Die Reise zum Mittelpunkt der Erde

Sechsunddreißigstes Capitel.


Sechsunddreißigstes Capitel.

Verschlagen.

Hier endigt mein Tagebuch, wie ich’s oben nannte, das ich glücklich aus dem Schiffbruch gerettet habe. Ich fahre in meiner Erzählung fort, wie oben.

Was beim Scheitern des Flosses an den Felsen der Küste vorging, kann ich nicht sagen. Ich fühlte, daß ich in die Wogen stürzte; daß ich aber dem Tod entrann, daß nicht mein Körper an den spitzen Felsen zerrissen ward, verdanke ich dem starken Arm unseres Hans.

Der muthige Isländer trug mich aus dem Bereich der Wellen auf glühenden Sand, wo ich mich an der Seite meines Oheims fand.

Darauf begab er sich wieder zu den Felsen, in die tobenden Wellen, um etwas von der Habe aus dem Schiffbruch zu retten. Ich vermochte nicht zu reden; ich war von Gemüthsbewegungen und Strapazen gebrochen; ich bedurfte eine volle Stunde, um mich zu erholen.

Inzwischen regnete es fortwährend, wie bei der Sündfluth. Einige überhängende Felsen boten uns Schutz gegen diese Ströme. Hans bereitete ein Mahl, das ich nicht anrühren konnte, dann verfielen wir alle, erschöpft vom Wachen durch drei Nächte, in einen schmerzvollen Schlaf.

Am folgenden Tag war prachtvolles Wetter. Himmel und Meer hatten sich friedlich geeinigt. Jede Spur von Gewitter war verschwunden. Der Professor begrüßte mich beim Erwachen. Er war fürchterlich munter.

»Nun, lieber Junge, hast Du gut geschlafen?«

Hätte man nicht denken sollen, wir befänden uns in dem Hause der Königsstraße, ich käme da ruhig zum Frühstück herab, meine Hochzeit mit Gretchen solle heute gefeiert werden?

Ach! wäre das Floß vom Sturm nach Osten verschlagen worden, so wären wir unter Deutschland gefahren, unter meine Vaterstadt Hamburg, unter die Straße, wo mein Liebstes auf der Welt weilt. Dann wären wir kaum vierzig Meilen von einander! aber vertikal durch eine Granitwand, und in Wirklichkeit mehr als tausend Meilen getrennt!

Alle diese schmerzlichen Gedanken durchliefen meinen Geist, bevor ich auf meines Oheims Fragen antworten konnte.

»Nun, wiederholte er, Du hast wohl nicht Lust zu antworten, ob Du gut geschlafen hast?

– Sehr gut, erwiderte ich; ich bin noch ganz zerschlagen; aber das thut nichts.

– Gar nichts, ein wenig Ermüdung, das ist Alles.

– Aber Sie scheinen recht lustig diesen Morgen, lieber Oheim.

– Voll Freude, mein Junge! entzückt! Wir sind angelangt.

– Am Ziel unserer Reise?

– Nein, aber am Ende dieses Meeres, das kein Ende nehmen wollte. Jetzt werden wir wieder den Landweg einschlagen, daß wir wirklich in’s Innere der Erde dringen.

– Lieber Oheim, erlauben Sie mir eine Frage.

– Das Fragen ist Dir vergönnt, Axel.

– Und die Rückreise?

– Die Rückreise! Denkst Du an Rückkehr, ehe wir angekommen sind?

– Nein, ich will nur fragen, wie sie ausgeführt werden soll.

– Auf die einfachste Weise, die es giebt. Sind wir einmal im Centrum unseres Erdballs angekommen, so finden wir entweder einen neuen Weg, um auf seine Oberfläche zurückzukehren, oder wir gehen ganz ruhig den Weg, welchen wir gekommen sind, wieder zurück. Ich denke wohl, man wird nicht hinter uns die Pforten schließen.

– Dann muß man das Floß wieder in guten Stand setzen.

– Nothwendig.

– Aber werden die Lebensmittel ausreichen, um alles dies Große zu vollenden?

– Ja, gewiß. Hans ist ein tüchtiger Bursche, der hat gewiß den größten Theil der Ladung gerettet. Uebrigens wollen wir uns dessen versichern.«

Wir verließen diese, jedem Luftzug ausgesetzte Grotte. Ich hatte eine Hoffnung, die zugleich eine Besorgniß war; es schien mir unmöglich, daß nicht bei dem fürchterlichen Anprallen des Flosses die ganze Ladung zu Grunde ging. Ich irrte mich. Bei meiner Ankunft am Ufer bemerkte ich Hans mitten in einem Haufen von Gegenständen, die er hübsch geordnet hatte. Mein Oheim drückte ihm die Hand mit lebhaftem Bezeugen seiner Erkenntlichkeit. Dieser Mensch, von übermenschlicher Hingebung beseelt, wie man nicht leicht einen anderen finden würde, hatte, während wir schliefen, gearbeitet, und mit Lebensgefahr die werthvollsten Gegenstände gerettet.

Wir hatten zwar ziemlich erhebliche Verluste erlitten, z.B. unserer Waffen; aber schließlich konnte man dieselben entbehren. Der Pulvervorrath war unversehrt geblieben, nachdem wir während des Gewitters beinahe wären in die Luft gesprengt worden.

»Nun, rief der Professor, da die Gewehre mangeln, so brauchen wir nicht mehr zu jagen.

– Gut; aber die Instrumente?

– Hier ist der Manometer, das nützlichste von allen, für welches ich die anderen sämmtlich hingegeben haben würde. Mit seiner Hilfe kann ich die Tiefe berechnen, und wissen, wann wir das Centrum erreicht haben werden. Ohne dasselbe würden wir riskiren, drüber hinaus zu dringen und bei den Antipoden wieder herauszukommen!«

Diese Heiterkeit war arg.

»Aber der Compaß? fragte ich.

– Da ist er, auf diesem Felsen, in vollkommenem Zustand, sowie der Chronometer und die Thermometer. Ja, der Jäger ist ein werthvoller Mensch!«

Das mußte man wohl anerkennen; in Hinsicht der Instrumente fehlte nichts. An Werkzeug und Geräthen bemerkte ich auf dem Sande auseinander gelegt, Leitern, Stricke, Hauen, Hacken u.s.w.

Doch waren auch noch die Lebensmittel in Betracht zu nehmen.

»Und die Provision? sagte ich.

– Sehen wir nach«, erwiderte mein Oheim.

Die Kisten, welche sie enthielten, befanden sich am Ufer in wohl erhaltenem Zustand; das Meer hatte sie zum größten Theile verschont, und im Ganzen konnte man an Zwieback, Fleisch, Branntwein und Fischen noch auf vier Monate zu leben haben.

»Vier Monate! rief der Professor. Wir haben daran Zeit genug, hin und zurück zu kommen, und mit dem Reste will ich allen meinen Collegen am Johanneum ein großes Diner geben!«

Ich hätte seit langer Zeit an das Temperament meines Oheims gewöhnt sein können; und dennoch setzte mich dieser Mann stets in Erstaunen.

»Jetzt, sagte er, wollen wir unseren Wasservorrath mit dem Regen ergänzen, welcher bei dem Gewitter in alle Granitbassins gefallen ist; demnach haben wir nicht zu besorgen, Durst leiden zu müssen. Das Floß mag Hans auf’s Beste wieder herstellen, obgleich wir, denk‘ ich, es nicht mehr gebrauchen werden.

– Wie so? rief ich aus.

– Es ist so meine Idee. Ich denke, wir werden nicht denselben Weg, den wir gekommen sind, zur Rückkehr brauchen.«

Ich betrachtete den Professor mit einigem Mißtrauen. Ich fragte mich, ob er nicht ein Narr geworden sei.

»Jetzt wollen wir frühstücken«, fuhr er fort.

Nachdem er dem Jäger seine Anweisung gegeben, begleitete ich ihn auf ein hohes Cap. Hier nahmen wir eine treffliche Mahlzeit ein, die aus getrocknetem Fleisch, Zwieback und Thee bestand, und, ich muß gestehen, die beste war, welche ich je in meinem Leben genossen habe. Das Bedürfniß, die frische Luft, die Ruhe nach den Erschütterungen, Alles trug dazu bei, mir Appetit zu machen.

Während des Frühstücks richtete ich an meinen Oheim die Frage, wo wir uns eben befänden.

»Es scheint mir dies, sagte ich, schwer zu berechnen.

– Genau zu berechnen, ja, erwiderte er; das ist wohl nicht möglich, weil ich während der drei Gewittertage nicht im Stande war, die Schnelligkeit und die Richtung unseres Fahrzeugs zu notiren; doch können wir durch Schätzung unsere Lage aufnehmen.

In der That war die letzte Beobachtung am Inselchen des Geyser angestellt worden.

– Am Eiland Axel, lieber Junge. Lehne die Ehre nicht ab, der ersten im Innern des Erdbaues entdeckten Insel Deinen Namen zu geben.

– Meinetwegen! auf dem Eiland Axel hatten wir ungefähr zweihundertundsiebzig Meilen zur See gemacht, und wir befanden uns über sechshundert Meilen von Island entfernt.

– Gut! Von diesem Punkt ausgehend wollen wir vier Tage Sturm rechnen, während dessen unsere Geschwindigkeit nicht geringer sein konnte, als achtzig Meilen in vierundzwanzig Stunden.

– Ich denke. Das gäbe also dreihundert Meilen weiter.

– Ja, und das Meer Lidenbrock mäße also fast sechshundert Meilen von einem Ufer zum andern! Verstehst Du wohl, Axel, daß es an Größe sich mit dem Mittelländischen messen kann?

– Ja! zumal wenn wir’s nur der Breite nach gemessen haben!

– Das ist wohl möglich!

– Und, merkwürdiger Umstand, fügte ich bei, sind unsere Berechnungen genau, so haben wir jetzt dieses Mittelländische Meer über unserm Kopf.

– Wirklich!

– Wirklich, denn wir sind bei neunhundert Meilen von Rykjawik entfernt!

– Das ist ein hübsches Stück Wegs, lieber Junge; doch ob wir nun vielmehr unter’m Mittelländischen Meer sind, als unter der Türkei oder dem Atlantischen, darüber läßt sich nur dann eine Behauptung aussprechen, wenn wir von unserer Richtung nicht abgekommen sind.

– Nein, der Wind schien sich gleich zu bleiben; ich denke also, dieses Uferland müsse südöstlich von Gretchen-Hafen liegen.

– Gut, es ist leicht, sich durch den Compaß davon zu überzeugen. So wollen wir ihn befragen.«

Der Professor ging zu den Felsen, worauf Hans die Instrumente niedergelegt hatte. Er war heiter, lustig, rieb sich die Hände! wahrhaftig wie ein Jüngling! Ich folgte ihm, sehr begierig zu wissen, ob ich in meiner Schätzung nicht irre.

Als wir an dem Felsen ankamen, nahm mein Oheim den Compaß, legte ihn horizontal und beobachtete die Nadel, die nach einigem Schwanken in fester Stellung blieb nach Maßgabe des magnetischen Einflusses.

Mein Oheim schaute, dann rieb er sich die Augen und schaute von Neuem. Endlich wendete er sich voll Erstaunen nach mir hin.

»Was ist los?« fragte ich.

Er deutete mir an, das Instrument zu untersuchen. Es entfuhr mir ein Ausdruck der Ueberraschung. Die Nadel zeigte Norden da, wo wir Süden vermutheten! Sie drehte sich nach dem Ufer zu, anstatt auf’s volle Meer hinzuweisen!

Ich schüttelte den Compaß, untersuchte ihn; er war in vollkommenem Zustand. In welche Lage man die Nadel bringen mochte, sie nahm hartnäckig die unerwartete Richtung.

Also, es war kein Zweifel mehr – während des Sturms war der Wind umgeschlagen, was wir nicht bemerkt hatten, und hatte das Floß nach dem Ufer zurückgeführt, welches mein Oheim hinter sich zu lassen meinte.

Siebenunddreißigstes Capitel.


Siebenunddreißigstes Capitel.

Ein Gebeinfeld.

Die wechselnden Gefühle, welche den Professor Lidenbrock peinigten, Bestürzung, Unglauben und endlich Zorn, kann ich unmöglich schildern. Nie hab‘ ich einen Menschen so haltungslos anfangs, dann so gereizt gesehen. Die Beschwerden der Ueberfahrt, die bestandenen Gefahren, Alles war von Neuem vorzunehmen! Wir waren rückwärts, anstatt voran gekommen.

Aber mein Oheim gewann rasch wieder die Oberhand.

»Ah! was für einen Streich hat mir das Verhängniß gespielt! Die Elemente verschwören sich wider mich! die Luft, das Feuer und Wasser vereinigen ihre Kräfte, meine Fahrt zu hindern! Nun gut! Man soll erfahren, was meine Willenskraft vermag. Ich werde nicht nachgeben, nicht eine Linie weit zurückweichen, und wir werden sehen, wer die Oberhand bekommen wird, der Mensch oder die Natur!«

Auf dem Felsen stehend, gereizt, drohend schien Otto Lidenbrock gleich dem wilden Ajax die Götter herauszufordern. Aber ich hielt für angemessen mich in’s Mittel zu legen, um den unsinnigen Jähzorn zu zügeln.

»Hören Sie mich an, sagte ich zu ihm in festem Ton. Jeder Ehrgeiz hat hienieden seine Grenzen; gegen das Unmögliche soll man nicht ankämpfen; für eine Seereise sind wir zu schlecht ausgerüstet; fünfhundert Meilen macht man nicht auf einem schlechten Gebund Balken mit einer Bettdecke anstatt Segel, einer Stange anstatt des Masts, und den entfesselten Winden gegenüber. Wir können nicht das Fahrzeug lenken, sind ein Spielball der Stürme: es wäre Narrheit zum zweiten Male diese unmögliche Ueberfahrt zu versuchen!«

Zehn Minuten lang konnte ich solche unwiderlegbare Gründe der Reihe nach anführen, ohne unterbrochen zu werden, aber das kam einzig von der Unaufmerksamkeit des Professors, der kein Wort meiner Beweisführung hörte.

»Zum Floß!« rief er.

Dies war seine Antwort. Ich mochte thun, was ich wollte, bitten, zornig werden, ich stieß wider einen Willen, der härter war als Granit.

Hans war eben mit der Ausbesserung des Flosses fertig geworden. Man hätte meinen können, der seltsame Mensch habe eine Ahnung von den Projecten meines Oheims. Mit einigen Stücken Surtarbrandur hatte er das Fahrzeug wieder fest gemacht. Ein Segel war schon wieder aufgesteckt und der Wind spielte in seinen wallenden Falten.

Der Professor sagte dem Führer einige Worte, und sogleich brachte dieser das Gepäck an Bord und machte Alles zur Abfahrt fertig. Die Atmosphäre war ziemlich rein und der Wind hielt sich gut aus Nordwest.

Was konnte ich machen? Allein mich zweien widersetzen? Unmöglich. Wäre nur Hans auf meiner Seite gewesen. Aber nein. Es schien, als habe der Isländer allen persönlichen Willen aufgegeben und ein Gelübde der Selbstverleugnung gethan. Von einem Diener, der so seinem Herrn leibeigen war, konnte ich nichts erlangen. Ich mußte mit vorwärts.

Ich war also im Begriff meinen gewohnten Platz auf dem Floß einzunehmen, als mein Oheim mich mit der Hand anhielt.

»Wir fahren erst morgen ab«, sagte er.

Ich machte eine Bewegung, wie Einer, der sich in Alles ergiebt.

»Ich darf nichts versäumen, fuhr er fort, und weil das Verhängniß mich auf diese Seite der Küste getrieben hat, so will ich sie erst untersuchen, ehe ich sie verlasse.«

Diese Bemerkung wird man verstehen, wenn man weiß, daß wir zwar an die Nordküste zurückgekommen waren, aber nicht an die nämliche Stelle, wo wir früher abfuhren. Gretchen-Hafen mußte westlicher liegen. Also nichts natürlicher, als die Umgebung, wo wir an’s Land getrieben waren, sorgfältig zu untersuchen.

»So wollen wir auf Entdeckungen ausgehen!« sagte ich. Wir ließen Hans bei seiner Arbeit und machten einen Ausflug. Der Raum zwischen unserem Ruheplatz am Meer und dem Fuß der Vorberge war sehr weit; man konnte eine halbe Stunde gehen, bis man an die Felsenwand kam. Unsere Füße zertraten unzählige Muscheln von allen Formen und Größen, worin die Thiere der ersten Epoche gelebt hatten. Ich bemerkte auch enorme Schildkrötendecken, deren Durchmesser oft über fünfzehn Fuß betrug. Sie gehörten den riesenhaften Glyptodons der Urzeit an. Außerdem war der Boden mit einer großen Menge von Steintrümmern bedeckt, eine Art Steinkiesel, die von den Wellen abgerundet und reihenweise an’s Ufer geschichtet waren. Ich wurde dadurch auf die Bemerkung geleitet, daß das Meer ehemals diesen Raum bedeckt haben müsse. Auf den zerstreuten Felsen, welche jetzt außer Berührung mit dem Meere sind, hatten die Fluthen deutliche Spuren gelassen.

Dies konnte bis auf einen gewissen Punkt das Dasein dieses Meeres vierzig Meilen unter der Erdoberfläche erklären. Aber, meiner Ansicht nach, mußte diese Masse sich allmälig im Innern der Erde verlieren, und sie kam offenbar aus den Gewässern des Oceans her, welche durch irgend eine Spalte eindrangen. Doch mußte man annehmen, daß diese Spalte gegenwärtig verstopft sei, denn sonst würde diese Höhle, oder besser dieser ungeheure Behälter, in ziemlich kurzer Zeit angefüllt worden sein. Vielleicht auch ist dieses Wasser, indem es gegen unterirdische Feuer zu kämpfen hatte, zum Theil verdünstet. Daher die über unserem Kopf schwebenden Wolken und die Entwickelung der Elektricität, welche im Innern des Erdkerns Gewitter erzeugte.

Diese Theorie der Erscheinungen, die wir erlebten, schien mir befriedigend; denn so groß auch die Wunder der Natur sein mögen, sie sind immer durch physische Gründe erklärbar.

Wir gingen also auf einer Art von Niederschlagboden, der, wie alle Erdarten dieser Periode, welche so reichlich auf der Oberfläche des Erdballs verbreitet sind, durch Wasser gebildet wurden. Der Professor untersuchte genau jede Ritze im Felsen. Fand sich eine Oeffnung, so war sie ihm wichtig, ihre Tiefe zu erforschen.

Wir waren eine Meile weit längs dem Ufer des Meeres Lidenbrock gegangen, als der Boden plötzlich ein anderes Aussehen hatte. Er schien durch eine gewaltsame Erhöhung der unteren Schichten umgestürzt und durcheinander geworfen. An manchen Stellen bezeugten Einsenkungen oder Erhebungen eine starke Verrenkung des Grundbaus der Erde.

Wir kamen mit Mühe über diese Granitbrocken, vermischt mit Kiesel, Quarz und Niederschlag aus Anschwemmungen, hinaus, als ein Feld, oder vielmehr eine Ebene mit Gebeinen vor unseren Augen lag. Man konnte es eine ungeheure Todtenstätte nennen, wo die Generationen von zwanzig Jahrhunderten ihren ewig dauernden Staub vermischten. In der Ferne sah man hohe Trümmerhaufen aufgeschichtet, welche bis an die Grenzen des Horizonts reichten, und sich dann in einen zerfließenden Nebel verloren. Hier, auf einer Fläche von etwa drei Quadratmeilen, lag die ganze Geschichte des Thierlebens, welche in dem zu neuen Boden der bewohnten Erde kaum verzeichnet ist, zusammengehäuft.

Doch eine ungeduldige Neugierde riß uns fort. Unsere Füße zertraten geräuschvoll die Reste dieser vorhistorischen Thiere und diese Fossilien, deren seltene und interessante Trümmer die Museen der großen Städte sich streitig machen. Tausend Cuvier hätten nicht ausgereicht, die Skelette der organischen Wesen, welche auf diesem prachtvollen Todtenfeld lagen, wieder zusammenzusetzen.

Ich war bestürzt. Mein Oheim hob seine großen Arme zu dem dichten Gewölk empor, das uns den Himmel vertrat. Sein weit geöffneter Mund, seine unter der Brille hervorleuchtenden Augen, sein Kopfschütteln von oben nach unten, von der Rechten zur Linken, seine ganze Stellung gab ein grenzenloses Erstaunen kund. Er sah vor seinen Augen eine unschätzbare Sammlung von Leptotherium, Mericotherium, Mastodon, Megatherium, Lophodion, und wie alle die urweltlichen Ungeheuer heißen, aufgehäuft zu seinem persönlichen Vergnügen.

Aber wie war sein Erstaunen noch weit größer, als er unter dem Moder organischer Reste einen nackten Hirnschädel fand! Mit zitternder Stimme rief er; »Axel, Axel, ein Menschenkopf!

– Ein Menschenkopf! mein Oheim, erwiderte ich eben so sehr erstaunt.

– Ja, Neffe! Ah! Milne-Edwards! Ah, Quatrefages! Warum seid Ihr nicht, wo ich bin, Otto Lidenbrock!«

Dreiundzwanzigstes Capitel.


Dreiundzwanzigstes Capitel.

Der Hansbach.

Eine Stunde lang überdachte ich in meinem wahnsinnigen Gehirn alle Gründe, welche den phlegmatischen Jäger zum Handeln treiben konnten. Die absurdesten Ideen verwickelten sich in meinem Kopf. Ich glaubte, ich sei im Begriff, ein Narr zu werden!

Doch endlich vernahm man Fußtritte aus der Tiefe des Ganges. Hans kam zurück. Das Licht fing an unstät an den Wänden zu schimmern, dann kam es an der Mündung des Tunnels zum Vorschein. Hans erschien, trat nahe zu meinem Oheim, legte ihm die Hand auf die Schulter und weckte ihn sanft. Er richtete sich auf und rief:

»Was giebt’s?

– Vatten«, erwiderte der Jäger.

Man muß annehmen, daß jeder Mensch, wenn ihn heftige Schmerzen anregen, alle Sprachen versteht. Ich verstand nicht ein einziges Wörtlein dänisch, und doch begriff ich instinctmäßig das Wort unsers Führers.

»Wasser! Wasser! rief ich aus, klaschte mit den Händen, geberdete mich wie wahnsinnig.

– Wasser! wiederholte mein Oheim. ‚Hwar?‘ fragte er den Isländer.

– Nedat«, antwortete Hans.

Wo? Unten! Ich verstand Alles. Ich ergriff des Jägers Hand und drückte sie; er sah mich ruhig an.

Ohne uns mit Vorbereitungen aufzuhalten, waren wir flugs auf dem Weg, in einem Gang von zwei Fuß Fall per Klafter.

Nach einer Stunde hatten wir bei tausend Klaftern zurückgelegt und waren zweitausend Fuß abwärts gekommen.

In diesem Augenblick vernahm ich deutlich einen ungewohnten Ton seitwärts in der Granitwand, eine Art dumpfes Brausen gleich fernem Donner. Während der ersten halben Stunde unsers Wegs, da wir noch nicht auf die angekündigte Quelle stießen, überkam mich wieder die Angst; nun aber belehrte mich mein Oheim über den Ursprung des Geräusches, welches man vernahm.

»Hans hat sich nicht geirrt, sagte er; was Du da hörst, ist das Rauschen eines Baches.

– Ein Bach? rief ich aus.

– Ohne allen Zweifel. Ein unterirdischer Fluß strömt in unserer Nähe!«

Wir beschleunigten unsere Schritte, von Hoffnung gespornt. Ich fühlte keine Müdigkeit mehr. Bereits das Rauschen eines murmelnden Wassers erquickte mich. Es wurde merklich stärker. Nachdem wir den Bach lange Zeit über unserm Kopf gehört, floß er jetzt in der linken Seitenwand, brausend und sprudelnd. Ich hielt öfters meine Hand wider den Felsen, in Hoffnung, Spuren von durchsickernder Feuchtigkeit zu finden. Aber vergebens.

Eine halbe Stunde verfloß noch. Eine halbe Lieue wurde noch zurückgelegt.

Es zeigte sich nun klar, daß der Jäger, als er abwesend war, sein Suchen nicht weiter hatte fortsetzen können. Geleitet von einem den Bergbewohnern eigenthümlichen Instinct, erkannte er im Gefühl diesen Bach durch den Felsen hindurch, gesehen aber hatte er das köstliche Naß sicherlich nicht, seinen Durst nicht damit gestillt.

Bald ergab sich auch, daß wir, wenn wir weiter fort gingen, uns von dem fließenden Wasser, dessen Rauschen schwächer zu werden anfing, wieder entfernen würden.

Wir gingen also wieder zurück. Hans blieb genau an der Stelle stehen wo der Bach am nächsten zu sein schien.

Ich setzte mich neben der Wand nieder, während das Wasser in einer Entfernung von zwei Fuß sehr reißend strömte. Aber eine Granitwand trennte uns noch.

Ohne nachzudenken, ohne mich zu fragen, ob es nicht irgend ein Mittel gebe, dieses Wasser sich zu verschaffen, gab ich mich im ersten Augenblick einer Verzweiflung hin.

Hans sah mich an, und ich glaubte ein Lächeln auf seinen Lippen zu bemerken.

Er stand auf und nahm seine Lampe. Ich folgte ihm nach. Er ging nach der Wand hin; ich sah ihm zu, was er machte. Er hielt sein Ohr ganz nahe an den bloßen Stein, fuhr mit demselben daran vorbei, sorgfältig lauschend. Ich begriff, daß er genau die Stelle suchte, wo man den Bach am lautesten rauschen hörte. Diese Stelle fand er in der linken Wand, drei Fuß über dem Boden.

Ich war in großer Bewegung! Ich wagte nicht zu rathen, was der Jäger thun würde. Aber ich konnte nicht umhin, ihn zu begreifen, zu beglückwünschen, mit Liebesbezeigungen zu überschütten, als ich ihn zur Spitzhaue greifen sah, um sich an den Felsen selbst zu machen.

»Retten Sie! rief ich aus.

– Ja, wiederholte mein Oheim wie wahnsinnig, Hans hat Recht! Der wackere Jäger! Wir wären nicht darauf gekommen!«

Ich glaub’s wohl! So einfach ein solches Mittel auch war, es wäre uns nicht in den Sinn gekommen. Es war doch höchst gefährlich, mit der Hacke in dies Gerüste des Erdballs einzuhauen? Es konnte ein Einsturz erfolgen, der uns zermalmte! Der Bach konnte, nachdem er durchgebrochen, uns verschlingen. Diese Gefahren hatten nichts Grillenhaftes; aber damals konnte die Besorgniß vor Einsturz oder Ueberschwemmung uns nicht abhalten, denn unser Durst war stark.

Hans machte sich an die Arbeit, die weder mein Oheim, noch ich fertig gebracht hätte. Die Ungeduld hätte uns die Hand geführt, so daß der Felsen unter wiederholten Schlägen zertrümmert worden wäre. Der Führer dagegen, ruhig und bedächtig, hieb den Felsen mit öfter wiederholten kleinen Schlägen an, und grub so ein sechs Zoll breites Loch. Es dauerte nicht lange, so war die Haue schon zwei Fuß in die Granitwand gedrungen. Die Arbeit währte über eine Stunde. Ich zappelte vor Ungeduld! Mein Oheim wollte es mit Macht angreifen; ich konnte ihn kaum zurückhalten, und schon griff er zur Haue, als man plötzlich ein Zischen vernahm. Ein Wasserstrahl brach aus der Wand vor, und schlug wider die Wand der entgegengesetzten Seite.

Hans, den der Stoß bald umgeworfen hätte, konnte einen Schmerzensschrei nicht unterdrücken. Ich begriff es, als ich meine Hände in den Strahl tauchte, und schrie ebenfalls laut auf. Das Wasser war siedend heiß.

»Das Wasser ist hundert Grad heiß! rief ich.

– Nun, es wird schon kalt werden«, erwiderte mein Oheim.

Der Gang füllte sich mit Dämpfen, und es entstand ein Bach, der sich in Krümmungen verlief; wir konnten bald unsern Trunk daraus schöpfen.

Ach! welche Lust! welch‘ unvergleichliche Erquickung! Woher kam das Wasser? daran lag wenig. Es war Wasser, das, wenn auch warm, das schon entschwindende Leben doch dem Herzen wieder zuführte. Ich trank ohne einzuhalten, ohne nur zu kosten.

Erst nachdem ich mich eine Minute erquickt, rief ich aus: »Aber das Wasser ist eisenhaltig!

– Das ist für den Magen vortrefflich, versetzte mein Oheim; und es hat viel Mineralgehalt! Es könnte eine Reise nach Spaa oder Teplitz sparen!

– Und wie gut schmeckt’s!

– Ich glaub’s wohl, ein Wasser, das man zwei Meilen unter der Erde schöpft. Es hat einen Tintengeschmack, doch nichts Unangenehmes. Hans hat uns da eine famose Erquickungsquelle verschafft. Darum schlag ich auch vor, dem heilsamen Bach seinen Namen zu geben.

– Gut!« rief ich aus.

Und der Name »Hansbach« wurde gleich angenommen.

Hans ward dadurch nicht stolzer. Nachdem er sich ein wenig erquickt, setzte er sich mit gewohnter Ruhe in einen Winkel.

»Jetzt, sagte ich, sollte man dies Wasser nicht sich verlaufen lassen?

– Zu welchem Zweck? erwiderte mein Oheim, ich vermuthe, die Quelle ist unerschöpflich.

– Gleichviel! Füllen wir unseren Schlauch und die Flaschen, und versuchen dann die Oeffnung zu stopfen.«

Man folgte meinem Rath. Hans versuchte mit Granitsplittern und Werch die gehauene Oeffnung zu stopfen. Das war nicht leicht, weil man sich die Hände verbrannte, ohne den Zweck zu erreichen. Der Druck war zu stark und die Versuche mißglückten.

»Offenbar liegt die Quelle dieses Stromes sehr hoch.

– Ohne Zweifel, versetzte mein Oheim. Wenn dieser Wasserstrahl aus einer Höhe von zweiunddreißigtausend Fuß kommt, so ist’s ein Druck von tausend Atmosphären. Aber es fällt mir etwas ein.

– Was?

– Warum setzen wir uns in den Kopf die Oeffnung zu verstopfen?

– Weil …«

Ich war in Verlegenheit, einen Grund zu finden.

»Wenn unsere Flaschen leer sind, werden wir sie wieder füllen können?

– Nein, offenbar.

– Nun, so lassen wir dies Wasser fließen! Es wird seinen natürlichen Lauf abwärts nehmen, uns den Weg zeigen und zugleich erfrischen!

– Ein guter Gedanke! rief ich aus, und in Begleitung dieses Baches haben wir um so mehr Grund für das Gelingen unsers Vorhabens.

– Ah! Jetzt kommst Du darauf, lieber Junge, sagte der Professor lachend.

– Noch besser, ich bin schon darauf.

– Einen Augenblick! Ruhen wir erst einige Stunden aus.«

Ich hatte wirklich vergessen, daß es Nacht war. Der Chronometer zeigte mir’s. Bald verfielen wir, hinlänglich gestärkt und erquickt, in tiefen Schlummer.

Vierundzwanzigstes Capitel.


Vierundzwanzigstes Capitel.

Weiter hinab.

Am folgenden Morgen hatten wir schon die bestandenen Leiden vergessen. Ich war erstaunt, daß ich keinen Durst mehr hatte, und fragte nach dem Grund. Der zu meinen Füßen rieselnde Bach gab mir murmelnd die Antwort.

Man frühstückte und trank dies köstliche Stahlwasser. Ich fühlte mich wieder ganz gekräftigt und entschlossen zur weiteren Reise. Warum sollte ein Mann von Ueberzeugung, wie mein Oheim, nebst einem sinnreichen Führer, wie Hans, und einem »entschlossenen« Neffen, wie ich, nicht zum Ziel gelangen? So schöne Gedanken schlichen nun in meinen Kopf! Hätte man mir jetzt den Vorschlag gemacht, nach der Höhe des Snäfields zurück zu kehren, ich hätte ihn mit Unwillen zurück gewiesen.

Es handelte sich aber nur um’s Hinabsteigen.

»Vorwärts!« rief ich, und rief durch enthusiastische Betonung die alten Echo der Erde wach.

Freitags um acht Uhr frühe wurde die Reise fortgesetzt. Der Granitgang zog sich in krummen Umwegen mit unerwarteten Winkeln labyrinthähnlich hin; doch im Ganzen in der Hauptrichtung nach Südost. Mein Oheim befragte unaufhörlich auf’s Sorgfältigste den Compaß, um über den zurückgelegten Weg klar zu sein.

Die Galerie lief fast horizontal mit höchstens zwei Zoll Fall per Klafter. Der Bach floß zu unseren Füßen gemächlich murmelnd. – Mein Oheim verwünschte das Horizontale der Richtung. Sein Weg zog sich unendlich in die Länge, und anstatt längs dem Erdradius hinabzugleiten, machte er, wie er sich ausdrückte, den Weg der Hypothenuse. Aber wir hatten keine andere Wahl, und so lange man nur abwärts dem Centrum näher kam, wenn auch langsam, durfte man sich nicht beklagen. Doch nahm von Zeit zu Zeit der Fall zu; unser Bach eilte brausend, und wir gelangten mit ihm mehr in die Tiefe.

Im Ganzen lief diesen und den folgenden Tag der Weg meistentheils horizontal, und verhältnißmäßig wenig vertical.

Am 10. Juli, Freitag Abends, mußten wir unserer Schätzung nach uns dreißig Meilen südöstlich von Reykjawik, und in einer Tiefe von zweieinhalb Meilen befinden.

Damals öffnete sich vor unseren Füßen ein etwas erschrecklicher Schacht. Mein Oheim konnte sich nicht enthalten in die Hände zu klatschen, als er die steilen Wände in Berechnung zog.

»Dieser wird uns weit führen, rief er aus, und leicht, denn die Felsenvorsprünge bilden eine wirkliche Leiter!«

Die Stricke wurden von Hans derart verwendet, daß jeder Unfall dadurch verhütet wurde. Wir begannen hinabzusteigen. Ich getraue mir nicht, es gefährlich zu nennen, denn ich war mit dergleichen Uebungen bereits vertraut.

Dieser Schacht war eine enge, in dem Grundbau angebrachte Spalte von der Art, welche man »faille« nennt. Offenbar war derselbe durch Zusammenziehung des Gerippes der Erde zur Zeit ihrer Erkaltung entstanden. Wenn vormals die von dem Snäfields ausgeworfenen Gegenstände durch denselben ihren Weg fanden, so war mir unerklärlich, warum diese keine Spur davon darin zurück ließen. Wir stiegen eine Art von Wendeltreppe hinab, die man für ein Werk menschlicher Hände hätte halten können.

Von Viertelstunde zu Viertelstunde mußte man anhalten, um gehörig auszuruhen, daß unsere Kniekehlen ihre Elasticität wieder gewannen. Man setzte sich dann auf einen Vorsprung und ließ die Beine hängen, man plauderte beim Essen und trank dazu aus dem Bach.

Es versteht sich, daß der Hansbach zum Wasserfall geworden war und sich dabei sein Umfang vermindert hatte; aber er war noch mehr als hinreichend, um unsern Durst zu stillen; übrigens bekam er an minder rauhen Stellen seinen gewöhnlichen ruhigen Lauf.

Am 6. und 7. Juli folgten wir den Windungen dieses Ganges, und drangen dabei wieder zwei Meilen in der Erdrinde weiter vor, das machte fast fünf Meilen unter dem Meeresspiegel. Aber am 8. gegen Mittag bekam derselbe in südöstlicher Richtung einen weit sanfteren Abfall, von etwa fünfundvierzig Grad.

Der Weg wurde sodann bequem und völlig einförmig. Es hätte auch nicht leicht anders sein können; es war keine Landschaft da, welche hätte Abwechselung gewähren können.

Endlich, Mittwoch 15., befanden wir uns sieben Meilen unter der Erde, und etwa fünfzig Meilen vom Snäfields entfernt. Obwohl wir etwas ermüdet waren, so hielt sich doch unsere Gesundheit in gutem Zustand, und die Reise-Apotheke war noch unberührt.

Mein Oheim verzeichnete von Stunde zu Stunde die Angaben des Compasses, des Chronometers, Manometers und Thermometers, dieselben, welche er in dem wissenschaftlichen Bericht von seiner Reise veröffentlicht hat. Er konnte sich daher von seiner Lage genaue Rechenschaft geben. Als er mir mittheilte, wir befänden uns horizontal fünfzig Meilen entfernt, konnte ich einen lebhaften Ausdruck meines Staunens nicht zurückhalten.

»Was hast Du vor? fragte er.

– Nichts, ich machte nur eine Bemerkung.

– Welche, mein Lieber?

– Sind Ihre Berechnungen richtig, so befinden wir uns nicht mehr unter Island.

– Meinst Du?

– Wir können uns leicht davon überzeugen.«

Ich maß mit dem Zirkel auf der Karte.

»Ich irrte nicht, sagte ich. Wir sind über Cap Portland hinaus, und die fünfzig Meilen in südöstlicher Richtung versetzen uns mitten unter’s Meer.

– Unter’m Meer, versetzte mein Oheim und rieb sich die Hände.

– Also, rief ich aus, haben wir den Ocean über unserem Kopf!

– Bah! Axel, ganz natürlich! Ziehen nicht zu Newcastle die Kohlengruben weit unter dem Meere hin?«

Der Professor fand wohl diese Lage sehr einfach; aber der Gedanke, daß ich unter der Masse des Meeres wandelte, machte mir doch etwas Sorge. Jedoch, ob die Ebenen und Gebirge Islands über unserm Kopf waren, oder die Wogen des Atlantischen Meeres, machte im Ganzen wenig Unterschied, wenn nur der Granitbau fest war. Uebrigens gewöhnte ich mich bald an diesen Gedanken; denn der Gang, welcher bald geradaus, bald in Krümmungen launenhaft hinzog, führte doch immer südöstlich und stets weiter in die Tiefe hinab.

Vier Tage darauf, Samstags, 18. Juli, kamen wir Abends in einer Art von geräumiger Grotte an; mein Oheim stellte Hans seine wöchentlichen drei Reichsthaler zu, und es wurde beschlossen, morgen solle Rasttag sein.

Fünfundzwanzigstes Capitel.


Fünfundzwanzigstes Capitel.

Rasttag.

Ich wachte am Sonntag Morgen mit dem gewohnten Gedanken sofortiger Abreise auf. Und, obwohl im tiefsten Abgrund, war es doch immer angenehm. Uebrigens waren wir bereits förmliche Troglodyten geworden, und ich dachte gar nicht mehr an Sonnen- und Mondenschein und Sternenlicht, an Bäume, Häuser, Städte und alle diese Ueberflüssigkeiten des irdischen Lebens, woraus die Leute unter’m Mond sich Nothwendigkeiten geschaffen haben. In unserer Eigenschaft als Fossilien spotteten wir über diese unnützen Wunderdinge.

Die Grotte bildete einen geräumigen Saal. Auf seinem Granitboden floß gemüthlich der treue Bach. So weit von seiner Quelle entfernt hatte sein Wasser keinen höheren Wärmegrad mehr, wie seine Umgebung, so daß man’s leicht trinken konnte.

Nach dem Frühstück verwendete der Professor einige Stunden darauf, seine täglichen Notizen in Ordnung zu bringen.

»Für’s Erste, sagte er, will ich Berechnungen anstellen, um unsere Lage genau aufzunehmen: ich möchte nach unserer Rückkehr eine Karte von unserer Reise entwerfen, eine Art von senkrechtem Erddurchschnitt, welche das Profil der Expedition geben wird.

– Das wird sehr merkwürdig sein, lieber Oheim; aber werden Ihre Aufzeichnungen dafür hinlänglich genau sein?

– Ja. Ich habe die Neigungen und Winkel sorgfältig gemessen, und ich kann mich darauf verlassen, daß ich nicht irre. Sehen wir nun zuerst, wo wir uns befinden. Nimm den Compaß und merke die Richtung, welche er angiebt.«

Ich betrachtete das Instrument, und antwortete, nachdem ich’s genau geprüft:

»Ost-Quart-Süd-Ost.

– Recht! sagte der Professor, indem er die Angabe aufzeichnete, und einige flüchtige Berechnungen hinwarf. Ich entnahm daraus, daß wir fünfundachtzig Meilen seit unserer Abreise zurückgelegt hatten.

– Also reisen wir unter’m atlantischen Meere?

– Ganz richtig.

– Und in diesem Augenblick bricht vielleicht ein Sturm los, und Schiffe werden über unserm Kopf von Sturm und Wogen gerüttelt?

– Wohl möglich.

– Und die Wallfische werden mit ihrem Schwanz wider die Wände unseres Gefängnisses schlagen?

– Sei ruhig, Axel, es wird ihnen nicht gelingen, es zu erschüttern. Aber kehren wir zu unseren Berechnungen zurück. Wir befinden uns im Südosten, fünfundachtzig Meilen vom Snäfields, und meinen Notizen nach in einer Tiefe von sechzehn Meilen.

– Sechzehn Meilen! rief ich aus.

– Allerdings.

– Aber das ist ja die äußerste Linie, welche die Wissenschaft für die Dicke der Erdrinde angenommen hat.

– Ich stelle das nicht in Abrede.

– Und es sollte, nach dem Gesetz für die steigende Temperatur, hier eine Wärme von fünfzehnhundert Grad sein.

– Es ’sollte‘, lieber Junge.

– Und all dieser Granit könnte sich nicht in festem Zustand halten, und wäre in vollem Schmelzen begriffen.

– Du siehst, daß nichts daran ist, und daß, wie gewöhnlich, die Theorien durch die Thatsachen Lügen gestraft werden.

– Ich muß es zugeben, aber es setzt mich doch in Erstaunen.

– Was giebt der Thermometer an?

– Siebenundzwanzig und sechs Zehntel Grad.

– Es fehlen also noch vierzehnhundertvierundsiebenzig Grad und vier Zehntel an dem, was die Gelehrten behaupten. Folglich beruht das verhältnißmäßige Steigen der Temperatur auf einem Irrthum. Folglich irrte Humphry Davy nicht. Folglich darf ich ihm Gehör leihen. Was hast Du darauf zu antworten?

– Nichts.«

Zwar hätte ich viel darauf zu sagen gehabt. Ich ließ die Theorie Davy’s in keiner Hinsicht gelten, ich hielt stets an der Centralwärme fest, obwohl ich ihre Wirkungen nicht spürte. Eher ließ ich wirklich gelten, daß dies Kamin eines erloschenen Vulkans, mit seinem störrigen Lava-Ueberzug die Wärme nicht durch seine Wände dringen ließ.

Aber anstatt mich mit Aufsuchen neuer Beweise aufzuhalten, beschränkte ich mich darauf, die Lage der Dinge zu nehmen, wie sie war.

»Lieber Oheim, fuhr ich fort, ich halte alle Ihre Berechnungen für genau, aber gestatten Sie mir eine strenge Folgerung daraus zu ziehen.

– Thu’s, Lieber, nach Belieben.

– An dem Punkt, wo wir uns befinden, unter der Breite Islands, beträgt der Erdradius ungefähr fünfzehnhundertdreiundachtzig meilen?

– Fünfzehnhundertdreiundachtzig ein Drittel.

– Nehmen wir nun sechzehnhundert Meilen. Von diesen haben wir zwölf zurückgelegt.

– So ist’s.

– Und zwar um den Preis von fünfundachtzig Meilen Diagonale?

– Richtig.

– Binnen zwanzig Tagen etwa?

– Ja.

– Nun machen sechzehn Meilen den hundertsten Theil des Erdradius aus. Fahren wir so fort, so brauchen wir noch zweitausend Tage, oder nächst fünf und ein halb Jahr, um hinunter zu kommen!«

Der Professor hatte nichts darauf zu erwidern.

»Ohne in Anschlag zu bringen, daß, wenn eine verticale Linie von sechzehn Meilen durch eine horizontale von achtzig gewonnen wird, dies achttausend Meilen in südöstlicher Richtung beträgt, und daß man also viel Zeit braucht, um von einem Punkt des Umfangs zum Centrum zu gelangen!

– Zum Teufel mit Deinen Berechnungen! entgegnete mein Oheim zornig. Zum Teufel mit Deinen Hypothesen! Worauf beruhen sie denn? Wer sagt Dir denn, daß dieser Gang nicht direct bis zu unserm Ziel führt? Zudem hab‘ ich zu meinen Gunsten einen Vorgänger. Was ich unternehme, hat schon ein Anderer ausgeführt, und was ihm glückte, wird auch mir glücken.

– Ich hoff‘ es; aber schließlich darf ich doch …

– Du darfst schweigen, Axel, wenn Du in der Weise aburtheilen willst.«

Ich sah wohl, daß der fürchterliche Professor unter der Haut des Oheims wieder zum Vorschein zu kommen drohte, und ich ließ mir’s gesagt sein.

»Jetzt, fuhr er fort, befrage den Manometer. Was zeigt er an?

– Einen sehr bedeutenden Druck.

– Gut. Du siehst, daß, wenn man allmälig abwärts kommt, man sich nach und nach an die dichtere Atmosphäre gewöhnt, so daß man gar nicht darunter zu leiden hat.

– Gar nicht, abgerechnet etwas Ohrenschmerzen.

– Das will nichts heißen, und Du wirst dies Uebel beseitigen, wenn Du die äußere Luft rasch mit der in Deinen Lungen enthaltenen in Verbindung bringst.

– Ganz recht, versetzte ich, entschlossen, meinem Oheim nicht mehr zu widersprechen. Es ist sogar eine rechte Lust, sich in diese dichtere Atmosphäre zu tauchen. Haben Sie bemerkt, mit welcher Stärke sich darin der Ton fortpflanzt?

– Gewiß. Ein Tauber würde da trefflich zum Gehör gelangen.

– Aber diese Dichtheit wird ohne Zweifel zunehmen?

– Ja, nach einem noch wenig festgestellten Gesetz. Es steht richtig, daß die Schwerkraft im Verhältniß, wie man abwärts kommt, geringer wird. Du weißt, daß ihre Wirksamkeit am meisten auf der Erdoberfläche fühlbar ist, und daß im Centrum der Erde die Gegenstände kein Gewicht mehr haben.

– Ich weiß es; aber sagen Sie mir, wird die Luft nicht endlich an Dichtigkeit dem Wasser gleich kommen?

– Allerdings, bei einem Druck von siebenhundertundzehn Atmosphären.

– Und unterhalb dieser Grenze?

– Wird die Dichtigkeit stets zunehmen.

– Wie können wir aber dann abwärts kommen?

– Nun, da stecken wir uns Steine in die Taschen.

– Wahrhaftig, Oheim, Sie haben auf Alles eine Antwort.«

Ich wagte auf dem Feld der Hypothesen nicht weiter vorzugehen; ich wäre vielleicht noch auf eine Unmöglichkeit gestoßen, wobei der Professor außer sich gekommen wäre.

Es war jedoch klar, daß die Luft unter einem Druck, der auf Tausende von Atmosphären steigen konnte, am Ende in einen festen Zustand übergehen würde, und dann mußte man, vorausgesetzt, daß unsere Körper Widerstand zu leisten fähig wären, Halt machen, trotz alles Disputirens auf der Welt.

Aber ich machte diesen Grund gar nicht geltend. Mein Oheim hätte mir abermals seinen Saknussemm vorgehalten. Dieses Beispiel eines Vorgängers ist aber ohne Gewicht, denn hält man auch die Reise des gelehrten Isländers für echt, so gab es doch darauf einen sehr einfachen Einwand.

Im sechzehnten Jahrhundert waren Barometer und Manometer noch nicht erfunden; wie konnte dann Saknussemm sein Anlangen im Mittelpunkt der Erde feststellen?

Aber ich behielt diesen Beweisgrund für mich, und wartete die Ereignisse ab.

Der übrige Theil des Tages verfloß in Berechnungen und Unterhaltungen. Ich war stets mit dem Professor Lidenbrock gleicher Ansicht, und beneidete Hans um seine vollkommene Leidenschaftslosigkeit, indem er, ohne viel nach Ursache und Wirkung zu fragen, sich blind vom Verhängniß leiten ließ.

Sechsundzwanzigstes Capitel.


Sechsundzwanzigstes Capitel.

Verirrt.

Offen gestanden, die Dinge standen bisher gut, und ich durfte mich nicht beklagen. Wenn die Schwierigkeiten nicht »im Durchschnitt« zunahmen, so konnte es nicht fehlen, daß wir unser Ziel erreichten. Und welcher Ruhm dann! Ich war so weit gekommen, daß ich à la Lidenbrock urtheilte. Ernstlich. Gehörte das mit zu der seltsamen Umgebung, worin ich lebte? Vielleicht.

Während einiger Tage führte uns ein vermehrt abschüssiger Weg, der mitunter selbst erschrecklich senkrecht war, tief in’s Innere des Erdkerns. An manchen Tagen kam man eine und eine halbe bis zwei Meilen dem Centrum näher. Das Hinabsteigen war gefährlich, aber die Geschicklichkeit unseres Hans und seine merkwürdige Kaltblütigkeit kamen uns dabei sehr zu statten. Dieser Isländer von unverwüstlichem Gleichmuth opferte sich ohne Umstände auf, und wir hatten es ihm zu danken, daß wir über manchen schlimmen Fall hinaus kamen, was uns allein nicht möglich gewesen wäre.

Während der beiden Wochen nach unserer letzten Unterhaltung fiel nichts besonders Merkwürdiges vor. Nur ein einziges Ereigniß von ernstester Bedeutung ist mir unvergeßlich, und aus gutem Grund. Nicht den kleinsten Umstand dabei hätte ich aus dem Sinn verlieren können.

Am 7. August waren wir allmälig bis zu einer Tiefe von dreißig Meilen gelangt, das heißt über unserem Kopf waren dreißig Meilen an Felsen, Ocean, Festland und Städten. Wir mußten damals zweihundert Meilen von Island entfernt sein.

Diesen Tag zeigte sich im Tunnel sehr wenig Fall.

Ich ging voran. Mein Oheim trug einen der beiden Rühmkorff’schen Apparate, ich den andern. Ich betrachtete die Granitschichten.

Auf einmal, als ich mich umsah, fand ich mich allein.

»Gut, dachte ich, ich bin zu rasch gegangen, oder Hans und mein Oheim sind stehen geblieben. So muß ich sie aufsuchen. Zum Glück geht der Weg nicht merklich aufwärts.«

Ich ging also meinen Weg zurück, eine Viertelstunde lang. Ich sah um mich. Kein Mensch. Ich rief. Keine Antwort. Meine Stimme verhallte unter einer Menge Echo’s, welche sie plötzlich wach rief.

Jetzt ward ich unruhig; es überlief mich ein Schauder am ganzen Körper.

»Nur ruhig, sagte ich laut. Sicherlich werde ich meine Gefährten wieder finden. Es giebt ja nur einen Weg! Da ich voran war, muß ich wieder rückwärts.«

Eine halbe Stunde lang ging ich in dieser Richtung. Ich horchte, ob man mir nicht zuriefe, und in dieser dichten Atmosphäre konnte ich schon von weitem her es hören. Todesstille herrschte in dem unermeßlichen Gang.

Ich blieb stehen. Ich konnte nicht glauben, daß ich mich ganz allein befand. Verirrt wollte ich wohl sein, nicht verloren. Verirrt, da findet man sich wieder.

Ich sagte mir wiederholt: »Da es nur einen Weg giebt und da sie diesen gehen, so muß ich wieder zu ihnen kommen. Ich brauche nur ferner rückwärts zu gehen, es sei denn, daß sie, als sie mich nicht sahen und nicht daran dachten, daß ich vorausging, auf den Gedanken kamen, zurück zu gehen. Nun, selbst in diesem Fall, wenn ich eile, werd‘ ich sie wieder finden. Das ist klar!«

Ich wiederholte mir diese letzten Worte, wie ein Mensch, der nicht überzeugt ist. Uebrigens brauchte ich lange Zeit, um diese so einfachen Gedanken zu verbinden und in Form eines Urtheils zu bringen.

Nun kam mir ein Zweifel. War ich wirklich voran? Gewiß, Hans folgte mir nach hinter meinem Oheim her. Er war sogar einige Augenblicke stehen geblieben, um sein Gepäck auf seiner Schulter wieder zu befestigen. An alles dies erinnerte ich mich. Ich hätte in dem Augenblick weiter gehen müssen.

»Uebrigens, dacht‘ ich, hab‘ ich ja ein sicheres Mittel, mich nicht zu verirren, meinen treuen Bach, der mich in dem Labyrinth leiten kann. Ich brauche nur an ihm aufwärts zurück zu gehen, so muß ich nothwendig meinen Gefährten auf die Spur kommen.«

Diese Gedanken gaben mir wieder Muth, und ich beschloß, ohne einen Augenblick Zeitverlust mich auf den Weg zu machen.

Wie pries ich da meines Oheims Vorsicht, als er den Jäger hinderte, das für die Quelle in die Wand gehauene Loch wieder zuzumachen. Also sollte die heilsame Quelle, nachdem sie uns unterwegs erquickt, mich durch die Irrgänge der Erdrinde hindurch führen.

Bevor ich mich aufmachte, wollte ich mich etwas abwaschen.

Ich bückte mich, um im Hansbach mein Angesicht zu netzen.

Man denke sich meine Bestürzung! Ich griff nur auf dürren und rauhen Granit! Der Bach floß nicht mehr zu meinen Füßen.

Siebenundzwanzigstes Capitel.


Siebenundzwanzigstes Capitel.

Im dunkeln Labyrinth.

Meine Verzweiflung war unbeschreiblich. Kein Wort der menschlichen Sprache könnte meine Gefühle ausdrücken. Ich war lebendig begraben; unter den Qualen des Hungers und Durstes hinzusterben war mein Loos.

Unwillkürlich berührte ich mit meinen brennenden Händen den Boden. Wie trocken schien dieser Fels!

Aber wie hab‘ ich den Lauf des Baches verfehlt? Denn kurz, er war nicht mehr da! Nun begriff ich den Grund der auffallenden Stille, als ich zum letzten Mal horchte, ob nicht ein Ruf meiner Gefährten zu meinem Ohr dringe. Also hatte ich, als ich den ersten unvorsichtigen Schritt auf diesem Wege ging, die Abwesenheit des Baches nicht bemerkt. Offenbar hatte sich der Weg vor mir gabelförmig getheilt, und ich schlug die eine Richtung ein, während der Hansbach, den Launen einer andern folgend, mit meinen Genossen unbekannten Tiefen zueilte!

Wie konnte ich zurückkommen? Spuren gab’s keine. Auf diesem Granit drückte sich der Fuß nicht ein. Ich zerbrach mir den Kopf, die Lösung des unlöslichen Problems zu finden. Meine Lage war in dem einzigen Wort begriffen: verloren!

Ja! Verloren in einer Tiefe, die unermeßlich schien!

Diese dreißig Meilen dicke Erdrinde lastete mit fürchterlichem Gewicht auf meinen Schultern. Ich fühlte mich zermalmt.

Ich versuchte meine Gedanken auf die Angelegenheiten der Oberwelt zu richten. Kaum war es mir möglich. Hamburg, das Haus der Königsstraße, mein armes Gretchen, diese ganze Welt über mir, ging rasch vor meiner verstörten Erinnerung vorüber. In lebhaftem Träumen überblickte ich die Begebnisse der Reise, die Ueberfahrt, Island, Herrn Fridrickson, den Snäfields! Ich sagte mir, wenn ich in meiner Lage noch einen Schatten von Hoffnung bewahrte, sei es ein Zeichen des Wahnsinns, und da sei Verzweiflung noch besser!

In der That, welche Menschenmacht konnte mich auf die Oberfläche der Erde zurück führen, diese enormen Bögen zerspalten, welche sich über meinem Kopfe wölbten? Wer konnte mich auf den Heimweg leiten und mit meinen Gefährten wieder zusammen bringen?

»O! mein Oheim!« rief ich in Verzweiflung.

Dies Wort war der einzige Vorwurf, der über meine Lippen kam, denn ich begriff, was der unglückliche Mann leiden mußte, indem auch er mich suchte.

Als ich mich so von aller menschlichen Hilfe verlassen sah, unfähig, etwas für meine Rettung vorzunehmen, dachte ich an den Beistand des Himmels.

Die Erinnerungen aus meinen Kinderjahren, an meine Mutter, die ich nur in frühesten Jahren gekannt, lebten mir wieder auf. Ich wendete mich zum Gebet, so wenig Ansprüche ich machen konnte, daß Gott, zu dem ich so spät mich wendete, mein heißes Flehen erhören werde. Diese Hinwendung zur Vorsehung machte mich etwas ruhig, und ich vermochte alle meine Geisteskräfte auf meine Lage zu concentriren.

Ich hatte Lebensmittel auf drei Tage, und eine gefüllte Flasche. Länger konnte ich allein nicht existiren. Aber mußte ich auf- oder abwärts?

Aufwärts ohne Zweifel; immer aufwärts!

So mußte ich an die Stelle gelangen, wo ich von der Quelle abgekommen war, zu der unseligen Spaltung des Weges. Dort, hatte ich einmal den Bach zu meinen Füßen, konnte ich immer weiter nach oben, bis zur Höhe des Snäfields gelangen.

Wie hab‘ ich doch nicht früher daran gedacht! Darin lag doch offenbar eine Aussicht auf Rettung. Am dringendsten war’s also, den Hansbach wieder zu finden.

Ich richtete mich auf und ging, auf meinen Stock gestützt, den Gang hinaus. Der Abhang war ziemlich steil. Ich schritt mit Hoffnung und ohne Verlegenheit, wie ein Mensch, der keine andere Wahl hat.

Eine halbe Stunde lang stieß ich auf kein Hinderniß. Ich versuchte, meinen Weg an der Form des Tunnels, an dem Vorsprung gewisser Felsen, an der Eigenthümlichkeit der Krümmungen wieder zu erkennen. Aber es fiel mir durchaus kein besonderes Zeichen auf, und ich erkannte bald, daß mich diese Galerie nicht zu jener Wegespaltung führen konnte. Sie war ohne Ausgang. Ich stieß wider eine undurchdringliche Wand, und fiel auf den Felsboden.

Welch‘ fürchterlicher Schrecken, welche Verzweiflung mich da ergriff, kann ich nicht ausdrücken. Ich war vernichtet. Meine letzte Hoffnung zerschellte an dieser Granitwand.

Verloren in diesem Labyrinth, dessen Irrgänge sich in allen Richtungen kreuzten, konnte ich ein unmögliches Entrinnen nicht mehr versuchen. Ich mußte den jämmerlichsten Tod erleiden! Und seltsamer Weise kam mir in den Sinn, es werde, wenn mein fossil gewordener Körper einmal aufgefunden würde, eine bedeutende wissenschaftliche Streitfrage darüber entstehen, daß man dreißig Meilen im Schooße der Erde ihn vorgefunden!

Ich wollte laut reden, aber es kamen nur rauhe Töne von meinen trockenen Lippen. Ich keuchte.

Mitten in dieser großen Angst befiel ein neuer Schrecken meinen Geist. Meine Lampe hatte beim Fallen Schaden gelitten und ich war nicht im Stande, sie zu repariren. Ihr Licht wurde bleicher und drohte mir auszugehen!

Ich sah, wie der Lichtstrom in der Serpentine des Apparats schwächer wurde. Auf den dunkeln Wänden entwickelte sich eine Procession beweglicher Schatten. Ich wagte nicht mehr, mein Auge zu schließen, in Besorgniß, das geringste Atom dieser entfliehenden Helle zu verlieren! Jeden Augenblick kam mir’s vor, als wolle es erlöschen, und dunkle Nacht würde mich dann umfangen.

Endlich zitterte ein letzter Schimmer in der Lampe. Ich folgte ihm, fing ihn mit den Blicken auf, sammelte alle Kraft meiner Augen auf ihn, als sei das die letzte Lichtempfindung, welche ihnen vergönnt würde, und ich war versenkt in unermeßliche Finsterniß.

Ein fürchterlicher Schrei entfuhr mir! Oben auf der Erde, inmitten des tiefsten Dunkels der Nächte, verliert das Licht niemals ganz seine Rechte! Es ist zerstreut, es ist fein; aber, so wenig davon noch übrig ist, die Netzhaut des Auges faßt es endlich auf! Hier, nichts! Die absolute Dunkelheit machte aus mir einen Blinden in vollem Sinn des Worts.

Nun verlor ich den Kopf. Ich stand auf und streckte die Hände aus, versuchte mit Schmerzen zu tasten. Ich fing an zu fliehen, stürzte in dem wirren Labyrinth auf’s Gerathewohl stets abwärts, wie ein unterirdischer Höhlenbewohner, rief, schrie, heulte, quetschte mich an den Felsenvorsprüngen, fiel und stand blutend wieder auf, stets gewärtig, auf eine nicht bemerkte Wand zu stoßen und mir den Kopf daran zu zerschellen.

So lief ich unsinnig, ohne zu wissen, wohin. Nach einigen Stunden, ganz erschöpft an Kräften, fiel ich wie eine träge Masse bewußtlos neben der Wand nieder.

Achtundzwanzigstes Capitel.


Achtundzwanzigstes Capitel.

Ein Spiel der Akustik.

Als ich wieder zum Bewußtsein kam, war mein Angesicht naß, von Thränen benetzt. Wie lange dieser Zustand dauerte, kann ich nicht sagen. Ich hatte gar kein Mittel mehr, mir Rechenschaft von der Zeit zu geben. Nie gab’s eine Einsamkeit gleich der meinigen, nie eine so vollständige Verlassenheit!

Nach meinem Fall hatte ich viel Blut verloren. Ach! ich jammerte, daß ich nicht gestorben war, »daß ich noch zu sterben hatte!« Ich wollte nicht mehr denken, wies jeden Gedanken von mir, überwältigt von Jammer wälzte ich mich auf dem Boden.

Bereits fühlte ich mich wieder einer Ohnmacht und damit der völligen Vernichtung nahe, als ein starkes Getöse in mein Ohr drang. Es glich einem anhaltenden Donnern, ich vernahm, wie die Tonwellen sich allmälig in fernen Tiefen verloren.

Woher dies Getöse? Es kam ohne Zweifel von einer Naturerscheinung im Schooße des Erdbaues her! Von einer Gasexplosion, dem Herabsturz einer gewaltigen Steinschichte!

Ich lauschte, um zu vernehmen, ob sich das Getöse wiederhole. So verlief eine Viertelstunde in völliger Stille. Ich hörte nicht einmal mehr mein Herzklopfen.

Plötzlich glaubte ich, als mein Ohr zufällig an die Wand kam, unbestimmte, unvernehmliche Worte in weiter Ferne zu hören. Ich zitterte.

»Eine Sinnentäuschung!« dachte ich.

Doch nein. Als ich achtsamer lauschte, hörte ich wirklich Stimmengemurmel. Aber zu vernehmen, was man sagte, war mir aus Schwäche nicht möglich. Doch waren’s Worte, die man sprach, ganz gewiß.

Eine Weile fürchtete ich, es seien meine eigenen Worte, die mir ein Echo zurückwarf. Hatte ich wohl ohne mein Wissen geschrieen? Ich preßte meine Lippen fest zusammen und lehnte mein Ohr abermals wider die Wand.

»Ja, sicherlich, man spricht! man spricht!«

Als ich längs der Wand einige Fuß weiter ging, hörte ich deutlicher. Es gelang mir unbestimmte, seltsame, unbegreifbare Worte zu vernehmen. Sie drangen zu mir, als seien sie leise gesprochen, sozusagen gemurmelt. Oefters wiederholt mit schmerzlicher Betonung hörte ich das Wort: »förlorad«.

Wer sprach? Offenbar Hans oder mein Oheim. Aber wenn ich sie hörte, konnten auch sie mich hören.

»Hilfe! zu Hilfe!« schrie ich aus Leibeskräften.

Ich horchte, lauschte nach einer Antwort, einem Schreien, einem Seufzer. Kein Laut ließ sich vernehmen einige Minuten lang. Eine Welt von Gedanken erschloß sich in meinem Geist. Ich dachte, meine Stimme sei zu schwach, um bis zu meinen Gefährten zu dringen.

»Denn sie sind’s unfehlbar, wiederholte ich. Wer sonst, dreißig Meilens unter der Erde?«

Ich horchte abermals. Als ich mein Ohr längs der Wand fortbewegte, kam ich auf einen mathematischen Punkt, wo die Stimmen ihren Höhegrad an Stärke zu erreichen schienen. Abermals drang das Wort »förlorad« zu meinen Ohren; dann wieder so ein Donnergeroll, wie das, welches mich aus meiner Erstarrung geweckt hatte.

»Nein, sagte ich, nein. Quer durch die Grundmassen kann man diese Stimmen nicht vernehmen. Die Granitwand würde den stärksten Ton nicht hindurchdringen lassen! Die Töne kommen aus der Galerie selbst! Es muß dabei eine ganz besondere Wirkung der Akustik im Spiel sein!«

Ich horchte abermals, und diesesmal ja! hörte ich meinen Namen deutlich hinaus gerufen!

Mein Oheim rief! Er sprach mit dem Führer, von dem das dänische »förlorad« herrührte.

Jetzt begriff ich Alles. Um mir vernehmlich zu werden, mußte ich hart neben der Wand sprechen, welche meine Stimme, wie der elektrische Draht, fortleitete.

Aber ich hatte keine Zeit zu verlieren. Entfernten sich meine Gefährten noch eine kurze Strecke, so war die Akustik nicht mehr möglich. Ich trat also nahe an die Wand heran, und sprach so deutlich, wie möglich, die Worte:

»Mein Oheim Lidenbrock!«

Ich wartete in höchster Spannung. Der Ton läuft nicht äußerst schnell, und die dichtere Luft erhöht nicht seine Schnelligkeit, sondern nur seine Stärke. Einige Secunden verflossen, bis endlich diese Worte zu meinem Ohr drangen:

»Axel, Axel! Bist Du’s?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Ja! ja!« erwiderte ich.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Mein Kind, wo bist Du?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Verloren, im tiefsten Dunkel!«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Aber Deine Lampe?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Verloschen.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Und der Bach?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Verschwunden.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Axel, armer Axel, fasse wieder Muth!«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Warten Sie ein wenig, ich bin erschöpft! Habe nicht mehr die Kraft zu antworten. Aber sprechen Sie zu mir!«

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»Muth, fuhr mein Oheim fort. Rede nicht, lausche mir. Wir haben Dich auf- und abwärts in der Galerie gesucht; konnten Dich nicht finden. Ich habe sehr um Dich geweint, mein Kind! Endlich, in Voraussetzung, Du seist noch längs dem Hansbach, sind wir wieder abwärts gegangen und haben unsere Flinten abgefeuert. Jetzt können unsere Stimmen zwar akustisch zusammen kommen, aber die Hände noch nicht sich berühren! Doch verzweifle nicht, Axel! Sich hören zu können, ist schon Etwas!«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Während dessen hatte ich überlegt. Eine gewisse, noch unbestimmte Hoffnung kam mir wieder. Vor Allem war mir ein Punkt von Wichtigkeit. Ich hielt meine Lippen an die Wand und sprach:

»Mein Oheim?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Mein Kind? hörte ich nach einer kleinen Weile.«

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»Vor Allem, wie weit sind wir von einander?«

»Das kann man leicht erfahren.«

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»Haben Sie Ihren Chronometer?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Ja.«

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»Nun, nehmen Sie ihn. Sprechen Sie meinen Namen und verzeichnen genau die Secunde. Ich will ihn wiederholen, sobald er zu mir gelangen wird, und Sie verzeichnen ebenso genau den Augenblick, wo meine Antwort eintreffen wird.«

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»Gut, und die Hälfte der Zeit zwischen meiner Frage und Deiner Antwort wird angeben, wieviel meine Stimme braucht, um bis zu Dir zu gelangen.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Richtig, Oheim.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Bist Du bereit?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Ja.«

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»Nun, gieb Acht, ich spreche Deinen Namen.«

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Ich hielt mein Ohr an die Wand, und sobald das Wort »Axel« bei mir anlangte, antwortete ich unverzüglich »Axel«, dann wartete ich.

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»Vierzig Secunden«, sagte darauf mein Oheim. Vierzig Secunden verflossen zwischen den beiden Worten; der Ton brauchte also zwanzig Secunden, um zu mir zu gelangen. Nun, da tausendundzwanzig Fuß auf die Secunde kommen, so macht das zwanzigtausendvierhundert Fuß, d.i. eine und fünf achtel Meilen.

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»Anderthalb Meilen!« murmelte ich.

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»Nun, das kann man schon fertig bringen, Axel!«

»Aber, muß ich auf- oder abwärts?«

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»Abwärts, und zwar deshalb: Wir sind an einen weiten Raum gekommen, wo eine Menge Galerien münden. Ohne Zweifel wird die, welche Du eingeschlagen hast, Dich dahin führen, denn es scheint, alle diese Spalten, diese Risse im Erdkörper, bilden einen Strahl um die ungeheure Höhle, wo wir uns befinden. Mache Dich auf und setze Deinen Weg fort. Gehe, schleppe Dich fort; wenn’s Noth thut, rutsche über steile Abhänge, und Du wirst unsere Arme finden, Dich am Ende des Weges aufzunehmen. Auf, mein Kind, auf den Weg!«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Diese Worte belebten mich wieder.

»Adieu, Oheim, rief ich; ich gehe. Sobald ich diese Stelle verlassen habe, können wir nicht mehr durch Worte verkehren. Adieu also!«

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»Auf Wiedersehen, Axel! auf Wiedersehen!«

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Dies waren die letzten Worte, welche ich hörte. Diese merkwürdige Unterredung, welche mitten durch die Masse der Erde in einer Entfernung von mehr als einer Meile geführt wurde, schloß mit diesen Worten voll Hoffnung. Ich dankte Gott im Gebet, denn er hatte mich in dem unermeßlichen Dunkel an den Punkt geleitet, der vielleicht der einzige war, wo die Stimme meiner Gefährten zu mir gelangen konnte.

Diese sehr erstaunliche Wirkung der Akustik ist durch die Gesetze der Physik leicht zu erklären; sie rührte von der Form des Ganges und der Leitungsfähigkeit des Gesteins her. Es giebt manche Beispiele solcher Fortpflanzung der Töne, welche in dem Zwischenraum nicht vernehmbar sind. Ich erinnere mich, daß diese Naturerscheinung an manchen Stellen beobachtet worden ist, unter anderen in der inneren Galerie der Paulskirche zu London, und besonders mitten in den merkwürdigen Höhlen Siciliens, den Latomien bei Syrakus, von welchen die merkwürdigste unter dem Namen »Ohr des Dionysius« bekannt ist.

Diese Erinnerungen kamen mir in den Kopf, und es war mir klar, daß, weil meines Oheims Stimme bis zu mir drang, kein Hinderniß zwischen uns lag. Indem ich dem Weg des Tones mich anschloß, so mußte ich logisch ebenso wohl, wie er, ankommen, wenn mir die Kräfte nicht ausgingen.

Ich richtete mich also auf und schleppte mich fort. Der Abhang war ziemlich jäh; ich ließ mich hinabgleiten.

Bald nahm die Schnelligkeit, womit ich hinabrutschte, in erschreckendem Verhältniß zu, und drohte ein wirkliches Fallen zu werden. Es fehlte mir die Kraft mich zurückzuhalten.

Plötzlich schwand mir der Boden unter den Füßen. Ich fühlte, daß ich über die Unebenheiten einer senkrechten Galerie abprallend hinabrollte. Mein Kopf schlug wider einen spitzen Felsen und ich verlor das Bewußtsein.

Neunundzwanzigstes Capitel.


Neunundzwanzigstes Capitel.

Rettung.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem halbdunkeln Raum auf dicken Decken gelagert. Mein Oheim wachte und forschte auf meinem Angesicht nach einem Rest von Leben. Bei meinem ersten Aufathmen ergriff er meine Hand, bei meinem ersten Blick stieß er ein Freudengeschrei aus.

»Er lebt! er lebt! rief er.

– Ja, versetzte ich mit schwacher Stimme.

– Mein Kind, sagte mein Oheim, und drückte mich an seine Brust, Du bist also gerettet!«

Der Ton, womit er diese Worte sprach, rührte mich lebhaft, und mehr noch die Sorge, womit sie begleitet waren. Aber es bedurfte auch solcher Prüfungen, um bei dem Professor solche Ergießungen hervorzurufen.

In dem Augenblick kam Hans dazu. Er sah meine Hand in der meines Oheims; ich darf versichern, daß seine Augen eine lebhafte Befriedigung ausdrückten.

»God dag, sprach er.

– Guten Tag, Hans, guten Tag, murmelte ich. Und jetzt, lieber Oheim, laß mich wissen, wo wir uns eben befinden.

– Morgen, Axel, morgen; heute bist Du noch zu schwach; ich habe Deinen Kopf mit Bäuschchen umgeben, die man nicht aus der Ordnung bringen darf! schlaf‘ nur, lieber Junge, und morgen sollst Du alles hören.

– Aber wenigstens, fuhr ich fort, wie viel Uhr, welcher Tag ist’s?

– Elf Uhr Abends, und heute ist Sonntag, 9. August. Jetzt erlaube ich Dir nicht, vor dem 10. d.M. mich weiter zu fragen.«

Ich war wirklich sehr schwach, und meine Augen schlossen sich unwillkürlich.

Ich mußte mich eine Nacht ausruhen; ich ließ mich also mit dem Gedanken beruhigen, daß meine Trennung vier lange Tage gedauert hatte.

Am folgenden Morgen beim Erwachen blickte ich um mich her. Mein Lager, aus allen Reisedecken bereitet, befand sich in einer reizenden Grotte, die mit prächtigen Tropfsteinen verziert war, der Boden mit feinem Sand bestreut. Es war darin Halbdunkel. Keine Lampe oder Fackel brannte, und doch kam einige unerklärliche Helle von außen, durch eine enge Oeffnung der Grotte eindringend. Ich hörte auch ein unbestimmtes Murmeln gleich leisem Wellenschlag wider ein Ufer, und mitunter ein Windessausen.

Ich fragte mich, ob ich völlig wach sei, ob ich noch träume, ob nicht etwa mein Gehirn von dem Fall Schaden gelitten, so daß dies nur Einbildungen seien. Jedoch, weder meine Augen noch Ohren konnten in der Hinsicht sich täuschen.

»Es ist ein Strahl vom Tageslicht, dacht‘ ich, welches durch diese Felsspalte hinabdringt! Aber der Wellenschlag, und das Wehen des Windes! Irre ich mich, oder sind wir wieder zur Erdoberfläche gekommen? Hat mein Oheim sein Vorhaben aufgegeben, oder ist er damit glücklich zu Ende?«.

Ich stellte mir diese unlösbare Frage, als der Professor dazu kam.

»Guten Morgen, Axel! sagte er freudig. Ich wollte wetten, daß Dir’s gut geht!

– O ja, sagt‘ ich, und richtete mich auf.

– Das konnte nicht fehlen, denn Du hast ruhig geschlafen. Wir haben, Hans und ich, abwechselnd gewacht, und gesehen, daß Deine Genesung merklich fortschritt.

– Ich fühle mich wirklich wieder kräftig, und zum Beweis will ich dem Frühstück, das Sie mir freundlich zukommen lassen, Ehre machen!

– Du sollst zu essen haben, lieber Junge! Du bist frei vom Fieber. Hans hat Deine Wunden mit einer Salbe, die bei den Isländern ein Geheimniß ist, gerieben, und sie sind auffallend rasch vernarbt. Es ist doch ein wackerer Mensch, unser Jäger.«

Während er sprach, bereitete mir mein Oheim einige Nahrung, die ich, trotz seiner Mahnungen, gierig verschlang. Inzwischen überhäufte ich ihn mit Fragen, welche er mir zu beantworten beflissen war.

Nun hörte ich, daß ich durch göttliche Fügung gerade an das Ende einer fast senkrechten Galerie gefallen war. Da ich mitten in einem Strom von Steinen herab kam, von welchen der kleinste mich hätte zerquetschen können, so war daraus abzunehmen, daß ein Theil der Steinmasse mit mir gerutscht war. Auf diese erschreckliche Art gelangte ich bis in die Arme meines Oheims, in welche ich bewußtlos und mit Blut bedeckt fiel.

»Wahrhaftig, sagte er, es ist zum Staunen, daß Du nicht hundertmal um’s Leben gekommen bist. Aber, um’s Himmels willen! jetzt wollen wir uns nimmer trennen, denn wir würden Gefahr laufen, uns nie wieder zu sehen.«

»Wir wollen uns nimmer trennen!« Also war die Reise noch nicht zu Ende? Ich machte große Augen vor Staunen. Mein Oheim fragte sofort:

»Was hast Du denn, Axel?

– Eine Frage an Sie. Sie sagen, ich sei gesund und wohl?

– Ohne Zweifel.

– Alle meine Glieder sind wohl behalten?

– Ganz gewiß.

– Und mein Kopf?

– Dein Kopf steht, einige Quetschungen abgerechnet, in völliger Ordnung zwischen Deinen Schultern.

– Ich bin in Sorge, mein Gehirn habe gelitten.

– Gelitten?

– Ja. Sind wir nicht wieder auf der Erdoberfläche?

– Nein, gewiß nicht!

– Dann muß ich ein Narr sein, denn ich bemerke Tageslicht, ich höre Windeswehen und Wellenschlag!

– Ah! Nichts weiter?

– Können Sie mir das erklären? …

– Ich erkläre Dir nichts, was nicht zu erklären; aber Du wirst sehen und begreifen, daß die Geologie noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat.

– So wollen wir ausgehen, rief ich, und richtete mich rasch auf.

– Nein, Axel, nein! Die freie Luft würde Dir schaden.

– Die freie Luft?

– Ja, der Wind ist ziemlich stark. Du darfst Dich ihm nicht so aussetzen.

– Aber ich versichere, daß ich mich zum Staunen wohl fühle.

– Ein wenig Geduld, lieber Junge. Ein Rückfall würde uns hemmen, und es ist keine Zeit zu verlieren, denn die Ueberfahrt kann lang dauern.

– Die Ueberfahrt?

– Ja, ruhe Dich heute noch aus, und wir können morgen zu Schiffe gehen.

– Zu Schiff?«

Dies Wort brachte mich außer mir.

Wie? Zu Schiffe gehen! Hatten wir denn einen Fluß, See, ein Meer zur Verfügung? Lag ein Fahrzeug in einem Hafen vor Anker?

Meine Neugierde war im höchsten Grad gespannt. Vergeblich suchte mein Oheim mich zurück zu halten. Als er sah, daß meine Ungeduld mir mehr schaden würde, als die Befriedigung meiner Wünsche, gab er nach.

Ich kleidete mich rasch an. Zur Vorsicht hüllte ich mich in eine der Decken und ging aus der Grotte heraus.

Drittes Capitel.


Drittes Capitel.

Das Pergament des Arne Saknussemm.

»Es ist offenbar Runisch, sagte der Professor mit Stirnrunzeln. Aber ich werde das Geheimniß, das dahinter steckt, entdecken, sonst …«

Und er machte eine heftige Bewegung mit der Hand.

»Setz‘ Dich dahin, fuhr er fort, indem er auf den Tisch hinwies, und schreib‘.«

Im Augenblick war ich bereit.

»Jetzt will ich Dir jeden Buchstaben unseres Alphabets dictiren, sowie er mit einem dieser Schriftzüge stimmt. Wir werden sehen, was dabei herauskommen wird. Aber nimm Dich wohl in Acht, daß Du nichts verfehlst!«

Er fing an, zu dictiren, und ich gab mir alle Mühe. Er benannte jeden Buchstaben einen nach dem andern, und so bildeten sich folgende unverständliche Worte:

m.rnlls  esreuel  seecJde
sgtssmf unteief niedrke
kt,samn atrateS Saodrrn
emtnaeI nuaect rrilSa
Atvaar .nxcrc ieaabs
ccdrmi eeutul frantu
dt,iac oseibo KediiI

Als dies fertig war, nahm mein Oheim hastig das Blatt, worauf ich geschrieben hatte.

»Was will das bedeuten?« wiederholte er mechanisch.

Auf Ehre, ich hätte es ihm nicht sagen können. Uebrigens fragte er mich nicht, und sprach weiter mit sich selbst:

»Das heißen wir eine Geheimschrift, sagte er, worin der Sinn hinter absichtlich durcheinander gemischten Buchstaben versteckt ist, welche in gehöriger Folge geordnet, eine verständliche Phrase bilden würden. Darin steckt vielleicht die Erklärung oder Andeutung einer großen Entdeckung!«

Ich meines Theils dachte, es stecke gar nichts dahinter, aber ich hütete mich wohl, meine Meinung auszusprechen.

Der Professor nahm darauf das Buch und das Pergament, und verglich sie beide mit einander.

»Diese beiden Schriften sind nicht von derselben Hand; das Geheimschriftstück ist späteren Ursprungs, als das Buch, wie ich das gleich vorne aus einem unwiderleglichen Beweis ersehe. In der That, der erste Buchstabe ist ein doppeltes M, das in Sturleson’s Buch sich nicht findet, denn es wurde erst im vierzehnten Jahrhundert dem isländischen Alphabet hinzugefügt. Also liegen wenigstens zwei Jahrhunderte zwischen dem Manuscript und dem Document.«

Das schien mir allerdings ziemlich folgerichtig.

»Das bringt mich auf den Gedanken, fuhr mein Oheim fort, diese geheimnißvolle Schrift sei von einem Besitzer des Buches verfaßt worden. Aber wer zum Henker war dieser Besitzer? Sollte er nicht seinen Namen irgendwo unter das Manuscript gesetzt haben?«

Mein Oheim setzte seine Brille höher, nahm eine starke Lupe, und musterte sorgfältig die ersten Seiten des Buches durch. Auf der zweiten Rückseite entdeckte er eine Art Flecken, der wie ein Tintenklex aussah; aber genauer besehen unterschied man einige halb verloschene Schriftzüge. Mein Oheim begriff, daß es auf diesen Punkt ankomme; er machte sich also auf’s Eifrigste darüber her, und erkannte endlich mit Hilfe seiner Lupe die folgenden Runenschriftzeichen, welche er ohne Anstoß lesen konnte:

»Arne Saknussemm! rief er triumphirend aus, aber das ist ein Name, und noch dazu ein isländischer Name, eines Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts, eines berühmten Alchymisten.«

Ich schaute meinen Oheim mit einigem Staunen an.

»Diese Alchymisten, fuhr er fort, Avicenna, Bacon, Lullus, Paracelsus waren die einzigen, die echten Gelehrten ihrer Epoche. Sie haben Entdeckungen gemacht, worüber wir erstaunt sein dürfen. Warum sollte nicht dieser Saknussemm unter dieser Geheimschrift eine auffallende Entdeckung verhüllt haben? So muß es sein. So ist’s wirklich.«

Bei dieser Hypothese erhitzte sich des Professors Phantasie.

»Ganz gewiß, erwiderte ich keck, aber was konnte dieser Gelehrte für ein Interesse dabei haben, eine merkwürdige Entdeckung geheim zu halten?

– Warum? Warum? Ja, weiß ich’s? Hat’s nicht Galiläi ebenso gemacht in Beziehung auf Saturn? Uebrigens, wir werden schon sehen: ich werde das Geheimniß dieses Documents herausbekommen, und ich werde weder essen noch schlafen, bis ich’s heraus habe.

– O! dachte ich.

– Du ebenfalls nicht, Axel, fuhr er fort.

– Teufel! dacht‘ ich, da ist’s gut, daß ich doppelte Mahlzeit gehalten habe.

– Und erstlich, sagte mein Oheim, gilt’s, die Sprache dieser Chiffre aufzufinden. Das kann nicht schwer sein.«

Bei diesen Worten hob ich lebhaft den Kopf. Mein Oheim fuhr fort, mit sich selbst zu reden:

»Es giebt nichts Leichteres. Dieses Document enthält hundertzweiunddreißig Buchstaben, wovon neunundsiebenzig Consonanten gegen dreiundfünfzig Vocale. Ungefähr dieses Verhältniß findet bei den südlichen Sprachen statt, während die Idiome des Nordens unendlich reicher an Consonanten sind. Es handelt sich also um eine Sprache des Südens.«

Diese Folgerungen waren richtig.

»Aber was ist’s für eine Sprache?

– Dieser Saknussemm, fuhr er fort, war ein unterrichteter Mann; wenn er also nicht in seiner Muttersprache schrieb, mußte er der unter den gebildeten Geistern des sechzehnten Jahrhunderts geläufigen Sprache den Vorzug geben, der lateinischen nämlich. Irre ich darin, so kann ich mit dem Spanischen, dem Französischen, Italienischen, Griechischen oder Hebräischen einen Versuch machen. Aber die Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts schrieben im Allgemeinen lateinisch. Ich darf also als selbstverständlich annehmen, es sei Latein.«

Ich sprang von meinem Stuhl auf. Meine Erinnerungen aus der Lateinschule sträubten sich gegen die Behauptung, diese Gruppe seltsamer Worte könne der sanften Sprache Virgil’s angehören.

»Ja! Latein, fuhr mein Oheim fort, aber verworrenes Latein.

– Das mag sein! dachte ich. Wenn Du es entwirrst, lieber Oheim, bist Du ein feiner Kopf.

– Untersuchen wir gehörig, sagte er, und nahm das von mir beschriebene Blatt wieder zur Hand. Hier ist eine Gruppe von hundertzweiunddreißig Buchstaben, die wir in vollständiger Verworrenheit finden. Da sind Worte, worin nur Consonanten vorkommen, wie das erste ‚rnlls‘, andere dagegen, worin die Vocale überwiegen, z.B. das fünfte: ‚uneeief‘, oder das vorletzte: ‚oseibo‘. Nun ist offenbar diese Gruppirung nicht so zusammengesetzt worden; sie wurde mathematisch gegeben durch ein uns unbekanntes Verhältniß, nach welchem die Aneinanderreihung dieser Buchstaben bestimmt wurde. Ich halte für gewiß, daß die ursprüngliche Phrase regelmäßig geschrieben, sodann nach einem Grundgedanken, den man auffinden muß, umgebildet wurde. Wer den Schlüssel dieser ‚Chiffre‘ besäße, würde sie geläufig lesen. Aber was ist das für ein Schlüssel? Axel, hast Du ihn?«

Auf diese Frage wußte ich nicht zu antworten, und aus gutem Grunde. Meine Blicke waren auf ein reizendes Porträt, das an der Wand hing, geheftet, das Porträt Gretchen’s. Die Mündel meines Oheims befand sich damals zu Altona bei einer Verwandten, und ich war über ihre Abwesenheit sehr betrübt, denn, jetzt kann ich’s gestehen, die hübsche Vierländerin und der Neffe des Professors liebten sich mit echt deutscher Herzlichkeit und Ausdauer. Wir hatten uns ohne Wissen unseres Oheims verlobt, der allzuviel Geolog war, um für solche Gefühle einen Begriff zu haben. Gretchen war eine reizende Blondine mit blauen Augen, von etwas gesetztem Charakter und ernstem Sinn; aber sie liebte mich darum nicht minder. Ich meinerseits betete sie an, sofern dieser Begriff im Altdeutschen existirt! Das Bild meiner kleinen Vierländerin versetzte mich also auf einmal aus der wirklichen Welt in die Welt der Träume, der Erinnerungen.

Ich erblickte in diesem Bild die treue Genossin meiner Arbeiten und Freuden. Sie half mir tagtäglich die köstlichen Steine meines Oheims ordnen, dieselben mit Etiketten versehen. Fräulein Gretchen war in der Mineralogie sehr stark! Sie hätte darin mehr als einen Gelehrten zurecht weisen können. Sie befaßte sich gerne damit, schwierige Fragen der Wissenschaft zu ergründen. Welche süße Stunden hatten wir mit gemeinsamen Studien hingebracht! Und wie oft beneidete ich die fühllosen Steine um das Glück, von ihren reizenden Händen betastet zu werden!

Hernach, wann die Erholungszeit kam, wandelten wir mit einander durch die belaubte Alsterallee, und besuchten zusammen die alte betheerte Mühle, die sich am Ende des See’s so gut ausnimmt; unterwegs plauderten wir Hand in Hand. Ich erzählte ihr Dinge, worüber sie herzlich lachte. So kamen wir bis zum Elbufer, und nachdem wir den Schwänen, die zwischen den großen weißen Seerosen schwimmen, gute Nacht gesagt, begaben wir uns mit dem Dampfboot wieder zum Quai.

Als ich in meinem Träumen hier ankam, ward ich von meinem Oheim durch einen Faustschlag auf den Tisch gewaltsam in die Wirklichkeit zurückgerufen.

»Sehen wir, sagte er, die erste Idee, die sich dem Geist darbietet, um die Buchstaben einer Phrase aus ihrer Ordnung zu bringen, besteht, dünkt mir, darin, daß man die Worte, anstatt horizontal, vertical schreibt. Wir müssen anschauen, was dabei herauskommt. Axel, schreib‘ irgend einen Satz auf diesen Zettel, aber anstatt die Buchstaben neben einander zu stellen, setze sie in verticalen Reihen einen nach dem andern, und zwar in Gruppen von fünf bis sechs.«

Ich begriff, wie es gemeint war, und schrieb sogleich von oben nach unten.

»Gut, sagte der Professor, ohne gelesen zu haben. Jetzt schreibe diese Worte in eine horizontale Zeile.

Ich gehorchte und bekam folgende Phrase:

Iermtt chdzeech lilise ichinGn ehchgr! be,ue

Ganz recht, sagte mein Oheim, und riß mir den Zettel aus der Hand, das sieht schon aus wie das alte Document: die Vocale stehen so wie die Consonanten in der nämlichen Unordnung gruppirt; da sind selbst Anfangsbuchstaben sowie Komma in der Mitte der Worte, ganz wie in dem Pergament des Saknussemm!«

Ich konnte nicht umhin, diese Bemerkungen für recht sinnreich zu halten.

»Nun, fuhr mein Oheim fort, um die Phrase, welche Du geschrieben hast, und deren Inhalt ich nicht kenne, zu lesen, brauch‘ ich nur zuerst den ersten Buchstaben jedes Wortes zusammen zu reihen, dann je den zweiten, hernach den dritten u.s.w.«

Und mein Oheim las, zu seinem und meinem größten Erstaunen:

Ich liebe dich herzlich, mein gutes Gretchen!

»Oho!« sagte der Professor.

Ja, unversehens hatte ich als verliebter Tölpel diese verrätherische Zeile geschrieben!

»So! Du liebst Gretchen? fuhr mein Oheim in echtem Vormünderton fort.

– Ja … Nein … stotterte ich.

– Du liebst also Gretchen! wiederholte er maschinenmäßig. Nun, wenden wir mein Verfahren auf das fragliche Document an.«

Mein Oheim war schon wieder in das Nachsinnen, welches ihn ganz in Anspruch nahm, versunken, daß er bereits meine unvorsichtigen Worte vergaß. Ich sage unvorsichtigen, denn der Kopf des Gelehrten konnte die Herzensangelegenheiten nicht begreifen. Aber zum Glück hatte die große Angelegenheit des Documents das Uebergewicht.

Im Begriff, seinen Hauptversuch zu machen, sprühten des Professors Augen Blitze durch seine Brille hindurch. Mit zitternden Fingern nahm er das alte Pergament wieder zur Hand. Er war von ernster Bewegung ergriffen. Endlich hustete er tüchtig, und dictirte mir mit würdigem Ton, indem er der Reihe nach zuerst den ersten Buchstaben, dann den zweiten jedes Wortes zusammen nahm, die folgenden Gruppen:

mmessunkaSenrA.icefdoK.segnittamurtn
ecertserrette,rotaivxadua,ednecsedsadne
lacartniiiluJsiratracSarbmutabiledmek

Als ich sie fertig hatte, war ich, offen gestanden, in Gemüthsbewegung; in diesen Buchstaben hatte ich gar keinen Sinn zu erkennen vermocht; ich war also darauf gespannt, des Professors Lippen würden hochtrabend eine Phrase prachtvollen Lateins hören lassen.

Aber wer hätte das gedacht! ein heftiger Faustschlag erschütterte den Tisch, daß die Tinte emporspritzte, die Feder meinen Händen entfiel.

»Das ist’s nicht! schrie mein Oheim, das hat keinen Sinn!« Darauf stürzte er rasch wie eine Kugel durch das Cabinet, wie eine Lawine die Treppe hinab, auf die Königsstraße und entfloh aus Leibeskräften.