Monthly Archives: Oktober 2011

Hans Christian Andersen – Zwei Jungfern


Hans Christian Andersen

Zwei Jungfern
Hast Du jemals eine Jungfer gesehen? Ich meine was die Steinsetzer eine Jungfer nennen, eine, mit der man die Pflastersteine feststampft. Sie ist ganz aus Holz, nach unten breit und mit eisernen Reifen beschlagen, und oben schmal und von einem Stab durchzogen, das sind ihre Arme.
In einem Hofe standen zwei solcher Jungfern, sie standen zwischen Schaufeln, Klaftermaßen und Schiebkarren, und dorthin drang das Gerücht, daß die Jungfern für die Zukunft nicht mehr „Jungfern“, sondern „Stempel“ genannt werden sollten, und das ist die neueste und einzig richtige Benennung in der Steinsetzersprache für das, was wir alle in alten Zeiten eine Jungfer nannten.
Nun gibt es unter uns Menschen etwas, was „emanzipierte Frauenzimmer“. genannt wird, wozu Pensionatsvorsteherinnen, Hebammen, Tänzerinnen, die in ihrem Berufe auf einem Bein stehen, Modistinnen und Pflegerinnen gezählt werden, und dieser Reihe von Emanzipierten schlossen sich auch die zwei Jungfern im Hofe an. Sie waren Jungfern bei der Wegebaubehörde und wollten unter keinen Umständen ihren guten alten Namen aufgeben und sich „Stempel“ nennen lassen.
„Jungfer ist ein Menschenname,“ sagten sie, „aber Stempel ist ein Ding, und wir lassen uns nicht Ding nennen, das ist ein Schimpf für uns.“
„Mein Verlobter ist imstande, die Verbindung mit mir zu lösen!“ sagte die Jüngere, die mit einem Rammbock verlobt war; das ist so eine große Maschine die Pfähle eintreibt, sie tut also im Groben, was die Jungfer im Feinen tut. Er will mich als Jungfer haben, aber als Stempel vielleicht nicht, also kann ich mich nicht umtaufen lassen!“
„Und ich lasse mir lieber beide Arme abbrechen!“ sagte die Ältere.
„Der Schiebkarren hatte jedoch eine andere Meinung darüber, und der Schiebkarren war etwas, er sah sich für eine Viertelkutsche an, da er ebenfalls auf einem Rade ging.
„Ich muß Ihnen sagen, daß Jungfer zu heißen ziemlich gewöhnlich ist und längst nicht so fein, als Stempel genannt zu werden; denn wenn man diesen Namen führt, wird man mit den Siegeln auf eine Stufe gestellt. Denken Sie nur an das Siegel des Reiches. Ich, an Ihrer Stelle, würde die Jungfer aufgeben!“ „Niemals. Dazu bin ich zu alt“ sagte die Ältere.
„Sie wissen wohl nicht, was die europäische Notwendigkeit bedeutet!“ sagte das ehrliche alte Klaftermaß. „Man muß sich einschränken, unterordnen, sich der Zeit und der Notwendigkeit fügen, und ist es ein Gesetz, wonach die Jungfer Stempel genannt werden soll, so muß sie Stempel genannt werden. Jedes Ding muß nach seinem eigenen Klaftermaß gemessen werden!“
„Da würde ich mich doch lieber Fräulein nennen lassen!“ sagte die Jüngere, wenn nun schon einmal geändert werden soll; Fräulein schmeckt doch immer noch etwas nach Jungfer.“
„Aber ich lasse mich lieber kurz und klein hacken!“ sagte die alte Jungfer.
Nun ging es an die Arbeit; die Jungfern fuhren, sie wurden auf den Schiebkarren gelegt, das war immerhin eine feine Behandlung, aber Stempel wurden sie doch genannt.
„Jung“ sagten sie, indem sie das Steinpflaster stampften; „Jung“ und sie waren nahe daran, das ganze Wort „Jungfer“ auszusprechen; aber sie bissen kurz ab und schluckten herunter, was ihnen auf der Zunge schwebte, denn sie fanden, daß sie nicht einmal etwas entgegnen durften. Aber unter sich redeten sie sich mit dem Namen „Jungfer“ an und priesen die guten alten Tage, als man noch jedes Ding bei seinem rechten Namen nannte und Jungfer genannt wurde wenn man Jungfer war. Und das blieben sie auch alle beide, denn der Rammbock, die große Maschine, hob wirklich die Verlobung mit der Jüngeren auf, mit einem Stempel wollte er sich nicht einlassen.

Hans Christian Andersen – Zwölf mit der Post

Hans Christian Andersen

Zwölf mit der Post
Es war eine schneidende Kälte, sternenheller Himmel, kein Lüftchen regte sich.
‚Bums!‘ Da wurde ein alter Topf an die Haustüre des Nachbars geworfen. ‚Puff, paff!‘ Dort knallte die Büchse; man begrüßte das neue Jahr. Es war Neujahrsnacht! Jetzt schlug die Turmuhr zwölf!
‚Trateratra!‘ Die Post kam angefahren. Der große Postwagen hielt vor dem Stadttore an. Er brachte zwölf Personen mit, alle Plätze waren besetzt.
»Hurra! Hurra! Hoch!« sangen die Leute in den Häusern der Stadt, wo die Neujahrsnacht gefeiert wurde und man sich beim zwölften Schlage mit dem gefüllten Glase erhob, um das neue Jahr leben zu lassen.
»Prost Neujahr!« hieß es, »ein schönes Weib! Viel Geld! Keinen Ärger und Verdruß!«
Das wünschte man sich gegenseitig, und darauf stieß man mit den Gläsern an, daß es klang und sang – und vor dem Stadttore hielt der Postwagen mit den fremden Gästen, den zwölf Reisenden.
Und wer waren diese Fremden? Jeder von ihnen führte seinen Reisepaß und sein Gepäck bei sich; ja, sie brachten sogar Geschenke für mich und dich und alle Menschen des Städtchens mit. Wer waren sie, was wollten sie, und was brachten sie?
»Guten Morgen!« riefen sie der Schildwache am Eingange des Stadttores zu.
»Guten Morgen!« antwortete diese, denn die Uhr hatte ja zwölf geschlagen.
»Ihr Name? Ihr Stand?« fragte die Schildwache den von ihnen, der zuerst aus dem Wagen stieg.
»Sehen Sie selbst im Passe nach«, antwortete der Mann. »Ich bin ich!« Und es war auch ein ganzer Kerl, angetan mit Bärenpelz und Pelzstiefeln. »Ich bin der Mann, in den sehr viele Leute ihre Hoffnung setzen. Komm morgen zu mir; ich gebe dir ein Neujahrsgeschenk! Ich werfe Groschen und Taler unter die Leute, ja ich gebe auch Bälle, volle einunddreißig Bälle, mehr Nächte kann ich aber nicht daraufgehen lassen. Meine Schiffe sind eingefroren, aber in meinem Arbeitsraum ist es warm und gemütlich. Ich bin Kaufmann, heiße Januar und führe nur Rechnungen bei mir.«