Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Die Würgengel.

Die ganze Nacht hindurch wanderten die Flüchtlinge über felsiges Gestein und durch die verschlungensten Pfade. Kamen sie auch öfters vom Wege ab, so wußte sich doch Jefferson, bei seiner genauen Kenntnis des Gebirges, immer wieder zurecht zu finden. Beim Morgengrauen enthüllte sich ihnen ein Schauspiel von wilder, aber wunderbarer Schönheit. In der weiten Runde sahen sie sich ringsum von hohen, schneebedeckten Berggipfeln eingeschlossen, die bis zu unabsehbaren Fernen neben und über einander emporragten. Droben im Gestein wurzelten Lärchen- und Fichtenbäume, die der nächste Windstoß von den steilen Felswänden auf ihre Häupter herabschleudern konnte; es lagen Steintrümmer und Baumstämme genug unten im Thal verstreut, zum Zeichen, daß ein solcher Absturz wohl zu fürchten sei. Eben jetzt löste sich wieder ein großes Felsstück und fiel donnernd in die Tiefe; erschreckt fuhren die müden Pferde auf und setzten sich in schärferen Trab.

Nun stieg die Sonne über den östlichen Horizont und entzündete die Berggipfel wie Lampen bei einem Fest, einen nach dem andern, bis sie alle glühten und leuchteten. Es war ein Anblick von solcher Erhabenheit, wie ihn die Flüchtlinge noch nie geschaut; er erfreute ihre Herzen und stärkte sie mit neuer Kraft und Zuversicht. Am Ufer eines Wildbaches, der aus der Schlucht hervorbrauste, machten sie bald darauf Halt, tränkten ihre Pferde und nahmen ein hastiges Mahl ein. Lucy und ihr Vater hätten gern eine Weile gerastet, aber Jefferson gab das nicht zu. »Sie sind uns jetzt gewiß schon auf der Spur,« sagte er; »Eile thut vor allem not. Erst wenn wir sicher in Carson angelangt sind, dürfen wir daran denken, der Ruhe zu pflegen.«

Den ganzen Tag lang ging es weiter durch Hohlwege und Schluchten; am Abend mußten sie nach ihrer Berechnung weit mehr als dreißig Meilen zurückgelegt haben. Erschöpft suchten sie nun unter einer vorspringenden Klippe Schutz vor dem kühlen Nachtwind, schmiegten sich fest aneinander, um sich zu erwärmen und gönnten sich einige Stunden Schlaf. Bis jetzt hatten sie nicht das geringste Anzeichen einer Verfolgung entdeckt und Jefferson Hope glaubte schon, dem grimmigen Feinde glücklich entronnen zu sein. Ach, er ahnte nicht, wie weit dessen gefürchteter Arm reichte, und wie bald er sich ausstrecken würde, um sie erbarmungslos zu zerschmettern.

Um die Mittagszeit des zweiten Tages ihrer Flucht begann ihr geringer Vorrat von Lebensmitteln auf die Neige zu gehen. Dem Jäger machte das wenig Sorge; es mangelte nicht an Wildpret im Gebirge und seine Flinte hatte ihm schon öfters die nötige Nahrung verschafft. An einer geschützten Stelle häufte er trockene Zweige auf und zündete ein mächtiges Feuer an, damit sich Vater und Tochter wärmen könnten, denn sie befanden sich jetzt in einer Höhe von 5000 Fuß über dem Meeresspiegel und die Luft wehte scharf und kalt. Jefferson band die Pferde fest, nahm Abschied von Lucy, warf die Flinte über die Schulter und zog aus, um sein Waidmannsglück zu versuchen. Als er sich noch einmal umwandte, sah er den Alten neben dem jungen Mädchen am Feuer sitzen und im Hintergrunde die drei Reitpferde, bewegungslos, wie aus Stein gehauen. Schon im nächsten Augenblick hatten die Felsen ihm das Bild verdeckt.

Mehrere Meilen wanderte er von Schlucht zu Schlucht, ohne auf eine Beute zu stoßen, wiewohl er aus mancherlei Anzeichen erkannte, daß Bären in der Nähe sein mußten. Schon wollte er nach mehrstündigem fruchtlosem Suchen unverrichteter Sache der ihm bekannt vorkam. Abermals kletterte er zwischen den steilen Felswänden aufwärts mit seiner Last. Der Pfad lag im tiefsten Dunkel, denn der Mond war noch nicht aufgegangen, und Jefferson strauchelte oft auf dem rauhen Wege; doch der Gedanke, daß er mit jedem Schritt seiner geliebten Lucy naher kam, trieb ihn rastlos weiter; auch brachte er ja genug Vorrat mit, um sie während der ganzen Dauer der Flucht vor Mangel zu schützen. Auf der Höhe angekommen, ward er zu seiner Freude gewahr, daß er von der Stelle, wo er seine Schutzbefohlenen verlassen hatte, nicht mehr allzufern sei; schon erkannte er, trotz der Finsternis, die schwachen Umrisse der Felsspitzen am Eingang der Schlucht. Fast fünf Stunden war er fortgeblieben – mit wie banger Sehnsucht mochten sie ihn erwarten. Um seine glückliche Rückkehr zu verkünden, rief er ein lautes Hallo! in die Berge hinein. Dann stand er lauschend da, ob keine Antwort käme, aber nur der Ton seiner eigenen Stimme schallte in vielfachem Wiederhall von den Bergen; sonst blieb alles still. Noch stärker und dringender ertönte jetzt sein Ruf, aber kein Laut aus geliebtem Munde hieß ihn willkommen. Von unbestimmter Angst ergriffen, ließ er die schwer errungene Beute zu Boden fallen und stürmte wie rasend vorwärts.

Jetzt bog er um die Ecke und vor ihm lag der Platz, wo er das Feuer angezündet hatte. Noch glühte der Aschenhaufen, aber man hatte kein Holz zugelegt und die Flamme war erloschen. Ringsumher herrschte Todesschweigen. Seine Furcht ward zur Gewißheit; nirgends ließ sich ein lebendes Wesen erblicken – die Pferde, das Mädchen, der Alte, waren spurlos verschwunden. Das Unheil mußte während seiner Abwesenheit urplötzlich hereingebrochen sein, zu ihrer aller Verderben.

Verwirrt und betäubt von dem schweren Schicksalsschlag, der ihn so unvermutet traf, stützte sich Jefferson auf sein Gewehr, sonst wäre er umgesunken. Doch rasch überwand er diesen Anfall von Schwäche, denn er war seiner ganzen Natur nach ein Mann der That. Mit bebender Hand zog er ein erst halbverkohltes Holzstück aus der Asche, blies die glimmenden Funken zur Flamme an und untersuchte mit Hilfe dieser Leuchte den Lagerplatz. Der Boden war nach allen Seiten hin von Pferdehufen zerstampft, ein Beweis, daß die Flüchtlinge durch eine große Schar Berittener eingeholt worden, welche dann, wie die vorhandenen Spuren vermuten ließen, die Richtung nach der Salzseestadt eingeschlagen hatten. Waren Vater und Tochter in ihre Hände gefallen und beide von ihnen mit fortgeschleppt

»John Ferrier aus der Salzseestadt,
gestorben den 4ten August 1860.«

Der wackere, alte Mann, den er vor wenigen Stunden erst in der Fülle der Kraft verlassen, war also tot und dies seine ganze Grabschrift. Jefferson sah sich mit wilden Blicken nach einem zweiten Hügel um, aber ein solcher war nicht zu entdecken. Die Unmenschen mußten Lucy mit sich geführt haben, um sie dem Sohn des Aeltesten zu übergeben, damit sie das ihr bestimmte Geschick erfülle und ihm als Frau in seinen Harem folge. Als Jefferson erkannte, wie völlig machtlos er sei, dies Schicksal von ihr abzuwenden, da schien ihm im ersten Augenblick der alte Ferrier beneidenswert, der da unten den stillen Schlaf des Todes schlief. Doch nicht lange überließ er sich seiner dumpfen Verzweiflung. War ihm nichts anderes geblieben, so konnte er wenigstens sein Leben der Rache weihen.

Während er starren Auges dastand und in die Asche blickte, fühlte er, daß es für seinen Schmerz keine Linderung gab, bevor er nicht mit eigener Hand blutige Wiedervergeltung an seinen Feinden geübt hätte.

Neben unermüdlicher Geduld und Ausdauer lag in Jeffersons Charakter eine nicht zu bezähmende Rachsucht, die er vielleicht von den Indianern gelernt hatte, unter denen er solange gelebt. Sein starker Wille, seine rastlose Thatkraft sollten jetzt nur noch das eine Ziel verfolgen, das war sein fester Entschluß. Mit bleicher, ingrimmiger Miene kehrte er nach der Stelle zurück, wo seine Jagdbeute noch am Boden lag, darauf blies er das Feuer an und bereitete sich Speise für die nächsten Tage. Dann brach er auf, ohne seiner Ermüdung zu achten, um der Spur der Würgengel durch das Gebirge zu folgen.

Fünf Tage lang pilgerte er mit wunden Füßen durch die Schluchten und Hohlwege zurück, welche er vor kurzem hinaufgeritten war. Bei Einbruch der Nacht warf er sich unter einem Felsvorsprung nieder, um ein paar Stunden zu ruhen, und sobald der Morgen graute, begann er seine Wanderung von neuem. Als er am sechsten Tage erschöpft und abgemattet die Adlerschlucht erreichte, von wo aus ihre unheilvolle Flucht den Anfang genommen, sah er die ›Stadt der Heiligen‹ weit ausgebreitet zu seinen Füßen liegen. In ohnmächtigem Zorn schüttelte er drohend die geballte Faust gegen den Wohnplatz der Uebelthäter. Aber halt – was hatte das zu bedeuten? – In den Hauptstraßen sah er Fahnen von den Dächern wehen und festlichen Schmuck an den Häusern. Während er noch darüber nachsann, schallte der Hufschlag eines Pferdes und ein Reiter kam herangetrabt. Jefferson kannte den Mann, es war der Mormone Cowper, dem er früher manchen Dienst erwiesen hatte; von ihm durfte er hoffen, Nachricht über Lucys Schicksal zu erhalten.

Der Mormone sah Jefferson zuerst mit ungläubigen Blicken an, als ihm dieser in den Weg trat und seinen Namen nannte. Wer hatte auch in dem verwilderten und zerzausten Wanderer mit den unheimlich rollenden Augen und der bleichen Miene den früher so schmucken jungen Jäger erkennen sollen? – Sobald Cowper jedoch wußte, wen er vor sich hatte, erschrak er heftig.

»Seid Ihr rasend, daß Ihr Euch hierher wagt?« rief er. »Wenn man mich hier im Gespräch mit Euch sieht, ist mein eigenes Leben verwirkt. Wißt Ihr nicht, daß die ›heiligen Vier‹ einen Haftbefehl gegen Euch erlassen haben, weil Ihr den Ferriers zur Flucht behilflich gewesen seid?«

»Ich fürchte weder die Schurken noch ihren Haftbefehl,« rief Jefferson entrüstet. »Cowper,« fuhr er dann, seine Erregung bezwingend, fort, »wir sind immer Freunde gewesen – bei allem, was Euch teuer ist, beschwöre ich Euch, mir eine Frage zu beantworten. Um Gottes willen, verweigert mir die Antwort nicht.«

»Was wünscht Ihr zu wissen?« fragte der Mormone, sich ängstlich umblickend; »redet schnell, hier hat alles Augen und Ohren, auch die Felsen und Bäume.«

»Was ist aus Lucy Ferrier geworden?«

»Man hat sie gestern dem jungen Drebber zur Frau gegeben. – Faßt Euch, Mann, faßt Euch – Ihr werdet ja bleich wie der Tod.«

Jefferson war auf den nächsten Felsblock niedergesunken, seine Lippen bebten. »Drebbers Frau, sagt Ihr?« stammelte er mit brechender Stimme.

»Ja, seit gestern – deshalb seht Ihr auch die Stadt noch im Fahnenschmuck. Drebber und Stangerson, die jüngeren, stritten sich um ihren Besitz. Bei der Verfolgung, an der sich beide beteiligt hatten, war ihr Vater von Stangersons Hand gefallen, was diesem ein größeres Vorrecht zu geben schien. Als jedoch die Frage vor die Ratsversammlung gebracht wurde, war Drebbers Anhang stärker und der Prophet entschied zu seinen Gunsten. Es wird sie aber keiner lange sein eigen nennen, sie sieht geisterbleich aus und der Tod stand ihr schon gestern im Gesicht geschrieben. – Wollt Ihr jetzt fort?«

»Ja, ich gehe,« sagte Jefferson, sich mühsam erhebend; sein Antlitz war bleich und starr, wie aus Marmor gemeißelt, nur in seinen Augen glühte ein wildes Feuer.

»Wo wollt Ihr hin?«

»Fragt mich nicht,« erwiderte er und hing sich die Flinte über die Schulter. Dann schritt er die Schlucht hinab und vergrub sich tief in den Bergen, wo nur Bären und Wölfe hausten; aber keines der reißenden Tiere war grimmiger und blutdürstiger als er.

Was der Mormone vorausgesagt hatte, ging nur zu bald in Erfüllung. War es der Schmerz über den plötzlichen Tod ihres Vaters, was der armen Lucy am Lebensmark zehrte, oder der Abscheu vor der verhaßten Ehe, zu der man sie gezwungen – sie siechte von Tag zu Tag dahin und starb noch ehe ein Monat um war. Der rohe Mensch, welcher sie nur geheiratet hatte, um Ferriers reichen Besitz in die Hände zu bekommen, trug wenig Kummer zur Schau über seinen Verlust. Aber seine andern Frauen trauerten um die Tote und hielten in der Nacht vor dem Begräbnis bei ihr die Leichenwache, nach Sitte der Mormonen. Sie saßen noch um die Bahre, als beim ersten Morgengrauen die Thür plötzlich aufging und sie mit Staunen und Entsetzen einen wilddreinschauenden, wettergebräunten Mann in zerfetzter Kleidung eintreten sahen. Ohne auch nur einen Blick auf die geängstigten Frauen zu werfen, schritt er nach dem Totenschrein, in dem Lucys entseelte Hülle ruhte. Er beugte sich über sie und berührte ihre kalte Stirn ehrfurchtsvoll mit den Lippen, dann ergriff er sie bei der Hand und zog ihr den Trauring vom Finger. »Den soll man ihr nicht mit ins Grab geben,« murmelte er dumpf. Bevor noch jemand die rätselhafte Erscheinung anhalten konnte, verschwand sie wieder, wie sie gekommen war. Das alles geschah so rasch, und der Vorgang schien so seltsam, daß man dem Bericht der Wächterinnen schwerlich Glauben geschenkt hätte, ohne die Thatsache, daß der goldene Reif wirklich vom Finger der Toten verschwunden war.

Monatelang hauste Jefferson Hope noch in den Bergen, wo er ein unstätes Jägerleben führte und für seinen Rachedurst täglich neue Nahrung einsog. Man begann sich allerwärts von dem unheimlichen Gesellen zu erzählen, der bald hier, bald da, in der Umgegend der Stadt oder in den rauhen Bergschluchten sein Wesen trieb. Einmal kam eine Kugel durch Stangersons Fenster geflogen und pfiff dicht an seinem Kopf vorbei. Ein andermal, als Drebbers Weg ihn am Bergabhang hinführte, ward aus der Höhe ein Felsstück auf ihn herabgeschleudert. Er konnte nur dadurch einem gräßlichen Tode entgehen, daß er sich platt zu Boden warf. Die beiden jungen Mormonen errieten bald, wer ihnen nach dem Leben trachtete, und unternahmen mehrere bewaffnete Streifzüge ins Gebirge, in der Hoffnung, ihren Todfeind zu fangen oder zu erlegen – aber immer vergebens. Sie gingen nun aus Vorsicht niemals allein oder nach Dunkelwerden ins Freie, und stellten Wachen um ihre Häuser her. Nun verstrich jedoch eine geraume Zeit, ohne weitere Angriffe von seiten ihres Gegners und allmählich schwand ihre Furcht. Sie hofften, sein heißes Blut habe sich abgekühlt und er werde das tollkühne Vorhaben aufgeben.

Daran dachte jedoch Jeffersons Seele nicht. Rache zu nehmen war und blieb sein einziger Zweck und Gedanke. Bei seiner durchaus praktischen Natur hatte er jedoch richtig erkannt, daß selbst die eisernste Gesundheit ein Leben, wie er es führte, auf die Dauer nicht ertragen könne. Mangel an gesunder Nahrung und Beschwerden aller Art mußten bald seine Kräfte verzehren. Was aber sollte aus seiner Rache werden, wenn er in den Bergen eines elenden Todes starb? – Nein, seine Feinde durften nicht triumphieren!

So war er denn nach dem Bergwerk in Nevada zurückgekehrt, mit der Absicht, sich von den Entbehrungen der letzten Zeit zu erholen und Geld genug zu erwerben, um seinen Lebenszweck weiter verfolgen zu können. Ursprünglich gedachte er höchstens ein Jahr lang dort zu bleiben, allein die Umstände fügten es so, daß fünf Jahre vergingen, bevor er zurückkehren konnte. Doch die Erinnerung an das erlittene Unrecht und sein Verlangen nach Rache war noch ebenso lebendig in ihm, wie in jener entsetzlichen Nacht an John Ferriers Grabe. Verkleidet und unter falschem Namen kam er nach der Salzseestadt, um die gerechte Sühne zu fordern, sei es auch mit Gefahr des eigenen Lebens. Dort erwartete ihn jedoch eine schlimme Kunde, die seine Pläne zu vereiteln drohte. Einige Monate zuvor war nämlich unter dem ›auserwählten Volke‹ eine Spaltung entstanden. Die Mißvergnügten lehnten sich gegen die Obergewalt der Aeltesten auf; viele der jüngeren Gemeindeglieder verließen Utah und gesellten sich den Ungläubigen zu. Auch Drebber und Stangerson befanden sich unter dieser Zahl. Es ging ein Gerücht, daß Drebber es verstanden habe, den größten Teil seines Eigentums zu Geld zu machen, so daß er als reicher Mann fortgezogen war, während Stangerson, sein Gefährte, wenig Mittel besaß. Wohin sie sich aber gewandt hatten, darüber war kein Aufschluß zu erlangen.

er wieder in Freiheit war, begab er sich nach Drebbers Hause, allein er fand es verlassen und erfuhr, der Besitzer habe mit seinem Sekretär eine Reise nach Europa angetreten.

Wieder war Jeffersons Rachewerk vereitelt und wieder trieb ihn sein grimmiger Haß, die Verfolgung fortzusetzen. Zuvor mußte er sich jedoch die nötigen Mittel für die Ueberfahrt erwerben. Als er genug zusammengespart hatte, um unterwegs sein Leben fristen zu können, schiffte er über den Ozean und folgte der Spur seiner Feinde von Stadt zu Stadt. Immer wieder mißlang es ihm, die Flüchtlinge einzuholen. Bei seiner Ankunft in Petersburg waren sie eben nach Paris gereist, und als er ihnen dahin folgte, hatten sie sich gerade nach Kopenhagen eingeschifft; auch dorthin kam er um einige Tage zu spät, da sie bereits nach London unterwegs waren. In der englischen Hauptstadt gelang es ihm zuletzt doch noch ihrer habhaft zu werden. Auf welche Weise dies geschah, erfahren wir am besten aus Jefferson Hopes eigenem Bericht, welchen Dr. Watson ausführlich in seinem Tagebuch niedergeschrieben hat.

Wir kehren daher wieder zu den Aufzeichnungen des jungen Militärarztes zurück, denen wir schon im ersten Teil unserer Erzählung bis zu Jeffersons Festnehmung gefolgt sind.

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Erstes Kapitel

I. Aus Watsons Erinnerungen

Erstes Kapitel

Sherlock Holmes

Im Jahre 1878 hatte ich mein Doktorexamen an der Londoner Universität bestanden und in Nelley den für Militärärzte vorgeschriebenen medizinischen Kursus durchgemacht. Bald darauf ward ich dem fünften Füsilierregiment Northumberland zugeteilt, welches damals in Indien stand. Bevor ich jedoch an den Ort meiner Bestimmung gelangte, brach der zweite afghanische Krieg aus, und bei meiner Landung in Bombay erfuhr ich, mein Regiment sei bereits durch die Gebirgspässe marschiert und weit in Feindesland vorgedrungen. In Gesellschaft mehrerer Offiziere, die sich in gleicher Lage befanden, folgte ich meinem Corps, erreichte dasselbe glücklich in Kandahar und trat in meine neue Stellung ein.

Der Feldzug, in welchem andere Ehre und Auszeichnungen fanden, brachte mir indessen nur Unglück und Mißerfolg. Gleich in der ersten Schlacht zerschmetterte mir eine Kugel das Schulterblatt und ich wäre sicherlich den grausamen Ghazia in die Hände gefallen, hätte mich nicht Murray, mein treuer Bursche, rasch auf ein Packpferd geworfen und mit eigener Lebensgefahr mit sich geführt, bis wir die britische Schlachtlinie erreichten.

Lange lag ich krank, und erst nachdem ich mit einer großen Anzahl verwundeter Offiziere in das Hospital von Peshawur geschafft worden war, erholte ich mich allmählich von den ausgestandenen Leiden; ich war bereits wieder so weit, daß ich in den Krankensälen umhergehen und auf der Veranda frische Luft schöpfen durfte. Da befiel mich unglücklicherweise ein Entzündungsfieber und zwar mit solcher Heftigkeit, daß man monatelang an meinem Wiederaufkommen zweifelte. Als endlich die Macht der Krankheit gebrochen war und mein Bewußtsein zurückkehrte, befand ich mich in solchem Zustand der Kraftlosigkeit, daß die Aerzte beschlossen, mich ohne Zeitverlust wieder nach England zu schicken. Einen Monat später landete ich mit dem Truppenschiff ›Orontes‹ in Portsmouth; meine Gesundheit war völlig zerrüttet, doch erlaubte mir eine fürsorgliche Regierung, während der nächsten neun Monate den Versuch zu machen, sie wiederherzustellen.

Verwandte besaß ich in England nicht; ich beschloß daher, mich in einem Privathotel einzuquartieren. Mein tägliches Einkommen belief sich auf elf und einen halben Schilling und da ich zuerst nicht sehr haushälterisch damit umging, machten mir meine Finanzen bald große Sorge. Ich sah ein, daß ich entweder aufs Land ziehen oder meine Lebensweise in der Hauptstadt völlig ändern müsse.

Da ich letzteres vorzog, sah ich mich genötigt, das Hotel zu verlassen und mir eine anspruchslosere und weniger kostspielige Wohnung zu suchen.

Während ich noch hiermit beschäftigt war, begegnete ich eines Tages auf der Straße einem mir bekannten Gesicht, ein höchst erfreulicher Anblick für einen einsamen Menschen wie mich in der Riesenstadt London. Ich hatte mit dem jungen Stamford während meiner Studienzeit verkehrt, ohne daß wir einander besonders nahe getreten waren, jetzt aber begrüßte ich ihn mit Entzücken, und auch er schien sich über das Wiedersehen zu freuen. Bald saßen wir in einer nahen Restauration zusammen bei einem Glase Wein und tauschten unsere Erlebnisse aus.

»Was in aller Welt ist denn mit dir geschehen, Watson?« fragte Stamford verwundert, »du siehst braun aus wie eine Nuß und bist so dürr wie eine Bohnenstange.«

Ich gab ihm einen kurzen Abriß meiner Abenteuer und er hörte mir teilnehmend zu.

»Armer Kerl,« sagte er mitleidig, »und was gedenkst du jetzt zu thun?«

»Ich bin auf der Wohnungssuche,« versetzte ich; »es gilt die Aufgabe zu lösen, mir um billigen Preis ein behagliches Quartier zu verschaffen.«

»Wie sonderbar,« rief Stamford; »du bist der zweite Mensch, der heute gegen mich diese Aeußerung thut.«

»Und wer war der erste?«

»Ein Bekannter von mir, der in dem chemischen Laboratorium des Hospitals arbeitet. Er klagte mir diesen Morgen sein Leid, daß er niemand finden könne, um mit ihm gemeinsam ein sehr preiswürdiges, hübsches Quartier zu mieten, das für seinen Beutel allein zu kostspielig sei.«

»Meiner Treu,« rief ich, »wenn er Lust hat, die Kosten der Wohnung zu teilen, so bin ich sein Mann. Ich würde weit lieber mit einem Gefährten zusammenziehen, statt ganz allein zu hausen.«

Stamford sah mich über sein Weinglas hinweg mit bedeutsamen Blicken an. »Wer weiß, ob du Sherlock Holmes zum Stubengenossen wählen würdest, wenn du ihn kenntest,« sagte er.

»Ist denn irgend etwas an ihm auszusetzen?«

»Das will ich nicht behaupten. Er hat in mancher Hinsicht eigentümliche Anschauungen und schwärmt für die Wissenschaft. Im übrigen ist er ein höchst anständiger Mensch, soviel ich weiß.«

»Ein Mediziner vermutlich?«

»Nein – ich habe keine Ahnung, was er eigentlich treibt. In der Anatomie ist er gut bewandert und ein vorzüglicher Chemiker. Aber meines Wissens hat er nie regelrecht Medizin studiert. Er ist überhaupt ziemlich überspannt und unmethodisch in seinen Studien, doch besitzt er auf verschiedenen Gebieten eine Menge ungewöhnlicher Kenntnisse, um die ihn mancher Professor beneiden könnte.«

»Hast du ihn nie nach seinem Beruf gefragt?«

»Nein – er ist kein Mensch, der sich leicht ausfragen läßt; doch kann er zuweilen sehr mitteilsam sein, wenn ihm gerade danach zu Mute ist.«

»Ich möchte ihn doch kennen lernen,« sagte ich; »ein Mensch, der sich mit Vorliebe in seine Studien vertieft, wäre für mich der angenehmste Gefährte. Bei meinem schwachen Gesundheitszustand kann ich weder Lärm noch Aufregung vertragen. Ich habe beides in Afghanistan so reichlich genossen, daß ich für meine Lebenszeit genug daran habe. Bitte, sage mir, wo ich deinen Freund treffen kann.«

»Vermutlich ist er jetzt noch im Laboratorium. Manchmal läßt er sich dort wochenlang nicht sehen und zu anderen Zeiten bleibt er wieder von früh bis spät bei der Arbeit. Wenn es dir recht ist, suchen wir ihn zusammen auf.«

Ich willigte mit Freuden ein und wir machten uns sogleich auf den Weg nach dem Hospital.

»Du darfst mir aber keine Vorwürfe machen, wenn ihr nicht miteinander auskommt,« sagte Stamford, als wir in die Droschke stiegen; »ich möchte dir weder zu- noch abraten.«

»Wenn wir nicht zu einander passen, können wir uns ja leicht wieder trennen. Deine Vorsicht scheint mir fast übertrieben, es muß noch etwas anderes dahinter stecken. Heraus mit der Sprache, was hast du gegen den Menschen einzuwenden?«

»Nichts, gar nichts; er ist nur nach meinem Geschmack seiner Wissenschaft allzusehr ergeben. – Das grenzt schon an Gefühllosigkeit. Ich halte es nicht für undenkbar, daß er einem guten Freunde eine Priese des neuesten vegetabilischen Alkaloids eingeben würde – nicht etwa aus Bosheit, nein, aus Forschungstrieb – um die Wirkung genau zu beobachten. Ebenso gern würde er freilich die Probe an sich selber machen, die Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen. Ueberhaupt ist Klarheit und Genauigkeit des Wissens seine größte Leidenschaft; aber zu welchem Zweck er alle seine Studien betreibt, weiß der liebe Himmel.«

Vor dem Hospital angekommen, stiegen wir aus, gingen ein Gäßchen hinunter und traten durch eine Thür in den Nebenflügel des weitläufigen Gebäudes. Hier war mir alles wohl bekannt und ich brauchte keinen Führer mehr. Es ging die kahle Steintreppe hinauf, durch den langen, weißgetünchten Korridor, mit den Thüren auf beiden Seiten, an den sich der niedrige Bogengang anschloß, welcher nach dem chemischen Laboratorium führte.

In dem großen Saal, den wir betraten, waren sämtliche Tische mit Retorten, Reagensgläsern und kleinen Weingeistlampen besetzt, während rings an den Wänden und überhaupt, wohin man blickte, Flaschen von allen Größen und Formen umherstanden. Wir dachten zuerst, der Raum sei leer, bis wir an dem andern Ende einen jungen Mann gewahrten, der, in seine Beobachtungen versunken, über einen Tisch gebeugt dasaß. Beim Schall unserer Fußtritte blickte er von seinem Experiment aus und sprang mit einem Freudenruf in die Höhe. »Viktoria, Viktoria,« jubelte er, und kam uns, mit der Retorte in der Hand, entgegen. »Ich habe das Reagens gefunden, das sich mit Hämoglobin zu einem Niederschlag verbindet und sonst mit keinem Stoff.«

Er sah so glückstrahlend aus, als hätte er eine Goldmine entdeckt.

»Mein Freund, Doktor Watson – Herr Sherlock Holmes,« sagte Stamford uns einander vorstellend.

»Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen,« erwiderte Holmes in herzlichem Ton und mit kräftigem Händedruck. »Sie kommen aus Afghanistan, wie ich sehe.«

Ich blickte ihn verwundert an. »Wieso wissen Sie denn das?«

»O, das thut nichts zur Sache,« rief er, sich vergnügt die Hände reibend; »ich denke jetzt nur an Hämoglobin. Sicherlich werden Sie die Tragweite meiner Erfindung begreifen.«

»Es mag wohl als chemisches Experiment sehr interessant sein, aber für die Praxis –«

»Gerade in der Praxis ist es von größter Wichtigkeit für die Gerichtschemie, weil es dazu dient, das etwaige Vorhandensein von Blutflecken zu beweisen. – Bitte, kommen Sie doch einmal her.« In seinem Eifer ergriff er meinen Rockärmel und zog mich nach dem Tische hin, an welchem er experimentiert hatte. »Wir müssen etwas frisches Blut haben,« sagte er und stach sich mit einer großen Stopfnadel in den Finger, worauf er das herabtropfende Blut in einem Saugröhrchen auffing. »Jetzt mische ich diese kleine Blutmenge mit einem Liter Wasser – das Verhältnis ist etwa wie eins zu einer Million – und die Flüssigkeit sieht ganz aus wie reines Wasser. Trotzdem wird sich, denke ich, die gewünschte Reaktion herstellen lassen.« Er hatte, während er sprach, einige weiße Kristalle in das Gefäß geworfen und goß jetzt noch mehrere Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit hinzu. Sofort nahm das Wasser eine dunkle Färbung an und ein bräunlicher Niederschlag erschien auf dem Boden des Glases.

»Sehen Sie,« rief er und klatschte in die Hände, wie ein Kind vor Freude über ein neues Spielzeug. »Was sagen Sie dazu?«

»Es scheint mir ein sehr gelungenes Experiment.«

»Wundervoll, wundervoll! Die alte Methode, die Probe mit Guajacum anzustellen, war sehr umständlich und unsicher, die mikroskopische Untersuchung der Blutkügelchen aber ist wertlos, sobald die Flecken ein paar Stunden alt sind. Meine Erfindung wird sich dagegen ebenso gut bei altem wie bei frischem Blut bewähren. Wäre sie schon früher gemacht worden, so hätte man Hunderte von Verbrechern zur Rechenschaft ziehen können, die straflos davongekommen find.«

»Meinen Sie wirklich?«

»Ohne Frage. Bei der Kriminaljustiz dreht sich ja meist alles um diesen einen Punkt. Vielleicht Monate, nachdem die Missethat begangen ist, fällt der Verdacht auf einen Menschen, man untersucht seine Kleider und findet braune Flecke am Rock oder in der Wäsche. Das können Blutspuren sein, aber auch Rostflecke, Obstflecke oder Schmutzflecke. Mancher Sachverständige hat sich darüber schon den Kopf zerbrochen und zwar bloß, weil es an einer zuverlässigen Beweismethode fehlte. Nun man aber das Sherlock Holmessche Mittel besitzt, ist jede Schwierigkeit beseitigt.«

Seine Augen funkelten, während er sprach, er legte die Hand aufs Herz und machte eine feierliche Verbeugung, als sähe er sich im Geist einer Beifall klatschenden Menge gegenüber.

»Da kann man Ihnen ja Glück wünschen,« sagte ich, verwundert über seinen Feuereifer.

»Hätte man die Probe schon letztes Jahr anstellen können,« fuhr er fort, »es wäre dem Mason aus Bradford sicherlich an den Hals gegangen; auch der berüchtigte Müller, sowie Lefevre aus Montpellier und Samson aus New-Orleans wären überführt worden. Ich könnte Ihnen Dutzende von Fällen nennen, bei denen meine Erfindung den Ausschlag gegeben hätte.«

»Sie scheinen ja ein wandelnder Verbrecheralmanach zu sein,« meinte Stamford lachend; »schreiben Sie doch ein Buch über Kriminalstatistik.«

»Das möchte wohl des Lesens wert sein,« erwiderte Holmes, der sich eben ein Pflaster auf den verwundeten Finger klebte. »Ich muß sehr vorsichtig sein,« fügte er erklärend hinzu, »denn ich mache mir viel mit Giften zu schaffen.« Als er die Hand in die Höhe hielt, sah ich, daß sie an vielen Stellen bepflastert war und von scharfen Säuren gefärbt.

»Wir kommen in Geschäften,« sagte Stamford, und schob mir einen dreibeinigen Schemel zum Sitzen hin, während er ebenfalls Platz nahm. »Mein Freund hier sucht eine Wohnung, und da Sie gern mit jemand zusammenziehen möchten, dachte ich, es wäre Ihnen vielleicht beiden geholfen.«

Sherlock Holmes ging mit Freuden auf den Vorschlag ein. »Ich habe ein Auge des Wohlgefallens auf ein Quartier in der Baker-Straße geworfen, das vortrefflich für uns passen würde,« sagte er. »Sie haben doch nicht etwa eine Abneigung gegen Tabaksdampf?«

»O nein, ich bin selbst ein starker Raucher.«

»Das trifft sich gut. Ferner habe ich häufig Chemikalien bei mir herumstehen, die ich zu meinen Experimenten brauche. Würde Sie das belästigen?«

»Durchaus nicht.«

»Warten Sie – was habe ich sonst noch für Fehler? Manchmal bekomme ich Anfälle von Schwermut und thue dann tagelang den Mund nicht auf. Sie müssen mir das nicht übel nehmen. Kümmern Sie sich nur dann gar nicht um mich, und die Anwandlung wird bald vorüber sein. So – nun ist die Reihe an Ihnen, mir Bekenntnisse zu machen. Wenn zwei Menschen zusammen leben wollen, ist es gut, wenn sie im voraus wissen, was sie von einander zu erwarten haben.«

Ich mußte über diese Generalbeichte lachen. »Ich halte mir einen jungen Bullenbeißer,« gestand ich, »und kann keinen Lärm vertragen, weil meine Nerven angegriffen sind; auch schlafe ich oft in den Tag hinein und bin überhaupt sehr träge. In gesunden Zeiten fröhne ich noch Lastern anderer Art, aber für jetzt sind dies die hauptsächlichsten.«

»Würden Sie unter ›Lärm‹ auch das Spielen auf einer Violine verstehen?« fragte er besorgt.

»Das kommt auf den Musiker an. Gutes Violinspiel ist ein Genuß für Götter – aber schlechtes –«

»Freilich, freilich,« rief er vergnügt. »Nun, ich denke, die Sache ist abgemacht – das heißt, wenn Ihnen das Quartier gefällt.«

»Wann können wir es besichtigen?«

»Holen Sie mich morgen mittag hier ab, dann gehen wir zusammen hin und bringen gleich alles ins reine.«

»Sehr wohl, also Punkt zwölf Uhr,« sagte ich, ihm zum Abschied die Hand schüttelnd.

Wir ließen ihn dort bei seinen Chemikalien und gingen nach meinem Hotel zurück. »Erklären Sie mir nur,« wandte ich mich, plötzlich stehend bleibend, an Stamford, »was ihn auf die Idee gebracht haben kann, daß ich aus Afghanistan komme?«

Mein Gefährte lachte geheimnisvoll. »Schon mancher hat gern wissen wollen, wie Sherlock Holmes gewisse Dinge ausfindig macht. Er besitzt eben eine besondere Gabe.«

»Aha, es steckt ein Rätsel dahinter,« rief ich belustigt; »das ist ja höchst interessant. Ich bin dir sehr verbunden für die neue Bekanntschaft. Das beste Studium für den Menschen bleibt ja doch immer der Mensch.«

»Studiere ihn nur,« entgegnete Stamford. »Du wirst dabei manche Nuß zu knacken finden. Ich wette darauf, er kennt dich bald besser als du ihn.«

An der nächsten Straßenecke verabschiedeten wir uns und ich schlenderte allein nach Hause.

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Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

John Ferrier spricht mit dem Propheten.

Drei Wochen waren vergangen, seit Jefferson Hope mit seinen Gefährten die Salzseestadt verlassen hatte. Bei dem Gedanken an seine Rückkunft und den Abschied von der geliebten Pflegetochter wollte John Ferrier das Herz wohl oft schwer werden; aber ein Blick in ihre glückstrahlenden Augen ließ ihn das eigene Leid vergessen. Er hatte von jeher fest bei sich beschlossen, daß ihn nichts in der Welt bewegen sollte, sein Kind einem Mormonen zur Frau zu geben, weil er eine solche Ehe als Schmach und Schande ansah. Was er auch sonst über die Lehren der Mormonen denken mochte, in diesem einen Punkt war er unbeugsam. Doch hütete er sich wohl, etwas von seiner abweichenden Ueberzeugung verlauten zu lassen, denn im Lande der Heiligen galt es damals für ein gefährliches Ding, andere, als die strenggläubigsten Meinungen zu hegen.

Selbst die Frömmsten wagten es nur mit der größten Vorsicht, über religiöse Angelegenheiten zu reden, aus Furcht, eins ihrer Worte möchte falsch ausgelegt werden und ein schnelles Strafgericht über sie heraufbeschwören. Die ehemaligen Opfer der Verfolgung waren jetzt selbst zu Verfolgern geworden und betrieben ihr Handwerk auf entsetzliche Art. Weder die spanischen Inquisitoren, noch die Vehmgerichte des Mittelalters oder die geheimen Gesellschaften Italiens, besaßen je eine so furchtbare Gewalt, wie sie hier in Utah herrschte und die Gemüter mit Angst und Grauen erfüllte.

Daß diese Herrschaft eine so unsichtbare und geheimnisvolle war, machte sie noch gefürchteter. Sie schien allwissend und allmächtig, und doch war nichts von ihr zu sehen und zu hören. Ein Gemeindeglied, das sich dem Willen der Kirche nicht fügte, verschwand spurlos, ohne daß irgend jemand erfuhr, was aus ihm geworden sei. Daheim warteten die Seinigen auf den Vater, aber er kehrte nicht zu Weib und Kind zurück, um zu erzählen, was das heimliche Gericht über ihn verhängt habe. Auf ein rasches Wort, eine vielleicht unbedachte That folgte oft Tod und Vernichtung, aber niemand wußte, wann das Verhängnis über ihm schwebte oder wessen Hand die Strafe vollzog.

Anfangs sahen sich nur die Abtrünnigen bedroht, welche den Glauben der Mormonen bekannt hatten, sich aber später von ihnen loszumachen strebten. Dies ward jedoch bald anders. Um die Vielweiberei aufrecht zu erhalten, bedurfte man einer zahlreichen weiblichen Bevölkerung und der Zuzug von Frauen begann abzunehmen. Es gingen seltsame Gerüchte um, daß Einwanderer auf dem Zuge ermordet worden seien und ihre Lagerplätze ausgeplündert, in Gegenden, wohin keine Indianer je den Fuß gesetzt hatten. Zur selben Zeit sah man in den Harems der Aeltesten fremde Frauen auftauchen, welche trostlos weinten und dahinsiechten, im Antlitz den Ausdruck untilgbaren Entsetzens.

Verspätete Wanderer im Gebirge erzählten von Banden bewaffneter und vermummter Gestalten, die geräuschlos und verstohlen im Dunkel an ihnen vorübergehuscht waren. Die zuerst unbestimmten Gerüchte traten bald in greifbarer Form und mit größerer Gewißheit auf; sie wurden von allen Seiten bestätigt und geglaubt. Bis auf den heutigen Tag spricht man in den abgelegenen Farmhäusern des Westens noch mit Grausen von den Danitischen Banden, die im Volksmunde auch ›Würgengel‹ genannt wurden.

Je mehr man von dem Walten dieser Schrecklichen erfuhr, um so größer ward das Entsetzen vor ihnen in den Gemütern. Man wußte nicht, wer zu der greuelvollen Gesellschaft gehörte; die Namen derer, welche unter dem Deckmantel der Religion ihre blutigen Gewaltthaten verübten, blieben in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Dem besten Freunde selbst durfte man seine etwaigen Zweifel an der Sendung des Propheten nicht anvertrauen, denn leicht konnte er zu der Zahl der Rächer gehören, welche in nächtlichem Graus Vergeltung zu üben kamen. So mißtraute denn ein Nachbar dem andern und keiner wagte von den Dingen zu reden, die ihm vor allem am Herzen lagen. –

 

Eines Morgens wollte sich John Ferrier gerade zu einem Gang durch seine Weizenfelder rüsten, als er die Gitterthür gehen hörte und einen starken, blondhaarigen Mann mittleren Alters den Fußweg heraufkommen sah. Er erschrak heftig, denn es war niemand anderes als der große Brigham Young in eigener Person. Voll böser Ahnungen, denn er wußte wohl, daß ein solcher Besuch nichts Gutes für ihn zu bedeuten habe, eilte Ferrier dem Oberhaupt der Mormonen entgegen. Brigham Young nahm seine ehrerbietige Begrüßung mit Kälte auf und folgte ihm schweigend ins Wohnzimmer.

»Bruder Ferrier,« sagte er, mit strenger Miene Platz nehmend, und warf unter seinen hellfarbenen Augenbrauen hervor einen durchdringenden Blick auf den alten Farmer, »die wahren Gläubigen haben dir treue Freundschaft erwiesen. Als du nahe daran warst, in der Wüste zu verschmachten, nahmen wir dich auf in unsere Mitte, labten dich mit Trank und Speise und führten dich sicher in das Land der Verheißung; dort gaben wir dir ein schönes Ackerland und ließen dich reich werden in unserm Schutz. Ist es nicht, wie ich sage?«

»Ja, so ist es,« bestätigte Ferrier.

»Zum Dank für alle Wohlthaten stellten wir nur die eine Bedingung, daß du den wahren Glauben annehmen und dich unsern Sitten und Gebräuchen unterwerfen solltest. Du gelobtest dies zu thun; aber, wenn wir recht berichtet sind, hast du dein Versprechen nicht gehalten.«

»Worin habe ich denn gefehlt?« rief Ferrier. »Habe ich nicht in die gemeinsame Kasse gesteuert? Habe ich nicht die Versammlungen im Tempel besucht? Habe ich nicht –«

»Wo sind deine Frauen?« fragte Young, sich umblickend. »Rufe sie herbei, daß ich sie begrüßen kann.«

»Es ist wahr,« versetzte der Farmer, »ich habe nicht geheiratet. Aber es war nur eine geringe Anzahl Frauen vorhanden und andere Gemeindeglieder hatten bessere Ansprüche als ich. Auch lebte ich nicht einsam; meine Tochter sorgte für meine Notdurft.«

»Gerade deine Tochter ist es, von der ich mit dir reden möchte,« sagte der Führer der Mormonen. »Sie ist zur Blume von Utah erblüht und Männer, die in hohem Ansehen unter uns stehen, haben ein Auge des Wohlgefallens auf sie geworfen.«

John Ferrier gingen die Worte wie ein schneidendes Schwert durchs Herz.

»Man erzählt von ihr, was ich nur ungern wiederhole – daß sie sich einem Ungläubigen versiegelt hat. Es muß wohl ein Geschwätz müßiger Zungen sein, denn – wie lautet die dreizehnte Regel im Gesetz Josef Smiths, des Heiligen? – ›Eine Tochter, die sich zum wahren Glauben bekennt, darf nur mit einem der Auserwählten in die Ehe treten. Heiratet sie einen Ungläubigen, so macht sie sich einer schweren Sünde schuldig.‹ Es ist nicht möglich, daß du, als Anhänger unserer heiligen Lehre, deiner Tochter gestattet haben solltest, dies Gebot zu übertreten.«

John Ferrier gab keine Antwort, er atmete schwer.

»Im heiligen Rat der Vier ist beschlossen worden, daß dieser eine Punkt zum Prüfstein für deinen Glauben dienen soll,« fuhr der Prophet fort. »Das Mädchen ist jung, wir wollen sie nicht einem Graubart vermählen, und ihr sogar die Wahl lassen. Wir, die Aeltesten, sind bereits wohl versehen, aber wir müssen auch für unsere Kinder sorgen. Stangerson und Drebber haben Söhne und jeder von ihnen würde deine Tochter mit Freuden in seinem Hause willkommen heißen. Sie soll sich für einen von ihnen entscheiden. Beide sind jung, reich und bekennen sich zu dem wahren Glauben. Was hast du darauf zu erwidern?«

Ferrier zog die Stirn in düstere Falten und schwieg eine Weile.

»Ihr werdet uns Zeit lassen,« sagte er endlich. »Meine Tochter ist sehr jung – noch kaum in heiratsfähigem Alter.«

»Sie soll einen Monat Bedenkzeit haben,« sagte Young von seinem Sitz aufstehend. »Ist diese Frist zu Ende, so erwarten wir ihre Antwort.«

In der Thür wandte er sich noch einmal zurück; sein Gesicht war gerötet, seine Augen funkelten. »Wenn jetzt dein und ihr Gebein im Wüstenstaub bei der Sierra Bianca moderte,« rief er mit Donnerstimme, »es wäre weit besser für dich, John Ferrier, und für sie, als wenn ihr in eurer Ohnmacht wagen solltet, dem Befehl des heiligen Rats der Vier zu trotzen.«

Er erhob die Hand mit drohender Gebärde, dann verließ er das Haus und man hörte den Kies auf dem Fußweg unter seinen Tritten knirschen.

Ferrier saß noch in trübem Sinnen, den Kopf in die Hand gestützt, als er sich leise an der Schulter berührt fühlte. Er blickte auf und sah Lucy neben sich stehen. Ihr bleiches, verstörtes Gesicht ließ ihm keinen Zweifel, daß sie wußte, was geschehen war. »Ich konnte nicht anders,« flüsterte sie voll Bangigkeit, »ich habe alles gehört – seine Stimme schallte durch das ganze Haus. O Vater, Vater – was sollen wir thun?«

»Sei ohne Furcht,« sagte er, sie an sich ziehend, und ließ seine breite, rauhe Hand zärtlich über ihr braunes Haar gleiten. »Irgendwie wollen wir’s schon einrichten. Du hängst doch wohl nach wie vor an deinem Verlobten, nicht wahr?«

Sie schluchzte nur leise und drückte ihm die Hand.

»Ich hab‘ mir’s gleich gedacht; so ein hübscher Bursche und ein ordentlicher Christenmensch obendrein; denn das ist hier keiner von allen, trotz ihrer vielen Gebete und Predigten. – Morgen reist eine Gesellschaft nach Nevada ab, da werde ich zusehen, daß ich ihm eine Botschaft schicken kann, um ihn wissen zu lassen, in welcher Not wir stecken. Wenn er dann nicht hier ist, wie der Wind, müßte ich mich sehr in dem jungen Mann getäuscht haben.«

Lucy lächelte unter Thränen. »Wenn er kommt, wird er uns zu raten und zu helfen wissen,« sagte sie zuversichtlich. »Aber ich ängstige mich deinetwegen, Väterchen. Man hört so schreckliche Dinge erzählen, wie es denen ergeht, die sich dem Willen des Propheten widersetzt haben.«

»Aber wir haben das noch gar nicht gethan,« entgegnete der Alte, »und brauchen uns vorläufig nicht zu fürchten. Noch haben wir einen ganzen Monat vor uns und ehe der zu Ende geht, werden wir gut thun, Utah den Rücken zu kehren.«

»Was wird denn aber aus deinem Besitztum?«

»Wir machen zu Geld, was wir können, und lassen das Uebrige zurück. Ich will dir nur offen gestehen, Lucy, daß ich schon längst mit diesem Gedanken umgehe. Ich mag vor keinem Menschen zu Kreuze kriechen, wie die Leute hier vor ihrem verwünschten Propheten. Als freier Mann bin ich geboren und kann mich in diese Art nicht mehr finden – ich bin wohl zu alt dazu. Er soll sich hüten, mir noch einmal ins Gehege zu kommen, sonst hat er eine Ladung Schrot im Leibe, ehe er sich’s versieht.«

»Sie werden uns aber nicht fortlassen wollen,« warf Lucy ängstlich ein.

»Dafür laß mich nur sorgen, wenn Jefferson kommt. Beruhige dich jetzt, mein Herzchen, und weine dir nicht die Augen rot, sonst macht er mir Vorwürfe, wenn er dich sieht. Uns droht keinerlei Gefahr, und du brauchst nichts zu fürchten.«

John Ferrier sprach diese tröstlichen Worte mit großer Zuversicht, doch konnte Lucy nicht umhin, zu bemerken, wie vorsichtig er alle Thüren zur Nacht verschloß und verriegelte, nachdem er zuvor die alte, rostige Jagdflinte, welche für gewöhnlich an der Wand seines Schlafzimmers hing, aufs sorgfältigste gereinigt und geladen hatte.

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