Nachtrag

admin am Mrz 29th 2008

als Adler oder Schwan, bald als lüsterner Satyr oder in flammendes Feuer oder
goldenen Regen verwandelt, die Töchter der Menschen betörte. Dies alles umrankte
ein Kranz von Efeu, mit Blumen durchflochten. Und als sie ihr Werk vollendet
hatte, vermochte selbst Pallas Athene nicht, die Kunst der Jungfrau zu tadeln,
aber mit Entrüstung ersah sie aus den Gebilden den gottlosen Sinn der Bildnerin.
Darum zerriß sie zürnend die frevelhaften Gemälde und schlug mit dem Weberschifflein,
das sie noch in der Hand hielt, die hoffärtige Jungfrau dreimal vor die Stirne.
Dies ertrug die Unglückliche nicht, Wahnsinn erfaßte sie, und mit dem Seil umschlang
sie verzweifelnd ihre Kehle. Schon hing sie zuckend in der Luft; da hob sie
die Göttin, von Mitleid ergriffen, aus der würgenden Schlinge und sprach: »Lebe,
aber hange, du Verwegene, und so sei dein ganzes Geschlecht bis zu den spätesten
Enkeln bestraft!« Mit diesen Worten sprengte sie Arachnen einige Tropfen von
zauberischem Kraute ins Antlitz und ging hinweg. Alsbald verschwanden Haar,
Nase und Ohren der Jungfrau, und sie schrumpfte zu einem winzigen, häßlichen
Tier zusammen. Als Spinne übt sie noch heute, Faden auf Faden entsendend, die
alte Kunst.

Midas

Einst schweifte der mächtige Weingott Dionysos mit seinen Bakchantinnen und
Satyrn hinüber nach Kleinasien. Dort lustwandelte er an den rebenumrankten Höhen
des Tmolosgebirges, von seinem Gefolge begleitet. Nur Silenos, der greise Zecher,
ward vermißt. Dieser war, vom Weinrausch überwältigt, eingeschlafen und so zurückgeblieben.
Den schlummernden Alten fanden phrygische Bauern; da fesselten sie ihn mit Blumenkränzen
und führten ihn zu ihrem Könige Midas. Ehrfürchtig begrüßte derselbe den Freund
des heiligen Gottes, nahm ihn wohl auf und bewirtete ihn mit fröhlichen Gelagen
zehn Tage und Nächte lang. Am elften Morgen aber brachte der König seinen Gast
auf die lydischen Gefilde, wo er ihn dem Bakchos übergab. Erfreut, seinen alten
Genossen wiederzuhaben, forderte der Gott den König auf, sich eine Gabe von
ihm zu erbitten. Da sprach Midas: »Darf ich wählen, großer Bakchos, so schaffe,
daß alles, was mein Leib berührt, sich in glänzendes Gold verwandle.« Der Gott
bedauerte, daß jener keine bessere Wahl getroffen, doch winkte er dem Wunsche
Erfüllung. Des schlimmen Geschenkes froh, eilte Midas hinweg und versuchte sogleich,
ob die Verheißung sich auch bewähre; und siehe, der grünende Zweig, den er von
einer Eiche brach, verwandelte sich in Gold. Rasch erhob er einen Stein vom
Boden, der Stein ward zum funkelnden Goldklumpen. Er brach die reifen Ähren
vom Halm und erntete Gold; das Obst, das er vom Baume pflückte, strahlte wie
die Äpfel der Hesperiden. Ganz entzückt lief er hinein in seinen Palast. Kaum
berührte sein Finger die Pfosten der Tür, so leuchteten die Pfosten wie Feuer;
ja selbst das Wasser, in das er seine Hände tauchte, verwandelte sich in Gold.
Außer sich vor Freude, befahl er den Dienern, ihm ein leckeres Mahl zu richten.
Bald stand der Tisch bereit, mit köstlichem Braten und weißem Brote belastet.
Jetzt griff er nach dem Brote, - die heilige Gabe der Demeter ward zu steinhartem
Metall; er steckte das Fleisch in den Mund, schimmerndes Blech klirrte ihm zwischen
den Zähnen; er nahm den Pokal, den duftenden Wein zu schlürfen, - flüssiges
Gold schien die Kehle hinabzugleiten. Nun ward es ihm doch klar, welch ein schreckliches
Gut er sich erbeten hatte; so reich und doch so arm, verwünschte er seine Torheit;
denn nicht einmal Hunger und Durst konnte er stillen, ein entsetzlicher Tod
war ihm gewiß. Verzweifelnd schlug er die Stirn mit der Faust, - o Schrecken,
auch sein Antlitz strahlte und funkelte wie Gold. Da erhob er angstvoll die
Hände zum Himmel empor und flehte: »O Gnade, Gnade, Vater Dionysos! Verzeih
mir schwachsinnigem Sünder und nimm das gleißende Übel von mir!« Bakchos, der
freundliche Gott, erhörte die Bitte des reuigen Toren, er löste den Zauber und
sprach: »Gehe hin zum Fluß Paktolos, bis du seine Quelle im Gebirge findest.
Dort, wo das schäumende Wasser dem Felsen entsprudelt, dort tauche das Haupt
in die kühle Flut, daß dich der glänzende Firnis verlasse. So spüle zugleich
mit dem Golde die Schuld ab.« Midas gehorchte dem göttlichen Befehl, und siehe,
zur selbigen Stunde wich der Zauber von ihm; aber die goldschaffende Kraft ging
auf den Strom über, welcher seitdem das kostbare Metall in reichem Maße mit
sich führt.

Seit dieser Zeit haßte Midas allen Reichtum, verließ seinen prächtigen Palast
und erging sich gern in Fluren und Wäldern, den ländlichen Gott Pan verehrend,
dessen Lieblingsaufenthalt schattige Felsengrotten sind. Aber das Herz des Königs
blieb töricht wie vorher und verschaffte ihm bald eine neue Gabe, die er nicht
wieder loswerden sollte.

Auf den Bergen des Tmolos pflegte Pan, der bocksfüßige Gott, den Nymphen seine
tändelnden Lieder auf der Rohrpfeife vorzublasen. Einst nun wagte er es, sich
mit Apollon selbst im Wettkampfe zu messen. Der greise Berggott Tmolos, das
bläuliche Haar und die Schläfe mit Eichenlaub umkränzt, saß auf einem Felsen,
um als Richter den Streit zu entscheiden, und ringsumher saßen liebliche Nymphen
und sterbliche Männer und Weiber, um zu lauschen, unter ihnen auch König Midas.
Nun begann Pan sein Spiel auf der Syrinx, neckisch barbarische Töne dem Rohre

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