnten; suchten uns abzuhalten von dort, wohin wir strebten; bereiteten uns zum Ersatz eine Wohnung in ihrer eigenen Brust, und bäumte sich endlich das gesammelte Gefühl in uns auf, nahmen sie es als Umarmung, in die sie sich warfen, das Gesicht voran.

Und diese alten Späße hatte ich diesmal erst nach so langem Beisammensein erkannt. Ich zerrieb mir die Fingerspitzen an einander, um die Schande ungeschehen zu machen.

Mein Mann aber lehnte hier noch wie früher, hielt sich noch immer für einen Bauernfänger, und die Zufriedenheit mit seinem Schicksal rötete ihm die freie Wange.

»Erkannt!« sagte ich und klopfte ihm noch leicht auf die Schulter. Dann eilte ich die Treppe hinauf und die so grundlos treuen Gesichter der Dienerschaft oben im Vorzimmer freuten mich wie eine schöne Überraschung. Ich sah sie alle der Reihe nach an, während man mir den Mantel abnahm und die Stiefel abstaubte. Aufatmend und langgestreckt betrat ich dann den Saal.


Wenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim beleuchteten Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsgemäß schlafen geht, wenn draußen ein unfreundliches Wetter ist, welches das Zuhausebleiben selbstverständlich macht, wenn man auch jetzt schon so lange bei Tisch stillgehalten hat, daß das Weggehen allgemeines Erstaunen hervorrufen müßte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor gesperrt ist, und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straßenmäßig angezogen erscheint, weggehen zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut, je nach der Schnelligkeit, mit der man die Wohnungstür zuschlägt, mehr oder weniger Ärger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet, mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die man ihnen verschafft hat, mit besonderer Beweglichkeit beantworten, wenn man durch diesen einen Entschluß alle Entschlußfähigkeit in sich gesammelt fühlt, wenn man mit größerer als der gewöhnlichen Bedeutung erkennt, daß man ja mehr Kraft als Bedürfnis hat, die schnellste Veränderung leicht zu bewirken und zu ertragen, und wenn man so die langen Gassen langläuft, – dann ist man für diesen Abend gänzlich aus seiner Familie ausgetreten, die ins Wesenlose abschwenkt, während man selbst, ganz fest, schwarz vor Umrissenheit, hinten die Schenkel schlagend, sich zu seiner wahren Gestalt erhebt.

Verstärkt wird alles noch, wenn man zu dieser späten Abendzeit einen Freund aufsucht, um nachzusehen, wie es ihm geht.


Aus einem elenden Zustand sich zu erheben, muß selbst mit gewollter Energie leicht sein. Ich reiße mich vom Sessel los, umlaufe den Tisch, mache Kopf und Hals beweglich, bringe Feuer in die Augen, spanne die Muskeln um sie herum. Arbeite jedem Gefühl entgegen, begrüße A. stürmisch, wenn er jetzt kommen wird, dulde B. freundlich in meinem Zimmer, ziehe bei C. alles, was gesagt wird, trotz Schmerz und Mühe mit langen Zügen in mich hinein.

Aber selbst wenn es so geht, wird mit jedem Fehler, der nicht ausbleiben kann, das Ganze, das Leichte und das Schwere, stocken, und ich werde mich im Kreise zurückdrehen müssen.

Deshalb bleibt doch der beste Rat, alles hinzunehmen, als schwere Masse sich verhalten und fühle man sich selbst fortgeblasen, keinen unnötigen Schritt sich ablocken lassen, den anderen mit Tierblick anschaun, keine Reue fühlen, kurz, das, was vom Leben als Gespenst noch übrig ist, mit eigener Hand niederdrücken, d. h., die letzte grabmäßige Ruhe noch vermehren und nichts außer ihr mehr bestehen zu lassen.

Eine charakteristische Bewegung eines solchen Zustandes ist das Hinfahren des kleinen Fingers über die Augenbrauen.


»Ich weiß nicht«, rief ich ohne Klang »ich weiß ja nicht. Wenn niemand kommt, dann kommt eben niemand. Ich habe niemandem etwas Böses getan, niemand hat mir etwas Böses getan, niemand aber will mir helfen. Lauter niemand. Aber so ist es doch nicht. Nur daß mir niemand hilft —, sonst wäre lauter niemand hübsch. Ich würde ganz gern –– warum denn nicht –– einen Ausflug mit einer Gesellschaft von Niemand machen. Natürlich ins Gebirge, wohin denn sonst? Wie sich diese Niemand aneinander drängen, diese vielen quer gestreckten und eingehängten Arme, diese vielen Füße, durch winzige Schritte getrennt! Versteht sich, daß alle in Frack sind. Wir gehen so lala, der Wind fährt durch die Lücken, die wir und unsere Gliedmaßen offen lassen. Die Hälse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, daß wir nicht singen.«


Es scheint so arg, Jungeselle zu bleiben, als alter Mann unter schwerer Wahrung der Würde um Aufnahme zu bitten, wenn man einen Abend mit Menschen verbringen will, krank zu sein und aus dem Winkel seines Bettes wochenlang das leere Zimmer anzusehn, immer vor dem Haustor Abschied zu nehmen, niemals neben seiner Frau sich die Treppe hinaufzudrängen, in seinem Zimmer nur Seitentüren zu haben, die in fremde Wohnungen führen, sein Nachtmal in einer Hand nach Hause zu tragen, fremde Kinder anstaunen zu müssen und nicht immerfort wiederholen zu dürfen:»Ich habe keine«, sich im Aussehn und Benehmen nach ein oder zwei Junggesellen der Jugenderinnerungen auszubilden.

So wird es sein, nur daß man auch in Wirklichkeit heute und später selbst dastehen wird, mit einem Körper und einem wirklichen Kopf, also auch einer Stirn, um mit der Hand an sie zu schlagen.


Es ist möglich, daß einige Leute Mitleid mit mir haben, aber ich spüren nichts davon. Mein kleines Geschäft erfüllt mich mit Sorgen, die mich innen an Stirne und Schläfen schmerzen, aber ohn mir Zufriedenheit in Aussicht zu stellen, denn mein Geschäft ist klein.

Für Stunden im voraus muß ich Bestimmungen treffen, das Gedächtnis des Hausdieners wachhalten, vor befürchteten Fehlern warnen und in einer Jahreszeit die Moden der folgenden berechnen, nicht wie sie unter Leuten meines Kreises herrschen werden, sondern bei unzugänglichen Bevölkerungen auf dem Lande.

Mein Geld haben fremde Leute; ihre Verhältnisse können mir nicht deutlich sein; das Unglück, das sie treffen könnte, ahne ich nicht; wie könnte ich es abwehren! Vielleicht sind sie verschwenderisch geworden und geben ein Fest in einem Wirtshausgarten und andere halten sich für ein Weilchen auf der Flucht nach Amerika bei diesem Feste auf.

Wenn nun am Abend eines Werketages das Geschäft gesperrt wird und ich plötzlich Stunden vor mir sehe, in denen ich für die ununterbrochenen Bedürfnisse meines Geschäftes nichts werde arbeiten können, dann wirft sich meine am Morgen weit vorausgeschickte Aufregung in mich, wie eine zurückkehrende Flut, hält es aber in mir nicht aus und ohne Ziel reißt sie mich mit.

Und doch kann ich diese Laune gar nicht benützen und kann nur nach Hause gehn, denn ich habe Gesicht und Hände schmutzig und verschwitzt, das Kleid fleckig und staubig, die Geschäftsmütze auf dem Kopfe und von Kistennägeln zerkratzte Stiefel. Ich gehe dann wie auf Wellen, klappere mit den Fingern beider Hände und mir entgegenkommenden Kindern fahre ich über das Haar.

Aber der Weg ist zu kurz. Gleich bin ich in meinem Hause, öffne die Lifttür und trete ein.

Ich sehe, daß ich jetzt und plötzlich allein bin. Andere, die über Treppen steigen müssen, ermüden dabei ein wenig, müssen mit eilig atmenden Lungen warten, bis man die Tür der Wohnung öffnen kommt, haben dabei einen Grund für Ärger und Ungeduld, kommen jetzt ins Vorzimmer, wo sie den Hut aufhängen, und erst bis sie durch den Gang an einigen Glastüren vorbei in ihr eigenes Zimmer kommen, sind sie allein.

Ich aber bin gleich allein im Lift, und schaue, auf die Knie gestützt, in den schmalen Spiegel. Als der Lift sich zu heben anfängt, sage ich:

»Seid still, tretet zurück, wollt Ihr in den Schatten der Bäume, hinter die Draperien der Fenster, in das Laubengewölbe?«

Ich rede mit den Zähnen und die Treppengeländer gleiten an den Milchglasscheiben hinunter wie stürzendes Wasser.

»Flieget weg; Euere Flügel, die ich niemals gesehen habe, mögen Euch ins dörfliche Tal tragen oder nach Paris, wenn es Euch dorthin treibt.

Doch genießet die Aussicht des Fensters, wenn die Prozessionen aus allen drei Straßen kommen, einander nicht ausweichen, durcheinander gehn und zwischen ihren letzten Reihen den freien Platz wieder entstehen lassen. Winket mit den Tüchern, seid entsetzt, seid gerührt, lobet die schöne Dame, die vorüberfährt.

Geht über den Bach auf der hölzernen Brücke, nickt den badenden Kindern zu und staunet über das Hurra der tausend Matrosen auf dem fernen Panzerschiff.

Verfolget nur den unscheinbaren Mann und wenn Ihr ihn in einen Torweg gestoßen habt, beraubt ihn und seht ihm dann, jeder die Hände in den Taschen, nach, wie er traurig seines Weges in die linke Gasse geht.

Die verstreut auf ihren Pferden galoppierende Polizei bändigt die Tiere und drängt Euch zurück. Lasset sie, die leeren Gassen werden sie unglücklich machen, ich weiß es. Schon reiten sie, ich bitte, paarweise weg, langsam um die Straßenecken, fliegend über die Plätze.«

Dann muß ich aussteigen, den Aufzug hinunterlassen, an der Türglocke läuten, und das Mädchen öffnet die Tür, während ich grüße.


Was werden wir in diesen Frühlingstagen tun, die jetzt rasch kommen? Heute früh war der Himmel grau, geht man aber jetzt zum Fenster, so ist man überrascht und lehnt die Wange an die Klinke des Fensters.

Unten sieht man das Licht der freilich schon sinkenden Sonne auf dem Gesicht des kindlichen Mädchens, das so geht und sich umschaut, und zugleich sieht man den Schatten des Mannes darauf, der hinter ihm rascher kommt.

Dann ist der Mann schon vorübergegangen und das Gesicht des Kindes ist ganz hell.


Man sehe die Überzeugungskraft der Luft nach dem Gewitter! Meine Verdienste erscheinen mir und überwältigen mich, wenn ich mich auch nicht sträube.

Ich marschiere und mein Tempo ist das Tempo dieser Gassenseite, dieser Gasse, dieses Viertels. Ich bin mit Recht verantwortlich für alle Schläge gegen Türen, auf die Platten der Tische, für alle Trinksprüche, für die Liebespaare in ihren Betten, in den Gerüsten der Neubauten, in dunklen Gassen an die Häusermauern gepreßt, auf den Ottomanen der Bordelle.

Ich schätze meine Vergangenheit gegen meine Zukunft, finde aber beide vortrefflich, kann keiner von beiden den Vorzug geben und nur die Ungerechtigkeit der Vorsehung, die mich so begünstigt, muß ich tadeln.

Nur als ich in mein Zimmer trete, bin ich ein wenig nachdenklich, aber ohne daß ich während des Treppensteigens etwas Nachdenkenswertes gefunden hätte. Es hilft mir nicht viel, daß ich das Fenster gänzlich öffne und daß in einem Garten die Musik noch spielt.


Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar – denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond – uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiter laufen lassen.

Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gasse im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben die zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden Mitschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts von einander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.

Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehn.


Ich stehe auf der Plattform des elektrischen Wagens und bin vollständig unsicher in Rücksicht meiner Stellung in dieser Welt, in dieser Stadt, in meiner Familie. Auch nicht beiläufig könnte ich angeben, welche Ansprüche ich in irgendeiner Richtung mit Recht vorbringen könnte. Ich kann es gar nicht verteidigen, daß ich auf dieser Plattform stehe, mich an dieser Schlinge halte, von diesem Wagen mich tragen lasse, daß Leute dem Wagen ausweichen oder still gehn oder vor den Schaufenstern ruhn. – Niemand verlangt es ja von mir, aber das ist gleichgültig.

Der Wagen nähert sich einer Haltestelle, ein Mädchen stellt sich nahe den Stufen, zum Aussteigen bereit. Sie erscheint mir so deutlich, als ob ich sie betastet hätte. Sie ist schwarz gekleidet, die Rockfalten bewegen sich fast nicht, die Bluse ist knapp und hat einen Kragen aus weißer kleinmaschiger Spitze, die linke Hand hält sie flach an die Wand, der Schirm in ihrer Rechten steht auf der zweitobersten Stufe. Ihr Gesicht ist braun, die Nase, an den Seiten schwach gepreßt, schließt rund und breit ab. Sie hat viel braunes Haar und verwehte Härchen an der rechten Schläfe. Ihr kleines Ohr liegt eng an, doch sehe ich, da ich nahe stehe, den ganzen Rücken der rechten Ohrmuschel und den Schatten an der Wurzel.

Ich fragte mich damals: Wieso kommt es, daß sie nicht über sich verwundert ist, daß sie den Mund geschlossen hält und nichts dergleichen sagt?


Oft wenn ich Kleider mit vielfachen Falten, Rüschen und Behängen sehe, die über schönen Körper schön sich legen, dann denke ich, daß sie nicht lange so erhalten bleiben, sondern Falten bekommen, nicht mehr gerade zu glätten, Staub bekommen, der, dick in der Verzierung, nicht mehr zu entfernen ist, und daß niemand so traurig und lächerlich sich wird machen wollen, täglich das gleiche kostbare Kleid früh anzulegen und abends auszuziehn.

Doch sehe ich Mädchen, die wohl schön sind und vielfache reizende Muskeln und Knöchelchen und gespannte Haut und Massen dünner Haare zeigen, und doch tagtäglich in diesem einen natürlichen Maskenanzug erscheinen, immer das gleiche Gesicht in die gleichen Handflächen legen und von ihrem Spiegel widerscheinen lassen.

Nur manchmal am Abend, wenn sie spät von einem Feste kommen, scheint es ihnen im Spiegel abgenützt, gedunsen, verstaubt, von allen schon gesehn und kaum mehr tragbar.


Wenn ich einem schönen Mädchen begegne und sie bitte:»Sei so gut, komm mit mir« und sie stumm vorübergeht, so meint sie damit:

»Du bist kein Herzog mit fliegendem Namen, kein breiter Amerikaner mit indianischem Wuchs, mit wagrecht ruhenden Augen, mit einer von der Luft der Rasenplätze und der sie durchströmenden Flüsse massierten Haut, Du hast keine Reisen gemacht zu den großen Seen und auf ihnen, die ich weiß nicht wo zu finden sind. Also ich bitte, warum soll ich, ein schönes Mädchen, mit Dir gehn?«

»Du vergißt, Dich trägt kein Automobil in langen Stößen schaukelnd durch die Gasse; ich sehe nicht die in ihre Kleider gepreßten Herren Deines Gefolges, die Segensprüche für Dich murmelnd in genauem Halbkreis hinter Dir gehn; Deine Brüste sind im Mieder gut geordnet, aber Deine Schenkel und Hüften entschädigen sich für jene Enthaltsamkeit; Du trägst ein Taffetkleid mit plissierten Falten, wie es im vorigen Herbste uns durchaus allen Freude machte, und doch lächelst Du – diese Lebensgefahr auf dem Leibe – bisweilen.«

»Ja, wir haben beide recht und, um uns dessen nicht unwiderleglich bewußt zu werden, wollen wir, nicht wahr, lieber jeder allein nach Hause gehn.«


Nichts, wenn man es überlegt, kann dazu verlocken, in einem Wettrennen der erste sein zu wollen.

Der Ruhm, als der beste Reiter eines Landes anerkannt zu werden, freut beim Losgehn des Orchesters zu stark, als daß sich am Morgen danach die Reue verhindern ließe.

Der Neid der Gegner, listiger, ziemlich einflußreicher Leute, muß uns in dem engen Spalier schmerzen, das wir nun durchreiten nach jener Ebene, die bald vor uns leer war bis auf einige überrundete Reiter, die klein gegen den Rand des Horizonts anritten.

Viele unserer Freunde eilen den Gewinn zu beheben und nur über die Schultern weg schreien sie von den entlegenen Schaltern ihr Hurra zu uns; die besten Freunde aber haben gar nicht auf unser Pferd gesetzt, da sie fürchteten, käme es zum Verluste, müßten sie uns böse sein, nun aber, da unser Pferd das erste war und sie nichts gewonnen haben, drehn sie sich um, wenn wir vorüberkommen und schauen lieber die Tribünen entlang.

Die Konkurrenten rückwärts, fest im Sattel, suchen das Unglück zu überblicken, das sie getroffen hat, und das Unrecht, das ihnen irgendwie zugefügt wird; sie nehmen ein frisches Aussehen an, als müsse ein neues Rennen anfangen und ein ernsthaftes nach diesem Kinderspiel.

Vielen Damen scheint der Sieger lächerlich, weil er sich aufbläht und doch nicht weiß, was anzufangen mit dem ewigen Händeschütteln, Salutieren, Sich-Niederbeugen und In-die-Ferne-Grüßen, während die Besiegten den Mund geschlossen haben und die Hälse ihrer meist wiehernden Pferde leichthin klopfen.

Endlich fängt es gar aus dem trüb gewordenen Himmel zu regnen an.


Wer verlassen lebt und sich doch hie und da irgendwo anschließen möchte, wer mit Rücksicht auf die Veränderungen der Tageszeit, der Witterung, der Berufsverhältnisse und dergleichen ohne weiteres irgend einen beliebigen Arm sehen will, an dem er sich halten könnte, – der wird es ohne ein Gassenfenster nicht lange treiben. Und steht es mit ihm so, daß er gar nichts sucht und nur als müder Mann, die Augen auf und ab zwischen Publikum und Himmel, an seine Fensterbrüstung tritt, und er will nicht und hat ein wenig den Kopf zurückgeneigt, so reißen ihn doch unten die Pferde mit in ihr Gefolge von Wagen und Lärm und damit endlich der menschlichen Eintracht zu.


Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.


Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.


Als es schon unerträglich geworden war – einmla gegen Abend im November – und ich über den schmalen Teppich meines Zimmers wie in einer Rennbahn einherlief, durch den Anblick der erleuchteten Gasse erschreckt, wieder wendete, und in der Tiefe des Zimmers, im Grund des Spiegels doch wieder ein neues Ziel bekam, und aufschrie, um nur den Schrei zu hören, dem nichts antwortet und dem auch nichts die Kraft des Schreiens nimmt, der also aufsteigt, ohne Gegengewicht, und nicht aufhören kann, selbst wenn er verstummt, da öffnete sich aus der Wand heraus die Tür, so eilig, weil doch Eile nötig war und selbst die Wagenpferde unten auf dem Pflaster wie wildgewordene Pferde in der Schlacht, die Gurgeln preisgegeben, sich erhoben.

Als kleines Gespenst fuhr ein Kind aus dem ganz dunklen Korridor, in dem die Lampe noch nicht brannte, und blieb auf den Fußspitzen stehn, auf einem unmerklich schaukelnden Fußbodenbalken. Von der Dämmerung des Zimmers gleich geblendet, wollte es mit seinem Gesicht rasch in seine Hände, beruhigte sich aber unversehens mit dem Blick zum Fenster, vor dessen Kreuz der hochgetriebene Dunst der Straßenbeleuchtung endlich unter dem Dunkel liegen blieb. Mit dem rechten Ellbogen hielt es sich vor der offenen Tür aufrecht an der Zimmerwand und ließ den Luftzug von draußen um die Gelenke der Füße streichen, auch den Hals, auch die Schläfen entlang.

Ich sah ein wenig hin, dann sagte ich »Guten Tag« und nahm meinen Rock vom Ofenschirm, weil ich nicht so halb nackt dastehen wollte. Ein Weilchen lang hielt ich den Mund offen, damit mich die Aufregung durch den Mund verlasse. Ich hatte schlechten Speichel in mir, im Gesicht zitterten mir die Augenwimpern, kurz, es fehlte mir nichts, als gerade dieser allerdings erwartete Besuch.

Das Kind stand noch an der Wand auf dem gleichen Platz, es hatte die rechte hand an die Mauer gepreßt und konnte, ganz rotwangig, dessen nicht satt werden, daß die weißgetünchte Wand grobkörnig war und die Fingerspitzen rieb. Ich sagte:»Wollen Sie tatsächlich zu mir? Ist es kein Irrtum? Nichts leichter als ein Irrtum in diesem großen Hause. Ich heiße Soundso, wohne im dritten Stock. Bin ich also der, den Sie besuchen wollen?«

»Ruhe, Ruhe!« sagte das Kind über die Schulter weg, »alles ist schon richtig.«

»Dann kommen Sie weiter ins Zimmer herein, ich möchte die Tür schließen.«

»Die Tür habe ich jetzt gerade geschlossen. Machen Sie sich keine Mühe. Beruhigen Sie sich überhaupt.«

»Reden Sie nicht von Mühe. Aber auf diesem Gange wohnt eine Menge Leute, alle sind natürlich meine Bekannten; die meisten kommen jetzt aus den Geschäften; wenn sie in einem Zimmer reden hören, glauben sie einfach das Recht zu haben, aufzumachen und nachzuschaun, was los ist. Es ist einmal schon so. Diese Leute haben die tägliche Arbeit hinter sich; wem würden sie sich in der provisorischen Abendfreiheit unterwerfen! Übrigens wissen Sie es ja auch. Lassen Sie mich die Türe schließen.«

»Ja was ist denn? Was haben Sie? Meinetwegen kann das ganze Haus hereinkommen. Und dann noch einmal: Ich habe die Türe schon geschlossen, glauben Sie denn, nur Sie können die Türe schließen? Ich habe sogar mit dem Schlüssel zugesperrt.«

»Dann ist gut. Mehr will ich ja nicht. Mit dem Schlüssel hätten Sie gar nicht zusperren müssen. Und jetzt machen Sie es sich nur behaglich, wenn Sie schon einmal da sind. Sie sind mein Gast. Vertrauen Sie mir völlig. Machen Sie sich nur breit ohne Angst. Ich werde Sie weder zum Hierbleiben zwingen, noch zum Weggehn. Muß ich das erst sagen? Kennen Sie mich so schlecht?«

»Nein. Sie hätten das wirklich nicht sagen müssen. Noch mehr, Sie hätten es gar nicht sagen sollen. Ich bin ein Kind; warum soviel Umstände mit mir machen?«

»So schlimm ist es nicht. Natürlich, ein Kind. Aber gar so klein sind Sie nicht. Sie sind schon ganz erwachsen. Wenn Sie ein Mädchen wären, dürften Sie sich nicht so einfach mit mir in einem Zimmer einsperren.«

»Darüber müssen wir uns keine Sorgen machen. Ich wollte nur sagen: Daß ich Sie so gut kenne, schützt mich wenig, es enthebt Sie nur der Anstrengung, mir etwas vorzulügen. Trotzdem aber machen Sie mir Komplimente. Lassen Sie das, ich fordere Sie auf, lassen Sie das. Dazu kommt, daß ich Sie nicht überall und immerfort kenne, gar bei dieser Finsternis. Es wäre viel besser, wenn Sie Licht machen ließen. Nein, lieber nicht. Immerhin werde ich mir merken, daß Sie mir schon gedroht haben.«

»Wie? Ich hätte Ihnen gedroht? Aber ich bitte Sie. Ich bin ja so froh, daß Sie endlich hier sind. Ich sage ›endlich‹, weil es schon so spät ist. Es ist mir unbegreiflich, warum Sie so spät gekommen sind. Da ist es möglich, daß ich in der Freude so durcheinander gesprochen habe und daß Sie es gerade so verstanden haben. Daß ich so gesprochen habe, gebe ich zehnmal zu, ja ich habe Ihnen mit Allem gedroht, was Sie wollen. – Nur keinen Streit, um Himmelswillen! – Aber wie konnten Sie es glauben? Wie konnten Sie mich so kränken? Warum wollen Sie mir mit aller Gewalt dieses kleine Weilchen Ihres Hierseins verderben? Ein fremder Mensch wäre entgegenkommender als Sie.«

»Das glaube ich; das war keine Weisheit. So nah, als Ihnen ein fremder Mensch entgegenkommen kann, bin ich Ihnen schon von Natur aus. Das wissen Sie auch, wozu also die Wehmut? Sagen Sie, daß Sie Komödie spielen wollen, und ich gehe augenblicklich.«

»So? Auch das wagen Sie mir zu sagen? Sie sind ein wenig zu kühn. Am Ende sind Sie doch in meinem Zimmer. Sie reiben Ihre Finger wie verrückt an meiner Wand. Mein Zimmer, meine Wand! Und außerdem ist das, was Sie sagen, lächerlich, nicht nur frech. Sie sagen, Ihre Natur zwinge Sie, mit mir in dieser Weise zu reden. Wirklich? Ihre Natur zwingt Sie? Das ist nett von Ihrer Natur. Ihre Natur ist meine, und wenn ich mich von Natur aus freundlich zu Ihnen verhalte, so dürfen auch Sie nicht anders.«

»Ist das freundlich?«

»Ich rede von früher.«

»Wissen Sie, wie ich später sein werde?«

»Nichts weiß ich.«

Und ich ging zum Nachttisch hin, auf dem ich die Kerze anzündete. Ich hatte in jener Zeit weder Gas noch elektrisches Licht in meinem Zimmer. Ich saß dann noch eine Weile beim Tisch, bis ich auch dessen müde wurde, den Überzieher anzog, den Hut vom Kanapee nahm und die Kerze ausblies. Beim Hinausgehen verfing ich mich in ein Sesselbein.

Auf der Treppe traf ich einen Mieter aus dem gleichen Stockwerk.

»Sie gehen schon wieder weg, Sie Lump?« fragte er, auf seinen über zwei Stufen ausgebreiteten Beinen ausruhend.

»Was soll ich machen?« sagte ich, »jetzt habe ich ein Gespenst im Zimmer gehabt.«

»Sie sagen das mit der gleichen Unzufriedenheit, wie wenn Sie ein Haar in der Suppe gefunden hätten.«

»Sie spaßen. Aber merken Sie sich, ein Gespenst ist ein Gespenst.«

»Sehr wahr. Aber wie, wenn man überhaupt nicht an Gespenster glaubt?«

»Ja meinen Sie denn, ich glaube an Gespenster? Was hilft mir aber dieses Nichtglauben?«

»Sehr einfach. Sie müssen eben keine Angst mehr haben, wenn ein Gespenst wirklich zu Ihnen kommt.«

»Ja, aber das ist doch die nebensächliche Angst. Die eigentliche Angst ist die Angst vor der Ursache der Erscheinung. Und diese Angst bleibt. Die habe ich geradezu großartig in mir.« Ich fing vor Nervosität an, alle meine Taschen zu durchsuchen.

»Da Sie aber vor der Erscheinung selbst keine Angst hatten, hätten Sie sie doch ruhig nach ihrer Ursache fragen können!«

»Sie haben offenbar noch nie mit Gespenstern gesprochen. Aus denen kann man ja niemals eine klare Auskunft bekommen. Das ist ein Hinundher. Diese Gespenster scheinen über ihre Existenz mehr im Zweifel zu sein, als wir, was übrigens bei ihrer Hinfälligkeit kein Wunder ist.«

»Ich habe aber gehört, daß man sie auffüttern kann.«

»Da sind Sie gut berichtet. Das kann man. Aber wer wird das machen?«

»Warum nicht? Wenn es ein weibliches Gespenst ist z. B.« sagte er und schwang sich auf die obere Stufe.

»Ach so«, sagte ich, »aber selbst dann steht es nicht dafür.«

Ich besann mich. Mein Bekannter war schon so hoch, daß er sich, um mich zu sehen, unter einer Wölbung des Treppenhauses vorbeugen mußte. »Aber trotzdem«, rief ich, »wenn Sie mir dort oben mein Gespenst wegnehmen, dann ist es zwischen uns aus, für immer.«

»Aber das war ja nur Spaß«, sagte er und zog den Kopf zurück.

»Dann ist es gut«, sagte ich und hätte jetzt eigentlich ruhig spazieren gehen können. Aber weil ich mich gar so verlassen fühlte, ging ich lieber hinauf und legte mich schlafen.

Erzaehlungen Kapitel 14

Elf Söhne

Ich habe elf Söhne.

Der erste ist äußerlich sehr unansehnlich, aber ernsthaft und klug; trotzdem schätze ich ihn, wiewohl ich ihn als Kind wie alle andern liebe, nicht sehr hoch ein. Sein Denken scheint mir zu einfach. Er sieht nicht rechts noch links und nicht in die Weite; in seinem kleinen Gedankenkreis läuft er immerfort rundum oder dreht sich vielmehr.

Der zweite ist schön, schlank, wohlgebaut; es entzückt, ihn in Fechterstellung zu sehen. Auch er ist klug, aber überdies welterfahren; er hat viel gesehen, und deshalb scheint selbst die heimische Natur vertrauter mit ihm zu sprechen als mit den Daheimgebliebenen. Doch ist gewiß dieser Vorzug nicht nur und nicht einmal wesentlich dem Reisen zu verdanken, er gehört vielmehr zu dem Unnachahmlichen dieses Kindes, das zum Beispiel von jedem anerkannt wird, der etwa seinen vielfach sich überschlagenden und doch geradezu wild beherrschten Kunstsprung ins Wasser ihm nachmachen will. Bis zum Ende des Sprungbrettes reicht der Mut und die Lust, dort aber statt zu springen, setzt sich plötzlich der Nachahmer und hebt entschuldigend die Arme. – Und trotz dem allen (ich sollte doch eigentlich glücklich sein über ein solches Kind) ist mein Verhältnis zu ihm nicht ungetrübt. Sein linkes Auge ist ein wenig kleiner als das rechte und zwinkert viel; ein kleiner Fehler nur, gewiß, der sein Gesicht sogar noch verwegener macht als es sonst gewesen wäre, und niemand wird gegenüber der unnahbaren Abgeschlossenheit seines Wesens dieses kleinere zwinkernde Auge tadelnd bemerken. Ich, der Vater, tue es. Es ist natürlich nicht dieser körperliche Fehler, der mir weh tut, sondern eine ihm irgendwie entsprechende kleine Unregelmäßigkeit seines Geistes, irgendein in seinem Blut irrendes Gift, irgendeine Unfähigkeit, die mir allein sichtbare Anlage seines Lebens rund zu vollenden. Gerade dies macht ihn allerdings andererseits wieder zu meinem wahren Sohn, denn dieser sein Fehler ist gleichzeitig der Fehler unserer ganzen Familie und an diesem Sohn nur überdeutlich.

Der dritte Sohn ist gleichfalls schön, aber es ist nicht die Schönheit, die mir gefällt. Es ist die Schönheit des Sängers: der geschwungene Mund; das träumerische Auge; der Kopf, der eine Draperie hinter sich benötigt, um zu wirken; die unmäßig sich wölbende Brust; die leicht auffahrenden und viel zu leicht sinkenden Hände; die Beine, die sich zieren, weil sie nicht tragen können. Und überdies: der Ton seiner Stimme ist nicht voll; trügt einen Augenblick; läßt den Kenner aufhorchen; veratmet aber kurz darauf – Trotzdem im allgemeinen alles verlockt, diesen Sohn zur Schau zu stellen, halte ich ihn doch am liebsten im Verborgenen; er selbst drängt sich nicht auf, aber nicht etwa deshalb, weil er seine Mängel kennt, sondern aus Unschuld. Auch fühlt er sich fremd in unserer Zeit; als gehöre er zwar zu meiner Familie, aber überdies noch zu einer andern, ihm für immer verlorenen, ist er oft unlustig und nichts kann ihn aufheitern.

Mein vierter Sohn ist vielleicht der umgänglichste von allen. Ein wahres Kind seiner Zeit, ist er jedermann verständlich, er steht auf dem allen gemeinsamen Boden und jeder ist versucht, ihm zuzunicken. Vielleicht durch diese allgemeine Anerkennung gewinnt sein Wesen etwas Leichtes, seine Bewegungen etwas Freies, seine Urteile etwas Unbekümmertes. Manche seiner Aussprüche möchte man oft wiederholen, allerdings nur manche, denn in seiner Gesamtheit krankt er doch wieder an allzu großer Leichtigkeit. Er ist wie einer, der bewundernswert abspringt, schwalbengleich die Luft teilt, dann aber doch trostlos im öden Staube endet, ein Nichts. Solche Gedanken vergällen mir den Anblick dieses Kindes.

Der fünfte Sohn ist lieb und gut; versprach viel weniger, als er hielt; war so unbedeutend, daß man sich förmlich in seiner Gegenwart allein fühlte; hat es aber doch zu einigem Ansehen gebracht. Fragte man mich, wie das geschehen ist, so könnte ich kaum antworten. Unschuld dringt vielleicht doch noch am leichtesten durch das Toben der Elemente in dieser Welt, und unschuldig ist er. Vielleicht allzu unschuldig. Freundlich zu jedermann. Vielleicht allzu freundlich. Ich gestehe: mir wird nicht wohl, wenn man ihn mir gegenüber lobt. Es heißt doch, sich das Loben etwas zu leicht zu machen, wenn man einen so offensichtlich Lobenswürdigen lobt, wie es mein Sohn ist.

Mein sechster Sohn scheint, wenigstens auf den ersten Blick, der tiefsinnigste von allen. Ein Kopfhänger und doch ein Schwätzer. Deshalb kommt man ihm nicht leicht bei. Ist er am Unterliegen, so verfällt er in unbesiegbare Traurigkeit; erlangt er das Obergewicht, so wahrt er es durch Schwätzen. Doch spreche ich ihm eine gewisse selbstvergessene Leidenschaft nicht ab; bei hellem Tag kämpft er sich oft durch das Denken wie im Traum. Ohne krank zu sein – vielmehr hat er eine sehr gute Gesundheit – taumelt er manchmal, besonders in der Dämmerung, braucht aber keine Hilfe, fällt nicht. Vielleicht hat an dieser Erscheinung seine körperliche Entwicklung schuld, er ist viel zu groß für sein Alter. Das macht ihn unschön im Ganzen, trotz auffallend schöner Einzelheiten, zum Beispiel der Hände und Füße. Unschön ist übrigens auch seine Stirn; sowohl in der Haut als in der Knochenbildung irgendwie verschrumpft.

Der siebente Sohn gehört mir vielleicht mehr als alle andern. Die Welt versteht ihn nicht zu würdigen; seine besondere Art von Witz versteht sie nicht. Ich überschätze ihn nicht; ich weiß, er ist geringfügig genug; hätte die Welt keinen anderen Fehler als den, daß sie ihn nicht zu würdigen weiß, sie wäre noch immer makellos. Aber innerhalb der Familie wollte ich diesen Sohn nicht missen. Sowohl Unruhe bringt er, als auch Ehrfurcht vor der Überlieferung, und beides fügt er, wenigstens für mein Gefühl, zu einem unanfechtbaren Ganzen. Mit diesem Ganzen weiß er allerdings selbst am wenigsten etwas anzufangen; das Rad der Zukunft wird er nicht ins Rollen bringen, aber diese seine Anlage ist so aufmunternd, so hoffnungsreich; ich wollte, er hätte Kinder und diese wieder Kinder. Leider scheint sich dieser Wunsch nicht erfüllen zu wollen. In einer mir zwar begreiflichen, aber ebenso unerwünschten Selbstzufriedenheit, die allerdings in großartigem Gegensatz zum Urteil seiner Umgebung steht, treibt er sich allein umher, kümmert sich nicht um Mädchen und wird trotzdem niemals seine gute Laune verlieren.

Mein achter Sohn ist mein Schmerzenskind, und ich weiß eigentlich keinen Grund dafür. Er sieht mich fremd an, und ich fühle mich doch väterlich eng mit ihm verbunden. Die Zeit hat vieles gut gemacht; früher aber befiel mich manchmal ein Zittern, wenn ich nur an ihn dachte. Er geht seinen eigenen Weg; hat alle Verbindungen mit mir abgebrochen; und wird gewiß mit seinem harten Schädel, seinem kleinen athletischen Körper – nur die Beine hatte er als Junge recht schwach, aber das mag sich inzwischen schon ausgeglichen haben – überall durchkommen, wo es ihm beliebt. Öfters hatte ich Lust, ihn zurückzurufen, ihn zu fragen, wie es eigentlich um ihn steht, warum er sich vom Vater so abschließt und was er im Grunde beabsichtigt, aber nun ist er so weit und so viel Zeit ist schon vergangen, nun mag es so bleiben wie es ist. Ich höre, daß er als der einzige meiner Söhne einen Vollbart trägt; schön ist das bei einem so kleinen Mann natürlich nicht.

Mein neunter Sohn ist sehr elegant und hat den für Frauen bestimmten süßen Blick. So süß, daß er bei Gelegenheit sogar mich verführen kann, der ich doch weiß, daß förmlich ein nasser Schwamm genügt, um allen diesen überirdischen Glanz wegzuwischen. Das Besondere an diesem Jungen aber ist, daß er gar nicht auf Verführung ausgeht; ihm würde es genügen, sein Leben lang auf dem Kanapee zu liegen und seinen Blick an die Zimmerdecke zu verschwenden oder noch viel lieber ihn unter den Augenlidern ruhen zu lassen. Ist er in dieser von ihm bevorzugten Lage, dann spricht er gern und nicht übel; gedrängt und anschaulich; aber doch nur in engen Grenzen; geht er über sie hinaus, was sich bei ihrer Enge nicht vermeiden läßt, wird sein Reden ganz leer. Man würde ihm abwinken, wenn man Hoffnung hätte, daß dieser mit Schlaf gefüllte Blick es bemerken könnte.

Mein zehnter Sohn gilt als unaufrichtiger Charakter. Ich will diesen Fehler nicht ganz in Abrede stellen, nicht ganz bestätigen. Sicher ist, daß, wer ihn in der weit über sein Alter hinausgehenden Feierlichkeit herankommen sieht, im immer festgeschlossenen Gehrock, im alten, aber übersorgfältig geputzten schwarzen Hut, mit dem unbewegten Gesicht, dem etwas vorragenden Kinn, den schwer über die Augen sich wölbenden Lidern, den manchmal an den Mund geführten zwei Fingern – wer ihn so sieht, denkt: das ist ein grenzenloser Heuchler. Aber, nun höre man ihn reden! Verständig; mit Bedacht; kurz angebunden; mit boshafter Lebendigkeit Fragen durchkreuzend; in erstaunlicher, selbstverständlicher und froher Übereinstimmung mit dem Weltganzen; eine Übereinstimmung, die notwendigerweise den Hals strafft und den Körper erheben läßt. Viele, die sich sehr klug dünken und die sich, aus diesem Grunde wie sie meinten, von seinem Äußern abgestoßen fühlten, hat er durch sein Wort stark angezogen. Nun gibt es aber wieder Leute, die sein Äußeres gleichgültig läßt, denen aber sein Wort heuchlerisch erscheint. Ich, als Vater, will hier nicht entscheiden, doch muß ich eingestehen, daß die letzteren Beurteiler jedenfalls beachtenswerter sind als die ersteren.

Mein elfter Sohn ist zart, wohl der schwächste unter meinen Söhnen; aber täuschend in seiner Schwäche; er kann nämlich zu Zeiten kräftig und bestimmt sein, doch ist allerdings selbst dann die Schwäche irgendwie grundlegend. Es ist aber keine beschämende Schwäche, sondem etwas, das nur auf diesem unsern Erdboden als Schwäche erscheint. Ist nicht zum Beispiel auch Flugbereitschaft Schwäche, da sie doch Schwanken und Unbestimmtheit und Flattern ist? Etwas Derartiges zeigt mein Sohn. Den Vater freuen natürlich solche Eigenschaften nicht; sie gehen ja offenbar auf Zerstörung der Familie aus. Manchmal blickt er mich an, als wollte er mir sagen: ›Ich werde dich mitnehmen, Vater.‹ Dann denke ich: ›Du wärst der Letzte, dem ich mich vertraue.‹ Und sein Blick scheint wieder zu sagen: ›Mag ich also wenigstens der Letzte sein.‹

Das sind die elf Söhne.

Erzaehlungen Kapitel 15

Das Schweigen der Sirenen

Beweis dessen, daß auch unzulängliche, ja kindische Mittel zur Rettung dienen können:

Um sich vor den Sirenen zu bewahren, stopfte sich Odysseus Wachs in die Ohren und ließ sich am Mast festschmieden. Ähnliches hätten natürlich seit jeher alle Reisenden tun können, außer denen, welche die Sirenen schon aus der Ferne verlockten, aber es war in der ganzen Welt bekannt, daß dies unmöglich helfen konnte. Der Sang der Sirenen durchdrang alles, und die Leidenschaft der Verführten hätte mehr als Ketten und Mast gesprengt. Daran aber dachte Odysseus nicht, obwohl er davon vielleicht gehört hatte. Er vertraute vollständig der Handvoll Wachs und dem Gebinde Ketten und in unschuldiger Freude über seine Mittelchen fuhr er den Sirenen entgegen.

Nun haben aber die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen. Es ist zwar nicht geschehen, aber vielleicht denkbar, daß sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte, vor ihrem Schweigen gewiß nicht. Dem Gefühl, aus eigener Kraft sie besiegt zu haben, der daraus folgenden alles fortreißenden Überhebung kann nichts Irdisches widerstehen.

Und tatsächlich sangen, als Odysseus kam, die gewaltigen Sängerinnen nicht, sei es, daß sie glaubten, diesem Gegner könne nur noch das Schweigen beikommen, sei es, daß der Anblick der Glückseligkeit im Gesicht des Odysseus, der an nichts anderes als an Wachs und Ketten dachte, sie allen Gesang vergessen ließ.

Odysseus aber, um es so auszudrücken, hörte ihr Schweigen nicht, er glaubte, sie sängen, und nur er sei behütet, es zu hören. Flüchtig sah er zuerst die Wendungen ihrer Hälse, das tiefe Atmen, die tränenvollen Augen, den halb geöffneten Mund, glaubte aber, dies gehöre zu den Arien, die ungehört um ihn verklangen. Bald aber glitt alles an seinen in die Ferne gerichteten Blicken ab, die Sirenen verschwanden förmlich vor seiner Entschlossenheit, und gerade als er ihnen am nächsten war, wußte er nichts mehr von ihnen.

Sie aber – schöner als jemals – streckten und drehten sich, ließen das schaurige Haar offen im Winde wehen und spannten die Krallen frei auf den Felsen. Sie wollten nicht mehr verführen, nur noch den Abglanz vom großen Augenpaar des Odysseus wollten sie so lange als möglich erhaschen.

Hätten die Sirenen Bewußtsein, sie wären damals vernichtet worden. So aber blieben sie, nur Odysseus ist ihnen entgangen.

Es wird übrigens noch ein Anhang hierzu überliefert. Odysseus, sagt man, war so listenreich, war ein solcher Fuchs, daß selbst die Schicksalsgöttin nicht in sein Innerstes dringen konnte. Vielleicht hat er, obwohl das mit Menschenverstand nicht mehr zu begreifen ist, wirklich gemerkt, daß die Sirenen schwiegen, und hat ihnen und den Göttern den obigen Scheinvorgang nur gewissermaßen als Schild entgegengehalten.

Der rote Kreis

Der rote Kreis

»Nun, Frau Warren, ich kann wirklich keinen Grund zu irgendwelcher Beunruhigung für Sie sehen, noch verstehe ich, weshalb ich, dessen Zeit wertvoll ist, mich in diese Angelegenheit mischen soll.« So sprach Sherlock Holmes und wandte sich wieder dem Briefordner zu, in welchen er die Aufzeichnungen über seine letzte Tätigkeit einreihte und registrierte.

Aber Frau Warren besaß die Beharrlichkeit und Schlauheit ihres Geschlechts. Sie ließ sich nicht beirren.

»Voriges Jahr halfen Sie einem meiner Mieter in einer schwierigen Frage«, sagte sie – »Herrn Fairdale Hobbs.«

»Ach ja – eine einfache Sache.«

»Und doch wird er nie aufhören, davon zu sprechen, – von Ihrer Güte, Herr Holmes, und wie Sie Licht in die dunkle Angelegenheit brachten. Ich erinnerte mich seiner Worte, als ich selbst jetzt auf einmal voll Zweifel und Sorge war. Ich weiß, Sie könnten, wenn Sie nur wollten.«

Holmes war der Schmeichelei zugänglich und auch – um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – der Liebenswürdigkeit. Mit einem Seufzer der Ergebenheit legte er seine Feder auf den Tisch und schob den Stuhl zurück.

»Gut, Frau Warren, lassen Sie also Ihre Geschichte hören, Sie gestatten doch, daß ich rauche? Danke sehr! Watson – Zündhölzer! Sie fühlen sich unbehaglich, soviel ich verstanden habe, weil Ihr neuer Mieter in seinen Zimmern bleibt und Sie ihn nie sehen. Aber ich bitte Sie, Frau Warren, wenn ich Ihr Mieter wäre, würden Sie oft wochenlang nichts von mir sehen.«

»Zweifellos, Herr Holmes; aber hier liegen die Dinge anders. Es beängstigt mich. Ich kann aus Furcht nicht schlafen. Immer seinen raschen Schritt über mir hin- und hergehen zu hören, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, und niemals auch nur einen Schimmer von ihm zu sehen, – das ist mehr, als ich ertragen kann. Mein Mann ist so erregt darüber wie ich; aber er ist den ganzen Tag fort bei seiner Arbeit, während ich nie davon los komme. Was hat er zu verbergen? Was hat er getan? Außer dem Dienstmädchen bin ich ganz allein mit ihm im Hause, und das halten meine Nerven nicht mehr lange aus.«

Holmes beugte sich vor und legte seine langen, mageren Finger auf die Schulter der Frau. Wenn er wollte, konnte er eine beinahe hypnotische Kraft der Beruhigung ausüben. Der gequälte Ausdruck wich aus ihren Augen, und ihr aufgeregtes Gesicht zeigte allmählich wieder mehr Fassung. Sie setzte sich auf den Stuhl, welchen er ihr anbot.

»Wenn ich mich damit beschäftigen soll, muß ich jede Einzelheit wissen«, sagte er. »Überlegen Sie in Ruhe. Der kleinste Punkt ist vielleicht der wichtigste. Sie sagten, der Mann sei vor zehn Tagen gekommen und hätte Ihnen Wohnung und Verpflegung für vierzehn Tage vorausbezahlt?«

»Er fragte mich nach meinen Bedingungen. Ich sagte fünfzig Schilling die Woche. Es ist ein kleines Wohn- und Schlafzimmer im Giebel des Hauses, und volle Verpflegung.«

»Nun?«

»Er sagte: ›Ich zahle Ihnen fünf Pfund in der Woche, wenn Sie auf gewisse Bedingungen eingehen.‹ Ich bin eine arme Frau, Herr Holmes, und mein Mann verdient wenig; dies Geld bedeutet eine große Summe für uns. Er zog eine Zehnpfundnote heraus und hielt sie mir unter die Augen. ›Dasselbe können Sie für lange Zeit alle vierzehn Tage haben, wenn Sie die Bedingungen erfüllen‹, sagte er. ›Wenn nicht, so will ich nichts mehr mit Ihnen zu tun haben.‹«

»Worin bestanden diese Bedingungen?«

»Erstens wollte er einen Hausschlüssel haben. Das ist ganz in der Ordnung; viele Mieter haben Hausschlüssel. Ferner will er vollständig sich selbst überlassen bleiben und darf niemals und aus gar keinem Grund gestört werden.«

»Das ist doch wirklich nichts Merkwürdiges?«

»An und für sich nicht, Herr Holmes. Und doch ist seine Lebensweise ohne Sinn und Verstand. Er wohnt nun zehn Tage bei uns, und weder ich noch mein Mann oder das Mädchen haben je das Geringste von ihm erblickt. Wir können diesen schnellen Schritt ruhelos über uns hören, hin und her, hin und her. Nachts, morgens und abends; aber den ersten Abend ausgenommen, ist er nicht ein einziges Mal ausgegangen.«

»Oh, in der ersten Nacht ging er also aus?«

»Ja, Herr Holmes, und kam sehr spät zurück, als wir schon alle zu Bett waren. Als er die Zimmer mietete, hatte er mir schon gesagt, daß er das tun würde und mich gebeten, die Haustüre nicht zu verriegeln. Ich hörte ihn nach Mitternacht heimkommen.«

»Aber seine Mahlzeiten?«

»Auf seine besondere Anweisung hin müssen wir immer, wenn er läutet, die Mahlzeiten auf einen Stuhl vor seiner Türe setzen. Dann läutet er wieder, wenn er fertig ist, und wir nehmen die Sachen vom selben Stuhl wieder weg. Wenn er irgend etwas braucht, so schreibt er es in Druckbuchstaben auf einen Fetzen Papier und legt ihn zu dem Eßgeschirr.«

»In Druckbuchstaben?«

»Ja, Herr Holmes; in Druckbuchstaben, mit Bleistift. Nur das betreffende Wort, nicht mehr. Hier ist einer, den ich mitbrachte, um ihn Ihnen zu zeigen – SEIFE. Hier ein anderer – ZUENDHOLZ – Da ist der, den er am ersten Morgen herauslegte – DAILY-GAZETTE. Ich lege ihm die Zeitung jeden Morgen auf sein Frühstücksbrett.«

»Wahrhaftig, Watson«, sagte Holmes, mit großem Interesse die Papierfetzen betrachtend, die die Hauswirtin ihm gegeben hatte, »das ist sicherlich ungewöhnlich. Zurückgezogenheit kann ich verstehen; aber warum Druckbuchstaben? Das geht so langsam. Warum schreibt er nicht in Kurrentschrift? Was bezweckt er damit?«

»Er wünscht seine Handschrift zu verbergen.«

»Aber warum? Was kann es ihm schaden, wenn seine Wirtin ein Wort in seiner Schrift liest? Doch mag es sein, wie du sagst. Aber warum nur immer diese einzelnen Wörter?«

»Ich kann es mir nicht erklären.«

»Hier öffnet sich ein weites Feld für vernünftige Überlegung. Die Worte sind mit einem gewöhnlichen, stumpfen, violettgefärbten Bleistift geschrieben. Du kannst sehen, daß das Papier hier an der Seite abgerissen wurde, nachdem das Wort schon geschrieben war; das S von SEIFE ist teilweise mit abgerissen worden. Schlau, Watson, nicht?«

»Aus Vorsicht?«

»Natürlich. Es war irgendein Zeichen auf dem Papier, ein Fingerabdruck, irgend etwas, das Aufklärung über die Persönlichkeit des Mieters hätte geben können. – Sie sagten, Frau Warren, daß der Mann von mittlerer Größe war, dunkelhaarig und einen Bart trug. Wie alt ist er wohl?«

»Ziemlich jung, – nicht über dreißig.«

»Gut. Können Sie mir sonst noch Mitteilungen über ihn machen?«

»Er sprach ein gutes Englisch, Herr Holmes, und doch hielt ich ihn seiner Aussprache nach für einen Ausländer.«

»Und er war gut gekleidet?«

»Sehr elegant gekleidet, Herr Holmes, – ganz Gentleman. Dunkler Anzug, nichts Auffälliges.«

»Er gab keinen Namen an?«

»Nein, Herr Holmes.«

»Und erhielt nie Briefe oder Besuche?«

»Keine.«

»Aber Sie oder das Dienstmädchen betreten doch morgens seine Zimmer?«

»Nein, Herr Holmes, er bedient sich ganz selbst.«

»Wahrhaftig! Das ist wirklich merkwürdig. Wie verhält sich’s mit seinem Gepäck?«

»Er hatte einen großen, brauen Koffer bei sich, sonst nichts.«

»Von großem Nutzen kann uns das alles nicht sein. Ist wirklich nichts aus dem Zimmer herausgekommen, – absolut nichts?«

Die Hauswirtin zog einen Briefumschlag aus ihrer Tasche; aus ihm schüttelte sie zwei angebrannte Zündhölzer und einen Zigarettenstummel auf den Tisch.

»Sie lagen auf seinem Servierbrett heute morgen. Ich brachte sie mit, weil mir erzählt worden war, daß Sie große Sachen aus kleinen Dingen herauslesen können.«

Holmes zuckte mit den Schultern.

»In diesem Fall wohl kaum«, sagte er. »Die Zündhölzer haben natürlich dazu gedient, die Zigarette anzuzünden. Das läßt sich aus der Kürze des verbrannten Teils erkennen. Um eine Pfeife oder Zigarre anzuzünden, braucht man ein halbes Streichholz. Aber hier, – der Zigarettenstummel ist wirklich merkwürdig. Der Herr trug Voll- und Schnurrbart, sagten Sie?«

»Jawohl, Herr Holmes.«

»Das verstehe ich nicht. Dies hier kann nur ein glattrasierter Mann geraucht haben. Was meinst du, Watson, selbst dein bescheidener Schnurrbart wäre versengt worden.«

»Ein Röhrchen?« vermutete ich.

»Nein, nein; das Ende ist verkaut. Halten sich nicht vielleicht zwei Personen in Ihren Zimmern auf, Frau Warren?«

»Nein, Herr Holmes. Er ißt so wenig, daß ich mich oft wundere, wie jemand dabei bestehen kann.«

»Nun, wir müssen abwarten, bis wir mehr Material beieinander haben. Allem nach haben Sie keinen Grund zur Klage. Sie haben Ihre Miete erhalten, und er ist kein lästiger, wenn auch ein ungewöhnlicher Mieter. Er bezahlt Sie gut, und wenn er in Verborgenheit leben will, so geht Sie das ja nichts weiter an. Wir haben keine Veranlassung, uns in sein Privatleben einzumischen, solange wir nicht Ursache haben anzunehmen, daß ein verbrecherischer Grund für sein Verhalten vorliegt. Ich habe mich der Sache angenommen und ich werde sie nicht aus dem Gesicht verlieren. Berichten Sie mir, wenn sich irgend etwas Neues ereignet, und verlassen Sie sich auf meinen Beistand, wenn er nötig werden sollte.« –

»In dieser Sache sind einige interessante Punkte, Watson«, bemerkte er, als die Hauswirtin uns verlassen hatte. »Es kann ganz gewöhnliche Überspanntheit sein; es kann aber auch etwas sehr viel Ernsteres sein, als es an der Oberfläche erscheint. Das erste, was einem auffällt, ist die offensichtliche Möglichkeit, daß die Person, welche jetzt die Zimmer inne hat, eine ganz andere ist als diejenige, welche sie mietete.«

»Woraus schließt du das?«

»Nun, abgesehen von dem Zigarettenstummel, – ist es nicht auffallend, daß der einzige Ausgang des Mieters stattfand unmittelbar nachdem er die Zimmer gemietet hatte? Er kam zurück, – oder jemand kam zurück, – als keine Zeugen mehr um den Weg waren. Was beweist uns, daß diejenige Person, welche zurückkam, die gleiche war, welche fortging? Dann weiter: der Mann, der die Zimmer mietete, sprach gut Englisch. Der andere dagegen schreibt mit Druckbuchstaben ›Zündholz‹ anstatt ›Zündhölzer‹. Ich kann mir vorstellen, daß das Wort einem Wörterbuch entnommen wurde, das nur die Einzahl, aber nicht die Mehrzahl angibt. Der kurze Stil sollte den Mangel an Kenntnis der englischen Sprache verbergen. Ja, Watson, genug Gründe zu dem Verdacht, daß hier eine Vertauschung der Mieter stattgefunden hat.«

»Aber zu welchem Zweck denn?«

»Ja! Hier liegt eben unsere Aufgabe. Es gibt ein Feld für unsere Nachforschungen, das sich schon oft als ertragreich erwiesen hat.« Damit holte er das große Buch herunter, in welches er täglich die »Seufzerecken« der zahlreichen Londoner Zeitungen einreihte. »Himmel!« sagte er, indem er die Blätter umwandte, »welcher Chor von Seufzern, Notschreien und Bitten! Welche Ansammlung sonderbarer Geschehnisse! Aber sicherlich der wertvollste Jagdgrund für denjenigen, welcher sich für das Ungewöhnliche interessiert! Dieser Mann ist allein und kann durch Briefe nicht erreicht werden, ohne daß das strenge Geheimnis, an dem ihm so viel liegt, durchbrochen werden müßte. Wie kann ihn irgendeine Nachricht oder Botschaft von außerhalb erreichen? Ohne Zweifel durch eine Anzeige in einer Zeitung. Ich wüßte keinen anderen Weg, und glücklicherweise haben wir es hier nur mit einer einzigen Zeitung zu tun. Hier sind die Ausschnitte aus der Daily Gazette der letzten vierzehn Tage. ›Dame mit schwarzer Boa in Fürst’s Schlittschuhklub –‹ das können wir überspringen. ›Jimmy, du wirst das Herz deiner Mutter brechen‹ – das gehört auch nicht hierher. ›Wenn die Dame, welche im Omnibus nach Brixton ohnmächtig wurde‹ – sie interessiert mich nicht. ›Täglich sehnt sich mein Herz‹ – Hoffnungsloses Gestöhne! Ah, dies hier scheint besser zu passen. Höre einmal: ›Sei geduldig. Werde Mittel und Wege finden, dich zu benachrichtigen. Inzwischen diese Zeitung. – G.‹ Dies erschien zwei Tage, nachdem Frau Warrens Mieter eingezogen war. Es klingt wahrscheinlich, nicht wahr? Der Unbekannte versteht Englisch, wenn er es auch nicht schreiben kann. Wir wollen sehen, ob wir die Spur noch weiterhin verfolgen können. Ja, hier ist etwas – drei Tage später. ›Treffe erfolgreiche Abkommen. Geduld und Vorsicht. Die Wolken werden vorüberziehen. – G.‹ Danach nichts mehr eine ganze Woche lang. Dann kommt eine viel bestimmtere Nachricht. ›Der Weg klärt sich. Wenn ich Gelegenheit habe, dann Signalbotschaft; erinnere an verabredete Zeichen eins A, zwei B usw. Du wirst bald von mir hören – G.‹ Das war in der gestrigen Zeitung und heute steht nichts drin. Es paßt alles recht gut auf Frau Warrens Mieter. Wenn wir noch ein wenig warten, Watson, so zweifle ich nicht, daß die Sache verständlicher wird.«

So war es auch; als ich am nächsten Morgen das Wohnzimmer betrat, stand mein Freund vor dem Kamin, den Rücken gegen das Feuer und auf den Zügen ein Lächeln vollständiger Befriedigung.

»Wie findest du das, Watson?« rief er, indem er die Zeitung vom Tisch aufnahm. ›Hohes, rotes Haus mit weißer Steinfassade. Dritter Stock. Zweites Fenster rechts. Nach Einbruch der Dämmerung. – G.‹ Das ist deutlich genug. Ich denke, wir machen nach dem Frühstück einen kleinen Forschungsgang durch Frau Warrens Wohnviertel. – Ah, Frau Warren! Welche Neuigkeiten bringen Sie uns heute morgen?«

Unsere Kundin war plötzlich in heftiger Bewegung ins Zimmer gestürzt, was auf eine neue und wichtige Entwicklung der Dinge schließen ließ.

»Es ist ein Fall für die Polizei, Herr Holmes!« schrie sie. »Ich will nichts mehr damit zu tun haben! Er soll machen, daß er aus meinem Haus kommt. Ich wäre direkt zu ihm hinaufgegangen, um ihm das zu sagen; doch dachte ich, es wäre höflicher, erst Ihre Meinung zu hören. Aber ich bin am Ende meiner Geduld, wenn es bis zur Mißhandlung meines alten Mannes kommt.«

»Herr Warren mißhandelt?«

»Wenigstens recht roh behandelt!«

»Aber wer behandelte ihn roh?«

»Das möchten wir ja gerade wissen! Es war heute morgen, Herr Holmes. Herr Warren ist Aufseher in der Fabrik von Morton und Waylight in Tottenham. Er muß vor sieben Uhr aus dem Haus gehen. Nun, heute früh war er noch keine zehn Schritte die Straße heruntergegangen, als ihn zwei Männer von hinten überfielen, ihm einen Rock über den Kopf warfen und ihn in eine Kutsche schoben, die am Straßenrand hielt. Sie fuhren eine Stunde mit ihm herum, dann öffneten sie den Schlag und stießen ihn hinaus. Er lag auf der Straße, so betäubt und verwirrt, daß er nicht sah, was aus der Kutsche wurde. Als er sich aufrappelte, bemerkte er, daß er sich auf der Hampsteader Heide befand; so nahm er einen Omnibus und liegt nun zu Hause auf dem Bett, während ich direkt zu Ihnen gelaufen bin, um Ihnen alles zu berichten.«

»Sehr interessant«, sagte Holmes. »Konnte er das Äußere dieser Männer erkennen? Hörte er sie sprechen?«

»Nein; er ist ganz verwirrt. Er weiß nur, daß er wie durch Zauber in den Wagen gehoben und wie durch Zauber wieder auf die Straße gesetzt wurde. Zwei Leute waren sicher bei ihm, vielleicht auch drei.«

»Und Sie bringen diesen Angriff in Verbindung mit Ihrem Mieter?«

»Wir leben jetzt fünfzehn Jahre in diesem Haus, und nie ist etwas derartiges passiert. Ich habe genug von dem Menschen. Geld allein tut’s auch nicht. Ehe der Tag herum ist, muß er mir aus dem Haus.«

»Warten Sie noch ein wenig, Frau Warren; überstürzen Sie nichts. Ich habe allmählich den Eindruck, als sei diese Angelegenheit sehr viel wichtiger, als es zuerst den Anschein hatte. Es ist mir jetzt ganz klar, daß Ihrem Mieter irgendeine Gefahr droht. Es ist mir auch klar, daß seine Feinde, die in der Nähe Ihrer Haustüre auf ihn lauerten, Ihren Mann in dem dunstigen Morgenlicht für ihn hielten. Als sie ihren Fehlgriff entdeckten, ließen sie ihn frei. Was sie getan haben würden, wenn es kein Fehlgriff gewesen wäre, das können wir nur vermuten.«

»Was soll ich denn tun, Herr Holmes?«

»Ich habe große Lust, Ihren Mieter zu sehen, Frau Warren.«

»Ich weiß nicht, wie sich das machen ließe, es sei denn, Sie brechen die Türe ein. Ich höre ihn immer auf- und zuschließen, wenn er seine Mahlzeiten von dem Stuhl hereinholt.«

»Er muß das Servierbrett von dem Stuhl wegnehmen. Gewiß könnten wir uns irgendwo verbergen und ihn dabei beobachten.«

Die Hauswirtin überlegte einen Augenblick.

»Ja, Herr Holmes, es ist eine Kofferkammer gegenüber. Ich könnte vielleicht einen Spiegel aufhängen, und wenn Sie hinter der Türe stehen –«

»Großartig!« sagte Holmes. »Wann ißt er zu Mittag?«

»Um ein Uhr, Herr Holmes.«

»Doktor Watson und ich werden zur rechten Zeit dort sein. Für jetzt, Frau Warren, auf Wiedersehen!« –

Um ½1 Uhr befanden wir uns vor Frau Warrens Haus, einem hohen, schmalen, gelben Backsteinhaus in der Großen Ormestraße, einem schmalen Durchgang auf der Nordostseite des Britischen Museums. Da es nahe einer Straßenkreuzung steht, so sieht man von ihm aus die Howestraße hinunter, mit ihren anspruchsvolleren Gebäuden. Holmes deutete mit einer Schulterbewegung nach einem derselben, einem großen, eleganten Mietshaus.

»Sieh‘ dorthin, Watson!« sagte er. »›Hohes, rotes Haus mit weißer Steinfassade.‹ Das ist sicher die Signalstation. Wir kennen den Ort, und wir kennen den Code; so wird unsere Aufgabe einfach sein. Im Fenster hängt ein Schild ›Zu vermieten‹; das Stockwerk scheint leer zu sein, und der Verbündete hat Zutritt dazu. – Nun, Frau Warren, wie steht’s?«

»Ich habe alles bereit für Sie. Wollen Sie, bitte, Ihre Stiefel unten im Vorplatz lassen und mit mir heraufkommen; ich will Ihnen den Ort zeigen.«

Es war ein vortreffliches Versteck, welches sie vorbereitet hatte. Der Spiegel war so angebracht, daß wir aus unserer dunkeln Ecke die gegenüberliegende Türe doch sehr deutlich sehen konnten. Kaum hatte uns Frau Warren verlassen, als ein fernes Klingelzeichen ankündigte, daß unser geheimnisvoller Nachbar geläutet hatte. Alsbald erschien die Hausfrau mit dem Brett, setzte es auf den Stuhl neben der verschlossenen Türe und verschwand dann wieder, schwer auftretend. In dem Türwinkel zusammengedrückt, ließen wir kein Auge von dem Spiegel. Plötzlich, als die Schritte der Frau nur noch von ferne zu hören waren, drehte sich der Schlüssel im Schloß, die Türklinke bewegte sich, und zwei schmale Hände fuhren eilig heraus und nahmen das Brett vom Stuhl weg. Aber sofort wurde es wieder abgestellt, und ich konnte einen kurzen Augenblick lang ein schönes, dunkles Köpfchen sehen, welches mit entsetzten Augen nach der halboffenen Kammertüre blickte. Dann wurde die Zimmertüre zugeworfen, der Schlüssel drehte sich wieder, und alles war still. Holmes zupfte mich am Ärmel, und wir stahlen uns wieder die Treppe hinunter.

»Ich will heute abend noch einmal vorbeikommen«, sagte er zu der erwartungsvollen Hauswirtin. »Ich meine, Watson, wir sprechen über diese Dinge besser in unserer eigenen Wohnung.«

»Wie du gesehen hast, hat meine Vermutung gestimmt«, sagte er aus der Tiefe seines Klubsessels heraus. »Es hat ein Austausch der Mieter stattgefunden. Was ich aber nicht voraussah, war, daß wir eine Frau vorfinden würden – und keine gewöhnliche Frau, Watson!«

»Sie sah uns.«

»Sie sah etwas, was sie beunruhigte. Das stimmt. – Die Zusammenhänge sind mir ganz klar: Ein Paar sucht in London Schutz vor einer sehr drohenden, großen Gefahr. Der Maßstab für die Gefahr ist die Strenge der Vorsichtsmaßregeln. Der Mann, der irgendwelche Geschäfte zu erledigen hat, wünscht die Frau inzwischen in absoluter Sicherheit zu wissen. Das ist keine leichte Aufgabe, und doch hat er sie in so origineller Weise gelöst, daß selbst die Hausfrau, welche die Frau mit Nahrung versorgte, nichts von ihrer Anwesenheit wußte. Es ist klar, daß die Benützung von Druckbuchstaben den Zweck hatte, die Entdeckung des Geschlechts des Bewohners der Zimmer aus der Handschrift zu verhindern. Der Mann kann die Frau nicht besuchen, ohne den Feinden den Weg zu ihr zu weisen. Da er keine direkte Verbindung mit ihr hat, so nimmt er seine Zuflucht zu der ›Seufzerecke‹ einer Zeitung. Soweit ist alles klar.«

»Aber was liegt dem allem zugrunde?«

»Ach ja, Watson – praktisch, wie gewöhnlich! Was liegt dem allen zugrunde? Frau Warrens wunderliche Befürchtungen rechtfertigen sich immer mehr und geben, je länger wir uns damit beschäftigen, das Bild eines ernsten Falls. So viel ist sicher: daß es keine gewöhnliche Liebesgeschichte ist. Wir haben das angstvolle Gesicht der Frau gesehen. Wir haben von dem Überfall auf Herrn Warren gehört, der unzweifelhaft dem Mieter gegolten hat. Alles beweist, daß es sich um eine Sache auf Leben oder Tod handelt. Der Angriff auf Herrn Warren beweist ferner, daß die Feinde, wer sie auch immer sein mögen, nichts von dem Austausch des männlichen Mieters gegen den weiblichen wissen. Es ist eine sonderbare und komplizierte Geschichte, Watson.«

»Willst du dich noch länger damit befassen? Was kannst du dabei gewinnen?«

»Gewiß nicht viel. Aber der Fall interessiert mich. Als du noch deinen Beruf als Arzt ausübtest, hast du dich auch mit gewissen Fällen beschäftigt ohne einen Gedanken an Entlohnung.«

»Zu meiner Weiterbildung, Holmes.«

»Weiterbildung hört nie auf, Watson. Auch dies hier ist ein lehrreicher Fall. Es ist dabei weder Geld noch Ruhm zu ernten, und doch kann ich nicht ruhen, ehe ich eine Lösung gefunden habe. Bei Einbruch der Dunkelheit werden wir eine Stufe weiter in unseren Nachforschungen sein.«

Als wir zu Frau Warren zurückkehrten, hing der düstere Winterabend wie ein dichter grauer Vorhang in den Londoner Straßen, durchbrochen einzig von den gelben Vierecken der beleuchteten Fenster und den verschwommenen Lichtkreisen der Gaslaternen. Als wir aus Frau Warrens verdunkeltem Wohnzimmer auf die Straße spähten, fiel uns ein schwacher Lichtschein auf, welcher aus der Richtung des bewußten Hauses in der Howestraße zu kommen schien.

»Dort bewegt sich etwas«, flüsterte Holmes, mit angespannter Aufmerksamkeit durch die Fensterscheibe spähend. »Ja, ich kann einen Schatten sehen. Jetzt wieder! Er hat eine Kerze in der Hand. Jetzt beugt er sich zum Fenster hinaus; er will sich überzeugen, ob sie auf dem Posten ist. Jetzt gibt er Zeichen. Zähle, Watson, damit wir uns nachher gegenseitig kontrollieren können. Ein einziges Zeichen, – das ist gewiß A. Weiter! Wieviel hast du? Neunzehn. Ich auch. Das heißt T. ›At‹ also! Noch einmal T.«

Und nun folgten E-N-T-A. Wir waren verblüfft. Benützten sie eine Chiffre?

»Das kann doch nicht alles sein, Watson? ›Attenta‹ gibt keinen Sinn. Es gibt auch keinen Sinn, wenn man es in zwei oder drei Worte teilt. – Jetzt geht es wieder los. Was soll das heißen? ›Atte‹ –, wie? Dieselbe Botschaft noch einmal? Sonderbar, Watson, sehr sonderbar! Jetzt ist es wieder aus. ›At‹ nun wiederholt er sie zum drittenmal. ›Attenta‹ dreimal! Wie oft will er das Wort wiederholen? Aber jetzt scheint wirklich Schluß zu sein. Er hat sich vom Fenster zurückgezogen. Wofür hältst du das alles, Watson?«

»Für eine Signalbotschaft, Holmes.«

Mein Freund fing plötzlich an zu kichern. »Und nicht einmal schwierig zu entziffern«, sagte er. »Das ist natürlich Italienisch! Das ›A‹ am Schluß bedeutet, daß die Botschaft an eine Frau gerichtet ist. ›Hüte dich! Hüte dich! Hüte dich!‹ Was hältst du davon, Watson?«

»Ich glaube, du hast das Rechte getroffen.«

»Kein Zweifel daran! Es ist eine recht dringende Botschaft, – dreimal wiederholt, um sie noch eindringlicher zu machen. Aber wovor soll sie sich hüten? Einen Augenblick – er kommt wieder ans Fenster.«

Wieder sahen wir die schwachen Umrisse eines vorgebeugten Mannes und das Flackern der kleinen Flamme. Diesmal kamen die Zeichen schneller, so schnell, daß es schwer war, nachzuzählen.

»›Pericolo‹ – ›Pericolo‹ –; was heißt das? Gefahr, nicht, Watson? Ja, Himmel, es ist ein Warnungssignal! Jetzt kommt es wieder: ›Peri‹ – Hallo was mag das –«

Das Licht war plötzlich erloschen, das schwach erleuchtete Fensterviereck war verschwunden, und das dritte Stockwerk des Mietshauses bildete ein dunkles Band um das hohe Gebäude, zwischen den Reihen erleuchteter Fenster. Der letzte Warnungsruf war unterbrochen worden. Wie und durch wen? Diese Frage entstand gleichzeitig in uns beiden. Holmes wandte sich mir lebhaft zu.

»Es wird ernst, Watson«, rief er. »Irgendeine Teufelei geht dort vor sich! Wie könnte eine solche Botschaft sonst auf diese Weise endigen? Ich sollte die Polizei darauf aufmerksam machen – jedoch, wir dürfen unsere Beobachtungen jetzt nicht unterbrechen.«

»Soll ich zur Polizei laufen?«

»Wir müssen erst selbst etwas klarer in der Sache sehen. Vielleicht findet alles eine ganz harmlose Erklärung. Komm‘, Watson, wir wollen hinübergehen und sehen, was zu tun ist.«

Als wir eilig der Howestraße zuschritten, blickte ich zurück nach dem Haus, welches wir soeben verlassen hatten. Da, am Giebelfenster, konnte ich die schwachen Umrisse einer Gestalt, einer weiblichen Gestalt erkennen, welche unverwandt, starr in die Nacht hinausblickte und mit atemloser Angst auf die Wiederholung der unterbrochenen Botschaft wartete.

Am Eingang zu dem großen Mietshaus lehnte ein Mann, in Schal und Mantel gehüllt. Als das Licht der Vorhalle auf unsere Gesichter fiel, richtete er sich auf.

»Holmes«, rief er.

»Wahrhaftig, Gregson!« sagte mein Gefährte, als er dem Detektiv von Scotland Yard die Hand schüttelte. »Was tun Sie hier?«

»Wahrscheinlich dasselbe wie Sie«, sagte Gregson. »Doch kann ich mir nicht denken, woher Sie etwas davon wissen.«

»Verschiedene Fäden, die zum selben Knoten führen. Ich habe soeben die Signale aufgefangen.«

»Signale?«

»Ja, vom Fenster aus. Sie brachen plötzlich ab. Wir kamen herüber, um die Ursache kennenzulernen; doch da die Sache sicher in Ihren Händen ruht, sehe ich keinen Grund, mich einzumischen.«

»Warten Sie ein wenig!« rief Gregson eifrig. »Ich muß Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen! Ich habe mich stets stärker gefühlt, wenn ich Sie an meiner Seite wußte. Dies hier ist der einzige Ausgang des Gebäudes. So haben wir ihn ganz sicher.«

»Wen – ihn?«

»Nun, diesmal sind wir Ihnen über, Herr Holmes, das müssen Sie zugeben.« Er stieß mit seinem Stock scharf gegen den Boden, worauf ein Mann aus einer Taxe stieg, welche auf der gegenüberliegenden Seite der Straße hielt, und auf uns zu kam. »Darf ich Sie Herrn Sherlock Holmes vorstellen?« sagte Gregson. »Dies ist Herr Leverton von Pinkertons Detektivinstitut in Amerika.«

»Der Held der geheimnisvollen Kellergeschichte auf Long Island?« sagte Holmes. »Herr Leverton, ich freue mich sehr, Sie kennen zu lernen.«

Der Amerikaner, ein stiller, junger Mann mit glattrasiertem, scharfgeschnittenem Gesicht errötete bei diesen lobenden Worten. »Ich bin auf der größten Fährte meines Lebens, Herr Holmes«, sagte er. »Wenn ich Georgiano fangen könnte –«

»Wie, Georgiano, vom ›Roten Kreis‹?«

»Oh, hat er auch europäischen Ruf? In Amerika wissen wir viel von ihm. Wir wissen, daß er an der Spitze von fünfzig Mördern steht, und doch wissen wir nichts Bestimmtes, um ihn fassen zu können. Ich folgte seiner Spur von Neuyork herüber und bin nun seit einer Woche in London hinter ihm her, auf irgendeinen Grund lauernd, um ihn fassen zu können. Herr Gregson und ich folgten ihm bis hier in dieses große Haus. Und da es nur diesen einen Ausgang hat, so kann er uns nicht entwischen. Drei Leute haben inzwischen das Haus verlassen, doch ich kann schwören, daß er nicht darunter war.«

»Herr Holmes erzählt von Signalen«, sagte Gregson.

»Ich nehme wie gewöhnlich an, daß er ein gut Teil mehr weiß wie wir.«

In wenigen kurzen Worten erzählte Holmes, was wir beobachtet hatten. Der Amerikaner schlug die Hände zusammen vor Verdruß.

»Er hat Wind von uns bekommen!« rief er.

»Wieso meinen Sie?«

»Nun, anders läßt es sich nicht erklären. Hier ist er und gibt seinen Verbündeten Zeichen, – es sind verschiedene von seiner Bande in London. Dann, gerade als er im Begriff ist, ihnen mitzuteilen, daß Gefahr droht, bricht er plötzlich ab. Was kann das anderes bedeuten, als daß er uns vom Fenster aus entdeckt hat, oder sonstwie erfahren, wie drohend die Gefahr ist und sich eiligst davon gemacht hat, um ihr zu entgehen. Wozu raten Sie, Herr Holmes?«

»Daß wir sofort hinaufgehen und selbst nachsehen.«

»Aber wir haben keine Vollmacht zu seiner Verhaftung.«

»Er hält sich unter verdächtigen Umständen in unbewohnten Räumen auf«, sagte Gregson. »Das genügt für den Augenblick. Wenn wir ihn erst am Kragen haben, so wird Neuyork uns schon helfen, ihn festzuhalten. Ich nehme die Verantwortung seiner Verhaftung auf mich.«

Unsere amtlichen Detektivs sind häufig Stümper in Sachen des Verstands, doch nie, wenn es sich um persönlichen Mut handelt.

Ruhig und geschäftsmäßig stieg Gregson die Treppe hinauf, um diesen gefährlichen Mörder festzunehmen, als handelte es sich um eine Treppe im Gerichtsgebäude. Der Mann von Pinkertons Detektivinstitut hatte versucht, sich vorzudrängen, aber Gregson hielt ihn mit dem Ellbogen zurück.

Die Glastüre zum dritten Stockwerk stand halb offen. Gregson stieß sie auf. Drinnen war alles still und dunkel. Als das Licht heller wurde, hielten wir alle vor Überraschung den Atem an. Auf dem Fußboden waren frische Blutspuren, welche bis zu einer geschlossenen Türe führten. Gregson riß sie auf und ließ den vollen Schein seiner Lampe vor sich herfallen, während wir gespannt über seine Schultern blickten.

Mitten auf dem Fußboden des leeren Raumes lag in einem breiten Kreis von Blut der Körper eines riesigen Mannes. Das glattrasierte, gebräunte Gesicht war schauerlich verzerrt, das Haupt von einem unheimlichen feuchten roten Band umgeben. Die Knie waren hinaufgezogen und die Hände in Todesangst gespreizt; aus seinem starken, braunen Hals ragte das Heft eines tief in den Körper gestoßenen Messers. Der Riese mußte bei diesem schrecklichen Stoß wie ein gefällter Ochse zusammengebrochen sein. Neben seiner rechten Hand lag ein furchtbarer, zweischneidiger Dolch mit Horngriff auf dem Boden und daneben ein schwarzer Lederhandschuh.

»Bei Gott! Es ist der schwarze Georgiano selbst«, schrie der Amerikaner. »Irgend jemand ist uns zuvorgekommen.«

»Hier liegt die Kerze auf dem Fenstersims, Herr Holmes«, sagte Gregson. »Aber was haben Sie im Sinn?«

Holmes war ans Fenster getreten. Er hatte die Kerze angezündet und bewegte sie durch das offene Fenster vor und zurück. Dann blies er sie aus und warf sie auf den Boden.

»Ich denke, das wird uns helfen«, sagte er. Er trat in tiefe Gedanken versunken zu den andern, während diese die Leiche untersuchten.

»Sie sagten, drei Leute hätten das Haus verlassen, während Sie unten warteten«, sprach er endlich. »Sahen Sie sie genau?«

»Jawohl.«

»War ein Mann dabei, etwa dreißig Jahre alt, mit schwarzem Bart und von mittlerer Größe?«

»Ja; er war der letzte, der an mir vorbeiging.«

»Das ist der Mann, den Sie suchen, vermute ich. Ich kann Ihnen seine genaue Beschreibung beschaffen, und außerdem hat er musterhafte Fußspuren hinterlassen. Das genügt zunächst.«

»Nicht ganz, Herr Holmes, unter den vielen Millionen in London.«

»Vielleicht nicht. Deshalb hielt ich es für das Beste, die Dame zu Ihrer Hilfe herbeizurufen.«

Wir alle wandten uns bei diesen Worten um. Da, in der Türöffnung stand eine große schöne Frau, – die geheimnisvolle Bewohnerin von Frau Warrens Giebelzimmern. Langsam schritt sie vorwärts, das Gesicht bleich und von Angst und Furcht entstellt, die Augen mit entsetztem Blick auf den dunklen Körper am Boden geheftet.

»Sie haben ihn getötet!« flüstert« sie. »Oh, Dio mio, sie haben ihn getötet!« Dann holte sie tief Atem und sprang mit einem Freudenschrei in die Luft. In die Hände klatschend tanzte sie im Zimmer umher; ihre Augen funkelten vor Entzücken und tausend wohlklingende italienische Ausrufe entströmten ihren Lippen. Es war merkwürdig und schrecklich zu sehen, wie die Frau bei einem solchen Anblick halb verrückt vor Freude war. Plötzlich hielt sie inne und sah uns fragend an.

»Aber Sie? Sie gehören zur Polizei, nicht wahr? Sie haben Giuseppe Georgiano getötet, nicht wahr?«

»Wir gehören zur Polizei, Madame.«

Sie blickte suchend in die dunkeln Winkel des Zimmers.

»Aber, wo ist Gennaro?« fragte sie. »Mein Mann, Gennaro Lucca? Ich bin Emilia Lucca, und wir sind von Neuyork. Wo ist Gennaro? Er rief mich doch soeben von diesem Fenster aus, und ich eilte herüber, so schnell ich konnte.«

»Nicht er, sondern ich rief Sie«, sagte Holmes.

»Sie! Wie konnten Sie das?«

»Ihr Signalkode war nicht schwierig, Madame. Ihre Anwesenheit hier war wünschenswert. Ich wußte, daß ich nur die Zeichen für Vieni zu geben brauchte und Sie würden sogleich kommen.«

Die schöne Italienerin blickte scheu auf meinen Gefährten.

»Ich weiß nicht, woher Sie das alles wissen«, sagte sie. »Wie konnte Giuseppe Georgiano –«; sie hielt inne, und dann plötzlich erstrahlte ihr Gesicht in Stolz und Entzücken. »Jetzt verstehe ich! Mein Gennaro! Mein herrlicher, prächtiger Gennaro, der mich sicher vor Schaden und Gefahr bewahrt hat, – er tat es mit seiner eigenen starken Hand, er tötete das Ungeheuer! O Gennaro, wie herrlich bist du! Kann eine Frau je eines solchen Mannes wert sein?«

»Nun, Frau Lucca«, sagte der prosaische Gregson, indem er seine Hand so wenig zart auf den Arm der Frau legte, als ob sie ein betrunkener Matrose wäre. »Es ist mir noch nicht ganz klar, wer oder was Sie sind; aber so viel weiß ich, daß wir Sie vor Gericht brauchen.«

»Einen Augenblick, Gregson«, sagte Holmes. »Ich glaube, daß dieser Dame ebensoviel daran gelegen ist, uns aufzuklären, als uns, etwas Näheres zu erfahren. Sie können sich denken, Frau Lucca, daß Ihr Mann wegen des Todes des Mannes, der hier liegt, zur Rechenschaft gezogen werden wird. Ihre Aussage wird als Zeugnis dienen. Wenn Sie aber glauben, daß er aus andern als verbrecherischen Gründen gehandelt hat, dann können Sie ihm vielleicht nicht besser dienen, als indem Sie uns die ganze Geschichte erzählen.«

»Jetzt, wo Georgiano tot ist, fürchten wir nichts mehr«, sagte die Dame. »Er war ein Teufel und ein Ungeheuer, und kein Richter in der ganzen Welt wird meinen Mann dafür bestrafen, daß er ihn getötet hat.«

»In diesem Fall«, sagte Holmes, »schlage ich vor, daß wir hier alles liegen lassen, wie wir es gefunden haben, die Türe abschließen und mit der Dame in ihr Zimmer gehen. Eine Meinung können wir uns erst bilden, wenn wir gehört haben, was sie uns zu erzählen hat.«

Eine halbe Stunde später saßen wir alle vier in dem kleinen Wohnzimmer der Signora Lucca und lauschten der Erzählung der erschütternden Ereignisse, von deren Abschluß wir Zeugen geworden waren. Sie sprach fließend, aber fehlerhaft. Um der Deutlichkeit willen will ich ihren Bericht in gute Form bringen.

»Ich bin geboren in Posilippo bei Neapel«, sagte sie. »Mein Vater war Augusto Barelli, ein Advokat und früher Abgeordneter der Gegend. Gennaro war bei meinem Vater angestellt, und ich verliebte mich in ihn, wie es nicht anders möglich war. Er hatte weder Geld noch Stellung – nur seine Schönheit, Stärke und Tatkraft, – so verbot mir mein Vater den Verkehr mit ihm. Wir flohen miteinander, heirateten in Bari, verkauften meine Schmucksachen, um die Überfahrt nach Amerika bezahlen zu können. Das war vor vier Jahren und seither lebten wir in Neuyork.

Das Glück war uns anfangs hold. Es gelang Gennaro, einem italienischen Herrn einen Dienst zu erweisen. Er stand ihm gegen einige Straßenräuber bei an einem Ort, genannt Bowery, – und erwarb sich dadurch einen mächtigen Freund. Sein Name war Tito Castalotte, und er war der Hauptteilhaber der großen Firma Castalotte und Zamba, des größten Früchteimportgeschäfts in Neuyork. Signor Zamba ist leidend, und unser neuer Freund herrschte unumschränkt in dem Geschäft, welches mehr als 300 Leute beschäftigt. Er gab meinem Mann eine Anstellung, machte ihn zum Vorstand einer Abteilung und bewies ihm auf jede Weise sein Wohlwollen. Signor Castalotte war Junggeselle; er sorgte für Gennaro wie für einen Sohn, und auch wir liebten ihn, als wäre er unser Vater. Wir hatten ein kleines Haus in Brooklyn gemietet, und unsere Zukunft schien gesichert, als die düstere Wolke an unserem Himmel erschien.

Eines Abends, als Gennaro von der Arbeit zurückkam, brachte er einen Landsmann mit. Sein Name war Georgiano, und er kam auch von Posilippo. Er war ein sehr großer Mann, wie Sie ja gesehen haben, denn Sie sind vor seiner Leiche gestanden. Aber nicht nur sein Körper war der eines Riesen, alles an ihm war riesenhaft, absonderlich und furchterregend. Seine Stimme dröhnte wie Donnergroll in unserem kleinen Haus; es war kaum genug Platz für die lebhaften Bewegungen seiner langen Arme, wenn er sprach. Seine Gedanken, seine Gemütsbewegungen, seine Leidenschaften, alles war übertrieben und ungeheuerlich. Er sprach oder vielmehr brüllte mit solcher Gewalt, daß wir andern nur still sitzen und den Schwall seiner Worte über uns strömen lassen konnten. Seine Augen funkelten und hielten jedermann im Bann. Er war ein wunderbarer und schrecklicher Mann. Ich danke Gott, daß er tot ist!

Er kam wieder und wieder. Doch merkte ich deutlich, daß Gennaro so wenig Freude an seiner Gegenwart hatte wie ich. Mein armer Mann saß bleich und still dabei, wenn unser Besuch seine endlosen Reden über Politik und soziale Fragen hielt. Gennaro sagte nichts; doch konnte ich in seinem Gesicht lesen, was ich nie zuvor darin gesehen hatte. Anfangs hielt ich es für Abneigung; dann allmählich merkte ich, daß es mehr als Abneigung war. Es war Furcht, tiefe, geheime, zitternde Furcht. In der Nacht, da ich mir darüber klar wurde, legte ich meine Arme um seinen Hals und flehte ihn an, bei seiner Liebe zu mir und bei allem, was ihm teuer war, mir nichts zu verheimlichen und mir zu sagen, weshalb dieser große Mann sein Gemüt so sehr verdüstere.

Er erzählte mir, und mein Herz gefror beim Zuhören vor Entsetzen zu Eis. Mein armer Gennaro war in seinen jungen und hitzigen Tagen, als die ganze Welt sich gegen ihn verbündet zu haben schien und er halb verrückt war über die Ungerechtigkeiten des Lebens, einer Gesellschaft in Neapel beigetreten, genannt ›Der rote Kreis‹, welche mit den alten Carbonari verbündet waren. Die Schwüre und Geheimnisse dieser Bruderschaft waren fürchterlich. Wer einmal aufgenommen war, konnte nie wieder davon loskommen. Als wir nach Amerika geflohen waren, dachte Gennaro, auch dieser Gesellschaft für immer entflohen zu sein. Wer beschreibt sein Entsetzen, als er eines Tages auf der Straße demselben Mann begegnete, der ihn in den Bund eingeführt hatte, dem Riesen Georgiano, dem Mann, welcher in Süditalien den Namen ›der Tod‹ führte, denn seine Hände trieften von Blut. Auf der Flucht vor der italienischen Polizei war er nach Neuyork gekommen und hatte auch in seiner neuen Heimat bereits eine Filiale der schrecklichen Gesellschaft gegründet. All dies erzählte mir Gennaro und zeigte mir eine Aufforderung, welche er am selben Tage erhalten hatte. Sie enthielt die Nachricht, daß an einem gewissen Tag eine Loge abgehalten würde, und den strengen Befehl, daran teilzunehmen. Über dem Ganzen war ein roter Kreis gezeichnet.

Das war eine schlimme Sache, aber es sollte noch schlimmer kommen. Schon seit längerer Zeit hatte ich beobachtet, daß Georgiano, wenn er, was jetzt regelmäßig geschah, des Abends zu uns kam, viel mit mir sprach; und selbst wenn er seine Worte an meinen Mann richtete, so verfolgte er mich mit seinen durchbohrenden Raubtierblicken. Ich hatte in ihm erweckt, was er Liebe nannte, – die Liebe eines Wilden, einer Bestie. Eines Abends war Gennaro noch nicht zu Hause, als er kam. Er stürzte herein, preßte mich in seine mächtigen Arme, bedeckte mich mit Küssen und flehte mich an, mit ihm zu gehen. Ich sträubte mich und schrie, als Gennaro eintrat und mir zu Hilfe eilte. Georgiano mißhandelte meinen Mann furchtbar und floh aus dem Haus, um es nie wieder zu betreten. In dieser Nacht hatten wir uns einen Todfeind gemacht.

Wenige Tage später war die Zusammenkunft. Gennaro kehrte davon zurück mit einem Gesicht, welches mir sagte, daß sich etwas Gräßliches ereignet haben mußte. Es war schlimmer als alles, was wir uns hätten vorstellen können. Die Gesellschaft bezog ihr Vermögen aus Erpressungen an reichen Italienern. Wenn diese das Geld verweigerten, so wurden sie mit Gewalttaten bedroht. Auch an unseren lieben Freund und Wohltäter Castalotte schienen sie in dieser Weise herangetreten zu sein; er hatte sich geweigert und die Sache der Polizei übergeben. Es wurde nun beschlossen, ein solches Beispiel an ihm zu statuieren, daß jedem künftigen Opfer die Lust zu ähnlichem Handeln vergehen sollte. Bei der Zusammenkunft wurde nun beschlossen, ihn mit seinem ganzen Haus mit Dynamit in die Luft zu sprengen. Durch das Los sollte bestimmt werden, wer die Tat auszuführen hatte. Gennaro sah unseres Feindes Gesicht mit grausamem Lächeln auf sich gerichtet, als er seine Hand in den Beutel steckte. Ohne Zweifel war die Sache irgendwie vorher zurecht gemacht worden, denn als mein Mann die Hand zurückzog, lag darin der verhängnisvolle Befehl zum Mord. Er mußte seinen besten Freund töten, oder er setzte sich selbst der Rache seiner Gefährten aus. Es gehörte zu ihren grausamen Satzungen, diejenigen, welche sie fürchteten oder haßten, nicht nur selbst, sondern alle, die sie liebten, mit dem Tode zu bedrohen. Gennaro wußte das und war halb wahnsinnig vor Furcht.

Diese ganze Nacht saßen wir beisammen, die Arme umeinander geschlungen und uns gegenseitig tröstend und Mut zusprechend. Am nächsten Abend sollte das Verbrechen ausgeführt werden. Am Nachmittag waren mein Mann und ich auf dem Wege nach London, aber nicht ohne unseren Wohltäter vorher gewarnt und die Polizei von allem in Kenntnis gesetzt zu haben, um sein Leben für die Zukunft gesichert zu wissen. Das übrige wissen Sie selbst, meine Herren. Wir wußten, daß die Bande wie unser Schatten hinter uns her sein würde. Georgiano hatte auch noch seine Privatgründe zur Rache, und wir wußten, wie unbarmherzig, schlau und unermüdlich er sein konnte. Die wenigen ruhigen Tage, welche wir hier hatten, benützte mein Geliebter, um mir einen Zufluchtsort auszusuchen, an dem mich keinerlei Gefahr erreichen konnte. Er selbst mußte frei sein, um ungehindert mit der amerikanischen und italienischen Polizei in Verbindung bleiben zu können. Ich weiß selber nicht, wo und wie er lebte. Durch eine Zeitung ließ er mir ab und zu kurze Nachrichten zukommen. Aber einmal, als ich durch das Fenster blickte, sah ich zwei Italiener, welche das Haus bewachten; es war mir sofort klar, daß Georgiano irgendwie unseren Versteck ausfindig gemacht hatte. Endlich teilte mir Gennaro durch die Zeitung mit, daß er mir von einem gewissen Fenster aus Zeichen geben würde. Als die Zeichen endlich kamen, waren es nur Warnungen, welche plötzlich abbrachen. Jetzt ist es mir ganz klar, daß er Georgiano ganz in seiner Nähe wußte und daß er, Gott sei Dank!, bereit war, ihm den gebührenden Empfang zuteil werden zu lassen.

Und nun, Signori, frage ich Sie, ob wir irgend etwas von den Gerichten zu fürchten haben, oder ob irgendein Richter auf Erden meinen Gennaro für das verurteilen könnte, was er getan hat?«

»Herr Gregson«, sagte der Amerikaner zu dem englischen Detektiv, »ich kenne Ihre britischen Ansichten nicht, aber ich vermute, daß die amerikanischen Gerichte dem Gemahl dieser Dame außerordentlich dankbar sein werden.«

»Sie muß mich jetzt zum Chef begleiten«, antwortete Gregson. »Wenn sich bestätigt, was sie gesagt hat, so glaube ich kaum, daß sie oder ihr Mann viel zu fürchten haben werden. – Aber was mir noch ganz unverständlich ist, Herr Holmes! Wie zum Kuckuck kamen Sie dazu, sich mit dieser Sache zu befassen?«

»Schlußfolgerung, Gregson, Schlußfolgerung! Immer nach der alten Schule! Für dich, Watson, ist diese Geschichte ein neuer Beitrag zu deiner Sammlung. Übrigens ist es noch nicht acht Uhr und im Covent Garden Theater wird eine Wagneroper gespielt! Wenn wir uns beeilen, kommen wir noch recht zum zweiten Akt.«

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Das Verschwinden der Lady Frances Carfax

Das Verschwinden der Lady Frances Carfax

»Aber weshalb türkisch?« fragte Sherlock Holmes und betrachtete dabei aufmerksam meine Schuhe. Ich saß in einem bequemen Sessel zurückgelehnt, und meine langgestreckten Beine hatten seine jederzeit lebendige Aufmerksamkeit erregt.

»Englisch«, antwortete ich, etwas erstaunt. »Ich, habe sie bei Latimer in der Oxfordstraße gekauft.«

Holmes lächelte mit einem Ausdruck müder Geduld.

»Das Bad«, sagt« er, »das Bad! Warum das teure und erschlaffende türkische statt des selbstgemachten zu Hause?«

»Weil ich in den letzten Tagen mich matt fühlte und rheumatische Schmerzen hatte. Ein türkisches Bad ist das, was wir in der Medizin ein Alterativ nennen – ein neuer Anfangspunkt. Der ganze Organismus wird mit einem türkischen Bad aufgebügelt« –

»Du kannst mir übrigens einen Gefallen tun, Holmes«, fügte ich hinzu. »Zweifelsohne ist einem scharfen logischen Verstand die Verbindung meiner Schuhe mit einem türkischen Bad ohne weiteres ersichtlich. Würdest du mir nicht den Zusammenhang zeigen?«

»Der ist doch eigentlich auf den ersten Blick sichtbar«, antwortete Holmes etwas spöttisch. »Ebenso sichtbar, wie die Tatsache, daß du heute morgen nicht allein in der Droschke gesessen hast.«

»Du erklärst mir Unklares mit Unklarem!«

»Bravo, Watson! Du verstehst die Kunst, dich scharf auszudrücken. Also die Droschke. Du wirst bemerken, daß du an der linken Schulter und am linken Ärmel Schmutzspritzer hast. Wärest du allein in der Droschke gesessen, so würdest du die Mitte eingenommen haben und auf deinem Anzug wären entweder gar keine Spritzer, oder sie wären sowohl rechts wie links. Deshalb ist es klar, daß du hart links gesessen. Also hattest du noch jemand bei dir, der rechts saß.«

»Das ist absolut überzeugend.«

»Klar wie dicke Tinte, nicht wahr?«

»Aber die Schuhe und das türkische Bad?«

»Ebenso klar, mein Lieber! Du schnürst deine Schuhe in der gewöhnlichen Weise zu. Aber jetzt sehe ich, daß sie an den obersten zwei Haken doppelt geschnürt sind und das Band ist zu einer kunstvollen Schleife geknotet, – doppelt, – wie das deine Gepflogenheit nicht ist. Wäre das nur bei einem Schuh, so könnte man annehmen, du hättest dir ein Paar neue gekauft, und das Fräulein im Laden hätte dir den einen, den du auszogest, um den neuen anzuprobieren, zugeschnürt. Es sind aber beide Schuhe auf eine dir ungewohnte Art geschnürt, also hast du beide ausgezogen gehabt. Nun, der weitere Schluß ist einfach genug. Der Badediener muß dir die Schuhe zugeschnürt haben. Aber nun hat das türkische Bad doch einen Zweck gehabt.«

»Wieso?«

»Sagtest du nicht soeben, du hättest es genommen, um deinem Körper einen Wechsel, ein Alterativ angedeihen zu lassen? Ich empfehle dir zur Ergänzung einen Luftwechsel. Wie würde dir Lausanne gefallen, Reise erster Klasse und alle Unkosten fürstlich bezahlt?«

»Ausgezeichnet! Aber wozu?«

Holmes lehnte sich in seinen Armstuhl zurück und zog das Notizbuch aus der Tasche.

»Eine der gefährlichsten Frauen in der Welt«, sagte er, »ist die unstet reisende, alleinstehende Frau. Sie ist die harmloseste und oft sogar nützlichste Person, aber auch für andere der unvermeidliche Anstifter zu Verbrechen. Sie ist hilflos. Sie ist nomadenhaft. Sie hat genügende Mittel, um von Land zu Land, von Hotel zu Hotel zu ziehen. Man findet sie verloren in der Unzahl von Fremdenpensionen und Kurorten. Sie ist ein verlaufenes Huhn in einer Welt von Füchsen. Wenn sie verschlungen ist, so wird sie selten vermißt. Ich fürchte sehr, daß der Lady Frances Carfax etwas zugestoßen ist.«

Ich war froh, als Holmes so plötzlich vom Allgemeinen zum Besonderen überging. Er blätterte in seinen Notizen.

»Lady Frances«, fuhr er fort, »ist die einzige Überlebende der ehemals großen Familie des Grafen von Rufton. Sie blieb mit beschränkten Mitteln zurück, erbte aber sehr wertvolle alte spanische Juwelen aus Silber mit ungewöhnlich geschliffenen Diamanten, an denen sie sehr hing. – Zu sehr, Watson, denn sie ließ diesen Schatz nicht etwa bei ihrer Bank in einem Stahlfach, sondern führte ihn stets auf ihren Reisen mit sich. Sie ist eine auffallende Erscheinung, diese Lady Frances, eine noch hübsche Frau, im besten mittleren Alter und doch, infolge sonderbaren Zufalles, das letzte Schiff einer vor zwanzig Jahren noch stolzen Flotte.«

»Und was fürchtest du, daß ihr zugestoßen sein könne?«

»Was ihr zugestoßen sein könne? Ob sie lebt oder tot ist, das ist die schwerwiegende Frage. Sie ist eine Dame von pünktlichen Gewohnheiten, und seit vier Jahren war es ihre nie durchbrochene Gepflogenheit, alle vierzehn Tage an Fräulein Dobney zu schreiben, ihre alte Erzieherin, die jetzt zurückgezogen als kleine Rentnerin in Camberwell lebt. Dies Fräulein Dobney hat mich um meinen Rat angegangen. Nahezu fünf Wochen sind verstrichen, ohne daß Lady Frances geschrieben hätte. Der letzte Brief war vom Hotel National in Lausanne. Lady Frances scheint ohne Angabe einer Adresse das Hotel verlassen zu haben. Die Familie der Seitenlinie der Ruftons ist in Sorgen, und da sie sehr vermöglich ist, so spielt Geld gar keine Rolle, wenn wir nur den Verbleib der Dame ausfindig machen.«

»Ist Fräulein Dobney die einzige Informationsquelle? Sicher schrieb Lady Frances auch noch an andere.«

»Da ist noch eine Quelle und die ist zuverlässig, nämlich die Bank. Einzelnstehende Damen müssen leben, und ihre Bankkonten sind komprimierte Tagebücher. Sie hat ihr Konto bei Silvester. Der vorletzte Scheck diente zur Bezahlung der Rechnung in Lausanne, der Betrag war reichlich hoch, und wahrscheinlich behielt sie noch ziemlich viel Geld davon übrig. Seitdem ist nur ein einziger Scheck von ihr vorgekommen.«

»Wo, an wen zahlbar?«

»An Fräulein Marie Devine. Wo der Scheck ausgestellt wurde, ist nicht zu ersehen. Eingelöst wurde er beim Credit Lyonnais in Montpellier vor weniger als drei Wochen. Der Betrag war fünfzig Pfund.«

»Und wer ist Fräulein Devine?«

»Auch das ist mir schon gelungen, festzustellen. Fräulein Marie Devine war die Zofe der Lady Frances Carfax. Warum diese ihr das Geld bezahlt hat, ist noch unklar. Aber ich zweifle nicht daran, daß deine Nachforschungen die Sache bald aufklären werden.«

»Meine Nachforschungen?«

»Deshalb der vorgeschlagene Luftwechsel in Lausanne. Du wirst begreifen, daß ich London nicht verlassen kann, solange der alte Abrahams in solch tödlicher Angst um sein Leben schwebt. Außerdem ist es aus allgemeinen Gründen am besten, wenn ich nicht außer Landes gehe. Scotland Yard fühlt sich so verwaist, wenn ich nicht da bin, und in Verbrecherkreisen würde meine Abwesenheit eine ungesunde Erregung hervorbringen. So gehe denn, Watson, und wenn dir mein Rat die Telegrammgebühren wert erscheint, so steht er bei Tag und Nacht zu deiner Verfügung.« –

Zwei Tage später war ich in Lausanne im Hotel National, wo der Geschäftsführer, Herr Moser, mir jede Unterstützung zuteil werden ließ. Er stellte fest, daß Lady Frances mehrere Wochen hier gewohnt hatte. Alle, mit denen sie in Berührung kam, mochten sie gern. Sie war sicher nicht über vierzig. Sie war noch immer hübsch und in ihrer Jugend mußte sie eine Schönheit gewesen sein. Von wertvollen alten Juwelen wußte Herr Moser nichts. Ihm war nichts zur Aufbewahrung übergeben worden. Aber die Zimmermädchen hatten bemerkt, daß der große Koffer im Schlafzimmer der Dame stets von ihr sorgfältig verschlossen wurde. Marie Devine, die Zofe, war ebenso beliebt wie ihre Herrin. Sie sei verlobt mit einem Oberkellner des Hotels, und es sei daher leicht, ihre Adresse zu erfahren. Herr Moser stellte diese alsbald fest: Montpellier, rue de Trajan Nr. 11. Das alles schrieb ich mir auf, und ich fand, daß Sherlock Holmes selber die Feststellungen nicht besser hätte machen können.

Ein Winkel nur lag noch immer im Dunkeln: kein Licht hellte die unerklärte Plötzlichkeit auf, mit der Lady Frances abgereist war. Sie fühlte sich in Lausanne sehr glücklich. Man war zu der Annahme berechtigt gewesen, sie würde die ganze Saison hier bleiben. Und plötzlich hatte sie von heute auf morgen ihre Zimmer aufgesagt, was sie ganz unnötig mit den Ausgaben für eine Wochenmiete belastete. Nur Jules Vibart, der Verlobte der Zofe, konnte eine Erklärung finden. Er brachte die überraschende Abreise in Verbindung mit dem Besuch eines großen, dunkeln, bärtigen Mannes. »Un sauvage – un véritable sauvage!« rief Jules Vibart. Der Mann wohnte irgendwo oben in der Stadt. Man hatte ihn lebhaft mit Madame auf der Seepromenade sprechen sehen. Dann hatte er sie im Hotel aufgesucht, sie empfing ihn aber nicht. Er war ein Engländer, seinen Namen aber wußte niemand. Jules Vibart und, was schwerer wog, die Zofe hielten dessen Besuch für den Grund der Abreise. Nur über einen Punkt sagte Jules Vibart nichts aus, natürlich den Grund, weswegen Marie ihre Herrin verlassen hatte. Darüber konnte oder wollte er keine Angaben machen. Wenn ich das wissen wolle, so müsse ich eben nach Montpellier fahren und sie fragen.

So endete das erste Kapitel meiner Nachforschungen. Das zweite war dem Ort gewidmet, den Lady Carfax aufgesucht hatte, nachdem sie Lausanne verlassen. Zunächst schien auch dieser Ort ein Geheimnis zu sein, das den Gedanken bestätigte, sie sei abgereist in der Absicht, ihre Spuren zu verwischen. Ihr Gepäck aber war nach Baden-Baden bezettelt worden. Die Lady und die Koffer hatten den Schwarzwaldort auf einem Umwege erreicht. So viel konnte ich durch den Leiter des Cook-Büros ermitteln. Nachdem ich Holmes telegraphisch von meinen Nachforschungen unterrichtet und von ihm eine halb humoristische Dankdepesche erhalten, fuhr ich also nach Baden-Baden.

Hier war die Spur leicht gefunden. Lady Frances hatte zwei Wochen im Englischen Hof gewohnt. Dort hatte sie die Bekanntschaft eines Dr. Schlessinger und dessen Gemahlin gemacht; der Herr war Missionar in Südamerika. Wie die meisten alleinstehenden Damen befaßte sich Lady Frances viel und gern mit religiösen und kirchlichen Angelegenheiten. Dr. Schlessingers merkwürdige Persönlichkeit, seine tiefe Frömmigkeit und der Umstand, daß er Erholung von einer Krankheit suchte, die er sich bei Ausübung seiner apostolischen Pflichten zugezogen, das alles machte einen starken Eindruck auf sie. Sie half der Frau des Missionars bei der Pflege des genesenden Heiligen. Er verbrachte den Tag, wie mir der Geschäftsführer sagte, auf der Veranda auf einem Liegestuhl mit je einer aufwartenden Dame zur Rechten und Linken. Er arbeitete an einer Karte des Heiliges Landes mit besonderer Berücksichtigung des Reiches der Midianiten, über die er eine Monographie schrieb. Schließlich, in seinem Zustande wesentlich gebessert, war er mit der Gattin nach London zurückgekehrt, und Lady Frances hatte sich ihm angeschlossen. Das war gerade vor drei Wochen gewesen, und der Geschäftsführer hatte seitdem nichts mehr von den Leuten gehört. Von der Zofe Marie wußte er, daß sie einige Tage früher unter Strömen von Tränen fortgegangen sei, nachdem sie einigen Zimmermädchen, mit denen sie bekannt geworden, gesagt hatte, daß sie den Dienst für immer verlasse. Vor der Abreise hatte Dr. Schlessinger die Rechnung auch für Lady Frances bezahlt.

»Übrigens sind Sie, Herr Doktor, nicht der einzige Bekannte der Lady Frances Carfax«, sagte der Hotelleiter zum Schlusse, »der Erkundigungen nach der Dame einzieht. Erst vor acht Tagen war ein Herr zum gleichen Zwecke hier.«

»Nannte er seinen Namen?«

»Nein. Aber es war ein Engländer, allerdings von ungewöhnlicher Erscheinung.«

»Ein – Wilder?« fuhr es mir heraus; ich hatte halb unbewußt eine Gedankenverbindung hergestellt.

»Ganz richtig, der Ausdruck bezeichnet ihn am besten. Es war ein mächtiger, bärtiger, sonngebräunter Mann, der aussah, als sei er in einer Wildwestkneipe besser zu Hause als in einem eleganten Hotel. Ein harter, selbstbewußter Mann, dem ich nicht zu nahe treten möchte.«

Schon begann das Geheimnis sich zu entschleiern, so wie man alles deutlicher sieht, wenn der Nebel sich aufteilt. Da war die gute, fromme Lady, der von Ort zu Ort ein finsterer unerbittlicher Verfolger nachreiste. Sie fürchtete ihn, sonst wäre sie nicht vor ihm aus Lausanne geflohen. Er war ihr schon wieder auf der Spur; über kurz oder lang mußte er sie einholen. Oder hatte er sie inzwischen schon eingeholt? War das der Grund, weshalb keine Briefe mehr von ihr ankamen? Konnte das Missionsehepaar sie nicht schützen vor seiner Erpressung oder offener Gewalt? Was für ein fürchterlicher Zweck, welch tiefe Absichten lagen hinter dieser langen Verfolgung? Hier war das Rätsel, das ich zu lösen hatte.

An Holmes schrieb ich, wie ungeheuer schnell und sicher ich den Kern der ganzen Angelegenheit bloßgelegt hätte. Als Antwort kam das telegraphische Ersuchen um eine Beschreibung des linken Ohres des Doktor Schlessinger. Holmes hat manchmal ganz absonderliche Begriffe davon, was ein Witz sei, und so ließ ich den mir sehr wenig angebrachten Scherz unbeachtet, obwohl er mich zuerst geärgert hatte. Übrigens war ich bereits in Montpellier, als mich das Telegramm erreichte.

Es machte keine besondere Mühe, das Fräulein Devine zu finden und alles Wissenswerte von ihr zu erfahren, was sie wußte. Sie war ein anhänglicher Mensch und sie hatte ihre Herrin nur verlassen, da sie sie in guten Händen wußte und ihre bevorstehende Verheiratung eine Trennung sowieso in absehbarer Zeit notwendig machte. Ihre Herrin hatte, wie sie mit Betrübnis gestand, ihr gegenüber in Baden-Baden einige Male eine nicht gerechtfertigte Unfreundlichkeit und gereizte Stimmung gezeigt; ja, sie hatte sie einmal ausgefragt, wie wenn sie ihre Ehrlichkeit in Zweifel zöge, und die Trennung war ihr dadurch leichter geworden, als es sonst der Fall gewesen wäre. Lady Frances hatte ihr fünfzig Pfund als Hochzeitsgeschenk gegeben. Ebenso wie ich, war Marie voll des tiefsten Mißtrauens gegen den Fremden, der ihre Herrin aus Lausanne vertrieben hatte. Mit ihren eigenen Augen hatte sie gesehen, wie er auf der Promenade am See mit großer Heftigkeit die Lady am Arme ergriffen hatte. Er war ein schrecklicher, wilder Mann. Sie glaubte, aus Angst vor ihm hätte sie sich den Schlessingers nach London angeschlossen. Mit ihr, Marie, hatte sie nie darüber gesprochen, aber viele Kleinigkeiten hatten es ihr gezeigt, daß die Lady in einem Zustande unausgesetzter nervöser Spannung lebte.

So weit war sie mit ihrer Erzählung gekommen, als sie plötzlich mit einem Satze vom Stuhl hochsprang, mit allen Anzeichen der Überraschung und der Angst. »Sehen Sie!« schrie sie. »Der Unmensch folgt auch mir! Da – der Mann, das ist der Fremde von Lausanne.«

Durch das offene Fenster erblickte ich einen großen, gebräunten Mann mit struppigem, schwarzem Bart, der langsam die Mitte der Straße entlang ging und die Hausnummern betrachtete. Es war klar, daß er, wie ich selber vor kurzem, die Zofe Marie Devine suchte. Ohne weitere Überlegung lief ich hinaus und sprach ihn an.

»Sie sind Engländer?« fragte ich.

»Und wenn ich einer bin?« gab er finsteren Blickes zurück.

»Darf man Ihren Namen wissen?«

»Nein, Sie dürfen nicht«, sagte er mit Bestimmtheit.

Die Lage wurde für mich kritisch, aber der direkteste Weg ist oftmals der beste.

»Wo ist Lady Frances Carfax?« fragte ich.

Er starrte mich betroffen an, gab aber keine Antwort.

»Was haben Sie mit ihr gemacht, warum haben Sie sie verfolgt? Ich verlange eine bestimmte Antwort!« herrschte ich ihn an.

Der Schwarzbärtige stieß einen ärgerlichen Laut aus und sprang mich an wie ein Tiger. Ich habe schon manchen Kampf Mann gegen Mann bestanden, aber der Fremde hatte einen eisernen Griff und war wild wie ein Satan. Seine Hand war an meiner Kehle, und die Sinne waren mir bereits geschwunden, als ein unrasierter französischer Ouvrier in blauer Bluse, mit einem Knüppel in der Hand aus einem gegenüberliegenden Kabarett herzueilte und meinem Angreifer einen heftigen Hieb über den Arm zog. Da spürte ich den Griff sich lockern. Der Fremde stand für einen Augenblick wutschnaubend da, unsicher, ob er einen zweiten Angriff auf mich machen solle oder nicht. Dann verließ er mich mit einem raubtierartigen Knurren und betrat das Haus, das ich soeben verlassen. Ich aber wandte mich zu meinem Retter, der zur Seite in der Gosse stand, um ihm meinen Dank abzustatten.

»Ja, Watson, du hast ein nettes Ragout aus allem gemacht! Am besten fährst du jetzt mit dem Nachtschnellzug mit mir zurück nach London.«

Eine Stunde später saß Sherlock Holmes in seiner gewöhnlichen Kleidung in meinem Zimmer im Hotel. Seine Erklärung für sein unerwartetes Erscheinen im rechten Augenblick war einfach genug. Er hatte gefunden, daß er London nunmehr verlassen könne und hatte beschlossen, mich am nächsten ihm bekannten Ort meiner Reise zu überraschen. In der Verkleidung eines Arbeiters hatte er in dem Kabarett gesessen und mich erwartet.

»Und merkwürdig vollständig hast du die Nachforschungen gemacht, Watson«, sagte er. »Im Augenblick fällt mir kein möglicher Mißgriff ein, den du unterlassen hättest. Die Gesamtleistung deiner Tätigkeit ist die, daß du eigentlich alles verraten und nichts entdeckt hast.«

»Vielleicht hättest du auch nicht mehr erreicht«, antwortete ich gekränkt.

»Da gibt es kein ›Vielleicht‹. Ich habe mehr erreicht. Hier im selben Hotel wie du wohnt Herr Philipp Green, und er ist vermutlich für uns der Ausgangspunkt einer Reihe erfolgreicher Nachforschungen.«

Es klopfte, das Zimmermädchen brachte eine Besuchskarte auf einem silbernen Tablett, und ihr nach folgte derselbe schwarzbärtige Mann, der mich auf der Straße angefallen hatte. Er stutzte, als er mich sah.

»Was ist das, Herr Holmes?« fragte er. »Ich bekam Ihre Karte und daraufhin bin ich gekommen. Aber was hat der Herr da mit der Angelegenheit zu schaffen?«

»Das ist mein alter Freund und Mitarbeiter Doktor Watson, der auch in dem gegenwärtigen Fall mitwirkt.«

Der Fremde reichte mir eine große, sonnegebräunte Hand und murmelte einige Worte der Entschuldigung.

»Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht zu weh getan. Als Sie mich beschuldigten, mit ihr nicht rücksichtsvoll umgegangen zu sein, konnte ich mich nicht beherrschen. Ich bin in der Tat in diesen Tagen nicht ganz Herr meiner selbst. Meine Nerven sind hochgradig überreizt. Aber diese Lage verstehe ich nicht. An erster Stelle, Herr Holmes, bitte ich Sie, mir zu sagen, wieso in aller Welt Sie von meiner Existenz überhaupt erfuhren.«

»Ich stehe mit Fräulein Dobney in Verbindung, der einstigen Lehrerin der Lady Frances.«

»Die alte Susanne Dobney mit der Spitzenhaube! Ich erinnere mich ihrer sehr gut.«

»Und sie entsinnt sich Ihrer. Es war in den Tagen ehe – ehe Sie es für besser fanden, nach Südafrika zu gehen.«

»Ich sehe, Sie kennen meine ganze Geschichte. Vor Ihnen brauche ich also nichts zu verheimlichen. Ich schwöre Ihnen, Herr Holmes, daß auf dieser Welt nie ein Mann gelebt hat, der eine Frau inniger geliebt hat als ich Frances Carfax. Ich war ein wilder junger Mann, ich weiß – aber nicht schlimmer als andere meines Standes. Aber ihre Seele war rein wie Schnee. Sie konnte auch nicht den Schatten einer Schlechtigkeit vertragen. Als sie daher von Dingen vernahm, die ich getan hatte, da brach sie die Beziehungen zu mir ab. Und doch liebte sie mich – das ist das Wunderbare dabei! – liebte mich trotz allem so sehr, daß sie unverheiratet blieb und ihre Tage gleich einer Heiligen lebte, alles nur um meinetwillen. Als die Jahre dahingegangen waren, und ich in Barberton mir Reichtümer erworben hatte, dachte ich, ich könne sie vielleicht suchen und besänftigen. Ich hatte gehört, daß sie immer noch unverheiratet war. Ich fand sie in Lausanne und ich beschwor und bestürmte sie, so gut ich konnte. Ich glaube auch, sie wurde wankend, aber sie hat einen starken Willen, und als ich sie ein zweitesmal aufsuchte, hatte sie Lausanne verlassen. Ich verfolgte sie nach Baden-Baden, und dann nach einiger Zeit hörte ich, ihre Zofe sei hier in Montpellier. Ich bin ein rauher Kolonist, komme frisch aus einem rauhen Leben in Afrika, und als Doktor Watson so zu mir sprach, wie er es getan hat, verlor ich für einen Augenblick die Selbstbeherrschung. Aber um Gottes willen, sagen Sie mir, was aus der Lady Frances geworden ist.«

»Das herauszufinden ist unsere Aufgabe«, sagte Sherlock Holmes mit auffallendem Ernst. »Wo wohnen Sie in London, Herr Green?«

»Zuschriften an das Langham-Hotel werden mich erreichen.«

»Dann darf ich Ihnen empfehlen, daß Sie dorthin zurückkehren und zur Verfügung stehen für den Fall, daß wir Ihrer benötigen. Ich möchte keine falschen Hoffnungen erwecken, aber Sie mögen überzeugt sein, daß alles, was für die Sicherheit der Lady Frances geschehen kann, von mir getan werden wird. Für den Augenblick kann ich nicht mehr sagen. Ich übergebe Ihnen hier diese Karte, so daß Sie in der Lage sind, in Verbindung mit uns zu bleiben. – Nun, Watson, wenn du jetzt deinen Koffer packen willst, so will ich an Frau Hudson telegraphieren, sie möchte sich für sieben Uhr dreißig morgen früh auf zwei hungrige Reisende bestens vorbereiten.« –

Ein Telegramm lag schon für uns da, als wir unsere Wohnung in der Bakerstraße erreichten. Holmes las es mit einem Ausruf der Befriedigung und reichte es mir über den Tisch. »Ausgezackt oder zerrissen«, lautete der Inhalt; das Telegramm war in Baden-Baden aufgegeben.

»Was ist’s damit?« fragte ich.

»Hier haben wir alles«, antwortete Holmes. »Du erinnerst dich wohl meiner scheinbar unangebrachten Frage nach dem linken Ohr des kirchlichen Herrn. Du hast mir keine Antwort darauf gegeben.«

»Ich hatte Baden-Baden schon verlassen und konnte also nichts mehr feststellen.«

»Ganz richtig. Deshalb sandte ich ein zweites Telegramm an den Geschäftsführer des Englischen Hofes, und seine Antwort liegt hier vor uns.«

»Was geht daraus hervor?«

»Es geht daraus hervor, mein lieber Watson, daß wir es mit einem hervorragend verschlagenen und gefährlichen Mann zu tun haben. Der südamerikanische Missionar, der ehrwürdige Doktor Schlessinger ist kein anderer als Holy Peters, einer der gewissenlosesten Schurken, den Australien je hervorgebracht hat – und für ein so junges Land hat es bereits einige ganz vollendete Typen dieser Art aufzuweisen. Seine Spezialität besteht darin, alleinstehende Damen zu betrügen, indem er ihre religiösen Gefühle beeindruckt; seine sogenannte Frau, eine Engländerin namens Fraser, ist seine würdige Helfershelferin. Die Art seines Vorgehens brachte mich auf den Gedanken, daß Holy Peters und Doktor Schlessinger identisch sein könnten, und diese körperliche Eigentümlichkeit – er wurde in Adelaide bei einem Krawall in einem Spielsalon ins Ohr gebissen – bestätigte meinen Verdacht. Die arme Lady ist in den Händen eines ganz teuflischen Paares, das vor nichts zurückschrecken wird. Wir müssen damit rechnen, daß sie bereits tot ist. Bestenfalls befindet sie sich in einer Art Haft, außerstande, an Fräulein Dobney oder andere Bekannte zu schreiben. Dabei bleibt es immer möglich, daß sie nie nach London zurückgekehrt ist oder daß sie nur durchgefahren ist, aber das erstere ist unwahrscheinlich, da bei der überall herrschenden Meldepflicht auf dem Kontinent es Fremden nicht so leicht gemacht ist, der Polizei einen blauen Dunst vorzumachen; und das andere ist auch nicht wahrscheinlich, da diese Verbrecher kaum hoffen konnten, eine andere englische Stadt zu finden, wo es ebenso leicht möglich wäre, einen Menschen mit Gewalt zu verbergen. Alle meine Instinkte sagen mir, daß sie in London ist. Aber da wir augenblicklich ganz außerstande sind, anzugeben, wo sie ist, können wir vorläufig nichts tun, als uns mit Geduld zu wappnen und nachher unser Mittagessen zu verzehren. Gegen Abend werde ich Freund Lestrade in Scotland Yard aufsuchen und einiges mit ihm besprechen.«

Aber weder die hauptstädtische Polizei noch Holmes‘ kleine, aber sehr wirksame Organisation reichten hin, um das Geheimnis aufzuklären. Unter den zusammengeballten Millionen Londons waren die drei Personen, die wir suchten, so vollständig verschwunden, als ob sie nie gelebt hätten. Es wurde mit Zeitungsanzeigen versucht, aber ohne Erfolg. Verschiedene Spuren wurden aufgenommen und führten zu nichts. Jede Verbrecherkneipe, wo Schlessinger möglicherweise hätte auftauchen können, wurde bewacht, aber immer vergebens.

Seine alten Spießgesellen standen unter geheimer Aufsicht, aber keiner schien in Verbindung mit den Gesuchten zu stehen. Und dann plötzlich, nach einer Woche ängstlicher Spannung, zuckte ein Lichtstrahl unvermutet auf. Ein alter spanischer Schmuck, ein einzelnes silbernes Ohrgehänge mit Brillanten war bei Bevington in der Westminster Straße versetzt worden. Und zwar von einem großen, glattrasierten Mann von kirchlichem Aussehen. Name und Adresse, die er angegeben, waren erwiesenermaßen falsch. Das verstümmelte Ohr war dem Pfandleiher nicht aufgefallen, aber die übrige Beschreibung paßte genau auf Schlessinger.

Dreimal hatte unser schwarzbärtiger Freund vom Langham-Hotel sich nach dem Stand der Dinge bei uns erkundigt – das drittemal eine Stunde vor dieser neuen Entwicklung der Dinge. Die Kleider fingen an, ihm etwas weit um den Leib zu hängen. Er schien vor Kummer und Sorge dahinzuschwinden. »Wenn Sie mir nur irgendeine Aufgabe dabei zuweisen könnten!« war seine ständige Bitte und Klage. Endlich konnte Holmes ihm willfahren.

»Er hat angefangen, die Juwelen zu versetzen. Jetzt sollten wir ihn eigentlich kriegen.«

»Folgt daraus nicht schon, daß der Lady Frances Gewalt angetan worden ist?«

Holmes wiegte den Kopf mit sehr ernster Miene. »Angenommen, daß sie sie bis jetzt gefangen gehalten haben, so ist es klar, daß sie sie nicht loslassen können, ohne ihre eigene Vernichtung herbeizuführen. Wir müssen uns auf das Schlimmste gefaßt machen.«

»Was kann ich tun?«

»Die beiden kennen Sie nicht?«

»Nein.«

»Es ist möglich, daß er künftig zu einem anderen Pfandleiher geht. In diesem Fall müssen wir noch einmal von vorn anfangen. Andererseits aber hat er einen guten Preis erzielt, und Bevington hat keine unbequemen Fragen gestellt – sobald er wieder flüssiges Geld braucht, wird er also wahrscheinlich abermals zu Bevington gehen. Ich werde Ihnen ein paar Worte an ihn mitgeben, und Sie können dort in dem Laden warten. Wenn Schlessinger auftaucht, folgen Sie ihm bis zu seiner Wohnung nach. Aber bitte, alles sehr vorsichtig und« – Holmes lächelte ein wenig zu mir herüber – »keine Gewalttätigkeiten! Ferner verpflichten Sie sich bei Ihrer Ehre, daß Sie keinen sonstigen Schritt ohne meine Kenntnis und Einwilligung unternehmen.«

In den nächsten zwei Tagen brachte uns Herr Philipp Green (er war beiläufig gesagt der Sohn des berühmten Admirals, der im Krimkrieg die Flotte im Asowschen Meer befehligte) keine Neuigkeiten. Am Abend des dritten Tages stürzte er in unser Zimmer, bleich, zitternd, jeder Muskel seiner mächtigen Gestalt schien zu beben vor Erregung.

»Wir haben ihn! Wir haben ihn!« rief er.

In seiner Erregung sprach er unzusammenhängend. Holmes setzte ihn in einen bequemen Stuhl – was stets beruhigt, und zwang ihn mit wenigen Worten zu einer größeren Sammlung.

»Immer sachte, Herr Green, erzählen Sie uns alles ganz der Reihe nach«, bat er.

»Sie kam vor knapp einer Stunde. Es war seine sogenannte Frau diesmal, aber das Ohrgehänge, das sie brachte, war genau das Gegenstück zu dem früheren. Sie ist eine schlanke, blasse Frau mit rötlichen Augen.«

»Das ist sie«, sagte Holmes.

»Als sie den Laden verließ, folgte ich ihr nach. Sie ging die Kenningtonstraße hinauf, und ich blieb dicht hinter ihr. Dann ging sie in ein Geschäft. Herr Holmes, es war ein Begräbnisinstitut.«

Mein Freund fuhr auf. »Was?« fragte er mit jenem vibrierenden Ton, der mir verriet, daß hinter dem kalten grauen Gesicht die Gedanken stürmten.

»Sie sprach mit der Frau in dem Geschäft. Ich trat ebenfalls ein. Ich hörte, wie sie ungefähr sagte: ›Sie halten nicht Wort.‹ Die Frau sagte etwas zur Entschuldigung. ›Er hätte sollen schon längst da sein‹, entgegnete sie. ›Die Arbeit hat länger gebraucht, weil er von dem üblichen Muster abweicht.‹ Beide hielten dann inne und sahen mich an, weshalb ich eine belanglose Frage tat und das Geschäft verließ.«

»Das haben Sie ausgezeichnet gemacht. Was geschah dann?«

»Die Frau kam heraus, aber ich hatte mich in einem Torbogen versteckt. Ihr Verdacht war rege geworden, glaube ich, denn sie sah sich nach allen Seiten um. Darauf rief sie eine Taxe und stieg ein. Ich hatte das Glück, in der Nähe eine zweite zu finden und ihr darin zu folgen. Schließlich hielt sie vor dem Haus Nr. 36 Poultney-Platz, Brixton. Ich fuhr an die nächste Ecke weiter und beobachtete das Haus.«

»Haben Sie irgend jemand gesehen?«

»Die Fenster waren alle dunkel, außer einem im Erdgeschoß. Der Rolladen war heruntergelassen, ich konnte also nicht hineinsehen. Ich überlegte mir, was ich tun könne, als ein gedeckter Lastwagen mit zwei Männern auf dem Bock vorfuhr. Sie stiegen herunter, zogen etwas vom Wagen und trugen es die Treppe hinauf vor die Tür. Herr Holmes, es war ein Sarg.«

»Ah!«

»Trotz meiner Verpflichtung auf meine Ehre war ich in Versuchung, in das Haus einzudringen. Die Tür war geöffnet worden, um die Männer mit ihrer Last einzulassen. Es war wiederum die Frau, die die Türe geöffnet hatte, aber sie sah mich stehen, und ich glaube, sie hat mich wiedererkannt. Ich bemerkte, daß sie stutzte, und sie warf hastig die Tür zu. Ich erinnerte mich meines Versprechens, das ich Ihnen gegeben, und eilte hierher zu Ihnen.«

»Sie haben Ihre Sache hervorragend gemacht«, sagte Holmes, indem er einige Worte auf ein Blatt Papier warf. »Wir können nichts Gesetzliches unternehmen ohne einen Haftbefehl, und Sie können uns am besten dienen, wenn Sie mit diesem Schreiben sofort nach Scotland Yard fahren und sich einen solchen geben lassen. Es mag sein, daß man Schwierigkeiten macht, aber ich denke doch, daß die Verpfändung der Juwelen auch für die Polizei hinreichend ist. Lestrade wird die Einzelheiten regeln.«

»Aber in der Zwischenzeit können sie sie umbringen. Was hat der Sarg zu bedeuten, und für wen soll er bestimmt sein, außer für Lady Frances?«

»Wir werden alles tun, was irgend möglich ist, Herr Green. Wir werden keinen Augenblick verlieren. Verlassen Sie sich auf uns! Jetzt, Watson«, fügte er hinzu, als unser Klient die Treppe hinuntereilte, »wird er die regulären Truppen in Marsch setzen. Wir sind wie gewöhnlich die Vorhut und müssen nach unserem eigenen Plan vorgehen. Die Lage scheint mir so verzweifelt, daß die äußersten Mittel gerechtfertig sind. In meinen Augen wäre es ein Verbrechen, wenn wir nicht unverzüglich nach dem Poultney-Platz aufbrächen.« –

»Wir wollen uns die ganze Lage noch einmal klar machen«, sagte er, als wir an dem Parlamentsgebäude vorbei und über die Westminsterbrücke fuhren. »Diese Bande hat die unglückliche Lady nach London geschleppt, nachdem sie sie vorher von ihrer ergebenen Zofe getrennt haben. Wenn sie überhaupt seitdem Briefe geschrieben hat, dann sind sie abgefaßt oder unterschlagen worden. Durch einen Helfershelfer haben sie ein möbliertes Haus gemietet. Dort haben sie sie gefangen gehalten und haben den wertvollen spanischen Schmuck, auf den sie es von Anfang an abgesehen hatten, in ihren Besitz gebracht. Schon haben sie angefangen, Teile davon zu Geld zu machen; sie glauben, das ohne Gefahr tun zu können, in der naheliegenden Annahme, daß sich niemand weiter um das Geschick der alleinstehenden Dame kümmere. Wenn sie sie freilassen, so wird sie natürlich eine Anzeige erstatten. Also darf sie nicht freigelassen werden. Sie können sie aber auch nicht für ewig hinter Schloß und Riegel halten. Also ist ihr Tod die einzige Lösung.«

»Das scheint mir vollständig logisch.«

»Jetzt wollen wir eine andere Reihe von Überlegungen anstellen. Wenn du zwei verschiedenen Gedankengängen folgst, Watson, so kannst du einen Durchschnitt finden, der der Wahrheit am nächsten kommt. Gehen wir einmal nicht von der Lady Frances, sondern von dem Sarg aus, und zwar rückwärts! Der Vorfall beweist, fürchte ich, zweifelsfrei, daß die Lady tot ist. Er weist auch auf ein richtiges Begräbnis hin, zu dem ein ärztlicher Totenschein und die Genehmigung der Behörde erforderlich sind. Wäre die Lady offensichtlich ermordet worden, so würden sie sie zum Beispiel im Keller vergraben haben. Aber hier ist alles einwandfrei und in Ordnung. Was soll das bedeuten? Sicher, daß sie sie umgebracht haben, aber auf eine solche Art, daß der Arzt getäuscht wurde; der Anschein eines natürlichen Todes muß erweckt worden sein – also Gift zum Beispiel. Und doch ist es kaum zu glauben, daß sie einem Arzt gestattet hätten, die Leiche zu untersuchen, es sei denn, der Arzt wäre mit ihnen unter einer Decke, und das ist doch eigentlich ausgeschlossen.«

»Könnten sie nicht einen Totenschein gefälscht haben?«

»Gefährlich, Watson, sehr gefährlich. Nein, das traue ich ihnen nicht zu. He, Kutscher! halt! Das scheint mir das Begräbnisinstitut zu sein. Würdest du, bitte, hineingehen, Watson? Dein Äußeres erweckt Vertrauen. Frage, bitte, um welche Stunde das Begräbnis vom Poultneyplatz stattfindet.«

Die Frau in dem Institut gab mir ohne Zögern zur Antwort, es sei morgen früh um acht Uhr.

»Du siehst, Watson, das ist alles in Ordnung. Auf irgendeine Art haben sie alle gesetzlichen Vorschriften und Formen erfüllt und sie glauben, sie hätten so gut wie nichts bei diesem durchaus regelmäßigen Begräbnis zu fürchten. Da bleibt uns jetzt gar nichts anderes übrig, als ein Frontalangriff. Bist du bewaffnet?«

»Mein Stock.«

»Nun ja, ich denke, wir sind stark genug. Dreifach ist der gewappnet, der für eine gerechte Sache ficht. Die Geschichte hat sich zu sehr zugespitzt, als daß wir auf die Polizei warten oder innerhalb der Grenzen des Gesetzes bleiben könnten. Jetzt Poultneyplatz Nr. 36. Watson, wir müssen eben unser Herz in beide Hände nehmen und uns auf unser Glück verlassen, wie wir das früher auch schon getan haben.« –

Er hatte stark an der Tür eines großen dunklen Hauses etwa in der Mitte der Häuserzeile des Poultneyplatzes geklingelt. Sogleich erschien eine große schlanke Frau in dem schwach beleuchteten Flur und öffnete uns.

»Was wünschen Sie?« fragte sie unfreundlich und musterte uns in der Dämmerung.

»Ich wünsche, Herrn Doktor Schlessinger zu sprechen«, sagte Holmes.

»Hier wohnt niemand dieses Namens«, erwiderte sie und versuchte, die Tür vor uns zu schließen. Aber Holmes hatte bereits seinen Fuß über die Schwelle geschoben.

»Dann will ich eben den Mann sprechen, der hier wohnt, ganz gleichgültig, wie er sich nennt«, sagte Holmes bestimmt.

Sie zögerte. Dann trat sie zur Seite. »Gut, treten Sie ein!« sagte sie. »Mein Mann braucht keinen Besuch zu scheuen.« Sie schloß hinter uns die Tür und wies uns in ein Zimmer rechts vom Flur, wobei sie das Licht anzündete. »Herr Peters wird sogleich herunterkommen«, sagte sie.

Was sie sagte, traf wörtlich zu, denn wir hatten kaum Zeit gehabt, uns in dem staubigen unsauberen Gemach umzusehen, als die Tür aufging und ein großer, glattrasierter Mann rasch hereintrat. Er hatte ein breites rotes Gesicht mit Hängebacken und die bekannte oberflächlich wohlwollende Miene, dazu aber im Gegensatz einen grausamen, lasterhaften Mund.

»Ohne Zweifel liegt hier ein Irrtum vor, meine Herren«, sagte er mit einer öligen, mir widerlichen Stimme. »Ich vermute, Sie sind falsch hierher gewiesen worden. Vielleicht, daß weiter unten in der Straße –«

»Lassen Sie nur, wir haben keine Zeit zu verlieren«, sagte mein Begleiter herrisch. »Sie sind ein gewisser Peters von Adelaide und nennen sich jetzt Doktor Schlessinger und Sie kommen aus Baden-Baden und im übrigen aus Südamerika. Das weiß ich so genau, als ich Sherlock Holmes bin.«

Peters, wie ich ihn von jetzt ab nennen will, stutzte und sah seinen furchtbaren Verfolger entgeistert an. »Ich denke, Ihr Name braucht mich nicht zu schrecken, Herr Holmes«, sagte er mit Beherrschung. »Wenn man ein reines Gewissen hat wie ich – Was führt Sie zu mir?«

»Ich wünsche zu wissen, was Sie mit der Lady Frances Carfax gemacht haben, die Sie von Baden-Baden hierher entführten.«

»Es wäre mir selbst interessant, zu erfahren, wo die Dame jetzt sein mag«, antwortete Peters nunmehr ganz kalt. »Ich habe nahezu hundert Pfund für sie ausgelegt, ohne anderen Gegenwert dafür als ein Paar nachgemachter alter Ohrgehänge, die nichts wert sind. Sie hat sich in Baden-Baden an uns angeschlossen (wobei ich zugebe, daß ich damals einen anderen Namen führte), und sie hielt sich zu uns, bis wir nach London kamen. Ich habe ihre Hotelrechnung bezahlt und die Fahrt hierher. Aber in London angekommen, verabschiedete sie sich französisch, und ich habe nichts von ihr in Händen, wie gesagt, als diese wertlosen Ohrgehänge. Bitte, finden Sie mir die Lady, Herr Holmes, und ich werde Ihnen sehr verpflichtet sein.«

»Ich werde sie finden«, sagte Sherlock Holmes. »Dies ganze Haus hier werde ich so lange durchsuchen, bis ich sie gefunden habe.«

»Wo ist Ihr gesetzlicher Ausweis?«

Holmes zog einen Revolver zur Hälfte aus der Tasche. »Das ist mein ungesetzlicher Ausweis; der gesetzliche ist unterwegs.«

»Sie sind einfach ein gemeiner Einbrecher!«

»Als das können Sie mich bezeichnen«, sagte Holmes vergnügt. »Mein Begleiter ist ebenfalls ein ganz schwerer Junge, und wir beide werden jetzt Ihr Haus durchstöbern.«

Peters öffnete die Tür.

»Hol einen Schutzmann, Annie!« rief er. Wir hörten das Rauschen von Frauenkleidern auf dem Flur, und wie die Haustür geöffnet und wieder geschlossen wurde.

»Unsere Zeit ist begrenzt, Watson«, sagte Holmes. »Wenn Sie uns in den Weg treten, Peters«, – mit einem Griff nach der Tasche – »dann kommen Sie bedenklich zu Schaden. Wo steht der Sarg, der Ihnen ins Haus gebracht wurde?«

»Was wollen Sie mit dem Sarg? Er ist nicht mehr leer. Es liegt ein Leichnam drin.«

»Diese Leiche muß ich sehen.«

»Mit meiner Erlaubnis niemals.«

»Dann ohne Ihre Erlaubnis.« Mit einer raschen Bewegung hatte Holmes den Mann zur Seite gestoßen und schritt in den Flur hinaus. Uns gerade gegenüber stand eine Tür halb offen. Wir traten ein. Es war das Eßzimmer. Auf dem Tisch zwischen einigen brennenden Kerzen stand der Sarg. Holmes zündete das Licht an und hob den Deckel ab. Tief unten in dem auffallend hohen Sarg lag eine fast fleischlose Gestalt. Wir erblickten ein von Alter und Krankheit verfallenes Gesicht. Durch keinerlei Grausamkeiten, Hunger oder Krankheit entstellt, konnte dies Häuflein Elend die schöne Lady Frances kaum sein. Auf Holmes‘ Gesicht malte sich sein Erstaunen und ebenso seine Erleichterung.

»Gott sei Dank!« murmelte er. »Es ist jemand anders.«

»Für diesmal, Herr Holmes«, sagte Peters, der uns nachgefolgt war, »haben Sie sich vertan. Das werden Sie zu büßen haben.«

»Wer ist die Tote?«

»Nun, wenn Sie es wirklich wissen müssen, sie ist die alte Kinderfrau meiner Frau, Rosa Spender, die wir im Brixton-Altenheim entdeckt haben. Wir haben sie hierher genommen, haben den Doktor Horsom, von Nr. 13 Firbank Niclas – schreiben Sie sich die Adresse auf, Herr Holmes –, zu Rate gezogen und haben sie sorgfältig gepflegt, wie es Christen zukommt. Aber am dritten Tage schon nahm der Herr sie zu sich – der Totenschein gibt als Ursache Altersschwäche an – aber das ist natürlich nur die Ansicht des Arztes; Sie, Herr Holmes, wissen das natürlich besser. Wir beauftragten das Begräbnisinstitut Stimson in der Kenningtonstraße mit der Bestattung, die morgen vormittag um acht Uhr stattfinden wird. Daran können Sie sich den Kopf einstoßen, Herr Holmes, Sie haben einen ganz schlimmen Mißgriff getan und haben jetzt die Folgen zu tragen. Ich würde eine Masse Geld für eine Photographie bezahlen, die Ihr verblüfftes Gesicht zeigt, wie Sie den Deckel aufhoben in der Annahme, die Lady Frances Carfax zu erblicken und nur ein altes totes Weib von neunzig Jahren fanden.«

Holmes‘ Miene war so marmorkalt wie immer unter dem schneidenden Ton seines Gegners, aber seine geballten Fäuste verrieten mir, was in seinem Inneren vorging.

»Ich durchsuche Ihr Haus weiter«, sagte er.

»Die Folgen werden für Sie nur noch schlimmer werden!« rief Peters, als im Flur die Stimme einer Frau und schwere Schritte vernehmbar wurden. »Sind die Schutzleute gekommen? Hierher bitte! Diese zwei Männer sind fast mit Gewalt in mein Haus eingedrungen und erlauben sich hier trotz meines Widerspruches Freiheiten; der eine hat mich mit dem Revolver bedroht, ich bitte Sie um Ihre Hilfe.«

Ein Polizeisergeant und ein Konstabler standen unter der Tür. Holmes zog seine Karte aus der Tasche.

»Hier mein Name mit Adresse. Das da ist mein Freund, Doktor Watson.«

»Sie sind uns beide wohlbekannt«, sagte der Sergeant, »aber Sie dürfen ohne gesetzlichen Grund oder Ausweis in keinem fremden Hause verweilen.«

»Natürlich nicht, das weiß ich.«

»Verhaften Sie ihn!« schrie Peters.

»Wir von der Polizei kennen den Herrn genügend, um ihn festzunehmen, wenn das von der Behörde angeordnet wird«, sagte der Sergeant mit Würde. »Aber Herr Holmes, Sie müssen das Haus verlassen.«

»Ja, Watson, gehen wir!«

Gleich daraus befanden wir uns wieder auf der Straße. Holmes war so kühl wie immer, aber ich kochte vor Ärger und Demütigung. Der Sergeant war uns nachgefolgt.

»Tut mir leid, Herr Holmes, aber das Gesetz ist gegen Sie.«

»Das weiß ich, Sergeant; Sie durften nicht anders handeln.«

»Ich nehme an, Sie waren nicht ohne guten Grund da drinnen. Wenn ich irgend etwas tun kann –«

»Es handelt sich um eine spurlos verschwundene Dame, und ich nehme an, daß sie hier in dem Hause ist. Ich erwarte jeden Augenblick einen Haftbefehl.«

»Dann will ich die Leute im Auge behalten, Herr Holmes. Falls irgend etwas passiert, gebe ich Ihnen sofort Nachricht.«

Es war erst neun Uhr, und wir waren gleich wieder bei der Arbeit, auf der neuesten Spur. Zuerst fuhren wir zum Brixton-Altenheim, wo wir erfuhren, daß in der Tat ein mildtätiges Ehepaar vor einigen Tagen dagewesen war, das ein gänzlich altersschwaches Weiblein als ehemalige Kinderfrau der Familie zu sich zu nehmen wünschte, und daß es die Erlaubnis dazu von der Anstalt bekommen hatte. Daß die Alte inzwischen schon gestorben war, überrasche niemand.

Der Doktor Horsom war unser nächstes Ziel. Er war gerufen worden, hatte die Frau sterbend angetroffen – völliger Alterszerfall der Kräfte – hatte sie später selbst sterben sehen und daraufhin den Totenschein ausgestellt. »Ich versichere Sie, es war alles durchaus normal; der Fall bot gar keine Möglichkeit für irgend etwas Unlauteres«, sagte er. In dem Haus war ihm nichts Verdächtiges aufgefallen, außer vielleicht, daß sie keinen Dienstboten hatten. Mehr konnte der Arzt nicht aussagen.

Schließlich fuhren wir nach Scotland Yard. Wie vorausgesehen, hatte man Schwierigkeiten formeller Art wegen des Haftbefehles gemacht. Eine Verzögerung war unvermeidlich. Die Unterschrift konnte nicht vor dem anderen Morgen erlangt werden. Herr Holmes möchte um neun Uhr bei Herrn Lestrade vorsprechen. So endete dieser Tag. Aber um Mitternacht meldete unser Freund, der Sergeant, er hätte durch die Fenster des großen dunklen Hauses Lichter hin und her sich bewegen sehen, doch sei niemand herausgekommen oder hineingegangen. Uns blieb nichts anderes übrig, als Geduld zu haben und den nächsten Tag zu erwarten.

Sherlock Holmes war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um sich einer Unterhaltung hinzugeben und zu ruhelos, um schlafen zu können. Ich verließ ihn, wie er heftig an seiner Pfeife zog, die Brauen ganz eng zusammengezogen und mit seinen langen Fingern auf die Armlehne trommelnd. Mehrmals im Laufe der Nacht hörte ich ihn im Hause herumgeistern. Endlich, als ich eben geweckt worden war, kam er in mein Zimmer geeilt. Er hatte einen Schlafrock an, aber sein bleiches, hohläugiges Gesicht sagte mir, daß er eine schlaflose Nacht verbracht hatte.

»Wann sollte das Begräbnis sein? Um acht, nicht wahr?« fragte er. »Und jetzt haben wir zwanzig Minuten nach sieben. Herrgott, Watson, was ist aus all meinem berühmten Hirn geworden, das die Natur mir geschenkt hat! Schnell, Watson, schnell! Es geht um Leben und Tod; hundert Chancen auf Tod gegen eine auf Leben. Ich werde es mir nie verzeihen, wenn wir zu spät kommen!«

Kaum fünf Minuten später fuhren wir in einer Droschke die Bakerstraße hinunter, mit einer Geschwindigkeit, die strafbar war. Trotzdem war es schon sieben Uhr fünfunddreißig, als wir an der Paulskathedrale vorüberkamen und es schlug acht, als wir in die Brixtonstraße einbogen. Aber die anderen waren auch zu spät aufgestanden. Zehn Minuten nach acht stand die Bahre noch vor der Tür, und gerade als unser Wagen hielt, erschien der Sarg auf der Schwelle. Holmes sprang vor und versperrte den Trägern den Weg.

»Tragen Sie ihn zurück!« rief er, indem er dem vordersten Träger die Hand auf die Brust legte. »Der Sarg muß zurück ins Haus.«

»Was zum Henker machen Sie hier? Ich frage Sie noch einmal, wo ist Ihr gesetzlicher Ausweis?« schrie der wütende Peters, dessen breites rotes Gesicht hinter dem Sarg auftauchte.

»Der Ausweis ist unterwegs. Der Sarg bleibt hier im Hause, bis der Ausweis da ist.«

Die Autorität in Holmes‘ Stimme tat ihre Wirkung auf die Träger. Peters war plötzlich ins Haus verschwunden, und die Leute folgten ihm nach. »Schnell, Watson, schnell! Hier ist ein Schraubenzieher«, rief er, als der Sarg wieder aus dem Tische stand. »Hier, Sie« – zu einem der Träger gewendet – »nehmen Sie den da, Sie bekommen einen Sovereign, wenn der Deckel in einer Minute offen ist. Fragen Sie nichts; los, Mann, arbeiten Sie! So ist’s recht! Noch eine! Und noch eine! Jetzt hebet alle zusammen. Er gibt nach, bravo, er gibt nach. Ah, jetzt haben wir’s!«

Als der Deckel sich löste, bemerkte ich sofort einen deutlichen Geruch von Chloroform, der sich stark vermehrte, als wir den Deckel ganz abnahmen. Ein Leichnam lag darunter, dessen Kopf ganz vergraben war unter Watte, die mit Chloroform getränkt war. Holmes nahm sie fort und enthüllte das marmorbleiche Antlitz einer hübschen Frau von mittlerem Alter. Im Nu hatte er ihr einen Arm unter den Rücken geschoben und richtete sie auf.

»Ist sie tot, Watson? Oder ist da noch ein Fünkchen Leben? Hoffentlich sind wir nicht zu spät gekommen!«

Eine halbe Stunde lang schien es allerdings so. Die Erstickung durch die feuchte Watte und der Luftmangel in dem Sarg, dazu noch das Chloroform, das war mehr als genügend, um ein Lebenslicht auszulöschen. Und doch gelang es, mit künstlicher Atmung, mit Äthereinspritzungen und allen modernen ärztlichen Hilfsmitteln, das scheinbar erloschene Flämmchen wieder heller brennen zu lassen. Die schwache Spur eines Hauches auf einem Spiegel, das Zucken eines Lides verrieten das langsam wiederkehrende Leben. Ein Wagen fuhr vor. »Da kommt endlich Lestrade«, rief Holmes. »Er wird das Nest leer finden. Und hier«, fügte er hinzu, als ein kräftiger Schritt im Flur draußen erklang, »kommt einer, der das erste Anrecht darauf hat, die Dame zu pflegen und, wenn sie zum Bewußtsein erwacht, zu begrüßen. Guten Morgen, Herr Green. Ich denke, je eher wir die Lady Frances fortschaffen können, desto besser. Inzwischen mag das Begräbnis der armen Alten stattfinden, die noch unten im Sarg liegt und mit ihrem armen ausgezehrten Körper ein Verbrechen verbergen sollte.« –

»Solltest du die Absicht haben«, sagte Holmes am Abend zu mir, »diesen Fall zu veröffentlichen, dann wird er als Beispiel dafür dienen, wie auch der bestgeschulte Geist manchmal vorübergehend versagen kann. Solchem Versagen sind alle Sterblichen ausgesetzt. Groß ist derjenige, der sein Minus rechtzeitig erkennt und es auszugleichen vermag. Das darf ich vielleicht für mich in Anspruch nehmen. Die letzte Nacht verfolgte mich der Gedanke, daß eine Spur, eine merkwürdige Beobachtung, ein auffälliges Wort vielleicht zu meiner Kenntnis gelangt sei und von mir nicht genügend gewertet worden sei. Dann kamen mir plötzlich im Morgengrauen die Worte in die Erinnerung zurück. Es waren die Worte, die Philipp Green in dem Begräbnisinstitut von der Frau gehört hatte: ›Er hätte sollen schon längst da sein; die Arbeit hat länger gebraucht, weil er von dem üblichen Muster abweicht.‹ Sie sprach von dem Sarg. Er wich von dem üblichen Muster ab. Das konnte nur heißen, daß seine Maße ungewöhnlich waren. Aber warum? Wozu? Dann auf einmal erinnerte ich mich der ungewöhnlichen Tiefe des Sarges und der fast körperlosen, abgezehrten Gestalt, die auf seinem Grunde lag. Wozu solch ein tiefer Sarg für eine so schmächtige Leiche? Um noch Platz zu haben für eine andere Leiche. Beide würden dann auf den einen Totenschein begraben. Es war alles so klar, nur mein Hirn versagte und sah den Zusammenhang nicht. Um acht Uhr sollte die Lady Frances bestattet werden. Unsere einzige Hoffnung war noch die, den Sarg anzuhalten, ehe er das Haus verließ.

Wir hatten nur eine ganz geringe Aussicht, sie noch lebend anzutreffen, aber immerhin, die Aussicht war vorhanden, und das Ergebnis hat uns recht gegeben. Diese Leute hatten meines Wissens noch keinen Mord begangen; sie würden auch diesmal vor einer blutigen Tat zurückschrecken. Sie konnten sie begraben, ohne irgendeinen Verdacht auf sich zu lenken, und selbst wenn die Leiche ausgegraben wurde, war kaum etwas Verdächtiges zu entdecken. Ich hoffte, daß solche Überlegungen den Ausschlag bei ihnen gäben. Du kannst dir die Szene gut rekonstruieren. Du hast das Loch oben bei der Treppe gesehen, wo sie die arme Lady gefangen hielten. Sie stürzten herein, überwältigten sie mit Chloroform, trugen sie hinunter in den Sarg, taten die chloroformgetränkte Watte über ihr Gesicht, damit sie nicht wieder erwache und schraubten den Deckel zu. Ein kluger Plan, Watson. Er ist für mich etwas ganz Neues. Wenn der Missionar mit Gattin den Fängen Lestrades entwischt, so werden wir gelegentlich noch Hervorragendes von diesem Paare hören.«

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Die gestohlenen Zeichnungen

Die gestohlenen Zeichnungen

In der dritten Woche des November senkte sich ein dichter gelber Nebel auf London herunter. Vom Montag bis Donnerstag konnten wir nicht die Giebel der gegenüberliegenden Häuser in der Bakerstraße erkennen. Am ersten Tage verbrachte Holmes die Zeit mit Blättern in seinen verschiedenen Notizen. Den zweiten und dritten Tag widmete er seinem neuesten Steckenpferd, der Musik des frühen Mittelalters. Aber als wir dann zum viertenmal beim Frühstück jene schmierige gelbbraune Masse vor dem Fenster sahen, die ölige Tropfen am Fensterglas bildete, konnte die ungeduldige aktive Natur meines Freundes dieses graue Dasein nicht länger mehr ertragen. In einem Fieber unterdrückter Energie lief er in unserm Wohnzimmer hin und her, biß sich in die Fingerknöchel, beklopfte die Möbel und stieß Verwünschungen aus gegen die Untätigkeit, zu der er verdammt sei.

»Nichts Interessantes in der Zeitung, Watson?« fragte er.

Ich wußte, daß mit etwas »Interessantem« Holmes stets etwas kriminalistisch Interessantes meinte. In der Zeitung standen: eine Revolution, ein sehr wahrscheinlicher Krieg auf dem Balkan und ein Ministerwechsel. Aber dergleichen kam für meinen Freund nicht in Betracht. Etwas Kriminelles konnte ich aber in keiner Form entdecken, wenn ich von den üblichen Belanglosigkeiten des Polizeiberichtes absah. Holmes seufzte laut und nahm seine ruhelose Wanderung wieder auf. »Der Londoner Verbrecher ist nachgerade ein stumpfsinniger Bursche«, schalt er mit der verdrießlichen Stimme eines Sportsmannes, der das Spiel verloren hat. »Schau bloß aus dem Fenster, Watson. Wie hier die Gestalten aus dem Trüben auftauchen, vorüberhuschen und wieder untertauchen im Trüben. Der Dieb oder Mörder könnte an solch einem Tage in London herumschweifen wie der Tiger im Dschungel, unsichtbar, bis er springt, und dann nur wie ein Schatten sichtbar für sein Opfer.«

»Da sind zahlreiche kleine Diebstähle verübt worden, wie die Polizei berichtet.«

Holmes machte voller Verachtung »pah«.

»Diese großartig düstere Bühne verlangt nach etwas anderem als solch elendem Besitzwechsel«, sagte er. »Es ist wahrhaftig ein Glück für diese Stadt, daß ich kein Verbrecher bin.«

»Da hast du recht!« rief ich aufrichtig.

»Nimm an, ich wäre Brooks oder Woodhouse, oder irgendeiner von den fünfzig Männern, die guten Grund haben, mir nach dem Leben zu trachten – wie lange könnte ich wohl gegen meine eigene Verfolgung am Leben bleiben? Eine Finte, eine Verabredung unter falschem Namen und Vorwand, und alles wäre zu Ende. Es ist gut, daß sie in den romanischen Ländern keinen solchen Nebel haben, – in den Nordländern. Beim Himmel, hier kommt ja etwas, um endlich diese furchtbare Eintönigkeit zu unterbrechen.«

Es war das Mädchen mit einem Telegramm. Holmes riß es auf und brach in Lachen aus.

»Das ist ja – das ist ja – hahaha, das schlägt alles«, rief er belustigt. »Mein Bruder Mycroft kommt uns besuchen.«

»Warum nicht?« fragt« ich.

»Warum nicht? Das ist gerade so, wie wenn du auf einem Waldpfad einem Straßenbahnwagen begegnetest. Mycroft hat seine Schienen, und in denen läuft er. Seine Wohnung in Pall Mall, der Diogenes-Club, Whitehall, – das ist sein Kreislauf. Einmal, ein einziges Mal, ist er hier bei mir gewesen. Was für ein Erdbeben mag ihn aus dem Gleis geworfen haben?«

»Gibt er keinen Grund an?«

Holmes reichte mir seines Bruders Telegramm.

»Muß dich wegen Cadogan West sprechen. Komme sofort.

Mycroft.«

»Cadogan West? Den Namen habe ich doch schon gehört.«

»Mir sagt er gar nichts. Keine Erinnerung. Aber daß Mycroft auf solch erratische Weise ausbrechen kann! Ein Planet könnte ebenso gut seine Bahn verlassen. Weißt du übrigens, was Mycroft ist?«

Ich hatte eine dürftige Erinnerung, daß Holmes mir aus Anlaß des Abenteuers mit dem griechischen Dolmetscher davon gesprochen hatte.

»Du sagtest mir, er hätte, glaube ich, eine kleine Anstellung bei der englischen Regierung.«

Holmes lachte.

»Damals kannte ich dich noch nicht so gut, mein lieber Watson, und man muß diskret sein, wenn es sich um hohe Staatsangelegenheiten handelt. Du hast recht, er ist bei der englischen Regierung. Du würdest gelegentlich aber auch recht haben, wenn du sagtest: er ist die englische Regierung.«

»Mein bester Holmes!«

»Ich wußte, daß dich das überraschen würde. Mycroft bezieht vierhundertfünfzig Pfund Sterling jährliches Gehalt, bleibt in abhängiger Stellung, hat keinerlei Ehrgeiz, will weder Titel noch Orden, aber er bleibt der unentbehrlichste Mann im Lande.«

»Aber wie das?«

»Nun, seine Stellung ist einzigartig. Er hat sie sich extra geschaffen. Etwas Ähnliches hat es nie vorher gegeben, noch wird es das später je wieder geben. Er hat das bestgeordnete, übersichtlichste Hirn, das heutzutage existiert, mit der denkbar größten Aufnahmefähigkeit für Tatsachen, die es sauber registriert und aufbewahrt. Dieselben besonderen Eigenschaften, die mich zum erfolgreichsten Detektiv machten, haben ihn in seinem Amte zum unentbehrlichsten Mann gemacht. Die Entschließungen usw. jeder Abteilung gehen ihm zu, und er ist die Ausgleichsbörse, das Clearinghouse sozusagen, das den Saldo zieht. Alle anderen hohen Staatsbeamten sind Spezialisten, aber seine Spezialität ist Allwissenheit. Nehmen wir an, ein Minister benötigt eine Information in bezug auf irgend etwas, das zugleich die Marine angeht, sowie Indien, Kanada und die Silberwährung. Er könnte von den einzelnen Abteilungen je einen Sonderbericht erhalten, aber nur Mycroft allein kann diese alle in seinem Hirn zusammenfassen, mit einem Blick überschauen und ohne weiteres sagen, wie ein jeder Faktor den anderen beeinflussen würde. In seinem Hirn muß es aussehen wie in einer großen Kartothek; jede Einzelheit aller Regierungsfragen steht ihm sofort zur Verfügung. Oft und oft hat sein Wort unsere englische Politik entschieden. Er lebt in ihr und für sie. Er denkt nichts anderes, ausgenommen wenn er einmal ausspannt und als eine Art geistiger Gymnastik sich mit meinen Detektivproblemen befaßt, worum ich ihn gelegentlich bitte. Aber Jupiter begibt sich heute zu den Sterblichen hernieder. Was mag da los sein? Wer ist Cadogan West und was bedeutet er meinem Bruder Mycroft?«

»Ich hab’s«, rief ich und warf mich über den Haufen Zeitungen auf dem Sofa. – »Ja, hier steht es; ganz richtig, Cadogan West ist der Name des jungen Mannes, der am Dienstag früh tot auf der Untergrundbahn gefunden wurde.«

Holmes straffte sich wie ein Hühnerhund, der sein Wild wittert, und seine Hand hielt die Pfeife zwischen Tisch und Lippe, in ihrer Bewegung plötzlich erstarrt.

»Das muß etwas äußerst Ernstes sein, Watson. Ein Todesfall, der meinen Bruder veranlaßt, aus seinem Gleis zu springen, muß etwas ganz Besonderes sein. Was in aller Welt kann er damit zu tun haben? Der Fall sah ganz nichtssagend aus, soweit ich mich erinnere. Der junge Mann ist anscheinend aus dem Zug gefallen und dabei ums Leben gekommen. Er ist nicht beraubt worden, und es lag keinerlei Anlaß vor, ein Verbrechen in den Bereich der Erwägungen zu ziehen. So ungefähr war es doch?«

»Eine Untersuchung hat später noch stattgefunden«, sagte ich, »und dabei kam eine Menge neuer Tatsachen ans Licht. Aus der Nähe genauer betrachtet hat der Fall doch ein sehr merkwürdiges Aussehen.«

»Nach der Wirkung auf meinen Bruder zu urteilen, allerdings! Mycroft ist aus dem Gleis gesprungen – das bringt nur ein Erdbeben fertig!« Er machte es sich in seinem Lehnstuhl bequem. »Nun, alter Watson, laß die Tatsachen hören.«

»Der Name des Toten war Arthur Cadogan West. Er war siebenundzwanzig Jahre alt, ledig, Büroangestellter im Arsenal von Woolwich.«

»Regierungsangestellter. Beachte das Bindeglied mit meinem Bruder!«

»Er verließ Woolwich plötzlich Montag abend. Zuletzt ist er von seiner Verlobten gesehen worden, Fräulein Violet Westbury, die er in dem Nebel ganz unvermittelt gegen sieben Uhr dreißig verließ. Sie hatten keinen Streit miteinander gehabt, und das Fräulein kann keinen Grund für sein Verhalten angeben. Das nächste, was von ihm dann bekannt wurde, war die Nachricht, daß ein Schienenleger namens Mason seine Leiche dicht außerhalb der Aldgatestation der Untergrundbahn in London gefunden hatte.«

»Wann?«

»Die Leiche wurde um sechs Uhr früh am Dienstag entdeckt. Sie lag weit ab von den Schienen, auf der linken Seite des Bahnkörpers (wenn man ostwärts schaut), nahe bei der Station, dort, wo die Bahn den Tunnel verläßt. Der Schädel war zerschmettert – eine Verletzung, die sehr wohl durch einen Sturz aus dem Zuge verursacht sein konnte. Nur so konnte überhaupt die Leiche dahin gekommen sein. Wäre sie von einer der angrenzenden Straßen her an den Fundort gebracht worden, so hätte sie die Stationsschranken passieren müssen, wo ständig ein Kontrolleur steht. In dieser Hinsicht scheint völlige Gewißheit zu herrschen.«

»Sehr gut. Die Grundlage ist einfach genug: der Mann ist, entweder tot oder lebend, aus einem Zug entweder hinausgefallen oder hinausgeworfen worden. Soviel ist mir klar. Bitte weiter!«

»Die Züge, die auf den Schienensträngen verkehren, neben denen der Tote gefunden wurde, sind solche, die von Westen nach Osten fahren, teils reine Stadtzüge, teils solche von Willesden und außerhalb liegenden Knotenpunkten. Es kann als erwiesen gelten, daß dieser junge Mann, ehe er seinen Tod fand, in der angegebenen Richtung zu später Nachtzeit fuhr, dagegen ist es nicht möglich, festzustellen, wo er den Zug bestiegen hat.«

»Seine Fahrkarte würde darüber Auskunft geben.«

»Man fand keine Fahrkarte bei ihm.«

»Keine Fahrkarte! Donnerwetter, Watson, das ist aber auffällig. Nach meinen Erfahrungen ist es nicht möglich, einen Untergrundbahnzug zu betreten, ohne eine Karte vorzuweisen. Ist ihm die seinige abgenommen worden, um die Station zu verheimlichen, von der er gekommen ist? Das ist möglich. Oder hat er sie im Zug verloren oder fortgeworfen? Auch das ist möglich. Aber dieser Punkt ist von besonderem Interesse. Nicht wahr, die Leiche war nicht beraubt?«

»Offenbar nicht. Hier ist ein Verzeichnis dessen, was man bei ihm fand. Seine Geldtasche enthielt zwei Pfund Sterling, fünfzehn Schilling. Er hatte auch ein Scheckheft der Woolwicher Zweigstelle der Stadt- und Landbank bei sich. Seine Identität wurde durch dieses Scheckheft festgestellt. Ferner zwei Karten für das Woolwicher Theater, für denselben Abend. Schließlich ein kleines Paket technischer Papiere.«

Holmes tat einen Ausruf der Befriedigung.

»Hier haben wir es endlich, Watson! Englische Regierung – Woolwich – Arsenal – technische Papiere – Bruder Mycroft. Der Ring schließt sich. Aber da kommt er ja wohl.«

Einen Augenblick später wurde die große stattliche Erscheinung Mycroft Holmes‘ unter der Türe sichtbar. Schwer und massiv gebaut, lag eine merkwürdige körperliche Trägheit in der ganzen Figur des Mannes angedeutet. Aber über dem mächtigen Körperbau thronte ein so ausgeprägter Charakterkopf: stahlgraue, tiefliegende, scharfblickende Augen, schmale, gerade Lippen, hohe Stirn und ein äußerst lebhaftes Mienenspiel, so daß man nach dem ersten Blick den massigen Körper ganz vergaß und nur noch den überlegenen Geist sah.

Gleich hinter Mycroft erschien unser alter Freund Lestrade von Scotland Yard – dünn und voll Erhabenheit. Der ernste Gesichtsausdruck beider Männer verriet eine schwerwiegende Angelegenheit. Der Detektiv reichte uns stumm die Hand; Mycroft Holmes schälte sich aus seinem Mantel und ließ sich in einen Sessel fallen.

»Ein sehr unangenehmes Geschäft, Sherlock«, redete er seinen Bruder an. »Es ist mir äußerst unangenehm, meine Gewohnheiten nicht einhalten zu können, aber es handelt sich hier um Dinge, die es gebieterisch verlangen, und so muß ich eben. Leider! Bei der augenblicklichen Lage Siams ist es ganz ungeschickt, daß ich vom Büro fort bin. Aber er ist eine richtige Krisis. Unsern Premier habe ich noch nie so außer Fassung gesehen. Die Admiralität – da summt es wie in einem umgestürzten Bienenkorb. Ist dir der Fall schon bekannt?«

»Wir haben uns eben aus der Zeitung darüber unterrichtet. Was sind das für technische Papiere?«

»Du triffst den Kernpunkt. Zum Glück ist noch nichts in die Öffentlichkeit gedrungen. Die Presse würde toben, sage ich dir. Die technischen Papiere, die man in den Taschen des Toten fand, sind die Zeichnungen zu dem Bruce-Partington-Unterseeboot.«

Mycroft Holmes sprach mit einer Feierlichkeit, die verriet, welche Bedeutung er dem Gegenstande beilegte. Sein Bruder und ich lauschten voller Spannung.

»Sicher hast du von ihm gehört? Ich dachte, jedermann hätte von ihm gehört.«

»Nur der Name ist mir bekannt.«

»Seine Bedeutung kann kaum übertrieben werden. Es ist das am eifersüchtigsten gehütete Geheimnis unserer Regierung. Du kannst es mir glauben, daß innerhalb des Aktionsradius eines Bruce-Partington keine Seekriegsführung mehr denkbar ist. Vor zwei Jahren wurde eine sehr große Summe durch das Budget geschmuggelt und wurde dafür verwendet, uns das Monopol der Erfindung zu sichern. Es geschah alles, um das Geheimnis zu wahren. Die Konstruktionspläne, die äußerst verwickelt sind, enthalten gegen dreißig einzelne Patente, jedes wesentlich für das Ganze, und werden in einen erstklassigen Stahlschrank in einem geheimen Büro neben dem Arsenal, mit einbruchsicheren Türen und Fenstern, aufbewahrt. Unter keinerlei Bedingungen durften die Zeichnungen aus dem Büro entfernt werden. Wenn der Erste Konstruktionsoffizier der Marine sie einsehen wollte, so war selbst er genötigt, zu dem Zweck nach Woolwich zu gehen. Und trotz alledem finden wir die Pläne in den Taschen eines jüngeren Bürobeamten mitten in London. Vom amtlichen Standpunkt aus ist es einfach gräßlich!«

»Aber du hast sie alle wieder?«

»Nein, Sherlock, nein! Da liegt ja der Hund begraben. Wir haben sie nicht. Zehn Pläne sind in Woolwich gestohlen worden. Sieben fand man in den Taschen von Cadogan West. Die wichtigsten drei –« Mycroft Holmes blies sich über die leere Fläche seiner Rechten. »Weg! Sherlock, du mußt alles andere liegen lassen. Vergiß deine üblichen kleinen Häkeleien mit der Polizei. Du hast eine Aufgabe von internationaler Bedeutung zu bewältigen. Warum hat Cadogan West die Papiere gestohlen, wo sind die drei fehlenden, wie ist er gestorben, wie kam seine Leiche an den Fundort, wie kann der Schaden wieder gut gemacht werden? Finde die richtige Antwort auf alle diese Fragen, und du wirst dem Vaterland einen großen Dienst erwiesen haben.«

»Warum lösest du die Aufgabe nicht selbst, Mycroft? Du siehst so weit wie ich.«

»Möglich, Sherlock. Aber es handelt sich hier um die Feststellung von Einzelheiten. Gib mir deine Einzelheiten, und von diesem Sessel aus will ich dir ein ausgezeichnetes fachmännisches Exposé zu dem Fall diktieren. Aber hierhin laufen, dorthin rennen, Eisenbahner ausfragen, auf dem Bauche liegen mit einer Lupe vor dem Auge – das ist nichts für mich. Nein, du bist der einzige Mensch, der den Fall aufklären kann. Wenn du Wert darauf legst, deinen Namen unter den nächsten Ordensverleihungen –«

Mein Freund lächelte und wehrte mit der Hand ab.

»Ich spiele das Spiel lediglich um des Spieles willen«, sagte er. »Aber der Fall scheint einige interessante Schwierigkeiten zu bieten, und es wird mir ein Vergnügen sein, sie anzupacken. Einige weitere Unterlagen, bitte.«

»Ich habe die wichtigsten Daten hier auf diesem Bogen aufgeschrieben, dazu einige Adressen, die dir nützlich sein können. Der gegenwärtige amtliche Hüter der Papiere ist der berühmte Marinefachmann Sir James Walter, dessen Orden und Titel mehrere Zeilen der Rangliste füllen. Er ist im königlichen Dienst ergraut, ist ein Gentleman, ein bevorzugter Gast in den ersten Häusern Englands und vor allem ein Mann, dessen Vaterlandsliebe über jeden Zweifel erhaben ist. Er ist einer von den zweien, die einen Schlüssel zu dem Stahlschrank haben. Ich will noch nachtragen, daß die Pläne am Montag während der Arbeitszeit unzweifelhaft da waren, und daß Sir James ungefähr um 3 Uhr nach London fuhr und den Schlüssel mitnahm. Er war den ganzen Abend im Hause des Admirals Sinclair am Barclay-Platz, während das Unglück geschah.«

»Ist diese Tatsache bestätigt?«

»Ja; sein Bruder, Oberst Valentine Walter, hat seine Abfahrt von Woolwich bezeugt, und Admiral Sinclair seine Ankunft in London; also ist Sir James nicht länger mehr ein unsicherer Faktor in der Sache.«

»Wer ist der andere Mann, mit dem anderen Schlüssel?«

»Der Bürovorsteher und Zeichner Herr Sidney Johnson. Er ist ein Mann von vierzig Jahren, verheiratet, mit fünf Kindern. Das ist ein stiller, übellauniger Mann, aber er genießt in bezug auf Zuverlässigkeit den besten Ruf im öffentlichen Dienst. Er ist unbeliebt bei seinen Kollegen, aber ein tüchtiger Arbeiter. Nach seinen eigenen Angaben, die mir seine Frau bestätigt hat, war er den ganzen Montagabend nach Büroschluß zu Hause, und sein Schlüssel ist nicht von der Uhrkette gekommen, an der er hängt.«

»Erzähle mir noch von Cadogan West!«

»Er ist seit zehn Jahren im Dienst und hat sich bewährt. Er hat den Ruf, ein Heißsporn zu sein, aber ein ehrlicher, gerader Mann. Wir haben nichts gegen ihn. Er war nach Sidney Johnson der zweite im Büro. Seine Obliegenheiten brachten ihn täglich in persönliche Berührung mit den Zeichnungen. Nur er allein nahm sie aus den Fächern und ordnete sie wieder ein.«

»Wer hat in jener Nacht die Pläne eingeschlossen?«

»Herr Sidney Johnson, der Bürovorsteher.«

»Nun, es ist doch vollständig klar, wer sie gestohlen hat. Man hat sie in den Taschen Cadogan Wests gefunden – das ist eine Tatsache, und die macht doch alle weiteren Erwägungen überflüssig, nicht?«

»So scheint es, Sherlock, und doch bleibt da noch so vieles unaufgeklärt. Zu allererst: warum hat er sie gestohlen?«

»Ich nehme an, sie sind von Wert?«

»Er hätte sehr leicht viele Tausende dafür bekommen können.«

»Kannst du mir ein anderes Motiv dafür angeben, daß er die Zeichnungen nach London brachte – außer, um sie zu verkaufen?«

»Nein, das kann ich nicht.«

»Dann müssen wir das zu unserer Grundlage machen. Der junge West hat die Papiere entwendet. Das konnte aber nur geschehen unter Verwendung eines falschen Schlüssels –«

»Verschiedener falscher Schlüssel«, unterbrach Mycroft. »Er mußte außer dem Stahlschrank das Zimmer und das Haus aufschließen.«

»Gut, dann hatte er also verschiedene falsche Schlüssel. Er nahm die Papiere mit nach London, um das Geheimnis zu verkaufen und hatte vermutlich die Absicht, die Zeichnungen bis zum nächsten Morgen wieder in den Schrank zu legen, ehe sie vermißt wurden. Während er in London mit dieser lukrativen Aufgabe beschäftigt war, ereilte ihn der Tod.«

»Wie?«

»Wir wollen annehmen, daß er zurück nach Woolwich fuhr, als er getötet und aus dem Wagenabteil geworfen wurde.«

»Aldgate, wo die Leiche gefunden wurde, ist beträchtlich jenseits London Bridge Station, wo seine Linie nach Woolwich abzweigt«, bemerkte Mycroft.

»Man kann sich viele Umstände ausdenken, die ihn hätten veranlassen können, über London Bridge hinauszufahren. Da saß einer mit ihm im Wagen, mit dem er eine zu wichtige Verhandlung führte, um auf die Stationen zu achten; hm, und diese Verhandlung endigte in einer heftigen Szene, bei der er sein Leben verlor. Möglicherweise wollte er den Wagen verlassen, er fiel auf den Bahnkörper und zerschmetterte sich den Schädel. Der andere schloß die Tür hinter ihm. Es war bekanntlich ein dicker Nebel, und niemand konnte etwas deutlich sehen.«

»Mit unserer augenblicklichen Kenntnis der Tatsachen können wir auf keine bessere Erklärung kommen. Und doch bitte ich dich zu bedenken, wie vieles du dabei außer acht läßt. Bleiben wir z. B. einmal dabei, daß der junge West beschlossen hatte, die Pläne nach London zu bringen. Natürlich hatte er sich da vorher mit dem fremden Spionageagenten verabredet und sich diesen Abend freigehalten. Statt dessen nahm er zwei Karten fürs Theater, brachte seine Verlobte halbwegs dorthin und verschwand dann plötzlich.«

»Eine Finte«, bemerkte Lestrade, der nicht ohne Ungeduld das Zwiegespräch mit angehört hatte.

»Eine sehr merkwürdige Finte«, sagte Sherlock Holmes. »Das ist Einwurf Nummer eins. Einwurf Nummer zwei: Wir wollen annehmen, er fährt nach London und trifft sich mit dem fremden Agenten. Er muß die Pläne bis zum andern Morgen wieder zurückschaffen, oder ihr Fehlen wird entdeckt werden. Er nahm zehn mit sich von Woolwich; nur sieben hat man bei ihm gefunden. Was ist mit den übrigen drei geschehen? Sicher würde er sie nicht freiwillig zurückgelassen haben, denn das bedeutete ja Entdeckung mit allen unheilvollen Folgen. Schließlich, wo ist der Preis für seinen Verrat? Man hätte doch eigentlich eine große Summe bei ihm finden müssen.«

»Mir scheint das völlig klar«, sagte Lestrade. »Ich habe keinen Zweifel, wie die Dinge sich abspielten. Er nahm die Papiere weg, um sie zu verkaufen. Er traf sich mit dem Agenten. Sie konnten sich über den Preis nicht einig werden. West fuhr wieder nach Hause, aber der Agent fuhr mit. Im Zug ermordete ihn der Agent, nahm die drei wichtigsten Pläne an sich, und warf die Leiche aus dem Wagen. Das würde sich mit allen Tatsachen decken, nicht?«

»Warum hatte er keine Fahrkarte?«

»Die Karte würde gezeigt haben, welche Station dem Haus des Agenten am nächsten gelegen ist. Deshalb nahm er sie aus der Tasche des Ermordeten.«

»Gut, Lestrade, sehr gut«, sagte Holmes. »Ihre Theorie hält zusammen. Aber wenn sie richtig ist, dann ist der Fall zu Ende. Auf der einen Seite ist der Hochverräter tot, auf der anderen sind die wichtigsten Zeichnungen im Besitz eines Spions und wahrscheinlich schon längst auf dem Festland. Was bleibt uns da noch zu tun übrig?«

»An die Arbeit, Sherlock!« rief Mycroft und sprang auf die Füße, »an die Arbeit! Alle meine Instinkte sind gegen diese Erklärung. Laß deine Fähigkeiten spielen! Geh an den Ort des Verbrechens, sprich mit den Leuten, die davon berührt wurden, laß keinen Stein ununtersucht. In deinem ganzen Leben hast du noch keine so glänzende Gelegenheit gehabt, deinem Vaterlande zu dienen.«

»Schön, schön«, sagte Holmes und zuckte die Achseln. »Komm, Watson! Und Sie, Lestrade, würden Sie uns gütigst eine Stunde oder zwei schenken? Wir wollen unsere Nachforschungen mit einem Besuch der Aldgate Station beginnen. Leb‘ wohl, Mycroft. Noch vor Abend werde ich dir einen Bericht senden, aber ich mache dich im voraus darauf aufmerksam, daß du nur wenig zu erwarten hast.«


Eine Stunde später standen wir drei auf der Untergrundbahnstrecke dort, wo sie den Tunnel bei der Aldgate Station verläßt. Ein freundlicher alter Herr mit rotem Gesicht vertrat bei uns die Bahngesellschaft.

»Dort ist die Leiche des jungen Mannes gefunden worden«, sagte er und wies auf einen Fleck ungefähr einen Meter von der Beschotterung. »Von oben her konnte sie nicht gefallen sein, denn wie Sie sehen, ist da alles lückenlose Mauer. Also konnte sie nur von einem Zuge kommen, und dieser Zug lief, soweit wir feststellen konnten, am Montag um Mitternacht hier durch.«

»Sind die Wagen auf irgendwelche Anzeichen eines Kampfes untersucht worden?«

»Wir konnten keinerlei Anzeichen dafür finden; ebensowenig die Fahrkarte.«

»Keine Meldung, daß eine Tür offenstehend gefunden wurde?«

»Nein.«

»Wir haben heute morgen neue Tatsachen festgestellt«, sagte Lestrade. »Ein Herr, der Aldgate in einem gewöhnlichen Stadtzuge ungefähr um elf Uhr vierzig Montagnacht passierte, sagt aus, daß er einen starken dumpfen Schlag hörte, als ob ein Körper auf dem Boden aufschlüge, gerade ehe der Zug die Station erreicht hatte. Bei dem dicken Nebel konnte er leider nichts sehen. Er machte damals keine Anzeige. Ha, was ist mit Herrn Holmes?«

Mein Freund stand da mit einem Ausdruck angespanntesten Nachdenkens auf dem Gesicht und starrte auf die Eisenbahnschienen, wo sie im Bogen aus dem Tunnel herauskamen. Aldgate ist ein Knotenpunkt, und da war also ein ganzes Netzwerk von Weichen. Auf diese waren seine starren Augen gerichtet, und ich bemerkte auf seinem belebten, gespannten Gesicht die zusammengekniffenen Lippen, das Beben seiner Nasenflügel und das mir so wohlbekannte Stirnrunzeln.

»Die Weichen«, sagte er halblaut vor sich hin; »die Weichen.«

»Was ist’s mit ihnen? Was meinen Sie?«

»Ich nehme an, daß nur wenige Ihrer Stationen ein solches System von Weichen haben.«

»Nur ganz wenige, Herr Holmes.«

»Und eine Kurve auch noch. Weichen, und eine Kurve. Bei Gott, wenn es nur so wäre!«

»Was überlegen Sie, Herr Holmes? Haben Sie etwas entdeckt?«

»Eine Idee – eine Ahnung, nicht mehr. Aber der Fall wird immer interessanter. Einzigartig, völlig einzigartig, und doch, warum nicht? Ich sehe keinerlei Anzeichen von Blut hier an der Fundstelle.«

»Es werden auch kaum welche vorhanden sein.«

»Aber der Kopf war doch zerschmettert.«

»Die Schädelknochen ja, aber äußerlich waren die Verletzungen nicht schwer.«

»Und doch hätte man etwas Blut finden müssen. Könnten Sie es mir ermöglichen, den Zug zu besichtigen, mit dem der Herr fuhr, der den Fall eines Körpers im Nebel gehört hat?«

»Leider ist das nicht möglich, Herr Holmes. Der Zug ist schon längst aufgelöst, und die Wagen sind neu verteilt.«

»Ich kann Sie versichern, Herr Holmes«, sagte Lestrade, »daß jedes Abteil aufs genaueste untersucht worden ist. Es geschah unter meiner Aufsicht.«

Eine der hervorstechendsten Schwächen meines Freundes war es, daß er oft ungeduldig mit solchen war, die einen weniger scharfen Geist hatten als er.

»Ach ja«, seufzte er laut und wandte sich ab. »Natürlich wollte ich nicht die Abteile untersuchen. Watson, komm‘, wir haben alles getan, was hier zu tun ist. Herr Lestrade, wir brauchen Sie nicht mehr zu bemühen. Unsere Nachforschungen müssen wir jetzt in Woolwich fortsetzen.«

Auf dem Londoner Bridge-Bahnhof schrieb Holmes ein Telegramm an seinen Bruder, das er mir zu lesen gab, ehe er es abschickte. Es lautete:

»Sehe etwas Licht in dem Dunkel, aber es kann wieder verlöschen. Schicket mit Boten Bakerstraße wartend vollständige Liste aller fremden Spione, Agenten usw., die gewöhnlich in England arbeiten, mit genauer Adresse. Sherlock.«

»Solch eine Liste wäre uns von Vorteil, Watson«, sagte Holmes, als wir in den Zug nach Woolwich stiegen. »Meinem Bruder sind wir Dank schuldig, daß er uns mit einer Staatsangelegenheit bekannt gemacht hat, die ein ganz hervorragend interessanter Kriminalfall zu sein scheint.«

Sein eifriges Gesicht zeigte noch immer die angespannte lebhafte Energie, die mir offenbarte, daß irgendein neuer und bedeutungsvoller Umstand eine Kette anregender Gedanken in ihm ausgelöst hatte. Schau einen Fuchshund an, wie er mit gesenktem Schweif und hängenden Ohren im Rinnstein herumlungert und vergleiche ihn mit demselben Hund, wenn er mit glitzernden Augen und straffesten Muskeln hinter dem Fuchs her ist – so war die Veränderung in Holmes seit dem Morgen. Er war völlig verschieden von dem schlappen, indolenten Mann im mausgrauen Schlafrock, der noch wenige Stunden vorher so verdrossen in dem von Nebel umhüllten Zimmer herumgelaufen war.

»Hier ist Material. Hier sind Aussichten«, sagte er. »Mir saß noch der Nebel im Kopfe, daß ich diese Möglichkeiten nicht früher erblickte.«

»Mir sind sie auch jetzt noch dunkel.«

»Das Ende ist mir ebenfalls dunkel, aber ich habe da einen Gedanken, der uns weit bis ans Ende führen kann. Cadogan West hat seinen Tod ganz wo anders gefunden, und seine Leiche war auf dem Dach eines Wagens.«

»Auf dem Dache?«

»Sonderbar, was? Aber laß die Tatsachen sprechen: ist es ein Zufall, daß die Leiche gerade da gefunden wurde, wo der Zug in der Kurve schleudert und in den Weichen hin- und hergeworfen wird? Ist nicht das der Ort, wo ein Gegenstand vom Dache eines Wagens herunterfallen muß? Entweder der Leichnam ist vom Dach gefallen, oder es ist eine ganz merkwürdige Zufälligkeit. Aber nun betrachte die Frage der Blutspuren, die nicht vorhanden sind. Sie können natürlich nicht da sein, wenn der Tote sich schon vorher anderswo ausgeblutet hat. Jede Tatsache ist für sich bedeutungsvoll. Zusammen haben sie eine durchschlagende Beweiskraft.«

»Und die Fahrkarte, Holmes!« rief ich.

»Ja, das ist auch wichtig. Wir konnten uns das Fehlen der Karte nicht erklären. Aber meine Annahme erklärt sie ganz zwanglos: Der Tote war gar kein Passagier, hatte also auch keine Karte. Es paßt alles zusammen, Watson.«

»Aber angenommen, es wäre alles so, so sind wir doch noch ebenso weit wie früher von der Lösung des Rätsels entfernt: Wie hat West seinen Tod gefunden? Das Rätsel wird in der Tat nicht leichter, sondern immer schwieriger.«

»Vielleicht«, sagte Holmes gedankenvoll; »vielleicht«. Er verfiel in eine stille Träumerei, die ihn gefangen hielt, bis der langsame Zug endlich in die Woolwich-Station einfuhr. Hier rief er eine Droschke heran und zog Mycrofts Notizen aus der Tasche.

»Wir haben eine ganz nette Runde von Nachmittagsbesuchen zu machen«, sagte er. »Ich denke, Sir James Walter gebührt an erster Stelle die Ehre.«

Das Haus des berühmten Beamten war eine schöne Villa, umgeben von Rasen und Park, die sich auf einer Seite bis an die Themse-Ufer hinuntererstreckten. Als wir ankamen, begann der Nebel sich zu verziehen, und ein dünner wässeriger Sonnenschein brach hervor. Ein Diener empfing uns.

»Sir James«, sagte er mit feierlicher Miene. »Ich bitte sehr, Sir James ist heute früh gestorben.«

»Ums Himmels willen!« rief Holmes in entsetztem Staunen. »An was ist er gestorben?«

»Vielleicht darf ich die Herrschaften bitten, einzutreten? Der Bruder Sir James‘, Herr Oberst Valentine ist zugegen.«

»Jawohl, ich möchte den Herrn Oberst sprechen.«

Wir wurden in ein dämmeriges Zimmer geführt, wo uns gleich darauf ein sehr großer, schön gewachsener Mann von etwa fünfzig Jahren, der jüngere Bruder des Marinefachmannes, begrüßte. Seine wilden Augen, die fleckigen Backen und das verwirrte Haar verrieten uns deutlich, wie schwer der plötzliche Schlag die Familie betroffen hatte. Er mußte mit den Worten ringen, als er uns davon berichtete.

»Es war dieser gräßliche Skandal«, sagte er. »Mein Bruder, Sir James, war ein Mann von höchstem Ehrgefühl, und er konnte solch eine Geschichte einfach nicht überleben. Sie hat ihm das Herz gebrochen. Er war stets so stolz auf die tadellose Leistungsfähigkeit seiner Abteilung, und dieser Hochverrat hat ihn zu schwer betroffen.«

»Wir hatten gehofft, er würde uns einige Angaben machen können, die es uns ermöglicht hätten, die geheimnisvolle Angelegenheit aufzuklären.«

»Ich versichere Sie, die ganze Sache war für ihn ein vollständiges Rätsel, wie für Sie und uns alle. Alles, was er zur Aufklärung beitragen konnte, hat er bereits der Polizei gegenüber getan. Natürlich, auch er zweifelte nicht daran, daß Cadogan West der Schuldige war. Aber alles übrige war ihm unfaßbar und unbegreiflich.«

»Auch Sie selbst können kein neues Licht auf den Fall werfen?«

»Ich selbst weiß nichts außer dem, was ich gelesen oder gehört habe. Ich möchte nicht für unhöflich gehalten werden, aber Sie werden es mir glauben, Herr Holmes, daß wir augenblicklich sehr der Ruhe bedürfen, und ich muß Sie daher bitten, diese Unterredung bald zu einem Ende zu bringen.« –

»Das ist wahrhaftig eine sehr unerwartete Entwicklung«, sagte mein Freund, als wir wieder im Wagen saßen.

»Ich muß mich fragen, ob dieser Tod seine natürlichen Ursachen hat, oder ob der arme alte Beamte sich selbst das Leben nahm! Wenn das letztere der Fall sein sollte, dürfen wir das dann als ein Zeichen von Selbstvorwurf wegen versäumter oder vernachlässigter Pflicht auffassen? Wir müssen diese Frage der Zukunft überlassen. Jetzt wollen wir die Cadogan Wests aufsuchen.«

Ein kleines, aber gut aussehendes Haus in einem Außenviertel der Stadt beherbergte die niedergebeugte Mutter. Die alte Dame war zu sehr von ihrem Schmerz erfüllt, als daß sie uns irgendwie hätte von Nutzen sein können; aber ihr zur Seite fanden wir eine bleiche junge Dame, die sich selbst als Fräulein Violet Westbury, die Verlobte des Toten, vorstellte. Sie betonte, daß sie in der verhängnisvollen Nacht ihn zuletzt gesehen hätte.

»Ich kann es nicht erklären, Herr Holmes«, sagte sie. »Ich habe seit dem schrecklichen Ereignis kein Auge geschlossen, Tag und Nacht muß ich denken, denken und denken, was das in Wahrheit bedeuten soll. Arthur war der anständigste, ritterlichste, patriotischste Mann auf Erden. Er würde sich lieber die rechte Hand abgehackt haben, ehe er ein Staatsgeheimnis, das seiner Obhut anvertraut war, verkauft hätte. Es ist einfach absurd, unmöglich, es ist verrückt, für jeden, der ihn gekannt hat.«

»Aber die Tatsachen, Fräulein Westbury?«

»Ja, ja, ich gebe zu, sie sprechen gegen ihn, und ich kann sie nicht erklären.«

»War er in Geldverlegenheit?«

»Nein, seine Bedürfnisse waren sehr bescheiden, und sein Gehalt reichlich. Er hatte sich einige hundert Pfund erspart, und wir wollten zu Neujahr heiraten.«

»Keinerlei Anzeichen seelischer Erregung? Bitte, Fräulein Westbury, seien Sie ganz offen mit uns.«

Der rasche Blick meines Freundes hatte sogleich eine Veränderung in ihrer Haltung festgestellt. Sie errötete und zögerte mit der Antwort.

»Ja«, sagte sie schließlich. »Ich hatte das Gefühl, als mache ihm etwas Sorge.«

»Seit langer Zeit?«

»Erst seit der letzten Woche ungefähr. Er erschien mir oft geistesabwesend und bedrückt. Einmal drang ich deswegen in ihn. Er gab zu, es sei da etwas, und das hinge mit seinem Dienst zusammen. ›Es ist viel zu ernst, als daß ich darüber sprechen könnte, sogar dir gegenüber‹, sagte er. Ich konnte nichts weiter aus ihm herausbekommen.«

Holmes machte ein ernstes Gesicht.

»Bitte, fahren Sie fort, Fräulein Westbury. Selbst wenn es ihn bloßzustellen scheint, bitte, verschweigen Sie uns nichts. Wir können noch nicht übersehen, zu was es am Ende führen wird.«

»Ich kann Ihnen wirklich nichts mehr sagen. Ein- oder zweimal schien es mir so, als wolle er mir etwas anvertrauen. Er sprach eines Abends von dem Unterseebootsgeheimnis, und ich erinnere mich, daß er sagte, fremde Spione würden ohne Zweifel große Summen dafür bezahlen.«

Das Gesicht meines Freundes wurde noch ernster.

»Noch etwas?«

»Er sagte, wir wären etwas nachlässig in solchen Dingen, und es würde für einen Verräter leicht sein, sich die Zeichnungen zu verschaffen.«

»War das erst kürzlich, daß er solche Bemerkungen machte?«

»Jawohl, erst ganz in letzter Zeit.«

»Nun erzählen Sie uns, bitte, von dem letzten Abend.«

»Wir waren im Begriff, ins Theater zu gehen. Der Nebel war so dick, daß eine Droschke nutzlos war. Wir gingen daher zu Fuß, und unser Weg führte uns dicht an seinem Büro vorüber. Plötzlich lief er in den Nebel hinein von mir weg.«

»Ohne ein Wort zu sagen?«

»Er tat einen Ausruf, das war alles. Ich wartete, aber er kehrte nicht zurück. Dann ging ich nach Hause. Am andern Morgen, nach Beginn der Bürostunden, kam man zu mir und verhörte mich. Ungefähr um zwölf Uhr erfuhren wir die schreckliche Nachricht. Oh, Herr Holmes, er ist tot, aber wenn Sie wenigstens, wenigstens seine Ehre retten könnten! Seine Ehre ging ihm über alles.«

Holmes schüttelte traurig den Kopf.

»Komm, Watson«, sagte er. »Unsere Aufgabe liegt anderswo. Unsere nächste Station ist jetzt das Büro, aus dem die Zeichnungen entwendet worden sind.«

»Es sah vorher schon schlimm genug aus für den jungen Mann, aber was wir inzwischen gehört haben, macht es noch schlimmer«, bemerkte er, als die Droschke mit uns fortrollte. »Seine beabsichtigte Verheiratung gibt ein Motiv für das Verbrechen. Er brauchte natürlich Geld. Der Gedanke saß ihm im Kopf, seit er davon sprach. Er machte das Mädchen beinahe zu seiner Helfershelferin bei dem schlechten Streich, indem er ihr von seinem Plan sprach. Es sieht alles sehr übel aus.«

»Gewiß, Holmes, aber Charakter zähle ich auch unter die Tatsachen und zwar unter die sichersten. Dann bitte, weshalb sollte er das Mädchen auf der Straße stehen lassen, von ihr weglaufen, um ein solches Verbrechen zu begehen?«

»Ganz richtig! Man kann gewiß allerlei Einwendungen machen, aber sie wiegen leicht gegen die schweren Verdachtsmomente.« –

Herr Sidney Johnson, der Bürovorsteher, empfing uns mit jener Ehrerbietung, die meines Freundes Besuchskarte überall auslöste. Er war ein magerer, kurzangebundener Mann von mittlerem Alter mit einer goldenen Brille und etwas eingefallenen Backen. Seine Hände zuckten vor Erregung; daß der Vorfall gerade seinem Büro passierte, hatte ihn sehr nahe berührt.

»Eine schlimme Geschichte, Herr Holmes, eine ganz schlimme Geschichte! Haben Sie schon den Tod unseres Chefs vernommen?«

»Wir kommen eben von seinem Haus.«

»Das ganze Büro ist aus dem Leim. Der Chef tot, Cadogan West tot, irgendwo sind Nachschlüssel vorhanden, und unsere Zeichnungen sind gestohlen. Als wir unsere Türen am Montag abend schlossen, waren wir noch ein so tadelloses Büro, wie irgendeines im königlichen Dienst. O Gott, es ist so schrecklich, daran zu denken! Und daß von allen Menschen gerade West solch eine Tat begangen haben soll!«

»Sie sind also auch überzeugt von seiner Schuld?«

»Ich kann nicht anders, es spricht ja alles gegen ihn. Und doch würde ich ihm ebenso vertraut haben, wie mir selbst.«

»Wann wurde das Büro am Montag geschlossen?«

»Um fünf Uhr.«

»Haben Sie es geschlossen?«

»Ich gehe immer als letzter fort.«

»Wo waren die Zeichnungen?«

»In diesem Stahlschrank. Ich habe sie selbst dort eingeschlossen.«

»Haben Sie keinen Nachtwächter im Hause?«

»Doch, natürlich, aber er hat das ganze Gebäude und nicht nur unsere Abteilung zu überwachen. Er ist ein alter Soldat und ein absolut zuverlässiger Mann. Er hat nichts Verdächtiges in der bewußten Zeit bemerkt. Aber freilich – der Nebel war sehr dick.«

»Angenommen, Cadogan West wollte nach Büroschluß in das Gebäude eindringen, so würde er also drei Schlüssel benötigt haben, ehe er die Zeichnungen greifen konnte?«

»Jawohl, den Schlüssel zu der äußeren Tür, den Schlüssel zum Büro und den Schlüssel zu dem Stahlschrank.«

»Nur Sir James Walter und Sie besaßen diese drei Schlüssel?«

»Ich hatte keine Schlüssel zu den beiden Türen, ich hatte nur den einen zu dem Stahlschrank.«

»War Sir James ein Mann von Ordnung und Pünktlichkeit?«

»Meines Wissens ja. Ich habe es nie anders gesehen, als daß er die drei Schlüssel an einem Ring beisammen hatte.«

»Und diesen Ring trug er stets bei sich?«

»So sagte er wenigstens.«

»Und Ihr Schlüssel kam nie aus Ihrer Hand?«

»Niemals!«

»Dann muß West, wenn er der Schuldige ist, einen Nachschlüssel gehabt haben. Man hat aber keinen bei ihm gefunden. Noch eine andere Frage: Wenn ein Beamter in diesem Büro die Absicht hatte, die Pläne zu verkaufen, wäre es da nicht einfacher für ihn gewesen, die Zeichnungen heimlich zu kopieren, statt die Originale mitzunehmen, wie das tatsächlich geschah?«

»Man brauchte weitgehende technische Kenntnisse, um die Zeichnungen genau zu kopieren.«

»Aber ich darf wohl annehmen, daß entweder Sir James, oder Sie, oder West über die technischen Kenntnisse verfügten.«

»Allerdings, das ist richtig, aber ich bitte Sie sehr, Herr Holmes, unterlassen Sie es, mich auf diese Weise in die Sache hineinzuziehen. Was soll es für einen Zweck haben, solch theoretische Spekulationen anzustellen, wenn die Originalzeichnungen in Wests Taschen gefunden wurden?«

»Nun, es ist jedenfalls eigentümlich, daß er es gewagt haben sollte, die Originale mitzunehmen, wenn er ebenso gut und viel gefahrloser seinen Zweck mit Kopien erreicht haben würde.«

»Das ist freilich eigentümlich – und doch hat er es so gemacht.«

»Jede neue Feststellung in diesem Fall enthüllt etwas Unerklärliches. Es fehlen drei Zeichnungen; es sind gerade die allerwichtigsten, wie mir gesagt wurde.«

»Jawohl, das stimmt.«

»Kann jemand, wenn er diese drei Zeichnungen besitzt, aber ohne die sieben anderen, nach Ihrer Ansicht ein Bruce-Partington-Unterseeboot bauen?«

»In diesem Sinne habe ich zunächst an die Admiralität berichtet, aber heute habe ich mir die Pläne noch einmal angesehen, und es sind mir da verschiedene Zweifel gekommen. Die doppelte Steuerung mit den automatisch wirkenden Nuten – das ist aus einem der Pläne, die wir wieder haben. Solange einer diese wesentlichen Teile nicht selber erfindet, könnte er auf Grund der übrigen Pläne das Unterseeboot nicht bauen. Aber natürlich, das ist eine Schwierigkeit, die zu überwinden wäre.«

»Aber die drei fehlenden Zeichnungen sind doch die allerwichtigsten?«

»Zweifelsohne!«

»Ich denke, ich werde jetzt einmal mit Ihrer gütigen Erlaubnis mir die Örtlichkeiten hier näher ansehen. Ich habe im Augenblick keine weiteren Fragen an Sie zu stellen.« Holmes prüfte das Schloß des Stahlschrankes, die Tür zum Büro und die eisernen Läden am Fenster. Aber erst draußen auf dem Rasen wurde sein Interesse lebendig. Da stand ein Lorbeerbusch in der Nähe des Fensters, und verschiedene Zweige waren geknickt oder abgebrochen. Er prüfte sie sorgfältig mit seiner Lupe und dann einige kaum wahrnehmbare Spuren auf der Erde. Schließlich bat er Herrn Johnson, die eisernen Läden zu schließen, und Holmes machte mich darauf aufmerksam, daß sie in der Mitte nicht ganz dicht zusammenstießen und es also möglich war, von außen zu beobachten, was in dem Büro vorging.

»Die drei Tage Verzug haben die geringen Spuren fast wertlos gemacht. Sie können etwas bedeuten oder auch nicht. Nun, Watson, ich glaube, Woolwich hat uns nichts mehr zu sagen. Wir haben nur eine dürftige Ernte hereingebracht. Wir wollen es jetzt in London versuchen, dort erreichen wir vielleicht mehr.«

Und doch bereicherten wir unsere Ernte noch um einen Scheffel, ehe wir den Zug bestiegen. Der Angestellte im Schalterraum versicherte uns aufs bestimmteste, er hätte Cadogan West – den er vom Sehen kannte – am Montagabend gesehen, und zwar sei er mit dem Zug acht Uhr fünfzehn nach London Bridge gefahren. Er war allein und löste eine einfache Karte dritter Klasse. Dem Angestellten war damals das aufgeregte und nervöse Wesen Wests aufgefallen. Seine Hand zitterte so, daß er kaum die Münzen fassen konnte, die er herausbekam, und der Angestellte half ihm, sie in seine Geldtasche zu stecken, genau wie einer Dame mit Handschuhen. Mit dem Fahrplan stellten wir fest, daß der Zug um acht Uhr fünfzehn für West die erste Möglichkeit war, nachdem er Fräulein Westbury um sieben Uhr dreißig so plötzlich verlassen hatte.

Nach einer halben Stunde stillen Nachdenkens sagte Holmes: »Wir wollen alles einmal rekonstruieren, Watson. Ich kann mich nicht erinnern, daß wir unter allen unseren gemeinsam erlebten Fällen je einen so schwierigen gehabt hätten. Jeder Schritt nach vorwärts, den wir tun, wirft uns eigentlich einen Schritt wieder zurück. Und doch scheint es mir, wir hätten schon recht Wertvolles erreicht.

Unsere Nachforschungen in Woolwich haben in der Hauptsache Cadogan West bloßgestellt; aber die Spuren bei dem Fenster gestatten eine andere Auffassung. Wir wollen z. B. annehmen, ein Spionageagent hat sich an ihn herangemacht. Das kann ja unter solchen Vorkehrungen geschehen sein, daß es ihm unmöglich wurde, darüber zu sprechen, und konnte doch seine Gedanken in der Richtung beeinflußt haben, wie das seine Bemerkung zu seiner Verlobten andeutet. Schön! Wir wollen weiter annehmen, daß, als er mit der jungen Dame zum Theater ging, er plötzlich, im Nebel, denselben Agenten erblickte, wie er in der Richtung nach dem Büro eilte. West war ein impulsiver Mann, rasch in seinen Entschlüssen. Seiner Pflicht stellte er alles andere nach. Er folgte dem Agenten, kam vor das Fenster, sah, wie die Dokumente entwendet wurden und verfolgte den Dieb. Mit dieser Theorie kommen wir über den Einwand hinweg, daß niemand die Originale nehmen würde, der imstande war, sich Kopien anzufertigen. Der Agent konnte das nicht; er mußte die Originale selbst haben. So weit hält alles zusammen.«

»Was ist nun der nächste Schritt?«

»Da geraten wir in Schwierigkeiten. Die natürliche Annahme wäre, daß unter solchen Umständen der junge Cadogan West den Schurken ergreifen und Alarm schlagen würde. Warum hat er das nicht getan? Könnte einer seiner Vorgesetzten die Papiere entwendet haben? Nur so kann ich mir Wests Verhalten erklären. Oder war ihm der Vorgesetzte im Nebel entschlüpft und West eilte sofort nach London, um ihm in seiner Wohnung zuvorzukommen, vorausgesetzt, daß ihm diese bekannt war? Jedenfalls muß ihn eine innere Stimme sehr dringend angetrieben haben, da er seine Verlobte im Nebel stehen ließ und er keinen Versuch machte, ihr sein Verhalten zu erklären. Hier verliert sich unsere Spur, und eine tiefe Kluft tut sich auf zwischen diesen beiden Annahmen und dem Leichnam Wests mit sieben Zeichnungen in der Tasche, den wir auf dem Dach eines Untergrundbahnzuges liegend, annehmen müssen. Nach meinem Instinkt muß ich die Geschichte jetzt vom anderen Ende her anfassen. Wenn Mycroft uns die verlangten Adressen geschickt hat, werden wir in der Lage sein, unsern Mann ausfindig zu machen und zwei Spuren statt nur einer zu verfolgen.«


In der Bakerstraße wartete ein Bote auf uns mit der Adressenliste. Holmes überflog sie und warf sie mir über den Tisch zu. Ich las:

»Es gibt da zahlreiches kleines Gelichter, aber nur wenige, die eine so große Sache fingern können. Die einzigen, die in Betracht kommen, sind Adolf Meyer, Große Georgstraße Nr. 13, Westminster; Louis La Rothière, Campden Mansions, Notting Hill; und Hugo Oberstein, Caulfield-Anlagen Nr. 13, Kensington. Der letztere war nach unserer Kenntnis am Montag in der Stadt; inzwischen bekamen wir Meldung, daß er London verlassen hat. – Sehr erfreut, daß Du einen Lichtschimmer siehst. Das Kabinett erwartet Deinen abschließenden Bericht in der größten Unruhe. Dringende Vorstellungen sind uns von der höchsten Stelle zugegangen. Alle Sicherheitsbehörden Englands stehen Dir zur Verfügung, wenn Du sie benötigen solltest. – Mycroft.«

»Ich fürchte«, sagte Holmes lächelnd, »daß ›des Königs sämtliche Pferde und des Königs sämtliche Soldaten‹ uns in dieser Sache nichts nützen könnten.« Er hatte seine große Karte von London auf dem Tisch ausgebreitet und beugte sich eifrig darüber. »Aha, gut«, sagte er jetzt mit einem Ausruf der Befriedigung, »endlich zieht sich die Sache ein wenig für uns günstig zusammen. Ja, Watson, ich bin jetzt ehrlich davon überzeugt, daß wir bald ans Ziel kommen werden.«

Er schlug mich in einem plötzlichen Fröhlichkeitsausbruch auf die Schulter. »Ich gehe jetzt aus. Es ist nur eine Erkundung. Ich werde nichts Ernsthaftes unternehmen, ohne meinen alten Kriminalkameraden und Biographen zur Seite zu haben. Bitte warte hier, wahrscheinlich werde ich in ein bis zwei Stunden zurück sein. Wenn dir die Zeit lang wird, dann nimm Tinte, tauche deine berühmte Feder ein und fange an, die Geschichte zu Papier zu bringen, wie Sherlock Holmes und sein Freund Doktor Watson das englische Reich gerettet haben.«

Ich fügte mich, von Holmes‘ guter Laune angesteckt, denn ich wußte gut, daß er nicht ohne die besten Gründe sich so weit von seiner üblichen reservierten und verschlossenen Art entfernen würde. Ich wartete den ganzen langen Novemberabend und konnte meine Ungeduld kaum beherrschen. Endlich, kurz nach neun Uhr, erschien ein Bote mit einem Billett:

»Esse bei Goldino, Gloucester Road, Kensington, zu Nacht. Bitte komme sofort. Es gibt Hummer. Bring ein Stemmeisen mit, eine Blendlaterne, einen Revolver und einen Schraubenzieher. – S. H.«

Das war eine nette Ausrüstung, die ein ehrbarer Bürger durch die düsteren, nebelverhüllten Straßen zu tragen hatte. Ich steckte alles in die Taschen meines Mantels und fuhr direkt nach dem angegebenen Restaurant. Dort saß mein Freund an einem kleinen, runden Tische nahe der Tür dieses beliebten italienischen Hauses. Wir aßen zusammen, und bei Kaffee und Curaçao fragte mich mein Freund:

»Hast du alles mitgebracht?«

»Ich habe alles in meinem Überzieher.«

»Ausgezeichnet. Ich will dir kurz sagen, was ich inzwischen getan habe und uns jetzt zu tun noch übrig bleibt. Vor allem, Watson, der Leichnam des jungen Mannes ist auf das Dach des Wagens gelegt worden. Das war mir schon in dem Augenblick klar geworden, wo ich zu der Überzeugung kam, daß er vom Dach und nicht vom Inneren eines Wagens heraus auf den Bahnkörper gelangt war.«

»Konnte er nicht auch von einem der vielen Brückenstege auf den Zug gefallen sein?«

»Nach meiner Ansicht ist das unmöglich. Wenn du dir solch ein Wagendach ansiehst, wirst du finden, daß es leicht gewölbt ist. Wäre der Leichnam von einem Brückensteg etwa auf das Dach gefallen, so wäre er mit tausend Wahrscheinlichkeiten gegen eine sofort abgerutscht und zu Boden gefallen, deshalb können wir als sicher annehmen, daß irgend jemand Cadogan West tot auf das Dach gelegt hat.«

»Aber wie soll das vor sich gegangen sein?«

»Das ist natürlich die Frage, die ich mir zuerst zu beantworten hatte. Es gibt da nur eine Möglichkeit. Die Untergrundbahn fährt meistens in Tunneln mit Ausnahme von einigen Strecken im Westend. Ich erinnerte mich dunkel, daß ich bei gelegentlichen Fahrten schon beobachtet hatte, daß dort die Fenster der Häuser sich fast in der Höhe der Wagendächer befanden. Nun stelle dir vor, ein Zug hält unter einem solchen Fenster – wäre es da nicht ganz einfach und leicht, einen toten Mann auf ein Wagendach zu schieben?«

»Die Einfachheit leuchtet mir nicht ohne weiteres ein.«

»Wir müssen auf den alten Lehrsatz zurückkommen, daß wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind, diejenigen, die bei aller Unwahrscheinlichkeit noch übrig bleiben, die Wahrheit enthalten. Hier sind alle anderen Möglichkeiten erschöpft. Als ich nun herausfand, daß einer der Spione, der eben erst London verlassen hat, in einer Straße wohnte, die hart an der Untergrundbahn liegt, war ich so erfreut darüber, daß du über meine plötzliche Lustigkeit erstauntest.«

»Oh, deshalb warst du so ausgelassen!«

»Ja, mein Lieber! Herr Hugo Oberstein, Caulfield-Anlagen Nummer 13, war mein Mann. Ich begann meine Operationen in der Gloucester-Straße-Station, wo ein sehr hilfsbeflissener Beamter mit mir die Strecke ablief und mir nicht nur die Feststellung gestattete, daß die Rückfenster der Häuser in den Caulfield-Anlagen auf die Bahnlinie hinausgehen, sondern mir auch noch die wichtige Tatsache mitteilte, daß infolge einer Kreuzung mit einer Hauptlinie hier die Untergrundzüge häufig für mehrere Minuten festgehalten werden.«

»Glänzend, Holmes, du hast die Lösung des Rätsels gefunden.«

»Noch nicht ganz, Watson, noch nicht ganz. Wir kommen vorwärts, aber das Ziel ist noch weit. Gut, nachdem ich also die Rückseite der Caulfield-Häuser gesehen, besah ich sie mir auch von der Vorderseite und stellte fest, daß der Vogel in der Tat ausgeflogen war. Nummer 13 ist ein ziemlich großes Haus, die oberen Zimmer unmöbliert, soweit ich beurteilen kann. Oberstein lebte dort nur mit einem alten Diener, der wahrscheinlich ein vertrauter Helfershelfer war. Wir müssen im Auge behalten, daß Oberstein nur deshalb England verlassen hat, um seine Beute in Sicherheit zu bringen, aber keineswegs, um London für immer zu verlassen; zu einer Flucht lag für ihn keinerlei Anlaß vor, und der Gedanke eines Amateureinbruches in sein Haus ist ihm wahrscheinlich nicht gekommen. Und gerade das ist es, was wir jetzt ins Werk setzen werden.«

»Könnten wir nicht einen Haftbefehl erwirken und unser Vorgehen mit dem Gesetz in Einklang bringen?«

»Das dürfte auf meine schwer zu beweisenden Angaben hin kaum möglich sein.«

»Was versprichst du dir denn von dem Einbruch?«

»Wir können gar nicht wissen, was für einen wichtigen, aufschlußreichen Briefwechsel wir dort zum Beispiel finden können.«

»Die Sache gefällt mir nicht recht, Holmes.«

»Mein bester Watson, du sollst ja auch nur Schmiere stehen, das eigentliche kriminelle Handwerk mit Stemmeisen und Schraubenzieher besorge ich. Denke auch, bitte, an Mycrofts Brief, an die Admiralität, an das Kabinett, an die aufgeregte hochstehende Person, die auf Nachrichten von uns wartet. Es ist jetzt wirklich nicht an der Zeit, sich durch legale Zwirnsfäden aufhalten zu lassen. Wir müssen auf unser eigenes Risiko und unsere guten Gewissen hin handeln.«

Statt einer Antwort erhob ich mich.

»Du hast recht, Holmes«, sagte ich, »verzeihe mir meine kleinen Bedenklichkeiten, wo es sich um eine so große Sache handelt.«

»Ich wußte, du würdest nicht kneifen, wenn es darauf ankommt«, sagte er auf der Straße, und in seinen Augen sah ich etwas, das nur ganz selten dort zu sehen war: den Ausdruck eines herzlichen Gefühls. Im nächsten Augenblick aber war er schon wieder ganz der gewohnte, nur aus Intellekt und Energie bestehende Mensch.

»Es ist fast eine halbe Meile, aber wir haben Zeit genug und können zu Fuß gehen. Verliere mir ja nichts aus deinen Taschen! Wenn du als ein verdächtiges Individuum verhaftet würdest, so wäre das in diesem Augenblick geradezu verhängnisvoll – für mich.« –

Die Caulfield-Anlagen waren typisch für die Westend-Entwicklung Londons in den siebziger Jahren. Säulen, Karyatiden, Pfeiler, schwere Sandsteinfriese und dergleichen. Neben Nummer 13 schien eine Kindergesellschaft zu sein; man hörte viele helle Stimmen, Kreischen, Lachen und ein kindliches Geklimper auf einem Klavier. Nacht und Nebel schützten uns freundlich, wie schwere Vorhänge hing es um uns zu allen Seiten. Holmes hatte seine Blendlaterne angesteckt und beleuchtete die schwere Eingangstür.

»Das ist keine leichte Arbeit«, sagte er. »Nicht nur verschlossen, sondern auch von innen verriegelt, nehme ich an. Versuchens wir’s besser von der Hintertür. Hier ist ein ausgezeichneter Schlupf dort in dem Torbogen, für den Fall, daß ein übereifriger Schutzmann Interesse an uns nähme. Laß mich auf deine Hand treten, damit ich das Gitter oben fassen kann; ich ziehe dich dann nach.«

Eine Minute später standen wir beide im Hof. Kaum hatten wir das Gitter überklettert, als der regelmäßige Schritt eines Schutzmannes vernehmbar wurde. Er kam näher, ging vorüber, verhallte. Holmes nahm die Tür in Angriff. Ich sah ihn sich beugen, stemmen, und mit einem scharfen Krach brach sie auf. Holmes trat sofort ein, ich folgte; wir stiegen eine enge Treppe hinauf. Holmes‘ gelber Lichtkegel beleuchtete ein niedriges Fenster.

»Hier, Watson, das muß es sein.«

Er öffnete es, und im selben Augenblick vernahmen wir ein dumpfes, rollendes Geräusch, das näher kam und immer stärker wurde. Ein Zug rasselte vorüber. Holmes beleuchtete das Fenstergesims. Es war dick mit Ruß überzogen von den Lokomotiven, aber an einigen Stellen war der gleichförmige schwarze Belag zerkratzt und abgeschabt.

»Hier kannst du sehen, wo sie den Leichnam hinausgeschoben haben. Holla, Watson! Was ist das? Kein Zweifel, das sind Blutspuren.« Er wies auf dunkle Flecken am unteren Fensterrahmen. »Auch hier auf dem Gesims, Watson. Der Beweis ist erbracht, es stimmt alles. Nun wollen wir hier warten, bis ein Zug hält.«

Lange hatten wir nicht zu warten. Der übernächste Zug schon rasselte noch mit voller Fahrt aus dem Tunnel hervor, verlangsamte die Fahrt aber im Freien, und dann, mit Knirschen und Schleifen, hielt er unmittelbar unter uns. Es waren keine vier Fuß vom Fenstersimsen zum nächsten Wagendach. Leise schloß Holmes das Fenster.

»Soweit bestätigt sich alles. Was meinst du, Watson?«

»Einfach wundervoll! Ein Meisterstück, Holmes, du hast dich selber übertroffen.«

»Darin kann ich dir nicht beipflichten. Von dem Augenblick an, wo ich entschieden hatte, daß die Leiche auf dem Wagendach gelegen, war alles Folgende nur die logische Fortsetzung. Wären nicht so ungeheure Staatsinteressen mit dem Fall verknüpft, so wäre er bis zu seiner jetzigen Entwicklung unbedeutend. Die eigentlichen Schwierigkeiten liegen noch vor uns. Aber vielleicht finden wir hier etwas, das uns hilft.«

Wir waren die Hintertreppe hinaufgestiegen und betraten die Zimmer des ersten Stockes. Eines war ein Eßzimmer mit massiven Renaissancemöbeln; es bot nichts von Interesse. Das nächste war ein Schlafzimmer – ebenfalls eine Niete. Das dritte Zimmer dagegen versprach etwas, und mein Freund machte sich an eine methodische Untersuchung. Überall lagen Bücher und Papiere umher, es schien eine Art Studierzimmer. Rasch und mit System durchging Holmes den Inhalt einer Schublade nach der anderen, und eines Schrankfaches nach dem anderen. Aber kein Aufleuchten seiner Züge verriet, daß er etwas Wichtiges gefunden. Nach einer guten Stunde peinlichst genauer Arbeit war er noch genau so weit wie am Anfang.

»Der schlaue Fuchs hat alle Spuren hinter sich verwischt«, sagte er fast bewundernd. »Er hat nichts hinterlassen, das ihn verdächtigen könnte. Sein gefährlicher Briefwechsel, auf den ich gerechnet, ist entweder entfernt oder vernichtet worden. Das hier ist unsere letzte Hoffnung.«

Er wies auf eine kleine Kassette, die auf dem Schreibtische stand. Holmes zwängte den Deckel auf. Mehrere Rollen Papier, bedeckt mit Ziffern und Berechnungen, lagen darin, ohne jeden Hinweis, was sie zu bedeuten hatten. Nur die Worte »Wasserdruck« und »Druck auf den Quadratzoll« deuteten an, daß es sich um Unterseeboote handeln könne. Holmes warf alles unwillig beiseite. Am Boden fand sich noch ein Umschlag mit kleinen Zeitungsausschnitten. Er breitete sie auf der Tischplatte aus, und sofort sah ich an meines Freundes veränderten Zügen, daß ihn eine neue Hoffnung belebte.

»Was ist das, Watson? He, was ist das? Eine Reihe von Botschaften in Form von Zeitungsanzeigen. Daily Telegraph, Seufzerecke, nach allem zu urteilen. Rechte Ecke oben auf der Seite. Keine Daten, – aber solche Mitteilungen ordnen sich von selbst. Die da wird wohl die erste sein:

»Hoffte früher zu hören. Bedingungen einverstanden. Schreiben Sie an die Adresse auf der überreichten Karte. – Pierrot.«

Holmes griff nach einem zweiten Ausschnitt.

»Zu verwickelt für Beschreibung. Brauche Besseres. Entlohnung Zug um Zug. – Pierrot.«

Ein dritter lautete:

»Es wird dringend. Muß Angebot zurücknehmen, falls Vertrag unerfüllt bleibt. Verabredet Zusammenkunft schriftlich. Werde hier bestätigen. – Pierrot.«

Schließlich noch:

»Montag nacht neun Uhr. Zwei Schläge. Nur Sie selbst. Seien Sie nicht mißtrauisch. Bar Geld für gute Bedienung. – Pierrot.«

»Das ist vollständig genug, Watson. Wenn wir nur den Mann am anderen Ende der Geschichte schon hätten!« Er saß in Gedanken da und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Endlich sprang er auf.

»Nun, vielleicht ist es doch nicht so schwierig, wie es scheinen könnte. Hier haben wir nichts mehr zu tun, Watson. Ich denke, wir fahren zuerst einmal zur Expedition des Daily Telegraph und bringen so ein gutes Tagewerk zum guten Abschluß.«


Mycroft Holmes und Lestrade waren auf Holmes‘ Ersuchen am anderen Morgen in der Bakerstraße bei uns erschienen, und Sherlock Holmes hatte ihnen Bericht über die Ergebnisse des vergangenen Tages erstattet. Herr Lestrade, der Londoner Sicherheitsbeamte, schüttelte mißbilligend den Kopf, als er von unserem Einbruch hörte.

»Wir von der Polizei können uns so etwas nicht leisten, Herr Holmes«, sagte er. »Es ist daher kein Wunder, daß Sie Erfolge erzielen, die uns schon durch die Umstände verwehrt sind. Aber eines Tages gehen Sie einmal zu weit, und Sie und ihr Freund haben sich etwas Böses eingebrockt und müssen es auslöffeln.«

»Für Vaterland, Ehre, Schönheit – he, Watson, das wäre ein nettes Motto für unser Märtyrertum, was? Aber Scherz beiseite, wie denkst du über die Sache, Mycroft?«

»Ausgezeichnet, Sherlock, ganz wundervoll! Aber wie willst du nun weitergehen?«

Holmes nahm die Nummer des Daily Telegraph auf, die auf dem Tische lag.

»Hast du Pierrots Anzeige heute schon gesehen?«

»Was? Noch eine?«

»Ja, hier steht sie: Heute nacht. Selbe Stunde. Selber Ort. Zwei Schläge. Lebenswichtig für Sie. Ihre Sicherheit gebietet Zusammenkunft. – Pierrot.«

»Bei Gott«, rief Lestrade. »Wenn er daraufhin kommt, dann haben wir ihn!«

»Das war mein Gedanke, als ich die Anzeige aufgab. Ich glaube, wenn Sie es ermöglichen können, mit uns gegen acht Uhr zu Obersteins Wohnung zu kommen, daß Sie dann die Lösung des letzten Rätsels sich vollziehen sehen.«


Eine der bemerkenswertesten Eigenschaften meines Freundes war seine Fähigkeit, seine Gedanken von einer Aufgabe völlig zurückzuziehen, sein Hirn sozusagen umzuschalten und es mit Kleinigkeiten zu beschäftigen, sobald er die Einsicht gewonnen hatte, daß ein längeres Verweilen bei dem Hauptgegenstand nutzlos sei. Ich entsinne mich, daß er den ganzen langen Tag über einer Monographie zubrachte, die er über gewisse Motetten Lassus geschrieben hatte. Ich für meinen Teil besaß nichts von dieser Kunst, Gedanken aus- und umzuschalten, und der Tag erschien mir daher unerträglich lang. Die schwerwiegenden nationalen Interessen, die Ungeduld, den Hochverräter zu erblicken, alles zog und zerrte an meinen Nerven. Es war wie eine Befreiung für mich, als wir nach einem leichten Abendessen uns endlich auf den Weg machten. Da Mycroft Holmes es mit Entrüstung ablehnte, über das Hofgitter zu steigen, so mußte ich voraus, von hinten durch das Haus und die Vordertür öffnen. Um neun Uhr saßen wir alle in dem Studierzimmer und lauerten auf unser Opfer.

Eine Stunde verrann, und nochmals eine. Als es elf Uhr schlug, schien die große Kirchenglocke unsere Hoffnung zu Grabe zu läuten. Lestrade und Mycroft rutschten unruhevoll auf ihren Sitzen hin und her und schauten fast jede Minute nach der Uhr. Holmes saß still und reglos da, die Augen halb geschlossen, aber mit allen Sinnen wach. Mit einer ruckartigen Bewegung hob er plötzlich den Kopf.

»Er kommt«, sagte er leise.

Ein verstohlener Schritt ging an der Haustür vorüber. Nun kam er zurück. Wir hörten zwei laute Schläge mit dem Türklopfer. Holmes stand auf und machte uns ein Zeichen, sitzen zu bleiben. Die Gasflamme im Flur war heruntergedreht und brannte fast nur wie ein Pünktchen. Er öffnete die Haustür, ließ den Fremden eintreten und schloß die Tür hinter ihm wieder ab. »Hier, bitte«, hörten wir ihn sagen, und einen Augenblick später stand der Mann vor uns. Holmes war ihm dicht nachgefolgt, und als der andere mit einem Schrei des Staunens und Schreckens Kehrt machte, faßte Holmes ihn am Kragen und stieß ihn wieder in das Zimmer hinein. Noch ehe unser Gefangener sein Gleichgewicht wieder hatte, hatte Holmes auch diese Tür abgeschlossen. Jetzt stand er mit dem Rücken vor ihr. Der Fremde sah verwirrt um sich, wankte und fiel bewußtlos zu Boden. Sein breitrandiger Hut, den er aufbehalten hatte, fiel ihm bei dem Falle vom Kopf, seine Krawatte rutschte ihm von den Lippen herunter, und da wurden die hübschen Gesichtszüge des Oberst Valentine Walter sichtbar.

Holmes pfiff durch die Zähne vor Erstaunen.

»Watson, diesmal kannst du mich in deiner Geschichte als einen Esel darstellen«, sagte er. »Das ist nicht der Vogel, den ich erwartet hatte.«

»Wer ist es?« fragte Mycroft gespannt.

»Der jüngere Bruder des verstorbenen Sir James Walter, des Vorstehers der Unterseebootabteilung. Ja, ja, nun ist mir alles klar. Da, er kommt zu sich! Am besten beginne ich gleich mit dem Verhör.«

Wir hatten die leblose Gestalt auf das Sofa gelegt. Jetzt setzte unser Gefangener sich müde in eine Ecke, sah sich mit schreckerfüllten Augen um und strich sich mit der Hand über die Stirn, wie jemand, der seinen Augen nicht traut.

»Was ist das?« fragte er. »Ich bin hergekommen, um einen Herrn Oberstein zu besuchen.«

»Wir wissen alles, Herr Oberst Walter«, sagte Holmes. »Wie ein englischer Gentleman solch eine Handlung begehen konnte, ist mir nicht verständlich. Aber Ihre Beziehungen zu Oberstein sind uns bekannt – und auch die Art dieser Beziehungen. Ebenso wissen wir die näheren Umstände, die Cadogan Wests Tod herbeigeführt haben. Ich gebe Ihnen den guten Rat, durch ein offenes Geständnis Ihre Seele zu erleichtern und Ihr großes Unrecht nicht durch das Gegenteil zu vergrößern. Einige Einzelheiten können wir nur aus Ihrem Munde erfahren.«

Der Oberst stöhnte und vergrub sein Gesicht in seine Hände. Wir warteten, aber er blieb stumm.

»Ich kann Sie versichern«, sagte endlich Holmes, »daß alles Wichtige uns bereits bekannt ist. Wir wissen, daß Sie dringend Geld nötig hatten, daß Sie einen Abdruck von den Schlüsseln nahmen, die Ihr Bruder in Verwahrung hatte, und daß Sie in Beziehungen zu Oberstein traten, der Ihre Briefe mit Anzeigen im Daily Telegraph beantwortete. Es ist uns bekannt, daß Sie am Montagabend im Nebel zu dem Büro gingen, und daß Cadogan West Sie sah und er Ihnen nachfolgte, weil er vermutlich schon von früher her Ursache hatte, Ihnen zu mißtrauen. Er sah Sie die Pläne entwenden, konnte aber keinen Alarm schlagen, weil es immerhin möglich schien, daß Sie die Zeichnungen im Auftrag ihres Bruders in London herausnahmen. Unter Hintansetzung aller persönlichen Interessen folgte West Ihnen nach und blieb Ihnen in dem Nebel auf den Fersen, bis zu diesem Hause hier. Da suchte er Ihr Verbrechen noch zu verhindern, aber Sie fügten zu dem des Hochverrats noch das schrecklichere des Mordes.«

»Nein, nein, das habe ich nicht getan! Ich schwöre es vor Gott, das habe ich nicht getan!« schrie der Elende.

»Dann enthüllen Sie uns doch, wie Cadogan West seinen Tod fand, ehe Sie ihn auf das Dach eines Untergrundbahnwagens legten!«

»Das will ich Ihnen sagen. Ich schwöre Ihnen, ich sage Ihnen die lautere Wahrheit. Alles andere habe ich getan, wie Sie es sagten, das gestehe ich. Ich hatte Börsenschulden zu bezahlen; sie waren dringend, ich brauchte das Geld so bitter notwendig. Oberstein bot mir fünftausend Pfund; die konnten mich vor dem Untergang retten. Aber was den Mord betrifft, an dem bin ich genau so unschuldig wie Sie!«

»Das sollen Sie uns beweisen! Bitte, fahren Sie fort.«

»West mißtraute mir und ist mir nachgefolgt, wie Sie es gesagt haben. Ich merkte das nicht früher, als bis ich hier unten vor der Tür stand. Es war ein dicker Nebel, und man konnte kaum einige Schritte weit sehen. Ich hatte zweimal geklopft, und Oberstein kam, die Tür aufzuschließen. Der junge Mann drang mit mir ins Haus und verlangte zu wissen, was wir mit den Plänen beabsichtigten. Oberstein hatte einen kurzen Totschläger; den hatte er stets bei sich. Als West neben mir stand und seine Frage stellte, schlug Oberstein ihn nieder. Es war ein verhängnisvoller Schlag, denn in wenigen Minuten war West tot. Da lag er nun vor uns, und wir wußten nicht, was wir mit ihm tun sollten. Da kam Oberstein auf den Gedanken, ihn auf das Dach eines Wagens zu legen, denn die Untergrundbahnzüge hielten gerade unter dem Fenster auf der Rückseite des Hauses. Zuerst prüfte er die Zeichnungen, die ich mitgebracht hatte. Drei davon hielt er für besonders wichtig, und die wollte er behalten. ›Sie können Sie nicht behalten‹, sagte ich. ›Es wird einen fürchterlichen Aufruhr in Woolwich geben, wenn man sie vermißt‹ – ›Ich muß sie trotzdem behalten‹, sagte er, ›denn sie sind technisch so kompliziert, daß ich sie nicht kopieren kann; jedenfalls nicht bis morgen früh.‹ – ›Dann muß ich alle Pläne heute nacht wieder zurückbringen‹, erwiderte ich. Er dachte eine Weile nach und rief dann auf einmal erfreut, er hätte einen glücklichen Gedanken. ›Die übrigen sieben stecken wir dem Toten in die Taschen‹, rief er. ›Wenn man die Leiche mit den Zeichnungen findet, dann wird man die ganze Geschichte diesem Beamten in die Schuhe schieben.‹ Ich wußte mir keinen anderen Ausweg, und so schritten wir zur Ausführung seines Gedankens. Eine halbe Stunde hatten wir zu warten, bis ein Zug hielt. Es war ein so dichter Nebel, daß wir ohne Gefahr den Leichnam aus dem Fenster auf ein Wagendach legen konnten. Soweit es mich betrifft, war die Sache damit erledigt.«

»Und Ihr Bruder?«

»Er sagte nichts; aber er hatte mich einmal überrascht, wie ich seine Schlüssel in der Hand hielt, und ich glaube, er faßte damals einen Verdacht. Ich konnte es in seinen Augen lesen. Sie wissen, daß er es nicht hat überleben können.«

Eine drückende, peinliche Stille trat ein. Mycroft Holmes unterbrach sie.

»Können Sie den Schaden nicht wieder gutmachen? Das würde Ihr Gewissen erleichtern und Ihre Strafe mildern.«

»Wie könnte ich den Schaden wieder gutmachen?«

»Wo ist Oberstein mit den Plänen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hat er Ihnen keine Adresse angegeben?«

»Er sagte, Briefe würden ihn wahrscheinlich in Paris, Hotel du Louvre, erreichen.«

»Dann steht es noch in Ihrer Macht, alles wieder gut zu machen«, sagte Sherlock Holmes.

»Ich werde gern alles tun, was ich kann. Ich brauche den Oberstein nicht zu schonen. Er ist die Ursache meiner Erniedrigung und meines Unterganges.«

»Hier sind Feder und Papier. Setzen Sie sich da an den Schreibtisch und schreiben Sie, was ich diktiere. Den Umschlag adressieren Sie an das Hotel du Louvre. So! Und nun den Brief: ›Sehr geehrter Herr! In bezug auf das kürzlich mit Ihnen abgeschlossene Geschäft werden Sie wohl selber schon bemerkt haben, daß eine sehr wichtige Zeichnung fehlt. Ich habe eine Kopie derselben. Ich habe mich müssen in besondere Unkosten deswegen stürzen und muß Sie daher um einen Betrag von fünfhundert Pfund bitten. Der Postweg ist ausgeschlossen, ich nehme nur Gold oder Banknoten von Hand zu Hand. Ich würde zu Ihnen kommen, aber es würde sehr auffallen, wenn ich im gegenwärtigen Augenblick verreiste. Ich schlage Ihnen daher eine Zusammenkunft im Rauchsalon des Hotels Charing Croß für Samstag mittag vor. Beachten Sie bitte, daß nur Gold oder englische Banknoten in Betracht kommen.‹ – Das wird seinen Zweck erfüllen. Es müßte sonderbar zugehen, wenn wir damit unseren Mann nicht fingen.«

Und wir fingen ihn. Es ist eine geschichtliche Tatsache – aus der geheimen Geschichte einer Nation, die oft so viel fesselnder und lehrreicher ist als die offizielle Geschichte – daß Oberstein in seiner Begierde, den größten Coup seines Lebens vollständig zu machen, auf den Köder ging und für fünfzehn Jahre in einem englischen Gefängnis verschwand. In seinem Koffer wurden die unersetzlichen Pläne gefunden, die er, um den höchsten Preis zu erzielen, bei allen Flottengroßmächten zugleich zum Kauf angeboten hatte.

Oberst Walter starb nach zwei Jahren im Gefängnis. Und Sherlock Holmes kehrte erfrischt zu seinen Motetten des Lassus zurück. Seine Monographie ist seitdem als Privatdruck erschienen, und die Fachleute sagen, es sei das abschließende Werk über den behandelten Stoff. Einige Wochen später hörte ich zufällig, daß Holmes einen Tag auf Schloß Windsor verbrachte und von dort mit einer wundervollen Smaragdnadel in seiner Krawatte zurückkehrte. Als ich ihn fragte, ob er sie gekauft hätte, antwortete er mir, es sei ein Geschenk von einer hochstehenden alten Dame, in deren Interesse er einen gewissen Kriminalfall aufgeklärt hätte.

Mehr sagte er nicht.

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Das Abenteuer mit dem Teufelsfuß

Das Abenteuer mit dem Teufelsfuß

Wenn ich von Zeit zu Zeit einige der merkwürdigen Abenteuer und interessanten Begebnisse veröffentlicht habe, die mir aus der langen und engen Freundschaft mit Sherlock Holmes erwuchsen, so hatte ich ständig mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die aus seiner Abneigung gegen eine Veröffentlichung hervorgingen. Für seinen zynischen und mürrischen Geist war jede öffentliche Lobeserhebung stets etwas nahezu Verächtliches, und nichts war belustigender, als wenn er am Ende eines erfolgreichen Falles die Einzelheiten seiner Kombinationen und Nachforschungen den »orthodoxen« Polizeibeamten darlegte und diese in einem Chor von unerwünschten Beglückwünschungen ihn priesen, während er mit sarkastischem Lächeln abwehrte. In der Tat war es nur diese Eigentümlichkeit meines Freundes, und keineswegs Mangel an interessantem Material, was mich veranlaßt hat, in den letzten Jahren so gut wie nichts zu veröffentlichen. Meine Beteiligung an so vielen Abenteuern des Sherlock Holmes war eine Bevorzugung, die mir Rücksichtnahme und Zurückhaltung auferlegte.

Ich war daher aufs höchste erstaunt, als ich vergangenen Dienstag von ihm ein Telegramm erhielt – er schrieb nie einen Brief, wo ein Telegramm ausreichte – mit folgendem Wortlaut: »Warum nicht die Geschichte vom Teufelsfuß schreiben? Sonderbarster Fall, den je behandelt.« Ich habe keine Vorstellung davon, was für eine rücklaufende Welle des Gedächtnisses diesen Fall auf einmal in den Vordergrund seines Bewußtseins gerückt hatte, oder welche Laune ihn wünschen ließ, daß ich gerade dieses Abenteuer veröffentliche. Aber ich beeile mich, meine alten Aufzeichnungen, die die Einzelheiten des Falles enthalten, herauszusuchen und die Geschichte meinen Lesern vorzusetzen, ehe noch ein telegraphischer Widerruf aus der Bakerstraße mich daran hindern könnte.

Holmes‘ eiserne Gesundheit war infolge allzu angestrengter Arbeit aufregendster Art wackelig geworden, wozu vielleicht einige seiner unhygienischen Gewohnheiten mit beitrugen. Im März ordnete Dr. Moore Agar, von der Harleystraße, dessen dramatische Einführung bei Holmes ich eines Tages wohl auch noch erzählen werde, an, daß der berühmte Privatdetektiv alle seine Fälle liegen lasse und sich gänzlich jeglicher Arbeit enthalte, wenn er einen völligen Zusammenbruch verhüten wolle. Seine Gesundheit war etwas, das ihn am wenigsten auf aller Welt interessierte, denn seine geistige Loslösung von seinem Körper war fast absolut; aber er gab dem Arzte schließlich nach, als dieser drohte, er werde sonst für immer arbeitsuntauglich werden. So entschied er sich für einen durchgreifenden Luft- und Szenenwechsel. Wir befanden uns daher im Frühjahr in einem kleinen Landhäuschen nahe der Poldhubay, an dem äußersten Ende der cornischen Halbinsel.

Es war ein eigenartiger Ort, ganz besonders geeignet für die grimme Laune meines Patienten. Von den Fenstern unseres kleinen, weißgetünchten Hauses, das hoch auf einem grünen Hügel stand, sahen wir hinunter auf den ganzen finsteren felsigen Halbkreis der Mounts Bay, dieser alten Todesfalle der Segelschiffe, mit ihrem Kranz schwarzer Klippen und brandunggepeitschter Riffe, auf denen unzählige wackere Seeleute ihr Ende gefunden haben. Bei einer nördlichen Brise liegt das Meer dort ruhig und geschützt, wie in einem Hafen und verleitet das sturmgeprüfte Schiff, hier Schutz und Ruhe zu suchen. Dann kommt die plötzliche Drehung des Windes, der brausende Sturm von Südwest, der schlippende Anker, die Leeküste und der letzte Kampf in der brüllenden Brandung. Der weise Seefahrer hält sich weit ab von diesem verhängnisvollen Ort.

Auf der Landseite war unsere Umgebung ebenso düster wie nach dem Meere zu. Eine Gegend voll endloser Moore, einsam, schwärzlich gefärbt. Gelegentlich ein Kirchturm, der die Lage eines uralten Dorfes anzeigt. Überall in diesen Mooren fand man Spuren einer verschwundenen Rasse, die nichts zurückließ, als einige sonderbare Steindenkmale, unregelmäßige Hügel, die in ihrem Innern die Asche der Toten enthielten und merkwürdige Tongefäße, Überreste des Kunstbemühens einer vorgeschichtlichen Zeit. Das Geheimnisvolle, der Zauber der Landschaft mit deren Erinnerungen an verschollene Völker, sprach die Phantasie meines Freundes an, und er verbrachte seine Zeit meist auf einsamen Spaziergängen oder Träumereien im Moor. Auch die alte cornische Sprache hatte sein Interesse erregt, und ich entsinne mich, daß er sie für verwandt mit dem Chaldäischen hielt und sie nach seiner Ansicht von den phönikischen Zinnhändlern herstammt. Er hatte eine Kiste Bücher über diese Wissensgebiete kommen lassen und war entschlossen, seine Phönikertheorie in einer Abhandlung zu entwickeln, als zu meiner Betrübnis und zu Holmes‘ unverhohlener Freude wir uns selbst in diesem Land der Träume auf einmal in eine geheimnisvolle Angelegenheit verwickelt sahen, die viel geheimnisvoller, rätselhafter und für Holmes verlockender war als alles, was ihm derartiges früher in London begegnet war. Und diese rätselhafte Geschichte trug sich auch noch sozusagen unter unsern Augen zu. Unser friedliches, gleichförmiges Leben ward auf einmal heftig unterbrochen und damit die meinem Freunde so notwendige Ruhe, und wir sahen uns mitten hineingeworfen in eine Reihe von Ereignissen, die nicht nur in Cornwallis, sondern im ganzen Westen Englands das ungeheuerste Aufsehen machten. Zahlreiche meiner Leser werden sich noch jener Vorfälle erinnern, die damals als »der cornische Schrecken«, wenn auch meist in sehr ungenauer Darstellung durch die Zeitungen gingen. Heute, nach dreizehn Jahren, werde ich der Öffentlichkeit wahrheitsgetreu alle Einzelheiten des mehr als eigenartigen Falles darlegen.

Ich habe schon gesagt, daß da und dort ein Kirchturm ein Dorf verriet. Die Gegend war nur dünn besiedelt. Das nächste Dorf war der Weiler Tredannik Wollas, wo die Häuschen von etwa dreihundert Einwohnern sich um eine uralte, moosbewachsene Kirche gruppierten. Der Pfarrer, Herr Roundhay, war Amateur-Archäologe, und in dieser Eigenschaft war er mit Holmes bekannt geworden. Er war ein stattlicher, leutseliger Mann in mittleren Jahren, der über gründliche Kenntnisse in der örtlichen Geschichte, Naturgeschichte usw. verfügte. Seiner Einladung folgend hatten wir den Tee bei ihm getrunken und hatten dabei auch die Bekanntschaft eines Herrn Mortimer Tregennis gemacht, eines Privatiers, der die geringen Einkünfte des Pfarrers vermehrte, indem er zwei Zimmer bei ihm, in dem großen, weitläufigen Pfarrhause mietete. Der Pfarrer, ein Junggeselle, freute sich daher dieses Mitbewohners, obwohl er wenig mit ihm gemein hatte, denn Tregennis war ein magerer, dunkler Mann, mit einer Brille und von einer so krummen Haltung, daß der Eindruck eines körperlichen Fehlers erweckt wurde. Ich entsinne mich, daß während unseres kurzen Besuches der Pfarrer sehr gesprächig war, sein Mieter aber auffallend zurückhaltend; er schien mir ein etwas melancholischer Herr, der mehr nach innen lebt, und mit abgewandten Augen dasaß und seinen eigenen Gedanken nachhing.

Diese beiden Männer waren es, die am Dienstag, dem sechzehnten März, hastig in unser Zimmer traten. Wir hatten gerade unser Frühstück beendigt und rauchten eine Morgenpfeife vor unserem täglichen Streifzug ins Moor.

»Herr Holmes«, sagte der Pfarrer mit erregter Stimme, »in der Nacht ist ein außerordentliches, trauriges Ereignis ohnegleichen eingetreten. Es ist einfach unfaßlich, und der Verstand steht einem dabei still. Wir müssen es als eine besondere Himmelsschickung ansehen, daß Sie gerade hier sind, denn von allen Männern in England sind Sie gerade der, den wir hier unbedingt brauchen.«

Den Pfarrer sah ich mit Augen an, die gewiß nicht freundlich blickten; aber Holmes nahm die Pfeife aus dem Mund und richtete sich in seinem Stuhle auf wie ein alter Jagdhund, der seinen Herrn im Jagdanzug mit Gewehr eintreten sieht. Er machte eine einladende Bewegung gegen das Sofa, und unsere Besucher nahmen Seite an Seite darauf Platz. Herr Mortimer Tregennis war weniger erregt als der Pfarrer, der seine Aufregung offen zur Schau trug; aber das Zucken seiner mageren Hände und ein Etwas in seinen dunkeln Augen verrieten, daß beide gemeinsam unter einer außerordentlichen Nervenbelastung standen.

»Soll ich’s erzählen, oder Sie?« fragte Tregennis den Pfarrer.

»Da Sie, Herr Tregennis, die Entdeckung gemacht zu haben scheinen, was sie auch immer sein mag, und der Herr Pfarrer alles nur aus zweiter Hand weiß, so erzählen am besten Sie selber, was sich zugetragen hat«, meinte Holmes.

Ich warf einen Blick auf den nachlässig gekleideten Geistliche und den tadellos angezogenen anderen, der neben ihm saß, und amüsierte mich an dem Eindruck, den Holmes Worte in den beiden Gesichtern aufzeigten.

»Vielleicht sage doch ich erst einige Worte«, begann der Pfarrer, »und dann mögen Sie beurteilen, ob Sie zunächst noch von Herrn Tregennis die Einzelheiten hören oder sogleich zum Schauplatz des gräßlichen Ereignisses eilen wollen. Unser Freund hier hat den vergangenen Abend in Gesellschaft seiner zwei Brüder zugebracht, Owen und Georg, und der seiner Schwester Brenda, und zwar in deren Hause Tredannick Wartha, nahe bei dem alten Steinkreuz auf dem Moor, wissen Sie? Er verließ sie kurz nach zehn Uhr, wo sie am runden Eßtisch Karten spielten, in bester Gesundheit und heiterster Laune. Als ein Frühaufsteher ging er heute morgen schon vor dem Frühstück in jener Richtung spazieren, als ein Wagen des Dr. Richards ihn überholte und dieser ihm sagte, er sei soeben dringend nach Tredannick Wartha bestellt worden. Natürlich fuhr Herr Tregennis gleich mit. Im Hause angelangt, fand er dort – also er fand seine zwei Brüder und seine Schwester noch genau so um den runden Tisch sitzen, wie er sie am Abend vorher verlassen hatte, die Karten vor jedem von ihnen auf dem Tische liegend, die Kerzen ganz bis auf die Halter heruntergebrannt. Die Schwester saß in ihrem Sessel hintenübergebeugt, tot. Die beiden Brüder aber saßen da und lachten, schrien und sangen – völlig irrsinnig. Alle drei, die Tote sowohl wie die zwei Irrsinnigen, trugen noch auf ihren Gesichtern die Spuren eines unerhörten Grauens, eine Verzerrung der Mienen, die schrecklich anzusehen war. Im Hause war sonst nur noch die alte Frau Porter, die Köchin und Haushälterin, die aussagte, sie hätte tief und fest geschlafen und in der Nacht nichts gehört. Nichts war gestohlen oder durchsucht, es war alles in Ordnung, und es fehlt jeder Anhalt dafür, was es gewesen sein könnte, das die Schwester zu Tode und die zwei Brüder bis zum Wahnsinn erschreckt hat. Das ist der ganze gräßliche Fall in großen Zügen, Herr Holmes, und wenn Sie uns helfen, ihn aufzuklären, so werden Sie ein großes Werk getan haben.«

Ich hatte gehofft, Holmes wieder in jene Ruhe und Untätigkeit zurücklocken zu können, die der Zweck unseres Hierseins waren, aber ein einziger Blick in seine gespannten Züge mit den zusammengekniffenen Augenbrauen sagte mir, daß meine Hoffnung eitel sei. Für einige Zeit saß er schweigend da, versunken in das fremdartige Drama, das unsere Ruhe plötzlich unterbrochen hatte.

»Ich will die Sache in die Hand nehmen«, sagte er schließlich. »Soweit ich bis jetzt urteilen kann, ist es ein Fall von ganz außergewöhnlicher Art. Sind Sie selbst auch dort gewesen, Herr Pfarrer?«

»Nein, Herr Holmes, Herr Tregennis erzählte mir alles, sowie er ins Pfarrhaus zurückkam, und ich eilte sofort mit ihm hierher, um Sie um Ihren Beistand zu bitten.«

»Wie weit ist es bis zu dem Hause, wo diese unheimlichen Ereignisse sich zutrugen?«

»Ungefähr eine Meile landeinwärts.«

»Dann wollen wir zusammen hinübergehen. Vorher aber muß ich Sie noch um einige Auskünfte bitten, Herr Tregennis.«

Der war all die Zeit stumm dagesessen, aber ich hatte wohl bemerkt, daß seine besser beherrschte Erregung größer war als die offensichtliche des Pfarrers. Er saß mit bleichem Gesicht und zusammengepreßten Lippen da, seine ängstlichen Blicke auf Holmes gerichtet. Seine mageren Hände hielt er krampfhaft zusammengedrückt. Seine bleichen Lippen bebten, als er der kurzen Erzählung lauschte, welches Unheil auf einmal über seine Familie hereingebrochen war, und seine dunkeln Augen schienen etwas von dem Grauen der Szene widerzuspiegeln.

»Fragen Sie nur alles, was Ihnen nötig erscheint, Herr Holmes«, sprach er eifrig. »Es ist fürchterlich, davon sprechen zu müssen, aber ich will Ihnen der Wahrheit gemäß alles beantworten.«

»Dann erzählen Sie mir von der letzten Nacht!«

»Ich habe drüben zu Nacht gegessen, wie der Herr Pfarrer schon sagte, und nachher schlug mein älterer Bruder Georg eine Partie Whist vor. Um neun Uhr etwa setzten wir uns zum Spiel. Um ein Viertel nach zehn ungefähr brach ich auf. Ich verließ sie alle an dem runden Tisch, in denkbar bester Stimmung.«

»Wer begleitete Sie hinaus?«

»Frau Porter war schon zu Bett, ich ging also allein und drückte die Haustür hinter mir ins Schloß. Das Fenster des Zimmers, in dem sie beim Spiel saßen, war geschlossen, aber der Vorhang war nicht vorgezogen. Heute früh war weder am Fenster noch am Vorhang etwas geändert, auch kein Grund zu der Annahme, daß ein Fremder das Haus betreten hätte. Und doch saßen sie da, um ihren Verstand gebracht vor Schrecken, Brenda tot vor Entsetzen, mit dem Kopf hintenüberhängend über die Sessellehne. Solange ich lebe, werde ich das Bild dieses Zimmers nicht mehr vergessen.«

»Die Tatsachen, die Sie mir eben mitgeteilt, sind auf jeden Fall höchst beachtenswert«, sagte Holmes. »Ich nehme an, daß Sie keine Erklärung irgendwelcher Art für dies rätselhafte Vorkommnis gefunden haben?«

»Es ist Teufelswerk, Herr Holmes, Teufelswerk!« schrie Mortimer Tregennis. »Es ist nichts von dieser Welt. Etwas ist in das Zimmer gekommen, das das Licht ihrer Vernunft ausgelöscht hat. Welche irdische oder menschliche Macht könnte das?«

»Ich fürchte«, antwortete Holmes, »daß, wenn es sich hier um Überirdisches handelt, es dann auch über meine Kräfte geht, zu helfen. Aber wir müssen alle natürlichen Möglichkeiten erschöpfen, bevor wir eine übernatürliche annehmen. Was Sie selbst anlangt, Herr Tregennis, so waren Sie wohl irgendwie getrennt von Ihrer Familie, denn Ihre drei Geschwister lebten beisammen, und Sie wohnten für sich im Pfarrhause.«

»Das ist richtig, Herr Holmes; aber das ist eine alte Geschichte, vergessen und erledigt. Wir waren eine Familie von Zinnbergwerksbesitzern in Redruth. Aber wir verkauften unsere Mine an eine Gesellschaft und zogen uns zurück, wir hatten genug, um davon zu leben. Ich will es nicht ableugnen, daß wegen der Verteilung des Geldes eine Spannung eintrat, und sie stand für eine gewisse Zeit zwischen uns. Aber das war längst vergessen und vergeben, und wir verkehrten aufs freundschaftlichste miteinander.«

»Wenn Sie sich den letzten Abend vergegenwärtigen, fällt Ihnen da gar nichts ein, das ein Licht auf die Tragödie werfen könnte? Denken Sie, bitte, sorgfältig nach, Herr Tregennis, es handelt sich darum, einen Faden zu finden, den wir weiter verfolgen können.«

»Mir fällt nichts ein, Herr Holmes.«

»Ihre Geschwister wären in ihrer gewohnten geistigen Verfassung?«

»Jawohl, und sie war niemals besser.«

»Waren es nervöse Menschen? Zeigten sie jemals Besorgnis vor einer kommenden Gefahr?«

»Nichts der Art.«

»Sie haben mir also nichts mehr zu sagen, was mir helfen könnte?«

Mortimer Tregennis überlegte ernsthaft. Nach einiger Zeit sagte er:

»Da fällt mir eine Sache ein! Wie wir um den Tisch saßen, war mein Platz mit dem Rücken zum Fenster, und mein Bruder Georg, mein Spielpartner, saß mit dem Gesicht zu ihm. Einmal bemerkte ich, wie er den Kopf streckte und hinaussah, über meine Schulter hinweg. Ich drehte mich daher ebenso zum Fenster und schaute hinaus. Der Vorhang war nicht vorgezogen, das Fenster geschlossen; ich konnte gerade noch die Büsche auf dem Rasen unterscheiden, und es schien mir so für einen Augenblick, als sähe ich etwas sich zwischen ihnen bewegen. Ich könnte nicht einmal sagen, ob Tier oder Mensch, aber es war so, als ob da etwas gegangen wäre. Als ich ihn fragte, nach was er schaue, sagte er mir dasselbe. Mehr weiß ich nicht.«

»Forschten Sie nicht draußen nach?«

»Nein; die Sache schien nicht wichtig.«

»Sie verließen Ihre Geschwister dann ohne Ahnung von einem kommenden Unheil?«

»Ohne jede Ahnung.«

»Ich sehe nicht ganz klar, wieso Sie heute früh so bald Nachricht von allem bekamen.«

»Ich bin ein Frühaufsteher, und für gewöhnlich mache ich vor dem Frühstück einen Spaziergang. Heute früh war ich kaum unterwegs, als der Wagen des Arztes mich einholte. Er sagte mir, Frau Porter hätte einen Jungen zu ihm geschickt, er solle sofort kommen. Da sprang ich zu ihm in den Wagen, und wir fuhren los. Angekommen gingen wir gleich zuerst in das schreckliche Zimmer. Das Kaminfeuer und die Kerzen müssen vor Stunden schon niedergebrannt gewesen sein, und die Geschwister sind so im Dunkeln gesessen, bis der Tag graute. Der Arzt sagte, Brenda müsse wenigstens seit sechs Stunden tot sein. Man sah an ihr keine Spuren von äußerer Gewalt. Sie lag einfach zurückgelehnt im Sessel, mit jenem entsetzten Ausdruck auf ihrem Gesicht. Georg und Owen sangen Bruchstücke von Liedern und schnatterten wie zwei große Affen. O, es war schrecklich anzusehen! Ich konnte es kaum ertragen, und der Arzt war weiß wie ein Leintuch. Ja, er fiel halb ohnmächtig in einen Sessel, und wir hätten beinahe auch noch für ihn zu sorgen gehabt.«

»Merkwürdig – höchst merkwürdig!« sagte Holmes, indem er sich erhob und nach seinem Hut griff. »Ich denke, wir gehen jetzt ohne Verzug nach Tredannick Wartha. Ich gestehe, daß mir noch selten ein auf den ersten Blick eigenartigerer Fall vorgekommen ist.«

Unsere Nachforschungen an diesem ersten Morgen trugen wenig zur Aufklärung bei. Doch hatten wir unterwegs eine Begegnung, welche den düstersten Eindruck auf unser Gemüt hinterließ. Um zu dem Schauplatz des schrecklichen Ereignisses zu gelangen, mußten wir einen schmalen Feldweg einschlagen. Unterwegs hörten wir das Geräusch eines uns entgegenkommenden Wagens und traten zur Seite, um ihn vorüberfahren zu lassen. Als er nahe bei uns war, sah ich durch das geschlossene Fenster ein gräßlich verzerrtes, grinsendes Gesicht nach uns blicken. Wie eine grauenvolle Vision zogen diese aufgerissenen Augen und knirschenden Zähne an uns vorüber.

»Meine Brüder!« schrie Mortimer Tregennis mit schneeweißen Lippen. »Sie bringen sie fort nach Helston.«

Mit Entsetzen sahen wir dem schwarzen Wagen nach, der sich schwerfällig rumpelnd von uns entfernte. Dann wandten wir unsere Schritte wieder dem Schreckensorte zu, an welchem sie ihr merkwürdiges Schicksal ereilt hatte.

Es war ein großes, heiteres Gebäude, mehr Villa als Landhaus, von weiten Gartenanlagen umgeben, die, selbst in dieser cornischen Luft, bereits im Schmuck der Frühlingsblumen prangten. Auf diesen Garten hinaus ging das Fenster des Eßzimmers, und nach Mortimer Tregennis‘ Darstellung mußte von daher das Gräßliche gekommen sein, das in wenigen Augenblicken ihren Verstand verwirrt hatte. Holmes schritt langsam und nachdenklich zwischen den Blumenbeeten den Gartenweg entlang, ehe er das Haus betrat. So tief war er, wie ich mich erinnere, in seine Gedanken versunken, daß er über eine Gießkanne stolperte, deren Inhalt sich über unsere Füße und den Gartenweg ergoß. Im Hause trafen wir die ältliche Haushälterin, Frau Porter, welche mit Hilfe eines jungen Mädchens für alle Bedürfnisse der Familie gesorgt hatte. Bereitwillig beantwortete sie alle Fragen, die Holmes an sie richtete. Sie hatte nichts gehört in der Nacht. Ihre Herrschaft befand sich sehr wohl in der letzten Zeit, und sie erinnerte sich nicht, sie je heiterer und glücklicher gesehen zu haben. Sie war vor Entsetzen ohnmächtig geworden, als sie morgens den Raum betrat und die grauenvolle Gesellschaft um den Tisch versammelt sah. Als sie wieder zu sich gekommen war, hatte sie das Fenster aufgerissen, um die frische Morgenluft hereinzulassen und war dann zu dem Feldweg hinuntergelaufen, wo sie einen Bauernjungen fand, den sie zum Arzt schickte. Die Dame liege auf ihrem Bett, eine Treppe höher, falls wir sie sehen wollten. Vier starke Männer seien nötig gewesen, um die Brüder in den Krankenwagen zu schaffen. Sie würde keinen Tag länger in diesem Haus bleiben; heute nachmittag fahre sie zu ihren Verwandten nach St. Ives.

Wir stiegen die Treppe hinauf, um die Tote zu sehen. Fräulein Brenda Tregennis war ein sehr schönes, wenngleich nicht mehr ganz junges Mädchen gewesen. Ihr von dunklen Haaren umrahmtes, feingeschnittenes Gesicht war selbst im Tode schön; doch lag immer noch ein Ausdruck des Grauens auf ihm, das ihre letzte bewußte Empfindung gewesen war. Von ihrem Schlafzimmer begaben wir uns wieder hinunter ins Wohnzimmer, wo sich diese merkwürdige Tragödie abgespielt hatte. Verkohltes Holz und Asche lagen vom gestrigen Feuer her im Kamin. Auf dem Tisch lagen noch verstreut die Spielkarten, und dazwischen standen vier vollständig herabgebrannte Kerzen. Die Stühle waren an die Wand gestellt worden, aber sonst war alles wie am Abend zuvor. Holmes ging mit leichten, raschen Schritten durch den Raum; er saß auf den verschiedenen Stühlen, nachdem er sie an den Tisch gezogen und ihre Stellung vom vergangenen Abend wiederhergestellt hatte. Er prüfte, wieviel vom Garten sichtbar war; er untersuchte den Fußboden, die Decke und den Kamin; doch nicht ein einziges Mal sah ich das plötzliche Aufleuchten seiner Augen und Zusammenpressen seiner Lippen, welches mir gesagt hätte, daß ein schwacher Lichtstrahl das undurchdringliche Dunkel erhelle.

»Wozu ein Feuer?« fragte er plötzlich. »Hatten Sie an solch milden Frühlingsabenden in diesem kleinen Zimmer immer ein Feuer?«

Mortimer Tregennis erklärte, der Abend sei kalt and feucht gewesen. So sei nach seiner Ankunft ein Feuer angemacht worden. »Was wollen Sie nun zunächst tun, Herr Holmes?« fragte er.

Mein Freund lachte und legte seine Hand auf meinen Arm. »Ich denke, Watson, ich muß wieder ein wenig an meiner langsamen Nikotinvergiftung arbeiten, die du so oft und so mit Recht verurteilst«, sagte er. »Wenn Sie gestatten, meine Herren, so möchte ich jetzt nach Hause gehen, denn ich glaube kaum, daß wir hier noch irgend etwas Wichtiges erfahren können. Ich will mir alles überlegen, Herr Tregennis, und wenn mir irgend etwas einfallen sollte, so werde ich mich selbstverständlich mit Ihnen und dem Herrn Pfarrer in Verbindung setzen. Inzwischen wünsche ich Ihnen beiden guten Morgen.« –

Erst lange, nachdem wir in unser Landhaus in Poldhu zurückgekehrt waren, brach Holmes sein nachdenkliches, tiefes Schweigen. Er saß tief in seinen Lehnstuhl geschmiegt; sein hageres, scharf geschnittenes Gesicht war kaum sichtbar zwischen den blauen Rauchwolken seiner Pfeife; seine schwarzen Augenbrauen waren zusammengezogen, seine Stirn gerunzelt, sein Blick leer und in die Ferne gerichtet. Endlich legte er die Pfeife weg und sprang auf die Füße.

»Es hilft nichts, Watson!« sagte er lachend. »Wir wollen miteinander einen Spaziergang entlang den Klippen machen und steinerne Pfeilspitzen suchen. Wahrscheinlich finden wir sie leichter als eine Lösung zu diesem Rätsel. Seeluft, Sonnenschein und Geduld, – alles übrige wird von selbst kommen. Ein Hirn angestrengt nachdenken zu lassen ohne genügenden Stoff dazu, das ist etwa so, wie wenn man eine Dampfmaschine mit Volldampf leer laufen läßt; sie läuft sich aus allen Fugen und geht in die Brüche.«

»Wir wollen die Lage genau festhalten, Watson«, fuhr er fort, als wir an den Klippen entlang schlenderten. »Wir wollen das Wenige, das wir positiv wissen, festnageln, so daß, wenn neue Tatsachen uns bekannt werden, wir sie an ihrem gebührenden Platz einschieben können. Vornweg nehme ich an, daß keiner von uns geneigt ist, an teuflische, unirdische Einwirkungen auf die Geschicke von Menschen zu glauben. Das wollen wir gleich ganz und gar ausschalten. Gut! Da bleiben dann drei Personen, die durch bewußte oder unbewußte menschliche Handlungen aufs schwerste beeinträchtigt wurden. Das ist unser fester Grund. Und wann geschah das? Wenn uns genau berichtet wurde, so geschah es unmittelbar, nachdem Tregennis das Haus verlassen hatte. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Meine Annahme ist, daß es innerhalb weniger Minuten nach Tregennis‘ Weggehen geschehen ist. Die Karten lagen noch auf dem Tisch. Es war bereits nach ihrer gewöhnlichen Bettzeit. Dennoch hatten sie ihre Stellung nicht verändert, keines hatte seinen Stuhl zurückgeschoben. Ich wiederhole daher, daß das Ereignis unmittelbar nach seinem Weggehen eintrat, und nicht später als elf Uhr letzte Nacht.

Unsere nächste Aufgabe war es nun, soweit als möglich festzustellen, was Mortimer Tregennis tat, nachdem er das Zimmer verlassen. Das machte keine Schwierigkeiten, und keinerlei Verdacht fällt auf ihn. Da du meine Methoden kennst, so hast du natürlich sofort durchschaut, zu welchem Zweck ich die Gießkanne umgestürzt habe. Ich bekam so einen genauen Fußabdruck; der nasse sandige Gartenweg hielt ihn ausgezeichnet fest. Letzte Nacht war es gleichfalls feucht, wie du dich erinnern wirst, und nachdem ich mir also einen Musterabdruck verschafft hatte, konnte ich Mortimers Spuren zwischen denen anderer Füße genau verfolgen. Er scheint raschen Ganges zum Pfarrhause geeilt zu sein.

Wenn also Mortimer Tregennis von der Szene verschwunden ist und doch ein Mensch die Kartenspieler irgendwie beeinflußt haben muß – wer war dieser Mensch, und mit welchen Mitteln konnte er die Wirkung hervorbringen, die wir gesehen haben? Frau Porter scheidet aus. Sie ist offenbar ganz harmlos und unverdächtig. Liegt irgendein Anzeichen dafür vor, daß jemand an das Gartenfenster geschlichen ist und von dort aus ›etwas‹ tat, das so schrecklich ist, daß alle, die es sahen, vor Entsetzen um den Verstand kamen? Die einzige Andeutung einer solchen Möglichkeit liegt in der Bemerkung Mortimers, wonach sein Bruder etwas zwischen den Rasenbüschen sich bewegen sah. Das ist sicher beachtenswert, da die Nacht bewölkt, regnerisch und dunkel war. Ein jeder, der die Absicht hatte, die Menschen in dem Zimmer zu schrecken, hätte müssen sein Gesicht an die Glasscheibe drücken, um gesehen zu werden. Ein drei Fuß breites Blumenbeet läuft unter dem Fenster hin, aber es zeigt keine Fußspur. Es ist daher schwierig, sich vorzustellen, wie einer von draußen sollte auf die Kartenspieler eine so fürchterliche Wirkung ausgeübt haben. Auch fehlt uns noch jedes Motiv für eine so sonderbare Tat. Du siehst also, Watson, wo die Schwierigkeiten liegen?«

»Sie sind nur zu offenkundig«, antwortete ich mit Überzeugung.

»Und dennoch, wenn wir noch einiges weitere Material entdecken, dürften wir in der Lage sein, ihrer Herr zu werden«, meinte Holmes nachdenklich. »In deinem großen Sherlock-Holmes-Archiv hast du sicher einige Fälle, die zu Beginn genau so hoffnungslos in Dunkel gehüllt waren, wie dieser. Vorläufig aber wollen wir uns die ganze Sache aus dem Kopfe schlagen, bis neue Tatsachen zutage getreten sind, und den Rest unseres Vormittages dem neolithischen Menschen widmen.«

Schon früher habe ich hervorgehoben, wie sehr Holmes‘ Gedankengänge abbrechen, sich geistig loslösen konnte, aber niemals habe ich diese Fähigkeit an ihm mehr bewundert als an jenem Frühlingstage in Cornwallis, wo er zwei Stunden lang so unbefangen und heiter über Kelten, Pfeilspitzen und Gefäßscherben sprach, als ob kein düsteres Geheimnis auf seine Erklärung warte.

Als wir dann am Nachmittage zu unserem Häuschen zurückkehrten, fanden wir dort einen Besucher auf uns warten, der unsere Gedanken sehr schnell auf die vor uns liegende Aufgabe zurückführte. Keinem von uns brauchte gesagt zu werden, wer der Besucher war. Der mächtige Körper, das tief gefurchte wetterharte Gesicht mit den blitzenden Augen und der Adlernase, das graue Haar, das beinahe die Decke unseres Zimmers berührte, der Bart – goldgelb an den Enden und weiß um die Lippen herum, abgesehen von den braunen Tabakflecken des ewigen Zigarrenrauchers – das alles war in London ebenso gut wie in Afrika bekannt als die charakteristischen Äußerlichkeiten des Dr. Leon Sterndale, des großen Löwenjägers und Forschungsreisenden.

Wir hatten von seiner Anwesenheit in unserer Gegend gehört und einige Male schon war uns seine große Gestalt auf den einsamen Moorpfaden zu Gesicht gekommen. Er machte jedoch keinerlei Versuche einer Annäherung, und wir taten es ebensowenig, denn es war allgemein bekannt, daß er aus Hang zur Einsamkeit den größten Teil der Zwischenzeit zwischen seinen einzelnen Expeditionen in einem kleinen Bungalow verbrachte, vergraben in dem einsamen Wald von Beauchamp Arnance. Dort, zwischen seinen Büchern und seinen Karten, führte er ein vollständig einsames Leben; er besorgte alles selbst ohne einen Dienstboten und kümmerte sich nicht um das, was in der Nachbarschaft vorging. Ich war daher sehr überrascht, als er meinen Freund fragte, ob er in der Aufklärung der rätselhaften schrecklichen Vorgänge von Tredannick Wartha schon Fortschritte gemacht hätte. »Die Distriktspolizei ist völlig wertlos«, sagte er, »aber vielleicht haben Sie mit Ihrer größeren Erfahrung bereits eine brauchbare Erklärung gefunden? Mein einziger geringer Anspruch auf Ihr Vertrauen in dieser Angelegenheit gründet sich darauf, daß ich bei meinen wiederholten Ferienaufenthalten in hiesiger Gegend die Familie Tregennis sehr gut kennen gelernt habe – ja, von seiten meiner Cornishen Mutter sind wir vervettert – und ihr grauenhaftes Schicksal hat mich natürlich etwas erschüttert. Ich will Ihnen gestehen, daß ich bereits in Plymouth auf meinem Rückweg nach Afrika war, aber heute früh bekam ich Nachricht von den rätselhaften Ereignissen und ich kam stracks hierher zurück, um wenn möglich zu helfen.«

Holmes zog die Augenbrauen hoch.

»Haben Sie dadurch Ihr Schiff versäumt?«

»Ich werde eben das nächste nehmen.«

»Donnerwetter! Das nenne ich Freundschaft.«

»Ich sage Ihnen ja, wir waren verwandt miteinander – Vettern.«

»Ja, ja, Sie waren Vettern von mütterlicher Seite. War Ihr Gepäck schon an Bord?«

»Der kleinere Teil nur; in der Hauptsache liegt es noch im Hotel.«

»Ich verstehe. Aber sicherlich hat die Tregennis-Tragödie ihren Weg noch nicht in die Morgenblätter von Plymouth gefunden?«

»Nein, Herr Holmes; ich bekam ein Telegramm.«

»Darf ich fragen: von wem?«

Ein Schatten flog über das hagere Gesicht des Forschers.

»Sie fragen ja wie bei einem Verhör, Herr Holmes.«

»Das verlangt mein Geschäft.«

Mit einer gewissen Anstrengung gewann Dr. Sterndale seine frühere Haltung wieder.

»Ich habe keinen Grund, Ihnen die Antwort zu verweigern«, sagte er. »Herr Roundhay, der Pfarrer, hat mir das Telegramm geschickt, das mich zurückrief.«

»Danke sehr«, sagte Holmes. »In Beantwortung Ihrer ersten Frage muß ich Ihnen sagen, daß ich die Zusammenhänge in dem vorliegenden Falle noch nicht recht überschaue, daß ich aber begründete Hoffnung habe, das Rätsel in kurzer Zeit völlig zu lösen. Mehr zu sagen, wäre für den Augenblick voreilig.«

»Vielleicht stehen Sie nicht an, mir zu verraten, ob Ihr Verdacht in irgendeine bestimmte Richtung weist?«

»Nein, darauf kann ich Ihnen leider keine Antwort geben.«

»Dann habe ich meine Zeit unnötig vertan und brauche meinen Besuch nicht länger auszudehnen.« Der berühmte Afrikakenner verließ unser Häuschen in großem Unmut, und innerhalb fünf Minuten verließ auch Holmes das Haus. Ich sah ihn nicht mehr bis zum Abend, wo er schleppenden Ganges und mit einem entmutigten Gesicht zurückkehrte, so daß ich sogleich wußte, er hätte in seinen Nachforschungen keinen weiteren Fortschritt erzielt. Er las ein Telegramm, das inzwischen für ihn angekommen war, und warf es dann ins Kaminfeuer.

»Von seinem Hotel in Plymouth, Watson«, sagte er. »Ich erfuhr den Namen vom Pfarrer und drahtete sofort, um mich zu vergewissern, ob Sterndales Angaben zuträfen. Er hat tatsächlich die letzte Nacht dort zugebracht und ein Teil seines Gepäcks ist mit dem Dampfer nach Afrika abgegangen, während er hierher zu uns zurückgekehrt ist. Das alles ist sonderbar. Was machst du dir für einen Vers darauf?«

»Er nimmt ein außergewöhnliches Interesse an dem Fall.«

»Außergewöhnliches Interesse – allerdings, mein Lieber! Hier liegt irgendwo ein Faden verborgen, der uns bisher entgangen ist und mit dessen Hilfe wir sicher durch das ganze Wirrsal hindurchkämen. Mach‘ ein vergnügtes Gesicht, Watson, denn ich bin ganz sicher, daß wir dicht vor einer wichtigen Entdeckung stehen und bald alle Schwierigkeiten überwunden haben werden.«

Daß diese Worte Holmes‘ sich so rasch bewahrheiten würden, hatte ich nicht gedacht, noch daß die Wendung der Dinge, die uns in eine ganz neue Bahn wies, uns mit solch fremdartigen und düsteren Geschehnissen bekannt machen würde. Ich stand am Morgen am Fenster und rasierte mich, als ich einen raschen Hufschlag vernahm und draußen ein leichtes Wägelchen gewahrte, das im Galopp auf der Straße daherkam. Es hielt an unserer Tür, und unser Freund, der Pfarrer, sprang heraus und eilte über unseren Gartenpfad. Holmes war bereits angezogen; er lief hinunter, um ihn zu begrüßen.

Der Geistliche war so erregt, daß er kaum sprechen konnte, aber schließlich brachte er mit überstürzten Worten und Wiederholungen seinen traurigen Bericht heraus.

»Bei uns geht der Teufel um, Herr Holmes! In meiner armen Gemeinde geht der Teufel um!« rief er wild. »Der leibhaftige Satan ist hier am Werke! Wir sind seinen Händen überantwortet.« Er tanzte vor Aufregung umher – es wäre zum Lachen gewesen, ohne sein entsetztes, aschgraues Gesicht und seine angstvollen Augen. Am Ende fuhr er auch mit der schrecklichen Hauptsache heraus.

»Herr Mortimer Tregennis ist letzte Nacht gestorben, und zwar mit genau denselben Symptomen wie vorgestern seine Geschwister.«

Holmes sprang auf die Füße; in einem Augenblick war er ganz und gar Kraft und Energie.

»Können Sie uns beide noch in Ihr Wägelchen klemmen?«

»Ja, das wird schon gehen.«

»Dann, Watson, wollen wir unser Frühstück verschieben. Herr Pfarrer, wir stehen ganz zu Ihrer Verfügung, aber um Gottes Willen eilen Sie, ehe die Spuren, die ich vermute, verwischt sein könnten.«

Herr Tregennis hatte zwei Zimmer im Pfarrhause inne, die in einer Ecke lagen, das eine über dem anderen. Unten war ein großes Wohnzimmer; oben das Schlafzimmer. Beide lagen sie gegen einen Krokettspielplatz, der sich bis dicht unter die Fenster hinzog. Wir waren angekommen, ehe noch der Arzt und die Polizei eingetroffen waren, so daß wir alles gänzlich unverändert vorfanden. Ich muß hier die Szene beschreiben, genau so, wie wir sie an diesem nebligen Märzmorgen antrafen. Sie hat einen Eindruck bei mir hinterlassen, den ich niemals vergessen kann.

Die Luft in dem Zimmer war von einer schrecklichen und atemraubenden Dumpfheit. Die Pfarrmagd, die das Zimmer zuerst betreten hatte, hatte sogleich das Fenster aufgerissen, sonst wäre es noch unerträglicher gewesen. Zum Teil mochte es daher kommen, daß die Petroleumlampe flackernd und qualmend auf dem Tische stand. Neben ihm saß der tote Mann in seinem Stuhl zurückgelehnt, seine Brille auf die Stirn hinaufgeschoben und sein schmales Gesicht dem Fenster zugewandt mit eben den im Schreck erstarrten Zügen, die wir im Gesicht seiner toten Schwester bemerkt hatten. Seine Glieder waren verkrampft und seine Finger zusammengekrallt, als ob er in einem wahren Paroxysmus von Furcht gestorben wäre. Er war vollständig angezogen, obwohl einige Anzeichen verrieten, daß er sich hastig in die Kleider geworfen hatte. Von der Magd hatten wir schon gehört, daß er in seinem Bett geschlafen, und daß ihn sein tragisches Ende früh am Morgen ereilt hatte.

Man gewahrte unter Holmes‘ phlegmatischem Äußerem die rotglühende Energie, wenn man ein Auge für die plötzliche Veränderung hatte, die mit dem Augenblick über ihn kam, wo er das verhängnisvolle Zimmer betrat. Im Nu war er straff und lebhaft, seine Augen leuchteten, sein Gesicht war voll angespanntester Aufmerksamkeit, der ganze Mann bebte beinahe vor Eifer. Er war draußen auf dem Rasenplatz, kam herein durchs Fenster, lief überall im Zimmer herum, stieg hinauf ins Schlafzimmer – wie ein guter Jagdhund, wenn er eine Fährte aufnimmt. In dem Schlafzimmer sah er sich mit wenigen orientierenden Blicken um, schritt aufs Fenster zu und öffnete es, was ihm seine Fährte erneut bestätigt haben mußte, denn er lehnte sich weit über das Gesims hinaus und ließ Ausrufe der Befriedigung vernehmen. Dann eilte er die Treppe hinunter, stieg zum Fenster hinaus, warf sich mit dem Gesicht auf den Rasenplatz, erhob sich wieder und kam von neuem ins Zimmer, alles mit dem Jagdeifer eines Hundes, der seiner Beute dicht auf den Fersen ist. Die Lampe, eine gewöhnliche Fabrikware, untersuchte er mit besonderer Sorgfalt, wobei er verschiedenes ausmaß. Mit seiner Lupe betrachtete er den Deckel aus Talkschiefer, der oben auf dem Zylinder saß und schabte etwas ab, das sich auf der oberen Fläche befand; das feine Pulver verwahrte er sorgfältig in einem Briefumschlag, den er in sein Taschenbuch legte. Schließlich, gerade als der Arzt und die Polizei erschienen, nickte er dem Pfarrer zu, und wir drei gingen zusammen hinaus auf den Rasen.

»Es freut mich, daß meine Nachforschungen nicht ganz erfolglos gewesen sind«, sagte er dort. »Ich kann mich hier nicht länger aufhalten, um die Sache mit der Polizei zu besprechen, aber ich wäre Ihnen außerordentlich verbunden, Herr Pfarrer, wenn Sie dem Inspektor Grüße von mir bestellen wollten, mit dem Hinzufügen, er möchte seine volle Aufmerksamkeit dem Schlafzimmerfenster und der Lampe im Wohnzimmer widmen. Jedes enthüllt etwas für sich, und beide zusammen gestatten eine abschließende Erklärung. Sollte die Polizei weitere Angaben wünschen, so stehe ich ihr in unserem Häuschen bereitwilligst zur Verfügung. Und nun, Watson, glaube ich, daß wir anderswo auch noch etwas zu tun haben.«

Es ist möglich, daß die Polizei die Einmischung eines Privatdetektivs übel aufnahm, oder daß die ländliche Behörde sich einbildete, in hoffnungsvollster Weise »dem Täter auf der Spur« zu sein; jedenfalls hörten wir in den nächsten zwei Tagen nichts von ihr. Während dieser Zeit verbrachte Holmes einen Teil des Tages zu Hause mit Pfeifenrauchen und verträumtem Nachdenken; den größeren Teil seiner Zeit aber mit allerlei Gängen über Land, die er ohne Begleitung ausführte und von denen er nach Stunden erst zurückkehrte, ohne zu sagen, wo er gewesen war. Ein Experiment, das er anstellte, zeigte mir, nach welcher Richtung hin er seine Nachforschungen betrieb. Er hatte eine Lampe gekauft, genau dieselbe Marke, die wir auf dem Tisch Mortimers Tregennis‘ gefunden hatten. Er füllte sie mit Öl, das er aus dem Pfarrhause sich hatte geben lassen, und stellte genau die Zeit fest, die die Flamme brauchte, um das Öl zu verbrennen. Ein anderer Versuch, den er machte, war entschieden von weniger angenehmer Art und so, daß ich es wohl kaum je vergessen dürfte.

»Du wirst dich erinnern, Watson«, sagte er am zweiten Nachmittag, »daß unter den verschiedenen Angaben, die uns zugeflossen sind, sich zwei befinden, die beide gleich lauten: die Wirkung der Zimmerluft auf denjenigen, der den Raum zuerst betrat. Du entsinnst dich wohl, daß Mortimer Tregennis, als er uns beschrieb, wie er mit dem Arzt das verhängnisvolle Zimmer betrat, nebenbei bemerkte, dieser sei halb ohnmächtig in einen Sessel gesunken. Du hast das vergessen? Nun, ich weiß bestimmt, daß er diese Bemerkung gemacht hat. Vielleicht erinnerst du dich aber, daß auch Frau Porter, die Haushälterin, uns erzählte, sie sei beim Betreten des Zimmers erst ohnmächtig geworden und hätte das Fenster nachher aufgemacht. In dem anderen Fall – bei dem Mortimer selbst seinen Tod fand – kannst du unmöglich die dumpfige, schreckliche Luft vergessen haben, die sich uns auf die Brust legte, sobald wir über die Schwelle traten, obwohl die Pfarrmagd das Fenster bereits geöffnet hatte. Dem Mädchen wurde, wie ich festgestellt habe, so schlecht, daß sie sich zu Bett legen mußte. Diese Gleichartigkeit, mein lieber Watson, wird auch dir in die Augen springen. In beiden Fällen war offenbar die Luft vergiftet. Ebenso fand in beiden Fällen in dem Zimmer eine Verbrennung statt – in dem einen Fall das Kaminfeuer, in dem anderen die Lampe. Das Feuer war wohl notwendig, es war ein kühler Abend; aber wie der geringe Verbrauch des Öls beweist, war die Lampe früh am Morgen, erst nachdem es bereits Tag war, angezündet worden. Warum? Sicher deshalb, weil hier eine Verbindung besteht zwischen den drei Dingen: Der Verbrennung, der giftigen Atmosphäre und schließlich dem Irrsinn oder dem Tod dieser unglücklichen Menschen. Das ist doch klar, nicht wahr?«

»So scheint es.«

»Wenigstens können wir einmal daraufhin weiterbauen. Nehmen wir an, daß in jedem der beiden Fälle etwas verbrannt wurde, was die Vergiftung der Luft verursachte. Gut so! Im ersten Fall – bei den drei Geschwistern Tregennis – wurde dieses ›Etwas‹ im Kamin verbrannt. Zwar war das Fenster geschlossen, aber naturgemäß mußte ein Teil der giftigen Dämpfe durch den Schornstein abziehen. Folglich konnte die Wirkung des Giftes hier nicht so stark sein wie in dem zweiten Fall, wo der Giftdampf keinen Ausweg hatte. Die vorgefundenen Tatsachen scheinen mir zu bestätigen, daß diese Überlegung richtig ist, denn in dem ersten Fall wurde nur die Schwester Brenda getötet, als der schwächere und für das Gift empfänglichere Organismus, während die beiden Männer nur von einem vorübergehenden oder dauernden Wahnsinn befallen wurden, der sich offenbar als erste Wirkung der Giftdämpfe einstellt. In dem zweiten Fall war die Wirkung vollständig; der stärkere, männliche Organismus Mortimers erlag der zerstörenden Giftwirkung. Alles deutet daher darauf hin, daß es sich um ein Gift handelt, das durch Verbrennung zur Anwendung gebracht wurde.

Mit diesen Schlußfolgerungen im Kopfe habe ich natürlich in Mortimers Zimmer nach irgendwelchen Überbleibseln der giftigen Substanz gesucht. Der gegebene Platz hierfür war der Deckel aus Talkschiefer, der sogenannte Rauchfänger auf dem Zylinder. Und wahrhaftig, ich entdeckte einige Aschenflocken auf der oberen Seite und am Rande herum, wo die Erhitzung weniger stark war, einen feinen Kranz eines bräunlichen Pulvers, das nicht verbrannt worden war. Davon habe ich die Hälfte abgeschabt und, wie du gesehen haben wirst, in einem Briefumschlag verwahrt.«

»Warum die Hälfte?«

»Es ist nicht meine Aufgabe, Watson, der Polizeibehörde im Weg zu stehen. Ich habe ihr alle Beweismittel gelassen, die ich selbst gefunden habe. Auf dem Schieferplättchen kann die Hochwohllöbliche das Giftpulver finden, wenn sie Verstand genug hat, dort danach zu suchen. Aber jetzt wollen wir unsere Lampe anstecken; wir wollen aber vorsichtigerweise das Fenster öffnen, um das vorzeitige Ende zweier so verdienter Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu verhüten, und du wirst dich am offenen Fenster in den Sessel setzen, es sei denn, daß du als vernünftiger Mann beschließt, mich den Versuch allein machen zu lassen. Oh, du möchtest es selber auch probieren, ja? Ich dachte doch, ich kenne meinen Watson! Ich werde mit meinem Stuhl dir gegenüber rücken, so daß wir beide vom Ausgangspunkt der Giftdämpfe gleich weit entfernt sind und uns gegenseitig ins Gesicht sehen können. Die Türe lehnen wir nur an, so kann jeder den anderen beobachten und den Versuch abbrechen, sobald er seine längere Fortdauer für bedenklich hält. Ist alles klar? Gut also, ich nehme unser Pulver aus dem Briefumschlag und schütte es oben auf den Rauchfänger der brennenden Lampe. So! Nun Watson, jeder auf seinen Platz! Ich bin gespannt, was wir erleben werden.«

Das »Erlebnis« ließ nicht lange auf sich warten. Ich hatte mich noch kaum bequem in meinem Sessel zurecht gesetzt, als ich einen schweren, etwas moschusartigen Geruch bemerkte, der mir übel machte. Nach den ersten Atemzügen schon fing es in meinem Kopfe an zu wirbeln. Eine dicke, schwarze Wolke ballte sich vor meinen Augen zusammen, und ich fühlte, daß in dieser Wolke, die mich unheimlich bedrückte, alle Schrecken und unfaßbaren Bosheiten und alles Grauen der ganzen Welt konzentriert verborgen waren. Verschwommene Figuren schwebten und drehten sich in der dunklen Wolke, jede eine Drohung und eine Warnung, daß etwas Fürchterliches sich nahe, um mir die Seele vor Angst erstarren zu machen. Ein eisiges Grauen ergriff mich. Ich fühlte, wie meine Haare sich aufrichteten, daß meine Augen mir aus dem Kopfe drangen; ich atmete mit weit offenem Mund und meine Zunge fühlte ich wie ein Stück Leder. In meinem Kopf wirbelte es derartig wild, daß irgend etwas reißen mußte. Ich versuchte zu schreien und vernahm wie aus weiter Ferne einen heiseren dumpfen Laut – meine eigene Stimme. Im selben Augenblick, durch den Schrei etwas befreit von dem unheimlichen Druck hoffnungsloser Verzweiflung, sah ich für eine Sekunde das Gesicht meines Freundes: fast weiß, erstarrt, verzerrt vor Angst – es war ein Gesicht, wie wir es an den beiden Toten gesehen hatten.

Dieser Anblick befeuerte für einen Augenblick meinen fast geschwundenen Selbsterhaltungstrieb und gab mir Kraft. Ich sprang vom Stuhle hoch, warf meine Arme um meinen Freund, und so wankten wir zusammen zur Türe hinaus. Einen Augenblick später lagen wir draußen Seite an Seite auf dem Rasen und sahen nichts als den wundervollen Sonnenschein, der durch die höllische Wolke des Grauens drang, die uns eingehüllt hatte. Langsam erhob sie sich von unseren Seelen, wie der Nebel von einer Landschaft, bis Ruhe und Vernunft wiederkehrten und wir aufrecht auf dem Gras saßen, uns die benommenen Köpfe rieben und einer das Gesicht des anderen aufmerksam beobachtete, um die letzten Spuren des schrecklichen Versuches schwinden zu sehen, dem wir uns soeben unterzogen hatten.

»Auf mein Wort, Watson!« sagte Holmes schließlich mit unsicherer Stimme. »Ich bin dir Dank schuldig und überdies eine Entschuldigung. Das war ein unverantwortliches Experiment schon für mich selbst, und doppelt so, wenn ich an dich denke. Es tut mir wirklich aufrichtig leid.«

»Du weißt«, antwortete ich mit einiger Bewegung, denn Holmes hatte mir bis zu diesem Tage noch nie so viel von seinem Herzen gezeigt, »daß es meine größte Freude und mein Vorrecht ist, dir helfen zu dürfen.«

Sofort verfiel er wieder in die halb humoristische, halb zynische Art, die ihm seiner Umgebung gegenüber eigentümlich war. »Es wäre ganz überflüssig gewesen, uns mit dem Versuch vollends um den Verstand zu bringen, mein lieber Watson«, sprach er. »Ein scharfer Beobachter würde feststellen, daß wir schon allen Verstand verloren hatten, als wir dieses wilde Experiment anfingen. Ich muß aber gestehen, daß ich sehr überrascht war, sowohl von der Schnelligkeit, wie von der Nachdrücklichkeit, mit der das Gift wirkte.« Er lief hastig in das Haus und kam mit der brennenden Lampe zurück, die er weit von sich hielt und über den rückwärtigen Zaun auf einen Haufen alten Gerümpels warf. »Wir müssen einige Zeit warten, bis das Zeug in dem Zimmer sich verzogen hat. Nicht wahr, Watson, dir ist nun auch der letzte Zweifel geschwunden, wie diese beiden Tragödien inszeniert worden sind?«

»Ich durchschaue jetzt alles.«

»Aber der Beweggrund bleibt noch so unaufgeklärt wie vorher. Komm‘ mit mir in die Laube, um diese Seite des Falles zu besprechen. Ah, das ekelhafte Gift sitzt mir noch immer im Hals! Ich glaube, wir können nicht umhin, zu erkennen, daß alles Bisherige auf Mortimer Tregennis hinweist, und daß er im Falle seiner drei Geschwister der Verbrecher war, obwohl er in dem zweiten Fall als das Opfer eines Dritten erscheint. Wir müssen uns vor allem erinnern, daß da in der Vergangenheit ein Familienzwist bestand, dem später eine Versöhnung nachfolgte. Wie tief eingewurzelt der Zwist gewesen sein mag, oder wie wenig tiefgehend die Versöhnung, können wir nicht wissen. Wenn ich mir aber diesen Mortimer vorstelle, mit seinem Fuchsgesicht und seinen lauernden Augen hinter den Brillengläsern, so kann ich mir nicht vorstellen, daß er ein Mann war, der besonders leicht und gründlich vergessen und verzeihen konnte. Ferner erinnere dich, daß die Behauptung, es hätte sich jemand im Garten zwischen den Büschen bewegt – worauf unsere Aufmerksamkeit eine Zeitlang hin- und von der wahren Ursache der Tragödie abgezogen wurde – von diesem Mortimer herstammt. Er hatte ein Interesse daran, uns irre zu führen. Schließlich, wenn nicht er das Pulver in dem Augenblick, wo er das Zimmer verließ, in den Kamin warf – wer soll es sonst getan haben? Die bekannte Wirkung muß unmittelbar nach seinem Weggang eingetreten sein. Wäre irgend jemand vorher hereingekommen, so würden die Geschwister sicher sich von ihren Plätzen erhoben haben. Außerdem sind wir hier in dem stillen ländlichen Cornwallis, wo man sich nach zehn Uhr abends keine Besuche mehr macht. Ich glaube, der Schluß ist berechtigt, daß Mortimer Tregennis der Schuldige ist.«

»Dann war sein Tod ein Selbstmord!«

»Auf den ersten Blick ist das eine durchaus nicht unwahrscheinliche Annahme; der Mann, der seine Seele mit solcher Schuld beladen hatte, konnte wohl beim Anblick seiner Opfer innerlich zusammengebrochen sein und von Reue gepeinigt dieselbe Todesart wählen. Aber verschiedene Gründe sprechen doch dagegen. Zum Glück lebt der Mann, der darüber genau unterrichtet ist, und ich habe bereits die nötigen Vorkehrungen getroffen, um heute nachmittag von seinen eigenen Lippen alles zu vernehmen, was bei uns noch unklar oder bloße Kombination ist. Ah, er kommt etwas vor der Zeit. Bitte, Herr Doktor Sterndale«, rief Holmes laut, »treten Sie zu uns hier in die Laube. Wir haben drinnen einen chemischen Versuch angestellt, dessen Nachwirkungen uns nicht gestatten, einen so ausgezeichneten Besuch ins Zimmer zu führen.«

Ich hatte die Gartenpforte gehen hören, und nun tauchte die mächtige Gestalt des großen Afrikareisenden auf dem Gartenpfad auf. Etwas erstaunt trat er zu uns in die Laube.

»Sie haben mich hergebeten, Herr Holmes. Ich bekam Ihr Briefchen vor einer Stunde und habe mich beeilt, obwohl ich wirklich nicht weiß, was mich veranlassen könnte, Ihrem Rufe ohne weiteres zu folgen.«

»Vielleicht werden wir uns darüber verständigt haben, ehe Sie wieder von uns scheiden«, sagte Holmes. »Jedenfalls bin ich Ihnen äußerst verbunden für Ihr Erscheinen. Entschuldigen Sie gütigst, daß ich sie so formlos hier im Freien empfange, aber mein Freund Watson und ich haben beinahe ein drittes Kapitel zu dem ›Cornischen Schrecken‹ geliefert, wie es die Zeitungen nennen, und die gesunde, frische Luft ist uns geradezu ein Lebensbedürfnis. Da die Dinge, die wir mit Ihnen besprechen wollen, Sie persönlich sehr nahe berühren, ist es vielleicht überdies ein Vorzug für Sie, daß wir unsere Unterredung an einem Orte stattfinden lassen, wo wir nicht belauscht werden können.«

Der Afrikaforscher nahm die Zigarre aus dem Munde und sah meinen Freund verblüfft an.

»Ich verstehe wahrhaftig nicht, mein Herr«, sagte er, »was für Dinge –, die mich, wie Sie sagen, persönlich sehr nahe berühren –, Sie mit mir zu besprechen hätten.«

»Ich meine den Mord an Mortimer Tregennis«, sagte Holmes kalt.

Im nächsten Augenblick wünschte ich zuerst, wir wären bewaffnet. Sterndales hartes Gesicht wurde dunkelrot, seine Augen funkelten, und die Adern traten dick an seiner Stirn hervor, als er mit geballten Fäusten auf meinen Freund zusprang. Dann hielt er inne, und mit sichtbar äußerster Anstrengung nahm er eine ruhige, eisige Haltung an, die vielleicht mehr Gefahr für uns verhieß als der hitzige Ausbruch, der vorausgegangen war.

»Ich habe so lange unter Wilden und jenseits aller Gesetze gelebt«, sagte er, »daß ich mir selbst Gesetz geworden bin. Sie werden gut tun, Herr Holmes, das nicht zu vergessen, denn ich möchte mich durchaus nicht an Ihnen vergreifen.«

»Ebenso auf meiner Seite, Herr Doktor«, erwiderte Holmes. »Das beweist am besten die Tatsache, daß ich trotz allem, was ich weiß, nach Ihnen geschickt habe, statt nach der Polizei.«

Sterndale setzte sich mit stockendem Atem. Vielleicht zum ersten Male in seinem abenteuerreichen Leben übermannte ihn der Schreck. In Holmes‘ bestimmter, fester Art lag so viel Autorität, daß sich keiner ihr entziehen konnte. Der große, starke Mann stotterte unverständliche Worte und machte vor Erregung mit den Händen abgerissene Bewegungen.

»Was wollen Sie von mir?« brachte er schließlich heraus. »Wenn das ein Bluff ist, Herr Holmes, dann haben Sie sich bei mir verkalkuliert. Klopfen Sie gefälligst nicht länger auf den Busch, sondern sagen Sie mir deutlich, was Sie eigentlich von mir wollen.«

»Das will ich tun«, erwiderte mein Freund, »und der Grund, weshalb ich es Ihnen sagen will, ist der, daß ich hoffe, Sie werden mir Offenheit mit Offenheit danken. Mein nächster Schritt wird ganz davon abhängen, was Sie zu Ihrer Verteidigung vorzubringen haben.«

»Zu meiner Verteidigung?«

»Jawohl, Herr Doktor!«

»Meine Verteidigung gegen was?«

»Gegen die Anklage, Mortimer Tregennis ermordet zu haben.«

Sterndale wischte sich die Stirn mit dem Taschentuch. »Auf mein Wort«, sagte er, »Sie gefallen mir. Verdanken Sie alle Ihre Erfolge dieser wundervollen Kunst des Bluffens?«

»Der Bluff«, sprach Holmes ernst, »ist auf Ihrer Seite, und nicht auf der meinigen. Zum Beweis will ich Ihnen einige von meinen Tatsachen enthüllen, auf denen ich mein logisches Gebäude errichtet habe. Ich will nicht viel aus Ihrer Rückkehr von Plymouth machen, wobei ein Teil Ihres Gepäcks Ihnen nach Afrika davonfuhr; nur soviel sei gesagt, daß erst dieser Reiseaufschub mich veranlaßte, in Ihnen einen der Faktoren zu erblicken, die ich vor allem in Betracht ziehen mußte, wenn ich diese Tragödie aufklären wollte.«

»Ich unterbrach die Reise, weil –«

»Ihre Gründe haben Sie mir schon früher gesagt. Sie sind nicht überzeugend und überdies unzulänglich. Lassen wir das! Sie kamen zu mir, um von mir zu hören, wen ich in Verdacht hätte. Ich verweigerte Ihnen die Antwort, Sie gingen dann zum Pfarrhaus, warteten dort in der Nähe einige Zeit und begaben sich, schließlich in Ihren Bungalow zurück.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich bin Ihnen nachgegangen.«

»Ich habe Sie aber nicht gesehen.«

»Damit müssen Sie rechnen, wenn ich Ihnen nachgehe. Sie verbrachten eine schlaflose Nacht und faßten eine bestimmte Absicht, die Sie am frühen Morgen sich anschickten, in die Tat umzusetzen. Beim Morgengrauen verließen Sie Ihren Bungalow und füllten sich die Taschen mit dem rötlichen Kies, von dem ein Haufen bei Ihrer Gartentür liegt.«

Doktor Sterndale richtete sich heftig auf und starrte Holmes entsetzt an.

»Dann durchmaßen Sie rasch die Meile, die Sie vom Pfarrhause trennte. Sie trugen, beiläufig gesagt, dieselben Tennisschuhe mit gerippter Sohle, die Sie auch jetzt anhaben. Beim Pfarrhaus gingen Sie hinten herum durch den Obstgarten, stiegen über die Hecke und kamen unter die Fenster Mortimer Tregennis‘. Es war schon heller Tag, aber alles im Hause schlief noch. Sie nahmen etwas Kies aus der Tasche und warfen ihn gegen Tregennis‘ Schlafzimmerfenster.«

Doktor Sterndale sprang auf.

»Ich glaube, Sie sind der Teufel selbst!« rief er aus.

Holmes quittierte das Kompliment mit einem Lächeln. »Sie mußten zwei-, oder dreimal eine Handvoll ans Fenster werfen, ehe Tregennis dort erschien. Sie sagten ihm, er solle herunter kommen. Eilig zog er sich an und kam ins Wohnzimmer. Sie stiegen durchs Fenster zu ihm herein. Es folgte eine kurze Unterredung, während welcher Sie im Zimmer auf und ab gingen. Dann stiegen Sie wieder zum Fenster hinaus, machten es von außen zu, steckten sich eine Zigarre an und warteten auf dem Rasen, was nun geschehen werde. Schließlich, als Tregennis tot war, gingen Sie auf demselben Weg nach Hause, den Sie gekommen waren. Und nun, Herr Doktor Sterndale, wie wollen Sie Ihre Tat rechtfertigen und was waren Ihre Beweggründe dafür? Wenn Sie Winkelzüge machen oder mir die Antwort verweigern, dann gebe ich Ihnen die Versicherung, daß der Fall Sterndale-Tregennis mich nicht weiter mehr beschäftigen und für immer mit meinem Material in andere Hände übergehen wird.«

Aschgrau war das Gesicht unseres Besuchers geworden, als er die Anklage vernahm. Jetzt saß er vornübergeneigt da, den Kopf in seine großen Hände gestützt. Wir schwiegen. Auf einmal richtete er sich auf, zog eine Photographie aus seiner Brusttasche und warf sie auf den rohen Holztisch der Laube.

»Wegen der da habe ich es getan«, sagte er.

Das Bild zeigte ein schönes weibliches Gesicht. Holmes beugte sich darüber.

»Brenda Tregennis!« rief er aus.

»Ja, Brenda Tregennis«, wiederholte der andere. »Seit Jahren liebe ich sie; seit Jahren lieben wir uns. Das ist das Geheimnis meiner Verborgenheit in Cornwallis, worüber die Leute schon so viel gestaunt und geredet haben. Auf die Weise konnte ich dem einzigen auf Erden, das ich liebte, nahe sein. Heiraten konnten wir uns nicht, denn ich habe eine Frau, die mich vor Jahren verlassen hat, von der ich mich aber wegen der beklagenswerten englischen Gesetze nicht scheiden lassen konnte. Jahrelang wartete Brenda. Jahrelang wartete ich. Auf ein ungewisses, spätes Glück warteten wir.«

Seine ganze Gestalt bebte unter Schluchzen, und er drückte sich die mächtigen Fäuste vor die Augen. Dann riß er sich zusammen und fuhr fort:

»Der Pfarrer wußte davon; wir hatten ihn ins Vertrauen gezogen. Er kann Ihnen sagen, daß sie auf Erden schon ein Engel war. Sie verstehen nun, weshalb er mir das Telegramm schickte und ich zurückkehrte. Was galt mir mein Gepäck, was war mir Afrika, als ich das Schicksal erfuhr, das über meinen Liebling gekommen war! Hier haben Sie die fehlenden Glieder in der Kette Ihrer Schlußfolgerungen, Herr Holmes.«

»Bitte weiter!« sagte mein Freund.

Doktor Sterndale zog aus seiner Tasche eine kleine Tüte und legte sie auf den Tisch. Radix pedis diaboli stand darauf; darunter war ein roter Totenkopf geklebt. Er reichte mir die Tüte. »Soviel ich weiß, sind Sie Arzt, Herr Doktor. Haben Sie schon von diesem Präparat gehört?«

»Wurzel des Teufelsfußes! Nein, davon habe ich nie gehört.«

»Auch vom besten Arzt kann man das kaum erwarten«, sprach er, »denn ich glaube, außer der einen Probe in einem Laboratorium in Buda ist nichts davon in Europa zu finden. Das Präparat hat seinen Weg sonst noch nicht zu uns herübergefunden, weder in die Pharmakopöe, noch in die Literatur über Toxikologie. Die Pflanzenwurzel ist wie ein Fuß geformt, halb von menschlicher Gestalt, halb wie ein Ziegenfuß; daher der Name, den ihm der erste wissenschaftliche Entdecker, ein Missionar, gegeben hat. In gewissen Gegenden Westafrikas wird der Extrakt aus der Wurzel von den Medizinmännern bei Gottesurteilen gebraucht; sie hüten die Teufelswurzel als ein großes Geheimnis. Die kleine Menge hier in der Tüte erlangte ich unter ganz besonderen Umständen bei den Ubanghi-Negern.« Er faltete die Tüte auf, während er sprach, und zeigte uns ein kleines Häufchen rotbraunen Pulvers, ähnlich wie seiner Schnupftabak.

»Bitte zur Sache, Herr Doktor«, mahnte Holmes etwas ungeduldig.

»Ich werde Ihnen alles sagen, wie es sich tatsächlich zugetragen hat, denn Sie wissen schon so viel, daß es durchaus in meinem Interesse liegt, Sie auch den Rest wissen zu lassen. Ich habe Ihnen schon gesagt, in welchen verwandtschaftlichen Beziehungen ich zu der Familie Tregennis stand. Um der Schwester Brenda willen verkehrte ich auch freundschaftlich mit den Brüdern. Früher hatte einmal ein Familienzwist bestanden, irgendeine Geldgeschichte, und Mortimer wurde dadurch den anderen entfremdet; die Verstimmung wurde aber späterhin beseitigt, und ich traf mit Mortimer ebenso wie mit den anderen zusammen. Er war ein schlauer, pfiffiger, im Geheimen Pläne schmiedender Mann, und ich sah Verschiedenes, was mir ihn verdächtig machte; es war aber nicht genügend, um darauf mit ihm zu brechen.

Eines Tages, es ist erst wenige Wochen her, kam er zu mir in meinen Bungalow, und ich zeigte ihm einige von meinen afrikanischen Kuriositäten, unter anderem auch dieses Giftpulver, und ich erzählte ihm von seinen merkwürdigen Eigenschaften, wie es diejenigen Gehirnzellen in Erregung bringt, in denen das Furchtgefühl seinen Sitz hat, und wie entweder Wahnsinn oder Tod das Schicksal des unglücklichen Negers ist, der von dem Medizinmann seines Stammes gezwungen wird, sich dem Gottesurteil zu unterwerfen. Auch sagte ich ihm, wie unbekannt das Gift in Europa ist, und daß die ganze europäische Wissenschaft es in keinem Falle praktischer Anwendung würde nachweisen können. Wie er mir das Gift wegnahm, weiß ich nicht, denn ich habe das Zimmer nicht verlassen, solange er dort war; er muß es mir aber damals genommen haben, während ich Glasschränke aufschloß und in Koffern herumsuchte und so weiter. Ich erinnere mich, wie er mit Fragen in mich drang in bezug auf die Menge und die Zeitdauer, die erforderlich seien, um die von mir geschilderte Wirkung zu erzielen. Damals ließ ich mir nichts davon träumen, daß er ganz persönliche Gründe und Absichten hatte, um mich derart auszufragen.

Ich dachte nicht mehr an die Sache, bis ich in Plymouth das Telegramm des Pfarrers Roundhay erhielt. Der Schurke Mortimer hatte damit gerechnet, daß ich bereits in See gegangen sei, ehe ich von der Tragödie unterrichtet sein konnte, und daß ich wohl für Jahre in Afrika so gut wie unerreichbar sein würde. Aber auf das Telegramm hin kam ich sofort zurück. Sobald ich die Einzelheiten erfuhr, war ich mir natürlich sofort darüber klar, daß mein Giftpulver angewandt worden war. Ich suchte Sie auf, Herr Holmes, in der Hoffnung, Sie hätten vielleicht irgendeine andere Erklärung gefunden, aber eine andere Ursache als den Teufelsfuß konnte es ja gar nicht geben! Ich war überzeugt, daß Mortimer Tregennis der Mörder sei; daß er aus Geldgier und vielleicht mit dem Gedanken, daß wenn alle seine Geschwister wahnsinnig würden, er der einzige Hüter und Verwalter ihres gemeinsamen Besitzes würde, das Giftpulver gegen sie angewandt hatte. Für mich stand es fest, daß Mortimer zwei seiner Brüder um ihren Verstand und seine Schwester um ihr junges Leben gebracht hatte, sie, die ich geliebt habe und die auch mich geliebt hat. Das war Mortimers Verbrechen; was sollte seine Strafe dafür sein?

Sollte ich die Behörden benachrichtigen und das Gesetz gegen ihn anrufen? Wo hatte ich Beweise? Ich wußte, daß alle Tatsachen wahr waren, aber würde es mir gelingen, eine Geschworenenbank von cornischen Landleuten durch solche ›afrikanischen Zaubergeschichten‹ zu überzeugen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich durfte aber einen Mißerfolg, das heißt einen Freispruch Mortimers nicht riskieren. Meine Seele schrie nach Rache. Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Holmes, daß ich einen großen Teil meines Lebens außerhalb und jenseits der Gesetze gelebt habe, und daß ich mir schließlich selber Gesetz wurde. Ich wurde mir jetzt Gesetz gegen den Mörder. Ich beschloß, daß dasselbe Schicksal, das er gegen seine Geschwister herbeigeführt hatte, zur Strafe von ihm geteilt werden sollte. Entweder das, oder, wenn es mißlang, – dann mußte ich ihn mit eigener Hand richten. In ganz England gibt es sicherlich in diesem Augenblick keinen Mann, der weniger Wert auf sein Leben legt, als ich, wie ich hier vor Ihnen stehe.

Nun habe ich Ihnen alles gesagt. Alles übrige haben Sie ja selbst schon herausgefunden. Es ist richtig, wie Sie sagen, daß ich nach einer schlaflosen Nacht früh morgens von meinem Bungalow aufbrach. Ich sah die Schwierigkeit voraus, ihn allein, ohne die übrigen Hausbewohner, zu wecken, und steckte mir von dem Kieshaufen, den Sie erwähnt haben, die Taschen voll, um damit an sein Fenster zu werfen. Er kam in das Wohnzimmer herunter und ließ mich durchs Fenster einsteigen. Ich schleuderte ihm meine Anklage ins Gesicht. Ich erklärte ihm, daß ich als Richter und Nachrichter vor ihm stehe. Der Wicht fiel ganz in sich zusammen und sank in einen Stuhl beim Anblick meines Revolvers. Ich glaube, er war vor Angst und Schrecken halb ohnmächtig. Ich zündete die Lampe an, schüttelte oben auf den Rauchfänger etwas von dem Pulver und wartete draußen vor dem Fenster, entschlossen, ihn niederzuschießen, falls er den Versuch machen würde, an die frische Luft zu gelangen. In weniger als fünf Minuten aber war er tot. Mein Gott! Wie er starb! Aber mein Herz war hart wie Stahl, denn er litt nichts, was mein unschuldiger Liebling nicht vor ihm gelitten hatte. Nun wissen Sie alles, Herr Holmes. Vielleicht würden Sie selbst in meiner Lage ebenso gehandelt haben. Sie haben mich jetzt in der Hand; Sie mögen tun oder lassen, was Sie für recht halten. Wie ich Ihnen schon gesagt habe, lebt kein Mensch auf Erden, dem der Tod weniger schrecklich sein kann als mir.«

Stillschweigend saß Holmes eine Weile da.

»Was haben Sie für Absichten oder Pläne?« fragte er schließlich.

»Ich wäre nach Zentralafrika gegangen, um mich dort zu vergraben. Meine Forschungsarbeit daselbst ist erst zur Hälfte durchgeführt.«

»Gut, dann gehen Sie und führen Sie auch die andere Hälfte durch«, sagte Holmes. »Ich wenigstens habe nicht die Absicht, Sie daran zu hindern.«

Doktor Sterndale erhob sich zu seiner vollen Größe, verbeugte sich gemessen und schritt wortlos von dannen. Holmes zündete seine Pfeife an und reichte mir seinen Tabaksbeutel.

»Die Verbrennung eines Giftkrautes, das weniger gefährlich ist, wird eine angenehme Abwechslung sein«, sagte er. »Ich glaube, auch du, Watson, bist der Ansicht, daß hier ein Fall vorliegt, den wir besser auf sich beruhen lassen. Unsere Nachforschungen haben wir unabhängig von anderen durchgeführt, und ebenso unabhängig soll jetzt auch unser weiteres Verhalten sein. Oder würdest du den unglücklichen Mann anzeigen?«

»Unter keinen Umständen«, antwortete ich sofort.

»Ich habe nie geliebt, Watson, aber wenn ich geliebt hätte und wenn die Frau, die ich liebte, solch ein Ende gefunden hätte, so würde ich wahrscheinlich ebenso gehandelt haben wie unser gesetzloser Löwenjäger es getan hat. Wer weiß!«

Wieder sah Holmes schweigend da; er hüllte sich in Rauchwolken.

»Ich will deinem Verstand nicht zu nahe treten«, sagte er endlich, »indem ich dir erkläre, was ganz offensichtlich ist. Einige Stückchen Kies auf dem Fenstersims wurden für mich zum Ausgangspunkt. Solcher Kies war sonst nirgends bei dem Pfarrhause oder überhaupt in der Nähe zu finden. Erst nachdem meine Aufmerksamkeit sich auf Doktor Sterndale und seinen Bungalow gerichtet hatte, erfuhr ich, wo der Kies herstammte. Die am hellen Tage brennende Lampe und die Überreste des Pulvers auf dem Rauchfänger bildeten weitere Glieder einer logischen Gedankenreihe. Und nun, mein lieber Watson, wollen wir den ›Cornischen Schrecken‹ ganz aus unserem Bewußtsein austilgen und mit einem reinen Gewissen erneut uns dem Studium der chaldäischen Sprachwurzeln hingeben, die sich gewiß in dem cornischen Zweig des großen keltischen Sprachstammes nachweisen lassen.«

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Ein Fall geschickter Täuschung

Ein Fall geschickter Täuschung

»Lieber Freund«, sagte Sherlock Holmes, als wir behaglich beisammen an seinem Kamin in der Bakerstraße saßen, »das Leben selbst bringt weit Merkwürdigeres hervor, als alles, was der menschliche Geist zu erfinden vermag. Könnten wir jetzt Hand in Hand aus diesem Fenster fliegen und, über der Riesenstadt schwebend, die Dächer abheben, um zu beobachten, was sich in den Häusern zuträgt, wir würden staunen über all die Pläne, die seltsamen Vorfälle, die Verkettung von Umständen, die sich durch Generationen hinzieht und zu den wunderbarsten Ergebnissen führt. Jegliche Dichtung mit ihren althergebrachten Formen, ihrem leicht vorauszusehenden Ausgang müßte uns schal und wertlos erscheinen.«

»Und doch bin ich hiervon nicht ganz überzeugt«, erwiderte ich. »Die Fälle, welche die Zeitungen bringen, sind meist trocken und alltäglich genug. In unseren Polizeiberichten ist der Realismus auf die Spitze getrieben, und doch ist der Eindruck, den sie machen – das läßt sich nicht leugnen – weder spannend noch künstlerisch.«

»Um eine realistische Wirkung zu erzielen«, bemerkte Holmes, »bedarf es einer gewissen Auswahl und Umsicht; hieran gebricht es den polizeilichen Berichten, die vielleicht auf die seichte Darstellung des Beamten mehr Wert legen, als auf die interessantesten Nebenumstände, in denen der ernstere Beobachter die Beweggründe zu erblicken versteht, welche die Tat herbeiführten. Glaube mir, nichts ist so außernatürlich wie das Alltägliche.«

Ich lächelte ungläubig. »Mich wundert nicht, daß du so denkst«, sagte ich, »weil du, als außerordentlicher Helfer und Berater aller Ratlosen in drei Weltteilen, nur mit Ungewöhnlichem und Seltsamem in Berührung kommst. Laß mich«, bat ich, die Zeitung vom Boden aufhebend, »meine Behauptung praktisch beweisen. Ich nehme die erste beste Notiz: ›Grausamkeit eines Gatten gegen seine Frau‹. Die Geschichte füllt eine halbe Druckspalte, und ich kann sie ungelesen erzählen. Unbedingt ist eine andere Frau im Spiel, im übrigen entwickelt sich die Geschichte wie folgt: Trunkenheit, rohe Behandlung, Gewalttat, Verwundung, Erscheinen der hilfreichen Schwester oder Wirtin. Der gewöhnlichste Schriftsteller könnte nichts Gewöhnlicheres erfinden.«

»Fehlgeschossen, dein Beispiel paßt auf deine Behauptung wie die Faust aufs Auge«, meinte Holmes das Blatt überfliegend. »Es handelt sich hier um die Ehescheidung der Dundas, und zufällig hatte ich einige Punkte dabei aufzuklären. Der Mann ist Antialkoholiker, ein Mensch, der geistigen Getränken entsagt, eine andere Frau ist nicht im Spiel; die Anklage lautet: Der Mann habe sich angewöhnt, stets die Mahlzeit damit zu beschließen, daß er sein falsches Gebiß herausnahm und es seiner Frau an den Kopf warf, ein Gebaren, das – du wirst mir das zugeben – nicht so leicht dem ersten besten Schriftsteller einfallen wird. Nimm eine Prise, Doktor, und gib zu, daß dein Beispiel nicht stichhaltig ist.«

Er hielt mir seine Dose hin; sie war aus altem Gold, und ein großer Amethyst schmückte den Deckel. Das Kleinod paßte wenig zu Holmes‘ sonstiger Umgebung und einfacher Lebensweise; ich konnte nicht umhin, eine Bemerkung darüber zu machen.

»Ja so«, sagte er, »ich vergaß, daß ich dich seit einigen Wochen nicht gesehen habe. Das verehrte mir der Fürst von O… als kleines Andenken für meine Bemühungen um die Papiere der Irene Adler.«

»Und dieser Ring?« fragte ich und blickte auf einen auffallend schönen Diamanten, der an seinem Finger glänzte.

»Den erhielt ich von einem Mitglied des holländischen Königshauses; doch die Sache, mit der ich vertraut war, ist so subtiler Art, daß ich sie nicht einmal dir anvertrauen kann, da du so freundlich gewesen bist, einige meiner kleinen Erlebnisse niederzuschreiben.«

»Ist wieder etwas im Werk?« fragte ich begierig.

»Wohl zehn bis zwölf verschiedene Fälle, doch ist keiner besonders interessant, wenn sie auch wichtig genug sind. Geringfügige Angelegenheiten bieten meist ein weites Feld für die Beobachtung und die rasche Ergründung von Ursache und Wirkung, welche einer Untersuchung den Hauptreiz verleiht. Große Verbrechen spielen sich meist einfach ab, denn je größer das Verbrechen, um so klarer ist der Regel nach der Beweggrund dazu. Unter meinen jetzigen Fällen ist, bis auf eine dunkle Geschichte, die mir von Marseille aus vorgelegt wurde, keiner erwähnenswert. Vielleicht aber bringen uns die nächsten Minuten das Gewünschte, denn, irre ich nicht, so kommt da drüben eine Klientin für mich.«

Holmes hatte sich von seinem Stuhl erhoben, er stand am Fenster und blickte auf die düstere, graue Straße hinab. Ich trat hinter ihn und sah auf der andern Seite der Straße eine große Frau mit einem schweren Pelz um den Hals und einer großen Feder auf der Krempe ihres Hutes, der ihr kokett auf einem Ohre saß. Sie blickte unruhig und unschlüssig zu unsern Fenstern herauf; sie schien zu schwanken, ob sie vor- oder rückwärts gehen sollte, und ihre Finger zupften nervös an den Handschuhknöpfen. Plötzlich eilte sie rasch über die Straße, und laut ertönte der schrille Klang der Hausglocke.

»Diese Symptome kenne ich«, sagte Holmes und warf seine Zigarre ins Feuer. »Unentschlossenheit an der Tür – weist stets auf eine Liebesgeschichte hin. Sie möchte sich Rat holen, doch schwankt sie noch, ob nicht die Angelegenheit zu zart für einen dritten ist. Aber selbst dabei läßt sich manches unterscheiden. Ist einer Frau von einem Manne schweres Unrecht geschehen, dann ist sie entschlossen, sie stürzt sich auf die Klingel, ja sie zerstört sie. Hier haben wir es mit einer Herzensangelegenheit zu tun, und die Dame ist sichtlich weniger aufgebracht, als ratlos und bekümmert. Ah, da kommt sie ja schon und kann unsere Zweifel lösen.«

Als Holmes noch sprach, klopfte es an der Tür; der kleine Diener trat ein, um Fräulein Mary Sutherland anzumelden, welche hinter seiner dünnen schwarzen Gestalt auftauchte. Sherlock Holmes begrüßte die Fremde mit der ihm eignen Gewandtheit, schloß die Tür, bot ihr einen Lehnsessel an und musterte sie auf seine gewohnte, durchdringende und scheinbar zerstreute Art.

»Finden Sie nicht, mein Fräulein«, fragte er, »daß das viele Maschinenschreiben Sie bei Ihrer Kurzsichtigkeit ein wenig angreift?«

»Allerdings war das im Anfang der Fall«, erwiderte sie, »jetzt aber weiß ich, wo die Buchstaben sind, ohne hinzusehen.« Plötzlich wurde ihr die ganze Tragweite seiner Worte klar, sie erschrak heftig, und Angst und Staunen malten sich auf ihrem breiten, gutmütigen Gesicht. »Sie haben schon von mir gehört, Herr Holmes«, rief sie aus, »wie könnten Sie das sonst wissen?«

»Lassen Sie es gut sein«, rief Holmes lachend, »das gehört zu meinem Geschäft. Ich lege es darauf an, manches zu sehen, was andern entgeht. Wäre dem nicht so, weshalb kämen Sie zu mir, um sich Rat zu holen?«

»Ich kam zu Ihnen, Herr Holmes, weil Frau Etherege mir von Ihnen erzählte; Sie fanden ihren Mann so leicht auf, während die Polizei und alle Welt ihn schon für tot hielten. Ach, Herr Holmes, könnten Sie doch auch für mich ein Gleiches tun! Ich bin nicht reich, habe jedoch ein Jahreseinkommen von hundert Pfund außer dem, was ich durch meine Arbeit verdiene. – Alles gäbe ich gern hin, um zu erfahren, was aus Herrn Hosmer Angel geworden ist.«

»Warum hatten Sie es plötzlich so furchtbar eilig, zu mir zu kommen?« fragte Sherlock Holmes, legte die Fingerspitzen aneinander und blickte nach der Decke hinauf.

Wieder zeigte sich Staunen und Befremdung auf dem sonst ziemlich nichtssagenden Gesicht der jungen Dame.

»Ja, ich stürzte von Hause fort«, sagte sie, »denn ich ärgerte mich über die Gleichgültigkeit, mit welcher Herr Windibank – mein Vater – die ganze Sache aufnahm. Er wollte nicht auf die Polizei, wollte nicht zu Ihnen, und da er gar nichts tat und dabei blieb, die Sache habe wenig auf sich, wurde ich schließlich böse, nahm Hut und Mantel und kam geradeswegs zu Ihnen.«

»Ihr Vater?« fragte Holmes, »gewiß Ihr Stiefvater – da Sie nicht seinen Namen tragen.«

»Ja, mein Stiefvater. Ich nenne ihn Vater, und doch klingt das komisch, denn er ist nur fünf Jahre und zwei Monate älter als ich.«

»Lebt Ihre Mutter?«

»Die Mutter lebt und ist wohlauf. Sehr entzückt war ich nicht, Herr Holmes, als sie so bald nach Vaters Tode wieder heiratete, und zwar einen Mann, der fast fünfzehn Jahre jünger ist als sie selbst. Mein Vater war Flaschner in Tottenham Court Road und hinterließ ein hübsches Geschäft, das die Mutter mit Herrn Hardy, dem ersten Gehilfen, fortführte. Als aber Herr Windibank kam, mußte sie das Geschäft verkaufen, denn als Weinreisender stand er auf einer höheren Gesellschaftsstufe. Sie bekamen viertausend siebenhundert Pfund Sterling für die Firma; mein Vater hätte bei Lebzeiten weit mehr bekommen.«

Statt daß Sherlock Holmes, wie ich erwartete, bei dieser breiten, abschweifenden Erzählung ungeduldig wurde, hörte er mit der größten Aufmerksamkeit zu.

»Stammt Ihr kleines Einkommen aus dem Geschäft?« fragte er.

»O nein, ich erbte es von meinem Onkel Ned in Auckland. Es sind Neuseeländer Aktien, die 4½ Prozent tragen. Die Hinterlassenschaft betrug zweitausend fünfhundert Pfund, aber ich habe nur die Zinsen davon.«

»Bitte, erzählen Sie weiter«, meinte Holmes. »Da Sie die hübsche Summe von hundert Pfund einnehmen und noch etwas dazu verdienen, reisen Sie gewiß manchmal zum Vergnügen und genießen Ihr Leben. Mir scheint, eine Dame kann mit einem Einkommen von sechzig Pfund ganz gut leben.«

»Ich käme mit weit weniger aus, Herr Holmes, doch begreifen Sie wohl, daß ich, solange ich zu Hause bin, den Eltern nicht zur Last fallen möchte, und so haben sie die Verfügung über mein Geld, bis ich einmal von ihnen fortkomme. Selbstverständlich nur bis dahin. Herr Windibank zieht meine Zinsen vierteljährlich ein und gibt der Mutter das Geld, denn ich komme mit dem, was ich an der Schreibmaschine verdiene, ganz bequem aus. Ich erhalte zwei Pence für die Seite und bringe meist dreißig bis vierzig Seiten am Tage fertig.«

»Sie haben mir Ihre Lage sehr klar dargelegt«, sagte Holmes. »Dieser Herr ist mein Freund, Dr. Watson, vor dem Sie offen reden können, wie vor mir selbst. Bitte, erzählen Sie uns von Ihrer Bekanntschaft mit Herrn Hosmer Angel.«

Fräulein Sutherland errötete und zupfte erregt an ihrer Jacke. »Ich sah ihn zuerst auf dem Ball der Kaufmannschaft«, sagte sie. »Bei Lebzeiten des Vaters schickten sie uns Karten dazu, und auch nach seinem Tode luden sie uns ein. Herr Windibank wollte uns nicht auf den Ball gehen lassen; er läßt uns nie gern in Gesellschaft gehen. Ganz wütend kann er sich ärgern, wenn ich auch nur einen Ausflug von unserm Kränzchen mitmachen möchte. Diesmal aber setzte ich mir in den Kopf, auf den Ball zu gehen; was hatte er denn für ein Recht, mir das zu verbieten? Er erklärte, die Gesellschaft passe nicht für uns, obgleich wir nur Freunde meines Vaters dort trafen. Weiter behauptete er, ich habe nichts anzuziehen, und doch ist mein lila Abendkleid noch kaum aus dem Schrank gekommen. Aus der Sache wäre nichts geworden, wenn mein Stiefvater nicht plötzlich eine Geschäftsreise nach Frankreich hätte machen müssen. Nun gingen wir, Mutter und ich, mit Herrn Hardy, unserm früheren Buchhalter, auf den Ball, und dort war es, wo ich Herrn Hosmer Angel traf.«

»Vermutlich zeigte sich Herr Windibank bei seiner Rückkehr aus Frankreich sehr ungehalten?«

»Durchaus nicht, er war gar nicht böse. Er lachte, zuckte die Achseln und meinte, es sei ganz unnütz, Frauen etwas abzuschlagen, denn – sie täten doch, was sie wollten.«

»So, so. Sie trafen also auf dem Ball der Kaufmannschaft einen Herrn, Namens Hosmer Angel, wenn ich recht verstehe.«

»So ist’s. Ich lernte ihn an jenem Abend kennen, und er besuchte uns am folgenden Tag, um sich nach unserm Befinden zu erkundigen, und hernach trafen wir ihn – das heißt, Herr Holmes, ich traf ihn zweimal – um mit ihm spazieren zu gehen; dann aber kam der Vater zurück, und Herr Angel konnte nicht mehr zu uns ins Haus kommen.«

»Nicht?«

»Ja, wissen Sie, Vater liebt dergleichen nicht. Ginge es nach ihm, so würde er nie Gäste empfangen; er behauptet, eine Frau müsse mit ihrer engsten Familie zufrieden sein.«

»Was wurde nun mit Herrn Hosmer Angel? Versuchte er es nicht, Sie wiederzusehen?«

»Der Vater sollte acht Tage später abermals nach Frankreich reisen, und so schrieb Hosmer, es sei wohl am besten, wenn wir bis dahin einander fern blieben. Das Schreiben stand uns ja inzwischen frei, und er schrieb täglich. Ich nahm die Briefe am Morgen in Empfang, so daß der Vater nichts davon erfuhr.«

»Waren Sie zu der Zeit mit dem Herrn verlobt?«

»Jawohl, Herr Holmes, wir verlobten uns auf unserm ersten Spaziergang. Hosmer – Herr Angel war Kassierer einer Firma in Leadenhallstreet – und…«

»In welchem Geschäft?«

»Leider weiß ich das nicht.«

»Wo wohnte er denn?«

»Er schlief im Geschäftshaus.«

»Und Sie haben seine Adresse nicht?«

»Nein – ich weiß nur, daß er in Leadenhallstreet wohnte.«

»Wohin adressierten Sie Ihre Briefe?«

»Postlagernd Leadenhallstreet-Post. Ins Geschäft sollte ich nicht adressieren, weil er behauptete, die andern Angestellten würden ihn hänseln, daß er Briefe von einer Dame erhalte. Ich wollte ihm mit der Maschine schreiben, wie er es selbst tat, doch mochte er nichts davon wissen und erklärte, geschriebene Briefe seien ihm lieber, sie kämen ihm viel natürlicher vor, während er bei den andern das Gefühl habe, als träte eine Maschine zwischen uns. Sie sehen daraus, wie sehr er mich liebte, und wie feinfühlig er selbst in Kleinigkeiten war.«

»Ja, es läßt tief blicken«, meinte Holmes. »Ich lege von jeher besonderen Wert auf solche kleinen Umstände. Erinnern Sie sich vielleicht anderer geringfügiger Merkmale bei Herrn Hosmer Angel?«

»Er war sehr schüchtern und ging lieber abends als am Tage mit mir aus, weil er es nicht leiden konnte, beobachtet zu werden. Er benahm sich sehr wohlerzogen und zurückhaltend; seine Stimme war schwach, und er erzählte mir, er habe als Kind an geschwollenen Mandeln gelitten, wovon ihm eine Schwäche in den Stimmbändern zurückgeblieben sei. Auf seine Kleidung hielt er viel und sah stets nett und sauber aus; er hatte, wie ich, schwache Augen und trug dunkle Gläser zum Schutz.«

»Und was geschah, als Ihr Stiefvater, Herr Windibank, abermals nach Frankreich reiste?«

»Da kam Hosmer wieder ins Haus und schlug mir vor, noch vor Vaters Rückkehr zu heiraten. Er nahm die Sache sehr ernst, legte meine Hände auf eine Bibel und ließ mich schwören, ihm treu zu sein, komme, was da wolle. Meine Mutter meinte, er könne diesen Schwur mit Recht verlangen, es sei nur ein Beweis seiner Liebe. Der Mutter hat er es gleich bei der ersten Begegnung angetan, sie mochte ihn fast noch lieber als ich. Als die beiden von der nahe bevorstehenden Hochzeit zu sprechen anfingen, meinte ich, wir sollten damit auf den Vater warten. Doch sie erklärten, wir brauchten uns nicht um ihn zu kümmern, er werde alles noch früh genug erfahren, und die Mutter versprach, die Angelegenheit mit ihm ins reine zu bringen. Mir gefiel das nicht sonderlich, Herr Holmes. Es kam mir freilich komisch vor, um die Einwilligung meines Stiefvaters bitten zu müssen, da er ja nur wenige Jahre älter ist als ich; aber da ich keine Heimlichkeiten leiden mag, so schrieb ich an ihn nach Bordeaux und adressierte den Brief an die französische Firma – doch erhielt ich dieses Schreiben am Hochzeitsmorgen zurück.«

»Demnach kam es nicht in seine Hände?«

»Nein, denn er war schon wieder nach England abgereist.«

»Das traf sich allerdings höchst ungeschickt! Wurden Sie in der Kirche getraut?«

»Ja, in aller Stille. Die Trauung sollte in der St.-Saviours-Kirche stattfinden und das Frühstück danach im St.-Pancras-Hotel. Hosmer holte uns im Wagen ab und ließ Mutter und mich einsteigen; er selbst setzte sich in eine Droschke, die einzige, die gerade zur Hand war. Wir langten zuerst an der Kirche an und warteten auf Hosmers Droschke, die bald vorfuhr. Doch – niemand stieg aus, und als man den Schlag öffnete, saß niemand im Wagen! Das alles geschah vorigen Freitag, Herr Holmes, und seitdem habe ich keine Ahnung, was aus meinem Bräutigam geworden ist.«

»Mir scheint, mein Fräulein, Ihnen wurde übel mitgespielt.«

»Ach nein! Hosmer meinte es viel zu gut mit mir, um mich so verlassen zu können. Noch am Hochzeitsmorgen bat er mich, ihm immer treu zu bleiben, und sollte uns auch ein ganz unerwartetes Schicksal trennen, so dürfe ich nicht vergessen, daß ich ihm mein Wort gegeben habe; früher oder später würde er seine Rechte geltend machen. Das klang recht sonderbar am Hochzeitstage, aber durch das Vorgefallene erhalten Hosmers Worte eine ganz besondere Bedeutung.«

»Allerdings. Ihrer Meinung nach muß ihn irgendein Unfall betroffen haben?«

»Ja, Herr Holmes. Er muß wohl irgendeine Gefahr geahnt haben, sonst hätte er nicht so gesprochen. Seine Ahnung ist wirklich eingetroffen.«

»Sie haben wohl keine Vorstellung, was er befürchtete?«

»Gar keine.«

»Noch eine Frage. Wie nahm Ihre Mutter die Sache auf?«

»Sie war ärgerlich und meinte, ich solle von der ganzen Geschichte schweigen.«

»Sprachen Sie mit Ihrem Vater davon?«

»Ja, und er schien meiner Ansicht zu sein, daß Hosmer etwas zugestoßen sein müsse und ich wieder von ihm hören würde. Was könnte ein Mann für ein Interesse daran haben, meinte er, mich bis an die Kirchtür zur Trauung zu locken, um mich dann zu verlassen? Hätte er mir Geld abgeborgt, oder beim Ehekontrakt mein Vermögen auf sich übertragen lassen, dann wäre vielleicht darin ein Grund zu suchen gewesen; Hosmer aber zeigte sich gar nicht interessiert, nicht einen Heller wollte er von mir haben. Was mag nur geschehen sein? Warum schrieb er nicht ein einziges Wort?« Sie zog ein kleines Taschentuch aus der Tasche und schluchzte heftig.

»Ich werde die Sache näher ins Auge fassen«, sagte Holmes sich erhebend, »und bezweifle nicht, daß wir sie ergründen. Verlassen Sie sich auf mich, mein Fräulein, und grübeln Sie nicht weiter. Versuchen Sie vor allem, Herrn Hosmer Angel zu vergessen, wie er scheinbar auch Sie vergessen hat.«

»Demnach glauben Sie nicht, daß ich ihn wiedersehen werde?«

»Ich bezweifle es.«

»Was mag ihm denn zugestoßen sein?«

»Erlassen Sie mir die Antwort. Am liebsten hätte ich eine genaue Personalbeschreibung von ihm und alle Briefe, die Sie mir anvertrauen können.«

»Ich habe bereits am vorigen Sonnabend eine Anzeige im ›Chronicle‹ eingerückt«, erwiderte sie. »Hier ist das Blatt, und hier sind vier Briefe von ihm.«

»Danke. Und nun, bitte, Ihre Adresse.«

»Lyon-Place 31, Camberwell.«

»Wenn mir recht ist, sagten Sie, daß Sie Herrn Angels Adresse nie besessen haben. Wo ist das Geschäft Ihres Vaters?«

»Er reist für ›Westhouse & Marbank‹, das große Wein-Importgeschäft in Fenchurch-Street.«

»Ich danke Ihnen. Sie haben mir die Sache sehr klar auseinandergesetzt. Lassen Sie die Papiere hier und beherzigen Sie meinen Rat.«

»Sie meinen es gut mit mir, Herr Holmes. Hosmer bleibe ich treu, und er soll mich bereit finden, wenn er zurückkehrt.«

Sie legte ihr Päckchen Papiere auf den Tisch und entfernte sich mit dem Versprechen, wiederzukommen, sobald sie gewünscht würde.

Still in sich gekehrt saß Sherlock Holmes eine Weile da, streckte die Beine aus, legte die Fingerspitzen aneinander und blickte hinauf an die Decke. Dann nahm er die alte Tonpfeife, seine treue Ratgeberin, wie er sie nannte, vom Gesimse, stopfte sie und lag bald, von dichten Rauchwolken umgeben, mit dem Ausdruck unendlicher Müdigkeit und Schlaffheit in seinem Stuhl.

»Interessante Studie – das Mädchen«, bemerkte er. »Sie selbst ist interessanter als ihr Erlebnis, das, nebenbei gesagt, ein ziemlich abgedroschenes ist. Du findest ähnliche Fälle in meinen Verzeichnissen von Anno Tobak in Andover, und etwas Gleichartiges trug sich im vorigen Jahr im Haag zu. Ist auch der Grundgedanke nicht neu, so waren es doch ein paar Nebenumstände. Aber das Mädchen selbst ist eine Studie. Sag‘ mir einmal, was hast du an der äußeren Erscheinung dieses Mädchens wahrgenommen?«

»Nun, sie trug einen schiefergrauen großen Hut mit einer ziegelroten Feder. Ihre schwarze Jacke war gesteppt und hatte einen schmalen Pelzbesatz. Das Kleid war von dunkler Kaffeefarbe, und purpurroter Sammet umsäumte Hals und Ärmel. Ihre grauen Handschuhe waren am rechten Zeigefinger zerrissen. Die Schuhe habe ich nicht angesehen. Sie trug kleine, runde und herabhängende Ohrringe und machte im allgemeinen den Eindruck einer anständigen und wohlhabenden Person des gewöhnlichen Mittelstandes.«

Sherlock Holmes klatschte leise in die Hände und schüttelte sich vor Lachen.

»Auf Ehre, Watson, du machst gewaltige Fortschritte! Gut – sehr gut. Das Wichtigste hast du freilich übersehen, hast aber Methode bewiesen und einen scharfen Blick für Farben gezeigt. Traue nur nie allgemeinen Eindrücken, mein Junge, auf die Einzelheiten muß man achten. Mein erster Blick gilt stets dem Ärmel einer Frau. Bei dem Manne kommt es vielleicht noch mehr auf die Knie der Hose an. Wie du bemerktest, hatte das Mädchen Sammet an den Ärmeln, in bezug auf Eindrücke und Spuren ein höchst nützliches Material. Die doppelte Linie über dem Handgelenk, wo die Maschinenschreiberin gegen den Tisch drückt, trat prächtig hervor. Gewiß, die Nähmaschine hinterläßt ähnliche Streifen, aber nur am unteren Arm und auf der Seite, während sich diese gerade über den breitesten Teil hinzogen. Dann blickte ich in ihr Gesicht, und da ich den Druck eines Klemmers zu beiden Seiten ihrer Nase wahrnahm, wagte ich eine Bemerkung über Kurzsichtigkeit in Verbindung mit Maschinenschreiben, welche sie sichtlich überraschte.«

»Mich nicht minder.«

»Die Sache lag doch klar auf der Hand. Sodann fiel mir auf, daß sie zwei verschiedene Schuhe trug; der eine hatte eine verzierte Kappe, der andere nicht. An dem einen hatte sie von drei Knöpfen nur die zwei untersten zugeknöpft, beim andern nur den ersten und gleich den dritten. Verläßt eine sonst sorgsam gekleidete, junge Dame das Haus mit zweierlei nur halbzugeknöpften Schuhen, so gehört nicht viel dazu, um den Schluß zu ziehen, daß sie eilig fortgegangen ist.«

»Und was noch?« fragte ich so gespannt, wie immer, wenn mein Freund seine scharfen Beobachtungen aussprach.

»Ferner bemerkte ich, daß sie, bereits fertig angezogen, noch geschrieben hatte, ehe sie das Haus verließ. Du hast zwar bemerkt, daß ihr rechter Handschuh am Mittelfinger zerrissen war, hast aber offenbar einen lila Tintenfleck an Handschuh und Finger übersehen. Sie hatte in der Eile geschrieben und die Feder zu tief eingetaucht – und zwar heute morgen, sonst wäre der Fleck am Finger nicht so deutlich gewesen. Ja, ja, das alles ist spaßig, wenn auch einfach genug. Jetzt aber muß ich an die Arbeit, Watson. Tu mir den Gefallen und lies mir die Personalbeschreibung des gesuchten Hosmer Angel vor.«

»Ich hielt den Zeitungsausschnitt an das Licht: »Vermißt seit dem 14. morgens ein Herr, namens Hosmer Angel. Derselbe ist groß, kräftig gebaut, blaß, hat schwarzes Haar, eine kahle Stelle auf dem Kopf, starken, dunklen Backen- und Schnurrbart; er trägt eine dunkle Brille und hat einen kleinen Sprachfehler. Seine Kleidung bestand, als er zuletzt gesehen wurde, aus einem schwarzen eingefaßten Rock, schwarzer Weste mit goldener Kette, grauem Beinkleid und braunen Gamaschen über den Stiefeln. Der Vermißte arbeitete in einem Geschäft in Leadenhall-Street; wer über ihn irgendwelche Angaben usw.«

»Das genügt«, sagte Holmes, und nachdem er die Briefe überflogen, meinte er: »Höchst alltäglich; Herr Angel zitiert Balzac, das ist das einzig Bemerkenswerte. Und doch wird auch dir ein Umstand auffallen.«

»Daß die Briefe mit der Maschine geschrieben sind«, erwiderte ich.

»Nicht allein das, sondern auch die Unterschrift ist Typenschrift. Sieh, wie sauber hier unten das ›Hosmer Angel‹ steht. Hier ist ein Datum, aber keine genaue Ortsangabe, denn Leadenhall-Street allein kann nicht genügen. Diese Unterschrift läßt auf vieles schließen – ja, sie ist maßgebend.«

»Wofür?«

»Siehst du wirklich nicht ein, wie schwer das ins Gewicht fällt, alter Junge?«

»Ehrlich gesagt, nein, es sei denn, der Schreiber hoffte auf diese Weise seine Unterschrift abschwören zu können, falls er wegen Bruchs des Eheversprechens zur Rechenschaft gezogen würde.«

»Nein, das hatte er schwerlich im Auge. Indessen will ich zur Aufklärung des Sachverhalte zwei Briefe schreiben, den einen an eine Firma in der City, den andern an Herrn Windibank, den Stiefvater der jungen Dame; letzteren will ich bitten, morgen abend um sechs Uhr bei mir vorzusprechen. Es ist geratener, die Sache mit dem männlichen Teil der Familie zu verhandeln. Bis die Antworten auf diese Briefe da sind, ist weiter nichts zu tun, Doktor, und so wollen wir die Sache bis dahin auf sich beruhen lassen.«

Ein schwerkranker Patient nahm mich zur Zeit völlig in Anspruch, und ich konnte am nächsten Abend erst gegen sechs Uhr nach der Bakerstraße fahren; schon fürchtete ich zu spät zu kommen, um der Aufklärung des Rätsels noch beizuwohnen. Ich fand aber Sherlock Holmes allein; er lag halb schlafend im Lehnstuhl. Ein ganzes Regiment von Flaschen, Röhren und Tiegeln und der scharfe Geruch von allerhand Säuren wiesen darauf hin, daß er sich eifrig mit chemischen Untersuchungen abgegeben hatte, was eine Liebhaberei von ihm war.

»Hast du die Lösung gefunden?« fragte ich eintretend.

»Ja. Es war schwefelsaurer Baryt.«

»Nein, nein – ich meine das Rätsel!«

»Ach so! das! Ich dachte nur an das analysierte Salz. Rätselhaft ist in der Sache gar nichts, wenn ich auch gestern einige Einzelheiten interessant nannte. Es ist nur bedauerlich, daß wohl kein Gericht dem Spitzbuben etwas anhaben kann.«

»Wer ist es denn und was bezweckte er, indem er Fräulein Sutherland sitzen ließ?«

Ich hatte kaum ausgesprochen und Holmes noch nicht geantwortet, als sich auf dem Flur ein schwerer Tritt vernehmen ließ und an der Tür geklopft wurde.

»Das ist Windibank, der Stiefvater«, sagte Holmes. »Er schrieb mir, er würde sich um sechs Uhr bei mir einfinden. Herein!«

Der Eintretende, ein handfester, mittelgroßer Mann von etwa dreißig Jahren, war glatt rasiert, hatte eine gelbliche Gesichtsfarbe und ein paar auffallend lebendige, durchbohrende graue Augen; sein Wesen war verbindlich, fast untertänig. Er warf einen fragenden Blick auf uns, stellte seinen glänzenden Zylinderhut auf den Nebentisch und nahm mit einer leichten Verbeugung auf dem nächsten Stuhle Platz.

»Guten Abend, Herr Windibank«, empfing ihn Holmes. »Ich setze voraus, daß dieser mit der Maschine geschriebene Brief, wodurch Sie sich auf sechs Uhr anmelden, von Ihnen stammt.«

»Ganz recht. Fast fürchte ich, mich etwas verspätet zu haben, doch bin ich nicht ganz Herr meiner Zeit. Ich bedaure, daß Fräulein Sutherland Sie mit dieser Kleinigkeit belästigt hat – schmutzige Wäsche wäscht man am besten zu Hause. Sie kam gegen meinen Wunsch und Willen; Sie haben wohl bemerkt, daß das junge Mädchen etwas aufgeregter, leidenschaftlicher Natur ist und durchsetzt, was sie einmal will. Da Sie keine amtliche Gerichtsperson sind, so hat es weniger auf sich, daß Sie eingeweiht wurden, – aber jedenfalls ist es höchst unangenehm, wenn ein derartiges unglückliches Familienereignis weiter verbreitet wird; nebenbei macht es nur unnötige Kosten, denn wie sollten Sie diesen Hosmer Angel auftreiben können?«

»Im Gegenteil«, versetzte Holmes gelassen, »ich habe die beste Aussicht, den Herrn entdecken zu können.«

Windibank erschrak sichtlich und ließ seine Handschuhe fallen. »Wirklich! das freut mich sehr«, sagte er.

»Es ist doch merkwürdig«, warf Holmes ein, daß die Maschinenschrift so gut ihre Eigenart hat, wie die Handschrift eines Menschen. Sobald die Maschinen nicht mehr ganz neu sind, schreiben nicht zwei vollkommen gleich. Manche Buchstaben wetzen sich schneller ab als andere, einzelne auch nur auf einer Seite. Sehen Sie selbst, Herr Windibank, hier in Ihrem Briefchen ist das ›e‹ nie ganz rein, und auch am ›r‹ fehlt etwas. Noch vierzehn andere Merkmale sind vorhanden, doch treten diese beiden am deutlichsten hervor.«

»Wir bedienen uns dieser Maschine für unsere ganze Korrespondenz im Geschäft, und so ist sie selbstverständlich etwas abgenutzt«, erwiderte Windibank und richtete seine lebhaften, kleinen Augen forschend auf Holmes.

»Und nun will ich Ihnen eine recht interessante Wahrnehmung mitteilen«, fuhr mein Freund fort. »Ich gedenke dieser Tage eine kleine Arbeit über die Maschinenschrift in ihren Beziehungen zum Verbrechen herauszugeben, nachdem ich mich mit diesem Gegenstand in letzter Zeit etwas beschäftigt habe. Hier sind vier Briefe, die von dem Vermißten stammen sollen. Alle vier sind mit der Schreibmaschine geschrieben. In jedem dieser Briefe ist nicht allein das ›e‹ defekt und das ohne Abschluß, sondern Sie werden, wenn Sie meine Lupe gefälligst zu Hilfe nehmen wollen, auch sehen, daß sich darin die andern vierzehn Merkmale wiederfinden, von denen ich sprach.«

Hastig sprang Windibank auf und griff nach seinem Hut. »An derartige Beobachtungen und Unterhaltungen kann ich meine Zeit unmöglich verschwenden, Herr Holmes. Können Sie den Mann fangen, so tun Sie es und benachrichtigen Sie mich davon, wenn es geschehen ist.«

»Gewiß«, versetzte Holmes, ging zur Tür und schloß sie ab. »So teile ich Ihnen denn mit, daß ich ihn habe.«

»Was! wo?« stieß Windibank hervor.

»Lassen Sie es nur gut sein, es hilft alles nichts«, meinte Holmes freundlich und gelassen. »Sie kommen nicht durch, Herr Windibank. Die Sache liegt gar zu klar, und Sie machen mir ein schlechtes Kompliment mit der Behauptung, daß ich unmöglich ein so einfaches Rätsel lösen könne. Setzen Sie sich nur gefälligst und lassen Sie uns das Weitere besprechen.«

Wie gebrochen sank unser Besucher in seinen Sessel zurück, der Angstschweiß perlte ihm auf der Stirn. »Man kann mir nichts anhaben!« stieß er mühsam hervor.

»Leider nicht. Aber, Herr Windibank, unter uns gesagt, ein solch herzloser, grausamer, selbstsüchtiger Streich hat mir kaum jemals vorgelegen. Lassen Sie mich kurz den Tatbestand erörtern, und belehren Sie mich, wenn ich fehlgehe.«

Völlig geknickt saß der Mann da und senkte den Kopf tief herab auf die Brust. Holmes streckte die Beine weit von sich, lehnte sich zurück, versenkte seine Hände in die Rocktaschen und fing an, mehr mit sich selbst als mit uns zu sprechen.

»Der Mann heiratet eine Frau um des Geldes willen«, sagte er, »und vom Gelde der Tochter hat er die Nutznießung, solange sie im elterlichen Hause bleibt. Für Leute in ihrer Lage war die Summe bedeutend, und ihr Ausfall hätte sich sehr fühlbar gemacht. Die Tochter, ein gutes, freundliches Wesen, bedurfte mit ihrem warmen Herzen der Liebe, und so stand zu erwarten, daß sie bei ihren persönlichen Reizen und ihrem Einkommen nicht lange unbegehrt bleiben würde. Da nun ihre Heirat für den Stiefvater den Verlust einer jährlichen Einnahme von hundert Pfund bedeutete, entschloß sich dieser, eine solche zu verhindern. Wodurch? Vorerst will er sie ans Haus fesseln und verbietet ihr, die Gesellschaft von jungen Leuten aufzusuchen. Bald aber sieht er ein, daß sich das unmöglich durchführen läßt. Das Mädchen widersetzt sich, beharrt auf ihren Rechten und erklärt kurz und bündig, einen bestimmten Ball besuchen zu wollen. Was tut da der geschickte Stiefvater? Es fällt ihm ein Aushilfsmittel ein, das seinem Kopf mehr zur Ehre gereicht als seinem Herzen: Im Einverständnis mit seiner Frau und mit deren Hilfe verkleidet er sich, verbirgt seine zu lebhaften Augen hinter dunklen Gläsern, legt einen falschen Schnurr- und Backenbart an, dämpft seine klare Stimme und flüstert nur leise; er baut getrost auf die Kurzsichtigkeit des Mädchens, erscheint als Herr Hosmer Angel und verscheucht die Kurmacher, indem er selbst die Kur schneidet.«

»Erst war es nur ein Spaß«, seufzte unser Besucher. »Wir ahnten nicht, daß sie gleich Feuer fangen würde.«

»Das mag wohl sein. Nichtsdestoweniger fiel das junge Mädchen gründlich hinein, und da sie fest glaubte, ihr Stiefvater sei in Frankreich, dachte sie nicht daran, Argwohn zu schöpfen. Die Artigkeiten des jungen Mannes schmeichelten ihr, und die Lobeserhebungen der Mutter machten sie noch eindrucksvoller. Dann machte Herr Angel seinen Besuch, denn die Kurmacherei mußte bis zu einem gewissen Punkt getrieben werden, sollte sie einen wirklichen Erfolg haben. Es folgten Zusammenkünfte und eine Verlobung, die schließlich die Neigung der jungen Dame von jeder anderen Persönlichkeit ablenken sollte. Auf die Dauer ließ sich die Täuschung nicht aufrechterhalten. Die vorgespiegelten Reisen nach Frankreich wurden unbequem. Der einzige Ausweg war, eine tragische Lösung herbeizuführen, die auf das junge Mädchen einen so tiefen, bleibenden Eindruck machen mußte, daß ihr auf längere Zeit hinaus alle Heiratsgedanken vergingen. Darum jener Schwur der Treue auf die Bibel, darum die Andeutungen auf ein mögliches Hindernis noch am Hochzeitsmorgen. James Windibank wünschte Fräulein Sutherland so fest an Hosmer Angel zu binden und sie über dessen Los so in Unsicherheit zu lassen, daß sie unbedingt in den nächsten zehn Jahren keinen andern Mann erhören sollte. Bis an die Kirchentür hat er sie gebracht, und da er nicht weiter gehen durfte, verduftete er im richtigen Augenblick; er bediente sich des alten Kniffes, zu einer Wagentür hinein-, zur anderen herauszuspringen. In dieser Weise, glaube ich, daß die Ereignisse etwa aufeinander gefolgt sind.«

Windibank hatte, während Holmes sprach, etwas von seiner Sicherheit wieder erlangt; jetzt stand er auf, es lag kalter Hohn auf seinen blassen Zügen.

»Das alles mag sein, mag aber auch nicht sein, Herr Holmes«, sagte er, »wenn Sie aber gar so klug sind, so sollten Sie auch wissen, daß Sie jetzt wider das Gesetz handeln – ich aber nicht. Ich habe vom ersten Anfang an nichts Gesetzwidriges getan, solange Sie aber diese Tür verschlossen halten, machen Sie sich der Vergewaltigung und der Freiheitsberaubung gegen mich schuldig.«

»Das Gesetz kann Sie nicht fassen, Sie haben recht«, erwiderte Holmes, schloß die Tür auf und öffnete sie weit »und doch hat nie ein Mann die Strafe mehr verdient als Sie. Besitzt die junge Dame einen Bruder oder einen Freund, so sollte der die Reitgerte auf Ihren Schultern tanzen lassen. Wahrhaftig!« fügte er rot vor Zorn hinzu, als er das höhnische Lachen des andern wahrnahm, »zu meinen Pflichten gegen meine Klienten gehört das nicht – hier aber hängt eine Hetzpeitsche, und ich muß mir selbst …« Er wollte die Peitsche holen, doch ehe er sie gefaßt hatte, stürmten Männerschritte die Treppe hinab, laut schlug die Haustür zu, und vom Fenster aus sahen wir Herrn James Windibank, so schnell ihn die Füße nur tragen konnten, die Straße entlang eilen.

»Ein kaltblütiger Schuft!« meinte Holmes, als er sich lachend wieder in seinen Lehnstuhl warf.

»Ich begreife die ganze Entwicklung deiner Folgerungen immer noch nicht«, bemerkte ich.

»Vom ersten Augenblick an stand außer Frage, daß dieser Herr Hosmer Angel einen wichtigen Grund für sein sonderbares Benehmen haben mußte, und es lag ebenso klar auf der Hand, daß der einzige Mensch, der einen Vorteil aus der Sache zog, der Stiefvater war. Dann gab der Umstand, daß die beiden Männer nie zusammentrafen, sondern stets einer in Abwesenheit des andern erschien, Anlaß zu Vermutungen. Mit den dunkeln Augengläsern, der sonderbaren Stimme und dem starken Bart ging es ebenso. Mein Verdacht wurde dadurch vollends bestätigt, daß er sich mit der Schreibmaschine unterzeichnete, denn das ließ vermuten, daß ihr seine Schrift ganz genau bekannt war. Nun siehst du wohl, wie alle diese Einzelheiten mit noch anderen geringfügigeren auf ein und dasselbe Ziel deuten.«

»Und wie gelang es dir, die Belege dafür zu finden?«

»Einmal dem Manne auf der Spur, hatte ich gewonnenes Spiel. Ich wußte, wo er arbeitet. Nachdem ich die gedruckte Personalbeschreibung gelesen, strich ich alles, was von einer Verkleidung herrühren konnte – den Schnurrbart, die Brille, die Stimme – schickte in das Geschäft und bat, mich wissen zu lassen, ob die Angaben auf einen der Geschäftsreisenden passen. Da ich einige besondere Merkmale der Schreibmaschine, mit welcher die Briefe an Fräulein Sutherland geschrieben waren, wahrgenommen hatte, bat ich den Stiefvater brieflich, zu mir zu kommen, und adressierte den Brief in das Geschäft. Wie ich erwartet hatte, antwortete er mit der Maschine, und die Schrift zeigte genau dieselben kleinen Fehler, wie die Hosmer Angels. Mit derselben Post zeigten mir Westhouse & Marbank aus Fenchurch-Street an, die Personalbeschreibung passe genau auf ihren Angestellten – James Windibank. Siehst du, so kam’s heraus!«

»Und Fräulein Sutherland?«

»Sage ich ihr die Wahrheit, so wird sie mir nicht glauben.«

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Der sterbende Sherlock Holmes

Der sterbende Sherlock Holmes

Frau Hudson, unsere Hauswirtin in der Bakerstraße, war eine geduldige Frau und von großer Langmut. Nicht nur wurde ihr erstes Stockwerk zu allen Stunden des Tages und der Nacht von den zahlreichsten und oft auch zweifelhaftesten Menschen überflutet, sondern ihr Mieter Sherlock Holmes zeigte in seiner Lebensführung eine Unregelmäßigkeit und Absonderlichkeit, die ihre Geduld oft hart auf die Probe gestellt haben muß. Seine unglaubliche Unordentlichkeit, seine Vorliebe, zu den ungewöhnlichsten Stunden »Musik« zu machen, sein gelegentliches Pistolenschießen im Flur, seine qualmigen und oft recht übelriechenden wissenschaftlichen Versuche und schließlich die ganze Atmosphäre von Gefahr und Verbrechen, die ihn umgab, machten ihn sicher zu einem der unbequemsten Mieter in ganz London. Andererseits bezahlte er wie ein Fürst. Ich bezweifle kaum, daß das ganze Haus um den Preis hätte gekauft werden können, den Holmes für seine Zimmer während der Jahre bezahlte, die ich mit ihm zusammen wohnte.

Die Hauswirtin hatte den denkbar größten Respekt vor ihm und wagte nie, Einwendungen zu erheben, mochte das Benehmen meines Freundes auch mehr als nur ungewöhnlich sein. Auf ihre Art liebte sie ihn sogar, denn er war im Verkehr mit Frauen von einer merkwürdigen Höflichkeit und Liebenswürdigkeit. Er verachtete das ganze Geschlecht und mißtraute ihm, aber er war stets ein ritterlicher Gegner.

Da ich wußte, wie sehr mein Freund bei Frau Hudson in Ansehen und Achtung stand, so folgte ich sehr ernsthaft ihrer Erzählung, als sie im zweiten Jahre nach meiner Verheiratung zu mir kam und mir den traurigen Zustand Holmes‘ offenbarte, in dem er sich seit kurzem befand.

»Er stirbt, Doktor Watson«, sagte sie. »Seit drei Tagen sieht man ihn dahinsiechen, und es scheint mir fraglich, ob er den heutigen Tag überleben wird. Er wollte nicht, daß ich einen Doktor hole, aber heute morgen, als ich sah, wie ihm die Knochen aus dem Gesicht stehen, und er mich mit fiebrigen Augen anstierte, konnte ich es nicht länger aushalten. ›Mit Ihrer Einwilligung oder gegen Ihren Willen, Herr Holmes, geh ich jetzt augenblicklich, einen Arzt rufen‹, sagte ich. ›Dann holen Sie mir wenigstens Watson‹, sagte er. An Ihrer Stelle würde ich keinen Augenblick verweilen, Herr Doktor, wenn Sie ihn noch lebend antreffen wollen.«

Ich war entsetzt, denn ich hatte keine Ahnung von seiner Krankheit. Überflüssig, zu bemerken, daß ich sofort nach Überrock und Hut griff und mich auf den Weg machte. Als ich mit ihr zurückfuhr, fragte ich sie nach Einzelheiten.

»Da kann ich Ihnen nur wenig sagen, Herr Doktor; er arbeitete an einem Fall drunten in Rotherhite, in einer Gasse nahe an der Themse, und von dort hat er die Krankheit mitgebracht. Er legte sich am Donnerstagnachmittag zu Bett und hat es seitdem nicht mehr verlassen. Diese ganzen drei Tage hat er weder Nahrung zu sich genommen, noch irgend etwas getrunken.«

»Um Gottes willen! Warum haben Sie nicht früher einen Arzt geholt?«

»Er hat es ja verboten gehabt, Herr Doktor. Sie wissen ja, wie streng er ist. Ich wagte nicht, seinen Befehl zu mißachten, aber er weilt nicht mehr lange unter uns, das werden Sie selber im gleichen Augenblick schon merken, wo Sie ihn erblicken. Es ist schrecklich.«

Er bot in der Tat einen kläglichen Anblick. In dem dämmerigen Licht eines nebeligen Novembertages war das Krankenzimmer ein düsteres Loch, aber was einen Kälteschauer in mein Herz dringen ließ, war dies geisterhafte, verwüstete Antlitz, das mich vom Bett aus anstierte. Seine Augen glitzerten vor Fieber, hektische Röte lag auf beiden Backen, und dunkle Krusten klebten an seinen Lippen; die skeletthaft mageren Hände auf der Decke zuckten unausgesetzt, seine Stimme war heiser und halb erstickt. Er lag gänzlich leblos da, als ich ins Zimmer trat, aber mein Anblick zauberte einen flüchtigen Freudenschimmer in seine Augen.

»Ah, Watson, es scheint, es kommen jetzt die Tage, die uns nicht gefallen«, sagte er mit matter Stimme, aber wie mir schien, mit seiner früheren Sorglosigkeit.

»Mein lieber Holmes!« rief ich und trat zu ihm ans Bett.

»Zurück! Zurück da!« sagte er mit dem scharf befehlenden Klang, den seine Stimme nur in Augenblicken der Gefahr annahm. »Wenn du näher kommst, Watson, dann schicke ich dich wieder nach Hause.«

»Aber warum denn?«

»Weil ich es will. Genügt dir das nicht?«

Ja, Frau Hudson hatte recht, er war herrischer als je. Indes war es herzbrechend, seine Erschöpfung zu sehen.

»Ich kam ja nur, um dir zu helfen«, erklärte ich.

»Gewiß! Du hilfst mir am besten, wenn du das tust, was ich dir sage.«

»Wie es dich gut dünkt, Holmes.«

Er verzichtete auf den befehlenden Ton.

»Du bist doch nicht ärgerlich?« fragte er und rang nach Atem.

Armer Kerl, wie konnte ich ärgerlich sein, wenn ich ihn in diesem Zustand der Auflösung vor mir liegen sah!

»Es ist zu deinem eigenen Besten, Watson«, sprach seine rauhe Stimme.

»Zu meinem Besten?«

»Ich weiß, was mit mir los ist. Es ist eine Kulikrankheit von Sumatra – eine Infektion, von der die Holländer mehr verstehen als wir, obwohl sie bis jetzt medizinisch noch nicht viel darüber gearbeitet haben. Eines nur steht fest: die Krankheit ist absolut tödlich und in erschreckendem Maße ansteckend.«

Er sprach jetzt mit fieberhafter Erregung, seine Hände zuckten und sprangen, als er mich abwehrte.

»Ansteckend durch Berührung, Watson – das ist es: durch Berührung! Bleib mir vom Leibe, und du bist nicht gefährdet.«

»Beim Himmel, Holmes, glaubst du denn, daß eine solche Sicherheitserwägung mich auch nur einen Augenblick zurückhalten könnte? Nicht einmal wenn der Patient ein Fremder wäre. Glaubst du, das könnte mich abhalten, meine ärztliche Pflicht gegen einen so alten Freund zu erfüllen?«

Abermals trat ich an sein Bett, aber er trieb mich mit einem Blick voll wilden Ärgers zurück.

»Wenn du dort stehen bleiben willst, dann werde ich sprechen. Wenn nicht – da ist die Tür!«

Ich habe eine so große Hochachtung vor den außerordentlichen Fähigkeiten meines Freundes, daß ich mich seinen Wünschen stets gefügt habe, auch dann, wenn sie mir völlig unbegreiflich waren. Aber jetzt waren alle meine medizinischen Instinkte wach geworden. Mochte er unter anderen Umständen mir befehlen – ich befand mich jetzt als Arzt in einem Krankenzimmer.

»Holmes«, sagte ich, »ich darf dich nicht ernst nehmen. Ein kranker Mann ist bloß ein Kind, und so muß ich dich behandeln. Ob es dir gefällt oder nicht, ich werde dich untersuchen und dem Befund gemäß ärztlich behandeln.«

Er sah mich mit geradezu giftigen Augen an.

»Wenn ich einen Doktor haben soll, einerlei ob ich mag oder nicht, dann möchte ich wenigstens einen haben, der mein Vertrauen verdient«, sagte er.

»Also ich verdiene dein Vertrauen nicht?«

»Als Freund restlos. Aber Tatsachen sind Tatsachen, Watson, und alles in allem bist du nur ein durchschnittlicher praktischer Arzt von mittelmäßiger Begabung und mit sehr begrenzter Erfahrung. Es ist schmerzlich, dir so etwas sagen zu müssen, aber du läßt mir ja keine andere Wahl.«

Das war bitter.

»Solche Worte sind deiner unwürdig, Holmes. Sie zeigen mir aber mit aller Deutlichkeit deinen wahren Nervenzustand. Jedoch, wenn du kein Vertrauen zu mir hast, so werde ich dir meine Dienste nicht aufdrängen. Ich will gehen und Sir Jasper Meek oder Penrose Fisher oder einen der ersten Ärzte Londons holen. Du mußt ärztliche Hilfe haben, und dabei bleibe ich. Wenn du glaubst, ich würde hier stehen bleiben und zuschauen, wie du stirbst, ohne daß ich dir helfe oder fremde ärztliche Hilfe bringe, dann hast du meine Freundschaft unterschätzt!«

»Du meinst es ja gut, Watson«, sagte der kranke Mann mit einem Seufzer. »Soll ich dir deine Unwissenheit nachweisen? Was weißt du denn vom Tapanuli-Fieber? Was weißt du denn von der schwarzen Formosa-Eiterung?«

»Ich habe weder vom einen noch vom anderen gehört.«

»Es gibt noch so manche unerforschte Krankheiten, so viele seltsame, pathologische Möglichkeiten, im fernen Osten, Watson.«

Er setzte nach beinahe jedem Worte aus, um Atem zu holen. »Ich habe so viel gelernt bei meinen kürzlichen Untersuchungen auf medizinisch-kriminellem Gebiet. Bei diesen Forschungen habe ich mir die Krankheit zugezogen. Du bist machtlos dagegen.«

»Du magst recht haben. Zufällig aber weiß ich, daß Doktor Airstree, die größte lebende Autorität für tropische Krankheiten, augenblicklich in London weilt. Alle deine Einwände nützen dich nichts, Holmes, ich gehe jetzt, den berühmten Arzt zu holen.« Entschlossen wandte ich mich zur Tür.

Nie erlitt ich solch einen Schock! In einem Augenblick, mit einem wahren Tigersprung, war mir der sterbende Mann zuvorgekommen. Ich hörte das scharfe Schnappen eines Schlosses. Im nächsten Augenblick war er zu seinem Bett zurückgetaumelt; dort lag er erschöpft und schwer atmend nach diesem einen fürchterlichen Energieausbruch.

»Du wirst mir den Schlüssel nicht mit Gewalt abnehmen, Watson. Nun habe ich dich, Freundchen. Du hast zu mir kommen wollen und nun sollst du hier bleiben, so lange es mir gefällt, aber ich werde dich unterhalten. (Das alles in abgerissenen Worten mit schrecklichen Atemkämpfen in den Pausen.) Du meinst es von Herzen gut mit mir. Das weiß ich natürlich sehr wohl. Du sollst auch deinen Willen haben, nur laß mir erst Zeit, wieder zu Kräften zu kommen. Nicht jetzt, Watson, nicht jetzt. Es ist vier Uhr. Um sechs Uhr darfst du gehen.«

»Das ist ja Wahnsinn, Holmes.«

»Nur noch zwei Stunden, Watson, ich verspreche dir, um sechs Uhr darfst du gehen. Willigst du ein, so lange zu warten?«

»Ich habe ja keine andere Wahl.«

»Gut, daß du es einsiehst, Watson. Danke, danke, ich kann mir das Bettzeug allein zurecht richten. Bleib mir, bitte, ja vom Leibe! So, Watson, nun habe ich noch eine weitere Bedingung zu stellen. Du wirst nicht den Arzt heranziehen, den du genannt hast, sondern den Mann, den ich mir wähle.«

»Ganz wie du willst.«

»Die ersten vier vernünftigen Worte, die du heute hier gesprochen hast. Dort drüben findest du einige Bücher, ah, ich bin etwas matt; ich frage mich, wie eine Batterie fühlen mag, wenn sie ihre Elektrizität in einen Nichtleiter ausströmt? Um sechs Uhr, Watson, nehmen wir unsere Unterhaltung wieder auf.«

Aber es war bestimmt, daß wir sie lange vor dieser Zeit wieder aufnehmen sollten und unter Umständen, die mir einen zweiten Schock gaben, der an Heftigkeit dem ersten, als er mir vor die Tür sprang, kaum nachstand. Ich war einige Minuten dagestanden, die Augen auf die stumme Gestalt in dem Bett gerichtet. Das Gesicht war beinahe ganz verhüllt von der Bettdecke, und er schien zu schlafen. Ich fühlte mich unfähig, etwas zu lesen, und ging daher langsam im Zimmer auf und ab und besah mir die Bilder der berühmten Verbrecher, mit denen die Wände vollgehängt waren. Schließlich trat ich in meiner Unrast an den Kaminsims. Tabaksbeutel, Pfeifen, Injektionsspritzen, Federmesser, Revolverpatronen und dergleichen lagen dort umher. In der Mitte stand eine kleine schwarz und weiße Elfenbeindose mit Schraubdeckel. Es war ein nettes kleines Ding, und ich hatte meine Hand ausgestreckt, um es näher zu betrachten, als – –

Es war der fürchterlichste Schrei, den ich je gehört – so durchdringend, daß man ihn gewiß am Ende der Straße hören konnte. Es lief mir kalt über die Haut, und das Haar stand mir zu Berge. Als ich mich umwandte, sah ich ein verzerrtes Gesicht und wahnsinnige Augen. Ich stand völlig gelähmt da mit der kleinen Dose in meiner Hand.

»Stell sie weg! Augenblicklich weg damit, Watson – augenblicklich, sage ich!« Sein Kopf sank auf das Kissen zurück, und er stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus, als ich die Dose wieder auf den Kaminsims stellte.

»Es macht mich wild, wenn man meine Sachen anfaßt, Watson. Du weißt doch, daß ich das hasse. Du quälst mich hier mehr als erträglich ist. Du, ein Arzt, – du hast das Zeug, um einen Patienten ins Irrenhaus zu treiben. Setz‘ dich irgendwo, Mensch, und laß mir meine Ruhe!«

Der Zwischenfall machte einen höchst unangenehmen Eindruck auf mich. Die heftige, unbegründete Erregung, gefolgt von diesen brutalen Worten, so ganz abseits von seiner üblichen Freundlichkeit, zeigte mir, wie schwer sein Geist bereits zerrüttet war. Von allen Zerstörungen ist die eines vormals stolzen Geistes die ergreifendste. Ich saß in stummer Ergebenheit auf einem Stuhl und wartete, bis es sechs Uhr schlug. Auch Holmes schien die Zeit genau verfolgt zu haben, denn kaum war es sechs Uhr, als er mit derselben fieberhaften Lebhaftigkeit wie zuvor begann:

»Nun, Watson«, sagte er, »hast du Kleingeld in der Tasche?«

»Ja.«

»Silber darunter?«

»Ein paar Stücke.«

»Wie viele halbe Kronen?«

»Ich habe fünf.«

»Ah, das ist zu wenig! Zu wenig! Das trifft sich sehr unglücklich, Watson! Immerhin, du kannst sie ja einmal in deine Uhrentasche stecken. Und den ganzen Rest deines Geldes in die linke Hosentasche. Ich danke dir. Das wird dir das richtige Gleichgewicht geben.«

Das war vollendeter Wahnsinn. Er schauderte und stieß einen Laut aus, halb Husten, halb Seufzer.

»Zünde jetzt, bitte, das Gas an, Watson, aber ich mache dich dafür verantwortlich, daß die Flamme höchstens halb angedreht brennt. Ich habe meine Gründe und flehe dich an, genau aufzupassen. Danke schön, so, so ist es gut, ausgezeichnet. Nein, nicht nötig, die Vorhänge herunter zu lassen. Nun, bitte, lege mir einige Briefe und Papiere auf diesen Tisch, so daß ich sie zur Hand habe. Danke schön. Nun einiges von dem Zeugs da auf dem Kaminsims. Ausgezeichnet, Watson! Dort muß eine Zuckerzange liegen. Bitte ergreife mit der Zange die Elfenbeindose. Stelle sie hier zwischen die Papiere auf den Tisch. Gut! Jetzt kannst du gehen und Herrn Culverton Smith, Lower Burk-Straße Nummer 13 holen.«

Die Wahrheit zu sagen, war mein Wunsch, einen Arzt zu holen, nicht mehr so lebhaft, denn mein armer Freund delirierte offenbar so stark, daß es gefährlich schien, ihn allein zu lassen. Indessen war er jetzt ebenso darauf versessen, den genannten Smith zu konsultieren, als er vorhin hartnäckig alle ärztliche Hilfe abgelehnt hatte.

»Den Namen habe ich nie gehört«, sagte ich.

»Wahrscheinlich nicht, mein guter Watson. Es wird dich überraschen, daß der Mann, der auf der ganzen Welt am meisten von dieser Krankheit versteht, nicht ein Mediziner ist, sondern ein Pflanzer. Herr Culverton Smith ist ein bekannter Pflanzer von Sumatra und zur Zeit in London. Eine Epidemie dieser Krankheit auf seiner Pflanzung, die weitab von jeder ärztlichen Hilfe gelegen ist, gab ihm Anlaß, sie selbst zu studieren, und dabei kam er auf einige sehr weitreichende Entdeckungen. Er ist ein sehr methodischer Mann, und ich wollte nicht, daß du vor sechs Uhr zu ihm gingest, da ich wußte, daß du ihn zu Hause nicht anträfest. Wenn du ihn überreden könntest, hierher zu kommen, und mir die Vorteile seiner einzigartigen Erfahrungen mit dieser Krankheit, deren Erforschung sein liebstes Steckenpferd ist, zukommen zu lassen, so zweifle ich nicht daran, daß ich noch zu retten wäre.«

Ich gebe hier als ein zusammenhängendes Ganzes wieder, was Holmes mir sagte, und unterlasse den Versuch, zu schildern, wie seine Worte durch Atemnot, Husten und das wilde Zucken seiner Hände unterbrochen wurden, die seinen schmerzhaften Zustand verrieten. Sein Aussehen war noch schlechter geworden, während der wenigen Stunden, die ich mit ihm zusammen war. Die hektische Röte war ausgesprochener, die Augen lagen noch tiefer in ihren Höhlungen und funkelten noch fiebriger, und kalter Schweiß stand in dicken Tropfen auf seiner blassen Stirn. Er hatte sich jedoch die ruhige Sicherheit seiner Sprache bewahrt. Ich wußte, bis zum letzten Atemzuge würde er der Herr und Meister bleiben.

»Du wirst ihm genau schildern, in welchem Zustand du mich verlassen hast«, sagte er. »Du wirst ihm deinen Eindruck von mir wiedergeben – ein sterbender Mann – ein sterbender Mann in Delirien. In der Tat, ich kann mir nicht denken, weshalb der ganze Boden des Ozeans nicht eine einzige kompakte Masse von Austern ist, so rasch vermehren sich diese Schaltiere. Ah, ich rede irre! Sonderbar, wie das Gehirn das Gehirn kontrolliert! – Von was wollte ich eben sprechen, Watson?«

»Meine Anweisungen für Culverton Smith.«

»Ach ja, ich entsinne mich. Mein Leben hängt davon ab. Du mußt ihm zureden, Watson. Wir haben keine Liebe zueinander, im Gegenteil. Sein Neffe, Watson, – ich hatte Smith im Verdacht eines Verbrechens, und ich ließ es ihn merken. Der Junge ist scheußlich gestorben. Er hat einen Haß auf mich. Aber du wirst ihn besänftigen, Watson. Bitte ihn, flehe ihn an, schaffe ihn mir mit allen Mitteln her. Er kann mich retten – nur er allein!«

»Ich werde ihn in einem Wagen herfahren, und wenn ich ihn mit Gewalt entführen müßte.«

»Nein, bitte, nichts dergleichen. Du wirst ihn überreden, herzukommen, und dann wirst du ihm vorauseilen zu mir. Erfinde irgendeine Ausrede, um nicht mit ihm zusammen herzukommen. Vergiß das nicht, Watson! Du darfst hier nicht versagen. Du hast dich doch immer bewährt als Freund. Ohne Zweifel gibt es natürliche Gegner, die das Überhandnehmen der Schaltiere verhindern. Du und ich, Watson, wir haben unsere Pflicht getan. Soll trotzdem die Welt von Austern überflutet werden? Nein, nein; gräßlich! Nun geh‘ und berichte Herrn Smith getreulich, wie es hier steht.«

Ich verließ ihn, erfüllt von dem Eindruck dieses großartigen Intellektes, der jetzt kindisch dahinbabbelte. Er hatte mir den Schlüssel gegeben, und ich kam auf den guten Gedanken, ihn einzustecken, damit er sich nicht etwa einschlösse. Draußen fand ich Frau Hudson zitternd und weinend. Als ich die Treppe hinunter ging, hörte ich Holmes‘ hohe dünne Stimme unmelodisch singen. Unten auf der Straße, als ich eine Droschke herbeipfiff, kam ein Mann zu mir durch den Nebel.

»Wie geht es Herrn Holmes?« fragte er.

Es war ein alter Bekannter, Inspektor Morton von Scotland Yard, in Zivilkleidung.

»Es geht ihm sehr schlecht,« antwortete ich.

Er sah mich auf eine sehr eigentümliche Art an. Es schien mir fast, als leuchte das Gesicht vor Schadenfreude auf.

»Ich hatte etwas davon gehört,« sagte er.

Die Droschke fuhr heran, und ich verließ ihn.

Die Lower Burk-Straße erwies sich als eine Zeile feiner Häuser in der ansprechenden Gegend zwischen Notting Hill und Kensington. Das gesuchte Haus, vor dem der Kutscher mich absetzte, war von ernstem, aber nicht unschönem Aussehen, mit altmodischem eisernem Gitterwerk, einer schweren Doppeltür und blankgeputztem Messing. Auf mein Klingeln erschien ein feierlich aussehender Diener.

»Jawohl, Herr Smith ist zu Hause.« Er las meine Karte »Herr Doktor Watson! Ich bitte, sich einen Augenblick zu gedulden, ich werde Sie anmelden.«

Mein bescheidener Name und Titel schienen auf Herrn Culverton Smith keinen Eindruck zu machen. Durch die halboffene Tür vernahm ich eine hohe, ärgerliche, durchdringende Stimme.

»Wer ist das? Was will er? Mein Gott, Staples, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich zu meinen Studierzeiten nicht gestört sein will!«

Ich hörte den Diener ein paar besänftigende Entschuldigungen sprechen.

»Schon gut, aber ich empfange jetzt niemand. Ich kann meine Arbeit nicht einfach im Stich lassen. Ich bin nicht zu Hause. Sagen Sie ihm das! Er soll morgen früh wieder kommen, wenn er mich wirklich so dringend sprechen muß.«

Wieder hörte ich die leise Stimme des Dieners.

»Alles schön und gut, aber ich lasse mich nicht in meiner Arbeit stören. Sagen Sie ihm das! Er kann ja morgen früh kommen, oder meinetwegen lieber wegbleiben.«

Ich dachte an Holmes, wie er in seinem Bett nach Atem rang und wahrscheinlich die Minuten zählte, bis die erhoffte Hilfe erscheine. Hier mußte alle zeremonielle Höflichkeit weichen. Sein Leben hing von meinem Erfolge ab. Ehe mir noch der Diener den ablehnenden Bescheid seines Herrn überbracht hatte, war ich an ihm vorbei in das Zimmer getreten.

Mit einem ärgerlichen Ausruf erhob sich ein Mann von einem Stuhl neben dem Kaminfeuer. Ich sah ein großes gelbes Gesicht, grobgeschnitten, mit starkem Doppelkinn und zwei drohend blickenden grauen Augen, die unter buschigen gelben Brauen hervor Blitze nach mir schossen. Auf dem kahlen Schädel saß, beinahe kokett zur Seite geschoben, eine kleine Sammetmütze. Dieser Schädel mußte ein ungewöhnlich großes Hirn bergen und doch, als ich die ganze Gestalt ins Auge faßte, erschien mir der Körper des Mannes klein und schwächlich, mit vorgebeugten Schultern, wie bei jemand, der als Kind an Rachitis gelitten hat.

»Was soll das?« schrie er mit hoher Stimme. »Was erlauben Sie sich, hier einzudringen? Habe ich Ihnen nicht sagen lassen, ich sei morgen früh für Sie zu sprechen?«

»Es tut mir leid,« sagte ich, »aber die Sache duldet keinen Aufschub. Mein Freund Sherlock Holmes –«

Die Erwähnung dieses Namens war von außerordentlicher Wirkung auf den kleinen Mann. Der Ärger verschwand sogleich aus seinem Blick. Sein Gesicht verriet gespannte Neugier.

»Sie kommen von Sherlock Holmes?« fragte er.

»Ich habe ihn soeben erst verlassen.«

»Was macht Herr Holmes, wie geht es ihm?«

»Es geht verzweifelt schlecht. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen.«

Der Mann bot mir einen Stuhl, und wir setzten uns. Bei dieser Gelegenheit sah ich einen Augenblick lang sein Gesicht in dem Spiegel über dem Kaminsims. Ein boshaftes, gemeines Lächeln schien sich darüber zu breiten. Aber ich überredete mich, es müsse ein nervöses Zucken gewesen sein, das ich zufällig gewahrte, denn im nächsten Augenblicke wandte er sich mir zu mit vollendeter Liebenswürdigkeit in seiner Miene.

»Es tut mir sehr leid, das zu hören,« sagte er. »Ich kenne Herrn Holmes lediglich durch einige geschäftliche Beziehungen, die wir miteinander hatten, aber ich schätze seine Talente und seinen Charakter überaus hoch. Er ist ein Amateur auf dem Gebiet der Verbrechen, wie ich auf dem der Infektionen. Was für ihn der schwere Junge, ist für mich der Bazillus. Das da sind meine Zuchthäuser,« fuhr er fort, indem er auf eine Reihe von Gläsern und Röhrchen wies, die auf einem kleinen Tische standen.

»Unter diesen Gelatinekulturen sind einige mit den schlimmsten Übeltätern der Welt, die jetzt hier ihre Zeit absitzen.«

»Eben wegen Ihrer besonderen Kenntnisse wünschte Herr Holmes, Sie zu sehen. Er hat eine hohe Meinung von Ihnen und glaubt, daß Sie der einzige Mensch in London sind, der ihm helfen kann.«

Der kleine Mann sprang auf, so heftig, daß das Samtkäppchen ihm übers Ohr rutschte und zu Boden fiel.

»Wieso?« fragte er, »wieso kommt Herr Holmes auf den Gedanken, daß ich ihm helfen könnte?«

»Wegen Ihrer Erfahrung mit tropischen Krankheiten, besonders denen des fernen Ostens.«

»Aber was berechtigt ihn zu der Annahme, daß die Krankheit, die er sich zugezogen hat, in mein Spezialfach schlägt?«

»Weil er beruflich in letzter Zeit mit chinesischen Seeleuten in den Docks zu tun hatte.«

Herr Culverton Smith lächelte wohlgefällig und hob sein Samtkäppchen wieder auf.

»O, ich verstehe, ich verstehe,« sagte er. »Ich glaube aber, seine Krankheit ist nicht so schlimm, wie Sie annehmen. Wie lange ist Ihr Freund schon krank?«

»Seit drei Tagen.«

»Hat er Fieberdelirien?«

»Ja, zwischendurch.«

»Tja, tja, das klingt doch bedenklich. Es wäre unmenschlich, wenn ich nicht zu ihm eilte. Ich kann Störungen bei meiner Arbeit nicht vertragen, Herr Doktor, aber hier mache ich selbstverständlich gern eine Ausnahme. Ich komme sogleich mit.«

Ich erinnerte mich an Holmes‘ strenge Weisung.

»Ich habe noch eine andere Verabredung,« erwiderte ich.

»Schön, dann gehe ich eben allein. Die Adresse des Herrn Holmes ist mir bekannt. Sie können sich bestimmt darauf verlassen, daß ich in längstens einer halben Stunde an seinem Krankenlager stehen werde.«

Mit einem bedrückten Herzen trat ich wieder bei meinem Freunde ein. So, wie ich ihn verlassen hatte, konnte das Schlimmste während meiner Abwesenheit eingetreten sein. Zu meiner ungeheuren Erleichterung fand ich aber, daß sein Zustand sich in der Zwischenzeit sehr gebessert hatte. Sein Aussehen freilich war so geisterhaft wie vorher, aber er war völlig klar im Kopfe und sprach mit zwar schwacher Stimme, aber mit größerer Bestimmtheit und Lebhaftigkeit als selbst in seinen gesunden Tagen.

»Nun, Watson, hast du mit ihm gesprochen?«

»Ja, er kommt.«

»Ausgezeichnet, Watson! Ausgezeichnet! Du bist doch der beste Freund.«

»Er wollte mit mir herkommen.«

»Das würde alles vereitelt haben. Das durfte unter keinen Umständen geschehen. Hat er dich gefragt, was mir fehlt?«

»Ich sprach ihm von der Krankheit und von den Chinesen in den Docks.«

»Gut! Watson, du hast alles für mich getan, was ein guter Freund für mich tun konnte. Du kannst jetzt von der Bühne abtreten.«

»Ich muß doch warten, bis er kommt und seine Ansicht hören, Holmes.«

»Natürlich mußt du, aber ich habe Grund zu der Annahme, daß er seine Meinung viel offener aussprechen wird, und daß sie für dich wesentlich aufschlußreicher sein wird, wenn er glaubt, mit mir allein zu sein. Da hinter dem Kopfende meines Bettes wird gerade Platz genug für dich sein, Watson.«

»Aber Holmes!«

»Ich fürchte nur, dir bleibt keine andere Wahl. Das Zimmer bietet sonst keine Gelegenheit, sich zu verstecken, und das ist auch sehr gut so, denn er wird dann um so weniger Verdacht schöpfen. Hier hinter dem Bett, das wird gerade noch gehen.« Plötzlich richtete er sich auf mit vorgebeugtem Kopfe. »Ich höre schon den Wagen. Schnell, Watson, wenn du meines ewigen Dankes sicher sein willst! Und rühre dich nicht, was auch geschehen mag – rühre dich unter gar keinen Umständen! Verstanden? Aber merke dir genau jedes Wort, das gesprochen wird.« Dann sank er wieder todmatt in seine Kissen zurück, und seinen im Befehlston gesprochenen Worten folgte das sinnlose Gemurmel eines im Fieber liegenden Sterbenden.

Von meinem Versteck aus, wohin mich zu verbergen ich so plötzlich genötigt worden war, hörte ich Schritte auf der Treppe, dann das Öffnen und Schließen der Zimmertür. Zu meiner Überraschung folgte eine langedauernde Stille, die nur von den schweren, röchelnden, unregelmäßigen Atemzügen des Kranken unterbrochen wurde. Ich stellte mir vor, daß Herr Smith neben dem Bette stand und den kranken Dulder betrachtete. Endlich wurde diese unheimliche Stille unterbrochen.

»Holmes!« rief er. »Holmes!«

Der Kranke rührte sich offenbar nicht.

»Hallo, können Sie mich hören, Holmes?« rief er von neuem, in dem scharfen Tone jemandes, der einen Schlafenden aufwecken will. Zugleich vernahm ich ein Geräusch, als schüttelte er den Kranken heftig an der Schulter.

»Sind Sie das, Herr Smith?« flüsterte Holmes. »Ich durfte ja kaum hoffen, daß Sie zu mir kämen.«

Der andere lachte.

»Allerdings,« sagte er. »Und dennoch, wie Sie sehen, bin ich sofort gekommen. Feurige Kohlen, Holmes – feurige Kohlen!«

»Es ist sehr gütig von Ihnen – das ist edel gehandelt. Ich schätze Ihre besonderen Kenntnisse von gewissen Krankheiten.«

Herr Smith lachte wieder.

»Ja, das tun Sie. Zum Glück sind Sie der einzige in London, der das tut. Wissen Sie, was Ihnen fehlt?«

»Dasselbe,« antwortete Holmes.

»Aha, Sie erkennen die Symptome wieder?«

»Nur zu gut!«

»Tja, Holmes, es überraschte mich nicht, wenn es wirklich ›dasselbe‹ wäre. Es steht schlimm mit Ihnen, wenn es so ist. Der arme Viktor war binnen vier Tagen tot – ein kräftiger, gesunder junger Mensch. Wie Sie ganz richtig damals sagten, war es auffallend, daß er eine so entlegene ostasiatische Krankheit im Herzen Londons sich zuzog. Ausgerechnet die Krankheit, deren Erforschung mich schon so lange beschäftigte. Das ist ein merkwürdiger – Zufall, Holmes. Es war in der Tat meisterhaft von Ihnen, daß Sie darauf kamen, aber sehr unfreundlich, daß Sie da von Ursache und Wirkung sprachen.«

»Ich weiß, daß Sie es getan haben!«

»O, Sie wissen es, so! Aber beweisen konnten Sie es eben doch nicht. Was halten Sie eigentlich von sich selbst, wenn Sie erst solche Gerüchte über mich ausstreuen und dann bei mir um Hilfe winseln, sobald Sie in Not sind? Was ist das für ein Spiel, he?«

Ich hörte das stoßweise Röcheln und Luftholen des Kranken. »Das Wasser,« bat er.

»Sie sind Ihrem Ende schon recht nahe, Holmes, aber ich möchte nicht, daß Sie sterben, ehe ich nicht noch ein Wort mit Ihnen gesprochen habe. Deshalb gebe ich Ihnen das Wasser. Da, verschütten Sie es nicht. So ist’s recht! Können Sie verstehen, was ich sage?«

Holmes stöhnte.

»Tun Sie, was Sie können für mich. Lassen Sie Vergangenes vergangen sein,« flüsterte er fast tonlos. »Ich will mich an nichts mehr erinnern – ich schwöre es. Machen Sie mich gesund, und ich will’s vergessen.«

»Was vergessen?«

»Viktor Savages Tod meine ich. Sie haben soeben so gut wie eingestanden, daß Sie es getan haben. Ich will’s vergessen.«

»Sie mögen es vergessen oder nicht, ganz wie es Ihnen beliebt. Sie sehe ich nicht mehr auf der Zeugenbank! Kein Gericht, außer dem Nachlaßgericht, wird sich mehr mit Ihnen befassen, das versichere ich Ihnen. Es ist mir ganz gleichgültig, ob Sie es wissen, wie mein Neffe starb. Auch bin ich nicht hergekommen, um über ihn hier zu reden, sondern über Sie.«

»Ja, ja.«

»Der Mensch, den Sie zu mir um Hilfe schickten – wie heißt er doch? – sagte, Sie hätten sich die Infektion in den Docks bei den chinesischen Seeleuten geholt.«

»Ich wüßte keine andere Möglichkeit.«

»Sie sind so stolz auf Ihren überlegenen Verstand, Holmes. Sie halten sich für so klug, nicht wahr? Aber diesmal sind Sie an einen Klügeren geraten. Jetzt denken Sie einmal nach, Holmes. Können Sie sich keine andere Möglichkeit denken, wie Sie zu der Krankheit kommen konnten?«

»Ich kann nicht nachdenken. Mein Kopf ist so müde. Ums Himmels willen, helfen Sie mir!«

»Ja, ich will Ihnen helfen. Nämlich zu verstehen, weshalb Sie krank sind. Das sollen Sie noch erfahren, ehe Sie sterben.«

»Geben Sie mir etwas, um diese Schmerzen zu mildern!«

»Schmerzen haben Sie? Stimmt! Die Kulis fingen auch allemal an zu wimmern, wenn es gegen das Ende ging. Es ist wie so ein Krampf da drinnen in der Brust, nicht?«

»Ja, ja, wie ein Krampf. Oh!«

»Also passen Sie auf! Können Sie sich nicht ein ungewöhnliches Vorkommnis denken, vor drei Tagen etwa, kurz bevor Sie krank wurden?«

»Nein, nein; nichts!«

»Denken Sie gut nach!«

»Ich bin zu krank zum Denken.«

»Nun, so will ich Ihnen helfen. Kam da nicht etwas mit der Post?«

»Mit der Post?«

»Ja, eine Dose zum Beispiel.«

»O ich kann nicht mehr –«

Holmes murmelte noch wenige zusammenhanglose Worte, dann war es still. Er schien in Ohnmacht gesunken. Nach einer kleinen Weile rief Herr Smith: »Holmes, Holmes!« und es hörte sich wieder so an, als schüttele er den Sterbenden. Ich mußte mit aller Macht an mich halten, um nicht aus meinem Versteck hervor und dem Rohling an den Hals zu springen.

»Sie müssen mich hören!« schrie er. »Erinnern Sie sich an die Dose? Eine Elfenbeindose? Sie kam am Donnerstag, Sie haben Sie aufgemacht, entsinnen Sie sich?«

»Ja, ja – aufgemacht. Da war eine Sprungfeder drin. Ein Scherz –«

»Alles andere als ein Scherz! Verlassen Sie sich darauf. Sie Narr, Sie wollten es ja nicht anders haben. Nun haben Sie es. Wer hat Ihnen befohlen, meine Wege zu kreuzen? Hätten Sie mich in Ruhe gelassen, dann hätte ich Ihnen nichts getan.«

»Ich erinnere mich«, stöhnte Holmes. »Die Feder! Sie hat mich in den Finger gestochen. Die Dose – da steht sie auf dem Tisch.«

»Da ist sie ja! Wahrhaftig meine Dose. Ich werde sie mitnehmen, sie wäre Ihr einziges Beweisstück. Aber Sie kennen jetzt die Wahrheit, Holmes, und Sie sterben mit dem Wissen, daß ich Sie töte. Sie wußten zu viel vom Schicksal Viktor Savages, also müssen Sie es jetzt mit ihm teilen. Sie sind Ihrem Ende sehr nahe, Holmes. Ich will hier Platz nehmen und vollends zusehen, wie Sie sterben.«

Ich hörte einen Stuhl rücken. Dann nach einer Weile ein leises Flüstern von Holmes.

»Was soll ich tun?« fragte Smith. »Das Gas aufdrehen? Aha, Sie sehen schon die Schatten sich herniedersenken. Ja, ich will hell machen, damit ich Sie besser sehen kann.« Er schritt durchs Zimmer, und plötzlich wurde es hell. »Kann ich Ihnen irgend sonst noch einen kleinen Dienst erweisen, Holmes?«

»Eine Zigarette und ein Streichholz.«

Ich hätte hinter dem Bett beinahe aufgeschrien vor Freude und Staunen: Holmes sprach mit seiner gewöhnlichen Stimme. Vielleicht etwas leiser als sonst, aber es war die alte, mir so gut bekannte Stimme wieder. Eine lange Pause trat ein, und ich fühlte, daß Culverton Smith in stummem Staunen dastand und auf meinen Freund hernieder sah.

»Was soll das bedeuten?« hörte ich ihn endlich fragen, mit trockener, harter Stimme.

»Die beste Methode, eine Rolle zu spielen,« sagte Holmes, »ist die, die Rolle zu leben. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich seit drei Tagen weder Speise noch Trank angerührt habe, bis Sie mir vorhin das Glas Wasser reichten. Das war gütig von Ihnen. Aber den Tabak vermißte ich am meisten. Ah, da sind ja wahrhaftig Zigaretten!« Ich hörte, wie ein Zündholz angestrichen wurde. »Jetzt ist mir schon viel besser. Hallo – hallo! Höre ich nicht den Schritt eines Freundes?«

Draußen wurden in der Tat Schritte vernehmbar, die Tür ging auf, und herein trat Inspektor Morton.

»Es hat alles geklappt, und das hier ist Ihr Mann,« sprach Holmes.

Der Beamte erfüllte die vom Gesetz verlangte Förmlichkeit. »Ich verhafte Sie, Culverton Smith,« sagte er, »unter Anklage des Mordes an einem gewissen Viktor Savage.«

»Und Sie können hinzufügen: ›des versuchten Mordes an einem gewissen Sherlock Holmes‹,« setzte mein Freund hinzu. »Um mir krankem Mann die Mühe zu ersparen, hatte Herr Smith die Liebenswürdigkeit, selbst das verabredete Zeichen zu geben und das Gas voll aufzudrehen. Ihr Gefangener hat übrigens in der rechten Tasche seines Überziehers eine kleine Dose, die Sie ihm besser abnehmen. Danke Ihnen. Seien Sie vorsichtig mit dem Ding, da sitzt der Teufel drin. Stellen Sie’s dort auf den Tisch. Das ist ein wichtiges Beweisstück, Inspektor.«

Ich hörte plötzlich Lärm und Durcheinander, dann das scharfe Klicken von Stahl und einen Schmerzensschrei.

»Sie tun sich nur unnötig weh,« sagte der Inspektor. »Am besten für Sie, wenn Sie ganz ruhig bleiben und hier keine Zicken machen.«

»Das ist eine nette Falle,« schrie Smith voll Wut. »Das wird Sie vors Gericht bringen, Holmes, und nicht mich! Er hat mich bitten lassen, hierher zu kommen, um ihn zu heilen. Er tat mir leid, und ich kam sofort. Jetzt wird er wahrscheinlich behaupten, ich hätte hier Dinge gesagt, die seinen irrsinnigen Verdacht bestätigen. Sie mögen lügen, so viel Sie wollen, Holmes – mein Wort wiegt genau so schwer wie das Ihrige!«

»Donnerwetter!« rief Holmes, »den armen Teufel habe ich ja ganz vergessen. Watson, komm‘ hervor, ich bitte tausendmal um Entschuldigung. Daß ich dich so ganz vergessen konnte! Herrn Smith brauche ich dich nicht erst vorzustellen, da du ihn ja vor kurzem erst selber kennen lerntest. Haben Sie einen Wagen unten, Inspektor? Sobald ich mich angezogen, möchte ich Ihnen folgen, denn ich kann Ihnen noch einiges Wichtige sagen, wenn wir auf Ihrer Station sind.«

Während Holmes sich ankleidete, reichte ich ihm Biskuits mit Rotwein. »Nie im Leben habe ich so etwas nötiger gehabt,« sagte er und aß gierig. »Aber du weißt ja, ich bin keine Regelmäßigkeit gewohnt, und so eine Hungerkur bedeutet für mich weniger als für die meisten anderen. Es war besonders wichtig, daß ich Frau Hudson meinen kranken Zustand überzeugend vortäuschte, denn die sollte dir davon erzählen, und du wiederum ihm. Du darfst nicht verletzt sein, Watson. Unter deinen vielen Fähigkeiten fehlt die Kunst der Verstellung völlig, und wenn du an meine Krankheit nicht geglaubt hättest, dann wäre es dir nie gelungen, Herrn Smith hierherzulocken. Davon aber hing alles ab. Mir war sein rachsüchtiger Charakter bekannt, und daß es ihm eine Befriedigung sein würde, zu beobachten, wie ich an seiner Bazilleninfektion sterbe.«

»Aber dein geisterhaftes Aussehen, Holmes! Man kann Delirium vortäuschen, aber doch nicht –«

»Weißt du, drei Tage fasten, das heißt also nahezu verschmachten, verschönert niemanden. Im übrigen habe ich einiges ja auch schon mit dem Schwamm abgewaschen. Mit Vaseline, auf die Stirn geschmiert, Belladonna, in die Augen geträufelt, Schminke auf den Backen und Wachs an den Lippenrändern kann man einen ganz netten Eindruck erzielen. Mit der Kunst der Simulation habe ich mich viel beschäftigt und schreibe vielleicht noch einmal eine Monographie darüber. Ein paar unsinnige gelegentliche Worte über halbe Kronen, Austern oder sonst etwas Verrücktes täuschen selbst dem Arzt Delirium vor.«

»Aber weshalb wolltest du nicht, daß ich dir nahe käme, wo doch keine Ansteckung zu befürchten war?«

»Kannst du das fragen, Watson? Glaubst du, ich hätte so wenig Achtung vor deinen medizinischen Kenntnissen? Dir wäre es doch sofort aufgefallen, da ein Sterbender keine normale Temperatur und keinen normalen Puls haben kann. So schwach ich auch war, du wolltest mich ja untersuchen, und beides hättest du zu deiner Überraschung festgestellt. Auf vier Schritt Entfernung konnte ich dich täuschen. Auf die Nähe aber nicht. Und wer hätte mir denn meinen Smith herbeigeholt? – Nein, Watson, ich würde die Dose lieber stehen lassen. Unter dem Deckel an der Seite siehst du ein kleines Loch. Wenn du den Deckel abschraubst, fährt da eine Nadelspitze heraus. Auf solch eine Art muß er seinen Neffen umgebracht haben, der zwischen ihm und einer Erbschaft stand. Ich bin aber berufsmäßig mißtrauisch, und als die Dose mit der Post ankam, roch ich Lunte. Der Trick ist nicht neu genug. Aber nun kam mir sofort der Gedanke, daß, wenn ich mich so stellte, als sei sein Anschlag gelungen, ich ihn fangen könne und er ein Geständnis von sich gebe. Es hat wunderbar geklappt, Watson. Aber bitte, gib mir noch einmal die Biskuits her! Ich habe ja drei Tage Essen gut!«

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads