Nachtrag

admin am Mrz 29th 2008

das Meer bis zum Grunde aufwühlten. Verzagt stand der Lenker des Schiffes und
bekannte, daß er nicht wisse, wie es stehe noch was er befehlen und verbieten
solle. Nun verhüllt schwarzes Gewölk den Äther, finstre Nacht sinkt herein,
nur vom zuckenden Blitz durchleuchtet. Der Donner kracht Schlag auf Schlag,
immer höher türmen sich die Wogen und überschütten das Schiff mit salziger Flut.
Laut auf schreit das Schiffsvolk, die Balken drohen schon zu wanken, und jetzt
springt eine riesige Welle hinein in den inneren Schiffsraum. Da faßt die meisten
Verzweiflung, der eine weint, ein anderer staunt wie zu Stein erstarrt; der
preist den glücklich, welcher auf dem Lande ein Grab findet; der fleht die Götter
um Rettung an und streckt vergebens die Arme zum unsichtbaren Himmel empor;
der denkt an die Lieben, die er daheim gelassen, an den alten Vater, die zärtliche
Gattin, die blühenden Kinder; - Keyx denkt nur an Halkyone, nur ihr Name tönt
wieder und wieder von seinen Lippen. Wie auch sein Herz nach ihr sich sehnt,
so freut er sich doch, daß sie jetzt fern ist. Ach, nach dem heimischen Ufer
möchte er so gern sein Antlitz kehren, sterbend die Hände ausstrecken nach der
Gegend, wo die Geliebte wohnt; aber im undurchdringlichen Dunkel der Nacht weiß
er nicht, wohin er sich wenden soll. Jetzt stürzt der geborstene Mastbaum herab
und zerschlägt krachend auch das Steuer. Stolz auf ihre Beute hebt sich die
Woge wie eine Siegerin, und auf den Grund des Meeres versenkt sie das Fahrzeug.
Viele der Schiffer werden mit in den Strudel hinabgerissen und kommen nicht
lebend wieder empor. Keyx hielt ein armseliges Brett mit der Hand, in der einst
das Zepter ruhte. »Halkyone!« rief er, wie die müden Arme ihm erlahmten, »Halkyone!«
seufzte er, als die Wellen über sein Haupt zusammenschlugen; »Halkyone!« murmelte
zum letzten Mal der Mund des Ertrinkenden. Sein göttlicher Vater, der nicht
vom Firmamente weichen durfte, verhüllte das Antlitz mit schwarzem Gewölk, um
den geliebten Sohn nicht sterben zu sehen.

Unterdes zählte Halkyone, unkundig all des Jammers, die Tage und Nächte, die
bis zur Heimkehr des trauten Gemahls noch verstreichen mußten; sie richtete
schon die Gewänder, die er und die sie selbst tragen sollte; auch vergaß sie
nicht, den Göttern, insbesondere der Hera, zu opfern, flehend, daß sie ihr den
lieben Mann gesund wieder heimbringe. Hera sah es mit Trauern und sprach zu
Iris, der Götterbotin: »Eile an den Hof des Schlafgottes und heiß ihn der harrenden
Halkyone einen Traum in Gestalt des toten Keyx senden, daß er ihr das wahre
Schicksal verkünde!« Alsbald zog Iris das tausendfarbige Gewand an und eilte
über den schimmernden Himmelsbogen hinab zu der Felsenbehausung des Gottes.
Fern am westlichen Rande der Erdscheibe liegt ein Berg mit einer tiefen und
weiten Grotte; dort herrscht der Schlafgott. Niemals dringen dahin die Strahlen
des Helios, ein dunkler Nebel steigt aus dem Boden empor und hüllt alles in
Dämmerung. Kein Laut, weder Hundesgebell noch menschliche Rede stört die ewige
Stille. Nur ein sanfter Bach fließt mit einschläferndem Murmeln um den Eingang
der Höhle; an seinen Ufern sprießen unzählige duftende Kräuter, aus denen die
Nacht betäubenden Saft sammelt. Keine knarrende Tür ist in der Behausung, offen
steht der Eingang. Tief im innersten Gemach steht ein Lager aus Ebenholz, mit
schwellenden Kissen bedeckt; darauf ruht der Gott, die Glieder von süßer Ermattung
gelöst, und rings um ihn liegen in tausend Gestalten die Träume, die Söhne des
Gottes.

Wie nun Iris die Grotte betrat, erhellte der Glanz ihres Gewandes sogleich
das ganze Haus. Der Schlafgott erhob matt die Augen, sank wieder und wieder
zurück, nickte wie trunken mit dem Haupte, schüttelte sich aus sich selbst hervor
und stützte sich auf den Arm. »Was bringst du für Botschaft, schimmernde Iris?«
fragte er endlich. Schnell vollendete die Götterbotin ihren Auftrag und enteilte
sogleich wieder zum Olymp, denn sie konnte den betäubenden Duft nicht länger
ertragen, der die ganze Höhle durchdrang. Aber der Schlaf wählte aus der Schar
seiner tausend Kinder den Morpheus, daß er den göttlichen Befehl ausführe; denn
dieser war vor allen geschickt, Gang und Stimme, Gestalt und Antlitz der Menschen
nachzuahmen. Der Alte sank zurück und barg wieder das Haupt im weichen Polster;
Morpheus aber flog mit geräuschlosen Fittichen durch die Nacht und neigte sich
über das Lager der schlummernden Halkyone. In des Ertrunkenen Gestalt, totenbleich,
nackt, mit triefendem Bart und Haupthaar, die Wangen mit Tränen überströmend,
sprach er also: »Kennst du deinen Keyx noch, armes Weib, oder hat der Tod mir
die Mienen verwandelt? Du kennst mich! Ach, ich bin nicht Keyx, nein, nur sein
Schatten. Ich bin tot, Geliebte. Im Ägäischen Meer, wo der Sturm unser Fahrzeug
zerschellte, schwimmt meine Leiche. Darum lege Trauerkleider an und weihe mir
Tränen, daß ich nicht unbeweint in die traurige Unterwelt wandeln muß.« Zitternd
streckte die Schlafende die Arme aus, ihr eigenes Schluchzen weckte sie. »O
bleibe! Wo eilst du hin?« rief sie dem schwindenden Traumbild nach. »Laß mich
mit dir gehen!« Als sie nun allmählich zum vollen Bewußtsein kam, schlug sie
das Haupt mit den Händen, zerraufte sich das goldene Lockenhaar, zerriß ihr
Gewand und schrie laut auf vor unendlichem Jammer.

So nahte der Morgen. Da ging sie hinaus an das Meeresgestade, den Ort zu besuchen,

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