Nachtrag
admin am Mrz 29th 2008
nicht nur den besten, sondern auch den glücklichsten Sterblichen. Aber Hera,
die strenge Göttin, haßte das Land, das den Namen ihrer Nebenbuhlerin führte,
und schickte über die Insel eine gräßliche Pest. Dumpfe, erstickende Luft brütete
über den Fluren, unheimlicher Nebel verbarg die Sonne, und doch fiel kein erfrischender
Regen. Vier Monate schwanden so dahin, der heiße Südwind hörte nicht auf, tödlichen
Hauch zu atmen, das Wasser der Quellen und Teiche ging allmählich in Fäulnis
über, unzählige Schlangen krochen durch die einsamen Felder und vergifteten
mit ihrem greulichen Geifer die Brunnen und Flüsse. Zuerst zeigte sich die Gewalt
der Seuche an Hunden, Rindern und Schafen, am Geflügel und Wild, das plötzlich
dahinsank; bald aber ergriff die Pest auch die Menschen und drang in die Städte
hinein. Überall lagen Scharen von Leichen gestreckt, die unbegraben verwesten.
Blutenden Herzens mußte der edle König, der mit seinen Söhnen allein von allen
Bewohnern noch übrig war, es ansehen, wie sein ganzes Volk vom schrecklichen
Tode hingerafft ward. Da hob er jammernd die Arme zu Zeus empor und rief mit
flehender Stimme: »O Zeus, erhabener Vater, wofern ich wirklich dein Sohn bin
und du dich meiner nicht schämst, gib mir die Meinigen wieder oder laß auch
mich sterben!« Siehe, da fuhr ein Blitz herab, und lauter Donner rollte durch
die stille Luft. Freudig sah Äakos das günstige Vorzeichen und dankte dem göttlichen
Erzeuger für die gegebene Verkündigung.
Neben ihm stand ein vielästiger Eichbaum, der dem Zeus geweiht und vom Samen
der heiligen Eiche von Dodona gepflanzt war. Auf seinen Stamm fiel plötzlich
des Königs Blick. Da sah er unzählige Ameisen, die an der runzligen Rinde und
um die Wurzel herumkrochen, im kleinen Munde Getreidekörner ohne Zahl schleppend.
»So viele Untertanen«, rief Äakos staunend, »so viele gib mir, die leeren Mauern
zu füllen, als ich fleißige Tierchen hier wimmeln sehe!« Da bebte der Wipfel
des Baumes, und das Laub rauschte, ohne daß ein Windzug es bewegte. Schauernd
und andachtsvoll vernahm es der König und warf sich nieder, küßte die Erde und
den heiligen Stamm und gelobte dem Retter Zeus reichliche Dankopfer. Als die
Nacht anbrach, legte er sich hoffend und sorgend zur Ruhe. Da erschien dem Schlafenden
ein seltsamer Traum: Die Eiche stand wieder vor seinen Augen, und die Ameisen
trugen emsig die Körner hin und her. Da war es ihm, als wüchsen die winzigen
Tiere, größer und größer hoben sie sich vom Boden empor und standen aufrecht,
die Menge der Füße verminderte sich, der Körper nahm allmählich menschliche
Gestalt an. Aber nun erwachte der König und erkannte seufzend, daß ein Traum
ihn täuschte. Doch horch! Was war das? Ein fernes Murmeln wie menschliche Stimmen!
Trügt auch das Ohr des Wachenden? Ach, auch dies war wohl nur ein Traum. Siehe,
da ward die Tür hastig aufgerissen; Telamon, des Herrschers Sohn, stürzte herein
und rief. »O Vater, komm und staune! Unerhörtes hat sich ereignet! Mehr hat
Zeus an dir getan, als du je gehofft.« In fliegender Hast eilte Äakos hinaus
und begrüßte mit strömenden Tränen das Wunder: Ganz wie das Traumbild es ihm
gezeigt hatte, sah er die Männer vor sich und erkannte ihre Angesichter. Nun
traten sie näher und begrüßten ihn als ihren König, welcher jubelnd rief: »Myrmekes,
Ameisen waret ihr; Myrmidonen sollt ihr darum heißen.« So entstanden die tapferen
Myrmidonen, die ihren Ursprung nicht verleugneten; denn ein emsiges Volk waren
sie, wie ihre Ahnen, ausdauernd bei der Arbeit, sparsam und mit wenigem zufrieden.
Äakos aber, nachdem er die gelobten Dankopfer dem gütigen Vater dargebracht,
verteilte die herrenlosen Güter, die leeren Häuser und die verlassenen Äcker
unter die neuen Bewohner seiner Insel.
Als der fromme König im hohen Greisenalter verschieden war, da setzten die
Götter ihn zum Totenrichter neben Minos und Rhadamanthys ein, indem sie auch
nach dem Tode seine milde Weisheit und lautere Gerechtigkeit zu ehren trachteten.
Seine Söhne und Enkel aber gehörten zu den größten Helden, die je auf Erden
gelebt haben: Telamon war der Vater des gewaltigen Ajax, Peleus zeugte den göttergleichen
Achilles.
Philemon und Baucis
Auf einem Hügel im Lande Phrygien steht eine tausendjährige Eiche und dicht
neben ihr eine Linde von gleichem Alter, beide von einer niedrigen Mauer umgeben.
Mancher Kranz ist an den Ästen des nachbarlichen Paares aufgehängt. Nicht weit
davon breitet ein sumpfiger See die seichte Flut; wo vordem bewohntes Erdreich
war, da flattern jetzt nur Taucher und Fischreiher umher. Einst kam in diese
Gegend Vater Zeus mit seinem Sohne Hermes, der nur den Stab, nicht aber den
Flügelhut trug. In menschlicher Gestalt wollten sie die Gastlichkeit der Menschen
versuchen; darum klopften sie an tausend Türen, um ein Obdach für die Nacht
bittend. Aber hart und selbstsüchtig war der Sinn der Bewohner, so daß die Himmlischen
nirgends Einlaß fanden. Siehe, da stand ein Hüttchen am Ende des Dorfes, niedrig
und klein nur, mit Stroh und Sumpfrohr gedeckt; aber im ärmlichen Hause wohnte
ein glückliches Paar, der biedre Philemon und Baucis, sein gleichaltriges Weib.
Dort hatten sie zusammen die frohe Jugend durchlebt, dort waren sie zu weißhaarigen
Alten geworden. Sie machten keinen Hehl aus ihrer Armut, aber leicht ertrugen
sie ihr dürftiges Los, heiter und freundlich, in herzlicher Liebe, wenn auch
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt