Nachtrag

admin am Mrz 29th 2008

der kleinste Teil zu zernagen«, antworteten die Würmer, »ein Stündchen Zeit
noch, dann ist die Arbeit getan.« Wie Melampus dies vernahm, rief er laut nach
dem Gefängniswärter und verlangte, sogleich in ein anderes Gebäude geführt zu
werden, denn dieses werde noch heute zusammenstürzen.

Kaum war diese Bitte erfüllt worden, so fiel das verlassene Haus in Trümmer.

Bald gelangte die Kunde von der Sehergabe des Gefangenen zum König Phylakos,
dem Vater des Iphiklos. Er wunderte sich sehr, und da er einsah, daß er den
vortrefflichsten Wahrsager in seinem Kerker habe, ließ er ihn seiner Fesseln
entledigen und vor ihn führen. Darauf nahm er ihn beiseite und sagte zu ihm,
er wolle ihm die Rinder gern geben, wenn er seinen Sohn Iphiklos zu heilen vermöge.
Dieser war nämlich als Kind ganz wohl und kräftig gewesen; durch einen sonderbaren
Zufall aber hatte er plötzlich noch in seiner Jugend seine Gesundheit verloren,
so war er seitdem siech und schwächlich. Melampus versprach dem Könige, die
Sache zu erforschen, und Phylakos wiederholte sein Versprechen, daß er ihm die
Herden ausliefern wolle. Darauf schlachtete Melampus dem Zeus zwei Stiere, schnitt
sie in Stücke und rief den Vögeln, sie sollten zum Mahle kommen. Als sie nun
von allen Seiten zusammengeflogen waren, fragte sie der Seher, ob sie ihm den
Grund von Iphiklos’ Siechtum entdecken könnten. Die Vögel wußten aber alle nichts.
Doch war da ein junger Geier, der erzählte, sein alter Vater sei daheim im Neste
geblieben, vielleicht wisse der etwas von dem Geheimnis. Sogleich schickte Melampus
einige Gesandte an den alten Geier, der auch nach kurzer Zeit wirklich erschien
und dem Seher folgendes mitteilte: Einst habe Phylakos im Walde Holz gefällt,
und da sein kleiner Sohn in der Nähe sich herumgetrieben, habe der Vater, zum
Scherz und um ihn zu erschrecken, die blinkende Axt dicht vor ihm in einen Baum
geschleudert, in dem sie steckenblieb und seitdem haftete. Dem Iphiklos aber
sei der Schreck in die Glieder gefahren, und daher rühre sein Siechtum. »Wenn
du nun«, so sprach der Geier weiter zu Melampus, »jene Axt findest, so schabe
den Rost davon ab und gib dem Iphiklos denselben in Wein zehn Tage lang zu trinken,
dann wird er gesund werden.«

Das war es, was Melampus von dem alten Geier erfuhr. Er tat, wie ihm geraten
war, suchte und fand die Axt, schabte den Rost davon ab und gab ihn dem Iphiklos
zehn Tage lang zu trinken. Alsbald ward derselbe frisch und gesund. Nun gab
der erfreute König dem Melampus die Rinder, der sie nach Pylos trieb und dem
Neleus brachte. Von diesem erhielt er dafür die schöne Pero und gab sie seinem
Bruder zur Gattin. So lebten sie etliche Jahre in Messenien. Iphiklos aber ward
ein herrlicher Held, im Wettlaufe unbesiegbar; denn die Schnelligkeit seiner
Füße war so außerordentlich, daß er über ein Getreidefeld, ohne die Ähren zu
knicken, und über die Meereswogen, ohne sich die Knöchel zu benetzen, dahinlief.

Im Lande Argolis herrschten einst die Zwillinge Akrisios und Prötos, die Enkel
der Danaide Hypermnestra und des Aigyptiden Lynkeus. Diese hatten sich nicht
brüderlich lieb wie Melampus und Bias, sondern sie hatten schon Händel miteinander,
als sie noch an der Mutter Brust lagen. Und als sie herangewachsen waren, stritten
sie sich um die Herrschaft, bis Akrisios die Oberhand gewann und den Prötos
aus dem Lande verjagte. Prötos aber floh nach Lykien zum Könige Iobates, der
ihm seine Tochter zur Frau gab und ihn mit einem Heere nach Argolis zurückführte.
Dort eroberte er die Stadt Tiryns, wo ihm die Zyklopen eine gewaltige Mauer
und uneinnehmbare Burg bauten. Akrisios mußte nun mit dem Bruder teilen, so
daß er selbst zu Argos, Prötos aber zu Tiryns König war.

Von seinem Weibe Anteia hatte Prötos drei Töchter, die so schön waren, daß
alle Hellenen sie zu Gattinnen begehrten. Sie aber waren gottlos und stolz;
und als sie einst in einen alten Tempel der Götterkönigin kamen, spotteten sie,
daß derselbe so einfach und schmucklos war, das Haus ihres Vaters sei viel prunkvoller
und glänzender. Doch die Göttin duldete nicht, daß ihr ehrwürdiges Heiligtum
verhöhnt werde, sie schlug daher die gottlosen Jungfrauen mit schrecklichem
Wahnsinn, also daß sie sich selbst für Kühe hielten und brüllend durch das Land
liefen. In Argolis und Arkadien und im ganzen Peloponnes irrten sie sinnlos
umher. Darüber war ihr Vater Prötos sehr betrübt, und da er von dem hohen Ruhme
des Sehers Melampus gehört hatte, ließ er ihn zu sich rufen und bat ihn, seine
unglücklichen Töchter zu heilen. Melampus sprach: »Ich will deinen Wunsch erfüllen,
wenn du mir den dritten Teil deiner Herrschaft abtrittst.« Das war aber dem
geizigen Könige zuviel, er wollte also darauf nicht eingehen, und die Folge
war, daß die Mädchen noch rasender wurden. Ja ihr Wahnsinn steckte sogar die
übrigen argivischen Weiber an, sie verließen ihre Wohnungen, mordeten ihre eignen
Kinder und irrten wie jene brüllend umher. Als nun das Übel seinen höchsten
Grad erreicht hatte, berief Prötos, von Angst ergriffen, noch einmal den Melampus
vor sich und bat ihn um Hilfe, indem er ihm den dritten Teil seines Reiches
versprach. Aber der Seher weigerte sich jetzt zu helfen, wenn Prötos nicht auch
seinem Bruder Bias ein zweites Drittel zusichere. So schwer es dem Könige ward,
so willigte er doch endlich darein, denn er fürchtete, wenn er länger zögere,
werde Melampus schließlich noch das ganze Land von ihm verlangen. Nun versammelte

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