Nachtrag
admin am Mrz 29th 2008
aber schleppte Philomelen in ein einsames, tief im Urwald verstecktes Hirtengehöft.
Dort schloß er die Erblassende ein, und als sie weinend nach der Schwester fragte,
log der Verräter mit erheuchelter Trauer, Prokne sei gestorben; um den alten
Pandion zu schonen, habe er das Märchen von der Einladung ersonnen; in Wahrheit
sei er gekommen, um sie, Philomelen, zu seiner Gattin zu machen. Kein Jammern
und Flehen fruchtete, die rührendsten Worte prallten wirkungslos an dem steinernen
Herzen des Barbaren ab. So fügte sie sich unter bittern Tränen der Gewalt und
ward seine Gemahlin. Aber es währte nur kurze Zeit, bis sie zur Besinnung kam,
und nun stiegen schreckliche Ahnungen und bange Zweifel in ihr auf. ›Warum‹,
fragte sie sich, ›hält Tereus mich hier, fern von seinem Hofe, wie eine Gefangene?
Warum läßt er mich so ängstlich bewachen? Warum fährt er mich nicht als Königin
in seinen Königspalast?‹- Da erfuhr sie, als sie einst ungesehen das Gespräch
ihrer Diener belauschte, das Furchtbare: Prokne lebt! Ihre eigne Vermählung
mit Tereus ist Verbrechen; sie ist die Nebenbuhlerin der totgeglaubten Schwester!
Da faßte sie namenloser Jammer und glühender Haß gegen den Verräter, mit fliegender
Hast stürzte sie in sein Gemach, erzählte ihm, was sie erfahren, und schwur
unter heißen Verwünschungen, das gräßliche Geheimnis, seine Schuld und ihre
Schande, aller Welt zu verkünden. So erregte sie den Zorn und zugleich die Furcht
des Verruchten. Da faßte er einen teuflischen Entschluß. Sicher wollte er sein,
daß seine Schmach niemand erfahre; doch scheute er sich, die Wehrlose zu morden.
Also riß er sein Schwert aus der Scheide, band der Unglücklichen die Arme auf
den Rücken und zückte den Stahl, als ob er sie töten wollte. Sie erwartete freudig
den Streich, der sie dem verhaßten Leben entreißen sollte; aber wie sie schmerzlich
den Namen des lieben Vaters ausrief, schnitt der Unmensch ihr - schrecklich
ist es zu sagen - die Zunge aus. Nun brauchte er keinen Verrat mehr zu fürchten.
Kalt, als wäre nichts geschehen, verließ er die Ärmste, den Dienern strenge
Bewachung einschärfend. Er selbst ging zurück an den Hof zu seinem Weibe Prokne.
Diese fragte, wo die Schwester denn bleibe. Da seufzte der Nichtswürdige und
erzählte mit erheuchelten Tränen, Philomela sei tot und begraben. Prokne riß
voll unendlichen Schmerzes die goldgestickten Gewänder herab, hüllte sich in
schwarze Trauergewande, baute ein leeres Grabmal und brachte, die geliebte Schwester
beweinend, ihrer Seele Totenopfer.
So verging ein Jahr, und noch immer lebte die grausam verstümmelte Philomela.
Wächter und Mauern versperrten ihr die Flucht; ach, und der Mund war stumm,
unfähig, die Schandtat zu verkünden. Aber das Elend schärft den Verstand und
lehrt Erfindungen. Am Webstuhl spannte sie das Linnen aus und wirkte purpurne
Zeichen hinein, in denen sie das Gräßliche offenbarte. Und als sie es vollendet
hatte, gab sie das Gewebe einem Diener, indem sie ihn durch stumme Gebärden
anflehte, es der Königin Prokne zu überbringen. Jener gehorchte ihr, ohne zu
wissen, was er tat. Prokne entrollte das Gewand und las das entsetzliche Geheimnis.
Da entfuhr kein Seufzer ihrem Munde, keine Träne vergoß sie - ihr Jammer war
zu groß dazu; nur eines konnte sie denken, nur eines fassen: Rache, fürchterliche
Rache an dem Verbrecher!
Die Nacht nahte, in der die thrakischen Frauen das Fest des Bakchos in wilder
Begeisterung zu feiern pflegten. Auch die Königin eilte, mit Reben bekränzt,
den Thyrsosstab in den Händen schwingend, mit der Schar der Weiber hinaus in
die waldigen Berge. Wütenden Schmerz im Innern, heuchelte sie bakchantische
Wut. So kam sie an das einsame Gehöft, wo Philomela gefangen war. Mit Evoeruf
brach sie hinein, riß die Schwester mit sich fort und führte sie, das Antlitz
ihr mit Efeuranken verbergend, in den Palast des Königs Tereus. Da erst erkannte
die arme Philomela ihre Schwester, die sie in ein abgelegenes Gemach brachte.
»Nicht Tränen helfen uns«, rief Prokne, als die Unglückliche ihr bleiches Antlitz
verhüllte, »nein, Blut, Stahl, gräßlichster Mord. Zu jedem Greuel bin ich bereit,
o Schwester, um dem verruchten Manne seine Schandtat zu vergelten.« Während
sie so redete, trat ihr kleiner Sohn Itys herein, der die Mutter begrüßen wollte.
Sie aber starrte ihn düsteren Blickes an und murmelte: »Ha, wie gleicht er dem
Vater!« Da plötzlich verstummte sie, traurige Tat im Busen bedenkend. Jetzt
sprang der Kleine an ihr in die Höhe, hängte sich ihr schmeichelnd an den Hals
und bedeckte ihr den Mund mit Küssen. Aber nur einen Augenblick bebte das Herz
der Mutter, nur eine Träne fiel auf das Antlitz ihres Sohnes. Dann riß sie ihn
mit sich fort in ein anderes Gemach. »Ach Mutter, liebe Mutter, was tust du?«
rief das Kind, ängstlich sie umhalsend. Sie aber war taub, wahnsinnige Rachgier
drängte sie zu rasender Wut, sie erfaßte ein Messer und stieß es in die Brust
des eignen Kindes, das Philomela vollends umbrachte.
Auf dem Throne seiner Ahnen saß der König Tereus und schmauste von dem Mahle,
das sein Weib selber ihm auftrug. »Wo ist mein Itys?« rief er, als er den Hunger
gestillt hatte. »Er ist ja hier«, erwiderte mit Hohnlachen das Weib, »nicht
näher könnt er dir sein.« Mit fragenden Blicken schaute Tereus sich um, da trat
Philomela, noch triefend vom gräßlichen Mord, herein und warf das blutige Haupt
des Kindes dem Vater vor die Füße. Nun ward’s dem König furchtbar klar; wahnsinnig
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