Nachtrag

admin am Okt 13th 2011


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und Trank; zahllose Tränen vergießend, um Gnade fleht er die unterirdischen
Götter; aber diese sind unerbittlich, zum zweiten Male lassen sie sich nicht
erweichen. So kehrt er denn gramvoll auf die Oberwelt zurück in die einsamen
Bergwälder Thrakiens. Drei Jahre lang lebte er so dahin, allein, die Gesellschaft
der Menschen fliehend. Verhaßt ist ihm der Anblick der Frauen, denn ihn umschwebt
das liebliche Bild seiner Eurydike: Ihr gelten alle seine Seufzer und Lieder,
ihrem Andenken die süßen klagenden Töne, die er der Leier entlockt.

So saß der göttliche Sänger einst auf einem grünen, schattenlosen Hügel und
begann sein Lied. Alsbald bewegte sich der Wald, näher und näher rückten die
mächtigen Bäume, bis sie den Sitzenden mit ihren Zweigen überschatteten; und
auch die Tiere des Waldes und die munteren Vögel kamen heran und lauschten im
Kreise den wundervollen Tönen. Da durchstürmten thrakische Weiber schwärmend
die Berge, das tolle Fest des Dionysos feiernd. Sie haßten den Sänger, der seit
dem Tode der Gattin alle Frauen verschmähte. Jetzt erblickten sie den Verächter.
»Dort seht ihn, der uns verhöhnt!« so rief die erste der rasenden Mänaden, und
im Nu stürzten sie tobend auf ihn ein, indem sie Steine und Thyrsosstäbe schleuderten.
Noch lange schützten die treuen Tiere den geliebten Sänger; wie aber der Klang
seiner Weisen allmählich in dem Wutgeheul der wahnsinnigen Weiber verhallte,
flohen sie erschreckt ins Dickicht des Waldes. Da traf ein geschleuderter Stein
die Schläfe des Unglücklichen; blutend sank er in den grünen Rasen; ach, durch
den liederreichen Mund, der Felsen und Bergwild gerührt, entfloh die Seele.

Kaum war die mörderische Rotte entwichen, da kamen die Vögel schluchzend herbeigeflattert,
traurig nahten die Felsen und alles Getier; auch die Nymphen der Quellen und
Bäume eilten zusammen, in schwarze Gewänder gehüllt. Um Orpheus klagten sie
alle und begruben seine verstümmelten Glieder. Das Haupt aber und die Leier
nahm die schwellende Flut des Hebros auf und trug sie mitten im Strome dahin.
Noch immer klang es wie süßer Klagelaut von den Saiten und von der entseelten
Zunge, leise antworteten die Ufer mit wehmütigem Widerhall. So trug der Strom
das Haupt und die Leier hinaus in die Meeresfluten bis an das Gestade der Insel
Lesbos, wo die frommen Einwohner beides auffingen. Das Haupt bestatteten sie,
und die Leier hängten sie in einem Tempel auf. Daher kommt es, daß jene Insel
so herrliche Dichter und Sänger erzeugt hat; ja selbst die Nachtigallen sangen
dort lieblicher als anderswo, um das Grab des göttlichen Orpheus zu ehren. Seine
Seele aber schwebte hinab ins Schattenreich. Dort fand Orpheus die Geliebte
wieder, und nun weilten sie, ungetrennt und selig umschlungen, in den Gefilden
Elysiums, auf ewig miteinander vereinigt.

Keyx und Halkyone

Keyx, der Sohn des Abendsterns und der Nymphe Philonis, ward durch unheilverkündende
Weissagungen erschreckt und beschloß deshalb, über das Meer nach Klaros in Kleinasien,
wo ein berühmtes Orakel des Apollon war, zu fahren. Seine treue Gattin Halkyone,
eine Tochter des Windgottes Äolos, mit welcher ihn die innigste Liebe verband,
suchte ihn mit Klagen und zärtlichen Vorwürfen von seinem Vorhaben abzubringen
oder ihn doch wenigstens dazu zu bewegen, sie mit auf die gefährliche Reise
zu nehmen. Obgleich er sich durch ihre Worte und Tränen im innersten Herzen
gerührt fühlte, wich er doch nicht von seinem Vorsatze und versuchte sie durch
Tröstungen zu ermutigen. »Lang zwar ist für uns beide jeder Verzug«, sprach
er, »aber ich schwöre dir bei meinem strahlenden Vater: vergönnt mir das Schicksal
die Heimfahrt, so kehre ich wieder, ehe der Mond sich zweimal erneuet hat.«
Darauf ließ er alsbald das Schiff in die Flut ziehen und alles zur Reise rüsten.
Beim Abschied konnte Halkyone ihren unsäglichen Schmerz nicht bergen. »Lebe
wohl!« sprach sie nur und sank ohnmächtig am Ufer zusammen. Gern hätte der zärtliche
Gatte noch gezögert, aber schon begannen die Jünglinge auf dem Schiffe die Ruder
anzuziehen, daß das Meer schäumte. Da durfte er nicht länger weilen und eilte
an Bord. Als Halkyone das nasse Auge erhob, sah sie den geliebten Mann auf dem
Hinterteil des Schiffes stehen und ihr mit der Hand die letzten Grüße zuwinken.
Sie erwiderte ihm auf gleiche Weise, und so folgte sie mit den Augen dem fliehenden
Schiff, bis das weiße Segel ihrem Blick entschwand. Da kehrte sie wieder in
ihr einsames Haus zurück, warf sich weinend auf das Lager und härmte sich um
den entfernten Gatten.

Unterdessen fuhren jene immer weiter hinaus auf das hohe Meer; ein sanfter
Wind begann zu wehen, die Ruder wurden beigelegt, und vom günstigen Lufthauch
schwollen die Segel. Schon war die Hälfte der Fahrt zurückgelegt, gleich weit
schwebte das Schiff von beiden Ufern, siehe, da schnob gegen Abend der schreckliche
Euros von Süden daher und krönte die Wogen mit weißem Schaum; ein wütender Sturm
erhob sich. »Schnell die Rahen herab«, schrie der Steuermann, »die Segel fest
um die Stangen gewickelt!« Aber seine Worte verhallten ungehört im Geheul des
Sturms und im Brausen der Wellen. Nun eilte ein jeder, zu tun, was ihn das beste
dünkte: der eine zog die Ruder ein, andere verstopften die Ruderlöcher am Bord;
hier wurden die Segel herabgerissen, dort ward die eingedrungene Flut wieder
ins Meer geschöpft. Während dieser Verwirrung wuchs das Rasen der Winde, die


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