Gustav Schwab – Odysseus-Zweiter Teil

admin am Okt 13th 2011

Drittes Buch

Odysseus – Zweiter Teil

Odysseus kommt nach Ithaka

Der Schlummer des Odysseus war süß, aber auch so tief wie der Tod. Das Schiff
flog schnell und sicher dahin, wie ein Wagen mit vier Hengsten durch die Ebene
oder wie ein Habicht durch die Luft fliegt. Es war, als wüßte es, welch einen
Schatz es an dem Manne trage, der in Klugheit mit den Himmlischen wetteiferte
und mehr Leiden erduldet hatte als irgendein Sterblicher. Jetzt aber hatte er
im ruhigsten Schlafe alles vergessen, was er jemals in Schlachten und auf den
Meereswellen Herbes erfahren.

Als der Morgenstern am Himmel stand und den Tag ankündigte, steuerte das Schiff
in vollem Laufe schon auf die Insel Ithaka zu, und bald lief es in die sichere
Bucht ein, welche dem Meeresgotte Phorkys gewidmet war. Zwei Landspitzen mit
gezackten Felsen laufen hier zu beiden Seiten in das Meer hinaus und bildeten
für die Schiffe einen sicheren Hafen. Im Mittelpunkte der Bucht stand ein schattiger
Ölbaum, und neben demselben war eine liebliche Grotte, in deren tiefer Dämmerung
Meernymphen ihren Wohnsitz hatten. In derselben standen steinerne Krüge und
Urnen gereiht, in welchen Bienen Honig bereiteten; auch Webstühle von Stein
konnte man da sehen, mit purpurnen Fäden bezogen, welche die Nymphen zu wundervollen
Gewanden woben. Zwei nie versiegende Quellen rannen durch die Grotte, die einen
gedoppelten Eingang hatte, gegen Mitternacht für die Menschen, gegen Mittag
eine verborgene Pforte für die unsterblichen Nymphen, welche nie ein Sterblicher
betrat. Bei dieser Höhle landeten die Phäaken, hoben den schlummernden Odysseus
mitsamt Teppich und Polster aus dem Schiff und legten ihn vor der Grotte unter
dem Ölbaum im Sande nieder. Hierauf wurden auch alle die Gaben ausgeschifft,
welche ihm Alkinoos und seine Fürsten als Geschenke mitgegeben, und sie legten
alles sorgfältig seitwärts vom Wege, damit nicht etwa ein vorübergehender Wanderer
den Fortschlummernden berauben möchte. Den Helden aus dem Schlafe zu wecken,
wagten sie nicht, denn derselbe deuchte ihnen von den Göttern selbst ihm zugesendet.
Hierauf setzten sie sich wieder ans Ruder und fuhren ihrer Heimat zu.

Aber der Meeresgott Poseidon grollte den Phäaken, daß sie mit Hilfe der Pallas
ihm seine Beute entrissen hatten, und erbat sich vom Göttervater die Erlaubnis,
an ihrem Schiff Rache nehmen zu dürfen. Dieser gönnte sie ihm, und als das Schiff
der Insel Scheria, dem Lande der Phäaken, schon ganz nahe war und mit vollen
Segeln einherwogte, stieg Poseidon aus den Wellen empor, schlug es mit der flachen
Hand und verschwand wieder in der Flut. Das Schiff aber mit allem, was darauf
war, wurde plötzlich in einen Felsen verwandelt und wurzelte im Meeresboden
fest. Die Phäaken, welche auf die Nachricht, daß ihre Landsleute zurückkommen,
nach dem Strande geeilt waren, konnten nicht genug staunen, als das Schiff,
welches eben noch in vollem Fluge begriffen war, plötzlich in seinem Laufe gehemmt
stillstand. Aber Alkinoos erhob sich in der Versammlung und sprach: »Wehe uns,
gewiß erfüllt sich jetzt an uns die uralte Weissagung, von welcher mir mein
Vater erzählt hat. Poseidon, sagte mir dieser, zürne uns in seinem Herzen, daß
wir, die gewandten Schiffer, jeden Fremdling glücklich in seine Heimat bringen.
Einst aber werde ein phäakisches Schiff, das auch von einer solchen Begleitung
heimkehre, von ihm am Ufer versteinert werden und unsre Stadt als ein Felskamm
umziehen. Darum wollen wir in Zukunft uns nicht mehr einfallen lassen, den Fremden
das Geleite zu geben, die als Schutzflehende in unsre Stadt kommen; dem zürnenden
Meeresgott aber wollen wir zwölf Stiere opfern, damit er sich erbarme und unsre
Stadt nicht ganz mit einem Gebirge von Felsen einschließe.« Die Phäaken erschraken,
als sie dieses hörten, und rüsteten sich in aller Eile zu dem Opfer.

An Ithakas Strande war Odysseus indessen vom Schlummer erwacht, aber so lange
schon von der Heimat entfernt, erkannte er sie nicht mehr. Zudem hatte Pallas
Athene um ihn selbst einen Nebel gebildet, damit er unkenntlich würde und seine
Gattin und Mitbürger ihn nicht früher zu erkennen vermöchten, ehe die Freier
ihre Missetat gebüßt hätten. So erschien denn jetzt dem Helden alles, die geschlängelten
Pfade, die Meeresbuchten, die himmelanragenden Felsen, die Bäume mit ihren hohen
Wipfeln, in fremder Gestalt. Er fuhr vom Boden auf, blickte bang umher, schlug
sich an die Stirne und rief wehklagend: »Ich Unglückseliger, in welche neue
Fremde bin ich wieder gekommen, unter welche Unholde von Menschen? Wohin rette
ich mich mit dem geschenkten Gute? Wär ich doch bei dem Volke der Phäaken geblieben,
wo ich so freundlich gepflegt worden bin! Jetzt aber haben sie mich freilich
auch verraten: sie versprachen, mich nach Ithaka zu führen, und haben mich hier
in dem fremden Lande ausgesetzt. Vergelte es ihnen Zeus, der Rächer! Gewiß haben
sie mir auch von meinem Gute gestohlen!«

Der Held blickte um sich, sah Dreifüße, Becken, Gold, Kleider, alles in bester
Ordnung umherstehen und liegen, fing an zu mustern und zu zählen: und siehe
da, ihm mangelte nichts. Als er nun nachdenklich und die Heimat betrauernd am
Strande umherirrte, gesellte sich zu ihm die Göttin Athene in Gestalt eines
zarten Jünglings, eines Schafhirten, aber wie ein Königssohn mit feinen Gewanden
angetan, mit schönen Sohlen an den Füßen und einem Spieß in der Hand. Odysseus
war froh, einem Menschen zu begegnen, und fragte ihn mit freundlichen Worten,
auf welchem Gebiet er sich befinde, ob es ein Festland oder eine Insel sei.
»Du mußt aus der Ferne daherkommen«, antwortete die Göttin, »wenn du erst nach
dem Namen dieses Landes zu fragen brauchst. Ich versichere dich, man kennt es
im Westen und im Osten. Zwar ist es gebirgig, und Rosse kann man hier keine
tummeln wie im Argiverlande; arm ist es aber deswegen nicht; Wein und Getreide
gedeihen herrlich. Ziegen und Rinder hat es in Menge, dazu die schönsten Waldungen
und Quellwasser genug. Auch durch seine Bewohner ist es berühmt worden. Frage
nur das trojanische Land, das doch ferne genug ist, das wird dir etwas von der


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Gustav Schwab – Odysseus

admin am Okt 13th 2011

Zweites Buch

Odysseus – Erster Teil

Telemach und die Freier

Die Heimkehr der Griechen von Troja war vollbracht, und so viele der Helden
den Schlachten während des Krieges oder dem Sturm auf der Heimfahrt entronnen
waren, befanden sich jetzt zu Hause, glücklich oder unglücklich. Nur Odysseus,
der Sohn des Laërtes, Ithakas Fürst, war noch auf der Irrfahrt und von einem
seltsamen Schicksale betroffen. Nach mancherlei Abenteuern saß er in der Ferne
auf einer rauhen, mit Wäldern bedeckten, einsamen Insel, mit Namen Ogygia, wo
ihn eine hohe Nymphe, die Göttin Kalypso, die Tochter des Atlas, in ihrer Grotte
gefangenhielt, weil sie ihn zum Gemahl begehrte. Er aber blieb der zurückgelassenen
Gattin, der edlen Penelope, treu; und endlich jammerte sein auch die Götter
im Olymp; nur Poseidon, der Gott des Meeres, der alte Feind der Griechen, zürnte
auch diesem Helden unversöhnlich, und wenn er ihn nicht zu vertilgen wagte,
so legte er seiner Heimfahrt doch allenthalben Hindernisse in den Weg und trieb
ihn in der Irre umher. Und so war er es auch, der ihn an jene unwirtliche Insel
geworfen hatte.

Nun aber wurde doch im Rate der Himmlischen beschlossen, daß Odysseus aus den
Banden der Inselfürstin Kalypso befreit werden sollte. Auf die Fürbitte Athenes
wurde Hermes, der Götterbote, nach dem ogygischen Eilande geschickt, um der
schönen Nymphe den unwiderruflichen Ratschluß des Zeus zu verkündigen, daß dem
Dulder die Wiederkehr in seine Heimat bestimmt sei. Athene selbst band sich
die ambrosischen goldenen Sohlen unter die Füße, womit sie über Wasser und Land
dahinschwebt, nahm ihre mächtige Lanze mit der gediegenen scharfen Spitze von
Erz, mit welcher sie so manche Helden in der Schlacht bezwungen hatte, zur Hand,
schwang sich stürmend von dem felsigen Gipfel des Olympos herab, und bald stand
sie auf der Insel Ithaka, die an der Westküste Griechenlands liegt, am Palaste
des fernen Odysseus, vor der Schwelle des Hofes, da, wo der Weg zum hohen Tore
des Königshauses führte. Ihre Göttergestalt war verwandelt, und die Lanze in
der Hand, glich sie dem tapfern Mentes, dem Könige der Taphier.

Im Hause des Odysseus sah es traurig aus. Die schöne Penelope, die Tochter
des Ikarios, blieb mit ihrem jungen Sohne Telemach nicht lange Meister in dem
verlassenen Palaste. Als Odysseus, nachdem längst Nachricht von Trojas Fall
und von der Rückkehr der andern Helden gekommen war, allein nicht heimkehrte,
verbreitete sich allmählich mit immer größerer Sicherheit die Sage von seinem
Tode, und es fanden sich aus der Insel Ithaka selbst, auf welcher noch andere
mächtige und reiche Leute außer dem Fürsten Odysseus wohnten, nicht weniger
als zwölf, von Zakynth zwanzig, ja von Dulichion zweiundfünfzig Freier mit einem
Herold, einem Sänger, zween geübten Köchen und großem Sklavengefolge bei Penelope
ein, die unter dem Vorwand, um die Hand der jungen Witwe zu werben, alle im
Hause und vom Gute des abwesenden Fürsten zehrten und den frechesten Übermut
trieben; und dieses Unwesen hatte nun schon über drei Jahre gewährt.

Als Athene in der Gestalt des Mentes ankam, fand sie die üppigen Freier eben
an der Pforte des Hauses beim Brettspiel; sie saßen auf den Häuten von Rindern,
die sie selbst dem Odysseus aus den Ställen genommen und geschlachtet hatten.
Herolde und aufwartende Diener eilten hin und her; die einen mischten in gewaltigen
Krügen den Wein unter das Wasser, andere säuberten die umhergestellten Tische
mit Schwämmen und zerlegten das reichlich aufgetragene Fleisch. Der Sohn des
Hauses, Telemach selbst, saß mit einem Herzen voll Betrübnis unter den Freiern
und gedachte an seinen herrlichen Vater, ob er nicht endlich käme, die Scharen
der Frechen zu zerstreuen und sich wieder in den Besitz seiner Habe zu setzen.
Wie er die Göttin in der Gestalt des fremden Königs erblickte, eilte er ihr
an der Pforte entgegen, faßte die Rechte des vermeintlichen Gastfreundes und
hieß ihn willkommen. Als die beide in den gewölbten Saal des Palastes eingetreten
waren und Athene ihre Lanze in den Speerkasten, der sich an der Hauptsäule befand,
zu den Lanzen des Odysseus gelehnt hatte, führte Telemach seinen Gast zu Tische
an einen Thronsessel mit schön gewirktem Polster, hieß ihn sitzen und schob
ihm einen Schemel unter die Füße; er selbst stellte seinen Sessel neben den
seinen; eine Dienerin brachte in goldener Kanne Waschwasser für die Hände des
Fremdlings; die ehrbare Schaffnerin trug Brot und Fleisch herbei, ein Diener
zerlegte die Speisen, und um die goldenen gefüllten Becher wandelte, Wein einschenkend,
der Herold. Bald darauf traten auch, einer um den andern, die Freier ein und
setzten sich alle auf stattliche Lehnsessel; die Herolde besprengten ihnen die
Hände, die Mägde reichten ihnen Brot in Körben, die Diener füllten ihnen den
Becher bis zum Rand, und sie machten sich, als kämen sie nicht eben vom Schmause,
über das leckere Mahl her. Dann gelüstete sie nach Reigentanz und Gesang, der
Herold reichte dem Sänger Phemios die zierliche Harfe, und dieser, von den trotzigen
Freiern gezwungen, schlug die Saiten an und begann den herzerfreuenden Gesang.

Während nun diese dem Liede horchten, neigte Telemach sein Haupt nahe an das
seines Gastes und flüsterte der verwandelten Göttin ins Ohr: »Wirst du mir,
lieber Gastfreund, was ich dir sage, nicht verargen? Siehst du, wie diese Menschen
hier fremdes Gut ohne Ersatz verprassen? das Gut meines Vaters, dessen Gebein
vielleicht am Meeresstrand im Regen modert oder auf den Wellen umhergetrieben
wird? Er kommt wohl nicht wieder heim, sie zu strafen! – Aber du sage mir, edler
Fremdling, wer bist du, wo hausest du, wo sind deine Eltern? Bist du vielleicht
schon vom Vater her unser Gastfreund?« »Ich bin«, erwiderte Athene, »Mentes,
der Sohn des Anchialos, und beherrsche die Insel Taphos; ich kam zu Schiffe
hierher, um in Temesa Erz gegen Eisen einzutauschen. Frage deinen Großvater
Laërtes, den Greis, der, wie man sagt, ferne von der Stadt, in Kummer auf dem
Lande sich abhärmt: er wird dir sagen, daß unsere Häuser seit der Altväter Zeiten
in Gastfreundschaft miteinander leben. Ich kam, weil ich glaubte, dein Vater


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