Nachtrag
admin am Mrz 29th 2008
Hauch die glühenden Schläfen ihm umfächle. »Komm, liebliche Aura« - denn Aura
nannte der Grieche den frischen Morgenwind -, »komm, du Freundliche«, rief er
oftmals, »erquicke und stärke mich! Laß den Verschmachtenden deinen süßen Hauch
einatmen, du Holde!« Dies vernahm einst ein Horcher; getäuscht vom doppelsinnigen
Wort, glaubte er, Kephalos rufe die Nymphe des Ortes, mit der er heimlich im
Walde sich zu treffen pflege. Eilends ging der Unbesonnene zu Prokris und vertraute
ihr alles, was er gehört hatte. Leicht läßt die Liebe sich täuschen. Prokris
sank ohnmächtig zu Boden, von Herzensjammer überwältigt, und als sie wieder
zur Besinnung kam, schluchzte und weinte sie um ihres Gatten Verrat. ›Aura also
heißt die Nebenbuhlerin, die das zärtlichste Herz betört hat! Aber‹, so dachte
die Gute, ›nicht ungesehen will ich den Geliebten verdammen; vielleicht ist
der Unglücksbote getäuscht, oder er täuscht mich selbst mit falschem Bericht.‹
So von Zweifeln, Schmerz und Hoffnung bestürmt, nahm sie sich vor, selber den
Gemahl zu belauschen.
Am andern Morgen zog Kephalos wie immer hinaus, streckte sich nach vollendeter
Jagd in den Rasen und sang: »Komm, du freundliche Aura, erquicke den Müden!«
Aber plötzlich brach er ab, - es raschelte im nahen Gebüsch. Gewiß ist es ein
Reh, das durch das Dickicht leise dahinhüpft; schnell springt er auf, schleudert
den niemals fehlenden Speer und trifft - ach, die zärtliche Gattin. »Weh mir!«
stöhnte die Arme und preßte die Hand auf die todwunde Brust. Kaum erkannte Kephalos
die geliebte Stimme, so stürzte er wie wahnsinnig nach der Stelle hin, wo seine
treue Prokris in ihrem Blute lag. Umsonst zerriß er jammernd sein Gewand, die
schreckliche Wunde zu verbinden. Der Getroffenen schwanden die Kräfte, und mühsam
mit flüsternder Stimme sprach sie: »Grausamer, höre mein Flehn! Bei den unsterblichen
Göttern, bei dem heiligen Bund, den du treulos gebrochen, beschwör ich dich:
Laß, wenn ich tot bin, nicht Aura unser stilles Gemach betreten!« Jetzt erst
erkannte Kephalos den unseligen Irrtum, der die Ärmste befangen hielt. Schluchzend
belehrte er sie und beteuerte mit heißen Tränen seine Treue und Unschuld. Ach,
es war zu spät. Noch einmal blickte sie zärtlich zu ihm auf, ein schmerzliches
Lächeln umspielte den bleichen Mund; beruhigt, fast heiter schien ihr sterbendes
Antlitz, - so hauchte sie in den Armen des trostlosen Gatten ihre Seele aus.
1.
Damals wurden die Thebaner durch den teumessischen Fuchs, ein bösartiges,
von dem erzürnten Bakchos gesandtes Tier, geplagt. Diesem mußte jeden Monat
ein Knabe zum Fraß gegeben werden. Der König von Theben, Kreon, und der aus
Argos eingewanderte Amphitryon wandten sich an Kephalos, daß er ihnen beistehe,
den Fuchs zu jagen, der so flink war, daß er von niemand erreicht werden konnte.
So verfolgte denn der unentrinnbare Hund Lälaps den unerreichbaren teumessischen
Fuchs, eine ewige Jagd, der Zeus dadurch ein Ende machte, daß er beide Tiere
in Stein verwandelte.
Äakos
Der Flußgott Asopos hatte zwanzig liebliche Töchter, von denen die schönste
Ägina hieß. Einst erblickte Zeus die holdselige Nymphe und ward von heftiger
Liebe zu ihr ergriffen. Da schwang er sich in Gestalt eines Adlers hernieder
und entführte sie durch die Lüfte nach der Insel, die damals Önone hieß, seitdem
aber nach dem Namen der Geraubten Ägina genannt wird. Asopos suchte seine Tochter
allenthalben und kam endlich nach Korinth, wo der listige Sisyphos ihm verriet,
daß Zeus der Entführer sei. Dieser aber schleuderte einen Blitz gegen den Verfolger
und trieb ihn so in sein gewohntes Bett zurück. Daher rührt es, daß man noch
heutzutage auf dem Grunde des Asoposflusses Kohlen findet.
Der Sohn des Zeus und der Ägina war Äakos, ein Liebling der Götter; denn nie
gab es einen frömmeren, weiseren und gerechteren Mann. Er herrschte über die
Insel als ein milder, gütiger König, von allen geehrt und geliebt. Einst wurde
Griechenland lange Zeit von großer Trockenheit heimgesucht, ganz Hellas schmachtete
nach Regen, aber der Himmel blieb wolkenlos; die Feldfrüchte verdorrten, die
Flüsse und Seen trockneten aus, Menschen und Tiere starben dahin. Da wandten
sich die Griechen in ihrer Not an das Delphische Orakel, und die Priesterin
verkündete, die Dürre werde aufhören, wenn Äakos, der Beste unter den Sterblichen,
bei Zeus Fürbitte tue. So schickten denn alle griechischen Staaten Gesandte
an den äginetischen König, die ihn darum bitten sollten. Da stieg Äakos auf
das Panhellenion, den höchsten Berg der Insel, erhob seine reinen Hände und
flehte zu seinem göttlichen Vater um Erbarmen für die dürstenden Völker; und
kaum hatte er sein Gebet vollendet, siehe, da zog dunkles Gewölk am Himmel auf,
und reichlicher Regen ergoß sich auf die Erde. Noch in später Zeit sah man in
dem Tempel, den die dankbaren Griechen über dem Grabe des guten Königs errichteten,
ein Bild, auf welchem das Opfer des Äakos dargestellt war.
So lebte der Sohn des Zeus als ein mächtiger Priester und König, von den Menschen
geehrt, geliebt von den Göttern. Er vermählte sich mit der Endeis, welche ihm
zwei Söhne gebar, die zu herrlichen Helden heranwuchsen, Peleus und Telamon;
ein dritter Sohn, von der Nereide Psamathe, war Phokos. Alle Welt sah in Äakos
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