Aristophanes

Aristophanes – Die Wolken

Aristophanes

Die Wolken

(Nephelai)

Personen.

Sokrates

Chairephon

Schüler des Sokrates

Strepsiades

Pheidippides

Pasias

Amynias

Der Anwalt der guten Sache

Der Anwalt der schlechten Sache

Der Chor der Wolken

Zeugen, Sklaven

Erste Szene

Morgendämmerung. Straße einer Vorstadt von Athen. Wohnung des Sokrates. In deren Nähe das Haus des Strepsiades, in dessen Schlafzimmer man hineinsieht.

Strepsiades. Pheidippides. Im Hintergrund Sklaven. Alle schlafend auf ihrem Nachtlager.

STREPSIADES erwacht und gähnt.

I – uh! I – uh!

Allmächtiger Zeus, welch ewig lange Nächte!

Nein, zum Verzweifeln! – Will’s denn gar nicht tagen?

Den Hahnenschrei hab’ ich doch längst gehört. –

Die Sklaven schnarchen – – Sonst vertrieb man’s ihnen!

Mit der Faust agierend.

Auffahrend.

Ein wahres Elend, der verdammte Krieg!

Man muß sich scheu’n sogar, die Kerls zu prügeln.

Und auch mein hoffnungsvoller Junker dort,

Der wacht die ganze Nacht nicht auf und farzt,

In Geißfelldecken fünffach eingewickelt! –

Meinthalb! – Ich deck’ mich zu und schnarche mit. –

Nach einer Pause.

Ja, wenn ich schlafen könnte! – Au, das zwickt,

Das Zahlen, Rossefüttern, Schuldenmachen

Für dieses Früchtchen da! – Und er? – Mit langen

Gelockten Haaren reitet er und fährt,

Und träumt von nichts als Rossen. – Ich – verzweifle,

Sooft der Monat halb vorüber ist:

Da rückt der Zins heran. – He, Bube, Licht!

Und bring das Hausbuch! – Muß doch nachsehn, wem

Ich alles schuld’, und was die Zinsen machen.

Ein Sklave bringt Licht und Buch.

Laß sehn: was bin ich schuldig? – Pasias –

Zwölf Pfund! – dem Pasias zwölf? – wofür? – Aha!

Der Goldfuchs, den ich kauft’! – Ein Auge gäb’ ich

Darum, hätt’ ich gespart die goldnen Füchse!

PHEIDIPPIDES im Schlafe.

Philon, das geht nicht! Fahr auf deiner Bahn!

STREPSIADES.

Da habt ihr’s! Das ist grade mein Ruin!

Von nichts als Rossen spricht er selbst im Traum.

PHEIDIPPIDES wie oben.

Wie viele Fahrten gilt’s mit dem Gespann?

STREPSIADES.

Mir gilt’s! Mich, deinen Vater, jagst du ‘rum!

Liest weiter im Buch.

Pasias! – »Was lastet sonst für Schuld auf mir?« –

Amynias – für Rad und Sitz: drei Minen.

PHEIDIPPIDES wie oben.

Fort mit dem Roß zur Schwemm’, und dann nach Haus!

STREPSIADES lauter.

Mich schwemmst du weg von Haus und Hof, du Schlingel!

Der will sein Geld zurück, zehn andre drohn

Mich aufzupfänden für die Zinsen –

PHEIDIPPIDES erwachend.

Vater,

Was stöhnst und wälzt du dich die ganze Nacht?

STREPSIADES.

Die Brummer beißen mich zum Bett hinaus.

PHEIDIPPIDES.

Hör, Alter, laß mich noch ein wenig ruhn!

STREPSIADES.

Schlaf du nur zu; die ganze Schuldenlast,

Das sag’ ich dir, fällt doch auf deinen Kopf! –

Verdammte Kupplerin, die mich beschwatzt,

Daß ich zum Weibe deine Mutter nahm!

Das schönste Leben hätt’ ich auf dem Lande:

Hübsch durcheinander, recht im Speck und Dreck,

Behaglich unter Honig, Woll’ und Trestern!

Da nahm ich, Bauer, aus dem Haus Megakles

Megakles’ Nichte, städtisch, üppig, stolz

Und flott, die eingefleischte Koisyra:

Als ich mit der das Hochzeitsbett bestieg,

Roch ich nach Hefe, Käs und schmutz’ger Wolle,

Sie nach Pomade, Schmink’ und Zungenküßchen,

Hoffart, Verschwendung, Schlemmerei und Buhlschaft.

Faul war sie nicht, o nein, sie zettelte

Am Webstuhl, und ich zeigt’ ihr oft mein Wams

Und sprach verblümt: ›Frau, du verzettelst viel!‹

SKLAVE.

In unsrer Lamp’ ist nicht ein Tropfen Öl!

STREPSIADES.

Was brennst du denn auch die versoffne Ampel?

Komm her, ich will dir!

Schlägt nach ihm.

SKLAVE.

Aber, Herr, warum denn?

STREPSIADES.

Was steckst du grad den dicksten Docht hinein?

Sklave ab.

Danach, als uns dies Söhnchen ward beschert,

Will sagen, mir und meiner wackern Ehfrau,

Gleich zankten wir uns über seinen Namen:

Sie wollt’ ein ›Hippos‹ dran, ‘nen Ritternamen,

Philipp, Charipp, Xanthipp, Kallipides,

Ich, nach dem Großpapa: Pheidonides.

Wir stritten hin und her, bis wir zuletzt

Eins wurden, ihn Pheidippides zu nennen.

Sie nahm ihn auf den Arm und streichelt’ ihn:

›Wenn du mal groß bist und im Purpurrock

Zur Stadt fährst wie Megakles‹ – ›Nein, wenn du

Im Schafpelz‹ – fiel ich ein – ›vom Phelleuswald

Heim mit den Ziegen fährst, wie einst dein Vater – –‹

Was half’s? Auf meine Lehren hört’ er nicht,

Und hat mir nun auch Hab und Gut verrösselt.

Da sinn’ ich nun die Nacht durch hin und her,

Und einen Ausweg hab’ ich jetzt gefunden,

Nein, göttlich, einzig! – Folgt er mir, bin ich

Geborgen! – Vorderhand will ich ihn wecken;

Doch ja recht sanft! – Laß sehn, wie mach’ ich das? –

Pheidippides!

Geht an sein Lager.

Pheidippides’chen!

PHEIDIPPIDES.

Vater?

STREPSIADES.

Komm, küsse mich und gib mir deine Hand!

PHEIDIPPIDES steht auf.

Da! Und was weiter?

STREPSIADES.

Sag: hast du mich lieb?

PHEIDIPPIDES.

Das weiß Poseidon dort, der Gott der Rosse!

STREPSIADES.

Ich bitt’ dich, laß den Roßgott aus dem Spiel:

Der hat mich in das Herzeleid gebracht;

Nein, wenn du in der Tat mich zärtlich liebst,

Dann folge mir, mein Sohn!

PHEIDIPPIDES.

Was soll ich denn?

STREPSIADES.

Kehr um von Stund’ an, führ’ ein andres Leben,

Und geh und lerne, was ich dir empfehle!

PHEIDIPPIDES.

Sag nur, was willst du?

STREPSIADES.

Folgst du auch?

PHEIDIPPIDES.

Ich folge,

Beim Dionys!

STREPSIADES.

Komm her, da schau hinaus:

Siehst du das Pförtchen und das Häuschen dort?

PHEIDIPPIDES.

Ich seh’ es, Vater! Und was ist’s damit?

STREPSIADES.

Das ist die Werkstatt tiefgelehrter Denker,

Da wohnen Männer, die beweisen dir:

Der Himmel sei ein mächtiger Backofen,

Der uns umgibt, und wir die Kohlen drin;

Die lehren dich fürs Geld die Kunst, mit Worten

Recht oder Unrecht glücklich zu verfechten.

PHEIDIPPIDES.

Wer sind denn die?

STREPSIADES.

Die Namen weiß ich nicht:

Ideologen, Herrn von Stand und Bildung.

PHEIDIPPIDES.

Pah! Schurken sind’s, die kenn’ ich wohl; du meinst

Die blassen windigen Barfüßer, jenen

Beseßnen Sokrates und Chairephon!

STREPSIADES.

Pst! Pst! So schwatze doch nicht wie ein Kind!

Und liegt dir was am Brotkorb deines Vaters,

Dann halte dich an sie, und laß das Rösseln!

PHEIDIPPIDES.

Nein, beim Dionys, und wenn du auch die schönsten

Wallachen des Leogoras mir schenktest!

STREPSIADES.

»Mein Liebstes auf der Welt!« Geh hin, studiere

Mir dort!

PHEIDIPPIDES.

Was soll ich denn für dich studieren?

STREPSIADES.

Sieh, die verstehn sich auf zwei Künste dort,

Die Kunst der guten und der schlechten Sache.

Der Redner, der der schlechten sich bedient,

Gewinnt, und wenn er zehnmal unrecht hätte.

Nun sieh, wenn du die schlechte Kunst mir lernst,

Dann kriegt kein Gläubiger von allem Geld,

Das ich für dich geborgt, ‘nen Obolos.

PHEIDIPPIDES.

Das kann ich nicht: so käsegelb, wie die –

Wie könnt’ ich noch ins Aug’ den Rittern sehn?

STREPSIADES.

Dann, bei Demeter, friß wo anders, du,

Ja, du, dein Rennpferd und dein Sattelgaul!

Ich jag’ dich aus dem Haus, verdammter Schlingel!

PHEIDIPPIDES.

Was scher’ ich mich um dich? Mein Ohm Megakles

Läßt mich nicht ohne Roß: ich geh’ zu dem!

Ab.

STREPSIADES allein.

Da lieg’ ich nun! – – Ich steh’ auch wieder auf!

Mit Gottes Hilfe lern’ ich selbst noch was;

Ich selber geh’ jetzt in die Denkerklause.

Geht auf Sokrates’ Wohnung zu, bleibt stehen.

Doch – werd’ ich, alt, vergeßlich, langsam, wie

Ich bin – kapieren all die Tüftelei’n?

Entschlossen.

Nur zu! Was zaudr’ ich da noch lang? – Wohlan,

Ich klopf’ einmal! He, Junge, Jüngelchen!

SCHOLAR kommt heraus.

Zum Henker auch! Wer klopft da an die Tür?

STREPSIADES.

Strepsiades, Sohn Pheidons, von Kikynna.

SCHOLAR.

Du roher Mensch, bar aller Zucht des Denkens,

So barsch zu klopfen! – Ein Begriff, soeben

Im Werden, ward durch dich zur Fehlgeburt.

STREPSIADES.

Verzeih! Ich bin halt bäurisch aufgewachsen;

Doch sag: was ist das mit der Fehlgeburt?

SCHOLAR.

Nur den Scholaren wird das anvertraut.

STREPSIADES.

Dann sag du mir’s nur frei: denn als Scholar

Komm’ ich hierher zur Philosophenklause.

SCHOLAR.

Nun denn: – allein betracht’ es als Geheimnis! –

Den Chairephon fragt Sokrates soeben:

›Wieviel Flohfüße weit ein Floh wohl hüpft?‹

Dem Meister nämlich sprang just auf den Kopf

Ein Floh, der Chairephon am Aug’ gestochen.

STREPSIADES.

Wie hat er das gemessen?

SCHOLAR.

Hör und staune:

Er fängt den Floh, läßt Wachs zergehn und taucht

Ihn mit den Füßen drein, das Ding erkaltet,

Pantoffeln trägt der Floh, ganz angegossen,

Die nimmt er ab und mißt damit die Weite.

STREPSIADES.

Großmächt’ger Zeus! Das nenn’ ich Geist und Scharfsinn!

SCHOLAR.

Was sagst du erst, wenn du von einer andern

Idee des Meisters hörst?

STREPSIADES.

Von welcher? Sprich!

SCHOLAR.

Denk! Chairephon aus Sphettos fragt ihn jüngst,

Wofür er sich entscheid’: ob durch das Mundstück

Die Schnaken singen oder durch den Bürzel?

STREPSIADES.

Ei, und wie löst’ er dann die Schnakenfrage?

SCHOLAR.

Er sprach: ›Der Darmkanal der Schnaken ist

Sehr eng: da drängt die eingepreßte Luft

Nun mit Gewalt sich durch, dem Bürzel zu;

Und weil die Öffnung plötzlich sich erweitert,

Fährt mit Musik der Wind zum Loch heraus.‹ –

STREPSIADES.

So wär’ ein Schnakenloch ‘ne Art Trompete! –

Heil dem aposteriorisch tiefen Forscher!

Wer so durchdringt den Hintern einer Schnake,

Kriecht leicht auch durch die Gänge der Justiz.

SCHOLAR.

Jüngst freilich kam um einen Kraftgedanken

Er durch ‘ne Eidechs.

STREPSIADES.

Ei, wieso? Laß hören?

SCHOLAR.

Nacht war’s! Des Mondes Bahn und Wechsel eben

Erforschend, sah er auf mit offnem Mund;

Da schmeißt vom Dach herab auf ihn das Tierchen.

STREPSIADES lachend.

Ein lustig Tierchen! – Schmeißt auf Sokrates?!

SCHOLAR.

Hör! Gestern abend – hatten wir nichts zu essen. –

STREPSIADES.

Ei nun, wie griff er’s an, euch Brot zu schaffen?

SCHOLAR.

Im Ringhof streut’ er feine Asche hin,

Nahm einen Bratspieß, bog ihn krumm, und – husch!

Hatt’er ein Opferstück vom Tisch gezirkelt.

STREPSIADES.

Was? Und wir staunen noch den Thales an?

Geschwind! Mach auf die Philosophenklause!

Ich muß, ich muß ihn sehn, den Sokrates!

Mich schülert’s ganz entsetzlich: tu mir auf!

Durch die geöffnete Türe sieht man in die gemeinsame Studierstube der Philosophen hinein: der Meister hoch oben in einer Hängematte, die Schüler zusammengekauert am Boden zwischen mathematischen Instrumenten und Bücherrollen.

STREPSIADES fährt zurück.

Herakles! Was sind das für Wundertiere?

SCHOLAR.

Du staunst? Wie kommen sie dir vor?

STREPSIADES.

Wie die

Von Pylos, die spartanischen Gefangnen. –

Was sehn denn die so bleich und stier zur Erde?

SCHOLAR.

Sie suchen, was die Erde birgt.

STREPSIADES.

Ha ha,

Sie suchen Zwiebeln: o bemüht euch nicht!

Ich zeig’ euch, wo recht schöne, große stecken. –

Was tun denn die, gebückt, die Nas’ am Boden?

SCHOLAR.

Sie spähn dem Urgrund nach tief unterm Hades.

STREPSIADES.

Ihr Hinterer aber schaut ja auf zum Himmel?

SCHOLAR.

Der treibt Astronomie auf eigne Hand.

Leise zu den Scholaren, die neugierig her beikommen.

Hinein! Wenn Er uns jetzt bemerkte! Fort!

STREPSIADES.

So laß sie doch, sie sollen bleiben, bis

Ich ihnen mein Geschäftchen vorgetragen.

SCHOLAR.

Nein, nein, beileib, sie dürfen nicht so lang

Hier außen bleiben an der frischen Luft!

STREPSIADES folgt den Scholaren, die sich zurückziehen, bis an die Schwelle und erblickt einen Globus.

Bei allen Göttern, sprich, was ist denn das?

SCHOLAR.

Astronomie, mein Freund!

STREPSIADES auf einen Meßtisch deutend.

Und dieses da?

SCHOLAR.

Geometrie.

STREPSIADES.

Wofür ist das denn gut?

SCHOLAR.

Um Land zu messen.

STREPSIADES.

Wie? Verlostes Land?

SCHOLAR.

Land überhaupt, das Erdreich.

STREPSIADES.

Ganz scharmant!

Das ist doch was fürs Volk, erklecklich, praktisch.

SCHOLAR auf eine Landkarte zeigend.

Hier ist die ganze Erde: siehst du hier

Athen?

STREPSIADES.

Das soll Athen sein? Seh mir einer!

Wo sitzt denn da auch nur ein einz’ger Richter?

SCHOLAR.

Verlaß dich drauf, hier siehst du Attika!

STREPSIADES.

Wo sind denn meine Landsleut’ in Kikynna?

SCHOLAR.

Da drinnen stecken sie! Sieh her, daneben

Liegt auch Euboia, hier, lang hingestreckt.

STREPSIADES.

Weiß schon: wir und Perikles streckten’s hin. –

Wo ist denn Lakedaimon?

SCHOLAR.

Wo? Da, hier!

STREPSIADES kopfschüttelnd.

So nah bei uns? – Studiert doch ernstlich drauf,

Daß ihr das Nest da wegschafft weit von uns!

SCHOLAR.

Du Narr, das geht nicht.

STREPSIADES.

Ei so geht zum Schinder!

Sieht in die Höhe und erblickt den Sokrates.

Wer ist denn der dort in der Hängematte?

SCHOLAR mit gedämpfter Stimme.

Er!

STREPSIADES laut.

Wer Er?

SCHOLAR.

Sokrates.

STREPSIADES.

Du, Sokrates! – – –

Sokrates bleibt unbeweglich.

Zum Scholaren.

Du, schrei mir ihn einmal recht tüchtig an!

SCHOLAR.

Ruf du ihn selbst, ich habe keine Zeit.

Geht hinein und macht sich zu tun.

STREPSIADES.

He, Sokrates! – – – Sokrates’chen – –

Du dort!

STIMME AUS DER HÖHE.

Was rufst du mich, du Sohn des Staubes?

STREPSIADES.

Nein, aber sag, was machst du denn da oben?

SOKRATES langsam und feierlich.

In Lüften schweb’ und Helios überseh’ ich.

STREPSIADES.

So? Über unsre Götter siehst du weg? –

Warum denn hoch im Korb und nicht am Boden?

SOKRATES.

Wie könnt’ ich wahr das Überird’sche deuten:

Wenn schwebend nicht des Geistes zarter Äther

Mit dem verwandten Element sich mischte?

Umsonst vom Boden unten schaut’ ich auf

Nach oben: denn die Erde zieht zu sich

Unwiderstehlich des Gedankens Tau: –

Ein Beispiel hast du an der Brunnenkresse.

STREPSIADES.

Was sagst du da? – –

Das Denken zieht den Tau der Kresse zu? –

Hör, Sokrates’chen, komm zu mir herunter,

Ich will was lernen, komm und sei mein Lehrer!

SOKRATES läßt sich herab.

Was willst du lernen?

STREPSIADES.

Reden, lieber Mann!

Die Zinsen und die groben Gläub’ger, denk,

Die plündern, pfänden, ziehn mich völlig aus.

SOKRATES.

Wie kamst du denn in Schulden, dummer Mensch?

STREPSIADES.

Roßfieber heißt die Krankheit, die mich frißt. –

Jetzt lehre mich von deinen beiden Künsten

Die: Nichts zu zahlen, und das Honorar

Erleg’ ich gleich, das schwör’ ich bei den Göttern!

SOKRATES.

Bei welchen Göttern? – Denn die Götter sind

Hier abgeschätzte Münz’.

STREPSIADES.

Wie schwört denn ihr?

Bei eisernen, wie’s in Byzanz gebräuchlich?

SOKRATES.

Willst du der Götter Wesen aus dem Grund

Begreifen lernen? –

STREPSIADES.

Ja, bei Zeus, womöglich.

SOKRATES.

Und mit den Wolken selber Zwiesprach halten,

Die unsre Götter sind?

STREPSIADES.

Das möcht’ ich gern.

SOKRATES deutet nach einem Lotterbett.

So setze dich auf diesen heil’gen Sitz!

STREPSIADES.

Das kann ich schon! Da sitz’ ich.

SOKRATES.

So! Jetzt nimm

Den Kranz!

STREPSIADES.

Wozu den Kranz?

Ängstlich.

Ach, Sokrates,

Wollt ihr mich opfern, wie den Athamas?

SOKRATES.

Mitnichten! – Solches tun wir stets, wenn einer

Wird eingeweiht.

STREPSIADES.

Was hab’ ich denn davon?

Sokrates setzt ihm einen mit Sand und Staub bedeckten Kranz aufs Haupt.

SOKRATES.

Ein Sprecher wirst du, flink, gewandt, gerieben,

Wie Mehlstaub fein –

Strepsiades, dem der Sand ins Gesicht fällt, schüttelt sich.

So halt doch still!

STREPSIADES.

Wahrhaftig,

So ist’s, schon bin ich um und um voll Staub.

SOKRATES mit Salbung.

Andächtiges Schweigen geziemt dem Greis, und es lausche sein Ohr dem Gebete! –

Betend.

Allwaltende Herrin, unendliche Luft, die du hältst in der Schwebe den Erdball!

Und du, strahlender Äther, ihr Göttinnen hehr, blitzdonnerundhagelgewaltig,

Erhebt euch, erscheinet, erhabene Frau’n, in den Höhen dem sinnenden Forscher!

STREPSIADES.

Nein, ich bitte, noch nicht! Laß den Mantel mich erst um den Kopf ziehn wider die Nässe!

Verdammt, daß ich heut auch gerade von Haus bin gegangen ohne den Filzhut!

SOKRATES.

Kommt, kommt, hochheilige Wolken, und gönnt ihm den Anblick eurer Gestalten!

Wo ihr immer verweilt, auf Olympos’ Höh’n, den beschneiten, heiligen, oder

In Vaters Okeanos’ Gärten, vereint mit den Nymphen zum festlichen Reigen,

Ob am flutenden Nil ihr soeben die Flut in goldenen Eimern heraufzieht,

Ob ihr schwebt am maiotischen See oder fern auf dem schneeigen Gipfel des Mimas:

Wo ihr seid, o erhört mich und schauet mit Huld auf das Opfer der heiligen Weihe!

CHOR DER WOLKEN noch unsichtbar.

Blitz und Donner.

Schwimmende Wolken, ans Licht

Ziehn wir, die leuchtenden, ewig beweglichen,

Unversieglichen,

Ziehen herauf aus dem Schoße des tosenden

Vaters Okeanos, auf zu den waldigen

Gipfeln der Berge, schaun

Nieder auf fernhin erglänzende Zinnen, auf

Saaten, hinab auf die säugende, heilige

Erd’ und die göttlichen, rauschenden Ströme bis

Hin zu des wogenden, stöhnenden Meeres Flut:

Denn unermüdet ja leuchtet das Auge des Äthers

Schwimmend in heitrer Klarheit! –

Auf denn! Wir schütteln von unsern unsterblichen

Leibern die tauige Hüll’, und mit leuchtendem

Aug’ überschaun wir die weite Erde.

Blitz und Donner.

SOKRATES.

Ihr erhabenen Wolken, ihr habt mich erhört und erscheint mir von Auge zu Auge!

Zu Strepsiades.

Und vernahmst du die göttliche Stimm’ und den Knall des rollenden heiligen Donners?

STREPSIADES.

O gewißlich, ich bet’, ihr Erhabnen, euch an, und es drängt mich, den Knall zu erwidern;

Ach, es kommt mir, es kommt: so entsetzliche Furcht solch Zittern und Beben ergreift mich,

Ob ihr gut dazu seht oder nicht, ich vermag es nicht länger zu halten – ich kacke!

SOKRATES.

Mensch, laß mir die Possen, geriere dich nicht wie die teuflischen Hefengesichter!

Andächtige Stille! Der Göttinnen Schar, sie naht sich mit heil’gem Gesange!

CHOR.

Jungfraun mit tauendem Haar

Schweben wir hin zu Athenes gesegneten

Gauen, des Kekrops

Heldenerzeugende, liebliche Flur zu schaun,

Die das Geheimnis mystischer Feier wahrt,

Wo sich das Heiligtum

Öffnet am Feste der Weihe den Schauenden,

Dort, wo Geschenke, Bilder und ragende

Tempel die himmlischen Götter verherrlichen,

Festliche Züge der Frommen, der Seligen,

Jubel der Blumenbekränzten und Schmausenden,

Wechselnd im Tanz der Horen;

Heut, mit dem nahenden Lenze, des Bakchos Fest,

Fröhlich mit Tanz und Gesang um die Wette zum

Helltönenden Klang der Flöten!

STREPSIADES.

Ich beschwöre dich bei dem allmächtigen Zeus, wer sind sie denn, Sokrates, die da,

Die so prächtig singen, so furchtbar schön? Halbgöttinnen, sollte man glauben!

SOKRATES.

Bewahre, die himmlischen Wolken sind’s, der Müßigen göttliche Mächte,

Die Gedanken, Ideen, Begriffe, die uns Dialektik verleihen und Logik,

Und den Zauber des Worts, und den blauen Dunst, Übertölplung, Floskeln und Blendwerk.

STREPSIADES.

Drum ist mir doch auch, da ihr Lied ich vernahm, meine Seel’ in den Äther entflogen

Und versucht jetzt schon dialektisch den Rauch zu zerlegen in seine Atome,

Jeden Satz zu zersetzen mit Sätzchen und fein auf die Silben mit Silben zu stechen;

Drum verlangt es mich sehr, wenn es irgend erlaubt, sie von Antlitz zu Antlitz zu schauen.

SOKRATES.

So blicke nur hin nach dem Parnes dort: schon seh’ ich gemessenen Schrittes

Sie herniederwandeln.

STREPSIADES.

Ei zeig mir doch, wo?

SOKRATES.

Dort rücken heran sie in Masse,

Durch Schluchten und Büsche, dort seitwärts herab, siehst du?

STREPSIADES.

Das begreif’ mir ein andrer!

Ich seh’ sie ja nicht!

SOKRATES.

An dem Eingang dort!

STREPSIADES.

Eine Spur kaum seh’ ich von ihnen!

Der Chor der Wolken tritt in die Orchestra ein.

SOKRATES.

Aber jetzt doch wohl: sonst glaub’ ich, du hast Schmalzklumpen, wie Kürbsen, im Auge.

STREPSIADES.

Beim Zeus, ja, ja! Ihr Erhabnen, ich seh’, schon wimmelt der Boden von Wolken.

SOKRATES.

Und du wußtest es nicht, und du glaubtest es nicht, daß sie Göttinnen sind und unsterblich?

STREPSIADES.

Meiner Seel’, ich sah sie mein Lebtag an für Tau und Nebel und Dünste.

SOKRATES.

So, so? Und du weißt also nicht, daß sie die Sophisten, die vielen, ernähren,

Quacksalber, Propheten echt thurischen Stamms, brillantringfingrige Stutzer,

Dithyrambische Schnörkelverdrechsler zu Hauf, sternschnuppenbeguckende Gaukler:

Sie füttern sie alle, das müßige Volk, das ihnen zu Ehren lobsinget.

STREPSIADES.

Drum singen sie auch von »des feuchten Gewölks blitzschlängelndverheerendem Sturmschritt«,

Von »der duftigen, tauig krummklauigen Schar luftmeerdurchschwimmender Vögel«

Und von »Wassergüssen des Regengewölks«; und für diese Ergüsse verschlingen

Sie die leckersten Stücke des prächtigsten Aals und die köstlichsten Krammetsvögel!

SOKRATES.

Und verdienen sie das um die Wolken denn nicht?

STREPSIADES.

Meinthalben! Erklär’ mir nur eines:

Wenn sie Wolken doch sind, leibhaftig, wie kommt’s, daß wie sterbliche Weiber sie aussehn?

Die droben, die sind doch wahrhaftig nicht so!

SOKRATES.

Ei nun, und wie sehen denn die aus?

STREPSIADES.

Das kann ich so recht nicht beschreiben, ich mein’: wie ein Haufen verzettelter Wolle;

Von Weibern einmal nicht die mindeste Spur! Und die da – die haben ja Nasen!

SOKRATES.

Du, gib einmal Antwort! Ich frage dich –

STREPSIADES.

Schnell, nur heraus damit, ohne Präambel!

SOKRATES.

Hast du nie in der Höh’ eine Wolke gesehn, an Gestalt gleich einem Kentauren,

Oder Panthertier, oder Wolf, oder Stier?

STREPSIADES.

Ei warum nicht? Aber was soll das?

SOKRATES.

Sie geben sich jede belieb’ge Gestalt; zum Exempel, sie sehn einen geilen,

Langhaarig verwilderten Bubenfreund, unter andern den Sohn Xenophantos’,

Gleich äffen sie nach des Verrückten Figur, und verwandeln sich selbst in Kentauren.

STREPSIADES.

Was machen sie denn, wenn sie Simon sehn, mit der Hand in dem Säckel des Staates?

SOKRATES.

Sie zeichnen ihn treu ganz nach der Natur und verwandeln sich selber in Wölfe.

STREPSIADES.

So, drum! Als sie gestern Kleonymos sahn, den Schildwegwerfer, da wurden

Sie beim ersten Blick auf die Memme sogleich in flüchtige Hirsche verwandelt.

SOKRATES.

Und weil sie den Kleisthenes, den dort, erblickt, du siehst ihn? Drum wurden sie Weiber.

STREPSIADES zum Chor.

Nun, so seid mir gegrüßt, ihr erhabenen Frau’n! Wenn einem, tut mir den Gefallen

Und laßt, ihr Durchlauchtigen, tönen einmal die himmeldurchrollende Stimme!

CHOR zu Strepsiades.

Sei mir auch gegrüßt, du bemooster Greis, du ideenverfolgender Weidmann!

Zu Sokrates.

Hoherpriester des Gallimathias, auch du! Tu kund dein Verlangen! Wir hören!

Denn der Überschwenglichen keinem, fürwahr, von der Zunft der Sophisten verleihen

Wir Gehör, als etwa dem Prodikos, der es verdient durch Weisheit und Tiefsinn,

Und dir, weil du breit durch die Straßen stolzierst und die stierenden Augen umherwirfst,

Stets barfuß gehst und den Leib kasteist und die Nas’ – als der Unsre – so hoch trägst.

STREPSIADES.

Alle Welt! Wie erhaben die Stimme tönt, majestätisch, übernatürlich!

SOKRATES.

Kein Wunder; die einzigen Götter sind sie, und das andre ist all Larifari!

STREPSIADES.

Wie, – Zeus, der olympische Zeus, der soll kein Gott sein? – nicht existieren?

SOKRATES.

Nur nicht albern! Was faselst du da mir von Zeus? Es gibt keinen Zeus!

STREPSIADES.

Ei, was sagst du?

Und wer regnet denn dann? Das mußt du nun doch mir vor allen Dingen erklären!

SOKRATES.

Wer? Diese, sonst niemand! Das will ich dir gleich mit gewichtigen Gründen beweisen!

Du, sag mir einmal, ob du jemals den Zeus hast regnen sehn ohne Wolken?

Bedenk doch: ein Regen aus blauer Luft, und die Wolken sind dann wohl auf Reisen?

STREPSIADES.

Bei Apollon! Das sitzt ja wie angeschweißt: das hast du vortrefflich bewiesen!

Sonst freilich, da glaubt’ ich: wenn Zeus durch ein Sieb sein Wasser abschlage, dann regn’ es.

Jetzt sag mir: wer macht denn den Donner? Denn sieh: da fahr’ ich halt immer zusammen.

SOKRATES.

Sie donnern, wenn übereinandergerollt sie sich wälzen.

STREPSIADES.

»Tollkühner, was sagst du?«

SOKRATES.

Wenn in reichlichem Maße mit Wasser gefüllt sie von innen getrieben dahinziehn,

Erdwärts durch die Schwere des Regens gedrückt, dann stürzen die wogenden Wasser

Sich übereinander und bersten entzwei und krachen und poltern im Platzen.

STREPSIADES.

Wer treibt sie denn aber? Das ist doch Zeus, der sie nötigt, sich fortzubewegen?

SOKRATES.

Nein, Mensch! Der ätherische Wirbel ist’s!

STREPSIADES.

Wirr – Wirbel? Ich kenne den Gott nicht!

Zeus also ist nicht, und an seiner Statt regiert so ein Zeisig – der Wirbel?

Doch immer noch hast du mir eins nicht erklärt, dies Donnern und Krachen und Wettern.

SOKRATES.

Ei, hörst du denn nicht, was ich eben gesagt von den Wolken, den wassergefüllten,

Wie sie übereinander sich stürzen gebläht, und zusammengeworfen zerplatzen?

STREPSIADES.

Wie versteh’ ich denn das?

SOKRATES.

Nun, so merk einmal auf: an dir

selber mach’ ich’s dir deutlich.

Ist dir’s nie an den Panathenaien passiert, daß dein Magen, mit allerlei Brühen

Überfüllt, dir mit Knurren Molesten gemacht, mit Reißen und Blähn und Rumpumpeln?

STREPSIADES.

Beim Apollon, gar oft; und da währt es nicht lang, und es wurmt mir und fährt durch die Därme.

So ‘ne lumpige Brüh’, die verführt einen Lärm und tut akkurat wie der Donner:

Erst halblaut nur: bumbum, bumbum, dann vernehmlicher schon: bububumbum!

Bis donnernd gerad wie die Wolken zuletzt es herausfährt: bubububumbum!

SOKRATES.

Drum sieh: wenn dein Bäuchlein, winzig und klein, so gewaltige Bumbums herausfarzt,

Wie entsetzlich muß erst im erhabenen Raum rumoren das Rollen des Donners?

STREPSIADES.

Ich verstehe: drum sind sich auch Donner und Furz so ähnlich im brummenden Tone!

Nun aber der Blitz, wo kommt er denn her, und sein feuriges Leuchten und Zünden,

Der, wenn er uns trifft, uns zu Asche verbrennt, und wenn er nicht tötet, doch röstet:

Den sendet doch Zeus, das ist klar wie der Tag, meineidige Sünder zu strafen?

SOKRATES.

O du antediluvianischer Kauz, o du märchengläubiges Mondkalb!

Meineidige soll er erschlagen? Warum zerschmettert er dann nicht den Simon,

Den Kleonymos nicht, den Theoros nicht, und was machen sich die aus ‘nem Meineid?

Wo schlägt er denn ein? – In sein eigenes Haus auf Sunions heiliger Spitze,

Und in stämmige Eichen – was fällt ihm denn ein? Meineidige Eichen! Man denke!

STREPSIADES.

Weiß nicht! – doch es scheint, was du sagst, das ist wahr. Nur erkläre mir noch, was der Blitz ist?

SOKRATES auf die Wolken deutend.

Wenn in diesen ein trockener Wind sich verfängt, der empor in die Lüfte gewirbelt,

Dann schwellt er sie auf, wie Blasen, und fest zusammengepreßt durch die Spannung

Zersprengt er sie plötzlich und drängt mit Gewalt sich heraus aus der platzenden Masse,

Und vom Stoß und der heftigen Reibung entflammt, mit Sausen und Zischen verglüht er.

STREPSIADES.

Ei der Tausend! Aufs Haar ganz dasselbe ist mir am Diasienfeste begegnet:

Meine Vetterschaft hatt’ ich zu Gast und briet eine Magenwurst; potz, da vergess’ ich

Sie zu stechen zur Zeit, und da schwillt sie nun auf, und plötzlich zerplatzt sie und spritzt mir

Gerad in die Augen den ganzen Dreck und verbrennt das Gesicht mir erbärmlich!

CHORFÜHRERIN zu Strepsiades.

O du Menschensohn, der du trachtest, von uns ausströmende, heilige Weisheit

Zu erlernen, wie groß, wie beglückt wirst du, wie berühmt in Athen und in Hellas,

Wenn stark dein Gedächtnis, tiefsinnig dein Geist, für Strapazen und Hunger und Kummer

Unempfindlich, und wenn du nicht müde wirst vom Spazierengehen und Stehen,

Wenn du frierst ohne Murren, wenn ohne Verdruß du ein Frühstück weißt zu entbehren,

Wenn du meidest den Wein und den Turnplatz fliehst und die übrigen Werke der Torheit,

Wenn du allzeit, wie dem verständigen Mann es geziemt, für das Höchste es achtest,

Im Handel und Wandel mit fertiger Zung’ als Sieger das Feld zu behaupten.

STREPSIADES.

Was das nun betrifft: starrsinnigen Kopf, bettdeckenumwälzendes Grübeln,

Unverwöhnten, nüchternen Magen dazu, gegen Wasser und Brot nicht rebellisch –

Da sei du nur ruhig, da lass’ ich auf mir, wenn es sein muß, hämmern und schmieden.

SOKRATES.

Und erkennst du nun auch gleich uns fortan, daß kein anderes göttliches Wesen

Existiert, denn allein diese heiligen Drei: das Chaos, die Wolken, die Zunge?

STREPSIADES.

Mit den andern verlier’ ich, und wenn sie mir auch auf der Straße begegnen, kein Wörtchen,

Noch werd’ ich an sie Speis’opfer und Trank und Weihrauchkörner verschwenden.

CHORFÜHRERIN.

So rede getrost: was verlangst du von uns? Wir werden dich sicher erhören,

Da du Ehr’ uns gern und Bewund’rung zollst und bemüht bist, weise zu werden.

STREPSIADES.

Durchlauchtige Fraun! Dann bitt’ ich euch nur um ein Kleines: gewährt mir die Gnade,

Laßt hundert Meilen, als Rednergenie, mich vor allen in Hellas voraus sein!

CHORFÜHRERIN.

Wir gewähren die Bitte; von Stund’ an soll es nicht einem gelingen, daß öfter

Als du, er Gesetzesentwürfe beim Volk durchsetze mit glänzender Mehrheit.

STREPSIADES.

Nach politischer Größe gelüstet mich’s nicht, ich befasse mich nicht mit Gesetzen,

Strepsiades strebt für sich selbst nur das Recht zu verdrehn, zu entschlüpfen den Zinsherrn.

CHORFÜHRERIN.

Eine Kleinigkeit das! Den bescheidenen Wunsch, wie sollten wir den nicht erfüllen?

Übergib dich getrost nur mit Leib und Seel’ der Behandlung unserer Priester!

STREPSIADES.

Das tu’ ich im vollen Vertrauen auf euch: ich muß – denn ich steck’ in der Klemme,

Ruiniert durch die Füchs’ und die Rappen, und dann durch die unglückselige Heirat.

Ich gehöre den Herrn mit Leib und Seel’:

Was sie wollen, ich tu’s und ich trag’ es ja gern,

Durst, Hunger und Prügel und Hitz’ und Frost!

Ja, laßt sie das Fell mir vom Leibe ziehn!

Und studier’ ich mich nur aus den Schulden heraus,

Tituliere mich dann nach Belieben die Welt:

Frech, naseweis, grob, maulfertig, infam,

Unflat, Aufschneider und Lügenschmied,

Rechtsfälscher, mit allen Hunden gehetzt,

Schwadroneur, Windfahne, Fuchs, Klappermaul,

Nasrümpfer, Scharwenzler, aufdringliche Klett’,

Aas, Neidhard, Galgenstrick, Lumpenhund,

Arschleckergesicht – –

Mag, wem es beliebt, auf der Gasse mir nach

Diese Titel schreien: nur zugeschimpft!

Meintwegen, verhackt

Mich zu Würsten, bei der Demeter, und gebt

Sie den Herrn Philosophen zu fressen!

CHORFÜHRERIN.

Nun, das nenn’ ich einmal herzhaft,

Unerschrocken,

Rasch entschlossen! – Sei gewiß:

Lernst du hier fleißig, so ragt an das Himmelsgewölbe

Deines Namens Glorie!

STREPSIADES.

Und was wird’s dann mit mir?

CHORFÜHRERIN.

Die seligsten Tage mit uns,

Beneidet von allen, verlebst du, Hochbeglückter!

STREPSIADES.

Aber werd’ ich es auch noch

Wirklich erleben?

CHORFÜHRERIN.

Scharenweis werden an deiner

Schwelle die Leute sich

Tagtäglich lagern,

Um sich mit dir zu besprechen,

Dich, wenn es glückt, zu befragen

Und in Prozessen und Händeln um schwere Summen

Mit dem erfahrnen Anwalt

Sich zu beraten, mit dir!

Zu Sokrates.

Nimm du ihn jetzt vor, diesen Alten, und gib von dem Unterricht ihm einen Vorschmack;

Jag auf die Gedanken in seinem Kopf, sieh, ob er kapiert, und sondier’ ihn!

SOKRATES.

Nun denn! Sag an, wie ist dein Naturell,

Damit ich weiß, mit welchen neuen Waffen

Ich demgemäß dich anzufassen habe!

STREPSIADES.

Was Henkers? Denkst du Sturm auf mich zu laufen?

SOKRATES.

Nein! Laß mich vor der Hand nur eins dich fragen:

Hast du Gedächtnis?

STREPSIADES.

Zweierlei, bei Zeus!

Eins – wenn mir jemand schuldet – sehr verläßlich:

Das andre – schuld’ ich einem – sehr vergeßlich.

SOKRATES.

So wirst du doch Geschick zu Reden haben?

STREPSIADES.

Zum Reden? Nein! Doch desto mehr zum Rapsen.

SOKRATES.

Du willst studieren?

STREPSIADES.

Sei nur ruhig, ‘s geht!

SOKRATES.

Nun gut, so paß mal auf: Lass’ ich was Tiefes,

Was Metaphysisches fallen, schnapp’ es auf!

STREPSIADES.

Aufschnappen soll ich, wie ein Hund, den Tiefsinn?

SOKRATES.

Barbarisch roher Bauer, der du bist,

Du brauchst wohl, fürcht’ ich, Prügel, alter Kerl! –

Was machst du, wenn dich einer schlägt?

STREPSIADES.

Ich lasse

Mich schlagen, pass’ auf Zeugen, und dann fasse

Vor Amt ich ihn und fülle mir die Kasse.

SOKRATES.

Komm, leg den Rock ab!

STREPSIADES ängstlich.

Was verbrach ich denn?

SOKRATES.

Nichts! Unbekleidet tritt man hier nur ein.

STREPSIADES.

Ich kam ja nicht, gestohlnes Gut zu suchen.

SOKRATES.

Leg ab: wozu die Possen?

STREPSIADES legt Oberkleid und Schuhe ab.

Nur noch eins!

Wenn ich recht fleißig bin und eifrig lerne,

Sag’, welchem deiner Schüler gleich’ ich dann?

SOKRATES.

Du wirst an Geist ein zweiter Chairephon!

STREPSIADES.

Um Gottes willen, ein lebend’ger Leichnam?

SOKRATES.

Genug der Faxen! Komm und folge mir

Sogleich – nur schnell!

STREPSIADES.

So gib mir in die Hand

Doch einen Honigkuchen: denn mir bangt,

Als wenn ich in Trophonios’ Höhle stiege.

SOKRATES.

Geh zu! Was tappst du um die Tür herum?

Beide hinein.

CHOR.

So gehe mit Glück, wie dein Mut es verdient,

Dein entschlossener Sinn! –

Heil und Gelingen dem Mann,

Der, soweit er im Alter

Vorgerückt schon, dennoch den Geist

In Studien taucht, jugendlich frisch,

Und seinen Kopf, hart und ergraut,

Gibt in die Zucht des Denkens.

CHORFÜHRERIN.

Laßt mich, ihr Athener, einmal euch die Wahrheit sagen frei,

Lautre Wahrheit, beim Dionys, der mich großgezogen hat!

So gewiß ich heute den Preis wünsch’ als Meister meiner Kunst,

Traun, so wahr ist’s, daß ich gebaut nur auf eure Kennerschaft

Und den Wert des komischen Stücks, das ich für mein bestes hielt,

Als ich euch zu kosten es bot, euch zuerst, dies Stück, das mir

Wohl die meiste Mühe gemacht! – Dennoch zog man plumpe Kerls

Unverdienterweise mir vor. – Dieses Unrecht klag’ ich euch

Weisen Kennern, denen zulieb’ ich mir all die Mühe gab –:

Nicht als gäb’ ich unter euch selbst die Vernünft’gen treulos auf:

Weiß ich doch, daß Männern wir ihr, die man anzureden schon

Glücklich ist, mein ›Liederlich und Tugendsam‹ einst wohlgefiel,

Jenes Erstlingsfrüchtchen –: ich war Jungfer noch, und heimlich mußt’

Ich’s gebären, mütterlich nahm auf das ausgesetzte Kind

Eine andre, aber ihr selbst wart ihm Vater, Lehrer, Freund.

Seitdem ist mir sicher verbürgt eure Einsicht, eure Gunst.

Gleich Elektra kommt sie denn nun diesmal, die Komödie,

Um zu finden, wenn es ihr glückt, solch erprobte Kennerschar:

Ihres Bruders Locke, wofern sie sie findet, kennt sie wohl.

Seht, wie sie sich züchtig gebärd’t! Vorn herunter, angenäht,

Läßt sie nicht das lederne Ding hängen, baumeln, feuerrot

An der Spitz’ und fürchterlich dick, schlimmen Buben nur zum Spaß;

Spottet auch Kahlköpfe nicht aus, hopst im Kordax nicht herum,

Läßt nicht alte Männer den Stock deklamierend schwingen auf

Die Mitspieler – ärmlicher Spaß – Antwort auf gemeinen Witz!

Stürmt auch nicht mit Fackeln herein, heult und brüllt nicht Ju, Juhu!

Nein, sich selbst und ihrem Gehalt stolz vertrauend tritt sie auf.

Und obwohl ich weiß, was ich bin, trag’ ich doch nicht hoch den Busch.

Zwei- und dreimal bring’ ich euch nie einen Witz und täusch’ euch nicht,

Bin euch nagelneue Sujets vorzuführen stets bedacht,

Witzige Figuren und keck, keine je der andern gleich.

Stieß ich nicht den mächtigen Mann Kleon mächtig auf den Bauch?

Doch ich trat, sobald er im Staub lag, nicht mehr auf ihm herum.

Andre – seit Hyperbolos sich einmal eine Blöße gab –

Trampeln auf dem ärmlichen Kerl stets und seiner Mutter ‘rum.

Eupolis vor allen – er schleppt seinen ›Marikas‹ herein:

Schmählich! ein gewendeter Rock! meine ›Ritter‹ dumm verhunzt!

Nebenbei, dem Kordax zulieb, ein versoffnes altes Weib,

Die er stahl dem Phrynichos, wo sie das Ungeheuer frißt. –

Gleich drauf kommt Hermippos und macht auch was auf Hyperbolos,

Auch die andern werfen sofort all’ sich auf Hyperbolos,

Und mein Gleichnis äffen sie nach: wie man Aal’ im Trüben fischt. –

Nein, wer solche Stümper belacht, dessen Beifall wünsch’ ich nicht;

Aber wenn das sinnige Spiel meiner Mus’ euch Freude macht,

Dann für alle Zeiten erscheint ihr als Männer von Geschmack.

ERSTER HALBCHOR.

Zeus, den erhabenen, ruf’ ich zuerst:

Mächt’ger Fürst der Götter, o schau

Gnädig auf unsern Reigen!

Dich auch, Gewalt’ger, der du den Dreizack

Schwingst und die Erd’ und das salzige Meer

Mächtig erschütterst und aufwühlst!

Vater der Menschen, auch dich, den Gepriesenen,

Himmlischer Äther, Ernährer von allem, was atmet!

Dich auch, Rosselenker, der du

Rings in leuchtende Gluten die Welt

Tauchst, unter Göttern und Sterblichen

Hochgefeiert und strahlend!

CHORFÜHRERIN.

Jetzt, ihr hochwohlweisen Männer, bitten wir euch um Gehör.

Unrecht tut ihr uns: wir müssen euch verklagen vor euch selbst.

Mehr als alle andern Götter segnen wir doch eure Stadt:

Gleichwohl bringt ihr nie zum Opfer weder Trank noch Speis’ uns dar,

Uns, die wir euch treu beschirmen: immer wenn im Unverstand

Ihr beschließet auszurücken, donnern oder regnen wir.

Neulich, als den gottverhaßten, paphlagon’schen Gerber ihr

Auserkoren euch zum Führer, runzelten wir gleich die Stirn,

Schnitten grimmige Gesichter, »Blitz und Donner sprühten wir«,

Und es trat der Mond aus seiner Bahn, die Sonne zog zurück

In sich selbst den Docht der Lampe und erklärt’ euch rund heraus,

Daß sie keinen Strahl euch sende, wenn euch Kleon kommandiert.

Dennoch nahmt ihr ihn zum Feldherrn; denn man sagt: verkehrter Rat

Sei in eurer Stadt zu Hause; dumme Streiche, die ihr macht,

Werden aber durch der Götter Huld zum besten stets gekehrt.

Dieser Fall auch kann zum Vorteil sich euch wenden, hört mich an:

Wenn ihr Kleon, den bestochnen Schuft, den überwies’nen Dieb,

An dem Kragen packt und unters Holz ihm niederdrückt den Kopf,

Dann, trotz eurer vielen Böcke, wird zurück ins alte Gleis

Alles kehren und zum besten euch und eurer Stadt gedeih’n!

ZWEITER HALBCHOR.

König Apollon, Delier,

Hoch auf dem kynthischen Felsenhorn

Thronend, erschein, o erhör uns! –

Du auch, o Sel’ge im goldnen Tempel

Prangend zu Ephesos, wo dich verehrt

Lydischer Jungfrau’n Andacht! –

Komm, o Beschirmerin unserer Burg und Stadt,

Pallas Athene, gewaltige, Aigisbewährte! –

Du auch, der auf Parnassos’ Höh’n

Schwärmt und im Kreise der delphischen Frau’n

Unter flammenden Fackeln beim Tanz

Strahlt, o komm, Dionysos!

CHORFÜHRERIN.

Als wir uns zur Reise fertig machten, hier zu euch herab,

Gab Selene, die uns eben traf, uns diesen Auftrag mit:

Grüßen läßt sie schön die Bürger und Verbündeten Athens;

Doch sie sei euch ernstlich böse, daß ihr sie so schlecht belohnt,

Sie, die so reelle Dienste augenscheinlich euch erwies

Und an Fackeln nur euch jeden Monat eine Drachme spart;

Wenn die Leut’ am Abend ausgehn, sagen sie zum Sklaven: ›Bursch,

Fackeln brauchst du nicht zu kaufen, heut ist prächtger Mondenschein!‹ –

Andrer Dienste zu geschweigen! Dennoch habt auf ihre Tag’

Ihr nicht pünktlich acht und werft sie durcheinander kunterbunt.

Darum lesen ihr die Götter ein Kapitel jedesmal,

Wenn sie nach der alten Rechnung zählend kommen und kein Fest

Treffen, und um Schmaus und Opfer schnöd geprellt nach Hause gehen:

Denn am Tage, wo ihr opfern solltet, richtet, foltert ihr;

Wenn wir Götter aber einen Fasttag haben, etwa wenn

Wir um Memnon trauern oder um Sarpedon, opfert ihr

Wein und lacht und scherzt. – Drum haben wir auch dem Hyperbolos,

Der Amphiktyonenbote heuer war, vom Haupt den Kranz,

Wir die Göttinnen, gerissen: merken soll er sich’s fortan,

Daß man »seine Lebenstage nach dem Mondlauf ordnen« soll!

Zweite Szene

Der Chor. Sokrates. Strepsiades.

SOKRATES allein; tritt ärgerlich aus dem Hause.

Beim Atem schwör’ ich’s, bei der Luft, beim Chaos!

Nein, solchen Tölpel sah ich doch noch nie,

So bäurisch, linkisch, so stupid vergeßlich,

Der nicht die kleinste Tüftelei kapiert

Und kaum gelernt vergißt! Ich will’s einmal

Mit ihm probieren hier in frischer Luft! –

Ruft hinein.

Strepsiades, komm ‘raus mit deinem Faulbett!

STREPSIADES innen.

Ich bring’s vor lauter Wanzen nicht vom Fleck!

SOKRATES.

Nur hurtig!

Strepsiades kommt heraus.

Stell’s da hin, paß auf!

STREPSIADES.

Da steht’s!

SOKRATES.

So! – Willst du jetzt was lernen, das für dich

Ganz nagelneu? Und was zuerst? – Die Lehre

Vom Wort, vom Rhythmus, den verschiednen Maßen?

STREPSIADES.

Die Maße, bitt’ ich! Um zwei Mäßchen hat

Mich kürzlich erst geprellt ein Mehlverkäufer.

SOKRATES unwillig.

Ich frag’ dich, welches Maß dir mehr gefällt:

Das mit drei Füßen oder das mit vier?

STREPSIADES.

Potz Welt! Hat denn bei euch ein Fruchtmaß Füße?

SOKRATES.

Du schwatzst verkehrtes Zeug!

STREPSIADES.

Da frag’ ich jeden,

Ob ihm ein Maß mit Füßen vorgekommen?

SOKRATES.

Zum Henker! Wie stupid, wie ochsendumm! –

Vielleicht daß du vom Rhythmus was begreifst?

STREPSIADES.

Rhythmus? – Verschafft mir der mein täglich Brot?

SOKRATES.

Das kommt dir in Gesellschaft wohl zustatten:

Da weißt du, wenn man musiziert, doch gleich,

Wie sich der Takt, im Marsch zum Beispiel, macht.

STREPSIADES.

Im Arsch den Ticktack – o das kenn’ ich gut!

SOKRATES.

Was meinst du denn?

STREPSIADES mit einer unanständigen Gebärde.

Den Pendel mein’ ich da:

Das hab’ ich schon als kleiner Bub gelernt.

SOKRATES.

Gemeine Bestie!

STREPSIADES.

Aber nein, du Narr!

Dergleichen wünsch’ ich nicht zu lernen.

SOKRATES.

So?

Was denn?

STREPSIADES.

Die Kunst, die Unrecht macht zum Recht.

SOKRATES.

Du mußt zuvor noch manches andre lernen:

Vierfüß’ge Tiere nenne mir, die männlich!

STREPSIADES.

Wer das nicht wüßte, wär’ ein Esel! Männlich

Sind Widder, Stier und Bock und Hund und Spatz.

SOKRATES.

Siehst du? So geht’s: das Weibchen nennst du Spatz,

Und dann das Männchen wieder ebenso.

STREPSIADES.

Und dann?

SOKRATES.

Bedenk nur einmal, Spatz und – Spatz!

STREPSIADES.

Wahr, beim Poseidon! Nun, wie muß ich sagen?

SOKRATES.

Spatz heißt das Männchen, Spätzin heißt das Weibchen.

STREPSIADES.

Hem, Spätzin also! Bei der Luft, recht hübsch!

Da muß ich wohl für diese Lehre schon

Dir bis zum Rand mit Mehl den Backtrog füllen.

SOKRATES.

Ein neuer Bock! Der Backtrog sagst du, männlich?

Das muß ja weiblich enden!

STREPSIADES.

Ei, wieso?

Die Endung weiblich?

SOKRATES.

Wie Kleonymos

Sollt’ enden!

STREPSIADES.

Nun, wo will denn das hinaus?

SOKRATES.

Dein Backtrog, sieh, geht nach Kleonymos.

STREPSIADES.

Der ging ja dem Kleonymos grad ab!

Drum knetet er sein Mehl im runden Mörser. –

Allein im Ernst, wie muß ich sagen?

SOKRATES.

Wie?

Backtrögin! wie du sagst: die Demagögin.

STREPSIADES.

Backtrögin? Sonderbar!

SOKRATES.

Das einzig Richt’ge!

STREPSIADES.

Backtrögin also und Kleonymin?

SOKRATES.

Ich sehe schon: von Eigennamen weißt

Du nicht, was männlich und was weiblich ist.

STREPSIADES.

Was weiblich ist, das kenn’ ich gut.

SOKRATES.

Zum Beispiel?

STREPSIADES.

Lysilla, Philina, Kleitagora, Demetria.

SOKRATES.

Und Männernamen?

STREPSIADES.

Weiß ich dir die Meng’!

Philoxenos, Melesias, Amynias.

SOKRATES.

Dummkopf! Die sind nichts weniger als männlich!

STREPSIADES.

Die sind bei euch nicht männlich?

SOKRATES.

Nein: wie sagst

Du denn, wenn du Amynias zärtlich grüßt?

STREPSIADES.

Ich denk’: Amynchen, grüß’ dich Gott, Amynchen!

SOKRATES.

Nun sieh: Amynchen sagst du, wie: Philinchen: –

Ein Weib!

STREPSIADES.

‘S ist wahr! Er zieht auch nicht zu Feld!

Allein du lehrst mich da, was jeder weiß.

SOKRATES.

Tut nichts! Da setz dich hin –

Aufs Faulbett zeigend.

STREPSIADES.

Was soll ich tun?

SOKRATES.

Denk deinen Handel philosophisch durch!

STREPSIADES.

Nur dort nicht, möcht’ ich bitten! Muß es sein,

Kann ich die Sach’ am Boden auch durchdenken.

SOKRATES.

Nein, ‘s geht nicht anders! Setz dich!

STREPSIADES setzt sich.

Weh und Jammer!

So muß ich heut der Wanzen Opfer werden?!

Sokrates geht gravitätisch auf und ab. Strepsiades philosophiert.

CHORFÜHRERIN.

Jetzt, Freund, studier’ und spekulier’,

Nimm deinen Kopf und deine

Fünf Sinne zusammen;

Behend, wenn du je dich verwickelst, spring

Auf einen andern

Gedanken ab; und der labende Schlaf

Bleibe fern deinem Augenlid!

STREPSIADES vom Faulbett auffahrend.

Au au au au, au au au au!

CHORFÜHRERIN.

Was heulst du? Was ist dir?

STREPSIADES.

Ich bin des Tods! Da beißt ein Trupp Korinthier,

Die aus dem Bett gekrochen, mich zuschanden.

Und sie zwacken das Fleisch an den Rippen mir ab,

Uhuhu, und sie zapfen die Seele mir ab,

Und sie zwicken, Gott straf’ mich, die Hoden mir ab,

Und sie bohren sich ein in den Steiß – und hinab

Muß ich ins Grab!

CHORFÜHRERIN.

Ei, so jammre doch nicht so überlaut!

STREPSIADES.

Nicht jammern? – Und doch,

Was ich hatt’, ist dahin, meine Börse, mein Teint,

Meine Seel’ ist dahin, meine Schuhe dahin,

Und zu alle der Not muß ich Armer mich noch

Wach singen, bis daß

Auch dahin mein erlöschendes Leben!

SOKRATES geht auf ihn zu.

He du, was machst du? Spekulierst du?

STREPSIADES.

Ich?

Ja, beim Poseidon!

SOKRATES.

Nun, worüber denn?

STREPSIADES.

Ob mir am Leib ein Stück die Wanzen lassen!

SOKRATES.

Verdammter Kerl!

STREPSIADES.

Verdammt? Das bin ich schon!

SOKRATES.

Nicht so empfindlich! Wickle dich brav ein,

Besinn dich jetzt auf eine Wolfsidee,

Auf einen guten Griff!

Geht wieder auf und ab.

STREPSIADES.

Mein Gott, wie sollen

Mir auf dem Schafspelz Wolfsideen kommen?

Sitzt vertieft.

SOKRATES.

Ich muß doch sehen, was der Gimpel macht!

Rüttelt ihn.

Du, Alter, schläfst du?

STREPSIADES.

Beim Apollon, nein!

SOKRATES.

Was hast du da?

STREPSIADES.

Nicht das geringste!

SOKRATES.

Nichts?

STREPSIADES.

Nichts – als in meiner rechten Hand das Ding da.

SOKRATES streng.

Einwickeln sollst du dich und meditieren!

STREPSIADES.

Worüber? Gib ein Thema, Sokrates!

SOKRATES.

Durchdenke, was du willst, und sag mir’s dann!

STREPSIADES.

Ja, was ich will, das hab’ ich tausendmal

Dir schon gesagt: die Gläubiger will ich prellen.

SOKRATES.

Gut! Wickle dich brav ein, nimm deine Sinne

Zusammen, haarscharf denk der Sache nach,

Recht kritisch, logisch und exakt!

STREPSIADES sich kratzend.

Au weh!

SOKRATES.

Sei ruhig! Und verwirrt dich ein Gedanke,

Dann laß ihn fahren! Später lenkst du wieder

Den Geist darauf und wiegst ihn hin und her.

STREPSIADES.

Ha, bester Sokrates!

SOKRATES.

Was hast du, Alter?

STREPSIADES.

‘Nen guten Griff – in meiner Gläubiger Tasche!

SOKRATES.

Laß hören!

STREPSIADES.

Sag, wie wär’s, wenn ich ‘ne Hexe

Mir in Thessalien holt’ und nachts für Geld

Den Mond herunterziehen ließ’ und ihn

In eine runde Spiegelkapsel packte

Und fest verschlossen im Gewahrsam hielte?

SOKRATES.

Was soll dir das denn nützen?

STREPSIADES.

Was? Wenn nirgends

Der Mond mehr aufging’ in der Welt, da braucht ich

Auch keine Zinsen mehr zu zahlen.

SOKRATES.

Wie?

STREPSIADES.

Nun, weil man monatlich das Geld verzinst.

SOKRATES.

Nicht übel! – Nun ein zweites Probstück! Höre!

Wenn man auf fünf Talente dich verklagte,

Wie schafftest du den Handel dir vom Hals?

STREPSIADES windet und dreht sich.

Wie? – Wie? – Das weiß ich nicht – die Frag’ ist ernst!

SOKRATES.

Dreh nicht so eingeschrumpft dich um dich selbst,

Laß die Gedanken in die Lüfte fliegen,

Wie Maienkäfer, an dem Fuß den Faden!

STREPSIADES.

Ich weiß ein Mittel wider diese Klage,

Ganz schlau, das wirst du selbst gestehen!

SOKRATES.

Welches?

STREPSIADES.

Hast du in Krämerbuden je ein Glas

Gesehn – du weißt, durchsichtig, schön und hell,

Womit man Feuer macht?

SOKRATES.

Du meinst ein Brennglas?

STREPSIADES.

Das mein’ ich.

SOKRATES.

Nun, was soll dir das?

STREPSIADES.

Wie wär’s,

Wenn vor Gericht ich in die Sonne träte

Und dann dem Schreiber unterm Griffel weg

Das Wachs der Klagschrift gegen mich zerschmelzte?

SOKRATES.

Schön, bei den Grazien!

STREPSIADES.

Ei, wie gut ist’s doch,

Daß ich die Fünftalentenklag’ beseitigt!

SOKRATES.

Jetzt mach dich noch an etwas! Schnell!

STREPSIADES.

An was?

SOKRATES.

Wie wehrst du dich, wenn dir ein Kläger zusetzt

Und du, weil ohne Zeugen, siehst, du mußt

Verlieren?

STREPSIADES.

Lump’ge Kleinigkeit!

SOKRATES.

Wieso?

STREPSIADES.

Nun – während der Verhandlung, just bevor

Mein Handel käme, ging’ und henkt’ ich mich.

SOKRATES.

Dummheit!

STREPSIADES.

Bei allen Göttern, nein! Wenn ich

Gestorben bin, wer will mich da verklagen?

SOKRATES.

Unsinn! Geh fort! Den Schüler hab’ ich satt!

STREPSIADES.

Warum denn aber, liebster Sokrates?

SOKRATES.

Was? Du vergißt ja alles, kaum gelernt!

So sprich: was hab’ ich dich zuerst gelehrt?

STREPSIADES.

Laß sehn: was war das Erste doch – das Erste –?

Wie hieß das Ding, worin man Brotteig knetet? –

Ach Gott, was war’s doch –?

SOKRATES.

Geh zu allen Teufeln,

Vergeßlich dummer, alter Eselskopf!

STREPSIADES.

Um Gottes willen, ach, wie wird mir’s gehn?

Werd’ ich kein Rabulist, bin ich verloren!

Zum Chor.

Ihr Wolken, hört: gebt ihr mir guten Rat!

CHORFÜHRERIN.

Der Rat, den wir dir geben, Alter, ist:

Schick deinen Sohn her, wenn du einen hast

Im rechten Alter, um für dich zu lernen.

STREPSIADES.

Den hab’ ich – ist ein hübscher, wackrer Junge:

Nur lernen will er nichts! – Wie wird mir’s gehn?

CHORFÜHRERIN.

Das duldest du?

STREPSIADES.

Er ist voll Kraft und Mark,

Aus Koisyras hochfliegendem Geschlecht! –

Gut denn! Ich will ihn holen! – Will er nicht,

Dann ist’s vorbei: ich werf’ ihn aus dem Haus!

Zu Sokrates.

Du, geh indes hinein und wart ein bißchen!

Ab.

CHORFÜHRERIN zu Sokrates.

Nun siehst du wohl, welchen Gewinn

Uns du, vor allen Göttern

Uns hast zu danken?

Bereit ist der Mann zu vollbringen, was

Du immer forderst.

Du siehst, wie angeschossen, wie

Gläubig erhitzt er auf Wunder sich spitzt;

Faß ihn und saug ohne Verzug gründlich ihn aus!

Denn du weißt: so ein Fang entschlüpft gar leicht –

Bester, dann hast du das Nachsehn!

Sokrates ab ins Haus.

Dritte Szene

Der Chor. Strepsiades. Pheidippides. Dann: Sokrates. Später: Der Anwalt der guten Sache. Der Anwalt der schlechten Sache.

STREPSIADES kommt mit seinem Sohn.

Beim Nebel, länger füttr’ ich dich nicht mehr!

Geh hin, nag’ an den Säulen des Megakles!

PHEIDIPPIDES.

Wie wunderlich! Was hast du denn, mein Vater?

Dir fehlt’s im Kopfe, beim olymp’schen Zeus!

STREPSIADES lachend.

»Olymp’scher Zeus!« Hör’ einer diesen Narren:

So groß, so alt – und glaubt noch an den Zeus!

PHEIDIPPIDES.

Was lachst du denn?

STREPSIADES.

Ich seh’, du bist ein Kind

Und hast den Kopf voll alter Ammenmärchen.

So komm mal her; ich putze dir ihn aus;

Doch – hörst du? – aus der Schule schwatz’ mir nicht!

PHEIDIPPIDES.

Fang an!

STREPSIADES.

Du schwurst da eben bei dem Zeus? –

Pheidippides! Es existiert kein Zeus!

PHEIDIPPIDES.

Wer denn?

STREPSIADES.

Der Wirbel, der ihn abgesetzt.

PHEIDIPPIDES.

Pah, Faselei!

STREPSIADES.

So ist’s einmal, nicht anders!

PHEIDIPPIDES.

Wer sagt das?

STREPSIADES.

Sokrates, der Melier,

Und Chairephon, der Flohfußgeometer.

PHEIDIPPIDES.

Steckst du so tief schon in der Narrheit, daß

Du so verbrannten Köpfen glaubst?

STREPSIADES.

Halt ein!

Verleumde nicht die weisen, braven Männer,

Von denen keiner – rein aus Sparsamkeit –

Sich je den Kopf rasiert, gesalbt, noch je

Ein Bad besucht, um sich zu waschen! – Du

Verbadest mir mein Geld, als wär’ ich tot! –

Jetzt geh nur und studiere dort für mich!

PHEIDIPPIDES.

Was kann ich denn von ihnen Gutes lernen?

STREPSIADES.

Was? – Alle Weisheit, die’s auf Erden gibt!

Da wirst du sehn, wie roh, wie dumm du bist!

Halt! Wart ein bißchen hier! Ich komme gleich! –

Ab.

PHEIDIPPIDES.

Was fang’ ich an? Mein Vater ist verrückt!

Soll ich vor Amt als Narren ihn verklagen?

Soll ich beim Schreiner ihm den Sarg bestellen?

STREPSIADES kommt zurück mit zwei Spatzen.

Geh her, was ist das? Sag mir deine Ansicht!

PHEIDIPPIDES.

Ein Spatz!

STREPSIADES.

Getroffen! Aber dieses da?

PHEIDIPPIDES.

Ein Spatz!

STREPSIADES lachend.

Wie albern! Beides Spatzen? he? –

In Zukunft drück dich besser aus! Da sieh:

Das ist ein Spatz und dies da eine Spätzin!

PHEIDIPPIDES.

Was? Spätzin? – Gingst du darum nur zur Schule,

Um bei den Himmelsstürmern dies zu lernen?

STREPSIADES.

O sonst noch viel! Nur hat mein alter Kopf

Auch gleich vergessen wieder, was ich lernte.

PHEIDIPPIDES.

Drum kam dir wohl dein Mantel auch abhanden!

STREPSIADES.

Abhanden? – Verstudiert nur hab’ ich ihn.

PHEIDIPPIDES.

Und deine Schuh’ – wo sind sie, kind’scher Alter?

STREPSIADES.

»Zum Nötigen vertan« – just wie Perikles! –

Geh, lauf jetzt! Vorwärts! Mach auch deinem Vater

Zulieb ‘nen dummen Streich einmal! – Ich tat

Dir’s auch zulieb – du lalltest noch, sechs Jahr’ alt –

Als für den ersten Richtersold ich dir

Ein Wägelchen kaufte zum Diasienfest!

Geht auf die Philosophenklause zu.

PHEIDIPPIDES folgt ihm zögernd.

Sieh zu! Du wirst es mit der Zeit bereuen!

STREPSIADES.

Schön, daß du folgst!

An der Türe.

He, Sokrates, komm ‘raus!

Da bring’ ich meinen Sohn; er hat sich lang

Genug gesträubt!

Sokrates tritt heraus.

SOKRATES.

Gelbschnabel, der er ist!

Nach der Hängematte zeigend.

Noch ungewohnt ist ihm das luft’ge Schweben.

PHEIDIPPIDES.

Geh, henk dich! So gewöhnst du dich ans Schweben.

STREPSIADES.

Was Teufels! Unserm Lehrer so zu fluchen?

SOKRATES zu Strepsiades.

›Henk dich!‹ – Da sieh, wie dumm, wie kindisch er

Zu diesem Wort das Maul verzieht und dehnt.

Der lernt es nie, wie man Prozess’ einfädelt,

Ausficht und übern Haufen schwatzt die Richter. –

Hyperbolos gab ein Talent für das!

STREPSIADES.

Nimm in die Lehr’ ihn doch: er hat Geschick!

Als kleines Bübchen baut’ er schon daheim

Sich Häus’chen, schnitzte Schiffchen, macht’ aus Leder

Sich Roß und Wagen, und aus Äpfelschalen

Recht art’ge Frösche, ja, du kannst mir’s glauben! –

Daß er mir nur die beiden Künste lernt,

Die gute – ja, so heißt sie – und die schlechte;

Auf jeden Fall die schlechte, und das gründlich!

SOKRATES.

Die soll er von den Meistern selbst jetzt lernen!

Ich werde gehn!

STREPSIADES zu Sokrates, der hineingeht.

Sei nur besorgt, daß er

Auf jedes Pro ein Contra setzen lernt!

Es treten auf: der Anwalt der guten Sache, der Anwalt der schlechten Sache.

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Nur heraus und laß vor dem Publikum hier

Dich sehn, wie du bist, du kecker Gesell!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

»Geh hin deine Bahn nur immer!« – Je mehr

Zuschauer, für dich – um so schlimmer mein Sieg!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Dein Sieg? und wer bist du?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Der Anwalt –

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Der Schmach!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Und ich schlage dich, wenn du dich stärker als ich

Auch vermissest zu sein!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Und wie fängst du das an?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Mit den neuen Ideen, die mir stehn zu Gebot.

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Die florieren jetzt –

Gegen die Zuschauer.

Dank dem abnormen Geschmack

Des verbildeten Volks –

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Des gebildeten Volks!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ich vernichte dich doch!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Bin begierig nur, wie?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Mit den Waffen des Rechts!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Die parier’ ich und werf’ in den Sand dich sogleich,

Denn ich sage: das Recht ist ein Unding, ein Nichts!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ein Nichts?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Existiert es, so sage doch: wo?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Bei den Himmlischen dort!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wenn es dort ist, warum ist es längst nicht um Zeus,

Der in Fesseln doch schlug seinen Vater, geschehn?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Hilf Himmel! Das wird mir zu arg, und es kehrt

Sich der Magen mir um: o ich bitt’, ein Geschirr!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Du altväter’scher Kauz! Du vernagelter Kopf!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Du neumodisches Schwein! Du verhurter Gesell!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wie du Rosen mir streust! –

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Du Schmarotzer, du Hund!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Mich mit Lilien bekränzst!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

O du Dieb, du Bandit!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Und du merkst es noch nicht, wie in Gold du mich faßt?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Und du hältst es für Gold – das verächtliche Blei?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Ich wüßte für mich keinen köstlichern Schmuck!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ha, wie trotzig, wie frech!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wie veraltet, wie platt!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Deine Schuld ist’s allein,

Daß kein Bube mehr jetzt in die Schule will gehn!

Doch erkennen wird bald das athenische Volk,

Welch verderbliches Zeug die Betrognen du lehrst!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Du verfaulst ja im Schmutz!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Umso schmucker bist du!

Wohl gab’s eine Zeit, wo du betteln gingst

Und dem Mysier Telephos selbst dich verglichst

Und Sentenzen fraßt

Von Pandeletos, frisch aus dem Bettelsack ‘raus –

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Tiefsinniger Fund –

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Wahnsinniger Schund –

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

– Den du eben getan!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

– Den du predigst der Stadt,

Die den Dienst dir bezahlt,

Daß die Jugend des Volks du zum Laster verführst!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE auf Pheidippides weisend.

Unterricht’ ihn doch du, griesgrämlicher Zopf!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Gern, wenn ich zum Guten ihn führen soll

Und nicht ihn dressieren zu faulem Geschwätz!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Komm, Lieber, zu mir, laß ihn rasen, den Narrn!

ANWALT DER GUTEN SACHE drohend.

Probier’ es und rühr ihn nur an mit der Hand!

CHORFÜHRERIN.

Laßt endlich den Zank und das Keifen und Schmähn,

Und entwickelt einmal,

Zum Guten.

Du, was du vor alters die Leute gelehrt,

Zum Schlechten.

Du, das neue System

Der Erziehung, damit, wenn er beide gehört,

Er den Meister sich wählt, der ihn bilden soll.

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ich versteh’ mich dazu!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Ohne Widerspruch, ja!

CHORFÜHRERIN.

Wer nimmt nun zuerst von euch beiden das Wort?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Das gönn’ ich ihm gern!

Er verhaue sich nur mit Geschwätz! Ich beschieß’

Ihn mit neuen Sentenzen, mit neuen Ideen,

Bis ein Hagel von Pfeilen zu Boden ihn streckt;

Und wenn er zuletzt nur zu mucksen noch wagt,

Dann zerstechen ihm Augen und Backen und Maul

Meine stachligen Reden, ein Hornissenschwarm,

Der ihn zwickt, bis er völlig kaputt ist!

ERSTER HALBCHOR.

Nun werden die beiden, auf ihr

Fertiges Mundstück trotzend,

Gelehrt, scharfsinnig und haar-

Spaltend im Kampf sich uns zeigen:

Wem von den zwei’n Meistern des Worts

Des Wettkampfs Preis werden soll?

Ernst ist das Spiel, wo es das Los

Gilt des Prinzips! – ›Alt oder neu?‹

Fragt sich’s im Kampf, welchen mit Macht

Jetzt ihr beginnt, o Freunde!

CHORFÜHRERIN.

Wohlan denn du, der die Väter geschmückt mit dem Kranz untadliger Sitte,

Laß ergehen dein Wort, wie dein Herz es erfreut, und erkläre dein Dichten und Trachten!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

So verkünd’ ich euch denn, wie vor alters es stand um die Zucht und die Bildung der Knaben,

Als ich in der Blüt’, als Vertreter des Rechts, und die Sittsamkeit erstes Gesetz war.

Da durfte den Knaben kein trotziger Laut, kein störrisches Mucksen entfahren,

Da kamen im Schwarm sie die Straßen daher, nach der Singschul’, all’ in der Ordnung,

Aus jeder Gemeinde, nur spärlich bedeckt, und wenn es auch Roggenmehl schneite!

Nicht übereinander geschlagen die Bein’, anständig saßen und lernten

Sie ihr: »Pallas, die Städteverwüsterin«, oder: »Horch, was ertönt aus der Ferne?«

In gehaltenem Ton, in gemessenem Takt, wie die Väter von jeher es sangen.

Und wenn einer aus Eitelkeit Sprünge versucht’ und die Lieder mit Schnörkeln verhunzte,

Wie es jetzo der Brauch, in des Phrynis Manier, mit verkünstelten Koloraturen,

Dann regnet’ es Schläg’ auf den Sünder, der frech an den heiligen Musen gefrevelt! –

Und im Ringhof dann, wenn sie saßen zu ruhn auf dem Sande, da mußten sie züchtig

Vorbeugen das Bein, um Unziemliches nicht den Umstehenden draußen zu zeigen.

Und erhoben sie sich, so verwischten sie stets in dem Sande die Spuren mit Vorsicht,

Daß die blühenden Formen nicht, abgedrückt, unreine Begierden erweckten.

Da salbte sich über den Nabel hinab kein Knabe, drum blüht’ ihm auch wollig

Und weich um die Scham das gekräuselte Haar, wie der Flaum auf dem reifenden Pfirsich.

An die Männer drängte der Knabe sich nicht mit zärtlichem Girren und Flüstern

Und begehrlichen Blicken, schmachtlappig und frech, an den Buhler sich selber verkuppelnd.

Bei Tische stand es dem Knaben nicht zu, nach den Rettichköpfchen zu greifen

Und erwachsenen Leuten hinweg vor dem Mund Salat und Gemüse zu schnappen

Und Backwerk, Fische, Geflügel; ihm war es verpönt, zu verschränken die Beine.

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Altvätrisches Zeug! Diipolischer Brauch! Urmode der goldnen Zikaden!

Kekeidasgeleier! Buphonienzeit!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ja freilich! Doch war es dieselbe,

Wo erzogen durch mich das Heroengeschlecht der Marathonkämpfer heranwuchs!

Du aber verzärtelst die Jugend von heut und vermummst sie in Windeln und Kleider,

Daß ich oft fast ersticke, beim Waffentanz an den Panathenäen zu schauen,

Wie sich einer den Schild vor das Schamglied hält – ein Greuel der Tritogeneia! –

Wohlan denn, vertraue mir, Jüngling, und nimm mich zum Lehrer, den Anwalt des Guten,

Dann gewöhnst du dich, stets zu verachten den Markt und die Bäder, die warmen, zu meiden,

Dich dessen zu schämen, was schandbar ist, zu erglühn, wenn darob sie dich necken,

Und vom Sitze dich schnell zu erheben, sobald sich ein würdiger Alter dir nähert.

Deine Eltern kränkst du durch Unart nie und bestehst in jeder Versuchung,

Weil für heilige Pflicht du es achtest, ein Bild der Scham aus dir selber zu schaffen.

Nie wirst du vors Haus einer Tänzerin ziehn und, vom Dirnchen mit Äpfeln beworfen,

Als Mädchenjäger, der läuft in der Brunst, deinen ehrlichen Namen verlieren.

Nie wirst du den Vater beleidigen, nie ihn Iapetos schelten, noch grollend

Ihm die Streiche gedenken, die einst du empfingst, da du saßest im Nest wie ein Küchlein!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Ich sage dir, Junge, vertraust du dich dem, dann macht er dich, beim Dionysos,

Zu ‘nem Bübchen, Hippokrates’ Püppchen gleich, und man wird dich ein Mutterkind schelten.

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Nein! Blühend und strotzend in Jugendkraft auf dem Turnplatz wirst du dich tummeln,

Kein verschrobener Schwätzer und Witzling des Markts, nach der Weise der heutigen Jugend,

Kein Zänker, der stets vor den Richtern sich balgt in Lausbagatellenprozessen;

Lustwandeln wirst du im friedlichen Hain Akademos’, im Schatten des Ölbaums,

Mit schimmerndem Laube die Stirne bekränzt, an der Seite des sittsamen Freundes,

Von Eiben umduftet und müßiger Ruh’ und den silbernen Blättern der Pappel,

In der Wonne des Lenzes, wenn flüsternd leis zu der Ulme sich neigt die Platane!

Wenn du also wirst tun, wie mein Wort es dich lehrt,

Wenn du eifrig es hörst und zu Herzen es nimmst,

Dann wird dir zum Lohn eine kräftige Brust,

Ein blühend Gesicht, breitschultriger Wuchs,

Und die Zunge hübsch kurz, und ein mächtig Gesäß,

Und ein mäßig Gemächt!

Doch wenn du es treibst nach der Mode von heut,

Dann wird dein Gesicht bleichsüchtig und gelb,

Deine Schultern gedrückt und schmächtig die Brust,

Deine Zunge wird lang, weitoffen dein Maul,

Und groß dein Gemächt, und klein dein Gesäß!

Der redet dir ein,

Auf den Anwalt der schlechten Sache deutend.

Daß das Schöne gerade das Häßliche sei,

Und das Häßliche schön;

Und am Ende beschmutzt er dir Leib und Seel’

Mit Antimachos’ säuischer Wollust!

ZWEITER HALBCHOR zum Anwalt der guten Sache.

Du Hüter der strahlenden Burg

Züchtiger, ernster Weisheit,

Welch tugendlich süßen Duft

Haucht deiner Reden Blüte!

Glückselige waren’s, die einst

In der Vorzeit lebten mit dir!

Zum Anwalt der schlechten Sache.

Rüste dich, du, prunkender Kunst

Meister, du mußt Neues zu Markt

Bringen; denn er, den du bekämpfst,

Hat sich erprobt als Redner!

CHORFÜHRERIN.

Mit Gründen stark und trotzig mußt du ihm entgegentreten,

Willst du ihn schlagen und nicht selbst ein Spott der Leute werden.

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Längst drückt es mich und kocht in mir, ich brenne vor Verlangen,

Mit Gegenreden sein Geschwätz ihm in den Staub zu treten.

Was tät’ ich mit dem Namen, den die Denker mir gegeben,

Handhabt’ ich kräftig nicht die Kunst, die ich zuerst erfunden,

Den Rechten und Gesetzen stets schnurstracks zu widersprechen!

Das heißt etwas, mit Tonnen Golds ist das nicht aufzuwiegen,

Im Dienst der schlechten Sache doch zuletzt mit Glanz zu siegen!

Zu Pheidippides.

Gib acht, wie ich die Zucht, auf die er pocht, zuschanden mache!

Er sagt, vor allem müssest du die warmen Bäder meiden;

Zum Anwalt der guten Sache.

Was ist der Grund, warum du ihm verbeutst die warmen Bäder?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Weil sie, verderblich durch und durch, aus Männern Memmen machen.

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Halt! Sieh, da hab’ ich dich am Schopf! Du kannst mir nicht entrinnen!

Ich frage dich: wen hältst du für den tapfersten der Söhne

Des Zeus? und wer bestand mit Ruhm die meisten Abenteuer?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ich denke: tapfrer ist kein Mann gewesen als Herakles!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Hast du nun kalte Bäder je gesehn – Heraklesbäder?

Und doch, wer war so stark wie er?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ja, solch Geschwätz ist’s eben,

Das überfüllt die Bäder, das entvölkert die Palaistra!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Dann tadelst du das Leben auf dem Markt: ich muß es loben;

Denn wär’s nicht gut, so hätte wohl Homeros nicht den Nestor

Als Redner auf dem Markt gerühmt, noch andre kluge Männer.

Und nun die Zungenfertigkeit – er meint, der Jüngling brauche

Sich nicht darin zu üben: daß er’s muß, ist meine Meinung.

Dann, sagt er, sittsam müss’ er sein: o Unsinn über Unsinn!

Hast du gesehn, daß je ein Mensch mit Sittsamkeit was Gutes

Gewonnen? Sprich und halte mir ein Beispiel nur entgegen!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Nur eins statt vieler! Peleus hat durch sie ein Schwert gewonnen!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Ein Schwert? Ein herrliches Geschenk für ihn, den Mann des Jammers!

Talente hat Hyperbolos, der Lampenhändler, hundert

Mit seiner Schlechtigkeit verdient, allein ein Schwert? – mit nichten!

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Der Thetis Hand erhielt allein durch seine Tugend Peleus.

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Der Thetis, die im Stich ihn ließ, weil er sich schlecht gehalten

Im Bett und aufgelegt nicht war, die ganze Nacht zu schäkern!

Denn brav gedrillt sein will ein Weib: du bist ein alter Klepper!

Zu Pheidippides.

Du siehst, mein Junge, was du hast von Sittsamkeit und Tugend,

Wie viele Lebensfreuden du entbehren mußt: die Knaben,

Die Weiber, Schmaus und Becherspiel und Wein und Spaß und Lachen;

Und ohne diese Freuden, sag, was ist dann noch am Leben? –

So ist’s! – Dann kommt der Triebe Macht, die die Natur uns schenkte –:

Du liebst – vergißt dich – und der Mann ertappt dich in flagranti –

Du bist verloren: denn dir fehlt die Suada! Sei mein Jünger,

Folg deinen Trieben, spring und lach und halte nichts für Sünde!

Und trifft der Mann bei seiner Frau dich an, dann haranguier’ ihn:

Du seist dir keiner Schuld bewußt, er soll’ an Zeus nur denken,

Der selbst der Lieb’ und schönen Frau’n nicht widerstehen konnte:

Wie solltest du, der Sterbliche, mehr als der Gott vermögen?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Brennt deinen Zögling dann im Arsch der Rettichkeil, die Kohle –

Mit welchen Gründen wird er dann dartun: er sei kein Klaffarsch?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Ist er ein Klaffarsch – ei, was schadet’s ihm?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Gibt’s denn ein größres Unglück noch für ihn?

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Du! – wenn ich jetzt dich ad absurdum führe –?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ja, dann verstumm’ ich!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Nun, so sage mir!

Was sind die Advokaten denn?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Klaffärsche!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Recht! das mein’ ich auch!

Und dann: was sind die Tragiker?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Klaffärsche!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wieder gut bemerkt!

Die Demagogen aber, he?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Klaffärsche!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wird dir’s endlich klar,

Daß du ins Blau’ hinein geschwatzt? –

Sieh unterm Publikum dich um,

Was siehst du rund herum?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ich seh’ –

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Was siehst du, sprich?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Weitaus die meisten – großer Gott!

Klaffärsche sind’s! Ich kenne sie,

Nach einzelnen Zuschauern deutend.

Hier einer, da ein zweiter, dort

Der Lockenkopf, und der! und der! –

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Was sagst du nun?

ANWALT DER GUTEN SACHE.

Ihr geilen Böcke jung und alt,

Ich bin besiegt!

Wirft sein Oberkleid in die Orchestra hinunter und springt dann hintendrein.

Fangt meinen Mantel auf, ich geh’

In euer Lager über!

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wie nun? Gedenkst du deinen Sohn zurück

Zu nehmen, oder soll ich jetzt ihn lehren?

STREPSIADES.

Ja, lehr ihn, halt ihn scharf und stutz ihn zu:

Zweischneidig muß sein Maul sein, wie ein Schwert,

Die eine Schneide nur für Lumpenhändel,

Die andre scharf für Kapitalprozesse.

ANWALT DER SCHLECHTEN SACHE.

Wart nur! Er wird ein tüchtiger Sophist!

PHEIDIPPIDES.

O freilich, so ein blasser, armer Schlucker!

CHORFÜHRERIN.

Geht hin!

Der Anwalt der schlechten Sache mit Pheidippides ab in Sokrates’ Haus.

Zu Strepsiades.

Ich fürchte nur: du wirst

Es bitter einst bereuen!

Strepsiades ab.

CHORFÜHRERIN an die Zuschauer.

Was die Richter profitieren, wenn sie unserm Chor sein Recht

Heute widerfahren lassen, das eröffnen wir euch jetzt.

Nämlich: Wenn ihr euer Brachfeld pflügen wollt zur Frühlingszeit,

Sollt zuerst ihr Regen haben, und die andern hintennach.

Eure Saaten, eure Reben nehmen wir in unsre Hut,

Daß sie nicht durch Dürre leiden noch durch lange Regenzeit.

Doch will einer uns nicht ehren, er, ein Mensch, uns Göttinnen,

Mag er wohl erwägen, welche Strafen unser Zorn ihm droht!

Weder Wein noch andre Früchte tragen wird ihm dann sein Gut;

Fängt der Ölbaum an zu knospen, setzt der Rebstock Augen an,

Schlagen wir sie ihm mit Hagel, mächt’ge Schleudern schwingen wir.

Sehen wir sein Dach ihn decken, regnen und zertrümmern wir

Ihm mit eiergroßen Schloßen alle Ziegel auf dem Haus.

Wenn er oder einer seiner Freund’ und Vettern Hochzeit macht,

Soll’s die ganze Nacht durch regnen, daß er lieber wünscht’, er wär’

In Ägypten heut gewesen, als so dumm beim Urteilsspruch!

Vierte Szene

Der Chor. Strepsiades kommt mit einem Mehlsack auf dem Rücken. Dann: Sokrates. Pheidippides. Später: Pasias mit einem Begleiter. Amynias.

STREPSIADES.

Noch fünf, dann vier, dann drei, dann nur noch zwei,

Und dann der Tag der Schrecken, den ich mehr

Als alle fürcht’ und hasse, der verfluchte,

Dann ist er da, o weh, der Alt’ und Neue.

Da kommen denn die Gläubiger, hinterlegen

Die Sporteln, drohn und schwören, mich vom Hof

Zu jagen, taub für all mein Flehn und Bitten:

›Nimm, Bester, nicht mein Letztes! Gib Termin!

Erlaß mir das!‹ – Was hilft’s, sie sagen: ›Nein!

Wir wollen unser Geld, sonst geht’s zum Teufel!‹

Ich sei ein Lump, Betrüger! Kurz, sie klagen. –

Klagt ihr, solang ihr wollt! Das schiert mich wenig,

Wenn nur Pheidippides brav reden lernt! –

Muß doch einmal an die Butike klopfen

Und sehn, wie’s geht. Heda!

Klopft. Sokrates kommt heraus.

SOKRATES.

Strepsiades? –

Willkommen!

STREPSIADES.

Dank! Da nimm den Sack einmal!

Stellt den Mehlsack ab.

Muß doch dem Lehrer mich erkenntlich zeigen!

Was macht er denn, mein Sohn? Kapiert er? Kann er

Die neue Kunst, die du erfunden hast?

SOKRATES.

Er kann sie.

STREPSIADES.

Dank dir, Göttin Schelmerei!

SOKRATES.

Laß klagen, wer da will! Er haut dich durch!

STREPSIADES.

Auch wenn der Gläubiger Zeugen hat?

SOKRATES.

Nur um

So besser, und wenn’s tausend Zeugen wären!

STREPSIADES.

»Juheisa! laut jubilier’ ich, überlaut!

Heil mir!« und ihr – heult, ihr Pfenningfuchser! Weh

Euch, eurem Kapital und Zinseszins!

Versucht es jetzt und spielt mir einen Streich!

Hab’ ich da innen im Haus

Doch einen trefflichen Sohn,

Zweischneidig blitzt seine Zunge!

Mein Hort, mein Retter, meiner Feinde Schrecken,

Der, mein Erlöser, die Last wälzt von des Vaters Herz!

Zu Sokrates.

Ruf ihn heraus! Geschwind! Lauf, lauf, ich muß ihn sehn!

Sokrates geht hinein.

»Komm, o mein Sohn, mein Sohn!

Liebstes Kind, höre, dein Vater ruft!«

Sokrates kommt mit Pheidippides heraus.

SOKRATES.

Da hast du den Mann!

STREPSIADES ihn umarmend.

Teurer Sohn! Teurer Sohn!

SOKRATES.

Nimm ihn hin und geh!

Geht wieder hinein.

STREPSIADES.

Juhe, mein Sohn,

Juheirassa!

Das ist ‘ne Freude! Wie gelehrt du aussiehst!

Aus deinen Augen blitzt der Widerspruch,

Das Leugnen; und das übliche: »Was schwatzst du?«

Zuckt um den Mund dir, und der Ernst, womit

Man sich beleidigt stellt, wenn man beleidigt.

Das kenn’ ich: echt athenisch ist dein Blick!

Einst mein Ruin, jetzt sei mein Retter, Sohn!

PHEIDIPPIDES.

Was fürchtest du?

STREPSIADES.

Ach Sohn, den Alt’ und Neuen!

PHEIDIPPIDES.

Was soll denn das? Der alt’ und neue Tag?

STREPSIADES.

Der Tag, wo sie die Sporteln hinterlegen –

PHEIDIPPIDES.

Und ihre Hinterlag’ auch schön verlieren:

Denn ein Tag ist doch nicht zugleich auch zwei.

STREPSIADES.

Wie? wirklich nicht?

PHEIDIPPIDES.

So wenig als dieselbe

Person ein Mädchen und ein altes Weib.

STREPSIADES.

So heißt’s doch im Gesetz?

PHEIDIPPIDES.

Sie deuten’s falsch:

So ist es nicht gemeint.

STREPSIADES.

Wie anders denn?

PHEIDIPPIDES.

Der alte Solon war ein Mann des Volks –

STREPSIADES.

Was geht denn das den Alt’ und Neuen an?

PHEIDIPPIDES.

Zu Vorladungen setzt’ er fest zwei Tage,

Den Alt’ und Neuen, daß die Klage dann

Mit Hinterlag’ erfolgen kann am Neumond.

STREPSIADES.

Was soll denn dann der Neue noch?

PHEIDIPPIDES.

Wie dumm!

Damit der Angeklagte tags zuvor

Erscheinen und sich lösen kann; wo nicht,

Geht man am Neumond morgens ihm zu Leib.

STREPSIADES.

Wie kommt’s, daß das Gericht die Hinterlage

Am Alt’ und Neuen, nicht am Neumond fordert?

PHEIDIPPIDES.

Vorschmeckerbrauch – gerade wie beim Opfern:

Die Hinterlage, die sie wegzuschnappen

Gedenken, kosten sie schon tags zuvor.

STREPSIADES gegen die Zuschauer.

Wie sitzt ihr da so dumm, ihr armen Narren,

Ein Fraß für uns, die Klugen! Stöck’ und Steine!

Ihr Schöpse, Klötze, Nullen, leere Kacheln!

Wir Glücklichen! Ich darf auf meinen Sohn

Und mich wahrhaftig wohl ein Loblied singen:

Singt.

»Strepsiades, wie du glücklich bist!

Du selber so weis’, und welchen Sohn

Besitzst du dazu!«

Also preisen die Freunde mich

Bald und die Nachbarn voll Neid,

Wenn deine Kunst in jedem Prozeß

Siegerin bleibt!

Komm jetzt nach Haus mit mir, ich will

Festlich dich bewirten!

Beide ab in Strepsiades’ Haus.

Pasias, ein wohlbeleibter Kapitalist, geht in Begleitung eines Zeugen auf Strepsiades’ Haus zu.

PASIAS.

Was? Soll man da sein eignes Geld verlieren?

Das wäre schön! – Ich hätte freilich klüger

Ihn rundweg abgewiesen, statt mich jetzt

Mit ihm herumzuschlagen! – Jetzo muß

Ich dich bemühn als Zeugen und verfeinde

Mich obendrein mit einem alten Nachbarn. –

Streng halt’ ich auf die Ehre unsrer Stadt,

Drum lad’ ich dich, Strepsiades –

Strepsiades tritt heraus.

STREPSIADES.

Wer ruft?

PASIAS.

– Vor auf den Alt’ und Neuen!

STREPSIADES zum Chor.

Ihr seid Zeugen:

Zwei Tage sagt er! hört ihr?

Zu Pasias.

Was betrifft’s?

PASIAS.

Zwölf Minen, die du, wie du weißt, empfingst,

Als du den Goldfuchs kauftest –

STREPSIADES.

Ich! ein Roß?

Hört ihr? Ihr wißt, wie ich das Rösseln hasse!

PASIAS.

Beim Zeus! Du schwurst, mich redlich zu bezahlen.

STREPSIADES.

Beim Zeus! Das lass’ ich bleiben! Damals wußte

Pheidippides noch nichts vom neuen Recht!

PASIAS.

Und deshalb leugnest du die Schuld mir ab?

STREPSIADES.

Was hätt’ ich sonst vom Studium meines Sohns?

PASIAS.

Schwörst du mir sie auch bei den Göttern ab,

Wenn ich zum Eid dich treib’?

STREPSIADES.

Bei welchen Göttern?

PASIAS.

Bei Zeus, Poseidon, Hermes!

STREPSIADES.

Ja, bei Zeus,

Drei Obolen drein noch, wenn ich schwören darf!

PASIAS.

Ha, unverschämt! Das sollst du mir entgelten!

STREPSIADES auf Pasias’ Bauch zeigend.

Brav durchgelaugt gäb’ der ‘nen hübschen Schlauch –

PASIAS.

So? auch noch Hohn?

STREPSIADES.

– der seinen Eimer faßt!

PASIAS.

Beim großen Zeus und allen Göttern, das

Geht dir nicht hin!

STREPSIADES.

Wie spaßhaft: ›Götter!‹ und

›Bei Zeus!‹ – Da lacht ein Wissender sich krank!

PASIAS.

Das wirst du bitter büßen, warte nur!

Jetzt sag mir: willst du zahlen oder nicht?

Damit ich fortkomm’!

STREPSIADES.

Wart ein bißchen! Gleich

Will ich dir klar und bündig Antwort geben.

Läuft ins Haus.

CHORFÜHRERIN zu Pasias.

Was, meinst du, wird er tun?

PASIAS.

Ich denk’, er zahlt.

Strepsiades kommt mit einer Mulde.

STREPSIADES.

Wo ist der Mensch, der Geld von mir verlangt?

Du, was ist das?

PASIAS.

Was das ist? Nun, ein Backtrog.

STREPSIADES.

Und du willst Geld von mir, du Ignorant?

Nicht einen Heller geb’ ich einem Mann,

Der Backtrog mir anstatt Backtrögin sagt!

PASIAS.

Also, du zahlst mich –

STREPSIADES.

Nicht, soviel ich weiß!

Drum mach dich auf die Bein’ und schere dich

Vor meiner Türe weg!

PASIAS.

So wahr ich leb’,

Ich geh’ und hinterlege die Gebühren!

STREPSIADES.

Und die sind hin, so gut als die zwölf Minen!

Zwar tut mir’s leid: denn Einfalt war’s doch nur,

Statt ›die Backtrögin‹ ›der Backtrog‹ zu sagen!

Pasias mit dem Zeugen ab. Ebenfalls mit einem Zeugen kommt Amynias, ein junger Herr, die Peitsche in der Hand.

AMYNIAS.

O weh! o weh!

STREPSIADES.

Ei, ei!

Wer plärrt da so erbärmlich? Ist’s vielleicht

Ein Gott aus des Karkinos Jammerstücken?

AMYNIAS.

»Ihr fragt mich, wer ich bin? – Ach Gott, ein Mann

Des Unglücks!«

STREPSIADES.

So? Dann geh, woher du kamst!

AMYNIAS.

»O hartes, wagenradzertrümmerndes

Geschick! O Pallas, so verließt du mich?«

STREPSIADES.

Was tat Tlepolemos dir denn zuleide?

AMYNIAS.

Hör du! Anstatt zu spotten, mache du,

Daß endlich mir dein Sohn mein Geld bezahlt,

Zumal ich eben selbst im Unglück bin!

STREPSIADES.

Was denn für Geld?

AMYNIAS.

Das er von mir geborgt.

STREPSIADES.

Da ist dir’s, scheint mir, wirklich schlecht gegangen.

AMYNIAS.

Weiß Gott! Beim Wagenrennen fiel ich ‘runter. –

STREPSIADES.

Drum faselst du, wie auf den Kopf gefallen.

AMYNIAS.

Ich fasle? So? wenn ich mein Geld verlange?

STREPSIADES.

Gewiß! Du bist bedenklich krank.

AMYNIAS.

Wieso?

STREPSIADES.

Ich glaub’, ein Erdstoß hat dein Hirn lädiert.

AMYNIAS.

Und ich, beim Hermes, glaub’, du wirst zitiert,

Wenn du mich nicht bezahlst!

STREPSIADES.

Du, sage mir,

Was meinst du, schickt uns Zeus wohl jedesmal,

Wenn’s regnet, frisches Wasser, oder zieht

Das gleiche Wasser immer ‘rauf die Sonne?

AMYNIAS.

Das weiß ich nicht, das ist mir einerlei.

STREPSIADES.

Du glaubst, du hast das Recht mir Geld zu fordern,

Und weißt kein Wort von überird’schen Dingen?

AMYNIAS.

Nun, bist du nicht bei Geld, so zahl mir doch

Den Zins!

STREPSIADES.

Den Zins? Was ist das für ein Tier?

AMYNIAS.

Ein silbern Ding, das im Verlauf der Zeit

Stets größer wird und wächst von Tag zu Tag,

Von Mond zu Mond.

STREPSIADES.

Nicht übel definiert!

Nun weiter! Glaubst du, daß das Meer zur Zeit

Viel größer ist als sonst?

AMYNIAS.

Das bleibt sich gleich;

Ich seh’ nicht ein, warum es wachsen sollte.

STREPSIADES.

Das also wächst trotz aller Ströme, die

Sich drein ergießen, nicht, und du, Kujon,

Du willst, dein Geld soll wachsen mit der Zeit?

Willst du dich packen, auf der Stelle, he?

Reißt ihm die Peitsche aus der Hand.

Her mit der Peitsche!

Haut ihn.

AMYNIAS zum Chor.

Ihr alle seid mir Zeugen!

STREPSIADES.

Hott! Willst du traben, Schimmel? Hott, hott, hott!

AMYNIAS.

Ha, schändliche Mißhandlung!

STREPSIADES.

Wart, ich stupfe

Dir unterm Schwanz, du Klepper! Willst du ausziehn?

Amynias entflieht.

Ha, läufst du? Gut! Sonst hätt’ ich dich mobil

Gemacht samt deinem Fuhrwerk, Sitz und Deichsel!

Ab ins Haus.

ERSTER HALBCHOR.

Das heißt denn doch die bübische Lust zu weit

Getrieben! Der Alte

Ist nun darauf erpicht, das Geld

Zu unterschlagen, das er lieh!

Es kann nicht fehlen, ihm passiert

Unversehns noch heute was,

Wo der abgefeimte Schalk,

Der Sophist,

Für seine Bubenstückchen all’,

Wie er’s verdient, belohnt wird!

ZWEITER HALBCHOR.

Ich denk’, ihm wird nur allzubald der Wunsch

Erfüllt, der ihn plagte:

In seinem Sohn den Mann zu sehn,

Der stets mit Gegengründen weiß

Das Recht zu beugen, der gewandt

Jeden Gegner, den er trifft,

Bei dem schlecht’sten Handel selbst

Niederschlägt;

Gib acht, gib acht! Er gäb’ was drum,

Sein Söhnchen wäre stockdumm!

Fünfte Szene

Chor. Strepsiades. Pheidippides. Später Schüler des Sokrates. Sokrates. Chairephon.

Strepsiades stürzt aus dem Hause, hinter ihm drein sein Sohn, der nach ihm schlägt.

STREPSIADES.

Au, au!

Ihr Nachbarn, Freunde, Vettern, steht mir bei!

Helft! helft mir, wie ihr könnt! Er prügelt mich!

Mein Kopf, ach meine Backen! – O du Scheusal,

Du prügelst deinen Vater?

PHEIDIPPIDES.

Ja, mein Vater!

STREPSIADES zum Chor.

Seht, er gesteht’s, daß er mich schlug!

PHEIDIPPIDES.

Warum nicht?

STREPSIADES.

Spitzbube, Straßenräuber, Vatermörder!

PHEIDIPPIDES.

Ich bitte, noch einmal und derber noch!

Du glaubst es nicht, wie mich dein Schimpfen freut!

STREPSIADES.

Schandbube!

PHEIDIPPIDES.

Streu mir doch noch mehr der Rosen!

STREPSIADES.

Du prügelst deinen Vater?

PHEIDIPPIDES.

Und mit Recht!

Das will ich dir beweisen!

STREPSIADES.

Was, du Unmensch?

Recht soll es sein, wenn man den Vater prügelt?

PHEIDIPPIDES.

Ich diene dir mit triftigen Beweisen.

STREPSIADES.

Das willst du mir beweisen?

PHEIDIPPIDES.

Ohne Müh’!

Nach welcher Logik soll ich dir’s erhärten?

STREPSIADES.

Nach welcher –?

PHEIDIPPIDES.

Nach der guten oder schlechten?

STREPSIADES.

So? Hab’ ich darum dich studieren lassen

Die Kunst, dem Recht ein Schnippchen zu schlagen, um

Mir weiszumachen, daß mit Fug und Recht

Der Vater von dem Sohne Prügel kriegt?

PHEIDIPPIDES.

So gründlich hoff’ ich dich zu überzeugen,

Daß du, du selbst mir nichts entgegenhältst.

STREPSIADES.

Nun, auf die Rede bin ich doch begierig!

CHORFÜHRERIN.

Jetzt, Alter, ist’s an dir, dich zu besinnen, wie

Du ihn überwältigst.

Denn wär’ er seiner Sache nicht gewiß, er wär’

Doch nicht so vermessen!

Wer weiß, worauf er pocht! So zuversichtlich spricht

Nur, wer sich gedeckt weiß!

Wie hat sich aber zwischen euch doch dieser Zank entsponnen?

Das muß der Chor doch wissen: drum erzähl’ es unverhohlen!

STREPSIADES.

So hört denn, was die Ursach’ war, daß wir in Streit gerieten:

Wir schmausten eben, wie ihr wißt, die Tafel war vorüber,

Da fordert’ ich ihn auf, ein Lied zur Leier mir zu singen,

Das von Simonides, ihr kennt’s: »der Widder war geschoren!«

Da fuhr er auf: Altmodisch sei das Leiern und das Singen

Beim Trinken – wie die Weiber, wenn sie dürre Gerste mahlen.

PHEIDIPPIDES.

Hast du nicht Tritt und Prügel schon verdient, indem du singen

Mich hieß’st bei Tisch, als hättest du Zikaden zu bewirten?

STREPSIADES.

Ja, ja, so sprach er, auf ein Haar ganz ebenso, schon drinnen,

Und der Simonides – kurzweg, der sei ein schlechter Dichter!

Kaum hielt ich mich: doch wollt’ ich nicht gleich anfangs mich ereifern

Und bat ihn: ›Nimm ein Myrtenreis zur Hand und rezitiere

Mir etwas aus dem Aischylos!‹ – ›Was?‹ fuhr er auf und sagte:

›Weißt du, daß Aischylos der Arsch ist unter den Poeten,

Pausbäckig, klaffend, ungeschlacht, hart, schwülstig, aufgedunsen?‹

Nun denkt euch, wie vor Ingrimm mir das Herz im Leibe pochte!

Gleichwohl verbiß ich meinen Zorn und sagte: ›Laß mich lieber

Was hören von den Neueren, was geistreich Elegantes!‹

Da sprach er aus Euripides die Stelle, wo der Bruder

– Gott helf’ uns! – seiner Mutter Kind, die eigne Schwester schändet.

Jetzt hielt ich mich nicht mehr und riß ihn fürchterlich herunter

Und schimpft’ ihn aus und schalt ihn derb: da gab nun, wie gebräuchlich,

Ein Wort das andre, bis zuletzt er aufsprang, fest mich packte,

Zu Boden warf und trat und schlug und fast zu Tod mich würgte!

PHEIDIPPIDES.

Mit Recht! Da du Euripides, den weisesten der Dichter,

Nicht lobtest.

STREPSIADES.

Was? Den Weisesten? O du – wie soll ich sagen?

Das setzt nun wieder Prügel!

PHEIDIPPIDES.

Ja, bei Zeus, und wohlverdiente!

STREPSIADES.

So? Wohlverdient? Du frecher Bub! Hab’ ich dich nicht erzogen

Und immer gleich erraten, was du lallend sagen wolltest?

Und schriest du: ›Bäh!‹ da lief ich gleich und brachte dir zu trinken.

Und sagtest du: ›Pap, pap!‹ da rannt’ ich fort, den Brei zu holen.

Kaum hattest du: ›Äh! äh!‹ gesagt, da nahm ich dich und setzte

Dich vor die Tür und hielt dich – – Ha! und jetzt, du Bube, würgst du

Mich also? Und so laut ich rief

Und schrie: ich müsse kacken, trugst

Du doch mich nicht, verruchter Sohn,

Zur Tür hinaus, du klemmtest mich,

Bis drin ich Ääh machte!

CHORFÜHRERIN.

Ha, voll Erwartung hüpft jetzt wohl den jungen Herrn

Das Herz, was der Sohn spricht!

Denn wenn nach dem, was er getan, es ihm gelingt,

Sich sauber zu waschen:

Wer wird dann noch ‘ne taube Nuß für euer Fell

Euch geben, ihr Alten?

Wohlan! Jetzt gilt’s, du Held der neurhetorischen Manöver,

Die Sache zu beleuchten so, als wärst du ganz im Rechte.

PHEIDIPPIDES.

Wohl ist’s ein Glück, vertraut zu sein mit dem System des Tages

Und hoch herabzusehen auf den Quark der alten Sitte:

Solang ich die Gedanken nur auf Roß und Wagen lenkte,

Vermocht’ ich ohne Anstoß nicht drei Worte vorzubringen.

Seit mich mein Vater selbst von all den Possen abgezogen

Und ich mir Dialektik und Rhetorik angeeignet,

Jetzt zeig’ ich klar: der Sohn hat recht, der seinen Vater prügelt!

STREPSIADES.

Ach, rößle doch, soviel du willst! Ich füttre dir ja lieber

Vier teure Gäul’, als daß, o Greu’l, ich voller Beulen heule!

PHEIDIPPIDES.

Ich komme wieder auf den Satz, wo du mich unterbrochen,

Und frage dich vor allem: hast du mich als Kind geschlagen?

STREPSIADES.

Nun ja, aus Lieb’ und Sorge nur für dich!

PHEIDIPPIDES.

Aha! Nun sage:

Ist’s da nicht billig, daß auch ich dir meine Liebe zeige?

Warum soll deine Haut allein gesichert sein vor Prügeln,

Die meine nicht? Ich bin doch auch, bei Gott, ein Freigeborner!

»Die Kinder sollen heulen, doch der Vater nicht!« Weswegen?

Du sagst vielleicht, das sei einmal der Brauch so bei den Kindern?

Gut, sag’ ich dann, die Alten sind bekanntlich zweimal Kinder,

Und zweimal mehr verdienen sie drum Prügel als die Jungen,

Da ihre Schuld auch größer ist, wenn sie sich doch vergehen.

STREPSIADES.

Nein, das verbeut in aller Welt doch das Gesetz den Kindern!

PHEIDIPPIDES.

Hat denn nicht aber dies Gesetz ursprünglich vorgeschlagen

Ein Mensch, wie ich und du, und dann es durchgesetzt mit Gründen?

Und was die Alten durften – darf ich ein Gesetz den Neuen nicht schaffen, demgemäß die Schläg’ heimgibt der Sohn dem Vater?

Die Prügel, die wir kriegten, eh’ noch dies Gesetz erlassen,

Die schenken wir euch überdies als längst verjährte Schulden. –

Da sieh einmal die Hahnen an und andre solcher Tiere,

Die schenken ihren Vätern nichts: und doch – was unterscheidet

Sie denn von uns, als daß sie nicht wie wir Beschlüsse kritzeln?

STREPSIADES.

Ei, wenn in allem du es doch nachmachen willst den Hahnen,

Scharr doch dein Futter aus dem Mist, und schlaf auf einer Stange!

PHEIDIPPIDES.

Das ist ein andres, Freund, das ließ’ auch Sokrates wohl bleiben!

STREPSIADES.

So laß auch du das Schlagen sein, sonst wirst du’s noch bereuen!

PHEIDIPPIDES.

Wieso?

STREPSIADES.

Wie ich berechtigt bin, dich abzustrafen, also

Auch du, wenn dir geboren wird ein Sohn – –

PHEIDIPPIDES.

Und wird mir keiner,

Dann hab’ ich ganz umsonst geheult, du – lachtest noch im Tode!

STREPSIADES gegen die Zuschauer.

Ihr Herren meines Alters, mir zwar scheint er recht zu haben:

Einräumen, denk’ ich, muß man doch, was billig ist, den Jungen:

Tun wir, was wir nicht sollten, dann gehört auch uns die Rute!

PHEIDIPPIDES.

Noch einen Satz! Merk auf!

STREPSIADES.

Ich muß, sonst geht es mir ums Leben!

PHEIDIPPIDES.

Nein, leichter tröstest du danach dich über deine Schläge.

STREPSIADES.

Was meinst du? Welcher Vorteil soll mir noch daraus erwachsen?

PHEIDIPPIDES.

Die Mutter prügl’ ich ebenso wie dich!

STREPSIADES.

Wie, was? Was sagst du?

Noch einen ärgern Frevel?

PHEIDIPPIDES.

Wie? und wenn ich nun als Anwalt

Der schlechten Sach’ erhärten kann,

Pflicht sei’s, die Mutter durchzubläun?

STREPSIADES.

Vermagst du das, dann bleibt dir nichts

Mehr übrig, als vom Felsen dich

Zu stürzen ins Verbrecherloch

Mit Sokrates

Und deiner schlechten Sache!

Zum Chor.

Und das verdank’ ich alles euch, ihr Wolken,

Auf die ich leider all mein Sach’ gestellt!

CHORFÜHRERIN.

An allem bist du selber schuld! Warum

Hast du aufs Schlechte deinen Sinn gestellt?

STREPSIADES.

Warum habt ihr mir das nicht gleich gesagt?

Warum mich alten Esel noch gestachelt?

CHORFÜHRERIN.

Das tun wir immer, wenn wir einen sehn,

Der blind dem Trieb zu bösen Werken folgt,

Bis wir ihn endlich ins Verderben stürzen,

Auf daß der Tor die Götter fürchten lerne.

STREPSIADES.

Weh, weh mir! Hart, ihr Wolken, doch gerecht!

Warum versucht’ ich meine Gläubiger

Zu prellen um ihr Geld? –

Zu Pheidippides.

Jetzt komm, mein Sohn,

Komm! – Nieder mit dem Chairephon, dem Schurken,

Und Sokrates, die mich und dich betrogen!

PHEIDIPPIDES.

Nein, meinen Lehrern tu’ ich nichts zuleide!

STREPSIADES.

Doch! »Fürchte Zeus, den väterlichen Gott!«

PHEIDIPPIDES.

Nun hört mir: ›Zeus!‹ – Altvätrisches Gewäsch!

Ist denn ein Zeus?

STREPSIADES.

Er ist!

PHEIDIPPIDES.

Er kann nicht sein!

Der Wirbel herrscht, der hat ihn abgesetzt.

STREPSIADES.

Was? Abgesetzt? – Ich freilich glaubte das,

Auf eine alte verwitterte Vase, die bei dem Hermesbilde steht, zeigend.

Und dieses Ding da, meint’ ich, sei der Wirbel,

Ich armer Narr, dies irdene Gefäß!

PHEIDIPPIDES.

Schwatz Unsinn mit dir selbst, verrückter Alter!

Ab.

STREPSIADES.

Verrückt, das war ich, toll genug, die Götter

Dem Sokrates zulieb hinauszuwerfen!

Vor die Hermessäule tretend.

Ach, lieber Hermes, zürne mir nicht drob,

Vernichte mich nicht ganz, vergib mir, daß

Durch das Geschwätz ich mich betören ließ!

O rate mir: Soll ich sie vor Gericht

Belangen? oder wie? Was meinst du sonst?

Legt sein Ohr an den Hermeskopf.

– – Hast recht! Wozu Prozess’ anzetteln? Lieber

Steck’ ich den Rabulisten überm Kopf

Das Haus an!

Ruft in sein Haus hinein.

Holla! Heda, Xanthias!

Komm ‘raus und bring mir Leiter, Axt und Hacke,

Und steig hinauf auf die Studierbutike;

Hau, wenn du deinen Herren liebst, das Dach

Zusammen, daß die Balken sie zerschmettern!

Der Sklave steigt hinauf und fängt an einzureißen.

Und du!

Einem zweiten Sklaven rufend.

Bring mir ‘ne Fackel, aber brennend!

Der Sklave tut es.

Wart nur, ich will dir diesmal, du da drinnen,

Und euch, ihr unverschämten Scharlatans!

EIN SCHOLAR im Innern.

Au weh, au weh!

STREPSIADES die Fackel schwingend.

Ha, Fackel, halt dich gut und speie Flammen!

SCHOLAR.

Mensch, was beginnst du?

STREPSIADES.

Was ich mach’? Ich löse

Nur dort den Dachstuhl dialektisch auf.

CHAIREPHON im Innern.

Wer steckt das Haus uns überm Kopf in Brand?

STREPSIADES.

Der Mann, dem ihr den Mantel abgenommen.

CHAIREPHON.

Mordbrenner!

STREPSIADES hinaufsteigend.

Ja, das möcht’ ich eben werden,

Wenn diese Axt nicht meine Hoffnung täuscht

Und ich nicht ‘runterstürz’ und brech’ den Hals.

SOKRATES von innen.

Was machst du denn da oben auf dem Dach?

STREPSIADES.

»In Lüften schweb’ und Helios überseh’ ich!«

CHAIREPHON wie oben.

Entsetzlich, weh mir Armen! Ich ersticke!

SOKRATES.

Dämonisches Verhängnis! Ich verbrenne!

STREPSIADES heruntersteigend.

Recht so! Wer hieß euch auch der Götter spotten

Und nach Selenes Heimlichkeiten spähn?

Zu Xanthias, der ebenfalls heruntersteigt.

Schlag zu

Xanthias schlägt nach den herausspringenden Scholaren.

und hau und schmettre drein! Du weißt,

Zehnfach verdienen sie’s, die Atheisten!

Die Philosophenklause steht in Flammen.

CHORFÜHRERIN zum Chor.

Nun ziehet hinaus: denn wir haben uns heut gehörig im Reigen geschwungen!

Aristophanes – Die Vögel

Aristophanes

Die Vögel

(Orinthes)

Personen.

Pisthetairos

Euelpides

Ein Bettelpoet

Ein Wahrsager

Meton, der Feldmesser

Ein Ausrufer

Ein Kommissär

Ein ungeratener Sohn

Kinesias, der Poet

Ein Sykophant

Sklaven (stumm)

Der Wiedehopf

Der Zaunschlupfer

Vögel als Priester, Musiker, Boten, Herolde, Sklaven

Chor der Vögel

Iris

Prometheus

Herakles

Poseidon

Der Triballe

Basileia (stumm)

Erste Szene

Hochgelegene Wald- und Felsgegend.

Pisthetairos und Euelpides, durch ihr Gepäck als Auswanderer kenntlich, jeder mit einem Vogel auf der Hand, treten auf.

EUELPIDES zu der Dohle, die er auf der Hand trägt.

Gradaus, dort nach dem Baum zu weist du mich?

PISTHETAIROS zu seiner Krähe.

Ei, berste du! – Die krächzt uns nun zurück.

EUELPIDES.

Verdammt! Da stolpern wir nun auf und ab

Und laufen kreuz und quer hinein ins Blaue!

PISTHETAIROS.

Ich Tor! – zu folgen einer Kräh’, und mehr

Als tausend Stadien Wegs herumzuirren!

EUELPIDES.

Ich Narr! – zu folgen einer Dohl’, und mir

Die Nägel an den Zehen abzulaufen!

PISTHETAIROS.

Wo mögen wir in aller Welt nur sein?

EUELPIDES.

Du – fändest du von hier die Vaterstadt?

PISTHETAIROS.

Unmöglich – selbst für Exekestides!

EUELPIDES stolpernd.

Au weh!

PISTHETAIROS.

So geh doch diesen Weg, Kam’rad!

EUELPIDES.

Der Vogelhändler hat uns schön geprellt,

Philokrates, der hirnverbrannte Krämer,

Der log: die beiden führten uns zum Tereus,

Dem Wiedehopf, nunmehrigem Vollblutvogel.

Die Dohle – Tharrheleides’ Kind – verkauft’ er

Uns für ‘nen Obolos, und hier die Krähe

Für drei! und beide können nichts als beißen!

Die Dohle pickt nach ihm.

Was schnappst du wieder? Willst du uns die Felsen

Hinabspedieren? – Hier ist weit und breit

Kein Weg!

PISTHETAIROS.

Beim Zeus, auch nicht der schmalste Fußpfad!

EUELPIDES.

Sagt deine Krähe dir denn nichts vom Weg?

PISTHETAIROS.

Ach nein! die kreischt das alte Lied mir vor.

EUELPIDES.

Was sagt sie denn vom Weg?

PISTHETAIROS.

Was wird sie sagen?

Weghacken wolle sie mir noch die Finger!

EUELPIDES gegen die Zuschauer.

Ist das nicht arg, daß wir, die doch zum Geier

Zu gehn parat und voll Verlangen sind,

Nun erst den Weg dahin nicht finden können?

Denn wißt, ihr Herrn Zuschauer, unsre Krankheit

Ist just das Widerspiel von der des Sakas:

Der, Nichtstadtbürger, drängt sich ein, doch wir,

Von Stamm und Zunft und Haus aus makellos,

Vollbürger, nicht verjagt, aus eignem Antrieb

Entflogen spornstreichs wir der Heimat; – nicht

Als wär’ uns diese Stadt verhaßt und wäre

Nicht herrlich, groß und weit und allen offen,

Die drin ihr Geld verprozessieren wollen!

Denn einen Monat oder zwei nur zirpen

Im Laub die Grillen: doch ihr ganzes Leben

Verzirpen im Gerichtshof die Athener.

Dies ist der Grund, warum wir hier marschieren

Mit Korb und Topf und Myrtenreis; wir streifen

Herum und suchen einen Friedensort,

Um allda unsre Wohnung aufzuschlagen.

Gerad zu Tereus geht jetzt unsre Fahrt,

Zum Wiedhopf, um zu fragen, ob er als

Gereister Vogel so ‘ne Stadt gesehn.

PISTHETAIROS.

Du?

EUELPIDES.

Was?

PISTHETAIROS.

Die Krähe winkt mir immer dort

Hinauf.

EUELPIDES.

Und meine Dohle reckt den Schnabel

Weit offen in die Höh’, mir was zu zeigen.

Kein Zweifel mehr, hier müssen Vögel sein:

Wir schlagen Lärm, da sind wir gleich im klaren.

PISTHETAIROS.

Hör, stoß doch mit dem Fuß hier an den Felsen!

EUELPIDES.

Stoß du doch mit dem Kopf, dann klopft es doppelt.

PISTHETAIROS.

So poch mit einem Stein!

EUELPIDES.

Wie du befiehlst!

He, Bursch!

PISTHETAIROS.

Was rufst du? Nennst den Wiedhopf Bursch?

Nicht Bursch, du mußt Huphup dem Wiedhopf rufen

EUELPIDES.

Huphup! Wie lange muß ich denn noch klopfen?

Huphup!

Zaunschlupfer mit langem, weitoffenem Schnabel tritt heraus; Pisthetairos und Euelpides fahren zurück; Dohle und Krähe fliegen fort.

ZAUNSCHLUPFER.

Wer klopft? Wer ruft hier meinem Herrn?

EUELPIDES.

Apollon, sei uns gnädig! Welch ein Schlund!

ZAUNSCHLUPFER.

Ich Unglücksel’ger, weh, zwei Vogelsteller!

EUELPIDES in höchster Not.

Weh, was passiert mir? Unaussprechliches!

ZAUNSCHLUPFER.

Hol’ euch –

EUELPIDES.

Für Menschen hältst du uns?

ZAUNSCHLUPFER.

Was sonst?

EUELPIDES.

Ich bin der Vogel Graus aus Afrika.

ZAUNSCHLUPFER.

Du lügst!

EUELPIDES.

Da frag die Sauce an meinen Beinen!

ZAUNSCHLUPFER zu Pisthetairos.

Und welch ein Vogel bist denn du? sag an!

PISTHETAIROS.

‘Ne Art von Goldfasan – der Diarrhöling.

EUELPIDES zum Zaunschlupfer.

Was bist denn du nun aber für ein Tier!

ZAUNSCHLUPFER.

Ein Vogelsklave!

EUELPIDES.

Welche Demut! – Hat

Ein Kampfhahn dich besiegt?

ZAUNSCHLUPFER.

O nein! Doch als

Mein Herr zum Wiedhopf wurde, bat er mich,

Als Vogel mitzugehn und ihm zu dienen.

EUELPIDES.

Braucht denn ein Vogel auch noch Dienerschaft?

ZAUNSCHLUPFER.

Er wohl! vermutlich, weil er Mensch einst war;

Bald hätt’ er gern phalerische Sardellen,

Gleich schlupf’ ich mit dem Töpfchen fort und hole;

Dann will er Mus – nach Quirl und Pfanne schlupf’ ich

Durch Heck’ und Zaun –

EUELPIDES.

Nun kenn’ ich dich: Zaunschlupfer!

Hör, weißt du was, Zaunschlupfer, schlupf hinein

Und ruf uns deinen Herrn!

ZAUNSCHLUPFER.

Der macht sein Schläfchen!

Denn Schnaken aß er just und Myrtenbeeren.

EUELPIDES.

Geh nur und wecke ihn!

ZAUNSCHLUPFER.

Ach nein, ich weiß

Gewiß, er brummt. – Nun, euch zulieb’, ich weck’ ihn!

Ab.

PISTHETAIROS ihm nachrufend.

Daß du krepierst! Mich so halbtot zu ängsten!

EUELPIDES.

O weh, auch mir entflogen ist vor Angst

Die Dohle!

PISTHETAIROS.

Feiges Tier, du hast vor Angst

Die Dohle fliegen lassen?

EUELPIDES.

Hast denn du

Beim Fallen nicht die Krähe fahren lassen?

PISTHETAIROS.

Ich nicht, bei Zeus!

EUELPIDES.

Wo ist sie denn?

PISTHETAIROS.

Entwischt!

EUELPIDES.

Und du, du hieltst sie nicht, du tapfrer Held?

WIEDEHOPF hinter der Szene.

Tu auf den Wald, daß ich mich offenbare!

Tritt heraus.

EUELPIDES.

Welch Wundertier! Herakles, welch Gefieder!

Und auf dem Kopf drei Büsche! – Neue Mode!

WIEDEHOPF.

Wer wünscht zu sehn mein Antlitz?

EUELPIDES.

Die zwölf Götter –

Gegen das Publikum.

Traktierten, scheint’s, dich schlecht!

WIEDEHOPF.

Ihr spottet mein

Und meiner Schwingen? Fremdlinge, ich war

Einst Mensch –

EUELPIDES.

Wir lachen dich nicht aus –

WIEDEHOPF.

Wen denn?

PISTHETAIROS.

Dein krummer Schnabel nur erschien uns spaßhaft.

WIEDEHOPF.

So hat der Sophokles mich zugerichtet

In seinem Trauerspiel, ja mich, den Tereus!

EUELPIDES.

Du bist der Tereus? Hahn wohl oder Pfau?

WIEDEHOPF.

Ein Vogel doch!

EUELPIDES.

Wo sind denn deine Federn?

WIEDEHOPF.

Mir ausgefallen –

EUELPIDES.

Wohl in einer Krankheit?

WIEDEHOPF.

Nein, alle Vögel mausern sich im Winter,

Es wachsen dann uns neue nach! – Allein

Wer seid denn ihr?

EUELPIDES.

Wir beide? Menschenkinder!

WIEDEHOPF.

Woher?

EUELPIDES.

Woher die stolze Flotte stammt.

WIEDEHOPF.

So? Heliasten? –

EUELPIDES.

Antiheliasten,

Grad’ umgekehrt!

WIEDEHOPF.

Gedeiht denn solches Korn

Dort auch?

EUELPIDES.

Gar dünn gesät ist’s auf dem Land.

WIEDEHOPF.

Was habt ihr vor? »Was führt euch denn hierher?«

EUELPIDES.

Dich sprechen wollen wir!

WIEDEHOPF.

Worüber denn?

EUELPIDES.

Einmal: du warst ein Mensch einst, so wie wir,

Und hattest wohl auch Schulden, so wie wir;

Und zahltest sie nicht gerne, so wie wir;

Zum zweiten hast, zum Vogel umgestaltet,

Du Erd’ und Meer umflogen, und so weißt

Du, was ein Mensch und was ein Vogel weiß.

Drum nah’n wir uns in Demut dir und bitten,

Ob du vielleicht uns eine Stadt kannst nennen,

Wo weich und warm man in der Wolle sitzt?

WIEDEHOPF.

Und größer als die Stadt der Kranaer?

EUELPIDES.

Nicht größer, aber dienlicher für uns.

WIEDEHOPF.

Haha, du denkst aristokratisch?

EUELPIDES.

Ich?

Mit nichten, Skellios’ Sohn ist mir ein Greuel!

WIEDEHOPF.

In welcher Stadt denn wohntet ihr am liebsten?

EUELPIDES.

Wo dies die wichtigsten Geschäfte wären: –

Früh käm’ an meine Tür ein guter Freund

Und spräche: ›Beim olymp’schen Zeus, du kommst

Doch ja zu mir mit deinen Kindern, wenn

Sie morgens frisch gewaschen sind: wir haben

Ein Hochzeitsmahl: und fehl mir ja nicht, sonst

Bleib mir auch weg, wenn’s einmal schmal mir geht!‹

WIEDEHOPF.

Bei Zeus, du liebst beschwerliche Geschäfte!

Zu Pisthetairos.

Und du?

PISTHETAIROS.

Dergleichen lieb’ auch ich!

WIEDEHOPF.

Zum Beispiel?

PISTHETAIROS.

Wenn einer schwerbeleidigt sich bei mir

Beklagt’, ein Vater eines hübschen Knaben:

›So, schön von dir, Stilbonides! Mein Söhnchen,

Das frischgebadet du beim Ringhof trafst,

Mir nicht zu grüßen, küssen, mitzunehmen –

Und auszugreifen – Du, mein alter Freund?!‹ –

WIEDEHOPF.

Du armer Mann, du liebst vertrackte Dinge!

Nun, in der Tat, solch eine Stadt der Wonne

Liegt fern am Roten Meer –

EUELPIDES.

Um Gottes willen,

Nur nicht am Meer! – daß eines Morgens – schrecklich! –

Die Salaminia auftaucht, uns zu holen?

Kannst du uns keine Stadt in Hellas nennen?

WIEDEHOPF.

Laßt euch zu Lepreos in Elis nieder!

EUELPIDES.

Zu Lepreos, dem Krätznest? Pfui, das hass’ ich,

Eh’ ich’s gesehn, schon von Melanthios her!

WIEDEHOPF.

So siedelt euch bei den Opuntiern an

In Lokris!

EUELPIDES.

Was, in Lokris? Lockrer Lump!

Das würd’ ich nicht um eine Tonne Golds! –

Wie ist denn bei euch Vögeln hier das Leben?

Du kennst es ja!

WIEDEHOPF.

Kein übler Aufenthalt!

Man braucht hier, um zu leben, keinen Beutel!

EUELPIDES.

Da gibt’s auch keine Beutelschneiderei!

WIEDEHOPF.

Wir picken in den Gärten weißen Sesam,

Mohnkörner, Myrtenbeeren, Wasserminze.

EUELPIDES.

Da führt ihr ja ein wahres Hochzeitleben!

PISTHETAIROS.

Ha! Hört!

Zu großen Dingen, seh’ ich, ist bestimmt

Das Vögelvolk – wenn ihr mir folgen wollt!

WIEDEHOPF.

Dir folgen? Wie?

PISTHETAIROS.

Vor allem flattert nicht

Mit offnen Schnäbeln in der Welt herum,

Das schickt sich nicht für euch! Wenn dort bei uns

Man fragt nach solchen flatterhaften Burschen:

»Wer ist der Vogel?« – gleich sagt Teleas:

›Ein wetterwend’scher Mensch, charakterlos,

Heut so und morgen so, ein luft’ger Zeisig!‹

WIEDEHOPF.

Beim Dionysos, und der Mann hat recht!

Was tun?

PISTHETAIROS.

Erbaut euch eine Stadt für alle!

WIEDEHOPF.

Wir Vögel eine Stadt bau’n? Wie denn das?

PISTHETAIROS.

»Mein Gott, wie albern du nur reden kannst!«

Da schau hinab!

WIEDEHOPF.

Ich schau’!

PISTHETAIROS.

Nun schau hinauf!

WIEDEHOPF.

Und nun?

PISTHETAIROS.

Jetzt dreh den Hals herum!

WIEDEHOPF.

Bei Zeus,

Es lohnt sich wohl, den Hals mir zu verrenken?

PISTHETAIROS.

Was sahst du nun?

WIEDEHOPF.

Die Wolken und den Himmel!

PISTHETAIROS.

Das ist doch wohl der Staat der Vögel, nicht?

WIEDEHOPF.

Was, Staat? Wie meinst du das?

PISTHETAIROS.

Die Station,

Wo stattlich ausgestattet, was ihr wollt,

Ihr euch gestattet – sieh, das ist ein Staat!

Und baut ihr Häuser da und Mauern drum.

Dann habt ihr in dem Staat auch eine Stadt!

Heuschrecken sind dann gegen euch die Menschen,

Die Götter hungert ihr gut melisch aus –

WIEDEHOPF.

Wie?

PISTHETAIROS.

Zwischen Erd’ und Himmel ist die Luft,

Nicht wahr? – Wie wir, wenn wir nach Delphi gehn,

Um freien Durchzug die Boioter bitten,

So, wenn die Sterblichen den Göttern opfern

Und die den Durchgangszoll euch nicht entrichten,

Laßt durch die Luftstadt ihr die fremde Ware,

Den Opferbratenduft, nicht mehr passieren.

WIEDEHOPF.

Der Tausend auch!

Bei allen Netzen, Schlingen, Vogelstangen!

Ein beßrer Einfall kam mir nie zu Ohren!

Es gilt! Ich bau’ mit dir die Stadt, wofern

Die andern Vögel einverstanden sind.

PISTHETAIROS.

Wer stellt den Antrag ihnen vor?

WIEDEHOPF.

Du selbst!

Durch langen Umgang bracht’ ich den Barbaren –

Das waren sie – ein bißchen Sprache bei.

PISTHETAIROS.

Kannst du sie denn zusammenrufen?

WIEDEHOPF.

Leicht!

Ich gehe nur geschwind da ins Gebüsch

Und wecke meine Nachtigall; dann rufen

Wir ihnen, und sobald sie unsre Stimme

Vernehmen, eilen sie im Flug herbei.

PISTHETAIROS.

Herzlieber Vogel, steh nicht müßig da,

Ich bitt’ dich, geh nur gleich hier ins Gebüsch,

Geh schnell und wecke deine Nachtigall!

WIEDEHOPF singt hinterm Busch.

O Gespielin, wach auf und verscheuche den Schlaf,

Laß strömen des Liedes geweihte Musik

Aus der göttlichen Kehle, die schmelzend und süß

Um mein Schmerzenskind und das deine klagt

Und melodischen Klangs aushauchend den Schmerz,

Ach, um Itys weint!

Rein schwingt sich der Schall durch das rankende Grün

Zu dem Throne des Zeus, wo Phoibos ihm lauscht,

Der Goldengelockte, zu deinem Gesang

In die elfenbeinerne Harfe greift,

Zu deinem Gesange den schreitenden Chor

Der Unsterblichen führt;

Und weinend mit dir, einstimmig ertönt

Von dem seligen Mund

Der Unsterblichen himmlische Klage.

Flötenspiel hinter der Szene, Nachtigallentöne nachahmend.

PISTHETAIROS.

Welch Vogelstimmchen! Nein, das übertaut,

Bei Zeus! mit Honigseim den ganzen Wald.

EUELPIDES.

Du –

PISTHETAIROS.

Was beliebt?

EUELPIDES.

Sei still doch!

PISTHETAIROS.

Ei, warum?

EUELPIDES.

Der Wiedhopf präludiert, es kommt noch eins!

WIEDEHOPF singt unter Flötenbegleitung.

Hup hup hup op op op, hup hup hup hup hup,

Juhu, Juhu! Heran, heran, heran!

Heran, ihr meine Mitgefiederten,

Was auf Ährengefilden den Kropf sich füllt!

Heran, ihr Gerstenpicker allzumal,

Körnerauflesende, flinke, geschmeidige,

Wohllautatmende Sänger,

Die ihr in Saatenfurchen

Trippelt, des feinen Stimmchens

Froh, behaglich also zwitschert:

Tiotio tiotio tiotio tiotio!

Ihr, die ihr in Gärten im Efeulaub

Verborgen nascht, auf den Bergen schwärmt,

Berberitzenverschlinger, Erdbeerenverschlucker,

Fliegt schleunig herbei auf meinen Ruf:

Trioto trioto totobrix!

Ihr, die ihr im Meer und in sumpfiger Schlucht

Stechfliegen erschnappt und vom Wiesentau

Benetzt durch die blumigen Auen streift

Und Marathons liebliche Gründe!

Komm, rotbehaubtes Haselhuhn!

»Kommt, die ihr über die Wogen des Meers

Fliegt mit den wandernden Halkyonen,«

Eilt zu vernehmen die Kunde, die neuste!

Sammelt, wir rufen euch, sammelt euch all’

Vom langhalsigen Stamme der Vögel!

Denn ein Greis ist gekommen, ein kluger Kopf,

Der ein neues Werk

Hat ausgeheckt, einen neuen Plan:

Drum kommt nun all’ zur Beratung,

Kommet, kommet, kommet, kommet!

Toro toro toro torotix!

Kikkabau! Kikkabau!

Toro toro toro torolililix!

PISTHETAIROS zu Euelpides.

Du, siehst du einen Vogel?

EUELPIDES.

Keinen Schwanz,

Obwohl ich offnen Mauls zum Himmel gaffe!

PISTHETAIROS.

Der Wiedhopf, scheint’s, hat hinterm Busch vergeblich

Gegluckst, gefalzt als wie ein Auerhahn.

Ein Flammbart kommt durch das linke Tor in die Orchestra gelaufen.

FLAMMBART.

Torotix torotix!

PISTHETAIROS.

Ei der Tausend, Freund, ein Vogel! Sieh, da rückt ein Vogel an!

EUELPIDES.

Ei, ein Vogel! Was für einer, möcht’ ich wissen: wohl ein Pfau?

PISTHETAIROS während der Wiedehopf wieder hervorkommt.

Der da wird’s am besten wissen, was das für ein Vogel ist.

WIEDEHOPF.

Das ist kein gemeiner Vogel, den ihr alle Tage seht –

Ein Sumpfvogel!

PISTHETAIROS.

Alle Wetter, prächtig, purpurrot geflammt!

WIEDEHOPF.

Ganz natürlich! Und deswegen ist er Flammbart auch genannt!

Ein Hahn tritt gravitätisch herein.

EUELPIDES.

Du – potz Wetter!

PISTHETAIROS.

Nun, was schreist du?

EUELPIDES.

Sieh, ein zweiter Vogel kommt!

PISTHETAIROS.

Ja, bei Zeus! Wohl der, »der seine Heimat in der Fremde hat«?

Zum Wiedehopf.

Du, »wer ist der seltsam stolze, bergaufsteigende Prophet«?

WIEDEHOPF.

Dieser? Perservogel heißt er!

PISTHETAIROS.

Perser? Beim Herakles, ei,

Sag, wie kommt er denn als Perser ohne sein Kamel daher?

Ein ruppiger Wiedehopf tritt auf.

EUELPIDES.

Sieh, da kommt ein Vogel wieder, einen Helmbusch auf dem Haupt!

PISTHETAIROS.

Ei, wie sonderbar! So bist du nicht der einz’ge Wiedhopf hier?

Gibt’s denn außer dir noch andre?

WIEDEHOPF.

Der da ist Philokles’ Sohn,

Wiedhopfs Enkel, sein Großvater bin ich selbst – gerade wie

»Hipponikos, Sohn des Kallias, Kallias, Hipponikos’ Sohn«.

PISTHETAIROS.

Also Kallias ist der Vogel! Denn er mausert sich, sieh her!

EUELPIDES zu dem zweiten Wiedehopf.

Edler Mann, du kommst herunter, Sykophanten rupfen dich,

Und die letzten Federn raufen dir galante Dirnen aus!

Eine Kropfgans watschelt herein.

PISTHETAIROS.

Potz Poseidon! Welch ein Vogel, der in allen Farben spielt!

Nun, wie heißt denn dieser?

WIEDEHOPF.

Kropfgans, der bekannte Nimmersatt.

PISTHETAIROS.

Heißt denn Nimmersatt noch jemand anders als Kleonymos?

EUELPIDES.

Der – Kleonymos? – Verloren hat er ja den Helmbusch nicht!

PISTHETAIROS.

Überhaupt, was soll das Buschwerk auf dem Kopf des Federviehs?

Gibt’s ‘nen Wettlauf denn?

WIEDEHOPF.

Sie machen’s eben wie die Karier:

Auf den Hügeln unter Büschen sitzen sie vor’m Feind gedeckt.

PISTHETAIROS.

Ach, Poseidon! Welches Vogelungewitter zieht sich, schau,

Dort zusammen!

EUELPIDES.

Ach, Apollon! Wolk’ an Wolke, Gott erbarm’s!

Kaum vor flatterndem Gevögel ist der Eingang mehr zu sehn!

Der Chor der Vögel rückt ein.

PISTHETAIROS.

Dort ein Rebhuhn, ei der Tausend! Hier ein Haselhuhn! Und hier,

Sieh, da patscht ‘ne Wasserente, ein Eisvogelweibchen dort!

EUELPIDES.

Hinter diesem aber? –

PISTHETAIROS.

Der dort? Ein Bartgeier wird es sein!

EUELPIDES.

Heißt Bartgeier denn ein Vogel?

PISTHETAIROS.

Heißt denn Sporgilos nicht so?

Siehst du dort die Eul’?

EUELPIDES.

Ich bitte, »bringt man Eulen nach Athen«?

PISTHETAIROS.

Elster, Turteltaube, Lerche, Weihrauchvogel, Käuzchen, Specht,

Turmfalk’, Amsel, Taucher, Schnepfe, Adler, Häher, Auerhahn!

EUELPIDES.

Ahi, was Federvieh!

Ahi, was Rabenvieh!

Wie sie piepsen, und wie alles kreischend durcheinanderrennt!

Weh! Mit offnen Schnäbeln drohend, mit ergrimmten Augen sehn

Sie mich an und dich –

PISTHETAIROS ängstlich.

Wahrhaftig, ich bemerk’ es ebenfalls.

CHOR DER VÖGEL durcheinander schnarrend.

Wo, wo, wo, wo, wo, wo ist er, der uns rief, wo horstet er?

WIEDEHOPF.

Hier bin ich, wie immer euer treuer Freund, und warte längst.

CHOR.

We – we – we – we – we – we – welche Freundesbotschaft bringst du uns?

WIEDEHOPF.

Eine schöne, kluge, biedre, süße, volksbeglückende!

Denn zwei Menschen, wackre Greise, sind gekommen, sind bei mir.

Aufruhr unter den Vögeln.

CHOR.

Wo? Wie? Wa – was?

WIEDEHOPF.

Von den Menschen, sag’ ich, kamen zwei ergraute Männer her,

Und zu einem »Riesenwerke« bringen sie den Bauplan mit.

CHORFÜHRER.

Einen größern Frevler hab’ ich, seit ich esse, nicht gesehn!

Nun, was sagst du?

WIEDEHOPF.

Laß mich reden! Fürchte nichts!

CHORFÜHRER.

Was tatst du uns?

WIEDEHOPF.

Männer nahm ich auf, die gerne lebten im Verein mit uns!

CHORFÜHRER.

Diese Tat hast du begangen?

WIEDEHOPF.

Und ich freue mich der Tat!

CHORFÜHRER.

Und sie sind schon hier? –

WIEDEHOPF.

In eurer Mitte, so gewiß als ich!

CHOR.

Ach, ach!

Verkauft, verraten, geschändet sind wir!

Denn ein Bruder, ein Freund, der gemeinsam mit uns

Auf den Fluren sein Futter sich suchte,

Hat gebrochen das uraltheil’ge Gesetz,

Hat gebrochen den Eid der Vögel!

Hat ins Netz mich gelockt, mich dem argen Geschlecht

In die Hände geliefert, das, seit es erzeugt,

Mir nur Böses getan!

CHORFÜHRER.

Nun, mit diesem Vogel reden wir dann später noch ein Wort!

Doch die beiden alten Sünder, denk’ ich, züchtigen wir gleich.

Kommt, wir reißen sie in Stücke!

Allgemeine Aufregung.

PISTHETAIROS.

Weh, nun ist’s um uns geschehn!

EUELPIDES.

Ja, und du, du bist an allem diesem Unglück schuld! Warum

Hast du mich auch mitgenommen?

PISTHETAIROS.

Nun, damit du bei mir bist!

EUELPIDES.

Um es bitter zu beweinen!

PISTHETAIROS.

Sieh, wie albern schwatzt du jetzt!

EUELPIDES.

Albern?

PISTHETAIROS.

Wein’ einmal, nachdem sie dir die Augen ausgehackt!

CHOR.

Auf, auf!

Nun drauf und daran, und in grimmigem Sturm

Auf den Todfeind los, und umzingelt ihn rings,

Und schlagt ins Gesicht ihm die Flügel!

Laut heulen soll das verruchte Paar,

Ein Fraß für unsere Schnäbel!

Nicht der waldige Berg, nicht die Wolke der Luft,

Nicht das graue Gewässer des Meeres soll

Sie beschützen vor mir!

CHORFÜHRER.

Nun, was zaudern wir noch länger? Beißt und kratzt und reißt und rupft!

He, wo ist der Hauptmann? – Dringe mit dem rechten Flügel vor!

EUELPIDES.

Nun wird’s Ernst! – Wohin entflieh’ ich Armer?

PISTHETAIROS.

Du, so halt doch stand!

EUELPIDES.

Soll ich mich zerreißen lassen?

PISTHETAIROS.

Hoffst du Narr denn, ihnen noch

Zu entwischen?

EUELPIDES.

Wie? Das weiß ich freilich nicht!

PISTHETAIROS.

So höre denn!

Laß uns kämpfen, unsre Töpfe halten wir in tapfrer Hand!

EUELPIDES.

Und was soll der Topf uns helfen?

PISTHETAIROS.

Daß uns keine Eule packt!

EUELPIDES.

Wider diese krummen Krallen –?

PISTHETAIROS.

Nimm den Bratspieß, stecke dran

Einen nach dem andern!

EUELPIDES.

Sieh da, die Glotzaugen! Ach, was tun?

PISTHETAIROS.

Nimm das Essigkrüglein oder hier die Schüssel, wehre dich!

EUELPIDES.

Ei, Respekt vor deiner Klugheit! Ganz strategisch ausgedacht!

In Kriegs-Listen und Maschinen stichst du selbst den Nikias aus.

CHORFÜHRER.

Hurra! Marsch! Bei Fuß den Schnabel! Vorwärts, vorwärts, drauf und dran!

Rupft, reißt, beißt, zerrt, stoßt, haut, raufet! Schlagt zuerst den Topf entzwei!

WIEDEHOPF dazwischentretend.

Sprecht, was fällt euch ein, was soll das, ungeschlachte Bestien ihr?

Morden wollt ihr Männer, die euch nichts getan, zerreißen wollt

Ihr Landsleute ohne Schonung, Blutsverwandte meiner Frau?

CHORFÜHRER.

Was? Weswegen sollten ihrer mehr wir schonen als des Wolfs?

Haben wir denn schlimmre Feinde noch zu züchtigen als die?

WIEDEHOPF.

Wenn sie aber, von Geburt zwar Feind, im Herzen Freunde sind,

Wenn, euch guten Rat zu geben, nur sie da sind, nun, wie dann?

CHORFÜHRER.

Pah! Wie können die uns lehren oder guten Rat wohl gar

Uns erteilen, unsre Feinde, unsrer Ahnen Feinde schon?

WIEDEHOPF.

Freunde! Kluge Leute lernen auch von ihren Feinden gern.

Vorsicht frommt in allen Stücken: von dem Freunde wirst du sie

Schwerlich lernen, doch die Feinde, ja die zwingen dich dazu.

Denn die Städte – nicht dem Freunde, nein, dem Feind verdanken sie’s,

Wenn sie hohe Mauern bauen und Fregatten für den Krieg;

Daß sie’s lernten, sichert ihnen Hab und Gut und Weib und Kind.

CHORFÜHRER.

Ihrem Wort Gehör zu schenken, kann vorerst, wie mich bedünkt,

Uns nicht schaden: was Gescheites lernt man manchmal auch vom Feind.

PISTHETAIROS zu Euelpides.

Gut, ihr Zorn will, scheint’s, sich legen. Weiche Schritt für Schritt zurück!

WIEDEHOPF zum Chorführer.

Das ist billig, und ihr könnt es mir auch zu Gefallen tun!

PISTHETAIROS zu Euelpides.

Sieh, sie ziehn’s doch vor, in Frieden uns zu lassen: lege drum

Hin die Schüssel samt dem Topfe!

Mit dem Speer im Arm, dem Bratspieß,

Wollen wir auf und ab spazieren

Innerhalb des Waffenplatzes,

Nach dem Topf, des Lagers Marke,

Scharf hinsehend: Fliehn wär’ Schande!

EUELPIDES.

Meinst du? – Aber wenn wir fallen,

Wo zu Land wird unser Grab sein?

PISTHETAIROS.

Auf dem Töpferplatz! – Damit man

Von Staats wegen uns bestattet,

Werden wir den Feldherrn sagen,

Daß wir kämpfend sind gefallen

In der Schlacht am ›Vogelsberg‹!

CHORFÜHRER.

Zurück denn, und stellt euch in Reih und Glied,

Und die Lanze des Muts pflanzt neben dem Schild

Des Schlachtgrimms auf, wie im Feld der Soldat;

Wir verhören indessen die Männer da: wer

Und von wannen sie sind,

Und in welcherlei Absicht sie kommen?

Zum Wiedehopf.

He, Wiedhopf, gib einmal Bescheid!

WIEDEHOPF.

Bescheid? Was willst du wissen, sprich!

CHORFÜHRER.

Wer sind die zwei da, und woher?

WIEDEHOPF.

Gastfreund’ aus Hellas’ weisem Volk!

CHORFÜHRER.

Welch Ungefähr führt sie denn

Beid’ hierher ins Vögelreich?

WIEDEHOPF.

Der Wunsch, mir dir, nach deiner Sitt’

Und Art zu leben allezeit!

CHORFÜHRER.

So? Und was bringen sie da vor?

WIEDEHOPF.

Unglaublich klingt es, unerhört!

CHORFÜHRER.

Wie denken sie die Aufenthaltsbewilligung

Zu lohnen uns? Und wollen sie

Mit uns dem Feinde schaden und

Befördern ihrer Freunde Wohl?

WIEDEHOPF.

Ein großes Glück verheißt er uns,

Unglaublich, unaussprechlich groß!

Daß rundum alles euch gehört,

Was unten, oben, rechts und links,

Das demonstriert er euch aufs Haar.

CHORFÜHRER.

Ist er verrückt denn, der Tropf?

WIEDEHOPF.

Oh, ein durchtriebener Kopf!

CHORFÜHRER.

Sollte was hinter ihm sein?

WIEDEHOPF.

Der ist verschlagen und fein!

Der Witz, der Kniff, der Pfiff, der Scharfsinn selbst!

CHORFÜHRER.

Ich will ihn hören, ruf ihn gleich!

Was du da sagst – mich juckt’s davon

Schon jetzt in allen Federn!

WIEDEHOPF zu Pisthetairos und Euelpides.

Wohlan denn du, und du, den Waffenplunder

Schafft weg und hängt zur guten Stund’ ihn auf

Im Rauchfang, bei dem Bild des Feuergottes!

Du aber laß dein Wort, zu dem ich sie

Berief, uns hören: sprich!

PISTHETAIROS.

Beim Phoibos, nein!

Wenn sie mit mir nicht eingehn den Vertrag,

Wie ihn mit seinem Weib der ›Affe‹ schloß,

Der Messerschmied: – mich nicht zu beißen, nicht

Am Hodensack zu zerren, nicht zu krabbeln

Mir da –

CHORFÜHRER.

Dahinten? – Nein!

PISTHETAIROS.

Am Auge, mein’ ich!

CHORFÜHRER.

Das geh’ ich ein!

PISTHETAIROS.

Beschwöre mir’s!

CHORFÜHRER.

Ich schwöre!

So wahr ich mit den Stimmen aller Richter

Und alles Volks zu siegen wünsch’ –

PISTHETAIROS.

Es gilt!

CHORFÜHRER.

– Und halt’ ich’s nicht – mit einer Stimme nur!

PISTHETAIROS zu Euelpides.

Hört, Bürger und Soldaten, geht mit Wehr

Und Waffen jetzt nach Haus; und habt wohl acht

Des Maueranschlags, der das Weitre sagt!

ERSTER HALBCHOR.

So verschlagen in allen Stücken auch der Mensch

Von Haus aus ist, doch will ich dich hören; sag an!

Denn wohl ist es möglich,

Daß du bessern Rat mir zu geben imstand bist,

Als ich selbst es vermöchte,

Und zu größerer Macht mir verhelfen kannst,

Die mein blöderer Geist nicht geahnt: drum rede!

Was Ersprießliches du uns

Zu verschaffen weißt – wir teilen es redlich!

CHORFÜHRER.

Wohlan denn, was gab den Gedanken dir ein, was bewog dich, an uns dich zu wenden?

Das berichte getrost! Denn wir werden zuerst den geschloßnen Vertrag nicht verletzen!

PISTHETAIROS.

Schon gärt mir’s im Kopfe, beim Zeus, und der Teig zu der Rede, schon ist er im Gehen;

Jetzt ohne Verzug, jetzt knet’ ich ihn aus! Einen Kranz her, Bursch, und ein Becken!

Komm, gieße das Wasser mir über die Hand –

EUELPIDES.

Wie? Geht es zum Schmause denn, oder –

PISTHETAIROS zu Euelpides.

Nichts weniger! Nein, ich studiere schon lang auf ein mächtiges, schlagendes Kraftwort,

Zu erschüttern die Seele des Volks –

An den Chor.

Ja seht, nur für euch bin ich also bekümmert,

Daß ihr, einst Könige –

CHORFÜHRER.

Könige wir? Über was denn?

PISTHETAIROS.

Könige, freilich,

Über alles, was lebt und webet, zuerst über mich, über den da

Auf Euelpides deutend.

ja Zeus selbst;

Denn älter, weit älter ist euer Geschlecht, als Kronos zusamt den Titanen

Und die Erde –

CHORFÜHRER.

Die Erde?

PISTHETAIROS.

Fürwahr, bei Apoll!

CHORFÜHRER.

Ei, das erste Wort, das ich höre!

PISTHETAIROS.

O Einfalt! Du hast dich nicht umgetan und deinen Aisop nicht gelesen,

Der es deutlich doch sagt, daß die Schopflerch’ einst der erste der Vögel gewesen,

Eh’ die Erde noch war! Und da sei ihr am Pips ihr Vater gestorben und habe

Fünf Tag’ unbeerdigt gelegen, dieweil die Erde noch nicht existierte;

Aus Verzweiflung grub dann im eigenen Kopf sie ein Loch zu des Vaters Bestattung.

EUELPIDES.

So liegt denn der Vater der Schopflerch’ jetzt, der sel’ge, begraben im Schopfloch.

PISTHETAIROS.

Und wenn sie nun lang vor der Erde, lang vor den Göttern gelebt, da gebührt doch

Als den Ältesten ihnen mit Fug und Recht die Gewalt und das Zepter der Herrschaft!

EUELPIDES.

Beim Apollon, gewiß! Drum laß dir nur ja lang wachsen in Zukunft den Schnabel,

Denn das Zepter wird Zeus abtreten so schnell nicht dem tannenpickenden Schwarzspecht!

PISTHETAIROS.

Daß wirklich nun aber die Götter nicht vorzeiten die Menschen beherrschten,

Daß die Vögel als Könige herrschten, dafür gibt’s hundert und tausend Beweise.

So war, zum Exempel, vorzeiten der Hahn souveräner Regent und Gebieter

Im persischen Reich, vor den Fürsten lang, vor Dareios und Megabyzos,

Drum heißt er denn auch, weil er einst dort gebot, der persische Vogel noch heute.

EUELPIDES.

Drum stolziert er auch noch auf den heutigen Tag mit der aufrecht spitzen Tiara

Auf dem Kopf umher, wie der große Schah, er allein von sämtlichen Vögeln.

PISTHETAIROS.

So gewaltig war er, so mächtig und stark, daß heut noch, wenn mit dem Tag er

Sein Morgenlied kräht, die Schlafenden all’, seiner sonstigen Größe gedenkend,

Aufspringen und rasch an die Arbeit gehn, die Töpfer, die Schmiede, die Gerber,

Mehlhändler, Barbierer und Schneider und Schuh- und Harfen- und Schildfabrikanten,

In die Schlappschuh’ fahren im Dunkeln sie schnell und rennen –

EUELPIDES.

Da hört ein Geschichtchen:

Mein Mantel von phrygischem Wollenzeug, durch den Göckel kam ich um diesen!

Ich war in die Stadt zu dem Namensfest eines Bübchens geladen, da trank ich

Mir ein Räuschchen und dämmert’ allmählich ein, eh’ die andern noch tranken: da kräht’ er;

Ich, wähnend, es tag’, geh’ Halimos zu und laviere so grad’ vor die Mauern

Hinaus: da versetzt mir ein Straßendieb mit dem Knüttel eins über den Rücken:

Da lag ich im Dreck und versuchte zu schrein, doch davon war Mantel und Spitzbub!

PISTHETAIROS.

Der Hellenen König und Herrscher, das war in selbigen Zeiten der Weihe!

EUELPIDES.

Der Hellenen auch?

PISTHETAIROS.

Und er führte zuerst als ihr Herr

und Gebieter den Brauch ein,

Vor dem Weih’ in den Staub sich zu werfen.

EUELPIDES.

Ach ja, so warf ich mich selbst bei dem Anblick

Eines Weihen einmal in den Staub, und es fuhr, wie ich offnen Maules so dalag,

In den Hals mir hinunter mein Obolosstück: leer bracht’ ich nach Hause den Schnappsack!

PISTHETAIROS.

Im Ägyptenland und im weiten Gebiet der Phoinikier herrschte der Kuckuck,

Und sobald sein ›Kucku‹! der Kuckuck rief, da machten sich schnell auf die Beine

Die Phönizier all’ und schnitten ihr Korn auf den Äckern, und Gersten und Weizen.

EUELPIDES.

Potz Tausend! Da kommt wohl das Sprichwort her: »Kuckuck, in das Feld, ihr Beschnittnen!«

PISTHETAIROS.

So gewaltig regierten die Vögel im Land, daß, wo in den Städten von Hellas

Ein König noch war, Menelaos etwa, Agamemnon oder ein andrer,

Da saß auf dem Zepter ein Vogel ihm auch, um zu teilen mit ihm die – Schmieralien.

EUELPIDES.

Von all dem wußt’ ich kein Wörtchen und sah mit Verwundrung, wie mit dem Vogel

Auf dem Zepter hervor oft Priamos trat auf die Bühne: da stand er, der Vogel,

Und lauerte scharf dem Lysikrates auf, was er etwa bekäm’ an Schmieralien.

PISTHETAIROS.

Doch das Schlagendste, Freunde, das kommt erst jetzt! Zeus selber, der Herrscher von heute,

Da steht er, der König der Könige, doch mit dem Vogel, dem Adler, zu Häupten;

Mit der Eule sein Kind, die Athene; sein Knecht und Getreuer Apoll mit dem Habicht.

EUELPIDES.

Ganz richtig bemerkt: bei Demeter, so ist’s! Doch wozu die Begleitung der Vögel?

PISTHETAIROS.

Deshalb: wenn einer beim Opfern das Herz und die Leber, so wie es gebräuchlich,

In die Hand ihm drückt – daß sie selbst vor Zeus das Herz und die Leber sich nehmen! –

Bei den Göttern schwur kein Sterblicher sonst, jedmänniglich schwur bei den Vögeln;

Noch heut, wenn Lampon aufs Prellen ausgeht – nicht bei Zeus, er schwört bei dem Zeisig.

So hat man vorzeiten euch überall als heilig verehrt und gewaltig!

Jetzt sieht man für Tölpel, für Sklaven euch an

Und schlägt euch wie wütende Hunde tot

Und schießt nach euch in den Tempeln sogar!

Und die Vogelsteller, sie lauern euch auf

Mit Netz, Leimrute, mit Schling’ und Garn,

Mit Dohne, mit Sprenkel und Meisenschlag.

Und sie fangen und bringen euch schockweis zu Markt,

Und da kommen die Käufer und greifen euch aus!

Und sie braten euch, Wetter! Und wären sie nur

Noch zufrieden, euch so zu servieren bei Tisch!

Da kommt noch geriebener Käse dazu,

Weinessig und Baumöl, Teufelsdreck

Und Honig und Speck, durcheinandergerührt,

Und die Sauce dann schütten sie siedendheiß

Euch über das Fell,

Als wär’ es verstunkenes Luder!

ZWEITER HALBCHOR.

O wie schwer, o wie schwer das Wort aufs Herz mir fällt,

Das du, Alter, mir sagst! Ich beweine die Schmach

Und die Feigheit der Väter,

Welche so glänzende Hoheit, ererbt von den Ahnen,

Mir zum Schaden verscherzten.

Doch es führt ja so glücklich ein gutes Geschick

Dich als Retter mir jetzt und Beschirmer entgegen.

In die Arme dir sink’ ich

Mit den Küchlein, um fortan im Frieden zu wohnen!

CHORFÜHRER.

Nun erkläre dich aber, was müssen wir tun? Denn es lohnt nicht der Mühe zu leben,

Wenn wir unser erbeigenes Königtum, wie auch immer, nicht wiedererobern!

PISTHETAIROS.

So vernehmt mein Wort: Eine Stadt muß erstehn zur Behausung sämtlicher Vögel;

Dann müßt ihr die Luft, den unendlichen Raum, müßt Himmel und Erd’ ihr begrenzen,

Wie Babylon, rund mit Mauern umziehn, kolossal aus gebackenen Quadern!

WIEDEHOPF.

Kebriones, ha! und Porphyrion! Welch himmelanstrebender Stadtbau!

PISTHETAIROS.

Und sobald sie dann steht, die erhabene Stadt, dann verlangt ihr von Zeus, daß er abdankt,

Und will er nicht dran und schlägt er es ab und besinnt sich nicht gleich eines Bessern,

Dann erklärt ihr ihm selber den heiligen Krieg und verbietet den sämtlichen Göttern,

Durch euer Gebiet auf den Strich zu gehn mit himmelansteigender Rute,

Wie sie früher so oft eh’brecherisch geil zu Alkmene sich niederließen,

Zu Alope, Leda und Semele; und kommen sie dennoch, dann müßt ihr

Sie kurzweg infibulieren, damit sie die Weiberchen lassen in Ruhe.

‘Nen Vogel schickt ihr dann ohne Verzug zu den Menschen hinab als Gesandten

Und gebietet: als Königen sollen sie euch von der Stund an opfern, den Vögeln;

Und nach euch erst kriegen die Götter ihr Teil: und es steht dann geziemenderweise

Den Göttern stets ein Vogel zur Seit’, wie er eben für jeglichen passend:

So, wer Aphroditen ein Opfer weiht, der streue dann Körner dem Sperling,

Und wer dem Poseidon ein Schaf darbringt, der bedenke die Ente mit Weizen,

Wer ein Rind dem Herakles, bediene zugleich mit Honigkrapfen die Kropfgans,

Wer dem Zeus als König ‘nen Schafbock weiht – Zaunkönig ist ebenfalls König,

Und es ziemt sich, vor Zeus ihm den männlichen – Floh als hüpfendes Böcklein zu schlachten!

EUELPIDES.

Ein ergötzlicher Spaß – der geschlachtete Floh!

Ei, da schlage der Donner des Zeus drein!

WIEDEHOPF.

Wie sollen denn aber für Götter und nicht für Dohlen die Menschen uns achten?

Wir fliegen und haben doch Flügel am Leib?

PISTHETAIROS.

O Einfalt! Hat denn nicht Flügel

Auch Hermes und fliegt, und er ist doch ein Gott, und es fliegen der Götter noch viele,

Die Nike mit goldenen Schwingen, sie fliegt, und es fliegt doch, beim Zeus! auch der Eros,

Und »der schüchternen Taube vergleichbar« ist nach Vater Homeros die Iris?

WIEDEHOPF.

Schlägt Zeus dann nicht drein mit dem Donnerkeil und schickt uns geflügelte Blitze?

PISTHETAIROS.

Und wollen für nichts euch die Sterblichen dann, aus purer Beschränktheit, noch achten

Und für Götter dort oben nur die im Olymp, dann soll eine Wolke von Spatzen,

Ein fliegendes, körneraufpickendes Korps, wegschnappen die Saaten der Äcker;

Und metzenweis mag die Demeter dann an die Hungrigen Weizen verteilen.

EUELPIDES.

Die läßt das wohl sein, gib acht, die ersinnt Ausreden und läßt sie verhungern!

PISTHETAIROS.

Dann laßt ihr die Raben dem mageren Vieh, mit dem sie die Äcker bepflügen,

Und den Schafen aushacken die Augen, damit sie erkennen, wer Herr ist und Meister;

Und Apollon, der Arzt, er kuriere sie dann, wie er pflegt – für bare Bezahlung!

EUELPIDES.

Nur ein bißchen noch wartet! Ich möchte nur erst meine Stierchen zuvor noch verkaufen!

PISTHETAIROS.

Doch beten als Schöpfer und Gott sie dich an, als Poseidon, Kronos und Gaia,

Dann genießen sie Güter im Überfluß!

WIEDEHOPF.

So nenne mir eines der Güter!

PISTHETAIROS.

Nie werden den knospenden Reben fortan Heuschrecken die Augen zerfressen,

Denn Sperber und Eulen – nur eine Schwadron wird genug sein, sie zu vertilgen.

Gallwespen und Fliegen und andres Geschmeiß, sie benagen nicht länger die Feigen,

Denn die Krammetsvögel, ein einziger Schwarm – glattsauber putzt er die Bäume.

WIEDEHOPF.

Wo kriegen wir aber den Reichtum her für die Menschen? Das ist ja ihr Liebstes!

PISTHETAIROS.

Wer um Silberminen die Vögel befragt, – sie verleihn die ergiebigsten Schachte;

Wo die besten Geschäfte zu machen sind, durch die Seher erfährt er’s von ihnen;

Nicht ein Seefahrer verunglückt mehr!

WIEDEHOPF.

Nicht einer? Wie sollte das zugehn?

PISTHETAIROS.

Ein Vogel wird jeden, sobald er ihn fragt, vor der Fahrt aufs beste beraten:

›Jetzt segle nicht ab: denn es droht dir ein Sturm!‹ – ›Du gewinnst: jetzt lichte die Anker!‹

EUELPIDES.

Ei, da kauf’ ich ein Schiff mir und stech’ in die See: ich verlass’ euch, ich bleibe nicht länger!

PISTHETAIROS.

Dann decken sie ihnen die Schätze auf, die die Leute vor alters verscharrten,

Voll blinkenden Silbers: sie wissen gar wohl, wo sie liegen, drum heißt es im Sprichwort:

»Ich hab’ ‘nen Schatz, und es weiß es kein Mensch wo er liegt: das weiß nur der Geier!«

EUELPIDES.

Ich verkaufe mein Boot, schaff’ Hacken herbei, und da grab’ ich mir Töpfe voll Gold aus.

WIEDEHOPF.

Wie verschaffen wir ihnen Gesundheit denn? Bei den Göttern ja wohnt Hygieia?

PISTHETAIROS.

Wenn’s ihnen nun aber recht grundwohl geht, das ist doch Gesundheit die Fülle!

Denn, sieh mal, geht es dem Menschen schlecht, dann fehlt die Gesundheit ihm vornweg!

WIEDEHOPF.

Wo bekommen wir aber das Alter her? Denn das Alter ist auch im Olympos:

Dann sterben die Menschen als Kinder schon weg –

PISTHETAIROS.

Mitnichten! Die Vögel, sie legen

Dreihundert Jahre den Menschen noch zu!

WIEDEHOPF.

Und woher denn?

PISTHETAIROS.

Woher? Von sich selber!

»Die krächzende Krähe«, das weißt du doch wohl, »fünf Menschenalter durchlebt sie.«

EUELPIDES gegen das Publikum.

Potz Wetter, das nenn’ ich mir Könige, die weit besser als Zeus für uns taugen!

PISTHETAIROS ebenso.

Das mein’ ich doch auch!

Wir brauchen da marmorne Tempel nicht mehr

Zu errichten für sie und Portale daran

Zu erbaun aus Gold: oh, die wohnen auch gern

Im Wacholdergebüsch und im Haselnußstrauch,

Und der Ölbaum wölbt sich zum heiligen Dom

Für die Allerhöchsten im Vogelreich.

Nach Delphi zu pilgern, zu Ammons Sitz

Und zu opfern daselbst, fällt keinem mehr ein:

Wir stellen uns mitten ins Dickicht hin

Von wilden Oliven und Erdbeergebüsch

Und streu’n Hanfkörner und Weizen für sie

Und flehn mit erhobenen Händen sie an

Um Geld und Gut, und das wird uns dann auch

Ohne weitres gewährt

Für die Handvoll Korn, die wir streuen!

CHORFÜHRER.

Ehrwürdiger Greis, zum vertrautesten Freund aus dem bittersten Feind mir geworden,

Nie weich’ ich von dir, treu werd’ ich bei dir und deinen Entwürfen verharren!

Durch deiner Worte Kraft begeistert schwör’

Ich’s heilig, und die Drohung sprech’ ich aus:

Wenn du in heiliger Allianz

Mit mir zum Kampf auf Tod und Leben

Dich verbündest und treu

Wider die Götter mir hilfst,

Ein Herz und eine Seele, Freund,

Dann, Götter, sollt ihr länger nicht

Unser Zepter schänden!

Und das machen wir so: wo der rüstigen Kraft es bedarf, da postieren wir selbst uns;

Wo es aber zu denken, zu raten gilt, da vertrauen wir deinem Genie uns!

WIEDEHOPF.

Nun aber ist, beim Zeus, nicht mehr zum Zaudern

Und Schlafen Zeit, zur Nikiasnickerei!

Wir müssen handeln, und das gleich! So tretet

Vorerst hier ein in meine Nestbehausung

Und nehmt vorlieb mit Halmen, Stroh und Reisig!

Ei, nennt uns doch auch eure Namen!

PISTHETAIROS.

Gern,

Ich heiße Pisthetairos!

WIEDEHOPF.

Schön! Und du?

EUELPIDES.

Euelpides von Thria.

WIEDEHOPF.

Seid mir beide

Willkommen!

PISTHETAIROS.

Schönen Dank!

WIEDEHOPF.

Nun tretet ein!

PISTHETAIROS.

Geh du voran, wir folgen dir.

WIEDEHOPF.

So kommt!

PISTHETAIROS.

Halt! Du, wie ist denn das? – Komm doch zurück!

Wie können wir, die Unbeflügelten,

Mit euch denn leben, den Beflügelten?

WIEDEHOPF.

Ganz gut!

PISTHETAIROS.

Du weißt, wie übel in der Fabel

Aisops es jenem Fuchs ergangen ist,

Der mit dem Aar gemeine Sache machte!

WIEDEHOPF.

Sei unbesorgt! Es gibt ein Würzelchen:

Das kaut ihr nur, dann seid ihr gleich beflügelt.

PISTHETAIROS.

Nun denn, wir folgen!

Zu den Sklaven.

Du da, Manodoros

Und Xanthias, nehmt die Bagage mit!

CHORFÜHRER.

Noch ein Wort, noch ein Wort, ei so höre doch!

WIEDEHOPF.

Nun?

CHORFÜHRER.

Du geleitest ins Nest sie, die Gäste,

Und bewirtest sie gut! Doch die Nachtigall, Freund, die süße Gespielin der Muse,

Die schick uns heraus zur Gesellschaft und laß mit der Holden uns spielen und scherzen!

PISTHETAIROS.

O ja, bei Zeus, tu ihnen den Gefallen

Und lock das Vögelchen aus dem Gebüsch!

EUELPIDES.

Ja, bei den Göttern, lock es her und gönn’

Auch uns den Anblick deiner Nachtigall!

WIEDEHOPF.

Nun, wenn ihr wollt, so sei es!

Ruft ins Gebüsch.

Philomele,

Komm ‘raus und zeige dich den werten Gästen!

Philomele tritt auf als Flötenspielerin, mit einer Vogelmaske.

PISTHETAIROS.

Großmächt’ger Zeus, welch niedlich Vögelchen,

Wie zart, wie weiß –

EUELPIDES.

Ich sage dir, mit der

Probiert’ ich schon vierfüßig eins zu spielen!

PISTHETAIROS.

Was die mit Gold behängt ist! wie die Jungfrau!

EUELPIDES.

Kaum halt’ ich mich: ich muß, ich muß sie küssen!

PISTHETAIROS.

Du Narr, sieh nur den Bratspießschnabel an!

EUELPIDES.

Ich darf ihr nur die Eierschale da

Vom Köpfchen streifen – komm und laß dich küssen!

WIEDEHOPF nimmt ihn am Arm.

Gehn wir hinein!

PISTHETAIROS.

Glück zu! Wir folgen dir!

Alle ab.

CHOR singt.

Liebliches Blondköpfchen,

Süßestes Vögelein,

Meiner Lieder Begleiterin,

Nachtigall, holde Gespielin!

Bist du’s, bist du es, kommst du,

Bringst du mir süße Gesänge mit?

Komm und flöte mir himmlische

Frühlingstön’! Anapästische

Rhythmen laß uns beginnen!

Flötenspiel.

CHORFÜHRER an die Zuschauer.

O ihr Menschen, verfallen dem dunkeln Geschick, »den Blättern des Waldes vergleichbar,«

Ohnmächtige Zwerge, Gebilde von Lehm, traumähnliche Schattengestalten,

O ihr Eintagsfliegen, der Flügel beraubt, ihr erbärmlichverweslichen Wesen,

Jetzt lauschet und hört die Unsterblichen an, die erhabenen, ewiglich jungen,

Die ätherischen, himmlischen, seligen, Uns, die Unendliches sinnenden Geister,

Die euch offenbaren die Lehre vom All und den überirdischen Dingen:

Wie die Vögel entstanden, der Götter Geschlecht, und die Ströme, die Nacht und das Chaos:

Auf daß ihr erkennet, was ist und was war, und zum Geier den Prodikos schicket!

In der Zeiten Beginn war Tartaros, Nacht, und des Erebos Dunkel und Chaos;

Luft, Himmel und Erde war nicht; da gebar und brütet’ in Erebos’ Schoße,

Dem weiten, die schattenbeflügelte Nacht das uranfängliche Windei;

Und diesem entkroch in der Zeit Umlauf der verlangenentzündende Eros,

An den Schultern von goldenen Flügeln umstrahlt und behend wie die wirbelnde Windsbraut.

Mit dem Chaos, dem mächtigen Vogel, gepaart, hat der in des Tartaros Tiefen

Uns ausgeheckt und heraufgeführt zu dem Lichte des Tages, die Vögel.

Noch war das Geschlecht der Unsterblichen nicht, bis er alles in Liebe vermischte.

Wie sich eins mit dem andern dann paarte, da ward der Okeanos, Himmel und Erde,

Die unsterblichen, seligen Götter all! – Und so sind wir erwiesenermaßen

Weit älter, als alle Unsterblichen sind! Denn, daß wir von Eros gezeugt sind,

Ist sonnenklar: denn wir fliegen wie er und gesellen uns gern den Verliebten:

Manch reizenden Knaben, der kalt sich verschloß, hat nah an der Grenze der Jugend

Durch unsre Gewalt der verliebte Freund noch gewonnen durch Vögelpräsente:

Durch ein Perlhuhn oder ein Gänschen wohl auch, durch Wachteln und persische Vögel!

Was es Schönes auf Erden und Großes gibt, das verdanken uns alles die Menschen:

Wir verkünden die wechselnden Zeiten des Jahrs, den Frühling, den Sommer, den Winter:

Der Kranich, er mahnt euch zu säen im Herbst, wenn er krächzend nach Libyen wandert,

Und der Seemann hängt sein Steuer alsdann in den Rauch, um aufs Ohr sich zu legen:

Den Orestes heißt er sich weben ein Kleid, um im Frost es nicht stehlen zu müssen.

Kommt aber der Weih, so verkündet er euch nach dem Winter die mildere Jahrszeit,

Wo die Frühlingswolle den Schafen ihr müßt abscheren; die zwitschernde Schwalbe,

Die erinnert euch jetzt, zu vertrödeln den Pelz und ein sommerlich Röckchen zu kaufen;

Kurz, Ammon sind wir und Delphi für euch und Dodona und Phoibos Apollon!

Stets wendet ihr euch an die Vögel zuerst, eh’ eure Geschäft’ ihr besorget,

Als: Lohnarbeit und Kauf und Verkauf und Eheverlöbnis und Hochzeit.

Wer beißt euch die Mutter ins Bein und verheißt und beschert euch den Segen? – Der Storch ist’s!

Gar manchem entschlüpft vor Verwund’rung ein ›Ei!‹ und ihr ›höret ein Vögelchen pfeifen‹;

›Das weiß nur der Geier!‹ bekennt ihr, und geht euch ein Licht auf, sagt ihr: ›Es schwant mir!‹

Erkennt ihr es endlich und seht ihr in uns den leibhaftigen Seher Apollon?

Nun wohlan! Wofern ihr als Götter uns ehrt,

Weissagende Musen dann habt ihr für Wind

Und Wetter, für Sommer und Winter und Lenz

Und die Kühle des Herbsts! Wir entlaufen euch nicht,

Wir setzen uns nicht vornehm und bequem

In die Wolken hinauf so breit wie Zeus;

Aus traulicher Nähe verleihen wir euch,

Euch selbst samt Kindern und Enkeln, Gedeih’n

Und Gesundheit die Füll’,

Und Leben und Segen und Frieden und Ruh’

Und Vergnügen und Spaß und Jugend und Tanz,

Und Hühnermilch!

Ja, ihr werdet’s, ihr all’, aushalten nicht mehr

Vor Vergnügen und Lust:

So werdet ihr schwimmen im Reichtum!

ERSTER HALBCHOR.

Gesang mit Flötenbegleitung.

Melodienreiche –

Die Nachtigall fällt ein.

Tiotio tiotio tiotio tiotinx!

Muse des Hains, mit der ich oft

In Tälern und hoch auf waldigen Bergen –

Wie oben.

Tio tio tiotinx!

Schaukelnd im schattigen Laube der Esche mein Lied –

Tiotio tiotio tiotinx!

Aus der Tiefe der Brust ausströmte, den Pan

Feiernd mit heiligem Sang und die hehre

Bergedurchschwärmende Mutter der Götter, –

Tototo tototo totototinx!

Dort, wo gleich der Biene schwärmend

Phrynichos einst sich gepflückt

Des Gesanges ambrosische Frucht, der Sänger

Unerschöpften Wohllauts!

CHORFÜHRER an die Zuschauer.

Hat von euch Zuschauern etwa einer Lust, sein Leben froh

Mit den Vögeln hinzuspinnen? – Macht euch auf und kommt zu uns!

Denn was hierzulande schändlich und verpönt ist durchs Gesetz,

Das ist unter uns, den Vögeln, alles löblich und erlaubt.

Wenn es hier für Infamie gilt, seinen Vater durchzubleu’n,

Ei, bei uns, da gilt’s für rühmlich, wenn der Sohn den Vater packt,

Tüchtig prügelt und noch auslacht: ›Wehr dich, wenn du Sporen trägst!‹

Ist bei euch gebrandmarkt einer als ein durchgebrannter Sklav’,

Der erhält bei uns den Namen: buntgefleckter Pelikan;

Und wenn unter euch ein Myser etwa ist, wie Spintharos,

Der passiert bei uns als Meise, von Philemons Vetterschaft.

Wer ein Sklav’ ist und ein Karer, gleich dem Exekestides,

Mag mit uns als Gimpel leben, und da hat er Vettern g’nug.

Wer, wie Peisias’ Sohn, den Frevlern heimlich öffnen will das Tor,

Ein Zaunschlupfer mag er werden, seines Vaters würd’ge Brut;

Denn bei uns – wer wird ihn schelten, wenn er durch die Zäune schlüpft?

ZWEITER HALBCHOR.

Gesang.

Und Schwäne stimmten –

Tiotio tiotio tiotiotinx!

Lieder mit an und jauchzten laut,

Mit den Flügeln schlagend zum Preis des Apollon, –

Tiotio tiotio tiotinx!

Ruhend am Ufer, den flutenden Hebros entlang;

Tiotio tiotio tiotinx!

Und es schwang ihr Gesang sich zum Äther empor:

Tiere des Waldes, sie lauschten und stutzten,

Spiegelhell ruhten, geglättet die Wogen –

Tototo tototo tototototinx!

Widerhallte der ganze Olympos,

Staunen ergriff auf dem Thron

Die Götter, die Grazien stimmten mit ein

Und Musen in den Jubel!

CHORFÜHRER an die Zuschauer.

Nichts ist schöner, nichts bequemer, glaubt mir, als geflügelt sein!

Posito, ihr hättet Flügel, und gelangweilt fühlte sich

Ein Zuschauer hier, aus purem Hunger, durch ein Trauerspiel:

Nun, der flöge schnell nach Hause, nähm’ ein Gabelfrühstück ein,

Und mit vollem Magen käm’ er dann im Flug hierher zurück.

Wenn ein Patrokleides unter euch in Leibesnöten ist,

Braucht er’s nicht ins Hemd zu schwitzen: ›Platz, ihr Herrn!‹ – er fliegt davon,

Dampft sich aus, und wohlgelüftet kommt er flugs hierher zurück.

Wenn – ich meine nur – in eurer Mitt’ ein Ehebrecher sitzt,

Und er sieht den Mann der Dame auf den Ratsherrnbänken hier,

Über euren Häuptern fliegt er auf der Liebe Schwingen weg,

Protzt schnell ab und ist im Umsehn wieder hier auf seinem Platz!

Flügel zu besitzen – kennt ihr, sagt es selbst, ein schöner Glück?

Hat Diitrephes, der Flügel nur aus Flaschenbast besaß,

Doch zum Hauptmann, Reiteroberst sich erhoben, ist aus nichts

Nun ein großer Mann geworden, wie ein Roßhahn aufgebläht!

Zweite Szene

Der Chor. Pisthetairos und Euelpides, beide mit Vogelmasken und Flügeln. Später nacheinander: Ein Priester, ein Poet, ein Wahrsager, Meton, ein attischer Kommissär, ein Ausrufer.

PISTHETAIROS lachend.

Das wär’ vorüber! – Aber nein, bei Zeus,

So spaßhaft hab’ ich doch noch nichts gesehn!

EUELPIDES.

Was lachst du?

PISTHETAIROS lachend.

Die improvisierten Flügel! –

Du, weißt du, wem du gleichst mit deinen Federn?

‘Ner Gans, die roh ein Maler hingekleckst!

EUELPIDES.

Du einer Amsel mit gerupftem Kopf!

PISTHETAIROS.

So sind wir denn, nach Aischylos, jetzt Vögel,

»Durch fremdes nicht, durch eigenes Gefieder.«

CHORFÜHRER.

Was muß denn jetzt geschehn?

PISTHETAIROS.

Vor allem geben

Der Stadt wir einen Namen, groß und prächtig!

Dann opfern wir den Göttern!

CHORFÜHRER.

Meinetwegen!

Laßt sehn, wie nennen wir die Stadt denn gleich?

EUELPIDES.

Wollt ihr was Großes, was Lakonisches?

Benennen wir sie Sparta?

CHORFÜHRER.

Nein, da sei

Herakles vor! Wer spart da, wo es gilt

Zu baun der Vögel stolze Residenz?

EUELPIDES.

Nun, welchen Namen willst du denn?

CHORFÜHRER.

Er muß

Hoch in die Wolken, in den Weltraum ragen,

– Ein rechtes Maul voll!

PISTHETAIROS der indessen nachdenklich gestanden, ruft plötzlich.

Wolkenkuckucksburg?

Nicht wahr?

CHOR.

Ja, Wolkenkuckucksburg! Juhe!

CHORFÜHRER.

Prachtvoller Name, den du da gefunden!

EUELPIDES.

Ist das dasselbe Wolkenkuckucksburg,

Wo so viel Land Theagenes besitzt

Und Aischines sein Erbgut?

PISTHETAIROS.

Ja, wenn nicht

Dort liegt das Phlegrafeld, wo einst die Götter

Großmäulig die Titanen niedertrumpften!

CHORFÜHRER.

Ha, eine »fette« Stadt! Wer wird denn auch

Ihr Schutzpatron? Wem wirken wir den Peplos?

PISTHETAIROS.

Ich denke, wir behalten die Athene!

EUELPIDES.

Wie kann denn Ordnung sein in einer Stadt,

Wo eine Göttin steht, ein Weib, in Waffen

Bis an die Zähn’ – und Kleisthenes am Webstuhl?

PISTHETAIROS.

Wer schirmt die Mauer, die pelargische?

CHORFÜHRER.

Der Unsern einer, persischen Geblüts,

Ein Vogel, weltbekannt als hitz’ger Degen,

Des Ares Küchlein!

EUELPIDES.

Küchlein, hoher Gott,

Wie thronst du passend auf der Felsenzinne!

PISTHETAIROS zu Euelpides.

Hör, Freund, du mußt jetzt in die Luft hinauf!

Geh dort den Maurern an die Hand, zieh aus

Den Rock, und trage Stein’ und rühre Kalk,

Den Kübel trag hinauf, und fall die Leiter

Herab, stell Wachen aus, hab acht aufs Feuer,

Geh mit der Schell’ herum, und schlaf dabei,

Schick einen Herold zu den Göttern droben,

Und an die Menschen drunten einen zweiten,

Und dann zurück, meinthalb, zu mir –

EUELPIDES in den Bart murmelnd.

Und du

Bleib hier meinthalb und hole dich der –

PISTHETAIROS.

Bester,

Tu, wie ich sag’: es geht nicht ohne dich!

Euelpides ab.

Ich aber will den neuen Göttern opfern

Und zur Prozession den Priester rufen.

Abgehend zu den Sklaven.

Weihwasser, Bursch, und bring’ den Opferkorb!

DER PRIESTER kommt mit Pisthetairos.

Ich bin dabei, ich steh’ zu Dienst;

Ja, den Vorschlag heiß’ ich gut:

Laßt uns in festlichem Zug

Wallen den Göttern zu Ehren!

Und ich denke, wir schlachten auch ihnen zum Dank

Einen stattlichen Bock!

Zum Raben, der als Flötenspieler fungiert.

Voran, voran denn, pythisch Flötenspiel!

Mitpfeifen mag auch Chairis!

PISTHETAIROS zum Raben.

Hör auf zu blasen! Wetter, was ist das?

Beim Zeus, ich sah schon viel’ und närr’sche Dinge,

Doch einen Maulkorbrabenspielmann nie!

Zum Priester.

Auf, Priester, opfre jetzt den neuen Göttern!

PRIESTER.

Sogleich! Wo ist der Bursche mit dem Korbe?

Der Sklave mit dem Korb tritt vor den Priester, nimmt Fleisch usw. heraus.

Jetzt betet zur geflügelten Hestia

Und zum herdbeschirmenden Weihen,

Zu den olympischen Vögeln

Und Vögelinnen,

Zu jeder und jedem ……

PISTHETAIROS.

Heil dir auf Sunion, Seeschwallbeherrscher!

PRIESTER.

Und zum pythischen und zum delischen Schwan,

Zur ortygischen Wachtel Leto,

Und zur Waldschnepfe Artemis ……

PISTHETAIROS.

Waldfürstin einst, Waldschnepfe jetzt, erhör uns!

PRIESTER.

Und zu dem Spatzen Sabazios,

Und zur Straußin, der großen

Mutter der Götter und Menschen ……

PISTHETAIROS.

… Und Kleokrits! Heil, Straußin Kybele!

PRIESTER.

Verleiht den Wolkenkuckucksburgern

Gesundheit, Heil und Segen,

Ihnen und den Chiern!

PISTHETAIROS lachend.

Die Chier sind doch immer hinten dran!

PRIESTER.

Betet auch zu den Vogelhero’n und ihren Sprossen,

Zum Strandreiter und zum Pelikan,

Zum Steißfuß und zur Kropfgans,

Zum Perlhuhn und zum Pfauen,

Zum Kauz und zur Trappe,

Zum Krabbentaucher, zum Reiher,

Zum Urubu und zum Luruku,

Und zum Kohlmeis’chen –

PISTHETAIROS.

Zum Geier, schweig mit deinem: zumzumzum!

Schau doch das Opfer an, zu dem du Narr

Steinadler lädst und Falken! Siehst du nicht:

Ein einz’ger Weihe fräße das ja auf!

Geh fort mit deiner Priesterbinde, geh!

Ich will das Opfer schon allein verrichten.

Priester ab.

PISTHETAIROS beginnt die Zeremonie wieder.

So will ich denn ein ander Lied

Singen zur Besprengung

Mit dem heil’gen Wasser und laut

Feierlich rufen die Götter –

Oder einen zum wenigsten, denk’ ich, wofern

Noch das Futter reicht!

Denn was an Opferstücken hier zu sehn,

Ist nichts als Haut und Knochen!

Betend und den Weihkessel schwingend.

Laßt betend uns den Vogelgöttern opfern ……

EIN BETTELPOET langhaarig und zerlumpt, tritt auf und singt.

Wolkenkuckucksburg, die beglückte Stadt,

Preise mir, Muse,

Mit deiner Hymnen Wohllaut ……

PISTHETAIROS.

Was kommt da für ein Wesen? Kerl, wer bist du?

POET.

Ich bin ein honigsüßengesangausströmender

»Eifriger Diener der Musen –«

Mit Homeros zu sprechen!

PISTHETAIROS.

Wie kommst du denn als Knecht zu langem Haar?

POET.

Nicht doch! Wir all’, des Gesanges Meister,

Sind »eifrige Diener der Musen« –

Mit Homeros zu sprechen!

PISTHETAIROS.

Dein Flaus hat auch schon lang gedient: man sieht’s!

Nun sprich, Poet, was Henkers führt dich her?

POET.

Ich hab’ auf eure Wolkenkuckucksburg

Viel Oden, Hymnen, Jungfraunchör’ ersonnen,

Prachtvoll, im Stile des Simonides.

PISTHETAIROS.

Wann hast du angefangen, die zu machen?

POET.

Schon lang, schon lang besing’ ich eure Stadt!

PISTHETAIROS.

Was? Feir’ ich denn nicht just ihr Namensfest

Und sage, wie das Kindlein heißen soll?

POET singt.

Aber geschwind eilen die Kunden der Musen,

Gleich wie ein Renner blitzend dahinfährt!

Du nun, »o Vater, Gründer von Aitna,

Hieron, Name voll heiligen Klangs,

O ich bitte dich, gib,

Was du gnädig mir willst

Mit dem Haupte zunicken, o gib, gib, gib!«

PISTHETAIROS.

Der Kerl inkommodiert uns nur! Am besten,

Man gibt ihm was, so werden wir ihn los.

Zu einem Sklaven.

He du, du hast ja Rock und Lederwams,

Zieh’s aus und gib’s dem genialen Dichter!

Zum Poeten.

Da, frostiger Geselle, nimm das Wams!

POET es anziehend.

Ungern nicht empfäht das Geschenk,

Freundlich und hold die Muse;

Aber vernimm und beherzige jetzt

Dieses pindarische Lied!

PISTHETAIROS.

Ich sehe schon, der geht noch nicht vom Platz!

POET.

»Unter nomadischem Skythenvolk

Irrt Straton umher,

Der ein, wollegewoben Gewand’ nicht sein nennt!

Ruhmlos geht« ohn’ Weste das Wams –

»Aber du wirst mich verstehn!«

PISTHETAIROS.

Versteh! Du willst ‘ne Unterweste –

Zum Sklaven.

zieh

Sie aus! Die Künstler muß man unterstützen!

Zum Poeten.

Da nimm und geh jetzt!

POET.

Ja, ich geh’ von hinnen!

Und komm’ ich in die Stadt, dann sing’ ich freudig:

›Preis‹, o König auf goldenem Thron,

Preise die fröstelnde, schnatternde!

Zu dem schneeumwehten, besäten Gefild

Schwang ich mich auf: Trala!’

PISTHETAIROS.

Ei nun, der Schwank beschützt dich doch vorm Schnattern,

Indem du hier zu Wams und Weste kamst!

Poet ab.

Zum Sklaven.

Schwing’ wieder den Weihkessel jetzt im Kreis!

Andächt’ge Stille!

EIN WAHRSAGER rennt herein.

Opfre nicht den Bock!

PISTHETAIROS.

Wer bist du?

WAHRSAGER.

Ich? Ein Seher.

PISTHETAIROS drohend.

Sieh dich vor!

WAHRSAGER.

Tollkühner, spaße nicht mit Göttlichem! –

Hört einen Spruch von Bakis, der bezieht

Sich grad auf Wolkenkuckucksburg! –

PISTHETAIROS.

Warum

Hast du ihn nicht, eh’ ich die Stadt gebaut,

Verkündigt?

WAHRSAGER.

Weil der Gott es mir verbot!

PISTHETAIROS.

Nun, ist es uns vergönnt, den Spruch zu hören?

WAHRSAGER zieht eine Rolle hervor und liest.

»Aber wenn Wölfe dereinst und schwärzliche Krähen zusammen

Wohnen inmitten des Raums, der Sikyon trennt von Korinthos –«

PISTHETAIROS.

Was gehn mich hier denn die Korinther an?

WAHRSAGER.

Der Luftraum ist’s, den Bakis angedeutet!

Liest weiter.

»Opfre zuerst der Pandora den schneeweißwolligen Widder,

Aber dem ersten sodann, der dir mein Orakel verkündet,

Schenke dem Seher ein schmuckes Gewand und neue Sandalen –«

PISTHETAIROS.

Stehn die Sandalen drin?

WAHRSAGER.

Da sieh ins Buch!

»Reiche den Becher ihm dar und fülle mit Fleisch ihm die Hände –«

PISTHETAIROS.

Steht auch vom Fleisch was drin?

WAHRSAGER.

Da sieh ins Buch!

Liest.

»Tust du nach meinem Gebot und folgst mir, o göttlicher Jüngling,

Wirst du ein Aar in den Wolken! Doch wenn du die Gabe verweigerst,

Wirst du nicht Fink und nicht Spatz, nicht Adler, noch Falke, noch Grünspecht!«

PISTHETAIROS.

Das alles steht darin?

WAHRSAGER.

Da sieh ins Buch!

PISTHETAIROS.

Seltsam! Ganz anders lautet das Orakel,

Das ich bei Phoibos selbst mir aufgeschrieben.

Liest von seinem Stock ab.

»Aber wenn frech ein Gauner, ein ungebetner Schmarotzer,

Opfernde stört und begehrt von dem Opfer das Herz und die Leber,

Klopfe den Raum ihm durch, der die Schulter trennt von der Schulter!«

WAHRSAGER.

Ein schaler Spaß von dir!

PISTHETAIROS.

Da sieh ins Buch!

Liest.

»Schone des Lästigen nicht, noch des Adlers in Wolken, und wär’s auch

Lampon oder sogar der große Prophet Diopeithes!«

WAHRSAGER.

Steht alles das darin?

PISTHETAIROS.

Da sieh ins Buch –

Und geh zum Henker!

Prügelt ihn.

WAHRSAGER.

Ich geschlagner Mann!

Ab.

PISTHETAIROS.

Nun lauf woanders hin und prophezeie!

Meton tritt auf mit geometrischen Instrumenten.

METON.

Ich such’ euch heim –

PISTHETAIROS.

Schon wieder so ein Unhold?

Was willst du hier? Was brütet dein Gehirn?

Was führt dich im Kothurnschritt her zu uns?

METON.

Vermessen will ich euch das luft’ge Land

Und juchartweis’ verteilen –

PISTHETAIROS.

Alle Wetter!

Wer bist du?

METON.

Wer ich bin? Ich? – Meton, den

Ganz Hellas und Kolonos kennt!

PISTHETAIROS.

Sag an,

Was hast du da?

METON.

Das Meßzeug für die Luft!

Denn schau: die Luft ist an Gestalt durchaus

Backofenähnlich. – Nehmen wir das Reißzeug

Und setzen hier den krummgebognen Fuß

Des Zirkels ein – verstehst du?

PISTHETAIROS.

Nicht ein Wort!

METON.

Nun leg’ ich an das Lineal und bild’

Ein Viereck aus dem Kreis – hier in die Mitte

Da kommt der Markt, und alle Straßen führen

Schnurgrad zum Mittelpunkt und gehn wie Strahlen

Von ihm, als kugelrundem Stern, gradaus

Nach allen Winden –

PISTHETAIROS.

Hört! Ein zweiter Thales! –

Meton!

METON.

Was gibt’s?

PISTHETAIROS.

Ich mein’ es gut mit dir:

Drum folge mir und mach dich aus dem Staub!

METON.

Ist hier Gefahr?

PISTHETAIROS.

Man treibt hier, wie in Sparta,

Die Fremden aus! Schon mancher ward beseitigt,

Und Prügel regnet’s in der Stadt! –

METON.

Ein Putsch?

Rebellion?

PISTHETAIROS.

Nicht doch!

METON.

Was denn?

PISTHETAIROS.

Einmütig

Beschlossen ist’s – Windbeutel auszustäupen!

METON.

So muß ich mich zurückziehn?

PISTHETAIROS.

Leider ist’s

Vielleicht zu spät!

Schlägt ihn.

Schon pfeift dir’s um die Ohren!

METON.

Ach Gott, ach Gott!

Zieht ab.

PISTHETAIROS.

Hab’ ich dir’s nicht gesagt?

Vermiß du jetzt woanders, du Vermeßner!

Ein Kommissär tritt auf.

KOMMISSÄR.

Wo ist der Resident –?

PISTHETAIROS.

Wer ist denn dieser

Sardanapal?

KOMMISSÄR.

Der Kommissär, gewählt

Für Wolkenkuckucksburg.

PISTHETAIROS.

Der Kommissär?

Wer schickt dich her?

KOMMISSÄR.

Der Wisch da, ausgefertigt

Von Teleas –

PISTHETAIROS.

Ei, willst du nicht den Sold

Einstreichen gleich, die Zeit und Mühe sparen,

Und gehn?

KOMMISSÄR.

Nun ja! Zur Volksversammlung sollt’

Ich ohnehin, für Pharnakes zu wirken!

PISTHETAIROS prügelt ihn.

So packe dich, da hast du deinen Sold!

KOMMISSÄR.

Was soll das?

PISTHETAIROS.

Wirken soll’s für Pharnakes!

KOMMISSÄR zum Chor.

Man schlägt den Kommissär, ihr seid mir Zeugen!

PISTHETAIROS.

Willst du dich schieben, du mit deinen Urnen?

Kommissär ab.

Ist’s nicht empörend? Kommissäre schicken

Sie in die Stadt, noch eh’ sie eingeweiht?

Ein Ausrufer tritt auf und liest aus einer Rolle.

AUSRUFER.

»Und so ein Wolkenkuckucksburger einen

Athener injuriiert –«

PISTHETAIROS.

Was ist das? Wieder so ein Schelmenbuch?

AUSRUFER.

Gesetze hab’ ich feil, die allerneusten

Euch anzubieten kam ich her.

PISTHETAIROS.

Zum Beispiel?

AUSRUFER.

»In Wolkenkuckucksburg soll gelten gleiches

Maß und Gewicht und Recht

Wie zu Heulenburg!«

PISTHETAIROS droht ihm mit dem Stock.

Du kriegst dein Maß nach Beulenburgschem Recht!

AUSRUFER.

Mir dieses?

PISTHETAIROS.

Pack dich fort mit den Gesetzen,

Sonst lehr’ ich dich ein bitterböses kennen!

Prügelt ihn.

Der Kommissär kommt zurück mit einem Zeugen.

KOMMISSÄR.

Den Pisthetairos lad’ ich wegen Realinjurien

Vor auf den Monat Munichion!

PISTHETAIROS.

Du? Alle Wetter! Bist du auch noch da?

Prügelt ihn.

AUSRUFER.

»So aber jemand Staatspersonen nicht respektiert

Und fortjagt, der, laut Anschlag an die Säule –«

PISTHETAIROS.

Das ist zum Bersten! So, auch du noch da?

Ausrufer flieht.

KOMMISSÄR.

Wart nur! Zehntausend Drachmen sollst du mir –

PISTHETAIROS.

Ich reiß’ dir dein Dekret in tausend Fetzen!

KOMMISSÄR.

Denkst du daran, wie nachts du an die Säule – –

PISTHETAIROS.

Haha! Nun packt ihn! Willst du halten, Schurke?

Kommissär ab.

Nun laßt uns aber unverzüglich gehn

Und drin im Haus den Bock den Göttern opfern!

Ab.

ERSTER HALBCHOR.

Opfer und Gelübde weih’n

Nun dem Allsehendallgewalt’gen,

Mir fortan die Sterblichen!

Denn den Erdball überschau’ ich

Und beschirme Blüt’ und Frucht;

Ungeziefer aller Art

Rott’ ich aus, das jeden Keim,

Wie er aufschießt aus dem Grund, mit gefräß’gem Zahn benagt,

Auf den Bäumen sitzt und frißt, bis sie abgeleert und kahl;

Alles töt’ ich, was die grünen

Gärten schändet, arg verwüstet;

Alles Gewürm, was kreucht und schleicht,

Ist des Tods, soweit der Schwung

Meiner Fittiche mich trägt!

CHORFÜHRER an die Zuschauer.

Eben heut wird durch den Herold öffentlich bekanntgemacht:

»Wer Diagoras, den Melier, totschlägt, der bekommt dafür

Ein Talent; und wer der toten Volkstyrannen einen noch

Toter schlagen wird, auch dieser soll bekommen ein Talent!«

Wir nun unsrerseits, wir machen öffentlich bekannt, wie folgt:

»Wer Philokrates, den Finkler, totschlägt, der erhält zum Lohn

Ein Talent, und wer anhero ihn lebendig liefert: vier;

Weil er Finken faßt an Schnüre und für einen Obolos

Sieben gibt, und Drosseln scheußlich aufbläst und zu Markte bringt,

Und den Amseln ihre Flügel in die Nasenlöcher steckt;

Item, weil er freie Tauben fängt und in Verschläge sperrt

Und sie, selbst gebunden, andre in das Garn zu locken zwingt!

Solches tun wir euch zu wissen! Wer Geflügel hält im Hof

Eingeschlossen, fliegen lassen soll er’s! So gebieten wir!

Und gehorcht ihr nicht, dann fangen wir, die Vögel, euch: auch ihr

Sollt alsdann bei uns gebunden Menschen locken in das Garn!«

ZWEITER HALBCHOR.

Flaumbedecktes Vogelvolk,

Glücksel’ges, das im Winter nicht

Mäntel umzuwerfen braucht;

Und es sengt uns nicht des Sommers

Alldurchleuchtend heißer Strahl!

Auf den Blumenmatten wohn’ ich,

In der Blätter grünem Schoß,

Während auf dem Feld ihr Lied die Zikade, gotterfüllt,

In der Mittagsschwüle Glut, sonnetrunken, schrillend zirpt.

Winters wohn’ ich dann in Grotten,

Spiele mit des Waldes Nymphen,

Aber im Frühling naschen jungfräuliche,

Weiße Myrtenbeeren wir

In den Gärten der Grazien!

CHORFÜHRER an die Zuschauer.

Noch ein Wort, des Preises wegen, an die Richter richten wir:

Krönt ihr uns, jedwedem schenken wir des Guten Fülle dann;

Zehnmal schönre Gaben werden euch, als Paris einst empfing:

Niemals soll es – was bekanntlich Richtern über alles geht-

Niemals euch an lauriotschen Eulen fehlen: ja, sie baun

Dann ihr Nest bei euch und hecken, legen in den Beutel euch

Eier, und als Küchlein schlüpfen lauter junge Dreier aus.

Ferner sollt ihr, wie in Tempeln, wohnen: denn wir setzen euch

Auf den Giebel eurer Häuser einen Adler obenauf.

Fällt durchs Los euch zu ein Ämtchen, und ihr sacktet gern was ein,

Spielen wir euch an die Hände eines Habichts flinke Klau’n.

Eßt ihr wo zu Gaste, geben wir euch Vogelkröpfe mit. –

Aber wollt ihr uns nicht krönen, setzt dann nur Blechhauben auf,

Den Statuen gleich, und jeder unter euch, der keine trägt,

Wird gerad, wenn er im weißen Mantel prangt, wie er’s verdient,

Vom gesamten Volk der Vögel überschissen um und um!

Dritte Szene

Der Chor. Pisthetairos. Dann: Boten. Iris. Ein Herold. Ein ungeratener Sohn. Kinesias. Ein Sykophant.

PISTHETAIROS.

Das Opfer lief noch günstig ab, ihr Vögel! –

Warum vom Mauerbau kein Bote noch

Uns Meldung bringt, wie’s droben steht? – Doch sieh,

Da kommt ja mit Alpheioshast schon einer!

Ein Vogel tritt auf als Bote.

BOTE keuchend.

Wo, wo, wo ist, wo ist er wohl, wo ist

Der Archon Pisthetairos?

PISTHETAIROS.

Hier bin ich!

BOTE.

Die Mauer ist gebaut!

PISTHETAIROS.

Willkommne Botschaft!

BOTE.

Ein Wunderwerk von kolossaler Pracht,

So breit, daß drauf Proxenides aus Prahlheim

Und Held Theagenes mit zwei Karossen

Und Rossen, wie das troische, bequem

Vorüber aneinander jagen –

PISTHETAIROS.

Oh!

BOTE.

Die Höh’ – »ich hab’ sie selber ausgemessen« –

Ist hundert Klafter!

PISTHETAIROS.

Hoch, erstaunlich hoch!

Wer hat denn dieses Riesenwerk erbaut?

BOTE.

Die Vögel! – Kein ägypt’scher Ziegler half,

Kein Zimmermann, kein Steinmetz! – Sie allein

Mit eigner Hand vollbrachten’s! Staunend sah ich’s:

Es kamen dreißigtausend Kraniche

Aus Libyen, mit Grundsteinen in den Kröpfen,

Die von den Schnärzen dann behauen wurden;

Backsteine lieferten zehntausend Störche,

Und Wasser trugen in die Luft hinauf

Die Taucher und die andern Wasservögel.

PISTHETAIROS.

Wer trug den Lehm denn ihnen zu?

BOTE.

Die Reiher,

In Kübeln –

PISTHETAIROS.

Und wie füllten sie sie denn?

BOTE.

Gar sinnreich, Bester, stellten sie das an!

Die Gänse patschten, mit den Füßen schaufelnd,

Drin ‘rum und schlenkerten ihn in den Kübel.

PISTHETAIROS.

»Was alles doch die Füße nicht vermögen!«

BOTE.

Ja selbst die Enten schleppten, hochgegürtet,

Backstein’; und hintendrein, mit Kellen oben

Am Rücken, wie Lehrbuben, und die Schnäbel

Voll Lehm – so kamen Schwalben angeflogen.

PISTHETAIROS.

Wer wird jetzt noch zum Bau’n Taglöhner dingen? –

Doch sagt, wer hat die Zimmerarbeit denn

Gemacht?

BOTE.

Die Zimmerleute waren Vögel,

Geschickte Tannenpicker: die behackten

Das Holz zu Flügeltüren, und das pickte

Und sägt’ und hämmerte, wie auf der Schiffswerft.

Und nun ist alles wohlverwahrt mit Toren,

Mit Schloß und Riegel, und rundum bewacht:

Patrouillen ziehn herum, die Glocke schellt,

Wachtposten überall, und Feuerzeichen

Auf allen Türmen! – Doch nun muß ich gehn,

Mich abzuwaschen! Sorge du jetzt weiter!

Ab.

CHORFÜHRER zu Pisthetairos.

Du, nun, was ist dir? Staunst du, daß die Mauer

Mit solcher Schnelligkeit zustande kam?

PISTHETAIROS.

Bei allen Göttern, ja, es ist zum Staunen!

Es sieht in Wahrheit aus wie eine Lüge!

Doch sieh, da stürzt ein Wächter von der Höh’

Grad auf uns zu, mit Waffentänzerblicken!

Zweiter Bote tritt auf.

BOTE.

O weh, o weh, o weh, o weh, o weh!

PISTHETAIROS.

Was gibt’s?

BOTE.

Entsetzliches ist vorgefallen!

Der Götter einer, von dem Hof des Zeus,

Flog eben durch das Stadttor, unbemerkt

Von unsrer Dohlenwacht, hier in die Luft!

PISTHETAIROS.

Abscheulicher, verruchter Frevel! Ha,

Wer ist der Gott?

BOTE.

Wir wissen nichts, als nur:

Er hatte Flügel!

PISTHETAIROS.

Und ihr verfolgtet ihn

Nicht gleich mit Grenzbereitern?

BOTE.

Doch! Wir schickten

Gleich dreißigtausend Falken, reisige Jäger,

Ihm nach: was Krallen hat, ist ausgerückt,

Turmeule, Bussard, Geier, Weih und Adler;

Vom Flügelschwirren, Kreischen, Rauschen dröhnt

Die Luft, sie alle fahnden nach dem Gott.

Fern ist er nicht, er steckt wohl hier herum

Schon irgendwo!

Ab.

PISTHETAIROS.

Zur Schleuder greift, zum Bogen!

Es wappne sich die ganze Dienerschaft!

Hierher! Legt an! Mir eine Schleuder! Schießt!

Getümmel.

CHOR.

Krieg! Zu den Waffen! Krieg,

Unerhört blutiger,

Wider die Götter! Auf,

Schließet mit Wachen ein

Rund den umwölkten Raum,

Erebos’ Kind, die Luft,

Daß nicht der Gott uns hier

Durchschlüpft im Luftrevier!

CHORFÜHRER.

Schaut all’ euch um und paßt wohl auf! »Er schwebt

Schon in der Näh’ herum, der Gott! Zu hören

Ist schon das Rauschen seines Flügelschlags!«

Iris fliegt herab.

PISTHETAIROS.

He, Jüngferchen, wo fliegst du hin? Nur sacht!

Halt stille! Rühr dich nicht! Ich sag’ dir: Halt!

Wer bist du, he? Woher? Wo kommst du her?

IRIS.

Ich komme von den Göttern des Olymps.

PISTHETAIROS.

Wie nennst du dich denn? Schlapphut oder Boot?

IRIS.

Iris, die schnelle Botin!

PISTHETAIROS.

So? Ein Boot?

Salaminia oder Paralos?

IRIS.

Was meinst du?

PISTHETAIROS.

Geht denn kein Stößer auf sie los?

IRIS.

Auf mich?

Was soll das geben?

PISTHETAIROS.

Dir den Jungfernstoß!

IRIS.

Bist du verrückt?

PISTHETAIROS.

Zu welchem Tor der Festung

Bist du hereingekommen, freche Dirne?

IRIS.

Durch welches Tor? Bei Zeus, das weiß ich nicht!

PISTHETAIROS zum Chor.

Hört, wie sie schnippisch tut!

Zu Iris.

Du warst doch auf

Der Dohlenhauptwacht? He? Du ließ’st den Paß

Dir auf der Storchenpolizei visieren?

Nicht?

IRIS.

Unsinn!

PISTHETAIROS.

Nicht?

IRIS.

Bist du bei Trost?

PISTHETAIROS.

So gab

Kein Vogeloffizier dir eine Marke?

IRIS.

Du Narr, wer wird mir was gegeben haben!

PISTHETAIROS.

So, so! Du fliegst da nur so mir nichts dir nichts

Durch fremdes Stadtgebiet, durch unsre Luft?

IRIS.

Wo durch denn sollen sonst die Götter fliegen?

PISTHETAIROS.

Das weiß ich nicht, bei Zeus! Nur hier durch nicht!

IRIS.

Du frevelst!

PISTHETAIROS.

Weißt du, daß nach dem, was du

Getan, von sämtlichen Irissen keiner

Mehr recht geschäh’ als dir, wenn wir dich henkten?

IRIS.

Ich bin unsterblich!

PISTHETAIROS.

Sterben müßtest du

Trotzdem! Das wär’ ja gar zu toll, wenn wir,

Die Herrn der Welt, euch Götter machen ließen,

Was euch gelüstet! Merkt’s einmal: die Reih’

Ist nun an euch, dem Stärkern zu gehorchen! –

Inzwischen sag, wo steuerst du jetzt hin?

IRIS.

Ich? Zu den Menschen schickt mich Vater Zeus!

Ich soll sie mahnen, den olymp’schen Göttern

Zu opfern Schaf’ und Ochsen, und die Straßen

Mit Fettdampf anzufüllen –

PISTHETAIROS.

Welchen Göttern?

IRIS.

Wem? Uns, den Göttern, die im Himmel thronen!

PISTHETAIROS.

Ihr – Götter?

IRIS.

Welche Götter gibt’s denn sonst?

PISTHETAIROS.

Die Vögel sind jetzt Götter! Ihnen müssen

Die Menschen opfern, nicht, bei Zeus! dem Zeus.

IRIS.

»Tor, frevler Tor«, erwecke nicht den Grimm

Der Götter, daß nicht »Dike dein Geschlecht

Ausreute mit dem Rachekarst des Zeus«

Und mit »likymnischen Glutblitzen dich

Und deines Hauses Zinnen niederäschre!«

PISTHETAIROS.

Du, hör jetzt auf, den Schwall mir vorzusprudeln!

Glaubst du, du hast ‘nen Lyder oder Phryger

Vor dir, den solcher Kinderpopanz schreckt?

Ich sag’ dir: wenn mich Zeus noch weiter ärgert,

Werd’ ich sein Marmorhaus, »Amphions Hallen«,

»Durch blitzumkrallende Adler niederäschern!«

Porphyrionen schick’ ich in den Himmel

Nach ihm, beschwingte, pardelfellumhüllte,

Mehr als sechshundert: hat ihm doch ein einz’ger

Porphyrion schon heiß genug gemacht!

Dich, Zofe, krieg’ ich, wenn du mich noch reizt,

Zuerst am Bein, und bohre durch und durch

Die Iris, daß sie staunen soll, wie rüstig

Ich alter Knab’ noch Stoß auf Stoß versetze!

IRIS.

Erstick an deinen Worten, Niederträcht’ger!

PISTHETAIROS.

Hinaus mit dir! Husch, husch! Hinaus zum Tempel!

IRIS fortfliegend.

Mein Vater wird die Frechheit dir vertreiben!

PISTHETAIROS.

O weh, ich zittre! – Geh wo anders hin

Und schreck’ und »äschre« jüngre Leute nieder!

CHOR.

Ja, wir verkünden euch

Göttern von Zeus’ Geblüt:

Daß ihr durch unsre Stadt

Nie zu passieren wagt!

Keiner der Sterblichen

Sende vom Opferherd

Ihnen durch unser Reich

Weihrauch und Bratenduft!

PISTHETAIROS.

Seltsam! Der Herold, den wir an die Menschen

Gesandt, er ist noch immer nicht zurück!

Ein Vogel tritt auf als Herold.

HEROLD.

O Pisthetairos, o du Glücklichster,

Du Klügster, Weisester, Gepriesenster,

Geruh’, o dreimal Sel’ger –

PISTHETAIROS.

Nun, heraus!

HEROLD.

Dich schmücken, deine Weisheit tief anbetend,

Mit diesem goldnen Kranz des Erdballs Völker.

Überreicht ihn.

PISTHETAIROS.

Schön Dank! Allein wie komm’ ich zu der Ehre?

HEROLD.

Der weltberühmten Luftstadt hoher Gründer!

So weißt du nicht, wie dir die Menschen huld’gen,

Wieviel Verehrer du im Lande hast?

Eh’ du die neue Stadt gebaut, war alles

Lakonomane, ging mit langem Haar,

War schmutzig, hungerte, trug Knotenstöcke,

Sokratisierte: jetzt dagegen gibt’s

Ornithomanen nur, und alles äfft

Mit wahrer Herzenslust die Vögel nach:

Gleich morgens fliegen aus dem Federbett

Sie aus wie wir zu ihrem Leib-Gericht,

Dann lassen auf Buchblättern sie sich nieder

Und weiden sich an fetten – Volksbeschlüssen.

So umgevogelt sind sie ganz und gar,

Daß viele jetzt schon Vögelnamen tragen:

Rebhuhn, zum Beispiel, heißt der hinkende

Weinschenk; Menippos: Schwalbe; Rabe heißt

Opuntios, der Einäugige; Fuchsente

Theagenes; Schopflerche heißt Philokles;

Lykurgos: Ibis; Syrakosios

Heißt: Elster; Chairephon: die Fledermaus,

Und Meidias dort

Nach den Zuschauerbänken deutend.

die Wachtel: denn er gleicht

Ihr ganz, wenn sie im Spiel Kopfnüsse kriegt.

Auch ihre Lieder all’ sind vogeltümlich,

Und Schwalben sind in allen angebracht,

Kriekenten, Gänschen, Turteltäubchen, immer

Geflügel oder doch ein wenig Federn.

So steht es dort! – Nur dieses noch: Es kommen

Mehr als zehntausend gleich dort unten ‘rauf,

Die wollen modische Klau’n und Flügel: schafft

Drum Federn an für all die Kolonisten!

PISTHETAIROS.

Potz Zeus, da dürfen wir nicht müßig stehn!

Zum Herold.

Du, lauf hinein und fülle Körb’ und Kübel

Und Fässer an mit Federn!

Herold ab.

Zu einem Sklaven.

Manes, du

Spedierst sodann die Flügel hier vors Haus!

Und ich empfange hier die werten Gäste!

ERSTER HALBCHOR.

Bald wird als »männerreich« die Stadt

Gepriesen sein auf Erden!

PISTHETAIROS nimmt dem Sklaven einen Korb voll Federn ab.

Glück zu! Es mag gelingen!

ERSTER HALBCHOR.

Sie schwärmen ja förmlich für unsre Stadt!

PISTHETAIROS zu den Sklaven.

Wie langsam! Macht doch schneller!

ERSTER HALBCHOR.

Denn was könnten hier Fremde,

Einwandrer vermissen,

Wo die Weisheit, die Liebe, ambrosische Lust

Und behagliche Ruhe mit heitrem Gesicht

Uns stets entgegenlächelt?

PISTHETAIROS zu dem Sklaven.

Wie träg’ du bist, wie lendenlahm!

Willst du dich rühren, Schlingel?

ZWEITER HALBCHOR.

So mach dem Kerl nur Füße

Mit der Peitsche! Hurtig!

Er schlendert so lahm wie ein Esel daher!

PISTHETAIROS.

Faul ist und bleibt der Manes!

ZWEITER HALBCHOR.

Nun sortiere die Federn

Und leg sie in Ordnung,

Die prophetischen hier, die melodischen da,

Und die schwimmenden dort! Psychologischen Blicks

Verteilst du dann die Federn!

PISTHETAIROS zu den Sklaven.

Beim Schuhu! Länger seh’ ich’s nicht mit an:

Die Peitsche schwingend.

Ich helf’ euch auf die Beine, faules Pack!

Ein ungeratener Sohn tritt auf und singt.

UNGERATENER SOHN.

»O wär’ ich ein Adler in Lüften hoch

Und trügen mich über das wüste Gefild

Des blauen Meeres die Schwingen!«

PISTHETAIROS.

Ich seh’, der Herold war kein Lügenbold!

Da kommt schon einer, der von Adlern singt.

UNGERATENER SOHN.

Nichts Süßres auf der Welt als Fliegen – herrlich

Ist doch die Vögelkonstitution!

Ich bin ganz vogeltoll, ich flieg’, ich brenne

Bei euch zu sein, nach eurem Brauch zu leben!

PISTHETAIROS.

Nach welchem? Unsrer Bräuche sind gar viel!

UNGERATENER SOHN.

Nach allen, doch vor allen lob’ ich mir

Den, daß man seinen Vater schlägt und beißt.

PISTHETAIROS.

Nun ja, wir halten’s für Bravour an Jungen,

Wenn sie nach ihren Vätern hau’n und kratzen!

UNGERATENER SOHN.

Drum möcht’ ich, naturalisiert bei euch,

Erwürgen meinen Vater und beerben.

PISTHETAIROS.

Gut! Doch wir Vögel haben ein Gesetz,

Uralt, im Storchenkodex aufbewahrt:

»Wenn seine Jungen, bis sie flügge sind,

Ein Storchenvater nährt und pflegt, dann sollen

Dafür die Jungen ihren Vater pflegen!«

UNGERATENER SOHN.

Das lohnt sich schon der Müh’ hierherzukommen,

Wenn ich den Vater auch noch füttern soll!

PISTHETAIROS.

Nu, nu! – Weil du doch guten Willen zeigst,

Will ich als Waisenvogel dich befiedern.

»’Nen guten Rat«, mein Junge, »geb’ ich dir

Darein, den ich als Knabe mir gemerkt«!

Schlag deinen Vater nicht! Da nimm den Flügel

Und hier den Hahnensporn, und diesen Busch

Nimm für ‘nen Hahnenkamm,

Gibt ihm Schild, Schwert und Helm.

und zieh ins Feld,

Steh Wache, schlag dich durch mit deiner Löhnung,

Laß deinen Vater leben! – Willst du kämpfen,

Flieg hin nach Thrakien und kämpfe dort!

UNGERATENER SOHN.

Beim Dionysos! nicht der schlimmste Rat!

Ich folge dir!

Ab.

PISTHETAIROS.

Das wird das klügste sein!

Kinesias tritt auf und singt.

KINESIAS.

»Auf zum Olymp feurigen Schwungs

Flieg’ ich mit flüchtigem Fittich!«

Vagabundisch flieg’ auf den Bahnen des Lieds

Kühn ich herum –

PISTHETAIROS.

Das Wesen braucht allein ‘ne Ladung Federn!

KINESIAS.

Und dem Neuesten stets

Huldig’ ich, stark so am Geist wie am Leib!

PISTHETAIROS.

Du da, Kinesias, Mann von Lindenholz!

Was schwebelt hier dein Säbelbein herum?

KINESIAS.

In ein Vöglein wär’ ich, die Nachtigall,

Die melodische, gerne verwandelt!

PISTHETAIROS.

Nun laß das Trillern! Sprich in schlichten Worten!

KINESIAS.

Von dir beflügelt möcht’ ich hoch mich schwingen

Und aus den Wolken mir schneeflockenduft’ge,

Windsbrautumsauste Dithyramben holen!

PISTHETAIROS.

Wer wird sich aus den Wolken Lieder holen?

KINESIAS.

An diese knüpft sich unsre ganze Kunst!

Ein Dithyramb, ein glänzender, muß luftig,

Recht dunkel, nebelhaft und nachtblau sein,

Und sturmbefitticht – etwa so – vernimm!

PISTHETAIROS.

Bedanke mich!

KINESIAS.

Nein, beim Herakles, nein!

Die ganze Luft durchflieg’ ich gleich mit dir:

Singt.

Die Gebilde der luftdurchsteuernden,

Halsausreckenden Vögel –

PISTHETAIROS.

O hop, halt ein!

KINESIAS.

Wohl über die Wogen, wie Windeswehen,

Die wallenden, wünsch’ ich zu wandeln –

PISTHETAIROS.

Wart, Wicht, den Winden weisen wir den Weg!

Packt ihn und dreht ihn rechts und links herum.

KINESIAS singt dazu.

Bald gegen den Süd hinsteuernd und bald

In des Boreas Kühle die Glieder getaucht,

Hafenlos luftige Furchen durchschneidend –

Sprechend.

Sehr artig, Alter, muß gestehn, recht fein!

PISTHETAIROS reißt ihn herum.

So sturmbefitticht – bist du nicht zufrieden?

KINESIAS.

Das beutst du mir, dem Dithyrambenmeister,

Um den die Stämme jedes Jahr sich reißen?

PISTHETAIROS.

Hör, willst du, hagrer Leotrophides,

Hier bleiben und ‘nen Vogelchor einüben

Für den Kerkopenstamm?

KINESIAS.

Du spottest mein!

Ich aber sag’ dir: ruhen werd’ ich nicht,

Bis ich beflügelt durch die Lüfte schwebe.

Ab.

Ein Sykophant tritt auf.

SYKOPHANT.

»Was für Vögel sind denn das, von Gefieder bunt«,

Doch im übrigen bettelarm?

Sprich, »du flügelausreckende, bunte Schwalbe!«

PISTHETAIROS.

Nun kommt die schwere Not uns auf den Hals!

Da gluckst und überläuft uns wieder einer.

SYKOPHANT.

Noch einmal: »flügelausreckende, bunte« –

PISTHETAIROS.

Der, scheint es, spielt auf seinen Mantel an:

Der braucht wohl mehr als einer Schwalbe Flaum.

SYKOPHANT.

Wer sorgt hier für Befiederung der Fremden?

PISTHETAIROS.

Der Mann bin ich! Was steht zu Dienst? Sag an!

SYKOPHANT.

Ei, Flügel, Flügel! Was bedarf’s der Frage?

PISTHETAIROS.

Du denkst wohl nach Pellene hinzufliegen?

SYKOPHANT.

O nein, ich bin Gerichtsbot’ auf den Inseln

Herum und –

PISTHETAIROS.

Sykophant? – Ein schönes Amt!

SYKOPHANT.

Prozeßaufspürer! Um von Stadt zu Stadt

Zitierend mich zu schwingen, brauch’ ich Flügel.

PISTHETAIROS.

Geht das Zitieren denn mit Flügeln besser?

SYKOPHANT.

O nein, es ist nur der Piraten wegen!

Und heim dann kehr’ ich mit den Kranichen,

Statt mit Ballast den Kropf gefüllt mit – Klagen!

PISTHETAIROS.

Das ist dein Handwerk also! Noch so jung

Und schon Spion und Sykophant auf Reisen?

SYKOPHANT.

Was soll ich machen? Graben kann ich nicht –

PISTHETAIROS.

Es gibt, bei Gott, doch ehrliche Gewerbe,

Von denen sich ein Mensch in deinem Alter

Ernähren sollt’, und nicht vom Händelstiften!

SYKOPHANT.

Salbader! Flügel brauch’ ich, nicht Moral!

PISTHETAIROS.

Mit meinem Wort beflügl’ ich dich!

SYKOPHANT.

Wie soll

Mich das beflügeln?

PISTHETAIROS.

Ei, durch Worte macht

Man jedem Flügel!

SYKOPHANT.

So?

PISTHETAIROS.

Und hast du nie

Gehört, wie Väter in den Baderstuben

Vor jungen Leuten manchmal also sprachen:

›Mein Jung’ hat Schwung, Diitrephes beflügelt

Ihn durch sein Wort – zum Reiten und zum Fahren!‹

Ein andrer meint: der seine habe Schwung

Fürs Trauerspiel, hochfliegend sei sein Geist –

SYKOPHANT.

So könnten Worte Flügel geben?

PISTHETAIROS.

Freilich!

Durch Worte schwingt der Genius sich auf,

Der Mensch erhebt sich! – Und so will auch ich

Mit wohlgemeinten Worten dich beflügeln

Zur Ehrlichkeit –

SYKOPHANT.

Das willst du? – Ich will nicht!

PISTHETAIROS.

Was willst du denn?

SYKOPHANT.

Nicht schänden mein Geschlecht!

Ererbt hab’ ich das Sykophantenhandwerk:

Drum gib mir schnelle, leichte Fittiche,

Vom Habicht oder Falken, daß die Fremden

Ich herzitieren, hier verklagen kann

Und dann ausfliegen abermals –

PISTHETAIROS.

Verstehe!

Du meinst: gerichtet soll der Fremde sein,

Noch eh’ er hier ist?

SYKOPHANT.

Völlig meine Meinung!

PISTHETAIROS.

Er schifft hierher, indes du dorthin fliegst,

Um sein Vermögen wegzukapern?

SYKOPHANT.

Wohl!

Flink wie ein Kreisel muß das gehn!

PISTHETAIROS.

Verstehe!

Ganz wie ein Kreisel! – Ei, da hab’ ich eben

Scharmante Flügel von Kerkyra – schau!

Zeigt ihm die Peitsche.

SYKOPHANT.

Au weh, die Knute!

PISTHETAIROS.

Schwingen sind’s, mit denen

Du mir hinschwirren sollst ›flink wie ein Kreisel!‹

Peitscht ihn durch.

SYKOPHANT.

Au, au!

PISTHETAIROS.

So fliege doch, Halunke, fliege!

Erzgauner, tummle dich, frischauf! – Ich will

Die Rechtsverdreherpraxis dir versalzen!

Sykophant ab.

Zu den Sklaven.

Nun packt die Federn ein! Wir wollen gehn!

Ab.

ERSTER HALBCHOR.

Viel des Neuen, Wunderbaren

Haben wir auf unserm Flug

Schon gesehn! Vernehmt und staunet:

Aufgeschossen, fern von Kardia,

Ist ein seltsam fremder Baum,

Und der heißt: Kleonymos –

Ist im Grund zu nichts zu brauchen,

Aber stämmig sonst und groß;

Sykophantenfrüchte trägt er

Stets im Frühling, goldumlaubte, –

Aber nackt im Wintersturme

Steht er da, schildblätterlos!

ZWEITER HALBCHOR.

In der ampellosen Wüste,

Der ägypt’schen Finsternis

Nah gelegen ist ein Land;

Allda schmausen und verkehren

Menschen mit Heroen immer

Früh, doch spät am Abend nicht!

Denn geheuer ist es nicht,

Ihnen zu begegnen nachts:

Würd’ ein Sterblicher dem Heros

Da begegnen, dem Orestes, –

Schwer vom Schlag getroffen würd’ er,

Ausgezogen bis aufs Hemd!

Vierte Szene

Chor. Prometheus. Pisthetairos.

PROMETHEUS vermummt, ängstlich.

Ach Gott, ach Gott, daß Zeus mich nur nicht sieht! –

Wo ist der Pisthetairos?

Pisthetairos kommt heraus.

PISTHETAIROS.

He, was soll

Der Mummenschanz?

PROMETHEUS.

Pst! Siehst du keinen Gott

Da hinter mir?

PISTHETAIROS.

Bei Zeus, ich sehe nichts!

Wer bist du?

PROMETHEUS.

Welche Zeit ist’s wohl am Tag?

PISTHETAIROS.

Je nun, ich denk’: ein wenig über Mittag!

Wer bist du denn?

PROMETHEUS.

Bald Feierabend? He?

PISTHETAIROS.

Nun wird mir’s bald zu toll!

PROMETHEUS.

Was macht auch Zeus?

Klärt er den Himmel auf? Umwölkt er ihn?

PISTHETAIROS.

Zum Henker –

PROMETHEUS.

Nun, so will ich mich enthüllen!

Tut es.

PISTHETAIROS.

Prometheus, Teurer –

PROMETHEUS.

Schrei nicht! Mäuschenstill!

PISTHETAIROS.

Was hast du?

PROMETHEUS.

Nenne meinen Namen nicht!

Es ist mein Tod, wenn Zeus mich hier erblickt.

Nun laß dir sagen, wie’s da oben steht!

Nimm hier den Sonnenschirm und halte mir

Ihn über, daß die Götter mich nicht sehn!

PISTHETAIROS.

Haha, haha!

Echt prometheïsch, sinnreich vorbedacht!

Macht den Schirm auf.

So, steh da unter, sprich und fürcht’ dich nicht!

PROMETHEUS.

Nun hör einmal!

PISTHETAIROS.

Ich bin ganz Ohr.

PROMETHEUS.

Mit Zeus

Ist’s aus!

PISTHETAIROS.

Ist’s aus? Der Tausend! Und seit wann?

PROMETHEUS.

Seitdem ihr in der Luft euch angebaut!

Den Göttern opfert keine Seele mehr

Auf Erden, und kein Dampf von fetten Schenkeln

Steigt mehr zu uns empor seit dieser Zeit.

Wir fasten, wie am Thesmophorienfest,

Kein Altar raucht, und die Barbarengötter

Schrei’n auf vor Hunger, kreischen auf illyrisch

Und drohn, den Zeus von oben zu bekriegen,

Wenn er kein Ende macht der Handelssperre

Und freie Einfuhr schafft dem Opferfleisch!

PISTHETAIROS.

Gibt’s denn Barbarengötter auch bei euch

Und über euch?

PROMETHEUS.

Barbaren freilich, wie

Der Schutzpatron des Exekestides.

PISTHETAIROS.

Wie heißen die Barbarengötter denn

Mit Namen?

PROMETHEUS.

Wie? Triballen!

PISTHETAIROS.

Ich versteh’:

Ihr Zorn trieb allen Göttern Angstschweiß aus!

PROMETHEUS.

So ist’s! Nun aber laß noch eins dir sagen:

Gesandte kommen bald zur Unterhandlung

Hier an von Zeus und den Triballen droben!

Laßt euch nicht ein mit ihnen, wenn nicht Zeus

Das Zepter wieder abtritt an die Vögel

Und dir zum Weib die Basileia gibt.

PISTHETAIROS.

Wer ist die Basileia?

PROMETHEUS.

Oh, ein Mädchen

Blitzschön, und hat zum Donnern das Geschoß

Des Zeus, die ganze Wirtschaft unter sich,

Recht, Politik, Gesetz, Vernunft, Marine,

Verleumdung, Staatsschatz, Taglohn und Besoldung!

PISTHETAIROS.

Verwaltet sie das alles?

PROMETHEUS.

Wie ich sage!

Bekommst du sie von ihm, dann hast du alles!

Drum bin ich hergekommen, dir’s zu sagen:

Denn für die Menschen feurig brennt mein Herz!

PISTHETAIROS.

O ja, wir backen Fisch’ an deinem Feuer.

PROMETHEUS.

Du weißt, voll Götterhaß ist meine Brust.

PISTHETAIROS.

Der Götter Haß – den hast du! Ja, du bist

Ein wahrer Timon!

PROMETHEUS.

Muß jetzt fort! Den Schirm!

Damit mich Zeus, wenn er heruntersieht,

Für einer Festkorbträg’rin Diener hält.

Ab.

PISTHETAIROS.

Nimm auch den Stuhl, als heil’ger Klappstuhlträger!

CHOR.

Nah beim Land der Schattenfüßler

Liegt ein See, wo Sokrates

Ungewaschen Geister bannt. –

Um zu schauen seinen mut’gen

Geist, der lebend ihm entwischt,

Kam Peisandros auch dahin:

Ein Kamel von einem Lamm

Bracht’ er mit und stach’s durchs Herz,

Trat zurück dann, wie Odysseus –

Da entstieg der Tiefe, lechzend

Nach dem Herzblut des Kameles,

– Chairephon, die Fledermaus!

Fünfte Szene

Der Chor. Pisthetairos. Poseidon. Herakles. Der Triballe.

POSEIDON tritt auf, zum Herakles.

Da siehst du Wolkenkuckucksburg vor dir,

Die Stadt, wohin wir als Gesandte ziehn.

Zum Triballen.

Nein, wirft sich der den Mantel linkisch um!

Schlag ihn doch über, wie’s der Brauch verlangt!

Geht dir’s wie dem Laispodias, armer Tropf? –

Demokratie, wo bringst du uns noch hin,

Wenn Götter solche Kerls zu Ämtern wählen!

DER TRIBALLE.

‘S Maul holten, du!

POSEIDON.

Zum Henker! So barbarisch

Wie den, hab’ ich noch keinen Gott gesehn!

Was tun wir nun, Herakles?

HERAKLES.

Wie ich sage:

Ich dreh’ dem Kerl den Hals um, der es wagt,

Die freie Luft den Göttern zu vermauern!

POSEIDON.

Doch, Freund, zur Unterhandlung schickt man uns.

HERAKLES.

Um so gewisser gurgl’ ich grad ihn ab!

PISTHETAIROS ruft in die Küche hinein.

Die Käseraspel! – Bring’ mir den Asant!

Gut! Und den Käs! So schür doch auch die Kohlen!

HERAKLES zu Pisthetairos.

Du, Mensch, wir Götter, unsrer drei, wir bieten

Dir unsern Gruß!

PISTHETAIROS unter der Türe beschäftigt.

Ich reib’ Asant darauf!

HERAKLES.

Was ist denn das für Fleisch?

PISTHETAIROS ohne sich umzusehen.

Von Vögeln, die

Der Volksgewalt der Vögel trotzend – Unrecht

Zu haben schienen!

HERAKLES.

Und da reibst du nun

Asant darauf?

PISTHETAIROS sich umsehend.

Herakles? Ei, willkommen!

Was schaffst du hier?

HERAKLES.

Die Götter senden uns,

Um gütlich diesen Krieg –

PISTHETAIROS ruft hinein.

Geschwind! Im Krug

Ist nicht ein Tropfen Öl mehr! – Schwimmen müssen

Im Fett gebratne Vögel! So gehört sich’s!

HERAKLES.

Wir sehen keinen Vorteil ab beim Krieg,

Ihr aber, wollt ihr’s mit den Göttern halten,

Habt Regenwasser g’nug in allen Pfützen

Und lebt von nun an halkyonische Tage.

Hierfür ist unsre Vollmacht unbeschränkt!

PISTHETAIROS.

Wir haben nicht zuerst den Krieg mit euch

Begonnen; ja wir wollen, wenn nur ihr

Gefälligst tut, was recht und billig ist,

Gern Frieden machen; recht und billig aber

Ist es, daß Zeus das Zepter uns, den Vögeln,

Zurückgibt! Wollt ihr? – Nun, dann habt ihr Frieden!

Und die Gesandten lad’ ich ein zum Frühstück!

HERAKLES.

Annehmlich scheint mir das; ich stimme: Ja!

POSEIDON.

Was denkst du? – O du Freßmaul! O du Tölpel!

Den Vater willst du um die Herrschaft bringen?

PISTHETAIROS.

Meinst du? – Vergrößert nur wird eure Macht,

Ihr Götter, wenn die Vögel drunten herrschen!

Jetzt ducken unterm Wolkendach die Menschen

Sich schlau und schwören täglich falsch bei euch.

Doch, habt ihr zu Verbündeten die Vögel

Und schwört ein Mensch beim Geier und beim Zeus

Und hält’s nicht: fliegt der Geier ihm urplötzlich

Aufs Haupt und hackt und kratzt das Aug’ ihm aus.

POSEIDON.

Ja, beim Poseidon! Der Beweis ist schlagend!

HERAKLES.

Das mein’ ich doch!

Zum Triballen.

Und du?

DER TRIBALLE.

Heim gan wir drei!

HERAKLES.

Du hörst: er meint, ‘s geht an!

PISTHETAIROS.

Nun höret weiter!

Noch vieles tun wir sonst zu eurem Besten:

Gelobt ein Mensch den Göttern Opferfleisch

Und meint dann pfiffig: ›Götter können warten‹,

Und zahlt die Schuld nicht ab aus purem Geiz –

Wir treiben sie schon ein!

POSEIDON.

Wie macht ihr das?

PISTHETAIROS.

Wenn so ein Mensch sein Geldchen grade hin

Und her zählt oder just im Bade sitzt,

Da schießt ein Weih herunter, rapst das Geld

Ihm für zwei Schafe weg und bringt’s dem Gotte!

HERAKLES.

Ich stimme, wie gesagt, dafür, das Zepter

Ihm abzutreten!

POSEIDON.

Frag auch den Triballen!

HERAKLES seitwärts zum Triballen.

Triballe, soll er Prügel –

DER TRIBALLE.

Ja, stockprügeln ik

Schon wollen dik!

HERAKLES.

Er will! Du hörst es selbst!

POSEIDON.

Gefällt’s euch so, so kann’s auch mir gefallen!

HERAKLES zu Pisthetairos.

Du, mit dem Zepter hat es keinen Anstand!

PISTHETAIROS.

Nun gut! – Doch halt, da fällt mir noch was ein!

Die Hera überlass’ ich gern dem Zeus,

Doch fordr’ ich dann die Jungfrau Basileia

Zum Weib!

POSEIDON.

Dir ist’s nicht Ernst mit dem Vertrag!

Kommt! Laßt uns gehn!

PISTHETAIROS.

Mir gilt es gleich!

Ruft hinein.

Du Koch,

Ich sag’ dir, mach die Sauce nur recht süß!

HERAKLES.

Bleib doch, Poseidon, wunderlicher Kauz!

Krieg um ein Weib – wo denkst du hin?

POSEIDON.

Je nun,

Was denn?

HERAKLES.

Was denn? Wir schließen den Vertrag!

POSEIDON.

Du Tor, du bist betrogen! Merkst du nichts?

Du bist dir selbst zum Schaden! – Wenn nun Zeus

Die Herrschaft abtritt – denk nur – und er stirbt,

Bist du ein Bettler! – Dir gehört die Erbschaft

Ja ganz, die Zeus im Tod einst hinterläßt!

PISTHETAIROS.

Das ist doch arg! Wie der dich übertölpelt!

Komm her zu mir und laß dir’s explizieren:

Dein Oheim täuscht dich, armer Narr! An dich

Kommt nicht ein Deut von deines Vaters Gut

Nach dem Gesetz: denn du – du bist ein Bastard!

HERAKLES.

Ein Bastard, ich?

PISTHETAIROS.

Bei Zeus! Du bist’s: als Sohn

Vom fremden Weib! Gesteh, wie könnte sonst

Athene erbberechtigt sein als Tochter,

Wär’ noch ein ebenbürt’ger Bruder da?

HERAKLES.

Wie aber, wenn mein Vater mir das Gut

Vermacht als Nebenkindsteil?

PISTHETAIROS.

Das Gesetz

Verbeut’s ihm! Hier, Poseidon selbst, der jetzt

Dich spornt – der erste wär’ er, der das Erbe

Dir streitig macht’ als Bruder des Verstorbnen!

Hör an, wie das Gesetz des Solon spricht:

»Ein Bastard ist von der Erbfolg’ ausgeschlossen,

Wenn eheliche Kinder da sind!

Sind aber keine ehelichen Kinder da,

So fällt die Erbschaft an die nächsten Agnaten!«

HERAKLES.

So wär’ des Vaters Hinterlassenschaft

Für mich verloren?

PISTHETAIROS.

Ja! – Ei – hat dein Vater

Dich richtig auch ins Zunftbuch eingetragen?

HERAKLES.

Wahrhaftig, nein! Das hat mich längst gewundert!

PISTHETAIROS.

Was stierst du so hinauf mit Racheblicken? –

Hältst du’s mit uns, dann mach’ ich dich zum König

Und Herrn und speise dich mit Hühnermilch!

HERAKLES.

Mir schien’s von Anfang: billig ist die Ford’rung,

Die du gemacht: ich gebe dir die Dirne! –

Und du, was sagst denn du?

POSEIDON.

Dagegen stimm’ ich.

HERAKLES.

Dann gibt den Ausschlag der Triball!

Zum Triballen.

He, du!

DER TRIBALLE.

Der schöner Junkfrouwen, die Kunigin stolze

Dem Voggel übergebben ick!

HERAKLES.

Du hörst:

Er übergibt sie.

POSEIDON.

Nein, das klingt nur so,

Weil kauderwelsch er wie die Schwalben zwitschert.

PISTHETAIROS.

So meint er wohl: er gebe sie den Schwalben!

POSEIDON.

Macht ihr das miteinander aus: schließt ab!

Ich schweige: denn ihr wollt ja doch nicht hören.

HERAKLES zu Pisthetairos.

Wir gehen alles ein, was du verlangst:

Komm du mit uns jetzt selber in den Himmel

Und hol dir Basileia samt Gefolge!

PISTHETAIROS.

Da hätten wir ja eben recht geschlachtet

Zur Hochzeit!

HERAKLES.

Ist’s euch recht, so bleib’ ich hier

Und mach’ den Braten fertig! Geht ihr nur!

POSEIDON.

Was? Braten, du? Du schwatzst wie ein Schmarotzer!

Du gehst nicht mit?

HERAKLES.

Da wär’ ich schön beraten!

Geht ins Haus.

PISTHETAIROS zu einem Sklaven.

Du, geh und hol mir schnell ein Hochzeitskleid!

Er kleidet sich um. Alle ab.

CHOR.

An der Wasseruhr in Schelmstädt

Wohnt ein wahres Gaunervolk,

Zungendrescher zubenannt.

Mit der Zunge sä’n und ernten,

Dreschen sie und lesen Trauben,

Feigen suchen sie mit ihr.

Von Barbaren stammen sie,

Gorgiassen und Philippen;

Und der Zungendrescher wegen,

Der Philippe, gilt die Sitte,

Daß in Attika die Zunge

Immer ausgeschnitten wird!

Sechste Szene

Der Chor. Ein Bote. Später Pisthetairos mit Basileia.

BOTE tritt auf.

O überschwenglich, unaussprechlich, hoch

Beglücktes, dreimal sel’ges Vögelvolk!

Empfangt im Haus des Segens den Gebieter:

Er naht sich leuchtend, überstrahlend selbst

Den Sternenglast der goldumblitzten Burg,

So blendend, herrlich, daß der Sonne Lichtglanz

Vor ihm erblaßt: so naht er an der Seite

Der unaussprechlich schönen Braut und schwingt

Den Blitzstrahl, Zeus’ geflügeltes Geschoß.

Ein unnennbarer Duft durchströmt des Weltalls

Urtiefen, und der Weste Hauch umfächelt

Des Weihrauchs krause Wölkchen: Sel’ges Schauspiel!

Doch sieh, da naht er selbst! – Erschließt den Mund,

Den glückweissagenden, der heil’gen Muse!

CHOR stellt sich in Parade.

Wendet euch, stellet euch, zeiget euch, neiget euch!

Schwärmet in seliger

Lust um den sel’gen Mann!

Der Zug naht sich.

Ah, welch ein Zauber, welche Schöne!

Glücksel’ges Band, das unsrer Stadt

Zum Heil du geknüpft!

Ja, großes Heil ist dem Vogelvolk

Widerfahren durch dich, o du göttlicher Mann!

So lasset mit bräutlichen Liedern uns denn

Und festlichem Jubel den Bräutigam

Und die Braut Basileia empfangen!

ERSTER HALBCHOR.

Also vermählten die Parzen einst

Mit der olympischen Hera dich,

Mächtiger Herrscher, gewaltiger,

Auf dem erhabenen Götterthron,

Unter rauschendem Hochzeitsjubel!

CHOR.

Segne sie, segne sie, Hymen!

ZWEITER HALBCHOR.

Eros lenkte, der blühende,

Goldbeschwingte, die Zügel des

Bräutlichen Wagens mit sichrer Hand,

Zeus’ Brautführer, des seligen,

Und der beglückten Hera!

CHOR.

Segne sie, segne sie, Hymen!

PISTHETAIROS mit Basileia auf einem Wolkenwagen.

Mich erfreuet das Lied, mich ergötzt der Gesang

Und der festliche Gruß! Doch besinget nun auch

Des ländererschütternden Donners Gewalt

Und die leuchtenden, zuckenden Blitze des Zeus

Und die Glut der zerstörenden Flammen!

CHOR.

Leuchtender, goldner, gewaltiger Flammenstrahl,

Göttliche, glühende Waffe des hehren Zeus,

Erdgrunderschütternde, krachende, regenumrauschte Gewitter,

Welche nun Er in der Hand hält!

Sein, durch dich, ist alle Gewalt nun,

Sein Basileia, das fürstliche Kind des Zeus!

Segne sie, segne sie, Hymen!

PISTHETAIROS.

Nun folgt als Hochzeitsgäste mir,

Leichtbeschwingte Brüder all’,

Folgt mir zum Palast des Zeus,

Zur Vermählungslagerstatt!

Zu Basileia indem sie absteigen.

Sel’ge, gib mir nun die Hand,

Faß mich an den Flügeln, laß

Dich im Reigen schwingen und

Heben hoch empor im Tanz.

Ballett.

CHOR.

Tralala, juhe, juhe!

Heil dem Siegbekränzten, Heil,

Heil dem Götterkönig!