Nachtrag

admin am Okt 13th 2011

Nachtrag

Die folgenden vierzehn Stücke hat Gotthold Klee 1881 als Herausgeber der 14.
Auflage der ›Schönste Sagen des klassische Altertums‹ von Gustav Schwab ergänzend
hinzugefügt.

Aktäon

Aktäon war der Sohn des jagdliebenden Gottes Aristäos und der Autonoe, einer
Tochter des Kadmos. Als er den Kinderjahren entwachsen war, ward er von dem
weisen Zentauren Chiron am kühlen, waldreichen Gebirge Pelion erzogen und zu
einem rüstigen Jäger gebildet. Seine höchste Lust war, in Tälern und Bergen
dem Weidwerk obzuliegen. Einst jagte er mit fröhlichen Gesellen in den Wäldern
des Kithairongebirges, bis die Mittagssonne heiß herniederschien und die kühlen
Schatten der Bäume verkürzte. Da rief der Jüngling die Genossen zusammen und
sprach: »Beute genug gab der heutige Tag, Stahl und Garn sind naß vom Blute
des erlegten Wildes. Darum lasset uns nun der Jagd für heute ein Ende machen!
Wenn morgen die rosige Eos am Himmel emporsteigt, erneuern wir unser fröhliches
Geschäft.« Also sprach er und entließ die willigen Genossen; er selbst aber
ging, von seinen Hunden begleitet, tiefer in den Wald hinein, einen kühlen,
schattigen Ort zu suchen, wo er des Mittags Hitze verschlafen und die ermüdeten
Glieder stärken könnte.

Nun war nicht fern davon ein Tal voll Fichten und hochaufragender Zypressen;
das hieß Gargaphia und war der Artemis geheiligt. Dort befand sich tief in einem
Winkel des Tals versteckt eine baumumwachsene Grotte. Kunstreich schien der
Felsen von Menschenhand zum Bogen gewölbt, und doch war alles ein Werk der Natur.
Dicht dabei entsprang murmelnd ein Quell, dessen klares Wasser, vom grünen Rasen
umsäumt, sich zu einem kleinen See ausbreitete. Hier war es, wo die jungfräuliche
Göttin, von der Jagd ermüdet, ihre heiligen Glieder zu baden pflegte. Auch jetzt
war sie in die Grotte getreten, von dienenden Nymphen begleitet. Jagdspeer,
Köcher und Bogen reichte sie ihrer Waffenträgerin, eine andere nahm der Göttin
das Gewand ab, zwei lösten ihr die Sandalen von den Füßen; die schöne Krokale,
die geschickteste von allen, knüpfte ihr das wallende Haupthaar zum Knoten zusammen.
Dann schöpften die Dienerinnen mit Urnen das Wasser und ließen es über die Herrin
strömen.

Während so die Göttin des gewohnten Bades sich erfreute, nahte durch das Gebüsch
auf ungebahntem Wege nachlässigen Schrittes der Enkel des Kadmos; ein schlimmes
Schicksal führte ihn durch den heiligen Hain zu der Grotte der Artemis. Ahnungslos
trat er hinein, froh, eine kühle Raststätte gefunden zu haben. Wie nun die Nymphen
den Mann erblickten, schrien sie laut auf und drängten sich um die Gebieterin,
sie mit ihren Leibern zu verbergen. Aber um Haupteslänge ragte die Göttin über
alle empor. Hochauf richtete sie das vor Zorn und Scham erglühende Antlitz,
das Auge starr auf den Eindringling gerichtet. Dieser stand noch immer regungslos,
überrascht und geblendet von dem wunderbaren Schauspiel. Der Unglückliche! Wäre
er doch entflohen, so schnell seine Füße ihn tragen mochten; denn jetzt beugte
sich die Göttin plötzlich zur Seite, schöpfte mit der Hand ein wenig von dem
Wasser des Quells, spritzte es dem Jüngling über Antlitz und Haupthaar und rief
mit drohender Stimme: »Was du gesehen, verkünde es nun den Menschen, wenn du
vermagst!« Kaum war das letzte Wort gesprochen, da ergriff ihn unsägliche Angst;
eilenden Schrittes stürzte er davon und wunderte sich im Lauf über seine Schnelligkeit.
Der Unselige merkte es nicht, daß ein Geweih seinem Scheitel entsproßte, daß
sein Hals sich verlängerte, die Ohren sich spitzten, seine Arme in Beine, seine
Hände in Hufe sich verwandelten. Schon überdeckte die Glieder ein geflecktes
Fell; er war kein Mensch mehr, in Hirschgestalt hatte ihn die zürnende Göttin
gewandelt. Jetzt erblickte er auf der Flucht sein Bild im Spiegel des Wassers.
»Weh mir Unglücklichem!« wollte er rufen, aber stumm war sein Mund, kein Wort
entrang sich der stöhnenden Brust; nur ein angstvolles Seufzen konnte er ausstoßen;
Träne auf Träne rann ach, nicht über menschliche Wangen! Nur sein Herz, seine
alte Besinnung war ihm geblieben.

Was nun tun? Heimkehren in den großväterlichen Palast? Im tiefsten Wald sich
verstecken? Während so Furcht und Scham in ihm kämpften, erblickten ihn seine
Hunde. Da plötzlich stürzte die ganze Meute – fünfzig an der Zahl – auf den
vermeintlichen Hirsch ein. Nach Beute gierig, jagten sie ihn über Berg und Tal,
über zackige Felsen und gähnende Klüfte. So flog der Geängstete durch die wohlbekannten
Gegenden, wo er oft das Wild verfolgt hatte, nun selbst der Verfolgte. Zweimal
wollte er sich wenden und flehend rufen: »Schonet meiner! Ich bin ja Aktäon.«
Aber die Rede war ihm versagt. Jetzt mit wütendem Gebell erreichte ihn der Führer
der Meute, ihn im Rücken packend, und nun stürzten sie alle über ihn her und
verwundeten ihn mit den scharfen Zähnen. Tiefauf stöhnte der Gequälte – ach,
so winselt kein Hirsch! und doch ist es kein menschliches Stöhnen. Einem Bittenden
ähnlich sank er auf die Knie und wendete in stummem Jammer das Antlitz nach
seinen Peinigern. In diesem Augenblick kamen seine Genossen herbei, durch das
Gebell der Hunde herangelockt. Mit gewohntem Zuruf hetzten sie die klaffende
Meute und riefen umsonst nach ihrem Herrn, den sie entfernt glaubten. »Aktäon«,
tönte es durch den Wald, »wo bist du, den herrlichen Fang zu schauen?« So riefen
sie, während der Unglückliche unter den Speeren seiner Freunde den Geist aufgab.

Nachdem Aktäon so schrecklich geendet hatte, begannen seine Hunde den lieben
Herrn zu vermissen; heulend und winselnd suchten sie den Verlorenen überall,
bis sie endlich zur Höhle des Chiron gelangten. Dieser fertigte aus Erz ein


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Gustav Schwab – Äneas – Dritter Teil

admin am Okt 13th 2011

Sechstes Buch

Äneas – Dritter Teil

Waffenstillstand

Die Morgenröte stand über dem Schlachtfelde, das die Trojaner als Sieger innehatten.
Äneas richtete auf einem Hügel ein Siegeszeichen auf. Der Stamm einer riesigen
Eiche, von dem alle Äste abgehauen waren, wurde mit der funkelnden Waffenrüstung
des Feldherrn Mezentius bekleidet: rechts wurde der blutige bebuschte Helm,
die zerbrochenen Speere des Fürsten, sein Panzer, der zwölfmal von Geschossen
getroffen und durchbohrt war, aufgehängt; links der eherne Schild und an seinem
Gurte das Schwert in der Scheide von Elfenbein. Der gesamte Haufe der trojanischen
Führer drängte sich um das Denkmal, und Äneas weihte die Beute unter feierlichem
Flehen dem Schlachtengott.

Alsdann wandten sie ihre Schritte nach dem Lager, wo der greise Arkadier Acötes,
der als Waffenträger und Gefährte seinem geliebten Zögling gefolgt war, den
entseelten Leib des Pallas hütete, den eine Schar von Dienern und teilnehmenden
Trojanern und Trojanerinnen mit aufgelöstem Haar umstand und der in einer bedeckten
Halle der Lagerburg untergebracht war. Als Äneas durch die Pforte trat, erhob
sich lautes Stöhnen; alle Anwesenden schlugen an die Brust, und die Burg dröhnte
von Jammer. Wie nun Äneas das Haupt des Pallas mit dem blassen Angesichte auf
dem Polster erblickte und in der jugendlichen Brust die offene Speerwunde, da
rief er, indem ihm die Tränen aus den Augen hervorquollen: »Unglückseliger Knabe,
hat dir das trügerische Glück, das dich so schmeichlerisch begleitete, nicht
vergönnt, das Reich, das du deinen Freunden gründen halfest, zu schauen, um
als Sieger in die Heimat zurückzukehren! Nicht solches habe ich deinem Vater
Euander versprochen, als er mich beim Scheiden umarmte und sprach: ›Hüte dich,
du gehst in den Kampf mit einem streitbaren und harten Volk!‹ Weh uns, vielleicht
bringt jetzt, da wir deinen Leichnam bestatten, dein Vater den Göttern Gelübde
für dich dar!« So sprach er weinend und befahl, die Leiche auf ein Geflecht
von Eichenzweigen zu legen und ins Lager zu tragen. Dort ward der Jüngling auf
einem hohen Grashügel mitsamt der Tragbahre niedergelassen und lag da nun wie
ein gepflücktes Veilchen oder eine welkende Hyazinthenblüte, von welcher Schönheit
und Farbenschimmer noch nicht ganz gewichen sind. Äneas selbst brachte zwei
purpurne, mit Gold durchwobene Feiergewande, von Didos eigener Hand gewirkt,
herbei: in das eine hüllte er den Leib des Jünglings, das andere schlang er
um sein Lockenhaupt. In diesem Schmucke sollte der Tote seinem Vater nach Pallanteum
zurückgeschickt werden. Dem Zuge schlossen sich erbeutete Gefangene, Pferde
mit Waffen beladen, Acötes, der alte Diener des Jünglings, der sich das Haar
zerraufte und die Brust mit Fäusten schlug, und zuletzt Athon, das Streitroß
des Königssohnes, an, das mit gesenktem Kopf einherschritt und Tränen vergoß
wie ein Mensch. Dann kamen die Fürsten der Etrusker und Arkadier und ein Trauergefolge
von Trojanern, alle mit gesenkten Waffen. Äneas sah dem Zuge der Begleitenden
nach, bis er aus seinen Augen verschwand, rief dem Toten ein letztes Lebewohl
zu und kehrte wieder in das Lager zurück.

Indessen waren aus der Stadt des Latinus Gesandte mit Ölzweigen in der Hand
angekommen und flehten um die Erlaubnis, die Leiber der Ihrigen bestatten zu
dürfen. Diesen erwiderte Äneas voll Huld, indem er ihnen ihre Bitte sogleich
gewährte: »Welche Verblendung, ihr Latiner, hat euch unsere Freundschaft verschmähen
lassen und in diesen großen Krieg verwickelt? Ihr begehret Frieden für eure
Toten? Wie gerne gewährte ich ihn auch den Lebenden! Auch wäre ich gewiß eurem
Lande niemals genaht, wenn dieser Wohnplatz mir nicht durch das Schicksal angewiesen
worden wäre. Dazu führe ich keineswegs Krieg mit eurem Volke. Nicht dieses,
nur euer König hat unsern Bund verschmäht und sich lieber den Waffen des Turnus
anvertraut. Will Turnus den Krieg mit der Faust enden, will er die Trojaner
durchaus nicht in dem Lande dulden, nun, so werfe er sich in seine Rüstung und
kämpfe mit mir, Mann für Mann. Behalte dann recht, wem ein Gott und seine Faust
das Leben verleiht. Jetzt aber gehet und legt eure armen Mitbürger auf den Scheiterhaufen.«

Als die Gesandten so milde Worte aus dem Munde des Trojanerfürsten hörten,
sahen sie, schweigend vor Staunen, einander an. Endlich sprach der greise Drances,
von jeher ein Feind des Turnus: »Held von Troja, was soll ich mehr an dir bewundern,
deine kriegerische Tugend oder deine Gerechtigkeit? Wir gehen, voll Dank unserer
Vaterstadt deine Willensmeinung zu verkünden und, wenn es möglich ist, den König
Latinus mit dir zu versöhnen.« Alle Gesandten bestätigten diese Rede mit ihrem
Beifallrufe. Es wurde ein Waffenstillstand auf zwölf Tage geschlossen, und nun
schweiften im Schutze desselben Latiner und Trojaner durcheinander ungefährdet
auf den waldigen Berghöhen umher; die Esche, die Fichte sank unter dem Streiche
der Axt; die Eiche, die Zeder, die Buche wurde mit Keulen gespalten, und seufzende
Wagen, schwer mit Holz beladen, fuhren der Stadt der Latiner zu.

Inzwischen war das Gerücht von dem Tode des Pallas zur Stadt des Euander gedrungen,
die bisher nur von den Siegen ihres Königssohnes vernommen und geträumt hatte.
Unaussprechliche Niedergeschlagenheit bemächtigte sich des Königs und aller
Bürger. Leichenfackeln in der Hand, stürzten die Arkadier zu den Toren hinaus,
und vom langen Zuge der Flammen leuchtete der Weg. Auf der andern Seite kam
ihnen die wehklagende Schar der Phrygier mit dem Leichnam entgegen.

Als die Frauen der Arkadier den Zug auf die Häuser der Stadt zukommen sahen,
erfüllten sie die Straßen mit lautem Heulen. Jetzt vermochte auch den König
Euander keine Gewalt mehr zurückzuhalten; er ging der Schar entgegen, und als
die Tragbahre niedergestellt ward, warf er sich über die Leiche seines Sohnes
und ließ seinem Schmerz in lautem Schluchzen und abgebrochenen Worten des Jammers
den Lauf.

Volksversammlung der Latiner


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Gustav Schwab – Äneas – Zweiter Teil

admin am Okt 13th 2011

Fünftes Buch

Äneas – Zweiter Teil

Der Tod des Palinurus. Landung in Italien. Latinus. Lavinia

Äneas mußte das Ende Didos, das sein Leichtsinn herbeigeführt hatte, obgleich
ihm von den Göttern selbst geboten worden war, sie zu verlassen, mit neuen Irrfahrten
und wiederholten Unglücksfällen büßen. Ein Sturm verschlug ihn rückwärts nach
Sizilien, wo er vom Könige Acestes, dessen Mutter eine Trojanerin war, gütig
aufgenommen wurde und dem Schatten seines Vaters Anchises, welchen er ein Jahr
zuvor bei Drepanum begraben hatte, bei der Wiederkehr dieses Tages herrliche
Leichenspiele feierte. Inzwischen warfen die trojanischen Frauen, von der Botin
Junos, Iris, angereizt und der langen Seefahrt überdrüssig, Feuer in die Flotte,
daß vier der schönsten Schiffe verbrannten; die übrigen rettete Jupiter durch
einen Regenguß. In der folgenden Nacht erschien dem kummervollen Helden sein
Vater Anchises im Traum und brachte ihm Jupiters Befehl, die älteren Weiber
und unkriegerischen Greise in Sizilien zurückzulassen; er selbst solle mit dem
Kern der Mannschaft nach Italien segeln.

Der Held gehorchte dem Götterwinke, gründete zu Ehren seines königlichen Wirtes
die Stadt Acesta in Sizilien und bevölkerte sie mit den Greisen und den alten
Müttern seiner Flotte; er selbst brach mit den kräftigsten Männern, den Jünglingen,
Frauen, Jungfrauen und Knaben der Auswanderung auf und verließ die Küste. Diesmal
gewährte ihm Neptunus, durch die Bitten der Liebesgöttin bewältigt, sicheres
Meer und glückliche Fahrt. Zuletzt wurden sie bei dem günstigsten Winde und
blauesten Himmel so sorglos, daß die Ruderer selbst in einer heitern Nacht sich
unter ihre Ruderbänke legten und dem tiefsten Schlafe überließen. Der verführerische
Gott des Schlafes hatte sich von den am hellen Nachthimmel funkelnden Gestirnen
des Äthers herabgesenkt und nahte in der Gestalt des Helden Phorbas selbst dem
wachsamen Steuermanne Palinurus, der auf dem hohen Verdeck am Steuer saß: »Sohn
des Jasius«, sprach er leise zu ihm, »Siehest du nicht, wie das Meer die Flotte
selber treibt und die sanftwehende Luft dich einlädt, endlich einmal auch ein
Stündlein dir Ruhe zu gönnen? Lege doch dein Haupt nieder, entziehe die ermüdeten
Augen der steten Arbeit; komm, laß mich ein wenig dein Amt für dich übernehmen!«
Palinurus vermochte kaum den schläfrigen Blick gegen den Redenden aufzuheben
und sprach: »Was sprichst du? Ich soll das tückische Element nicht kennen, wenn
es Ruhe heuchelt, und ihm vertrauen? Ich, den so oft der Betrug des heitern
Himmels hintergangen hat!« So sprach er und klammerte sich an das Ruder, indem
er sich zwang, seine Augen nach den Sternen zu richten. Aber der Gott träufelte
ihm in einem Zweige ein paar Tropfen von Lethe auf seine Schläfe, und plötzlich
schlossen sich seine Augen. Dann zerbrach er die Planken am Steuer und gab dem
Schlummernden einen Stoß, daß er mitsamt dem Ruder kopfüber in die Wellen stürzte.
Der Schlaf erhob sich wie ein Vogel in die Luft. In den Wogen erwachte der arme
Steuermann und rief umsonst, mit den Wellen ringend, die Hilfe seiner schlafenden
Genossen an.

Die Flotte verfolgte indessen, unter dem versprochenen Schutze des Meergottes,
auch ohne Steuermann ihren Weg, und endlich war Italiens Küste erreicht. Äneas
fuhr das Gestade entlang und landete zuletzt in dem Hafen von Kajeta. Damals
hatte er diesen Namen noch nicht und erhielt ihn erst von der alten treuen Amme
des Helden, welche Kajeta hieß, nach der Landung hier starb und, ehe der Zug
weiterging, an dem Orte feierlich beigesetzt wurde. Dann begab sich der Führer
noch einmal mit seinen Genossen zu Schiffe und gelangte glücklich in den Hafen
von Ostia. Hier sah er vom Meer aus ein großes Gehölz; zwischen diesem brach
der Tiberstrom, gelb von Sande, unter reißenden Wirbeln sich seine Bahn ins
Meer. Bunte Vögel umflatterten unter lieblichem Gesange den Ausfluß und durchschwebten
den Hain.

Das italische Land, in welchem sich die trojanischen Auswanderer nun befanden,
war das alte Latium, das Gebiet der Laurenter. Seine ruhigen Städte und Felder
beherrschte ein schon alternder König mit Namen Latinus, ein Sohn des Faunus
und ein Urenkel des Gottes Saturnus. Das Geschick hatte diesem Fürsten keinen
Sohn gegönnt; aber um seine einzige schon herangereifte schöne Tochter Lavinia
warben aus Latium und ganz Italien viele Fürstensöhne, vor allen Turnus, der
schönste aller Jünglinge, der Sohn des Rutulerköniges Daunus, und ihn begünstigte
die Mutter Lavinias, die Königin Amata, vor allen andern. Aber schreckhafte
Götterzeichen setzten sich dieser Verbindung entgegen. In den hohen Höfen der
latinischen Königsburg stand ein Lorbeerbaum, welchen der alte König schon angetroffen
und dem Phöbus geweiht hatte, als er den Palast gründete. Nun besetzte einst
plötzlich den Gipfel des Baumes ein dichter Bienenschwarm, der mit lautem Gesumse
durch die heitere Luft herbeigeflogen kam; Füße an Füße klammernd, hing der
ganze Schwarm wie eine Blumendolde plötzlich vom grünenden Aste des Baumes herunter.
Man rief einen Wahrsager herbei, der das Zeichen deuten sollte. Dieser sprach:
»Ich sehe einen Mann und ein Heer vom Auslande herbeiziehen, aus einer Himmelsgegend
nach einer andern Himmelsgegend, und sehe ihn zuoberst in dieser Burg herrschen!«
Und wiederum geschah ein neues Zeichen. Als die Jungfrau Lavinia mit ihrem Vater
am Altare stand und dieser die Opferflamme anfachte, da schien es, als fingen
die Locken der Jungfrau Feuer, ihr Haar brenne, die Krone von Gold und Edelsteinen
glühe und verstreue, in Rauch und Flammen gehüllt, Glut durch den ganzen Palast.
Das wurde nun vollends für ein bedeutsames und grausenhaftes Wunder gehalten:
zwar Lavinia selbst – so lautete die Deutung der Seher – gehe einem herrlichen
Geschick und großem Ruhm entgegen, aber dem Volke weissage dieses Zeichen einen
fürchterlichen Kriegsbrand. Latinus befragte darüber das Orakel seines Vaters
Faunus. Aber auch dieses wahrsagte ihm einen fremden Eidam, aus dessen Stamm
ein Geschlecht erwachsen werde, dem die Herrschaft der ganzen Welt bestimmt


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Gustav Schwab – Äneas

admin am Okt 13th 2011

Viertes Buch

Äneas – Erster Teil

Äneas verläßt die trojanische Küste

Seinen Vater Anchises auf den Schultern, seinen Sohn Askanius an der Hand,
geschützt von seiner Mutter Venus, war der trojanische Held Äneas dem Brande
seiner eroberten Vaterstadt entronnen und am Fuße des Idagebirges, wo dieses
in das Meer ausläuft, in der kleinen Hafenstadt Antandrus angekommen. Hier sammelten
sich um ihn befreundete Flüchtlinge in großer Anzahl, Männer, Frauen und Kinder,
lauter unglückliche, des Vaterlands verlustige Menschen, und alle bereit, unter
seiner Anführung eine neue Heimat aufzusuchen. Noch ungewiß, wohin sie das Geschick
führen, wo es ihnen Ruhe vergönnen würde, fingen sie mit Hilfe der geretteten
und zusammengeschossenen Habe sich eine Flotte zu zimmern an, die mit dem ersten
Beginne des Frühlings fertig war, unter Segel zu gehen. Der älteste Trojaner,
der sich in ihrer Mitte befand, der greise Held Anchises selbst, gab das Zeichen
zum Aufbruch und sagte zuerst dem unterjochten Geburtsland ein ewiges Lebewohl.
Weinen und Wehklagen ertönte von den Schiffen, als sie sich von der Heimatküste
losrissen, und bald war diese aus den Blicken der Flüchtlinge verschwunden.

Nach einer ununterbrochenen Fahrt von mehreren Tagen landete die Flotte an
dem Gestade Thrakiens, das vorzeiten der wilde Verächter des Bacchus, der König
Lykurgus, beherrscht hatte, dessen jetzige Bewohner aber, solange der Staat
der Trojaner noch bestand, durch gleichen Götterdienst und Gastfreundschaft
mit diesen aufs genaueste verbunden waren. Doch hatte dies Verhältnis eine grausame
Störung erlitten; denn als das Glück von Troja zu wanken begann und Ajax der
Telamonier vom Schiffslager der Griechen aus einen Streifzug zur See gegen die
mit Priamus verbündeten Thrakier unternommen hatte, lieferte Polymnestor, der
treulose König des Landes, den jungen Sohn des trojanischen Königs, Polydorus,
den Griechen aus und erkaufte sich mit dieser Gabe den Frieden. Der Jüngling
aber wurde von den Belagerern unter den Mauern Trojas und vor den Augen des
Vaters gesteinigt.

Doch Äneas wußte nicht, an welchem Ufer er mit seinen Schiffen vor Anker gegangen
war. Voll Freude, eine wirtliche Küste erreicht zu haben, betrat er mit seinen
Freunden das Land, und ohne von den Eingeborenen gehindert zu werden, schritten
sie zu einer Niederlassung und legten den Grund zu einer neuen Stadt, in deren
ruhigem Besitze sie sich von den Schlägen des Schicksals zu erholen gedachten
und welcher Äneas, als das Haupt der Auswanderer, seinem eigenen Namen nach
den Namen Änus beilegte. Der Bau war schon im Werden, und der fromme Held wollte
für sein Werk den Schutz der Unsterblichen erflehen; er brachte Jupiter dem
Göttervater und seiner eigenen Mutter Venus einen untadligen Stier am Gestade
zum Opfer. In der Nähe befand sich ein heiterer Hügel, auf welchem Kornellen
und Myrten in üppigem Wuchse wucherten. Nach diesem Wäldchen hatte sich Äneas
begeben, um die frisch errichteten Rasenaltäre mit Laub und Zweigen zu bedecken.
Da erfuhr er ein Grausen erregendes Wunder. Sobald er einen Strauch aus den
Wurzeln reißen wollte, quollen aus diesen schwarze Blutstropfen und flossen
auf den grünen Waldboden, daß dem Helden selbst in den Adern das Blut erstarrte.
Angstvoll warf sich Äneas auf die Erde und flehte zu den Nymphen des Waldes
und zu Bacchus, dem Schutzgotte der thrakischen Fluren, die Schrecken abzuwenden,
mit welchen dieses Wunderzeichen ihm drohte. Dann ergriff er mit erneuter Kraft
ein drittes Bäumchen, und mit dem Knie auf den Boden gestemmt, versuchte er,
es zu entwurzeln. Da ließ sich ein klägliches Stöhnen aus dem Boden vernehmen,
und endlich kam ihm eine Stimme zu Ohren, welche in verlorenen Tönen sprach:
»Was quälest du mich, unglücklicher Äneas? Meine Seele wohnt in diesem Boden,
in den Wurzeln und Ästen dieses Waldes, in welchem ich als Kind einst ahnungslos
spielte. Ich bin dein Stammesgenosse, dein Verwandter, Äneas, bin Polydorus,
der Sohn des Priamus, der einst von seinem Pflegevater an die Griechen verraten
und vor deinen Augen unter Trojas Mauern zerschmettert ward. Mein Gebein ist
von mitleidigen Thrakiern gesammelt und hier im Vaterlande bestattet worden.
Verletze meine Freistätte nicht, du selbst aber fliehe dieses Ufer, das dir
und allen Trojanern mit Unheil droht; denn noch herrscht das Geschlecht des
Verräters in diesem Lande.«

Als Äneas sich vom ersten Schrecken erholt hatte, kehrte er zu den Seinigen
zurück und meldete das Gesicht zuerst seinem Vater und dann den andern Häuptlingen
des ausgezogenen Volkes. Alle vereinigten sich, mit ihm die verruchte Stätte
des entweihten Gastrechts zu verlassen. Die begonnenen Arbeiten wurden eingestellt,
und nachdem sie dem unglücklichen Polydorus ein Totenfest gefeiert, schoben
die Trojaner ihre Schiffe wieder vom Strande, bestiegen sie und verließen mit
ihnen den Hafen. Günstiger Wind führte sie bald weit in die offene See hinaus,
und nach glücklicher Fahrt erschien ihnen mitten im Meer, unter vielen andern
Inseln, ein wunderliebliches kleines Eiland, das sich lachend aus den Fluten
emporhob. Sein Name war Delos, es war einst eine schwimmende Insel gewesen;
Apollo war hier geboren und hatte sich ihrer, als sie wie unentschlossen um
andere Inseln und Küstenländer herumirrte, mitleidig angenommen und sie in der
Mitte der Zykladeninseln in dem Meeresgrunde befestigt, daß sie hinfort den
Stürmen trotzen und glückliche Bewohner nähren konnte. Die Menschen, die sich
dort ansiedelten, hatten dankbar ihre Stadt dem Apollo geweiht und waren gastliche,
gute Leute. Dorthin steuerte Äneas mit seiner Flotte, und ein sicherer Hafen
nahm die müden Seefahrer auf. Sie landeten und betraten die Stadt, die dem Fernhintreffer
Phöbus Apollo gewidmet war, mit tiefer Ehrfurcht. Ihr König Anius, der zugleich
Priester des Phöbus war, wandelte, mit der heiligen Binde um die Schläfe und
dem Lorbeer in der Hand, den Ankömmlingen entgegen und erkannte in dem greisen
Anchises einen alten Gastfreund. Unter Gruß und Handschlag wurden Äneas und


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Gustav Schwab – Odysseus-Zweiter Teil

admin am Okt 13th 2011

Drittes Buch

Odysseus – Zweiter Teil

Odysseus kommt nach Ithaka

Der Schlummer des Odysseus war süß, aber auch so tief wie der Tod. Das Schiff
flog schnell und sicher dahin, wie ein Wagen mit vier Hengsten durch die Ebene
oder wie ein Habicht durch die Luft fliegt. Es war, als wüßte es, welch einen
Schatz es an dem Manne trage, der in Klugheit mit den Himmlischen wetteiferte
und mehr Leiden erduldet hatte als irgendein Sterblicher. Jetzt aber hatte er
im ruhigsten Schlafe alles vergessen, was er jemals in Schlachten und auf den
Meereswellen Herbes erfahren.

Als der Morgenstern am Himmel stand und den Tag ankündigte, steuerte das Schiff
in vollem Laufe schon auf die Insel Ithaka zu, und bald lief es in die sichere
Bucht ein, welche dem Meeresgotte Phorkys gewidmet war. Zwei Landspitzen mit
gezackten Felsen laufen hier zu beiden Seiten in das Meer hinaus und bildeten
für die Schiffe einen sicheren Hafen. Im Mittelpunkte der Bucht stand ein schattiger
Ölbaum, und neben demselben war eine liebliche Grotte, in deren tiefer Dämmerung
Meernymphen ihren Wohnsitz hatten. In derselben standen steinerne Krüge und
Urnen gereiht, in welchen Bienen Honig bereiteten; auch Webstühle von Stein
konnte man da sehen, mit purpurnen Fäden bezogen, welche die Nymphen zu wundervollen
Gewanden woben. Zwei nie versiegende Quellen rannen durch die Grotte, die einen
gedoppelten Eingang hatte, gegen Mitternacht für die Menschen, gegen Mittag
eine verborgene Pforte für die unsterblichen Nymphen, welche nie ein Sterblicher
betrat. Bei dieser Höhle landeten die Phäaken, hoben den schlummernden Odysseus
mitsamt Teppich und Polster aus dem Schiff und legten ihn vor der Grotte unter
dem Ölbaum im Sande nieder. Hierauf wurden auch alle die Gaben ausgeschifft,
welche ihm Alkinoos und seine Fürsten als Geschenke mitgegeben, und sie legten
alles sorgfältig seitwärts vom Wege, damit nicht etwa ein vorübergehender Wanderer
den Fortschlummernden berauben möchte. Den Helden aus dem Schlafe zu wecken,
wagten sie nicht, denn derselbe deuchte ihnen von den Göttern selbst ihm zugesendet.
Hierauf setzten sie sich wieder ans Ruder und fuhren ihrer Heimat zu.

Aber der Meeresgott Poseidon grollte den Phäaken, daß sie mit Hilfe der Pallas
ihm seine Beute entrissen hatten, und erbat sich vom Göttervater die Erlaubnis,
an ihrem Schiff Rache nehmen zu dürfen. Dieser gönnte sie ihm, und als das Schiff
der Insel Scheria, dem Lande der Phäaken, schon ganz nahe war und mit vollen
Segeln einherwogte, stieg Poseidon aus den Wellen empor, schlug es mit der flachen
Hand und verschwand wieder in der Flut. Das Schiff aber mit allem, was darauf
war, wurde plötzlich in einen Felsen verwandelt und wurzelte im Meeresboden
fest. Die Phäaken, welche auf die Nachricht, daß ihre Landsleute zurückkommen,
nach dem Strande geeilt waren, konnten nicht genug staunen, als das Schiff,
welches eben noch in vollem Fluge begriffen war, plötzlich in seinem Laufe gehemmt
stillstand. Aber Alkinoos erhob sich in der Versammlung und sprach: »Wehe uns,
gewiß erfüllt sich jetzt an uns die uralte Weissagung, von welcher mir mein
Vater erzählt hat. Poseidon, sagte mir dieser, zürne uns in seinem Herzen, daß
wir, die gewandten Schiffer, jeden Fremdling glücklich in seine Heimat bringen.
Einst aber werde ein phäakisches Schiff, das auch von einer solchen Begleitung
heimkehre, von ihm am Ufer versteinert werden und unsre Stadt als ein Felskamm
umziehen. Darum wollen wir in Zukunft uns nicht mehr einfallen lassen, den Fremden
das Geleite zu geben, die als Schutzflehende in unsre Stadt kommen; dem zürnenden
Meeresgott aber wollen wir zwölf Stiere opfern, damit er sich erbarme und unsre
Stadt nicht ganz mit einem Gebirge von Felsen einschließe.« Die Phäaken erschraken,
als sie dieses hörten, und rüsteten sich in aller Eile zu dem Opfer.

An Ithakas Strande war Odysseus indessen vom Schlummer erwacht, aber so lange
schon von der Heimat entfernt, erkannte er sie nicht mehr. Zudem hatte Pallas
Athene um ihn selbst einen Nebel gebildet, damit er unkenntlich würde und seine
Gattin und Mitbürger ihn nicht früher zu erkennen vermöchten, ehe die Freier
ihre Missetat gebüßt hätten. So erschien denn jetzt dem Helden alles, die geschlängelten
Pfade, die Meeresbuchten, die himmelanragenden Felsen, die Bäume mit ihren hohen
Wipfeln, in fremder Gestalt. Er fuhr vom Boden auf, blickte bang umher, schlug
sich an die Stirne und rief wehklagend: »Ich Unglückseliger, in welche neue
Fremde bin ich wieder gekommen, unter welche Unholde von Menschen? Wohin rette
ich mich mit dem geschenkten Gute? Wär ich doch bei dem Volke der Phäaken geblieben,
wo ich so freundlich gepflegt worden bin! Jetzt aber haben sie mich freilich
auch verraten: sie versprachen, mich nach Ithaka zu führen, und haben mich hier
in dem fremden Lande ausgesetzt. Vergelte es ihnen Zeus, der Rächer! Gewiß haben
sie mir auch von meinem Gute gestohlen!«

Der Held blickte um sich, sah Dreifüße, Becken, Gold, Kleider, alles in bester
Ordnung umherstehen und liegen, fing an zu mustern und zu zählen: und siehe
da, ihm mangelte nichts. Als er nun nachdenklich und die Heimat betrauernd am
Strande umherirrte, gesellte sich zu ihm die Göttin Athene in Gestalt eines
zarten Jünglings, eines Schafhirten, aber wie ein Königssohn mit feinen Gewanden
angetan, mit schönen Sohlen an den Füßen und einem Spieß in der Hand. Odysseus
war froh, einem Menschen zu begegnen, und fragte ihn mit freundlichen Worten,
auf welchem Gebiet er sich befinde, ob es ein Festland oder eine Insel sei.
»Du mußt aus der Ferne daherkommen«, antwortete die Göttin, »wenn du erst nach
dem Namen dieses Landes zu fragen brauchst. Ich versichere dich, man kennt es
im Westen und im Osten. Zwar ist es gebirgig, und Rosse kann man hier keine
tummeln wie im Argiverlande; arm ist es aber deswegen nicht; Wein und Getreide
gedeihen herrlich. Ziegen und Rinder hat es in Menge, dazu die schönsten Waldungen
und Quellwasser genug. Auch durch seine Bewohner ist es berühmt worden. Frage
nur das trojanische Land, das doch ferne genug ist, das wird dir etwas von der


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Gustav Schwab – Odysseus

admin am Okt 13th 2011

Zweites Buch

Odysseus – Erster Teil

Telemach und die Freier

Die Heimkehr der Griechen von Troja war vollbracht, und so viele der Helden
den Schlachten während des Krieges oder dem Sturm auf der Heimfahrt entronnen
waren, befanden sich jetzt zu Hause, glücklich oder unglücklich. Nur Odysseus,
der Sohn des Laërtes, Ithakas Fürst, war noch auf der Irrfahrt und von einem
seltsamen Schicksale betroffen. Nach mancherlei Abenteuern saß er in der Ferne
auf einer rauhen, mit Wäldern bedeckten, einsamen Insel, mit Namen Ogygia, wo
ihn eine hohe Nymphe, die Göttin Kalypso, die Tochter des Atlas, in ihrer Grotte
gefangenhielt, weil sie ihn zum Gemahl begehrte. Er aber blieb der zurückgelassenen
Gattin, der edlen Penelope, treu; und endlich jammerte sein auch die Götter
im Olymp; nur Poseidon, der Gott des Meeres, der alte Feind der Griechen, zürnte
auch diesem Helden unversöhnlich, und wenn er ihn nicht zu vertilgen wagte,
so legte er seiner Heimfahrt doch allenthalben Hindernisse in den Weg und trieb
ihn in der Irre umher. Und so war er es auch, der ihn an jene unwirtliche Insel
geworfen hatte.

Nun aber wurde doch im Rate der Himmlischen beschlossen, daß Odysseus aus den
Banden der Inselfürstin Kalypso befreit werden sollte. Auf die Fürbitte Athenes
wurde Hermes, der Götterbote, nach dem ogygischen Eilande geschickt, um der
schönen Nymphe den unwiderruflichen Ratschluß des Zeus zu verkündigen, daß dem
Dulder die Wiederkehr in seine Heimat bestimmt sei. Athene selbst band sich
die ambrosischen goldenen Sohlen unter die Füße, womit sie über Wasser und Land
dahinschwebt, nahm ihre mächtige Lanze mit der gediegenen scharfen Spitze von
Erz, mit welcher sie so manche Helden in der Schlacht bezwungen hatte, zur Hand,
schwang sich stürmend von dem felsigen Gipfel des Olympos herab, und bald stand
sie auf der Insel Ithaka, die an der Westküste Griechenlands liegt, am Palaste
des fernen Odysseus, vor der Schwelle des Hofes, da, wo der Weg zum hohen Tore
des Königshauses führte. Ihre Göttergestalt war verwandelt, und die Lanze in
der Hand, glich sie dem tapfern Mentes, dem Könige der Taphier.

Im Hause des Odysseus sah es traurig aus. Die schöne Penelope, die Tochter
des Ikarios, blieb mit ihrem jungen Sohne Telemach nicht lange Meister in dem
verlassenen Palaste. Als Odysseus, nachdem längst Nachricht von Trojas Fall
und von der Rückkehr der andern Helden gekommen war, allein nicht heimkehrte,
verbreitete sich allmählich mit immer größerer Sicherheit die Sage von seinem
Tode, und es fanden sich aus der Insel Ithaka selbst, auf welcher noch andere
mächtige und reiche Leute außer dem Fürsten Odysseus wohnten, nicht weniger
als zwölf, von Zakynth zwanzig, ja von Dulichion zweiundfünfzig Freier mit einem
Herold, einem Sänger, zween geübten Köchen und großem Sklavengefolge bei Penelope
ein, die unter dem Vorwand, um die Hand der jungen Witwe zu werben, alle im
Hause und vom Gute des abwesenden Fürsten zehrten und den frechesten Übermut
trieben; und dieses Unwesen hatte nun schon über drei Jahre gewährt.

Als Athene in der Gestalt des Mentes ankam, fand sie die üppigen Freier eben
an der Pforte des Hauses beim Brettspiel; sie saßen auf den Häuten von Rindern,
die sie selbst dem Odysseus aus den Ställen genommen und geschlachtet hatten.
Herolde und aufwartende Diener eilten hin und her; die einen mischten in gewaltigen
Krügen den Wein unter das Wasser, andere säuberten die umhergestellten Tische
mit Schwämmen und zerlegten das reichlich aufgetragene Fleisch. Der Sohn des
Hauses, Telemach selbst, saß mit einem Herzen voll Betrübnis unter den Freiern
und gedachte an seinen herrlichen Vater, ob er nicht endlich käme, die Scharen
der Frechen zu zerstreuen und sich wieder in den Besitz seiner Habe zu setzen.
Wie er die Göttin in der Gestalt des fremden Königs erblickte, eilte er ihr
an der Pforte entgegen, faßte die Rechte des vermeintlichen Gastfreundes und
hieß ihn willkommen. Als die beide in den gewölbten Saal des Palastes eingetreten
waren und Athene ihre Lanze in den Speerkasten, der sich an der Hauptsäule befand,
zu den Lanzen des Odysseus gelehnt hatte, führte Telemach seinen Gast zu Tische
an einen Thronsessel mit schön gewirktem Polster, hieß ihn sitzen und schob
ihm einen Schemel unter die Füße; er selbst stellte seinen Sessel neben den
seinen; eine Dienerin brachte in goldener Kanne Waschwasser für die Hände des
Fremdlings; die ehrbare Schaffnerin trug Brot und Fleisch herbei, ein Diener
zerlegte die Speisen, und um die goldenen gefüllten Becher wandelte, Wein einschenkend,
der Herold. Bald darauf traten auch, einer um den andern, die Freier ein und
setzten sich alle auf stattliche Lehnsessel; die Herolde besprengten ihnen die
Hände, die Mägde reichten ihnen Brot in Körben, die Diener füllten ihnen den
Becher bis zum Rand, und sie machten sich, als kämen sie nicht eben vom Schmause,
über das leckere Mahl her. Dann gelüstete sie nach Reigentanz und Gesang, der
Herold reichte dem Sänger Phemios die zierliche Harfe, und dieser, von den trotzigen
Freiern gezwungen, schlug die Saiten an und begann den herzerfreuenden Gesang.

Während nun diese dem Liede horchten, neigte Telemach sein Haupt nahe an das
seines Gastes und flüsterte der verwandelten Göttin ins Ohr: »Wirst du mir,
lieber Gastfreund, was ich dir sage, nicht verargen? Siehst du, wie diese Menschen
hier fremdes Gut ohne Ersatz verprassen? das Gut meines Vaters, dessen Gebein
vielleicht am Meeresstrand im Regen modert oder auf den Wellen umhergetrieben
wird? Er kommt wohl nicht wieder heim, sie zu strafen! – Aber du sage mir, edler
Fremdling, wer bist du, wo hausest du, wo sind deine Eltern? Bist du vielleicht
schon vom Vater her unser Gastfreund?« »Ich bin«, erwiderte Athene, »Mentes,
der Sohn des Anchialos, und beherrsche die Insel Taphos; ich kam zu Schiffe
hierher, um in Temesa Erz gegen Eisen einzutauschen. Frage deinen Großvater
Laërtes, den Greis, der, wie man sagt, ferne von der Stadt, in Kummer auf dem
Lande sich abhärmt: er wird dir sagen, daß unsere Häuser seit der Altväter Zeiten
in Gastfreundschaft miteinander leben. Ich kam, weil ich glaubte, dein Vater


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Gustav Schwab – Die letzten Tantaliden

admin am Okt 13th 2011

Dritter Teil

Erstes Buch – Die letzten Tantaliden

Agamemnons Geschlecht und Haus

Troja war gefallen. Die heimsegelnde Flotte der Hellenen, vom Sturm halb vernichtet,
hatte sich in ihren Überbleibseln wieder zusammengefunden, und auf der beruhigten
See fuhren die Abteilungen der Griechen jede ihrer Heimat zu. Agamemnon, dessen
Schiffe, von der Herrscherin Hera beschützt, keinen Schaden genommen hatten,
steuerte rüstig auf die Küste des Peloponneses los. Schon nahete er dem spitzigen
Felsenhaupte des Vorgebirges Malea in Lakonien, als ihn plötzlich aufs neue
das Ungestüm eines Orkanes ergriff und ihn mit allen Fahrzeugen in die offene
Flut des Meeres zurückwarf. Seufzend mit aufgehobenen Händen flehte der Völkerfürst
empor zum Himmel und bat die Götter, ihn nicht nach so vielem Ungemach und nach
mühselig vollbrachtem Willen der Himmlischen im Angesichte seiner Heimat mit
so vielen tapferen Männern verderben zu lassen. Er wußte nicht, daß diesmal
der Sturm sein Freund und von warnenden Gottheiten ihm zugesendet war: denn
ihm wäre besser gewesen, an die fernste Barbarenküste verschlagen, in der Verbannung
sein Leben zu beschließen, als seinen Fuß in den heimischen Königspalast Mykenes
zu setzen.

Auf Agamemnons Geschlecht ruhete ein Fluch; von seinem Urahn Tantalos her war
es unter Greueln erwachsen; ruchlose Gewalt hatte die einen seiner Glieder gestürzt,
die andern erhoben; durch einen ungeheuren Frevel im eigenen Hause sollte auch
Agamemnon das Ziel seines Lebens finden. Der Urgroßvater Tantalos hatte den
zum Mahle geladenen Göttern seinen Sohn Pelops gekocht zu schmausen vorgesetzt,
und nur ein Wunder hatte diesen Stammhalter des Geschlechts ins Leben zurückgerufen.
Pelops, sonst unsträflich, ermordete seinen Wohltäter Myrtilos, den Sohn des
Hermes, und half durch diesen Mord den Fluch des Hauses weiterspinnen. Myrtilos
nämlich, der Stallmeister des Königs Önomaos, dessen Tochter Hippodameia Pelops
durch den Sieg im Wagenrennen gewinnen sollte, ließ sich überreden, die Nägel
aus dem Wagen seines Herrn zu ziehen und wächserne statt der eisernen einzustecken.
Dadurch ging der Wagen des Önomaos auseinander, und Pelops gewann den Sieg und
die Jungfrau. Als aber Myrtilos die versprochene Belohnung forderte, stürzte
ihn Pelops, um keinen Zeugen seines Betruges zu haben, ins Meer. Vergebens suchte
er den über diesen Frevel zürnenden Gott Hermes zu versöhnen, baute dem Sohn
ein Grabmal und dem Vater einen Tempel: er und sein Geschlecht waren der Rache
des Gottes verfallen.

In den Söhnen des Pelops, Atreus und Thyestes, wirkte der Fluch kräftig fort.
Atreus war König zu Mykene, Thyestes neben ihm König im südlichen Teile des
argolischen Landes. Der ältere Bruder besaß einen Widder, der goldene Wolle
trug; nach diesem gelüstete Thyestes, den jüngeren; er verführte die Gemahlin
des Bruders, Aërope, zur Untreue und erhielt von ihr das goldene Lamm. Als Atreus
das doppelte Verbrechen seines Bruders inneward, hielt ihn keine Überlegung
ab; er handelte wie der Großvater: heimlich ergriff er die beiden kleinen Söhne
des Thyestes, Tantalos und Pleisthenes, setzte sie geschlachtet beim gräßlichen
Gastmahle dem Bruder vor und gab ihr Blut zum Weine gemischt, dem unseligen
Vater zu trinken. Dem zuschauenden Sonnengott kam über dieser Unmenschlichkeit
ein solches Grauen an, daß er seinen Wagen rückwärts lenkte; Thyestes aber floh
vor dem entsetzlichen Bruder nach Epiros zu dem Könige Thesprotos. Das Land
des Atreus ward von Dürre und Hungersnot heimgesucht, und der befragende König
erhielt vom Orakel die Antwort, die Landplage werde aufhören, wenn der vertriebene
Bruder zurückberufen sei. So machte sich Atreus selbst auf den Weg, den Thyestes
in seiner Zufluchtsstätte aufzusuchen, und führte ihn mit einem Sohne, namens
Ägisth, in die alte Heimat zurück. Auch dieser Ägisth war das Kind eines Greuels
und in seinem Asyle von Thyestes erzeugt. Aber er hatte geschworen, seinen Vater
an dem Atreus und dessen Kindern zu rächen. Das erste vollführte er bald, nachdem
die Brüder zusammen nach Mykene zurückgekehrt waren. Ihre Freundschaft war dort
von kurzer Dauer gewesen, und Atreus hatte den Bruder in den Kerker geworfen.
Da erbot sich Ägisth trügerischerweise dem Oheim, indem er sich über den Greuel
seiner Geburt entrüstet stellte, den eigenen Vater umzubringen. In den Kerker
eingelassen, verabredete er mit seinem Vater die Rache, zeigte dem Atreus ein
blutiges Schwert, und als dieser, über den geglaubten Tod des Bruder fröhlich,
am Meeresufer ein Dankopfer anstellte, stieß ihm Ägisth dasselbe Schwert in
den Leib. Thyestes kam aus seiner Haft hervor und bemächtigte sich auf kurze
Zeit des brüderlichen Reiches; aber der älteste Sohn des Atreus, Agamemnon,
stellte ihm nach und rächte mit dem Stahl an ihm des Vaters Mord. Ägisth blieb
verschont, er ward von den Göttern zum Fluche des Geschlechtes aufgehoben und
regierte als König in dem alten Anteile seines Vaters im südlichen Lande.

Wie nun Agamemnon in den Krieg vor Troja gezogen war und seine Gemahlin Klytämnestra,
über die Opferung ihrer Tochter Iphigenia grollend, im tiefen Mutterschmerze
zu Hause saß, da deuchte Ägisth die rechte Zeit gekommen, auch dem Atriden mit
seiner Rache zu nahen. Er erschien im Königspalaste zu Mykene, und der Wunsch,
am unmenschlichen Gatten sich zu rächen, gab Klytämnestra nach langem Widerstreben
der Verführung des Bösewichts preis, daß sie mit ihm als mit einem zweiten Gemahle
Palast und Reich Agamemnons teilte. Von ihrem rechtmäßigen Gatten lebten in
dessen Hause damals drei Geschwister der entrückten Iphigenia: ihr zunächst
am Alter die kluge Jungfrau Elektra, eine jüngere Schwester Chrysothemis und
ein kleiner Knabe Orestes. Vor ihren Augen nahm Ägisth von dem Ehebund und Palaste
des Vaters Besitz. Das frevelnde Paar war jetzt, als sich der Kampf vor Troja
zu seinem Ende neigte, nur darauf bedacht, daß der heimkehrende Agamemnon mit


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Gustav Schwab – Der Tod des großen Ajax

admin am Okt 13th 2011

Fünftes Buch

Der Tod des großen Ajax

So endigten die Leichenspiele zu Ehren des göttlichen Achill. Von allen Fürsten
des griechischen Heeres hatte nur Odysseus daran keinen Anteil nehmen können,
denn im Kampfe um den Leichnam des Peliden hatte er von dem Trojaner Alkon eine
schmerzliche Wunde erhalten, an der er, obgleich wieder unter die Helden gemischt,
doch noch immer krankte.

Zuletzt stellte nun Thetis die unsterblichen Waffen ihres hochherzigen Sohnes
vor den Griechen als Kampfpreis aus. Weithin schimmerte der Schild des Helden,
auf welchem von Hephaistos’ eigener Hand die kunstvollsten Gebilde in getriebener
Arbeit glänzten. Neben ihm lag auf dem Boden der gewichtige Helm, dessen Wölbung
das Bild des Zeus trug, wie er voll Zorns auf dem Himmelsgewölbe stand und mit
den Titanen kämpfte. Weiter lag auf der Erde der schöne gewölbte Harnisch, der
schwarz und undurchdringlich die Brust des Peliden umschloß, dann die schweren
und doch so bequemen Beinschienen, die er trug, als wären sie federleicht; nahe
dabei glänzte sein unbezwingliches Schwert in silberner Scheide, mit goldner
Kuppel und elfenbeinernem Griffe; ihm zur Seite lag der gewichtvolle Speer am
Boden, einer gefällten Tanne ähnlich und noch rot von Hektors Blut.

Hinter den Waffen stand Thetis, ihr Haupt mit einem dunkeln Trauerschleier
bedeckt, und sprach tief betrübt zu den Danaern: »Die Siegespreise zur Leichenfeier
meines Sohnes sind nun alle gewonnen. Jetzt aber trete der Beste der Griechen
auf, der den Leichnam rettete, daß ich ihm die herrlichen Waffen meines Sohnes
verleihe, lauter Göttergeschenke, an denen die Unsterblichen selbst ihre Freude
hatten.«

Da sprangen in plötzlichem Wortwechsel zwei Helden zugleich auf, Odysseus,
der große Sohn des Laërtes, und der riesige Ajax, Telamons Sohn. Strahlend wie
der Abendstern, schwang sich der letztere die Waffen an die Seite und rief Idomeneus,
Nestor und Agamemnon zu Zeugen seiner Taten auf. Aber an dieselben Helden wandte
sich auch Odysseus; denn es waren die Verständigsten und Untadeligsten des ganzen
Heeres. Nestor nahm die beiden andern Helden beiseite und sprach mit bekümmerter
Miene: »Eine großes Unglück steht uns allen bevor, dadurch, daß die beiden besten
Helden des Heeres um unsers Erschlagenen Waffenschmuck buhlen! Welcher auch
von beiden zurückgesetzt werden mag, der wird beleidigt und grimmig sich vom
Kampfe zurückziehen, und wir alle werden seine Untätigkeit schmerzlich zu empfinden
haben. Deswegen folget mir, dem erfahrenen Greise. Wir haben ja hier im Lager
viele erst vor kurzem gefangene Trojaner; lassen wir diese den Streit zwischen
Ajax und Odysseus entscheiden; sie sind unparteiisch und werden von beiden Helden
keinen begünstigen!« Einträchtigen Sinnes mit Nestor begaben sich nun auch die
beiden andern Schiedsrichter ihres Amtes und setzten sich die Edelsten der Trojaner,
obwohl sie nur Kriegsgefangene waren, zu Gerichte, und zuerst trat Ajax vor
ihnen auf. »Welcher Dämon blendete dich, Odysseus«, rief er voll Unmuts, »daß
du dich mit mir messen willst? Du stehst mir wahrhaftig nach, wie ein Hund dem
Löwen; oder hast du schon vergessen, wie gerne du dich dem Zuge der Griechen
gegen Troja entzogen hättest? O wärest du doch zurückgeblieben! Bist doch du
es gewesen, der uns beredet hat, den ruhmvollen Sohn des Pöas, den Philoktet,
in seinem schrecklichen Jammer auf Lemnos zurückzulassen; hast doch du den Tod
des Palamedes verschuldet, obgleich er dich an Stärke sowohl als an Klugheit
übertraf! Und jetzt vergissest du auch alle die Dienste, die ich den Griechen
geleistet, vergissest, daß ich dir selbst das Leben gerettet, als du, von allen
andern verlassen, dich allein im Schlachtgetümmel fandest und vergebens dich
nach der Flucht umsahest. Damals, als um Achills Leiche sich der Kampf erhob,
bin nicht ich es gewesen, der den Leib samt den Waffen hinwegtrug? Du selbst
aber hättest nicht einmal die Kraft gehabt, die Waffen des Helden davonzutragen,
geschweige denn ihn selber! Darum weiche mir, der ich überdies nicht bloß stärker
als du bin, sondern auch edlern Stammes und mit dem Helden selbst verwandt,
um dessen Waffen wir hier streiten!«

So ereiferte sich Ajax. Odysseus aber erwiderte mit einem Lächeln des Spottes:
»Wozu verlierst du soviel unnütze Worte, Ajax? Du schiltst mich feige und kraftlos
und bedenkst nicht, daß nur die Klugheit es ist, die wahre Stärke verleiht.
Diese ist es, welche den Schiffer die Fahrt durch das empörte Meer lehrt, welche
wilde Tiere, Panther und Löwen zähmt, welche die Stiere in des Menschen Dienst
zwingt. Und deswegen ist in der Not wie im Rate ein Mann mit Verstand mehr wert
als der Törichte, der nur Körperstärke besitzt. Dies war auch der Grund, warum
Diomedes mich als den Listigsten zum Gefährten auslas, um in das Lager des Rhesos
zu gehen; ja meiner Klugheit hatten es die Griechen zu verdanken, daß der Sohn
des Peleus, um dessen Waffen wir hier streiten, für den Feldzug gegen Troja
gewonnen wurde. Und wenn je den Danaern irgendein neuer Held vonnöten wäre,
glaube mir’s Ajax, nicht dein plumper Arm, auch nicht der Witz eines andern
im Heere wird denselben ihnen verschaffen, sondern ich allein werde es sein,
dessen Schmeichelworten er folgt. Zudem haben mir die Götter nicht nur Klugheit,
sondern auch die nötige Körperstärke verliehen, und es ist nicht wahr, daß du
mich als Flüchtigen aus der Hand der Feinde errettet hast, vielmehr stellte
ich mich dem Drange der Feinde entgegen und tötete, die mich angriffen: du aber
standest dort aufgepflanzt zu deiner eigenen Sicherheit!«

So stritten sie noch lange miteinander: zuletzt überwogen bei den Trojanern,
die zu Kampfrichtern gesetzt waren, die Gründe des Odysseus, und sie erkannten
ihm einstimmig die herrliche Rüstung des Peliden zu.


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Gustav Schwab – Achill neu bewaffnet

admin am Okt 13th 2011

Viertes Buch

Achill neu bewaffnet

Beide Heere ruhten jetzt vom hartnäckigen Kampfe. Die Trojaner lösten ihre
Rosse von den Streitwagen, aber noch ehe sie des Mahles gedachten, eilten sie
zur Versammlung. Da standen alle aufrecht im Kreis umher, keiner wagte sich
zu setzen, denn noch bebten sie vor Achill und fürchteten sein Wiedererscheinen.
Endlich sprach der Sohn des Panthoos, der verständige Polydamas, der allein
vorwärts wie rückwärts zu schauen verstand, und riet, nicht auf die Frühe zu
warten, sondern sogleich in die Stadt heimzukehren. »Findet Achill der Gewappnete«,
sprach er, »uns morgen noch hier, dann werden diejenigen froh sein, die ihm
in die Stadt entrinnen; viele aber werden den Hunden und Geiern zum Fraße dienen.
Möge mein Ohr nie von solchem hören! Drum ist mein Rat, die Nacht auf dem Markte
der Stadt mit aller Kriegsmacht zu halten, wo hohe Mauern und feste Tore uns
ringsum beschützen. In aller Frühe sodann stehen wir wieder auf der Mauer; und
wehe ihm, wenn er alsdann, von den Schiffen angestürmt, mit uns um jene zu kämpfen
begehrt.«

Nun stand auch Hektor auf und begann mit finsterem Blick: »Mir gefällt keineswegs,
was du da gesprochen hast, Polydamas. In dem Augenblicke, wo mir Zeus den Sieg
verliehen, daß ich die Achiver bis ans Meer zurückgedrängt habe, muß dein Rat
dem Volke töricht erscheinen, und kein einziger Trojaner wird dir gehorchen.
Vielmehr befehle ich Haufen um Haufen, die Nachtkost unter das Heer zu verteilen
und die Wachen nicht zu vergessen. Härmt sich einer um sein Gut und Vermögen,
der lasse es beim gemeinsamen Gastmahl aufgehen, besser daß die Unsrigen sich
dran erlustigen, als daß die Griechen es tun. Am Morgen wiederholen wir sodann
den Sturm auf die Schiffe; wenn wirklich Achill wiederauferstanden ist, so hat
er sich das schlimmere Los erkoren; denn nicht werde ich diesen gräßlichen Kampf
verlassen, ehe mich oder ihn die Siegesehre krönt!« Die Trojaner überhörten
die heilsamen Worte des Polydamas, rauschten dem Unheilsworte Hektors Beifall
zu und warfen sich hungrig auf ihr Mahl.

Die Griechen aber jammerten die ganze Nacht über der Leiche des Patroklos,
und vor allen erhub Achill die Klage, während seine mörderischen Hände auf dem
Busen des Freundes ruhten. »O eitles Wort«, sprach er, »das mir damals entfallen
ist, als ich, den alten Helden Menötios im Palaste tröstend, ihm versprach,
seinen Sohn nach Trojas Zerstörung, reich an Ruhm und Beute, nach Opus in seine
Heimat ihm zurückzubringen! Nun ward uns beiden bestimmt, dieselbe fremde Erde
mit unserm Blute rot zu färben, denn auch mich werden mein grauer Vater Peleus
und meine Mutter Thetis nimmermehr im Palast empfangen, sondern hier vor Troja
wird mich das Erdreich bedecken. Aber weil ich doch nach dir in den Boden sinken
soll, Patroklos, so will ich dir nicht eher dein Leichenfest feiern, als bis
ich dir die Waffen und das Haupt deines Mörders, Hektors, gebracht habe; auch
will ich dir zwölf der edelsten Söhne Trojas an deinem Scheiterhaufen opfern.
Bis dies geschieht, ruhe du hier bei meinen Schiffen, geliebter Freund!« Hierauf
befahl Achill seinen Freunden, einen großen Dreifuß voll Wasser an das Feuer
zu stellen und den Leichnam des gefallenen Helden zu waschen und zu salben.
Alsdann wurde er auf schöne Betten gelegt und köstliche Leinwand vom Haupte
bis zu den Füßen über ihn gebreitet, auch ein schimmernder Teppich über den
Toten geworfen.

Derweil gelangte Thetis an den unvergänglichen, sternenhellen Palast des Hephaistos,
den der hinkende Künstler sich selbst aus Erz gebaut. Sie fand ihn dort schwitzend
und in voller Arbeit um seine Blasebälge beschäftigt: er bereitete an zwanzig
Dreifüße und befestigte unter dem Boden eines jeden goldene Räder, mit welchen
sie ohne von fremder Hand getrieben zu werden, in den olympischen Sälen vor
die Götter hinrollten und dann wieder zu ihrem Gemache heimkehrten: wahre Wunderwerke
anzuschauen; sie waren bis auf die Henkel fertig, und diese fügte er jetzt eben
an, indem er mit dem Hammer die Nägel am gehörigen Ort einschlug. Seine Gattin,
die holde Charis, eine der Huldgöttinnen, ergriff die Hand der hereintretenden
Göttin, führte sie auf einen silbernen Sessel, rückte ihr einen Schemel unter
die Füße und holte dann den Gemahl herbei. Dieser rief, als er die Meeresgöttin
erblickte, freudig aus: »Wohl mir, ist doch einmal die Edelste der Unsterblichen
bei mir im Hause, die mich, den Neugeborenen, vom Verderben gerettet hat; denn
weil ich lahm auf die Welt kam, warf mich die Mutter aus dem Schoße, und ich
wäre elendiglich verkommen, wenn nicht Eurynome und Thetis mich in ihrem Schoße
aufgefangen hätten und in der Meeresgrotte großgezogen bis ins neunte Jahr.
Dort schmiedete ich allerlei Kunstwerke, Spangen, Ringe, Ohrengehenke, Haarnadeln,
Kettchen aller Art in der gewölbten Grotte; und rings um uns her schäumte brausend
der Strom des Ozeans. Diese meine Retterin besucht jetzt mein Haus! Bewirte
sie, holdselige Gattin; mich aber laß diesen Wust hier aus dem Wege schaffen.«
So sprach der rußige Gott, erhob sich hinkend vom Amboß, und mühsam hin und
her wankend, legte er die Blasebälge vom Feuer weg, verschloß alle die mancherlei
Gerätschaften in einen silbernen Kasten, wusch sich dann mit einem Schwamm Hände,
Angesicht, Hals und Brust und hinkte, in einen Leibrock eingehüllt und von geschäftigen
Mägden gestützt, wieder aus der Kammer; diese Dienerinnen aber waren keine geborenen
Wesen, doch lebenden gleich; voll Jugendreiz, alle von ihm aus Gold geschmiedet,
mit Kraft, Verstand, Stimme und Kunsttrieb begabt. Sie eilten mit hurtigen Füßen
von ihrem Herrn weg, er aber, nachwackelnd, nahm sich einen schmucken Sessel,
setzte sich neben Thetis, faßte ihr Hand und sprach: »Ehrenwerte, geliebte Göttin,
was führt dich zu meiner Wohnung, die du sonst nur wenig besuchest? Sage mir,
was du verlangst: alles wir dir mein Herz gewähren, was ich nur gewähren kann
und was an sich gewährbar ist.«

Da erzählte ihm Thetis ihren ganzen Jammer und bat ihn, seine Knie umfassend,
ihrem früh verwelkenden Sohne Achill, solang er den Griechen zum Schirm noch
lebe, Helm, Schild, Harnisch, Beinschienen und Knöchelbedeckung neu gefertigt
zu verleihen; denn die Rüstung der Unsterblichen, die er früher besessen, habe
der gefallene Genoß ihm vor Troja verloren. »Mutig, edle Göttin!« antwortete
ihr Hephaistos, »dein Herz kümmere sich darum nicht; möchte ich deinen Sohn
doch so gewiß aus der Gewalt des Todes retten können, wenn ihm dereinst sein


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Gustav Schwab – Ausbruch des Kampfes. Protesilaos. Kyknos

admin am Okt 13th 2011

Zweites Buch

Ausbruch des Kampfes. Protesilaos. Kyknos

Die Griechen waren noch mit dem Geleite des Königes Telephos beschäftigst,
als die Tore Trojas sich auftaten und die völlig gerüstete Heeresmacht der Trojaner
unter Hektors Anführung sich über die Skamandrische Ebene ergoß und ohne Widerstand
gegen die Schiffe der sorglosen Achiver anrückte. Die Äußersten im Schiffslager,
die zuerst zerstreut zu den Waffen griffen und den heranziehenden Feinden entgegeneilten,
wurden von der Übermacht erdrückt. Doch hielt das Gefecht mit ihnen die Heerschar
der Trojaner so lange auf, daß die Griechen im Lager sich sammeln und auch ihrerseits
in einem geordneten Heerhaufen den Feinden entgegentreten konnten. Da gestaltete
sich nun die Schlacht ganz ungleich. Denn wo Hektor selbst zugegen war, gewannen
die Trojaner die Oberhand, in die Schlachtreihen aber, die ferne von ihm fochten,
drangen die Griechen siegreich ein. Der erste namhafte Held unter den Griechen,
der von der Hand des trojanischen Fürsten Äneas in dieser Schlacht fiel, war
Protesilaos, des Iphiklos Sohn. Als verlobter Jüngling war er gen Troja gezogen
und der erste Grieche, der bei der Landung ans Ufer sprang: so sollte er auch
als das erste Heldenopfer fallen, und seine Braut Laodameia, die holdselige
Tochter des Argonauten Akastos, sollte den Bräutigam, den sie mit banger Sorge
in den Krieg hatte ziehen lassen, nicht wieder erblicken.

Noch war Achill vom Kampfplatz entfernt. Er hatte dem Mysier, den er einst
mit dem Speere verwundet und jetzt mit dem Speere geheilt hatte, das Geleite
ans Meer gegeben und sah nachdenklich dem Schiffe nach, das sich in die ferne
Flut vertiefte. Da kam sein Freund und Kampfgeselle Patroklos auf ihn zugeeilt,
faßte ihn bei der Schulter und rief. »Wo weilst du, Freund? Die Griechen bedürfen
deiner. Der erste Kampf ist entbrannt: des Königes Priamos ältester Sohn Hektor
rast an der Spitze der feindlichen Scharen wie ein Löwe, dessen Höhle Jäger
umstellt haben. Äneas, der Eidam des Königes, hat aus der Mitte unserer Fürsten
den edlen Protesilaos, der an Jugend und Mut dir glich, doch an Kraft dir nicht
gleich war, erschlagen. Wenn du nicht kommst, so wird der Mord unter unsern
Helden einreißen!« Aus seinen Träumen erwacht, blickte Achill hinter sich, sah
den mahnenden Freund, und in diesem Augenblicke drang auch der Hall des Kampfgetümmels
in sein Ohr. Da sprang er, ohne ein Wort zu erwidern, durch die Gassen des Schiffslagers
seinem Zelte zu. Hier erst fand er die Sprache wieder, rief mit lauter Stimme
seine Myrmidonen unter die Waffen und erschien mit ihnen wie ein donnerndes
Wetter in der Schlacht. Seinem stürmischen Angriffe hielt selbst Hektor nicht
stand. Zwei Söhne des Priamos erschlug er, und der Vater sah wehklagend von
den Mauern herab den Tod seiner Kinder von des fürchterlichen Heldenjünglings
Hand. Dicht an der Seite des Peliden kämpfte der Telamonier Ajax, dessen Riesenleib
alle andern Danaer überragte; vor den Streichen der beiden Helden flohen die
Trojaner wie eine Herde von Hirschen vor einer Hundekoppel daher; zuletzt wurde
die Flucht der Feinde allgemein, und die Trojaner schlossen die Tore wieder
hinter sich zu. Die Griechen aber begaben sich in Ruhe wieder zu ihren Schiffen
und fuhren in Vollendung ihres Lagerbaues gemächlich fort. Achill und Ajax wurden
von Agamemnon zu Wächtern der Schiffe bestimmt, und diese setzten wieder andere
Helden zu Wächtern über einzelne Abteilungen der Flotte.

Alsdann wandten sie sich zum Begräbnisse des Protesilaos, legten den Leichnam
auf einen schön geschmückten und aufgetürmten Scheiterhaufen und begruben seine
Gebeine auf einer Halbinsel des Strandes unter schönen hohen Ulmbäumen. Noch
waren sie mit der Bestattung nicht ganz fertig, als ein zweiter Überfall die
sorglos Feiernden erschreckte.

In Kolonai bei Troja herrschte der König Kyknos, der, von einer Nymphe dem
Meeresgotte Poseidon geboren, auf der Insel Tenedos wunderbarerweise von einem
Schwan großgezogen worden war, daher er auch seinen Namen Kyknos, das heißt
Schwan, bekommen hatte. Dieser war den Trojanern verbündet, und ohne besonders
dazu von Priamos aufgefordert zu sein, hielt er sich verpflichtet, als er die
Landung der fremden Kriegsvölker vor Troja gewahr wurde, seinen alten Freunden
zu Hilfe zu kommen. Daher sammelte er in seinem Königreiche einen ansehnlichen
Heerhaufen, legte sich in der Nähe des griechischen Schiffslagers in einen Hinterhalt
und war mit seiner Schar eben erst in diesem Versteck angekommen, als die Griechen,
aus dem ersten Treffen mit den Trojanern als Sieger zurückgekehrt, ihrem gefallenen
Helden die letzte Ehre erwiesen. Während sie sorglos und nicht in der vollen
Waffenrüstung um den Scheiterhaufen geschart standen, sahen sie sich plötzlich
von Streitwagen und Bewaffneten umringt, und ehe sie sich nur besinnen konnten,
ob der Boden die Streiter ausgespien habe oder woher sie sonst erschienen seien,
hatte Kyknos mit seiner Heeresmacht ein furchtbares Blutbad unter den Griechen
angerichtet.

Doch war nur ein Teil der Argiver bei der Leichenfeier des Protesilaos beschäftigt
und zugegen. Die andern bei den Schiffen und in den Lagerhütten waren ihren
Waffen näher und eilten, den Peliden Achill an der Spitze, den Ihrigen bald
in voller Rüstung und in geschlossenen Kriegsreihen zu Hilfe. Ihr Anführer selbst
stand auf dem Streitwagen, schrecklich anzuschauen, und seine todbringende Lanze
traf mit ihrem Stoße bald diesen, bald jenen Kolonaier, bis er, in den Reihen
der Schlacht nur den Feldherrn der Fremdlinge suchend, diesen im fernen Kampfgewühle
an den gewaltigen Stößen erkannte, die er, auch auf einem hohen Streitwagen
stehend, rechts und links an die Griechen austeilte. Dorthin lenkte der Held
Achill seine schneeweißen Rosse, und als er nun dem Kyknos gegenüber auf dem
Wagen stand, rief er, die bebende Lanze mit nervigem Arme schwingend: »Wer du
auch seiest Jüngling! nimm diesen Trost mit in den Tod, daß du von dem Sohne


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